Der heilige Rosenkranz 2

 

1. Der Rosenkranz in 20 Bildern

2. Gedicht: Der heilige Rosenkranz

3. Der Rosenkranz der alten Irländerin

4. Ein Rosenkranzgebet auf dem Schlachtfeld

5. Die Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes

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1. Der Rosenkranz in 20 Bildern

 

 

2. Der heilige Rosenkranz

 

Kommt, lasset Kränzlein uns schlingen,

Und Röslein weiß, purpurn und gold,

Als Spende zur Reinsten bringen,

Zur Mutter so liebreich und hold.

 

Doch sind es himmlische Arten,

Die preisend wir bringen ihr dar:

Kein irdischer Blumengarten

Trug Rosen so wunderbar.

 

Sie sind entsprossen dem Leben

Der Jungfrau wundermild:

Die weißen Blüten, sie geben

Uns ihrer Reinheit Bild.

 

Von Leid und Prüfung uns sagen

Die Rosen mit purpurnem Schein,

Wie jene mit Starkmut ertragen

Die bitterste Seelenpein.

 

Die goldenen künden die Ehre,

Mit der ihr die Allmacht gelohnt:

Gepriesen vom himmlischen Heere,

Sie jetzt in der Herrlichkeit thront.

 

Was so wir in Andacht erwägen,

Das schlingt sich zum Kränzlein traut,

Und schwebt der Hehren entgegen,

Die liebend auf uns schaut.

 

Es sinkt am Throne nieder

Als gläubig frommes Gebet,

Das uns als Gabe hinwieder

Der Himmlischen Segen erfleht.

 

R. Grein

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3. Der Rosenkranz der alten Irländerin

Aus dem Italienischen von Stephardt

 

In einer Kirche Londons war Mission. Ein alter Missionar, der berühmte Pater Conway, der schon so manche Mission in England, Irland und Schottland abgehalten hatte, hielt sie, und er wusste so begeistert, hinreißend und tief ergreifend über die ewigen Wahrheiten zu reden, dass man nicht müde wurde, seinen Worten zu lauschen. Alt und jung, arm und reich, vornehm und gering kam herbei, um seine Predigten zu hören. Die Kirche, in der Pater Conway predigte, war immer gesteckt voll, und die Zuhörer schöpften gewiss auch reichen Nutzen aus den Predigten des Paters, denn Tag für Tag empfing eine große Anzahl der Gläubigen die heiligen Sakramente, das heilige Bußsakrament und das heilige Altarsakrament. Christi Blut aber gibt Christi Mut, und so konnte man wohl annehmen, dass die Folge der Mission eine Erneuerung des christlichen Lebens war.

 

Schon während der Mission, besonders aber nach ihrem Schluss, luden viele vornehme und besser gestellte Familien den Pater Conway zu einem Besuch bei ihnen ein. Die meisten Einladungen lehnte der demütige Ordensmann ab, aber hier und da war es ihm doch unmöglich, eine abschlägige Antwort zu geben. So kam er auch zu einer vornehmen Dame, die erst vor einigen Jahren zum Katholizismus zurückgekehrt war und die viel für jene Kirche tat, in der die Mission stattgefunden hatte.

 

Als Pater Conway in die Wohnung der vornehmen Dame kam, sah er bald in ihrem Zimmer ein an besonderer Stelle wunderschönes Schmuckkästchen stehen. "Ei, ei,"  scherzte der alte Missionar, "hier sieht man gleich beim Eintritt in das Haus seinen Reichtum." 

 

"Wieso denn, Hochwürden?"

 

"Nun, hier wird der Schmuck der Dame des Hauses nicht wie in anderen Familien hinter Schloss und Riegel aufbewahrt, sondern hier wird er gleich ausgestellt, und man hat gar keine Angst, dass er gestohlen wird, wahrscheinlich, weil man ihn sofort durch einen neuen wieder ersetzen könnte."

 

"O, Hochwürden meinen wohl wegen des Schmuckkästchens, das dort auf dem Tischchen steht."

 

"Natürlich."

 

"Und wissen Hochwürden, was in diesem Schmuckkästchen ist?"

 

"Vermutlich reicher Schmuck, denn das Innere wird doch dem Äußeren entsprechen, und dieses ist, wie auch die Stimme des Neiders ohne Zögern zugeben muss, wunderschön."

 

"Und doch ruht in dem Kästchen kein Silber und kein Gold, also nichts von dem, was die Leute gewöhnlich unter Schmuck verstehen."

 

"Sondern?"

 

"Etwas ganz anderes. Freilich würde dessen Verlust mich schmerzen, mehr noch wie der Verlust meines allerkostbarsten Schmuckstückes."

 

"Sie machen mich wirklich neugierig."

 

"Möchten Sie wissen, was in dem Schmuckkästchen ist?"

 

"Nachdem Sie sagen, es sei kein Schmuck darin und doch etwas sehr Kostbares, wäre ich tatsächlich neugierig zu erfahren, was in dem Kästchen verborgen ruht."

 

"Hochwürden sollen es sofort sehen."

 

Mit diesen Worten stand die Dame auf und holte das Schmuckkästchen herbei. Sie öffnete es und ließ den Pater hineinblicken. 

 

"Ein Rosenkranz!" rief dieser.

 

"Ja, ein Rosenkranz, und wie Sie sehen, ein ganz einfacher; ein Rosenkranz nicht aus Silber und Gold, sondern aus einfachen Holzperlen. Nun möchten Sie ohne Zweifel abermals gerne erfahren, warum ich ihn in einem so kostbaren Schmuckkästchen aufbewahre und warum ich ihn für wertvoller halte als meinen kostbarsten Schmuck?"

 

"Gnädige Frau haben meine Wünsche erraten. Ich möchte tatsächlich, wenn es nicht unbescheiden ist von mir, gerne wissen, welche Bewandtnis es mit diesem Rosenkranz hat."

 

"Dieser Rosenkranz ist die Ursache davon, dass ich katholisch wurde." 

 

"Wie kam denn das?"

 

"Wenn es Sie nicht langweilt, will ich Ihnen die Geschichte erzählen."

 

"Wie könnte mich eine solche Erzählung, die mir ohne Zweifel von neuem die Liebe Gottes und die Macht der allerseligsten Jungfrau zeigt, langweilen. Also, ich bitte recht inständig, mir die Geschichte Ihres Rosenkranzes zu erzählen."

 

"Nun denn! Wie gesagt, dieser Rosenkranz hat mich zur katholischen Kirche zurückgebracht. Er gehörte ehemals einer alten armen Irländerin, die jeden Tag in unsere Villa kam, um ihr Grünzeug, Kohl, Möhren, Salat und was es sonst noch gibt, feilzubieten. Ehe ich in meiner Erzählung nun weiter fortfahre, möchte ich Ew. Hochwürden zunächst sagen, dass mein Mann einer Familie entstammt, welche die größte Abneigung gegen den Katholizismus hegte und mit übertriebenem Eifer für Luther und sein Werk eintrat. Meine Ansichten stimmten ganz mit denen meines Mannes überein. Wir fanden einfach alles, was katholisch war, lächerlich. Man hatte mich gelehrt, dass Unwissenheit und Götzendienst noch die kleinsten Fehler der Katholiken seien. Aus diesem Grunde war sowohl mein Mann als auch ich eifrig darauf bedacht, dass kein Katholik unter das Dienstpersonal in unser Haus komme und so etwa die Möglichkeit finde, sich an unsere Kinder heranzuschleichen und ihnen seine grenzenlosen Irrtümer beizubringen.

 

Eines Tages kam meine Kammerjungfer ganz aufgeregt zu mir in das Zimmer und rief: "Gnädige Frau, sehen Sie nur, was ich gefunden habe."

 

"Nun, was denn?"

 

"Eines der schrecklichsten Götzenbilder der Papisten." (Katholiken)

 

Dabei reichte mir das Mädchen den Rosenkranz hin, den Hochwürden hier sehen. Ich hatte nie Derartiges in den Händen gehabt und wusste nicht, was der Rosenkranz bedeutet. So fragte ich meine Kammerjungfer: "Ein Götzenbild, sagst du? Ist das wirklich ein Götzenbild?" 

 

"Ja, ja, es ist eins", lautete die Antwort. "Zu dem beten die Papisten und sie müssen es in den Händen halten, während sie zu demselben beten."

 

"Wo hast du es denn gefunden?"

