Lieder und Gedichte 1

 

 

Kleiner Vers des hl. Felix von Cantalicio (+ 18.5.1587):

 

Jesus, meiner Liebe Schmerz!

Säume nicht, und nimm mein Herz;

Gib`s nicht mehr - zu meinem Glück -

Jetzt und ewig mir zurück!

 

 

Gruß an alle Besucher von Marianisches

 

Es suchen die Menschen so eifrig das Glück,

Durchziehen die Länder, durchziehen das Meer,

Und kommen mit trauernder Seele zurück,

Das Glück, das verlorene, sie finden´s nicht mehr!

 

Sie graben nach Reichtum, nach edlem Gestein,

Sie trachten nach Ehren, nach Können, Geschick,

Sie haschen in taumelnder Seele den Schein,

Doch nimmer das wahre, das dauernde Glück!

 

Denn wohl ist´s verborgen und steil ist der Weg,

Der führt zum wirklichen Glücke hinan.

Voll Dornen und Disteln und Steinen der Weg,

Weitab von der breiten, blumigen Bahn. –

 

Hoch oben erstrahlet im göttlichen Licht,

Am Kreuze der Heiland durchstochen das Herz,

Vom himmlischen Glücke sein Leiden und spricht,

Vom himmlischen Glücke und seligem Schmerz.

 

Wie er sich geopfert, vergossen sein Blut,

Zu retten die Lieben aus ewiger Not;

So sollen die Seinen voll heiligem Mut,

Entsagen und opfern sich bis in den Tod.

 

Sich selbst zu vergessen, dem Nächsten zur Freud

Vor Mühen und Pflichten nie scheuen zurück,

Die Armut zu lindern, zu trösten im Leid,

Das Herz zu umfassen, ist seliges Glück.

 

Wohl bitter die Schale, doch süß ist der Kern,

Die Welt ihn verachtet mit spottendem Hohn.

Die duldende Seele, sie jubelt im Herrn,

Sie opfert und erntet glückseligen Lohn.

 

Sie ziehen durch die Länder, durchschiffen das Meer,

Und kehren mit trauernder Seele zurück;

Sie haben´s verloren und finden´s nicht mehr,

Im göttlichen Herzen das himmlische Glück.

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Lobgesang auf die jungfräuliche Gottesmutter des hl. Kasimir

 

Alle Tage / sing und sage / Lob Marien, du mein Mund!

Gib, o Leier! / ihre Feier, / fromm gib ihre Hoheit kund.

 

Liebend spende, / ohne Ende, / Lobgesang der Königin!

Ewig preise / frommer Weise / ihren milden Muttersinn.

 

Alle bringet / Preis ihr, singet / ihr, der Mutter Gottes, Lob;

stets verkündet / Lieb entzündet / sie, die Gott so hoch erhob.

 

Würdig alles / Hymnenschalles / bist, beglückte Jungfrau, du!

Durch dich fanden / die Verbannten / Freiheit und des Himmels Ruh!

 

Zierlich glänzen, / Blumenkränzen / gleich, zum Trost der Kirche hier

deine Sitten, / Reden, Bitten, / deines Wandels fromme Zier.

 

Evens Fallen / schloss uns Allen / Eden zu, das sie verlor;

sie, die Treue, / schließt auf's neue / glaubend auf des Himmels Tor.

 

Evens wegen / ward der Segen / von den Menschen abgewandt;

durch Marien / kann er ziehen / auf dem Weg zum Vaterland.

 

Dessen sollen / Lob dir zollen / die Erlösten aller Zeit,

dich verehren / und vermehren / ewig deine Herrlichkeit.

 

Zwar aus meinen / nimmer reinen / Lippen strömt kein süßer Sang,

doch ich zage / nicht, und wage / laut der Harfe Feierklang.

 

Du, o Zierde! / Glanz und Würde, / Krone in der Frauenkranz,

Auserwählte, / Gottvermählte! / Über alle strahlt dein Glanz.

 

Tugendsiegel, / Sittenspiegel, / Gnadenfülle doch geweiht,

Gottes Tempel / und Exempel / jeglicher Gerechtigkeit!

 

Nie gelingen / wird's zu singen / würdig dich der Rede Flor;

keine Leier / trägt die Feier / deiner Hoheit würdig vor.

 

Vor dir bleichet, / vor dir weichet, / hochgeliebter Meeresstern!

In den blauen / Himmelsauen / der Gestirne Schimmer fern!

 

Großmut leitet, / Schöne kleidet, / Königstochter Davids ! Dich

Er, der Götter / Gott, der Retter, / dich erkor er ewiglich.

 

Er gewährte, / Hochverklärte, / neuen Flor durch dich der Welt,

denn entsiegelt / und entriegelt / ward durch dich das Himmelszelt.

 

Sieh! Gerochen / und zerbrochen / ist der Stolz der Mächtigen;

hoch erhoben / sind dort oben, / wie du sangst, die Dürftigen.

 

Heil dir, Reine ! / Da durch deine / Hand der Himmel offen ist!

Kühn bekriegtest / und besiegtest / du der alten Schlange List.

 

Durch dich, Hohe! / glänzt die frohe / Welt von neuem Licht erfreut;

deinem Blicke / weicht die Tücke / jener alten Dunkelheit.

 

Überwunden / und gebunden, / Heil`ge! Ward durch dich der Tod;

du bringst Allen, / die gefallen, / der Erlösung Morgenrot.

 

Keusch trug deine / engelreine / Hülle Gott, der Welten Glück;

unsre Ehre / führtest, Hehre! / Du, und unser Heil zurück.

 

Unversehrte! / Dir bescherte / Himmelsadel Gott schon hier;

deine Bürde / nahm die Würde / hoher Keuschheit nie von dir.

 

Du gebarest, / doch du warest / selbst als Mutter engelrein;

traulich stilltest / du, und hülltest, / die dich schuf, die Allmacht, ein.

 

Hoch entzücket / und erquicket / deiner Blüte Wohlgeruch,

die geweihte / Frucht befreite / unsre Welt von Gottes Fluch.

 

Makellose / Himmelsrose, / Keuschheitslilie, Edelstein!

Über Sonnen / in die Wonnen / führtest du der Keuschen Reih`n.

 

O gewähre / stets, du Hehre! mir der Tat und Rede Kraft;

dass an keinem / Tag in deinem / Lobgesang mein Geist erschlafft.

 

O empfehle / meine Seele, / dass sie nimmer wankt noch fällt –

deinem Sohne; / er verschone / sie im Schiffbruch dieser Welt.

 

Ach! erflehe, / dass ich sehe / einst dich in des Himmels Ruh;

dass zur Flamme / nicht verdamme / mich der Richter, wirke du!

 

Keusch zu wandeln, / fromm zu handeln, / spende Kraft mir, dass ich klug,

sanft und mäßig / unablässig / sei und redlich ohne Trug;

 

auf der Reise / lehre weise / hier mich wallen deine Huld,

einfach wandeln, / männlich handeln, / rein in Demut und Geduld;

 

Milde hegen, / Wahrheit pflegen / wie im Herzen so im Mund,

Böses wehren, / Gott verehren, / mit dem Himmel stets im Bund;

 

zu den Höhen / heimwärts sehen / in der Andacht Feierglut,

edel ringen / und bezwingen, / ob dem Himmel, Fleisch und Blut;

 

so verleihe, / dass ich weihe / ganz mein Leben deinem Sohn,

dass ich erbe, / wenn ich sterbe, / ihn, des Himmels höchsten Lohn.

 

Deine süße / Bitte gieße / Kraft und Wärme ein;

die dir dienen, / lass von ihnen / Schuld und Trübsal ferne sein.

 

Sei uns Stütze / und beschütze, / Heilige! Die Christenheit;

gib hienieden / mild uns Frieden, / dass uns Satan nie bedräut.

 

Zweig von Jesse! / Deckt einst Blässe / ob dem Tod uns das Gesicht;

dann beschütze / uns, o Stütze! / Zier der Welt, der Tiefe Licht!

 

Dann erscheine, / ewig Reine! / führe, Mutter! Hoch erfreut,

uns nach oben, / dass wir loben / Gott und dich in Ewigkeit!

 

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Lied des hl. Alphons M. Liguori zur allerseligsten Jungfrau Maria

 

Blick vom Himmelsthron, dem reinen,

O Maria! nur ein Mal,

Süße Mutter! auf die Deinen;

Nur ein einzig, einzig Mal!

 

Reget dann sich voll Erbarmen

Nicht dein Herz bei diesem Blick:

O dann wende von uns Armen

Immerhin den Blick zurück.

 

Sieh, wie Undank uns entweihte;

Wie mit Gottes Herz die Schuld,

Mit dem milden uns entzweite,

Wir verwirkten Seine Huld!

 

Willst du, dass Er mild erscheine;

O so sprich ein einzig Wort!

Du, Maria! kannst alleine

Öffnen uns des Heiles Pfort!

 

Dass er sich mit uns versöhne,

Süße, teure Mutter! sprich,

Sprich, wir seien deine Söhne!

Sieh` und schnell erbarmt Er sich.

 

Sind wir ob der Schuld, auch nimmer

Deine Söhne wert zu sein;

Wird dein Mutterherz doch immer

Voll von milder Liebe sein.

 

Breite, süße Mutter! deinen

Mantel aus, und zu umfah`n

Lass uns furchtlos dort vereinen,

Sieh uns Kinder liebreich an.

 

Teure, süße Mutter, höre:

Ruft zu dir die Andacht laut:

Rette, wer Dich liebt, erhöre,

Wer sich kindlich Dir vertraut!

 

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Das Gartenlied des hl. Martyrers Phokas, ein Gärtner

 

Duftet lieblich, zarte Blümlein!

Hebt die Kelche Himmel an;

Denn von Oben quillt der Segen,

Sonne spendet Gott und Regen,

Der so hold euch angetan.

 

Kurze Frist ward euch gegeben;

Doch in eurer Blütenzeit

Kündet ihr des Schöpfers Schöne;

Freuet still der Erde Söhne,

Selig, wer so still erfreut!

 

Weiße Lilien, rote Rosen;

Meines Heilands zartes Bild!

Er, der reinste Quell des Guten,

Wollte, ach! für mich verbluten;

Dass ich lebte, starb er mild.

 

Ewig denk ich dieser Güte;

Gib, o teurer Heiland! mir,

Dass ich gleich der Lilie sprieße,

Und mein Blut für dich vergieße,

Und erblühe nur bei Dir!

 

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Das Lied von Sankt Meinrad

 

Graf Berthold von Sulchen, der fromme Mann,

Er führt sein Söhnlein an der Hand;

"Meinrad, mein Söhnlein von fünf Jahren,

Du musst mit mir gen Reichenau fahren."

 

"Hatto, Hatto, nimm hin mein Kind,

Alle lieben Engelein mit ihm sind;

Die geistlich Zucht mag er wohl lernen,

Und mag ein Spiegel der Mönche werden."

 

Er ging zur Schul`, und ward schon früh`

Fromm und gelehrt mit geringer Müh`;

Die Weisheit kam ihm vor der Zeit,

Da ward er zu einem Priester geweiht.

 

Da schickt ihn Hatto an den Zürcher-See,

Dass er ins Klösterlein bei Jona geh`;

Bei Jona zu Oberzollingen

Da lehrt er die Mönche beten und singen.

 

Da er lange ihr Schulmeister war,

Und ihn die Brüder ehrten gar;

Tät er oft an dem Ufer stehen,

Und nach dem wilden Gebirg hinsehen.

 

Sein Gewissen zog ihn zur Wüste hin,

Zur Einsamkeit stand all sein Sinn;

Er sprach zu einem Mönch: "Mein Bruder,

Rüst uns ein Schifflein und zwei Ruder.

 

Über See zur Wildniss zur Wüstenei,

Hab` ich gehört, gut fischen sei;

Da gehn die Fischlein in den einsamen Bächen!"

"Ja Herr, mein Meister", der Mönch tät sprechen.

 

Sie fahren gen Rapperswyl über See,

Zu einer frommen Witwe sie da gehen;

"Bewahr uns die Gewand", sie zu ihr sprechen,

"Dass sie uns nicht in der Wildniss zerbrechen."

 

Sankt Meinrad und der Bruder gut,

Sie folgten wohl der Bächlein Flut:

Sie fischten hinan in dem Flüßlein Sille,

Bis in die Alp gar wild und stille.

 

"O Herr und Meister, lieber Sankt Meinrad,

Wir haben Fischlein schon mehr als satt;"

"Noch nicht genug" Meinrad da saget,

Steigt, wo der Finsterwald herraget.

 

Und da sie gegangen den dritten Tag,

Im finstern Wald eine Matte lag.

Ein Born da unter Steinen quillet,

Da hat Sankt Meinrad den Durst gestillet.

 

"Nun, lieber Bruder, nun ist`s genug,"

Gen Rapperswyl die Fisch` er trug;

Die fromme Witwe stand vor der Pforten,

Und grüßt die Möch` mit frohen Worten.

 

"Willkomm, willkomm, ihr bleibt schon lang,

"Die reißenden Tier`, die machten mir bang;"

Die Fisch`, die tät sie braten und sieden,

Die aßen sie in Gottes Frieden.

 

"Frau, hört mich an durch Gott den Herrn!"

Die Witwe sprach: "Das tu` ich gern!"

"Ein armer Priester hat das Begehren,

Sein Leben in dem Finsterwald zu verzehren.

 

Nun sprecht, ob hier ein Frommer leb`,

Der ihm ein klein Almosen gäb`!"

Sie sprach: "Ich bin allein allhier,

Ich werd ihm ein Almosenier."

 

Da tät Sankt Meinrad ihr vertrauen,

Dass er sich woll`t ein Zelle bauen;

Und kehrt nach Oberzollingen,

Tät noch ein Jahr da beten und singen.

 

Aber die Einsamkeit drängt ihn so sehr,

Er hat kein ruhig Stund da mehr;

Und eilt nach Rapperswyl zu der Frauen,

Die ließ ihm da seine Zelle bauen.

 

Am Etzel wohnt er dieses Jahr,

Viel fromme Leut`, die kamen dar;

Sein` Heiligkeit macht groß Geschrei,

Und zog da gar viel Volks herbei.

 

Solch weltlich Ehr` bracht ihm viel Schmerz,

Sein Hüttlein rückt er waldeinwärts;

Zum finstern Wald, wo das Brünnlein quillet,

Das ihm einst seinen Durst gestillet.

 

Und wie er sich das Holz abhaut,

Daraus er seine Zelle baut;

Find`t er ein Nest mit jungen Raben,

Die tät er da mit Brot erlaben.

 

Die fromm` Frau auch von Rapperswyl

Schickt ihm Almosen ein gut Teil;

So lebt er während fünfzehn Jahren,

Sein` Freund` die beiden Raben waren.

 

Von Wollrau war ein Zimmermann,

Der kam da zu dem Wald heran;

Und bat auch den Sankt Meinrad eben,

Sein Kindlein aus der Tauf zu heben.

 

Da ging Sankt Meinrad hinab in`s Land,

Dem Zimmermann zur Taufe stand;

Und kam da wieder zu viel Ehren,

Das täten zwei böse Mörder hören.

 

Peter und Reinhard dachten wohl,

Sankt Meinrads Opferstock wär` voll;

Und wie sie in den Finsterwald eintreten,

Die Raben schreien in großen Nöten.

 

Sankt Meinrad las die Mess zur Stun,

Der Herr tat ihm sein Stündlein kund;

Da betet er aus ganzer Seele,

Dass ihn der Himmel auserwähle.

 

Die Mörder schlagen an die Tür:

"Du böser Münich tret herfür;

Tu auf, gib uns dein Geld zusammen;

Sonst stecken wir dein Haus in Flammen!"

 

Im finster Wald schallt`s ganz verworr`n,

Die Raben mehren ihren Zorn;

Um ihre Häupter sie wütend kreisen,

Nach ihren Augen hacken und beißen.

 

Sankt Meinrad sanft zu ihnen tritt,

Bringt ihnen Brot und Wasser mit:

"Esst, trinkt, ihr Gäste, seid willkommen!

Dann tut, warum ihr hergekommen."

 

Der Reinhard sprach: "Warum kam ich?"

Sankt Meinrad sprach: "Zu töten mich."

Da schrien beide: "Kannst du es wissen?

So werden`s wir vollbringen müssen.

 

Nun gib dein Silber und all dein Gut!"

Da schlugen sie ihn wohl aufs Blut;

Und da sie seine Armut sahen,

Täten sie ihn zu Boden schlagen.

 

Da sprach der liebe Gottesmann:

"Ihr lieben Freund`, hört nun mich an;

Zünd mir ein Licht zu meiner Leiche,

Dann eilt, dass euch kein Feind erreiche."

 

Der Peter ging da zur Kapell,

Zu zünden da die Kerzen hell,

Die tät durch Gott von selbst entbrennen;

Die Mörder da ihr Schuld erkennen.

