Wallfahrten 1

 

Inhalt:

 

1. Maria Rast in Stampfanger (Tirol)

2. Unsere Liebe Frau zu Klausenburg in Siebenbürgen

3. Unsere Liebe Frau zu Radna im Bistum Raab in Ungarn

4. Maria-Treu in der Josephsvorstadt zu Wien

5. 100 Jahre Marienwallfahrtsort in Fatima

6. Unsere Liebe Frau zu Gran (ungarisch: Esztergom) im Schloss

7. Unsere Liebe Frau auf dem Köhlerberg bei Freudental in Schlesien

8. Bornhofen - die Marienwallfahrt am Rhein

9. Unsere Liebe Frau zu Haindling in Niederbayern

10. Unsere Liebe Frau zu Bistricz in Kroatien

11. Das wundertätige Jesuskind von Aracoeli in Rom - Santo Bambino

12. Das Frauenbild zu Lacroma bei Ragusa in Dalmatien

13. Maria Bründl bei Hauzenberg

14. Maria Major im Königskloster zu Wien

15. Der Waller

16. Unsere Liebe Frau zu Dorfen in Bayern

17. Maria-Plain nächst Salzburg in Oberösterreich

18. Maria Schmerz in Wien

19. Maria-Hilf zu Pottendorf in Österreich

20. Unsere Liebe Frau zu Mariataferl in Österreich unter der Enns

21. Die Wallfahrtskirche und das Minoritenkloster vom Orden des heiligen Franziskus zu Oggersheim

22. Lourdes

23. Wallfahrtskirche Sossau bei Straubing in Niederbayern

24. Die schmerzhafte Mutter in Riffian bei Meran in Südtirol

25. Unsere Liebe Frau im Walde in Tirol

26. Kalt Herberg, das Waldkirchlein in Tirol

27. Maria vom Moos zu Bozen in Südtirol

28. Unsere Liebe Frau zu Altbunzlau 

29. Maria Grün bei Graz

30. Lourdes und Bernadette

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1. Maria Rast in Stampfanger (Tirol)

 

Wer das liebliche Söllandl im tirolischen Unterinntal besucht, der soll es nicht versäumen, einen Gang nach dem nur eine Viertelstunde vom Pfarrdorf entlegenen Wallfahrtskirchlein Stampfanger zu machen. In weltverlorener, waldschattiger Einsamkeit erhebt sich auf steilem Felsblock mitten im tosenden Wildbach, mit dem Berghang durch eine kühngeschwungene Brücke verbunden, das kleine Gotteshaus mit grauem Schindeldach und rotbrauner Kuppel. Den offenen Umgang zieren buntfarbige Bilder und in einem kleinen Gärtlein vor der Brücke ragen die Kreuze eines Kalvarienberges empor. Dieses Wallfahrtskirchlein wird unter dem Namen St. Mariae ad Quietem in alten Schriftwerken zuerst im Jahr 1662 gedacht. Ausdrücklich geschieht von ihm Erwähnung 1679, da in diesem Jahr der alte Bau renoviert wurde. Im Jahr 1757 wurde ein Teil des Gebäudes abermals umgebaut und mit einem Turm versehen, nachdem schon im Jahr 1707 das Kirchlein im Auftrag des Bischofs Rudolf von Chiemsee durch den Domherrn Sigmund Karl konsekriert worden war. Von da ab hob sich in der ganzen Gegend die Verehrung der Mutter Gottes zu Maria Rast in erheblichem Maße. Am 2. Februar 1862 wurde der Felsen, auf dem das Kirchlein steht, bei einem Gewittersturm durch die Fluten des darunter strömenden Salvenbaches gespalten, so dass die schöne, steinerne Brücke, die zur Kapelle führt, in die Tiefe stürzte. An ihrer Stelle wurde nun eine einfache Holzbrücke erbaut. Im Jahr 1863 ließ gelegentlich einer Redemptoristen-Mission der damalige seeleneifrige Pfarrer Niklaus Ullrich Kapelle und Altar reich verzieren. Auch die nachfolgenden Pfarrherren Georg Schachner, Jakob Müller und Barthlmä Staberl sorgten emsig für die Ausschmückung des beliebten Kirchleins, so dass es gegenwärtig (1911) eine wahre Zierde der Gemeinde bildet.

 

Wenn du nun eingekehrt bist in das kleine Heiligtum und deine Andacht vollendet hast vor dem Anmutigen Gnadenbild, so lenken sich deine Blicke auf zwei große, schöne Votivtafeln an der Wand, die uns von den Kämpfen der Unterinntaler Schützen zur Zeit der großen Befreiungskriege erzählen. Sie wurden vom wackeren Hauptmann der Kufsteiner Scharfschützen-Kompagnie aus Söll, Josef Rainer, hier angebracht zum Dank für die glückliche Heimkehr aus den Kämpfen der Jahre 1797 und 1800. Auf dem einen sieht man eine getreue Darstellung des alten Kufstein, in dessen von Franzosen erfüllten Landschaft die treuen Tiroler Landesverteidiger, zum Angriff gerüstet, am Tierberg niedersteigen, auf der anderen ist der Fahnenschwur in der Pfarrkirche zu Söll und der Auszug der Schützen abgebildet.

 

Schweren Herzens nehmen wir Abschied von diesem altehrwürdigen Heiligtum. Tausende frommgläubige Bewohner aus nah und fern haben vor diesem Gnadenbild in ihren Bedrängnissen neuen Mut, Rat und Hilfe gefunden, wie dies die zahlreichen Erinnerungstafeln am Kirchlein bezeugen und auch ich und meine Familie suchen und finden alljährlich bei dieser Gnadenmutter süße Tröstung und neue Schaffensfreude, wenn wir nach einem mühe- und opfervollen Berufsjahr immer wieder hierher pilgern, um auszuruhen im kühlen Schatten der Maria Rast-Kapelle von Söll.

 

(Direktor Hans Mayr in Wels, „Ave Maria“, Heft 6, 1911, s. 127)

 

wallfahrtskapelle-stampfanger

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2. Unsere Liebe Frau zu Klausenburg in Siebenbürgen

 

Zu Klausenburg in der Kirche der Piaristen, oder der Väter der frommen Schulen, befindet sich ein berühmtes Gnadenbild der Lieben Frau, zu dem das Volk von Nah und Fern mit großem Vertrauen wallfahrtet und das fort und fort durch Wunderzeichen leuchtet.

 

Glaubwürdige Angaben versichern, dass dieses Marienbild Lukas, ein ruthenisch unierter Maler, im Jahr 1681 gemalt hat. Er verkaufte es einem Edelmann, Johann Kopcsa, und der schenkte es der griechisch unierten Kirche des Dorfes Szent Miklós, wo es an der Vortür des Sanktuariums aufgehangen und mit den übrigen heiligen Bildern geziemend verehrt wurde. Am 15. Februar 1699 geschah es aber, dass einige in dem Dorf Szent Miklós und in der Umgegend überwinternde Soldaten des Kürassier-Regiments Fürst Hohenzollern in diese Kirche gingen, und nach der Reihe die gemalten Bilder besichtigten. Da waren sie die ersten, die bemerkt haben, dass das Bild der Jesus auf ihrem Schoß tragenden heiligsten Jungfrau Maria Tränen vergieße. Sie erstaunten und eilten zu dem Ortsgeistlichen, Michály genannt, deuteten ihm das Geschehene an, und baten, er möchte eilend hingehen und das Werk der mächtigen Hand Gottes mit betrachten. Der Priester Michály eilte mit ihnen hin und sah die wunderbare Tränenvergießung, obschon er weder die Art, noch die Ursache einzusehen und zu begreifen imstande war. Nun kamen alle Ortsbewohner herbei und darauf alle Benachbarten. Das Bild wurde herabgenommen und auf allen Seiten untersucht. Die herabrollenden Tränen wurden mit den Fingern und mit Tüchern von der Leinwand abgewischt, und diese Tücher in Ehren gehalten. Der Graf Kornis von Gönz-Ruszka wollte das heilige Bild auf einem ansehnlicheren Platz aufstellen, daher ließ er es mit großer Feierlichkeit am 12. März 1699 von Szent Miklós in sein Schloss Szent Benedek übertragen und auf den Altar seiner Kapelle setzen. An diesem Tag sah man auf dem Antlitz der Gottesmutter nur noch eine Träne, dann aber keine mehr.

 

Mittlerweile waren Abgeordnete der geistlichen und weltlichen Obrigkeit von Klausenburg angekommen. Diese haben gleich nach dem Verhör vieler bewährter Zeugen, zu Szent Miklós und in Szent Benedek, das heilige Bild nach Klausenburg wegführen wollen. Allein der Graf Kornis und die Gemeinde von Szent Miklós willigten nicht ein. Ja mehrere wallachische Gemeinden erregten einen Aufstand und brachten es dahin, dass am 24. März 1699 das heilige Bild wieder nach Szent Miklós übertragen wurde. Hier aber verhüllten es die Abgeordneten und versiegelten den Schleier. Vor die Kirchtür wurde eine Militärwache hingestellt, die Tag und Nacht darauf zu merken hatte, dass mit dem Bild keine Veränderung geschehe. Man wartete auf einen Bescheid von Wien. Inzwischen haben es nicht nur mehrere Siebenbürger, sondern auch einige Moldauer versucht, des heiligen Bildes habhaft zu werden. Nicht lange darauf langte von Wien die Anordnung an, vermöge der die öffentliche Verehrung des Gnadenbildes gestattet, es aber den Klausenburger Jesuiten anvertraut wurde. Die Gemeinde von Szent Miklós und der Graf von Kornis gaben folgsam nach und so wurde denn das Wunderbild noch in demselben Jahr, vor Pfingsten, in einer feierlichen Prozession nach Klausenburg übertragen und auf dem Hochaltar der Jesuitenkirche aufgestellt. Die Klausenburger empfingen aber den Himmelsschatz mit unbeschreiblicher Freude und wetteiferten in Demut und Andacht. Die vielen Gedenkzeichen und aufbewahrten Urkunden geben Zeugnis von den wunderbaren Gebetserhörungen, die durch die Fürbitte bei diesem Gnadenbild erfolgten.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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3. Unsere Liebe Frau zu Radna im Bistum Raab in Ungarn

 

Maria Radna ist der bedeutendste katholische Wallfahrtsort der Diözese Temeswar und eine päpstliche Basilika in Radna, einem Stadtteil der Kleinstadt Lipova im Kreis Arad im Westen Rumäniens (früher Ungarn).

 

Das Gnadenbild zu Radna hatte vor einigen hundert Jahren Vrichonassa, ein Bosnyak, ein achtzigjähriger Greis, für seine häusliche Andacht von einem mit Bildern handelnden Italiener an sich gebracht und zu Hause lange verehrt. Später wurde es auf dem Altar der auf den Radnaer-Bergen befindlichen Kapelle ausgesetzt und alsbald von den in der Nähe wohnenden Gläubigen hoch verehrt. Die Verehrung dieses Gnadenbildes nahm aber zu nach dem Jahr 1695. Als der türkische Sultan Mustapha in diesem Jahr nach Wiedereroberung der Festung Lippa die ganze Gegend am Fluss Marosch mit Feuer und Schwert verheerte, ist auch die Kapelle in Rana ein Raub der Flammen geworden. Die Türken haben zuerst alles Gerät von der Sakristei und von den Altären samt dem Altarbild in der Mitte der Kirche auf einen Haufen zusammengeschleppt und angezündet. Dann verbrannten sie auch die ganze Kapelle. Allein das Marienbild, obwohl es nur auf Papier gemalt war, ist mitten unter den Flammen unversehrt geblieben, nur dass es vom Rauch etwas braun geworden ist, wie man es noch heutzutage bemerkt. Bei dieser Gelegenheit sind zur allgemeinen Verwunderung vom Dach der Kirche, bei einer vollkommenen Windstille, die brennenden Schindeln über die Marosch gegen Lippa geflogen, und haben dort unter den staunenden Türken eine jämmerliche Niederlage verursacht, so dass der türkische Befehlshaber die gottesräuberischen Mordbrenner zu verhaften und hinzurichten befahl.

 

Eben damals geschah es auch, dass, als ein Spahi oder türkischer Reiter gegen die Kirche in der Absicht geritten war, um sie neuerdings anzuzünden, sein Pferd in einen Stein, der wie Wachs erweicht worden war, versunken ist, und nicht weiter fortschreiten konnte. Dieser Stein mit den eingeprägten Hufeszeichen ist annoch in der Kirchenmauer zu sehen.

 

Nicht lange darauf wurde Radna durch den Frieden von Karlowitz vom türkischen Joch befreit, und der Franziskaner Pater Stephan Novoselich beeiferte sich seit dem Jahr 1722 mit unermüdlichem Fleiß um die äußere und innere Aufnahme der Kirche. Er ließ ihre Lage ebnen, erweiterte das Gebäude, und sorgte für eine geziemende innere Einrichtung. Auch haben ihn viele Augenzeugen versichert, dass sie oft nächtlicher Weile um das Gotteshaus eine solche Beleuchtung sahen, als wäre die ganze Kirche in Flammen gestanden. Selbst die Türken von Lippa und die griechisch nicht unierten Bewohner der Umgegend haben diesen anhaltenden Glanz zu wiederholten Malen gesehen; woher die frommen Gläubigen Anlass nahmen, ihnen die Würde der heiligen Mutter Gottes zu verkünden. Hieraus entstand der Gebrauch, dass sich nach der Kirche von Radna nicht nur Katholiken und unierte Griechen und Walachen, sondern auch Nichtunierte in großer Anzahl begaben.

 

Als im Jahr 1732 in der Gegend von Arad die Pest grausam wütete, hielten die Arader in der Radnaer-Kirche eine Prozession, und hierauf ließ die Wut des Übels sogleich nach. Aus Dankbarkeit für diese Hilfe gelobte die erwähnte Stadt, vier Mal des Jahres nach Radna zu wallfahrten. Aber auch aus weiter Ferne pilgern scharenweise Gläubige dahin, deren Seelenheil eifrige Franziskaner-Väter besorgen.

 

Im Jahr 1767 wurde das Gnadenbild in der jetzigen neuerbauten Kirche durch den Cszanáder Bischof Anton Franz mit eigener Hand getragen und auf den Altar gesetzt. Alexander Rudnay, Erzbischof von Gran machte zu Anfang dieses Jahrhunderts reiche Geschenke und erhielt das erzbischöfliche Pallium in dieser Kirche, die noch immer zahlreich besucht wird.

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(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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4. Maria-Treu in der Josephsvorstadt zu Wien

 

In der Pfarrkirche Maria-Treu, wo die Piaristen-Väter den Gottesdienst besorgen, befindet sich auf dem Hochaltar ein Marienbild, das noch immer hoch verehrt wird.

 

Im Jahr 1713, als die Pest in Österreich schreckliche Verheerungen anrichtete, wurde auch Joseph Herz, ein armer Maler, der es in seiner Kunst nicht gar weit gebracht hatte, samt seiner Gattin von dieser Seuche ergriffen. Er war schon seit Jahren her im Besitz einer papierenen Abbildung der heiligen Jungfrau, wie sie in der Kirche der frommen Schulen bei St. Pantaleon in Rom verehrt wird. In diesem gefahrvollen Zustand setzte er sein ganzes Vertrauen auf die Hilfe des Allerhöchsten und tat das Gelübde, diese Abbildung in Öl auszuführen, wenn er durch die Fürbitte der göttlichen Mutter von der Pest befreit werden würde. Seine Gattin starb noch in derselben Nacht, aber seine Pestbeulen brachen auf, und er entging der drohenden Gefahr und wurde wieder gesund. Aus freudiger Dankbarkeit für die augenscheinliche Rettung, womit Gott sein Vertrauen und seinen Glauben belohnen wollte, säumte er keinen Augenblick, das gemachte Gelübde gewissenhaft zu erfüllen. Die Freude über die wunderbare und schnelle Genesung bemeisterte das dankerfüllte Herz des sonst ruhmlosen Malers so sehr, dass er im eigentlichen Sinn des Wortes sich selbst übertraf. Er verlieh dieser Nachbildung so viel Leben, Reiz und Milde, wie es ihm bei allen seinen Arbeiten zuvor und nachher nie gelungen war. Dieses Votivbild opferte er nun der Josephstädter-Kapelle, die unter dem Namen Mariä-Vermählung eingesegnet worden war. Oft wurde dieses Bild in jener Trauerzeit dem häufig zuströmenden Volk zur Verehrung aufgestellt, bis es im Jahr 1719, bei der feierlichen Einsegnung der neuen Kirche, auf den Hochaltar übertragen wurde. Von nun an hieß die Kirche zu Maria-Treu, und für das jährliche Kirchenfest wurde der 1. August angeordnet. Im Jahr 1820 am 18. Juni wurde das Jubiläum der Übertragung des Gnadenbildes gefeiert. Das Bildnis wird seit dieser Zeit unter eben diesem Namen von zahlreichen Gläubigen andächtig verehrt. Die vielen Weihgeschenke, die dankbarst dargebracht, und die häufigen Opfertafeln, die daselbst aufgehangen werden, beweisen hinlänglich, wie viele Kranke und Leidende Trost und Erquickung in der gläubigen Verehrung der göttlichen Mutter finden.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

mariatreu.at/

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5. 100 Jahre Marienwallfahrtsort in Fatima

 

Es war am 13. Mai 1917, da hüteten drei kleine Hirten, die zehnjährige Lucie, ihr neunjähriger Cousin Franz Marto und ihre siebenjährige Cousine Jacinta Marto auf der Hochebene von Aire in Portugal ihre Herde. Sie hatten gerade miteinander, wie sie es täglich taten, den Rosenkranz gebetet, da leuchtete plötzlich ein Blitz auf. In der Meinung, es käme ein Gewitter, fingen sie eiligst an, ihre Schafe zusammenzutreiben, um schnell heimzukehren. Da fuhr plötzlich ein zweiter Blitz zur Erde und wunderbar, auf dem Wipfel einer jungen Eiche erstrahlte eine liebliche Frauengestalt in weißem Kleid und Mantel, einen weißen Rosenkranz in den Händen haltend.

 

Erschreckt wollten die Kinder fliehen. Aber die liebliche Frau hielt sie mit holdseligen Worten zurück und versicherte, dass sie nichts zu fürchten hätten.

 

„Wer bist du denn und was willst du?“ fragte ängstlich die zehnjährige Lucie. „Kommt wieder am 13. im nächsten Monat und im Oktober, dann werde ich euch sagen, wer ich bin und was ich will.“ „Am 13. Oktober werde ich ein großes Wunder wirken, damit alle glauben, dass ich wahrhaftig erschienen bin.“

 

Als sie das gesagt hatte, verschwand die Erscheinung. Es kam der 13. Oktober. Viele Tausende hatten sich eingefunden, und wirklich: Die Muttergottes erschien und erklärte, dass sie die Rosenkranzkönigin sei und dass sie ein Heiligtum haben möchte, wo der Herr nicht beleidigt, wo Verzeihung und Sühne für begangene Sünden erfleht werde.

 

Die Erscheinung war folgender Art. Am Morgen des 13. ging ein schweres Gewitter nieder, dem ununterbrochene Regengüsse folgten. Gegen Mittag ließ der Regen nach. Bald drang die Sonne durch die Wolken und erschien im vollen Glanz. In dem gleichen Augenblick, da die Mutter Gottes den Augen der schauenden Menge entschwand, begannen alle zu rufen: „Die Sonne, schaut doch die Sonne an!“ Tatsächlich erblasste die Sonne mit einem Mal, sie drehte sich in ihrer eigenen Achse und von ihrem Mittelpunkt gingen glänzende Lichtbündel in allen Regenbogenfarben aus. Dieses Schauspiel wiederholte sich dreimal. Das Volk sank auf die Knie und schrie erregt auf. Dann nahm die Sonne ihren gewöhnlichen Glanz an. Die Kinder kehrten heim und die Volksmenge zerstreute sich langsam.

 

Katholiken, Gleichgültige und Atheisten waren Zeugen dieses Ereignisses.

 

Die Wallfahrt nach Fatima nahm immer größeren Umfang an. In sechs Jahren, von 1923 bis 1929 waren mehr als zwei Millionen Wallfahrer in Fatima gewesen. Am 11. Mai 1928 allein traf eine Wallfahrt von 300 000 Menschen am Gnadenort ein. Die Zahl der jährlichen Besucher hat die des marianischen Wallfahrtsortes Lourdes bereits erreicht, wenn nicht schon überstiegen.

 

Jede Pilgerfahrt bringt ihre Kranken mit. Von 1923 bis 1928 haben mehr als 6000 Kranke hierher ihre Zuflucht genommen. Es erfolgten in diesen 5 Jahren ungefähr 250 Heilungen.

 

Am 13. Mai 1928 wurde in feierlicher Weise der Grundstein zu einer Basilika zu Ehren der Rosenkranzkönigin von Fatima gelegt.

 

Die 100-Jahr-Feier der wunderbaren Erscheinungen und Botschaften Unserer Lieben Frau von Fatima begehen wir jubelnd und feiernd und betend im Jahr 2017.

 

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Nach Lourdes der größte Wallfahrtsort:

 

Fatima 1948

Aus „The Tablet“, 128 Sloane Street, S. W. 1, London

22. Mai 1948

 

Ich hatte eigentlich nicht recht gewusst, was mich erwartete, als ich nach Fatima ging. Ich kannte die Geschichte, wie die Muttergottes dort drei Kindern erschienen war, die ihre Schafe auf dem Feld hüteten. Aber heute ist dieses Feld, wo früher nicht einmal eine Hütte stand, ein wohlangelegter Platz. Von einer Art Arena steigt das Gelände, flankiert von zwei Krankenhäusern, zu einem kleinen Hügel an, auf dem sich eine weiße Steinbasilika mit einem hohen Turm erhebt, auf dessen Spitze ein einfaches Kreuz emporragt. Das Gelände ist hügelig, so dass man auf einer steil abwärtsführenden Landstraße und einigen Seitenstraßen zur „Arena“ in der Mitte kommt. Die Straßen vereinigen sich bei einem niedrigen halbkreisförmigen Steingebäude, über dem sich eine vergoldete Herz-Jesu-Statue erhebt. Dieses Gebäude ist über der kleinen Quelle errichtet, wo einst die drei Kinder standen, als sie am 13. Mai 1917 zum ersten Mal nach dem zweiten Donnerschlag die Erscheinung der Muttergottes hatten. Nebenan wurde eine kleine Kapelle über dem Platz errichtet, wo die Muttergottes, in einem Busch stehend, den Kindern jeweils am 13. der sechs folgenden Monate erschien. Es gibt dort einige Bäume und Büsche, die noch genauso wachsen und eine grüngraue Farbe wie die Olivenbäume haben. In dem Raum zwischen den Landstraßen ließ man das Gelände mit seinen Steinen, Bäumen und Büschen, wie es war. Hier errichteten sich die Pilger, die für die Feiern am 13. ankamen, kleine Lager, indem sie Segeltuch, kleine Teppiche oder wollene Schals an die Baumzweige hingen als Schutz gegen den Wind, der hier in der Hügelgegend in der Nacht recht kalt weht.

 

Gerade als ich in der Basilika war, trug man soeben aus Holland angekommene mächtige Blumenkörbe herein, um damit die Statue der Muttergottes und den Altar zu schmücken. Man erzählte mir, dass während des Krieges zwei junge Holländer erschossen werden sollten. Sie machten der Muttergottes von Fatima ein Gelübde, Blumen zu schicken, wenn sie gerettet würden. Sie wurden begnadigt, und jedes Jahr kommen diese herrlichen Blumenkörbe zur Hauptpilgerzeit in Fatima an. Diesmal war es eine Unmenge malvenfarbiger Schwertlilien, sowie rote und cremefarbene Rosen und Nelken.

 

Eine Statue der Muttergottes von Fatima, eine kleine Nachahmung der echten Statue, war eben von einer Pilgerfahrt nach Madeira und Afrika zurückgekommen. Sie war am späten Nachmittag wieder in Fatima eingetroffen und wurde in Prozession zu einem Platz getragen, der sich neben dem überdachten Altar oben auf den Stufen außerhalb der Basilika befand. Die Menge in der Prozession sang die Fatimahymne, mit dem sich immer wiederholenden „Ave Maria“, während die Portugiesen die Muttergottes nach ihrer Art grüßten, indem sie mit den Taschentüchern winkten. Es ist unmöglich, die Wirkung zu beschreiben, wenn in einer so gewaltigen Menge jede Person als Grußzeichen mit dem Taschentuch winkt. Ich stand gerade in einem der Krankenhäuser am Fenster und konnte so den ganzen Platz übersehen, während die Prozession sich langsam auf der Straße bewegte.

 

Als die Nacht hereinbrach – die Dämmerung ist hier sehr kurz – flammten überall kleine Feuer auf, an denen sich die Leute ihr Abendessen wärmten. Zwischen den Steinen, aus denen sie sich kleine Herde gebaut hatten, leuchteten die roten Flammen, und der Rauch roch nach dem Holz, das sie verbrannten – Rosmarin, wilder Lavendel und altes Feigenbaumholz – wie Weihrauch, der wie ein großes Familiengebet zum nächtlichen Himmel emporstieg. Später zündeten alle die kleinen Kerzen an, die sie sich am Tag gekauft hatten, jede mit festem Papierschirm umgeben, um den Wind abzuhalten, der nun leider kalt und garstig wehte und es schwer machte, trotz des Windschutzes, die Lichter brennend zu erhalten. Es begann die große Lichterprozession mit den Marienhymnen und den wehenden Kirchenfahnen, die man allerdings in der Finsternis kaum sah. Wie ein Strom langsam sich bewegender Kerzenflammen zog die Prozession durch die Nacht.

 

Das Allerheiligste war auf dem kleinen überdeckten Altar vor der Basilika ausgesetzt, von brennenden Kerzen umgeben, die durch Glasscheiben vor dem Wind geschützt waren, während dahinter durchsichtige rote Vorhänge mit elektrischem Licht angestrahlt wurden und einen warmen roten Schein in die Finsternis warfen. Alles aber überragte das gewaltige beleuchtete Kreuz auf der Spitze der Basilika, das sich von dem tiefschwarzen Hintergrund der Nacht abhob. Ein Priester, dessen Stimme durch Lautsprecher verbreitet wurde, betete den Rosenkranz vor, ein wunderbarer Klang, der in die Nacht hineintönte und auf den tausende von Stimmen antworteten. Die Stufen waren mit menschlichen Gestalten bedeckt, die knieten, saßen und lagen, alle mit Tüchern und Schals bedeckt. Stunde um Stunde verging. Immerzu ertönten die Gebete. Wie fühlte man sich in dieser Nacht dem Herrn im Allerheiligsten Sakrament so nahe!

 

Allmählich begann der Himmel hell zu werden und es tagte. Der Morgen wurde leider sehr unpassend durch die Hupen der Autos auf den Parkplätzen begrüßt. Aber auch dieses Hupenkonzert war ein Symbol der engen Verbindung zwischen dem Herrgott und dem Alltagsleben, die dem fremden Besucher dieses liebenswürdigen Landes überall auffällt. Wenn man zu dem beleuchteten Kreuz auf der Basilika aufschaute, glänzte es nur noch schwach im grauen Morgennebel. Alles schien seine leuchtende Farbe verloren zu haben und war in Grau gehüllt. Zwei weiße Tauben flatterten vorbei und setzten sich auf das Dach eines der Krankenhäuser.

 

Um sechs Uhr morgens wurde eine heilige Messe an dem Außenaltar gefeiert, worauf die Mitte der großen Treppe vom Volk geräumt wurde und sich alle hinter eine Doppellinie von Absperrseilen zu beiden Seiten stellten. Dutzende von Priestern, jeder von zwei Ministranten begleitet, von denen einer den Kommunionteller und der andere eine Kerze hielt, kamen die Stufen herab und begannen, der gewaltigen Menschenmenge die heilige Kommunion auszuteilen. Später am Tag stand ich neben dem Haupteingang und betrachtete die Prozession mit der Statue Unserer Lieben Frau von Fatima, die dicht neben mir vorbeigetragen wurde. Es war eine einfache Statue, das Traggestell war über und über mit Rosen und Nelken bedeckt. Zu Füßen der Statue waren zwei weiße Tauben; als die Menge Rosenblätter warf, zogen sie die Köpfchen ein und öffneten die Flügel, um sich vor dem Regen der herabfallenden Rosenblätter zu schützen, als ob sie sagen wollten: „Diese Blätter tun uns nichts, wir werden trotzdem nicht von der Statue der Muttergottes wegfliegen.“

 

Die Geschichte dieser Tauben ist merkwürdig. Im Jahr 1946 kaufte eine Frau einige Tauben und ließ sie los, als die Statue der Muttergottes durch das Dorf getragen wurde, in dem sie wohnte. Kaum waren sie losgelassen, beschrieben sie über den Köpfen einige Kreise, wie es Tauben machen, und flogen fort. Aber drei von ihnen setzten sich zu Füßen der Statue, die in der Prozession vorbeigetragen wurde, nieder und blieben dort. Erst als die Statue in die Kirche gebracht wurde, flogen sie fort. Sie kehrten immer wieder zu den Füßen der Statue zurück und bleiben dort sitzen, wenn das Standbild in einer Prozession umhergetragen wird.

 

Nachdem die Statue niedergestellt war, wurde die heilige Messe an dem Außenaltar gefeiert und dann nach verschiedenen Gebeten der Segen an die Kranken erteilt, die auf Bahren lagen, die, vor der Sonne geschützt, an einem Platz standen, der am Fuß der großen Treppe zur Basilika für sie geräumt worden war. Die Menge war zu groß, als dass man nahe herankommen konnte. So konnte ich diese Zeremonie nur von der Ferne beobachten und die von den Priestern vorgebeteten Gebete nur aus den Lautsprechern an allen Seiten des Platzes hören.

 

Ich werde vielleicht nie mehr nach Fatima kommen. Aber die lebendige Glaubenskraft und Andacht des Volkes wird mir immer in Erinnerung bleiben. Und dies ist das große gewaltige Erlebnis von Fatima.

 

 

6. Unsere Liebe Frau zu Gran

(ungarisch: Esztergom) im Schloss

 

(Esztergom ist die älteste Stadt Ungarns und liegt in Nordungarn, an der Donau. Früher war sie die Hauptstadt Ungarns und liegt an der Grenze zur Slowakei.)

 

Der Ursprung des auf Holz gemalten Bildes, da in heutiger Zeit in der Schlosskapelle zu Gran verehrt wird, ist nach authentischen Berichten folgender:

 

Nachdem der türkische Feind, der nach der Niederlage bei Mohács (eine ungarische Stadt am rechten Donauufer, in der Nähe der Grenze zu Kroatien und zu Serbien) den größten Teil des Landes im Besitz hatte, aus ganz Ungarn mit siegreichen Waffen vertrieben war, befahl Kaiser Karl VI., dass das Graner Schloss vom Schutt gereinigt und wieder in guten Stand hergestellt werde. Zu dieser Zeit nun fanden die Arbeiter unter den Ruinen der durch Diony`s Szechy erbauten, glänzenden Kirche im Jahr 1732 eine ganz unbeschädigte Holztafel und ganz verwundert bemerkten sie darauf das unversehrte Bild der heiligen Jungfrau, die auf ihrem Arm das Jesuskind hielt. Unverweilt wurde dies dem damaligen Schlosskommandanten, dem kaiserlichen königlichen Major Baron Georg Schurknecht, angezeigt, der als ein gottesfürchtiger Christ und Verehrer der heiligen Maria das heilige Bild sogleich in die durch den Erzbischof Thomas Bakacs erbaute und unter die Obsorge des Graner Domkapitels gestellte Marmorkapelle zur allgemeinen Verehrung aussetzen ließ. Er stiftete sodann eine heilige Messe, die allwöchentlich zweimal durch Mitglieder des Franziskanerordens gelesen werden sollte, und wurde nach seinem Tod in der unter der Kapelle befindlichen Gruft begraben.

 

Diese Kapelle wurde sowohl von den wilden Panduren, die die Domkirche samt dem Turm zerstörten, als auch von den ungläubigen Türken unversehrt gelassen, die sie aber in eine Moschee verwandelten, nur beseitigten sie die kupferne vergoldete Wölbung.

 

Das Graner Domkapitel hat sowohl auf die vom Bakacs erbaute Kapelle, als auch auf das heilige Bild sein besonderes Augenmerk gerichtet. Ein eigener Benefiziat war verpflichtet, jeden Tag vor dem heiligen Bild Messe zu lesen, was bis heute noch im Gebrauch ist.

 

Der im Jahr 1823 verstorbene Fürstprimas Alexander Rudnay hatte die Absicht, die ganze Bergseite, worauf seit 1705 die Kapelle stand, zu zerstören und mit der niedrigeren Lage der Kirche in gleiche Linie zu bringen. Deshalb musste die Kapelle der Lieben Frau abgetragen werden. Dies geschah auch mit solcher Meisterhaftigkeit, dass sie nunmehr an der Evangelienseite der neuen Kirche genau aus denselben Marmorstücken besteht, sowie sie ursprünglich neben der alten Kirche stand.

 

Vor dem Beginn der Abtragung nun, hatte der Fürstprimas Alexander am zweiten Pfingstfeiertag im Jahr 1823 das heilige Bild vom Altar herabgenommen und den zwei Domherren Kratochvilla und Szilly übergeben. Das heilige Bild wurde sodann unter andächtigen Gesängen und Bittgebeten aus dem Schloss in den Marktflecken Szent-Tamas übertragen, und der Fürstprimas ließ es auf den darin befindlichen Altar des heiligen Stephan setzen, wo es von den Gläubigen ein Jahr hindurch eifrig verehrt wurde, bis nach der musterhaft vollendeten Schlosskapelle wieder auf Pfingstmontag im Jahr 1824 das heilige Bild, nachdem der Altar eingeweiht war, von dem erwähnten Erzbischof Alexander Rudnay, einem innigen Verehrer der heiligen Jungfrau von Jugend auf, mit eigener Hand auf den Altar gestellt wurde.

