Wallfahrten 6

 

Wenn gesagt wird, dass die Katholiken die Mutter Gottes anbeten, so ist das eine unverbesserliche Verkennung der Katholiken und eine sträfliche Unkenntnis der katholischen Glaubenslehre. Zwar verehren wir sie mehr als die anderen Geschöpfe, Anbetung aber erweisen wir nur Gott, der der absolute Herr alles Geschaffenen allein ist. Wohl aber ergibt sich aus der Kirchengeschichte, dass die Ablehnung der Verehrung Mariens mit der Ablehnung der Verehrung Jesu Christi selber zu enden pflegt. 

Als "Unsere Liebe Frau", als Herrin und Mutter zugleich, besonders als die "Zuflucht der Sünder" hat vor allem das deutsche Mittelalter die jungfräuliche Mutter des Herrn geehrt und ihr einen ritterlichen Dienst geleistet, der ebenso rührend in den Berichten von Mariens Hilfe und Zuwendung wie in den Entstehungsgeschichten ihrer Wallfahrtsorte zum Ausdruck kommt. 

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Inhalt:

 

1. Unsere Liebe Frau zu Marienthal im Rheingau

2. Die schmerzhafte Mutter Gottes zu Telgte in Westphalen

3. Unsere Liebe Frau zu Weißenregen im Bayerischen Wald

4. Unsere Liebe Frau zu Fourvieres in Lyon

5. Unsere Liebe Frau von der Freude zu Liesse in Frankreich

6. Unsere Liebe Frau von Chartres in Frankreich

7. Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund und Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

8. Das wundertätige Muttergottesbild zu Rimini in Italien

9. Unsere Liebe Frau zu Trapani auf der Insel Sizilien

10. Die St. Marien-Ablass-Kapelle zu Köln am Rhein

11. Unsere Liebe Frau von Arrabida in Portugal

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1. Unsere Liebe Frau zu Marienthal im Rheingau

 

In einem Tal an der westlichen Seite des Johannisberges stand am Anfang des 14. Jahrhunderts das niedrige Haus eines unbekannten Mannes von Adel, der in dieser Einsamkeit unverdrossen das Lob Gottes sang. Wer er war, woher er kam, niemand konnte darüber Aufschluss geben. Nur so viel weiß man noch, seinen kleinen Hof nannte er Düppenhausen, und eine besondere Andacht zur hochgebenedeiten Mutter unseres Herrn machte einen Teil seiner Beschäftigung aus. Einfach und natürlich wie seine ganze Umgebung, hatte er in der Nähe ein Bild seiner hochverehrten Gönnerin aufgestellt, und dabei sie täglich verehrt. Einmal geschah es nun, dass ein Waidmann namens Hecker Henn, der im Dienst des Junkers Hans Schaffreith von Oppelsheim stand und beim Jagen öfters in die Nähe des Bildes kam und es auch nicht selten auf fromme Weise verehrte, das Gesicht verlor. Da gedachte er eines Tages jenes Unbekannten auf dem Hof zu Düppenhausen, bald führte ihn die Erinnerung zu jenem anderthalb Spannen hohen Bild der schmerzhaften Mutter. Er bittet, ihn hinzuführen zur schmerzhaften Mutter, zur Mutter des göttlichen Kindes. Rüstig schreitet er dahin, als er den wohlbekannten Pfad unter seinen Füßen fühlt.

 

Angekommen am eichenen Bilderstock, lässt er den Stab tränenden Auges zu Boden sinken und leise aber ebenso innig als wehmutsvoll betet er vor dem heiligen Bild. Da öffnen sich seine Augen, um zu sehen. Auf seine Knie sinkend stammelt der Geheilte seinen Dank. Aber seine Erhörung sollte nur das erste Glied einer wunderbaren Kette von überirdischen Gnadenerweisungen sein. Scharen von Notleidenden aller Art pilgerten von nun an durch das einsame Tal, zahlreiche Prozessionen zogen hindurch, und es erhielt schließlich den Namen „Marienthal“.

 

Die Geschichte der Wallfahrt Unserer Lieben Frau zu Marienthal ist nicht blos reich an freudigen, sondern auch an traurigen Ereignissen.

 

Im Jahr 1313, da die Zahl der Pilger groß wurde, erbaute christliche Pietät eine Kapelle über dem Gnadenbild und von nun an wurde Maria allgemein als Patronin des Rheingaues angesehen und verehrt. 1326 musste diese Kapelle aber einer Kirche weichen. Zum Dienst an der Kirche wurden vier Weltpriester bestimmt, die immer dort wohnen und den Pilgern durch Predigen, Beichthören und Messelesen Gelegenheit zur Fruchtbaren Benützung ihrer Wallfahrt geben sollten. Nach vier Jahren war der stattliche Bau vollendet und der Kurfürst von Trier, Balduin, Graf von Luxemburg, damaliger Verweser des Mainzer Erzbistums, weihte im Jahr 1330 das Gotteshaus in feierlicher Weise ein. Um das Jahr 1392 nahm der Glaubenseifer im Rheingau mit ihm aber auch der Glanz der Wallfahrt zu Marienthal ab.

 

Doch Gott half wiederum. Drei Brüder, Ulrich, Diether und Reinhard traten zusammen und beriefen Geistliche aus Köln, die man Brüder vom gemeinschaftlichen Leben oder auch nach dem runden Schnitt ihrer Kopfbedeckung „Kegelherren“ nannte. Diese gaben der Jugend Unterricht, predigten sehr ernst gegen die herrschenden Laster und hielten den Gottesdienst in sehr erbaulicher Weise. Nun blühte die Wallfahrt von Tag zu Tag mehr. Die reichlich fließenden Geschenke wurden nicht verprasst, sondern zu wahrhaft guten Zwecken verwandt.

 

Es kam das Jahr 1525 und Marienthal sollte von der Strömung der Zeit nicht verschont bleiben. Das von Luther, dem von der katholischen Kirche abgefallenen Augustinermönch, angestiftete Unheil verwüstete auch diese in herrlichster Blüte stehende Wallfahrt. Dazu kam noch ein verheerender Krieg, den Albert der Brandenburger führte, um den Mainzer Erzbischof wo möglich seiner Besitzungen zu berauben. Marienthal litt viel durch Brandschatzung und Plünderung und einige der Kegelherren verschlossen ihre Ohren der neuen Lehre nicht, entsagten 1563 aller klösterlichen Gemeinschaft und lebten getrennt bis 1565, wo das Kloster ganz aufgehoben wurde.

 

Im Jahr 1612 wurden die Jesuiten nach Marienthal berufen. Sie stifteten im Jahr 1621 eine Bruderschaft zur besonderen Verehrung und Anrufung der seligsten Jungfrau, der Überwinderin der Ketzereien. Mit unglaublicher Schnelligkeit verbreitete sich diese Bruderschaft nach allen Seiten und erlangte sogar Ablässe vom päpstlichen Stuhl. So blühte jetzt Marienthal. Doch nicht lange genossen die Jesuiten in froher Ruhe die Früchte des errungenen Sieges. Im Jahr 1624 brach Feuer aus, und legte die Wohnung der ehrwürdigen Patres in Asche. Dieses Unglück war ein Vorbote der kommenden Stürme. Die wilden Scharen der Schweden ergossen sich über Deutschlands Fluren. Auch Marienthal fühlte ihre Gräuel. Alle Kostbarkeiten der schönen Kirche wurden geraubt. Die Jesuiten mussten mit Mangel und Not kämpfen und waren keine Stunde ihres Lebens sicher. Als später ruhigere Zeiten anbrachen, kam Marienthal wieder in die alte Blüte. Da traf die glaubenseifrigen Jesuiten ein arger Schlag. Papst Clemens XIV., gedrängt von schlimmen Ratgebern, hob diese Gesellschaft der ehrwürdigsten und gelehrtesten Männer auf. Sie, die der Kirche Gottes so viel genützt hatten, wurden nun gleich dem scheuen Wild von Land zu Land gehetzt.

 

Auch das herrliche Marienthal hatte seine Wächter verloren, die so besorgt gewesen waren für den Ruhm der Gottesmutter, für den Schmuck ihres schönen Hauses. Im Jahr 1774 wurde die Kirche zu Marienthal abgedeckt, die Enkel der ersten Christen brachen das Holzwerk zusammen, rissen die Fenster heraus und zwar schonungslos, wie man heute (1866) noch sehen kann. Bei diesem Zerstörungswerk arbeitete ein Mann in leichtfertiger Stimmung. Der Unglückliche stürzte herab vom Gerüst und war tot. Jetzt ging auch das Volk in sich, plötzlich erwachte die Erinnerung an den rächenden Gott, dessen Hand hier sichtbar geworden war und niemand wagte mehr einen Stein von dem heiligen Bau abzubrechen.

 

Da stand nun Marienthal, eine Ruine zwar, aber eine glorreiche. Das Gnadenbild hatten fromme Hände in feierlicher Prozession nach Geisenheim getragen. 444 Jahre war es der Trost von Tausenden gewesen. Man brachte in der ehrwürdigen Ruine ein zweites Muttergottesbild an und wenn gleich die Regierung von Nassau Prozessionen und Zuzüge nicht erlaubte, so wurde doch Marienthal immer mehr von andächtigen Verehrern besucht.