 

"Unten beim Gittertor, Frau Parr, die Pförtnerin, sagte mir, dass dieses Ding da jedenfalls einer alten Irländerin gehört, die jeden Morgen zur Villa kommt, um ihr Grünzeug feilzubieten."

 

Ich nahm den Rosenkranz zu mir und brachte ihn später in den Salon, wo Heinrich, mein Mann, sich mit seiner jüngsten Schwester Klara befand. Dort zeigte ich, was die Kammerjungfer mir gebracht hatte und wir machten uns zusammen lustig über den römischen Aberglauben und die Abgötterei der dummen Papisten. Währenddessen wurde ein Besuch gemeldet. Zwei bekannte Damen kamen, um uns ihre Aufwartung zu machen und wegen eines Wohltätigkeitsfestes mit mir Rücksprache zu nehmen. Natürlich blieb der gefundene Rosenkranz, dieses Götzenbild der Papisten, auch jetzt noch der Hauptgegenstand unseres Gespräches. Schließlich meinte meine jüngere Schwägerin: "Gertrud, weißt du was? Die Irländerin kommt morgen sicher wieder, um ihr Grünzeug feilzubieten. Dann lass sie hereinführen, hierher in den Salon. Das wird einen Heidenspaß geben und wir werden uns besser unterhalten und mehr zu lachen haben, als auf dem schönsten und besten Ball."

 

Nur zu gern gab ich meine Zustimmung zu diesem Vorschlag meiner Schwägerin, mir gar nicht bewusst, welch lächerliche und gemeine Rolle wir da spielten. Mein Mann, der jedenfalls doch ernster dachte, wie wir zwei Damen, war zuerst dagegen; aber nachdem wir ihm ein Weilchen zugeredet hatten, stimmte auch er zu. Die beiden Besucherinnen wurden eingeladen, dem ganzen Schauspiel als Zeugen beizuwohnen und wir alle Versprachen uns einen Hauptspaß für den morgigen Tag. Einer der Diener wurde sofort beauftragt, die alte Irländerin, sobald sie morgen mit ihrem Grünzeug komme, gleich zu uns in den Salon zu führen.

 

Der folgende Morgen kam. Wir waren frühzeitig im Salon versammelt und warteten nun auf unsere alte Irländerin. Heinrich fing wieder an, die Sache bedenklich zu finden, ich aber meinte nun, es werde uns neben dem Spaß, den wir an der ganzen Geschichte haben würden, auch ein leichtes sein, diese arme, unaufgeklärte Papistin zu bekehren, von ihrem vermeintlichen Aberglauben gänzlich zu befreien und zu uns herüberzuziehen.

 

"Jetzt kommt sie", sagte Heinrich auf einmal, und wir liefen alle zum Fenster, um die Irländerin kommen zu sehen. Da sahen wir denn eine kleine, alte, sehr anständig, wenn auch recht ärmlich gekleidete Frau, die an der Seite unseres Dieners, der im Vergleich zu ihr ein Riese zu sein schien, auf das Haus zukommen. Sie sprach mit dem Diener und schien mit einer gewissen Energie sich gegen etwas zu sträuben. "Horchen wir doch einmal, was die Frau spricht", sagte meine Schwägerin, und sie machte das Fenster auf, so dass wir ganz gut hören konnten, was unten geredet wurde.

 

"Ich soll also wirklich in den Salon der Herrschaft kommen?" hörten wir die alte Irländerin fragen.

 

"Ja, ja, gute Frau", lautete die Antwort unseres Dieners. "Die Herrschaft wünscht Sie dort zu sehen und zu sprechen."

 

"Mit meinen Schuhen, mit meinen schweren Schuhen soll ich in den schönen Saal kommen, wo gewiss feine Teppiche liegen? Nein, das geht doch nicht. Könnte die vornehme Dame nicht herauskommen, um mir zu sagen, was sie von mir wünscht?"

 

"Nein, das geht nicht, gute Frau. Aber haben Sie nur keine Furcht, kommen Sie ruhig mit mir. Die Herrschaft wünscht Ihre Anwesenheit im Salon und so dürfen Sie auch ungescheut hineingehen. Man wird Ihnen gewiss nichts Böses tun."

 

"Mir Böses tun? fragte die alte Irländerin zurück. "Wer in der ganzen Welt könnte an so etwas denken? Ich habe niemand etwas Böses getan, und wer wollte da wagen, mir so etwas zuzufügen?!"

 

"Niemand, gute Frau, ganz gewiss niemand. Aber nun kommen Sie auch hinein in den Salon, wo die Herrschaft schon warten wird." Die kleine alte Frau ließ sich schließlich überreden und kam zu uns in den Salon hinein. Wir begrüßten sie freundlich, um ihr so über die ersten Augenblicke des sich Fremdfühlens hinwegzuhelfen. Dann begann ich, und ich meinte, bei der Sache recht kurz vorzugehen: "Gute Frau, Sie haben sich gewiss gewundert, warum wir Sie baten, zu uns in den Salon zu kommen."

 

"Ja, das habe ich", entgegnete die Angeredete. "Ich wollte gar nicht hereingehen. Hier ist doch alles so fein, und ich . . . und ich . . ."

 

"Aber da dürfen Sie sich gar keine Sorge machen. Wenn wir Sie einladen, dann dürfen Sie doch auch zu uns kommen."

 

"Ja, das habe ich schließlich auch gedacht, und so bin ich dem Diener gefolgt, als er mich hier hereingeführt hat. Nun möchte ich fragen, was Sie von mir wünschen, gnädige Frau."

 

"Haben Sie nichts verloren?"

 

"Ob ich etwas verloren habe? Ich glaube nicht. Was könnte die alte Mary Feenan wohl verlieren? Die hat nichts zum Verlieren, und so habe ich sicherlich auch nichts verloren."

 

"Doch, Sie haben etwas verloren."

 

"Was könnte das wohl sein?"

 

"Sie haben Ihren Gott verloren."

 

"Meinen Gott? Nein, den habe ich, Gott sei Dank, nicht verloren"

 

"Doch, doch, es ist so, wie ich sage."

 

"Wie wäre das möglich? Meinen Gott trage ich im Herzen, von wo ich ihn nur durch die schwere Sünde verlieren kann. Ich bin mir aber keiner schweren Sünde bewusst, so habe ich auch meinen Gott nicht verloren."

 

"Nun, so wollen wir sagen, Sie haben ein Götzenbild verloren."

 

"Ein Götzenbild? Das gibt es bei uns Katholiken ja gar nicht."

 

"Halt etwas, was Sie anbeten."

 

"Wir beten Gott allein an, und da ich ihn durch keine schwere Sünde verloren habe, so habe ich nichts verloren, was wir Katholiken anbeten."

 

"Was ist denn dieses hier?" fragte ich weiter und zeigte der alten Irländerin den gefundenen Rosenkranz.

 

Wie mechanisch griff die Frau in die Tasche ihres abgetragenen Kleides. Dann rief sie freudig: "O, das ist mein Rosenkranz. Und Sie haben ihn gefunden und geben mir ihn zurück? Tausend Dank dafür." Mit diesen Worten streckte sie ihre Hand aus und wollte den Rosenkranz in Empfang nehmen. "Nochmals vielen herzlichen Dank dafür. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar für Ihre Güte."

 

Nun wollte ich mit meinen Bekehrungsversuchen einsetzen und ich begann deswegen: "Aber Frau Feenan, wie können Sie so etwas anbeten? Wissen Sie denn nicht, dass solches eine schwere Sünde ist?"

 

"Natürlich weiß ich, dass es eine schwere Sünde ist, einen gemachten Gegenstand anzubeten."

 

"Und doch tun Sie es?"

 

"Wer sagt denn das? Habe ich nicht schon vorher erklärt, dass wir Katholiken Gott allein anbeten? Wir kennen das erste Gebot, nach dem wir Gott allein anbeten sollen, und wir handeln danach. Der selige Pater Mahonay hat mich gelehrt, den Rosenkranz zu beten und hat mir seine Bedeutung erklärt. Wenn ich den Rosenkranz nun bete, so bete ich ihn eben, aber ich bete diesen Gegenstand, den ich dabei in meinen Händen halte, nicht an."

 

Ich lächelte. Es war ein Lächeln der Überlegenheit und des Mitleids. Dann sagte ich: "Ja, ja, Frau Feenan, Ihre Priester schwätzen Ihnen viel vor. Sie sollten die Bibel lesen, dann würden Sie sich von Ihren Priestern nicht so leicht betrügen und irreführen lassen."