 

An diesem Tag strömte nicht bloß von Gran, sondern auch aus der ganzen Umgegend eine zahllose Menge von Gläubigen zusammen. Nach einer kurzen Predigt wurde das Bild von den Gläubigen unter Freuden- und Dankgesängen aus der Kirche von Szent-Tamas in die neue Schloss-Kapelle begleitet, wo auch gegenwärtig viele von Gott durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau himmlische Segnungen erlangen. Und auch jetzt noch zeigt sich Maria ihren Verehrern dort gnädig.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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7. Unsere Liebe Frau auf dem Köhlerberg bei Freudental in Schlesien

 

Auf dem sogenannten Köhlerberg bei Freudental in Schlesien erhebt sich ein wunderschönes Gnadenkirchlein, das seine Entstehung folgender Begebenheit verdankt:

 

Oswald, Freiherr von Lichtenstein, Statthalter in Freudental, verirrte sich eines Tages in seinem Jagdeifer in unbekannte wüste Gegenden, aus denen er sich mit aller Anstrengung nicht mehr herausfinden konnte. Als er bereits vor Hunger und Entkräftung zusammensank, wandte er sich im heißesten Gebet an die gebenedeite Gottesmutter. Da hörte er plötzlich menschliche Stimmen und findet zu seiner größten Freude einige Kohlenbrenner, die ihn gastfreundlich aufnahmen und ihm nach möglicher Labung den Weg zu seiner Heimat zeigten. Er erbaute nun auf dem Köhlerplatz, wo er seine Rettung fand, zu Ehren der seligsten Jungfrau, der er sie zuschrieb, eine Kapelle „Maria-Hilf“ genannt, und zierte sie mit ihrem Bildnis, nach dem Muster des Mariahilfbildes zu Passau gemalt. Aus den frommen Gaben der Wallfahrer entstand im Jahr 1758 die jetzt bestehende ansehnliche Kirche. Die Einwohner Freudentals errichteten später neben ihr noch eine Wohnung für einen Priester, und Statthalter Freiherr von Riedheim verschönerte den Weg zu ihr mit einer weither führenden Linden-Allee.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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8. Bornhofen - die Marienwallfahrt am Rhein

 

(Von Josef Liensberger, „Ave Maria“, 1911, Heft 7)

 

Im Sommer 1910 gelang mir wieder die Fahrt ins romantische Land, die Rheinfahrt. Vorüber eilte das Schiff an sagenumkränzten Burgen und rebenumrankten Bergen, vorüber auch am Loreleifelsen, wo früher so mancher Nachen vom wilden Strudel erfasst worden ist:

 

Ich meine, die Wellen verschlangen

Am Ende Schiffer und Kahn:

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

 

Die Lorelei, die dämonisch Frau der Sage, die unheimlich zum Abgrund lockt und ladet, es erscheint als echtes Bild der trugreichen Frau Welt. Dagegen schwebt vor der Seele des Pilgers trostreich das Bild der himmlischen Mutter, die dort am grünen Strande des Rheins ihren Gnadenthron errichtet hat. Nach Bornhofen pilgern jährlich wohl hundert Prozessionen, und traulich ertönt von manchem Pilgerschifflein das Liebfrauenlied:

 

Geleite durch die Welle

Das Schifflein treu und mild

Zur heiligen Kapelle,

Zu deinem Gnadenbild!

 

Freundlich winkte mir nahe der Landungsstelle Kamp im Glanz der Mittagssonne das ersehnte Ziel. Vom Turm klang die Glocke silberhell zum Gruß des Engels. In den Hallen der Kirche hielt eine Pilgerschar bald die Kreuzweg-Andacht mit Beten und Singen. Reicher Kerzenkranz umstrahlte das Gnadenbild der schmerzhaften Mutter am Marmor-Altar der Seitenkapelle. Tiefergreifend war es, wie die Pilgerschar wehmütig Abschied nahm. Ich konnte diesen Tag da bleiben und ruhig meinen Betrachtungen nachgehen.

 

Hoch über dem friedlichen Dörflein ragen Sternberg und Liebenstein, die Burgen der feindlichen Brüder. Was meldet davon die Sage? Die beiden Brüder betrogen erst ihre blinde Schwester um das Erbgold und gerieten dann selbst in Fehde, bis blutig die Wunden klafften. Wir denken an jenes Brüderpaar nahe den Pforten des Paradieses, wie der gottlose Kain den frommen Abel erschlug. Eva sieht die blutenden Wunden und hält vor Trauer den Leichnam Abels auf ihren Armen – das erste Vesperbild! Noch größeren Schmerz empfindet aber auf Kalvaria, umloht vom blutroten Abendglühen, die Mutter des göttlichen Heilandes.

 

Nun liegt er wieder auf dem Schoße

Als kalte, bleiche, erstarrte Leiche!

Aus beiden Händen, aus beiden Füßen

Und aus der Seite quillt sein Blut;

Es quillt und tröpfelt aus grimmen Wunden,

Die ihm gegraben mit bitt`rem Hohne

Die Königskrone, die Dornenkrone!

Du beugst dich nieder in Not und Jammer,

Und sieben Schwerter durchbohren glühend

Dein Mutterherz!

 

Dies Vesperbild erscheint dem christlichen Volk so segensreich. Zur schmerzhaften Mutter eilten immer die Bedrängten

 

Und Betrübten kindlich vertrauend, zumal im glaubensinnigen Mittelalter. Damals erblühte die Wallfahrt zu Bornhofen, wie die Urkunde vom Jahr 1311 meldet. Wie viele tausend und tausend Pilger haben seit sechshundert Jahren da Trost und Hilfe gesucht! Vernehmen wir nur, was eine Mutter aus Koblenz treuherzig erzählt:

 

Ich bemerkte, dass mein Knabe schon frühzeitig zu lügen anfing, und belehrte und ermahnte ihn deshalb in Liebe und Ernst, aber ohne Erfolg. Ich wendete verschiedene Strafen an – auch sie nützten nichts, der Knabe fuhr fort zu lügen. Ich hoffte immer, er werde später, besonders wenn er einmal zur ersten heiligen Kommunion gegangen ist, in sich gehen und diese schlimme Gewohnheit bekämpfen wird. Allein auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Kummer, der mein Herz fortwährend drückte, kam mir der Gedanke, ich wolle mich durch ein Gelübde verbinden, mit ihm eine Wallfahrt nach Bornhofen zu machen, um von Maria, die Zuflucht der Sünder und Trösterin der Betrübten, Hilfe für ihn und für mich zu erhalten.

 

Eines Tages nun weckte ich den Knaben schon morgens um 1 Uhr und sagte: „Steh auf, kleide dich an, wir wollen nach Bornhofen gehen!“ Das freute ihn sehr, er wusste noch nicht, um was es sich handle. Vor dem Mainzertor angelangt, blieb ich stehen und sprach: „Nun höre, mein Kind! Du weißt, wieviel Kummer du mir seit Jahren mit deinem Lügen gemacht hast, und wie alle meine Reden, Bitten, Ermahnungen und Strafen bei dir nichts gefruchtet haben. Ich habe jetzt das Gelübde gemacht, mit dir nach Bornhofen zu wallfahrten, damit doch Maria dir helfe, das abscheuliche Lügen zu lassen.“ Ich zog sodann meine Schuhe und Strümpfe aus und gab sie ihm zu tragen.

 

Da ich nie barfuß ging, taten mir bald die Füße weh und ich fing an zu hinken. Er bemerkte das und sagte nach einiger Zeit: „Mutter, ziehe doch deine Strümpfe und Schuhe an!“ – „Nein, mein Kind!“ antwortete ich, „ich habe gelobt, die Wallfahrt barfuß zu machen, und will ja gerne die Schmerzen leiden, wenn du dich nur besserst.“

 

Bornhofen ist von Koblenz ungefähr sechs Stunden entfernt. Man kann den Weg etwas abschneiden, wenn man den Fußsteig über einen Berg nimmt. Dieser Steig ist aber sehr steinig und holperig. Da fingen meine Füße an zu bluten. Der Knabe, der sonst ein gutes Herz und mich lieb hatte, bemerkte auch bald das Bluten meiner Füße. Er blieb stehen und sagte mit Tränen in den Augen: „Ach, Mutter, ich bitte dich, ziehe doch die Schuhe an, deine Füße bluten ja!“ – „Nein, mein Kind!“ wiederholte ich, „ich habe versprochen, die Wallfahrt barfuß zu machen und will mein Versprechen auch halten. O, wie gerne vergieße ich dieses Blut für dich, wenn nur du das Lügen dir abgewöhnst, wodurch du mir schon so viele Tränen verursacht hast!“

 

Lange haben wir vor dem Gnadenbild gekniet, und auch er hat andächtig gebetet. Zu den Füßen der Mutter der Barmherzigkeit und Gnaden sprach er zu mir: „Mutter, du wirst sehen, ich lüge nicht mehr, ich verspreche es dir!“ Und er hielt Wort, fortan hat er nicht mehr gelogen.

 

Gerade dieses rührende Beispiel hatte mich mächtig nach Bornhofen gezogen. Immer von neuem schwebte mir das Bild der guten Mutter vor, wie sie hier vertrauensvoll ihr Kind dem Schutz der Mutter Gottes empfohlen hatte. Im nahen Franziskaner-Kloster erzählte mir Bruder Michael vom Festglanz der großen Wallfahrten: Beim Klang der Glocken ziehen die Pilger zum Heiligtum. Abends halten sie feierliche Lichterprozession mit lautem Beten und Singen. An diesem Abend waren aber nur wenige Pilger hier. Lange blieb ich im Klostergarten und lauschte dem sanften Rauschen des Rheins:

 

Ruderschläge fallen sacht

Und die Welle plätschert leise;

An dem Abendhimmel lacht

Stern an Stern in alter Weise –

Stille Nacht und stille Reise.

 

Wie Sterne blicken die Mutteraugen Marias vom Himmelsthron ins Tränental. Das fühlte mein Herz so tröstlich. Morgens erblühte mir die Freude, das hochheilige Messopfer am Gnadenaltar zu feiern, wo von meinen Freunden einer seine Primiz gehalten hatte. Da wurde Bornhofen erst recht zum Gnadenborn, dass die Bitte reichlich Erhörung findet: „O schmerzhafte Mutter, durch dich schöpfen wir das Heil aus den Wunden des Heilands!“

 

wallfahrtskloster-bornhofen.de/gnadenbild/

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9. Unsere Liebe Frau zu Haindling in Niederbayern

 

Der Wallfahrtsort Haindling, eine Viertelstunde südöstlich von Geiselhöring, hat einen bereits tausendjährigen Bestand.

 

Den Beweis für das hohe Alter des marianischen Gnadenortes liefert das Gnadenbild selbst. Die fromme Einfalt und der Geschmack des neunten Jahrhunderts leiteten die Hand des Meisters, der dieses Bild aus Holz geschnitzt hat. Das Angesicht Mariens ist sichtbar und nicht halb eingebunden nach der Manier späterer Jahrhunderte. Auf der rechten Hand trägt sie das göttliche Kind mit dem Zepter. Das Haupt ist mit einer von Holz verfertigten, oben zugespitzten Krone bedeckt. So war es die Weise des frommen Altertums. Die Kleidung besteht aus einem Mantel und Überrock und einem zwischen beiden herablaufenden Gürtel. Das göttliche Kind trägt die Weltkugel in der linken Hand, die rechte scheint zu segnen. Die spätere Zeit übermalte das Bild zu Haindling und bedeckte es mit prunkenden Kleidern. Der hochselige Bischof Ernest, Graf von Wartburg, jedoch entfernte allen Flitter, bloß über die hölzernen Kronen brachte er goldene an und gab sowohl der Mutter als dem Kind Zepter von eben dem Metall in die Hand. An das mit Silber überzogene Fußgestell aber befestigte er eine silberne Platte mit den Worten: „Albert Ernest, Graf von Wartburg, Bischof von Laodizäa und Weihbischof von Regensburg, schmückte dieses wunderbare Bildnis der allerseligsten Jungfrau im Jahr 1715.

 

Das schön geschnitzte Gnadenbild, ein Original des neunten Jahrhunderts, lockte eine Menge Andächtiger in seine Nähe. Die ursprüngliche Kapelle wurde bis zum Jahr 1439 fünf Mal erneuert und machte sodann im genannten Jahr einer Kirche Platz. Abt Wolfgang Mohr fand den Raum zu eng. Er ließ 1719 die im Jahr 1439 gebauten Kirche wiederum abtragen und begann den Bau der jetzigen prachtvollen Frauen-Kirche, die 1721 vollendet wurde. Sie ist 114 Schuh lang und 60 Schuh breit. Der Hauptaltar ist geweiht zur Ehre Mariä-Himmelfahrt. Am Ende des hohen Chores befinden sich zwei Seitenaltäre. Der rechte ist der allerheiligsten Dreifaltigkeit gewidmet und in dessen vergoldetem Tabernakel thront das wundertätige Bild. Der andere ist dem heiligen Sebastian geweiht.

 

Im Jahr 1722, am zweiten Sonntag nach Ostern, weihte Langwert von Simmern, Weihbischof von Regensburg, das marianische Gotteshaus feierlich ein. Gegenwärtig ist, wie früher der Zudrang der Wallfahrer nach dem Gnadenort Haindling ein sehr großer.

 

Einige Gnadenerweisungen der hohen Himmelskönigin mögen hier ihren Platz finden und zum Vertrauen ermuntern.

 

Im Jahr 1769 verlobte Walburga Spadin, Häuslerin von Walting, ihre mit der hinfallenden Krankheit behaftete Tochter Elisabeth nach Haindling. Hierauf verlor sich die Krankheit nach und nach ohne Anwendung weiterer Mittel. Im genannten Jahr wurde Peter Blümlhuber, Söldner zu Haindling von einer gefährlichen Wassersucht befallen, die ihm dem Tod nahebrachte. Er ließ sich deshalb mit den heiligen Sakramenten versehen und bereitete sich zu einem guten Tod vor. Als er an einem Sonntag die auf Anraten seines Beichtvaters schon öfters gebeteten drei Ave Maria zur Ehre der unbefleckten Empfängnis Mariä wieder verrichtete, schlief er ein. Nach drei Tagen konnte er gesund aufstehen.

 

1770 verlobte sich bei einer bösartigen ansteckenden Krankheit Baptist Pillmaier und Anna Maria, dessen Gemahlin, von Wörth an der Donau, nach Haindling und blieben verschont. 1776 verlobte Adam Punder, Bauer von Oberparkstetten, seinen zwölfjährigen Sohn, der schon seit drei Wochen sein Gehör verloren hatte, nach Haindling. Maria erhörte ihn und der Junge erhielt sein voriges Gehör zurück.

 

Ein hohes Wunder der neuesten Zeit, das die Beschreibung des schönen und fruchtreichen Wallfahrtsortes schließen soll, ist die wunderbare Rettung des gegenwärtigen Pfarrers (1866) zu Haindling.

 

Er schreibt die Erhaltung seines von der Cholera und dem Nervenfieber bedrohten Lebens dem Schutz Mariens zu, nicht minder aber auch seine Führung auf die Pfarrei Haindling, wo er noch gegenwärtig seine mächtige Beschützerin mit Wort und Tat verherrlicht.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

marienwallfahrt-haindling

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10. Unsere Liebe Frau zu Bistricz in Kroatien

 

Im Land Kroatien ist der berühmteste marianische Wallfahrtsort Bistricz, in der Diözese Agram.

 

Über die Entstehung dieses Gnadenortes erzählt die Überlieferung folgendes:

 

Als im Jahr 1545 die Türken und Tartaren den ersten Einfall in Kroatien unternahmen und die Ortschaft Zlatar verheerten, da haben die Gläubigen die schon damals in Bistricz vorhandene alte Marienstatue mit großer Sorgfalt verborgen, indem sie sie unter dem Chor der Kirche vergruben, um sie vor einer Schändung durch die Ungläubigen zu bewahren. Vierzig Jahre später grub sie der Pfarrer, namens Lukas, wieder aus und stellte sie abermals auf den Altar. Im Jahr 1654 wurde sie bei Wiederkehr stürmischer Zeiten in die Kirchenmauer eingemauert, wo sie so lange verborgen blieb, bis der Bischof von Agram, Martin von Borkovich, sie wieder suchen ließ. Denn da dieser Bischof sich noch ganz gut daran erinnerte, dass er in seiner Jugend zu dieser Statue zu wallfahrten gewohnt war, schickte er zur Aufsuchung dieses heiligen Bildes den Custos und Domherrn Ztoklos nach Bistricz. Nachdem es diesem wirklich gelungen war, das Gnadenbild zu entdecken, wurde es unter großen Feierlichkeiten wieder auf den Hochaltar gestellt.

 

Die Andacht und Verehrung für dieses heilige Bild nahm so zu, dass die kleine Kirche die herbeieilenden Wallfahrer nicht mehr fassen konnte und eine neue geräumigere aufgebaut wurde. Im Jahr 1710 gaben die Stände von Dalmatien, Kroatien und Slavonien die Bewilligung dazu, dass zur Herstellung eines neuen Hochaltars von jedem Hause ein Gulden als Beitrag bezahlt werden soll. Durch diese reichlich geflossenen Gaben wurde wirklich ein hölzerner Hochaltar mit zierlichen Bildhauerarbeiten errichtet. Aber im Jahr 1790 wurden an seine Stelle ein anderer von Marmor gesetzt.

 

 

Die zahlreichen Votivtafeln an den Wänden der Kirche, - man zählte im Jahr 1783 deren über eintausend – beurkunden, dass viele Wunder und Gnadenerweise in dieser Gnadenkirche auf Fürbitte Mariens geschahen, tausende von Pilgern aus Ungarn, Steiermark, Kärnten, Illyrien und dem Küstenland ziehen alljährlich nach Bistricz, um der Himmelskönigin ihre Huldigung darzubringen. 

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11. Das wundertätige Jesuskind von Aracoeli in Rom -

Santo Bambino

 

Die Kirche „Ara coeli – Altar des Himmels“ steht auf der Höhe des Kapitols, genau an der Stelle, wo einst, zur Zeit des heidnischen Roms, der Tempel des Jupiter mit seinem goldenen Dach in den sengenden Strahlen der Sonne weithin über Stadt und Land gleichwie ein Juwel unter wertvollen Steinen strahlte. Ihren Namen erhielt sie durch folgende Begebenheit:

 

Als der Senat im Sinn hatte, dem Kaiser Augustus den Titel „divus – Göttlicher“ beizulegen, hatte jener im Traum eine Erscheinung, die ihm am Himmel über dem Jupitertempel eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß zeigte; zugleich erhielt er die Andeutung, dass nur diesem Kind, das eben jetzt in fernem Land von einer Jungfrau geboren werde, mit Recht der Name divus beigelegt werden könne. Sobald der Kaiser erwachte, gab er den Befehl, zu Ehren dieses Kindes auf dem Kapitol einen Altar zu erbauen; auch lehnte er den ihm zugedachten abgöttischen Titel in heiliger Scheu ab und war damit zufrieden, wie bisher, nur „Augustus – der Erhabene“ genannt zu werden.

 

Das wundertätige Bild, das in der Kirche „Ara coeli“ aufbewahrt wird, ist aus Olivenholz geschnitzt und hat eine Höhe von 72 cm. Ein Laienbruder aus dem Franziskanerorden soll es im 16. Jahrhundert in Jerusalem mit göttlicher Hilfe angefertigt haben. Als der Bruder nämlich die Schnitzarbeit fertig hatte, merkte er zu seinem Bedauern, dass ihm die geeigneten Farben zur Bemalung fehlten. In dieser Verlegenheit wandte er sich in eifrigem Gebet an Gott und bat ihn unter Tränen um seine Mitwirkung. Als er nun nach langem, innigem Gebet zu seiner Statue zurückkehrte, fand er sie, mit den herrlichsten Farben geschmückt, in wundervoller Schönheit und Erhabenheit wieder. So hatte Gott der Herr auf wunderbare Weise das inständige Flehen seines Dieners erhört. Jedoch nicht lange sollte das Bild im Heiligen Land bleiben. Kraft des Gehorsams wurde nämlich der Ordensbruder bald darauf nach Rom berufen. Von seinem Jesuskind, das in kurzer Zeit weit und breit schon viele Verehrer angezogen hatte, konnte er sich jedoch nicht trennen; er verpackte es also in ein Kistchen und nahm es als ein kostbares Heiligtum mit sich. Bei der Überfahrt nach Italien entstand indes ein so heftiger Sturm, dass das Schlimmste zu befürchten war. In diesem Augenblick befahl der Kapitän, alle Kisten und Kasten ins Meer zu werfen. Zum größten Leidwesen des Bruders wurde auch sein Kistchen schonungslos von den rauen Schiffsleuten über Bord in die hoch aufschäumenden Wogen geworfen. Nur mit Not konnte das Schiff endlich nach langen Irrfahrten im Hafen von Livorno landen. Groß war der Schmerz des Bruders, als er ohne die Statue das Schiff verlassen musste, umso größer aber auch seine Freude, als er sie bald darauf am Meeresstrand wieder fand; die Wellen hatten das Kistchen samt seinem Inhalt an die Küste getrieben. Unterdessen wurde die Statue von den Ordensbrüdern in Rom schon mit heiliger Sehnsucht erwartet; denn die wunderbaren Begebenheiten zu Jerusalem und Livorno waren ihr bereits vorangeeilt. Mit großer Freude nahmen sie darum die wunderbare Statue auf und stellten sie in ihrer Kirche Aracoeli zur Verehrung der Gläubigen auf.

 

Eine lange Reihe von glaubwürdigen Zeugen geben Kunde von auffallenden Heilungen, die Gott auf vertrauensvolles Gebet durch das Bild gewirkt hat. Noch heute wird es in Rom zu Schwerkranken getragen und mit ihm wird denselben ein eigener Segen gespendet. In einem Pilgerführer heißt es: „Wenn man durch die Straßen von Rom geht, begegnet man oft einer vornehmen Equipage, aus deren Fenster eine Stola heraushängt und bei deren Vorbeifahren die Leute sich ehrfurchtsvoll auf die Knie werfen. Es ist das Christkindlein von Aracoeli , welches zu einem Schwerkranken fährt, um ihn zu segnen und zu trösten, und bevor es zurückkehrt, wartet oft schon ein anderer Wagen an der Treppe der Kirche, um es anderswo hinzuführen. Dieses Vertrauen der Kranken ist oft durch wunderbare Genesung belohnt worden. Um auch Armen diesen Trost zu verschaffen, leihen vornehme Herren geistlichen und weltlichen Standes gern ihre Wagen.“ Ja, nicht selten sollen die Leute auf den Straßen und Gassen beim Anblick des Wagens begeistert ausrufen: „Eviva il Santo Bambino – Es lebe das heilige Kindlein.“ Auch der Reichtum an Perlen, Brillanten und Edelsteinen aller Art, womit Krone und Gewand des Kindes geziert sind, beweisen die allgemeine Verehrung, die ihm jederzeit gezollt wurde. Papst Clemens XIV. ließ die Kapelle, in der das wundertätige Bild aufbewahrt wird, aufs Herrlichste schmücken; Papst Pius IX. besuchte das Bild 1870 noch wenige Tage vor seiner Gefangenschaft im Vatikan, verehrte es und gab mit ihm nach allen Weltgegenden den Segen; Leo XIII. knüpfte am 18. Januar 1894 an ein Gebet zu Ehren des Jesuskindes einen besonderen Ablass, am 2. Februar 1896 erkundigte er sich angelegentlich nach seiner Verehrung.

 

Die allgemeine Verehrung zeigt sich aber wohl am deutlichsten in der Weihnachtszeit, d.h. vom 25. Dezember bis zum 6. Januar; in diesen Tagen dient das Bild nämlich zu einer Krippendarstellung, welche der Grotte von Bethlehem nachgebildet ist. Beim Glanz von tausend Kerzen sieht man in der Mitte derselben das Bild des neugeborenen Kindes; in feierlicher Prozession wird es von den Franziskanern dorthin gebracht. Die geräumige Kirche ist zu dieser Zeit fast immer gedrängt voll, will doch das ganze gläubige Rom dem Santo Bambino einen Besuch abstatten. Das Ansprechendste sind alsdann wohl die Kinderpredigten, welche während der Weihnachtsoktav in dieser Kirche gehalten werden. Diese Kinderpredigten sind nicht Anderes als Deklamationen hübscher Weihnachtsgedichte. Zum Deklamieren haben aber die Italiener ein angeborenes Talent, das in den Schulen fleißig gepflegt wird. Ohne Verlegenheit betreten die kleinen Jungen oder Mädchen, im Alter von 4-10 Jahren, von ihren Eltern geführt, die Tribüne, eine Art Kanzel, die für die jungen Redner gegenüber der Krippe mit dem Santo Bambino aufgestellt ist. Die dunklen, gewaltigen Marmorsäulen der Basilika, welche vielfach alten Tempeln und Palästen entnommen sind, erregen in den Kindern ebenso wenig Bange wie die dicht gedrängte Menschenmenge, die sich um die Rednerbühne schart. Über ihre Köpfe hinweg blicken die Kinder zu dem hell erleuchteten Jesulein drüben, richten ihre Worte der Anbetung an dasselbe, deuten mit ansprechenden Gebärden auf das Kind und seine Umgebung, erzählen deren Bedeutung, preisen des milden Kindleins Güte, bewundern seine Armut, die es mit der göttlichen Majestät vereinte, und knien endlich mit hoch erhobenen Armen anbetend nieder, die Umstehenden auffordernd, ein Gleiches zu tun. Selten jedoch folgen diese der Einladung des kleinen Predigers. Es mag immerhin wahr sein, dass mehr Neugierde als Andacht die Zuhörer anlockt; es mag wahr sein, dass enttäuscht wird, wer Erbauung oder poetische Erhebung dadurch erwartet; aber es lässt sich gleichwohl nicht leugnen, dass es sich hier um eine im Volkscharakter tief wurzelnde Sitte handelt, um eine Sitte, die durch sechshundertjährige Übung ihr Heimatrecht in der Kirche erlangt hat. Überdies bleibt es wahr, dass auch gar manche Zuhörer tief ergriffen und zur Liebe des göttlichen Kindes angeeifert werden; es kommt eben alles auf die Absicht an, mit der man etwas unternimmt: „Der Geist ist es, der lebendig macht.“ Am Nachmittag des Neujahrsfestes wird von der Plattform herab vor der Kirche mit dem Bild des Jesuskindes der Segen gegeben. Zu dieser Feierlichkeit wird gewöhnlich ein Kardinal oder Bischof eingeladen, sonst vollzieht sie der General der Franziskaner. Am Dreikönigsfest wird dann das Bild in Prozession von den Ordensleuten abgeholt und in seine Kapelle al santo Bambino feierlich zurückgetragen.

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12. Das Frauenbild zu Lacroma bei Ragusa in Dalmatien

 

Im Jahr 1160 hat König Ludwig aus England samt seiner Gemahlin ins Heilige Land und zum Grab Christi eine Wallfahrt angestellt, und auf der Rückreise auch in Italien etliche heilige Orte besuchen wollen. Als sie in das adriatische Meer gekommen waren, hat sie ein gefährliches Ungewitter angestoßen, also, dass das königliche Schiff in großer Gefahr nirgends konnte anlanden. Da nahm der König samt Gemahlin seine Zuflucht zur Mutter Gottes und gelobte, ihr zwei Kirchen zu bauen, eine an dem Ort, wo sie glücklich aussteigen würden, die andere, wenn sie nach Hause kämen, in England. Dazu haben sie einmal hunderttausend Dukaten bestimmt, worauf sich das Ungewitter alsbald legte und das Schiff von den Winden ganz sanft an einen Felsen, namens Lacroma, auf tausend Schritte von Ragusa getrieben wurde.

 

Die Einwohner von Ragusa, sobald sie des Königs Ankunft vernommen hatten, luden ihn durch zwölf Adelige ein und versahen ihn mit herrlicher Wohnung. Als es sich um Erbauung der Kirche handelte, haben die Ragusaner dafür gehalten, es würde der Stadt eine große Zierde sein, wenn die Kirche in der Stadt stände, und deswegen auch den König gebeten. Der König willigte in ihre Bitte ein, doch unter der Bedingung, dass sie an dem Ort, den er zuvor ausersehen hatte, eine andere Kirche samt einem Kloster aufbauen sollten. Und in dieser Kirche ist das wundertätige Bildnis von Lacroma. Auch werden hier auf Befehl des Königs, alle Festtage der Mutter Gottes Heilige Messen gelesen für die Könige Englands. Die Kirche in der Stadt hat man nach der Abreise des Königs herrlich aufzubauen angefangen, aber erst nach vierundvierzig Jahren, nämlich im Jahr 1169 vollendet. Der Bau dieser Kirche, der jetzigen Domkirche, kostete achtzigtausend Dukaten, die übrigen zwanzigtausend verwendete man auf Ornat und Kirchenzierde. In dieser Domkirche ist auch ein Muttergottesbild, dem jährlich am Festtag des heiligen Blasius, als Stadtpatron, mit besonderer Feierlichkeit ein Dankfest angestellt wird, indem von der Herrschaft Ragusa ein zierlich gemachter Drache mit Trompeten und Pauken geopfert wird, weil an dem Ort, Breno genannt, wo auch eine Marienkirche steht, ein Einsiedler den Drachen vertrieben hat, der ringsum so viel Schrecken einjagte, dass viele Einwohner die Heimat verließen.

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13. Maria Bründl bei Hauzenberg

 

(Von P. Hugolinus Dach Ord. S. Aug., in „Ave Maria“, 1911, Heft 9 (September), S. 199)

 

„Was schimmert dort auf dem Berge so schön,

Wenn die Sternlein hoch am Himmel aufgeh`n?“

 

Diese Worte des lieblichen Liedes kamen auch mir auf die Lippen, als ich im Februar von Passau-Innstadt aus mit des „Schnauferles rasender Eile“ über die große Donaubrücke durch das wildromantische Erlautal nach Hauzenberg fuhr und mittelst Schlitten auf der luftigen Höhe des Marktes ankam. Die Antwort auf diese Frage gab mir der weitere Text des Liedes:

 

„Es ist die Kapelle, still und klein;

Sie ladet den Pilger zum Beten ein!“

 

Und diese Kapelle, Unserer Lieben Frau vom guten Rat geweiht und im Volksmund „Maria Bründl“ genannt, war das Ziel meiner Reise. Der Weg dorthin führte mich durch das Tal zwischen dem Markt Hauzenberg und Fürsetzing, an einem Marterl vorbei, dann die Anhöhe hinauf. Es war ein wirklicher – Bußgang. Der Sturm heulte, der Wind sauste dahin mit einer Wucht, dass selbst „Zeppelin I“ nicht standgehalten hätte. Ich rang nach Atem.

 

„Nur mutig voran!“ dachte ich, da – plumps! saß ich im tiefen Schnee, wobei ich eine gewaltige Zwerchfellerschütterung erlitt. Ja, ja, „mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell.“ Doch diesmal war es noch gut gegangen; ich hatte weder eine Rippe, noch Arm oder Bein gebrochen.

 

„Die Liebe überwindet alles!“ Und so überwand auch die Liebe zur Mutter des guten Rates, deren Gnadenstätte ich hier besuchen wollte, all das Unangenehme, das tiefer Schnee und scharfer Wind mit sich bringen.

 

Endlich bin ich am Ziel. Ein einsam-stilles Plätzchen, wo heiliger Gottesfriede weht! Ein Raunen und Flüstern geht durchs Gesträuch, und andächtig neigen die Tannen und Birken ihre schneebedeckten Häupter in der Runde – Maria zum Gruß.

 

Ein einfacher Holzbau birgt den Gnadenthron. Ich trete ein. Sogleich fällt mein Blick auf das Bild U. L. Frau vom guten Rat, das über dem Altar prangt. Ich grüße die liebe Gottesmutter mit des Engels Gruß: „Ave Maria!“

 

Das Gnadenbild hält meinen Blick gefangen. Eine Anmut über alle Beschreibung lagert über dem Antlitz der jungfräulichen Mutter. Überirdische Schönheit und unaussprechliche Lieblichkeit sind über diese edlen Züge ausgegossen. In den zarten Linien pulsiert ein so reiches, gottinniges Leben, dass darin deutlich der Widerschein der Gnadenfülle erkennbar ist, die die Mutter des Erlösers über alle Geschöpfe erhebt. Aus ihrem Antlitz leuchtet eine unbeschreibliche Milde und Güte. Ja, dieses Gnadenbild hat einen so eigenartig mild-süßen Ausdruck, wie ich ihn auf noch keinem Bild U. L. Frau vom guten Rat bemerkte. Unwillkürlich drängen sich dem Beschauer die Worte auf die Lippen:

 

„O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!“

 

Und wie kindlich-innig schmiegt sich das liebe Jesuskind ans Mutterhaupt! Es ist nicht möglich, die Empfindungen bei Betrachtung des Bildes der Mutter und des Kindes wiederzugeben, man muss selbst dagewesen sein und das Gnadenbild gesehen haben.

 

Mündlichen Überlieferungen nach kam eines Tages – es war heiße Sommerszeit – gänzlich abgemattet eine ziemlich gutgekleidete Frau aus Böhmen mit einem blinden Kind auf dem Arm in Hauzenberg an. Nachdem sie sich in einem Wirtshaus etwas erholt und gestärkt hatte, fragte sie nach dem Ort Fürsetzing, erzählend, dass sich einem Traum gemäß dort an einem Baum ein Muttergottesbild und neben dem Baum eine Quelle befinde mit wundertätiger Heilkraft für lichtlose Augen.

 

Fürsetzing, ein Weiler, etwa 10 Minuten von Hauzenberg entfernt, kannte jeder, von einem Marienbild aber und einer Quelle mit wundertätiger Heilkraft wusste niemand.

 

Ein 90jähriger Mann hörte auch von der quellesuchenden Frau. Er erinnerte sich an eine Quelle die nächst Fürsetzing im Gebüsch sprudelte und mit deren Wasser er sich oft in seiner Jugend beim Holzsammeln seine brennenden Augen gewaschen hatte. Ob selbe noch existiere, war ihm nicht bekannt.

 

Die von ihrem Traum beeinflusste Frau machte sich in Begleitung des alten Mannes sogleich auf die Suche nach der hilfebringenden Quelle.

 

Ganz versteckt hinter Dickicht und Gestrüpp hörten die Suchenden endlich ein murmelndes Gewässer. Es war die gesuchte Quelle, dafür zeugte das Muttergottesbild am nächststehenden Baum.

 

Die sorgende Mutter blieb den ganzen Tag über an der Quelle und wusch unter Gebet oftmals die Augen des blinden Kindes. Diese Waschungen wurden fortgesetzt. Auf einmal rief das Kind: „Mutter, ich sehe!“ Die Mutter war überglücklich und trat nun – nach acht Tagen – mit ihrem wiedersehenden Kind voll Freude den Heimweg an, gelobend, in der Nähe der Quelle eine Kapelle erbauen zu lassen zum Andenken an die wunderbare Heilung, zur Aufbewahrung des an dem Baum hängenden Bildes, sowie als Zufluchtsort für alle Hilfesuchenden. – Die Frau hielt Wort. Nach kurzer Zeit kam eine Geldsendung mit der Weisung, nach beigegebenem Plan eine Kapelle zu erbauen. Dies geschah denn auch.

 

Die Nachricht von der wunderbar erlangten Sehkraft des blinden Kindes und die neuerrichtete, wenn auch ärmlich ausgestattete Kapelle zogen nach und nach immer mehr Hilfesuchende herbei und Hunderte fanden dort Heilung, Trost und Hilfe. Die Heilkraft des Wassers in Mitwirkung der allerseligsten Gottesmutter Maria vom guten Rat beweisen die vielen Votivtafeln, die an den Wänden der Gnadenkapelle angebracht sind.

 

Die Kapelle stand auf einem Steinkegel, an der Stelle der jetzigen, wurde aber, um Steine zu gewinnen, in den Siebzigerjahren weiter heruntergesetzt.

 

Um diese Zeit lebte in Passau ein Maurerpolier, Meisinger mit Namen, der schon 18 Jahre an Fieber litt. Kein Arzt konnte ihm helfen, Da riet ihm eines Tages eine Frau, nach „Maria Bründl“ bei Hauzenberg zu gehen. Der Mann tat es, hielt eine neuntägige Andacht, indem er täglich von Hauzenberg zum Bründl hinüberging, wurde vollständig geheilt und hat zum Dank hierfür die Kapelle selbst ausgemalt.