 

Die Kerze brennt n seiner Seit`,

Ein Wohlgeruch sich auch verbreit;

Sein` Seel tät zu dem Himmel ziehen;

Die Mörder da erschrocken fliehen.

 

Aber die frommen Raben beid`,

Die gaben ihnen bös Geleit;

Um ihre Häupter zornig kreisen,

Und ihnen Haar und Stirn zerreissen.

 

Durch Wollrau kamen sie gerennt,

Der Zimmermann die Raben kennt;

Da tät er seinen Bruder bitten,

Zu folgen ihren wilden Schritten.

 

Indess lief er in den Finsterwald,

Sucht seinen lieben Gevatter bald;

Der lag erschlagen auf grüner Heide,

Die Kerze brennt an seiner Seite.

 

Er küsst ihn auf den blutigen Mund,

Hüllt in den Mantel ihn zur Stund;

Legt weinend ihn in die Kapelle,

An seines heiligen Altars Schwelle.

 

Und eilt hinunter in das Land,

Sein Jammer allen macht bekannt;

Und schickt hinauf sein Kind und Frauen,

Nach ihrem heiligen Freund zu schauen.

 

Die Mörder fand er im Wirtshaus,

An der Schifflande zu Zürich draus;

Die Raben stießen die Fenster ein,

Und warfen um das Bier und Wein.

 

Die Mörder man ergriff und band;

Ihr Schuld, die haben sie bekannt;

Und bis hin auf den Scheiterhaufen

Die Raben sie wohl hecken und raufen.

 

Der Abt zu Reichnau als er hört,

Der fromm Sankt Meinrad sei ermördt,

Schickt auch mit Licht und Fahn viel Brüder,

Zu holen des Sankt Meinrads Glieder.

 

Und da der Leib zum Etzel kam,

Wo er gewohnt der heilige Mann;

Da war der Sarg nicht zu bewegen,

Sue mussten ihn da niederlegen.

 

Sein heilig Herz und Eingeweid

Sie da begruben zu der Zeit;

Den Leib sie dann mit Beten und Singen,

Nach Reichnau zur Kirche bringen.

 

Wo er gestorben und gelebt,

Das Kloster Einsiedeln sich erhebt;

Für fromme Pilger die Wunderquelle

Quillt dort in Sankt Meinrads Kapelle.

 

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Der heiligen Agnes Brautlied

 

Ein alter Kirchengesang

 

Den meine Seele liebt, / hat gar nicht seines Gleichen.

Drum muss auch seiner Lieb` / all` andre Liebe weichen.

Denn was an Anderen / geliebt wird oft und viel,

Besitzt mein Bräutigam / ohn` alles Maß und Ziel.

 

Liebt man, was wohlgebor`n: / Mein Freund ist hochgeboren,

Ein wahrer Gott von Gott, / obwohl dazu erkohren,

Dass er um Seine Braut, / die arme Sklavin, warb

In schlechter Knechtsgestalt, / und schmählich für sie starb.

 

Liebt man, was mächtig ist: / mein Bräut`gam ist allmächtig.

Er kann das, was er will, / er ist von Taten prächtig;

Mir fehlt bei ihm nicht Rat, / nicht Beistand oder Schutz.

Mit ihm kann ich getrost / den Feinden bieten Trutz.

 

Liebt man des Reichtums Schein: / mein Schatz hat wahre Güter,

Die schaffen sich`re Freud` / und Ruhe der Gemüter.

Ihr Abgrund wird niemals / durch Gaben ausgeleert.

Je mehr die Braut verbraucht, / je mehr wird ihr beschehrt.

 

Liebt man, was tugendreich: / mein Liebster ist die Quelle,

Da Tugend drau`s entspringt, / und sich gar rein und helle

Ohn alle Maß mitteilt / der Seel`, die Ihm vertraut,

Die in dem Glauben fest / auf Ihn ist wohlgebaut.

 

Liebt man der Schönheit Schmuck; / so kann ich kühnlich sagen,

Dass selbst der Himmel nichts / so schön hat je getragen,

Als schön mein Bräut`gam ist: / Er ist blutrot und weiß;

Trotzt wer Ihm nehmen wollt, / der Schönheit höchsten Preis.

 

Liebt man die Gegenwart: / die ist nicht stets zu haben

Von einem Menschenkind. / Damit will aber laben

Mein allerbester Freund, / als der stets bei mir bleibt,

Und allen Kummer so / von meinem Herzen treibt.

 

Liebt man auch große Ehr`: / seht, die mein Liebster giebet,

Ist unaussprechlich groß / der Seele, die Ihn liebet.

Sie, als die werte Braut, / wird Gottes liebstes Kind;

Sie ist`s, die ihren Sitz / auf Christi Throne find`.

 

Man sieht sie in dem Schmuck, / den Er ihr schenket, gehen,

Und in dem feinsten Gold / zu seiner Rechten stehen.

Die Engel ehren sie, / sie schützen ihre Ruh.

All` Kreatur ruft ihr / viel tausend Segen zu.

 

Ein solcher ist mein Freund; / und doch sind seine Gaben,

Mit welchen Er ohn` End` / mich inniglich will laben,

Und was ich davon weiß, / das ist gewiss gering.

Ein mehrers werd` ich seh`n, / wenn ich zu ihm eindring`.

 

Indes ist mir`s genug, / dass ich hab solche Schätze,

Die sich in mir vermehr`n, / je mehr ich mich ergötze

An meinem Bräutigam, / der noch viel lieber schenkt,

Als mein Gemüt und Sinn / zu nehmen jetzt gedenkt.

 

Drum soll die Liebesflamm`/ sich mehr und mehr vermehren.

Ihr stäte Glut soll dich, / mein Schönster, allzeit ehren.

Es soll mein ganzes Tun, / Mein Reden, Geh`n und Steh`n,

In das Gedenken selbst / aus reiner Lieb` escheh`n.

 

So, Jesu, will ich stets / mit Dir einher spazieren,

Und fröhlich mit der Zung / Dir rühmend jubilieren.

Wie wird mein Mund so voll / von deinem Ruhme sein,

Wenn Du dereinst mich führst / in deinen Himmel ein!

 

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Die Legende vom heiligen Georg

 

In einem See sehr groß und tief

Ein böser Drach sich sehen ließ.

 

Dem ganzen Land er Schrecken bringt,

Viel Menschen und viel Vieh verschlingt,

 

Und mit des Rachens bösem Duft

Vergiftet er ringsum die Luft.

 

Dass er nicht dringe zu der Stadt,

Beschloss man in gemeinem Rat,

 

Zwei Schaf` zu geben alle Tag`,

Um abzuwenden diese Plag.

 

Und da die Schaf` schier all` dahin,

Erdachten sie noch andern Sinn,

 

Zu geben einen Menschen dar,

Der durch das Los gewählet war.

 

Das Los ging um so lang und viel,

Wie es auf`s Königs Tochter fiel.

 

Der König sprach zu den Burgern gleich:

„Nehmt hin mein halbes Königreich!

 

Ich gebe auch an Gut und Gold,

Von Silber und Gold so viel ihr wollt.

 

Auf dass mein` Tochter, die einzig` Erb,

Noch lebe, nicht so bös verderb.“

 

Das Volk ein groß Geschrei beginnt:

„Einem andern ist auch lieb sein Kind!

 

Hältst du mit deiner Tochter nicht

Den Schluss, den du selbst aufgericht,

 

So brennen wir dich zu der Stund –

Samt deinem Palast auf den Grund.“

 

Da nun der Kön`g Ernst ersah,

Ganz leidig er zu ihnen sprach:

 

„So gebet mir doch nur acht Tag,

Dass ich der Tochter Leid beklag.“

 

Danach sprach er zur Tochter sein:

„Ach Tochter, liebste Tochter mein!

 

So muss ich dich jetzt sterben seh`n,

Und all` mein` Tag` in Trauer stehn.“

 

Da nun die Zeit verschwunden war,

Lauft bald das Volk zum Palast dar,

 

Und drohet ihm mit Schwert und Feuer,

Sie schrie`n hinauf ganz ungeheuer:

 

„Willst du um deiner Tochter Leben

Dein ganzes Volk dem Drachen geben?“

 

Da es nicht anders möchte sein,

Gab er zuletzt den Willen drein.

 

Er kleidet sie in königlich` Wat,

Mit Weinen und Klagen er sie umfaht.

 

Er sprach: „Ach weh mir armen Mann!

Was soll ich jetzt und fangen an?

 

Die Hochzeit dein war ich bedacht

Zu halten bald mit herrlicher Pracht,

 

Mit Trommeln und mit Saitenspiel,

Zu haben Lust und Freude viel.

 

Nun soll ich selbst dein junges Leben

Dem grausen Drachen übergeben.

 

Ach Gott, dass ich vor dir wär tot,

Dass ich nicht säh dein Blut so rot.“

 

Er nahm ihr weinend manchen Kuss.

Sein Töchterlein fiel ihm zu Fuss:

 

„Lebt wohl, lebt wohl, Herr Vater mein!

Gern sterb` ich, um des Volkes Pein.“

 

Der König schied mit Ach und Weh,

Man führt sein Kind zum Drachensee.

 

Als sie da saß in Trauern schwer,

Da ritt der Ritter Georg daher.

 

„O Jungfrau zart! Gib mir Bescheid,

Warum stehst du in solchem Leid?“

 

Die Jungfrau sprach: „Flieh bald von hier!

Dass du nicht sterben musst mit mir.“

 

Er sprach: „O Jungfrau! Fürcht` dich nicht,

Vielmehr mit Kurzem mich bericht:

 

Was ist`s, dass ihr allein da weint,

Ein großes Volk herum erscheint?“

 

Die Jungfrau sprach: „Ich merk` ohn` Scherz,

Ihr habt ein mannlich`s Ritter-Herz,

 

Was wollt ihr hier verderben,

Und mit mir schändlich sterben!“

 

Dann sagt sie ihm, wie hart und schwer,

Wie alle Sach ergangen wär.

 

Da sprach der edle Ritter gut:

„Getröstet seid, habt freien Mut!

 

Ich will durch Hülf von Gottes Sohn

Euch ritterlichen Beistand tun.“

 

Er bleibet fest, sie warnt ihn sehr,

Da kam der gräuliche Drach daher.

 

„Flieht, Ritter! Schont das junge Leben,

Ihr müsst sonst euern Leib drum geben.“

 

Der Ritter sitzt geschwind zu Ross,

Und eilet zu dem Drachen groß.

 

Das heil`ge Kreuz macht` er für sich

Gar christentlich und ritterlich,

 

Dann rannt er an mit seinem Spieß,

Den er tief in den Drachen stieß,

 

Dass gähling er zur Erde sank,

Und saget Gott dem Herren Dank.

 

Da sprach er zu der Jungfrau zart:

„Der Drache lässt von seiner Art.

 

Drum fürcht euch gar nicht dieses Falls,

Legt euern Gürtel ihm um den Hals.“

 

Als sie dies tät, ging er zur Stund,

Mit ihr, wie ein gezähmter Hund.

 

Er führt ihn so zur Stadt hinein,

Da flohen vor ihm groß und klein.

 

Der Ritter winket ihnen, sprach:

„Bleibt hier, und fürcht`t kein Ungemach!

 

Ich bin darum zu euch gesendt,

Dass ihr den wahren Gott erkennt.

 

Wenn ihr euch dann wollt taufen lahn,

Und Christi Glauben nehmen an,

 

So schlag ich diesen Drachen tot,

Helf euch damit aus aller Not.“

 

Alsbald kam da durch Gottes Kraft

Zur Tauf die ganze Heidenschaft.

 

Da zog der Ritter aus sein Schwert,

Und schlug den Drachen zu der Erd.

 

Der König bot dem heil`gen Mann

Viel Silber und Gold zu Ehren an.

 

Das schlug der Ritter alles aus,

Man soll`s den Armen teilen aus.

 

Als er nun bald wollt ziehen ab,

Die Lehr er noch dem König gab:

 

„Die Kirche Gottes des Herren dein,

Lass dir allzeit befohlen sein.“

 

Der König baute auch mit Fleiß,

Gott und Maria zu Lob und Preis,

 

Eine Kirche schön und herrlich groß,

Aus der ein kleiner Brunn herfloss.

 

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Gruß an das hlst. Herz-Jesu

 

Einer der volkstümlichsten Heiligen des katholischen Rheinlandes ist der selige Hermann Josef, dessen Fest auf den 7. April fällt. Schon als 12jähriger Junge trat er in das Prämonstratenserkloster Steinfeld in der Eifel, wo er bis zum hohen Alter von 90 Jahren ein Leben der Gottseligkeit führte. In den Stunden, die ihm seine Amtspflichten übrig ließen, beschäftigte er sich mit wissenschaftlichen Studien und der Abfassung erbaulicher Schriften. Unter diesen hat namentlich seine Erklärung des Hohenliedes Berühmtheit erlangt. Sie ist ein beredtes Zeugnis von des Seligen außerordentlicher Andacht zur glorreichen Himmelskönigin, in der ihn wohl wenige Heilige des Mittelalters übertroffen haben.

Gleiche Innigkeit wie seine Abhandlungen atmen seine geistlichen Lieder. Einige derselben sind leider verloren gegangen, viele aber sind, wohl beglaubigt, auf uns gekommen und wieder veröffentlicht worden. Auch ist nachgewiesen worden, dass auch der schöne Gruß an das hlst. Herz Jesu, der mit den Worten beginnt: „Summi regis cor, aveto!“ „Lass mich Gottesherz dir singen“ von diesem hochbegnadigten Sänger der göttlichen Liebe herrührt. Somit kann Deutschland sich rühmen, das weitaus älteste Herz-Jesu-Lied, das uns bekannt ist, geschaffen zu haben.

 

Gruß an das hlst. Herz-Jesu

 

Lass mich, Gottesherz, dir singen,

Frohen Herzensgruß dir bringen.

Dich voll Jubel zu umfangen,

Sehnt mein Herz sich voll Verlangen.

Lass Zwiespräch` halten mich mit dir.

 

Welche Lieb` hat dich bezwungen!

Welcher Schmerz hat dich durchdrungen,

Als du ganz dich hast enteignet

Und uns liebend zugeeignet,

Dass nicht dem Tod erlägen wir.

 

O wie bitter, ohne Milde,

War der Tod, der herzlos wilde,

Der das Heiligtum erstrebte,

Drin des Weltalls Leben lebte,

Dich treffend, Herz voll Süßigkeit.

 

Bei dem Tod, den meinetwegen

Liebevoll du nahmst entgegen,

Richt auf dich all mein Verlangen,

All mein Hoffen, all mein Bangen:

Nichts andres wünsch` ich weit und breit.

 

Durch mein Herz und meine Seele,

Voll von Sünde, Schuld und Fehle,

Möge deine Liebe dringen;

Tiefe Wunden wird sie bringen

Dem, der in Liebe dich umfängt.

 

Wasche, heile und erhelle

Und befrucht` mich mit der Quelle,

Die, der Seite einst entquollen,

Ward zum Strom, zum gnadenvollen,

Als dich die Lanze hart bedrängt.

 

Öffne dich gleich einer Rose,

Duftend aus dem Blätterschoße,

Und vereine meinem Herzen

Deinen Duft und deine Schmerzen.

Wer liebt, was muss der leiden nicht?

 

Weiß nicht, was er soll beginnen,

in Schranken nicht die Sinnen.

Hält Liebe kennt nicht Maß im Werben;

Tausendfachen Tod zu sterben,

Das scheut die echte Liebe nicht.

 

„Lebe, lebe!“ Laut ich flehe,

Meine Lieb` ich dir gestehe,

Süßes Herz! Zu meinem wende

Dich, dass dir es ganz sich spende,

Dir zugetan mit treuer Brust.

 

Dass in deiner Lieb` es lebe,

Nie in dumpfem Schlummer schwebe,

Dass zu dir es bete, weine,

Leb` in deinem Duft und Scheine,

Allzeit genießend deine Lust.

 

Herzensrose, lieblich breite

Deinem Duft in Näh` und Weite,

Öffne dich mit zarten Schwingen,

Lass zu mir den Balsam dringen,

Dass auch mein Herz sich dran erfreu`.

 

Zieh mein Herz zu deinem Herzen,

Dass, geheilt in Reueschmerzen,

Es nicht bleib` in ferner Weite;

Schließ es ein in deine Seite,

Dass es in dir sich finde neu.

 

Lass es ruhen da und weilen;

Sieh! Es möchte` dein Leben teilen;

Glühend will es dich empfinden,

Will zu dir den Eingang finden,

Dass liebevoll ich denke dein.

 

Du, die Seligkeit der Deinen,

Lass auch mich dir ganz vereinen,

Lass mich eingehen in dein Leben,

Wolle nicht mir widerstreben,

O schließe in dein Herz mich ein!

 

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Auch du gehst kalt vorüber?

 

1. Einst schritt ich an uns`rer Kirche vorbei,

Da war mir`s, als hört` ich den Liebesschrei:

Auch du gehst kalt vorüber?

