Lieder und Gedichte 5

 

Inhalt

 

1. Zum Schutzfest des heiligen Joseph

2. Passionslied

3. Das Stabat Mater

4. Wenn`s Abend wird

5. Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter

6. An Jesus am Kreuz

7. Herr, bleib` bei uns

8. Die Wallfahrt

9. Zur Maienkönigin

10. St. Augustin

11. Der Abend im Gebirge

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1. Zum Schutzfest des heiligen Joseph

 

 

Sankt Joseph, o sieh! will die Menschheit ein Spiel

Des bösen Verderbers werden?

Stets taumelt sie ferner dem himmlischen Ziel,

Mit Wahrheit und Glauben sie längst zerfiel

Und dünket selbst Gott sich auf Erden.

 

Was nützt der Erfolg nun, so glänzend und groß,

Der dem Erdenverstand ward beschieden? -

Was nützt er, wenn in der Verwerfung Schoß

Die Seele einst findet ihr ewiges Los,

Wo Qual ihr harret statt Frieden.

 

Und nimmer noch rastet der Frevler Schar,

In der Gläubigen Reihen zu werben. -

Du Heiliger, schütze uns immerdar,

Führ` uns auf dem Pfade, der recht ist und wahr,

Und halte uns fern das Verderben.

 

Dir, der einst das göttliche Kindlein beschirmt, 

Dir folgen wir, stark im Vertrauen;

Ob auch das Gewölk der Drangsal sich türmt,

Ob sündige Macht uns im Diesseits umstürmt:

Einst lässest du Frieden uns schauen!

 

R. Grein

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2. Passionslied

 

In jener letzten der Nächte,

Da Ich am Ölberg gebetet,

War Ich von Blutschweiß gerötet,

Goss ihn in Strömen für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich!

 

Lass es die Engel dir sagen,

Wie viele Streiche und Wunden,

An eine Säule gebunden,

Schweigend Ich litte für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Da Ich, als König verspottet,

Schmerzlich mit Dornen gekrönet,

Angespien ward und verhöhnet,

Dacht` Ich nur immer an dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Schmählich zum Tode verdammet,

Hart mit der Kreuzlast beschweret,

Blutig vom Dornkranz versehret,

Schleppt` Ich zum Berg Mich für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Ach! an das Kreuzholz geheftet,

Nägel in Armen und Beinen,

In einem Meere von Peinen

Wollte Ich sterben für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Als grimmer Speer in der Seite

Weit mir das Herz hat gespalten,

Quoll draus mit Liebesgewalten

Wasser des Lebens für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Schau all` die Striemen und Wunden,

Siehe nun, ob Ich dich liebe,

Wenn mir kein Blutströpflein bliebe,

Das Ich nicht hingab für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Sterbend noch fleht` Ich zum Vater,

Dir deine Schuld zu erlassen;

Selbst Meine Mutter dir lassen

Wollt` Ich als Mutter für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Himmel und Erde voll Schrecken

Haben den Schmerz mitempfunden,

Als in der letzten der Stunden

Ich bin verschieden für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Was blieb zu tun Mir noch übrig,

Wenn Ich aus Lieb` ohne Schranken

Selber Mich gab ohne Wanken,

Ganz Mich dahin gab für dich?

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Ward dir Genosse und Bruder,

Da Mich Maria gebare;

Täglich noch auf dem Altare

Werd` Ich auch Speise für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Wenn Ich zum Lös`geld am Kreuze

Für deine Schuld Mich gegeben,

Will Ich im ewigen Leben

Selber der Lohn sein für dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Dacht` Ich im Sterben noch deiner,

Werd` Ich im Himmel nicht minder,

Herrschend als Weltüberwinder,

Immer noch denken an dich:

Weh! und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an Mich.

 

Aus dem Italienischen von M. Diepenbrock

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3. Das Stabat Mater

 

Schaut die Mutter voller Schmerzen,

Wie sie mit zerriss`nem Herzen

An dem Kreuz des Sohnes steht;

Wie sie traurig, seufzend ringet,

Tiefes Wehe sie durchdringet,

Durch die Seel` ein Schwert ihr geht.