 

Maria Knödelseder, eine fromme Bauerstochter, und ihr Nachbar, der noch lebende Matthias Bauer, ein ernster, nüchterner Mann, Besitzer des Grundstückes, worauf die Kapelle stand, hatten miteinander vereinbart, eine schönere, größere Kapelle auf dem alten Platz zu erbauen. Leider unterblieb aber die Ausführung dieses Planes, zumal Maria Knödelseder bald darauf in die Ewigkeit abberufen wurde.

 

In einer Nacht nun hatte besagter Matthias Bauer einen Traum. Das Zimmer war licht und hell, die Erscheinung vermochte er nicht zu unterscheiden. Deutlich hörte er die Worte: „Du weißt, was wir miteinander ausgemacht haben, dass nämlich die Kapelle wieder auf den alten Platz komme.“ Darauf Bauer: „Ich kann jetzt nicht und weiß auch nicht, wie ich es anfangen soll.“ Dann weckte er die Bäuerin und sagte: „Es hat jemand mit mir geredet.“

 

Nach einiger Zeit wiederholte sich der Traum. Abermals hörte Matthias Bauer eine Stimme und vernahm ganz deutlich die Worte: „Lang genug hast du mir es schon versprochen, jetzt muss es aber sein!“ Bauer entgegnete: „Es wird schon noch geschehen, auf einmal braucht es nicht zu sein.“

 

Bauer hatte bald darauf zum dritten Mal den genannten Traum, wobei er die Antwort gab: „Ich allein kann es auch nicht leisten, ich habe viele Kinder.“ Da nahm ihn die Erscheinung bei der Hand und sprach: „Du wirst schon Hilfe bekommen.“

 

Einige Wochen nach dem dritten Traum kam besagter Matthias Bauer zu der ebenfalls noch lebenden Frau Minna Wiesmüller, Lehrerswitwe in Hauzenberg, und sagte zu ihr: „Du hast Zeit, dich der Sache anzunehmen.“ – „Das werden wir bald haben“, meinte darauf Frau Wiesmüller und ließ sofort vom Zimmermeister Pfoser in Tyrnau den Plan machen. Da kein Geld für den Neubau der Kapelle vorhanden war, ging sie auf den Holzbettel. Überall, wo sie anklopfte, gab man ihr gerne. Allmählich kam auch das nötige Geld zusammen.

 

Seit neun Jahren schaut nun ein zierliches Kirchlein, umgeben von Ziersträuchern jeglicher Art, aus Waldesgrün auf das herrliche Panorama von Hauzenberg, hinübergrüßend zum majestätisch emporragenden Staffelberg, und „ladet den Pilger zum Beten ein“.

 

Am 30. September 1900 wurde die neue Kapelle eingeweiht. Eine ungeheure Volksmenge von nah und fern hatte sich zu dieser schönen Feier eingefunden. In feierlicher Prozession wurde das Gnadenbild Maria vom guten Rat vor der alten in die neue Kapelle übertragen.

 

Die oben erwähnte Quelle sprudelt ihr heilbringendes Wasser in einen steinernen Behälter, in den genannter Meisinger aus Passau eine kleine Marmorplatte eingelassen hat mit der Inschrift, dass er hier Hilfe gefunden habe. Kein Besucher der Gnadenkapelle unterlässt es, seine Augen mit diesem Wasser zu befeuchten.

 

Da das Gnadenbild Flecken zeigte, kaufte man ein neues Bild U. L. Frau vom guten Rat, hing das alte an eine Seitenwand der Kapelle und an dessen Stelle das neue Bild. So oft man aber in die Kapelle kam, hing das Gnadenbild schief. Daraufhin verordnete der Kaplan von Hauzenberg: „Das alte Bild muss wieder an seinen Platz.“

 

So prangt das liebliche Bild der Gnadenmutter Maria vom guten Rat über dem Altar, alle Bedrängten und Hilfesuchenden einladend mit den Worten: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! Denn bei mir ist Rat und rechtes Handeln, bei mir ist Klugheit, bei mir ist Stärke!“

 

Wieviel Weh und Not die liebe Mutter des guten Rates an dieser einsamen Gnadenstätte gelindert, wieviel Tränen sie allhier getrocknet, wieviel wunde Herzen sie geheilt, wie viele, viele Bitten sie erhört hat, das mögen all die Votivtafeln und -täfelchen erzählen, die den Bitten und Seufzern der Bedrängten gelauscht und rings die Wände decken. Ja, überreichen Trost spendet die liebe Gottesmutter in diesem ihren Heiligtum, und keiner geht unerhört von ihr.

 

Tausend Dank dir, Mutter des guten Rates, im Namen aller, die bei dir Rat und Hilfe gesucht haben, die du erhört und getröstet hast in schweren Leidenstagen.

 

Allen Bedrängten und Hilfesuchenden aber rufe ich die Worte zu, die in das Altartuch (Geschenk einer Wienerin) eingestickt sind:

 

„Geh zu Maria hier vor Allen,

Wo Wunderglanz Ihr Bild verklärt;

Fürwahr, der Himmel müsste fallen,

Gingst du von dannen unerhört.“

 

Wallfahrtskirchlein-Maria-Bruendl

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14. Maria Major im Königskloster zu Wien

 

Der heilige Franz von Borgias erhielt aus sonderbarer Andacht, die er zu dem schönen Gnadenbild Maria Major trug, vom Papst die Erlaubnis, mehrere Kopien davon nehmen zu dürfen, damit die Gottesmutter in diesem Bildnis an mehreren Orten verehrt werden könnte. Diese Kopie hat hierauf der heilige Mann verschiedenen königlichen Personen zum Geschenk gemacht.

 

Auf solche Weise ist eine nach Frankreich gekommen, die hernach die gottselige Königin Elisabeth, Kaiser Maximilians II. Tochter und Karls IX. von Frankreich hinterlassene Witwe, im Jahr 1578 mit sich nach Wien gebracht und jederzeit mit inniger Andacht verehrt hat. In allen ihren Betrübnissen suchte sie bei diesem Bildnis die Hilfe der Gnaden und Barmherzigkeit, und hat sie auch stets mit großem Trost erfahren, absonderlich, als sie vernommen hatte, dass ihr Bruder, Erzherzog Maximilian, im Jahr 1588 durch heimliche Verräterei in Polen gefangen worden sei.

 

In dieser großen Angst flehte sie mit ganz besonderem Eifer und großem Vertrauen um Erledigung ihres Bruders, und nachdem sie eine gute Zeit unter vielen Tränen im Gebet verharrt, wollte die Mutter der Gnaden ihre eifrige Dienerin nicht ohne Trost von sich lassen. Die gebenedeite Jungfrau streckte plötzlich von der Statue die rechte Hand aus, legte sie auf das Haupt der betenden Königin und sprach: „Sei getrost, meine Tochter! Dein Bruder wird frei und erledigt werden.“ Die gottselige Königin wurde hierauf mit einer so großen, innerlichen Freude erfüllt, dass sie es nicht genugsam erklären konnte, wie selbe es dann hernach dem P. Peter Luck, aus dem Orden des heiligen Franziskus, als ihrem vertrauten Beichtvater, geoffenbart, mit dem ernstlichen Ersuchen, es, so lange sie leben würde, keinem Menschen mitzuteilen, weil sie besorgt war, man möchte sie für fromm halten und deswegen in ihrem Kloster weniger für sie beten.

 

Erzherzog Maximilian ist auch bald darauf wunderbarer Weise befreit worden, und den 9. März 1588 in Wien angekommen, was die gottselige Königin nicht wenig erfreut und in der Andacht und im Vertrauen zur Mutter Gottes mächtig gestärkt hatte. Doch hat sie ihn nichts merken lassen, was sich seinetwegen mit ihr zugetragen hatte. Sie befahl aber, dass dieses Bild gleich nach ihrem Tod in das von ihr gestiftete Kloster soll gegeben werden, und ersuchte ihren Beichtvater, den Klosterfrauen in ihrem Namen anzudeuten, dass sie dieses Bild allzeit in großen Ehren halten, dieweil sie es ihnen als eine sichere Zuflucht in allen Nöten aus mütterlichem Herzen hinterließe. Dem zu Folge ist dieses Bildnis im Jahr 1592, den 23. Januar, aus der Kammer der abgelebten gottseligen Königin in das Kloster übertragen worden.

 

Hierauf hat P. Luck offenbart, was sich wegen Erledigung des Erzherzogs bei diesem Bild zugetragen hat. Und da dies Ihre Durchlaucht vernommen hatte, haben sie es aus schuldigster Dankbarkeit in einen schönen, reich mit Silber verzierten Altar einfassen lassen. Und es wird bis auf den heutigen Tag wunderbar gespürt, dass sich die Mutter Gottes in diesem Bild als eine sonderbare Mutter des durchlauchtigsten Erzhauses von Österreich erzeigt, denn wenn bei diesem Bild ein Todesfall oder sonst großes Unglück geschehen soll, verändert es die Farbe und wird ganz bleich. Auch erscheinen die Augen, als wären sie stark geschwollen, da es doch sonst eine so lebhafte und angenehme Gestalt hat, dass solche von keinem Maler kann getroffen werden. 

 

maria_major

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15. Der Waller

 

Auf Galiziens Felsenrande

Ragt ein heil´ger Gnadenort,

Wo die reine Gottesmutter

Spendet ihres Segens Hort.

 

Dem Verirrten in der Wildnis

Glänzt ein goldner Leitstern dort,

Dem Verstürmten auf dem Meere

Öffnet sich ein stiller Port.

 

Rührt sich dort die Abendglocke,

Hallt es weit die Gegend nach;

In den Städten, in den Klöstern

Werden alle Glocken wach;

 

Und es schweigt die Meereswoge,

Die noch kaum sich tobend brach,

Und der Schiffer kniet am Ruder

Bis er leis´ ein Ave sprach.

 

An dem Tage, da man feiert

Der Gepries´nen Himmelfahrt,

Wo der Sohn, den sie geboren,

Sich als Gott ihr offenbart,

 

Da, in ihrem Heiligtume,

Wirkt sie Wunder mancher Art;

Wo sie sonst im Bild nur wohnet,

Fühlt man ihre Gegenwart.

 

Bunte Kreuzesfahnen ziehen

Durch die Felder ihre Bahn;

Mit bemalten Wimpeln grüßet

Jedes Schiff und jeder Kahn;

 

Auf dem Felsenpfade klimmen

Waller, festlich angetan:

Eine volle Himmelsleiter

Steigt der schroffe Berg hinan.

 

Doch den heitern Pilgern folgen

Andre barfuß und bestaubt,

Angetan mit här´nen Hemden,

Asche tragend auf dem Haupt;

 

Solche sind´s, die der Gemeinschaft

Frommer Christen sind beraubt,

Denen nur am Tor der Kirche

Hinzuknien ist erlaubt.

 

Und nach allen keuchet einer,

Dessen Auge trostlos irrt,

Den die Haare wild umflattern,

Dem ein langer Bart sich wirrt;

 

Einen Reif von rost´gem Eisen

Trägt er um den Leib geschirrt,

Ketten auch um Arm´ und Beine,

Dass ihm jeder Tritt erklirrt.

 

Weil erschlagen er den Bruder

Einst in seines Zornes Hast,

Ließ er aus dem Schwerte schmieden

Jenen Ring, der ihn umfasst.

 

Fern vom Herde, fern vom Hofe

Wandert er und will nicht Rast,

Bis ein heimlich Gnadenwunder

Sprenget seine Kettenlast.

 

Trüg´ er Sohlen auch von Eisen,

Wie er wallet ohne Schuh,

Lange hätt´ er sie zertreten,

Und doch ward ihm nirgend Ruh´.

 

Nimmer findet er den Heil´gen,

Der an ihm ein Wunder tu´;

Alle Gnadenbilder sucht er:

Keines winkt ihm Frieden zu.

 

Als nun der den Fels erstiegen

Und sich an der Pforte neigt,

Tönet schon das Abendläuten,

Dem die Menge betend schweigt.

 

Nicht betritt sein Fuß die Hallen,

Drin der Jungfrau Bild sich zeigt,

Farbenhell im Strahl der Sonne,

Die zum Meere niedersteigt.

 

Welche Glut ist ausgegossen

Über Wolken, Meer und Flur!

Blieb der goldne Himmel offen,

Als empor die Heil´ge fuhr?

 

Blüht noch auf den Rosenwolken

Ihres Fußes lichte Spur?

Schaut die Reine selbst hernieder

Aus dem glänzenden Azur?

 

Alle Pilger gehen getröstet;

Nur der eine rührt sich nicht,

Liegt noch immer an der Schwelle

Mit dem bleichen Angesicht.

 

Fest noch schlingt um Leib und Glieder

Sich der Felsen schwer Gewicht;

Aber frei ist schon die Seele,

Schwebet in dem Meer von Licht.

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16. Unsere Liebe Frau zu Dorfen in Bayern

 

In einer der fruchtbarsten Gegenden Oberbayerns, zwischen den gesegneten Hügeln von Erding und Ampfing zieht sich ein freundliches Tal von Osten nach Westen, das Isental genannt. Fast im Mittelpunkt dieser Tallänge befindet sich der freundliche Markt Dorfen (Maria Dorfen), elf Stunden von München entfernt, im Bezirksamt Erding.

 

Die ursprüngliche Ansiedelung bestand in drei Häusern, dem Eigentum dreier, mit großem Besitztum im Isental begüterter Brüder, woher noch das Bild von drei Häusern im blauen Feld im Schild des Markt-Wappens. Nach und nach bauten sich wegen der angenehmen Lage und Fruchtbarkeit der Gegend mehrere Familien an. So entstand allmählich der jetzige gewerbsame Markt Dorfen mit seinen Straßen in Kreuzform und vier, je zwei gegeneinander überstehenden Toren.

 

Unmittelbar außer dem Markt am nördlichen Hügelrand erhebt sich der Rupertsberg, auf dessen Rücken eine große, herrlich ausgestattete Kirche emporprangt, erbaut zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria, und weithin bekannt als ehrwürdiger Gnadenort. Westlich vom Gotteshaus ziert den Rupertsberg ein großes Quadratgebäude, das Priesterhaus, das wie ein ansehnliches Schloss das Tal beherrscht, und dem Auge einen lieblichen Überblick über dasselbe gewährt. Leicht und bequem steigt man den Berg über 148, mehrmals mit Ruheplätzen unterbrochene, rotmarmorne Stufen hinan.

 

Nach alter Sage soll der heilige Rupert bei seinen apostolischen Wanderungen durch Bayern auf diesem Berg gewohnt und gepredigt haben, daher dessen Name Rupertsberg. Rupert soll daselbst die Kapelle erbaut und eingeweiht haben, die heutzutage die heilige Josefskapelle genannt ist. In ihr soll auf Anraten und Geheiß dieses Heiligen, der um das Jahr 718 oder 723 selig im Herrn entschlief, schon zu seiner Lebenszeit, oder bald nachher das wundertätige Marienbild aufgestellt worden sein, das bis jetzt mehr als zwölfhundert Jahre hindurch der Gegenstand der allgemeinen öffentlichen Verehrung ist.

 

Im Jahr 1350 wurde neben der kleinen Kapelle auf dem Rupertsberg eine neue schöne geräumige Kirche, 153 Fuß lang und 54 Fuß breit, mit einem hohen Turm erbaut. Nun wurde das Marienbild auf den Hochaltar dieser großen Kirche übersetzt, wo es noch gegenwärtig seine Stelle einnimmt. Dieses Bildnis erscheint, wenn es von dem ihm beigelegten Schmuck der gold- und silbergestickten Kleider und der Krone entblößt ist, als ein meisterliches Werk alter Bildhauerkunst. Es ist aus einem ganzen Stück Lindenholz geschnitzt, und hält (in sitzender Stellung) in der Höhe fünf Schuh vier Zoll, in der Breite vier und in der Tiefe zwei Schuh. Das Haupt neigt sich ein wenig zur Rechten, und ist umwallt von langen blonden Haaren; die Züge des länglichen Angesichtes zeichnen die heilige Jungfrau als eine Mächtige, aber liebevolle Himmelskönigin. Die Rechte hält das Jesuskind auf dem Schoß, die Linke eine Rose. Das lange Kleid ist von roter Farbe, mit vergoldeter Verbrämung. Die Mitte des Leibes umgibt ein Gürtel, den eine vergoldete Schnalle zusammenhält. Auf dem Herzen sind die Worte eingeschnitten: „Mutter der Gnaden“. Die Verehrung des Marienbildes in der neuen Kirche zog viele Andächtige dahin und bald erblühte der Rupertsberg zu einem sehr besuchten Wallfahrtsort. Schon um das Jahr 1400 wurde er häufig von Fremden besucht.

 

Der Ruf der Wundertätigkeit verbreitete sich immer mehr, und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde Mariadorfen unter die blühendsten Wallfahrten in Oberbayern gezählt. Laut eines alten Saalbuches waren acht oder neun Priester zu Dorfen anwesend, um die Dienste bei der Wallfahrtskirche zu versehen. Unter solchen Umständen nahm die Vergrößerung des Marktes zu und mehrte sich der Wohlstand seiner Bewohner. Als vorzüglicher Beförderer der Wallfahrt zu Dorfen wird der dortige Pfarrer Joseph Sailer gepriesen. Sogleich bei dem Antritt seines Pfarramtes im Jahr 1705, verwendete er dreitausend Gulden seines eigenen Vermögens zur Ausstattung des Gotteshauses auf dem Rupertsberg.

 

Vom päpstlichen Stuhl wurde im Jahr 1711 ein vollkommener Ablass für alle erwirkt, die den Gnadenort mit Ablegung reumütiger Beicht und Empfang der heiligen Kommunion besuchten.

 

Sailers Predigten flossen über von Andacht und Vertrauen zu Maria, und er besaß die Macht, jene Liebe, die er zur Gottesmutter hegte, auch anderen einzupflanzen. So wirkte Sailer mehr als dreißig Jahre für das Gedeihen der Wallfahrt, bis er im zweiundachtzigsten Jahr seines Alters, am 16. Januar 1737 sein tätiges Leben endete. Der Ruf der in Menge gepriesenen Wunder von der hilfreichen göttlichen Mutter zu Dorfen verbreitete sich allenthalben. Auf Sailers Bericht wurde im Jahr 1707 vom Fürstbischof zu Freising eine Kommission zur Untersuchung und Prüfung der aufgezeichneten vorzüglichsten Wundertaten niedergesetzt. Hundertdreißig Beteiligte wurden eidlich über die ihnen erzeigte Wunderhilfe abgehört, verschiedene medizinische und polizeiliche Zeugnisse abgenommen, und die zehn ältesten Personen in und um Dorfen ebenfalls beeidigt, über den früheren Ruf und Bestand der Wallfahrt vernommen; die älteren und neueren Dokumente geprüft, und hierauf nach Erwägung aller Umstände durch bischöflichen Ausspruch das Marienbild erwiesen als gnadenreich und wundertätig erklärt und hierauf am Fest der heiligen Dreieinigkeit, den 19. Juni, unter dem Jubel einer ungemeinen Volksmenge von der Priesterschaft in feierlicher Prozession im Markt herumgetragen. Nun wurde der Zulauf der Andächtigen zu dem Gnadenbild zu Maria Dorfen von Jahr zu Jahr immer größer. Eines der glänzendsten Feste feierte die Wallfahrtskirche im Jahr 1757 vom 2. Oktober an acht Tage hindurch. Es war die Jubelfeier der von einem Jahrhundert in derselben errichteten Rosenkranz-Bruderschaft, die mit außerordentlicher Pracht begangen wurde. Mehr als Zwanzigtausend empfingen die heilige Kommunion: - während der Oktav wurden wenigstens vierhundertsechzig heilige Messen in der Marienkirche gelesen. In dieser Kirche, deren auf breite und vorspringende Mauern gestützte Gewölbe ohne Säulen sind, fesselt die majestätische Zierde des Hochaltars, auf dem das Gnadenbild thront, am meisten die Aufmerksamkeit des Besuchers. In der Mitte des Altars ruht auf einem feuervergoldeten, mit silbernen Laubwerken geziertem Thron das Gnadenbild der wundertätigen Maria. Der Thron selbst schwebt auf einem silbernen, drei Fuß hohen Gewölke. Zwei große schwebende Engel mit ausgespannten vergoldeten Flügeln halten den Thron. Etwas weiter unten befinden sich zwei kleinere fliegende Engel von Silber, die ein Füllhorn mit zwei Leuchtern tragen, die zur Erleuchtung des Bildes dienen. Hinter dem Thron aufwärts schimmert ein feuervergoldeter Strahlenschein mit glühender Sonne in der Mitte, und um den Lichtkranz herum blinken wie die Sterne in Form eines Kranzes, aus Silber gearbeitet, die fünfzehn Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes auf künstlich gefertigten Schilden. Das erhabene Gotteshaus auf dem Rupertsberg steht jetzt in erneuerter Pracht da.

 

Merkwürdige Gnadenerweisungen

 

Elisabeth Thaler aus der Pfarrei Hofkirchen litt acht Jahre an heftigen Kopf- und Zahnschmerzen. Nach vergeblicher Anwendung aller Mittel nahm sie ihre Zuflucht zu Unserer Lieben Frau zu Dorfen, versprach ein gewisses Gebet, eine heilige Messe und Opfergabe und gesundete in kurzer Zeit.

 

Afra Heretzer aus der Pfarrei Stein in Böhmen fiel in einen siedenden Waschkessel, wobei sie an einem Auge die Sehkraft einbüßte. Sie verlobte sich zu Unserer Lieben Frau von Dorfen mit einer heiligen Messe und wurde zur selben Stunde gesund.

 

Peter Wild zu Daising, unweit Altötting, verlobte seinen siebzehnjährigen Sohn Joseph, der schon zwei Jahre stumm war, anher zu Unserer Lieben Frau und erhielt Hilfe.

 

Dem Joseph Gerauer aus Hartkirchen blieb beim Essen ein Stücklein Bein im Halse stecken. Nachdem alle angewendeten Mittel fruchtlos waren, wandte er sich nach zwölf Tagen in der augenscheinlichsten Lebensgefahr an Unsere Liebe Frau von Dorfen, versprach eine heilige Messe und einen Wallfahrtsgang und alsbald gab er das Bein von sich.

 

Herr Joseph Stadler, Schreiber beim Marktschreiber zu Dorfen war in einer langwierigen Krankheit dem Tod nahe. Auf Anrufen der Gnadenmutter genas er.

 

Johann Summer aus Breitenberg im Bistum Passau, schnitt sich mit einem Messer am Arm zwei Nerven entzwei. Auf eine Verlobung zu Unserer Lieben Frau mit einer Wallfahrt verloren sich die Schmerzen und heilte den Arm.

 

Anastasia Steiger, Bierbrauerin von Neumarkt flehte in großen Kindsnöten inbrünstig zur lieben Mutter in Dorfen und gebar glücklich, obwohl man ihr und dem Kind bereits das Leben abgesprochen hatte.

 

Joseph Baumgartner von Salzburg wandte sich, als er auf dem Wolfgang-See von einem heftigen Sturmwind aus dem Schiff gestürzt wurde, in Gedanken um Hilfe zur Lieben Frau von Dorfen und wurde gerettet.

 

Anton Lanzinger von Hofkirchen wurde am Steigbügel hängend vom Pferd fortgeschleift. In der augenscheinlichen Todesgefahr rief er Maria zu Dorfen an, gelobte eine heilige Messe und ein gewisses Gebet nebst Opfer und wurde glücklich gerettet.

 

Ein Beamter aus der Umgegend Dorfens war wichtiger Anklagen wegen in Gefahr seine Stelle zu verlieren. Seine Gattin nahm ihre Zuflucht zu Maria in Dorfen, und die unheilvolle Sache schlug zu seinem größten Glück aus.

 

Am 28. November 1791 schreckte die Einwohner von Obergriesbach, einem Dorf nächst Aichach, Feuerlärm aus ihrem tiefen Schlaf. Bei der Lage der Häuser und ihren Strohdächern, drohte der heftige Sturmwind das Feuer über das ganze Dorf zu verbreiten. Da wandten sich die bedrängten Einwohner zur Gnadenmutter nach Dorfen. Da legte sich der Wind und kein Haus wurde mehr von der Flamme ergriffen, wie uns durch schriftliche Zeugnisse von Pfarrer und Amtsvorstand des Ortes bestätigt wird. 

 

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17. Maria-Plain nächst Salzburg in Oberösterreich

 

Dieser Wallfahrtsort liegt auf dem Plainberg, nahe der Stadt Salzburg. Das auf dem Hochaltar der herrlichen Kirche sich befindliche Gnadenbild ist auf Leinwand gemalt, anderthalb Schuh hoch, vierzehn Zoll breit und stellt die gebenedeite Mutter Gottes vor, in ihrem Schoß auf einem Polster das liebe Jesuskindlein haltend.

 

Über die Entstehung der Wallfahrt geht folgende Sage:

 

Als im Jahr 1633 das bedrängte Deutschland in vollem, grausamen Kriegsfeuer entbrannte, so dass auch Ströme von Blut es nicht zu löschen vermochten, hat es sich begeben, dass am 17. Dezember des genannten Jahres ein feindlicher Haufen schwedischer Soldaten den churbayerischen Marktflecken Regen im bayerischen Wald urplötzlich angefallen, geplündert und den Flammen preisgegeben hat. Alles stand in hellem, erschrecklichem Brand, kein Haus war übrig, das nicht in Glut und Asche lag.

 

Unter andern wohnte hier ein ehrsamer Bürger und Bäckermeister, namens Paul Begner. Der hatte in seiner Behausung zur eigenen Andacht den göttlichen Gnadenschatz, dessen Wohltaten nun in Plain so reichlich strömen, nämlich das Bildnis der allerseligsten Jungfrau und Mutter Gottes Mariä. Als nun des gemeldeten Bäckers Haus ebenfalls von den Flammen ergriffen worden und bis auf den Grund abgebrannt war, ist gedachtes, auf schlechte Leinwand gemaltes Frauenbild nicht anders, als ein edles Gold inmitten des erschrecklichen Feuers unversehrt mit höchster Verwunderung erfunden worden. Alles umher war Glut und Asche, unser wundertätiges Marienbild allein war unverletzt. Darüber sind nicht wenige Herzen zur besonderen Andacht und Ehrerbietung entzündet worden. Vor allem aber entbrannte die Liebe zu diesem goldenen Gnadenschatz die Gemahlin des Hannsen Ludwig Grimming von Niederrain, Pfleger von Fürstenegg. Sie brachte das gebenedeite Frauenbild an sich, ließ es in ein schönes Altärlein zierlich einfassen, und in der Schloss-Kapelle zur häuslichen Andacht aussetzen.

 

Im Jahr 1652 wurde es von ihrem Sohn Rudolph nach Salzburg gebracht und am 8. Dezember auf dem Berg Plain zur allgemeinen Verehrung in einem hölzernen Kasten aufgehangen. Als er später Salzburg verließ, nahm er das Gnadenbild mit, erbaute sich eine Einsiedler-Kapelle im Augsburger Bistum und lebte da dem Gebet und der besonderen Verehrung der seligsten Jungfrau. Nach seinem Tod kam das Bildnis im Jahr 1676 wieder nach Salzburg und 1732 wurde es auf den Plainberg versetzt. Hier war schon im Jahr 1657 der Bau einer hölzernen Kapelle begonnen worden. Im Jahr 1671 wurde der Anfang zur jetzigen prachtvollen Kirche gemacht, und drei Jahre später wurde sie mit großer Feierlichkeit eingeweiht.

 

Unzählige Pilger suchen und finden vor diesem lieben Frauenbild Trost, Ruhe und Hilfe.

 

maria-plain

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18. Maria Schmerz in Wien

 

(Fr. Benedikt a Jesu, „Ave Maria“, Heft 1, 1912, S. 8)

 

Am Fuße des Kahlenberges, im XIX. Gemeindebezirk Wiens gelegen, befindet sich das liebliche Gotteshaus Maria Schmerz. Von den PP. Oblaten des heiligen Franz von Sales im Jahr 1909 erbaut an Stelle einer alten Kapelle, wurde sie eingeweiht am 30. April 1910 durch + Generalvikar von Wien, Dr. Gottfried Marschall. Die Kirche, im Barockstil erbaut, erinnert in ihrer Form und Lage an Lourdes und birgt in ihrer Krypta das alte Gnadenbild. Diese Statue der schmerzhaften Mutter Gottes stammt aus einem alten Haus in der Josefstadt und wurde in den Achtziger-Jahren (des 19. Jahrhunderts) in einer kleinen Kapelle zur Verehrung aufgestellt. Hier befand sich vorher ein Marterl, das schon vor der Türkenbelagerung hier gestanden sein soll und sagenumwoben war, genannt die Schwalben-Muttergottes. Da der Andrang der Gläubigen sehr groß wurde, erbaute 1892 der Großfuhrmann Kothbauer eine größere Kapelle, in der auch später das Allerheiligste aufbewahrt wurde. Die neuerbaute Kirche ist das Ziel vieler tausender Wiener, die hier neben der leiblichen auch geistige Erholung suchen. Von den Patres Salesianern wird regelmäßiger Gottesdienst gehalten. Dass die Schmerzensmutter eine Zuflucht der Sünder und ein Heil der Kranken wurde, bezeugen die vielen Votivtafeln und -bilder, sowie Votivgeschenke aller Art in den Gängen der Krypta. Mögen noch viele Sünder ihre Ruhe finden am Gnadenthron Mariens!

 

Heil`ge Mutter, drück` die Wunden,

Die dein Sohn am Kreuz empfunden,

Tief in uns`re Seelen ein.

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19. Maria-Hilf zu Pottendorf in Österreich

 

Ein kaiserlicher Hauptmann, namens Rauch, der zu Pottendorf den sogenannten „Roten Hof“ besaß, hinterließ seiner Familie, als er nach Ungarn zog gegen die Türken, ein Marienbild, das ihm von frühester Kindheit an lieb und teuer gewesen war. Er kehrte glücklich wieder vom Kampfplatz zurück, aber wie erstaunte er, als er versichert wurde, dass auch fremde Leute Maria in diesem Bild verehrten. Bei solchem Umstand war der gottesfürchtige Kriegsmann auf das heftigste beschäftigt, nicht mehr feindliche Plätze mit Gewalt zu erzwingen, sondern einen bequemen Platz aufzusuchen und zu erhalten, auf dem Maria, als die mächtige Helferin der Christen, von jedermann möchte verehrt und angerufen werden. Er bemühte sich nicht mehr, feindliche Mauern und Festungswerke einzureißen, sondern einen Tempel aufzubauen, in dem die Bedrängten, zur Zeit des feindlichen Anfalls, bei Maria die sicherste Brustwehr finden könnten. Im Jahre Christi 1638 hat er sein Vorhaben ins Werk gesetzt, die Kapelle erbaut, das gnadenreiche Bild dahin übertragen, und auf alle Mittwoche des Jahres eine heilige Messe gestiftet.

 

Und dieser Tempel ist zu verschiedenen Malen den geliebten Pottendorfern zur sichersten Vormauer wider die mächtigsten Feinde geworden. Maria hat allhier angefangen, für ihre Pflegekinder zu arbeiten, als der Feind selbe zur schwersten Dienstbarkeit an Ketten und Fesseln hinweg zu schleppen gedachte. Die türkische Macht hatte ringsum sehr viele Plätze mit entsetzlicher Wut überschwemmt. Ihr gezücktes Mordschwert war bis über das Gefäß im Christenblut gefärbt. Das Gerassel der Ketten erschütterte Mark und Gebein, und das Zetergeschrei der Gefangenen drang bis an die Wolken. Es mussten diejenigen erzittern, die zwar ihre Freiheit noch genossen, doch aber wegen beständiger Gefahr, selbe augenblicklich zu verlieren, aus Furcht mehr dahinstarben, als lebten.

 

Dazumal lag zwar Pottendorf in ungemeiner Gefahr, aber die nachfolgende war noch weit seltsamer. Die meineidigen Coruzzen verheerten alles, was ihnen in ihre gottesräuberischen Hände fiel. Man sah auf allen Seiten das helle Feuer auflodern, und die feindlichen Flammen haben die finstere Nacht fast mehr, als die Sonne den Tag erleuchtet. Es wagte sich dieses aufrührerische Volk selbst bis an die geheiligte Kapelle. Das Schwert war schon gezückt, der feindliche Arm ausgestreckt, und die Insassen des Marktes hatten nur des Streiches zu gewarten, um das Schlachtopfer unmenschlicher Wut zu werden. Pulver, Lunten und Feuer standen schon in Bereitschaft, auch diesen Ort samt dem Markt und seinen Einwohnern in eigener Asche zu begraben. Allein Maria, die mächtigste Hilfe, hat in so äußerster Not wider beide Feinde gestritten und für ihre Kinder unermüdlich gearbeitet. Weder der Übermut des türkischen Heeres, noch die Grausamkeit der zusammengerotteten Rebellen haben derjenigen widerstreben können, die gleich einem wohlgeordneten Heerlager fürchterlich und erschrecklich ist. Es hat Maria ihren allhier erwählten Wohnsitz samt allen Einwohnern weit nachdrücklicher geschützt, als einst die heldenmütige Judith das bedrängte Bethulien vor den Streichen des Holofernes. Durch den Schutz Mariens ist weder die Gnaden-Kapelle, noch der herrliche Markt Pottendorf von der feindlichen Gewalt im mindesten verletzt worden. 

 

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20. Unsere Liebe Frau zu Mariataferl

in Österreich unter der Enns

 

In der Nähe des Marktes Marbach an der Donau liegt auf einem hohen Berg der berühmte Wallfahrtsort Unsere Liebe Frau am Tafelberg oder „Mariataferl“ genannt.

 

Aus Erzählungen der Vorfahren weiß man, dass mitten unter den Föhrenbäumen, die die Spitze des Berges zu Taferl umkränzen, ein großer Eichenbaum gestanden sei, der wie ein König seine bekrönten Gipfel über alle übrigen Bäume erhoben habe. An ihm befand sich das Bildnis unseres gekreuzigten Heilandes und hierher ist alljährlich am Ostermontag die Pfarrgemeinde von Klein-Pechlarn gekommen, um Fruchtbarkeit der Felder zu erbitten und ein gesungenes Evangelium anzuhören. Da aber diese Andacht von morgens bis abends dauerte, wurde auf einem runden Stein, den die Natur wie einen Tisch gebildet hat, das Mittagsmahl gehalten. Zu dessen Gedächtnis ist dieser steinerne Tisch noch jetzt vor der Kirchtür zu Mariataferl eingemauert zu sehen. Von dieser steinernen Tafel hat auch nach aufgekommener Wallfahrt der Gnadenort den Namen Mariataferl erhalten.