 

2. Hier weil` ich in meinem Erdenhaus,

Hier teil` ich am liebsten Gnaden aus,

Und du gehst kalt vorüber?

 

3. Mich zog der Liebe Allgewalt

Herab in die schlichte Brotsgestalt,

Und du gehst kalt vorüber?

 

4. Wie dort im Kripplein, arm und klein,

So wohn` ich hier im engen Schrein,

Und du gehst kalt vorüber?

 

5. Die Reichen und die Armen kamen herzu,

Und suchten und fanden Frieden und Ruh`,

Und du gehst kalt vorüber?

 

6. Ich bin`s, der so gern bei Bedrängten geweilt,

Der viele Sünder und Sieche geheilt,

Und du gehst kalt vorüber?

 

7. Ich trug Verfolgung, Schmach und Leid,

Um dich zu beglücken in Ewigkeit,

Und du gehst kalt vorüber?

 

8. Ich litt für dich den bittersten Tod,

Um dich zu befreien von Angst und Not,

Und du gehst kalt vorüber?

 

9. Ich weile Tag und Nacht bei dir,

Um dich zu ziehen herauf zu mir,

Und du gehst kalt vorüber!

 

10. Da fiel ich nieder vor meinem Herrn

Und rief: Verzeihung, mein Heil, mein Stern!

Ich geh` nicht kalt vorüber!

 

11. Nimm heute das Versprechen von mir:

Ich komme täglich einmal zu Dir!

Ich geh` nicht kalt vorüber!

 

12. Und wenn ich von Weitem erkenne Dein Haus,

So ruf` ich, Dich begrüßend, aus:

Ich geh` nicht kalt vorüber!

 

13. Und wenn Du mich rufst in`s Heimatland,

Dann sprich, in Liebe mir zugewandt:

 

Du gingst nicht kalt vorüber!

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Der heilige Franziskus Xaverius

 

Xaver gewinnt dem Gottessohn

Wohl hundert Nationen;

Er bietet Reiche ihm zum Thron

Und Seelen an Millionen.

 

Und auf der Liebe Schnur er reiht

Der Inseln Perlenketten,

Sie sind durch Christi Blut geweiht,

Die Seelen will er retten.

 

Aus Herzensfasern ist gewebt

Das Band, das sie verschlungen!

Die Liebe ist´s, die leidend lebt,

Und die am Kreuz gerungen.

 

Und liebeswund sein Herz begehrt

Für Gott nur Seelen, Seelen!

Halb Asien hat er schon bekehrt,

Und China soll nicht fehlen!

 

Der Liebe Wunde nicht mehr heilt:

Den Kreuzzug zu beginnen,

Des Glaubens Alexander eilt -

Er will die Welt gewinnen.

 

Da hemmt der Tod des Adlers Flug,

Zum Himmel soll er fliegen:

Xaverius folgt des Herzens Zug,

Jetzt wird er ewig siegen.

 

Das Herz des Gottes Israels

Ward ihm zum Feuerwagen,

Und hat ihn über Meer und Fels

Von Land zu Land getragen.

 

Von Spanien bis nach China gab

Es ihm die Adlerschwingen,

Jetzt will es über Tod und Grab

Ihn heim zu Jesus bringen.

 

Der heilige Franziskus Xaverius wurde 1506 auf dem Schloss Xaver bei Pampelona in Spanien geboren. Er ist der Apostel Indiens und Japans. Er starb im Jahr 1552 in einer elenden Hütte auf der Insel Sancian.

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Wert der Leiden

 

Eine fromme Sage meldet,

Wie aus Krefelds Klösterlein

Einst ein Nönnchen ward gesendet,

Krankenpflegerin zu sein.

 

Liebend pflegte sie die Armen,

Gönnt sich selber keine Ruh,

Tag und Nacht ist sie geschäftig,

Bringt sie bei den Kranken zu.

 

Eines Tages, matt und müde,

Schreitet sie zur Kirche hin,

Dass den Kranken Heilung werde,

Darum beten ist ihr Sinn.

 

Am Altare kniet sie nieder,

Einsam ist´s im Heiligtum,

Nur der Schein der Gotteslampe

Sendet Dämmerlicht ringsum.

 

"Gott der Güte, Gott der Liebe,

Vater der Barmherzigkeit!

Sieh in Gnaden auf die Armen,

Nicht auf meine Sündigkeit!

 

Sieh die Not der kranken Witwe,

Sieh den Schmerz der Kinder an,

Mit der Magd auch hab Erbarmen,

Die da liegt im Fieberwahn."

 

Als das Nönnchen so gebetet,

Füllt die Kirche lichter Glanz,

Vor ihr steht der Welterlöser,

Um das Haupt den Dornenkranz.

 

Das Gesicht voll Blut, zerschlagen,

Ganz voll Wunden und entstellt

Ist der Sohn des ew´gen Gottes,

Der uns schuf, der uns erhält.

 

"Sieh, mein Kind", so sprach er liebvoll,

"Sieh den Weg zur Seligkeit;

Hier die Leiden, dort die Freuden,

Schmerz ist Saat der Ewigkeit.

 

Jene Reine, Makellose,

Die im Stalle mich gebar,

Überreich an allen Gnaden,

Auch sogleich voll Schmerz sie war.

 

Will ich vor der Sünd´ bewahren,

Will ich tilgen Sündenschuld,

Will ich Frömmigkeit belohnen,

Will ich spenden reiche Huld:

 

Sieh, da sende ich oft Leiden,

Kummer, Not und Traurigkeit;

Diese sind dann Gnadensegen,

Schätze für die Ewigkeit."

 

Und das Nönnchen voller Demut

Neiget tief zur Erde sich,

Preiset Gottes weise Künste,

Die da walten väterlich.

 

"Herr", so betet sie voll Glauben,

"Stets Dein heil´ger Will´ gescheh!

Wie in Freuden, so in Leiden,

In der Lust und in dem Weh.

 

Hier ist gut sein wie auf Tabor,

Doch es ruft mich meine Pflicht,

Segne uns, bevor wir scheiden,

Geh nicht mit uns ins Gericht."

 

Segnend war der Herr verschwunden,

Einsam war´s im Gotteshaus,

Nur vom Tabernakel strahlten

Bahnen lichten Glanzes aus.

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Das blinde Mädchen

 

O Tag des Heils, an dem zu Betlehem geboren

       Die Gottesmagd!

Es ruht der Gott, der sie zur Mutter sich erkoren,

       Auf Stroh und klagt.

 

Noch singt der Engel Chor hoch aus der Nacht, der klaren,

       Das Gloria,

Und hin zum Stalle strömt das Hirtenvolk in Scharen,

       Und kniet allda.

 

An diesem Wonnetag, so geht die fromme Kunde,

       Fand sich ein Kind,

Ein Mägdlein, hold und lieb, doch seit der ersten Stunde,

       Ach, krank und blind.

 

Das klagte: „Alles kann zur Krippe heute ziehen,

       Ich bleib´ allein.

Darfst, Mutter, du dem Kind fröhlich zu Füßen knien,

       Sitz ich und wein´!“

 

Die Mutter sprach: „Ach, klagst du so mit blassen Mienen,

       Mein Herz fast bricht!

Gern führte ich dich mit, doch wozu kann es dienen?

       Du siehst ja nicht.

 

Wie freust du morgen dich, bin ich beim Abendscheine

       Schon wieder hier!

Was alles ich dann sah, das all, du arme Kleine,

       Erzähl´ ich dir.“

 

„Wohl weiß ich längst: durch Nacht muss ich und Grauen immer

       Zu Grabe gehn;

O göttlich Angesicht, nie darf ich Deinen Schimmer,

       Den goldnen, sehn,

 

Doch gläubigen Vertrau`ns zu seinem Gott sich wenden

       Kann auch, wer blind;

Und sieht mein Auge nicht, so schau ich mit den Händen

       Das Gotteskind.“

 

Und auf die Knie sank die Ärmste, und sie klagte

       In solcher Pein,

Dass sie Erhörung fand, denn ihre Mutter sagte

       Nicht länger „nein“.

 

Und als sie kam zum Stall, wie bebte die Beglückte

       Vor Wonne da!

Christkindleins Händchen zog ans Herz die Erdentrückte,

       Und – o, sie sah!

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Der Hirtenjunge

 

Als zu Betlehem im Stalle

Lag das zarte Jesulein,

Kamen, um es anzubeten,

Viele Hirten groß und klein.

 

Unter diesen auch ein Knabe,

Gar ein armes Waisenkind,

Dieser konnt´ die Flöte blasen

Wie ein Engel süß und lind.

 

Weil er nichts zu geben hatte,

Selber Not und Hunger litt,

Nahm er zu dem Kind im Stalle

Seine kleine Flöte mit.

 

Stellt sich schüchtern in den Winkel,

Blies daselbst ein sanftes Lied,

Eine schlichte Hirtenweise,

Aus dem innersten Gemüt.

 

Und das Kindlein, dem die Träne

Erst noch aus den Äuglein rann,

Musste lächeln und sich freuen,

Als der Musikant begann.

 

Hoch entzückt, dass solch ein Spielchen

Konnt´ das Jesulein erfreu´n,

Lud Maria drauf den Knaben

Gern zum Wiederkommen ein.

 

Alle Tage kam der Kleine,

Wenn Mariens Wink ihn rief,

Spielte auf der Hirtenpfeife,

Bis das Jesuskindlein schlief.

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St. Johannes und das Würmchen

 

Johannes ging am hellen Bach

Und sah dem Lauf der Wellen nach;

Er schritt durch Gras und Blümelein

Und schaute wohl mit Liebe drein:

Wie frisch das blüht, wie hold zu sehn,

O Gott, wie ist die Welt so schön!

Die Blümlein lächeln allzumal,

Und alles grünt und quillt im Tal;

Da ist kein Kraut, da ist kein Blatt,

Das nicht Gefühl vom Leben hat;

Des Seins sich jedes Würmlein freut,

Und trüg´ es noch so schlichtes Kleid;

Denn was nur Lebensfunken hegt,

Auch Gottes Liebe in sich trägt!

Wie nun Johannes liebend sinnt,

Er ein ganz kleines Würmchen find´t,

Zwar schlicht und grau, gar klein gestalt´t,

Johannes hätt´s zertreten bald,

Da hebt er´s auf vom Boden fein

Und setzt es auf ein Blümelein

Und spricht: „O lebe, lebe nur,

Dir blüht ja auch die Frühlingsflur!“

Das Würmlein fühlt sich kaum berührt,

Als es die Segenshand verspürt;

Entbrannt von reiner Liebesglut

Es plötzlich lieblich leuchten tut;

Auch wachsen bald ihm Schwingen an,

Die tragen´s durch der Lüfte Bahn.

Durch Wipfel zieht´s bei lauer Nacht

Hell, wie ein blitzender Smaragd;

Auf Blumen liegt es weit und breit,

Wie lichte Sternlein ausgestreut.

So ruht es friedlich süß im Grün,

In Liebe wird es still verglühn.

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Die Muttergottesrosen

 

An eines klaren Bächleins Rand

Maria einst in Demut stand;

Sie wäscht ein Kleidlein weiß und fein

Für Jesus, ihren Knaben, klein,

Und sieht sich um nach sich´rer Stätte,

Wo es die Sonn´ getrocknet hätte.

 

Doch nackt war alles ringsumher,

Ein Rosenstrauch nur, kahl und leer,

Hing wild am schroffen Felsenrain;

Kein Blättlein grünt im Sonnenschein,

Kein rotes Röslein freundlich nickt,

Maria fragend zu ihm blickt:

 

"Du Armer, willst du freundlich nützen?

Willst meines Lieblings Kleidchen schützen?"

Die Holde spricht´s und hängt gewandt

Das Kleidchen auf mit zarter Hand

Und kehrt mit liebevollem Blick

Zu ihrem süßen Kind zurück.

 

Schaut seines Schlummers wonnig Glühn,

Der Wänglein zarte Rosen blühn,

Die Äuglein selig zugeschlossen,

Vom hellen Himmelsschein umgossen,

So wunderschön, wie Engel sind,

Und doch ein holdes Erdenkind;

 

Mit ird´schen Zügen ist´s geschmücket,

Doch was durch sie das Herz entzücket,

Das ist auf Erden nicht entsprossen,

Das ist ja höh´rem Licht entflossen.

Maria neigt sich liebend hin

Und flüstert mit bewegtem Sinn:

 

"O Kind, wie bist Du engelschön!

Möcht´ and´res nicht auf Erden sehn;

Was ist´s, was mir bei Dir das Herz

Erregt in Wonne und in Schmerz?

Wie bin ich neben Dir so klein,

Und doch so reich, denn Du bist mein!"

 

Noch lange stand sie betend so,

Bewacht ihr Kindlein fromm und froh,

Dann aber eilet sie geschwinde,

Ob trocken sie sein Kleidchen finde

Vom Sonnenschein, vom Windeshauch,

Zurück zu jenem Rosenstrauch.

 

Doch welch ein Wunder sie erschaut!

Dem eignen Blicke kaum sie traut,

Als ihr der dürre Strauch in Pracht

Mit Blüt´ und Duft entgegenlacht.

Die grünen Blätter sonder Zahl,

Sie wiegen sich im Sonnenstrahl,

 

Und hell, wie Morgenröte glüht,

Sind holde Röschen aufgeblüht,

Die auf den schlanken, leichten Zweigen

Sich grüßend ihr entgegenneigen.

Ein leiser, wunderbarer Hauch

Umwallet sanft den heil´gen Strauch,

 

Auf jedem Blatt ein Duft, so süß,

Als weht´ er aus dem Paradies.

Maria steht und atmet kaum,

Sie meint, es sei ein frommer Traum;

Sie nimmt mit zitternd leiser Hand

Herab das heilige Gewand.

 

Und küsst den Zweig, auf dem´s gehangen,

Mit scheuer Lust, mit frommem Bangen.

Sie kehrt zu ihrem Kind zurück,

Das schaut sie an mit hellem Blick,

Und reicht die Ärmchen ihr entgegen

Gleich einem reichen Himmelssegen.

 

Doch sie mit demutvollem Sinn

Fällt vor dem heil´gen Kindlein hin,

Und betet still den Ew´gen an,

Der Großes hat an ihr getan.

Und immer noch so hoch erhöht

Die "Muttergottesrose" steht,

 

Noch immer schwebet Duft und Glanz

Um ihren grünen Blätterkranz.

Im dunklen Wald sieht man sie stehn,

Als Frühlingswunder anzusehn,

Und selbst des Gartens Königin

Ist nicht so hold in meinem Sinn.

 

Und strömet mir auf wilden Wegen

Ihr zarter Blütenhauch entgegen,

Und seh´ ich sie so lieblich blühn,

Fühl´ ich mein Herz in Andacht glühn;

Es dünket mir der Duft so süß,

Ein Gruß aus Gottes Paradies,

 

Der Felsenklippe öder Raum

Umspielt von einem Engelstraum.

O du mein Heiland, Himmelslicht,

Das durch des Lebens Wüste bricht:

Nimm hin mein Herz, sieh´s gnädig an,

Wie du´s dem armen Strauch getan!

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Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben!

 

„Es läutet, horch, es läutet!

Wer mag so spät es sein,

Bei diesem schlimmen Wetter

Geh´, lass den Armen ein!“

 

So sprach die fromme Witwe,

Die in der Stube saß

Und mit der kleinen Rosa

Im Buch der Heil´gen las.

 

Das Mädchen eilt von dannen,

Sie war ein gutes Kind,

Fliegt mit den leichten Füßchen

Die Trepp´ hinab geschwind.

 

Ein alter Mann stand draußen,

Den Bart so weiß wie Schnee,

Demütig Einlass bittend:

„Die Kälte tut so weh!“

 

Da war auch schon die Mutter,

Zu jeder Hilf bereit;

Und nahm den armen Alten

Auf voll Barmherzigkeit.

 

„Wir haben keinen Reichtum,

Ihr müsst genügsam sein;

Es gibt nur Hafersuppe,

Doch schöpft die Liebe ein!“

 

Die Witwe eilt zum Feuer,

Er sieht so müde aus;

„Schnell, Rose, hole Wasser,

Die Löffel nimm heraus!“

 

Drauf holt sie aus dem Schranke

Das letzte frische Brot,

Den armen Mann zu stärken

In seiner bittern Not.

 

Sie schicken sich zum Mahle

Und beten alle drei;

Der Mutter und dem Kinde

Wird heut so wohl dabei.

 

Der Bettler spricht vom Glauben

Von Treu und Liebesglut,

Wie wohl es seinem Herzen

Bei guten Menschen tut.

 

Die Witwe lauscht wie trunken

Er spricht so herrlich schön,

Je seine milde Rede

Macht alles Leid vergehn.

 

Da nimmt er von dem Brote,

Das segnet seine Hand,

Und kaum war es gebrochen,

Da hat sie ihn erkannt.