 

O wie bitt`rer Qualen Beute

Ward die hochgebenedeite

Mutter, die den Herrn gebar.

Wie sie zittert, wie sie zaget,

Um den Eingebornen klaget,

Der sich gibt den Leiden dar!

 

Wessen Augen kann der Zähren

Bei dem Jammer sich erwehren,

Der die Mutter Christi drückt?

Wer nicht innig sich betrüben,

Der die Mutter mit dem lieben

Sohn in solcher Not erblickt.

 

Für die Sünden Seiner Brüder

Sieht sie, ach! wie Jesu Glieder

Schwerer Geißeln Wut zerreißt;

Sieht den holden Sohn erblassen,

Trostberaubt, von Gott verlassen,

Still veratmen Seinen Geist.

 

Gib, o Mutter, Quell der Liebe,

Dass ich mich mit dir betrübe,

Mich erschüttere dein Weh!

Lass mich mit recht heißen Trieben

Meinen Gott und Heiland lieben,

Dass Er gnädig auf mich seh`!

 

Drück, o heilige, die Wunden,

Die dein Sohn für mich empfunden,

Tief in meine Seele ein!

Ach das Blut, das Er vergossen;

Ist für mich dahin geflossen,

Lass mich teilen Seine Pein.

 

Lass mich herzlich mit dir weinen,

Mich durch`s Kreuz mit Ihm vereinen,

Sterben all` mein Lebenlang!

Unterm Kreuze mit dir stehen,

Unverwandt hinauf zu sehen,

Sehn` ich mich mit Liebesdrang.

 

Lass von Christus mich nicht scheiden,

Seinem Tod und Seinen Leiden,

Ich auch schlage Wunden mir.

Jungfrau, herrlichste von allen,

Zürne nicht, lass dir gefallen,

Dass ich traure tief mit dir.

 

Gegen aller Feinde Stürmen

Lass mich Christi Kreuz beschirmen,

Seine Gnade leuchte mir!

Deckt des Grabes düstre Höhle

Meinen Leib, so nimm` die Seele,

Herr, in`s Paradies zu dir!

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4. Wenn`s Abend wird

 

Beim Aveläuten geht die Welt zur Ruh,

Ein goldener Sternenmantel deckt sie hutsam zu.

Fern rauscht das Meer ein wachsam Schlummerlied,

Ein leises Dankgeflüster durch die Lande zieht.

 

Wie ruh` ich, Gott, in dir so wohl und warm,

Viel wohler als das Kind im Mutterarm;

Selbst wenn mich Fährlichkeit und Tod umstellt,

Noch mehr mich deine Lieb` umfangen hält.

 

Mag diese schöne Welt auch einst zergeh`n

Und dieser Leib schon bald in Staub verweh`n,

Dein Lebensodem lebt und webt in mir,

Nicht zum Vergeh`n, zum Werden weilt er hier.

 

Die Sonne sank in herrlich goldener Pracht,

Ein fernes, schönes Land ist unter ihr erwacht.

Durch Grabesnacht bist du, o Herr, zum Licht gestiegen,

Dein ewig Leben wird den Tod besiegen.

 

H. I. Laris

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5. Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter

 

Sieh, bis zur Felsenspitze

Zum hohen Wolkensitze

Kam, Jungfrau, ich zu Dir;

Ob schwere Donner brausten

Und Sturmeswinde sausten:

Nicht bangen ließ ich mir.

 

Hier stimmen stille Schauer

Zu meines Herzens Trauer,

O Jungfrau süß und mild!

Frei darf ich vor Dir Reinen

Und ohne Zeugen weinen

Bei Deinem Gnadenbild.

 

Denn nimmermehr, o Hehre!

Verspottest Du die Zähre

Erpresst von tiefem Schmerz;

Nie darf sie sich entfernen,

Du hast ja leiden lernen,

Ein Schwert durchdrang Dein Herz.

 

Tief hat es Dich durchdrungen,

Du Lilie dornumrungen,

Des Paradieses Zier!