 

Nun hat es sich aber im Jahr 1633 begeben, dass Thomas Pachmann, ein Viehhirt aus dem nahen Dorf Krummnussbaum, diese Eiche, die damals bis auf zwei kleine Ästlein abgedorrt war, umhauen und als Brennholz gebrauchen wollte. Allein, als dieser Mann den ersten Streich auf die Eiche führte, ist die Hacke nur in die Rinde gegangen und wieder zurück auf dessen Fuß gefallen, nicht ohne ihn schmerzlich zu verwunden. Da er aber die Schmerzen wenig beachtete, so führte er von neuem und mit verdoppelten Kräften seinen Streich. Allein auch diesmal wendete sich die Hacke ab, und verletzte den anderen Fuß. Nun erhob der gute Mann seine Augen und erblickte in der Mitte des Baumes das Bildnis des gekreuzigten Heilandes, erkannte sogleich seinen, obschon unwissend begangenen Fehler und bat Gott um Verzeihung, dass er einen Baum habe vertilgen wollen, der durch ein so heiliges Bildnis geweiht sei. Da stillte sich nicht nur das Blut von selber, sondern auch die Wunde heilte ohne ärztliche Hilfe. Die Eiche aber, die vorher bis auf zwei Äste abgedorrt war, fing wieder an zu grünen und Früchte zu tragen, und als beständiges Denkmal bewahrt man noch heute in der Schatzkammer eine in Perlen gefasste Eichel.

 

Durch diese Begebenheit wurde allgemach die Eiche bekannt. Der Urheber aller Gnaden aber hatte beschlossen, durch ein zweites Wunder die Heiligkeit des Ortes zu bestätigen. Alexander Schinnagel, Richter im Dorf Krummnussbaum, litt seit sechs Jahren so heftig an einer schweren Gemütskrankheit, dass fortan die höchste Lebensgefahr ihm drohte. Da nun aller angewendete Fleiß und selbst der Rat der Ärzte nichts geholfen, ist er, nicht aus Ungefähr, sondern aus Schickung Gottes, zu einem im Markt Klein-Pechlarn wohnenden Schulmeister und Maler, mit Namen Franz Meuß, gekommen, der ihm das Vesperbild Mariä, so er in Farben zu fassen, eben unter der Hand hatte, angeboten und auch durch Kauf überlassen hat: ein Bildnis aus Lindenholz geschnitzt und einen Schuh hoch, vorstellend Maria, die schmerzhafte Mutter, auf dem Schoß ihren todesverblichenen göttlichen Sohn tragend, mit der rechten Hand sein heiliges Haupt, mit der linken seine rechte Hand ergreifend und mit über die Wangen herabrieselnden Zähren den Tod ihres geliebten Sohnes beweinend.

 

Eine Nacht nur hatte Schinnagel das Bild in seinem Haus, denn als er dieselbe Nacht fast schlaflos zugebracht hatte, hörte er eine Stimme, die so zu ihm sprach: „Nimm dieses Bild und trage es in die Eiche zum Taferl hinauf, wenn du gesund werden willst.“ Bei anbrechendem Tag war auch dieser fromme Christ schon fertig, der himmlischen Mahnung zu gehorchen. Er eilte in Begleitung eines Zimmermanns auf den Berg hinauf, und setzte, nach geschehener Abnahme des alten, zerfallenen Kruzifixes, das neugefasste Vesperbild in die Eiche hinein. Von dieser Zeit an erlangte er den Gebrauch seines Verstandes dergestalt wieder, dass er hierauf noch eine geraume Zeit seinem Richteramt mit Lob vorgestanden und endlich gottselig verschieden ist.

 

Das heilige Vesperbild blieb bei sechzehn Jahre den ungestümen Winden und scharfen Gewittern ausgesetzt, doch blieb es allezeit unverletzt in der Eiche erhalten.

 

In den Herzen der umliegenden Einwohner begann die Verehrung des Bildes zu wachsen. Doch trug die hohe geistliche Obrigkeit noch immer Bedenken, den Ort als eine öffentliche Wallfahrt zu bestätigen, bis es endlich dem für die Ehre seiner jungfräulichen Mutter allzeit eifernden Gott gefiel, dem Zutrauen auf Mariataferl einen höheren Ursprung zu geben und zu dem Ende seine heiligen Engel selbst als Wallfahrer zu diesem gebenedeiten Vesperbild abzuordnen, auch es sichtbar sehr oft mit himmlischen Prozessionen besuchen zu lassen. Dabei sind die Zeugen, die diese Engelsprozessionen gesehen haben, alle überein gekommen, wie jederzeit die heiligen Engel weißgekleidet, mit roten und weißen Fahnen, darunter fast immer drei von besonderer Größe und Herrlichkeit, gleichwie Führer, vorangegangen sind, oberhalb des Weinberges neben dem Wald hinauf, dem heiligen Vesperbild zugewendet gesehen worden seien. Daher denn auch dieser Weg bis auf den heutigen Tag den Namen Engelsweg führt. Und diese englischen Wallfahrten dauerten volle drei Jahre.

 

Unter den vielen Zeugen wurde auch ein Fräulein, die Tochter des Herrn Jung von Vehlerndorf, damaligen Besitzers der Herrschaft Krummnussbaum, verhört, die, obschon sie in der lutherischen Lehre erzogen wurde, doch aus Liebe zur Wahrheit alles, was sie sah, frei ausgesagt hat: dass sie nämlich im Jahr 1659 an einem Sonntag bei Sonnenuntergang zwölf oder dreizehn schneeweiße Personen, eine nach der anderen, mit einer weißen und roten Fahne zu der Eiche und dem heiligen Bild hinaufsteigen gesehen, dem ihr Vater, der bei der öffentlichen Aussage seiner Tochter anwesend war, dieses beigefügt hat, dass noch sieben Personen aus seiner Dienerschaft eben diese Erscheinung gesehen zu haben erzählt und auf seine wiederholte Befragung allzeit mit gleichen Umständen bestätigt hätten. Überdies hat wohlgedachter Herr Jung selbst vor einer Kommission bekannt, dass er um Pfingsten zwei Tage nacheinander dergleichen englische Prozessionen beobachtet hat, die bei zwanzig Personen stark durch die Weingärten zu dem heiligen Bild gegangen sind. Auch hat ein anderer von seinen Dienstboten im Oktober desselben Jahres zwischen elf und zwölf Uhr nachts, nicht weit von dem heiligen Vesperbild ein hellbrennendes Licht, gleich einer großen Wachskerze über eine halbe Stunde, und acht Tage darauf wieder gegen Mitternacht drei kleinere Lichter auf diesem Wunderberg gesehen, wodurch endlich die obengenannte Tochter sonder Zweifel auf die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau einen göttlichen Gnadenstrahl in ihrem Herzen empfunden, den lutherischen Irrtum abgeschworen und sich nachmals zu der römisch-katholischen Kirche gewendet hat.

 

Als am 13. März 1660, auf Befehl des Bischofs von Passau, unter einem Zelt das erste heilige Messopfer bei der Eiche gehalten worden ist, hat ein Mann zwischen sechs und sieben Uhr oberhalb Klein-Pechlarn im Wald zwei weiße Personen ganz deutlich gesehen, die in der Luft schwebten, sich hernach in vier, endlich in zehn vermehrt, und zuletzt unter zwei Fahnen in eine ganze Schar ausgedehnt haben. Dadurch sind nun die andächtigen Christen bewegt worden, in großer Menge nach Mariataferl zu kommen, und es wurde am 25. April desselben Jahres der Grundstein zu einer Kirche gelegt, die erst im Jahr 1747 in allen ihren Teilen vollendet dastand. Im Jahr 1734 erschienen bereits 427 öffentliche Prozessionen und die Zahl der Kommunikanten betrug einmal 103.004.

 

Auch jetzt noch pilgern die österreichischen Völker mit angeborener Liebe und kindlicher Zuneigung zur Gnadenmutter in Mariataferl. Die mütterliche Hilfe Mariens hat sich in den verschiedensten Anliegen und Nöten des Leibes und der Seele unzählige Mal in auffallender Weise bewährt.

 

Einem Jungen, der schon bis sechzig Klafter weit von den reißenden Wellen eines Flusses unter ein Mühlrad getrieben worden war, und von ihm würde zerquetscht worden sein, ist Maria sichtbar im roten Kleid und blauen Mantel erschienen, hat ihre gütige Hand untergelegt und ihn vom bevorstehenden martervollen Tod befreit. Eine Frau fiel von der Brücke ins Wasser und geriet unter zwei unterschlächtige Mühlräder, allwo kein zweipfündiger Fisch ohne Zerquetschung hätte durchkommen können. Sie rief Unsere Liebe Frau von Mariataferl an, und siehe, mit ihrem Leib hob sie das erste Mühlrad, das nicht sechs starke Männer hätten aufhalten können, völlig aus dem Gründel und brach von ihm mehrere Schaufeln ab, ohne dass sie im Mindesten ist verletzt worden.

 

Als einmal die Erzbruderschaft des heiligen Rosenkranzes zu Wien eine Prozession zur schmerzhaften Mutter nach Mariataferl hielt, schloss sich ihr auch eine Frau mit ihrem halbjährigen kranken Kind auf dem Arm an, um es der Gnadenmutter aufzuopfern und ihm die Gesundheit zu erbitten. Aber was der heilige Augustinus von Christus bei Erweckung des Lazarus anmerkt, kann man hier auch von Maria sagen: „Sie habe diesem Kind die Gesundheit nicht erteilen wollen, damit sie ihm ein neues Leben einflößen könnte.“ Das Kind verschied auf den Armen der Mutter. Man denke sich das Leidwesen der Frau. Vergebens versuchten sie der die Prozession führende Priester und ihre Gefährten sie zu trösten. Sie weinte und schluchzte und setzte sich endlich mit dem toten Kind auf dem Schoß auf einem Seitenschemel vor dem Gnadenbild nieder. Da schrie sie laut und zu wiederholten Malen: „Mein Kind muss ich wiederhaben, mein Kind muss ich wieder nach Hause bringen: die schmerzhafte Mutter Gottes wird mein Bitten und Weinen gnädig ansehen, sie wird mich nicht ungetröstet von hier gehen lassen.“ Dies rief die arme Frau noch kurz vor dem Auszug der Prozession so oft und mit solcher Innigkeit, dass alle Anwesenden von Mitleid bewegt und zu Tränen gerührt wurden. Unter anderen fühlte sich eine Frau besonders innerlich bewegt: sie nimmt das tote Kind von den Armen der Mutter, trägt es um die Gnadenkapelle herum und legt es voll Vertrauen auf die Hilfe Mariens auf den Altar. Und seht, welch Wunder! Noch vor erfolgtem Auszug, als der letzte Segen mit dem hochwürdigsten Gut gegeben wird, schreit das Kind laut auf: „Mama! Datti!“ Wer beschreibt jetzt den Jubel der Mutter und das freudige Erstaunen aller Anwesenden, wie sie laut rufen: „Wunder! Wunder!“ Wie sie sich auf einmal auf die Knie niederwerfen, wie sie die von Freudentränen nassen Augen zum letzten Mal zu Maria wenden, den Boden küssen und nun endlich Abschied nehmen von jener, von deren Macht auch über den Tod sie heute ein Beispiel gesehen haben. Die glückliche Mutter kann sich noch nicht trennen. Sie verharrte noch drei Tage am Wallfahrtsort, um ihrer himmlischen Helferin zu danken, dieses Wunder allen nachkommenden Pilgern zu erzählen und in aller Herzen die Liebe und das Vertrauen zur schmerzhaften Mutter zu erhöhen.

(Aus: „Marianischer Festkalender“, Regensburg 1866)

 

basilika.at

 

 

21. Die Wallfahrtskirche und das Minoritenkloster

vom Orden des heiligen Franziskus zu Oggersheim

 

Bayerns Herzoge und Fürsten zeichneten sich rühmlichst aus durch den öfteren Besuch der Wallfahrt Loretto in Italien sowohl, als auch durch reichliche Geschenke, die sie Gott zur Verherrlichung seines heiligen Hauses und der göttlichen Mutter zur Erlangung ihrer besonderen Gnade und Hilfe darbrachten. Nur wenige Bewohner Bayerns konnten diesem Beispiel ihrer Fürsten folgen. Da machte man bald eine Art und Weise ausfindig, dem sehnlichen Verlangen so vieler Gläubigen einige Befriedigung zu verschaffen, und die Unmöglichkeit des Besuchs des wirklichen Gnadenortes einigermaßen zu ersetzen. Das Mittel hierzu lag in der Erbauung eines mit dem Original in allen Teilen übereinstimmenden genauesten Baues desselben Hauses, so wie in der Anfertigung einer in Größe und Form dem wirklichen, wundertätigen Gnadenbild im heiligen Haus möglichst ähnlichen Statue der allerseligsten Jungfrau, die nach ihrer Vollendung einige Tage in der Nähe des Originalbildes aufbewahrt, an demselben berührt, und dann auf diese Weise an jenem Ort eingeweiht und geheiligt, nach dem neuerbauten Gnadenort gebracht wurde, woselbst sich oft ebenso des Allerbarmers Huld und Gnade und die Macht der Fürbitte der göttlichen Mutter wunderbar kundgab, wie in Loretto selbst.

 

Den Bau einer solchen Loretto-Kapelle beabsichtigte auch Joseph Karl Emanuel, Pfalzgraf am Rhein und Erbprinz des Herzogtums Sulzbach, der bewogen durch Beispiele und sein eifriges Streben Gott den Herrn in seiner heiligen Mutter zu loben und die Verehrung der glorreichen Himmelskönigin in seinen Landen mehr und mehr zu verbreiten, von seiner Residenzstadt Mannheim aus die Gegend der Pfalz durchmusterte, um zu gedachtem Zweck einen einsamen und doch passenden und angenehmen Ort zu finden. Der liebe Gott, der alles Leitende, lenkte seine Schritte nach Oggersheim, welchen Ort er zur Errichtung einer solchen Loretto-Kapelle auserwählte. Den Grundstein zur Kapelle legten Se. Durchlaucht in höchsteigener Person im Jahr 1729 mit dem Befehl, den Bau der Kapelle so viel als möglich zu beschleunigen. Während man in Oggersheim unausgesetzt fortbaute, war der fromme Herzog und Pfalzgraf schon auf die innere würdevolle Ausstattung der Kapelle bedacht und suchte unterdessen in Rom um ansehnliche heilige Reliquien und Ablässe nach, die er auch vom damaligen Heiligen Vater ohne Schwierigkeiten erhielt. Zu Loretto wurde ebenfalls auf seinen Befehl eine der dortigen ganz ähnliche Mutter-Gottes-Statue verfertigt, an ihr berührt und nach Oggersheim überbracht. Es war nun schon nahe daran, den Gnadenort feierlich zu eröffnen, als es dem unerforschlichen Ratschluss Gottes gefiel, den frommen Erbauer Pfalzgrafen Joseph Karl Emanuel durch einen frühzeitigen Tod von dieser Erde zu nehmen, zum größten Bedauern seiner Untertanen und zur Verzögerung des Fortbaues der Kapelle bis zum Jahr 1733, allwo der Nachfolger Joseph Karl Emanuels, Kurfürst Karl Philipp am 1. März die fertige Kapelle gänzlich den Priestern der Gesellschaft Jesu übergab. Die Kurfürstin der Pfalz Elisabeth, Tochter des Erbauers der Kapelle ließ über die Kapelle im Jahr 1775 eine herrliche Kirche bauen, sowie auch neben der Kirche ein Haus als Wohnung für die Jesuiten, die die Wallfahrt in der Loretto-Kapelle besorgen sollten. Nach Aufhebung der Jesuiten wurden die Kapuziner der rheinischen Provinz herbeigerufen und besorgten, wie vormals die Jesuiten, die sich immer vergrößernde Wallfahrt. Nach der allgemeinen Aufhebung aller Klöster durch die französische Revolution im Jahr 1792 wurde das Schloss der Kurfürstin verbrannt, die Kirche aller Schätze beraubt, das Kloster geplündert und die Patres der Kapuziner ausgewiesen, das Klostergebäude aber in eine Kaserne verwandelt, zuerst zur Aufnahme von Gendarmen, dann vom bayerischen Militär.

 

Durch die traurigen Kriegszeiten und durch die Vertreibung der Kapuziner hatte die Wallfahrt zur Kapelle nach Oggersheim bedeutend nachgelassen und wurden die einzeln sich einfindenden Gläubigen sowie der Gottesdienst von Weltpriestern besorgt. Da nun von vielen Seiten im Jahr 1843 der sehnliche Wunsch geäußert wurde, in Oggersheim wieder ein Kloster zu haben, so wurde diesem allgemeinen Verlangen Willfahrung geleistet durch die Gnade Sr. Majestät des Allerdurchlauchtigsten, für alles Gute und Edle begeisterten Königs Ludwig I. von Bayern das Haus seiner früheren Bestimmung wieder zurückgegeben, und vom genannten König im Jahr 1844 Minoriten zur Besorgung der Wallfahrt nach Oggersheim berufen. Es erschallten nun wieder in den heiligen Hallen der Wallfahrtskirche die erhebendsten Lieder und freudigsten Gesänge der von Tag zu Tag sich mehrenden Scharen der Pilger. Da aber der böse Feind nie ruhend, stets wie ein brüllender Löwe umhergeht, um Gutes zu verhindern und bösen Samen auszustreuen, so suchte er auch dieses Mal dem neuaufblühenden Werk entgegenzutreten und die Vertreibung der Minoriten zu bewirken. Aber dieser Sturm sollte der guten Sache nicht nur nicht schaden, sondern sie nur noch mehr befestigen. Und wie sich bisher der Schutz Mariens so sichtbar an diesem ihren Gnadenort gezeigt hat, so wird sie auch in Zukunft eine Beschützerin ihres Ortes und ihrer Diener sein.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

kloster-oggersheim

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22. Lourdes

 

Mutter und Sohn – Zum 155jährigen Lourdes-Jubiläum im Jahr des Herrn 2013

 

Mutter und Sohn sind eins. Nirgends kommt das so ergreifend zum Ausdruck wie in Lourdes, dem größten marianischen Wallfahrtsort, der in diesem Jahr das 155jährige Jubiläum seines Entstehens feiert.

 

Hirten waren die ersten, denen der Sohn, das fleischgewordene Wort Gottes, sich offenbarte. Einem Hirtenmädchen offenbarte sich Maria, die mystische Taube in der Felsenspalte. Die Hirten und Könige der ersten Weihnacht fanden das Kind und seine Mutter in der Grotte von Bethlehem. Die jungfräuliche Mutter und ihr Kind finden die Lourdes-Pilger in der Grotte von Massabielle.

 

Da steht das Bild der Makellosen in der Nische, in der in den Frühlingstagen im Jahr des Herrn 1858 die hehre Frau achtzehnmal Bernadette Soubirous erschien. Den Schilderungen der hochbegnadeten Seherin nachgebildet, lässt es uns doch nicht einmal von fern jene Herrlichkeit ahnen, die Maria im Himmel umkleidet, die Bernadetts Auge entzückte und in ihrem Widerschein das blasse Antlitz des Mädchens mit Schönheit verklärte. Damals leuchtete die dunkle Grotte im Licht, das aus dem Türspalt der glücklichen Ewigkeit auf unsere arme Erde fiel. In dieser Morgenstunde unseres Besuchs ist sie licht und warm vom Schein der vielen Opferkerzen. Der Mutter und dem Sohn brennen sie. Der Mutter brennen sie auf den gewaltigen zwei Leuchtpyramiden, darauf sich Tag und Nacht viele Hunderte der schlanken weißen, blaugesäumten Lourdeskerzlein verzehren, Sinnbilder der Herzen, die sie geopfert haben. Dem Sohn brennen sie auf dem weißen Linnen des Altares im Hintergrund der Grotte. Da vollzieht sich ein Wunder, größer als das Wunder von Lourdes: die heilige Messe, die unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers auf Kalvaria.

 

Mutter und Sohn sind eins. Wo man Maria, der Königin, einen Thronsaal zur Huldigung errichtet, hat ihr göttlicher Sohn, der Priesterkönig nach der Ordnung Melchisedechs, seinen Opferaltar. In der menschheitumfassenden Liebe eins mit seiner jungfräulichen Mutter, lässt er sich durch die Hände seiner jungfräulichen Priester dem Vater im Himmel aufopfern und den armen Menschenkindern auf Erden reichen. Das Gitter der Grotte wird zum Kommuniongitter. In langer Reihe, unaufhörlich treten die Pilger vor und empfangen Jesus, den Heiland, den Sohn Marias.

 

Selbst die Kranken sollen des Heilandes nicht entbehren. Ein Glöcklein klingt. „Ein Hirt im weißen Kleide“, vom kleinen Traghimmel überwölbt, von brennender Laterne begleitet, wandert von einem der vielen Krankenwägelchen zum andern und reicht das Himmelsbrot den Leidenden – Leidenden jeden Alters und Standes und Gebrechens, bis zum letzten, allerärmsten, kaum mehr atmenden Häuflein Elend in der verkrümmten Gestalt eines von der furchtbaren pottischen Krankheit Behafteten. In der zarten Begegnung mit dem Herrn in der Kommunion blicken sie aus ihren Schmerzen empor zur Grotte und bitten die Mutter durch den Sohn und den Sohn durch die Mutter.

 

In großartiger Weise wiederholt sich dieses Bestürmen der beiden gütigsten Herzen zur Zeit der Bäder vor den Piszinen, dem Teich Bethesda unserer Tage. Draußen vor den gotischen Türen des kühlen, feuchten Raumes, harrt das Volk in steigender Erregung und wendet sich in drängendem Fürbittgebet an Jesus, den Sohn Davids, an Maria, die Mutter. Drinnen badet helfende Liebe die Kranken in den wundertätigen Fluten. Und manch einem geschah und geschieht durch die Allmacht des Sohnes und die fürbittende Allmacht der Mutter wie dem seit 38 Jahren Kranken und in einem Augenblick Geheilten des Evangeliums.

 

Mutter und Sohn sind eins – wie in ihrer Liebe zur leidenden Menschheit so in ihrem menschheiterlösenden Leiden, auf dem Kreuzweg zu ihrer Verherrlichung. Ergreifend schön ist dieser Gedanke in Lourdes durch den prachtvollen Kreuzweg zum Ausdruck gebracht. An 14 überlebensgroßen, von Meisterhand geschaffenen Kreuzweggruppen vorbei führt er auf die Höhe des Kalvarienberges, des Berges, der auch die Grotte von Massabielle umschließt. Betend wandern ihn die Pilger und gedenken des Leidens Christi, an dem Maria so innigen Anteil nahm. Durch Leiden ging Maria ein in ihre Herrlichkeit. Gleichnis dieser Glorie ist nach der Absicht ihres genialen Erbauers die Basilika, die oberste der drei Kirchen, die heute dem Felsen von Massabielle entsteigen.

 

„Du goldenes Haus, elfenbeinerner Turm, du Pforte des Himmels!“ beten wir staunend, da wir, vom Kreuzweg zurückkehrend, in die himmelanstrebende Schlankheit und erdentbundene Pracht des Mariendomes eintreten: ihr Mittelpunkt ist abermals der Opferaltar und das eucharistische Opfer.

 

Mittelpunkt der letzten Nacht, die wir Pilger in Lourdes verlebten, war die nächtliche Anbetung, die Mitternachtsmesse in der Krypta.

 

Das ist die mittlere der drei Kirchen, marmorglänzend, voll stiller Traulichkeit tief in das Berginnere hineingebaut. Da, im Herzen des Felsens von Massabielle, im Herzen der Nacht lauschten wir noch einmal den Schlägen des Mutterherzens Mariä, des eucharistischen Herzens Jesu. Der Mutter und dem Sohn, dem Kindlein in den weißen mystischen Windeln, in der kleinen goldenen Wiege der Eucharistie sangen wir unser liebes, trautes: „Stille Nacht, heilige Nacht“. In alle Erdennächte wird sie uns leuchten, in der Nacht des Leidens und Sterbens wird sie uns trösten – diese letzte, stille, heilige Nacht in Lourdes.

 

Unterster Kronreif des dreifachen Diadems über dem Sternenhaupt der Unbefleckten in der Grotte von Massabielle ist die Rosenkranzkirche. Rosen und Lilien schmücken das prunkvolle Glasportal. Rosen, zum Kranz geschlungen, sind das immer wiederkehrende Motiv des dreifachen Kuppelbaues. Von schneeigweißem, von blutrotem, von goldgelbem Oberlicht umflossen, enthüllt er in den 15 Kapellen in großen, kostbaren Mosaikbildern die Geheimnisse des Rosenkranzes, das innige, zeitliche und ewige Verbundensein von Mutter und Sohn im Leben, Leiden, Sterben und in der Glorie.

 

Mutter und Sohn sind eins. Am großartigsten kommt dieser Gedanke in der Sakramentsprozession zum Ausdruck. Sie ist der Höhepunkt und feierliche Schlussakkord des Pilgertages in Lourdes.

 

Zur Stunde, da die Sonne über der Basilika sich zum Untergang neigt, verlässt die Sonne unseres Glaubens, in das Gold der Monstranz gefasst, von Bischofshand getragen, die Grotte von Lourdes. Lange Reihen von jungen Frauen in weißen Schleiern und weißen Kleidern, im Blütenreiz reiner Jugend ziehen voraus. Männer folgen, erst die Laien, dann die Priester, in Viererreihen, brennende Kerzen in den Händen, auf den Lippen der Lobpreis des Königs der Ewigkeit in der Verborgenheit der Eucharistie:

 

„Lauda Sion, Salvatorem . . .“

„Deinem Heiland, deinem Lehrer . . .“

„Lobe, Jerusalem, den Herrn! Lobe Gott, Sion. Hosanna, Hosanna!“

 

So tönt es näher und näher, verklingt wieder, während der Zug in weitem Bogen die Esplanade umschreitet. Zur Rechten der gartengleichen Anlagen das Asyl. Davor lag an jenem blauen, lauen Septemberabend ein junges, blasses Mädchen, sterbenskrank, mit zerfressenen Lungen. Die großen Augen leuchteten im Fieber und hatten keinen Blick mehr für die Dinge dieser Erde. Die weißen Mädchen zogen vorüber, die betenden Männer, die stolzen Banner vieler Nationen und vieler Vereine. Die Blonde, Blasse sah nichts, hörte nichts. Ihr Blick irrte ins Weite, von wannen der Tod kam. Als aber der Herr über Leben und Tod in der Milde und Gebundenheit der Eucharistie vor ihr stand, da kam die Kranke zu sich und erkannte ihn. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf. Man stützte sie, man reichte ihr das Bildchen mit den Anrufungen . . . Leise, doch klar, wie Silber klingend, betete die zarte Stimme:

 

„Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Herr, wenn du willst, kannst du mich heilen!

Sprich nur ein Wort und ich bin gesund!“

 

Der Bischof erhob das Allerheiligste zum Segen. Weit breitete die Kranke die abgezehrten Arme aus. Da kam das große Wunder über sie – nicht ein Wunder des Leibes, ein Wunder der Seele. Und die Wunder der Seele sind größer. Es überströmte sie Erkenntnis und Gnade: „Herr“, - rief sie in das ergriffene Schweigen – „Herr, nicht mehr um Heilung bitte ich dich, es sei denn zum Heil meiner Seele. Ich opfere dir mein Leben . . . für meine Familie, . . . für meine irrende Schwester . . .“

 

Erschöpft sank sie in die Kissen. Noch einmal grüßte sie das Höchste Gut, als es mit der wiederkehrenden Prozession drüben, jenseits der breiten Rasenfläche, an der schimmernden, weißen, gekrönten Marienstatue vorüberzog. Dann starb sie. In Lourdes, bei der Mutter, lernt man beten und leiden und sterben nach dem Willen und nach dem Beispiel des Herzens Jesu . . .

 

Weiter zog der Herr, zogen die jubilierenden Scharen, auf den weiten Platz zu, den die Schwibbögen der Rosenkranzkirche umspannen. Ringsum standen wir dichtgedrängt. Zu beiden Seiten harrten in ihren Rollwägelchen die Kranken auf den sakramentalen Segen. Von einem zum andern schritt der Bischof im Gefolge der Priester und Ärzte und segnete. In der Mitte des Platzes knieten drei Priester und bestürmten mit dem Feuer der Romanen erst auf französisch, dann auf italienisch den vorüberziehenden Heiland für die leidenden Brüder und Schwestern mit denselben herzinnigen Bitten, die ihm auf seinen Erdenwegen aus dem Mund des Elends so oft entgegenklangen: „Herr, gib, dass ich sehe! Gib, dass ich höre! . . . Gib, dass ich gehe! . . . Sprich nur ein Wort und ich werde gesund!“

 

Dazwischen stimmte sich die Seele immer wieder zur Ergebung in Gottes Willen: „Herr, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden! . . .“

 

Vom Herzen des Sohnes wandte sich das Sturmgebet zum Herzen der Mutter im Lied: „Zeige dich als Mutter!“

 

Mit dem Priester flehte in zweimaliger Wiederholung die vieltausendköpfige Menge für die kranken Brüder und Schwestern. Es war ein ergreifendes Schauspiel des Glaubens und der Liebe, wie man es nur in Lourdes erlebt.

 

Nachdem der „weiße Heiland“ jeden einzelnen der 500 bis 600 Kranken gesegnet hatte, zog der Kirchenfürst langsam durch die Mitte des Raumes gegen die Rosenkranzkirche, deren breitansteigende Treppen und Rampen von den Männern und Schleierjungfrauen angefüllt waren. Es nahte der große Augenblick, da der Bischof von der Rosenkranzkirche aus den letzten Segen erteilt. Es ist der Augenblick, in dem die meisten Wunder geschehen. Noch hält der Hohepriester das Höchste Gut reglos über die herzklopfende Erwartung des Volkes . . . sekundenlang, die doppelt und dreifach zählen . . . Dann segnet er. Alles sinkt in die Knie, beugt sich dem Willen Gottes. Das stürmische Rufen verstummt im Schweigen des eucharistischen, segnenden Heilands. Das Tedeum ertönt. Das ist das Große, dass man in Lourdes danken lernt für alles, auch für das Leid. Man wird still, fragt nicht mehr nach Wundern, die, wenn sie geschehen, zur sorgfältigen Prüfung und im eigenen Interesse der Begnadeten geheim gehalten werden, bis das strenge Urteil des Ärztebüros nach zweifelloser Sicherstellung die Veröffentlichung in den Annalen von Lourdes gestattet.

 

Lourdes selbst ist das größte, ist ein beständiges Wunder. Es hebt den Schleier; es lässt uns die Wunder der Ewigkeit ahnen, die uns im Jenseits erwarten und uns im Diesseits in den Segnungen unseres Glaubens umgeben . . .

 

Tief im Westen steht die Sonne. In Weißglut leuchten die Türme und Türmchen der Basilika. Wie ein steingewordener Ruf nach oben wachsen sie in ihrer wundervollen Schlankheit und Formenschönheit in das rotgoldene Abendlicht. Der Dunst und Staub des entschwindenden Tages umkreist in lichten Schwaden den Mariendom wie Wolken von Weihrauch.

 

„Gebenedeit sei Gott!

Gebenedeit sei sein heiliger Name!

Gebenedeit sei der Name Jesus, sei sein allerheiligstes Herz!

Gebenedeit sei Maria, die Gottesmutter!

Gebenedeit sei ihre heilige und unbefleckte Empfängnis!“

 

Aus Tausenden von Kehlen, ein Ausdruck der großen, katholischen Harmonie der Seelen, steigen diese Lobpreisungen himmelan. Es ist der würdige Abschluss des Pilgertages in Lourdes, der ein einziges, gewaltiges Magnifikat ist zum Lobpreis der Mutter und des Sohnes und in der Lichter- und Liedernacht seine ergreifende Fortsetzung findet.

 

 

23. Wallfahrtskirche Sossau bei Straubing in Niederbayern

 

Das nicht gar eine halbe Stunde östlich von Straubing am linken Donau-Ufer in Mitte lieblicher Wiesen neben der Hochstraße nach Böhmen gelegene Sossau mit seiner sehr berühmten Wallfahrtskirche taucht in der Geschichte aus der Vorzeit zuerst als ein Meierhof des Grafen Albert von Bogen auf. Der vermachte ihn im Jahr 1146 durch Schenkung dem von ihm gestifteten Kloster Prämonstratenser- oder Norbertiner-Ordens zu Wiedberg. Im Jahr 1335 verlieh Herzog Heinrich von Niederbayern dem Gotteshaus Unserer Lieben Frau zu Sossau das Asyl-Recht. Diese Kirche ist als Wallfahrts-Stätte berühmt, und wegen des in der Legende gepriesenen Wunders ihrer Versetzung an den Ort, wo sie sich befindet, merkwürdig. Wegen der großen Unsicherheit der Gegend im Südwesten von Straubing durch die vielen Räuberhorden, die noch bis zum 13. Jahrhundert dort gehaust hätten, soll nämlich nach der Volkssage im Jahr 1177 die uralte, von dem unter Kaiser Domitian des christlichen Glaubens wegen von Rom verwiesenen, und in der Folge dem Martertod geopferten edlen Römer Consul Malius Acilius Glabrio zu Antenring, anderthalb Stunden von Straubing auf Geheiß des heiligen Lucius Cyrenäus erbaute und von diesem Heiligen eingeweihte Kapelle nebst dem darin befindlichen Marienbild von den Engeln von dem Platz dort hinweg über die Donau nach Sossau getragen worden sein. Sossau wurde daher als das bayerische oder deutsche Ebenbild (eigentlich Vorbild) von Loretto gerühmt.

 

So wie die Sage von wunderbarer Versetzung Unserer Lieben Frau Kirche nach Sossau allmählich verbreitet wurde, mehrte sich deren Besuch von Andächtigen aus nahen und fernen Orten, vorzüglich vom Jahr 1500 an, wo sie erst durch eine päpstliche Bulle als Wallfahrtskirche bestätigt wurde. Das Kloster Wiedberg förderte die Wallfahrt zu der Kirche Unserer Lieben Frau nach Kräften, errichtete dort eine mit mehreren Religiosen besetzte Probstei und versah den Ort mit schönen Ökonomie-Gebäuden. Es bestand eine eigene Pfarrei zu Sossau, die aber nach Aufhebung des Klosters Wiedberg aufgelöst worden. Sossau wurde sodann im Jahr 1805 der Stadtpfarrei zu St. Jakob in Straubing einverleibt. Die Gottesdienste des dortigen Frauenbundes, Frauenvereins oder Marianischen Bundes werden von der Geistlichkeit besagter Stadtpfarrei versehen. Ihr Titularfest wird am Sonntag nach Mariä Himmelfahrt gefeiert. Außer diesem werden noch die drei Haupt- und Ablassfeste an den Sonntagen nach dem Fronleichnamsfest, nach Mariä Heimsuchung und nach Mariä Geburt (Mariä Nehmen) mit aller Feierlichkeit begangen. Von dem ursprünglichen hierher versetzten Kirchlein besteht nur noch neben dem Turm der mittlere und hintere Teil des Gebäudes, - das Schiff oder Langhaus – das aus rauen Bruchsteinen so leicht gebaut ist und einen solch einfachen und schwächlichen Dachstuhl besitzt, dass darob schon manche Sachverständige, die es sahen, Verwunderung äußerten. Alles übrige hat die Folge der Zeit hinzugefügt.