 

Sie sah die Dornenkrone,

Sein bleiches Angesicht,

Sie sah die blut´gen Wunden

Verklärt im Strahlenlicht!

 

In heilig süßem Schauer

Fand sie kein einzig Wort,

Und bis sie sich gesammelt,

Da war der Bettler fort.

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Serapion

 

Ein alter Bettler kam gegangen

Zum frommen Mönch Serapion –

Und bettelte. Der Heil´ge hatte

Nichts als ein – Evangelium;

Denn selbst das Wen´ge, das ihn nähret,

Hatt´ er den Armen schon bescheret. –

Er sieht das Buch wehmütig an,

Verkauft´s und speist den armen Mann.

 

Darüber zürnt der Abt und spricht:

„Du achtest das Wort Gottes nicht!“ –

„Wohl acht´ ich´s“, spricht Serapion wider,

!Ich tue, was das heil´ge Wort

Zum Innern spricht ohn´ End´ und Rast:

Verkaufe alles, was du hast

Und teil es unter deine Brüder!“ –

 

Serapion, dessen Fest die Kirche am 23. März feiert, lebte in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts als Einsiedler in Ägypten, wo er am Anfang des fünften Jahrhunderts, nachdem er eine Reise nach Griechenland und Italien gemacht hatte, starb.

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Die heilige Juliana von Lüttich

 

O Sankt Juliana, dir huldigen wir:

Du bist der Stadt Lüttich erlesenste Zier,

Das hohe Fronleichnamsfest danken wir dir.

 

Sag an, edle Schwester! wer gab dir den Mut –

Geschmäht und verfolgt von der grimmigsten Wut –

Ein Fest anzubahnen dem würdigsten Gut?

 

„Mein Heiland, der gerne das Schwache erwählt,

Hat mich, die doch stets zu den Sündern gezählt,

Zum herrlichen Werke erst langsam gestählt.

 

Die Klausnerin Eva, als Freundin so treu,

Den Kummer verjagte, wie flüchtige Spreu,

Und riet mir, zu pilgern nach Köln ohne Scheu.

 

Bei Ursulas Grab, auf dem Märtyrerfeld

Stieg aufwärts mein Geist in die höhere Welt,

Da sah ich die Jungfrau´n im himmlischen Zelt.“

 

„Getrost, Juliana“, sprach Ursula mild,

„Mag toben der höllische Feind noch so wild,

Wir schützen dich all wie ein eherner Schild.

 

Wir werden bestürmen die göttliche Macht,

Bis du deine Aufgabe glücklich vollbracht:

Fronleichnam wird feiern die Erde mit Pracht!“

 

„Habt Dank, edle Jungfrau´n!“ die Nonne drauf spricht,

„Mein elendes Wesen, es werde zunicht,

Wenn heller nur strahlet mein Jesus im Licht!

 

Nun kehr ich mit Freuden nach Lüttich zurück:

Erfüllt muss ja werden in jeglichem Stück,

Was Gott uns verheißen der Kirche zum Glück.“

 

So hat denn das heilige Märtyrerheer

Beschleunigt die Feier des Festes so hehr:

Fronleichnam! Was gäb uns der Himmel noch mehr?

 

Die fromme Klosterfrau von Lüttich sah in einer Erscheinung das Kirchenjahr unter dem Bild des Vollmondes, in dem ein dunkler Fleck zeigte, dass ein Fest zur Verherrlichung des allerheiligsten Altarsakramentes im Kirchenjahr fehle. Im Jahr 1264 wurde daraufhin von der Kirche das heilige Fronleichnamsfest eingeführt. Die heilige Juliana gehörte dem Orden der Augustinerinnen an. Sie war 1193 zu Retinne bei Lüttich geboren und starb am 5. April 1258 zu Fosse.

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Die Lerche

 

Als am siebten Schöpfungstage

Gott der Herr sein Werk vollbracht,

Schaute er mit Wohlgefallen,

Dass er alles wohlgemacht.

 

Hocherfreut ging er lustwandeln

Durch die frühlingsfrohe Flur,

Sah die Blumen und die Vögel,

Jedes Wesen der Natur.

 

Wie sie alle überselig

Sonnten sich in seinem Blick,

Und mit stiller Lust genossen

Ohne Neid ihr Lebensglück.

 

Auch ein Vöglein sah er hüpfen,

Klein und schwach, im grauen Kleid

Ohne Schmuck, mit leiser Stimme,

Doch die Brust voll Freudigkeit.

 

„Lerche“, sprach er, „armes Vöglein,

Sprich, bist du nicht sehr betrübt,

Dass dein Schöpfer allzu wenig

Liebe hat an dir geübt?“

 

„Nein, o Vater! o, ich freue

Fürstlich mich in meinem Stand.

Alles, was ich bin und habe,

Kommt es doch aus Deiner Hand.

 

Und Du bist ein guter Vater,

So der Kleinsten treu gedenkt,

Und mit mancher reichen Spende

Tag für Tag sein Kind beschenkt.“

 

„Aber“, sprach mit Huld Gott Vater,

„Dein Gewand, es ist doch arm;

Dass du also schlecht gekleidet,

Macht gewiss dir bittern Harm.“

 

Drauf das Vöglein: „Ach, ich fürchte,

So ein farbenprächtig Kleid

Weckt in mir ein eitles Prunken

Und in andern gelben Neid.“

 

„Doch dein Nestlein auf der Erde,

Tief im Saatengrün versteckt,

Ist so dürftig und verborgen,

Dass kein Nachbar es entdeckt.“

 

„Das ist´s eben, was ich wünsche,

Dass ich friedlich und allein

Und von niemandem belästigt

Kann bei Frau und Kindern sein.“

 

Sprach der Schöpfer: „Eine Stimme,

Süßer denn der Amsel Schlag,

Sei dein eigen, dass sich alle

Welt daran ergötzen mag.“

 

„Wie du willst! Du bist mein Vater,

Du allein weißt, was mir frommt;

Ach, bei äußeren Talenten

Allzu leicht der Hochmut kommt.

 

Auch mit einer schwachen Stimme

Lalle ich Dir Dank und Preis;

Wenn nur Du mein Lied vernommen,

Ich mich reich getröstet weiß.“

 

Da erglänzt des Vaters Auge,

„Vöglein“, spricht er, tief gerührt,

„Bleibe allzeit so bescheiden,

Nie von eitler Sucht verführt!

 

Dafür soll mein Himmelsfriede

Füllen deine kleine Brust,

Und du sollst in Fülle kosten

Stillen Glückes süße Lust.

 

Und weil selbst du ohne Wünsche,

Höre, was dein Schöpfer spricht:

Gleich dem Adler sollst du steigen

Himmelan zum Sonnenlicht.

 

Dort, in ungetrübten Sphären,

Fern der Welt und ihrem Dunst,

Sollst du mir allein lobsingen

Und dich freuen meiner Gunst.

 

Nur die keuschen, frommen Seelen

Werden lauschen deinem Sang,

Und mit dir vereint mich loben

In der Liebe starkem Drang.“

 

Sprach es und erhob zum Segen

Seine gnadenvolle Hand.

Wer in Demut bleibt zufrieden,

Allzeit Gottes Segen fand.

 

 

Johannisbeere

 

Im Felsental, der Welt entflohn,

Weilt still und ernst der Wüste Sohn,

Johannes, der berufen war,

Zu sammeln der Verirrten Schar.

 

Er wallt umher, der Sonne Glut

Gießt zehrend Feuer in sein Blut,

Doch denkt, versenkt in ernstre Pflicht,

Er auf des Leibes Pflege nicht.

 

Schon taut der Abend auf die Flur,

Da siegt die menschliche Natur,

Und tief ermüdet sinkt sein Haupt

Auf eine Felsenbank, kühl umlaubt.

 

Er schaut umher; wohin er blickt,

Ist keine Hand, die ihn erquickt.

Nicht Speis und Trank, nicht Quell und Frucht,

Wo auch sein spähend Auge sucht.

 

Er seufzt, doch blickt er auf und spricht:

„Der Herr verlässt sein Werkzeug nicht.“

Von Dornen wund sind Fuß und Arm,

Es fließt in Tropfen hell und warm

 

Sein Blut hernieder zu dem Strauch,

Der ihn gekühlt mit sanftem Hauch;

Bald schlummert er und träumet süß

Von lichter Zukunft Paradies,

 

Und von der Liebe starkem Held,

Dem rüstig er das Feld bestellt.

Indessen hat der Strauch mit Lust

Schmiegt sich an des Schläfers Brust;

 

Ihm ist so wohl, ihm ist so gut:

So hat kein Lichtstrahl ihn erquickt,

So hat ihn noch kein Lenz geschmückt.

 

Und als, gestärkt von sanfter Nacht,

Der Seher heiter nun erwacht,

O Wunder! ist des Strauches Grün

Geschmückt mit funkelndem Rubin,

 

Und Beeren, purpurrot und hell,

Wie ihres Ursprungs reinster Quell,

An Labung süßen Trauben gleich,

Bekränzen fröhlich das Gesträuch.

 

Da sinkt Johannes betend hin

Und blickt empor mit Kindessinn,

Und schlürft den süßen Labetrank

Der reifen Frucht mit Lieb und Dank.

 

Die Traube aber blieb zur Zier

Dem guten Strauche für und für,

Und wird bis heut im ganzen Land

„Johannisbeere“ noch genannt.

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Das Himmelsbrot

 

Das ist das wahre Himmelsbrot

Im Tabernakelschrein,

Das uns der Herr zur Nahrung bot:

Er selbst will Speis` uns sein.

 

Das ist das kräft`ge Himmelsbrot,

Das Mut und Stärk` verleiht;

Wenn auch der Feind Verderben droht,

Wir fürchten nicht den Streit.

 

Das ist das süße Himmelsbrot,

Das tilgt der Erde Leid;

Es rettet uns aus aller Not,

Hat Tröstung stets bereit.

 

Das ist das reinste Himmelsbrot

Im hellsten Lilienschein;

Es schützt uns, wenn Versuchung droht,

Es hält uns keusch und rein.

 

O süßes, heil`ges Himmelsbrot,,

Wollst meine Speise sein;

Dann fürcht` ich weder Höll` noch Tod,

Dann ist der Friede mein.

 

O hocherhab`nes Himmelsbrot,

Erquicke mich im Leid,

Stärk mich im Leben und im Tod,

Führ mich zur Seligkeit.

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Das immerwährende Opfer

 

„Opfert ein Opfer der Gerechtigkeit und hoffet auf den Herrn.“ Psalm 4,6

 

Er gibt sich hin mit Fleisch und Blut

Als wahres Opferlamm;

Er gibt sich hin auf dem Altar

Wie einst am Kreuzesstamm.

 

Die Welt erkennt den Vater nicht,

Erweist ihm Hohn und Spott:

Er bringt ihm stete Huldigung,

Er selbst, der wahre Gott.

 

Es häufet mit verweg`nem Mut

Der Sünder Schuld auf Schuld:

Und Jesu heil`ges Opferblut

Erwirbt ihm wieder Huld.

 

Gott schenkt dem Menschen Gnad` um Gnad`,

Doch sie beachten`s nicht:

Das Opferlamm auf dem Altar

Erfüllt die Dankespflicht.

 

Es ruft der Mensch in Angst und Leid

Zu Gott um Trost und Kraft:

Des Mittlers Flehn auf dem Altar

Erhörung ihm verschafft.

 

O Christen, kommt und schauet hier

Des Heilands Lieb` und Treu` -

Das Opfer auf Kalvaria

Wird alle Tage neu.

 

O Opfer, groß und wunderbar,

O Opfer, hehr und rein,

Was würde ohne deine Kraft

Aus uns geworden sein?

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Der Erstkommunionkinder Glück

 

Glücklich preisen wie die Hirten,

Die zu Bethlehem im Stall

Ihren Gott und Heiland fanden

Durch der Engel Jubelschall.

 

Glücklich schätzten sich die Weisen;

Denn, geleitet von dem Stern,

Konnten ihre Gaben opfern

Sie dem höchsten Gott und Herrn.

 

Glücklich waren jene Kleinen,

Die geruht auf Jesu Knie;

Nimmer möchten sie vergessen,

Daß der Himmel sei für sie.

 

Glücklich wahrhaft war Johannes,

Da er ruht an Jesu Brust;

Ja, an diesem süßen Herzen

Kostet er des Himmels Lust.

 

Glücklicher als diese alle

Bist du, auserwählte Schar,

Die am heut`gen großen Tage

Sich vereinte am Altar.

 

Jene Hirten durften schauen

Zwar das holde Jesulein:

Doch in eure Herzen kehrte

Es mit Leib und Seele ein.

 

Seht, die Könige, sie bringen

Jesus ihre Gaben dar:

Aber euch wollt` Jesus selber

Heut` sich schenken ganz und gar.

 

Jesu Segen nur empfangen

Jene Kinder fromm und rein:

Jesus selber zu empfangen

Sollte euer Anteil sein.

 

An dem süßen Jesuherzen

Hat Johannes wohl geruht:

Mit dem euren ganz sich einte

Des Erlösers Fleisch und Blut.

 

Mög` denn Jesus bei euch bleiben

Bis zu eurem letzten End`:

Mögt ihr treu ihn stets verehren

In dem heil`gen Sakrament!

 

Dann wird einst im Reich der Sel`gen

Jesus selber euer Lohn,

Wo ihr wonnetrunken feiert

Eine ew`ge Kommunion.

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Des Heilands Gruß im Tabernakel

 

In Sorgen oft, in Leid und Qual eil hin ich zur Kapelle,

Und grüße Gott viel tausendmal im Kirchlein, still und helle.

Doch kommt der Heiland mir zuvor und grüßet mich voll Liebe,

Frei schwingt das Herz sich hier empor aus wirrem Weltgetriebe.

 

„Mein liebes Kind“, so spricht er still, „was willst du von mir haben,

O sag es mir, denn gern ich will dir schenken meine Gaben.

O sage mir, was dir gebricht, was macht das Herz dir bange,

Und was du wünschest, zage nicht, es nur von mir verlange.“

 

Drauf spricht zu ihm das arme Herz: „O Heiland voller Güte,

O lindere den tiefen Schmerz und treulich mich behüte.

Du kennst ja doch mein schwaches Herz, der Stürme mächtig Wehen,

O lasse stets mich himmelwärts, doch niemals abwärts gehen.“

 

Und Jesus spricht voll Lieb` und Huld: „O Kind, sei mir gegrüßet,

Ich habe deine Sündenschuld am Kreuze schon gebüßet.

Nun komme oft, recht oft zu mir, ich heiße dich willkommen,

Und hole reiche Gnaden dir, daß sie zum Heil dir frommen.

 

O komme gerne jederzeit und schenk mir dein Vertrauen,

Du wirst des Himmels Seligkeit beim Tabernakel schauen.

Und was da draußen dich betrübt, das sage mir im stillen,

Hier weilt ein Herz, das treu dich liebt und deinen Wunsch wird stillen.“

 

O eil zu ihm, komm jederzeit mit innigem Verlangen,

Der immer gerne ist bereit, uns liebreich zu umfangen.

O höret auf sein liebend Wort, das süß wie Honig fließet,

Daß reich an diesem Gnadenort sein Segen uns ersprießet.

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Maria, die himmlische Rose

 

O himmlische Rose, so duftig, so schön,

Daß alle auf Erden bewundernd dich sehn.

Vom Himmel gesegnet, bist hier du erblüht,

In Demut und Reinheit und Liebe erglüht.

 

O himmlische Rose, ohn` Makel und Dorn,

Auf dir ruhte niemals der göttliche Zorn.

Erbitt uns den Segen des Sohnes in Huld,

Halt fern unsern Wegen die sündliche Schuld.

 

O himmlische Rose, die Gott stets erfreut,

Die er seinem Sohne zur Mutter geweiht,

Wir alle dich lieben von Herzen so treu,

Ach, dass unser Wandel doch ähnlich dir sei!

 

O himmlische Rose, Maria, so rein,

O laß doch mein Herz ein Röslein dir sein.

Das wollest du pflegen und hüten es treu,

Und sorgen und wachen, dass gut es gedeih.

 

Und ist es erblühet, und hat`s dich erfreut,

Und kommt für das Röslein zu sterben die Zeit:

Dann wollst du es pflücken mit eigener Hand;

Dich wird es dann schmücken im himmlischen Land.

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O segne mich!

 

Segne mich, mein Herr und Gott, mein Heiland Jesu Christ,

Der Du im heil`gen Sakrament für uns zugegen bist.

 

Du segnetest so liebevoll Judäas Kinderschar,

Die nach des Tages Last und Müh` um Dich versammelt war.

 

O segne mich, mein liebster Herr, dass ich mit Kindessinn,

Mit Kindesunschuld, Kindestreu` Dir stets ergeben bin.

 

Und als Du auf des Ölbergs Höhn zum Himmel stiegst empor,

Da segnetest zum Abschied Du der treuen Jünger Chor.