Wohl ward, o Tiefbetrübte!

Der göttliche Geliebte

Zum Myrrhenbüschlein dir.

 

Wer soll nicht mit Dir weinen,

Sieht man den ewig Reinen,

Der, Huldin! Dir entspross,

Die Liebe und das Leben,

Das Du der Welt gegeben,

Erblasst in Deinem Schoß!

 

So litt kein Herz wie Deines,

Denn nimmermehr liebt` Eines

So wie Dein Mutterherz;

Nicht blumiges Getriebe,

Schmerz krönte Deine Liebe,

Und Liebe Deinen Schmerz.

 

Nicht mehr die Süße nennen,

Die Deine Leiden kennen,

Sie nennen: Bitt`re, Dich;

Denn, ach! ein Meer von Schmerzen

Wogt tief in Deinem Herzen,

Wo jede Freude wich.

 

Die Du in Schmerz versunken,

Den bittern Kelch getrunken,

Der Leiden Myrrhensaft:

Durch Deines Herzens Wunden

Lass mild mein Herz gesunden

In neuer Liebeskraft.

 

Trost gebe mir Dein Bildnis

In dieser trüben Wildnis,

O meine Königin!

Und ob ich auch muss scheiden,

Es schweben Deine Leiden

Mir stets vor treuem Sinn!

 

Silbert

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6. An Jesus am Kreuz

 

In einer Wallfahrtskirche

 

Vor Deinem Kreuze nieder

Sink` ich, o Jesus, hier,

Schau` an die wunden Glieder,

Schau` liebend auf zu Dir:

Und aus dem frommen Bilde

Neigst Du so liebend Dich

Herab, und blickst so milde,

So zärtlich auch auf mich.

 

Wie hangst Du übergossen,

O Jesus, so mit Blut!

Es ist für mich geflossen

Dein Blut, o höchstes Gut.

Für mich hast Du gelitten,

Für mich mit Angst und Not

Am Oelberg einst gestritten,

Geopfert Dich zum Tod.

 

Und wenn ich Sünder frage:

Wer hat Dir dies getan?

O Jesus, sieh, ich klage

Mich selber reuig an.

Ich machte Solches dulden

Dich, unschuldsvolles Lamm!

Ich schlug durch meine Schulden

Dich an den Kreuzesstamm.

 

D`rum lieg` ich voll der Schmerzen,

Voll bitt`rer Reu` vor Dir,

Und wein` aus ganzem Herzen

Vor Deinem Bilde hier.

Weh mir ob meiner Sünden!

Verzeih`, Erlöser, mir,

O lass mich Gnade finden,

Verstoß mich nicht von Dir!

 

Du gibst Gefangnen wieder

Der Freiheit süßes Licht,

Die Bande fallen nieder,

Die schwere Fessel bricht.

O mache von den Ketten

Der Sünde frei auch mich!

Wer kann davon mich retten,

Geschieht es nicht durch Dich?

 

Du öffnetest den Blinden

Die Augen einst voll Huld.

Verblendet von den Sünden,

Umnachtet durch die Schuld,

Fall` ich nun bittend nieder:

O Jesus, gib auch mir

Das Licht der Seele wieder,

Und führe mich zu Dir!

 

Treib` auch aus mir den Bösen,

Wie Du so oft getan,

Und eil`, mich zu erlösen,

Ich ruf` Dich flehend an.

O Arzt für alle Wunden,

O aller Kranken Heil,

Sieh schwach und krank, voll Wunden

Mein Herz, und sei sein Heil!

 

Lass auf mich niedertauen

Dein kostbar, sühnend Blut;

Die offnen Wunden schauen

Lass mich, mein einzig Gut!

Stets will ich auf Dich sehen,

Und liebend folgen Dir.

O Jesus, hör` mein Flehen,

Und weiche nicht von mir!

 

P. Zingerle

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7. Herr, bleib` bei uns

 

Herr, bleib` bei uns, denn es will Abend werden,

Der Tag hat sich geneiget;

Schon senkt die Nacht hernieder sich auf Erden,

Und alles ruht und schweiget.