 

Noch ist auch die kleine Glocke vorhanden, die mit der von den Engeln übertragenen Kirche dahin gebracht worden sein soll, genannt das „Frauenglöckl“. Da die Engel das Marianische Gnadenhaus um Mitternacht in aller Stille niedergelassen hätten, so habe niemand darum gewusst. Zwar soll wohl eines Hündchens Gebell die Ortsbewohner vom Schlaf geweckt haben, allein sie hätten keine Ahnung von so etwas haben können, bis endlich zur Zeit der Morgendämmerung der liebliche Schall dieses Glöckchens ertönte, und es von selbst das Zeichen zum Englischen Gruß läutete. Die Sage legt ihm neben seinem reizenden Klang auch noch die Wunderkraft bei, dass, so weit der Schall dieses jungfräulichen Metalls hörbar war, die umliegenden Felder noch nie von einem Hagelschlag betroffen worden seien. Das Innere der Wallfahrtskirche zieren sieben Altäre. An die Stelle des ehemaligen Hochaltars, wurde im Jahr 1777 bei der Feier des sechshundertjährigen Jubiläums der gegenwärtige in Alabaster-Marmor gefasste schöne Choraltar errichtet. Dieser Altar stellt die wunderbare Übersetzung dieser Marianischen Kirche durch die heiligen Engel vor.

 

Das Marianische Gnadenbild steht auf dem Gnadenaltar zur Linken des Eingangs. Es ist drei Schuh sechs ein halb Zoll hoch aus einem zwar rauen Sandstein dennoch sehr fein und anmutig gebildet. Die Augen zum Himmel gewendet, trägt die heilige Gottesmutter auf dem rechten Arm das göttliche Jesuskind, das mit der rechten Hand das Volk segnet, und mit der Linken ein auf dem mütterlichen Herzen schwebendes, im Aufflattern begriffenes Vögelchen hält. Die Kleidung der Statue der heiligen Jungfrau, die in der linken Hand als Sinnbild der Keuschheit und Jungfräulichkeit eine Rose trägt, besteht ursprünglich aus einem lichtblau gemalten Rock mit vergoldeter Einfassung, den ein weißer Gürtel um die Lenden befestigt, und aus einem weißen Mantel, dessen Unterzeug rot gefärbt ist. Die Kleidung des göttlichen Kindes ist weiß mit einigen Röschen vermengt. Das festliche Gewand, womit später fromme Vermächtnisse die Statue geschmackvoll bekleideten, besteht aus verschiedenfarbigem Zeug. Die heiligen Häupter sind mit Kronen geziert.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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24. Die schmerzhafte Mutter in Riffian bei Meran in Südtirol

 

Riffian, einer der berühmtesten und besuchtesten Wallfahrtsorte des Etschlandes, besitzt in seiner Pfarrkirche ein aus uralter Zeit berühmtes Gnadenbild, das die schmerzhafte Mutter mit dem Weltheiland in ihrem Schoß vorstellt. Schon die Gestalt des Bildes weist auf hohes Altertum hin. Es ist aus Gips gemacht und von ziemlicher Größe. Sein Ursprung ist unbekannt. Sein Auffinden wird also erzählt:

 

In tiefer Stille einer dunklen Nacht erblickte ein Landmann in fernen Talesgründen ein Lichtlein immer an der nämlichen Stelle. Zu wiederholten Malen sahen es auch die Nachbarn. Man schaute nach und fand im Schutt des Wildbaches Fasser das erwähnte Gnadenbild. Mit jubelnder Freude trug man das Bild der Gottesmutter aus dem verlassenen Ort und beschloss, für das Bild eine eigene Kirche zu bauen. Durch eine Reihe von Jahrhunderten wurde nun das Bild in der neuen Kapelle der Gegenstand allseitiger Verehrung. Ein merkwürdiges Ereignis bestärkte alle Landeskinder ungemein in dem Zutrauen und der Verehrung des Gnadenbildes.

 

Als nämlich die Republik von Venedig mit den Erzherzogen von Österreich im Kampf lag, und so auch die Grafen von Tirol in diesen Krieg verwickelt wurden, kam es zwischen den Landsknechten der Republik Venedig und den Tirolern im Jahr 1511 zu einem Gefecht. Schon standen die Tiroler auf dem Punkt, geschlagen zu werden, als sie inbrünstig zur Mutter Gottes von Riffian beteten. Feuriger wallt jetzt das Blut durch ihre Adern. Mit dem Losungswort „Maria“ stürzten sie aufs Neue in den Feind. Die Landsknechte fliehen – und „die Gnadenmutter von Riffian hat gesiegt“, war der einstimmige Ruf der Streiter. Ein im Pfarrhof von Riffian aufbewahrtes großes Gemälde enthält die Darstellung dieses Ereignisses nebst bischöflicher Approbation.

 

Die Verehrung des Gnadenbildes nahm von Tag zu Tag zu und als sich in der Folge das Bedürfnis einer neuen Pfarrkirche mehr und mehr zeigte, beschloss man, sie anstatt im Dorf, wo sie bisher stand, auf dem Hügel nächst der Gnadenkapelle zu bauen und das Bild auf den Hochaltar zu setzen. Dies geschah dann im Jahr 1743.

 

Als der Bau schon der Vollendung nahe war, stürzte plötzlich ein Arbeiter vom Dachstuhl; er hätte sich in viele Stücke zerfallen, hätte ihn nicht die Gnadenmutter unversehrt erhalten. Ein Bild zeigt noch diese wunderbare Rettung des Arbeiters. Mit größter Feierlichkeit wurde das Bild aus der Kapelle auf den Hochaltar der neuen Pfarrkirche übersetzt und jährlich sieht man dort am Übersetzungsfest, am Sonntag nach Martini und am 3. Mai, dem Tag der Kreuzerfindung, unzählige Verehrer. Eine unbeschreibliche Volksmenge aber strömte zur eier des Jubiläums der Gnadenkapelle am 3. Mai 1843 aus der ganzen Umgegend herbei.

 

wallfahrtskirche.riffian

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25. Unsere Liebe Frau im Walde in Tirol

 

Etliche Stunden von dem schönen Marktflecken Fondo gegen den Gampen zu liegt etwas höher die schöne Wallfahrts- und Pfarrkirche Unserer Lieben Frau im Walde, auch Senale genannt, mit einem berühmten Gnadenbild der Mutter Gottes. Es ist aus gebrannten Lehm zierlich mit Farben bemalt, von ziemlicher Größe und stellt Maria sitzend mit dem göttlichen Kind auf ihrem Schoß vor.

 

Die Volkssage erzählt, dass dieses Bild auf wunderbare Weise im Wald gefunden worden sei – daher auch der Name „Unsere Liebe Frau im Walde“. Als man dann auf mehreren Plätzen eine Kirche bauen wollte, sei es immer wieder auf dem Platz gefunden worden, wo jetzt die Kirche steht.

 

Schon im Jahr 1185 stand neben der Kirche ein Kloster, und die Klostergeistlichen, die für die zahlreichen Pilger die Seelsorge ausübten, wurden Brüder der heiligen Maria von Senale genannt. Da dieses Kloster dem Verfall nahe war, schenkte selbes Bischof Gerard von Trient im Jahr 1224 dem Augustiner-Kloster in der Au zu Bogen mit der Verbindlichkeit, einen Prior oder Rektor und andere Ordensbrüder für die Seelsorge bereitzustellen, die es auch bis zur Aufhebung der Klöster im Jahr 1807 inne hatten.

 

Da das Kloster Gries im Jahr 1846 den aus dem Kloster Muri in der Schweiz vertriebenen Benediktinern vom Kaiser Ferdinand geschenkt, und diese Schenkung vom Papst Gregor XVI. auch bestätigt wurde, übernahm das Stift 1856 wieder diese Seelsorge.

 

Im Laufe der Jahrhunderte fanden bis zur neuesten Zeit in der großen gotischen Gnadenkirche viele Gebetserhörungen statt, wovon die vielen Votivtafeln, die die Wände der Kirche bedeckten, Zeugnis geben. Pfarrer Joseph Tyrler hinterließ ein Verzeichnis vieler solcher Gebetserhörungen in verschiedenen Krankheiten und anderen Anliegen.

 

Gott allein weiß die große Anzahl derjenigen, die an diesem Gnadenort in den weit gefährlicheren Zuständen ihrer unglücklichen Seelen Hilfe gefunden haben, wie es mehrere selbst zur Ehre der Lieben Frau bekannten.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

wallfahrt.bz/

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26. Kalt Herberg, das Waldkirchlein in Tirol

 

(Von Josef Liensberger, Ave Maria, Februar 1912, S. 29)

 

Vom heiteren Zillertal stieg ich ins ernste Tux und empor zum Hohen Joch. Ein Bruder Studio gab mir das Geleit. Droben tobte wildes Gewitter. Wir gerieten mitten ins Kreuzfeuer grellroter Blitze. Gott lob, nicht lange toste der Sturm. Bald gewann die Sonne wieder den Sieg und bestrahlte noch heller die Silberkronen der Bergfürsten Olperer und Hochseiler. Ins Schmirnertal hinabsteigend, sahen wir am steinreichen Weg ein Bildstöcklein mit der Inschrift: „Franz St. hatte sich 1893 zur Weißen Wand verirrt, war abgestürzt und musste zwei Tage lang verwundet liegen im alten Schnee. Innig rief er die Mutter Gottes an und fand Hilfe, indem ein Almhirt zur Sonntagsmesse gehen wollte und gerade diesen sonst ungewohnten Steig wählte.“

 

Mein Begleiter kannte wohl den Studenten Franz St. und erzählte mir, wie der sich in der kalten Herberge der Schneemulde bemüht hat, vollkommene Reue zu erwecken, und nach der Rettung voll Freude der himmlischen Mutter dankbar geblieben ist. Das war die rechte Stimmung in unserem Gemüt, als wir – eine halbe Stunde vor dem Dorf Schmirn – das Mariahilf-Kirchlein „Kalt Herberg“ sahen.

 

Waldeinsamkeit,

Du grünes Revier –

Wie liegt so weit

Die Welt von hier!

 

Lichte Lärchen und dunkle Fichten halten Ehrenwache rings um das Heiligtum. An ihren Zweigen erglänzen die Regentropfen gleich Edelsteinen in hellen Farben. Im Kirchlein herrscht heilige Stille. Glasgemälde stellen lieblich die Rosenkranzgeheimnisse vor Augen. Golden vom Abendsonnenschein umwoben leuchtet das Gnadenbild „Mariahilf“. Alles erscheint so traulich und beschaulich, wahrhaft heimisch am Gnadenthron der Himmelskönigin:

 

Wir fühlten Engel schweben

Um diesen trauten Ort,

Den sich die Mutter erkoren

Zu ihrer Kinder Hort.

 

Wie hat die himmlische Mutter sich diese Waldeinsamkeit erkoren?

 

Nahe der Kapelle ragt altehrwürdig ein Fichtenbaum, von zierlichem Zaun umfriedet; hier brachte 1735 ein wahrer Verehrer der Mutter Gottes ihr Bild an. Einer wollte gerade diesen Baum umhauen, verletzte sich aber beim ersten Schlag seinen Fuß. Die Fichte blieb stehen. Für das Liebfrauenbild erstand bald ein Kapellchen, aus Holz gebaut. Im strengen Winter war es freilich kalte Herberge. Das Kapellchen erlag sogar dem Druck der reichen Schneemasse, das Bild aber blieb unversehrt. Nun erstand dafür ein Kirchlein, aus Stein gebaut. Im nahen Dörflein Schmirn hielt damals der heiligmäßige Pater Christoph Müller S.J. Mission. Er gab sein Kreuzbild für das neue Kirchlein und erklärte zuversichtlich: „Kalt Herberg wird noch ein berühmter Wallfahrtsort werden.“ Voll Vertrauen feierte hier 1857 ein Neupriester sein erstes Messopfer und zog dann als Missionar in den schwarzen Erdteil. Unter der heißen Sonne dort kam ihm gewiss oft mächtiges Heimweh nach dem trauten Kirchlein hier im kühlen Schatten des Waldes, aber auch immer neues Vertrauen, mit Marias Hilfe das Opferleben zum Heil armer Menschen in Afrika gut zu vollbringen.

 

Im Frühling 1860 schien trübe Aussicht für die Feldfrüchte zu drohen. Da gelobte die Gemeinde, wenn die Ernte doch gelinge, feierlich das Gnadenbild in Prozession umzutragen. Und siehe, sie fanden noch reichlichen Segen und erfüllten mit Freuden das Gelöbnis. Welch lieblicher Anblick: die Prozession mit Kreuz und Fahne in den grünen Hallen des Waldes!

 

An Sonntagen und Liebfrauenfesten nahen so manche Pilger dem stillen Heiligtum, Pilger vom Wipptal herauf und vom Brenner herüber. Sie fühlen es wohl wie die Kalte Herberg doch so traulich-warm erscheint durch das gute Mutterherz, von dem ein Heiliger sinnig sagt: „Das Herz Mariä ist so zärtlich uns gegenüber, dass die Herzen aller Mütter zusammen nur ein Stück Eis im Vergleich mit ihrem Herzen sind.“ So flehen sie mit kindlicher Zuversicht:

 

Hilf, Maria, es ist Zeit,

Mutter der Barmherzigkeit!

 

Tirol/Schmirn_Zur_kalten_Herberge

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27. Maria vom Moos zu Bozen in Südtirol

 

Die Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau in der Stadt Bozen, die zu den ersten Merkwürdigkeiten dieser Stadt gehört und eine der schönsten Kirchen Tirols ist, ist besonders beachtungswert wegen eines wundertätigen Gnadenbildes, das noch heutzutage hinter dem Hochaltar der Kirche in einer eigenen Kapelle der allgemeinen Verehrung ausgesetzt ist.

 

Die kurze Geschichte des Gnadenbildes ist nach den Geschichtlichen Urkunden folgende:

 

„Beschauet allhier, marianische Liebhaber, und verehret in dem uralten und liebreizenden Bildnis die ihr göttliches Kind tragende überseligste Mutter, in welchem sie auf dem dazumal bei hiesigem Orte befindlichen Moose in darangelegener Landstraße von einem vorüberfahrenden Fuhrmann aufgehoben wurde. Es wurde der erhabene Gnadenschatz erstlich in ein alsogenanntes Bildstöckl gebracht; sodann ist es in eine kleine von Bischof Salomon zu Trient im Jahr 1181 den 6. Mai eingeweihte Kapelle, hiernach im Jahr 1400 in gegenwärtiges neuaufgerichtetes Gotteshaus, endlich im Jahr 1745 in dieses, eigens zu dem Ende kostbar erbaute und zierlich erneuerte Heiligtum mit ungemeinem Zulauf des Volkes und allgemeiner Andacht übersetzt worden. Das Bild ist zwar von Stein, die abgebildete Mutter Gottes aber von mildreichst erweichtem Herzen; mache die Probe mit kindlicher Zuversicht, und sollest, gleich unzählig andern, die mütterlichen Wunder und Gnaden an Seele und Leib glückselig erfahren!“

 

 

Das Bild, etwa zwei Schuh hoch, ist von einer geschickten Hand, jedoch von keinem Künstler gemeißelt. Es stellt Maria sitzend dar, beide Arme um ihr liebes Kind geschlungen, ihren sorgenden Blick bald auf das Kind, bald auf den frommen Verehrer zu richten scheinend. Es ist in der Mitte des Altares auf himmelblauem Hintergrund angebracht, an allen Seiten bis zur marmornen Einfassung hin mit reich vergoldeten Sternen und Strahlen umgeben, die aber an Wochentagen verhüllt sind. Die reichen Weihegeschenke von Silber und Gold, Perlen und Edelsteinen, die in eigenen Kästen aufbewahrt werden, sind Zeugen von der Liebe der allerseligsten Jungfrau, ihren Gnaden und Wundern und von der Dankbarkeit ihrer Verehrer. In Mitte dieser Schätze gewahrt man einen aus Silber, Gold und Perlen zusammengefügten Namenszug Mariens von bedeutender Größe und besonderem Wert, der 1844 auf das Fest Mariä Namen zum ersten Mal aufgestellt wurde. Die Perlen waren das Geschenk einer frommen Verehrerin der Gottesmutter. Die kunstreiche Arbeit besorgten die Mitglieder der Marianischen Bruderschaft. Die Bewohner Bozens vereinigten sich schon frühzeitig zur sogenannten Moosbruderschaft, die zahlreiche Mitglieder aus allen Ständen zählt. Im Jahr 1845 wurde das Jubiläum der Übertragung des heiligen Bildes in der Kapelle gefeiert. Bei verschiedenen Gelegenheiten legen die Etschländer ihre angeborene Liebe und Zärtlichkeit zur hochbegnadeten Jungfrau auf das Unzweideutigste an den Tag. 

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28. Unsere Liebe Frau zu Altbunzlau 

 

Dieses Bild soll der heilige Glaubensbote Cyrillus der heiligen Fürstin Ludmilla bei ihrer Taufe verehrt haben. Diese schenkte es kurz vor ihrem Tod ihrem Enkel, dem heiligen Wenzeslaus. Nach dessen Ermordung durch seinen Bruder soll es sein treuer Diener Podowin zu sich genommen und an der Stelle, wo jetzt die Kirche steht, vergraben haben.

 

Aufgefunden wurde dieses Bild erst unter der Regierung des Königs Wladislawin in Böhmen im Jahr 1160. Als nämlich ein Bauer in dieser Gegend ackerte, und die Pferde an den Platz hinkamen, wo das Bild vergraben lag, fielen sie nieder, beugten sich und konnten auf keine Weise mehr fortgetrieben werden.

 

Da sah sich der Bauer um und fand vor den Pferden ein überaus schönes Bildnis der seligsten Jungfrau Maria samt dem Jesuskindlein. Der Bauer hob das Bild mit Freude auf und brachte es den Chorherrn von Bunzlau. Diese ließen an jenem Ort eine Kirche bauen und stellten das wundervolle Bild zur Verehrung auf. Später wurde anstatt des hölzernen Kirchleins eine größere Kirche von Stein errichtet, die bis zum Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ziemlich gut erhalten blieb. -Im Jahr 1617 wurde auch diese Kirche zu klein, und da die Kaiserin Anna einen beträchtlichen Beitrag leistete, sah man sich imstande, die jetzige prachtvolle Kirche zu erbauen, die 1630 vollendet wurde.

 

Bei einem Einfall der Sachsen in Böhmen wurde das Gnadenbild von Lorenz Freiherrn von Hofkirchen geraubt, nach Prag gebracht, und da er sich endlich in seiner Meinung, das Bild sei aus Gold gefertigt, getäuscht sah, auf dem Altstädter Ring an den Galgen gehängt. Bei seinem Abzug schleppte er das Bild nach Sachsen. Zur Strafe für diese Freveltat erlitt er bald darauf bei Altbunzlau eine große Niederlage und fiel in die Gefangenschaft der Schweden. Das Gnadenbild löste der fromme Kaiser Ferdinand II. mit einer großen Geldsumme im Jahr 1635 wieder aus. Von Leipzig kam es nach Prag, von wo es im Jahr 1638 in Begleitung des Kaisers Ferdinand III. wieder feierlich in die Gnadenkirche nach Altbunzlau übertragen wurde. Als später die Schweden die ganze Gegend überschwemmten, war das Bild bereits in den sicheren Händen der Fürstin Katharina von Lobkowitz, und wurde später in die kaiserliche Hof-Kapelle nach Wien übertragen. Im Jahr 1646 wurde das heilige Bild durch Erzherzog Ferdinand nach Prag und noch im selben Jahr durch den Kardinalerzbischof Harras abermals nach Altbunzlau mit großer Feierlichkeit übertragen. Von nun an hatte das Bild in der prachtvoll hergestellten Kirche sein ruhiges Verbleiben. Kaiser und Fürsten brachten dort der Himmelskönigin ihre Huldigung dar, und zahlreiche Scharen von Wallfahrern von nah und fern kommen alljährlich dahin, um dort in verschiedenen Nöten des Lebens Hilfe und Trost zu suchen.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

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29. Maria Grün bei Graz

 

(Von A. Matura, Ave Maria, Heft 8, 1912, S. 172)

 

Maria Grün! – Die Hoffnung keimt im Grünen!

Gebenedeit seist du, Jungfrau Marie,

Die uns im holden Bilde hier erschienen –

Gewiss du liebst und du verlässt uns nie.

Lasst uns im kleinen Paradies hier lauschen

Den Trostgesängen voll Erhabenheit!

In zarten Rätseln spricht der Bäume Rauschen

In heimlich seliger Waldeinsamkeit.

 

(J. M. Roquerol)

 

In romantischer Waldeseinsamkeit, entrückt dem Lärm der Stadt, liegt in nächster Nähe von Graz die idyllische Gnadenstätte Maria Grün. Eingebettet in ein kleines bewaldetes Tal, ist es ein Friedensort voll poetischen Reizes, durch dessen Zauber angeregt, mehrere Dichter aus älterer und neuerer Zeit das Waldkirchlein und seine schöne Umgebung in Gedichten verherrlichten, so Anastasius Grün (Graf Alexander Auersperg), Castelli, Saphir, Gräfin Salburg und mehrere andere.

 

In alter Zeit, als in Steiermark noch die Eremiten ihr still-beschauliches Leben führten, hauste in der von dichtestem Wald umgebenen „Klause am Kroisbach“ ihr Oberhaupt. Hier hielten die frommen Brüder auch zuweilen ihre Versammlungen ab, wenn sie einen neuen Oberen wählten. Zur Zeit der eigentlichen Gründung Maria Grüns gehört dieser Wald samt dem übrigen Grund dem Hans Fritz, Besitzer des Gasthofes „zum Hasen“ in Graz. Er hatte im Dienst des Malteser-Ordens gegen die Türken gekämpft und wurde später auf einer Reise durch Graz plötzlich von schwerer Krankheit befallen. Die Tochter der Wirtsleute des „Hasengasthofes“, wo er abgestiegen war, pflegte ihn sorgsam und als er genas, heiratete er sie. So übernahm er nach dem Tod der Schwiegereltern die Gastwirtschaft.

 

Da zu dem genannten Waldbruder „am Kroisbach“ auch gerne Mitglieder anderer Orden kamen, erbaute Fritz 1663 für diese Besucher dortselbst ein Eremitorium und nach Überwindung verschiedener Schwierigkeiten wurde auf seine Anregung die Erlaubnis erwirkt, daselbst auch die heilige Messe feiern zu dürfen, was aber nur den Kapuzinern gestattet war. Über neuerliches Ansuchen von Fritz gestattete 1664 der damalige Fürstbischof von Seckau an hohen Feiertagen auch anderen Priestern, das heilige Opfer darzubringen. Da die nunmehrige Gnadenstätte Maria Grün rasch beliebt war und viele Geschenke zugewendet erhielt, fasste Fritz den Plan, ein Kirchlein zu erbauen, was ihm nach verschiedenen Einwendungen bewilligt wurde. Doch sollte der Bau „etwas auf Eremiten-Art“ ausgeführt werden. Am 1. Juni 1668 machte man sich daran und am 10. Juli 1669 las der Kapuziner P. Ireneus im Kirchlein „bey vnsser Lieben Frauen in der Grien“ die erste heilige Messe. Vom Jahr 1670 an war es allen Ordens- und Weltpriestern gestattet, darin die heilige Messe lesen zu dürfen. Die hier angeführten Aufzeichnungen entsprechen den geschichtlichen Tatsachen. Es schlingt sich aber noch eine romantische Legende um die Gründung Maria Grüns.

 

Nach 15jähriger Ehe starb die Frau des Hans Fritz, die ihm zwei Söhne hinterließ, von denen einer später bei der päpstlichen Leibgarde in Rom diente. Fritz vermählte sich zum zweiten Mal mit Rosine Seidl. Bei der Geburt ihres ersten Kindes schwebte sie durch drei Tage zwischen Leben und Tod. Da gelobte Fritz, der Mutter Gottes zu Ehren eine Kirche erbauen zu wollen, wenn seine geliebte Gattin samt dem zu erwartenden Kind am Leben bliebe. Und zwar sollte die Kirche dort erstehen, wo das Kind den ersten Stein werde fallen lassen, wenn es fähig sein werde, einen solchen aufheben und werfen zu können. – Es kam glücklich ein Junge zu Welt und die Eltern erneuerten das Gelübde. Als die Familie einmal im Wald der Gegend des jetzigen Maria Grün spazieren ging, hob der kleine Junge am Bach ein Steinlein auf, trug es noch einige Zeit weiter und ließ es dann plötzlich fallen. Die frommen Eltern sahen es als ein Zeichen des Himmels an und ließen an derselben Stelle, wo der Stein zu Boden fiel, ein Kirchlein erbauen. Das Gemälde der Rosine Fritz ist noch gegenwärtig im Maria Grüner-Kirchlein zu sehen und beide Gatten liegen in der Franziskaner-Kirche in Graz begraben.

 

Der größte Wohltäter nach Hans Fritz war Stanislaus Steingruber, Pfarrer in Frauenberg (Obersteier), dem Maria Grün 1758 die Errichtung eines eigenen Benefiziums zu verdanken hatte. Seit 1824 zur Stations-Kaplanei für die nächste Umgebung erhoben, erstanden dem Kirchlein noch viele Wohltäter, von denen als die bedeutendsten Alois Freiherr von Königsbrunn und Gemahlin zu nennen sind.

 

Die große Beliebtheit, die sich Maria Grün bei den Stadt- und Landleuten erworben hatte, der fromme Eifer, mit dem die Gläubigen in großer Anzahl herbeiströmten, machten die Verlängerung des Kirchenschiffes nötig, die im Jahr 1853 ausgeführt wurde. 1811 errichtete man in der alten Einsiedelei, die seit der josefinischen Zeit aufgelassen war, eine Schule. Da die Schule in der Folge den Anforderungen nicht mehr entsprach, wurde 1877 daneben ein neues Schulgebäude aufgeführt.

 

Unter den vielen Freunden von Maria Grün sei einer geistvollen und berühmten Persönlichkeit gedacht, bei deren Erinnerung sich über den schönen romantischen Ort ein Hauch tiefer Schwermut breitet. Es ist dies Ludwig Bonaparte, der Bruder Kaiser Napoleons III. Er hatte als König von Holland 1810 auf die holländische Königskrone freiwillig verzichtet, zog nach Graz und lebte einige Jahre daselbst unter dem Namen eines Grafen von Saint-Leu, sich mit literarischen und poetischen Arbeiten beschäftigend, und die Wissenschaften befördernd.

 

Da er seine Besitzung nicht sehr weit von Maria Grün hatte, kam er sehr häufig dahin, denn die friedliche Gnadenstätte hatte es dem verbannten König mächtig angetan. Er pflanzte hier eigenhändig Efeu und mehrere Bäume, die noch heute stehen und ließ sich eine Laube herstellen, in der er viele Stunden verweilte. An ihr war oben eine Tafel angebracht mit einer französischen Inschrift, die zu Deutsch lautet: „In dieser lachenden Gegend, wo man all meine Leiden nicht kennt, hat oft mein herumirrender Geist die süßeste Ruhe geträumt.“ Am 1. Jänner 1814 musste der unglückliche König Graz für immer verlassen und damit seinen geliebten Landaufenthalt. Er schrieb ein Abschiedsgedicht, das auch hier in der deutschen Übersetzung einen Platz finden möge.

 

Lebt wohl, ihr blühenden Gefilde,

Die oft mir meine Qual gestillt,

Mit Ruheträumen mir so milde

Die wundenvolle Brust erfüllt!

 

Es lässt Natur uns Schätze schauen,

Die oft wohl mancher kaum erkennt;

Ihr schönen, dufterfüllten Auen,

Bald bin ich nun von euch getrennt!

 

Die Stürme hör ich in den Lüften,

Des Kampfes Stimme droht mit Qual,

Fort muss ich nun, ihr üpp`gen Triften,

Lebt wohl, lebt wohl zum letzten Mal!

 

Ein anderes Asyl erstreben

Und suchen soll mein irrer Stern!

Jetzt, wo die Ruhe meinem Leben

Gelächelt, bleibt der Hafen fern.

 

Doch nichts ist hier von fester Dauer

In dieser wechselvollen Welt –

Und auf den Frohsinn folget Trauer,

Der Mensch und auch sein Glück zerfällt.

 

Ihr Bäume, meiner Pfleg` entnommen,

Mögt Kühle spendend ihr besteh`n,

Wenn andere Verbannte kommen,

In eurem Schatten sich ergeh`n.

 

Vereinzelt, ohne Hoffnungsschimmer,

Verfolg ich blindlings meine Bahn;

Jedoch verzagen will ich nimmer,

Der Vorsehung gehör ich an.

 

Durchschiffend wunderbare Räume

Schwebt stets die Erd` - und ihr Geschick –

Und führt die Menschen wie durch Träume

In ihren Schoß zuletzt zurück.

 

mariagruen

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30. Lourdes und Bernadette

 

Lourdes! Immer mehr bewegt dieser Name die Herzen der Gläubigen und erfüllt sie mit heiliger Freude. Dieses Städtchen im südlichen Frankreich, vor ungefähr 155 Jahren ganz unbekannt, ist schon lange ein Wallfahrtsort geworden, berühmt in der ganzen christlichen Welt. Jeder Tag bringt neue Prozessionen, unzählige Pilger strömen aus allen Teilen der Welt dort zusammen.

 

Was erfüllt denn die Herzen mit solcher Freude, mit solcher Begeisterung?

 

Die Mutter der Christenheit hat diesen Ort in besonderer Weise gesegnet durch ihre Gegenwart, sie segnet ihn immerfort durch die milde Ausspendung ihrer Gaben. Am 8. Dezember 1854 hatte Papst Pius IX. die unbefleckte Empfängnis Mariens als Glaubenssatz der katholischen Kirche erklärt, und kaum waren drei Jahre verflossen, da erscheint diejenige, der die Kirche eine solche Huldigung erwies, einem einfachen, armen Kind.

 

Diejenige, die allein allen Irrglauben besiegte, wollte gleichsam ihren Stempel auf den unfehlbaren Ausspruch der höchsten kirchlichen Autorität drücken. Sie wollte ihren Kindern danken für die erwiesene Ehre. Sie wollte selber ihren Kindern den Segen bringen, den dieses erhabene Geheimnis auf unsere sündige Welt herabgefleht. Die Mutter zeigte sich ihren Kindern an jenem Ort, deshalb eilen sie auch mit so großer Freude dorthin.

 

Auch wir wollen uns wenigstens im Geist dorthin begeben, um den Dank der Christenheit zu vernehmen, um an ihrer Verehrung teilzunehmen und den Segen zu empfangen, den die Unbefleckte dort so reichlich spendet.

 

I.

Im nördlichen Teil der Stadt Lourdes trieb ein großer Bach früher sechs bis sieben Mühlen, die in kurzer Entfernung voneinander lagen. Eine von diesen Mühlen war bereits lange den Eltern der Louise Castérot verpachtet, die sich nach dem frühen Tod ihres Vaters mit Franz Soubirous verehelichte. Dieser konnte aber als neuer Pächter der Mühle de Boly die alten Kunden nicht befriedigen und verwandte auch nicht die nötige Sorge und Aufmerksamkeit auf sein Geschäft. Louise, seine Gattin, eine einfache, fromme Frau, hatte noch zu wenig Erfahrung, um die geringe Sorgfalt ihres Mannes zu verbessern. So ging die Familie in zeitlicher Hinsicht immer mehr zurück. Während die Mühle immer weniger einbrachte, wurden die Schulden immer größer, und bald war das kleine Vermögen verzehrt. Als die Familie sich nicht mehr halten konnte, mietete sie eine kleine Wohnung, und der Vater fing an, als Tagelöhner zu arbeiten. Wenn aber auch die Gelegenheit zur Arbeit fehlte, so herrschte Mangel im Hause. Endlich konnte die Familie selbst die Miete nicht mehr aufbringen und musste von einer Wohnung zur anderen ziehen, bis schließlich der Besitzer eines alten, baufälligen Hauses, das doch nicht bewohnt wurde (es war das alte Gefängnis von Lourdes), ihr erlaubte, dort einzuziehen.

 

Der Ehe des Franz Soubirous mit Louise Castérot waren sechs Kinder entsprossen, deren ältestes bei der Taufe am 9. Januar 1844 den Namen Bernadette erhielt.

 

Kurz nach der Geburt dieses Kindes musste die Mutter es in Pflege geben, und so kam es nach Bartres, in der Nähe von Lourdes, zu einer Familie Lagues. Hier blieb Bernadette vierzehn Monate. Sie war von Geburt an zart und schwächlich und litt an einem hartnäckigen Asthma. Sie gewann eine große Liebe zu ihren Pflegeeltern, und wie viel diese von dem armen, unschuldigen Kind hielten, das merkten sie erst, als die Eltern verlangten, Bernadette möge nach Lourdes zurückkehren. Wie froh waren sie daher, als das Kind später wiederum zu ihnen kam. Hier in der stillen Einsamkeit der verlassenen Hügel, wo sie die Schafe ihrer Pflegeeltern hütete, bewahrte sie die Unschuld und die Einfalt des Herzens; hier betete sie den Rosenkranz. Andere Gebete kannte sie nicht; auch hatte man große Mühe, sie den Katechismus zu lehren, da sie weder lesen noch schreiben konnte und nicht einmal das Französische, ihre Muttersprache, kannte. Nur im Dialekt der Bewohner der Pyrenäen wusste sie sich auszudrücken.

 

Dies war also das Kind, das die Vorsehung auserkor, so Großes für die Ehre Mariens zu tun, und auch hier zeigt sich wiederum, dass der Allmächtige, der keines Geschöpfes zur Ausführung seiner Ratschlüsse bedarf, gerne das Schwache und Kleine erwählt, um die stolze Welt zu beschämen. Auf diese Weise wird umso mehr in allem sein Name geheiligt.

 

Obgleich Bernadette bereits ihr vierzehntes Jahr erreicht hatte, war sie noch nicht zur ersten heiligen Kommunion gegangen. Zur Vorbereitung darauf kehrte sie nach Lourdes zurück, vierzehn Tage vor den großen Ereignissen, die ihren Geburtsort und ihren eigenen Namen in der ganzen Welt berühmt machen sollten.

 

II.

Lourdes ist ein kleines Städtchen im französischen Departement der Hoch-Pyrenäen an der spanischen Grenze. Ein aus dem Süden kommender reißender Bergstrom, der Gave, fließt an ihm vorüber, bildet aber, von dem Felsenberg in seinem Lauf nach Norden gehemmt, einen rechten Winkel und nimmt so eine westliche Richtung an. Eine alte Brücke verbindet die Stadt mit dem linken Ufer. Ein wenig unterhalb dieser Brücke hatte man am linken Ufer einen Kanal angelegt, ungefähr einen Kilometer lang. Derselbe leitete das Wasser des Gave zum Teil ab, und vereinigte sich dann wieder mit dem Fluss. So wurde vom Gave und dem Kanal eine Insel gebildet, die den Namen Chálet trug. Dort, wo der Kanal sich wieder mit dem Fluss vereinigte, also der äußersten, westlichen Spitze des Chálet gegenüber, befanden sich am Fuß der schroffen Felsen von Massabielle drei ungleich große finstere Höhlen. Dort war der einsame, verlassene Ort, der durch die folgenden Erscheinungen so berühmt wurde.

 

III.

Man schrieb den 11. Februar 1858. Es herrschte eine bittere Kälte an jenem Tag, und es gab kein Holz mehr in dem armen Häuschen der Soubirous.

 

„Gehe, und suche etwas Holz, mein Kind“, sagte die Mutter zu ihrer zweiten Tochter Maria.