 

Man dachte nun daran, eine neue Kirche aufzubauen an dem Platz, wo Ruinen die Prediger Unserer Lieben Frau gewesen waren. Der Besitzer des Gutes Johannisberg, Fürst Metternich, in dessen Hände auch Marienthal übergegangen war, dann der hochwürdigste Herr Bischof Peter Blum von Limburg im Verein mit einem unbenannten Wohltäter gingen an das heilige Werk zur Freude des ganzen Rheingaues. Da entstand eine neue schöne Kirche. Unter großer Feierlichkeit bringt man das uralte Gnadenbild von Geisenheim in die heilige Wohnung und setzt es auf der Epistelseite in einer Nische bei. Auf den Hochaltar aber stellt man ein neues Gemälde von F. Simmler von Geisenheim auf. Die seligste Jungfrau schwebt in der Glorie von Engeln umgeben, und breitet ihren Schutzmantel über den Rheingau und seine Bewohner aus.

 

Die Einweihung des Gotteshauses geschah am 8. September 1858, an demselben Tag, wo sie vor 528 Jahren durch den Kurfürsten Balduin von Trier zum ersten Mal geweiht wurde.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

https://franziskaner.net/haeuser/marienthal/

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2. Die schmerzhafte Mutter Gottes zu Telgte in Westfalen

 

Die Stadt Telgte ist eine der ältesten Westfalens, und dort wurde von jeher die heilige Jungfrau hoch verehrt. In alter Zeit stand bei der Pfarrkirche auf dem Kirchhof ein Bild der schmerzhaften Mutter Gottes in einem schlichten Gehäuse, so dass die davor Betenden unter freien Himmel knieten. Dessen ungeachtet begaben sich manche fromme Verehrer Mariens dahin, um vor diesem Bild ihre Andacht zu verrichten. Ein Mann, aus dem Bistum Münster, Heinrich to Laer „der Laie“ genannt, hatte großes Bedauern mit dem schlechten Haus der Gottesmutter, um schenkte am 19. März 1466 dem Kirchenpfleger zu Telgte vierundzwanzig Mark Goldes, damit dafür eine Statue des heiligen Andreas zur Aufstellung in der Pfarrkirche angeschafft, und ein Obdach vor dem Bild der heiligen Jungfrau Maria auf dem Kirchhof daselbst gebaut werde, um die dort knienden Andächtigen gegen Wind und Wetter zu schützen. So entstand die erste Kapelle, die, nach alter Beschreibung, von Ziegelsteinen ganz gewöhnlich gebaut, und mit Ziegeln überdeckt wurde. Nun nahm die Verehrung des Gnadenbildes immer mehr zu.

 

Als die Irrlehre Luthers und die Religionserneuerungen in Deutschland auch im Münsterland Eingang fanden, wurde die Stadt Telgte gewiss durch die Fürbitte der Gottesmutter von dem Unglück, dem heiligen Glauben untreu zu werden, bewahrt. Aber die darauffolgenden Kriegsunruhen verursachten, dass die Wallfahrt zur Lieben Frau nach Telgte fast ganz abnahm, bis endlich im Jahr 1650 Christoph Bernard von Galen zum Bischof von Münster gewählt wurde. Dieser gelehrte und der Himmelskönigin von Herzen ergebene Bischof beschloss zu Telgte statt der jetzt ganz verfallenen Kapelle eine neue auf eigene Kosten bauen zu lassen, und im Jahr 1657 war sie vollendet. Am Fest Mariä Heimsuchung weihte sie der Bischof ein. Bald nahmen nun auch die Bittfahrten nach Telgte zu. Telgte wurde immer mehr der Sammelplatz der Andacht. Man eilte dahin, um hier vor dem Bild der heiligen Jungfrau, der Trösterin der Betrübten, Heil von Gott zu erbitten. Wunderbare Gebetserhörungen kamen vor. So berichtet vom Jahr 1654, wo das Jubiläum der heiligen Kapelle stattfand, der damalige Kaplan zu Telgte, C. P. Nitschen. Während des großen Jubiläums, das der Kurfürst Clemens August am 5. Juni 1754 und die folgenden Tage halten ließ, kamen über 50 Prozessionen, selbst aus weiter Ferne nach Telgte. Während des Jubiläums geschahen auch viele Wunder.

 

Diese großartige und mit dem reichsten Segen begleitete Jubelfeier wirkte überaus günstig auf die Wallfahrt nach Telgte. Die Wallfahrten mehrten sich immer mehr, und als das Jahr 1854 herannahte, dachte man daran, die zweihundertjährige Jubelfeier in Telgte auf das Festlichste zu begehen. Der hochwürdigste Bischof von Münster, Johann Georg, ließ die Gnadenkapelle in Telgte sehr schön renovieren und mit den herrlichsten Gemälden verzieren, und bevor das Fest begann, erließ er einen das Herz ergreifenden Hirtenbrief, worin er die Gläubigen zur zahlreichen Teilnahme an der Jubelfeier zur Ehre der glorwürdigen Himmelskönigin einlud. Allenthalben wurde der Ruf des frommen Oberhirten mit Freuden vernommen. Von allen Seiten von Nah und Fern zogen die Pilger herbei. An manchen Tagen zählte man in Telgte zwanzig- dreißigtausend Menschen. Nur Gott allein kennt die Gnaden und den Segen, den er den treuen Verehrern seiner heiligsten Mutter in dieser Zeit gespendet hat. Die Liebe und Verehrung zur hochgebenedeiten, jungfräulichen Mutter des Herrn wurde neu belebt und angefacht, und ein unzweifelhafter Erfolg der Jubelfeier war und ist die große Teilnahme, die die frommen, dem heiligen Glauben treu ergebenen, Westfaler an der Wallfahrt nach Telgte heute noch zeigen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

http://www.st-marien-telgte.de/index.php/telgter-wallfahrt.html

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3. Unsere Liebe Frau zu Weißenregen im Bayerischen Wald

 

Nach Neukirchen bei Heiligenblut nimmt unter den Marianischen Wallfahrtsorten im oberen bayerischen Wald „Weißenregen“, Filiale der Pfarrei Blaibach, wohl die erste Stelle ein. Die Wallfahrtskirche selbst, ein schönes freundliches Bauwerk, steht auf einem ziemlich hohen Berg, an dessen Fuß sich der Regen in verschiedenen Krümmungen hinschlängelt, und ist mit seinem hohen Turm weithin für die höher gelegenen Orte des bayerischen Waldes sichtbar, während das Dörfchen gleichen Namens seine zwanzig und etliche Häuser einige hundert Schritte davon südwärts an der sanften Absenkung ausbreitet. Nur ein einziges Haus, die sogenannte „Klause“, steht in der Nähe der Kirche und ist jetzt bestimmt als Wohnung des Mesners und zur Beherbergung und Bewirtung der Wallfahrer. Das Gnadenbild, das hier verehrt wird, eine Statue aus Holz und nun gekleidet, hatte auch seinen Aeneas, denn als die ketzerische Irrlehre in der Oberpfalz sich ausbreitete und mit Feuer gegen die heiligen Bilder wütete, brachte es ein frommer Christ, um es vor Entehrung und Vernichtung zu retten, aus der Oberpfalz in das noch ganz katholische Bayern und befestigte es auf jenem Berg an einem großen Eichbaum, auf dass es von den Vorüberziehenden gebührend geehrt würde. Eine Schrift auf der Rückseite des Bildes, in der aber der Name des Überbringers nicht angegeben ist, besagt, dass es aus der Stadt Naabburg geflüchtet wurde. Obwohl von den Bewohnern der Gegend geehrt, musste das Bild doch auch mehrfache Entehrungen erfahren, was sich dadurch erklären lässt, dass sich entweder die damalige ketzerische Ansicht gegen die Bilderverehrung auch in einzelne Köpfe unter den Katholiken einschlich, oder dass die Entheiliger Bewohner aus der nahen Oberpfalz, durch Geschäfte hierhergeführt, gewesen seien. Eine noch jetzt in der Kirche aufbewahrte, in viele Felder geteilte Tafel vom Jahr 1584 führt in Bild und Schrift sieben Unehren an, die dem heiligen Bild widerfahren sind, und die Bruderschaft des schwarzen Skapuliers oder der sieben Schmerzen Mariens, die hier eingeführt wurde, wird auch auf die Sühnung jener sieben Unehren bezogen. Indes waren eben diese Entehrungen die Veranlassung, dass sich bei den Gutgesinnten die Andacht zu dem Bild vermehrte und immer weiter verbreitete, denn in jenen sieben Fällen wurde der Frevel in auffallender übernatürlicher Weise bestraft oder verhindert. Die Chronik meldet, dass das Bild zweimal, als man es zum Schutz vor Entehrung und zur größeren Andacht, das eine Mal in die St. Veitskirche des nahen Marktes Kötzting, das andere Mal in die Pfarrkirche zu Blaibach, versetzte, ohne menschliche Hilfe wieder zur Eiche zurückgekehrt sei. Eine Menge von Votivtafeln, mit denen der Baum behangen wurde, gaben Zeugnis, wie Bedrängte von nah und fern bei dem Bild Hilfe suchten und fanden. Im Jahr 1584 wurde der Baum ein Raub der Flammen. Eine Frau, die davor ihre Andacht verrichtet hatte, entfernte sich, ohne das zu Ehren Mariens angezündete Wachskerzlein auszulöschen. Die Eiche wurde vom Feuer ergriffen und brannte aus. Das heilige Bild blieb wunderbarer Weise ganz unverletzt, wurde herausgenommen und in einen Bildstock, den man an der Stelle der verbrannten Eiche aufrichtete, eingesetzt. Im Jahr 1610 kam auf Veranlassung des Bischofs von Regensburg, der die wunderbaren Ereignisse nach Rom berichtet hatte, an die Stelle des Bildstocks eine Kapelle, als würdigere Wohnstätte für das heilige Bild, mit einem Turm geziert und mit einer Ringmauer umgeben. Fünfzig Jahre später wurde diese Kapelle vergrößert und zur Würde einer Kirche erhoben. Sie bildet nun ein ansehnliches Gebäude, das von einer Mauer umgeben ist und in einem ovalen Ring den Gottesacker und eine Kapelle einschließt. Auf dem Hochaltar der Kirche befindet sich das wundertätige Gnadenbild. Die vielen Votivtafeln, mit denen die Mauern im Erdgeschoss des Turmes, durch das man in die Kirche eintritt, bedeckt sind, sowie an den Wänden und Altären der Kirche selbst, zeugen von der Verehrung und dem Dank der Bedrängten, die durch die heilige Mutter Gottes von Weißenregen Hilfe gefunden haben.