 

Die alte brave Irländerin schien alle ihre Furchtsamkeit vergessen zu haben. Sie lachte hell auf und sagte dann: "Ich soll die Bibel lesen? Ei, das wäre ein wunderlich Ding, denn ich habe nie lesen gelernt und wüsste nicht, wie ich es nun anfangen sollte, die Bibel zu lesen. Deswegen weiß ich aber von der Religion doch mehr als mancher andere, der gelernt hat, die Bibel und noch tausend andere Bücher zu lesen." Die Stimme der alten Frau klang fest und frei; ihre Augen blitzten wie in froher Jugendlust. "Ich weiß", fuhr sie fort, "dass Sie Scherz treiben mit mir, und mich nur deswegen in den Salon kommen ließen, um eine Unterhaltung zu haben, sonst könnten Sie nicht so reden, wie Sie gesprochen haben. Aber Sie gestatten wohl, dass ich Ihnen erkläre, was der Rosenkranz mir sagt, was ich gleichsam in ihm lese, wenn ich an ihm bete.

 

Sehen Sie dieses Kreuz? Nun gut, es ist am Anfang des Rosenkranzes. Sobald ich es sehe, denke ich an den Kreuzestod des göttlichen Heilandes, der für mich auf Golgatha starb, um mich zu erlösen; ich denke an seine heiligen Wunden, sowie an alle seine Leiden und bete: "O liebreichster Jesus, den du für mich den bitteren Tod am Kreuz erduldet hast, lass nicht zu, dass ich dich noch einmal durch eine freiwillige Sünde beleidige." Dabei küsste die alte Frau das Kreuz ihres Rosenkranzes mit Andacht. Dann fuhr sie fort:

 

"Nach dem Kreuz ist hier ein großes Korn, dem drei kleine Körner folgen. Das sagt mir, dass es nur einen Gott gibt, der dreifach in der Person ist: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Die drei Körnchen können mich auch an die drei göttlichen Tugenden erinnern, an Glaube, Hoffnung und Liebe, die alle von dem einen allmächtigen, allgütigen Gott stammen und einst zu ihm zurückführen, weshalb sie auch göttliche Tugenden genannt werden."

 

Wir hatten allen Spott vergessen und horchten mit wirklichem Interesse dem zu, was die kleine "unwissende" Frau sagte. Meine Schwägerin besonders hatte sich vorgedrängt und schien jedes Wort und jede Silbe von dem Mund der Irländerin ablesen zu wollen. Diese aber fuhr unbeirrt fort:

 

"Sie sehen dann weiter zwischen den fünfzig kleinen fünf größere Rosenkranzperlen. Diese teilen den Rosenkranz in fünf gleiche Teile zu zehn Gegrüßet seist du Maria. Sie erinnern mich aber auch daran, dass es außer den zehn Geboten Gottes fünf Gebote der Kirche gibt, die zu halten mir geboten ist." Die Irländerin nannte die fünf Gebote der Kirche und fuhr dann fort: "Der ganze Rosenkranz ist aus fünfzehn Geheimnissen zusammengesetzt, und jedes Geheimnis erinnert mich an einen Teil der Freuden oder Leiden des Erlösers und der allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. Fünf von den Geheimnissen heißen die freudenreichen, weil sie an die Freuden, fünf die schmerzhaften, weil sie an die Leiden, und fünf die glorreichen, weil sie an die Glorie des Erlösers und seiner heiligsten Mutter erinnern." Dabei nannte die Frau die fünf freudenreichen, die fünf schmerzhaften und die fünf glorreichen Geheimnisse. Dann fuhr sie ohne Zögern wieder fort:

 

"Wenn ich nun in meinen alten Tagen so durch die Welt gehe, um mir wie in jungen Jahren auch jetzt noch ehrlich mein Brot zu verdienen, bete ich die freudenreichen Geheimnisse, wobei ich mich freue, dass ich noch Kraft genug habe, das Wort des Herrn zu erfüllen: "Du sollst im Schweiß deines Angesichtes dein Brot verdienen." Wenn aber ein schlechter Tag war, und wenn ich nicht weiß, woher am Abend ein Stücklein Brot nehmen, um meinen Hunger zu stillen, dann bete ich gerne die schmerzhaften Geheimnisse. Bei der Betrachtung der Leiden des Erlösers und seiner heiligsten Mutter kommt mir mein Leid ganz klein vor und ich fasse neuen Mut, es geduldig zu ertragen und auf Gott zu vertrauen, auf Gottes Hilfe zu hoffen. Und habe ich meine Sorgen dann überwunden, bin ich wieder froh und zufrieden, so ist das wenigste, was ich tun kann, dass ich die glorreichen Geheimnisse bete. Dabei denke ich an den Himmel, an die Freuden, die unserer warten, wenn wir einst alles Erdenleid und alle Erdensorgen überwunden haben und eingehen in die Freuden des Herrn."

 

"Genug, genug", flüsterte mein Mann mir zu, "die Alte spricht wie ein Papistenprediger." Dann sagte er laut: "Gertrud, nun halte die gute Frau doch nicht mehr auf. Gib ihr den Rosenkranz zurück und lass sie in Frieden gehen."

 

Ich tat wie mein Mann wünschte, ich gab der alten Frau den Rosenkranz zurück und ließ sie gehen. Sie dankte vielmals, knixte nach ihrer Weise und ging dann fort. Als sie fort war, sprachen wir einige Worte über das soeben Gehörte, bekannten einander, dass die Besiegten eigentlich wir seien, und damit schien die Sache für uns alle abgetan. Es schien so, in Wirklichkeit aber war es anders. Ich konnte die Worte der alten Irländerin nicht vergessen, ich musste immer wieder daran denken. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto vernünftiger kamen sie mir vor, desto mehr begehrte ich von Mary Feenan zu wissen. Ich ging oft früh am Morgen spazieren, und wenn ich mich ernsthaft nach dem Warum fragte, dann ertappe ich mich bei dem Verlangen, die alte Irländerin zu treffen und mit ihr zu sprechen. Das Zusammentreffen wurde immer häufiger, unsere Gespräche immer ausführlicher und allmählich merkte die gute Frau wohl, was in meinem Innern vor sich ging. Aus dem Wunsch, die alte Irländerin zu bekehren, war nun der Wunsch geworden, von ihr bekehrt zu werden. Als ich sie schließlich eines Tages bat, sie möge mir den Rosenkranz schenken, der die Ursache gewesen war, dass wir uns kennen lernten, ich würde ihr gerne das Geld geben, sich einen anderen dafür zu kaufen, da willigte sie ohne Zögern ein und gab mir das Gewünschte. Zugleich nannte sie mir einen katholischen Geistlichen, an den ich mich wenden könnte, wenn ich noch mehr erfahren wollte über das Rosenkranzgebet und viele andere Dinge.

 

Drei Tage später war ich bei dem katholischen Geistlichen, den ich bat, er möchte mich unterrichten und für die Aufnahme in die katholische Kirche vorbereiten. Meinem Wunsch wurde entsprochen und mehrere Monate später legte ich das katholische Glaubensbekenntnis ab, wurde ich ein Glied der katholischen Kirche.

 

Nun erst sagte ich meinem Mann, wie es um mich stand, was ich getan hatte. Hochwürden können sich denken, dass er meine Mitteilung nicht ruhig hinnahm. Es gab einen Auftritt, wie ich noch keinen erlebt hatte. Ich redete ihm zu, mir meinen Schritt nicht zu verübeln, ich sagte ihm, dass ich in Erkenntnis der Wahrheit nicht anders handeln konnte, ich behauptete, er werde gutheißen, was ich getan, sobald er den Inhalt des katholischen Glaubensbekenntnisses kenne, ich wartete und betete, betete oft und oft den Rosenkranz, den freudenreichen und den schmerzhaften.

 

Endlich nach einigen Wochen sagte mir Heinrich: "Gut, Gertrud, ich will dir keine Vorwürfe mehr machen. Gehe du meinetwegen in deine Kirche, ich und die Kinder gehe in unsere."

 

So vergingen einige Monate. Da sagte ich meinem Mann eines Tages: "Heinrich, komm einmal mit mir zum katholischen Gottesdienst." Er ging auf meine Bitte ein und ging mit.

 

"Nun kann ich mich ganz kurz fassen", fuhr die Dame fort, "es bleibt mir nicht mehr viel zu sagen übrig. Noch ehe ein Jahr vergangen war, hatte ich den Trost und die Freude, dass auch mein Mann und meine Kinder und meine junge Schwägerin in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen waren. Begreifen Hochwürden nun, warum ich den alten Rosenkranz hier ein Kleinod nannte, warum ich ihn so ehre und wie einen kostbaren Schatz aufbewahren?"

