Wallfahrten 6

 

Wenn gesagt wird, dass die Katholiken die Mutter Gottes anbeten, so ist das eine unverbesserliche Verkennung der Katholiken und eine sträfliche Unkenntnis der katholischen Glaubenslehre. Zwar verehren wir sie mehr als die anderen Geschöpfe, Anbetung aber erweisen wir nur Gott, der der absolute Herr alles Geschaffenen allein ist. Wohl aber ergibt sich aus der Kirchengeschichte, dass die Ablehnung der Verehrung Mariens mit der Ablehnung der Verehrung Jesu Christi selber zu enden pflegt. 

Als "Unsere Liebe Frau", als Herrin und Mutter zugleich, besonders als die "Zuflucht der Sünder" hat vor allem das deutsche Mittelalter die jungfräuliche Mutter des Herrn geehrt und ihr einen ritterlichen Dienst geleistet, der ebenso rührend in den Berichten von Mariens Hilfe und Zuwendung wie in den Entstehungsgeschichten ihrer Wallfahrtsorte zum Ausdruck kommt. 

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Inhalt:

 

151. Unsere Liebe Frau zu Marienthal im Rheingau

152. Die schmerzhafte Mutter Gottes zu Telgte in Westphalen

153. Unsere Liebe Frau zu Weißenregen im Bayerischen Wald

154. Unsere Liebe Frau zu Fourvieres in Lyon

155. Unsere Liebe Frau von der Freude zu Liesse in Frankreich

156. Unsere Liebe Frau von Chartres in Frankreich

157. Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund und Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

158. Das wundertätige Muttergottesbild zu Rimini in Italien

159. Unsere Liebe Frau zu Trapani auf der Insel Sizilien

160. Die St. Marien-Ablass-Kapelle zu Köln am Rhein

161. Unsere Liebe Frau von Arrabida in Portugal

162. Unsere Liebe Frau Maria Einsiedel bei Gernsheim

163. Unsere Liebe Frau vom Trost zu Turin in Sardinien

164. Unsere Liebe Frau vom Sieg zu La Rochelle in Frankreich

165. Unsere Liebe Frau von der Augenwende zu Rottweil in Schwaben

166. Unsere Liebe Frau von der guten Hoffnung zu Dijon in Frankreich

167. Das Liebfrauenbild zu Montepulciano in Italien

168. Unsere Liebe Frau zu Kaltern in Tirol

169. Die Wallfahrtskirche zu Neukirchen bei Heiligen Blut im Bayerischen Wald

170. Das Liebfrauenbild zu Sardenaida in der Türkei

171. Die Schneekapelle in Arnstorf in Niederbayern

172. Unsere Liebe Frau Maria-Hilf bei Amberg in der Oberpfalz

173. Unsere Liebe Frau von Piazza in Sizilien

174. Unsere Liebe Frau von Roc-Amadour in Frankreich

175. Wallfahrtskirche Frohnberg bei Hahnbach in der Oberpfalz

176.Unsere Liebe Frau bei Nocera in Italien

176. Unsere Liebe Frau auf dem heiligen Berg zu Gutenstein in Oberösterreich

177. Unsere Liebe Frau im Wäldchen zu Camogli im Bistum Genua

178. Unsere Liebe Frau am kleinen See bei Nizza

179. Unsere Liebe Frau Maria-Hilf zu Beratzhausen in der Oberpfalz

180. Engelsberg, Wallfahrtskirche und Franziskanerkloster im Spessart in Unterfranken

 

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151. Unsere Liebe Frau zu Marienthal im Rheingau

 

In einem Tal an der westlichen Seite des Johannisberges stand am Anfang des 14. Jahrhunderts das niedrige Haus eines unbekannten Mannes von Adel, der in dieser Einsamkeit unverdrossen das Lob Gottes sang. Wer er war, woher er kam, niemand konnte darüber Aufschluss geben. Nur so viel weiß man noch, seinen kleinen Hof nannte er Düppenhausen, und eine besondere Andacht zur hochgebenedeiten Mutter unseres Herrn machte einen Teil seiner Beschäftigung aus. Einfach und natürlich wie seine ganze Umgebung, hatte er in der Nähe ein Bild seiner hochverehrten Gönnerin aufgestellt, und dabei sie täglich verehrt. Einmal geschah es nun, dass ein Waidmann namens Hecker Henn, der im Dienst des Junkers Hans Schaffreith von Oppelsheim stand und beim Jagen öfters in die Nähe des Bildes kam und es auch nicht selten auf fromme Weise verehrte, das Gesicht verlor. Da gedachte er eines Tages jenes Unbekannten auf dem Hof zu Düppenhausen, bald führte ihn die Erinnerung zu jenem anderthalb Spannen hohen Bild der schmerzhaften Mutter. Er bittet, ihn hinzuführen zur schmerzhaften Mutter, zur Mutter des göttlichen Kindes. Rüstig schreitet er dahin, als er den wohlbekannten Pfad unter seinen Füßen fühlt.

 

Angekommen am eichenen Bilderstock, lässt er den Stab tränenden Auges zu Boden sinken und leise aber ebenso innig als wehmutsvoll betet er vor dem heiligen Bild. Da öffnen sich seine Augen, um zu sehen. Auf seine Knie sinkend stammelt der Geheilte seinen Dank. Aber seine Erhörung sollte nur das erste Glied einer wunderbaren Kette von überirdischen Gnadenerweisungen sein. Scharen von Notleidenden aller Art pilgerten von nun an durch das einsame Tal, zahlreiche Prozessionen zogen hindurch, und es erhielt schließlich den Namen „Marienthal“.

 

Die Geschichte der Wallfahrt Unserer Lieben Frau zu Marienthal ist nicht blos reich an freudigen, sondern auch an traurigen Ereignissen.

 

Im Jahr 1313, da die Zahl der Pilger groß wurde, erbaute christliche Pietät eine Kapelle über dem Gnadenbild und von nun an wurde Maria allgemein als Patronin des Rheingaues angesehen und verehrt. 1326 musste diese Kapelle aber einer Kirche weichen. Zum Dienst an der Kirche wurden vier Weltpriester bestimmt, die immer dort wohnen und den Pilgern durch Predigen, Beichthören und Messelesen Gelegenheit zur Fruchtbaren Benützung ihrer Wallfahrt geben sollten. Nach vier Jahren war der stattliche Bau vollendet und der Kurfürst von Trier, Balduin, Graf von Luxemburg, damaliger Verweser des Mainzer Erzbistums, weihte im Jahr 1330 das Gotteshaus in feierlicher Weise ein. Um das Jahr 1392 nahm der Glaubenseifer im Rheingau mit ihm aber auch der Glanz der Wallfahrt zu Marienthal ab.

 

Doch Gott half wiederum. Drei Brüder, Ulrich, Diether und Reinhard traten zusammen und beriefen Geistliche aus Köln, die man Brüder vom gemeinschaftlichen Leben oder auch nach dem runden Schnitt ihrer Kopfbedeckung „Kegelherren“ nannte. Diese gaben der Jugend Unterricht, predigten sehr ernst gegen die herrschenden Laster und hielten den Gottesdienst in sehr erbaulicher Weise. Nun blühte die Wallfahrt von Tag zu Tag mehr. Die reichlich fließenden Geschenke wurden nicht verprasst, sondern zu wahrhaft guten Zwecken verwandt.

 

Es kam das Jahr 1525 und Marienthal sollte von der Strömung der Zeit nicht verschont bleiben. Das von Luther, dem von der katholischen Kirche abgefallenen Augustinermönch, angestiftete Unheil verwüstete auch diese in herrlichster Blüte stehende Wallfahrt. Dazu kam noch ein verheerender Krieg, den Albert der Brandenburger führte, um den Mainzer Erzbischof wo möglich seiner Besitzungen zu berauben. Marienthal litt viel durch Brandschatzung und Plünderung und einige der Kegelherren verschlossen ihre Ohren der neuen Lehre nicht, entsagten 1563 aller klösterlichen Gemeinschaft und lebten getrennt bis 1565, wo das Kloster ganz aufgehoben wurde.

 

Im Jahr 1612 wurden die Jesuiten nach Marienthal berufen. Sie stifteten im Jahr 1621 eine Bruderschaft zur besonderen Verehrung und Anrufung der seligsten Jungfrau, der Überwinderin der Ketzereien. Mit unglaublicher Schnelligkeit verbreitete sich diese Bruderschaft nach allen Seiten und erlangte sogar Ablässe vom päpstlichen Stuhl. So blühte jetzt Marienthal. Doch nicht lange genossen die Jesuiten in froher Ruhe die Früchte des errungenen Sieges. Im Jahr 1624 brach Feuer aus, und legte die Wohnung der ehrwürdigen Patres in Asche. Dieses Unglück war ein Vorbote der kommenden Stürme. Die wilden Scharen der Schweden ergossen sich über Deutschlands Fluren. Auch Marienthal fühlte ihre Gräuel. Alle Kostbarkeiten der schönen Kirche wurden geraubt. Die Jesuiten mussten mit Mangel und Not kämpfen und waren keine Stunde ihres Lebens sicher. Als später ruhigere Zeiten anbrachen, kam Marienthal wieder in die alte Blüte. Da traf die glaubenseifrigen Jesuiten ein arger Schlag. Papst Clemens XIV., gedrängt von schlimmen Ratgebern, hob diese Gesellschaft der ehrwürdigsten und gelehrtesten Männer auf. Sie, die der Kirche Gottes so viel genützt hatten, wurden nun gleich dem scheuen Wild von Land zu Land gehetzt.

 

Auch das herrliche Marienthal hatte seine Wächter verloren, die so besorgt gewesen waren für den Ruhm der Gottesmutter, für den Schmuck ihres schönen Hauses. Im Jahr 1774 wurde die Kirche zu Marienthal abgedeckt, die Enkel der ersten Christen brachen das Holzwerk zusammen, rissen die Fenster heraus und zwar schonungslos, wie man heute (1866) noch sehen kann. Bei diesem Zerstörungswerk arbeitete ein Mann in leichtfertiger Stimmung. Der Unglückliche stürzte herab vom Gerüst und war tot. Jetzt ging auch das Volk in sich, plötzlich erwachte die Erinnerung an den rächenden Gott, dessen Hand hier sichtbar geworden war und niemand wagte mehr einen Stein von dem heiligen Bau abzubrechen.

 

Da stand nun Marienthal, eine Ruine zwar, aber eine glorreiche. Das Gnadenbild hatten fromme Hände in feierlicher Prozession nach Geisenheim getragen. 444 Jahre war es der Trost von Tausenden gewesen. Man brachte in der ehrwürdigen Ruine ein zweites Muttergottesbild an und wenn gleich die Regierung von Nassau Prozessionen und Zuzüge nicht erlaubte, so wurde doch Marienthal immer mehr von andächtigen Verehrern besucht.

 

Man dachte nun daran, eine neue Kirche aufzubauen an dem Platz, wo Ruinen die Prediger Unserer Lieben Frau gewesen waren. Der Besitzer des Gutes Johannisberg, Fürst Metternich, in dessen Hände auch Marienthal übergegangen war, dann der hochwürdigste Herr Bischof Peter Blum von Limburg im Verein mit einem unbenannten Wohltäter gingen an das heilige Werk zur Freude des ganzen Rheingaues. Da entstand eine neue schöne Kirche. Unter großer Feierlichkeit bringt man das uralte Gnadenbild von Geisenheim in die heilige Wohnung und setzt es auf der Epistelseite in einer Nische bei. Auf den Hochaltar aber stellt man ein neues Gemälde von F. Simmler von Geisenheim auf. Die seligste Jungfrau schwebt in der Glorie von Engeln umgeben, und breitet ihren Schutzmantel über den Rheingau und seine Bewohner aus.

 

Die Einweihung des Gotteshauses geschah am 8. September 1858, an demselben Tag, wo sie vor 528 Jahren durch den Kurfürsten Balduin von Trier zum ersten Mal geweiht wurde.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

https://franziskaner.net/haeuser/marienthal/

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152. Die schmerzhafte Mutter Gottes zu Telgte in Westfalen

 

Die Stadt Telgte ist eine der ältesten Westfalens, und dort wurde von jeher die heilige Jungfrau hoch verehrt. In alter Zeit stand bei der Pfarrkirche auf dem Kirchhof ein Bild der schmerzhaften Mutter Gottes in einem schlichten Gehäuse, so dass die davor Betenden unter freien Himmel knieten. Dessen ungeachtet begaben sich manche fromme Verehrer Mariens dahin, um vor diesem Bild ihre Andacht zu verrichten. Ein Mann, aus dem Bistum Münster, Heinrich to Laer „der Laie“ genannt, hatte großes Bedauern mit dem schlechten Haus der Gottesmutter, um schenkte am 19. März 1466 dem Kirchenpfleger zu Telgte vierundzwanzig Mark Goldes, damit dafür eine Statue des heiligen Andreas zur Aufstellung in der Pfarrkirche angeschafft, und ein Obdach vor dem Bild der heiligen Jungfrau Maria auf dem Kirchhof daselbst gebaut werde, um die dort knienden Andächtigen gegen Wind und Wetter zu schützen. So entstand die erste Kapelle, die, nach alter Beschreibung, von Ziegelsteinen ganz gewöhnlich gebaut, und mit Ziegeln überdeckt wurde. Nun nahm die Verehrung des Gnadenbildes immer mehr zu.

 

Als die Irrlehre Luthers und die Religionserneuerungen in Deutschland auch im Münsterland Eingang fanden, wurde die Stadt Telgte gewiss durch die Fürbitte der Gottesmutter von dem Unglück, dem heiligen Glauben untreu zu werden, bewahrt. Aber die darauffolgenden Kriegsunruhen verursachten, dass die Wallfahrt zur Lieben Frau nach Telgte fast ganz abnahm, bis endlich im Jahr 1650 Christoph Bernard von Galen zum Bischof von Münster gewählt wurde. Dieser gelehrte und der Himmelskönigin von Herzen ergebene Bischof beschloss zu Telgte statt der jetzt ganz verfallenen Kapelle eine neue auf eigene Kosten bauen zu lassen, und im Jahr 1657 war sie vollendet. Am Fest Mariä Heimsuchung weihte sie der Bischof ein. Bald nahmen nun auch die Bittfahrten nach Telgte zu. Telgte wurde immer mehr der Sammelplatz der Andacht. Man eilte dahin, um hier vor dem Bild der heiligen Jungfrau, der Trösterin der Betrübten, Heil von Gott zu erbitten. Wunderbare Gebetserhörungen kamen vor. So berichtet vom Jahr 1654, wo das Jubiläum der heiligen Kapelle stattfand, der damalige Kaplan zu Telgte, C. P. Nitschen. Während des großen Jubiläums, das der Kurfürst Clemens August am 5. Juni 1754 und die folgenden Tage halten ließ, kamen über 50 Prozessionen, selbst aus weiter Ferne nach Telgte. Während des Jubiläums geschahen auch viele Wunder.

 

Diese großartige und mit dem reichsten Segen begleitete Jubelfeier wirkte überaus günstig auf die Wallfahrt nach Telgte. Die Wallfahrten mehrten sich immer mehr, und als das Jahr 1854 herannahte, dachte man daran, die zweihundertjährige Jubelfeier in Telgte auf das Festlichste zu begehen. Der hochwürdigste Bischof von Münster, Johann Georg, ließ die Gnadenkapelle in Telgte sehr schön renovieren und mit den herrlichsten Gemälden verzieren, und bevor das Fest begann, erließ er einen das Herz ergreifenden Hirtenbrief, worin er die Gläubigen zur zahlreichen Teilnahme an der Jubelfeier zur Ehre der glorwürdigen Himmelskönigin einlud. Allenthalben wurde der Ruf des frommen Oberhirten mit Freuden vernommen. Von allen Seiten von Nah und Fern zogen die Pilger herbei. An manchen Tagen zählte man in Telgte zwanzig- dreißigtausend Menschen. Nur Gott allein kennt die Gnaden und den Segen, den er den treuen Verehrern seiner heiligsten Mutter in dieser Zeit gespendet hat. Die Liebe und Verehrung zur hochgebenedeiten, jungfräulichen Mutter des Herrn wurde neu belebt und angefacht, und ein unzweifelhafter Erfolg der Jubelfeier war und ist die große Teilnahme, die die frommen, dem heiligen Glauben treu ergebenen, Westfaler an der Wallfahrt nach Telgte heute noch zeigen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

http://www.st-marien-telgte.de/index.php/telgter-wallfahrt.html

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153. Unsere Liebe Frau zu Weißenregen im Bayerischen Wald

 

Nach Neukirchen bei Heiligenblut nimmt unter den Marianischen Wallfahrtsorten im oberen bayerischen Wald „Weißenregen“, Filiale der Pfarrei Blaibach, wohl die erste Stelle ein. Die Wallfahrtskirche selbst, ein schönes freundliches Bauwerk, steht auf einem ziemlich hohen Berg, an dessen Fuß sich der Regen in verschiedenen Krümmungen hinschlängelt, und ist mit seinem hohen Turm weithin für die höher gelegenen Orte des bayerischen Waldes sichtbar, während das Dörfchen gleichen Namens seine zwanzig und etliche Häuser einige hundert Schritte davon südwärts an der sanften Absenkung ausbreitet. Nur ein einziges Haus, die sogenannte „Klause“, steht in der Nähe der Kirche und ist jetzt bestimmt als Wohnung des Mesners und zur Beherbergung und Bewirtung der Wallfahrer. Das Gnadenbild, das hier verehrt wird, eine Statue aus Holz und nun gekleidet, hatte auch seinen Aeneas, denn als die ketzerische Irrlehre in der Oberpfalz sich ausbreitete und mit Feuer gegen die heiligen Bilder wütete, brachte es ein frommer Christ, um es vor Entehrung und Vernichtung zu retten, aus der Oberpfalz in das noch ganz katholische Bayern und befestigte es auf jenem Berg an einem großen Eichbaum, auf dass es von den Vorüberziehenden gebührend geehrt würde. Eine Schrift auf der Rückseite des Bildes, in der aber der Name des Überbringers nicht angegeben ist, besagt, dass es aus der Stadt Naabburg geflüchtet wurde. Obwohl von den Bewohnern der Gegend geehrt, musste das Bild doch auch mehrfache Entehrungen erfahren, was sich dadurch erklären lässt, dass sich entweder die damalige ketzerische Ansicht gegen die Bilderverehrung auch in einzelne Köpfe unter den Katholiken einschlich, oder dass die Entheiliger Bewohner aus der nahen Oberpfalz, durch Geschäfte hierhergeführt, gewesen seien. Eine noch jetzt in der Kirche aufbewahrte, in viele Felder geteilte Tafel vom Jahr 1584 führt in Bild und Schrift sieben Unehren an, die dem heiligen Bild widerfahren sind, und die Bruderschaft des schwarzen Skapuliers oder der sieben Schmerzen Mariens, die hier eingeführt wurde, wird auch auf die Sühnung jener sieben Unehren bezogen. Indes waren eben diese Entehrungen die Veranlassung, dass sich bei den Gutgesinnten die Andacht zu dem Bild vermehrte und immer weiter verbreitete, denn in jenen sieben Fällen wurde der Frevel in auffallender übernatürlicher Weise bestraft oder verhindert. Die Chronik meldet, dass das Bild zweimal, als man es zum Schutz vor Entehrung und zur größeren Andacht, das eine Mal in die St. Veitskirche des nahen Marktes Kötzting, das andere Mal in die Pfarrkirche zu Blaibach, versetzte, ohne menschliche Hilfe wieder zur Eiche zurückgekehrt sei. Eine Menge von Votivtafeln, mit denen der Baum behangen wurde, gaben Zeugnis, wie Bedrängte von nah und fern bei dem Bild Hilfe suchten und fanden. Im Jahr 1584 wurde der Baum ein Raub der Flammen. Eine Frau, die davor ihre Andacht verrichtet hatte, entfernte sich, ohne das zu Ehren Mariens angezündete Wachskerzlein auszulöschen. Die Eiche wurde vom Feuer ergriffen und brannte aus. Das heilige Bild blieb wunderbarer Weise ganz unverletzt, wurde herausgenommen und in einen Bildstock, den man an der Stelle der verbrannten Eiche aufrichtete, eingesetzt. Im Jahr 1610 kam auf Veranlassung des Bischofs von Regensburg, der die wunderbaren Ereignisse nach Rom berichtet hatte, an die Stelle des Bildstocks eine Kapelle, als würdigere Wohnstätte für das heilige Bild, mit einem Turm geziert und mit einer Ringmauer umgeben. Fünfzig Jahre später wurde diese Kapelle vergrößert und zur Würde einer Kirche erhoben. Sie bildet nun ein ansehnliches Gebäude, das von einer Mauer umgeben ist und in einem ovalen Ring den Gottesacker und eine Kapelle einschließt. Auf dem Hochaltar der Kirche befindet sich das wundertätige Gnadenbild. Die vielen Votivtafeln, mit denen die Mauern im Erdgeschoss des Turmes, durch das man in die Kirche eintritt, bedeckt sind, sowie an den Wänden und Altären der Kirche selbst, zeugen von der Verehrung und dem Dank der Bedrängten, die durch die heilige Mutter Gottes von Weißenregen Hilfe gefunden haben.

 

Zur Zeit der allgemeinen Klösteraufhebung, wo so manches Heiligtum profaniert und vernichtet wurde, drohte man auch dieser schönen Wallfahrtskirche die Demolierung. Als Grund wurde angegeben, dass sie weder Wachs noch Öl mehr beschaffen könne. Allein, als man den allgemeinen Unwillen sah, den schon der bloße Gedanke hervorrief, und überdies alsobald Wohltäter sich meldeten, die diesen Defekt aus eigenen Mitteln zu ersetzen versprachen, sah man von diesem Vorhaben ab, und der Waldgegend blieb eine ihrer Zierden und dem gläubigen Volk eine ihrer Lieblingsstätten erhalten.

 

Die Kirche ist laut päpstlichen Bullen mit vielen vollkommenen und unvollkommenen Ablässen begnadet, wie die an den beiden Seiten der Vorderkirche angebrachten authentischen Ablasstafeln bezeugen.

 

Wunder

 

Eine Bürgersfrau zu Pfreimt, in der Oberpfalz, die an Händen und Füßen krumm und lahm war, und alle Heilmittel vergeblich angewendet hatte, träumte öfters, sie solle sich zu einem Marienbild, das in einer Eiche auf offenem und freiem Feld steht, führen lassen: da würde ihr Hilfe werden. Nach langer Nachfrage erfuhr sie endlich aus Anordnung Gottes durch eine Bettlerin, dass sich ein solches Muttergottesbild zu Weißenregen im bayerischen Wald befinde, vor dem schon viele Erhörung gefunden haben. Des weiten Weges ungeachtet begab sich die Bürgersfrau zur Verehrung des heiligen Gnadenbildes auf die Reise. Nach verrichteter Andacht daselbst verspürte sie augenblickliche Besserung, ließ als Wahrzeichen hierfür die früher unentbehrlichen Krücken beim heiligen Bild, und begab sich tags darauf nach dem nahe gelegenen Kötzting. Dort hielt sie sich eine geraume Zeit hindurch auf, um alle Tage das heilige Bild besuchen und vor ihm ihr inniges Dankgebet zum barmherzigen Gott und ihrer gütigen Helferin senden zu können.

 

Michael Kurz, Wachtmeister in der Compagnie des Grafen von Bonival, geriet am 1. August des Jahres 1646 in den spanischen Niederlanden in große Wassergefahr. Da rief er zu Unserer Lieben Frau von Weißenregen, die in seiner Heimat, dem bayerischen Wald, in hoher Verehrung steht, und gelobte ein heiliges Hochamt dahin, wenn er gerettet würde. Er wurde, wie er selbst nach Weißenregen berichtete, an das Gestade getrieben und glücklich dem Tod entrissen.