 

O segne mich, und zieh zu Dir mein armes, schwaches Herz,

Daß ich in Freuden wie im Leid stets schaue himmelwärts.

 

Wenn Du erscheinest zum Gericht, dann nennst segnend Du,

Die in des Vaters ew`ges Reich Du rufst zur sel`gen Ruh!

 

O segne mich im Sakrament – ich laß Dich eher nicht –

Daß ich zu Deiner Rechten steh` beim letzten Weltgericht.

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Die Blumenleserin

 

Ein schöner Maienmorgen ging auf im stillen Tal,

Da wallten fromme Pilger beim ersten Sonnenstrahl

Zum hohen Gnadenorte, wo wundertätig mild

Thront der Gebenedeiten und Schönsten heilig Bild.

 

Gekühlt von Frühlingslüften, von Blütenduft umweht,

Im Herzen Himmelsfreude, erklommen mit Gebet

Sie schon die letzte Höhe an eines Abgrunds Rand;

Da sie – ein Mädchen wandelt hinan die Felsenwand.

 

Gar lieblich war das Mädchen, ihr Blick so rein und fromm,

Und zarte Blümchen waren´s, wonach das Mädchen klomm;

Die wollte sie der schönsten Jungfrau und Mutter weih´n,

Drum stieg mit frohem Mute die Felsen sie hinein.

 

Der Abgrund gähnet unten wohl tief und schaudervoll,

Und brausend in dem Kessel des Wassers Brandung schwoll;

Die frommen Pilger grauet: „O Mädchen, halte ein!

Ein Schritt noch, und die Tiefe muss dein Begräbnis sein.“

 

Die Unschuld schreitet sorglos die schmalen Tritte hin:

„Dort seh´ ich noch so schöne, milchweiße Blümchen blüh´n,

Die sind des Kranzes Zierde für die Geliebteste;“

Sie denkt´s, langt hin und wanket, die Pilger rufen: „Weh!“

 

„Was seid ihr bleich und schauet so nieder in die Tief`´?“

Vom nahen Hüttchen eilend ein Landmann ihnen rief,

Hört ihre Trauerkunde, und steigt zum wilden Bach

Den steilen Pfad hinunter, dem armen Mädchen nach.

 

„Du gute fromme Dirne, erbarme Gott sich dein!

Muss dieser schöne Morgen dein letzter Morgen sein?

Wie werd´ ich, ach, dich finden? Zerschlagen, ganz in Blut!

Mir ist so leid, Sophie; du warst so fromm und gut.“

 

Schon war er sinnend, weinend und spähend auf dem Grund,

Um die geliebte Leiche zu tragen aus dem Schlund,

Da sieht er mit dem Strauße die Jungfrau hold und schön

Ihm über das Gewässer lächelnd entgegengeh´n.

 

„So hab´ ich dich denn wieder! Wie, oder ist´s dein Geist?

Doch nein, du bist´s. O Wunder, das keine Zunge preis´t!“

„Mich trug in linden Armen Maria sanft hinab,

Der ich beim grausen Falle mich traulich übergab.

 

Lasst mich ein wenig ruhen, es war so schwindelnd hoch;

Die schönen Blümchen bring´ ich der Mutter heute doch,

Der süßen lieben Mutter; sie trug mich, ach, so lind,

Drum bleib´ ich auch für immer ihr treues frommes Kind!“

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Die Marienblume

 

Es blüht der Blumen eine

Auf ewig grüner Au,

Wie diese blühet keine

So weit der Himmel blau.

 

Wenn ein Betrübter weinet,

Getröstet ist sein Schmerz:

Wenn ihm die Blume scheinet

Ins leidenvolle Herz.

 

Und wer vom Feind verwundet

Zum Tode niedersinkt,

Von ihrem Duft gesundet,

Wenn er ihn gläubig trinkt.

 

Die Blume, die ich meine,

Sie ist euch wohl bekannt,

Die Fleckenlose, Reine

Maria wird genannt.

 

Maria ist´s die Süße,

Die Lilie auserwählt,

Die ich von Herzen grüße,

Die sich der Geist vermählt.

 

Maria ist´s die Reine,

Die also lieblich blüht,

Dass in so lichtem Scheine

Der Rosen keine glüht.

 

Erfreue, süße Blüte

Der Erde finst´re Gruft,

Erblühe im Gemüte

Mit deinem Himmelsduft.

 

Und Heiligkeit und Frieden

Verleihe uns´rer Brust,

Und nach dem Tod hienieden

Des Himmels ew´ge Lust.

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Die heilige Mutter Anna

 

„Die Lippen des Gerechten unterrichten viele.“ (Spr. 20,7)

 

Wie wohl mir wird, seh´ ich dein Bild,

Du heiligste der Frauen, -

Am Antlitz dein so fromm und mild

Kann kaum ich satt mich schauen!

 

Du hältst dein reinstes Töchterlein

So mütterlich umschlungen,

Und führst in Gottes Wort sie ein

Bis ganz es sie durchdrungen.

 

Da liest sie denn als Kindlein schon

Von dem, der sollte kommen,

Verlassend seines Vaters Thron

Der ganzen Welt zum Frommen.

 

Da lernt sie flehn: „Ihr Himmel taut

Das Heil! - sprieß´ den Gerechten,

Du Erde uns! - so seufzen laut

Auch wir mit deinen Knechten!“

 

Noch ahnt sie nicht, dein Töchterlein,

Dass ihr das Glück soll werden,

Die Mutter einst des Herrn zu sein,

Des Heiligsten auf Erden!

 

Du aber machst schon jetzt bereit

Sie zu dem Werk, dem hehren;

O mögst auch mich du jederzeit

Erleuchten und belehren!

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Ein Mutterherz hab ich gefunden

 

Ein Mutterherz hab ich gefunden!

So rein und mild, so gut und treu!

Es schlägt für mich zu allen Stunden

Und täglich bitte ich aufs neu:

O Mutter, o verlass mich nicht,

Bis mir das Aug im Tod einst bricht!

 

Erblüht an meinem Lebenswege

Ein Freudenblümlein, still und schlicht,

Dann bring ichs ihr, dass sie es segne,

Und bitt mit Kindeszuversicht:

O Mutter, o verlass mich nicht,

Bis mir das Aug im Tod einst bricht!

 

Und quälen Kummer mich und Sorgen,

Dass ich nicht weiß, wo aus, wo ein,

Ich bin doch sicher und geborgen,

Die Mutter lässt mich nicht allein.

Die Mutter, sie verlässt mich nicht.

Bis mir das Aug im Tod einst bricht!

 

Und wird ich einst im Tode ringen,

Wenn niemand mir zur Seite steht,

Dann wird die Mutter Hilf mir bringen,

Weil kindlich ich so oft gefleht:

O Mutter, o verlass mich nicht,

Bis mir das Aug im Tod einst bricht!

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Des Vögleins Ave Maria

 

Nach einer Sage fromm und alt

Lebt einst im tiefen Tannenwald

Ein Klausner, ein gar heil‘ger Mann,

Der betend jeden Satz begann:

Ave Maria!

 

Ein Vöglein klein war sein Genoss,

Das lehrte er mit Mühen groß

Zu sprechen lieblich, klar und rein

Den hehren Gruß der Engelein:

Ave Maria!

 

So sang es friedvoll im Hüttchen traut,

Doch als der Frühling durchs Fenster schaut

Und alles schmückt mit Blüten der Mai,

Da flog es hinaus und jubelt frei:

Ave Maria!

 

Und immer weiter fliegts in den Wald,

Umsonst der Ruf des Alten erschallt,

Nur aus der Ferne noch zart und fein

Zwitschert das fröhliche Vögelein:

Ave Maria!

 

Da fällt ein Habicht herab aus der Höh,

Pfeilschnell und packts, o Jammer und Weh!

Er will es zerreißen – da ruft es laut

In Todesangst die Worte vertraut:

Ave Maria!

 

Der Würger, erschreckt durch den seltsamen Klang,

Gibt frei die Beute aus seinem Fang;

Das Vöglein schwingt sich zum Himmel hinauf

Und jubelt immer und hört nicht auf:

Ave Maria!

 

Der Klausner sieht es aus der Fern,

Heiß dankend Marias Hilfe dem Herrn;

Und wieder kehrt auf seine Hand

Das Vöglein und singt ins blütige Land:

Ave Maria!

 

O Mutter, die du ein Vöglein klein

Errettet selbst aus Angst und Pein,

Gedenke unser in Sturm und Not

Und führ uns sicher durch Nacht und Tod:

Ave Maria!

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Fronleichnam

 

Sei, Leib des Heilands, mir gegrüßet,

Sei mir gegrüßt des Heilands Blut,

Brot, das uns jedes Leid versüßet,

Sei mir gegrüßet, höchstes Gut.

 

Zugegen schaut dich, Herr, mein Glaube,

Gewalten, Thronen schaut er hier,

Anbetend liegen sie im Staube

Und singen heilig, heilig dir.

 

Sie singen: Herr, wer kann dich fassen,

Wie warst als Kind du arm und klein,

Wie warst am Kreuz du so verlassen,

Und nun umschließt dich Brot und Wein?

 

Sie singen: Herr, wer kann dir danken,

Wie du des Dankes würdig bist,

Du Trost der Armen, Heil der Kranken,

Du Brot des Lebens, Jesu Christ.

 

O selig, selig, wer berufen

Zu diesem heilgen Mahle ist,

Wer an des Heiligtumes Stufen

Im Glauben trinkt, im Glauben isst.

 

O selge Christen, Himmelserben,

Genießt das Brot, das Christus bricht,

Ihr werdet leben und nicht sterben,

Und Tod nicht schauen noch Gericht.

 

O selge Christen, Auserwählte,

Er lebt in euch und ihr in ihm,

O wenn die Himmel Neid noch quälte,

Euch neideten die Seraphim.

 

O dreimal selig, die nicht schauen

Und dennoch glauben unentwegt,

Auf Gottes Wort wie Felsen bauen,

Das Welten schuf und Welten trägt.

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Der schönste Gruß

 

Gelobt sei Jesus Christus!

Das ist der schönste Gruß;

Wo den zwei Seelen sprachen,

Der Herr sie segnen muss.

 

Dein erster Gruß am Morgen,

Dein Abschied sei´s zur Nacht;

Dann ist dein Tag gesegnet,

Dein Schlummer wohl bewacht.

 

Und wenn der Freund dem Freunde

Zum Willkomm reicht die Hand,

„Gelobt sei Jesus Christus!“

Das gibt der Liebe Stand.

 

Und müssen sie mal scheiden,

Der Gruß sei letztes Wort,

Den jedes treu soll hüten

Als Wiedersehens Hort.

 

Wer einsam ist und freundlos,

Der singe diesen Gruß;

Der Himmel gleich sich öffnen

Und Antwort geben muss.

 

Und sind auch trüb die Zeiten,

Der Gruß ist ein Gebet,

Das uns wie Engelschwingen

Mit Kraft und Trost umweht.

 

„Gelobt sei Jesus Christus!“

Sprich oft in dieser Zeit;

Dann grüßt dich Jesus wieder;

„In alle Ewigkeit!“

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Mein Lieblingsplätzchen

 

Nahe meinem Vaterhause

Steht ein kleines Heiligtum

An entlegnem Waldeswege;

Linden blühen ringsherum.

 

In der traulichen Kapelle

Schaut der Heiland rührend mild

Nieder auf die stillen Beter,

Die da knien vor seinem Bild.

 

Brauch ich Trost in trüben Stunden,

Mut in harter, schwerer Zeit,

Eil ich zu des Heilands Füßen,

Klag ihm bittend all mein Leid.

 

Und aus seinen Wunden strömet

Reicher Trost ins bange Herz;

Vor dem Bild des stillen Dulders

Wird so klein der eigne Schmerz.

 

Doch zur trauten Waldkapelle

Geh ich auch mit meinem Glück;

Dass ich seiner nicht vergesse,

Mahnt mich des Erlösers Blick.

 

Hab dich tief ins Herz geschlossen,

Liebes Kreuzbild dort im Wald;

Leuchtest ja durch meine Kindheit

Schon als hehre Lichtgestalt!

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Maria am Fuße des Kreuzes

 

Seht Ihr am Kreuze stehen

Die Mutter schmerzensreich?

Die nassen Augen sehen

Den Sohn – voll Blut und bleich,

Das Herz ist wie zerschnitten

Bis auf den tiefsten Grund;

Und trägt in seiner Mitten

Vom Sohn jedwede Wund!

 

Ein jeder Dorn der Krone

Bohrt sich ins Herz ihr ein,

Von all dem Spott und Hohne

Fühlt sie die schwerste Pein;

Die Nägel sind gedrungen

Ihr wie durch Bein und Mark,

Sie ist von Schmerz umrungen

Und dennoch still und stark!

 

So steht die Schmerzensreiche, -

Zu ihrem Sohn gewandt

Das Angesicht das bleiche, -

Gefaltet still die Hand;

Sie steht, und sieht es sterben,

Ihr einzig liebes Kind,

Und dieses Sohnes Erben,

Wir arme Sünder sind!

 

O Sünder, nehmts zu Herzen,

Wenn Ihrs noch nie bedacht:

Uns hat in Todesschmerzen

Er ihr vom Kreuz vermacht,

Sie hat es angenommen,

Das Erbteil, reich an Schmerz,

Und jeder darf nun kommen

An dieses Mutterherz!

 

Und quält Dich Deiner Sünden

So drückend schwere Last –

O komm! hier wirst Du finden

Vergebung, Ruh und Rast!

Bist Du von Kreuz umgeben,

Und weißt nicht aus, noch ein,

Hier wird Dein armes Leben

Doch reich an Frieden sein!

 

Ja, alles wird Dir werden

Dort, wo Maria steht; -

O drum, die Ihr auf Erden

Am Weg vorüber geht,

Mit Eurem Kreuze stellet

Zum Kreuz des Herrn Euch hin,

Maria zugesellet

Wird Leiden Euch Gewinn!

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Die Hirten eilen nach Betlehem

 

Die Hirten schliefen in dem Tal

Zur Mitternacht um die Stunde,

Da ward es hell mit einem Mal

Da scholls von guter Kunde.

 

Da zogen Engel durch die Luft

Gen Bethlehem zum Stalle

Und überm Berg und aus der Kluft

Da klangs von Freudenschalle.

 

Die Engel sangen: „Kommt geschwind,

Die Jungfrau hat geboren,

Im Stalle liegts, ein kleines Kind,

Zwar klein, doch auserkoren.

 

Zwar arm und doch unendlich reich,

Ein Gott vom wahren Gotte;

Sein Bettlein ist fürwahr nicht weich

Und gar so kalt die Grotte.“

 

Die Hirten aber säumten nit,

Zur Stadt sie gingen alle,

Und wir, wir gehen alle mit

Zum Kindelein im Stalle.

 

Das soll uns recht gelegen sein,

Wir küssen seine Hände,

Dann gibt es uns den Segen sein

Zu einem guten Ende.

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Krippe und Kreuz

 

Es kam herab der Gottessohn

Vom Himmel, von des Vaters Thron;

 

Er ward ein Kind so wunderzart,

Sein Thron: die Krippe eng und hart.

 

Er wollt uns Menschen ähnlich sein,

Wollt tragen unsres Lebens Pein;

 

Sein Herrscherstab die Armut war,

Gehorsam war Sein Hochaltar.

 

Er weihte dort als Opferlamm

Dem Vater Sich am Kreuzesstamm,

 

Die Schuld zu sühnen, die verwies

Die Menschen aus dem Paradies.

 

Vom Kripplein bis zum Kreuzestod

Gehorsam war Sein täglich Brot.

 

Drum knie dich hin zur Krippe klein

Und bitt das Gotteskindelein:

 

„Du stiegst herab aus Himmelslust,

Zu ruhn an armer Eltern Brust;

 

Du gingest arm durchs Leben hin,

Die Armen lieb an Dich zu ziehn:

 

Auch mich zieh an Dein Gottesherz,

Lenk mein Verlangen himmelwärts;

 

Führ mich aus eitler Erdenpracht

Zu Dir durch Deines Beispiels Macht.

 

Zu siegen über Ruhm und Stolz,

Starbst willig Du am Kreuzesholz:

 

Auch mich lass demutsvoll stets sein,

Mein Wollen Deinem Willen weihn;

 

Lass treuevoll in Freud und Leid

Dein Schüler sein mich allezeit:

 

Mein Leben sei, wie Deines war

Vom Kripplein bis zum Kreuzaltar.“

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An die Himmelskönigin

 

Ohne Vorbild, unerreichbar

Bist du, Himmelskönigin!

Deine Schönheit, unvergleichbar,

preisen wir mit Demutssinn.

 

Ohnegleichen, unerreichbar

Thronst du über Cherubinen,

Thronst du, Hohe, unbegreifbar,

Über allen Seraphinen.

 

Durch der Engel lichte Heere

Schallt es: Preis, dir, Königin!

Durch der Heilgen frohe Chöre

Strömt dein Lob ohn Ende hin.