 

Zur Zeit der allgemeinen Klösteraufhebung, wo so manches Heiligtum profaniert und vernichtet wurde, drohte man auch dieser schönen Wallfahrtskirche die Demolierung. Als Grund wurde angegeben, dass sie weder Wachs noch Öl mehr beschaffen könne. Allein, als man den allgemeinen Unwillen sah, den schon der bloße Gedanke hervorrief, und überdies alsobald Wohltäter sich meldeten, die diesen Defekt aus eigenen Mitteln zu ersetzen versprachen, sah man von diesem Vorhaben ab, und der Waldgegend blieb eine ihrer Zierden und dem gläubigen Volk eine ihrer Lieblingsstätten erhalten.

 

Die Kirche ist laut päpstlichen Bullen mit vielen vollkommenen und unvollkommenen Ablässen begnadet, wie die an den beiden Seiten der Vorderkirche angebrachten authentischen Ablasstafeln bezeugen.

 

Wunder

 

Eine Bürgersfrau zu Pfreimt, in der Oberpfalz, die an Händen und Füßen krumm und lahm war, und alle Heilmittel vergeblich angewendet hatte, träumte öfters, sie solle sich zu einem Marienbild, das in einer Eiche auf offenem und freiem Feld steht, führen lassen: da würde ihr Hilfe werden. Nach langer Nachfrage erfuhr sie endlich aus Anordnung Gottes durch eine Bettlerin, dass sich ein solches Muttergottesbild zu Weißenregen im bayerischen Wald befinde, vor dem schon viele Erhörung gefunden haben. Des weiten Weges ungeachtet begab sich die Bürgersfrau zur Verehrung des heiligen Gnadenbildes auf die Reise. Nach verrichteter Andacht daselbst verspürte sie augenblickliche Besserung, ließ als Wahrzeichen hierfür die früher unentbehrlichen Krücken beim heiligen Bild, und begab sich tags darauf nach dem nahe gelegenen Kötzting. Dort hielt sie sich eine geraume Zeit hindurch auf, um alle Tage das heilige Bild besuchen und vor ihm ihr inniges Dankgebet zum barmherzigen Gott und ihrer gütigen Helferin senden zu können.

 

Michael Kurz, Wachtmeister in der Compagnie des Grafen von Bonival, geriet am 1. August des Jahres 1646 in den spanischen Niederlanden in große Wassergefahr. Da rief er zu Unserer Lieben Frau von Weißenregen, die in seiner Heimat, dem bayerischen Wald, in hoher Verehrung steht, und gelobte ein heiliges Hochamt dahin, wenn er gerettet würde. Er wurde, wie er selbst nach Weißenregen berichtete, an das Gestade getrieben und glücklich dem Tod entrissen.

 

Im Jahr 1746 zeigte Sebastian Jungbeck, Bauer von Wettzell, der Wahrheit das Zeugnis gebend, an, dass in einer Nacht in seinem Dorf acht Häuser und vier Scheunen durch Brand in Asche gelegt worden sind. Auch seines Nachbars Gehöft sei schon in vollen Flammen gestanden, wodurch für sein eigenes Haus die größte Gefahr erwachsen war. Da wendete er sich mit größtem Vertrauen, drei heilige Messen gelobend, zu Unserer Lieben Frau von Weißenregen, und das Feuer kehrte sich von seiner Wohnung, die außer dem schwärzenden Rauch keine Spur des Brandes zeigte.

 

Eine gewisse M. Magdalena Wildfeuer brachte regelmäßig alle Frauentage eine Wachskerze als Opfer zu Unserer Lieben Frau nach Weißenregen. Dies geschah in Folge eines Gelübdes. Sie hatte ein volles Jahr am Krebs gelitten, und schon hatte das Übel im ganzen Gesicht sich ausgebreitet und es zerfressen. Nachdem sie das Gelübde gemacht hatte, wurde sie gänzlich befreit und geheilt.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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4. Unsere Liebe Frau zu Fourvieres in Lyon

 

Lyon, nach Paris die größte und reichste Stadt Frankreichs, zeichnete sich von jeher durch ihren religiösen Sinn und durch eine besondere Verehrung der allerseligsten Jungfrau aus. Lyon ist die Stadt, in der das große Werk der Glaubensverbreitung, Missions-Verein genannt, gegründet wurde und Lyon hat unter allen Städten Frankreichs zuerst das Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens gefeiert. Das größte und besuchteste Heiligtum der Stadt ist die Kirche „Maria von Fourvieres“ genannt.

 

Die Kirche ist einer der berühmtesten Wallfahrtsorte Frankreichs, und liegt auf dem höchsten Punkt eines Berges, von wo aus man die herrlichste Aussicht über die ganze Stadt Lyon und in die fernsten Gegenden hat. Früher stand hier ein prachtvolles, vom römischen Kaiser Trajan aufgeführtes Gebäude, Forum oder Marktplatz genannt, das im Jahr 840 zusammenstürzte. Schon im Jahr 1192 ließen der Erzbischof und die Domherren von Lyon zu Fourvieres eine Kapelle zur Ehre der jungfräulichen Mutter Gottes bauen. Sie stand aber nur bis zum Jahr 1562, wo sie von den wütenden Anhängern des Ketzers Kalvin, Hugenotten genannt, zerstört wurde. Bald sah man auf den Trümmern der alten Kapelle eine neue sich erheben, die aber in kurzer Zeit die Menge der herbeiströmenden Wallfahrer nicht zu fassen vermochte und daher im Jahr 1740 vergrößert werden musste. Die Kapelle besteht jetzt (1866) noch, wurde aber wie so viele andere heilige Gebäude im Laufe der Zeit verkauft und der Eintritt allen Gläubigen verschlossen. Der Erzbischof von Lyon kaufte sie und gab sie ihrer früheren Bestimmung zurück.

 

Von jetzt an begannen die Gläubigen, wie früher, zahlreich aus der Stadt und fernen Gegenden dorthin zu strömen. Besonders drängen sich die frommen Gläubigen an den Samstagen jeder Woche und an den Hauptfesttagen der seligsten Jungfrau zu dieser Kirche hin. Papst Pius VII. besuchte sie auf seiner Reise durch Lyon im Jahr 1805, las darin am 19. April die heilige Messe, beschenkte sie mit reichlichen Ablässen und anderen geistlichen Privilegien, begab sich dann auf den nahegelegenen Ort, wo man die ganze Stadt überblicken konnte, und gab ihr seinen Segen. Nie wird Lyon diesen segensvollen Tag vergessen. Das tröstliche Beispiel dieses würdigen Statthalters Christi erhöhte das Zutrauen der Einwohner Lyons und der benachbarten Provinzen zur hochbegnadeten Gottesmutter. Die Königin der Engel ermangelte auch nicht, das kindliche Zutrauen der Pilger zu belohnen. Neben außerordentlichen geistlichen Gnaden werden die Betenden öfters durch anerkannte echte Wunder in ihrem körperlichen Gebrechen plötzlich geheilt. Die letzten schreckensvollen Tage des Aufruhrs im Jahr 1834 vom 9. bis 12. April, in denen so viele unschuldig hingemordet, mehrere Häuser eingeäschert, andere stark beschädigt, die meisten Einwohner von den Schrecken des Todes ergriffen wurden, belebten aufs neue das Zutrauen zur Gnadenmutter, so dass seither die Kirche zahlreicher und eifriger als je besucht wird. Das Innere dieser Kirche ist mit sehr schönen Votivtafeln, als öffentlichen Denkmalen der Dankbarkeit, für erbetete Gnaden behangen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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5. Unsere Liebe Frau von der Freude zu Liesse in Frankreich

 

Bei der festen Stadt Laon, mehrere Meilen von Paris entfernt, steht die schöne Kirche Unserer Lieben Frau von der Freude, wohin noch immer viele fromme Pilger wandern. Der Ursprung dieser Kirche und Wallfahrt ist wunderbar.