 

Im Jahr 1746 zeigte Sebastian Jungbeck, Bauer von Wettzell, der Wahrheit das Zeugnis gebend, an, dass in einer Nacht in seinem Dorf acht Häuser und vier Scheunen durch Brand in Asche gelegt worden sind. Auch seines Nachbars Gehöft sei schon in vollen Flammen gestanden, wodurch für sein eigenes Haus die größte Gefahr erwachsen war. Da wendete er sich mit größtem Vertrauen, drei heilige Messen gelobend, zu Unserer Lieben Frau von Weißenregen, und das Feuer kehrte sich von seiner Wohnung, die außer dem schwärzenden Rauch keine Spur des Brandes zeigte.

 

Eine gewisse M. Magdalena Wildfeuer brachte regelmäßig alle Frauentage eine Wachskerze als Opfer zu Unserer Lieben Frau nach Weißenregen. Dies geschah in Folge eines Gelübdes. Sie hatte ein volles Jahr am Krebs gelitten, und schon hatte das Übel im ganzen Gesicht sich ausgebreitet und es zerfressen. Nachdem sie das Gelübde gemacht hatte, wurde sie gänzlich befreit und geheilt.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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154. Unsere Liebe Frau zu Fourvieres in Lyon

 

Lyon, nach Paris die größte und reichste Stadt Frankreichs, zeichnete sich von jeher durch ihren religiösen Sinn und durch eine besondere Verehrung der allerseligsten Jungfrau aus. Lyon ist die Stadt, in der das große Werk der Glaubensverbreitung, Missions-Verein genannt, gegründet wurde und Lyon hat unter allen Städten Frankreichs zuerst das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens gefeiert. Das größte und besuchteste Heiligtum der Stadt ist die Kirche „Maria von Fourvieres“ genannt.

 

Die Kirche ist einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Frankreichs, und liegt auf dem höchsten Punkt eines Berges, von wo aus man die herrlichste Aussicht über die ganze Stadt Lyon und in die fernsten Gegenden hat. Früher stand hier ein prachtvolles, vom römischen Kaiser Trajan aufgeführtes Gebäude, Forum oder Marktplatz genannt, das im Jahr 840 zusammenstürzte. Schon im Jahr 1192 ließen der Erzbischof und die Domherren von Lyon zu Fourvieres eine Kapelle zur Ehre der jungfräulichen Mutter Gottes bauen. Sie stand aber nur bis zum Jahr 1562, wo sie von den wütenden Anhängern des Ketzers Kalvin, Hugenotten genannt, zerstört wurde. Bald sah man auf den Trümmern der alten Kapelle eine neue sich erheben, die aber in kurzer Zeit die Menge der herbeiströmenden Wallfahrer nicht zu fassen vermochte und daher im Jahr 1740 vergrößert werden musste. Die Kapelle besteht jetzt (1866) noch, wurde aber wie so viele andere heilige Gebäude im Laufe der Zeit verkauft und der Eintritt allen Gläubigen verschlossen. Der Erzbischof von Lyon kaufte sie und gab sie ihrer früheren Bestimmung zurück.

 

Von jetzt an begannen die Gläubigen, wie früher, zahlreich aus der Stadt und fernen Gegenden dorthin zu strömen. Besonders drängen sich die frommen Gläubigen an den Samstagen jeder Woche und an den Hauptfesttagen der seligsten Jungfrau zu dieser Kirche hin. Papst Pius VII. besuchte sie auf seiner Reise durch Lyon im Jahr 1805, las darin am 19. April die heilige Messe, beschenkte sie mit reichlichen Ablässen und anderen geistlichen Privilegien, begab sich dann auf den nahegelegenen Ort, wo man die ganze Stadt überblicken konnte, und gab ihr seinen Segen. Nie wird Lyon diesen segensvollen Tag vergessen. Das tröstliche Beispiel dieses würdigen Statthalters Christi erhöhte das Zutrauen der Einwohner Lyons und der benachbarten Provinzen zur hochbegnadeten Gottesmutter. Die Königin der Engel ermangelte auch nicht, das kindliche Zutrauen der Pilger zu belohnen. Neben außerordentlichen geistlichen Gnaden werden die Betenden öfters durch anerkannte echte Wunder in ihrem körperlichen Gebrechen plötzlich geheilt. Die letzten schreckensvollen Tage des Aufruhrs im Jahr 1834 vom 9. bis 12. April, in denen so viele unschuldig hingemordet, mehrere Häuser eingeäschert, andere stark beschädigt, die meisten Einwohner von den Schrecken des Todes ergriffen wurden, belebten aufs neue das Zutrauen zur Gnadenmutter, so dass seither die Kirche zahlreicher und eifriger als je besucht wird. Das Innere dieser Kirche ist mit sehr schönen Votivtafeln, als öffentlichen Denkmalen der Dankbarkeit, für erbetete Gnaden behangen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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155. Unsere Liebe Frau von der Freude zu Liesse in Frankreich

 

Bei der festen Stadt Laon, mehrere Meilen von Paris entfernt, steht die schöne Kirche Unserer Lieben Frau von der Freude, wohin noch immer viele fromme Pilger wandern. Der Ursprung dieser Kirche und Wallfahrt ist wunderbar.

 

Ungefähr um das Jahr 1134 lockten ungläubige Osmanen in der Stadt Askalon, gegen die die Malteserritter oder Hospitaler ununterbrochen kämpften, weil sie die Erbfeinde der Christen waren, eine Abteilung solcher tapferer Ritter in einen Hinterhalt und nahmen sie nach tapferer Gegenwehr gefangen. Unter den Gefangenen waren drei Brüder aus der Picardie. Der älteste war ein Herr von Arpe, der zweite von Marchois, und der dritte war unbegütert. Als sie von den Wunden geheilt waren, die sie im Kampf für ihre Freiheit bekommen hatten, schickte man sie wegen ihrer Tapferkeit und ihres Adels zum Sultan nach Kairo in Ägypten, der sie anfangs äußerst hart behandelte, und dann auf den Gedanken verfiel, sie für die Lehre des falschen Propheten Mohammed zu gewinnen. Er ließ sie deshalb bei Wasser und Brot einsperren und schickte dann Lehrer seiner falschen Religion zu ihnen, die sie auf alle Weise bereden und zum Abfall vom heiligen Glauben bringen sollten. Da sie nichts vermochten, schickte er auch seine schöne Tochter Ismeria, die in der Lehre des Mohammed sehr unterrichtet war, zu ihnen, damit sie das gleiche versuche. Doch es geschah das Gegenteil. Nach mehreren Gesprächen wurde sie von den treffenden Reden der Ritter überwunden. Besonders wurde sie sehr gerührt, als sie die Ritter so viel Schönes vom Leben Unserer Lieben Frau, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, erzählen hörte. Sie wünschte ihr Bild zu sehen.

 

Der älteste von den Brüdern versprach es ihr, ohne dass er bedachte, dass er kein solches Bild besitze, noch erhalten könne. Da er einsah, er könne sein Versprechen unmöglich erfüllen ohne höhere Hilfe, so nahmen die Brüder ihre Zuflucht zu Gott und zur glorreichen Jungfrau. In der folgenden Nacht fand er eine Statue der Mutter Gottes bei sich, ohne zu wissen, woher sie gekommen war, und die man für dieselbe hält, die man heut zu Tage noch in der Kirche Unserer Lieben Frau von der Freude sieht. Die Statue verbreitete den süßesten Wohlgeruch und ergoss durch das ganze Gefängnis, in dem die Ritter waren, ein helles Licht. Sie meinten auch eine herrliche Musik zu hören, die nur von Engeln kommen konnte, und sie so sehr erfreute, dass sie diese ganze Nacht mit großer Zufriedenheit zubrachten. Am folgenden Tag kam die Prinzessin Ismeria wieder ins Gefängnis und war Zeuge von all diesen Wundern, wodurch ihr Herz so sehr umgewandelt wurde, dass sie, statt die Ritter für ihren falschen Glauben zu gewinnen, selber unserem Herrn gewonnen war. Sie trug das Bild auf ihr Zimmer, erwies ihm die größte Ehre und wurde bald mit so viel Freude erfüllt, dass sie es nicht mehr verlassen konnte.

 

In der folgenden Nacht erschien ihr Unsere Liebe Frau und erklärte ihr, dass sie die Ritter aus dem Gefängnis befreien, und ihr dadurch Ehre machen solle. Mit Tagesanbruch ging sie geraden Weges zum Gefängnis, das sie wie durch ein Wunder geöffnet fand, rief den Rittern zu und gab ihnen ihren Entschluss zu verstehen. Sie gingen alle miteinander fort und zogen nach Kairo, ohne bemerkt zu werden. Hierauf gelangten sie an das Ufer des Nils, wo sich ein schöner junger Mann zeigte, der sie auf ein kleines Schiff brachte und gleich darauf verschwand.

 

Nachdem sie auf die andere Seite des Flusses gekommen waren, wurden die Ritter samt Ismeria auf wunderbare Weise nach Frankreich zu ihrem elterlichen Schloss gebracht. Das Bild Unserer Lieben Frau wurde vergessen bei einer Quelle, dessen Wasser über das Bild floss. Seitdem heilt das Wasser dieser Quelle von Fiebern und mehreren anderen Krankheiten.

 

Als die Ritter im elterlichen Schloss angekommen waren, hatten ihre Eltern eine unbeschreibliche Freude über ihre Rückkehr. Ismeria wurde hierauf dem Bischof von Laon vorgestellt, der sie unterrichtete, taufte und Maria nannte. Sie blieb im Haus bei der Mutter der Ritter und lebte keusch und rein in großer Frömmigkeit. Die Ritter ließen eine Kirche an dem Ort erbauen, wo das Bild liegen geblieben war. Hier wurde es auf den Altar der Verehrung ausgesetzt und seitdem von unzähligen Wallfahrern besucht, und die Freude, die noch jedem Besucher der Kirche zuteilwurde, verlieh ihr den schönen Namen „Unsere Liebe Frau von der Freude“.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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156. Unsere Liebe Frau von Chartres in Frankreich

 

Einer der ältesten und berühmtesten Wallfahrtsorte Frankreichs ist die Liebfrauenkirche zu Chartres, die der heilige Fulbert so herrlich gebaut hat. Eine alte Überlieferung sagt, dass das Gnadenbild dortselbst schon vor der Geburt der seligsten Jungfrau in einem heiligen Hain von den heidnischen Druiden oder Götzenpriestern der alten heidnischen Gallier zur Verehrung aufgestellt war. Es ist bekannt, dass auch bei den Heiden eine Weissagung umging, dass ein Erlöser des Menschengeschlechtes kommen und dieser aus einer Jungfrau geboren werde. Wahrscheinlich hatten auch die Druiden davon gehört, darum ein Bild dieser wunderbaren Jungfrau in ihrem heiligen Hain aufgestellt, ihm Opfer dargebracht und es göttlich verehrt.

 

Als aber der heilige Potentian, den der heilige Apostel Petrus nach Gallien, dem heutigen Frankreich, gesandt hatte, um dort den heiligen Glauben an Christus zu verkünden, in Begleitung des heiligen Albin und des heiligen Edwald in die Gegend von Chartres gekommen war, und das heilige Evangelium verkündete, fand er beim Volk und den Druiden, seinen Priestern, geneigtes Gehör. Sie nahmen den christlichen Glauben an und ließen sich taufen. Der heilige Potentian zerstörte den Hain und die Götzen, weihte aber den Altar und das dort befindliche Bild nach christlichem Gebrauch und machte aus der Höhle, in der das Bild stand, eine Kirche. Als aber der dort regierende römische Landpfleger Quirinius davon hörte, ließ er die neuen Christen ergreifen, um sie zum Abfall zu zwingen. Viele, die standhaft blieben, ließ er in einen Brunnen werfen, der neben dem Altar der heiligen Jungfrau stand, unter andern ein junges Mädchen, mit Namen Modesta.

 

Durch die schönen Beispiele von des Glaubens Kraft und Mut, die die heiligen Märtyrer gaben, schlug der heilige Glaube immer tiefere Wurzel in den Herzen des Volkes von Chartres. Die Bewohner der Stadt, von Liebe zur Gottesmutter entzündet, schickten sogar eine Gesandtschaft nach Jerusalem zur heiligen Jungfrau Maria, die damals noch lebte, und ließen ihr ihre Verehrung und Dankbarkeit ankündigen und ihr sagen, dass die Stadt Chartres unter ihre Schutzherrschaft gestellt sei. Daher ist es gekommen, dass sie „Frau von Chartres“ genannt wird.

 

Die Liebe Frau von Chartres wurde fort und fort vom Volk hoch geehrt. Diese Verehrung stieg aber noch mehr, als Kaiser Karl der Kahle die Tunika, oder das Unterkleid der allerseligsten Jungfrau neben mehreren Reliquien, die der große Kaiser Karl aus dem Morgenland erhielt, der Kirche von Chartres schenkte. Maria ließ aber die Liebe und Verehrung der Bewohner der Stadt nicht unbelohnt.

 

Im Jahr 1020 wurde die Kirche, die schon zweimal vom Feuer ergriffen und abgebrannt war, wieder durch der Flammen Glut zerstört. Die angstvollen Bewohner hatten während des furchtbaren Brandes nur die einzige Sorge, das Kleid der allerseligsten Jungfrau zu retten, was aber unmöglich schien. Da schonten einige der eifrigsten Bürger ihr eigenes Leben nicht, und stürzten sich in die Flammen, um den Reliquienschrein, worin es aufbewahrt war, dem Feuer zu entreißen. Sie nahmen den Schrein auf ihre Schultern und eilten damit an einen gewölbten Ort unter dem Pflaster der Kirche. Kaum waren sie angekommen, so fielen die Glockentürme zusammen, die Glocken und das Dach, das von Blei war, zerschmolzen, die Säulen stürzten ein, die das Gewölbe stützten, und die Kirche brach unter furchtbarem Krachen zusammen. Jedermann glaubte, dass die braven Männer unter dem Schutt begraben wären. Der Brand dauerte einige Tage, ohne dass man im mindesten helfen konnte. Doch als man endlich des Feuers Herr geworden war, es ganz gelöscht und den Schutt wegzuräumen begonnen hatte, siehe, da fand man die Bürger mit samt dem heiligen Schrein ganz unversehrt und wohlbehalten. Das kostbare Kleinod war gerettet. Unbeschreiblich war die Freude und der Dank Gott gegenüber und seiner gebenedeiten Mutter.

 

Im Jahr 1129 wütete eine furchtbare Pest, das St. Antoniusfeuer genannt, die die ganze Provinz verheerte. Da erschien Unsere Liebe Frau einem Mann, und gab ihm ein Mittel gegen dieses Übel an. So zeigte sich Maria gnädig den Bewohnern dieser Stadt, die unerschütterlich auf ihre Hilfe bauten, und immer Hilfe fanden. Noch heutzutage ist Unsere Liebe Frau von Chartres in ganz Frankreich berühmt, und noch immer zeigt sie sich gnädig jenen, die Trost und Hilfe bei ihr suchen, wie folgendes in ganz neuer Zeit sich zugetragene Wunder dartut:

 

Am 8. September 1857, am Fest der Geburt der heiligen Jungfrau, geschah während des vor der Statue Unserer Lieben Frau (Sous-Terre) abgehaltenen Pontifikalamtes ein außerordentliches Ereignis. Eine Person aus der Umgegend von Blois, seit acht Monaten des Gebrauchs ihrer Füße beraubt, ließ sich nach Chartres bringen, bei Gelegenheit unseres großen Festes, in der Hoffnung, dabei die Heilung zu erlangen, die menschliche Kunst bis auf diesen Tag noch nicht zu schaffen vermocht hatte. Sie wohnte dem Amt bei, und im Augenblick der Wandlung fühlte sie einen lebhaften Schmerz und fiel bewusstlos nieder. Man hebt sie auf, sie kommt alsbald wieder zu sich, sie wartet das Ende der heiligen Handlung ab, um fortzugehen. Ihre Füße, obwohl noch schwach, begannen sie zu tragen. Nichtsdestoweniger will sie sich auf den Arm einer Person stützen, um das Haus zu erreichen, wo sie eingekehrt war. Am Abend des Festtages oder anderen Tags kehrte sie in ihre Heimat zurück mit dem Versprechen bald wiederzukommen und Unserer Lieben Frau von Chartres am Ende der Oktav zu danken. Sie kam wirklich, und diesmal ließ sie ihre Krücken in der unterirdischen Kapelle aufgehängt, zum Zeichen der Heilung, die ihr in unserer Kirche zuteil geworden war.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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157. Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund und Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

 

Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund

 

Vor vielen, vielen Jahren hütete ein kleiner frommer Hirtenjunge eines Tages seine Ochsen in einem Gehölz bei dem Dörfchen Avaleur in Burgund. Dieses Gehölz nennt man jetzt den Wald Unserer Lieben Frau. Dieser Hügel erhebt sich senkrecht über der kleinen Stadt Bar, die zwischen ihm und dem Fluss Seine gebaut ist, und der sie mehr bedroht als beschützt.

 

Der junge Hirt nun, der mit den Ochsen seines Vaters im Wald war, hatte sich, Stab und Hut auf den Boden legend, auf die Knie geworfen, um unter der schönsten Eiche des Waldes sein Gebet zu verrichten. Sein Herz war rein und seine Hände unschuldig. Sein Gebet sieg gleich duftendem Weihrauch zum Himmel empor. Siehe, o Wunder! Über seinem Haupt erblickt er im Stamm der Eiche ein niedliches Bild der allerseligsten Jungfrau. Nun fällt er von heiliger Furcht ergriffen auf die Knie nieder und spricht mit gefalteten Händen Ave Maria, und alles, was er sonst noch von Gebeten weiß. Als der Abend kommt, trägt er das Bild freudig in die Wohnung seiner Eltern. Seine Mutter war ihm heute wegen des schlechten Wetters entgegengegangen. Sobald ihr Sohn sie sieht, läuft er ihr Entgegen und übergibt ihr das Bild vor Freude hüpfend.

 

Nachdem die Mutter es ehrfurchtsvoll geküsst und ihr Gebet davor verrichtet hatte, verschloss sie es in einen alten wurmstichigen Kasten, in dem ihre Brautkleider und ihre kostbarsten Sachen sich befanden. Am nächsten Morgen ruft sie in aller Frühe ihre Nachbarinnen zusammen, um ihnen ihren glücklichen Fund, die kleine Mutter Gottes, zu zeigen, die ihr lieber Sohn gefunden hat. Doch wie erstaunt sie, als sie den Kasten öffnet und das Bild nicht mehr darinnen sieht. Weinend kehrte der Junge mit seinen Ochsen wieder in den Wald zurück, er hatte ja sein liebes Muttergottesbild nicht mehr. Geradewegs ging er auf die Eiche zu, wo er das Bild gefunden hatte, und das ihm so viel Freude gemacht hatte. Und o Wunder, das Bild war wieder an seiner vorigen Stelle. Groß war die Freude des guten Jungen, und er konnte kaum den Abend erwarten, wo er seine Ochsen heimtreiben und das liebe Bild wieder mit nach Hause nehmen konnte. Als die Sonne sich neigte, hob er das Bild mit großer Ehrfurcht von seinem Platz herab, und trug es freudetrunken in des Vaters Haus. Diesmal verschloss die Mutter den Kasten doppelt, auf dass ja das Bild nicht wieder abhandenkomme. Doch vergeblich.

 

Maria war wieder in die geliebte Eiche zurückgekehrt. Jetzt wurde die geistliche Obrigkeit von dem wunderbaren Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Geistlichen der Stadt zogen in Prozession hinaus in das Gehölz, um das heilige Bild abzuholen und in die Kirche zu bringen. Allein die Gottesmutter wollte den Wald und die Eiche nicht verlassen. Man war also genötigt, sie dort zu lassen und baute eine Kapelle, die noch steht, und in die die Eiche, auf der das heilige Bild sich befand, eingeschlossen ist. Die Nische für das Bild ist in das Holz ihres mehr als hundertjährigen Stammes eingehauen. Dieser Stamm ist in der Sakristei, wo man ohne Unterlass beträchtliche Stücke davon nimmt, um daraus kleine Kreuze zu machen. Es sind schon viele Jahrhunderte verflossen, seitdem man davon abschneidet, und doch scheint der Stamm nicht abzunehmen. Tag und Nacht, Sommer und Winter befindet sich das heilige Bild in der Wald-Kapelle. Nur wenn allgemeine Unglücksfälle die Gegend heimsuchen, alsdann erhebt sich in allen umliegenden Landschaften ein Schrei nach Unserer Lieben Frau von der Eiche. Man verlangt nach neuntägigen Andachten, nach Prozessionen. Und wenn die Prozessionen, wenn die neuntägige Andacht vom Bischof gestattet ist, so wird sie mit großer Freude gehalten. In großer Feierlichkeit wird das heilige Bild in die Stadt getragen, und ist die Andacht vorüber, trägt man es wieder ebenso feierlich in die Kapelle zurück. Das Volk erzählt wundersame Dinge von dem heiligen Bild, aber Tatsache ist, dass infolge von neuntägigen Andachten oder durch Wallfahrten zu Unserer Liebe Frau von Bar-sur-Seine in Burgund große Gnaden erlangt worden sind.

 

Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

 

Um das Jahr 633 verrichteten mehrere Gläubige der Stadt Boulogne in der Picardie ihr Abendgebet in einer Kapelle der Stadt. Da erschien ihnen Maria, und befahl, dass sie in den Seehafen gehen und dort ihr von Engeln aus dem heiligen Land auf einem Schiff hierher gebrachtes Bild in Empfang nehmen und in dieser Kapelle zur Verehrung aufstellen sollten. Die Befehle der glorwürdigen Jungfrau wurden sogleich mit Freuden ausgeführt. Man fand das heilige Bild auf einem Schiff und trug es alsbald in Prozession in genannte Kapelle. Die Kunde hiervon verbreitete sich ringsumher, und von allen Gegenden, selbst von den fernsten Provinzen, eilten Pilger herbei, um der Himmelskönigin ihre Huldigung darzubringen, und Gnaden aus ihren Händen zu empfangen. Bald erhob sich an der Stelle der Kapelle eine prächtige Kirche, die in der Folge eine der berühmtesten Wallfahrtskirchen wurde. Als im Jahr 1544 König Heinrich VIII. von England die Stadt Boulogne eroberte, ließ er das heilige Bild in sein von der Ketzerei angestecktes Land bringen. Als aber die Franzosen dem König von England die Stadt wieder entrissen, zwangen sie ihn, das heilige Bild wieder zurückzugeben, das sogleich an seinem Ort wieder aufgestellt wurde. Nun aber bemächtigten sich die ketzerischen Hugenotten des Bildes der Lieben Frau, und misshandelten es auf eine barbarische Weise. Da sie es nicht mehr in der Stadt Boulogne leiden konnten, so brachten sie es in ein hugenottisches Haus am Ufer des Meeres, sehr nahe bei der Stadt, und warfen es in einen Brunnen des Schlosses Honnar. Die Frau des Schlosses, die katholisch war, zog es insgeheim wieder heraus und brachte es an einen gewissen Ort, wo sie verborgen ihre Andacht zu verrichten pflegte. Ungefähr vierzig Jahre blieb das heilige Bild in ihrem Haus, als im Jahr 1609 ein frommer Einsiedler, namens Bruder Vespasian, auf Eingebung Gottes mit einem guten Weltpriester in dieses Haus kam, und ihm gelang, dass das heilige Bild wieder nach Boulogne gebracht wurde. Trotz des Widerstandes der Hölle blieb es hier in höchster Verehrung. Nachdem der fromme Bischof Klaudius Dormy die von den Engländern verwüstete Kirche herstellen ließ, wurde feierlich dahin gebracht, und seitdem von Tausenden von frommen Pilgern verehrt. Das heilige Bild ist gar lieblich anzuschauen. Es steht in einem kleinen Schiff, an dessen Ende zwei Engel sitzen, die gleichsam die Steuermänner sind. Besonders setzen die Schiffer ein großes Vertrauen auf Unsere Liebe Frau von Boulogne, und keiner fährt ab und kehrt wieder, ohne seine Huldigung ihr darzubringen.