Ihr Tage und Nächte, lobet den Herrn,

Ihr Sterne des Himmels, lobet den Herrn,

Lobet und preiset Ihn hoch,

Alle ihr Werke des Herrn.

 

Herr, bleib` bei uns, denn dunkel wird`s auf Erden,

Nachttau hernieder steiget;

Müd` ist das Herz und duldet viel Beschwerden,

Wenn sich Dein Trost nicht zeiget.

Ihr tauenden Lüfte, lobet den Herrn,

Ihr Wolken des Himmels, lobet den Herrn,

Alle ihr Engel des Herrn,

Lobet und preiset den Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, dann mag es Abend werden,

Tut nur Dein Licht uns scheinen!

Der Du im Himmel wohnest und auf Erden,

Gern bleibst Du bei den Deinen.

Ihr Diener des Herrn, lobet den Herrn,

Ihr Priester des Herrn, lobet den Herrn,

Alles was lebet und liebt,

Lobet und preiset den Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, lass uns nicht zaghaft werden,

Wenn Nacht und Grau`n sich zeigen!

Du guter Hirt, Du weidest Deine Herden,

Bis sich die Schatten neigen.

Ihr Armen und Kleinen, lobet den Herrn,

Ihr Herzen voll Demut, lobet den Herrn,

Alle ihr Christen zumal,

Lobet und preiset den Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, Der einstens Dich zur Erden

Erbarmend hast geneiget,

Getragen uns`re Schmerzen und Beschwerden,

Als Bruder Dich erzeiget!

Ihr Engel und Erzengel, lobet den Herrn,

hr Cherub und Seraphim, lobet den Herrn,

Lobt eure Königin hoch,

Preiset die Mutter des Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, bis dass von dieser Erden

Wir einstens müssen scheiden;

Herr, sieh auf uns, damit wir selig werden,

Eingeh`n in Deine Freuden.

Ihr Wunder der Liebe, preiset den Herrn,

Ihr Seine Erbarmungen, preiset den Herrn,

Lobet und preiset den Herrn

An dem Altare des Herrn.

 

Herr, bleib` bei uns, denn es will Abend werden,

Der Tag hat sich geneiget!

Bei Tag und Nacht, im Himmel und auf Erden

Sich Deine Hoheit zeiget!

Dir Gott sei die Ehre, dem Vater und Sohn

Und heiligen Geiste auf himmlischen Thron,

Wie Er von Anbeginn war

Jetzo und immerdar!

 

Herr, bleib` bei uns, denn es will Abend werden,

Der Tag hat sich geneiget.

Wenn Du uns rufst hinweg von dieser Erden,

Erbebt das Herz und schweiget.

Ihr Seelen der Gerechten, lobet den Herrn,

Ihr seligen Büßer, lobet den Herrn,

Bittet, ihr Freunde des Herrn,

Bittet für mich bei dem Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, bald wird es dunkel werden,

Bald wird der Tag sich neigen,

O wollest doch, Herr Himmels und der Erden

Mir Sünder Gnad` erzeigen!

Ihr hohen Apostel, lobet den Herrn,

Ihr glorreichen Märtyrer, lobet den Herrn,

Bittet, ihr Engel des Herrn,

Bittet für mich bei dem Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, lass neuen Tag uns werden,

Wenn sich Dein Licht wird zeigen;

O wollest mild, Herr Himmels und der Erden,

Dein Antlitz zu uns neigen!

O heiligste Jungfrau, Mutter des Herrn,

O heiliger Joseph, Pfleger des Herrn,

Vielgeliebte des Herrn,

Bittet für mich bei dem Herrn!

 

Herr, bleib` bei uns, denn es will Abend werden,

Bald wird der Tag sich neigen;

Lass dem Entschlaf`nen Freud` und Friede werden,

Ihm ewig Licht sich zeigen!

Ihr Chöre der Engel, lobet den Herrn,

Ihr Chöre der Jungfrau`n, lobet den Herrn,

Seligste Mutter des Herrn,

Bittet für ihn bei dem Herrn!