 

Ungefähr um das Jahr 1134 lockten ungläubige Osmanen in der Stadt Askalon, gegen die die Malteserritter oder Hospitaler ununterbrochen kämpften, weil sie die Erbfeinde der Christen waren, eine Abteilung solcher tapferer Ritter in einen Hinterhalt und nahmen sie nach tapferer Gegenwehr gefangen. Unter den Gefangenen waren drei Brüder aus der Picardie. Der älteste war ein Herr von Arpe, der zweite von Marchois, und der dritte war unbegütert. Als sie von den Wunden geheilt waren, die sie im Kampf für ihre Freiheit bekommen hatten, schickte man sie wegen ihrer Tapferkeit und ihres Adels zum Sultan nach Kairo in Ägypten, der sie anfangs äußerst hart behandelte, und dann auf den Gedanken verfiel, sie für die Lehre des falschen Propheten Mohammed zu gewinnen. Er ließ sie deshalb bei Wasser und Brot einsperren und schickte dann Lehrer seiner falschen Religion zu ihnen, die sie auf alle Weise bereden und zum Abfall vom heiligen Glauben bringen sollten. Da sie nichts vermochten, schickte er auch seine schöne Tochter Ismeria, die in der Lehre des Mohammed sehr unterrichtet war, zu ihnen, damit sie das gleiche versuche. Doch es geschah das Gegenteil. Nach mehreren Gesprächen wurde sie von den treffenden Reden der Ritter überwunden. Besonders wurde sie sehr gerührt, als sie die Ritter so viel Schönes vom Leben Unserer Lieben Frau, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, erzählen hörte. Sie wünschte ihr Bild zu sehen.

 

Der älteste von den Brüdern versprach es ihr, ohne dass er bedachte, dass er kein solches Bild besitze, noch erhalten könne. Da er einsah, er könne sein Versprechen unmöglich erfüllen ohne höhere Hilfe, so nahmen die Brüder ihre Zuflucht zu Gott und zur glorreichen Jungfrau. In der folgenden Nacht fand er eine Statue der Mutter Gottes bei sich, ohne zu wissen, woher sie gekommen war, und die man für dieselbe hält, die man heut zu Tage noch in der Kirche Unserer Lieben Frau von der Freude sieht. Die Statue verbreitete den süßesten Wohlgeruch und ergoss durch das ganze Gefängnis, in dem die Ritter waren, ein helles Licht. Sie meinten auch eine herrliche Musik zu hören, die nur von Engeln kommen konnte, und sie so sehr erfreute, dass sie diese ganze Nacht mit großer Zufriedenheit zubrachten. Am folgenden Tag kam die Prinzessin Ismeria wieder ins Gefängnis und war Zeuge von all diesen Wundern, wodurch ihr Herz so sehr umgewandelt wurde, dass sie, statt die Ritter für ihren falschen Glauben zu gewinnen, selber unserem Herrn gewonnen war. Sie trug das Bild auf ihr Zimmer, erwies ihm die größte Ehre und wurde bald mit so viel Freude erfüllt, dass sie es nicht mehr verlassen konnte.

 

In der folgenden Nacht erschien ihr Unsere Liebe Frau und erklärte ihr, dass sie die Ritter aus dem Gefängnis befreien, und ihr dadurch Ehre machen solle. Mit Tagesanbruch ging sie geraden Weges zum Gefängnis, das sie wie durch ein Wunder geöffnet fand, rief den Rittern zu und gab ihnen ihren Entschluss zu verstehen. Sie gingen alle miteinander fort und zogen nach Kairo, ohne bemerkt zu werden. Hierauf gelangten sie an das Ufer des Nils, wo sich ein schöner junger Mann zeigte, der sie auf ein kleines Schiff brachte und gleich darauf verschwand.

 

Nachdem sie auf die andere Seite des Flusses gekommen waren, wurden die Ritter samt Ismeria auf wunderbare Weise nach Frankreich zu ihrem elterlichen Schloss gebracht. Das Bild Unserer Lieben Frau wurde vergessen bei einer Quelle, dessen Wasser über das Bild floss. Seitdem heilt das Wasser dieser Quelle von Fiebern und mehreren anderen Krankheiten.

 

Als die Ritter im elterlichen Schloss angekommen waren, hatten ihre Eltern eine unbeschreibliche Freude über ihre Rückkehr. Ismeria wurde hierauf dem Bischof von Laon vorgestellt, der sie unterrichtete, taufte und Maria nannte. Sie blieb im Haus bei der Mutter der Ritter und lebte keusch und rein in großer Frömmigkeit. Die Ritter ließen eine Kirche an dem Ort erbauen, wo das Bild liegen geblieben war. Hier wurde es auf den Altar der Verehrung ausgesetzt und seitdem von unzähligen Wallfahrern besucht, und die Freude, die noch jedem Besucher der Kirche zuteilwurde, verlieh ihr den schönen Namen „Unsere Liebe Frau von der Freude“.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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6. Unsere Liebe Frau von Chartres in Frankreich

 

Einer der ältesten und berühmtesten Wallfahrtsorte Frankreichs ist die Liebfrauenkirche zu Chartres, die der heilige Fulbert so herrlich gebaut hat. Eine alte Überlieferung sagt, dass das Gnadenbild dortselbst schon vor der Geburt der seligsten Jungfrau in einem heiligen Hain von den heidnischen Druiden oder Götzenpriestern der alten heidnischen Gallier zur Verehrung aufgestellt war. Es ist bekannt, dass auch bei den Heiden eine Weissagung umging, dass ein Erlöser des Menschengeschlechtes kommen und dieser aus einer Jungfrau geboren werde. Wahrscheinlich hatten auch die Druiden davon gehört, darum ein Bild dieser wunderbaren Jungfrau in ihrem heiligen Hain aufgestellt, ihm Opfer dargebracht und es göttlich verehrt.

 

Als aber der heilige Potentian, den der heilige Apostel Petrus nach Gallien, dem heutigen Frankreich, gesandt hatte, um dort den heiligen Glauben an Christus zu verkünden, in Begleitung des heiligen Albin und des heiligen Edwald in die Gegend von Chartres gekommen war, und das heilige Evangelium verkündete, fand er beim Volk und den Druiden, seinen Priestern, geneigtes Gehör. Sie nahmen den christlichen Glauben an und ließen sich taufen. Der heilige Potentian zerstörte den Hain und die Götzen, weihte aber den Altar und das dort befindliche Bild nach christlichem Gebrauch und machte aus der Höhle, in der das Bild stand, eine Kirche. Als aber der dort regierende römische Landpfleger Quirinius davon hörte, ließ er die neuen Christen ergreifen, um sie zum Abfall zu zwingen. Viele, die standhaft blieben, ließ er in einen Brunnen werfen, der neben dem Altar der heiligen Jungfrau stand, unter andern ein junges Mädchen, mit Namen Modesta.

 

Durch die schönen Beispiele von des Glaubens Kraft und Mut, die die heiligen Märtyrer gaben, schlug der heilige Glaube immer tiefere Wurzel in den Herzen des Volkes von Chartres. Die Bewohner der Stadt, von Liebe zur Gottesmutter entzündet, schickten sogar eine Gesandtschaft nach Jerusalem zur heiligen Jungfrau Maria, die damals noch lebte, und ließen ihr ihre Verehrung und Dankbarkeit ankündigen und ihr sagen, dass die Stadt Chartres unter ihre Schutzherrschaft gestellt sei. Daher ist es gekommen, dass sie „Frau von Chartres“ genannt wird.

 

Die Liebe Frau von Chartres wurde fort und fort vom Volk hoch geehrt. Diese Verehrung stieg aber noch mehr, als Kaiser Karl der Kahle die Tunika, oder das Unterkleid der allerseligsten Jungfrau neben mehreren Reliquien, die der große Kaiser Karl aus dem Morgenland erhielt, der Kirche von Chartres schenkte. Maria ließ aber die Liebe und Verehrung der Bewohner der Stadt nicht unbelohnt.