 

Alle, die am Thron des Einen

Betend knien und Ihn preisen,

Singen dir, der Makelreinen,

Ihrer Lobeshymnen Weisen.

 

Lasset in die Festesklänge,

Die den Himmel heut` durchziehn,

Klingen unsre Bittgesänge:

„Sei auch unsre Königin!“

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Franziskus predigt den Vögeln

 

Was ist das für ein Schwirren,

Ein Zwitschern, Locken, Girren

Im sonst so stillen Wald.

Es tönt von Ast und Zweigen

Ein wonniglicher Reigen,

Der ringsum widerhallt.

 

Rotkehlchen, Lerchen, Meisen

Ein Plätzchen bald umkreisen,

Der heilgen Ruhe Bild.

Still lassen sie sich nieder,

Es schweigen ihre Lieder;

Es spricht Franziskus mild:

 

„Ihr Vöglein, klein und große,

Im stillen Waldesschoße

Lauscht alle meinem Wort:

Lob Gott! Lob Gott! Zu singen,

Euch himmelwärts zu schwingen,

Übt treulich fort und fort!

 

Ihr Schwestern mein und Brüder

Fliegt fröhlich auf und nieder

In eures Schöpfers Welt!

Wenn danklos schnöd sie schweiget,

Ihr Ehre Ihm erzeiget,

Von Seiner Huld erzählt!

 

Ich hebe meine Hände

Zu frommer Segensspende,

Für euch, ihr Vögelein.

Gott schütz euch in Gefahren,

Ihr trauten Sängerschaften

In Busch und Wald und Hain!“

 

Hell Amen! Amen! singet

Der muntre Chor und schwinget

Sich hoch vom Wiesenplan.

Herab vom Bergesgipfel

Schallts durch die grünen Wipfel:

„Hab Dank! Hab Dank! du Gottesmann!“

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Karfreitag

 

Der Herzensschlag des Universums stockt,

Und bebend die Geschöpfe all sich neigen;

Am rauen Kreuzesfuße wartend hockt

Das starre, atemlose Todesschweigen.

 

Es stirbt ein Gott! - Die Engel bargen tief

Ihr weinend Aug' im Antlitz, tränennassen,

Als todgeängstigt der Erlöser rief:

Mein Gott, mein Gott, wie hast Du mich verlassen.

 

Aus jammervollen Todeswunden fließt

Für uns das Heil in purpurroten Bächen.

Das Herz, das uns den Himmel neu erschließt,

Will heut' um unsre Schulden schuldlos brechen.

 

Zur Rechten ihm die Mutter steht und schweigt,

Unendlich jammerreich den Blick gewendet

Zum Kreuz, daran der Heiland sterbend neigt

Sein Haupt, und dann - hat er im Tod vollendet.

 

Da bebt die Erde, die sein Herzblut trinkt,

Die Felsenadern jäh im Weh zerspringen,

Anbetend Magdalena niedersinkt,

Das Kreuz in heißer Liebe zu umschlingen.

 

Es ist vollbracht! - Gesühnt die alte Schuld,

Zerbrochen fielen unsre Sklavenketten,

Als uns ein Gott in unnennbarer Huld

Durch seinen Tod zum Leben wollte retten.

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Karsamstag

 

Lerche, höre auf zu singen,

Störe nicht des Heilands Ruh`,

Frühlingswind, auf leichten Schwingen

Trag` ihm Blumendüfte zu.

 

Trag` die lieblichsten der Düfte

Hin zum Felsengrabe still;

Fächelt leiser, laue Lüfte,

Weil der Herr nun ruhen will.

 

Von des Kreuzestodes Wehen,

Von des Opfertodes Pein,

Siegreich wird Er auferstehen,

Wenn erst Ostern bricht herein.

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Lichtmess

 

Heut strahlen tausend Lichter

Mit weihevollem Schein

Im lieben Gotteshause

Ins Christenherz hinein.

 

Es preist ihr heller Schimmer

Die selge Wundernacht,

Da uns in armer Krippe

Das Licht der Welt erwacht.

 

Das Licht, das in der Seele

Entzündet heilge Glut,

Mit Seiner Flamme tilget

Der Sünde dunkle Flut.

 

Heut leuchtets in den Händen

Der gläubgen Christenschar,

Als Bote heilger Liebe

Bringts fromm sein Opfer dar.

 

Und immer neu entfachet

Mit liebem, holdem Strahl,

Die Finsternis besiegend,

Erglänzts im Erdental.

 

Und die es sorglich pflegen,

Den klugen Jungfraun gleich,

Im hellen Lichte wandeln,

An guten Werken reich:

 

Einst dürfen Lichtmess feiern

In der Verklärung Strahl,

O Bräutigam der Seelen,

Bei Deinem Hochzeitsmahl!

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An eine Magdalenenseele

 

Verzage nicht! Der Meister hat gesprochen:

„Viel wird vergeben dem, der viel geliebt!“

Und hättest du auch tausendmal den Heiland

Durch deine Sünden bis zu Tod betrübt.

 

Er ist bereit, dir alles zu vergeben;

Er streckt nach dir die Arme liebend aus.

Kehr nur zurück von deinem Sündenleben,

Wie der verlorne Sohn ins Vaterhaus!

 

Hab keine Angst! So milde, so erbarmend

Nimmt dich der Heiland auf, der gute Hirt.

Und jede Schuld, und sei es noch so schwere,

Von deiner Seele weggenommen wird.

 

Nur sinke reuig bittend ihm zu Füßen,

Im heilgen Bußgerichte klag dich an.

Sag rückhaltlos dem Stellvertreter Gottes

Was du dem Heiland Schlimmes angetan.

 

Und glaub es nur, ein heilig tiefer Friede

Erfüllt hernach dein schuldbefreites Herz

Und selge Himmelswonne wird sich mischen

In deiner Seele tiefen Reueschmerz!

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Eine weihevolle Stunde

 

Etwas Wundersames habe

Am Christabend ich erlebt,

Das mit süßer, heilger Freude

Noch die Seele mir durchbebt.

 

In dem Schoß der heilgen Kirche

Fand ein ringend Herz die Ruh;

Eine Seele, suchend, irrend,

Wandte sich der Heimat zu.

 

In der traulichen Kapelle

Wars so feierlich, so still –

Reglos kniete, tief ergriffen,

Die gelangt war nun ans Ziel.

 

Und kein Mensch sonst in dem Kirchlein –

Eine Freundin nur und ich

Waren Zeugin dieses Glückes,

Das noch jetzt durchschauert mich.

 

Als die Konvertitin kniete

Vor dem Priester am Altar,

Auf das Evangelium schwörend,

Da ergriffs mich wunderbar.

 

Und ich musste leise sprechen

Ein herzinniges Gebet;

Für die heimgekehrte Seele

Hab zum Heiland ich gefleht.

 

Unvergesslich wird mir immer

Dieser heilige Abend sein,

Solche weihevolle Stunden

Graben tief ins Herz sich ein.

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Drei Könige...

 

Drei König wandeln vom Morgenland,

Ein Sternlein führt sie zum Jordanstrand.

In Juda fragen und forschen die drei:

Wo der neugeborne König sei?

 

Und hell erglänzet des Sternes Schein,

Zum Stalle gingen die König ein,

Ein Knäblein schauen sie wonniglich,

Anbetend neigen die König sich.

 

Sie bringen Weihrauch, Myrrhen und Gold

Dem Kinde da zum Opfersold.

O Menschenkind, halte treulich Schritt!

Die Könge wandern, wandre du mit!

 

Der Stern der Liebe, der Gnade Stern

Erhelle dein Ziel, so du suchst den Herrn.

Und fehlen dir Weihrauch und Myrrhen und Gold,

Schenk ihm dein Herz, dem Knäblein hold,

Schenk ihm dein Herz!

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In Sturm und Flut

 

Es heult der Wind, es brausen Stürme

Ums arme Schifflein rings umher.

Wer wandelt dort auf wilden Wellen

So ruhig hin? Es ist der Herr!

 

Es ist der Herr, der Seinem Jünger

Entgegengeht und der ihn hält,

Da mitten in dem Wogenbranden

Mut und Vertraun ihm plötzlich fehlt.

 

O wie voll Güte Er ihn stützet,

Den Schwankenden, ihn sanft ermahnt,

Ihn sicher führt durch die Gewässer

Bis hin zum festen Meeresstrand.

 

Es ist der Herr! Sein Blick so milde,

Schaut liebend auch auf dich herab;

O Menschenkind, drum lieb Ihn wieder,

Ja, lieb Ihn treu bis in das Grab!

 

Und tosen um dein Lebensschifflein

Vielleicht auch Stürme wild umher:

Nur Mut! Nur kindliches Vertrauen!

Sprich zu dir selbst: „Es ist der Herr!

 

Es ist der Herr, auf den ich schaue

In Glück und Unglück allezeit.

Es ist der Herr! In seiner Nähe

Fühl ich mich froh – in Sicherheit!“

 

Und hat vielleicht der Herr das Liebste

Genommen dir: O, fasse Mut!

Er tat es selbst mit schwerem Herzen,

Doch tat ers, weil ers meint so gut!

Es ist der Herr!

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Mariä Himmelfahrt

 

Heil der Demut auf dem Throne,

In des Himmels Herrlichkeit!

Heil der Jungfrau mit der Krone,

Mit dem Blick der Seligkeit!

Heil der Braut, der hochbeglückten,

In dem Reich der Gottentzückten!

 

Die du einst in Schmerz versunken

Bei dem Kreuze heiß geweint,

Ruhst im Himmel freudetrunken,

Mutter, deinem Sohn geeint;

Thronest in den Engelchören,

Unsre Bitten zu erhören!

 

Schmerzen, die du hier gelitten,

Qualen, die dein Herz durchglüht,

Dornen, die es scharf durchschnitten,

Sind zu Rosen dir erblüht,

Die in nimmer welken Kränzen

Um dein Haupt, Maria, glänzen.

 

Selig alle, die dir gleichen,

Die der Erde Leid geteilt,

Selig all die Schmerzensreichen,

Die beim Kreuz mit dir geweilt:

Freudig einst in Himmelsauen

Werden wir dich, Mutter, schauen!

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Gelobt sei Jesus Christus

 

Einst reiste der Dichter Klopstock quer

Durchs Land der katholischen Schwaben.

Es kamen viel Männer und Frauen daher

Mit blühenden Mädchen und Knaben.

 

Gegrüßt von allen ward der Tourist

Auf ein und dieselbe Weise:

Sie sprachen: „Gelobt sei Jesus Christ!“

Und wünschten ihm glückliche Reise.

 

Er nickte mit freundlichem Angesicht

Und wandelte schweigend die Pfade;

Er wusste zum Gruße die Antwort nicht,

Der Sänger der Messiade.

 

Er war Protestant und hatte vorher

Den Gruß noch niemals vernommen.

Vergeblich sann er jetzt hin und her,

Auf richtige Antwort zu kommen.

 

Zu fragen nahm er sich wohl in Acht;

Man hätte gestaunt ob der Frage.

Da hatte er endlich ein Mittel erdacht,

Dass ein Andrer das rechte ihm sage.

 

Die Ersten, die nach kurzer Frist

An ihm vorüberkamen,

Die grüßt er: „Gelobt sei Jesus Christ!“

Sie sprachen: „In Ewigkeit! Amen.“

 

„Ei! Ei! So mussten“, lächelte er,

„Die Leutchen zurecht mich weisen!

Wie konnt ich zweifeln, dass unser Herr

In Ewigkeit sei zu preisen!“

 

Er fand den Gruß so treffend und schön

Für Christen von jedem Stande,

Er wünscht ihn gesprochen durch Tal und Höhn

Im ganzen, weiten Lande.

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Das Glöcklein im Herzen

 

Es pocht dein Herz den ganzen Tag;

Was nur es meinen und sagen mag?

Es pocht dein Herz die ganze Nacht;

Sag, hast du das auch schon bedacht?

 

Und pochts so lang, oft laut, oft still,

Hast du gefragt, was das Herz wohl will?

Ein rührig Glöcklein ist es eben,

Vom lieben Gott dir zu eigen gegeben;

 

Er hings an deiner Seele Tür

Und läutet es selber für und für,

Und stehet draußen und wartet still,

Ob deine Liebe ihm öffnen will.

 

„Ach, steh vor der Tür und klopfe an;

Mach auf! Es steht dein Heiland dran!“

Er läutet weiter und wartet dein.

Ob du willst rufen: „Herein! herein!“

 

So pocht dein Herz wohl Tag für Tag,

Und endlich tuts den letzten Schlag.

Und mit dem letzten, den es getan,

Da pocht es selber am Himmel an;

 

Und stehet draußen und wartet still,

Ob ihm sein Heiland öffnen will.

Und stehet draußen und wartet sein,

Er wolle rufen: „Herein! herein!“

 

Und wolle sprechen: „Komm lieber Gast,

Ich fand bei dir auch stets Rast.

Wie du getan, so gescheh dir heut:

Geh ein in des Himmels Seligkeit!“

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Immortelle (Strohblume)

 

Schaurig durch des Kirchhofs Bäume

Wilde, raue Stürme wehn,

Wo die Toten friedlich schlummern

Bis zum großen Auferstehn.

 

Alle Blumen auf den Gräbern

Nahm hinweg des Herbstes Hand;

Eine nur hat widerstanden:

Immortell ist sie genannt.

 

Immortelle uns verkündet,

Dort gepflanzt von Freundeshand,

Dass der Tod, der Allzerstörer,

Lockert nicht der Liebe Band.

 

Nein, die Liebe kann nicht sterben,

Wird im Tode nur verklärt,

Kann nicht altern, kann nicht welken:

Treue Liebe ewig währt.

 

O ihr lieben, teuren Toten,

Schlummert sanft an diesem Ort:

In dem Herzen eurer Lieben

Lebt ihr ewig, ewig fort.

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Zum Schutzengelfest

 

Schutzengel, den der Vater

Vom Himmel mir gesandt,

Sei du mein treuer Führer,

Durchs dunkle Pilgerland.

 

Wies Schäflein in der Wüste,

So irr ich hier umher;

Mein Vaterhaus zu finden,

Ist mir allein zu schwer.

 

Du kennst den Weg nach oben,

Drum geh mir stets voran!

Entfern die Hindernisse,

Daß ich Dir folgen kann.

 

Von allen Seiten drohen

Mit wilder Kampfbegier

Bald offen, bald verborgen

Ergrimmte Feinde mir.

 

Du bist mein tapfrer Streiter:

Sei Du mein Schirm und Schutz!

Dann hab ich Mut und biete

Den schlimmsten Feinden Trutz.

 

Und ist ans End gekommen

Mein müder Pilgerlauf,

Dann trage Du mich lebend

Ins Vaterhaus hinauf!

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Hingebung an Gott am Abend

 

Ich glaub an Gott,

Ich hoff auf Gott,

Ich liebe Gott von Herzen;

Und doch hab ich

Beleidigt Dich,

Herr, ich bekenns mit Schmerzen.

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

 

Mein Heil allein

Kann sicher sein

In meines Jesu Wunden;

In Deinem Tod

Am Kreuz, o Gott!

Wird dieses Heil gefunden.

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

 

Ein büßend Herz

Blickt himmelwärts

Und kann drum nicht verzagen,

Durch wahre Reue

Von Sünden frei

Darf ich zu Jesus sagen:

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

 

Hinweg, o Welt!

Was dir gefällt,

Das macht mir keine Freude;

In Gott nur ruht

Mein Herz so gut

Und nie von ihm ich scheide:

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

 

Als Unterpfand

Dir in die Hand

Ich meine Seel vermache,

Ganz will ich Dein,

Mein Jesus! Sein,

Ich schlafe oder wache.

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

 

Beim Abendschein

Erhöre mein

Gebet, das ich hier weihe!

Beim Morgenrot

In Dir, o Gott!

Den heiligen Schwur erneue:

Jesus! Dir leb ich,

Jesus! Dir sterb ich,

Dein bin ich tot und lebendig.

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Die Heilige Familie von Nazareth

 

In der Hütte, fern gelegen,

Aller Welt ganz unbekannt,

Reich nur an der Arbeit Segen

Und zur Liebe Dienst gebannt.

 

Lebt er dreißig Jahr verborgen,

Dem die Himmel untertan,

Müht sich still mit Kindes Sorgen,

Und der Arbeit zugetan.

 

Selig, Dach, das ihn gedecket,

Selig, wo sein Haupt geruht,

Selge Hand, die ihn gewecket

Und beschirmt in treuer Hut.

 

Lasst uns mit Maria weilen,

Und in Jesu Schule gehn;

Lasst uns Josefs Einfalt teilen

Und der Demut Glück verstehn.

 

Lasst uns arm, gehorsam werden,

Wie uns lehrt der Gottessohn;

Dienend weilt er hier auf Erden

Und im Himmel steht sein Thron.