 

König Philipp der Schöne trug eine hohe Verehrung zu Unserer Lieben Frau von Boulogne und baute bei St. Kloud eine Kirche, die in allem der Gnadenkirche von Boulogne glich. Sein Nachfolger vollendete den herrlichen Tempel im Jahr 1319, und nannte ihn Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-Seine. Die große Bruderschaft von Boulogne sur-mer ließ die Kirche ausschmücken. Auch bei dieser neuen Kirche entstand eine große Bruderschaft, die aber im Laufe der Zeit einging. Erst am 1. Mai 1853 hat die Wiedereinsetzung der alten großen Bruderschaft, der Papst Pius IX. Ablassbriefe verlieh, stattgefunden, und schön strömen die Gläubigen aus allen Gegenden in Massen herbei, um die Zahl der Pilger nach Boulogne sur-Seine und die Mitglieder der großen Bruderschaft zu vermehren.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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158. Das wundertätige Muttergottesbild zu Rimini in Italien

 

In der Stadt Rimini in Italien lebte ein edler Patrizier, namens Joseph Soleri Brancoleoni, mehr ausgezeichnet durch den Glanz seiner Tugenden, als durch seine Herkunft. Von Jugend auf liebte er die edle Malerkunst leidenschaftlich und studierte sie unter geschickten Lehrern mit Erfolg. Um in seinen künstlerischen Studien eine größere Vollkommenheit zu erreichen, begab er sich in die große Stadt Rom, die Mutter der schönen Künste. Aber nach einem kurzen Aufenthalt wurde er krank und die Ärzte rieten ihm, in seine Vaterstadt zurückzukehren. Es kostete den jungen Soleri viel Überwindung. Nichtsdestoweniger musste er gehorchen, da sein krankhafter Zustand sich mehr und mehr verschlimmerte. Da sich seine Gesundheit zu Hause ein wenig gebessert hatte, nahm er im elterlichen Haus seine Studien wieder auf und widmete sich ihnen gänzlich. In der Absicht, jungen Leuten seines Alters unter die Arme zu greifen, die, wie er, für die Kunst glühten, ließ er in seinem eigenen Haus eine Malerwerkstätte einrichten, wo die jungen Kunstjünger von Rimini jeden Tag zum Zweck ihrer Ausbildung sich versammelten. In dieser Werkstätte und von der Hand des Joseph Soleri Brancoleoni wurde um das Jahr 1796 das wundertätige Bild in Öl ausgeführt, von dem hier die Rede ist. Das Bild ist zwanzig Zoll hoch und ca. dreiundzwanzig Zoll breit. Die heilige Jungfrau ist in halber Figur mit einem beredten und gefühlvollen Ausdruck dargestellt. Sie hält die Hand leicht an die Brust gedrückt. Der Kopf ist ein wenig gegen die rechte Schulter geneigt. Die Augen sind himmelwärts gekehrt. Das Gesicht ist von zartem Farbenschmelz, so dass man es lieben muss, wenn man es nur anschaut, und man wird von dem Gedanken ergriffen, dass Maria ihr ganzes Herz, ihre Bitten, die ganze Stärke ihres in Gott versenkten Blickes anwendet, um Für bitte einzulegen für die Menschen. Man möchte sagen, sie freue sich erhört zu werden und sie lasse ihre Diener an ihrer Freude teilnehmen. Man könnte glauben, sie lasse, in himmlische Gedanken entzückt, die Worte des Lobgesanges unwillkürlich ihren Lippen entströmen: „Meine Seele preiset hoch den Herrn und mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland; er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd; siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Denn Großes hat an mir getan, der da mächtig und dessen Name heilig ist.“

 

Im Jahr 1810 nach dem Tod des berühmten Malers wurde das Bild, das bis dahin als ein köstliches Andenken im väterlichen Haus aufbewahrt worden war, von der Familie Brancoleoni der benachbarten Kirche der heiligen Klara zum Geschenk gemacht. Diese Kirche hatte ehemals einem Frauenkloster angehört, aber heutzutage (1866) ist sie im Besitz der ehrwürdigen Väter Missionare vom kostbaren Blut unseres Herrn Jesus Christus.

 

Kaum war das heilige Bild der öffentlichen Verehrung ausgesetzt worden, so wurde es der Gegenstand des frommen Zudrangs der Gläubigen. Es bildete sich zu seiner Ehre eine andächtige Gesellschaft, und man feierte Feste zu seiner Ehre, bei denen die Bescheidenheit und die Sammlung die schönste Zierde bildete. Niemand trat in die kleine St. Klarakirche ein, ohne der heiligen Jungfrau einen Besuch zu machen und ein Gebet an sie zu richten.

 

Samstag den 11. Mai 1850, an einem Tag und in einem Monat, die der heiligen Jungfrau geweiht sind, ging die Gräfin Anna Bugli Baldini, in Begleitung ihrer Adoptivtochter, und der Franziska Megani durch eine Fügung der Vorsehung um halb zwei Uhr nachmittags an der Klarakirche vorüber. Obgleich sie diese Kirche gewöhnlich nicht besuchte, so fühlte sie doch an diesem Tag einen innerlichen Drang in sie hineinzugehen. Sie ging also mit ihren beiden jungen Begleiterinnen wirklich hinein und begab sich, um ihr Gebet zu verrichten, in die kleine Kapelle, in der das heilige Bild aufgestellt war. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie, ihre Blicke auf die heilige Jungfrau richtend, wahrnahm, dass ihre Augen sich sanft bewegten und so weit nach oben richteten, dass sie gänzlich unter dem Augendeckel verschwanden. Dieses Schauspiel, des Himmels und der Engel würdig, wurde so sichtbar, dass sie keinen Augenblick an dem Wunder zweifelte. Aber gleichwohl rief sie, um sich vollkommene Überzeugung zu verschaffen, die beiden jungen Mädchen zu sich und bat sie, die Augen des heiligen Bildes mit Aufmerksamkeit zu betrachten, um zu sehen, ob sie nicht auch das nämliche entdeckten, was sie selbst wahrgenommen hatte. Die beiden kamen heran und stiegen, um dieses Wunder besser zu sehen, auf den Altartritt und waren dem wundertätigen Bild so nahe, dass sie es mit den Händen berühren konnten. In dieser Stellung richteten sie ihre Augen aufmerksam auf jene der Jungfrau, und auch sie sahen, wie sie sich eine halbe Stunde lang hin- und herbewegten und zitterten. Dies war der Anfang des Wunders.

 

Tags darauf, den 12. Mai kamen die beiden jungen Mädchen, denen die Gräfin Baldini ausdrücklich verboten hatte, irgend jemand etwas davon zu sagen, wieder in die Kirche der heiligen Klara, aber allein, denn die Gräfin war unpässlich. Sie traten wieder in die Kapelle der wundertätigen Jungfrau, wo sich zwei Frauen befanden, Helena Scaramucci und die Baronin Eleonora Bogliori Buonadatra. Das Wunder vom vorigen Tag erneuerte sich vor ihnen, aber auf eine dermaßen deutliche und sichtbare Weise, dass alle vier, von einem heiligen Schrecken ergriffen, zu den hochwürdigen Missionaren rannten und dem ersten, dem sie begegneten, das erzählten, wovon sie soeben Zeugen gewesen waren.

 

Die Art und Weise, wie sie sprachen, die Zuversicht ihrer Worte, ihrer Mienen und Gebärden, ihre Rührung, die Tränen, die unwillkürlich aus ihren Augen strömten, alles verbürgte die Aufrichtigkeit ihrer Erzählung und die Wirklichkeit des Wunders. Demnach verfügte sich der Geistliche unverzüglich in die Kapelle, um das Wunder mit eigenen Augen zu untersuchen, und nachdem er das Wunderbild betrachtet hatte, erklärte er, er sehe nichts. Doch hielt er es, bevor er sich offen aussprach, für klug, den jungen Mädchen zu empfehlen, sie sollten noch ein anderes Bild der heiligen Jungfrau anschauen, das sich in der Kirche befand und genau acht geben, ob sie nicht auch an diesem Bild eine Bewegung der Augen wahrnähmen. Dies war ein gutes Mittel, vor der Einbildungskraft der jungen Mädchen auf der Hut zu sein und der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Die guten Mädchen gingen hin und bemerkten nichts Ähnliches trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit. Alsdann zog der Geistliche den Vorhang vom Fenster weg, durch das das Licht in die Kapelle fiel, kniete vor dem Altar der Jungfrau nieder und begann die Lauretanische Litanei zu beten. Kaum hatte er die ersten Anrufungen ausgesprochen, als die Mädchen das Wunder von neuem sahen, und der gute Pater selbst es ebenfalls wahrnahm. Er erlangte darüber eine solche Gewissheit, dass ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper überfiel. Er wurde leichenblass und konnte nur noch stottern, so groß war der Eindruck, den das Wunder auf ihn machte.

 

Nachmittags verbreitete sich die Nachricht von dem Wunder in einem Augenblick in der ganzen Stadt und unter allen Klassen der Bevölkerung vom Palast des Reichen bis in die elende Hütte des Armen. Sogleich begann man es zu erzählen, man fragte, man forschte, man erstaunte, man wunderte sich, man weinte vor Rührung, und alle Welt lief dem heiligen Bild der Mutter der Barmherzigkeit zu. In kurzer Zeit war die Kapelle der heiligen Jungfrau und die Kirche voll von einer andächtigen Menge, und die benachbarten Straßen waren mit Leuten überfüllt. Indessen war der geistliche Gerichtshof von dem Wunder und dem ungeheuren Zusammenlauf benachrichtigt worden, und der Dompropst und Generalvikar, Herr Michael Brioli, begab sich aus freien Stücken in die Kirche der heiligen Klara. Nur mit großer Mühe konnte er sich durch die zusammengedrängte Menge Bahn brechen, und als er bei dem heiligen Bild ankam, verehrte er es andächtig, nahm es weg und brachte es zum Hochaltar, wo er es aufstellte. Bei diesem Anblick erhoben die Gläubigen mitten unter Schluchzen und Weinen die rührenden Rufe: Es lebe Jesus! Es lebe Maria! und die schallenden Ausrufungen: Keine Sünde mehr! Keine Flüche mehr! Ausrufungen, die von Herzen kamen und den einen durch die Lebhaftigkeit ihres Glaubens und ihrer Andacht zu Maria, anderen durch den Abscheu und die Reue über ihre Sünden, vielen aber durch die Handgreiflichkeit des Wunders eingegeben wurden, das sich unter ihren Augen begab.

 

Gott, dessen Arm niemals verkürzt ist und dessen barmherzige Geheimnisse für das Heil der Menschen unendlich sind, wollte das Wunder fortbestehen lassen, bis er der Welt einen glänzenden Beweis der Macht seiner heiligen Mutter gegeben hatte. Das Wunder war nicht bloß zwei Tage lang zu schauen, es dauerte vom 11. Mai ab, da es von der Gräfin Baldini zum ersten Mal wahrgenommen worden war, bis zum 18. desselben Monats ohne Unterbrechung fort. Es wurde sogar allmählich augenfälliger und häufiger, so dass eine beträchtliche Anzahl von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters und Standes Augenzeugen sein konnten. Der Zulauf des Volkes war so groß, dass einige Zeit hindurch die Kirche Tag und Nacht nicht leer wurde. Nicht nur die Bewohner der Stadt Rimini kamen scharenweise, sondern auch das Landvolk und die Einwohner der benachbarten Städte drängten sich hinzu. Das Gerücht von dem Wunder verbreitete sich in ganz Italien, beinahe in allen Staaten Europas, und bald sah man aus allen Gegenden Fremde ankommen, die zur Mutter der Barmherzigkeit von Rimini ihre Zuflucht nahmen.

 

Am Abend des 19. Mai besuchte der Bischof von Rimini, Herr Salvator Leziroli, der nach reiflicher Untersuchung das Wunder durch einen eigenen Ablass bestätigt hatte, das heilige Bild. Er sah die Augenbewegung so deutlich, dass er am ganzen Körper zitterte, ohnmächtig hinfiel und weinte. Es begleiteten aber auch noch andere wunderbare Vorfälle das Wunder der Augenbewegung. Ein Kranker, der zwanzig Jahre lang mit einem Bruch behaftet war, wurde betend vor dem Bild augenblicklich gesund, und ein Mädchen von sieben Jahren zu St. Giovanni in Marignano, das in Folge einer langen Augenkrankheit ein Auge eingebüßt hatte, erlangte es vor dem Bild wieder. Ein Augenzeuge, der mit seiner Familie eigens eine Reise von Mailand nach Rimini machte, um das Wunder zu sehen, sagte aus: Er und die Seinigen und noch sonst Anwesende haben gesehen, dass das ruhmvolle Bildnis beim Gloria in excelsis im Einklang mit der äußeren Malerei mehr als sonst die Augen aufschlage, diese zu gleicher Zeit bald rechts und bald links bewege und sie dann in ihre frühere Lage zurückversetze. Dieses wiederholte sich am auffallendsten beim Sanktus und in dem Augenblick, da der Priester den Segen erteilte. Alle die zugegen waren, riefen beim Anblick dieses Wunders, jedoch mit gedämpfter Stimme aus: „Seht, seht das Wunder, gepriesen sei die heilige Maria!“ Man weinte und schluchzte allenthalben, und es war niemand zugegen, der beim ersten Anblick des Wunders die Tränen hätte zurückhalten können.

 

Durch dieses Wunder wollte Gott das italienische Volk zur Umkehr bewegen, er wollte es an sich ziehen, damit es in den kommenden Stürmen des Aufruhrs und des Umsturzes alles Bestehenden, nicht vergesse wo allein Friede, Schutz und Zufriedenheit zu finden sei. Eingedenk dessen nun sucht das italienische Volk größtenteils noch Schutz und Hilfe bei der gebenedeiten Gottesmutter, die es denn auch sicher einführen wird in den Hafen des Friedens und des durch ihn bedingten Glückes.

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159. Unsere Liebe Frau zu Trapani auf der Insel Sizilien

 

Im Jahr 1118 taten sich zu Jerusalem neun ritterliche Männer aus Frankreich zu einem heiligen Bund zusammen und legten in die Hände des Patriarchen Garamund die drei Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams ab. Sie wollten unter der Regel des heiligen Augustin leben, setzten aber den ausdrücklichen Schwur bei, dass sie die Straßen des heiligen Landes vor den zahlreichen Räubern schützen, die Wallfahrer zu den heiligen Stätten in Jerusalem, Nazareth und Bethlehem unter sicherem Geleit führen und die Ungläubigen rastlos bekämpfen wollen.

 

Da diese neuen Ordensritter noch keine gemeinsame Herberge, auch keine Kirche oder Kapelle besaßen, so überließ ihnen der König von Jerusalem Balduin II. einen Teil seines Palastes und da der an den sogenannten Tempel Salomos stieß, so erhielten sie von dieser ihrer ersten Wohnung den Namen Templer.

 

Ritterlich und tapfer kämpften diese frommen Ordensritter gegen die Ungläubigen, säuberten die Landstraßen von Räubern und schützten die Wallfahrer im heiligen Land vor den Bedrückungen und Verfolgungen ihrer Feinde. Als aber im Jahr 1187 die heilige Stadt Jerusalem und das heilige Land wieder in die Gewalt der Ungläubigen fiel, da mussten auch die Tempel-Herren, wie man diese Ordensritter nannte, ihre Wohnstätte und das heilige Land trotz ihrer tapferen Gegenwehr verlassen. Mehrere von ihnen bestiegen ein Schiff, um anderswo einen Wohnsitz zu suchen, und nahmen auch ein Bild der Lieben Frau mit sich, das sie hoch in Ehren hielten. Sie segelten mit ihrem geliebten Schatz Italien zu. Allein während der Fahrt erhob sich ein grauenhafter Sturm, doch entkamen sie ihm glücklich unter dem Schutz der gebenedeiten Gottesmutter und landeten auf der Insel Lampedusa. Nachdem sie sich da von der gefahrvollen Fahrt erholt hatten, fuhren sie mit ihrem himmlischen Schatz ab, Italien zu, wurden aber wieder auf dem Meer hin- und hergetrieben und mussten schließlich gegen ihren Willen im Hafen der Stadt Trapani auf der Insel Sizilien landen, wollten sie nicht zugrunde gehen. Sie blieben einige Zeit hier vor Anker liegen. Als das Wetter wieder günstig war, spannten sie wohlgemut die Segel und fuhren sehnsüchtig dem Ziel ihrer Reise zu. Allein kaum waren sie auf der hohen See, als ein Sturm sie wieder in den Hafen Trapani zurücktrieb. Sie versuchten zwei- und dreimal die Abfahrt, allein immer mussten sie auch beim besten Wind zur alten Stelle zurückkehren. Sie wussten nicht, was sie sich denken sollten. Es kam ihnen auch nicht in den Sinn, dass die glorreiche Himmelskönigin ihr geheiligtes Bildnis zur Verehrung in der Stadt Trapani haben wollte. Doch ließen sie bis auf weiteres das Bild zurück und fuhren nach Italien ab.

 

Nach ihrer Abfahrt wurde das heilige Bild einstweilen im Zeughaus aufbewahrt. Als sie aber nach Pisa kamen, einer Stadt in Oberitalien, und dort von dem kostbaren Schatz erzählten, den sie aus dem heiligen Land mitgebracht hatten, trugen die Einwohner großes Verlangen, das heilige Bild zu erhalten. Es wurden also nach Trapani Boten abgeschickt, um das Bild abzuholen. Allein diese mussten unverrichteter Sache wieder abziehen, denn das Bild ließ sich nicht mit fortbringen. Man lud es auf einen Wagen mit Ochsen bespannt, um es an das Meer und zu Schiff zu bringen, allein die Tiere liefen mit samt den Wagen der Kirche des heiligen Leonard zu, wo man bis heute das Andenken an dieses Ereignis abgebildet sieht. Doch auch in dieser Kirche blieb das heilige Bild nicht. Noch ehe man das Bild vom Wagen hob, liefen die Ochsen wieder fort und der Kirche der Karmeliten zu, wo sie stehen blieben und nicht mehr von der Stelle gebracht werden konnten. Nun hob man das Bild vom Wagen und trug es ohne Hindernis in die Kirche. Jetzt erkannte man, dass die Liebe Frau hier in ihrem Bild ihren Sitz aufschlagen wollte. Es kamen nun viele Andächtige, um der Himmelskönigin ihre Verehrung zu bezeigen. Zahlreiche Gnadenerweisungen, die die Hand der heiligen Jungfrau hier austeilte, zogen immer mehr Andächtige herbei. Und noch immer ist das Gnadenbild ein Gegenstand der allgemeinen Verehrung auf der ganzen Insel Sizilien. Das Zusammenströmen am jährlichen Hauptfest ist so groß, dass schon öfters 30.000 Wallfahrer gezählt wurden.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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160. Die St. Marien-Ablass-Kapelle zu Köln am Rhein

 

Zur Zeit, als edle Begeisterung die Herzen der deutschen Männer und Jünglinge durchdrang und sie anspornte, die heiligen Stätten in Palästina aus den Händen der Ungläubigen zu erobern, schloss sich auch ein Kölner Ritter, namens Bruno von Mauenheim dem Kreuzzug Konrad III. an. Bekannt ist das traurige Los, das die Christen bei dieser Unternehmung traf. Gleich vielen andern wurde auch Bruno gefangen, mit Ketten gefesselt und in einen dunklen Kerker geworfen. Nach vielen Misshandlungen bot man ihm endlich die Freiheit an, jedoch unter der Bedingung, dass er seinem Glauben abschwöre.

 

Mit Verachtung wies der Tapfere den schmachvollen Antrag zurück. Dagegen wandte er sich vertrauensvoll an die seligste Jungfrau, die er allzeit verehrt hatte, und suchte hier Schutz und Hilfe. Da erscheint ihm in einem Traumgesicht, von Glorie umstrahlt, die gute Mutter und löst die Ketten von seinen Händen und Füßen. Der Ritter erwacht, die Fesseln liegen am Boden, die Türen des Gefängnisses stehen offen. Auf Mariens Schutz vertrauend entflieht der Unglückliche und erreicht glücklich das ehrwürdige Köln. Schon auf der Flucht hatte Bruno gelobt, aus Dankbarkeit der Mutter des Herrn in Köln ein Kirchlein zu bauen.

 

Sogleich nach seiner Ankunft daselbst erfüllte er das Gelübde. Aber nachdem der Bau vollendet war, schien er ihm zu gering, er ging mit dem Plan um, eine größere Kirche zu bauen. Deswegen befahl er auch, die ihm zu kleine Kirche abzubrechen. Da nun die Werkleute den Auftrag vollzogen, erblickten sie plötzlich an einer Seitenwand ein schön gemaltes Mutter-Gottes-Bild. Man rief Bruno herbei, der zu seinem großen Erstaunen sah, dass das Bild die Züge Mariens besitzt, die er im Traum gesehen hatte. Sofort ließ er auf dieses Wunder hin den Abbruch einstellen und hing zum ewigen Gedächtnis seine Ketten und Sporen in der Kirche auf. Man sieht sie noch heutzutage.

 

Von nun an erschienen Pilger aus allen Gegenden Europas in der heiligen Kapelle und keiner ging ungetröstet von dannen. Einst erschien auch eine Kaiserin zu Köln und wollte das wunderbare Bild mit eigenen Augen sehen. Zuvor aber sollten die alten Farben wieder erneuert werden, der seligsten Jungfrau aber war dies nicht angenehm. Beim Eintritt der Kaiserin verschwand jede Spur der Restauration. Zwei weitere Versuche blieben ebenso erfolglos.

 

So behielt denn das Gnadenbild bis auf den heutigen Tag (1866) seine ursprüngliche Gestalt und wird auch jetzt noch von zahlreichen Pilgern aus Nah und Fern besucht und verehrt.

 

Die Benennung der Kapelle „Maria-Ablass“ leitet sich von uralter Zeit her. Nach der Bußordnung der ersten Christen wurden nämlich hier die Sünder, die öffentlich Buße tun mussten, auch öffentlich vom Priester freigesprochen und in die Kirche wieder aufgenommen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

gemeinden.erzbistum-koeln.de

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161. Unsere Liebe Frau von Arrabida in Portugal

 

Die portugiesischen Matrosen, die im Fluss Tajo bei Lissabon, der Hauptstadt Portugals landen, oder von da das große Weltmeer befahren, unterlassen niemals, zum Berg Arrabida hinaufzusteigen, um dort in der prachtvollen Gnadenkirche Unserer Lieben Frau eine glückliche Fahrt zu erbitten oder zur Danksagung für glückliche Heimkehr und Rettung aus den Stürmen des Meeres ihr Gelübde zu lösen, und ihre Weihegeschenke darzubringen.

 

Die Wände der Kirche sind übersät von Votivtafeln, die Zeugnis geben von der Andacht des Volkes und von dem Vertrauen auf die mächtige Fürbitte der Himmelskönigin, die hier so reichlich Gnaden spendet.