 

Die Armen der Stadt hatten das Recht, auf Gemeindegrund das dürre Holz zu sammeln.

 

Während Maria sich nun anschickte, den Wunsch der Mutter zu erfüllen, bat Bernadette um Erlaubnis, ihre Schwester begleiten zu dürfen.

 

„Nein, Kind“, antwortete die besorgte Mutter, „du hustest zu viel und würdest krank werden“.

 

In diesem Augenblick kam ein Nachbarkind, die vierzehnjährige Johanna Abadie, herein. Auch diese sollte für die Familie Soubirous Holz sammeln; da auch sie für Bernadette Fürsprache einlegte, gewährte die Mutter die Bitte.

 

Die Kinder verließen dann die Stadt und kamen bald über die Brücke zum linken Ufer des Gave. Sie folgten dem großen Weg, gingen durch die Mühle von Savy, die vom Kanalwasser getrieben wurde, und kamen so auf die kleine Insel zwischen dem Gave und dem Kanal. Sie durchstreiften suchend die Insel und wollten an deren äußerster Spitze den Kanal wieder überschreiten, weil an der anderen Seite dem Felsen entlang viel dürres Holz lag. Maria und Johanna liefen barfuß in ihren Schuhen, und hatten sich dieser im nächsten Augenblick entledigt. Sie schritten über den Kanal, der an jenem Tag wegen einer Ausbesserung der Mühle fast wasserleer war. Bernadette hingegen fürchtete sich vor dem kalten Wasser, und suchte einige dicke Steine, um den Kanal trockenen Fußes überschreiten zu können; als sie diese nicht fand, schickte sie sich an, die Strümpfe, die sie wegen ihrer Kränklichkeit trug, auszuziehen. Es war ungefähr halb eins.

 

„KAUM“, so erzählt das Kind, „KAUM FING ICH AN, DEN ERSTEN STRUMPF AUSZUZIEHEN, ALS ICH PLÖTZLICH DAS RAUSCHEN EINES HEFTIGEN WINDES ZU HÖREN GLAUBTE. ICH SAH BESTÜRZT RUND, ABER NICHT EIN ZWEIGLEIN RÜHRTE SICH AN DEN PAPPELN LÄNGS DES UFERS.“

 

„ICH WERDE MICH GETÄUSCHT HABEN“, dachte sie und fuhr fort, ihre Strümpfe auszuziehen, als sich das Rauschen wiederholte. Da sie ihre Augen auf die Grotte richtete, sah sie, wie der wilde Rosenstrauch, der von der oberen Nische herunterhing, sich hin und her bewegte. Sonst war alles links und rechts vollkommen ruhig. Fast zu gleicher Zeit ging von der Grotte eine goldfarbige Wolke aus, und es erschien eine Frau von übermenschlicher Schönheit. Sie stand fünfzehn bis zwanzig Schritte von dem Kind entfernt in der oberen, engen Felsenkluft. Der Glanz, der sie umgab, war hell, wie das Licht der Sonne, aber dieses Licht blendete nicht, sondern zog durch seine Lieblichkeit die Augen an.

 

„SIE LÄCHELTE MICH AN“, sagte das Kind, „UND GAB MIR EIN ZEICHEN, NÄHER ZU KOMMEN, ALS WÄRE SIE MEINE MUTTER GEWESEN. UND IN DER TAT, ICH FÜRCHTETE MICH NICHT MEHR, WUSSTE ABER NICHT, WO ICH MICH BEFAND. ICH RIEB MIR DIE AUGEN; ICH SCHLOSS UND ÖFFNETE SIE WIEDER, IMMER ABER SAH ICH VON NEUEM DIE DAME.“

 

In seinem ersten Schrecken hatte das fromme Kind unwillkürlich den Rosenkranz zur Hand genommen und fing an zu beten. Da es aber das Kreuzzeichen machen wollte, war die Erregung der Seele so gewaltig, dass der rechte Arm wie gelähmt immer wieder schlaff auf die Knie niederfiel. Da nahm die Erscheinung selber den Rosenkranz in die Hand und machte mit großer Andacht ein Kreuzzeichen. Jetzt konnte das Kind dasselbe tun. Entzückt und außer sich vor Freude konnte es den Blick nicht abwenden von dem wunderbar schönen Wesen.

 

„DIE DAME LIESS MICH ALLEIN BETEN“, sagte später das Kind. „WOHL LIESS SIE DIE PERLEN DES ROSENKRANZES DURCH IHRE FINGER GLEITEN, ABER KEIN WORT KAM ÜBER IHRE LIPPEN. NUR AM SCHLUSS EINES JEDEN GESÄTZES SPRACH SIE MIT MIR DIE WORTE: EHRE SEI DEM VATER UND DEM SOHN UND DEM HEILIGEN GEIST.“

 

Konnte die liebe Mutter Gottes uns wohl eine dringendere Empfehlung geben, gibt es wohl ein schöneres Loblied für das Rosenkranzgebet als die Tatsache: Maria selber ist mit dem Rosenkranz in der Hand erschienen? Zwar konnte sie den Rosenkranz nicht beten. Denn die Bitten des Vaterunser sind ja nur für uns, die wir die Fülle der himmlischen Güter noch nicht besitzen, und Maria konnte den Gruß nicht beten, den der Engel an sie gerichtet und mit dem wir ihre Barmherzigkeit anrufen. Wohl aber konnte sie das Gebet mit uns verrichten, in dem Himmel und Erde das Lob des dreieinigen Gottes verkünden, das uns an das höchste Ziel aller Geheimnisse des Rosenkranzes und unseres Lebens in Jesus erinnert.

 

Wenn man später Bernadette bat, sie möge eine Beschreibung der Erscheinung geben, schilderte sie dieselbe immer ungefähr wie folgt:

 

„SIE HAT DAS AUSSEHEN EINES JUNGEN MÄDCHENS VON SECHZEHN BIS SIEBZEHN JAHREN; SIE IST IN EIN WEISSES GEWAND GEHÜLLT; DER HIMMELBLAUE GÜRTEL FÄLLT FAST BIS AN DEN SAUM DES KLEIDES HERAB. AUF DEM HAUPT TRÄGT SIE EINEN WEISSEN SCHLEIER, DER IHRE HAARE FAST GANZ BEDECKT UND WEIT ÜBER DIE SCHULTERN HERABFÄLLT. IHRE FÜSSE SIND ZUM GROSSEN TEIL VON DEN FALTEN IHRES KLEIDES BEDECKT UND MIT EINER GOLDGELBEN ROSE GESCHMÜCKT. DIE KÖRNER DES ROSENKRANZES, DEN SIE ÜBER IHREM RECHTEN ARM TRÄGT, SIND WEISS WIE SCHNEE, UND SEINE GOLDENE KETTE GLÄNZT WIE DIE ROSEN AUF IHREN FÜSSEN.“

 

So genau hatte das Kind die Erscheinung betrachtet.

 

Als Bernadette den Rosenkranz beendet hatte, grüßte die Erscheinung mild lächelnd und verschwand plötzlich.

 

Inzwischen waren die anderen Kinder zur Grotte zurückgekehrt; sie hatten gesehen, wie Bernadette sich zum Beten niedergekniet hatte, und schimpften und machten ihr Vorwürfe, dass sie, statt zu arbeiten, immer nur beten wolle, und fragten sie, ob sie bereit sei, mit nach Hause zu gehen. Bernadette war erstaunt über die Gleichgültigkeit ihrer kleinen Freundinnen und fragte unterwegs, ob sie nichts bemerkt hätten.

 

„Nein“, antworteten sie, „aber warum fragst du das?“

 

„AH“, meinte Bernadette ausweichend, „DANN ST ES GUT.“ Und sie schwieg.

 

Dennoch war das Herz des Kindes zu voll von dem, was es gesehen hatte, und als Johanna sich entfernt hatte, wurde alles der Schwester erzählt. Während des ganzen Nachmittags waren die Gedanken des Kindes bei der Erscheinung, und als die Familie zusammen das Abendgebet verrichtete, wurde der Eindruck so lebendig, dass das Kind in heftiges Weinen ausbrach. Auf die Frage der Mutter, was geschehen sei, konnte es nicht antworten, und Maria musste erzählen, was sie von Bernadette gehört hatte. Die Mutter zuckte ungläubig mit den Schultern, der Vater aber wurde zornig, schimpfte mit dem Kind, indem er sagte: „Das sind Dummheiten! Du glaubst etwas gesehen zu haben, hast aber nichts gesehen!“ Er dachte vielleicht an denjenigen, der sich wohl einmal als ein Engel des Lichtes zeigt, obgleich er nur Finsternis ist. Als Bernadette bei ihrer Meinung blieb, sagte die Mutter kurzweg: „Wie dem auch immer sei, du gehst mir nicht mehr an diesen Ort! Ich verbiete es dir!“

 

„WIR GINGEN ZUR RUHE“, sagte später Bernadette, „ICH KONNTE ABER NICHT SCHLAFEN; DIE LIEBLICHE ERSCHEINUNG STAND IMMER VOR MEINEM GEIST, UND WENN ICH MIR AUCH NOCH SO OFT WIEDERHOLTE, WAS DIE MUTTER GESAGT HATTE, SO KONNTE ICH MICH DOCH NICHT ÜBERZEUGEN, DASS ICH MICH GETÄUSCHT HÄTTE.“

 

IV.

Wie wird das Kind sich gesehnt haben, das herrliche Schauspiel noch einmal zu genießen. Zu wiederholten Malen drang es dann auch darauf, die Freundinnen möchten doch die Mutter bitten, das gegebene Verbot zurückzunehmen. Nach vielem Sträuben gaben die Eltern die erbetene Erlaubnis. Dennoch fürchteten die Kinder sich, und sie hatten Bernadette früher schon gebeten, nicht an jenen Ort zu gehen; man könne ja nicht wissen, ob es nicht jemand sei, der Böses im Schilde führe. Deshalb wurde im Rat der Kleinen beschlossen, für jeden Fall Weihwasser mitzunehmen; Bernadette solle die Erscheinung damit besprengen und sie in die Flucht treiben, falls sie vom Bösen käme.

 

Erst ging also die kleine Kinderschar zur Kirche, wo ein kleines Fläschchen mit Weihwasser gefüllt wurde. Als die Kinder zur Grotte gekommen waren, blieb anfangs alles ruhig.

 

„WIR WOLLEN DEN ROSENKRANZ BETEN“, sagte Bernadette, und die Mädchen knieten nieder.

 

Plötzlich verklärt sich das Antlitz des Kindes, und eine große Rührung ist in seinen Zügen deutlich zu lesen; seine Augen strahlen vor Glück; auf dem Felsen steht nämlich die Frau, gekleidet wie das erste mal.

 

„SEHET, DA IST SIE!“ ruft das Kind.

 

Die Mädchen sehen aber nichts. Eines von ihnen überreicht nun der Bernadette das Fläschchen mit Weihwasser. Diese erinnert sich ihres Versprechens, steht auf und sprengt das Wasser zu der Dame hinauf, indem sie spricht:

 

„KOMMST DU VON GOTT, SO NÄHERE DICH!“

 

Bei diesen Worten neigt die Erscheinung huldvoll das Haupt, tritt bis an den Rand des Felsens, und durch ein freundliches Lächeln scheint sie die kindliche Vorsicht gutzuheißen.

 

„WENN DU VON GOTT KOMMST, SO NÄHERE DICH!“ wiederholt das Kind.

 

Da es aber sieht, wie schön die Erscheinung ist, und wie nur Güte und Liebe aus ihren Zügen spricht, kann es die folgenden Worte nicht über die Lippen bringen. Diese Worte: „Kommst du vom Teufel, so mache dich fort!“ erscheinen ihr einem solch himmlischen Wesen gegenüber zu entsetzlich. Das Kind fällt wieder auf die Knie und betet wieder den Rosenkranz. Ihr Antlitz wird dabei immer blasser und strahlende Verklärung leuchtet aus ihren Augen.

 

Da die anderen Kinder diese plötzliche Veränderung bemerkten, erschraken sie gewaltig und riefen:

 

"O, wenn Bernadette nur nicht stirbt!“

 

In ihrer Angst riefen sie: „Bernadette, Bernadette!“

 

Sie aber blieb unbeweglich. In diesem Augenblick kam Frau Nicolau vorbei, die, auch nicht wissend, was mit dem Kind geschehen war, ihren Sohn herbeirief. Dieser kam, als er aber das Kind sah, trat er unwillkürlich zurück vor Erstaunen und betrachtete es einige Augenblicke. „Nie hat mich etwas so getroffen“, sagte er später oft; „ich kam mir unwürdig vor, dieses Kind zu berühren“. Auf die Bitte seiner Mutter aber führte er Bernadette langsam fort zur Mühle, wo sie zu sich kam.

 

Inzwischen waren die anderen Kinder zur Stadt gelaufen und hatten überall die Neuigkeit erzählt. Auch Frau Soubirous hörte davon. Sie wurde darüber so aufgebracht, dass sie sogleich mit einer Rute in der Hand zur Mühle eilte.

 

„Wie, du Närrin“, so herrschte sie das Kind an, „wie, du willst uns lächerlich machen bei all denjenigen, die uns kennen?! Du wirst mir solche dummen Streiche schon bald verlernen!“ Und sie wollte auf das Kind losschlagen. Da trat Frau Nicolau dazwischen:

 

„Aber, was fangen sie an? Was hat das Kind denn verbrochen? Ich sah es auf den Knien, und nie werde ich diesen Anblick vergessen; man hätte glauben mögen, einen Engel vor sich zu haben.“

 

V.

Frau Soubirous hielt nun ihr Kind streng zu Hause. Immer noch fürchtete sie irgendeinen Betrug, immer fürchtete sie, die Sache könnte der Familie unangenehm werden.

 

In Lourdes fing man an, den Worten des Kindes Glauben zu schenken, und man fragte, wer wohl die geheimnisvolle Frau sein möge. Würde es vielleicht eine arme Seele sein, die um Gebete und Heilige Messen bitten möchte? Vielleicht die Seele der ausgezeichneten, allgemein beliebten Präfektin der in Lourdes blühenden Kongregation, die vor kurzem gestorben war? Es waren vor allem zwei Damen in der Stadt, die gerne eine Antwort auf diese Fragen gehabt hätten. Ihnen konnte Mutter Soubirous die dringende Bitte, Bernadette mit zur Grotte gehen zu lassen, nicht abschlagen. Auch hoffte sie, ihr Töchterlein würde bei einem nochmaligen Besuch sicher von ihrem kindlichen Wahn geheilt werden.

 

„Frage die Dame, wer sie sei und was sie wolle“, sagten die beiden Damen, „lass dir alles gut erklären, oder besser noch, lass alles aufschreiben, so dass wir sicher wissen, sie gut verstanden zu haben.“

 

Am Donnerstag, den 18. Februar, begaben sie sich frühzeitig auf den Weg. Da stießen sie aber auf ein unerwartetes Hindernis. Der Kanal hatte wieder seinen freien Lauf und man konnte daher den Weg über die Insel nicht nehmen, sondern musste, um zur Grotte zu kommen, den hohen Felsen hinaufsteigen, und dann wieder auf steilen, unebenen Pfaden zum Gaveufer hinuntergehen. Die zwei Frauen folgten nur langsam den gefährlichen Weg, sie keuchten und seufzen und verloren schon bald den Mut. Bernadette hingegen ging munter vor, sie eilte, wie von einer unsichtbaren Hand getragen, ohne Mühe hinauf, und zeigte, als sie oben angekommen war, nicht die leichteste Spur von Ermüdung. Mit derselben Sicherheit stieg sie nun den gefährlichen Abhang herunter. Sie kam daher früher als die anderen bei der Grotte an und begann sofort ihr Gebet. Als die Damen erschienen, entrang sich den Lippen des Kindes ein Ausruf der Freude; das liebliche Licht und der Strahlenkranz glänzen in der Nische und eine Stimme ruft: „BERNADETTE!“

 

„HIER BIN ICH“, spricht das Kind, das in der Verzückung die makellose Schönheit anstaunt und zittert vor Glück und Rührung. Die Erscheinung gibt ihm ein Zeichen, sich zu nahen. Die zwei Frauen flüstern ihr zu:

 

„Frage, ob sie gerne sieht, dass wir hier sind, sonst wollen wir uns entfernen.“

 

Bernadette sieht die Dame fragend an, und sagt dann zu den Frauen:

 

„ES IST GUT, SIE KÖNNEN BLEIBEN.“

 

Diese sprechen leise: „ Da sie dir zuwinkt, gehe hin und frage, wer sie ist, warum sie hierhin kommt; ob sie eine Seele ist, die Heilige Messen verlangt. Lass sie alles aufschreiben, was sie wünscht, und verspreche ihr, dass wir gerne all ihre Wünsche erfüllen werden.“

 

Das Kind nimmt das Papier und tritt, ermutigt durch den Blick der Liebe, näher.

 

„LIEBE DAME“, so spricht es, „WENN DU MIR ETWAS MITZUTEILEN HAST, SEI SO GUT, AUFZUSCHREIBEN, WER DU BIST UND WAS DU WÜNSCHST.“

 

Die Erscheinung lächelt über die kindliche Einfalt und spricht:

 

„WAS ICH DIR ZU SAGEN HABE, BRAUCHE ICH NICHT AUFZUSCHREIBEN; MACHE MIR NUR DIE FREUDE, WÄHREND VIERZEHN TAGE WIEDERZUKOMMEN.“

 

„ICH VERSPRECHE ES“, antwortete das Kind.

 

„UND ICH“, so erwidert die Erscheinung, „ICH VERSPRECHE DIR, DICH GLÜCKLICH ZU MACHEN, NICHT IN DIESER, SONDERN IN DER ANDEREN WELT.“

 

„Frage sie“, so sprachen die Frauen noch zu Bernadette, „ob wir dich in den vierzehn Tagen begleiten dürfen.“

 

Das Kind sieht die Erscheinung fragend an und diese antwortet:

 

„SIE KÖNNEN MITKOMMEN, SIE UND AUCH ANDERE; ICH WÜNSCHE HIER VIEL VOLK ZU SEHEN.“

 

Nach diesen Worten hörte die Erscheinung, die dieses Mal über eine Stunde gedauert hatte, auf.

 

VI.

Als Bernadette nach Hause kam, musste sie ihren Eltern mitteilen, was sie versprochen hatte. Diese sahen sich also in ihrer Erwartung enttäuscht. Dennoch wagten sie es nicht, ihr Verbot aufrecht zu halten. In der peinlichen Ungewissheit entschlossen sie sich, die Taufpatin der Bernadette um Rat zu fragen. Diese, eine einsichtsvolle Person, riet, dem Kind die Freiheit zu lassen, machte aber zugleich den Eltern einen Vorwurf daraus, das Kind nicht begleitet zu haben; sie hätten sich selber überzeugen können. Daher entschloss sich die Mutter, fortan mit dem Kind zur Grotte zu gehen.

 

Es war am Freitag, den 19. Februar, als man sich morgens ganz früh in Begleitung einiger Personen dorthin begab; aber wohl hundert Personen hatten sich dort schon versammelt.

 

Bernadette kniete nieder, machte das heilige Kreuzzeichen, wie die Erscheinung sie gelehrt, und einen Augenblick später schien die sichtbare Welt nicht mehr für sie zu bestehen; sie sah die wunderbare Frau und war in Verzückung.

 

„O mein Gott“, rief die Mutter in ihrem Schrecken, „nimm mir mein Kind doch nicht!“

 

„Wie schön ist sie“, rief einer aus der Menge; viele Augen füllten sich mit Tränen, und alle fühlten sich zum Beten angeregt. Die Ekstase hatte ungefähr eine halbe Stunde gedauert, als das Kind zu sich kam; im Übermaß des Glücks näherte es sich seiner Mutter und seiner Tante, die es mit der größten Zärtlichkeit an ihr Herz drücken. Auf dem Heimweg sagte das Kind, dass die Dame sich sehr zufrieden gezeigt habe über die treue Erfüllung des Versprechens und ihm noch viele große Offenbarungen versprochen habe.

 

Am folgenden Tag, Samstag, den 20. Februar, zeigte die Erscheinung sich zum fünften Mal, morgens gegen halb sieben Uhr. Dabei lehrte sie Bernadette ein Gebet, das ausschließlich für sie bestimmt war, und dessen Inhalt nie jemand erfahren hat.

 

VII.

Immer mehr wurde in Lourdes über die Begebenheiten an der Grotte gesprochen und geurteilt. Die einen sprachen von Wundern, die andern – vor allem die mehr Gebildeten – lächelten. Aber niemand – und es ist wichtig, das festzustellen –, niemand, der das Kind kannte, wagte damals zu behaupten, Bernadette verstelle sich und wolle betrügen. Darum hielten die Feinde des Übernatürlichen sie für überspannt und krank. Sie glaubte wirklich zu sehen, was sie zu sehen vorgebe. Das war in den Augen vieler die einfachste Lösung.

 

Es gab aber auch solche, die sich mit einer solchen Erklärung nicht so rasch zufrieden stellten. Unter diese gehörte Dr. Dozous, einer der hervorragenden Ärzte der Stadt. Er wollte daher die Sache persönlich untersuchen, und war darum bei der sechsten Erscheinung am 21. Februar zugegen.

 

Wie immer kam Bernadette bescheiden und demütig, aber auch ohne jegliche Verlegenheit. In ungekünstelter Einfachheit kam sie heran, als wäre sonst niemand an dem Ort zugegen gewesen. Die Menge trat ehrerbietig hinzu und jubelte ihr zu, sie aber schien, in sich gekehrt, alles Äußere nicht zu beachten.

 

Hören wir nun, was Dr. Dozous erzählt:

 

Sobald Bernadette bei der Grotte angekommen war, zog sie ihren Rosenkranz hervor und fing an zu beten. Ihr Gesicht zeigte auffallende Veränderungen, die verrieten, wie sie ganz aufging in der Betrachtung der Erscheinung; auf ihrem Gesicht strahlte ein seliges Lächeln, ihre Wangen waren blass, wie weißer Marmor. Während sie ihren Rosenkranz durch die linke Hand gleiten ließ, hielt sie mit der rechten eine brennende Kerze, die aber durch den starken Wind verschiedene Male ausgelöscht wurde; immer aber gab sie dieselbe der nächststehenden Person zum Anzünden. Ich verfolgte alle Bewegungen des Kindes mit großer Aufmerksamkeit. Um zu wissen, wie ihre Atmung und ihr Blutumlauf sei, nahm ich ihre Hand; aber ihr Puls schlug regelmäßig und sie atmete leicht; nichts verriet eine krankhafte Überreizung. Als ich ihren Arm losgelassen hatte, stand sie auf und näherte sich der Grotte. Doch siehe! Plötzlich zeigte ihr Antlitz, auf dem bis jetzt der Ausdruck der höchsten Seligkeit zu lesen war, Spuren der tiefsten Trauer, und aus ihren weitgeöffneten Augen rollten Tränen über ihre Wangen herab. Als sie ihr Gebet beendet hatte, fragte ich sie, was geschehen sei, und sie antwortete:

 

„Eine Zeitlang schaute die Dame über mich in die Ferne und sie schien sehr betrübt. Auf die Frage, was sie betrübe, antwortete sie mir: BETE FÜR DIE ARMEN SÜNDER, BETE VIEL FÜR DIE KRANKE WELT!

 

So der Bericht des Dr. Dozous.

 

Als die Erscheinung aufgehört hatte, ging sie mit derselben Einfalt wiederum nach Hause, und sie schien nicht zu merken, wie aller Augen nur auf sie gerichtet waren.

 

VIII.

Obgleich an der Grotte nichts vorgekommen har, was gegen die Ordnung verstieß, beunruhigte die bürgerliche Macht sich dennoch über das, was sich da zugetragen hatte und über den Zulauf so vieler an einem so engen Ort, wie zwischen den Felsen von Massabielle und dem Fluss.

 

Dazu konnte die Hölle nicht müßig bleiben bei diesen Ereignissen, bei der Verherrlichung derer, die der Schlange den Kopf zertreten hat, bei dem Strom von Gnaden und Segnungen, die die Mutter über ihre Kinder ausgießen wollte. Darum suchte sie die Vertreter der weltlichen Macht zu hintergehen und sich ihrer Hilfe in dem harten Kampf zu bedienen. Der böse Feind beunruhigte einige Besucher der Grotte durch seine Erscheinungen, und da die kirchliche Obrigkeit sich über die Erscheinungen an Bernadette noch nicht ausgesprochen hatte, wurden sie mit denen des bösen Feindes auf eine Stufe gestellt und hartnäckig bekämpft.

 

Bernadette musste von einem weiteren Besuch der Grotte abgehalten werden. Dann würden die Erscheinungen und der Zulauf des Volkes von selber aufhören.

 

Als die Seherin am 21. Februar die Kirche verließ, wurde sie von einem Polizeidiener angehalten und im Namen des Gesetzes zum Kommissar geführt. Als die erregte Menge das Kind in Schutz nehmen wollte, wurden sie von einem vorbeigehenden Priester beruhigt mit den Worten: „Lasset die Obrigkeit ihre Wege gehen!“ Schon bald stand Bernadette vor dem Polizeikommissar. Ein Bewohner desselben Hauses, der Herr Estrade, hat uns das Verhör aufgezeichnet.

 

Erst ließ der Kommissar das Kind alles erzählen, was dessen Herz in den letzten Tagen erfüllte, und er machte lange Aufzeichnungen auf einem großen Blatt. Dann stellte er im Ton der größten Liebenswürdigkeit eine lange Reihe von Fragen nach den geringfügigsten Kleinigkeiten, und zwar so rasch, dass das Kind kaum Zeit zum Nachdenken fand. Mit rascher Feder schrieb er jede Antwort auf. Nachdem er alles ausgefragt und aufgezeichnet hatte, las er ihr jede Antwort vor, wobei er aber absichtlich den einen oder andern Ausdruck vertauschte und fragte, ob es so gut sei, ob er es so gut verstanden habe. Aber jedes Mal klang es mit der größten Festigkeit und Entschiedenheit: „DAS HABE ICH NICHT GESAGT“, und sie wiederholte buchstäblich, was sie gesagt hatte. Plötzlich änderte Jacomet, so hieß der Kommissar, den Ton der Unterredung, und mit einer drohenden Bewegung und strenger Miene rief er aus:

 

„Du lügst! Du bist eine Betrügerin, und wenn du mir nicht sogleich die reine Wahrheit sagst, lass ich dich einsperren.“

 

Obgleich bestürzt durch diesen plötzlichen Ausfall, antwortete Bernadette kurz und fest:

 

„SIE KÖNNEN MICH IN DAS GEFÄNGNIS BRINGEN LASSEN, ABER ICH KANN ES IHNEN NICHT ANDERS ERZÄHLEN. ICH ERZÄHLE IHNEN DIE REINE WAHRHEIT.“

 

Der Herr Estrade sagte später, er habe nicht gewusst, was mehr zu bewundern gewesen sei, die tiefe Überzeugung des einfältigen Kindes, oder das fein berechnete, schlaue Verhör des Kommissars. Schließlich rief dieser:

 

„Wenn du mir die Wahrheit nicht sagen willst, wirst du mir wenigstens versprechen, nie mehr zur Grotte zu gehen.“

 

„ICH HABE ABER DER DAME VERSPROCHEN, HINZUGEHEN.“

 

„Bah!“ rief der Kommissar, „meinst du, ich hätte Lust, noch weiter von deinen Dummheiten zu hören; wenn du mir nicht auf der Stelle versprichst, nicht mehr nach Massabielle zu gehen, wird die Polizei dich sogleich wegführen.“

 

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Arbeiter trat ein; er war sehr erregt.

 

„Was wünschen Sie?“ fragte der Kommissar.

 

„Ich bin der Vater dieses Kindes, und ich will mein Kind sofort zurück.“

 

Das Verhör hatte ungefähr eine Stunde gedauert, und noch immer wartete draußen die Menge, die Bernadette begleitet hatte. Die Äußerungen der Ungeduld und die Drohungen von Seiten des erregten Volkes gaben dem sonst sehr furchtsamen Mann den Mut, so aufzutreten.

 

„So, sind Sie der Vater dieses Kindes?“ sagte der Kommissar ruhig und mit Nachdruck. „Nun, Sie wissen, welch ein gefährliches Spiel Ihre Bernadette treibt, und dass sie auf dem besten Weg ins Zuchthaus ist. Gewiss ist sie durch jemand in Ihrer Nachbarschaft zu diesem Spiel verführt worden, aber die Komödie muss jetzt ein Ende haben, denn es liegt darin eine Gefahr für die Ruhe der Stadt. Sorgen Sie also, dass Sie das Mädchen zu Hause halten, sonst muss ich sie einschließen.“

 

„Du siehst, mein Kind“, sagte Vater Soubirous auf dem Weg nach Hause, „dass diese hohen Herren von deiner „Dame“ nichts wissen wollen, und dass du Gefahr läufst, ins Gefängnis zu kommen. Du gehst also nicht mehr dahin.“

 

„ACH VATER“, antwortete das Kind, „WENN ICH DORTHIN GEHE, SO IST ETWAS, ICH WEISS NICHT WAS, IN MIR, DAS MICH MIT GEWALT HINZIEHT.“

 

„Wie dem auch immer sei, ich verbiete es dir ausdrücklich!“

 

Das Kind hatte nun einen schweren Kampf zu bestehen; es hatte zu wählen zwischen dem strengen Verbot des Vaters und dem Versprechen, das es der Dame gegeben hatte. Die Drohungen des strengen Kommissars galten ihm nichts, aber der Befehl des Vaters war ihm heilig. Es antwortete darum:

 

„ICH WERDE MICH DANN AUFRICHTIG BEMÜHEN, NIE MEHR HINZUGEHEN UND NICHT MEHR ZU HÖREN AUF DIE INNERE STIMME.“

 

IX.

Am folgenden Tag wurde Bernadette frühzeitig zur Schule geschickt mit dem Befehl, nachher sogleich nach Hause zu kommen.

 

In der Schule tadelten die Schwestern das arme Kind, das sich in der ernsten Fastenzeit einen solchen Spaß erlaube, und die Mitschülerinnen verlachten es.

 

Aber schmerzlicher als dieser Tadel und dieser Spott war für das unschuldige Kind die Angst seiner Seele. Es kam ihm vor, als hange es zwischen zwei Abgründen; einerseits durfte und mochte es den Eltern und den Schwestern nicht ungehorsam sein, andererseits war ihm aber auch der Gedanke unerträglich, dass es etwas Unerlaubtes versprochen habe und nicht gehorchen solle.

 

Betrübt ging das Kind gegen zwölf Uhr nach Hause. Plötzlich wird es aber zurückgehalten; etwas Unsichtbares hindert es, seinen Weg fortzusetzen; zu wiederholten Malen will es weitergehen, aber es ist einfach unmöglich; zugleich erinnert eine innerliche Stimme es an das der Erscheinung gegebene Versprechen. Mehr getrieben von einer geheimen Macht als durch den eigenen Willen, geht das Kind also zur Grotte. Kaum hat aber ein Polizeidiener die Absicht des Kindes erraten, so folgt er ihm zur rotte. Dort hatte sich schon eine große Menge Volkes eingefunden. Wie gewöhnlich kniete das Kind nieder, aber keine Spur einer Veränderung zeigte sich in seinem Gesicht, und wie innig es auch bat, die Erscheinung zeigte sich nicht. Diese Prüfung war für das Kind viel schwerer als alles andere, und es weinte bitter. Einige riefen ihm dazu noch spottend zu: „Siehst du wohl, deine Frau ist bang vor den Gendarmen.“

 

X.

Als das Kind zu Hause ankam, frug der Vater, warum es so lange ausgeblieben war, und in aller Einfalt erzählte es, was geschehen war.

 

„Und du sagst, dass eine unsichtbare Macht dich gegen deinen Willen mitgenommen habe?“

 

„JA“, antwortete das Kind.

 

„Das muss wahr sein“, sagten die Eltern sich, „denn Bernadette hat noch nie gelogen. Und jetzt“, so sagte der Vater, „jetzt verbiete ich dir nicht mehr, zur Grotte zu gehen.“

 

Der Kommissar hatte aber vernommen, dass Bernadette trotz seines Verbotes wieder zur Grotte gegangen war; er ließ daher den Vater mit dem Kind zu sich kommen und versuchte sie von neuem von dem Besuch der Grotte abzuschrecken. Diesmal erwiderte der Vater aber ganz energisch:

 

„Herr Jakomet, Bernadette hat noch nie gelogen, und wenn der liebe Gott, die Mutter Gottes oder ein Heiliger sie ruft, dürfen wir ihr nicht verbieten zu folgen. Der liebe Gott könnte uns dafür strafen.“

 

„Das sind nur Märchen“, antwortete der Kommissar, „und wenn das Mädchen noch zur Grotte geht und das Volk beunruhigt, werde ich euch beide zu strafen wissen.“

 

„MEIN GOTT“, rief Bernadette aus, „ICH GEHE ALLEIN DORTHIN, UM ZU BETEN, ICH RUFE NIEMAND, UND WENN DORT MENSCHEN KOMMEN, IST DAS DOCH NICHT MEINE SCHULD. DAS KOMMT DAHER, DASS MAN GESAGT HAT, ES SEI DIE MUTTER GOTTES, DIE DORT ERSCHEINE; ICH HABE DAS ABER NIE GESAGT.“

 

Der Kommissar begriff in der Tat sehr gut, dass das Kind nichts tue, was vor dem Gesetz strafbar wäre, und er beschloss daher, mit dem Herrn Dutour, dem Prokurator des Kaisers, die Sache zu überlegen; denn dieser hatte Bernadette am 21. Februar auch schon ausgefragt.

 

XI.

Am folgenden Tag, Dienstag, 23. Februar, war wieder vor Sonnenaufgang eine große Menge an der Grotte versammelt. Bernadette kam, und von allen Seiten rief man: „Sehet, da ist die Heilige.“ Das Kind schien nichts zu hören. Es kniete nieder, nahm seinen Rosenkranz und verneigte sich tief. Das alles geschah mit einer so ungekünstelten Einfalt, als wäre es allein in der Kirche gewesen, um seine gewöhnlichen Gebete zu verrichten. Während es still betete, lag auf dem Antlitz der Ausdruck einer heiligen, ungeduldigen Sehnsucht.

 

Plötzlich aber erhob es sich mit dem Ausdruck freudiger Bewunderung, und es schien einer andern Welt anzugehören. Seine Augen glänzten hellauf, ein himmlisches Lächeln spielte um seine Lippen, und ein außerordentlicher Liebreiz war über das ganze Wesen ausgegossen. Bernadette war nicht mehr Bernadette. Sie glich den Engeln, die der Apostel uns beschreibt, wie sie in Verzückung das himmlische Lamm anbeten.

 

Die Erscheinung rief dem Kind zu:

 

„BERNADETTE!“

 

„HIER BIN ICH“, antwortete dieses.

 

„ICH HABE DIR EIN GEHEIMNIS ANZUVERTRAUEN, ABER DU MUSST MIR VERSPRECHEN, ES NIEMAND IN DER WELT MITZUTEILEN.“

 

„ICH VERSPRECHE ES DIR“, war die Antwort.

 

Das Gespräch ging weiter, und während die Erscheinung sprach, zitterte das Kind vor Wonne und Freude.