 

"Ja, jetzt begreife ich es", entgegnete der Priester.

 

"Und tue ich recht, wenn ich so handle?"

 

"Vollkommen."

 

"Zu unseren Bekannten gehören natürlich auch noch viele Andersgläubige, die den Rosenkranz nicht kennen, die nichts von seiner Bedeutung wissen. Wenn sie das Schmuckkästchen erblicken und den Rosenkranz darin sehen, meinen sie oft, es handle sich wirklich um ein materiell sehr wertvolles Ding. Ja, es kommt nicht selten vor, dass sie fragen: "Woher haben gnädige Frau diese Kostbarkeit? Sind es Steine aus Indien?"

 

"Nein, nein", entgegne ich dann lächelnd, "aus Indien sind diese Perlen nun gerade nicht." "Aber kostbar sind sie, nicht wahr?" "Ja, sehr kostbar", lautet meine Antwort. "Nun, wir wussten es ja, sonst würden Sie sie in keinem so schönen Schmuckkästchen aufbewahren." "Und wenn dann die Neugierde meiner Besucherinnen aufs höchste gestiegen ist, dann erzähle ich ihnen die Geschichte meines Rosenkranzes, wie ich sie Ew. Hochwürden jetzt erzählt habe. So wirkt der Rosenkranz der alten Irländerin noch fort und ich glaube, er hat schon manches Gute erreicht, denn mehr als eine Person, der ich seine Geschichte erzählte, hat ihre Vorurteile abgestreift und ist seitdem in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt.."

 

"Und die alte Irländerin?" fragte Pater Conway noch.

 

"O, die alte Mary!" entgegnete die Dame. "Ihr Schicksal ist bald erzählt. Nachdem auch mein Mann das Glück des katholischen Glaubens gefunden hatte, machte er selbst den Vorschlag, dass wir die alte Mary, der wir nächst der Gnade Gottes das Glück des wahren Glaubens zu verdanken hatten, in unser Haus aufnehmen möchten. Das geschah denn auch. Mary kam in unser Haus und ich glaube, dass sie hier noch manchen freudenreichen Rosenkranz betete, bis sie fünf Jahre später starb, um, wie wir alle hoffen, den glorreichen Rosenkranz im Himmel zu feiern."

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4. Ein Rosenkranzgebet auf dem Schlachtfeld

Erzählt von Rudolf Grein

 

Der Herbst des Jahres 1878 war ins Land gezogen. Die Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg und an die ruhmvollen Kämpfe bei Sedan waren noch frisch und lebendig im deutschen Volk, und so wurde auch in einer rheinischen Stadt der 2. September festlich begangen. Am Morgen war ein feierlicher Dankgottesdienst, dann gingen die guten Leute ihren Geschäften nach, um in den Nachmittagsstunden ein größeres Etablissement außerhalb der Stadt aufzusuchen, wo sich bereits die muntere Schuljugend mit Kriegsspielen und dem Absingen vaterländischer Lieder vergnügte. 

 

Bald saßen in den schattigen Lauben und Grotten überall plaudernde Gruppen beisammen. Der Gegenstand der Unterhaltung war überall derselbe: Erlebnisse aus dem Krieg. Die Zuhörer zollten den Erzählenden je nach dem Inhalt ihres Berichtes bald Lob und Anerkennung, bald lebhafte Teilnahme.

 

"Ich habe nie des Königs Rock getragen", nahm bald ein älterer, etwas wohlbeleibter Herr das Wort, "und also auch nie einen Feldzug mitgemacht. Aber ich kann mir gleichwohl ein Bild davon machen, wie es den Soldaten ums Herz sein muss, wenn sie einer Schlacht entgegengehen; und ich verurteile die Leute keineswegs, wenn sie angesichts des Todes mutlos und verzagt werden."

 

"So schlimm ist es nun gerade nicht", hatte Lentzen entgegnet. "Da zieht man in früher Morgenstunde aus, munter geht es auf der Landstraße dahin, bis die Truppe unversehens von dem feindlichen Vortrab behelligt wird. Dann zieht das Heer sich schnell zusammen, und jeder ist mit der Abwehr des Gegners beschäftigt. Steht jedoch eine Schlacht unvermeidlich bevor, so ist auch ausreichend gesorgt, dass jeder seine Rechnung mit dem Himmel nach Kräften in Ordnung bringen kann." 

 

"Was jedenfalls das todesbange Herz nicht leichter macht", setzte einer der Zuhörer - dem Aussehen nach der jüngste im ganzen Kreis - höhnisch hinzu.

 

"Glauben Sie, ein Mensch, der keinen Gott im Himmel mehr kennen will, zeigte in einer solchen Stunde mehr Mut?" wandte sich Lentzen an den Sprecher. 

 

"Am Beten erkennt man den Schwächling, der kein Vertrauen auf sich selbst besitzt", lautete die Entgegnung des vorwitzigen jungen Mannes.

 

Das war für den verwundeten Vaterlandsverteidiger denn doch des Spottes zu viel.

 

"Junger Mann", begann er, "in der Zeit, als wir im Feld dem Feind gegenüberstanden, haben Sie ganz gewiss noch auf der Schulbank gesessen. Sie wären also am allerwenigsten berechtigt, den Mut solcher Leute zu bezweifeln, die noch einen Gott über sich anerkennen. Ich kann Ihnen sagen, dass gerade die Leute, die in den letzten Augenblicken vor dem Kampf noch beteten, oder den Rosenkranz flüchtig durch die Finger gleiten ließen, gefasster und ruhiger dem entscheidungsvollen Augenblick entgegengingen als jene, die vordem über Gott und Religion hochtrabende und verächtliche Reden führten. Und wenn solche auch in solchen Augenblicken all ihren Mut zusammenrafften - er zerstob und verschwand bei den Gottesleugnern, wenn sie, selbst verwundet, dalagen zwischen toten und wehklagenden und sterbenden Kameraden. Da griffen sie mit der letzten Kraft, die ihnen geblieben war, nach den Tröstungen der Religion. Also nun genug mit derartigen Meinungen! Wie es in solchen Stunden um einen Menschen, der keinen Gott mehr ehrt und keinen Glauben mehr besitzt, bestellt ist, das habe ich an mir selbst erfahren."

 

Der Zurechtgewiesene schwieg, ein weiteres Auskramen seiner Aufklärungsideen schien ihm hier wenig Erfolg zu versprechen. Um so aufmerksamer blickten alle übrigen auf den Invaliden und warteten auf den weiteren Bericht.

 

"Aber, bester Herr Lentzen, davon haben Sie uns noch nie etwas erzählt!" klang jetzt eine Stimme im Rücken des Sprechers. Er wandte sich um und blickte in das Gesicht seines Bürovorstehers, eines wohlwollenden, rechtschaffenen Mannes, der dem Invaliden stets Entgegenkommen bewiesen hatte. In seiner Anwesenheit hatte während des Dienstes nie ein spottendes Wort laut werden dürfen.

 

Lentzen stand einen Augenblick unschlüssig.

 

"Bitte, erzählen Sie", fuhr der Vorgesetzte aufmunternd fort. "Sie kennen mich und wissen, dass auch ich kein Freund der Freidenker und Gottesleugner bin, wenn ich mich auch nicht zu Ihrem Glauben bekenne." 

 

"Meine Heimat", so berichtete er, "liegt an der Mosel, in einer ziemlich gläubig-katholischen Gegend. Ich wurde denn auch von gläubigen Eltern erzogen. Doch musste ich früh das Elternhaus verlassen. Ich fand Arbeit in einer größeren Stadt am Rhein, es gab lohnenden Verdienst dort; leider aber war mir, als ich anderthalb Jahre dort gearbeitet hatte, inmitten einer gottlosen Umgebung mein katholischer Glaube gänzlich verloren gegangen. Zu meiner eigenen Beschämung will ich es hier eingestehen, dass ich, sobald ich mit vier Gesinnungsbrüdern wieder auf der Landstraße dahinzog, das alte Gebetbuch meiner Mutter in den Rhein warf, und den geweihten Rosenkranz, den sie mir beim Abschied geschenkt hatte, unterwegs an einem Obstbaum aufhing. Ich kannte keine Autorität mehr in meinem wilden Freiheitstaumel, weder im Himmel noch auf Erden.