 

Vor Zeiten war der Berg Arrabida noch mit dichtem Holz bewachsen und von dunklen Waldungen umgeben. Da geschah es, dass ein Kaufmann aus England sich zu Schiff nach Portugal begab. Bei dem Ausfluss des Tajo in das Meer überfiel das Schiff ein gewaltiger Sturm in finsterer Nacht. Der gute Kaufmann hatte ein Bild Unserer Lieben Frau bei sich. Da nimmt er seine Zuflucht zu Maria. Wie er flehend seine Hände erhebt, sieht er von Ferne ein ungewöhnliches Licht. Diesem Licht nun zufahrend landen sie bald am Fuß eines Berges, wo sie die Nacht in Ruhe zubrachten. Mit Anbruch des Tages besteigt der Schiffsherr mit den Seinigen den Berg, um sich zu erkundigen, woher das Licht bei der Nacht gekommen war, und was es wohl bedeuten möge. Da fanden sie zu ihrem größten Erstaunen das Marienbild, das der Kaufmann auf dem Schiff gehabt und vor dem er betete. Wie es hierhergekommen war, wusste er nicht. Im Glauben, Unsere Liebe Frau will sich da niederlassen, verkaufte der Kaufmann alle Waren mit dem Schiff, baute der gebenedeiten Mutter Gottes eine Kapelle, sich selbst aber daneben eine Hütte, wo er sein Leben in Übungen der Andacht und Buße zubrachte und gottselig starb. Später wurde den Vätern Franziskanern neben der Kapelle, aus der bald eine herrliche Kirche entstand, ein Kloster erbaut. Die prachtvolle Kirche mit dem Gnadenbild ist der Hauptandachtsplatz der Bewohner von Lissabon, ein Ort des Trostes für Leidende und Bedrängte.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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162. Unsere Liebe Frau Maria Einsiedel bei Gernsheim

 

Die Kirche Maria Einsiedel, oder die Gernsheimer Heiligenkreuzkirche liegt eine halbe Stunde südlich von Gernsheim.

 

Schon früh stand ein Kirchlein da, aber im Jahr 1493 drohte ihr wegen ihres Alters der Einsturz. Weil kein Vermögen vorhanden war, wurde eine Kollekte veranstaltet, die so reichlich ausfiel, dass die neuerbaute Kirche auch der Paramente nicht ermangelte. Damals wurde ihr auch ein Ablassbrief erteilt.

 

Warum diese Kirche schon vor 1400 von Wallfahrern besucht wurde, und besonders in unserer Zeit (1866) auf Mariä Heimsuchung und in der Fastenzeit von Tausenden betreten wird, hat seinen Grund in den Gnadenbildern der seligsten Jungfrau Maria.

 

Das Gnadenbild auf dem Hochaltar, im gläsernen Gehäuse, ist sehr alt. Es war schon vor 1400 da, weil zu jener Zeit die Kirche Maria Einsiedel genannt wurde, obwohl Heiligenkreuzkirche ihre erste Benennung war. Aber von dem anderen Gnadenbild auf dem Nebenaltar zur Linken, ebenfalls in einem Glaskasten die Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm vorstellend, erzählen gute Quellen Folgendes:

 

Im Jahr 1621 verheerten sächsische und deutsche Kriegssoldaten unter Hauptmann Karl von Lichterheld den Flecken Nordhofen in Böhmen. Nach Beute suchend durchwühlten diese Soldaten einen eingeäscherten Platz und fanden in glühender Asche ein unversehrtes Muttergottesbild mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie überbrachten es ihrem Hauptmann, und der, obgleich Protestant, nahm es überall mit sich. Das Kriegsgetümmel versetzte ihn nun nach Seeheim an die Bergstraße, und dort erhielt er im Haus des Freiherrn Adolph von Behren liebevolle Pflege. Da der Hauptmann sah, dass seine Beherberger fromme Katholiken wären, machte er der Gemahlin des Freiherrn, einer geborenen Freien von Frankenstein, mit dem aus Böhmen mitgebrachten Bild ein Geschenk. Sie nahmen es mit herzlichem Dank an und verrichteten vor ihm ihre häuslichen Andachten. Nachdem im Jahr 1622 Freiherr von Behren starb, zog seine Gemahlin nach Zwingenberg und nahm das Bildnis mit sich. Aber im folgenden Jahr rückten schreckenverbreitend sächsische Kriegsvölker gegen die Bergstraße und Frau von Behren flüchtete nach Gernsheim, musste jedoch das Bild zuvor im Brunnen ihres Nachbars Johann Peter Griesmann versenken, um es nicht in die Hände der Kriegsleute fallen zu lassen. Nach kurzem Aufenthalt in Gernsheim verfiel Frau von Behren nach ihrer zweiten Vermählung in eine gefährliche Krankheit. Um Hilfe zu erlangen, gelobte sie das Marienbild wieder in ihre Wohnung zu bringen und davor ihre gewöhnliche Andacht verrichten zu wollen. Sie wurde gesund und erfüllte ihr Versprechen.

 

Doch als die Schweden in Gernsheim einbrachen, wurde das Bild aus Besorgnis in die Pfarrkirche gebracht und an der Kanzel aufgestellt. Endlich ließ der Kriegstumult nach und die seit neunzehn Jahren unterbrochene Wallfahrt nach Einsiedel begann wieder am 2. Juli 1650, indem das Bild in einer feierlichen Prozession nach Einsiedel gebracht wurde. Anfangs stellte man das Bild im Langhaus auf, im Jahr 1668 kam es auf den neugebauten Nebenaltar, wo es sich zur Zeit noch befindet.

 

Diese Stätte wird von vielen Gläubigen des rechten und linken Rheinufers besucht. Die größte Zuströmung ist am Fest Mariä Heimsuchung.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

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163. Unsere Liebe Frau vom Trost zu Turin in Sardinien

 

Drei prächtige Kirchen zu Ehren Unserer Lieben Frau zieren die Stadt Turin, und geben Zeugnis von der Liebe und Verehrung ihrer Fürsten und ihrer Bewohner zur hochbegnadeten Gottesmutter.

 

Außerhalb der Stadt steht auf einem grünen, schönen Hügel, umgeben von prächtigen Landhäusern, die Kirche della gran Madre di Dio „der großen Mutter Gottes“. Sie ist in die Runde gebaut, ungemein groß und herrlich. Die Bürger der Stadt haben diese Kirche als Zeichen ihres Dankes für die glückliche Rückkehr ihres Königs Viktor Emanuel, der vom Kaiser Napoleon seines Reiches beraubt war, auf ihre Kosten gebaut.

 

Ebenfalls außerhalb der Stadt steht auf einem hohen Berg in der Ferne die prachtvolle Kirche Superga zu Ehren unserer lieben Frau. Diese Kirche ist ebenfalls ein Weihgeschenk eines Königs. Von diesem Berg aus beobachteten der Prinz Eugen und der König Viktor Amadeus die Bewegungen der Franzosen, die die Stadt Turin belagerten. Der König, der die Hoffnung aufgab, seine Hauptstadt zu retten, fiel auf die Knie nieder, flehte zu Unserer Lieben Frau und versprach ihr, wenn die Belagerung aufgehoben würde, an eben der Stelle, wo er betete, ihr zu Ehren eine Kirche zu bauen. Seine Bitte fand Erhörung, und es erhob sich die prachtvolle Kirche, die jetzt die Grabstätte der Könige ist.

 

In der Stadt Turin selbst ist die Kirche Unserer Lieben Frau vom Trost eine der schönsten. Die Gläubigen drängen sich beständig dahin, um dort der seligsten Jungfrau, zu deren Verherrlichung ein Bild öffentlich ausgesetzt ist, ein feierliches Zeugnis ihrer Liebe und ihres Zutrauens abzulegen und sich ihrem Schutz zu empfehlen. Schon lange wurde dieses Heiligtum von den Einwohnern geliebt und verehrt, davon geben tausende von Votivbildern und Gold und Marmor Zeugnis, mit denen die Kirche geschmückt ist.

 

Seitdem aber Angela Maria Mafiochi, eine von unbeschreiblich großen Schmerzen gepeinigte und im Spital kranke Person, durch ihr Zutrauen zu dem wundertätigen Gnadenbild plötzlich geheilt worden ist, vermehrte sich die Andacht zu dieser Kirche auf außerordentliche Weise. Mehr als zehn Jahre lang hatte diese Person die furchtbarsten Peinen ausgestanden. Alle ärztliche Hilfe war vergebens. Am Tag des Festes der Geburt Mariens im Jahr 1818 stand sie gegen sieben Uhr morgens vollkommen geheilt auf. Diese plötzliche Heilung wurde von den Ärzten, dem Vorsteher des Spitals, dem Generalvikar des Bischofs und vielen anderen Personen bezeugt.

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164. Unsere Liebe Frau vom Sieg

zu La Rochelle in Frankreich

 

Ein furchtbarer Bürgerkrieg bedrohte Frankreich. Die Hugenotten, die Anhänger des unglücklichen Reformators Kalvin, suchten ihr Vorhaben, aus Frankreich eine Republik zu machen, auszuführen. Es wurden Truppen gegen sie abgesandt, aber dennoch konnten die Kalvinisten aus La Rochelle, dieser berüchtigten Vormauer der Ketzerei, keineswegs verdrängt werden. Im Gegenteil hatten sie die begründetste Hoffnung, ihre Lehre nicht nur Aufrecht erhalten, sondern auch bald in die entferntesten Provinzen verbreitet zu sehen. Karl I., König von England, sendete im Jahr 1627 eine Flotte von hundert Schiffen zur Unterstützung der Einwohner der Stadt La Rochelle und landete mit ihnen an der Insel Re. Zu noch größerem Unglück erkrankte Ludwig XIII. Was tut er in dieser für Kirche und Staat so sehr gefährdeten Lage? Seinen Blick hinwendend auf diejenige, die als die Hilfe der Christen begrüßt wird, gelobte er, die Ehre Mariens auf ausgezeichnete Weise zu befördern, wenn er wiederhergestellt, und die Feinde der wahren Religion und des Staates durch die Waffen besiegt würden. Bald folgte dem Gelübde die gewünschte Wirkung. Am Tag der Himmelfahrt Mariens fühlte er sich gänzlich befreit vom Fieber, das ihn ergriffen hatte, und seine Angelegenheiten begannen eine glücklichere Wendung zu nehmen. Die englische Flotte wurde mit Verlust von achttausend Mann zurückgeschlagen. Eine zweite Flotte musste ohne Erfolg nach England zurückkehren, und die Bemühungen einer dritten, weit stärkeren, wurden gänzlich vernichtet. Rochelle unterwarf sich dem König, der am ersten des Wintermonats dort seinen feierlichen Einzug hielt. Die Festungswerke wurden zerstört, die Gräben ausgefüllt, die Einwohner entwaffnet und die katholische Religion wiederhergestellt. Aus Dankbarkeit für einen so glorreichen Sieg, der dem Kalvinismus einen tödlichen Streich versetzte, ließ Ludwig eine herrliche Kirche erbauen unter dem Namen „Unsere Liebe Frau vom Sieg“. Er wollte sich nicht eher von dieser Stadt entfernen, als bis man den Grund zur Kirche gelegt und er selbst mit königlicher Hand den ersten Stein gesetzt hatte.

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165. Unsere Liebe Frau von der Augenwende

zu Rottweil in Schwaben

 

In der kaiserlichen Reichsstadt Rottweil in Schwaben wurde schon seit langen Zeiten ein Muttergottesbild Unserer Lieben Frau vom heiligen Rosenkranz in der Kirche der Dominikaner verehrt. Diese Verehrung wurde noch gesteigert, als die gebenedeite Jungfrau in diesem ihrem Bild auf wunderbare Weise ihre Teilnahme an dem Geschick der Stadt zu erkennen gab. Als nämlich im Jahr 1633 die Franzosen und Schweden heranzogen, entschloss sich die dem Kaiser treuergebene Stadt, obwohl nicht groß und nicht sonderlich befestigt, zum Widerstand. Der Feind, beim ersten Angriff glücklich zurückgeschlagen, rückte bald mit grobem Geschütz heran, und beschoss die Stadt auf der Seite, die er für die schwächste hielt, aufs heftigste, dass allem Anschein nach innerhalb weniger Tage nicht nur die Mauern, sondern auch die Häuser der Stadt im Schutt liegen mussten. Während in diesen angstvollen Tagen der wehrhafte Teil der Einwohnerschaft auf den Mauern gegen die Feinde kämpfte, lagen Frauen, Kinder und Greise vor dem Bild Mariens in jener Kirche auf den Knien, und flehten zu ihr um Schutz und Hilfe. Am 10. November, nachmittags zwei Uhr, gewahrten die Anwesenden eine Veränderung in den Gesichtszügen des Bildes, sie nahmen den Ausdruck von Schmerz und Trauer an. Länger als zwei Stunden hindurch dauerte die Erscheinung, und nicht bloß die Katholiken, sondern auch die durch den Ruf herbeigezogenen Lutheraner waren Zeugen davon. Sie bekannten, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass kein Betrug stattfindet, offen, es könne die Verehrung heiliger Bilder der Anbetung Gottes nicht entgegen sein. Fünfzehn Tage danach wiederholte sich das Wunder, aber dieses Mal zeigte das Angesicht Mariens Freude und Jubel, und der Anblick erfüllte aller Herzen mit Mut und Hoffnung. Und man täuschte sich nicht in dem, was man erwartete. An selbem Tag noch, am 25. November, wurden die Feinde von den kaiserlichen und bayerischen Truppen überfallen und mussten nach großem Verlust von Duttlingen abziehen und die ganze Gegend räumen. Der ganze Vorfall wurde durch eine vom hochwürdigsten Bischof von Konstanz abgeordnete Kommission geprüft, oberhirtlich bestätigt, und die schriftliche Urkunde darüber veröffentlicht, worin vierundzwanzig Zeugen aus allen Ständen namentlich aufgeführt sind.

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166. Unsere Liebe Frau von der guten Hoffnung

zu Dijon in Frankreich

 

Die Urkunden der Kirche Unserer Lieben Frau von der guten Hoffnung zu Dijon, sowie eine in dieser Stadt alljährlich stattfindende Prozession bestätigen die große Wohltat, die im Jahr 1513 durch die Vermittlung der heiligsten Jungfrau die Einwohner vom Himmel erlangten. Bereits hatten die Schweizer, bei elftausend Mann stark, alles in der Umgebung und die besten Orte Burgunds mit Feuer und Schwert verheert, bis sie sich endlich auch vor der Hauptstadt des Herzogtums sammelten und sie belagerten. Die Einwohner waren in großer Bedrängnis und nahmen, nachdem bei einer fast allgemeinen Trostlosigkeit alle menschlichen Mittel erschöpft waren, ihre Zuflucht zur seligsten Jungfrau, deren wundertätiges Bild in einer ihrer Kirchen hohe Verehrung genoss. Sie hielten eine feierliche Prozession durch die Stadt, bei der das Bild Unserer Lieben Frau von der guten Hoffnung getragen wurde, und flehten die Mutter des Herrn auf das Inständigste an, sie möchte ihnen in dieser äußersten Not hilfreich beistehen. Die Mutter der Güte, die immer ein offenes Auge in der Bedrängnis der ihrigen hat, erhörte alsbald ihre Bitten. Denn kaum war die Prozession vorüber, so begannen die Schweizer nachzulassen und ihren Sinn so zu verändern, dass sie nach drei Tagen Unterhandlungen mit den Belagerten anknüpften, die Belagerung aufhoben und sich in ihr Land zurückzogen. Da dieses Ereignis zwei Tage vor dem Fest Mariä Geburt geschah, so tat man das feierliche Gelübde, das Gedächtnis dieser Befreiung für ewige Zeiten zu bewahren und alljährlich am 6. September eine feierliche Prozession zu halten, wobei das Bild Unserer Lieben Frau von der guten Hoffnung durch die ganze Stadt getragen und der himmlischen Befreierin für die so ausgezeichnete Wohltat Dank gesagt werden sollte.

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167. Das Liebfrauenbild zu Montepulciano in Italien

 

Zu Montepulciano stand schon in frühen Zeiten eine Kirche zu Ehren der heiligsten Jungfrau. Graf Manni Gallerani, der Kommandant des nicht weit davon gelegenen Schlosses, hielt diese Kirche für den Kriegszweck nachteilig und für die Verteidigung des Schlosses hinderlich, und gab daher den Befehl, sie niederzureißen. Nichts desto weniger trugen die Bürger von Montepulciano immer noch große Ehrfurcht gegenüber diesem Ort, wo sie so oft die Mutter des Erlösers verehrt hatten. Besonders war das weibliche Geschlecht über die nutzlose und willkürliche Zerstörung des Gotteshauses untröstlich und kam scharenweise herbei, um vor gänzlichem Verschwinden der Kirche noch von dem Marienbild, vor dem es so oft die Mutter des Herrn angerufen hatte, Abschied zu nehmen. Unter diesen frommen Frauen zeichnete sich besonders Margarita, von Florenziola gebürtig, aus. Sie hatte aus besonderer Liebe zu Maria aus den Händen des seligen Bonaventura von Pistoja das Kleid der dritten Ordens-Schwestern erhalten, und lebte in aller Unschuld und Tugend als eine echte Dienerin Mariens. Als sie die schon begonnene Zerstörung der Liebfrauenkirche vernahm, wurde sie sehr betrübt und war entschlossen, alles anzuwenden, um wenigstens das Gnadenbild vor der Vernichtung zu retten. Sie eilte daher zur Stelle und kam gerade noch zur rechten Zeit, denn die zur Abtragung der Kirche befehligten Soldaten wollten soeben das Bild zu Boden werfen. Margarita, tief ergriffen von dem ihre andächtige Seele verwundeten Schauspiel, sparte weder Bitten noch Versprechungen, um die harten Soldatenherzen zu bewegen, ihr das geliebte Bild zu überlassen. Nach langem Zaudern wurde es ihr endlich gegeben, und froh des erhaltenen Schatzes eilte sie nach Hause und stellte dort das Bild auf, vor dem sie nun täglich in andächtigem Gebet den Schutz der Himmelskönigin anrief.

 

Nach zwei Jahren, während der Zeit dieses Gnadenbild sich immer im Haus der Margarita befand, wollte Maria die Andacht ihrer treuen Dienerin belohnen. Sie erschien ihr öfters im Schlaf, und ermahnte sie, das Bild an den vorigen Ort zu bringen, zugleich aber auch dem Volk zu verkünden, dass sie es sehr wohlgefällig aufnehmen würde, wenn man die zerstörte Kirche samt einem Kloster ihrer Diener wieder aufbaute. Obschon Margarita nicht zweifelte, dass diese Erscheinungen keine leeren Träume seien, sondern wirklich von Maria kommen, so dachte sie doch in ihrem Herzen, was Mose zu Gott sprach: „Sie werden mir nicht glauben, noch auf meine Stimme hören, sondern sie werden sagen: der Herr erschien dir nicht.“ (Exodus 4,1) Zudem wollte sie sich nicht so leicht von einem Schatz trennen, den sie so sehr liebte und mit großer Mühe erlangt hatte. Sie ließ daher die Sache auf sich beruhen, bis endlich Maria ihren Befehl auf wunderbare Weise erneuerte.

 

Am 25. Mai im Jahr 1357, am Sonntag nach dem Fest der glorreichen Himmelfahrt Christi, um vier Uhr morgens, als Margarita ein sanfter Schlaf überfallen hatte, wurde sie auf einmal durch den lieblichsten Wohlgeruch aufgeweckt, der das ganze Zimmer erfüllte, und als sie die Augen aufschlug, sah sie Engel im herrlichsten Glanz, die das Marienbild in ihren Händen hielten. Maria aber redete sie mit folgenden Worten an: „Margarita, weil du mich mit deinen eigenen Händen nicht hast zurücktragen wollen an den Ort, woher du mich genommen hast, so wirst du sehen, dass dies statt deiner die Engel tun werden. Du aber, die du mir allezeit wegen deiner Einfalt und Frömmigkeit lieb gewesen bist, säume jetzt nicht – denn ich bin es, die es di befiehlt – dem Volk von Montepulciano zu sagen, es soll alsbald meine Kirche wieder aufbauen. Und zum Zeichen, dass dies mein Wille sei, soll ihm dienen, dass du, sobald du dieses wirst verkündet haben, sogleich von mir zum himmlischen Vaterland wirst abgeholt werden.“

 

Zu gleicher Zeit stieg, um dem Volk den Willen der heiligsten Jungfrau noch deutlicher zu zeigen, von dem nahen Schloss eine feurige Säule auf von ungemeiner Höhe, worauf das von Margarita bisher aufbewahrte Bild erblickt wurde, von neun heiligen Engeln umgeben, die in der einen Hand hellschimmernde Fackeln, in der anderen wohlriechende Blumen hielten, und die Luft mit lieblichem Gesang erfüllten. Auf dieses Zeichen wurde alles Volk aus dem Schlaf aufgeweckt, und Männer und Frauen eilten, das Wunder zu schauen. Mit Staunen sahen sie die Feuersäule mit dem Muttergottesbild immer näher rücken, bis sie an dem Ort der zerstörten Kirche stand, und hörten die Engel wunderlieblich das Ave Maria singen. Endlich, als sich die Säule ganz auf den Boden niedergelassen hat, drängt sich die von Maria abgeschickte Rednerin Margarita unter dem Volk hervor, erklärt ihm die gehabte Erscheinung, erzählt den ganzen Verlauf der Sache, wie sie dieses Bild seit der Zerstörung der Kirche in ihrem Haus aufbewahrt und verehrt habe, selbes aber jetzt die heiligen Engel an den gegenwärtigen Ort trügen, weil Maria verlange, dass ihr die Kirche wieder aufgebaut werde, dass ihr, dieses kundzugeben, von Maria aufgetragen wurde, sollen sie daraus entnehmen, dass sie gleich jetzt aus diesem Leben scheiden werde. Das Volk entschloss sich einmütig, das Gotteshaus wieder herzustellen. Margarita aber kniete, nachdem sie ihre Rede vollendet hatte, in Gegenwart des ganzen Volkes nieder, hob die Hände zu dem wundertätigen Marienbild auf, grüßte die heilige Jungfrau zum letzten Mal mit einem andächtigen Ave Maria und gab heiteren Angesichts ihren Geist auf, der von Maria und den heiligen Engeln zum Genuss der ewigen Freuden in den Himmel eingeführt wurde.

 

Das wunderbare Liebfrauenbild wird nicht nur immerfort in einer besonderen Kapelle der neuerbauten Kirche andächtig verehrt, sondern es wird auch jährlich zum Andenken an das wunderbare Ereignis am Sonntag nach Christi Himmelfahrt eine besondere Feierlichkeit begangen unter großem Zulauf des Volkes. Ja, damit diese Feierlichkeit nie unterbleiben sollte, hat ein dortiger Einwohner, Caspar Thaddäi, den 3. Februar 1445, in seiner letzten Willenserklärung gewisse Grundstücke dem Servitenkloster daselbst zu diesem Zweck vermacht. 

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168. Unsere Liebe Frau zu Kaltern in Tirol

 

Paul Selva, ein Einwohner des Dorfes St. Nikolaus (oder Oberdorf) in der Pfarrei Kaltern, war ein großer Verehrer Mariens, und kaufte sich, um seine Andacht besser zu pflegen, von einem wälschen Maler, der Bilder zum Verkauf anbot, ein großes und wunderschönes Muttergottesbild. Dieses Bild war ihm äußerst wert, weil es ihm noch innigere Hochachtung und Liebe zur heiligsten Jungfrau einflößte. Täglich pflegte er seine Hausgenossen um dieses Bild zu versammeln, und in Andacht den heiligen Rosenkranz zu beten. So verrichtete er auch am 14. März 1733, einem Samstag, um acht Uhr abends mit seiner frommen Familie beim Lampenschein vor seinem lieben Bild aufs Andächtigste die gewöhnliche Andacht. Während der Andachtsübung bemerkte Johann Selva, der Bruder des Hausvaters Paul, einen glänzenden Schweiß auf dem Marienbild. Erstaunt hierüber blieb der Junge doch still bis zum Ende des Gebetes, weil er die Andacht nicht stören wollte. Nach Beendigung des Gebetes war es sein erstes, den Bruder auf die Erscheinung, die er während des Gebetes beobachtet hatte, aufmerksam zu machen. Paul sah sogleich am Bild nach, und bemerkte wirklich, dass es mit Schweiß benetzt war. Um noch deutlicher zu sehen, als es ihm beim Schein der Lampe möglich war, nahm er ein helleres Licht und überzeugte sich nun vollends von der Wahrheit der Wundererscheinung. Er fühlte dabei eine unbeschreibliche Freude, doch wollte er nicht seinen Sinnen allein trauen, und rief zuerst zwei verständige Nachbarn, Johann Morandell und Joseph Frank. Sie sahen genau das, was jedes gesunde Auge sehen musste. Es wurde nun die Sache für wichtig genug gehalten, um auch den Ortsgeistlichen davon in Kenntnis zu setzen. Der – Stephan Basgiera – kam, und stellte seine Beobachtungen an. Er nahm das Bild herab, besichtigte es von allen Seiten aufs genaueste, und sah ganz deutlich, wie die Mutter Gottes mit Schweiß überronnen war, obwohl hinterher die Tafel Staub und Spinnengewebe überdeckten und man also den Schweiß nicht der Feuchtigkeit der Wand zuschreiben konnte. Dessenungeachtet forschte er doch nach, ob die Erscheinung nicht etwa aus einer anderen natürlichen Ursache könnte erklärt werden, aber er fand keine, und musste etwas Übernatürliches anerkennen. Doch sagte er zu Paul Selva nichts von einem Wunder, weil er der höheren geistlichen Behörde nicht vorgreifen wollte, sondern drückte sich nur dahin aus, dass an der Sache etwas Besonderes sein könnte.