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Das Wegkreuz

 

Ein Kreuzbild ragt am Seitenweg,

Vom Sturm halb umgestoßen,

Und ringsum wuchert Dorngeheg

In purpurfarbnen Rosen.

 

Doch zärtlich fast schlingt das Gerank

Sich um des Heilands Glieder,

Dass ja kein Dorn die Wunden blank

Des Dulders öffne wieder.

 

Und wo das Mal der Nägel klafft,

Erglänzt nun Rosenschimmer,

So hängt der Herr am Kreuzesschaft

Und lächelt, lächelt immer.

 

Auf seinen Lippen ist der Schrei

Der Qualen ganz erstorben,

Seit, Mitleid atmend, ihn der Mai

Mit seinem Hauch umworben.

 

Und seiner Wunden herber Schmerz

Im Rosenkuss versiegte,

Seit sich ans stille Gottesherz

Der linde Frühling schmiegte.

 

Und alle Tage fand ich so

Das Kreuz am Seitenwege,

Die Rosen rot und frisch und froh

Und grün das Dorngehege.

 

Das war der Tau nicht, der sie sacht

Mit seinen Perlen letzte,

Das war der Herr, der sie bei Nacht

Mit Blut und Tränen netzte.

 

O könnt auch ich durch Kreuz und Mühn

Das Rosenschicksal erben:

Am Herzen Jesu aufzublühn –

An Jesu Herz zu sterben!

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Aus der Nacht zum Licht durchs ewige Licht

 

Es brennt im stillen Gotteshaus

Ein Licht so mild und klar,

Es schimmert und geht nimmer aus,

Schwebt dicht vor dem Altar.

 

Ich sah es glühn, es zog mich hin

Mit wundersamer Macht;

Doch zitternd lag ich auf den Knien,

In mir wars dunkle Nacht.

 

Ach, fiel doch nur ein Fünklein klein

In meines Herzens Grund,

So dacht ich bei des Lichtleins Schein,

Doch bebend schwieg mein Mund.

 

Und lange lag ich tränenlos,

Versenkt in stummes Flehn,

Der Schein des kleinen Lämpchens bloß

Hat meinen Schmerz gesehn.

 

Da wars, als schwebte leise, licht

Das Flämmchen hin zu mir:

„Ach, armes Herz, verzage nicht,

Ich bin ja noch bei dir!“

 

„Ich bin bei dir, o öffne mir

Des Herzens dunklen Schrein;

So gerne kehrt ich ein bei dir,

Willst du nur willig sein!"

 

„Ich will, ich will, o ewges Licht“,

Sprach freudig da mein Mund,

„Kehr ein bei mir und säume nicht,

Erleuchte mich zur Stund!“

 

Und vom Altar ein lichter Strahl

Senkt in das Herz sich schnell,

Es schwand die Nacht, der Schmerzen Qual,

Es floß der Tränen Quell.

 

Und scheint mir je, als lösch es aus,

Als schau sein Glühn ich nicht,

So flücht ich mich zum Gotteshaus,

Hol Licht vom ewgen Licht.

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Maria an der Krippe

 

Himmlische Grotte

Gut sein ist hier;

Bist du auch ärmlich:

Gott wohnt in dir!

 

Arm ist das Haus wohl,

Schön ist das Kind,

Himmel und Erdreich

Eigen ihm sind.

 

Der uns des blauen

Sternhimmels Pracht

Zeltgleich entfaltet

Jegliche Nacht:

 

Den hüll ich selig

In Windeln ein,

Sing ihn in Schlummer,

Mein Kindelein.

 

Nehm ich sein Händlein

Und lehr es gehn, -

Solltest nur straucheln

Und lächeln es sehn!

 

Freudig vom Falle

Hebt es sich auf,

Übet von Neuem

Kindlichen Lauf.

 

So im Gehorsam

Sind wir geschult,

Und es gebricht uns

Niemals Geduld.

 

Jesus mein Meister,

Bitte, lass sein

Vor dir ein Kind mich,

Folgsam und klein.

 

Himmlische Grotte,

Gut sein ist hier,

Bist du auch ärmlich:

Gott wohnt in dir!

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Maria zu Füßen

 

Maria zu Füßen

Da ruht es sich gut.

Die Mutter zu grüßen

In seligem Mut.

 

Was soll ich verzagen

In Kummer und Not,

Ihr darf ich ja klagen

Was Wehes mir droht.

 

Ihr bin ich ergeben

Ein liebendes Kind,

Im Tod und im Leben

Stets treu ihr gesinnt.

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Der Heiland friert

 

Der Heiland friert im Krippelein –

Will keiner Ihn erwarmen?

Nimmt keiner Ihn ins Herz hinein

Voll Mitleid und Erbarmen?

O dieses liebe, süße Kind,

So voller Gnad und Güte,

Ob nirgends denn ein Herz Es find,

Wo man Ihm Wärme biete?

 

Der Heiland friert im Sakrament –

Mehr noch, als einst im Stalle,

In kalter Kirche still nur brennt

Das Licht mit schwachem Strahle,

Sonst ist Er, ach! so gar allein,

Hat nichts, Ihn warm zu machen,

Will keiner Ihm Gesellschaft sein?

Mag niemand bei Ihm wachen?

 

Der Heiland glüht am Kreuzesstamm,

O wohl in heißen Gluten,

Sie zehren auf das Gotteslamm,

Sie machen es verbluten.

O soll Er auf der ganzen Welt,

Soll Er kein Herz denn haben,

Das sich zu Seinem Kreuze stellt,

Ihn in der Glut zu laben?

 

Der Heiland glüht im Sakrament,

Mehr, als ans Kreuz geschlagen,

Sein Herz in hellen Flammen brennt,

Kann kaum die Glut ertragen,

Die Glut für aller Menschen Heil,

Den heißen Durst nach – Herzen –

Ist denn kein Herz, das zu Ihm eil,

Und lindre Seine Schmerzen?!

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Lasset uns zur Krippe gehen

 

Lasset uns zur Krippe gehen,

Drin das Jesuskindlein ruht.

Lasst uns froh das Wunder sehen

Das der Herr uns Menschen tut.

 

O du trägst in deinen Händen

Alles, was uns Armen fehlt,

Und du wirst die Knechtschaft enden,

Die seit Adam uns gequält.

 

Ja, du willst uns ewges Leben

Selge Füll und Herrlichkeit

Ewgen Frieden willst du geben

Rufst uns all zur Seligkeit.

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St. Irmgardis

 

Wo durch die weiten, grünen Wiesen

Der Niers* Gewässer lieblich fließt,

Da liegt von alters her ein Städtchen**,

Das freundlich aus dem Tale grüßt.

 

Es ist bekannt durch seine Höhen,

Bekränzt mit duft´gem Waldesgrün,

Und scharenweis sieht man die Fremden

Zur Sonntagszeit nach Süchteln ziehn.

 

Inmitten dunkler Tannenbäume,

Ward einst ein Kirchlein dort erbaut,

Die weißen Mauern weithin schimmern,

Ein Türmlein auf zum Himmel schaut.

 

Tritt ein, du Wandrer aus der Ferne,

In diesen stillen, heil´gen Ort,

Und lass ein Weilchen fromm dich nieder,

Wie ist´s so lieb, so traulich dort!

 

Auf schlichtem, hölzernem Altare

Siehst du ein Bild der Gottesbraut,

Die einst als Heilige hier lebte

Und nun vom Himmel niederschaut.

 

Irmgardis wurde sie geheißen,

Ein Grafenkind aus Niederland,

Die in Entsagung aller Güter

Der Seele wahren Frieden fand.

 

Ein Hüttchen dient´ ihr hier zur Wohnung,

Ein Brünnlein spendet´ Wasser frisch,

Mit wilden Beeren, rohen Kräutern

Deckt´ einfach ihr der Wald den Tisch.

 

Wenn aus dem Städtchen früh am Morgen

Drang Glockenklang zum Berg empor,

Und in die hellen Töne mischte

Sich mannigfach der Vöglein Chor,

 

Dann stieg Irmgardis, leise betend,

Zur Kirche drunten in dem Tal,

Der heiligen Messe beizuwohnen,

Zu stärken sich beim Opfermahl.

 

In manche arme, niedre Hütte

Kehrt auf dem Rückweg sie dann ein,

Hier einen Kranken sanft zu pflegen,

Dort Armen Gaben mild zu weihn.

 

Und kehrt sie dann zur Zelle wieder,

Teilt sie in Arbeit und Gebet

Die Stunden, die ihr noch verblieben,

Bis spät der Tag zur Neige geht.

 

So saß sie meist am Sommertage

Mit ihrem Rädchen da und spann,

Und über Gottes Wunderwerke

Sie tief in ihrem Herzen sann.

 

Da tönt auf einmal Hundebellen

Und Pferdewiehern an ihr Ohr,

Und aus dem dunkeln Dickicht sprengen

Drei Ritter, reich geschmückt, hervor.

 

Sie nahen schmeichelnd sich der Reinen,

Zu locken sie zur Welt zurück,

Sie bieten ihr der Erde Schätze,

Sie sprechen ihr von Liebesglück.

 

Entrüstet steht sie vor den Bösen,

Und Flammen sprüht ihr heller Blick,

Und mit der Rechten, streng gebietend,

Weist sie die Frechen schroff zurück.

 

Dann sprach sie mit Prophetenstimme,

Zu den Erschreckten hingewandt:

„Zur Strafe sollen eure Burgen

Zerstöret sein im ganzen Land.“

 

Die Ritter fliehen, bleich und zitternd,

Zurück in ihrer Heimat Au´n,

Um die Erfüllung jener Worte

Mit eig´nen Augen bang zu schau´n.

 

Doch St. Irmgardis, voller Sorgen,

Verlässt die stille Einsamkeit,

Und macht mit andern frommen Frauen

Zur Pilgerreise sich bereit.

 

Wohl über Berge, hoch und eisig,

Lenkt sie die Schritte hin nach Rom,

Des Papstes Segen zu erflehen,

Zu knien in St. Peters Dom.

 

Den heil´gen Vater fromm zu ehren,

Bringt eine Gabe sie, gehüllt

In einen Handschuh, der mit Erde,

Getränkt mit Märtyrerblut, gefüllt.

 

Und dreimal zieht nach Romes Stätten

Sie hin, durch Glaub´ und Lieb´ gestählt,

Dann geht ihr Weg nach Köln am Rheine,

Das jetzt zur Wohnung sie erwählt.

 

Ganz nahe bei dem hohen Dome

Bezieht sie dort ein Kämmerlein,

Die letzten Jahre ihres Lebens

Dem Tabernakel nah zu sein.

 

Auf einem Altar dort im Dome

Stand ein uraltes Christusbild,

Es ist noch heute da zu schauen,

Der Heiland blickt vom Kreuz so mild.

 

Das blieb der Jungfrau liebstes Plätzchen,

Dort, wo des Domes Kreuzaltar,

Da kniet´ sie täglich, innig betend,

Bis in ihr letztes Lebensjahr.

 

Und endlich kam die letzte Stunde,

Und selig lächelnd schlief sie ein,

Um droben in der Schar der Reinen

Sich ew´ger Wonne zu erfreu´n.

 

Ihr heil´ger Leib ruht noch im Dome,

Doch hoch verehrt wird sie am Ort,

Wo einst sie arm und einsam lebte,

Bei Süchteln in dem Walde dort,

 

Wo einst ihr Hüttchen hat gestanden,

Steht nun das kleine Gotteshaus,

Und wo sie einsam oft gebetet,

Gehen fromme Pilger ein und aus.

 

Und kommst zur Kirche du im Städtchen,

So siehst du auf dem Hochaltar

Von Künstlerhand gar zart gemalet,

Was Irmgard einst und später war.

 

Und rings die schönen Kirchenfenster

Erzählen dir in Bildern fein,

Was alles sich hat zugetragen

Mit dieser Jungfrau fromm und rein.

 

Und kommst im Herbste du nach Süchteln

Zum schönen St. Irmgardisfest,

So wirst du staunen ob der Feier,

Von der das treue Volk nicht lässt.

 

Dann siehst du Tausende von Pilgern

Vor ihrem schlichten Bildnis knien,

Und herrlich, wie zum höchsten Feste,

Die Prozession zum Berge ziehn.

 

Die heilige Irmgardis war eine Einsiedlerin bei Süchteln. Um 1030 geboren, starb sie im Jahre 1085. Ihr Fest wird am 4. September begangen.

 

*Die Niers ist ein Fluss im linken Niederrheingebiet, der parallel zu Maas und Rhein auf der östlichen Seite der deutsch-niederländischen Grenze verläuft. In Goch wendet sie sich nach Westen, um bei Gennep, Niederlande in die Maas zu münden. Die Länge der Niers beträgt 117,7 Kilometer.

 

** Süchteln ist ein Stadtteil der Kreisstadt Viersen des gleichnamigen Kreises im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die Mitte der alten Weberstadt bildet die 1856 gebaute katholische Pfarrkirche St. Clemens. Ihr heute noch gut erhaltener, 73 m hoher Turm stammt aus dem Jahr 1481.

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Der bestrafte Frevler

 

Aufgestiegen war die Sonne

Feierlich, in stiller Pracht,

Wald und Flur und Tal und Hügel –

Alles ihr entgegen lacht; –

 

Da, vom Dorfe her erschallet

Feierlicher Glockenklang,

All die Gläub´gen in der Runde

Ruft er auf zum Kirchengang.

 

Rings aus den Gehöften wallen

Fromme Christenscharen hin;

Feiert man ja heut ein hohes

Fest der Himmelskönigin.

 

Nahe bei dem Hause Gottes

Liegt am Bach des Müllers Haus;

Doch aus seiner Pforte wallet

Nicht ein einz´ger Mensch heraus,

 

Und das Mühlrad dreht sich lärmend,

Wie zu jeder andren Zeit,

Aus dem Fenster schaut der Müller

Im bestaubten Werktagskleid.

 

Und die Kirchengänger fragen:

„Müller, wie, lässt du denn heut

Nicht die Knechtesarbeit ruhen,

Wie´s das hohe Fest gebeut? –

 

Darfst wohl eine Stund der Andacht

Der Gebenedeiten weihn.

Komm und geh mit uns zur Kirche,

Es wird dir zum Segen sein.“ –

 

Doch der Müller lacht und höhnet:

„Geht zur Kirche immerhin

Und erbettelt euch den Segen

Eurer Himmelskönigin.

 

Torheit ist die Festesfeier,

Müßiggang ist euer Ziel;

Doch mein Mühlrad rastet nimmer

Wegen eurem Possenspiel.“ –

 

Ernst ruft ihm ein Greis hinüber:

„Müller, lass den frevlen Hohn;

Denn nicht ungestraft verhöhnen

Lässt die Mutter Gott der Sohn.

 

Was dein Rad am Festtag mahlet,

Bringt sicher dir kein Glück!“

Doch der Müller ruft mit Lachen

Dem ehrwürd´gen Greis zurück:

 

„Spar die Red! So wahr ich lebe

Und noch länger leben mag,

Soll mein Rad geschäftig mahlen

Trotz dem hohen Frauentag.

 

Und es soll, recht festlich klappernd,

Trotz dem schönsten Orgelklang

Laut ertönen und begleiten

Euren frommen Kirchensang.“

 

Alle hören mit Entsetzen

Solche frevle Lästerred,

Manches Mütterlein bekreuzt sich

Wie vom Bösen angeweht.

 

Doch die Glocken wieder schallen

Zu des hohen Amts Beginn,

Und die frommen Kirchengänger

Eilen nach der Pforte hin. –

 

Und zum Altar geht der Priester,

Reich mit Festschmuck angetan,

Und der Klang der Festeslieder

Und der Orgel hebet an.

 

Doch dazwischen tönet störend

Von der nahen Mühle her

Das Geklapper ohne Ruhe

Und verwirret das Gehör.

 

Aber als das Gloria schallet,

Hat der Mühllärm aufgehört.

Ah, so hat der böse Müller

Doch zum Bess´ren sich bekehrt!

 

Froher nun die Lieder schallen,

Heller nun die Orgel klingt.

Aus des Opfers Gnadenquelle

Ungestört die Andacht trinkt.

 

Und es preist vielstimmger Jubel

Laut die Himmelskönigin,

Und der Sohn, den sie geboren,

Der uns führt zum Vater hin. –

 

Als das heil´ge Amt vollendet,

Und die Gläub´gen kehr´n zurück,

Wendet sich, voll Neugier forschend,

Nach der Mühle jeder Blick.

 

Doch, was ist das? Aus der Mühle

Stöhnet banger Klagelaut!

Welch ein Unglück ist geschehen?

Kommt zur Mühle, kommt und schaut!

 

Und es eilt dahin die Menge –

Ha! die Knechte stehn entsetzt

Dort um ihres Meisters Leiche;

Gott, wie ist der Leib zerfetzt!

 

Einer von den schreckenbleichen

Mühleburschen zitternd sprach:

„Hemmen wollten wir das Mühlrad

An dem heil´gen Frauentag:

 

Doch der Meister lachte höhnend:

Keine Arbeit stell ich ein;

Herrlich soll mein Rädlein klappern

In den Kirchensang hinein!