 

Doch der letzteren gab es noch verschiedene; das sollte mir sehr bald zum Bewusstsein gebracht werden, als ich mit zwanzig Jahren einem rheinischen Infanterie-Regiment zugeteilt wurde. Anfangs glaubte ich, auch hier meine Ideen von Freiheit und Gleichheit auftischen zu dürfen, doch einige recht unangenehme Erfahrungen belehrten mich recht bald, dass ich damit an die unrechten Leute gekommen war. Gegenüber Menschen lernte ich damals Gehorsam und Unterwürfigkeit, allein mein Gehorsam gegenüber dem Allmächtigen im Himmel erlitt hier gänzlich Schiffbruch. Wie hätte es auch anders sein können? Die guten Beispiele waren selten, und jeder besseren Einwirkung gläubiger Kameraden und selbst unseres Seelsorgers wusste ich mich geflissentlich zu entziehen. So war es mit meiner Seele gar übel bestellt, als ich - es sind jetzt bald zehn Jahre darüber verflossen - nach dreijähriger Dienstzeit der Kaserne den Rücken kehrte.

 

Ich musst mir selbst sagen, dass ich meine Mutter . . . mein Vater war schon vor meinem Eintritt beim Militär gestorben . . . nur frühzeitig ins Grab gebracht hätte, wenn ich ins Elternhaus zurückkehrte und dort mich als glaubens- und gottlos offenbarte. Ich zog in die Welt und habe während der nächsten zwei Jahre an verschiedenen Stellen gearbeitet.

 

Da kam die Kriegserklärung Frankreichs. Ich wurde sofort zum Militär eingezogen und stand bald wieder bei meinem alten Regiment. Ein langes Bleiben gab es nicht, denn schon gingen Gerüchte um, dass die Stadt Saarbrücken von den Franzosen eingenommen wäre. Eiligst zogen wir - die Eisenbahnverbindungen waren noch wenig vervollkommnet - an die Mosel, in mein altes Heimatland. Dort hörten wir von der ersten Niederlage des Erbfeindes. -

 

Eine größere Rast gab es erst in Birkenfeld. Hier war meine älteste Schwester an einen Landbriefträger verheiratet, und die beiden Leute, die gar nicht mit Geld und Gut gesegnet waren, ernährten sich schlicht und recht und waren gläubig und zufrieden. Meine Schwester, die Katharina, vergoss bittere Tränen, als sie sah, wohin es mit mir gekommen war. Sie bat und beschwor mich, doch meiner frommen Jugendzeit zu gedenken und wieder ein katholischer Christ zu werden und als solcher zu leben. Dann gab sie mir einen neuen, geweihten Rosenkranz, und bat mich innig, ihn in der Stunde der Gefahr zu beten. Ich nahm den Rosenkranz an, aber mit ganz anderen Absichten und Gesinnungen. -

 

Mein Kamerad zu Linken in der Kolonne hieß Hugo Wallbäumer. Er war Katholik wie ich und doch nicht wie ich, denn er verrichtete seine Gebete, er betete auch mit fünf oder sechs Gefährten zusammen abends seinen Rosenkranz. Ich hatte ihn oft verlacht, hatte ihn stets auch auf meine Seite herüberzuziehen versucht, allein das war gänzlich misslungen. Aber glaube nur niemand, dass der edle Mensch mich deshalb gehasst oder gemieden hätte! Ganz im Gegenteil, zu jeder Gefälligkeit, auch zu dem kleinsten Dienst, war er gern bereit. In meinem aufgeblasenen Stolz glaubte ich freilich, er fühle sich besiegt von mir, dem in geistiger Hinsicht "Unterlegenen". "Theodor, du wirst noch einmal anders werden." Das war das einzige, was er mir auf meine geringschätzigen Äußerungen erwiderte.

 

Wir hatten die Stadt Birkenfeld bald hinter uns. Etwa vier Stunden weiter lag wieder ein Dorf - dessen Namen ich nicht im Gedächtnis behalten habe. Doch wusste ich, dass mein Schwager, Katharinas Mann, mehrmals in der Woche die Postsendungen hierhin zu besorgen hatte. Vor diesem Dorf bog die Landstraße nach Neunkirchen, auf der wir zogen, südwärts; ein großer Wegweiser streckte seine Arme nach drei verschiedenen Richtungen aus. Hier gab es eine halbe Stunde zum Ausruhen.

 

Ich hatte mich recht bequem ins Gras gestreckt, da kam mir ein geradezu teuflischer Gedanke. Wie, wenn ich hier den Rosenkranz, den mir die Schwester geschenkt hatte, zurückließe? Am Arm des Wegweisers aufgehängt, musste er jedem auffallen. Und wenn ich gar ein Papierstück mit meinem Namen daran befestigte, so war es sehr wahrscheinlich, dass der Rosenkranz wieder in die Hände meines Schwagers kommen würde. Das war, so folgerte ich, die beste Antwort auf Katharinas alberne Zumutung, den Rosenkranz zu beten. Gedacht - ausgeführt! Wenige Minuten später hing der geweihte Gegenstand an dem Arm, der nach Birkenfeld zeigte, und ich hatte daran ein Papier angebracht, worauf die Worte standen: "Als unbrauchbar zurückgeschickt von Theodor Lentzen, Musketier."

 

Dan begab ich mich zu einigen Gleichgesinnten, ich musste doch meine neueste Leistung auf dem Gebiet der Gottlosigkeit auch ihnen mitteilen! Ich erntete reichen Beifall dafür.

 

Schon bald wurde der Aufbruch befohlen. Hierbei nahm ich wahr, dass Hugo Wallbäumer ernster als je zuvor an meiner Seite schritt und mehrere meiner Fragen nur einsilbig und wortkarg beantwortete.

 

Nun ging es ins Feindesland hinein. Bereits lag der Kampf bei Spichern und die Erstürmung der dortigen Höhenzüge hinter uns. Das Donnern der Kanonen und das Zischen der feindlichen Kugeln hatten meine Gesinnung nicht in bessere Geleise gelenkt. Ich war ja heil und wohlbehalten davongekommen.

 

Bei den nun folgenden kam unser Truppenteil wenig oder gar nicht in Mitleidenschaft. Um so verhängnisvoller sollte für uns der Tag bei Mars la Tour werden. Hugo und ich befanden uns bei der Vorhut, ein noch ziemlich junger Oberleutnant führte uns. Mit Schrecken gedenke ich noch des Augenblicks, wo von zwei Seiten die französischen Kugeln zwischen uns schlugen. Zur Linken war eine mit Gebüsch bewachsene Anhöhe. Wie ein Blitz jagte unser Führer auf seinem Pferd dorthin, allein er sah sich schon wenige Minuten später abgeschnitten und umzingelt. "Drauf, Theodor, Jungs drauf!" schrie Hugo Wallbäumer. "Auf, für unsern Leutnant! Mit Gott vorwärts!" Der brave Junge stürmte voraus, wir andern folgten und hatten nach einigen Augenblicken die Franzosen zurückgeworfen."

 

"Das war mutig gehandelt! - Eine wackere Tat", klang es rings im Kreis der Zuhörer.

 

"Der größte Teil des Lobes gebührt meinem Freund Wallbäumer", antwortete Lentzen bescheiden. "Doch könnte das kleine Vorkommnis geeignet sein, gewisse Leute zu belehren, die uns Katholiken alle Liebe zu König und Vaterland bei jeder Gelegenheit abzusprechen pflegen. Aber ich will fortfahren.

 

Wir hatten unsern Leutnant befreit. Jetzt galt es, die Anhöhe zu besetzen. Allein die Feinde waren uns bereits zuvorgekommen. Schuss auf Schuss krachte uns entgegen, doch wir wichen nicht. Da plötzlich fällt mein Freund Wallabäumer, in die linke Schulter und zugleich in die Seite getroffen. Während nun die übrigen vorwärtsstürmen und ich mich zu Hugo niederbeuge, klingt das schnarrende Gerassel - das wir nur zu gut kannten - dann ein Krachen und Knattern. Ich fühle einen entsetzlichen Schmerz im rechten Oberschenkel und stürze zu Boden. Ich sah, wie alle meine Kameraden, unser Führer nicht ausgenommen, wie hingemäht ins Gras sanken. Eine Mitrailleuse, die in geringer Entfernung, durch ein Tannengehölz gedeckt, aufgepflanzt war, hatte uns ihre tödlichen Geschosse entgegengeschickt.