 

Mit Blitzesschnelle verbreitete sich indessen in ganz Kaltern und in den umliegenden Orten der Ruf von diesem Ereignis. Die Leute drängten sich Tag und Nacht scharenweise in das Haus des Johann Selva, um das wunderbar schwitzende Bild zu sehen und zu verehren. Dieses Gedränge, sagt das über die ganze Sache aufgenommene Protokoll, konnte dem Hausvater nur lästig sein. Darum bat er den hochwürdigen Herrn Basgiera, er möchte das Bild in die Kirche von St. Nikolaus tragen lassen, er mache es ihr zum Geschenk. Er wünschte dies um der Leute willen, damit alle um so leichter ihre Andacht verrichten könnten. Der Geistliche getraute sich anfangs nicht, das Bild öffentlich aufzustellen, weil ihm aber Johann Selva mit seinen Bitten immer mehr anlag, brachte er es doch endlich in aller Stille in die Kirche.

 

Unterdessen wurde die Verehrung des Bildes immer allgemeiner und lebhafter, sogar von Innsbruck wallfahrtete schon eine fromme Schar zu ihm, und man sah sich zuletzt genötigt, das unleugbare, von unzähligen Augenzeugen bestätigte Wunder bei der höheren geistlichen Behörde in Trient zur Prüfung vorzulegen.

 

Von Trient wurde nun Thomas Von Poda, Dechant und Pfarrer von Wälschmetz, ein tiefgelehrter Mann, nach Kaltern beordert, um den ganzen Vorgang mit möglichster Umsicht zu prüfen. Poda kam unverzüglich, besah in Gegenwart vieler Zeugen das Bild, bemerkte an ihm von beiden Augen herab, wie auch unter dem Kinnbein, einen zwei Finger breiten Schweiß, der sich rechts über den Schleier verbreitete. An der Unterleiste des Rahmens nahm er noch drei große Tropfen wahr, die über das Bild herabgeronnen waren. Obwohl er all dies deutlich sah, traute er seinen Augen allein nicht, und wollte sich auch durch das Gefühl überzeugen. Daher wischte er die Schweißtropfen weg, bestrich mit den nassgewordenen Fingern die trockenen Flächen des Bildes, und sah, dass auch sie benetzt wurden. So hatte er sich einmal vom Schweiß des Bildes vollends überzeugt. Jetzt wollte er aber erst prüfen, ob nicht irgend ein Betrug unterlaufen sei. Er forderte deswegen eine Menge von Augenzeugen unter einem Eid auf, zu bekennen, was man beim Entstehen des Schweißes bemerkt habe, wie man mit dem Bild verfahren sei, und wie es mit dem Leumund der Selva`schen Familie stehe. Aber je mehr Fragen er stellte, desto mehrere schlagende Beweise bekam er, dass wirklich die göttliche Allmacht sich hier wunderbar gezeigt habe. Auch eine zweite Untersuchung in Gegenwart vieler Zeugen am 30. Mai ergab genau das Nämliche, was Thomas von Poda das erste Mal, am 14. April, gesehen hatte.

 

Mit außerordentlicher Feierlichkeit wurde am Fest der heiligsten Dreifaltigkeit das erwähnte Bild auf seinen Thron erhoben. Jüngst verstorbene Augenzeugen beteuerten, nie ein solches Freuden fest gesehen oder auch nur von einem solchen gehört zu haben. Der Ruf von dem Wunderbild verbreitete sich in kurzer Zeit durch ganz Tirol, ja selbst in die benachbarten Länder, und alsbald fanden sich aus Bayern, Schwaben, Steiermark, Kärnten usw. fromme Pilger ein. Mit augenscheinlichen Wundern lohnte Gott das Vertrauen der Betenden, und dadurch stieg noch mehr das Vertrauen und die Andacht, so dass man in allen Nöten, in allgemeinen und besonderen, bei dieser Gnadenmutter Hilfe sucht, und nicht vergebens sucht, wie unter anderem die zahlreichen Votivtafeln bezeugen, womit die Wände behängt sind.

 

Im Jahr 1833 wurde die erste hundertjährige Gedächtnisfeier des teuren Bildes durch die Pfingstfeiertage unter allgemeiner Teilnahme aufs Feierlichste begangen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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169. Die Wallfahrtskirche zu Neukirchen

bei Heiligen Blut im Bayerischen Wald

 

Auf dem Tabernakel des Hochaltares in der Pfarr- und Wallfahrtskirche zu Neukirchen bei heiligen Blut, im bayerischen Wald an der böhmischen Grenze, steht ein von Holz geschnitztes Bild der heiligen Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm, zu dem zahlreiche Wallfahrer aus Bayern und Böhmen alljährlich herbeiströmen. Die Krone auf dem Haupt der seligsten Jungfrau, aus einer Masse mit dem Bild, ist bis tief in die Stirn des Bildes selbst gespalten und am Gesicht bemerkt man Flecken. Hierüber berichtet die Chronik Folgendes:

 

In der Nähe des Marktes Neukirchen stand eine Feldkapelle, und in ihr ein altes, etwa anderthalb Schuh hohes geschnitztes Muttergottesbild mit dem göttlichen Kind auf dem linken Arm, das beim Pflügen eines Feldes ausgeackert worden war. Da geschah es im Jahr 1450, dass der Dorfrichter von Walowa, der der hussitischen Irrlehre ergeben war, in Geschäften nach Neukirchen kam. Als er nach Beendigung seiner Geschäfte auf dem Rückweg in seine Heimat bei der Kapelle vorbeiritt, erblickte er in ihr das Marienbild. Da entbrannte in der Brust des Hussiten eine fanatische Wut gegen das katholische Heiligtum. Er sprang vom Pferd, band es an, trat in die Kapelle, riss das Bild vom Altar, warf es von einer Ecke der Kapelle in eine andere, und schließlich, um es ganz zu vernichten und dem vermeintlichen Aberglauben der Katholiken diese Nahrung zu entziehen, in den etwa zwanzig Schritte von der Kapelle entfernten Schöpfbrunnen. Nun kehrte er zu seinem Pferd zurück, aber als er noch einen Blick in die Kapelle warf, sah er zu seinem größten Erstaunen, das ihm verhasste Bild an seinem vorherigen Ort auf dem Altar stehen. Mit erneuter Wut schleuderte er es zum zweiten Mal in die Tiefe des Brunnens. Da er nach dieser Tat zur Kapelle zurückkehrte, fand er das Bild wieder auf dem Altar, als wäre es gar nicht berührt worden. Nun stürzt er in die Kapelle, reißt das Bild zum dritten Mal vom Altar, greift wie ein Wahnsinniger nach seinem Säbel und spaltet mit gewaltigem Hieb dem Bild die Krone und das Haupt tief in die Stirn bis zum rechten Auge. Und Wunder! Was geschah? Der Wunde entströmte rosenfarbenes Blut und floss über Stirn und Wangen herab. Als dies der fanatische Bilderstürmer bemerkte, war er tief erschüttert. Er fühlte, dass er es hier mit einer höheren Macht zu tun habe. In seiner Angst und Verwirrung suchte er die Flucht zu ergreifen, schwang sich auf sein Pferd und wollte davonjagen, aber er mochte das Pferd mit Peitsche und Sporen antreiben, er konnte es nicht von der Stelle bringen, es stand von einer unsichtbaren Macht gehalten. In dem Wahn, verzaubert zu sein, und es wären die Hufeisen an der Festbannung des Pferdes Schuld, riss er ihm die vier Eisen von den Hufen. Aber auch das half nichts, er konnte nicht von der Stelle kommen. Endlich erkannte er mit Entsetzen die Größe seines begangenen Frevels. Von Reue ergriffen, eilte er in die Kapelle und stürzte hin zu den Füßen des misshandelten Bildnisses. Da lag nun der vorher so wütende Bilderstürmer umgewandelt in einen reumütigen Büßer. In diesem Augenblick kamen Reisende dieses Weges, die in der Kapelle das geschehene Wunder und den bekehrten Bilderstürmer erblickten. Er erzählte ihnen unter Tränen den ganzen Vorfall und bat sie um ihre Fürbitte. Bald fühlte er auch in seinem Inneren, dass ihm Gott durch die Fürbitte Mariens seine Freveltat verziehen habe, und, nachdem er zum immerwährenden Andenken das Schwert, womit er den Hieb auf das Bildnis geführt, und die Hufeisen in der Kapelle zurückgelassen hatte, konnte er ungehindert in seine Heimat reisen und dort seine Bekehrung vervollständigen.

 

Die Kunde von dieser wunderbaren Begebenheit verbreitete sich bald durch den reumütigen Bekehrten in Böhmen und durch die nach der Tat zur Kapelle gekommenen Reisenden in der Umgebung Neukirchens. Der Zudrang des Volkes zur Kapelle aus Neugierde und Andacht wurde aus Bayern und Böhmen immer größer, besonders als daselbst sehr häufig wunderbare Bekehrungen und Heilungen vorkamen, und nahm endlich so stark zu, dass die Vergrößerung der Kapelle ein dringendes Bedürfnis wurde. Herzog Ludwig von Bayern (gestorben im Jahr 1545) ließ die Kapelle zu einem Kirchlein erheben, später wurde es zu einer nicht unansehnlichen Kirche vergrößert und von Fürstbischof Albert IV. von Regensburg zu Ehren Mariens als Pfarrkirche eingeweiht. Auf dem Hochaltar steht, wie schon gesagt, das wundertätige Bildnis und über der Sakristeitür sind unter einer Gemäldetafel mit alter Inschrift die oben erwähnten Hufeisen angebracht. In der Sakristei selbst befindet sich der Brunnen, in den das Gnadenbild wiederholt geworfen worden war, dessen Wasser von vielen Andächtigen als Heilmittel gegen Augenkrankheiten und Lähmungen der Glieder angewendet wird. Neukirchen ist wohl die besuchteste Wallfahrt des Bayerischen Waldes, und wenn es auch an gewöhnlichen Tagen nicht an einzelnen Wallfahrern fehlt, so sind es doch besonders die Feste der Mutter Gottes, das Fest ihrer Himmelfahrt und Geburt, nebst zwei anderen Kirchenfesten, an denen die Kinder Mariens singend und betend von allen Seiten mit wehenden Fahnen unter Glockengeläut in großen Scharen heranziehen. Besonders rührend und schön ist es, so viele Wallfahrerzüge aus Böhmen hier zu sehen, gleichsam als wollten sie jetzt die Schuld sühnen, die einst ein irrender Vorahn an dem Muttergottesbild zu Neukirchen begangen hat. Sie finden im dortigen Franziskanerkloster auch immer einen Pater, der der slavischen Sprache kundig ist, um ihr Gewissen durch die heilige Beicht reinigen zu können, wenn sie dies nicht schon in der Heimat getan haben.

 

Große Wunder:

 

Es ist die Weise des Lügners von Anbeginn, dem Menschen, um ihn zur Sünde zu bringen, die Barmherzigkeit Gottes so groß und die einstige Bußwirkung so leicht hinzustellen, hat er ihn aber dadurch um Unschuld und Gnade gebracht, ihm dann Gott nur als unversöhnlichen Richter und die Bekehrung als unmöglich darzustellen, um ihn so in seinen Schlingen zu erhalten, wenn der Gedanke an Besserung sich regt. Dies erfuhr auch ein Bürger aus Schüttenhofen in Böhmen, Melchior Grünenwald mit Namen. Tief in Sünde und Laster versunken, wusste er lange Zeit die Stimme des Gewissens zu unterdrücken. Frech übertrat er göttliche und kirchliche Gebote, und lebte, als gäbe es keinen ewigen Richter. Endlich stellten sich ihm seine Sünden, die er vorher nicht achtete und wie Wasser in sich hinein trank, in einer solchen Größe und Abscheulichkeit dar, dass sie, wie er meinte, Gott nicht mehr verzeihen könne. Er glaubte fest, unabänderlich zu denen zu gehören, die beim Gericht einst auf die linke Seite gestellt werden. Alle Hoffnung der Buße und der Seligkeit beiseite setzend, verharrte er ein ganzes Jahr in völliger Verzweiflung. Endlich, auf unablässliches Anmahnen und Ermuntern gottseliger Mitbürger, entschließt er sich, zu der Neukirchner Gnadenmutter mit einem Opfer zu wallfahrten und gleichwohl zu versuchen, ob er wider den Geist der Unbußfertigkeit, der ihn auf dem Weg des Verderbens mit aller Gewalt dahinriss, in diesem Marianischen Haus noch einen Schutz finden könne. Kaum war der Entschluss gefasst und das Versprechen gemacht, so verminderte sich sogleich in seinem Herzen die unmäßige Furcht vor der Hölle dergestalt, dass er mit großer Hoffnung nach Neukirchen kam, der Kirche und dort dem Beichtstuhl zueilte, und nach abgelegter Sündenlast und innigster Danksagung gegenüber Gott und Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, gänzlich bekehrt nach Hause kam.

 

Ein Mensch, in einem Dorf unweit von München geboren, führte schon lange ein höchst unchristliches, gottloses Leben. Ungescheut überließ er sich allen Ausschweifungen, und alle Bitten und Ermahnungen seiner Freunde und Vorgesetzten konnten keine Änderung seines Lebens bewirken. Er schien auch das Maß der Sünden wirklich erfüllt zu haben, als der sonst so leichtsinnige, gegen alle Vorstellungen unempfindliche Mensch in den entgegengesetzten Zustand, der tiefsten Schwermut und der Verzweiflung an Gottes Barmherzigkeit verfiel. Er versicherte, in einer Nacht, als er etwas schlummerte, eine Stimme gehört zu haben, die ihm zweimal mit großem Nachdruck zurief: „Du bist verloren, du bist ewig verdammt!“ Entsetzt und zitternd vor Schrecken sprang er aus dem Bett, fiel auf die Knie und seufzte und betete: „O Herr, lass mich nicht verloren gehen, lass mich nicht verdammt werden: ich verspreche dir, mich zu bessern und einen christlichen Lebenswandel zu führen.“ Von dieser Zeit an gelüstete ihn nicht mehr nach den sündhaften Lustbarkeiten, es kann ihn nichts mehr an die Orte und in die Gesellschaften locken, ohne die er früher nicht leben zu können vermeinte. Beständig klingen ihm die schrecklichen Worte in den Ohren: „Du bist verloren, du bist ewig verdammt.“ Da er nun fest glaubte, sein Urteil sei unabänderlich und er könne nie mehr Verzeihung erlangen, so versank er in dumpfes, verzweifeltes Hinbrüten. Er wollte weder den Himmel ansehen, von dem er ja für ewig ausgeschlossen sei, noch wollte er essen und trinken, um durch Entziehung der Nahrung sein Lebensende zu beschleunigen und seine Seele in den für sie bestimmten Ort der Hölle hinabzusenden. So brachte er mit Entziehung fast aller Speise, unter Seufzen und Heulen, ein halbes Jahr dahin. Sein Anblick erregte teils Mitleid, teils Entsetzen. Freunde und Bekannte, Geistliche und Weltliche, suchten ihn zu trösten, indem sie ihm die Kraft der Verdienste unseres Erlösers und die unendliche Barmherzigkeit Gottes zu Gemüte führten – alles vergebens. Er hörte die freundlichsten und trostreichsten Worte an, wie ein unempfindlicher Stein, und blieb stumm, oder sagte, wenn man ihn bewegen wollte, Nahrung zu nehmen und nicht selbst sich das Leben abzukürzen: „Ich bin verdammt. Wozu essen, wozu trinken? Was nützt es mir noch länger zu leben?“ Endlich erzählt ihm jemand von dem marianischen Gnadenort Neukirchen vom heiligen Blut: wie hilfreich sich da die heilige Jungfrau zeige, wie schon mehrere nicht bloß die verlorene leibliche Gesundheit, sondern auch den Frieden des Herzens und das Heil der Seele gefunden haben. Man redet ihm zu, dahin sein Vertrauen zu setzen, den Ort zu besuchen und Maria um das ewige Heil zu bitten. Sein Herz wird erweicht. Er nimmt den Rat an, macht die weite Reise und begrüßt in der Wallfahrtskirche jene, die einer ihrer größten Verehrer, „die Hoffnung der Hoffnungslosen“ nennt. Und Maria, „auserwählt wie die Sonne“, zerstreut die finsteren Wolken, die so lange dieses Gemüt umlagert hatten. Er fasst Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, schöpft gute Hoffnung seines ewigen Heils, reinigt sein Gewissen durch das heilige Sakrament der Buße, lebt und stirbt als gottseliger Büßer und preist jetzt wohl dort vor ihrem himmlischen Thron in der Schar der Geretteten Maria, die Zuflucht der Sünder, die Trösterin der Betrübten.

 

Der böhmische Freiherr Michna von Weitzenau wurde vom Kapitän de la Cruz, der einen heimlichen Groll gegen ihn trug, aber unter dem Schein der Freundschaft in sein Haus gekommen war, meuchlings angefallen, und teils vom Kapitän, teils von dessen Dienern übel zugerichtet. Herr von Michna hatte den Kapitän zu Tisch geladen und begegnete ihm mit aller geziemenden Höflichkeit, die er zum Schein auch erwiderte. Beim Abschied aber, an der Tür des Hauses, bis wohin ihn der arglose Hausherr begleitete, zückte der verstellte Freund den Degen und stieß ihn dem Herrn von Michna tief in den Leib, und mit diesem ersten Stoß noch nicht zufrieden, führte er einen zweiten. Seinem Beispiel folgten nun auch die Soldaten, die ihren Kapitän damals bedienten, griffen zur Wehr und schlugen und stießen dergestalt auf Herrn von Michna los, dass neben der Hauptwunde sieben durchstoßene Stellen in seinem Goller zu zeigten. Der herbeigeholte Arzt konnte nicht genug staunen, in dem so Zugerichteten noch Leben zu finden, und wie er nach kurzer Zeit wieder nach den Wunden sah und sie schon eine Spanne weit zugeheilt fand, konnte er sich nicht enthalten, laut zu rufen: „Wunder, ein großes Wunder! Das ist ein Werk Gottes!“ Dieses Werk Gottes, diesen wundervollen Schutz musste Herr von Michna und alle, die die Wunden sahen und die Aussage des Verwundeten vernahmen, der allerseligsten Jungfrau Maria zuschreiben. Sobald nämlich Herr von Michna die Gefahr erkannte, in der er sich befand, gleich nach dem ersten Stoß, empfahl er sich voll Vertrauen Unserer Lieben Frau von Neukirchen bei heiligen Blut, und gelobte im Herzen, wenn sie ihn aus den Händen dieser mordsüchtigen Menschen errettete, von Prag aus, ohne eine warme Speise zu genießen – bei Wasser und Brot fastend – nach Neukirchen zu wallfahrten, und dies nicht nur einmal, sondern alle Jahre, so lange er am Leben und diese Wallfahrt zu verrichten im Stande wäre. Kaum war dieser Ruf seines Herzens zu Maria erhoben, so zeigte sich die Hilfe der mächtigen und gütigen Jungfrau auch schon unverkennbar: der zweite Stoß, der auf das Herz gedrungen war, wurde von ihm abgewendet, die Waffen der Soldaten durchlöcherten zwar das Goller, nicht aber den Leib des Herrn von Michna.

 

Johann Englhart, aus der Gegend um Landshut in Oberbayern gebürtig und seines Gewerbes ein Müller, wurde in einer schweren Krankheit des Augenlichtes also beraubt, dass er zwölf volle Jahre weder seiner Arbeit nachkommen, noch ohne Führer gehen konnte. Fast all sein Vermögen verwendete er auf Mittel, die dieses Übel beheben sollten, allein vergebens. Da erbarmte sich die mildreiche Mutter Maria dieses nun zweifach armen Menschen: Sie erschien ihm dreimal im Schlaf, und zwar in der Gestalt des Gnadenbildes zu Neukirchen bei heiligen Blut, und lud ihn liebevoll ein, eine Wallfahrt dahin vorzunehmen, mit der Zusicherung, dass er dort die so lange vergeblich gesuchte Hilfe finden werde. Er folgt der Ermahnung, lässt sich von Ort zu Ort an einem Stecken führen und kommt endlich nach sechs Wochen zu Neukirchen an. Seine erste Einkehr nach so beschwerlicher Reise war in der Gnadenkirche, wo er seinen Tränen freien Lauf ließ. Mit den Tränen der Rührung und des Schmerzes ist auch die Nacht aus den Augen gewichen, die sich nun sehend zum Gnadenbild erheben und mit Tränen der Freude und des Dankes füllen.

 

Vitus Wowas, ein zehnjähriger Junge, von Liditz in Böhmen gebürtig, wurde von einem so schlimmen Zustand befallen, dass er geraume Zeit weder gehen noch stehen konnte. Die angewendeten Arzneimittel, für die die Eltern keine Kosten scheuten, hoben das Übel nicht, und das einzige, was sie dem armen Kind noch erweisen konnten, war ein zwar herzliches, doch fruchtloses Mitleiden. Endlich doch, wie es zu geschehen pflegt, nachdem das Übel über alle natürliche Hoffnung angewachsen war, richteten die Eltern Sinn und Vertrauen auf übernatürliche Hilfe, und ermahnten den Jungen auch dazu, mit der Anmerkung: er solle sich einen berühmten Gnadenort auswählen und eine Wallfahrt geloben. Sie wollten ihm dahin das Geleit geben, und ihr Gebet mit seinem vereinigen. Sie nannten ihm mehrere dergleichen durch himmlische Gnadenwunder berühmte Orte in Böhmen. Aber zu keinem von diesen wollte der Kranke zustimmen. Schließlich nannten sie auch Neukirchen beim heiligen Blut. Kaum hatte der Junge diesen Namen gehört, so rief er sogleich: „Ja, nach Neukirchen verlobe ich mich.“ Und seht das Wunder – schon der kräftige Wille wurde von Maria gütig aufgenommen und huldreich belohnt. „Plötzlich waren, wie bei dem Lahmgeborenen in der Apostelgeschichte, seine Schenkel und Fußsohlen gestärkt“, und er in den Stand gesetzt, in Begleitung der Eltern frisch und gesund nach Neukirchen zu kommen, das Kleid seiner wunderwirkenden Helferin unter häufigen Tränen andächtig zu küssen, und, was sich mit ihm Wundervolles zugetragen hat, öffentlich zu erzählen.

 

Krumm und lahm sein, ist ein großes Elend, aber wahrhaft doppelt hart für einen, der sich mit Handarbeit sein Brot verdienen und das Leben fristen soll. Unter diesem traurigen Zustand seufzte schon drei Jahre Jakob Fellner aus Hollenburg in Sachsen. Nur mittelst der Krücken konnte er sich einherschleppen. Nachdem er, wie leicht zu denken, mit härtester Mühe den weiten Weg aus seiner Heimat nach Neukirchen beim heiligen Blut (im bayerischen Wald) gemacht hatte, konnte er die leidigen Stützen der erlahmten Glieder zum Denkmal der durch Maria erlangten Wohltat daselbst vor ihrem Gnadenbild zurücklassen und freien und festen Fußes den Rückweg antreten.