 

Im Jahr 1020 wurde die Kirche, die schon zweimal vom Feuer ergriffen und abgebrannt war, wieder durch der Flammen Glut zerstört. Die angstvollen Bewohner hatten während des furchtbaren Brandes nur die einzige Sorge, das Kleid der allerseligsten Jungfrau zu retten, was aber unmöglich schien. Da schonten einige der eifrigsten Bürger ihr eigenes Leben nicht, und stürzten sich in die Flammen, um den Reliquienschrein, worin es aufbewahrt war, dem Feuer zu entreißen. Sie nahmen den Schrein auf ihre Schultern und eilten damit an einen gewölbten Ort unter dem Pflaster der Kirche. Kaum waren sie angekommen, so fielen die Glockentürme zusammen, die Glocken und das Dach, das von Blei war, zerschmolzen, die Säulen stürzten ein, die das Gewölbe stützten, und die Kirche brach unter furchtbarem Krachen zusammen. Jedermann glaubte, dass die braven Männer unter dem Schutt begraben wären. Der Brand dauerte einige Tage, ohne dass man im mindesten helfen konnte. Doch als man endlich des Feuers Herr geworden war, es ganz gelöscht und den Schutt wegzuräumen begonnen hatte, siehe, da fand man die Bürger mit samt dem heiligen Schrein ganz unversehrt und wohlbehalten. Das kostbare Kleinod war gerettet. Unbeschreiblich war die Freude und der Dank Gott gegenüber und seiner gebenedeiten Mutter.

 

Im Jahr 1129 wütete eine furchtbare Pest, das St. Antoniusfeuer genannt, die die ganze Provinz verheerte. Da erschien Unsere Liebe Frau einem Mann, und gab ihm ein Mittel gegen dieses Übel an. So zeigte sich Maria gnädig den Bewohnern dieser Stadt, die unerschütterlich auf ihre Hilfe bauten, und immer Hilfe fanden. Noch heutzutage ist Unsere Liebe Frau von Chartres in ganz Frankreich berühmt, und noch immer zeigt sie sich gnädig jenen, die Trost und Hilfe bei ihr suchen, wie folgendes in ganz neuer Zeit sich zugetragene Wunder dartut:

 

Am 8. September 1857, am Fest der Geburt der heiligen Jungfrau, geschah während des vor der Statue Unserer Lieben Frau (Sous-Terre) abgehaltenen Pontifikalamtes ein außerordentliches Ereignis. Eine Person aus der Umgegend von Blois, seit acht Monaten des Gebrauchs ihrer Füße beraubt, ließ sich nach Chartres bringen, bei Gelegenheit unseres großen Festes, in der Hoffnung, dabei die Heilung zu erlangen, die menschliche Kunst bis auf diesen Tag noch nicht zu schaffen vermocht hatte. Sie wohnte dem Amt bei, und im Augenblick der Wandlung fühlte sie einen lebhaften Schmerz und fiel bewusstlos nieder. Man hebt sie auf, sie kommt alsbald wieder zu sich, sie wartet das Ende der heiligen Handlung ab, um fortzugehen. Ihre Füße, obwohl noch schwach, begannen sie zu tragen. Nichtsdestoweniger will sie sich auf den Arm einer Person stützen, um das Haus zu erreichen, wo sie eingekehrt war. Am Abend des Festtages oder anderen Tags kehrte sie in ihre Heimat zurück mit dem Versprechen bald wiederzukommen und Unserer Lieben Frau von Chartres am Ende der Oktav zu danken. Sie kam wirklich, und diesmal ließ sie ihre Krücken in der unterirdischen Kapelle aufgehängt, zum Zeichen der Heilung, die ihr in unserer Kirche zuteil geworden war.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

kathedralen.net/chartres

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7. Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund und Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

 

Unsere Liebe Frau von der Eich zu Bar-sur-Seine in Burgund

 

Vor vielen, vielen Jahren hütete ein kleiner frommer Hirtenjunge eines Tages seine Ochsen in einem Gehölz bei dem Dörfchen Avaleur in Burgund. Dieses Gehölz nennt man jetzt den Wald Unserer Lieben Frau. Dieser Hügel erhebt sich senkrecht über der kleinen Stadt Bar, die zwischen ihm und dem Fluss Seine gebaut ist, und der sie mehr bedroht als beschützt.

 

Der junge Hirt nun, der mit den Ochsen seines Vaters im Wald war, hatte sich, Stab und Hut auf den Boden legend, auf die Knie geworfen, um unter der schönsten Eiche des Waldes sein Gebet zu verrichten. Sein Herz war rein und seine Hände unschuldig. Sein Gebet sieg gleich duftendem Weihrauch zum Himmel empor. Siehe, o Wunder! Über seinem Haupt erblickt er im Stamm der Eiche ein niedliches Bild der allerseligsten Jungfrau. Nun fällt er von heiliger Furcht ergriffen auf die Knie nieder und spricht mit gefalteten Händen Ave Maria, und alles, was er sonst noch von Gebeten weiß. Als der Abend kommt, trägt er das Bild freudig in die Wohnung seiner Eltern. Seine Mutter war ihm heute wegen des schlechten Wetters entgegengegangen. Sobald ihr Sohn sie sieht, läuft er ihr Entgegen und übergibt ihr das Bild vor Freude hüpfend.

 

Nachdem die Mutter es ehrfurchtsvoll geküsst und ihr Gebet davor verrichtet hatte, verschloss sie es in einen alten wurmstichigen Kasten, in dem ihre Brautkleider und ihre kostbarsten Sachen sich befanden. Am nächsten Morgen ruft sie in aller Frühe ihre Nachbarinnen zusammen, um ihnen ihren glücklichen Fund, die kleine Mutter Gottes, zu zeigen, die ihr lieber Sohn gefunden hat. Doch wie erstaunt sie, als sie den Kasten öffnet und das Bild nicht mehr darinnen sieht. Weinend kehrte der Junge mit seinen Ochsen wieder in den Wald zurück, er hatte ja sein liebes Muttergottesbild nicht mehr. Geradewegs ging er auf die Eiche zu, wo er das Bild gefunden hatte, und das ihm so viel Freude gemacht hatte. Und o Wunder, das Bild war wieder an seiner vorigen Stelle. Groß war die Freude des guten Jungen, und er konnte kaum den Abend erwarten, wo er seine Ochsen heimtreiben und das liebe Bild wieder mit nach Hause nehmen konnte. Als die Sonne sich neigte, hob er das Bild mit großer Ehrfurcht von seinem Platz herab, und trug es freudetrunken in des Vaters Haus. Diesmal verschloss die Mutter den Kasten doppelt, auf dass ja das Bild nicht wieder abhandenkomme. Doch vergeblich.

 

Maria war wieder in die geliebte Eiche zurückgekehrt. Jetzt wurde die geistliche Obrigkeit von dem wunderbaren Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Geistlichen der Stadt zogen in Prozession hinaus in das Gehölz, um das heilige Bild abzuholen und in die Kirche zu bringen. Allein die Gottesmutter wollte den Wald und die Eiche nicht verlassen. Man war also genötigt, sie dort zu lassen und baute eine Kapelle, die noch steht, und in die die Eiche, auf der das heilige Bild sich befand, eingeschlossen ist. Die Nische für das Bild ist in das Holz ihres mehr als hundertjährigen Stammes eingehauen. Dieser Stamm ist in der Sakristei, wo man ohne Unterlass beträchtliche Stücke davon nimmt, um daraus kleine Kreuze zu machen. Es sind schon viele Jahrhunderte verflossen, seitdem man davon abschneidet, und doch scheint der Stamm nicht abzunehmen. Tag und Nacht, Sommer und Winter befindet sich das heilige Bild in der Wald-Kapelle. Nur wenn allgemeine Unglücksfälle die Gegend heimsuchen, alsdann erhebt sich in allen umliegenden Landschaften ein Schrei nach Unserer Lieben Frau von der Eiche. Man verlangt nach neuntägigen Andachten, nach Prozessionen. Und wenn die Prozessionen, wenn die neuntägige Andacht vom Bischof gestattet ist, so wird sie mit großer Freude gehalten. In großer Feierlichkeit wird das heilige Bild in die Stadt getragen, und ist die Andacht vorüber, trägt man es wieder ebenso feierlich in die Kapelle zurück. Das Volk erzählt wundersame Dinge von dem heiligen Bild, aber Tatsache ist, dass infolge von neuntägigen Andachten oder durch Wallfahrten zu Unserer Liebe Frau von Bar-sur-Seine in Burgund große Gnaden erlangt worden sind.