 

Ich muss mich wohl bei dem furchtbaren Schmerz mehrmals überschlagen und dann die Besinnung verloren haben, denn als ich erwachte, weilte ich nicht mehr neben Hugo. Die Sonne war dem Untergang sehr nahe. Die Schlacht schien sich in südlicher Richtung gezogen zu haben, man hörte noch vereinzelte Kanonendonner. Aber meine Umgebung - ein Schauer durchrieselte mich! Rechts von mir lag ein Kamerad mit gänzlich zerschmettertem Kopf, er war nicht zu erkennen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ganz am Ufer eines klaren, plätschernden Bächleins lag. So gut es ging, arbeitete ich mich an das Wässerchen hinunter und trank in dürstigen Zügen, wieder und wieder. Bald fühlte ich mich neu belebt und ließ das kühle Nass auch reichlich auf die Wunde träufeln. Dann aber dachte ich an Hugo. Ich füllte meine Feldflasche und kroch zurück. Ach, überall nur Tote und nichts als Tote! Ich kroch weiter, aber wie langsam das ging! Ich fühlte, wie mich meine Kräfte mehr und mehr verließen. Kam nicht bald Hilfe, so drohte mir der Tod durch Verbluten. Ich fühlte brennenden, fiebernden Schmerz am ganzen Körper - war es schon ein Vorgefühl der Höllenqualen? Also gab es doch eine Vergeltung! Das trat mir jetzt mit erschreckender Deutlichkeit vor die Seele. Tödliche Angst folterte mich, so dass ich erfreut war, als ich endlich den Freund fand. Es war noch Leben in ihm. Er lag auf dem Rücken und ließ die Perlen eines Rosenkranzes durch die bebenden Finger gleiten. Trotz der einbrechenden Dunkelheit erkannte er mich. 

 

"Lebst du auch noch?" lispelte er. "Sollen wir - zusammen - den Rosenkranz beten? - Es geht mit - mir zu Ende."

 

"Auch mit mir, Hugo, auf Hilfe ist kaum mehr zu rechnen", erwiderte ich und hielt ihm die Feldflasche an den Mund. Der kühle Trank tat ihm sichtlich wohl. "Gott wird mit uns sein. Beten wir", sprach er etwas kräftiger.

 

Jetzt musste ich gestehen, was ich mit dem Rosenkranz meiner Schwester verübt hatte. "Er ist fort, durch meine Schuld", murmelte ich dumpf.

 

"Nein", hauchte der Freund, "ich habe ihn mitgenommen und aufbewahrt. - Im Tornister - ganz unten."

 

Ich suchte nach und hielt eine Minute später das Geschenk meiner Schwester in der Hand. Der gute Junge, er hatte die so leichtsinnig preisgegebene Spende bewahrt, gleich als hätte er vorhergesehen, dass ich das geweihte Gut bald notwendig haben würde. Wahrlich, er hatte als ein treuer, sorglicher Freund gehandelt!

 

Und nu beteten wir den schmerzhaften Rosenkranz; ich betete vor, weil meine Stimme noch kräftiger war. Und wir beteten ihn noch ein zweites und drittel Mal. 

 

Da zeigte sich in einiger Entfernung ein Licht. Waren das Helfer? oder vielleicht gar Marodeure, diese Unholde, die auf den Schlachtfeldern die Leichen und Verwundeten ausraubten? Im Geist stellte ich mir diese bange Frage und vergaß darüber, das Gebet fortzusetzen.

 

"Beten! Beten!" bat da Hugo mit keuchender Brust.

 

Und ich fuhr fort: "Gegrüßet seist du, Maria, du bist voll der Gnaden, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jess, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist." - -

 

Da wurde die Laterne plötzlich heftig geschwenkt, und eine gedämpfte Stimme rief in deutscher Sprache: "Schnell, Herr Kaplan! Schnell! - Verwundete! Ich höre sie sprechen!"

 

Das Licht kam auf uns zu und mit ihm unser Retter, ein Priester und mehrere Pfleger mit zwei Bahren. Hugos bleiches Angesicht strahlte in seliger Freude.

 

"Ich wusste, dass die Mutter Gottes mich nicht ohne Hilfe sterben lassen würde", lispelte er. "Ich habe ja täglich, so gut ich konnte, den Rosenkranz gebetet."

 

Wie ganz anders stand es mit mir! Welche Selbstanklage musste ich nicht in diesem Augenblick gegen mich erheben. Und doch - wie gut hatte es die Vorsehung mit mir gemeint, - mein gottloses Denken war gedemütigt, und Maria harrte des reuig wiederkehrenden Sünders. 

 

Hugo hatte eine Beicht abgelegt und die letzte Wegzehrung empfangen. Während wir nun sorgsam aufgebahrt wurden, hielt ihn ein tiefer, friedlicher Schlaf umfangen. Wir wurden ins Feldlazarett gebracht. Hugo lebte noch fast zwei Stunden, ich lag neben ihm auf meinem Schmerzenslager und betete - ich weiß nicht wie oft - den Rosenkranz, der mir jetzt unentbehrlich geworden war. Und als man Hugos Leiche davontrug, habe ich dem edlen Freund noch zum Abschied die kalte Hand geküsst.

 

Zwei Monate später wurde ich als Ganzinvalide entlassen. Doch ich hatte meinen Gott in jenen Stunden der Angst und Not wiedergefunden. Seitdem bekenne ich ohne Scheu meinen Glauben, wie ich es auch keinen Tag unterlasse, mein Rosenkranzgebet zu verrichten. Ich habe es kennen gelernt, wie es angesichts des Todes mit der Weisheit und dem Mut eines Glaubenslosen bestellt ist."

 

Die Zuhörer schwiegen tiefergriffen zu diesen Mitteilungen.

 

"Brav gesprochen, Herr Lentzen!" rief der Bürovorsteher. "Bleiben Sie stets auf diesem Weg. Solche Menschen, die noch einen Gott im Himmel achten und anerkennen, sind die besten Stützen für Staat und Gesellschaft."

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5. Die Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes

 

 

Der Königin des Rosenkranzes

 

Des Rosenkranzes Königin

Allzeit zu loben steht mein Sinn;

Und kann auch stammeln nur der Mund,

Was tief verbarg des Herzens Grund,

Es möchte doch zu ihrem Preise

Ertönen eine schlichte Weise.

 

Wie Gott in tiefe, öde Kluft

Uns reichte einen Kranz voll Duft,

Daran die Rosen rot und weiß

Und golden blüh`n in weitem Kreis,

Das will zum Liede sich gestalten

Und künden ew`ger Güte Walten.

 

Will künden, wie die Jungfrau rein

Ihr Sohn umgab mit Glorienschein,

Der auf des Rosenkranzes Pracht

Wie Frühlingssonne niederlacht,

Dass uns gelüsten muss zu schauen,

Dem Himmelsbande zu vertrauen.

 

Lass solchen Sang, Maria mild,

Wie er aus vollem Herzen quillt,

Gefallen deiner Mutterhuld!

Er möchte wohl als süße Schuld

Aus seines Sängers Lieb` und Leben

Zu deinem Gnadenthrone schweben.

 

 

Mit dem heil`gen Kreuzeszeichen

Tritt der Vater zum Betrachten,

Dass die Feinde mögen weichen,

Die ihm gern den Blick umnachten.

 

In der Seele ist nun Helle;

Vorwärts die Gedanken eilen,

Bis sie staunend an der Schwelle

Von dem ew`gen Jenseits weilen.

 

Welch ein Glück ist dort zu schauen

Oben in des Himmels Bunde! -

Welch ein namenloses Grauen

Unten tief im Höllengrunde! -

 

Wieder oben ist zu sehen,

Wie gar reichlich beim Dreieinen

Gaben in Bereitschaft stehen,

Ewig uns mit Ihm zu einen. - -

 

Tief ergriffen und gerühret

Ist der Beter. - Volle Klarheit

Wird ihm, dass es sich gebühret,

Gott getreu zu sein in Wahrheit.

 

Ja, dass sonst wir nicht entrinnen

Dem Verderben. - Und, o Segen,

Furcht und Lieb` bei solchem Sinnen

Netze um den Frommen legen;

 

Netze, die zum Guten ziehen,

Wie sie fern vom Bösen halten. -

Bist auch du so weit gediehen,

Dass sie kräftig für dich walten?