 

J. E. Veith

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8. Die Wallfahrt

 

Legende

 

Ein Pilger wallt auf rauen Wegen

Im Muschelrock, mit nacktem Fuß,

Trotz steilen Felsen, Dorngehegen

Und betet still des Engels Gruß.

Und wie ihn auch mit glüh`ndem Pfeile

Die hohe Sommersonne sticht,

Er wandelt fort in frommer Eile

Und wanket und ermüdet nicht.

 

Er will vor Abend noch erreichen

Den lang ersehnten Wallfahrtsort;

Berühmt durch viele Wunderzeichen,

Thront segensvoll ein Bildnis dort.

Es ist der Hochgebenedeiten

Und Gottes, ihres Sohnes, Bild,

Seit grauen, undenkbaren Zeiten

Des ganzen Landes Schutz und Schild.

 

Erstanden ist er erst vom Bette,

Auf dem er mit dem Tode rang;

Schon war für ihn an heil`ger Stätte

Gott ausgesetzt mit Glockenklang.

Da rief er sie an, die noch allen

Geholfen, mit erstarrtem Mund;

Zu ihrem Bilde hinzuwallen

Gelobt` er ihr und ward gesund.

 

Und einen Kelch ließ er dann bilden,

Von Silber ganz, durch Künstlerhand,

Auf welchem zartgeformt und gülden

Die Königin des Himmels stand.

Zu ihren Füßen war zu lesen,

Wie er einst hoffnungslos erkrankt,

Durch ihre Fürbitt` schnell genesen,

Und ihr mit diesem Kelch gedankt.

 

Er brachte seine letzte Habe

Für dieses Kleinod freudig dar,

Und trägt nunmehr die fromme Gabe

Zu seiner Retterin Altar.

Er zieht mit brünstigen Gebeten

Durch Staub und Regen, Moor und Wald;

Den heil`gen Boden zu betreten,

Sie selbst zu schauen hofft er bald.

 

Schon siehet er, mit frohem Beben,

Fernleuchtend in der Sonne Glut,

Des Tempels Türme sich erheben,

Worin das Gnadenbildnis ruht.

Er folgt dem Glanze dieser Sterne,

Der ihm des Pfades Richtung zeigt,

Als an des Horizontes Ferne

Ein Berg von Wolken aufwärts steigt.

 

Ein Riese jetzt in grauser Schnelle,

Steht furchtbar das Gewitter da.

Erloschen ist der Zinnen Helle,

Die jubelnd schon der Pilger sah.

Der Riese schwingt die dunkeln Flügel,

Er wirft sein feuriges Geschoss

Und ringsum flammen Wald und Hügel

Und alle Stürme werden los.

 

Und wie ein Gießbach braust der Regen

Dem Pilger dumpf in`s Angesicht,

Doch kämpft der Pilger ihm entgegen

Und wanket und ermüdet nicht.

Vereinten Grimms, wie Ungeheuer,

Doch machtlos, greifen einen Mann

Der Lüfte Sturm, der Blitze Feuer,

Des Himmels dunkle Wasser an.

 

So dringt er bis zu einem Flusse,

Der, hoch vom Regen angeschwellt,

Mit mächtig tosendem Ergusse

Von Felsenwänden niederfällt.

Doch hier ergreift ihn banges Zagen,

Den Fluss hinüber führt sein Weg,

Und keine Brück` ist dort geschlagen,

Hinüber leitet nur ein Steg.

 

Behutsam drückt er seine Gabe

Noch fester an die fromme Brust. -

"Wird mir der Strom auch hier zum Grabe,

Ist Ihr mein Wille doch bewusst!"

So ruft er aus und zu ihr betend

Wagt er den Gang mit kühnem Sinn,

Den schmalen morschen Steg betretend,

Ist`s ihm, als führ` ein Engel ihn.

 

Doch hat er noch des Brettes Mitte,

Umspült von Wellen, nicht erreicht,

Als unter seinem mut`gen Schritte

Ein Pfahl des Stromes Andrang weicht.