 

„UND NUN, MEINE TOCHTER“, so sprach die Erscheinung, „gehe zu den Priestern, und sage ihnen, dass ich wünsche, man möge hier eine Kapelle bauen.“

 

Nach diesen Worten verschwand die Dame. Wohl blieb das Kind noch einige Zeit betend da, aber es war nur mehr ein ganz gewöhnliches Pyrenäenkind.

 

Man fragte das Kind, was die Dame gesagt habe, und es gab zur Antwort, dass sie ihm drei Geheimnisse zu erkennen gegeben habe, die es aber niemand mitteilen dürfe. Auch jetzt war das Kind sehr erstaunt, dass die Umstehenden das Gespräch nicht verstanden.

 

„DIE ERSCHEINUNG SPRICHT DOCH LAUT GENUG“, sagte es, „UND AUCH ICH SPRECHE WIE GEWÖHNLICH.“

 

Wohl sahen die Zuschauer, dass die Lippen des Kindes sich bewegten, aber sie konnten kein Wort vernehmen.

 

XII.

Vielleicht wird der Leser sich schon gefragt haben, was die Geistlichkeit in Lourdes dachte über das, was an der Grotte geschah.

 

Da wir Bernadette jetzt auf Befehl der Erscheinung zum Pfarrer gehen sehen, ist es an der Zeit, diese Frage zu beantworten.

 

Weder der Pfarrer der Stadt, der hochw. Herr Peyramale, noch einer der drei Herren, die ihm in der Seelsorge behilflich waren, kannten das Kind, dessen Name auf aller Lippen war. Denn erst vor vierzehn Tagen war es nach Lourdes gekommen. Der hochw. Herr Pomian, der die Kinder auf die erste heilige Kommunion vorbereiten musste, wollte das Mädchen kennen lernen, und rief es bei seinem Namen. Ein zartes, schwaches, schlecht gekleidetes Kind stand auf. Der Geistliche sah in ihm nichts Außergewöhnliches; nur dessen Einfalt und große Unwissenheit in religiösen Dingen fielen ihm auf.

 

Erst seit zwei Jahren stand der Pfarrei der hochw. Herr Peyramale vor. Dieser war ein frommer Priester mit einem gesunden Verstand und einem goldenen Herzen. Ein feuriger Eifer für die Ehre Gottes und der Religion verzehrte diesen apostolischen Mann; er war offen, nach außen hin sogar etwas schroff, und kannte in seiner Liebe für das Gute keine Schwäche. Musste ein Missbrauch ausgerottet werden, oder stand die Ehre der Religion auf dem Spiel, so schonte er niemand. Man verzieh ihm aber gerne seine unverblümte Sprache, denn er war in Lourdes bekannt als jemand, der, streng gegen sich selber, alles für andere tat, was die Liebe nur fordern konnte. Wenn man ihn mit seiner verschlissenen Soutane, seinen groben Schuhen und seinem verschossenen Hut durch die Straßen von Lourdes gehen sah, wusste jeder sehr gut, dass das für den Kleiderschrank und für den Haushalt bestimmte Geld in die Hände der Armen geflossen war. „Er kann sehr unbequem sein“, sagten sogar die Freidenker von ihm, „aber er ist mildtätig und hängt nicht an dem Geld. Trotz seiner Soutane ist er der beste Mensch von der Welt.“

 

Als er zum ersten Mal von den Erscheinungen sprechen hörte, zuckte er mit den Schultern über die vermeintlichen Märchen. Als aber seine Pfarrkinder ihn öfter aufsuchten, um seinen Rat einzuholen, musste er doch zuhören, stellte auch wohl die eine oder andere Frage, aber er gab keine Antwort, wenn man nach seiner persönlichen Meinung fragte. Nicht allein ging er selber nicht zur Grotte, sondern er verbot auch seinen Kaplänen jeden Besuch daselbst. Eines Tages rief er nämlich dieselben zu sich und sprach zu ihnen:

 

„Sie wissen, meine Herren, dass sonderbare Gerüchte verbreitet werden über sogenannte Erscheinungen in einer gewissen Grotte an der Gave. Ich weiß nicht, was wahr und was erdichtet ist in diesen Erzählungen. Was ich aber für uns Priester für sehr wichtig halte, das ist, dass wir außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen. Sind die Erscheinungen himmlischen Ursprungs, so wird der liebe Gott uns schon rufen, wenn die von ihm bestimmte Zeit gekommen ist. Sind es aber nur Täuschungen oder vom Geist der Finsternis hervorgerufen, so hat der liebe Gott unsere Hilfe nicht nötig, um den Betrug aufzudecken. Würden die Erscheinungen später für echt erklärt, so würden die Feinde des Übernatürlichen sagen, diese Entscheidung wäre von uns herbeigeführt; würden sie aber für falsch erklärt, so würden sie uns mit Recht auslachen. Es würde deshalb voreilig sein und verkehrt, wenn einer von uns zu der Grotte gehen würde.“ Daher verbot er seinen Kaplänen dieses, und so hielt die Geistlichkeit sich in kluger Vorsicht zurück, während das Volk von allen Seiten zusammenströmte. Und diese strenge Zurückhaltung machte auch sogleich dem dummen Geschwätz ein Ende, dass die ganze Geschichte von der Geistlichkeit angezettelt sei; sie bewies, dass nicht die Hand der Menschen im Spiel sei, und dass die wahre Ursache dieser Volksbewegung höher gesucht werden musste.

 

Heute nun sollte der Pfarrer das Kind selber bei sich sehen. Gerade betete er im Garten sein Brevier, als Bernadette vor ihn hintrat. Er fragte sie, wer sie sei und was sie wünsche.

 

„ICH BIN BERNADETTE SOUBIROUS“, antwortete die Kleine verlegen.

 

„Ah, bist du es“, sagte der Pfarrer, „man hört ja schöne Geschichten von dir, Kind, komm mit mir herein.“

 

Der Pfarrer war ein Herr von hoher Gestalt; er hatte ein strenges und ernstes Wesen. „OBGLEICH ER SEHR GUT IST“, sagte das Kind in seiner Einfalt, „BIN ICH DOCH BANGER VOR DEM PASTOR, ALS VOR DEN GENDARMEN.“ Aber jetzt nahm sein Gesicht einen noch strengeren Ausdruck an, was das Kind noch mehr erschreckte.

 

Als er im Zimmer war, fragte der Pfarrer, ohne dem Kind einen Stuhl anzubieten:

 

„Nun, lass sehen, was willst du?“

 

Bernadette errötete und hatte all ihre Kraft nötig, um ihre Sendung auszuführen.

 

„DIE DAME AN DER GROTTE“, sagte sie nach einigem Zögern, „GAB MIR DEN AUFTRAG, DEN PRIESTERN ZU SAGEN, DASS SIE AN DEM FELSEN VON MASSABIELLE EINE KIRCHE WÜNSCHE, UND DAZU BIN ICH HIERHIN GEKOMMEN.“

 

Der Pfarrer tat, als wisse er nichts, und sagte:

 

„Was sagst du von einer Dame an der Grotte?“

 

„ES IST EINE SCHÖNE FRAU, DIE MIR AM FELSEN VON MASSABIELLE ERSCHEINT.“

 

„Gut, aber wer ist diese Frau? Kennst du sie? Kommt sie aus Lourdes?“

 

„SIE KOMMT NICHT AUS LOURDES, UND ICH KENNE SIE NICHT.“

 

„Und nimmst du denn von jemand, den du nicht kennst, Aufträge an?“

 

„ABER, HERR PFARRER, DIE DAME AN DER GROTTE SIEHT ANDEREN FRAUEN GAR NICHT ÄHNLICH.“

 

„Was meinst du damit?“

 

„ICH MEINE, DASS SIE SCHÖN IST, WIE MAN ES, SCHEINT MIR, IM HIMMEL SEIN MÜSSE.“

 

Der Pastor zuckte wie gleichgültig die Achsel, in der Tat aber hatte er Mühe, seine innere Rührung zu unterdrücken, als er fortfuhr:

 

„Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?“

 

„JA, GEWISS, ABER DANN NEIGT SIE DAS HAUPT, LÄCHELT UND ANTWORTET NICHT.“

 

„Sie ist also stumm?“

 

„WENN SIE STUMM WÄRE, HÄTTE SIE MIR NICHT DEN AUFTRAG GEBEN KÖNNEN, ZU IHNEN ZU KOMMEN.“

 

„Nun denn, erzähle mir, wie du sie gesehen hast.“

 

Während Bernadette sprach, ließ der Pastor sie Platz nehmen; er sah sie scharf an und ließ sich nicht ein einziges Wort entgehen, aber immer mehr sah er ein, dass er eine Seele vor sich hatte, hell und klar wie der reinste Bergkristall. Nicht allein schien ihm alles, was das Kind sagte, möglich, sondern er begriff auch, dass ein so einfaches Kind keinen Begriff haben konnte von diesen Dingen, wenn es nicht in übernatürlicher Weise erleuchtet wurde. Und so schien alles den Stempel der vollkommensten Wahrheit zu tragen. Als Bernadette schwieg, war der Pfarrer fast ganz überzeugt; die Sorge für seine Herde mahnte aber zu großer Vorsicht, und er wollte daher mehr überzeugende Beweise abwarten. Darum ermahnte er Bernadette, den Erscheinungen Misstrauen entgegenzusetzen. „Du bist offenbar das Opfer einer Einbildung.“ Bernadette schwieg und neigte ehrfurchtsvoll das Haupt. Der Pfarrer aber erhob sich und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Endlich blieb er wieder vor dem Kind stehen und sprach:

 

„Jedenfalls musst du der Dame, die dich geschickt hat, sagen, dass es nicht die Art des Pfarrers von Lourdes sei, zu unterhandeln mit Personen, die er nicht kennt; dass er daher verlange, dass sie ihren Namen nenne und ihm beweise, dass dieser Name ihr zukomme. Hat deine Dame Recht auf eine Kapelle, so wird sie mich verstehen; versteht sie mich nicht, so bitte sie in meinem Namen, mich künftighin mit ihren Botschaften in Ruhe zu lassen.“

 

Ohne ein Zeichen der Gutheißung oder von Unzufriedenheit zu geben, richtete das Kind seinen klaren, unschuldigen Blick auf den Pfarrer, neigte das Haupt und ging hinaus. Der Pfarrer sah ihm nach und sprach zu sich:

 

„Das ist offenbar ein Kind der Vorsehung.“

 

XIII.

Mittwoch, den 24. Februar, fand die achte Erscheinung statt. Am frühen Morgen schon waren viele Menschen, auch aus den Nachbardörfern, an der Grotte versammelt. Bernadette kam zur gewohnten Stunde und kniete nieder. Während sie in Verzückung war, konnte man einen Zug tiefer Trauer auf ihrem Antlitz wahrnehmen; in Tränen gebadet, näherte sie sich auf den Knien und küsste wiederholt den Boden. Als sie beim wilden Rosenstrauch angekommen war, richtete sie ihre Augen fragend auf die Erscheinung, wandte sich dann zu den Anwesenden und rief dreimal: „BUßE, BUßE, BUßE!“ Es waren die Worte, die die Erscheinung ihr zugerufen hatte.

 

Schon in der sechsten Erscheinung, Sonntag, den 21. Februar, hatte die Dame Bernadette gebeten, für die Sünder zu beten. Warum jetzt wieder diese ernste Mahnung? War das das Zeichen, das der Pfarrer gewünscht hatte?

 

O, die Frau, die da erschien, würde noch große Wunder wirken, um ihre Macht zu offenbaren und ihre Liebe und ihren Wunsch, die Menschen glücklich zu machen. Aber diese mussten ihr entgegenkommen; sie waren verblendet durch die Sünde und, gleichgültig für die wahren Güter, benutzten sie die Gaben des Himmels zum eigenen Verderben. Sie wusste es, die gute, besorgte Mutter, dass „die Sünde die Völker unglücklich macht“, und dass es „dem Menschen nichts helfe, wenn er auch die ganze Welt besitzt, aber Schaden leidet an seiner Seele.“ Darum will sie alle Menschen erinnern an die Notwendigkeit der Buße, sie will uns das von vielen schon längst vergessenen Worten Jesu ins Gedächtnis zurückrufen: "Suchet vorerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugegeben werden“; sie will alle auf den Empfang ihrer Gaben vorbereiten durch die Reinigung des Herzens, durch die Zufriedenheit mit dem göttlichen Willen, auch in den Prüfungen dieses irdischen Lebens.

 

XIV.

Der folgende Tag, Donnerstag, der 25. Februar, schien in seinem Anfang ein Tag schwerer Enttäuschung für alle zu sein, die an die Echtheit der Erscheinungen glaubten, in seinem späteren Verlauf aber lieferte er einen neuen, schlagenden Beweis, dass sie wohl nicht geirrt hatte.

 

Nach einigen Minuten stillen Gebetes begab Bernadette sich zur Grotte, küsste den Boden hinter dem Rosenstrauch, dann stieg sie hinab und kam wieder in Entzückung. Nachdem sie ungefähr zwei oder drei Gesätze des Rosenkranzes gebetet hatte, erhob sie sich von neuem, schien aber unschlüssig zu sein, was sie tun solle; in ihrem Zweifel wandte sie sich zum Gave und ging zwei oder drei Schritte vorwärts. Dann sah sie sich plötzlich um, als ob sie gerufen wurde, und lauschte den Worten, die aus dem Felsen an ihr Ohr zu dringen schienen. Sie nickte bejahend und ging jetzt nicht mehr zum Gave, sondern zum Inneren der Grotte, und zwar zur linken Ecke hin. Als sie die Hälfte der kleinen Anhöhe erreicht hatte, schaute sie verwirrt umher, blickte fragend zum Felsen hinauf, neigte sich zur Erde und fing an, die Erde aufzuwühlen. Die kleine Grube füllte sich bald mit Wasser; nach einigen Augenblicken trank sie davon und wusch sich das Gesicht. Auch pflückte sie einige Kräuterblättchen ab und aß sie.

 

Die Zuschauer verstanden natürlich von alledem nichts. Als das Kind sich erhob, um sich wieder an den Ort zu begeben, wo es vorher gekniet hatte, war sein Gesicht von dem Schlamm ganz beschmutzt.

 

Bei diesem Anblick trat an die Stelle der Bewunderung ein tiefes Mitleid, und man rief aus: „Das arme Kind ist irrsinnig geworden.“ Bernadette aber schien von dem Ausruf nichts zu merken und ging ruhig an seinen Platz. Als man ihr das Gesicht abgewaschen hatte, schien sie seliger denn je, und mit einem himmlischen Lächeln fing sie von neuem an, die Erscheinung zu betrachten. Diese verschwand schließlich gegen sieben Uhr, und nun wurde das Kind von allen Seiten nach einer Erklärung seines sonderbaren Benehmens gefragt.

 

Es antwortete: „WÄHREND ICH BETETE, SAGTE DIE ERSCHEINUNG MIR: GEHE UND TRINKE UND WASCHE DICH AN DER QUELLE, UND ISS VON DEN KRÄUTERN, DIE DORT WACHSEN! DA ICH HIER NIE EINE QUELLE GESEHEN HABE, GING ICH ZUM GAVE. DIE ERSCHEINUNG RIEF MICH ABER ZURÜCK UND GAB MIR EIN ZEICHEN, ZUR GROTTE ZU GEHEN; ICH FAND ABER DA KEINE SPUR EINER QUELLE UND FING AN, ZU GRABEN. DER BODEN WURDE PLÖTZLICH FEUCHT. ICH LIESS DAS SCHMUTZIGE WASSER ERST EIN WENIG HELLER WERDEN; DANN HABE ICH DAVON GETRUNKEN UND MICH DAMIT GEWASCHEN.“

 

Große Verwirrung brachte die Nachricht vom Entstehen der Quelle bei den sogenannten Gebildeten hervor, und sie schrien laut und schrieben in ihrem Organ „Lavedan“, es sei Unsinn, was da vom Entstehen einer Quelle vom einfältigen Volk geredet werde. Was man da sieht, werden einige Wassertropfen sein vom letzten Regen, die sich da auffingen und allmählich durchrieselten. So gaben die Herren selber gegen ihren Willen Zeugnis für das große Wunder von Lourdes, die wunderbare Entstehung der Quelle. Diese wurde kräftiger, und nach einigen Tagen war der Wasserstrahl dick wie ein Kinderarm, und bis heute liefert die Quelle täglich 124000 Liter Wasser. Der Ursprung der Quelle ist also wunderbar. Aber dieses geheiligte Wasser sollte auch eine wunderbare Kraft besitzen, es sollte in Lourdes und in der ganzen Welt zahllose Wunder wirken. Schon am folgenden Tag geschah solch ein Wunder an dem blinden Bourriette.

 

Dieser war Steinhauer und fristete seit vielen Jahren ein trauriges Dasein. Als er (es war ungefähr 20 Jahre her) mit seinem Bruder in der Steingrube arbeitete, sprang in der Nähe eine schlecht geleitete Mine. Der Bruder war auf der Stelle tot; Ludwig hingegen war schwer verletzt, und man fürchtete auch für ihn das Schlimmste. Vor allem hatte die Sehkraft des rechten Auges sehr gelitten; daher konnte der arme Mann nur die gröbste Arbeit verrichten. Als er nun von der wunderbaren Quelle hörte, rief er sein Töchterchen und sprach zu diesem:

 

„Kind, gehe und hole mir von dem Wasser; ist es die seligste Jungfrau, die dort erscheint, so braucht sie nur zu wollen, um mich gesund zu machen.“

 

„Vater“, sagte das Kind zurückschreckend, „hier ist Wasser, es ist aber so schmutzig.“

 

„Das macht nichts“, antwortete er, und er fing an, zu beten.

 

Kaum hatte er aber unter innigen Gebeten seine Augen eingerieben, da entringt ein Schrei sich seiner Brust, und er zitterte am ganzen Leib. Langsam wurde es hell in dem kranken Auge, und nach einiger Zeit sieht er so genau wie damals vor seiner Krankheit.

 

An einem der nächstfolgenden Tage begegnete er dem Dr. Dozous.

 

„Ich bin gesund geworden!“, ruft er diesem zu.

 

„Das ist unmöglich“, erwiderte dieser, „das Organ selber ist verletzt. Meine Behandlung hatte nur die Absicht, Ihre Schmerzen zu lindern, das Licht konnte sie aber nie Ihren Augen wiederbringen.“

 

Dann schrieb er auf ein Stück Papier einige Worte und sagte: „Wenn Sie diesen lesen können, werde ich überzeugt sein.“

 

Bourriette sieht sich das Papier an, und mit dem Auge, das vor kurzem ganz leblos war, liest er die Worte:

 

„Bourriette hat ein unheilbares Augenleiden und wird nie gesund werden.“

 

Der Arzt war wie vom Blitz getroffen, als er den Mann die feine, undeutliche Schrift lesen hörte. Er ließ ihn von einem Professor untersuchen, aber auch dieser musste das Übernatürliche dieser Heilung feststellen.

 

Noch einige andere Heilungen fanden statt, und die Begeisterung des Volkes, aber auch der Ärger der Freidenker wuchsen beständig. Am Abend begaben Arbeiter aus den Steingruben, unter denen sich auch Bourriette befand, sich an die Arbeit, einen möglichst sicheren Weg zur Grotte herzustellen; andere setzten ein hölzernes Rinnsal an die Quelle und bauten ein Bassin, um das wunderbare Wasser darin zu sammeln.

 

XV.

Es war, als wolle der Himmel selber am folgenden Tag, dem ersten Freitag in der Fastenzeit, das Volk ermuntern, eifrig das geheiligte Wasser zu benutzen. Denn an jenem Tag wurde überall das Evangelium vorgelesen vom Schafteich in Jerusalem. Dieser war ein Wasserbassin mit fünf Hallen. In ihnen lag eine große Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Ein Engel des Herrn stieg nämlich zuzeiten in den Teich hinab, und das Wasser kam in Bewegung. Wer nun zuerst nach der Bewegung des Wassers in den Teich hinabstieg, wurde gesund, mit welcher Krankheit er auch behaftet sein mochte. Tausende würden im Lauf der Zeiten die heilende Kraft dieses von der Königin der Engel gesegneten Wassers an sich erfahren.

 

Freitag, den 26. Februar, zeigte die Erscheinung sich zum zehnten und am Sonntag zum elften Mal; bei diesen Erscheinungen fiel aber nichts Besonderes vor, ebensowenig bei der zwölften, am 28. Februar, und der dreizehnten, am 1. März; bei der letzten waren ungefähr 2000 Menschen zugegen.

 

XVI.

Am Dienstag, den 2. März, fand die vierzehnte Erscheinung statt. Als die Verzückung vorüber war, konnte man es dem Kind ansehen, dass es über etwas nachgrübele. Auch der Tante, die bei ihm war, fiel das auf, und sie fragte, was das bedeute. Traurig gab das Kind zur Antwort:

 

„ICH BIN IN DER TAT IN VERLEGENHEIT, DA DIE ERSCHEINUNG MIR WIEDER DEN AUFTRAG GEGEBEN HAT, ZUM HERRN PFARRER ZU GEHEN, UND IHM ZU SAGEN, DASS SIE EINE KAPELLE WÜNSCHE.“

 

Das Kind bat die Tante, sie möge mitgehen zum Pfarrer, was diese auch tat. Der Empfang war auch dieses Mal sehr kühl.

 

„So“, fragte der Pfarrer, „was kommst du mir erzählen? Hat die Dame gesprochen?“

 

„JA, HERR PFARRER“, antwortete das Kind, „UND SIE WIEDERHOLTE, WAS SIE SCHON GESAGT HAT, DASS SIE EINE KAPELLE WÜNSCHE, UND SIE HAT HINZUGEFÜGT: ICH WILL, DASS MAN IN PROZESSIONEN HIERHER KOMME.“

 

Jetzt konnte der Pfarrer sich nicht halten. Er sollte eine Prozession einrichten zum Felsen von Massabielle, und das auf seine eigene Autorität!

 

„Deine letzten Worte beweisen, dass die Dame eine unwissende Person ist; sonst müsste sie wissen, dass ein Pfarrer keine Prozession einführen kann, dass das Sache des Bischofs ist.“

 

„ABER“, erwiderte das Kind, „SIE HAT AUCH NICHT GESAGT, DASS DIE PROZESSION JETZT SCHON GEHALTEN WERDEN MÜSSE. ICH HABE SOGAR VERSTANDEN, DASS SIE VON DER ZUKUNFT SPRECHE.“

 

Diese Antwort verblüffte den Pfarrer, und staunend schaute er auf das sonderbare Kind, das trotz seiner Einfalt in seinen Antworten so schlagfertig war. Doch da er dem Gespräch ein Ende machen wollte, sagte er:

 

„Sage der Erscheinung in meinem Namen, sie möge in Gegenwart der Menge den Rosenstrauch blühen lassen, auf dem sie steht. Dann werde ich deinen Worten Glauben schenken und dich zur Grotte begleiten.“

 

Der Pfarrer vergaß, dass Gott sich vom Menschen keine Vorschriften machen lasse; er wirkt Wunder, aber nur, wenn es ihm gefällt. Inzwischen hielt der Pfarrer es aber doch für ratsam, den hochwürdigsten Herrn Bischof seiner Diözese (Tarbes) von allem in Kenntnis zu setzen. Dieser riet, die größte Vorsicht anzuwenden, bestätigte das Verbot des Pfarrers von Lourdes bezüglich der Grotte und dehnte es auf alle Priester seiner Diözese aus.

 

XVII.

Am 3. März betete Bernadette lange Zeit vor der Grotte. Es fand aber keine Erscheinung statt.

 

Der 4. März war der letzte der vierzehn Tage; allgemein erwartete man irgendein glänzendes Wunder. Daher strömten schon während der Nacht von allen Seiten die Menschen zusammen, so dass man ihre Zahl auf ungefähr 20 000 schätzte. Welch ein Schauspiel an jenem Ort, wo sonst fast nie ein Mensch gesehen wurde! Eine solche Menge lärmt, weint und ruft und drängt sich zum Felsen hin, um das wunderbare Schauspiel aus nächster Nähe beobachten zu können. Da kommt Bernadette, schlicht in ihrer Kleidung, schlicht in ihrem ganzen Benehmen, und scheint auch jetzt nicht wahrzunehmen, wie bei ihrem Erscheinen alles ruft: „Da ist die Heilige!“ – wie alle Häupter voll Ehrfurcht entblößt werden, wie eine außergewöhnliche Erregung sich des ganzen Volkes bemächtigt hatte. Kaum hatte das Kind sich hingekniet, als schon die himmlischen Strahlen der Entzückung sein Antlitz zu verklären begannen. Auch jetzt bat das Kind, die Erscheinung möge ihren Namen angeben; die Stunde war aber noch nicht gekommen. Die Dame lächelte auch jetzt wieder auf die Frage des Kindes, gab aber keine Antwort.

 

XVIII.

Von den vielen Heilungen, die in diesen Tagen stattfanden, wollen wir nur eine erwähnen.

 

Das zweijährige Söhnlein der Eheleute Bouhohorts, Justinus, lag am Nachmittag des 4. März sterbend in seiner Wiege. Das Kind war von Geburt an gelähmt, und das Fieber verzehrte jetzt seine letzten Kräfte.

 

„Ich gehe zur Jungfrau!“ rief plötzlich die Mutter in ihrer Verzweiflung.

 

Ihr Mann versuchte sie zurückzuhalten; denn die Todesfarbe überzog bereits des Kindes Antlitz. Plötzlich aber reißt die Mutter das sterbende Kind aus seiner Wiege und rennt die Straße hinunter mit dem Ruf: „Die Jungfrau der Grotte wird ihn heilen!“ Herzzerreißend ist ihr Rufen um die Hilfe Mariens, und die, die sie sehen, halten sie für irrsinnig. An der Grotte angekommen, nimmt sie ihr Kind, macht das heilige Kreuzzeichen über das Kind und über sich und taucht den Jungen bis an den Hals in das eiskalte Wasser. Ein Schrei des Entsetzens steigt auf aus der Menge, und von allen Seiten stürzt man herbei, um die Frau zurückzuhalten. Diese aber scheint taub zu sein, ein Bild des Schmerzes, des innigsten Gebetes und des lebendigen Glaubens.

 

„Lasst sie nur“, sagen andere, „das Kind ist ja tot, und die Frau ist wahnsinnig vor Schmerz.“

 

„Nein, es ist nicht tot“, ruft sie, „die heilige Jungfrau wird es heilen!“ – und sie hält das arme Kind über eine Viertelstunde in dem Wasser.

 

Zu Hause legt sie es wieder in seine Wiege; in größter Spannung horcht sie, und hört das Kind ruhig atmen; das belebt ihren Mut. Sie ruft ihren Mann; und er freut sich über den ruhigen Schlaf des Kindes.

 

Der Junge schlief ruhig bis zum folgenden Morgen; die Mutter aber schlief keinen Augenblick. Sie saß an der Wiege und horchte und blickte jeden Augenblick auf ihren Liebling. Am frühen Morgen erwachte das Kind, verlangte Nahrung und wollte dann aus seiner Wiege heraus. Die Mutter konnte aber jetzt nicht an eine Heilung glauben, und das Kind blieb an jenem Tag in seiner Wiege.

 

Den nächsten Tag mussten die Eltern heraus. Bei ihrer Rückkehr sehen sie das Kind durch as Zimmer laufen. Sprachlos vor freudigem Erstaunen falten sie die Händchen des Kindes, und aus ihren dankbaren Herzen steigt ein Gebet empor zum Thron der Mutter der Barmherzigkeit.

 

Das Kind wuchs heran in Gesundheit und Kraft, und bei der feierlichen Prozession der wunderbar Geheilten am 23. August des Jubeljahres 1908 eröffnete Justinus Bouhohorts, eine Fahne tragend, den Zug.

 

XIX.

Seit dem letzten der vierzehn Tage war Bernadette noch oft zur Grotte gegangen, aber erst am 24. März vernahm sie in ihrem Inneren jene geheimnisvolle Stimme, die sie mit unwiderstehlicher Gewalt dorthin zog.

 

Am frühen Morgen des Festes Mariä Verkündigung, dem 25. März, ging sie an den ihr so teuren Ort. Sie war voll frohen Mutes und voll Sehnsucht, denn seit zwanzig Tagen hatte sie die Erscheinung nicht mehr gesehen. Sie beeilte sich, und dennoch ist bei ihrer Ankunft die Dame schon da und erwartet sie.

 

„NACHDEM ICH MIT IHR ÜBER ALLES GESPROCHEN HATTE, WAS MEIN HERZ ERFÜLLTE“, sagte das Kind, „NAHM ICH MEINEN ROSENKRANZ; WÄHREND ICH BETETE, DRÄNGTE SICH ABER IMMER WIEDER DER WUNSCH AUF, IHREN NAMEN ZU ERFAHREN. ICH BEFÜRCHTETE ABER, ICH MÖCHTE DURCH DIE WIEDERHOLUNG MEINER FRAGE LÄSTIG WERDEN, ZUMAL DA SIE BIS JETZT IMMER UNBEANTWORTET BLIEB. ABER DER WUNSCH, DENNOCH DEN NAMEN ZU ERFAHREN, VERFOLGTE MICH SO BEHARRLICH, DASS ICH KAUM ETWAS ANDERES ZU DENKEN VERMOCHTE.“

 

Als das Kind endlich die Frage gestellt hatte, neigte die Erscheinung wieder das Haupt, lächelte, gab aber auch jetzt keine Antwort. Das Kind fragte zum zweiten Mal:

 

„O LIEBE DAME, SEI SO GUT, MIR ZU SAGEN, WER DU BIST UND WIE DU HEISSEST.“

 

Die Erscheinung schien noch mehr zu strahlen und noch innigere Freude zu verkosten, aber die Antwort blieb aus.

 

Bernadette hielt aber an und wiederholte noch einmal ihre Bitte.

 

Die Erscheinung schien noch mehr in die selige Glorie versenkt und noch demütiger dem unendlichen Gott dafür zu danken, während sie noch eine kleine Weile das Stillschweigen bewahrte. Endlich aber senkte sie langsam ihre Arme, öffnete beide Hände und stand, wie sie auf der wunderbaren Medaille abgebildet ist. Dann faltete sie die Hände wieder, erhob sie bis zur Brust, hob ihre Augen mit dem Ausdruck des innigsten Dankes gegen Himmel und sprach mit zitternder, ziemlich leiser Stimme:

 

„ICH BIN DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS.“

 

Nach diesen Worten verschwand die Erscheinung, und das Kind stand wie die andern vor einem kahlen Felsen; aber das Geheimnis der Grotte war jetzt enthüllt.

 

Die kleine Hirtin aber hörte diese Worte zum ersten Mal, und sie dieselben nicht kannte noch verstand, hatte sie große Mühe, sie zu behalten.

 

„ICH WIEDERHOLTE AUF DEM GANZEN WEG IMMER DIESE WORTE“, sagte sie, „DAMIT ICH SIE NICHT VERGESSEN MÖCHTE, UND BEI JEDEM SCHRITT SAGTE ICH IMMER WIEDER „UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS“, DA ICH DEM HERRN PFARRER DIE WORTE DER ERSCHEINUNG MITTEILEN WOLLTE, DAMIT DIE KAPELLE ERBAUT WÜRDE.“

 

Sie traf den Pfarrer vor der Kirche. Er hatte bereits vernommen, dass die Erscheinung ihren Namen offenbart hatte. Er richtete daher gleich an das Kind die Frage:

 

„Ist es also die allerseligste Jungfrau, die du siehst?“

 

„ICH GLAUBE ES NICHT, HERR PASTOR, ES IST DIE UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS.“

 

Der Pfarrer erbleichte bei diesen Worten, und mit zitternder Stimme sprach er:

 

„Wer hat dir dieses Wort gesagt?“

 

„DIE DAME.“

 

„Hast du es früher nie gehört?“

 

„NEIN, HERR PASTOR.“

 

„Gehe jetzt! Ich muss allein sein; komme morgen nach der Heiligen Messe zurück.“

 

Und Bernadette ging. Der Pfarrer aber war jetzt noch mehr von der Echtheit der Erscheinungen überzeugt. Einmal hatte er verlangt, die Erscheinung möge ihren Namen offenbaren und durch ein Wunder beweisen, dass ihr jener Name gebühre. Und Maria, die das Schwache auserwählt, um das Starke zu überzeugen, schickt ihrem Diener ein armes, ungebildetes Kind, sie offenbart ihm ihren Namen – sonst nichts – und der Pfarrer ist überzeugt.

 

XX.

Sechzehnmal war die unbefleckte Jungfrau der Bernadette erschienen. Noch zweimal wollte sie ihr auserwähltes Kind besuchen.

 

Mittwoch nach Ostern, den 7. April, erschien Maria wieder, und auch bei dieser Gelegenheit ereignete sich eine wunderbare Begebenheit, die schon öfter wahrgenommen worden war.

 

Bernadette betete kniend den Rosenkranz, den sie in der linken Hand hielt, während sie mit der rechten eine brennende Kerze hielt. Da die seligste Jungfrau ihr erschien, geriet sie wie immer beim Anblick ihrer unbefleckten Schönheit in Verzückung; unwillkürlich faltete sie die Hände und erhob dieselben ehrfurchtsvoll bis an das Ende der brennenden Kerze. Die Flamme spielte nun zwischen ihren Fingern, schoss darüber hinaus und wurde vom Wind hin und her bewegt, so dass sie immer wieder die Haut berührte, und man von allen Seiten rief: „Sie verbrennt sich ja!“ Trotzdem empfand Bernadette nicht den geringsten Schmerz und konnte nachher an der Hand nichts verspüren. Dr. Dozous beobachtete genau den Vorgang. Er zog seine Uhr hervor und konnte nun feststellen, dass er eine Viertelstunde lang währte. Als das Kind zu sich gekommen war, untersuchte der Arzt ihre Hand, konnte aber nichts daran feststellen. Er fuhr nun mit der brennenden Kerze mehrmals eben unter die linke Hand des Kindes. Dieses zog aber die Hand jedesmal rasch zurück mit den Worten: „Sie verbrennen mich!“

 

XXI.

Der Polizeikommissar und der Prokurator des Kaisers hatten, wie wir schon sahen, Bernadette am Sonntag, den 21. Februar, vernommen und sie bewegen wollen, nicht mehr zur Grotte zu gehen. Als das Kind trotz dieser Mahnungen und Drohungen dennoch immer dorthin ging, vermutete der Kommissar, dass das Kind von den armen Eltern in eigennütziger Absicht dazu ermuntert werde, und er ließ deshalb das Kind und das Haus sorgfältig überwachen. Er musste aber hören, wie man allgemein darüber staune, dass weder Bernadette noch die Eltern jemals auch nur das geringste Geschenk annehmen wollten. Man erzählte – und der Kommissar wusste vielleicht schon mehr davon –, ein Fremder, scheinbar von Mitleid über die schreckliche Armut der Familie gerührt, habe eine mit Goldstücken gefüllte Börse auf die Tafel gelegt. Das Kind aber habe sehr unwillig das Geld zurückgewiesen. „Wir wollen nichts, mein Herr; nehmen sie das zurück!“ Und wie der Besucher auch immer sprach, er musste sein Geld zurücknehmen.