 

Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-mer und von Boulogne sur-Seine in Frankreich

 

Um das Jahr 633 verrichteten mehrere Gläubige der Stadt Boulogne in der Picardie ihr Abendgebet in einer Kapelle der Stadt. Da erschien ihnen Maria, und befahl, dass sie in den Seehafen gehen und dort ihr von Engeln aus dem heiligen Land auf einem Schiff hierher gebrachtes Bild in Empfang nehmen und in dieser Kapelle zur Verehrung aufstellen sollten. Die Befehle der glorwürdigen Jungfrau wurden sogleich mit Freuden ausgeführt. Man fand das heilige Bild auf einem Schiff und trug es alsbald in Prozession in genannte Kapelle. Die Kunde hiervon verbreitete sich ringsumher, und von allen Gegenden, selbst von den fernsten Provinzen, eilten Pilger herbei, um der Himmelskönigin ihre Huldigung darzubringen, und Gnaden aus ihren Händen zu empfangen. Bald erhob sich an der Stelle der Kapelle eine prächtige Kirche, die in der Folge eine der berühmtesten Wallfahrtskirchen wurde. Als im Jahr 1544 König Heinrich VIII. von England die Stadt Boulogne eroberte, ließ er das heilige Bild in sein von der Ketzerei angestecktes Land bringen. Als aber die Franzosen dem König von England die Stadt wieder entrissen, zwangen sie ihn, das heilige Bild wieder zurückzugeben, das sogleich an seinem Ort wieder aufgestellt wurde. Nun aber bemächtigten sich die ketzerischen Hugenotten des Bildes der Lieben Frau, und misshandelten es auf eine barbarische Weise. Da sie es nicht mehr in der Stadt Boulogne leiden konnten, so brachten sie es in ein hugenottisches Haus am Ufer des Meeres, sehr nahe bei der Stadt, und warfen es in einen Brunnen des Schlosses Honnar. Die Frau des Schlosses, die katholisch war, zog es insgeheim wieder heraus und brachte es an einen gewissen Ort, wo sie verborgen ihre Andacht zu verrichten pflegte. Ungefähr vierzig Jahre blieb das heilige Bild in ihrem Haus, als im Jahr 1609 ein frommer Einsiedler, namens Bruder Vespasian, auf Eingebung Gottes mit einem guten Weltpriester in dieses Haus kam, und ihm gelang, dass das heilige Bild wieder nach Boulogne gebracht wurde. Trotz des Widerstandes der Hölle blieb es hier in höchster Verehrung. Nachdem der fromme Bischof Klaudius Dormy die von den Engländern verwüstete Kirche herstellen ließ, wurde feierlich dahin gebracht, und seitdem von Tausenden von frommen Pilgern verehrt. Das heilige Bild ist gar lieblich anzuschauen. Es steht in einem kleinen Schiff, an dessen Ende zwei Engel sitzen, die gleichsam die Steuermänner sind. Besonders setzen die Schiffer ein großes Vertrauen auf Unsere Liebe Frau von Boulogne, und keiner fährt ab und kehrt wieder, ohne seine Huldigung ihr darzubringen.

 

König Philipp der Schöne trug eine hohe Verehrung zu Unserer Lieben Frau von Boulogne und baute bei St. Kloud eine Kirche, die in allem der Gnadenkirche von Boulogne glich. Sein Nachfolger vollendete den herrlichen Tempel im Jahr 1319, und nannte ihn Unsere Liebe Frau von Boulogne sur-Seine. Die große Bruderschaft von Boulogne sur-mer ließ die Kirche ausschmücken. Auch bei dieser neuen Kirche entstand eine große Bruderschaft, die aber im Laufe der Zeit einging. Erst am 1. Mai 1853 hat die Wiedereinsetzung der alten großen Bruderschaft, der Papst Pius IX. Ablassbriefe verlieh, stattgefunden, und schön strömen die Gläubigen aus allen Gegenden in Massen herbei, um die Zahl der Pilger nach Boulogne sur-Seine und die Mitglieder der großen Bruderschaft zu vermehren.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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8. Das wundertätige Muttergottesbild zu Rimini in Italien

 

In der Stadt Rimini in Italien lebte ein edler Patrizier, namens Joseph Soleri Brancoleoni, mehr ausgezeichnet durch den Glanz seiner Tugenden, als durch seine Herkunft. Von Jugend auf liebte er die edle Malerkunst leidenschaftlich und studierte sie unter geschickten Lehrern mit Erfolg. Um in seinen künstlerischen Studien eine größere Vollkommenheit zu erreichen, begab er sich in die große Stadt Rom, die Mutter der schönen Künste. Aber nach einem kurzen Aufenthalt wurde er krank und die Ärzte rieten ihm, in seine Vaterstadt zurückzukehren. Es kostete den jungen Soleri viel Überwindung. Nichtsdestoweniger musste er gehorchen, da sein krankhafter Zustand sich mehr und mehr verschlimmerte. Da sich seine Gesundheit zu Hause ein wenig gebessert hatte, nahm er im elterlichen Haus seine Studien wieder auf und widmete sich ihnen gänzlich. In der Absicht, jungen Leuten seines Alters unter die Arme zu greifen, die, wie er, für die Kunst glühten, ließ er in seinem eigenen Haus eine Malerwerkstätte einrichten, wo die jungen Kunstjünger von Rimini jeden Tag zum Zweck ihrer Ausbildung sich versammelten. In dieser Werkstätte und von der Hand des Joseph Soleri Brancoleoni wurde um das Jahr 1796 das wundertätige Bild in Öl ausgeführt, von dem hier die Rede ist. Das Bild ist zwanzig Zoll hoch und ca. dreiundzwanzig Zoll breit. Die heilige Jungfrau ist in halber Figur mit einem beredten und gefühlvollen Ausdruck dargestellt. Sie hält die Hand leicht an die Brust gedrückt. Der Kopf ist ein wenig gegen die rechte Schulter geneigt. Die Augen sind himmelwärts gekehrt. Das Gesicht ist von zartem Farbenschmelz, so dass man es lieben muss, wenn man es nur anschaut, und man wird von dem Gedanken ergriffen, dass Maria ihr ganzes Herz, ihre Bitten, die ganze Stärke ihres in Gott versenkten Blickes anwendet, um Für bitte einzulegen für die Menschen. Man möchte sagen, sie freue sich erhört zu werden und sie lasse ihre Diener an ihrer Freude teilnehmen. Man könnte glauben, sie lasse, in himmlische Gedanken entzückt, die Worte des Lobgesanges unwillkürlich ihren Lippen entströmen: „Meine Seele preiset hoch den Herrn und mein Geist frohlockt in Gott meinem Heiland; er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd; siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Denn Großes hat an mir getan, der da mächtig und dessen Name heilig ist.“

 

Im Jahr 1810 nach dem Tod des berühmten Malers wurde das Bild, das bis dahin als ein köstliches Andenken im väterlichen Haus aufbewahrt worden war, von der Familie Brancoleoni der benachbarten Kirche der heiligen Klara zum Geschenk gemacht. Diese Kirche hatte ehemals einem Frauenkloster angehört, aber heutzutage (1866) ist sie im Besitz der ehrwürdigen Väter Missionare vom kostbaren Blut unseres Herrn Jesus Christus.

 

Kaum war das heilige Bild der öffentlichen Verehrung ausgesetzt worden, so wurde es der Gegenstand des frommen Zudrangs der Gläubigen. Es bildete sich zu seiner Ehre eine andächtige Gesellschaft, und man feierte Feste zu seiner Ehre, bei denen die Bescheidenheit und die Sammlung die schönste Zierde bildete. Niemand trat in die kleine St. Klarakirche ein, ohne der heiligen Jungfrau einen Besuch zu machen und ein Gebet an sie zu richten.

 

Samstag den 11. Mai 1850, an einem Tag und in einem Monat, die der heiligen Jungfrau geweiht sind, ging die Gräfin Anna Bugli Baldini, in Begleitung ihrer Adoptivtochter, und der Franziska Megani durch eine Fügung der Vorsehung um halb zwei Uhr nachmittags an der Klarakirche vorüber. Obgleich sie diese Kirche gewöhnlich nicht besuchte, so fühlte sie doch an diesem Tag einen innerlichen Drang in sie hineinzugehen. Sie ging also mit ihren beiden jungen Begleiterinnen wirklich hinein und begab sich, um ihr Gebet zu verrichten, in die kleine Kapelle, in der das heilige Bild aufgestellt war. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie, ihre Blicke auf die heilige Jungfrau richtend, wahrnahm, dass ihre Augen sich sanft bewegten und so weit nach oben richteten, dass sie gänzlich unter dem Augendeckel verschwanden. Dieses Schauspiel, des Himmels und der Engel würdig, wurde so sichtbar, dass sie keinen Augenblick an dem Wunder zweifelte. Aber gleichwohl rief sie, um sich vollkommene Überzeugung zu verschaffen, die beiden jungen Mädchen zu sich und bat sie, die Augen des heiligen Bildes mit Aufmerksamkeit zu betrachten, um zu sehen, ob sie nicht auch das nämliche entdeckten, was sie selbst wahrgenommen hatte. Die beiden kamen heran und stiegen, um dieses Wunder besser zu sehen, auf den Altartritt und waren dem wundertätigen Bild so nahe, dass sie es mit den Händen berühren konnten. In dieser Stellung richteten sie ihre Augen aufmerksam auf jene der Jungfrau, und auch sie sahen, wie sie sich eine halbe Stunde lang hin- und herbewegten und zitterten. Dies war der Anfang des Wunders.

 

Tags darauf, den 12. Mai kamen die beiden jungen Mädchen, denen die Gräfin Baldini ausdrücklich verboten hatte, irgend jemand etwas davon zu sagen, wieder in die Kirche der heiligen Klara, aber allein, denn die Gräfin war unpässlich. Sie traten wieder in die Kapelle der wundertätigen Jungfrau, wo sich zwei Frauen befanden, Helena Scaramucci und die Baronin Eleonora Bogliori Buonadatra. Das Wunder vom vorigen Tag erneuerte sich vor ihnen, aber auf eine dermaßen deutliche und sichtbare Weise, dass alle vier, von einem heiligen Schrecken ergriffen, zu den hochwürdigen Missionaren rannten und dem ersten, dem sie begegneten, das erzählten, wovon sie soeben Zeugen gewesen waren.