 

Ein Bauersmann im Landgericht Neuburg in der oberen Pfalz, mit Namen Johann Beutl, wurde von feindlicher Nachbarschaft bei der Obrigkeit also verleumdet, dass er eingezogen und sieben volle Jahre in harter Gefangenschaft gehalten wurde. Schließlich gedenkt Margaritha, seine Ehefrau, der wundertätigen Gnadenmutter zu Neukirchen (bei heiligen Blut), verrichtet dahin eine Wallfahrt, klagt Maria ihre Not und bittet um Hilfe. Als der ägyptische Joseph ganz unschuldig in den Kerker geworfen wurde, seufzte er vielmals zu Gott um Hilfe. Sein Gebet wurde zwar erhört, aber nicht so bald. Auch nachdem der königliche Mundschenk, dem Joseph seine Begnadigung vorhergesagt hatte, in Freiheit und in sein voriges Amt eingesetzt war, verflossen noch zwei Jahre, bis auch Joseph befreit wurde. Hier, in der Angelegenheit, in der Margaritha zur Mutter Gottes von Neukirchen gekommen war, verzog sich die Hilfe nicht so lange. Da sie noch auf dem Rückweg von ihrer Wallfahrt begriffen war, erfuhr sie schon, dass ihr Ehemann auf freien Fuß gestellt worden war, und seine Verleumder gebührend bestraft worden seien.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

Wallfahrtskirche-Neukirchen-b.Hl.Blut

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170. Das Liebfrauenbild zu Sardenaida in der Türkei

 

Zu Damaskus, der berühmten Hauptstadt Syriens, lebte im neunten Jahrhundert eine vornehme und reiche Frau von erprobter Tugend und Frömmigkeit, und besonders der heiligsten Jungfrau in aller Andacht ergeben. Nach dem Tod ihres Gatten konnte sich die fromme Witwe zu keiner zweiten Ehe entschließen. Um allen Bewerbungen und den Zerstreuungen in der geräuschvollen Hauptstadt sich zu entziehen und um dem Dienst Gottes und der Sorge für ihr Seelenheil in ländlicher Abgeschiedenheit sich ungestörter widmen zu können, zog sie sich auf einen Landsitz, Sardenaida genannt und etliche Meilen von Damaskus entlegen, zurück. Dieser Ort wurde bald ein berühmter Wallfahrtsort, dessen Ursprung die fromme Sage so erzählt:

 

Die genannte Witwe ließ daselbst, um dem Gebet desto besser sich widmen zu können, in ihrer Wohnung ein Oratorium, und um auch ihren Mitmenschen Gutes zu erweisen, und so die Lebensweise Marias und Marthas vereinigend, nicht weit davon ein Hospiz erbauen, in dem die Pilger auf ihrer Reise in das Heilige Land Herberge und liebevolle Pflege fanden. Unter anderen beherbergte sie einmal in diesem Haus der Wohltätigkeit einen Pilger aus Konstantinopel auf seiner Wallfahrt nach Jerusalem. Bei seiner Abreise ersuchte sie ihn, er möchte ihr von Jerusalem ein Muttergottesbild mitbringen, das sie in ihrem Oratorium aufstellen wolle. Der Pilger versprach es. Aber erst, als er schon eine gute Strecke von Jerusalem auf der Rückreise entfernt war, erinnerte er sich wieder seines Versprechens, kehrte zurück, und kaufte in der Stadt ein schönes Bild der Mutter Gottes von solcher Größe, dass er es bequem in seinen Reisebündel packen konnte. Der Weg zwischen Jerusalem und Sardenaida war damals nicht ohne Gefahr für die Reisenden, sowohl wegen der wilden Tiere als auch wegen raubgieriger Menschen, die sich dort aufhielten. Auch unser Pilger sollte sie durch eigene Erfahrung kennen lernen. In der Gegend, die in der Landessprache Gieth genannt wird, wurde er zu seinem größten Schrecken einen Löwen gewahr, der ihm entgegenkam. Aber bald verwandelte sich die Furcht des Mannes in Staunen und Verwunderung, als das Tier zu ihm herankroch, sich wie ein zahmes Lämmchen benahm, in ehrerbietiger Stellung verblieb und den Wanderer ungehindert ziehen ließ. Kaum aber war er der Gefahr entronnen und wenige Stunden weit fortgegangen, als er in eine neue geriet. Räuber sprängen plötzlich hervor und stürzten mit fürchterlichen Drohungen auf ihn los – doch auf einmal blieben sie stumm und unbeweglich stehen, und der Pilger konnte wieder ungehindert seinen Weg fortsetzen. Es konnte nicht zweifelhaft sein, wem er seine Rettung aus der doppelten Gefahr zu verdanken habe. Er pries Gott und die allerseligste Jungfrau, durch deren Bild, das er bei sich trug, der Wut wilder Tiere und tierartiger Menschen Einhalt getan worden war. Aber um so teurer musste ihm dieses Bild werden, und er konnte sich nicht entschließen, sich von ihm zu trennen. Auch mochte er denken, dem Bild würde in Konstantinopel, der bevölkerungsreichen Stadt, mehr Ehre erwiesen als in dem einsamen Sardenaida, und die Witwe könnte sich leicht ein anderes Bild für ihre Andacht verschaffen.

 

Darum umging er Sardenaida und stieg zu Achon zu Schiff, um seine Reise in die Heimat fortzusetzen. Aber bald nach der Abfahrt drehte sich der Wind und es entstand ein solches Unwetter, dass das Schiff und alle, die sich darauf befanden, in die augenscheinlichste Gefahr des Untergangs gerieten. Der Pilger, hierüber erschrocken und gemahnt durch die Vorwürfe des Gewissens, hielt dafür, dass der Sturm wegen seines Wortbruchs entstanden sei und dass die allerseligste Jungfrau ihr Bild nicht in Konstantinopel, sondern in Sardenaida haben wolle. Er bat sie um Verzeihung, und gelobte, wenn die heilige Jungfrau ihnen von ihrem göttlichen Sohn Hilfe und Rettung aus dieser Gefahr erflehen würde, unverzüglich ihr Bild an den Ort seiner Bestimmung bringen zu wollen. Voll Zuversicht nahm er das Bild aus seinem Reisesack, hob es gegen den zürnenden Himmel, und rief mit Herz und Mund um Erbarmen und Schonung für sich und seine Reisegesellschaft. Und siehe, augenblicklich legte sich der Sturm, der Himmel heiterte sich auf, und die Wellen legten sich. Alle erkannten in dieser plötzlichen Veränderung die wunderbare Hilfe Gottes, und es gelang dem Pilger, den Schiffsherrn, dem er das ganze in Betreff des Bildes erzählte, zur Umkehr zu überreden, um sich und die seinigen nichts neuerdings dem Zorn des Himmels und einer zweiten Gefahr auszusetzen.

 

In Achon wieder an das Land gesetzt, begab sich der Mann mit dem Bild nach Sardenaida und fand mit vielen anderen in der Behausung der Witwe gastliche Aufnahme. Die Witwe erwähnte das Bild mit keinem Wort, sei es, dass sie, in züchtiger Hut ihrer Augen männlichen Personen gegenüber, den Pilger nicht erkannte, oder dass sie ihn nicht beschämen und in Verlegenheit bringen wollte, wenn er ihren Auftrag aus Vergessenheit nicht erfüllt hätte. Er jedoch deutete dieses Stillschweigen dahin, dass ihr an dem Bild wenig gelegen sei und fasste erneut den Entschluss, es nach Konstantinopel zu bringen. Vor seiner Abreise begab er sich noch in das Oratorium des Hauses, um ein kurzes Gebet zu verrichten und sich den Segen des Himmels für seine weitere Reise zu erbitten. Als er jedoch nach verrichtetem Gebet das Oratorium verlassen wollte, konnte er die Tür nicht finden, so lange er auch suchte. Er erkannte daraus, Maria wolle an diesem Ort in ihrem Bild verehrt werden, für den es von Anfang an bestimmt war, und so nahm er es denn aus dem Reisesack und stellte es auf den Altar. Nachdem das geschehen war, fand er ohne Mühe die Tür. Aber kaum war er aus dem Oratorium getreten, als ihn die Reue ankam, und der Wunsch, das Bild, das ihm so lieb geworden war, mit sich zu nehmen, erneut in ihm erwachte. Die Vorwürfe des Gewissens, das ihn davon abmahnte, suchte er durch allerlei Scheingründe zu beschwichtigen, und die vorige Verhinderung, den Ausgang aus dem Betsaal zu finden, der frühen Morgenzeit und der Dunkelheit des Ortes zuzuschreiben, und wirklich kehrte er wieder zurück, nahm das Bild vom Altar und wollte sich damit entfernen. Es erging ihm jedoch wie zuvor, er konnte bei aller Aufmerksamkeit und nach allen Versuchen die offengelassene Tür nicht finden. Jetzt wurde endlich sein Widerstand überwunden. Er bat die heilige Jungfrau um Verzeihung, stellte das Bild auf den Altar und sprach: „O heilige Mutter, ich habe nun mehr als zur Genüge erkannt, dass du hier bleiben willst, aber ich kann mich von dir nicht trennen. Da du mir nicht in meine Heimat folgen willst, so soll von nun an hier bei dir meine Heimat sein.“ Er erzählte nun der Witwe alles, was sich mit dem Bild zugetragen hatte, kehrte nicht mehr nach Konstantinopel zurück, sondern siedelte sich in Sardenaida an und brachte sein übriges Leben dort im Dienst und in der Verehrung der zu ihm so gnädigen Himmelskönigin in diesem wunderbaren Bild zu. Aber noch viele andere erlangten durch dieses Bild wundervolle Gnaden und die Andacht zur jungfräulichen Mutter zu Sardenaida zog bald zahlreiche Besucher und Verehrer Mariens von nah und fern herbei. 

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171. Die Schneekapelle in Arnstorf in Niederbayern

 

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts richtete eine fromme uns unbekannte Hand in der feierlichen, andachterweckenden Einsamkeit des Waldes, der einst fast ganz Arnstorf dicht umzog, , und gegenüber dem wilden Gehügel des Gaisberges irgendein Altärchen oder Kapellhüttchen auf, teils um in der ernsten Waldesstille, wo das deutsche Gemüt „sonst so gerne betete“, selbst ungestört beten zu können, teils auch, um anderen Gelegenheit zur stillen Betrachtung, so wie zum Gebet und zum erquickenden Herzensverkehr mit der Mutter und Zuflucht aller Bedrängten und Betrübten zu geben.

 

Etwa fünfzig Jahre lang mag die gnadenvolle Engelkönigin in der traulichen Waldeseinsamkeit die Huldigungen ihrer Kinder und andächtigen Verehrer entgegengenommen und die schweigenden Bäume der Wildnis zu schweigenden Zeugen ihrer unversiegbaren Liebe und vieler gespendeter Wohltaten und getrockneter Tränen gehabt haben, da lichtete sich das Dunkel des Waldes immer mehr und damit auch die Zukunft der kleinen, aufkeimenden Wallfahrt.

 

Der damalige Besitzer des unteren Anteils Arnstorfs: Franz Joseph Christophorus Ignatz Freiherr von Closen, Herrn zu Gern, Hainberg, Aufhausen und Jägerndorf und herzoglicher bayerischer Kämmerer, lebte mit seiner Gemahlin Viktoria, geborene Gräfin von Laiblfing, in kinderloser Ehe. In dieser für die besagten hohen Gatten betrübenden Lage, wendeten auch sie ihre Augen vertrauensvoll zum  nahen Gnadenbild im Wald, und gelobten, für den Fall ihrer Erhörung als Opfer der Dankbarkeit über das hochgeschätzte Bild ein Kirchlein bauen zu wollen. Wirklich sahen die frommen Gatten alsbald ihr Gebet erhört, denn am 19. Mai 1723 wurde ihnen ein Söhnlein geboren, das in der heiligen Taufe die Namen Max Joseph, Christophorus, Franz von Paula, Wolfgang, Johann Nepomuk empfing und die Freude und der Trost seiner Eltern wurde.

 

Aber schon vor erfolgter Geburt des erflehten Kindes scheinen die Closen`schen Ehegatten an die Verwirklichung ihres Gelübdes gegangen zu sein. Ganz wahrscheinlich ist daher, dass die Kapelle anfangs nur einfach benediziert, und erst im Jahr 1751 am 15. Mai von dem frommen Kardinal und Fürstbischof von Passau, Joseph Dominikus Graf von Lamberg laut Urkunde feierlich eingeweiht wurde, der zugleich verordnete, dass das Kirchweihfest der Kapelle jährlich am dritten Sonntag nach Pfingsten begangen werden sollte, was laut traditionellen Berichten viele Jahre hindurch mit der Zutat geschah, dass jährlich auch am Maria-Schneefest (5. August) in der Votivkirche ein feierlicher Gottesdienst, verbunden mit einem großen Beichtkonkurs stattfand, wobei die ehrwürdigen Pater Franziskaner von Eggenfelden und einige Säkularpriester im Freien die Beichten der Pilger und Andächtigen hörten, dass sich allmählich auch das ländliche Kirchweihfest-Charakteristikum, ein kleiner Jahrmarkt um das Gotteshaus herum, ansetzte, ist leicht denkbar und Tradition. Statt des sonst so feierlichen Kirchweihfestes finden nunmehr am Maria-Himmelfahrtsfest nur noch ein einfaches Amt statt, wozu noch einige Messen den Herbst hindurch und der Frauen-Dreißiger, der darin abgehalten wird, kommen.

 

Neben der Kirche steht ein Wohnhaus, ehedem die Klause eines Einsiedlers, eines Fraters des dritten Ordens, der zugleich Kirchenwächter und Sakristan war. Der letzte Klausner, der noch im besten Gedächtnis ist, hieß Frater Anton Sodlmeier, war seines Zeichens ein Tischler und unterrichtete nebenbei die Kinder des nur gegen vierhundert Schritte entlegenen Marktes.

 

Und um auch in Worten ein Porträt der Kirche sowohl im Innern als im Äußern zu erlangen, bemerkte ich, dass die Kapelle vierunddreißig Fuß beiläufig in die Länge und zweiundzwanzig Fuß in die Breite misst. Der Turm bildet den Eingang oder die Vorhalle. Gegenüber der Eingangstür ist der Altar, der einzige im ganzen Kirchlein. Er ist von Holz und marmorfarbig, weist keine Kostbarkeit, aber doch Geschmack auf. In einer Nische in der Mitte des Altars ist von einer Engelglorie umjubelt und umschwebt das hochverehrte Gnadenbild im Silberkleid und von einem goldreichen Mantel umflossen. Das Gnadenbild ist ein Schnitzwerk von altdeutscher, sinnreicher Meisterhand. Denn würdevolle, milde Anmut mit herzgewinnender Freundlichkeit strahlt lieblich vereint aus dem edlen Gebilde, das gegen zwei Schuh Höhe haben mag, und nach altherkömmlicher Weise mit vielem Goldflitterwerk umgeben und geschmückt ist. Über dem Gnadenbild ist das Closen`sche Adelswappen angebracht und zu Oberst schwebt Gott Vater in einer strahlenden Lichtwolke.

 

Die Kapelle hat ein Barvermögen von siebzehnhundert Gulden, aber sonst keine Kostbarkeiten in Paramenten und Kirchengeräten. 

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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172. Unsere Liebe Frau Maria-Hilf bei Amberg

in der Oberpfalz

 

In Mitte der Oberpfalz, östlich von der Stadt Amberg, erhebt sich auf einem mit blühenden Gartenanlagen und üppigen Bäumen bepflanzten Berge, der Maria-Hilfberg heißt, eine der allerseligsten Jungfrau geweihte stattliche Kirche.

 

Über den Ursprung dieser Gnadenkirche lässt sich Folgendes angeben:

 

Es war zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als die Stadt Amberg, ohnehin schon hart mitgenommen durch die Drangsale eines langjährigen Krieges, mit dem ärgsten aller menschlichen Übel heimgesucht wurde. Es brach nämlich in eben dem Jahr, in dem die Oberpfalz durch die verheerenden Einfälle der Schweden Unsägliches zu dulden hatte, nämlich im Jahr 1633, die Ruhr aus, und im nächsten Jahr (1634) folgte die Pest. Schon in ihrem Beginn war diese Seuche so heftig, dass täglich achtzehn bis zwanzig Personen dahinstarben, und von Tag zu Tag steigerte sich ihre Wut dergestalt, dass im Laufe der Monate Juli und August gegen vierzig täglich dahingerafft wurden. Viele Häuser, ja ganze Straßen, so die Ziegel- und obere Nabburgergasse, waren gänzlich entvölkert. Zur Pest gesellte sich auch noch die Hungersnot.

 

Unbeschreiblich war damals der Jammer der hartbedrängten Stadt. Die armen Erkrankten lagen da entblößt von aller Pflege und starben dahin ohne die heiligen Sakramente, denn auch die Priester hatte die Seuche nicht verschont. Das damalige Franziskanerkloster war ganz ausgestorben. Nur die ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu erschienen noch als die rettenden Engel. Sie sorgten gleichmäßig für die Bedürfnisse des Leibes und der Seele. Als alle irdischen Mittel zur Abwendung der Pest vergebens versucht waren, und man die Überzeugung gewonnen hatte, nur eine höhere Hand könne helfen, riet der damalige kurfürstliche Studienrektor und Vorstand des Jesuitenkollegs, Pater Kaspar Hell, es solle die ganze Einwohnerschaft zu Maria, der mächtigen Helferin der Christen, ihre Zuflucht nehmen. Die Bürger machten seinem Rat zufolge das feierliche Gelübde, auf dem jetzigen Maria-Hilf-Berg der Mutter Gottes eine schöne Kapelle zu erbauen. Für diesen Zweck der damalige Stadtkommandant Graf von Wahl allein dreihundert Gulden hergab. Nun stand an der Stelle, an der gegenwärtig der Hochaltar der Maria-Hilfberg-Kirche steht, ein alter Wachturm. Ihn verwandelte man so gut es in der Eile eben ging, in eine Kapelle. Der Pater Kaspar Hell erbot sich, für diese Kapelle ein dem Jesuitenkollegium gehöriges schönes Muttergottesbild herzugeben, das in besonderer Verehrung stand, weil es einmal in einer Feuersbrunst wunderbar erhalten worden war. Am 3. September 1634 übertrug man dieses Bild in einer Prozession in die Kapelle. Auf dem Berg angekommen, übersetzte man das Bild in die Kapelle. Von dieser Stunde an starb niemand mehr an der Pest, und die bereits davon Ergriffenen genasen schnell und wunderbar. Zur dankbaren Erinnerung an diese durch Mariens Fürbitte von Gott erlangte Hilfe, nannte man den Berg, auf dem man die Kapelle errichtet hatte, Maria-Hilfberg.

 

Im Frühling des Jahres 1635 begann man schon den Aufbau einer schönen Kapelle. Bei den wiederholten Einfällen der Schweden geriet jedoch das Werk in Stockung und man vergaß die durch Maria erhaltene Hilfe und das gegebene Versprechen. Da trat im Jahr 1638 die Pest von neuem auf und raffte schnell nacheinander mehrere aus der vornehmeren Bürgerschaft hinweg. Unter anderen auch die Frau und zwei Söhne des damaligen Bürgermeisters Clemens Simon. Man erkannte hierin den mahnenden Finger Gottes, nahm den unvollendeten Bau wieder auf, und kaum hatte man begonnen, so erlosch auch diesmal wieder die Pest. Als im Jahr 1641 der Bau vollendet war, begann man mit der inneren Ausschmückung, und als die nichts mehr zu wünschen übrig ließ, wollte man zur Verschönerung des äußeren Anblicks der Kapelle im Jahr 1646 das Dach mit verzinntem Blech decken lassen. Schon war man mit dieser Arbeit fast zu Ende, als, wahrscheinlich durch die Unvorsichtigkeit der mit dem Verlöten des Bleches beschäftigten Arbeiter, Feuer entstand und das Werk mehrerer Jahre größtenteils zerstörte. In Kurzem war die ganze Kapelle ausgebrannt. Nur eines blieb mitten im Feuer unverletzt, es ist das jetzt noch auf dem Hochaltar befindliche Gnadenbild. Schon früher war es mitten im Feuer unverletzt erhalten worden, und nun wiederholte sich dasselbe Wunder. Hierin lag eine große Aufmunterung, das Kirchlein wieder herzustellen. Man besserte die schadhafte Mauer aus und im Jahr 1649 wurde der Dachstuhl aufgesetzt. Nachdem auch ein neuer Altar hergestellt, und die Kapelle im Innern gehörig ausgeschmückt war, wurde sie am 2. Juli 1651 vom damaligen Weihbischof von Regensburg, dem hochwürdigen Herrn Sebastian Denich, mit großer Feierlichkeit eingeweiht.

 

Als die Menge der frommen Wallfahrer von Jahr zu Jahr größer wurde, und sich durch ihre Opfergaben ein nicht unbedeutendes Vermögen gesammelt hatte, so beschloss der Magistrat im Jahr 1696, die Kapelle in eine große geräumige Kirche umzubauen. Schon im nächsten Jahr wurde mit diesem Werk begonnen, und der Bau im Jahr 1703 vollendet. Im Inneren der Kirche stellte man neun Altäre her, nämlich: den Hochaltar mit dem Gnadenbild zur Ehre der seligsten Jungfrau, unter dem Titel „Maria-Hilf“ und acht Seitenaltäre. Als alles fertig war, wurden die Kirche und die Altäre vom damaligen Weihbischof von Regensburg, dem hochwürdigsten Herrn Ernst Albrecht Grafen von Wartemberg, feierlichst eingeweiht. Den Dienst als Wallfahrtspriester übernahmen damals schon die hochwürdigen Patres Franziskaner, vier an der Zahl, denen man im Jahr 1704 ein Hospiz gebaut hatte. Im Jahr 1720 erbaute man den Turm und seit dieser Zeit hatte der ganze Bau bereits seine jetzige Gestalt. Aber der innere Schmuck der Kirche nahm von Jahr zu Jahr zu.

 

Eine wesentliche Verschönerung erhielt der Hochaltar im Jahr 1754, indem man den unteren Altaraufsatz, den Tabernakel, die Rahmen des Gnadenbildes mit gutvergoldetem Kupferblech überziehen und mit Silber reich verzieren ließ. Bald wurde auch ein derartiges Antependium, silberne Leuchter, schöne Messgewänder etc. hergestellt. Und es vergeht wohl kein Jahr, in dem nicht diese Kirche neuen Zuwachs bekäme an Schönheit und Schmuck, sowohl durch die Opferwilligkeit der Gläubigen, als auch durch den unermüdlichen Eifer der ehrwürdigen Franziskaner. Und so nimmt denn fort und fort zu die äußere Zierde des Maria-Hilfberges und der Kirche. Aber die größte Zierde, die höchste Schönheit dieses Tempels ist die sich stets mehrende Menge von Gläubigen, die sich hier einfinden zur andächtigen Verehrung der seligsten Jungfrau. So groß und geräumig auch die Kirche ist, so ist sie doch häufig nicht imstande, die Menge der Andächtigen zu fassen. Besonders ist dies immer der Fall in der Oktav von Mariä Heimsuchung, dem Titularfest dieser Kirche, wo tagtäglich viele Wallfahrtszüge aus den umliegenden Pfarreien und auch aus weiterer Ferne ankommen. Die größte Schar der Gläubigen aber fand sich ein zur Zeit der Jubiläen, die mit Genehmigung des Päpstlichen Stuhls in den Jahren 1684, 1734, 1784, 1834 feierlichst begangen wurden. Groß war immer der Zudrang der Gläubigen. Bei dem letzten zweihundertjährigen Jubiläum aber, das im Jahr 1834 gefeiert wurde, erhob sich sozusagen die ganze Oberpfalz, und auch aus weiter Ferne kamen Wallfahrer, um Mariä zu huldigen und den Jubiläums-Ablass zu gewinnen.