Der alte Pfeiler bricht zusammen,

Der Pilger stürzt, die wilde Flut

Umschäumt ihn, wie ein Meer von Flammen

Erleuchtet von der Blitze Glut.

 

Schon hebt er nur noch untersinkend

Das Haupt aus nassem Grab hervor

Und hält den Silberkelch erblinkend,

Kaum noch mit matter Hand empor,

Als plötzlich ihm ein heller Schimmer

In`s halberlosch`ne Auge bricht,

So milde strahlen Blitze nimmer,

Das ist ein andres höh`res Licht.

 

Und in dem Glanze schwebt, getragen

Von Engeln, eine Königin,

Und purpurrote Wolken schlagen

Um ihre Füße spielend hin.

In ihrem Arme ruht ein Knabe,

Der sanft an ihre Brust sich drückt

Und auf den Mann und seine Gabe

Im Strome, lächelnd, niederblickt.

 

Und zu dem Pilger niederwallen

Lässt sie des Mantels goldnen Saum;

Er fasst ihn an mit Dankeslallen,

Er traut den eignen Händen kaum,

Und mit dem Kleide fortgezogen

Schwimmt er dem andern Ufer zu,

Klimmt dort hinauf und sieht die Wogen

Jetzt hinter sich in stiller Ruh.

 

Doch wie er aufwärts blickt, enthoben

Ist schon das himmlische Gesicht

Und nur der Mond noch schwebet droben

Und schaut ihm sinnig in`s Gesicht.

Er wirft sich auf dem Grase nieder,

Er dankt mit weinendem Gebet,

Doch ach! so müd sind seine Glieder,

Dass er dem Schlaf nicht widersteht.

 

Und als er aufwacht, blickt die Sonne

Schon über das Gebirg herein,

Und alles tönt und duftet Wonne

In ihrem bunten Morgenschein.

Frei wieder atmend, neu gestärket,

Erhebt der Pilgersmann das Haupt,

Doch kurz ist seine Lust, er merket

Alsbald, dass ihm der Kelch geraubt.

 

So kann ich Ihr nicht einmal danken,

Die mich in keiner Not verließ,

Die den Ertrinkenden, den Kranken

Zweimal dem Tode schon entriss!

Was ich im Sturm für sie gerettet,

Den gier`gen Fluten selbst entwand,

Das stiehlt mir, da ich sanft gebettet

Entschlafen, eines Räubers Hand.

 

So klagt er, lenkt mit schwerem Herzen

Zur Straße wieder ein und sieht

Des Domes Zinne fast mit Schmerzen,

Die hell im Morgenstrahl erglüht.

Er stößt auf eine Menschenmenge,

Mit Muschelhüten all` bedeckt;

Vielleicht hält betend im Gedränge

Sein frecher Räuber sich versteckt.

 

Und schon vernehmen sie ein Läuten,

Das nah und immer näher schallt.

Den Ruf zum Hochamt wird`s bedeuten,

Es schlägt die achte Stunde bald.

Und sehnsuchtsvoll, mit schnellem Schritte,

Ist jetzt der Flecken schon ereilt,

In dessen gnadenreicher Mitte

Die Königin des Himmels weilt.

 

In seinem Umfang steht, getragen

Von Säulen rings, das heil`ge Haus,

Aus dem hervor zwei Türme ragen

Hoch in des Himmels Blau hinaus.

Inwendig knien vor den Altären

Die Pilgerscharen, bunt gemengt;

Ja selbst bis zu den höchsten Chören,

Ist heut die Kirche voll gedrängt.

 

In diesem Dom mit ernster Miene,

Im Arme den geliebten Sohn,

Prangt, überwölbt vom Baldachine,

Die Heilige auf goldnem Thron,

Ein uralt Bild, das einst vom Himmel,

so sagt man, sich herniederließ,

Der Götzen heidnisches Gewimmel

Von ihren blut`gen Sitzen stieß.

 

Und rundum, an der Wand bezeugen

Zahllose Tafeln ihre Huld;

Abtragen wollte so ein Reigen

Geretteter des Dankes Schuld.