 

 

Die Fahrt ist schwer, es geht durch Wellen

Und Wogendrang des Schiffes Lauf;

Da kann es jäh am Riff zerschellen,

Dort lauert ihm ein Strudel auf;

Bedrängter Schiffer, habe acht,

Bis glücklich du die Fahrt vollbracht.

 

Doch sei voll Mut! Wie du dich windest

Aus der Gefahr mit starker Hand,

Auf dunkler Flut die Wege findest

Zum lieben, trauten Heimatland,

Zeigt dir ein Stern gar wunderbar.

O nimm sein mildes Leuchten wahr.

 

Der über allen Sternen thronet,

Hat ihn gesetzt der Finsternis,

Und ewig Er dem Schiffer lohnet,

So jene Bahn er nicht verließ,

In die des Sternes Wunderschein

Das schwache Fahrzeug lenkte ein.

 

Schon kommt, wenn nach dem Sturm sich glätten

Die Wasser in dem Himmelslicht

Und friedlicher den Nachen betten,

Das Wonneland in nahe Sicht.

Wie schaut der Schiffer dann so gern

Nach seinem Führer, seinem Stern.

 

Und muss er auch noch durch die Brandung,

Bevor ihn birgt der sich`re Port,

Ihn führt der Stern zu sel`ger Landung,

Wenn Aug` und Herz nur fort und fort

Geöffnet bleiben jenem Strahl,

Der Rettung zeigt in Not und Qual. -

 

O solchem Stern will ich vertrauen,

Der mir erhellt des Lebens Fahrt. -

Wo kann sein mildes Licht ich schauen, 

Das Weg und Ziel mir offenbart?

Fahr` wohl, mein Schifflein, schwanke nicht,

Dein Leitstern ist des Glaubens Licht.

 

Ums Kreuz auf Golgatha erglänzen

Lichtstrahlen rings - ein Gnadenstern -

Der hält bis zu der Zeiten Grenzen

Den Irrtum und den Tod dir fern,

Und bist du ganz von ihm erhellt,

Ist gut dein Lebensschiff bestellt.

 

So muss ich denn zum Höchsten flehen:

Vermehre mir des Glaubens Gnad`,

Und wenn die Stürme finster wehen,

Dann zeige mir den rechten Pfad

Des Glaubens Stern, bis ich vom Strand

Blick` froh ins ew`ge Vaterland.

 

 

Ein starker Anker ist mein Hoffen,

Er hat in Gott gefasst den Grund.

Nun kann ich, wenn mich Sturm getroffen,

Und böser Mächte arger Bund

Mein Lebensschiff versenken will,

Wohl ruh`n, bis Wind und Wellen still.

 

Was bangt mir noch für meine Barke,

Braust auch gewaltig an der Sturm!

Es hält sie ja der ewig Starke,

Der Welten wie des Staubes Wurm

Erschuf, der einst als Herrscher sprach

Zu Winden und ihr Toben brach.

 

Und öffnen sich auch Wellenschlünde,

Die gähnend mir Verderben droh`n,

Mein Retter dringt in alle Gründe;

Er stieg ja einst vom Himmelsthron,

Mich aus der Tiefe schwerer Schuld

Zu heben in des Vaters Huld. 

 

Ja, müssen schier die Sinne schwinden,

Wenn mich des Wirbels Wut umrast,

Der Treue, der sich wollte binden

Mit heil`gem Schwur, mich rettend fasst,

Wo ich in Not verloren schien,

Und heißt den Sturm von dannen zieh`n.

 

Wohl mir, dass in der Hoffnung Gnade

So starker Anker uns beschert!

Wie oft wird auf dem Wellenpfade

Vom Schiffer seine Kraft begehrt!

Da stürmt es wild zu mancher Stund`,

Wo ich in Gott muss suchen Grund.

 

D´rum, starker Helfer, weil mich tragen

Noch raue Fluten fern vom Ziel,

Lass doch den Anker nicht versagen,

Wenn sturmesmüde schwankt mein Kiel;

Ist auch die Stunde noch so bang`,

Errette mich vom Untergang.

 

Und wenn der letzte Sturm wird toben

Beim Einlauf in das Wonneland,

Dann komm mit Hilfe, Herr, von oben

Und reiche mild die Retterhand

Dem Schiffer, der auf Dich geschaut

Und bis zum Ende Dir vertraut.

 

 

Ein Feuer brachtest Du zur Erden,

O Herr, von wunderhellem Schein;

Das soll zu lautern Flammen werden

In Herzen, die gedenken Dein.

Dies Feuer ist der Liebe Glut,

Mit der Du opfertest Dein Blut.

 

Und dass es wie vom Herd aufschlage

Und, die ihm nahen, schnell entzünd`,

Für Gottes Reich mit jedem Tage

Sie läutere von Fehl` und Sünd`,

Traf noch der scharfe Lanzenstich

Dein Herz, als schon die Seele wich.

 

Da war die volle Glut zu schauen,

Die in dem Herzen Dein entbrannt,

Da wurde Kalten selbst und Lauen,

Die solche Flammen nie gekannt,

Die Seele heiß in Liebesglut,

Und Schwachen wurde stark der Mut.

 

Ja, treulich, wie Du hast verheißen,

Ziehst Du zu Dir die Herzen an,

Und keine Macht kann Dir entreißen,

Die sich in Deiner Liebe Bann

Geflüchtet als Dein Eigentum,

Sie geh`n mit Dir zum Siegesruhm.

 

Kein Erdenglück kann mehr genügen

Dem Herzen, das an Deinem lag

Und Liebe trank in heißen Zügen;

Wieviel es Freude finden mag,

Ihm ist doch karg und kalt die Welt,

Zu bald ihr Glück und Glanz zerfällt.

 

Geschaffen für ein ewig Lieben,

Kann nur in Gott ich glücklich ruh`n;

Er hat mir tief ins Herz geschrieben

Mit Flammenschrift: Weih` Mir dein Tun,

Und weih` es, Erdensohn, mit Dank

Für Meiner ew`gen Liebe Drang!

 

Ich hab` im Blut um dich geworben;

Unendlich weit, unendlich tief

Mein Lieben war, als Ich gestorben

Am Kreuz für dich, auf dass Ich rief`

In deinem Herzen Liebe wach,

Der Ich vergelte tausendfach.

 

Mein Herr und Gott, welch` süß Gebieten!

Ich soll Dir meine Liebe weih`n?

O nimm mein Herz, es zu behüten

Vor aller Sünd`, dann wird es sein

Dein eigen hier im Pilgerland

Und droben ewig liebentbrannt.

 

 

Freudenreiche Geheimnisse

 

Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast.

 

Den Heiland die Erde mög` sprossen,

Ihn regnen der Wolken Gebild`!

Wie klang es, in Sehnsucht ergossen,

Vor Zeiten so ernst und so mild.

 

Da endlich - o selige Stunde -

Erfüllung das Sehen verbannt;

Sanct Gabriel wird mit der Kunde

Zur Erde vom Höchsten gesandt.

 

Der Großen Paläste er meidet,

Er schwebet nach dürftigem Haus, 

Wo Unschuld in Armut sich kleidet,

Aus Demut blickt Größe heraus.

 

Maria, der Jungfrau erkoren,

Er kündet mit herrlichem Gruß:

Es soll von dir werden geboren

Der Höchste nach ew`gem Beschluss.

 

Und Jesus - der Name Ihn preise -

Ein David auf mächtigem Thron,

Er führet Sein Israel weise

Und milde zum himmlischen Lohn.

 

Die Jungfrau, in Staunen befangen,

Blickt nicht auf verheißene Ehr`,

Sie fragt nur mit heiligem Bangen,

Wie Gott die Erfüllung begehr`.

 

Heil! Rettung aus sündigem Wehe

Soll bringen ein wunderbar Reis;

Maria schon spricht: Es geschehe

Der Magd nach des Herren Geheiß.

 

Darüber die Himmel erbeben,

So hebet der Jubel dort an;

Der Ewige menschliches Leben

Im Schoße der Jungfrau begann.

 

Ihr Cherubim, Seraphim steiget

Zur Erde vom seligen Ort;

Das Antlitz verhüllend euch neiget,

Zu huld`gen dem ewigen Wort.

 

Wir aber, noch Pilger hienieden,

Wir rufen mit freudigem Dank:

Barmherzigkeit ist uns beschieden,

Vom Himmel zur Erde sie sank.

 

Denkspruch

 

Ach, was nützen uns Juwelen,

Leibeszierde für die Zeit,

Tragen nicht zugleich die Seelen

Schmuck für Zeit und Ewigkeit!