 

Der Kommissar wandte sich nun zu wiederholten Malen an den Präfekten des Departements, Baron Massy, der anfangs über die vermeintlichen Kindermärchen mit den Schultern zuckte.

 

Wohl wurden der Fels und die Höhle nach allen Seiten untersucht, ob nicht doch eine ganz natürliche Erklärung der Erscheinungen gefunden werden konnte. Auch wurde das Kind von geheimen Agenten des Kommissars auf allerhand Weisen untersucht und ausgeforscht, aber die kleine ungebildete Hirtin brachte alle, auch die Geschicktesten und Schlauesten, durch ihre Einfalt und die Klarheit und Bestimmtheit ihrer Antworten in Verlegenheit. So scheiterte also alles, sowohl das Anbieten von Geschenken, als die genauesten Prüfungen und die schlau berechneten Verhöre.

 

Als nun aber der Kultusminister am 10. März den Präfekten von Tarbes um Aufklärung bat über das, was er in den Zeitungen über die Vorgänge in Lourdes gelesen hatte, musste Baron Massy die Sache doch näher untersuchen. Auch er fand nichts in dem Verhalten des Kindes, was straffällig sein könnte vor dem Gesetz; da er aber auch kein Verständnis hatte für das Übernatürliche in den Erscheinungen, beauftragte er den Bürgermeister von Lourdes, Lacadé, das Kind ärztlich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Obgleich die Doktoren nicht die geringste Störung wahrnehmen konnten und nichts fanden, was eine Einsperrung hätte rechtfertigen können, wollte der Präfekt sich dennoch in dem Sinn entschließen; nur das feste, energische Auftreten des Pfarrers konnte dieses ganz unberechtigte Vorgehen verhindern.

 

„Der Präfekt kann keinen einzigen Grund zur Gefangennahme des Kindes angeben!“ hatte Pfarrer Peyramale gesagt, und er fügte hinzu:

 

„Als Priester liegt mir die Sorge für alle, vor allem für die Schwachen ob, und darum würde ich das Kind auch gegen den Präfekten sogar mit eigener Lebensgefahr verteidigen. Ich kenne die Pflicht, die der gute Hirte zu erfüllen hat; sagen Sie daher dem Herrn Massy, dass seine Gendarmen mich auf der Schwelle der Wohnung der Soubirous treffen werden, und dass sie über meinen Leichnam werden hinschreiten müssen, bevor sie dem Kind auch nur ein Haar krümmen werden.“

 

Der Bürgermeister kannte das Volk zu gut, um nicht zu wissen, dass es sich gegen ihn empören würde, wenn er ohne Einverständnis mit der Geistlichkeit zur Gefangennahme Bernadettes schreiten würde. Er hatte aber im stillen gehofft, diese Maßregel würde den Pfarrer wenigstens kalt und gleichgültig lassen. Wir können uns daher den Schrecken des Bürgermeisters vorstellen, als er sah, wie energisch der Pfarrer das Kind gegen den Präfekten in Schutz nahm. Jetzt weigerte auch er sich, den Befehl des Präfekten auszuführen, und der sonst so furchtsame Beamte ging sogar so weit, dass er seine Entlassung antrug, falls der Präfekt seinen Befehl ausführen würde. Da sah auch Baron Massy ein, dass das unmöglich sei.

 

Bald darauf kamen neue Verfügungen. Die Grotte solle umzäunt und der Zutritt zu ihr untersagt werden. Streng wurde es verboten, Wasser zu schöpfen, die frommen Gegenstände sollten von dort fortgenommen werden. Als diese neuen Verordnungen die Männer von Lourdes zum Widerspruch reizten, als die Schranken viermal niedergerissen wurden und man ernstliche Unruhen befürchtete, da war es wieder das ernste, feste, gemäßigte Auftreten des Pfarrers, das die Gemüter beruhigte und größeres Unheil verhütete. „Keine Gewalttätigkeiten!“ so sprach er. „Ist es Gottes Werk, so wird es schon triumphieren!“

 

In der ganzen Stadt war aber kein Mensch zu finden, der einen Wagen hätte hergeben wollen zum Transport der Gegenstände, die von frommen Leuten dort zum Dank zurückgelassen waren. Schimpfend und höhnisch lachend folgte das erbitterte Volk dem Jacomet auf seiner Wanderung durch die Stadt. Nach vielen nutzlosen Bemühungen wusste der Kommissar endlich eine alte Frau so in Schrecken zu setzen, dass sie ihm ihren Karren für dreißig Franken zur Verfügung stellte. Von seinen Polizeidienern begleitet, begab sich Jacomet nun zur Grotte. Dort standen brennende Kerzen, tausende Blumenstöcke standen am Boden, gegen die Wände hingen allerhand Schmucksachen; in einigen Körbchen glänzten Goldstücke im Wert einiger tausend Franken für den Bau der Kapelle. Alles wurde auf den Karren gelegt.

 

Als man sich aber anschickte, mit ihm die Grotte zu verlassen, da stieg ein dumpfes Murren auf aus der Menge. Jacomet konnte demgegenüber nicht taub sein; denn was konnte er in der Nähe des Gave nicht erwarten von einem Volk, das er so reizte und in seinem religiösen Empfinden so tief verletzte.

 

„Männer von Lourdes“, sprach er daher, „was ich hier ausführe, tue ich nicht in meinem Namen, es stößt mir sogar gegen die Brust. Macht mir daher keinen Vorwurf daraus; ich tue nur meine Pflicht.“

 

Bei dieser feigen Sprache stieg aber der Unwille des Volkes noch mehr, und aus der Menge rief jemand:

 

„Wir wollen keine Gewalt brauchen gegen den Mann; Gott die Rache!“

 

Gegen Abend wurde in der Stadt bekannt gemacht, dass die Gegenstände, die aus der Grotte fortgenommen wurden, zur Verfügung derjenigen ständen, denen sie gehörten und die sie zurückverlangten. Da wurde das Rathaus förmlich gestürmt; die Frauen erbeuteten alles, was vorhanden war, ob es ihnen gehörte oder nicht, und im Triumph ging es zur Grotte, wo alles wieder hingelegt wurde. Am Abend glänzte die Grotte weithin im herrlichsten, farbenreichen Licht.

 

XXII.

Inmitten all dieser Wirren und Enttäuschungen bereitete Bernadette ihr Herz vor auf den schönsten Tag ihres Lebens. Am 3. Juni empfing sie zum ersten Mal den lieben Heiland in der heiligen Kommunion.

 

An diesem Tag war es auch, wo der Gemeinderat von Lourdes beschloss, das Wasser der Grotte zum zweiten Mal untersuchen zu lassen. Der berühmte Chemiker Filhol kam dabei zu einem anderen Ergebnis, als der Apotheker Latour von Trie, der nach der ersten Untersuchung erklärte, man würde wohl vermuten dürfen, dass die medizinische Wissenschaft vielleicht bald in diesem Wasser besondere Heilkräfte finden werde. Hatte diese Erklärung schon genügt, die Gegner des Übernatürlichen mit Jubel zu erfüllen, so war ihre Enttäuschung bitter, als der berühmte Professor Filhol einfach erklärte, das Wasser könne ohne Nachteil getrunken werden, es besitze aber keine Teile, die ihm besondere Heilkräfte mitteilen könnten. Jetzt wussten die Herren, die um keinen Preis an den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen glauben wollten, gar keinen Rat mehr. Dennoch fiel es ihrem Stolz zu schwer, sich zu unterwerfen. Blind gegen alle Gründe der Vernunft, mussten sie sich schließlich einer Macht beugen, die höher stand wie sie. Dazu war die Zeit aber noch nicht gekommen.

 

Um auch ihrerseits ihr Kind bei diesen trüben Ereignissen zu trösten und zu ermuntern, erschien Maria ihm noch einmal. Es war am 16. Juli, dem Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel. Gegen Abend betete das Kind in der Pfarrkirche, als es die Stimme vernahm, die es zur Grotte hinrief. Da aber diese, wie auch das linke Ufer des Gave noch immer bewacht wurde, kniete das Kind am rechten Ufer, der Grotte gegenüber. Hier erblickte es zum achtzehnten Mal die erhabene Jungfrau, bei deren Anblick die Seraphim in Verzückung geraten. Es sollte die letzte Erscheinung sein.

 

XXIII.

Inzwischen hatte der Pfarrer dem Bischof von Tarbes, Monsignore Laurence, jeden Tag über die Ereignisse an der Grotte und in Lourdes Bericht erstattet. Er betonte aber auch, dass das Volk allmählich anfange, über den geringen Schutz zu klagen, den die geistliche Macht gegen die willkürlichen Maßregeln der weltlichen bot.

 

Der Bischof aber, der früher den Pfarrer wegen seiner weisen Vorsicht und Zurückhaltung gelobt hatte, wollte jetzt nicht voreilig zu Werke gehen, sondern selber alles gründlich untersuchen. Erst am 25. Juli, als immer mehr wunderbare Dinge sich ereigneten, wurde in allen Kirchen des Bistums Tarbes ein Hirtenschreiben vorgelesen, in dem den Gläubigen mitgeteilt wurde, dass der Bischof eine Untersuchungskommission eingesetzt habe, und die Gläubigen ermahnt werden, den Segen Gottes über die Arbeiten der Kommission zu erflehen. Diese Kommission begann ihre Arbeit aber erst nach drei Monaten, und erst nach drei Jahren legte sie ihr sorgfältig ausgearbeitetes Gutachten dem Bischof vor, der dann am 18. Januar 1862 den langersehnten Hirtenbrief, betreffend die in Lourdes vorgekommenen Erscheinungen, ausfertigte, in dem er den übernatürlichen Charakter der Erscheinungen betonte und die Verehrung der Mutter Gottes von Lourdes genehmigte.

 

XXIV.

Bis Oktober blieb die Grotte und das linke Ufer des Gave von der Polizei bewacht und blieb der Zutritt noch immer verboten. Im Herbst des Jahres 1858 kam Napoleon, wie gewöhnlich, für einige Wochen nach Biarritz; einige vornehme Personen beklagten sich nun über die Handlungsweise des Präfekten von Tarbes und sprachen über die Erregung unter dem Volk. Der Kaiser sprach kein Wort, schellte seinem Sekretär und gab ihm den Auftrag, dem Präfekten von Tarbes telegraphisch den Befehl zu erteilen, den Zaun vor der Grotte sogleich zu entfernen und dem Volk seine Freiheit zu lassen.

 

Dieses Telegramm traf den Baron Massy wie ein Blitzschlag. Jetzt musste er tun, was sein Stolz ihm bis jetzt verboten hat, er musste nachgeben und öffentlich alles widerrufen. Das brachte er aber nicht fertig, und er suchte darum einen Ausweg. Er gab dem Polizeikommissar nur die Weisung, weiter keine Wache an der Grotte zu lassen. Er hoffte, dass das Verbot dann von selber fallen würde, ohne dass es ausdrücklich zurückgenommen würde, und dass das Volk den Zaun schon bald fortreißen würde. So würde ihm ein Teil der Beschämung erspart bleiben. Aber bald sah er sich in diesen Erwartungen getäuscht; nicht ein Finger rührte sich, und so blieb alles, wie es war, nur dass der Besuch der Grotte nicht mehr bestraft wurde. Da kam aber ein zweites Telegramm und die Nachricht, einer der Minister komme nach Tarbes. Das brach allen Widerstand, und der Herr Baron musste nun wohl oder übel im Namen des Kaisers dem Bürgermeister von Lourdes befehlen, den Beschluss des 8. Juni aufzuheben und Jacomet zu beauftragen, die Pfähle, an denen das Verbot angeschlagen war, und den Zaum fortzunehmen. So wurde also am 5. Oktober der Bretterzaun fortgenommen von denen, die ihn errichtet hatten, und jeder hatte nun wieder freien Zutritt zur Grotte.

 

Groß war der Jubel des Volkes, und den ganzen Tag waren die Wege zur Grotte mit Besuchern wie besät; man sang Loblieder zu Ehren der mächtigen Jungfrau, die alle Hindernisse aus dem Weg geräumt hatte, man trank das geheiligte Wasser und wusch sich an der Quelle, und man dankte dem Himmel für die milden Gaben seiner Liebe.

 

XXV.

Kehren wir jetzt zu Bernadette zurück, und sehen wir, wie diejenige geehrt wird, die die Königin des Himmels ehren will.

 

Nach den Erscheinungen lebte sie noch 20 Jahre und blieb sie noch 8 Jahre in Lourdes. Hier konnte man sie jeden Morgen zur Schule gehen sehen mit ihrer Tasche, in der sich ein Strickstrumpf, ein A-B-C-Buch und ein Stück Brot, von dem sie an dem Tag leben sollte, befanden. Während im ganzen Land Tausende den Namen des auserwählten Kindes Mariens auf der Zunge hatten, schien es selbst nicht zu begreifen, weshalb man sich doch so mit ihrer Person beschäftigen konnte.

 

Fortwährend musste das arme Kind die Fragen der Neugierigen anhören und beantworten, was ihm bei seiner schwächlichen Gesundheit oft recht beschwerlich wurde. Zehn, ja zwanzigmal am Tag musste es immer wieder dasselbe wiederholen; aber es betrachtete sich als die Botschafterin Mariens und ihrer Liebe, und darum war ihm nichts zu viel. Zu gewissen Zeiten aber, wenn seine Kräfte erschöpft waren und das Asthma es heftig quälte, schien das Kind ganz gleichgültig.

 

Die schwerste Prüfung erwartete es aber am Ende solcher Besuche. Die Armut und das Elend der Familie Soubirous war zur Zeit der Erscheinungen immer drückender geworden, da die Eltern immer von der Arbeit abgehalten wurden. Diese Armut, die sich in den schlechten Kleidern, in den Möbeln des Hauses, in den blassen, abgemagerten Gesichtern der Kinder verriet, musste jedem Besucher auffallen und ihn zu Mitleid rühren. Gewöhnlich bot man nun dem Kind etwas an, damit es der drückenden Not seiner vielgeliebten Eltern und Geschwister abhelfen könnte. Man tat es in der besten Absicht und in der schonendsten, zartesten Weise, konnte aber das Kind oder die Eltern nie bewegen, weder von einem Laien, noch von einem Geistlichen, und wäre er noch so hochgestellt gewesen, auch nur ein Stück Brot anzunehmen. „Hätte dieses Kind reich werden wollen“, sagt Dr. Dozous, „es hätte nur die Berge von Gold anzunehmen gebraucht, die ihm von den reichsten Familien angeboten wurden.“

 

Der Gesundheitszustand der Bernadette wurde immer sorgenerregender, und die Schwestern des Spitals, in dem das Kind die erste heilige Kommunion empfangen hatte, hingen mit aufrichtiger Liebe an ihm. Darum nahmen sie es gerne als bedürftige Kranke in ihr Haus auf.

 

Trotz der sorgfältigen Pflege wurde der Zustand nach kurzer Zeit derart, dass der Rektor ihr die letzten heiligen Sakramente reichte. Die Ärzte gaben sie auf. Nachdem diese sich aber entfernt hatten, gaben die Schwestern ihr ein Löffelchen des wunderbaren Wassers der Grotte, und sogleich fühlte die Kranke sich erleichtert und geheilt.

 

Im Jahr 1862 wurde die nächste Umgebung der Grotte vom Bischof von Tarbes angekauft. Am 4. April 1864 wurde feierlich die marmorne Statue der Erscheinung eingesegnet. Ganz Lourdes hatte Festschmuck angelegt, und eine ungeheure Menge hatte sich angesammelt, um Zeuge dieser Feierlichkeit zu sein. Auch Bernadette wäre gerne beim Fest zugegen gewesen, aber dieses Glück war ihr nicht vergönnt, denn ein ernstlicher Anfall von Asthma hielt sie auf dem Krankenbett zurück, und sie litt die heftigsten Schmerzen. Die demütigste Jungfrau wollte sicher ihr auserwähltes Kind bewahren vor den Regungen der Eitelkeit. Deshalb entzog sie es dem Jubel des Volkes, das auch seinen Namen fortwährend auf den Lippen hatte.

 

XXVI.

Schon lange hatte Bernadette über die Frage ihres Berufes nachgedacht, und nach vielen, heißen Gebeten hat sie im zweiundzwanzigsten Lebensjahr um die Aufnahme bei den Schwestern von Nevers, die in Lourdes ihre Lehrerinnen und treuen Pflegerinnen gewesen waren. Am 8. Juli 1866 sollte sie zum Mutterhaus der Kongregation fahren.

 

Schwer wurde ihr der Abschied von der geliebten Familie, schwer auch der Abschied von der Grotte. Am Abend vor ihrer Abreise nach Nevers begab sie sich noch einmal mit zwei Schwestern an den heißgeliebten Ort. Dort brach sie in ein heftiges Weinen aus und reichlich flossen ihre Tränen; sie warf sich mit dem Angesicht zur Erde, und ein lauter Schrei entrang sich ihrer Brust:

 

„O MEINE MUTTER, MEINE MUTTER, WIE WERDE ICH DICH VERLASSEN KÖNNEN?“

 

Sie wollte beten, fand aber keine Worte, und die Perlen des Rosenkranzes wollten nicht durch ihre Finger gleiten. Sie näherte sich dann der Nische, wo die allerseligste Jungfrau gestanden hat, und drückte zu wiederholten Malen ihre Lippen auf den Felsen. Sie kniete nieder, konnte aber diejenige nicht mehr schauen, deren Anblick sie vordem in Verzückung gebracht hatte. Als die Schwestern ihr andeuteten, es sei Zeit, fortzugehen, sprach sie in flehendem Ton:

 

„ES IST ZUM LETZTEN MAL, GÖNNT MIR NOCH EINEN AUGENBLICK!“

 

Der Aufschub wurde noch einmal und wieder ein anderes Mal gewährt, endlich aber waren die Schwestern gezwungen, die Hand des Kindes zu nehmen und es sanft fortzuführen. Blutenden Herzens riss das Kind sich los von dem geliebten Fleckchen, wo es so Herrliches geschaut hatte und das es nun nie mehr wiedersehen würde.

 

„Aber, Bernadette, warum denn so traurig!“, sprachen die Schwestern, als das Kind sich ein wenig beruhigt hatte, „du weißt doch, dass die allerseligste Jungfrau überall bei dir ist, und dass sie dir überall eine gute Mutter sein wird.“

 

„O GEWISS, DAS WEISS ICH, SCHWESTERN“, erwiderte das Kind, „ABER IN LOURDES WAR DIE GROTTE MEIN HIMMEL.“

 

Nach einem kurzen Besuch bei ihren Eltern verließ Bernadette am folgenden Tag, acht Jahre nach den Erscheinungen, Lourdes, das sie nie mehr wiedersehen sollte.

 

Kurz nach der Abreise der Bernadette wurde die Familie von einem harten Schlag getroffen. Mutter Soubirous starb nach einer Krankheit von nur wenigen Tagen am Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Der Schmerz der Kinder war groß, der Vater aber war untröstlich, denn in seiner Gattin verlor er alles. Durch ihren lebendigen Glauben und ihren stets frischen Mut stand sie wie ein tröstender Engel an seiner Seite, und durch ihren unverdrossenen Fleiß war sie eine Stütze für seine Kinder.

 

Niemand hatte mehr Mitleid mit dem armen Mann, als Pfarrer Peyramale. Wie fast alle seine Pfarrkinder, war auch er der Überzeugung, dass die Familie Soubirous nur deshalb alle Almosen so standhaft abwies, weil die Erscheinung es so gefordert hatte, und er betete darum viel zur Mutter der Barmherzigkeit, sie möge bei der Bitterkeit und Größe des Elendes die Strengheit ihrer Befehle mäßigen. Endlich, nach langem Zögern, meinte er, die Nachricht, dass eine Mühle zum Kauf angeboten wurde, als eine Antwort des Himmels ansehen zu dürfen. Mit Gutheißung des Bischofs beschloss er, dem Vater Soubirous dieselbe anzubieten. Das geschah. Franz Soubirous nahm das Angebot dankbar an und fing jetzt wieder an, für eigene Rechnung und mit neuem Eifer sein früheres Gewerbe auszuüben. An Aufträgen mangelte es nicht, die Arbeit ging flott, und der Mangel und die trauervollen Tage hatten jetzt ein Ende. Jetzt wäre der brave Mann vollkommen glücklich gewesen, hätte die Mutter noch Zeuge der zurückkehrenden Wohlhabenheit sein können.

 

XXVII.

Bernadette war also zum Mutterhaus von Nevers abgereist.

 

Wir können uns einen kleinen Begriff bilden von der Freude, mit der die Schwestern das auserwählte Kind erwarteten. Wie herrlich würde es sein, aus dem Mund Bernadettes die Geschichte der Erscheinungen zu vernehmen. Aber würde diese allgemeine Liebe und Freude nicht eine gefährliche Klippe sein für die Demut und das Kind nicht auf eitle Gedanken bringen? Und ist es nicht die Eitelkeit, die all unsere guten Werke verdirbt und Gott den Herrn veranlasst. Seine Gnaden zurückzuziehen? Von diesem Gedanken beherrscht, entschloss sich die Oberin, ihre Freude zu verbergen und Bernadette zu empfangen, als habe sie nie etwas von ihr gehört.

 

„Sie sind also die Postulantin, die die Schwestern von Lourdes mitgebracht haben?“

 

„JA, MUTTER OBERIN.“

 

„Wie heißen Sie?“

 

„BERNADETTE SOUBIROUS.“

 

„Welche Arbeit können Sie wohl tun?“

 

„ICH WERDE WOHL NICHT VIEL ARBEIT VERRICHTEN KÖNNEN.“

 

„Aber was werden wir denn mit Ihnen anfangen?“

 

Bernadette neigte das Haupt, antwortete aber nicht.

 

„Wer hat Ihnen denn unser Haus empfohlen?“

 

„MSGR. FORCADE, BISCHOF VON NEVERS.“

 

„Nun ja, dieser gute Mann bringt wohl öfter so etwas fertig. Wir wollen jetzt aber in den Speisesaal gehen, da können Sie etwas zu sich nehmen. Sind Sie morgen nicht zu müde, so können Sie in die Küche gehen und den Schwestern helfen, die das Geschirr spülen.“

 

Indem die Oberin der Postulantin die niedrigsten Beschäftigungen übertrug, wollte sie deren Demut auf die Probe stellen, aber die, welche sie übernehmen musste, litt weniger darunter, als die Oberin, die sie auferlegte. Denn Bernadette suchte nicht groß zu sein in den Augen der Welt, und sie wusste, dass in den Augen Gottes der groß ist, der alles, auch das Geringfügigste, tut aus reiner Liebe zu Gott. Darum hatte sie sich auch nie gefragt, wozu man sie im Kloster verwerten würde, und so begab sie sich freudig an die ihr übertragene Arbeit.

 

Bei der Einkleidung gab man ihr den Namen Maria-Bernhard, und als die demütigste aller Schwestern lebte sie hier, bis sie im jugendlichen Alter von 35 Jahren starb.

 

Wohl fühlte Schwester Maria-Bernhard sich in der ersten Zeit etwas kräftiger, aber das war nicht von langer Dauer. An einem Abend hatte sie ein so heftiges Blutspucken, dass man das Schlimmste befürchtete. Ihre Stunde war aber noch nicht gekommen; es schien aber, dass sie der einen Gefahr nur darum entkam, um einer anderen zu verfallen. Denn das Kreuz ist immer der Anteil der Auserwählten gewesen, und an Bernadette mussten sich die Worte der allerseligsten Jungfrau bewahrheiten: „ICH WERDE DICH GLÜCKLICH MACHEN, ABER NICHT IN DIESEM, SONDERN IN DEM ANDEREN LEBEN.“ Ohne in etwa vorbereitet zu sein, erhielt sie die Nachricht von dem Ableben ihrer Mutter, und fiel darüber in eine lange Ohnmacht.

 

Schon lange war es der stille Wunsch der Schwester Maria-Bernhard gewesen, mit der Krankenpflege betraut zu werden; schon bald aber zeigte es sich, dass dieses Amt ihre Kräfte überstieg; man übertrug ihr daher die Sorge für die Kapelle, wo sie nun den größten Teil des Tages zubrachte.

 

Schon viel hatte Schwester Maria-Bernhard gelitten; es war aber, als sollten mit den Jahren auch ihre Qualen zunehmen. Asthma, Blutspucken, Gicht, Geschwülste, Bein fraß, alle Qualen schienen sich zu vereinigen, um diesen zarten Körper zugrunde zu richten. Oft fühlte sie sich sehr erschöpft, und oft fand man sie ohnmächtig am Fuß des Altares liegen.

 

Aber auch die Seele sollte teilhaben am Kreuz, das für sie bestimmt war.

 

Am 4. März 1874 starb ihr Vater, und die Nachricht davon erfüllte ihre Seele mit unbeschreiblicher Traurigkeit.

 

Bis jetzt hatte Schwester Maria-Bernhard die vollkommenste Zuversicht auf ihre zukünftige Seligkeit. Auch dieser Trost wurde ihr schließlich genommen, und bis zu ihrem Tod wurde sie von Ängsten gequält, die peinlicher sind, als alle körperlichen Leiden.

 

Trotz alledem klagte sie nie, und wenn andere zu ihr sprachen: „Aber, Bernadette, was leiden Sie doch viel“, antwortete sie mit Einfalt und lächelnd: DAS IST JA GUT FÜR DEN HIMMEL!“

 

XVIII.

Den 11. Dezember 1878 kam Schwester Maria-Bernhard wieder auf das Krankenzimmer, das sie jetzt nicht mehr verlassen sollte. Hier, im Angesicht des Todes und der Ewigkeit, erklärte und wiederholte sie in Gegenwart zweier Delegierter der hochwürdigsten Bischöfe von Tarbes und von Nevers und der Generaloberin der Kongregation, was sie als Kind gesehen und von Maria vernommen hatte. Sie war überglücklich, dass sie noch einmal erzählen durfte von den Ereignissen an dem Felsen von Massabielle, und schloss mit den Worten: „JA, ICH HABE SIE GESEHEN, ICH HABE SIE GESEHEN.“ – Es war der 12. Und 13. Dezember.

 

Jetzt konnte Schwester Maria-Bernhard sterben. Ihre Aufgabe war vollführt. Sie litt die grässlichsten Schmerzen, ihr ganzer Körper war mit Wunden bedeckt. Aber wie oft und wie innig mag sie ihre Leiden hingeopfert haben zur Vollendung des großen Werkes, das der Herr durch sie zur Ehre seiner himmlischen Mutter angefangen hat. Dass Maria jeden Tag mehr geliebt und dass ihre Liebe zu den Menschen jeden Tag mehr erkannt werde, das war seit jenen seligen Tagen in Lourdes der fromme Wunsch der Botin Mariens gewesen.

 

Endlich war das Opfer vollendet. Es war Mittwoch in der Osterwoche, 7. April 1879. Als gegen drei Uhr eine Schwester das Krankenzimmer betrat, streckte Schwester Maria-Bernhard die Hände nach ihr aus und rief:

 

„HELFEN SIE MIR, BETEN SIE FÜR MICH!“

 

Dann suchte sie wieder Kraft im Kreuz und drückte die fünf heiligen Wunden an ihre sterbenden Lippen. Ihre Augen blieben auf den Heiland gerichtet und suchten Hilfe in diesen schrecklichen, bangen Augenblicken.

 

Endlich wurde sie ruhiger, zweimal betete sie leise:

 

„HEILIGE MARIA, MUTTER GOTTES, BITTE FÜR UNS SÜNDER, JETZT UND IN DER STUNDE UNSERES TODES.“

 

Zum dritten Mal sagte sie:

 

HEILIGE MARIA, MUTTER GOTTES ...“, weiter kam sie nicht mehr, sie neigte das Haupt und gab ihre unschuldige Seele in die Hände des Schöpfers.

 

Das Begräbnis fand in großer Feierlichkeit zu Nevers statt. Die Leiche wurde in einer Kapelle auf dem Friedhof der Schwestern beigesetzt, und dann, dreißig Jahre später, hat die kirchliche Obrigkeit das Grab öffnen lassen. Sie fand den Leichnam in einem gänzlich unverwesten Zustand. Ob diese Tatsache mehr oder weniger wunderbar ist, wollen wir dem Urteil der Kirche überlassen.

 

XIX.

Wir wissen, mit welcher Sorgfalt die heilige Kirche das Leben und die einzelnen Taten derjenigen untersucht, die ein frommes, heiliges Leben geführt haben, und die der Ehre der Altäre teilhaftig werden sollen.

 

Ein Ereignis aus dem Leben der Schwester Maria-Bernhard möge hier Erwähnung finden.

 

Es war kurz vor dem Tod der Schwester. Eine Mutter hatte ihr vierjähriges gelähmtes Kindchen zur Wallfahrt nach Lourdes mitgenommen, aber ihr Wunsch, ihr Kind gesund zu sehen, war nicht in Erfüllung gegangen. Sie kam nun nach Nevers in der festen Überzeugung, dass ihr Kind geheilt werden würde, wenn Bernadette es einen Augenblick in ihren Armen tragen würde. Die Oberin wollte nichts davon wissen. Endlich aber gab sie ihre Zustimmung unter der Bedingung, dass Schwester Maria-Bernhard nichts von dem Wunsch der Mutter erfahre. Sie gehen also in den Garten, wo die Schwester still betend auf und ab geht. Diese will sich entfernen, die Oberin aber ruft sie zurück und übergibt ihr das Kind, als könne sie dann ungestörter mit der Fremden sprechen. Kaum aber hat die Mutter sich ein wenig entfernt, da wird das Kind unruhig und will zu ihr zurück. Die Schwester lässt es von ihrem Arm heruntergleiten, worauf das Kind in aller Eile zu seiner Mutter läuft. Die arme Schwester, die nicht wusste, dass das Kind gelähmt war, als die Oberin es ihr anvertraute, entschuldigt sich, aber die Oberin gibt ihr kurzweg zu verstehen, dass sie sich entfernen könne, denn sie merkt, dass die Mutter ihre Rührung nicht unterdrücken kann, und sie fürchtet, dass diese das Geheimnis verraten möchte.

 

XX.

So hat also Gott in seiner Liebe und Macht sein Werk vollendet. So hat er zu seiner Ehre den Ruhm derjenigen verkündigt, die ihm das Leben gab und durch ihm auch uns, die durch ihre Treue, ihre Liebe zu ihm und ihre Schmerzen für uns ihm eine unermessliche Ehre und Freude bereitete, und die er mit Herrlichkeit krönt dort oben im Paradies.

 

So hat der Herr sein Werk vollbracht, aber wie am siebten Tag der Schöpfung, da er ruhte von all seinen Werken, so hat er auch jetzt den Menschen empfohlen, aus den Werken seiner Allmacht Nutzen zu ziehen. Wie er Adam das Paradies anbot, damit er es bebaue und die Früchte davon genießen solle, so hat er hier eine Quelle der reichsten Gnaden und Wohltaten eröffnet, und wer demütig an dieser Quelle erscheint, wird auch jetzt das Leben schöpfen und das Heil trinken vom Herrn.

 

Und in der Tat, auch jetzt, nach mehr als hundertfünfzig Jahren, scheint unsere himmlische Mutter nicht müde zu werden, durch Tausende von Wohltaten der Seele und des Leibes ihren Kindern Dank und Freude auszusprechen für die Ehre, die ihr erwiesen, und den unfehlbaren Ausspruch des Stellvertreters Christi zu bekräftigen.

 

Jedes Jahr strömen Hunderttausende aus allen Ländern und Weltteilen dort zusammen; dort sieht man Tausende sich in christlicher Liebe und Eintracht vereinigen am Fuß derer, die aller Mutter ist und das Heil der Kranken und die Zuflucht der Sünder. Dort muss die Liebe der Kinder, die füreinander beten, auf das Mutterherz Mariens eine unwiderstehliche Gewalt ausüben. Das wissen auch die Pilger, die dort niederknieten und ihre Anliegen der Mutter empfahlen. Man sieht es ihnen an, wie ruhig und zufrieden, ja wie glücklich sie von dort hinweggehen, da sie die Überzeugung hegen, dass sie früh oder spät erhalten werden, was ihnen zum Heil ist.

 

Dort kann man sich beim lauten Jubel und den begeisterten Rufen jener Tausende und bei den stillen Bitten und vertrauensvollen Blicken so vieler armen Kranken einen schwachen Begriff bilden von dem Glück der Katholiken, die ihre himmlische Mutter lieben, dort kann man sehen, mit welcher Begeisterung und Liebe der Christ diejenige begrüßt, die wir unser Leben, unsere Süßigkeit, unsere Hoffnung nennen.

 

Ja, dieser Gnadenort ist vor allem ein sprechender Beweis der Liebe Gottes zu Maria und zu uns, ein überaus deutliches Zeichen, dass Maria uns liebt und unsere Herzen zu gewinnen weiß.

 

Darum wird jeder, der den Wunsch der lieben Mutter Gottes erfüllen konnte, sein Leben lang die Augenblicke segnen, an denen es ihm vergönnt war, zu beten an der Stelle, wo die Königin des Himmels einmal stand, wo sie so deutliche Beweise gibt ihrer mütterlichen Liebe.

 

Während der sechs Monate, in denen die großen Prozessionen nach Lourdes ziehen, werden in dem „Bureau des Constalations“ von verschiedenen Ärzten die Kranken eingehend untersucht, die meinen, einige Erleichterung und Besserung in ihren Leiden gefunden zu haben. Jeder Arzt hat das Recht, dabei gegenwärtig zu sein oder die Untersuchung selber vorzunehmen. Im Jahr 1908 waren 625 Ärzte, gläubige und ungläubige, dort anwesend, und in den sechs Monaten wurden ungefähr 200 Protokolle von Heilungen aufgestellt. Daher zählt man auch zu Tausenden diejenigen, die in Lourdes auf wunderbare Weise in Gesundheit des Leibes wiederfanden.

 

Wer aber wird sie zählen, die Tausende, die nicht imstande waren, die Wallfahrt zu machen, und denen durch den Gebrauch des geheiligten Wassers oder die einfache Anrufung Unserer Lieben Frau von Lourdes das kostbarste aller irdischen Güter wiederhergestellt wurde?

 

Wer wird sie zählen, jene Millionen, die in Leiden und Schmerzen Trost und Herzensfrieden fanden beim Besuch der geheiligten Grotte, bei der einfachen Anrufung der unbefleckten Jungfrau? Und erst am Jüngsten Tag werden wir sie sehen, die Millionen, die da einhergingen auf dem Weg des Lasters und des Verderbens, und denen die Jungfrau von Lourdes eine mächtige Retterin wurde, vielleicht in den letzten Tagen ihres Lebens.

 

Auf also zu diesem Gnadenort! Ihr alle, die ihr leidet und betrübt seid, Maria wird euch erquicken, vielleicht heilen, aber jedenfalls euch trösten und mit neuem Mut erfüllen!

 

Auf zu diesem Gnadenort! Ihr alle, die ihr trauert über jemand, den ihr liebt und der den Weg des Herrn nicht wandelt: sprecht über ihn mit derjenigen, die die Zuflucht der Sünder ist, und sie wird diese Seele retten.

 

Sie, die ein Mutterherz für alle hat, wird niemand von sich stoßen.

 

Per Mariam ad Jesum!

 

Durch Maria zu Jesus!

 

Das ist unser Wunsch für alle.

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