Besiegter Feinde Fahnen prangen

Ihr, die den Sieg dem Heere gab,

Und ihr geweihte Lampen hangen

Mit ew`gen Lichtern rings herab.

 

Und alle Fürsten, die geboten

In diesem Lande fromm und mild,

Gelobten sterbend ihre toten,

Gebrochnen Herzen diesem Bild.

In Silberurnen all zusammen

Umstehen sie den Hochaltar

Und bringen goldne Liebesflammen

Der Mutter ihres Schöpfers dar.

 

So wie der Pilger in den Tempel

Hereintritt, schüchtern um sich blickt

Und siehet ihrer Huld Exempel

In tausend Bildern ausgedrückt,

Ergreift ihn wieder bitt`re Wehmut,

Er denkt an seines Kelches Raub

Und Kniet mit andachtsvoller Demut

Unweit des Tores in den Staub.

 

Auf einmal höret er erklingen

Vom Chore heiligen Gesang,

Getragen, wie auf mächt`gen Schwingen,

Von feierlichem Orgelklang,

Indessen auf dem Hochaltare,

Der herrlich strahlt in Festespracht,

Das Opfer wird, das wunderbare,

Geheimnisvolle, dargebracht.

 

Und wie das Hochamt ist vollendet,

Die Weihrauchwolke sich verzieht,

Der Priester vom Altar sich wendet

Und alles noch stillbetend kniet,

Erhebet plötzlich auf dem Chore,

Erst leis` und schüchtern zwischen Zwei`n,

Doch bald vernehmlich jedem Ohre

Ein Streit sich über Mein und Dein.

 

Die Augen der Gemeinde wenden

Hinauf sich in neugier`ger Hast

Und sehn von beider Zänker Händen

Ein schimmerndes Metall gefasst.

Und plötzlich fällt ein Kelch hernieder,

Hinabgeschleudert mit Gewalt,

G`rad vor den Pilger, dass es wieder

Vom glatten Marmorboden hallt.

 

Es ist sein Kelch! Von Wonne trunken

Misstraut er, ob er wirklich sah,

Bleibt auf die Knie noch gesunken,

Erzählt dem Volk, was ihm geschah;

Und alles staunt in heil`ger Freude

Den Pilger an und den Pokal,

Ergreift die Räuber, fesselt beide

Und reißt sie vor das Tribunal.

 

"Wir fanden ihn am frühen Morgen

Im tiefen Schlaf, an Stromes Rand,

Der Kelch war unterm Kleid verborgen,

Und ward von uns ihm rasch entwandt.

Doch weil ihn jeder haben wollte,

Entspann sich zwischen uns ein Streit;

Damit ihn keiner haben sollte,

Warf ich ihn weg, betört von Neid." -

 

Gott hat sie selber euch entrissen,

Die Gabe, die ihr Ihm geraubt!

Jetzt trifft in Kerkers Finsternissen

Gerechte Strafe euer Haupt! -

Der Richter sagt`s, der heil`ge Becher

Wird auf den Altar hingestellt,

Und kündet Gott, dem ew`gen Rächer

Verwegnen Raubes, aller Welt.

 

Ed. von Schenk

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9. Zur Maienkönigin

 

Hab Dank, Erhabene, für all die Freud`,

Die einst durch dich wir neugeschenkt empfangen;

Der Vöglein Sang, der Blumen duft`ges Prangen,

Die Pracht, die rings der holde Mai uns beut.

 

Mit Adams Kindern hat einst die Natur,

Vom Fluch belastet, lang geseufzt, getrauert;

Auch sie hielt der Verstoßung Leid durchschauert

Und Klagelaut durchzitterte die Flur.

 

Da kamest du, von Ewigkeit ersehn,

Und schon dem sünd`gen Elternpaar verheißen;

Du kamst, des Unheils Ketten zu zerreißen,

Und ließest Glück und Frieden neu erstehn.

 

Wenn jetzt das zarte Maiengrün uns lacht,

Wenn Schönheit, Pracht und Frohsinn sich entfalten,

So preist darin das All dein huldvoll Walten

Und feiert deine Güte, deine Macht.