 

 

Jesus, den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast.

 

Maria aus Nazareth eilet,

Die Liebe beflügelt den Fuß;

Der Base ward Segen erteilet,

Ihr möchte sie bieten den Gruß.

 

Nun jauchzet, ihr Berge, ihr Klüfte,

Entgegen der Pilgerin all`,

Nun traget zum Himmel, ihr Lüfte,

Gesänge mit wonnigem Schall.

 

Geworden zur Arche des Bundes,

Die Jungfrau den Retter uns bringt;

Der heilet, was Welkes und Wundes

Im Menschen nach Retterhand ringt.

 

Elisabeth, du bist zu preisen,

Dass dir die Gesegnete naht:

Doch sel`ger dein Sohn, er wird weisen

Auf Ihn, den sie heilig umfaht.

 

Das Kind der Verheißung entsündigt

Des Heilandes Nähe sogleich;

Voll Rührung die Mutter verkündigt,

Wie Gottes Erbarmung so reich.

 

Und selbst von dem Geiste erfüllet,

Marien sie spendet ein Lob,

Das herrlich den Völkern enthüllet,

Wie Gott die Erwählte erhob.

 

Nun bricht auch die Jungfrau ihr Schweigen;

So schön aus der Seele es klingt,

Dass Engel zur Hehren sich neigen,

Zu lauschen, wie lieblich sie singt.

 

Die Gnadenerfüllte hochpreiset

Des Heiligen Güte und Macht,

Die wunderbar Großes erweiset,

Wo Demut im Herzen hält Wacht.

 

Solch` Sang muss dem Himmel entstammen.

Schon liegt jene Stunde so fern,

Und immer noch lodert in Flammen

Die Liebe zur Mutter des Herrn.

 

Millionen von Zungen schon sangen

Und werden noch singen ihr Lied,

So lange aus irdischem Bangen

Es Herzen nach oben noch zieht.

 

Dass ich auch im Chore dich grüße,

Erhebt sich mein Flehen zu dir:

Du Gütige, Milde, du Süße,

O komme mit Jesus zu mir.

 

Denkspruch

 

Von den Übeln uns`rer Zeit

Uns ein Mittel nur befreit,

Das uns längst ist vorgeschrieben:

Gott und Menschen innig lieben.

 

 

Jesus, den du, o Jungfrau, geboren hast.

 

Zu Betlehem in armem Stalle,

Da liegt ein wunderholdes Kind;

Das soll uns richten auf vom Falle,

Wie tief wir auch gesunken sind.

 

Soll uns des Vaters Huld erwerben,

Die uns der Sünde Frevel nahm,

Dass wir als Gotteskinder erben

Das Reich, davon Es selber kam.

 

Gleich hat zu sühnen Es begonnen:

Die Krippe ist Sein hartes Bett;

Und Tränen sind für uns entronnen

Den Äuglein mild an kalter Stätt`.

 

Im Kinde wir den Heiland preisen,

Als Mutter eine Jungfrau zart;

Drum sangen Engel frohe Weisen,

Als Menschen davon Kunde ward.

 

Die Glücklichen nur Hirten waren,

Die auf den Fluren hielten Wacht;

Wie lauschten die dem wunderbaren

Gesange in der Weihenacht.

 

Das waren hehre Friedensklänge,

So süß der Welt noch nicht bekannt;

Schier ward die Brust den Hirten enge,

Das Herz so weit und liebentbrannt.

 

Es zog sie mächtig nach dem Kinde,

Sie eilten in den armen Stall;

Da löste sich der Augen Binde -

Nun knieen sie anbetend all`.

 

Den sie ersehnt in bangen Nächten,

Liebkosend ihn die Mutter hält;

Er kam von Seines Vaters Rechten

Und wird erlösen bald die Welt.

 

Du Mutter mit dem Gotteskinde,

Ich nahe dir den Hirten gleich;

Hier an der Krippe wird die Rinde,

Die harte meines Herzens, weich.

 

Hier muss sich Demut, Liebe mehren

Und steigen Dank zum Himmel hin;

Nicht anders kann ich von dir kehren

Als mit der Hirten frommem Sinn.

 

Denkspruch

 

Ein Blick von Dir, o Jesuskind,

Im Geiste fromm erwogen,

Gibt meinem Herzen Ruh` geschwind,

Fühlt sich`s zur Sünd` gezogen.

 

 

Jesus, den du, o Jungfrau, im Tempel aufgeopfert hast.

 

Wie feierlich die Lichter flimmern

Im Tempel zu Jerusalem!

Sie grüßen jenes Lichtes Schimmern,

Das aufging uns zu Betlehem.

 

Maria kam, in ihrem Arme

Das Jesuskind, zum Opfer heut`;

Die Mutterhand, die liebewarme,

Dem Priester Kind und Gabe beut.

 

Da schaue, wie der Demut Walten

Den stolzen Ungehorsam schilt;

Der Ew`ge und die Jungfrau halten

Die Satzung, die den Sündern gilt.

 

Und du willst nicht die Kniee beugen

Und wählen Gott vor eitlem Tand?

Dann wird gen dich die Gabe zeugen,

Die reicht der Fürstentochter Hand.

 

O schnell zu Jesus dich geselle,

Wie Simeon und Anna froh;

Mit Jesus dich zum Opfer stelle

Für Gott, das heischt die Liebe so.

 

Sie will im Gnadenbunde geben

Viel mehr, als jenen Frommen ward;

Nicht bloß auf deinen Armen schweben

Will Jesus als ein Kindlein zart;

 

Er will sich ganz mit dir vereinen

In Seines Leibes Sakrament,

Will dich als Friedenslicht durchscheinen

Im Leben und am dunklen End`.

 

Was säumest du, wo also winken

Dir Gottes Freuden, vor dem Herrn

Gelobend in die Knie` zu sinken,

Du wollest dich Ihm opfern gern?

 

Wieviel du freudig bringst zur Weihe,

Unendlich mehr Er wieder gibt:

Du opferst wen`ger Jahre Reihe,

Und Er dich ohne Ende liebt.

 

Denkspruch

 

Wollt all` ihr Christi Jünger sein,

In Wahrheit, nicht zu eitlem Schein,

Müsst ihr befolgen männiglich

Sein Grundgesetz: Verleugne dich.

 

 

Jesus, den du, o Jungfrau, im Tempel wiedergefunden hast.

 

Die Osterfeier ist vollendet;

Von Sion hat die Pilgerschar,

Alldorthin wieder sich gewendet,

Von wannen sie gekommen war.

 

Auch Joseph und Maria wallen

Vom Heiligtum gen Nazareth,

Und Gottes Freude sie vor allen

Hintragen in die Heimatstätt`.

 

Doch ach, die Blicke bald sich trüben;

Der Knabe, den sie lieben heiß,

Ist fern der ersten Rast geblieben,

Kein Waller von Ihm Kunde weiß.

 

Zurück zur "Friedensstadt" sie kehren,

Die Schmerzensfrage da und dort

Auf ihren Lippen; doch nur mehren

Muss ihre Angst ein jeder Ort.

 

Schon ist der dritte Tag gekommen,

Seit sie das holde Kind geschaut,

Und immer noch ist bei den Frommen

Ein jedes Wort ein Klagelaut.

 

Jetzt lenken sie betrübt die Schritte

Hinauf zum hehren Tempelbau.

Da siehe! In der Lehrer Mitte

Der Knabe sitzt. - O sel`ge Schau!

 

Nun mischt in Tränen sich die Freude,

Und was die Mutterliebe spricht,

Es kündet, wie nach bitt`rem Leide

Die Wonne aus dem Herzen bricht.

 

Was aber Gottes Sohn gesprochen,

Als Er mit euch, erkor`nes Paar,

Von heil`ger Stätte aufgebrochen,

Bleibt uns zur Mahnung immerdar.

 

Ließ je die Seele Ihn entschwinden,

Weil sie die Sünde nahm in Hut,

Dann kann sie Ihn im Tempel finden,

Dort liegt das reichste Gnadengut.

 

Zum Tempel musst du, Sünder, eilen;

Dort kannst vom Bußgericht du geh`n

Gar freudig und bei Jesus weilen; -

Welch` wonnevolles Wiederseh`n!

 

Denkspruch

 

Sünder, suche Gottes Frieden,

Da du wallest noch hienieden;

Wer verstockt von hinnen scheidet,

Ewig in der Hölle leidet.

 

 

Schmerzhafte Geheimnisse

 

Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat.

 

Klaget,