 

Die Art und Weise, wie sie sprachen, die Zuversicht ihrer Worte, ihrer Mienen und Gebärden, ihre Rührung, die Tränen, die unwillkürlich aus ihren Augen strömten, alles verbürgte die Aufrichtigkeit ihrer Erzählung und die Wirklichkeit des Wunders. Demnach verfügte sich der Geistliche unverzüglich in die Kapelle, um das Wunder mit eigenen Augen zu untersuchen, und nachdem er das Wunderbild betrachtet hatte, erklärte er, er sehe nichts. Doch hielt er es, bevor er sich offen aussprach, für klug, den jungen Mädchen zu empfehlen, sie sollten noch ein anderes Bild der heiligen Jungfrau anschauen, das sich in der Kirche befand und genau acht geben, ob sie nicht auch an diesem Bild eine Bewegung der Augen wahrnähmen. Dies war ein gutes Mittel, vor der Einbildungskraft der jungen Mädchen auf der Hut zu sein und der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Die guten Mädchen gingen hin und bemerkten nichts Ähnliches trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit. Alsdann zog der Geistliche den Vorhang vom Fenster weg, durch das das Licht in die Kapelle fiel, kniete vor dem Altar der Jungfrau nieder und begann die Lauretanische Litanei zu beten. Kaum hatte er die ersten Anrufungen ausgesprochen, als die Mädchen das Wunder von neuem sahen, und der gute Pater selbst es ebenfalls wahrnahm. Er erlangte darüber eine solche Gewissheit, dass ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper überfiel. Er wurde leichenblass und konnte nur noch stottern, so groß war der Eindruck, den das Wunder auf ihn machte.

 

Nachmittags verbreitete sich die Nachricht von dem Wunder in einem Augenblick in der ganzen Stadt und unter allen Klassen der Bevölkerung vom Palast des Reichen bis in die elende Hütte des Armen. Sogleich begann man es zu erzählen, man fragte, man forschte, man erstaunte, man wunderte sich, man weinte vor Rührung, und alle Welt lief dem heiligen Bild der Mutter der Barmherzigkeit zu. In kurzer Zeit war die Kapelle der heiligen Jungfrau und die Kirche voll von einer andächtigen Menge, und die benachbarten Straßen waren mit Leuten überfüllt. Indessen war der geistliche Gerichtshof von dem Wunder und dem ungeheuren Zusammenlauf benachrichtigt worden, und der Dompropst und Generalvikar, Herr Michael Brioli, begab sich aus freien Stücken in die Kirche der heiligen Klara. Nur mit großer Mühe konnte er sich durch die zusammengedrängte Menge Bahn brechen, und als er bei dem heiligen Bild ankam, verehrte er es andächtig, nahm es weg und brachte es zum Hochaltar, wo er es aufstellte. Bei diesem Anblick erhoben die Gläubigen mitten unter Schluchzen und Weinen die rührenden Rufe: Es lebe Jesus! Es lebe Maria! und die schallenden Ausrufungen: Keine Sünde mehr! Keine Flüche mehr! Ausrufungen, die von Herzen kamen und den einen durch die Lebhaftigkeit ihres Glaubens und ihrer Andacht zu Maria, anderen durch den Abscheu und die Reue über ihre Sünden, vielen aber durch die Handgreiflichkeit des Wunders eingegeben wurden, das sich unter ihren Augen begab.

 

Gott, dessen Arm niemals verkürzt ist und dessen barmherzige Geheimnisse für das Heil der Menschen unendlich sind, wollte das Wunder fortbestehen lassen, bis er der Welt einen glänzenden Beweis der Macht seiner heiligen Mutter gegeben hatte. Das Wunder war nicht bloß zwei Tage lang zu schauen, es dauerte vom 11. Mai ab, da es von der Gräfin Baldini zum ersten Mal wahrgenommen worden war, bis zum 18. desselben Monats ohne Unterbrechung fort. Es wurde sogar allmählich augenfälliger und häufiger, so dass eine beträchtliche Anzahl von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters und Standes Augenzeugen sein konnten. Der Zulauf des Volkes war so groß, dass einige Zeit hindurch die Kirche Tag und Nacht nicht leer wurde. Nicht nur die Bewohner der Stadt Rimini kamen scharenweise, sondern auch das Landvolk und die Einwohner der benachbarten Städte drängten sich hinzu. Das Gerücht von dem Wunder verbreitete sich in ganz Italien, beinahe in allen Staaten Europas, und bald sah man aus allen Gegenden Fremde ankommen, die zur Mutter der Barmherzigkeit von Rimini ihre Zuflucht nahmen.

 

Am Abend des 19. Mai besuchte der Bischof von Rimini, Herr Salvator Leziroli, der nach reiflicher Untersuchung das Wunder durch einen eigenen Ablass bestätigt hatte, das heilige Bild. Er sah die Augenbewegung so deutlich, dass er am ganzen Körper zitterte, ohnmächtig hinfiel und weinte. Es begleiteten aber auch noch andere wunderbare Vorfälle das Wunder der Augenbewegung. Ein Kranker, der zwanzig Jahre lang mit einem Bruch behaftet war, wurde betend vor dem Bild augenblicklich gesund, und ein Mädchen von sieben Jahren zu St. Giovanni in Marignano, das in Folge einer langen Augenkrankheit ein Auge eingebüßt hatte, erlangte es vor dem Bild wieder. Ein Augenzeuge, der mit seiner Familie eigens eine Reise von Mailand nach Rimini machte, um das Wunder zu sehen, sagte aus: Er und die Seinigen und noch sonst Anwesende haben gesehen, dass das ruhmvolle Bildnis beim Gloria in excelsis im Einklang mit der äußeren Malerei mehr als sonst die Augen aufschlage, diese zu gleicher Zeit bald rechts und bald links bewege und sie dann in ihre frühere Lage zurückversetze. Dieses wiederholte sich am auffallendsten beim Sanktus und in dem Augenblick, da der Priester den Segen erteilte. Alle die zugegen waren, riefen beim Anblick dieses Wunders, jedoch mit gedämpfter Stimme aus: „Seht, seht das Wunder, gepriesen sei die heilige Maria!“ Man weinte und schluchzte allenthalben, und es war niemand zugegen, der beim ersten Anblick des Wunders die Tränen hätte zurückhalten können.

 

Durch dieses Wunder wollte Gott das italienische Volk zur Umkehr bewegen, er wollte es an sich ziehen, damit es in den kommenden Stürmen des Aufruhrs und des Umsturzes alles Bestehenden, nicht vergesse wo allein Friede, Schutz und Zufriedenheit zu finden sei. Eingedenk dessen nun sucht das italienische Volk größtenteils noch Schutz und Hilfe bei der gebenedeiten Gottesmutter, die es denn auch sicher einführen wird in den Hafen des Friedens und des durch ihn bedingten Glückes.

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9. Unsere Liebe Frau zu Trapani auf der Insel Sizilien

 

Im Jahr 1118 taten sich zu Jerusalem neun ritterliche Männer aus Frankreich zu einem heiligen Bund zusammen und legten in die Hände des Patriarchen Garamund die drei Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams ab. Sie wollten unter der Regel des heiligen Augustin leben, setzten aber den ausdrücklichen Schwur bei, dass sie die Straßen des heiligen Landes vor den zahlreichen Räubern schützen, die Wallfahrer zu den heiligen Stätten in Jerusalem, Nazareth und Bethlehem unter sicherem Geleit führen und die Ungläubigen rastlos bekämpfen wollen.

 

Da diese neuen Ordensritter noch keine gemeinsame Herberge, auch keine Kirche oder Kapelle besaßen, so überließ ihnen der König von Jerusalem Balduin II. einen Teil seines Palastes und da der an den sogenannten Tempel Salomos stieß, so erhielten sie von dieser ihrer ersten Wohnung den Namen Templer.