 

Und freudig stimmen unser Herzen ein,

Dir, o Maria, Preis und Dank zu sagen;

Mög` linder Frühlingshauch es aufwärts tragen,

Dein Segen uns dafür beschieden sein!

 

R. Grein

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10. St. Augustin

 

An dem Meeresufer ging

Augustinus eins lustwandelnd,

Mit den höchsten Gegenständen

Sich beschäftigend in Gedanken.

Was er sinnt, blieb unergründlich

In dem endlichen Verstande:

Wie in Gott ein einig Wesen

Drei Personen doch umfange.

Als er, kühn hierüber grübelnd,

Seinen Blick zur Seite wandte,

Sah er einen Knaben sitzen

Neben sich im Meeressande.

Eine Muschel in dem Händchen,

Sitzt der Knabe unverwandten

Blicks und schöpfet emsig Wasser

Aus des Meeres stillem Rande.

"Kind!" spricht Augustin, "was machst du

Hier allein am öden Strande?

Ich besorge, dass zu Hause

Dich vermissen, die Verwandten."

"Nicht umsonst," versetzt der Kleine,

"Bin ich hier; bin hergegangen,

Um das grenzenlose Meer

In dies Grübchen einzufangen."

"Spare, Kind," sprach Augustinus,

"Dir die Mühe; dein Verlangen

Ist unmöglich. Wenn du schöpftest,

Bis Jahrtausende vergangen,

Bringst du doch, das große Meer

Auszuschöpfen, nie zu Stande."

Drauf der Knabe: "Ganz wie ich,

Vater! scheint Ihr mir zu handeln,

Wenn Ihr Euch das Wesen Gottes

Zu ergründen unterfanget;

Denn so wenig ich das Meer

In dies Grübchen hier im Sande

Schöpfen kann mit meiner Muschel,

Schöpfte ich auch noch so lange, -

Werdet Ihr das ewge Wesen

Gottes, ohne Maß und Schranken,

Je erforschen, auch im kühnsten

Aufschwung sterblicher Gedanken."

Augustinus stand verwundert, 

Und demütig nun erkannte,

Dass ja Gott nicht Gott sein würde,

Wär` es jemals ganz verstanden.

Antworten wollt` er dem Kinde,

Doch er stand allein am Strande,

Seinen Blicken war`s entschwunden,

Als sie höh`re Wahrheit fanden.

Seit dem Tag hat Augustinus

So mit Mund als Schrift gestanden:

Sich`rer als Verstehn sei Glauben,

Gott sei nur von Gott verstanden.

 

M. Diepenbrock

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11. Der Abend im Gebirge

 

Glutrot malen

Abendstrahlen

Wald und Hain

Und des kahlen

Berg`s Gestein.

 

Goldne Sträuche,

Esp` und Eiche -

O wie schön

Sie im Teiche

Sich beseh`n!

 

Doch was hallte

Dort im Walde

Für ein Tritt?

Ach, der alte

Eremit!

 

Dort, wo Rüstern

Schau`rlich flüstern,

Wankt in Ruh

Er der düstern

Klause zu.

 

Aus dem tiefern

Grün der Kiefern

An dem Bach,

Ragt von Schiefern

Blau das Dach.

 

Der Kapelle

Kreuz glänzt helle,

Wie aus Gold

Ob der Zelle

Traut und hold.

 

O dort wohnen -

Fern von Thronen -

Glück und Ruh`,

Dich zu lohnen,

Tugend, du!

 

Gottes Frieden

Fühlt hienieden

Schon die Brust -

Abgeschieden

Eitler Lust.

 

Horch - das kleine,

Helle, reine

Glöcklein schallt -

Und im Haine

Wiederhallt!

 

Andacht regend,

Kummer legend,

Tönt`s mit Macht -

Sagt der Gegend

Gute Nacht.

 

Und nun schweiget

Alles - zeiget

Heiligtum;

Tauschwer neiget

Sich die Blum;

 

Heil`ge Stille,

Ach, erfülle

Auch mein Herz!

Sänft`ge, stille

Lust und Schmerz.

 

Ch. v. Schmid

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