 

Die meisten von denen, die diese rührende Jubelfeier mit eigenen Augen gesehen und das Glück genossen hatten, sie mitmachen zu können, haben schon oftmals den Wunsch geäußert, nur noch einmal so ein Jubiläum zu erleben, und ihr Wunsch ging im Jahr 1859 in Erfüllung. Denn in diesem Jahr waren es gerade zweihundertfünfundzwanzig Jahre, seitdem das Gnadenbild in den Wachtturm übersetzt wurde. Der hochwürdigste Bischof Ignatius von Regensburg begutachtete den Wunsch vieler frommer Bürger der Stadt Amberg, erwirkte vom Heiligen Vater Pius IX., durch ein eigenes Breve vom 24. Mai 1859 alle Ablässe und Vollmachten für die Beichtväter, wie sie nur bei allgemeinen Jubiläen gewährt zu werden pflegten. Der Heilige Vater verlieh ferner durch ein zweites Breve für die 10 folgenden Jahre einen vollkommenen Ablass für alle jene, die vom 1. bis 10. Juli beim Besuch der Gnadenkirche die heiligen Sakramente reumütig empfangen würden. Um seine innige Verehrung der Gottesmutter öffentlich an den Tag zu legen und zugleich durch sein Beispiel seine Bistumsangehörigen zu gleicher Andacht aufzurufen, hat der hochwürdige Bischof von Regensburg selbst geruht am 1. Juli abends sechs Uhr, nachdem von der Stadt eine großartige Prozession sich zum Maria-Hilfberg bewegt hatte, durch eine feurige Predigt die Feier des Jubiläums zu eröffnen. Zahllose Pilger aus der Nähe und Ferne, Prozessionen mit der Geistlichkeit an der Spitze, Wallfahrerzüge selbst aus Franken und Böhmen, zogen die Tage vom 1. bis 10. Juli singend und betend den Maria-Hilfberg hinan. Unvergesslich werden diese Tage in den Herzen der Pilger bleiben. Noch immer wallen alle Arten von Bedrängten zu Maria-Hilf, und alljährlich am Fest Mariä Heimsuchung und die Oktav hindurch können die zahlreichen Beichtväter kaum dem Drang der Pilger genügen, die ihre Herzen in der heiligen Beicht reinigen wollen, um desto wirksamer zur reinsten Jungfrau und Mutter des Herrn beten zu können.

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

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173. Unsere Liebe Frau von Piazza in Sizilien

 

Seit dem neunten Jahrhundert hatten die Sarazenen, diese gefährlichen Feinde des Christentums, auf Sizilien festen Fuß gefasst und bedrohten von da aus verschiedene Gegenden Italiens mit ihren räuberischen Einfällen. Im 11. Jahrhundert erhob sich der tapfere Graf Roger, der jüngste Sohn Tankreds, gegen sie, entschlossen das christliche Land von der beständigen Furcht vor diesen Feinden zu befreien. Um den heldenmütigen Roger noch mehr zu ermuntern und des göttlichen Schutzes zu versichern, schickte ihm der damals regierende Papst Nikolaus II. eine Kriegsfahne von Seide, auf der die allerseligste Jungfrau mit dem Jesuskind aufgemalt war. Roger erfocht mehrere glänzende Siege über die Sarazenen und vertrieb sie schließlich ganz aus Sizilien.

 

Nachdem der Krieg beendet war, schenkte Graf Roger die Fahne der Stadt Piazza, die in der Mitte der Insel Sizilien lag. Die Bewohner von Piazza schnitten das Bild Unserer Lieben Frau mit dem Jesuskind aus der Fahne heraus und setzten es in der größten Kirche ihrer Stadt zur Verehrung aus. Nach einiger Zeit brach auf der Insel Sizilien eine Revolution aus, bei der die Stadt Piazza ganz zerstört wurde. Viele Bürger hatten, als sie aus der Stadt flohen, ihre größten Kostbarkeiten mitgenommen, um sie in Sicherheit zu bringen. Einige fromme Verehrer Mariens dachten auch an das Muttergottesbild und verbargen es an einem nur wenigen Leuten bekannten Ort unter der Erde. Und als diese Menschen verstorben waren, wusste niemand mehr, wo der kostbare Schatz verborgen sei.

 

Nach einiger Zeit wurde erlaubt, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Dies geschah auch auf einem Hügel, der von der früheren Stadt eine Viertelstunde entlegen war. In kurzer Zeit war das neue Piazza bevölkert und nun erinnerte man sich auch wieder an das einst so hoch verehrte Muttergottesbild, suchte es viele Jahre lang, aber vergebens, bis es der seligsten Jungfrau gefiel, einem frommen Priester in einer Erscheinung den Ort zu bezeichnen, wo vor achtzig Jahren ihr Bild verborgen worden war. Dieser fromme Priester und andächtige Verehrer der Mutter Gottes hatte diese Erscheinung im Jahr 1345, gerade in einer Zeit, da die Pest in Sizilien wütete, und daher das geängstigte Volk der Fürbitte der Himmelskönigin bedürftig war. Als nun der Priester dem Magistrat von Piazza die Anzeige von der ihm gewordenen Erscheinung machte, fand er sich sogleich bereit, an dem bezeichneten Ort nachgraben zu lassen. Dieser Ort war der, wo die frühere Stadt gestanden war. Da wurde nun eine feierliche Prozession dahin veranstaltet und sogleich mit dem Nachgraben begonnen. Bald kam man auf einen Pfeiler der alten Kirche, unter dem sich das heilige Bild befand. Es war auf Seide gemalt und auf eine Tafel geleimt. Groß und allgemein war die Freude über die Entdeckung des kostbaren Schatzes. Kaum war das Bild zur Verehrung ausgesetzt, so hörte auch schon die Pest in der Stadt auf. Diese erste große Gnade war aber nur der Anfang von vielen anderen, die in demselben Grad sich vermehrten, als die Andacht und das Vertrauen auf die Mutter der Gnade zunahm.

 

Aus Dankbarkeit erbauten die Einwohner von Piazza auf dem höchsten Punkt des Hügels, auf dem die neue Stadt steht, zu Ehren Unserer Lieben Frau eine Kirche, die der früheren an Schönheit nicht nachstand. Von der ganzen Insel wallfahrteten Leute dahin, und noch jetzt nimmt man zur Zeit der Dürre, die in dieser Gegend sehr häufig stattfindet, zu Unserer Lieben Frau in Piazza seine Zuflucht und mit solchem Erfolg, dass das heilige Bild vom Volk den Beinamen Saccara erhalten hat, ein Wort, das so viel als Regenspenderin bedeutet.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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174. Unsere Liebe Frau von Roc-Amadour in Frankreich

 

In einiger Entfernung der berühmten Handelsstadt Cahors liegt in einer wilden gebirgigen Einöde der ehemals durch ganz Frankreich berühmte Gnadenort Unserer Lieben Frau von Roc-Amadour.

 

Eine alte Volkssage will wissen, dass der Zöllner Zachäus, den Jesus bekehrt hatte, nach dem Tod des Heilandes und seiner Auffahrt hierhergekommen sei, um in dieser Wildnis zu büßen und zu sterben. Er habe das uralte Gnadenbild mitgebracht und in einer Felsenhöhle aufgestellt. Eine andere Überlieferung aber sagt, dass um das dritte Jahrhundert nach Christi Geburt ein unbekannter Mann dieses Bild hierhergebracht habe. Die düstere erhabene Gegend voll zackiger Felsen, die über die enge, tief eingebogene Schlucht hervorragen, durch die ein Strom sein Gewässer wälzt, das Tal der Finsternis genannt, entsprach dem Gemüt des Einsiedlers. Schafhirten, die ihn hier antrafen, und oft von weitem auf den steilen Höhen der wilden Berge herumsteigen sahen, nannten ihn Amator rupis (Felsenliebhaber), woraus dann in der Mundart des Volkes der Name Amador, oder Amadour wurde.

 

Das kleine Muttergottesbild, ähnlich jenen, die die Christen des neubekehrten Galliens in hohlen Eichen zur Verehrung aufstellten, wurde bald bekannt und berühmt durch die Wundergaben, die die Gebete der Pilger auf Fürbitte der Mutter Gottes erlangten. Die Wallfahrer wurden immer zahlreicher und bald wurden sie so viele, dass am Fuß der Felsenhöhle, wo das Gnadenbild stand, eine ansehnliche Stadt sich erhob. Eine Kirche wurde über dem Wunderbild gebaut, und zum Schutz des Heiligtums oberhalb des Turmes der Kirche in erstaunlicher Höhe eine Burg hergestellt.

 

Unter dem heiligen Kaiser Karl dem Großen wurde der Wallfahrtsort sehr berühmt. Sein Neffe, der berühmte Ritter Roland, kam im Jahr 778 nach Roc-Amadour, und schenkte der heiligen Jungfrau eine Gabe von Silber, so schwer, als sein mächtiges Schwert, und nach seinem Tod wurde dieses Schwert selbst nach Roc-Amadour gebracht.

 

Im Jahr 1170 machte König Heinrich II. von England das Gelübde einer Wallfahrt dahin, wenn er von seiner langwierigen Krankheit genesen würde. Er genas wirklich und bestieg nun die Felsenhöhle, um sein Gelübde zu lösen und reiche Geschenke niederzulegen. Auch der heilige König Ludwig von Frankreich mit seiner frommen Mutter Blanka und seinen drei Brüdern besuchte die Liebe Frau von Roc-Amadour, um dort zu beten und zu opfern. Im 14. Jahrhundert war dieser Gnadenort bereits so berühmt, dass zur Zeit des Krieges jeder Pilger ungehindert dahin wallen konnte.

 

Unter den Votivbildern, die die Wände der heiligen Kapelle zieren, zeichnen sich besonders zwei durch die Person aus, die sie darstellen. Der fromme Bischof und treue Diener Unserer Lieben Frau, Franz Fenelon, ist auf dem einen als kleines Kind in der Wiege vorgestellt und auf dem anderen als Jüngling, kniend vor dem Bild Unserer Lieben Frau. Seine fromme Mutter hatte ihn nämlich schon als kleines Kind der Mutter Gottes von Roc-Amadour geweiht.

 

Da er auf der Hochschule in der nahen Stadt Cahors studierte, stieg er öfters zur heiligen Gnadenstätte hinauf, und hier war es, wo er seine ersten Dichtungen der heiligen Jungfrau weihte. Nahe bei der Kirche war auch das Grab seiner lieben Mutter, die bei der Mutter Gottes ruhen wollte, hier sah man ihn oft knien, weinen und beten.

 

Viele Jahrhunderte war die Gnadenkapelle von Roc-Amadour eine Zufluchtsstätte für alle Betrübte und Leidende. Da kam das unglücksvolle Jahr 1592. Die Protestanten, angelockt von den Schätzen, die fromme Herzen der Gottesmutter geopfert hatten, bemächtigten sich der Burg, zerbrachen die Kreuze, verwüsteten die Kirche, verstümmelten die Bilder, schmolzen die Glocken ein und gaben den Leib des heiligen Einsiedlers Amator den Flammen preis. Was die Protestanten noch verschonten, das vernichteten die gottlosen Männer der Revolution im Jahr 1793. Gegenwärtig wächst Gras über den Türmen der Stadt, die herabgestürzt in Trümmern liegen. Auf den Ruinen der Burg erheben sich junge Bäumchen, zwischen den Fugen der herrlichen Treppe von 278 Stufen drängen sich Disteln und Dornen hervor. Durch die verfallene Kapelle streicht der Wind, aber dennoch steigen noch fromme Pilger hinauf, und noch fährt Unsere Liebe Frau fort, in ihrem verwüsteten Heiligtum Wunder zu wirken.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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175. Wallfahrtskirche Frohnberg bei Hahnbach

in der Oberpfalz

 

 In dem lieblichen Tal, das die fischreiche Vils bewässert, am linken Ufer dieses Flusses, 1 ½ Poststunde von Vilseck, liegt der Markt Hahnbach. Die sanfte, von einem Tannenwald beschattete Anhöhe, die sich dicht vor dem südlichen Teil des Marktes – am rechten Ufer der Vils – erhebt, ziert die freundliche Wallfahrtskirche Frohnberg.

 

Drei Altäre schmücken das Innere. Das Gemälde des Hauptaltares stellt in lieblicher Weise die glorwürdige Himmelfahrt der seligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria dar. Dicht über dem Tabernakel befindet sich in einem reichverzierten fünf Schuh hohen und dreieinhalb Schuh breiten gläsernen Behältnis das Gnadenbild: „die heilige Jungfrau in sitzender Stellung, das Jesuskind in der Rechten, in der Linken den Zepter, umgeben von neun vergoldeten Sternen“. Zu beiden Seiten stehen die lebensgroßen Statuen der heiligen Anna und des heiligen Joachim.

 

Unter den vielen Votivbildern, die die Gnadenerweisungen der heiligen Jungfrau verkünden, zeichnet sich das aus, das die Bürgerschaft des Marktes Hahnbach hierher stiftete, mit der Unterschrift: „Ein fürchterliches Donnerwetter, so den 16. August 1778 in dem Markt Hambach zu einer Viertlstund drei mahl eingeschlagen ohne zu zünden, und welches mit sein feurigen Strallen eine Persohn zu Boden geworfen, eine andere wunderlich zwar verletzt, doch nicht getödtet hat, veranlasste die dasige Bürgerschaft zur Erkanntnüsse des augenscheinlichen Schuzes der heiligen Mutter Gottes und des heiligen Florians allhie eine Verlobniss-Tafel aufhängen zu lassen im Jahr 1779.“

 

Im Mund des Volkes in der Umgegend geht die Sage, dass da, wo sich die jetzige schöne Wallfahrtskirche befindet, zur Zeit des Dreißigjährigen Religionskrieges (1618 bis 1648) zwei Bauernhöfe gestanden wären, die mit Ringmauern umgeben gewesen waren, wovon der Mauerschutt zeugt, auf den man noch heutigen Tages bei Nachgrabungen an vielen Stellen in gleicher Richtung stößt. Innerhalb des Hofraumes erhob sich eine kleine, mit diesem alten Bild geschmückte Kapelle, zu dem der eine der Hofbesitzer, die sich beide zur protestantischen Lehre bekannten, große Verehrung fasste und es öfters vom Staub reinigte. Hierüber sei er von seinem Nachbar hart getadelt, jedoch dadurch nicht irregeleitet worden, vielmehr wieder zur katholischen Religion zurückgekehrt, und habe zur Ehre der seligsten Jungfrau ein frommes Gelöbnis gemacht, während der andere später von seinem Hof vertrieben wurde. Dieses Gelübde scheint jedoch unerfüllt geblieben zu sein, wenigstens hatte die tugendhafte Jungfrau Anna Maria Gerlach zu Hahnbach in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mehrere Träume und Erscheinungen, die sich darauf bezogen und sie aufforderten, zur Sühnung des noch nicht gelösten Gelübdes die sämtlichen Grundbesitzer des ehemaligen Frohnberg-Hofes zu bewegen, zur Verehrung der seligsten Jungfrau auf den Frohnberg den Betrag von 170 Gulden zusammenzuschießen. Sie brachte die Erlegung dieser Summe durch Beiträge bald zustande, lieferte sie dem Marktrichter ein, und betrieb bei ihm in der Folge deren sichere Verwendung ihrer Bestimmung gemäß, worauf die ihr vorgekommenen Erscheinungen aufhörten. Dieses Ereignis, dessen Kunde die noch lebenden Verwandten der gottesfürchtigen Anna Maria Gerlach bewahren, veranlasste viele Bewohner des Marktes Hahnbach zu Opfergaben für die Kirche auf dem Frohnberg zum Zweck feierlicher Entrichtung heiliger Messen in ihr, und erhöhte ihr Vertrauen zu dieser heiligen, der seligsten Jungfrau und gebenedeiten Mutter Gottes geweihten Stätte.

 

Frohnberg, zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria erbaut, wird zahlreich von Wallfahrern aus der Nähe und Ferne besucht. Von Hahnbach aus führen fünfzehn Stationen zur Höhe. Im Jahr 1846 wurde zum ersten Mal wieder daselbst das Himmelfahrtsfest der heiligen Gottesgebärerin mit einem für die ganze Oktav verliehenen vollkommenen Ablass festlich begangen. Diese erhebende Feier wird nun alle Jahre in gleicher Weise wiederkehren, und sich gewiss bald wieder jener zahlreichen Teilnahme erfreuen dürfen, die ihr früher an diesem geheiligten Ort beschieden gewesen war.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

http://www.frohnbergfest.de/

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176. Unsere Liebe Frau bei Nocera in Italien

 

Bei Nocera im Neapolitanischen ist ein Tal, Fuciola genannt. In diesem stand in alter Zeit eine Kirche Unserer Lieben Frau mit einem Bild von ich, das von den Leuten dieser Gegend sehr verehrt wurde. Durch traurige Ereignisse wurde diese ganze Gegend verwüstet, und auch die Kirche der Mutter Gottes zerstört, so dass nur noch einige Ruinen unter der Erde übrig waren, unter denen auch das heilige Bild zwischen zwei Steinen von weißem Marmor vergraben und längst vergessen war.

 

In der Mitte des 11. Jahrhunderts, als ganz Italien und auch Nocera durch Krieg, Hunger und Pest hart bedrängt wurde, gefiel es Gott, durch Entdeckung des seit langer Zeit verborgenen Bildes der seligsten Jungfrau seinem schwer geprüften Volk Trost und Hilfe zu senden. Als Werkzeug seiner Erbarmung bediente sich Gott einer frommen Frau, namens Karamari, der Gattin eines armen Taglöhners derselben Gegend. Der erschien, als sie unter einem Eichbaum nach schwerer Arbeit eingeschlummert war, im Traum die seligste Jungfrau, die also zu ihr sprach: „Ich bin die Mutter Gottes. Wisse, dieser Ort ist mir heilig. Seit vielen Jahren ist ein altes Denkmal von mir hier begraben. Hier muss, wenn dies aufgefunden sein wird, zu meiner Ehre eine große Kirche erbaut werden, denn es ist der Wille Gottes, dass durch mich das Land von der Pest befreit werde. Sag also dies den Leuten, dass sie sich beeilen, den verborgenen Schatz aufzusuchen.“ Bei diesen Worten zog sie sich einen sehr schönen Ring vom Finger und sagte: „Siehst du diesen Edelstein, der wie ein Stern glänzt. Ich werfe ihn auf die Erde: gib Acht, wo er hinfällt, denn das ist der Ort, wo das Bild verborgen ist.“ Bei diesen Worten erwachte die Frau des Tagelöhners, wagte aber niemanden etwas von dem Traumgesicht zu sagen, und ging des anderen Tages in der Frühe, es war eben Erntezeit, zu ihrer gewöhnlichen Arbeit auf das Feld. Da fing sie plötzlich zu schreien an: „O weh! Helft mir, ich sehe nichts mehr, ich bin blind!“ Die Leute auf dem Feld liefen zusammen und rieten ihr Verschiedenes. Sie sollte sich die Augen mit frischem Wasser waschen und dgl. Allein die blinde Frau erkannte gleich, dass es eine Strafe Gottes sei, und sagte zu den Leuten: „Es hilft alles nichts, ich weiß die Ursache meiner Blindheit.“ Sie erzählte ihnen hierauf das Traumgesicht und bat, man möchte sie an den Ort hinführen, wo die Mutter Gottes den Ring hingeworfen habe. Zwei Mädchen und eine Frau führten sie dahin und suchten den Ring. Bald war der Ring gefunden. Er war sehr schön und glänzte wie ein Stern. Auf einmal war die Frau des Tagelöhners wieder sehend. „Rührt den Ring nicht an,“ sagte sie zu den anderen, „denn er ist durch die Hände der Mutter Gottes geheiligt, man muss einen Priester rufen.“ Der Pfarrer erschien sogleich, von mehreren Personen begleitet. Als sie den schönen Ring sahen und die Erzählung der Frau vernahmen, zweifelten sie nicht mehr an der Wahrheit der Erscheinung. Man grub von neuem an dem bezeichneten Ort nach, stieß bald auf die Ruinen einer Kirche und zwei aufeinandergelegte Marmorplatten, zwischen denen sich das auf Leinwand gemalte Muttergottesbild befand, vier Fuß hoch, drei breit, auf eine hölzerne Tafel aufgespannt, wie man es noch heut zu Tage sieht.

 

Voll Freude über den kostbaren Fund knieten sich die guten Leute sogleich nieder und verehrten das heilige Bild, in der sicheren Hoffnung, dass auch die Vorhersage von dem Aufhören der Pest in Erfüllung gehen werde. Und in der Tat hörte die Pest von diesem Augenblick an auch auf. Bald erfolgten viele andere Wunder an Kranken und Bedrängten jeder Art, die Maria vor diesem Bild um Hilfe anriefen. Durch die Dankbarkeit derjenigen, die gnädige Erhörung in ihren verschiedenen Anliegen gefunden hatten, kam bald so viel Almosen zusammen, dass noch in demselben Jahr mit dem Bau einer Kirche zu Ehren der Mutter Gottes begonnen werden konnte. Papst Nikolaus II. nahm in Höchsteigener Person am 1. Mai 1061 die Einweihung der neuen Kirche Unserer Lieben Frau vor. Den Gottesdienst in der Gnadenkirche versahen anfangs Benediktiner, später Mönche vom Orden des heiligen Basilius. Seit dem Jahr 1829 besorgen die Franziskaner den Gottesdienst in der Gnadenkirche mit großem Eifer und mit außerordentlichem Segen für die frommen Wallfahrer.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866) 

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176. Unsere Liebe Frau auf dem heiligen Berg

zu Gutenstein in Oberösterreich

 

Nahe dem Markt Gutenstein in Oberösterreich liegt auf einem Berg die schöne Maria-Hilfkirche und dabei das Kloster der Serviten oder Diener Mariens, die den zahlreichen Wallfahrern leibliche und geistliche Hilfe leisten.

 

Die Entstehung dieses Wallfahrtsortes wird folgendermaßen erzählt:

 

Um das Jahr 1661 lebte zu Gutenstein ein aufrichtiger, gottseliger Bürger und Hauenschmied, namens Sebastian Schlager. Diesem erschien einmal bei nächtlicher Weile Maria und verlangte, er soll ihr Bildnis malen lassen und es auf dem Berg, Buchschach genannt, im Wald anheften. Der fromme Mann, dessen Demut sich solcher Gnade unwürdig schätzte, hält es für eitlen Traum, und schlägt es sich aus dem Sinn. Maria erscheint das andere und dritte Mal, aber vergebens, bis endlich nach siebenmal geschehener Mahnung er die Sache besser bedenkt, und dem mütterlichen Befehl nachzukommen entschlossen ist.

 

Demnach begab er sich nach Mariazell, wo er nach abgelegter Beicht und empfangener Kommunion die Mutter der Barmherzigkeit um Erleuchtung angerufen, lässt auch daselbst auf einem aus Blech geschlagenen Blättlein das Bildnis Mariens malen, wie es ihm im Traum vorgekommen und noch jetzt zu sehen ist.

 

Dieses also trug er mit sich nach Hause, behielt es in seiner Kammer ein ganzes Jahr, stets des Willens, es in einem Wald, durch den die Wallfahrer nach Mariazell zu reisen pflegten, und also an einem andern Ort, als ihm Maria befohlen, anzuheften, damit es nach seiner, obschon guten, doch unüberlegten Meinung von den Vorübergehenden mehr und öfter, denn in einem unbewohnten und von den Menschen selten betretenen Ort, möchte verehrt werden.

 

Allein da er nachgehends große Unruhe in seinem Gewissen spürte, entschloss er sich, hierüber den Rat seines Beichtvaters einzuholen, und diesen gehorsamst zu vollziehen. Der vernünftige Gewissensleiter antwortete ihm weislichst: zumal die Urteile Gottes ein unerforschlicher Abgrund wären, gezieme es sich, blinden Gehorsam zu leisten: er müsse also das Bild ohne Widerrede dorthin bringen, wo Maria von neuem verlangt, verehrt zu werden, soll auch wegen der Verehrung ohne Sorge sein, weil genug bekannt ist, dass sie in vielen rauen Orten die Menschen häufig durch Ausspendung ihrer mütterlichen Gnaden an sich gezogen habe.