 

Ritterlich und tapfer kämpften diese frommen Ordensritter gegen die Ungläubigen, säuberten die Landstraßen von Räubern und schützten die Wallfahrer im heiligen Land vor den Bedrückungen und Verfolgungen ihrer Feinde. Als aber im Jahr 1187 die heilige Stadt Jerusalem und das heilige Land wieder in die Gewalt der Ungläubigen fiel, da mussten auch die Tempel-Herren, wie man diese Ordensritter nannte, ihre Wohnstätte und das heilige Land trotz ihrer tapferen Gegenwehr verlassen. Mehrere von ihnen bestiegen ein Schiff, um anderswo einen Wohnsitz zu suchen, und nahmen auch ein Bild der Lieben Frau mit sich, das sie hoch in Ehren hielten. Sie segelten mit ihrem geliebten Schatz Italien zu. Allein während der Fahrt erhob sich ein grauenhafter Sturm, doch entkamen sie ihm glücklich unter dem Schutz der gebenedeiten Gottesmutter und landeten auf der Insel Lampedusa. Nachdem sie sich da von der gefahrvollen Fahrt erholt hatten, fuhren sie mit ihrem himmlischen Schatz ab, Italien zu, wurden aber wieder auf dem Meer hin- und hergetrieben und mussten schließlich gegen ihren Willen im Hafen der Stadt Trapani auf der Insel Sizilien landen, wollten sie nicht zugrunde gehen. Sie blieben einige Zeit hier vor Anker liegen. Als das Wetter wieder günstig war, spannten sie wohlgemut die Segel und fuhren sehnsüchtig dem Ziel ihrer Reise zu. Allein kaum waren sie auf der hohen See, als ein Sturm sie wieder in den Hafen Trapani zurücktrieb. Sie versuchten zwei- und dreimal die Abfahrt, allein immer mussten sie auch beim besten Wind zur alten Stelle zurückkehren. Sie wussten nicht, was sie sich denken sollten. Es kam ihnen auch nicht in den Sinn, dass die glorreiche Himmelskönigin ihr geheiligtes Bildnis zur Verehrung in der Stadt Trapani haben wollte. Doch ließen sie bis auf weiteres das Bild zurück und fuhren nach Italien ab.

 

Nach ihrer Abfahrt wurde das heilige Bild einstweilen im Zeughaus aufbewahrt. Als sie aber nach Pisa kamen, einer Stadt in Oberitalien, und dort von dem kostbaren Schatz erzählten, den sie aus dem heiligen Land mitgebracht hatten, trugen die Einwohner großes Verlangen, das heilige Bild zu erhalten. Es wurden also nach Trapani Boten abgeschickt, um das Bild abzuholen. Allein diese mussten unverrichteter Sache wieder abziehen, denn das Bild ließ sich nicht mit fortbringen. Man lud es auf einen Wagen mit Ochsen bespannt, um es an das Meer und zu Schiff zu bringen, allein die Tiere liefen mit samt den Wagen der Kirche des heiligen Leonard zu, wo man bis heute das Andenken an dieses Ereignis abgebildet sieht. Doch auch in dieser Kirche blieb das heilige Bild nicht. Noch ehe man das Bild vom Wagen hob, liefen die Ochsen wieder fort und der Kirche der Karmeliten zu, wo sie stehen blieben und nicht mehr von der Stelle gebracht werden konnten. Nun hob man das Bild vom Wagen und trug es ohne Hindernis in die Kirche. Jetzt erkannte man, dass die Liebe Frau hier in ihrem Bild ihren Sitz aufschlagen wollte. Es kamen nun viele Andächtige, um der Himmelskönigin ihre Verehrung zu bezeigen. Zahlreiche Gnadenerweisungen, die die Hand der heiligen Jungfrau hier austeilte, zogen immer mehr Andächtige herbei. Und noch immer ist das Gnadenbild ein Gegenstand der allgemeinen Verehrung auf der ganzen Insel Sizilien. Das Zusammenströmen am jährlichen Hauptfest ist so groß, dass schon öfters 30.000 Wallfahrer gezählt wurden.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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10. Die St. Marien-Ablass-Kapelle zu Köln am Rhein

 

Zur Zeit, als edle Begeisterung die Herzen der deutschen Männer und Jünglinge durchdrang und sie anspornte, die heiligen Stätten in Palästina aus den Händen der Ungläubigen zu erobern, schloss sich auch ein Kölner Ritter, namens Bruno von Mauenheim dem Kreuzzug Konrad III. an. Bekannt ist das traurige Los, das die Christen bei dieser Unternehmung traf. Gleich vielen andern wurde auch Bruno gefangen, mit Ketten gefesselt und in einen dunklen Kerker geworfen. Nach vielen Misshandlungen bot man ihm endlich die Freiheit an, jedoch unter der Bedingung, dass er seinem Glauben abschwöre.

 

Mit Verachtung wies der Tapfere den schmachvollen Antrag zurück. Dagegen wandte er sich vertrauensvoll an die seligste Jungfrau, die er allzeit verehrt hatte, und suchte hier Schutz und Hilfe. Da erscheint ihm in einem Traumgesicht, von Glorie umstrahlt, die gute Mutter und löst die Ketten von seinen Händen und Füßen. Der Ritter erwacht, die Fesseln liegen am Boden, die Türen des Gefängnisses stehen offen. Auf Mariens Schutz vertrauend entflieht der Unglückliche und erreicht glücklich das ehrwürdige Köln. Schon auf der Flucht hatte Bruno gelobt, aus Dankbarkeit der Mutter des Herrn in Köln ein Kirchlein zu bauen.

 

Sogleich nach seiner Ankunft daselbst erfüllte er das Gelübde. Aber nachdem der Bau vollendet war, schien er ihm zu gering, er ging mit dem Plan um, eine größere Kirche zu bauen. Deswegen befahl er auch, die ihm zu kleine Kirche abzubrechen. Da nun die Werkleute den Auftrag vollzogen, erblickten sie plötzlich an einer Seitenwand ein schön gemaltes Mutter-Gottes-Bild. Man rief Bruno herbei, der zu seinem großen Erstaunen sah, dass das Bild die Züge Mariens besitzt, die er im Traum gesehen hatte. Sofort ließ er auf dieses Wunder hin den Abbruch einstellen und hing zum ewigen Gedächtnis seine Ketten und Sporen in der Kirche auf. Man sieht sie noch heutzutage.

 

Von nun an erschienen Pilger aus allen Gegenden Europas in der heiligen Kapelle und keiner ging ungetröstet von dannen. Einst erschien auch eine Kaiserin zu Köln und wollte das wunderbare Bild mit eigenen Augen sehen. Zuvor aber sollten die alten Farben wieder erneuert werden, der seligsten Jungfrau aber war dies nicht angenehm. Beim Eintritt der Kaiserin verschwand jede Spur der Restauration. Zwei weitere Versuche blieben ebenso erfolglos.

 

So behielt denn das Gnadenbild bis auf den heutigen Tag (1866) seine ursprüngliche Gestalt und wird auch jetzt noch von zahlreichen Pilgern aus Nah und Fern besucht und verehrt.

 

Die Benennung der Kapelle „Maria-Ablass“ leitet sich von uralter Zeit her. Nach der Bußordnung der ersten Christen wurden nämlich hier die Sünder, die öffentlich Buße tun mussten, auch öffentlich vom Priester freigesprochen und in die Kirche wieder aufgenommen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

 

gemeinden.erzbistum-koeln.de

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11. Unsere Liebe Frau von Arrabida in Portugal

 

Die portugiesischen Matrosen, die im Fluss Tajo bei Lissabon, der Hauptstadt Portugals landen, oder von da das große Weltmeer befahren, unterlassen niemals, zum Berg Arrabida hinaufzusteigen, um dort in der prachtvollen Gnadenkirche Unserer Lieben Frau eine glückliche Fahrt zu erbitten oder zur Danksagung für glückliche Heimkehr und Rettung aus den Stürmen des Meeres ihr Gelübde zu lösen, und ihre Weihegeschenke darzubringen.

 

Die Wände der Kirche sind übersät von Votivtafeln, die Zeugnis geben von der Andacht des Volkes und von dem Vertrauen auf die mächtige Fürbitte der Himmelskönigin, die hier so reichlich Gnaden spendet.

 

Vor Zeiten war der Berg Arrabida noch mit dichtem Holz bewachsen und von dunklen Waldungen umgeben. Da geschah es, dass ein Kaufmann aus England sich zu Schiff nach Portugal begab. Bei dem Ausfluss des Tajo in das Meer überfiel das Schiff ein gewaltiger Sturm in finsterer Nacht. Der gute Kaufmann hatte ein Bild Unserer Lieben Frau bei sich. Da nimmt er seine Zuflucht zu Maria. Wie er flehend seine Hände erhebt, sieht er von Ferne ein ungewöhnliches Licht. Diesem Licht nun zufahrend landen sie bald am Fuß eines Berges, wo sie die Nacht in Ruhe zubrachten. Mit Anbruch des Tages besteigt der Schiffsherr mit den Seinigen den Berg, um sich zu erkundigen, woher das Licht bei der Nacht gekommen war, und was es wohl bedeuten möge. Da fanden sie zu ihrem größten Erstaunen das Marienbild, das der Kaufmann auf dem Schiff gehabt und vor dem er betete. Wie es hierhergekommen war, wusste er nicht. Im Glauben, Unsere Liebe Frau will sich da niederlassen, verkaufte der Kaufmann alle Waren mit dem Schiff, baute der gebenedeiten Mutter Gottes eine Kapelle, sich selbst aber daneben eine Hütte, wo er sein Leben in Übungen der Andacht und Buße zubrachte und gottselig starb. Später wurde den Vätern Franziskanern neben der Kapelle, aus der bald eine herrliche Kirche entstand, ein Kloster erbaut. Die prachtvolle Kirche mit dem Gnadenbild ist der Hauptandachtsplatz der Bewohner von Lissabon, ein Ort des Trostes für Leidende und Bedrängte.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

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