 

Dieser Rat wurde alsbald bewerkstelligt, indem er das Bildnis Mariens mit seinem Bruder auf den ihm angezeigten Berg getragen, in dem finstern Wald an eine Buche geheftet und sich nach Hause begeben, ohne Vermuten, als sollte in diesem unbekannten Ort dem liebwerten Marienbild jemals eine besondere, viel weniger eine öffentliche Ehre erwiesen werden.

 

Im Jahr 1664 begaben sich am Palmsonntag, am 6. April, vier Männer des Marktes Gutenstein, nachdem sie alle selben Tages ihre österliche Beicht abgelegt hatten, auf den oft bemeldeten Berg Buchschach, weil dieser aber im Antritt sehr steil ist, wurden sie im Hinaufsteigen ermüdet und legten sich also nieder nicht weit von der Buche, an der das Bildnis angeheftet war.

 

Unter diesen vier Personen war Lorenz Klerian, Drechslermeister, mit seinen Gesellen, und Mathias Köfer, ein Nachbar im Haus bei dem Kreuz, wie auch ein Siebmacher. Da sie also ruhten, ersah gedachter Klerian eine schöne weiße Taube, die mit langsamem Flug dreimal um die Buche herumflog. Er hatte eben eine Flinte bei sich und stellte dieser Taube nach, aber umsonst, denn er vermochte nicht zum Schuss zu kommen, sondern die Taube entfernte sich allgemach aus seinen Augen, wie sie dann auch niemals wieder gesehen wurde. Nun wollte Klerian zu seinen Gefährten sich zurückbegeben. Aber plötzlich wird er zu wiederholten Malen mit einem Lichtglanz, wie von einem Blitzstrahl, umgeben, worüber er nicht wenig erschrak. Er wendete alsobald, vermeinend, es wäre ein Wetterblitz gewesen, seine Augen gegen den Himmel, konnte aber nirgends ein schwarzes Wölklein sehen. Schließlich erblickte er an der Buche das Bildnis Mariens, verwunderte sich über solche Begebenheit, und ruft sogleich die drei übrigen, die, nachdem sie verstanden, was sich zugetragen hatte, mit Ehrfurcht auf die Knie niederfielen, und ein andächtiges Gebet verrichteten. Der Finder dieses kostbaren Schatzes steigt auf den Baum, löst das Bild von der Buche und trägt es freudenvoll nach Hause. Aber bei reiferem Bedenken, was sich in Findung desselben mit ihm begeben hatte, eröffnet er den ganzen Verlauf dem damaligen Seelsorger in Gutenstein, Herrn Georg Resch. Weil sich nun bei solchen Umständen dieser geistliche Herr ohne mehreren Rat nicht sogleich erklären konnte, was in der Sache am sichersten zu tun, wohl wissend die Satzung des Tridentinischen Kirchenrates, die nicht gestattet, ohne Erlaubnis des Bischofs ein Bildnis als gnadenreich zur öffentlichen Verehrung auszustellen, begehrte er das heilige Bild für sich, Willens, selbes indessen im Pfarrhof aufzubewahren.

 

Er hatte es auch geraume Zeit in Verwahrung und großen Ehren, fand aber nachher eine in seinem Gemüt bei Tag und Nacht zunehmende Unruhe, die sich auch nicht endete, bis er sich entschloss, das heilige Bild wieder auf den Berg zurückzubringen, wie er es auch mit Beihilfe des Klerian an die Buche, ohne jemand etwas davon zu melden, wieder angeheftet hat, im Jahr 1665 am heiligen Fronleichnamsabend.

 

Es war das Fest der heiligen Maria Magdalena, im zuletzt gemeldeten Jahr, als sich Maria Wieserin, ein junges Bauernmägdlein, auf den Buchschach verfügte, ihres Herrn Mathias Köfer Schafe allda zu weiden. Ein auffallendes Regenwetter verursachte, dass sie sich dagegen zu schützen ungefähr unter die Buche begab, an der das Gnadenbild angeheftet war. Bald darauf wurde im Pfarrturm das Glockenzeichen zur Wandlung gegeben, da sich das fromme Kind auf die Knie niederließ, um im Freien ihren Gott anzubeten, dessen Dienste sie in der Kirche nicht beiwohnen konnte. Da sie ihre Augen also andächtig gegen den Himmel erhob, erblickt sie mit großer Freude das Bildnis Mariens, und als sie mit ihrer Herde nach Hause kam, hat sie es ihrem Herrn trostvoll angekündet, dass das marianische Bildnis wieder an dem Ort wäre, wo er es im vorigen Jahr abnehmen geholfen hätte.

 

Dies war dem Mathias Köfer eine höchst angenehme Nachricht. Er zeigt es seinem Bruder Georg an, der dann aus großer Begierde, obwohl seit einem Jahr am rechten Arm gelähmt, versprach und gelobte, vor diesem heiligen Bild seine Andacht zu verrichten, hoffend, er werde seine Gesundheit wieder erlangen. Deswegen hat er seinen Bruder gebeten, nächsten Sonntag mit ihm den Berg zu besteigen.

 

Es geschah: beide Brüder mit noch einigen frommen Bürgersfrauen bestiegen den Berg, verrichteten ihre Andacht bei dem gnadenreichen Bild, und siehe, Georg Köfer hat alsobald eine Besserung an dem lahmen Arm vermerkt, und kurz hernach die völlige Gesundheit erhalten, worauf er diese von Maria empfangene Gnade männiglich kund gemacht, und auch einiges Geld zur Erbauung einer kleinen Kapelle gewidmet hat. Von dieser Zeit an wurden bereits unterschiedliche Opfer von Wachs hierhergebracht, und von Tag zu Tag vermehrten sich die Wallfahrer, also, dass am Fest Mariä Himmelfahrt genannten Jahres 1665 schon zweiundfünfzig Personen daselbst angekommen, und öffentlich den heiligen Rosenkranz gebetet haben.

 

Noch im Herbst desselben Jahres wurde eine Kapelle aus Holz gebaut und Papst Clemens IX. erlaubte im Jahr 1668 daselbst die heilige Messe zu lesen, und das Gnadenbild als solches zu verehren.

 

Zur Verherrlichung des Gnadenortes wurde auch ein Kloster für sieben Serviten gebaut, die es sich zur Aufgabe machten, die Andacht und Verehrung zur Lieben Frau nach Kräften zu befördern.

 

Da die Wallfahrt von Jahr zu Jahr zunahm, wurde der Grundstein zu einer neuen großen Kirche gelegt und sie im Jahr 1670 eingeweiht. Als im Jahr 1768 das Jubiläum der Entstehung dieses Gnadenortes begangen wurde, erschienen neunzehntausenddreihundert Kommunikanten, durch das ganze Jahr zählte man sechsundvierzigtausendachthundert Wallfahrer.

 

Auch jetzt noch kommen fromme Wallfahrer jährlich zu Tausenden hierher, um Maria, ihre gütige, milde und süße Mutter zu grüßen, ihrem Schutz sich anzuempfehlen und ihre Fürbitte anzurufen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

http://www.mariahilfberg.at/

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177. Unsere Liebe Frau im Wäldchen zu Camogli

im Bistum Genua

 

Nicht weit von Camogli, einem Flecken im Bistum Genua, war ein kleiner Wald von Kastanien, Eichen und anderen Bäumen, wo das Vieh auf die Weide getrieben zu werden pflegte. Mitten in dem Wäldchen da, wo sich drei Wege kreuzen, war ein gemaltes Bild der Mutter Gottes, die das Jesuskind auf den Armen hält, aufgehängt. Ein sittsames, andächtiges Mädchen, namens Angela, die Tochter eines gewissen Peter Schiaffino, pflegte eine Kuh in das Wäldchen auf die Weide zu treiben. Bei dieser Gelegenheit kniete sie sich immer vor dem Muttergottesbild nieder und betete sehr andächtig. Eines Tages beiläufig im Jahr 1518 kniete die kleine Angela wieder vor dem Muttergottesbild in dem Wald und verrichtete in aller Einfalt ihre gewöhnlichen Gebete. Siehe, da näherte sich ihr unversehens eine ehrwürdige Matrone mit aller Freundlichkeit und sagte, an diesem Ort, der durch das Bild und die vor ihm verrichteten Gebete geheiligt sei, solle eine Kirche der Mutter Gottes und ein Kloster für Ordensmänner, die ihrem Dienst gewidmet wären, erbaut werden. „Geh, kleine Angela,“ fügte die Matrone hinzu, „und sage dieses dem Pfarrer und den Vorstehern der Gemeinde.“ Das erschrockene Kind wusste nicht, was es bei dieser Erscheinung denken oder sagen sollte. Allein die allerseligste Jungfrau erschien noch öfter und wiederholte immer den nämlichen Auftrag. Zuletzt ergriff sie die Hand der kleinen Angela und drückte ihr einen Buchstaben von roter Farbe ein und sagte von neuem: „Geh, gutes Kind, und mache das, was ich dir gesagt habe, bekannt. Zum Beweis der Wahrheit deiner Aussage zeige allen dieses Zeichen (es war der Buchstabe M., den sie der Hand des Mädchens eingedrückt hatte). Und wenn die Leute diesem Zeichen noch nicht glauben, so zeige ihnen den nämlichen Buchstaben auf diesem Stein,“ und indem sie dies sprach, grub sie mit eigener Hand den genannten Buchstaben M. in den Stein.

 

Das Mädchen fühlte sich jetzt ermutigt, überall von dem Wunder zu reden und die Leute durch das ihr eingedrückte Zeichen von seiner Wahrheit zu überzeugen. Die Bewohner von Camogli erbauten am Ort der Erscheinung eine Kapelle zu Ehren Unserer Lieben Frau und stellten ihr Bild, das zuvor im Wäldchen gewesen war, hinein. Nun nahm die Andacht zur Mutter Gottes ihren Anfang. Die fromme Angela trug dazu nicht bloß durch Worte, sondern auch durch ihr eigenes gutes Beispiel bei. Im Laufe der Zeit nahm die Andacht zu Unserer Lieben Frau immer mehr zu, aber auch ihre Gnadenerweisungen. Mehrere Wunder, deren Kunde sich weit im Land verbreitet hatte, bewirkten, dass die Zahl der frommen Wallfahrer zu Unserer Lieben Frau im Wäldchen täglich wuchs und die Zeit nahe war, wo der Wille Unserer Lieben Frau, den sie bei ihrer ersten Erscheinung ausgesprochen hatte, nämlich die Erbauung einer Kirche und eines Klosters in Erfüllung gehen sollte. Es wurde an den Erzbischof von Genua, den Kardinal Horatius Spinola, in dieser Angelegenheit berichtet und beantragt, dass der Gnadenort dem Orden der Serviten, oder der Diener Mariens übergeben werden sollte. Dies schien der Wille der seligsten Jungfrau Maria zu sein, als sie die Hand der Angela und dem Stein den Buchstaben M. eindrückte. Denn gerade diesen Buchstaben führen auch die Serviten in ihrem Wappen.

 

Es wurde auch wirklich am 28. Januar 1612 die Kapelle Unserer Lieben Frau im Wäldchen dem Pater Constantin Corvaro aus dem Orden der Serviten übergeben, der durch die reichen Almosen und Geschenke, die Unserer Lieben Frau im Wäldchen von ihren Verehrern gemacht wurden, in den Stand gesetzt war, den Bau einer großen Kirche zu beginnen. Im Jahr 1634 war die Kirche vollendet und es wurde das Bild Unserer Lieben Frau im Wäldchen dorthin feierlich übertragen unter großem Jubel der Bewohner von Camogli und der Umgegend. Dieses Bild wurde später unter Papst Pius VII. laut eines Breve vom 12. August 1817 feierlich gekrönt, was nicht wenig beitrug, die Andacht zu Unserer Lieben Frau im Wäldchen neu zu beleben und zu vermehren. In demselben Verhältnis vermehrte sich aber auch die Zahl der Gnaden, die den Gläubigen durch die Fürbitte Mariens zuteilwurde. 

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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178. Unsere Liebe Frau am kleinen See bei Nizza

 

An der Grenze zwischen Frankreich und Piemont, drei Stunden von Nizza entfernt, auf einer Anhöhe erblickt man eine berühmte Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau. Man weiß nicht mehr, wann man zuerst Unsere Liebe Frau an diesem Ort zu verehren angefangen habe. Es stand seit den ältesten Zeiten daselbst eine kleine Kapelle mit einem Muttergottesbild von Holz. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war die Kapelle seit längerer Zeit nicht mehr von Andächtigen besucht und daher sehr vernachlässigt. Das Muttergottesbild war schon sehr schadhaft und ein weiter Riss ging von der Stirn an über das rechte Auge durch das ganze Gesicht.

 

Im Jahr 1652 kam es einem frommen Mann aus Monaco, der an einer gefährlichen Krankheit darniederlag, in den Sinn, zu Unserer Lieben Frau am kleinen See, so nannte man die erwähnte Kapelle und das Muttergottesbild, sich zu verloben. Kaum hatte der Kranke das Gelübde gemacht, so war er frisch und gesund. Voll Dankbarkeit erzählte der Mann überall, dass er durch Anrufung Unserer Lieben Frau am kleinen See wunderbar geheilt wurde, und bewog mehrere, ihn zu der Kapelle zu begleiten, um dort sein Gelübde zu erfüllen. Als die guten Leute den traurigen Zustand der Kapelle und das Marienbild sahen, fassten sie den Entschluss, für eine würdige Wiederherstellung zu sorgen. Die Kapelle wurde also wieder in möglichst guten Stand gesetzt, aber das Bild war schon zu schadhaft. Es wurde daher durch ein anderes andächtiges Bild ersetzt, das ein gewisser Anton Fieghiera besaß, und seit langer Zeit mit seiner Familie verehrt hatte und nun für die Kapelle am kleinen See zum Geschenk machte.

 

Als die Kapelle wieder in guten Stand gesetzt und mit dem neuen andächtigen Muttergottesbild geschmückt war, wurde sie immer häufiger von andächtigen Verehrern Mariens besucht, und die Gnaden-Kapelle wurde nun auch von der geistlichen Obrigkeit als solche anerkannt und begünstigt. Binnen drei Jahren ging so viel Almosen ein, dass man bereits an den Bau einer großen Kirche denken konnte. Nicht bloß die Kirche wurde vollendet, sondern noch überdies ein großes Gebäude aufgeführt, das zur Wohnung für die zum Dienst der Kirche bestimmten Geistlichen und zugleich zur Beherbergung der von fernen Gegenden angekommenen Wallfahrer dienen sollte.

 

Im Jahr 1825 wurde die Kirche ausgebessert, besonders die Nische, in der das Gnadenbild aufgestellt ist, geschmückt. Das Bild ist eine Statue, und stellt Unsere Liebe Frau vor, wie sie in der linken Hand ein Zepter hält, mit der rechten ihren göttlichen Sohn an ihre Brust drückt. Die Mutter Gottes und das Jesuskind sind mit einem reichgestickten Mantel bekleidet.

 

Als die Franzosen im Jahr 1792 in Italien eindrangen und auch nach Nizza kamen, wurde die Kirche Unserer Lieben Frau am kleinen See aller ihrer Kostbarkeiten beraubt, und was für die Soldaten keinen Wert hatte, verbrannt. Nur das Gnadenbild ließ der französische General Hamel nicht verbrennen, sondern nach Turbia übertragen. Die Gnadenkirche selbst wurde geschlossen. Als jedoch im Jahr 1800 die Franzosen das Land verlassen hatten, wurde die Gnadenkirche wieder geöffnet, und das Gnadenbild von Turbia in feierlicher Prozession zurückgetragen. Indessen war weder die Andacht der Gläubigen erloschen, noch die Quelle der Gnaden vertrocknet. Häufig kommen zahlreiche Prozessionen und fahren gewöhnlich eine große Anzahl von Kranken und Presshaften mit sich, die bei Unserer Lieben Frau am kleinen See Hilfe suchen. Es gehen nicht selten die wunderbarsten Heilungen vor sich sowohl bei körperlichen, wie bei Seelenleiden, so dass jeder gestärkt und getröstet von dannen geht.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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179. Unsere Liebe Frau Maria-Hilf zu Beratzhausen

in der Oberpfalz

 

Auf einem etwas steil ansteigenden Hügel, an dessen Fuß die schwarze Laber durch ein anmutiges Tal sich schlängelt, nur einige hundert Schritte vom Markt Beratzhausen entfernt, liegt die schöne geräumige Wallfahrtskirche, von den Bewohnern des Marktes und der Umgegend nur „Maria-Hilfsberg“ genannt. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts stand auf dem mit Laub- und Nadelholz bewachsenen Berg, da wo der Weg in die nächsten Dörfer sich hinzieht, eine halbverfaulte, sogenannte Martersäule, wo gewöhnlich bei der Feldprozession das erste heilige Evangelium abgesungen wurde. Da es sich nun öfters ereignete, dass schlechtes Wetter diese Feierlichkeit verhinderte, so beschlossen die Bürger, eine Kapelle zu bauen. Als diese vollendet war, ließ man von einem Maler in Stadtamhof das Bild „Maria-Hilf“, wie es damals schon in Passau, Amberg und manch anderen Orten vorhanden war, malen und stellte es, nachdem es benediziert worden war, in der Kapelle zur Verehrung auf. Nach und nach geschahen daselbst zahlreiche Gnadenerweisungen und die Kapelle wurde von den Gläubigen so häufig besucht, dass der Wunsch laut wurde, die Kapelle möge benediziert und darin das heilige Messopfer gefeiert werden. Dies geschah. Da nun bald bei dem in Menge herbeiströmenden Volk die Kapelle zu klein wurde, machte man einstweilen einen Anbau von Holz und schritt zum Bau einer großen Kirche, die im Jahr 1734 vollendet dastand und im Jahr 1742 den 22. Juli von dem damaligen Weihbischof von Regensburg, Herrn von Schneid, feierlich eingeweiht wurde. Von dieser Zeit an nahm der Zulauf des Volkes und das Vertrauen auf die Fürbitte der Gottesmutter noch mehr zu, aber auch Gnadenerweisungen aller Art belohnten dieses Vertrauen. Eine Chronik vom Jahr 1785 besagt, dass man ein großes Buch von solchen Gnadenerweisungen beschreiben könnte, wie die Votivtafeln bezeugen, die geopfert wurden. Dieselbe Chronik führt einige solcher Gnadenerweisungen an, die hier ebenfalls angeführt werden.

 

Eine gewisse Frau wurde mit einem Messer tödlich verwundet. Sie nimmt ihre Zuflucht zu Maria-Hilf und wurde glücklich geheilt.

 

Ein Bauer aus der Pfarrei fuhr mit Holz auf der Donau nach Wien. In Oberösterreich bei Linz geriet er in augenscheinliche Lebensgefahr, er ruft Maria-Hilf an, und alsbald fand er Rettung.

 

Eine gewisse Person aus der Pfarrei Hohenfels fand durch Fürbitte Mariens ihr verlorenes Augenlicht wieder.

 

Die Liebe und Verehrung der Bewohner des Marktes und der Umgegend zur Gnadenmutter Maria-Hilf wurde von Jahr zu Jahr größer und inniger. Es kamen selbst von Ferne Wallfahrer, besonders an den Liebfrauenfesten, um Trost und Hilfe hier zu finden. Als im Jahr 1785 das fünfzigjährige Jubiläum der Gnadenkirche gefeiert wurde, strömten unzählige Wallfahrer herbei, um den von Papst Pius VI. verliehenen Ablass zu gewinnen. Der hochwürdigste Weihbischof von Schneid in Regensburg verherrlichte durch seine Gegenwart das Fest.

 

Im Jahr 1835 wurde am 23. August das hundertjährige Jubiläum feierlich eröffnet. Am 9. Juli 1845 wurde die Kirche vom Blitz zerstört, war aber bereits 1847 wieder ganz entsprechend hergestellt und am 22. Juli desselben Jahres wurde sie vom Bischof Valentin von Riedel eingeweiht.

 

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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180. Engelberg, Wallfahrtskirche und Franziskanerkloster im Spessart in Unterfranken

 

Eine Vorhöhe des Spessartgebirges bildet der Engelberg, der sich hart am Main erhebt und teils von Waldungen begrenzt, teils mit üppigen Weinreben bepflanzt ist.

 

In grauer Vorzeit erbauten fromme Bekenner des Christentums mit Genehmigung des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz, auf des Berges Spitze eine Kapelle zur Ehre Gottes unter Anrufung des heiligen Erzengels Michael. Wegen der Bestimmung dieser Kapelle oder Kirche zur Anrufung und Verehrung der heiligen Engel wurde dem Berg der Name „Engelberg“ beigelegt, den er bis auf unsere Tage behielt.

 

Am 3. November 1459 wurde in dieser Kirche von dem Weihbischof Heinrich zu Mainz ein Altar zur Ehre des Heiligen Geistes geweiht. Nach einer Volkssage hätte die Michaels-Kapelle auf einem anderen Platz des Berges, nämlich da, wo später eine Maria-Hilf-Kapelle erbaut wurde, errichtet werden sollen. Allein durch überirdische Macht seien in der Nacht die Baumaterialien von dort durch unsichtbare Hände hinweg auf die Stelle, wo sie jetzt sich befindet, getragen worden. In der Folge verbreiteten sich noch mehrere Volkssagen von Erscheinungen englischer Geister, himmlischer Lichter, übernatürlicher Gesangstimmen usw. Durch solche Sagen kam der Engelsberg in großen Ruf und wurde bald als Wallfahrtsort von Andächtigen häufig besucht.

 

Im Jahr 1629 erteilte Anselm Casimir, Erzbischof und Kurfürst von Mainz, dem damaligen Minister-General des Kapuziner-Ordens, Pater Johann Maria die Erlaubnis, neben der altehrwürdigen Kirche auf dem Engelberg ein Kloster zu erbauen. Im Jahr 1828 wurde es aber gänzlich aufgelöst und dem Franziskaner-Orden übergeben, von dessen ehrwürdigen Vätern es gegenwärtig bewohnt wird. Kirche und Kloster besitzen ein freundliches Äußere. Zur linken Seite des Kircheneingangs steht die heilige Mutter-Gottes-Kapelle. Diese verwahrt auf ihrem Altar das gnadenreiche Bild der seligsten Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Dieses Bild war vom Anbeginn der Entstehung der Kirche auf dem Engelsberg fortwährend ein Gegenstand allgemeiner hoher Verehrung. Auf der rechten Seite des Altars, auf dem sich das wundertätige Bildnis, zur allgemeinen Verehrung befindet, steht der Erzengel mit flammendem Schwert, den Drachen unter seinen Füßen. Auf der linken Seite der heilige Engel Raphael, über ihm die heiligen Franziskus von Assisi und von Paula, und zwischen den beiden die heilige Dreifaltigkeit, die Krönung der seligsten Jungfrau Maria als Himmelskönigin darstellend.

 

Beiläufig eine halbe Viertelstunde hinter dem Kloster an der südlichen Seite des Engelberges steht die Maria-Hilf-Kapelle auf der Stelle, die, wie oben erwähnt worden ist, ursprünglich für die St. Michaels-Kapelle ausersehen war. Fromme Gläubige erbauten sie zum Andenken an besagtes wunderbares Ereignis und schmückten sie mit einem der seligsten Jungfrau Maria gewidmeten Altar. Vom Fuß des Berges führen hundertfünfundvierzig Stufen nach der Kapelle und von da weitere hundertsechzehn nach der Höhe des Engelberges.

 

 

Für die Andächtigen ist die Kirche das ganze Jahr hindurch geöffnet. Mit besonderer Solennität zieht jährlich am 14. August die Aschaffenburger Prozession nach diesem Wallfahrtsort.

 

wallfahrt.bistum-wuerzburg.de

 

(Quelle: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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