 

Die gehemmte Speiche reißt er

Dann heraus mit zorn´ger Hast,

Gleitet aus, und stürzt – o Schrecken!

Wird vom Mühlenrad erfasst.

 

Und es schleudert ihn im Kreise

Dreimal um mit Allgewalt,

Bis er in den Schaufeln haftet

Und dem Rad gebietet Halt.

 

Nimmer konnt das Werk sich drehen,

Weil gehemmt vom toten Mann,

Also musst er tun als Leiche,

Was er lebend nicht getan.“

 

Schaudernd schaut der Gläubigen Menge

Das verzerrte Angesicht,

Und gar manche Lippe lispelt:

„Schrecklich, Herr, ist Dein Gericht.“

 

Und der Greis, der ernste Mahner,

Tritt zur Leiche nah heran,

Blickt auf sie und dann zum Himmel,

Sprechend: „Das hat Gott getan,

 

Der Allmächtge und Gerechte!

Das ist frechen Spottes Lohn;

Denn nicht ungestraft verhöhnen

Lässt die Mutter Gott der Sohn!“

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Was St. Josef sang bei der Himmelfahrt Mariä

 

Als Maria aufgefahren

Und ihr Sohn sie hatt geleitet

Zu dem Thron, der seit Beginnen

Aller Zeit ihr ward bereitet,

 

Rauscht ein neuer Strom der Freude

Durch des Himmels weite Hallen,

Und es ging zu ihrem Throne

Bald ein jubelvolles Wallen.

 

Engel knieten vor ihr nieder,

Um die Königin zu schauen,

Die der Herr für sie berufen

Aus der armen Erde Gauen.

 

Und es kam auch Isaias

Mit der Seher Schar gegangen,

Um die Jungfrau zu begrüßen,

Die das Heil der Welt empfangen.

 

Auch die Väter, die gehütet

Der Verheißung Wort solange,

Sangen zu der Seher Tönen

In so wunderbarem Klange.

 

Als der jüngste kam St. Josef,

Ernst und sinnend war sein Schreiten,

Gleich, als ob bei solchem Jubel

Er gedächt´ vergangner Zeiten.

 

Singend trat er vor die Jungfrau,

Auf die Harfe schlug er leise,

Und der Himmel schwieg und lauschte

Seiner liebentzückten Weise.

 

„Weiße Lilie, die im Tempel

Gott gelegt in meine Hände,

Dass an ihrem Duft und Glanze

Licht und Trost ich viel erfände;

 

Weiße Lilie, ungebrochen,

Keiner soll dir lauter singen,

Als wer so zu seinem Herzen

Deinen Zauber fühlte dringen.

 

Zarte Blume, meine Wonne,

Und mein Trost auf rauen Wegen,

Ach, ich konnte dich nicht schützen,

Nicht vor Frost und Winden hegen.

 

Und die Frucht des neuen Lebens,

Die dein reiner Kelch getragen,

Ach, ich konnte sie nicht decken

In des harten Winters Tagen.

 

Kön´ge kamen aus dem Osten,

Sie zu sehn in frommem Glauben,

Und dann suchten grimme Neider

Dir die Himmelsfrucht zu rauben.

 

Weiße Lilie, wie so traurig

Sich dein Haupt zur Erde neigte,

Als die Wege der Verbannung

Uns der Engel Gottes zeigte.

 

Und dann sanken auf dich nieder,

Ach, Ägyptens heiße Gluten,

Und es tränkten dich im Durste

Nur der Tränen bittre Fluten.

 

Als ich zitternd dich genommen

Und zur Heimat hingetragen,

Hat die Sonn sich dir verborgen,

In drei tödlich langen Tagen.

 

Ach, es war, als ob die süße

Frucht, die einst dein Kelch geborgen,

Sich vom Stamme lösen wollte

Schon in ihres Lebens Morgen.

 

Immer weißer, immer heller

Ward dein Glanz, du lichte Blume,

Immer klarer deines Duftes

Balsam in dem Heiligtume.

 

Selig hab ich dich betrachtet,

Und den reinen Duft genossen,

Bis ich einmal, wonnetrunken,

Still die Augen hab geschlossen.

 

Weiße Lilie, sieh, der Himmel

Ist entzückt von deiner Schöne,

Mit dem Dufte deines Kelches

Steigen deines Loblieds Töne.

 

Doch zu keines Menschen Herzen

Dringen süßer Duft und Lieder,

Als zu dem, der wonnberauschet

Denket alter Zeiten wieder.

 

Denn ich ward dir angetrauet,

Sah dich leiden mit Erbarmen,

Hab dein Kindlein dir ernähret,

Und ich starb in deinen Armen.“

 

Als St. Josef ausgesungen,

Ruht Marias Auge lange

Auf dem Sänger, der die Seele

Ihr bewegt mit süßem Klange.

 

Und der Glanz der weißen Blume

Fiel auf ihn so hell und reine,

Dass der Himmel schöner wurde

Auch von Josefs Licht und Scheine.

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Der heilige Martin

 

Als Kaiser Theodosius

Regierte mit Arkadius,

 

Einem Reiter aus Pannonia,

Mit Namen Martin, dies geschah:

 

Er kam in Sturm und Schnee einst mitten

In einen Ort hineingeritten;

 

Da fleht alsbald ein armer Mann

Um eine kleine Gab ihn an.

 

Der Mann war elend, nackt und bloß,

Der Wind ging auf die Haut ihm los.

 

Herr Martin hätt ihm für sein Leben

Gern Koller, Rock und Wams gegeben.

 

Allein, ihr wisst wohl, ein Soldat

Sehr wenig zu verschenken hat.

 

Doch hielt er an auf hohem Ross,

Worauf der Regen niederfloss,

Und sprach: „Der Mann ist nackt und bloß,

 

Es muss ja grad auch Geld nicht sein,

Ich will ihm dennoch was verleihn.“

 

Sein Schwert drauf mit der Faust gefasst,

Haut er von seinem Mantel fast

 

Des einen Zipfels Hälft herab,

Die er dem armen Manne gab.

 

Der Arme nimmt das Stück sogleich

Und wünscht dafür das Himmelreich

 

Dem guten, frommen Reitersmann,

Der sich nicht lange drauf besann,

 

Wie der gesagt sein Gratias,

So reitet dieser auch fürbass

 

Zu einer armen Witwe Tür

Und legt da selbst sich ins Quartier,

 

Nimmt Speis und Trank ein wenig ein,

Es wird nicht viel gewesen sein.

 

Nachdem er also trunken, gessen

Und das Gebet auch nicht vergessen,

 

Legt er sich nieder auf die Streu.

Obs eins gewesen oder zwei,

 

Das hat die Chronik nicht gemeldt,

Drum lass ichs auch dahingestellt.

 

Alsdann begibt sichs in der Nacht,

Dass er von einem Glanz erwacht,

 

Der zwingt das Aug ihn aufzuschließen;

Da steht ein Mann zu seinen Füßen,

 

Sein Haupt trägt eine Dornenkron:

Er ists, er ists, der Menschensohn!

 

Mit tausend Engeln, die ihm dienen,

Ist plötzlich unser Herr erschienen

 

In aller seiner Herrlichkeit.

Und mit dem Mantel, welchen heut

 

Der Martin aus Pannonia,

Der dessen gar nicht sich versah,

 

Geschenkt dem armen Bettelmann,

Ist unser Heiland angetan.

 

Und so der Herr zu Petrus spricht:

„Siehst du den neuen Mantel nicht,

 

Den hier ich auf den Schultern trage?“

Auf des Apostels weitre Frage

 

Wer ihm den Mantel denn geschenkt,

Das Aug auf Martin hingesenkt,

 

Mit einem sanften Himmelston

Fährt also fort der Menschensohn:

 

„Der Martin hier, der ist es eben,

Der diesen Mantel mir gegeben.

 

Ermuntre dich, steh auf, mein Knecht,

Den ich erwählt, du bist gerecht!

 

Du warst bisher ein blinder Heide,

Das Schwert, das steck nun in die Scheide!

 

Ein Streiter Gottes soll auf Erden

Mein frommer Bischof Martin werden.“

 

Als dieses Wort der Herr gesagt,

So kräht der Hahn, der Morgen tagt,

 

Ein Engel küsst des Mantels Saum,

Und Martin ist erwacht vom Traum –

 

Denkt nach, klopft an ein Kloster an

Und ist, getreu nach Christi Worten,

Aus einem wilden Reitersmann

Ein großer, frommer Bischof worden.

 

Kaiser Theodosius regierte von 378-395, zunächst nur im östlichen Teil des römischen Reiches. Seine beiden Söhne waren Honorius und Arkadius.

Pannonia = Ungarn

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Elisabeths Rosen

 

(von Ludwig Bechstein)

 

Sie stieg herab wie ein Engelsbild,

Die heil´ge Elisabeth, fromm und mild,

Die gabenspendende, hohe Frau,

Vom Wartburg-Schloss auf die grüne Au.

 

Sie trägt ein Körbchen, es ist verhüllt,

Mit milden Gaben ist´s vollgefüllt.

Schon harren die Armen am Bergesfuß

Auf der Herrin freundlichen Liebesgruß.

 

So geht sie ruhig; doch Argwohn stahl

Durch Verräters Mund sich zu dem Gemahl,

Und plötzlich tritt Ludwig ihr zürnend nah

Und fragt die Erschrockne: „Was trägst du da?“

 

„Herr, Blumen!“ bebt´s von den Lippen ihr. –

„Ich will sie sehen, zeige sie mir!“

Wie des Grafen Hand das Körbchen enthüllt,

Mit duftenden Rosen ist´s gefüllt.

 

Da wird das zürnende Wort gelähmt,

Vor der edlen Herrin steht er beschämt,

Vergebung erflehet von ihr sein Blick,

Vergebung lächelt sie sanft zurück.

 

Er geht, und es fliegt ihres Auges Strahl

Fromm dankbar empor zu dem Himmelssaal.

Dann hat sie zum Tal sich herabgewandt

Und die Armen gespeist mit milder Hand.

 

Die älteste Legende berichtet uns über ein gleiches Wunder beim heiligen Nikolaus, der den Armen im strengen Winter Brot brachte. Der hartherzige Abt hielt ihn einmal auf seinem Liebesgang an und befahl ihm, den Korb zu öffnen. Zitternd erhob Nikolaus den Deckel, und blühende Rosen leuchteten dem Abt entgegen.

In gleicher Weise erzählt die Legende Rosenwunder von der heiligen Elisabeth von Thüringen, der heiligen Radegunde, der heiligen Rosa von Viterbo und der heiligen Casilda von Burgos, Tochter eines Sarazenenkönigs, welche heimlich den christlichen Gefangenen Speisen brachte.

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Der Geiger zu Gmünd

 

Einst ein Kirchlein sondergleichen –

Noch ein Stein von ihm steht da –

Baute Gmünd der sangesreichen

Heiligen Cäcilia.

 

Lilien von Silber glänzten

Ob der Heilgen mondenklar,

Hell, wie Morgenrot, bekränzten

Goldne Rosen den Altar.

 

Schuh, aus reinem Gold geschlagen,

Und von Silber hell ein Kleid

Hat die Heilige getragen:

Denn da wars noch gute Zeit,

 

Zeit, wo überm fernen Meere,

Nicht nur in der Heimat Land,

Man der Gmündschen Künstler Ehre

Hell in Gold und Silber fand.

 

Und der fremden Pilger wallten

Zu Cäcilias Kirche viel;

Ungesehn woher, erschallten

Drin Gesang und Orgelspiel.

 

Einst ein Geiger kam gegangen,

Ach, den drückte große Not,

Matte Beine, bleiche Wangen,

Und im Sack kein Geld, kein Brot.

 

Vor dem Bild hat er gesungen

Und gespielet all sein Leid,

Hat der Heilgen Herz durchdrungen:

Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

 

Lächelnd bückt das Bild sich nieder

Aus der lebenlosen Ruh,

Wirft dem armen Sohn der Lieder

Hin den rechten goldnen Schuh.

 

Nach des nächsten Goldschmieds Hause

Eilt er, ganz von Glück berauscht,

Singt und träumt vom besten Schmause,

Wenn der Schuh um Geld vertauscht.

 

Aber kaum den Schuh ersehen,

Führt der Goldschmied rauen Ton,

Und zum Richter wird mit Schmähen

Wild geschleppt des Liedes Sohn.

 

Bald ist der Prozess geschlichtet,

Allen ist es offenbar,

Dass das Wunder nur erdichtet,

Er der frechste Räuber war.

 

Weh, du armer Sohn der Lieder,

Sangest wohl den letzten Sang!

An den Galgen auf und nieder

Sollst, ein Vogel, fliegen bang.

 

Hell ein Glöcklein hört man schallen

Und man hört den schwarzen Zug

Mit dir zu der Stätte wallen,

Wo beginnen soll dein Flug.

 

Bußgesänge hört man singen

Nonnen und der Mönche Chor,

Aber hell auch hört man dringen

Geigentöne draus hervor.

 

Seine Geige mitzuführen,

War des Geigers letzte Bitt:

„Wo so viele musizieren,

Musizier ich Geiger mit!“

 

An Cäcilias Kapelle

Jetzt der Zug vorüber kam,

Nach des offnen Kirchleins Schwelle

Geigt er recht in tiefem Gram.

 

Und wer kurz ihn noch gehasset,

Seufzt: „Das arme Geigerlein!“ –

„Eins noch bitt ich“, – singt er, „lasset

Mich zur Heilgen noch hinein!“

 

Man gewährt ihm; vor dem Bilde

Geigt er abermals sein Leid,

Und er rühmt die Himmlischmilde.

Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

 

Lächelnd bückt das Bild sich nieder

Aus der lebenlosen Ruh,

Wirft dem armen Sohn der Lieder

Hin den zweiten goldnen Schuh.

 

Voll Erstaunen steht die Menge

Und es sieht nun jeder Christ,

Wie der Mann der Volksgesänge

Selbst der Heilgen teuer ist.

 

Schön geschmückt mit Bändern, Kränzen,

Wohl gestärkt mit Geld und Wein,

Führen sie zu Sang und Tänzen,

In das Rathaus ihn hinein.

 

Alle Unbill wird vergessen,

Schön zum Fest erhellt das Haus,

Und der Geiger ist gesessen

Obenan beim lustgen Schmaus.

 

Aber als sie voll vom Weine,

Nimmt er seine Schuh zu Hand,

Wandert so im Mondenscheine

Lustig in ein andres Land. –

 

Seitdem wird zu Gmünd empfangen

Liebreich jedes Geigerlein,

Kommt es noch so arm gegangen –

Und es muss getanzet sein.

 

Drum auch hört man geigen, singen,

Tanzen dort ohn Unterlass,

Und wenn alle Saiten springen,

Klingt noch mit dem leeren Glas.

 

Und wenn bald ringsum verhallen

Becherklingen, Tanz und Sang,

Wird aus Gmünd noch immer schallen

Selbst aus Trümmern lustger Klang.

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Rat des Vaters an seinen Sohn

 

Du wanderst in die Welt hinaus

Auf dir noch fremden Wegen;

Doch folgt dir aus dem stillen Haus

Der treusten Liebe Segen.

 

Ein Ende nahm das leichte Spiel,

Es naht der Ernst des Lebens;

Behalt im Auge fest das Ziel,

Geh keinen Schritt vergebens!

 

Nimm auf die Schultern Last und Müh

Mit frohem Gottvertrauen,

Und lerne, wirkend spät und früh,

Den eignen Herd dir bauen!

 

Wer sich die Ehre wählt zum Hort,

Den kann kein Schalk verführen;

Gerader Weg, gerades Wort

Soll dich zum Ziele führen.

 

Halte hoch den Kopf, was dir auch droht,

Und werde nie zum Knechte;

Brich mit den Armen gern dein Brot

Und wahre deine Rechte!

 

Treib nie mit heilgen Dingen Spott

Und ehr auch fremden Glauben,

Und lass dir deinen Herrn und Gott

Von keinem Zweifel rauben!

 

Und nun ein letzter Druck der Hand

Und eine letzte Bitte:

Bewahr dir treu im fremden Land

Des Vaterhauses Sitte!

 

Julius Sturm

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Ave Maria

 

Wenn ich ein Glöcklein wär,

Schön wollt ich läuten;

Das sollte rings umher

Allen bedeuten:

„Ave Maria!“

 

Wär ich ein Vögelein,

Laut würd ich singen,

Bis in das Herz hinein

Sollt es erklingen:

„Ave Maria!“

 

Blüht ich als Blümlein nur

Still dir zu Füßen,

Würd ich auf grüner Flur,

Jungfrau, dich grüßen:

„Ave Maria!“

 

Blumen voll Duft und Zier,

Vögel und Glocken,

Ihr sollt dem Herzen mir

Freudig entlocken:

„Ave Maria!“

 

Jungfrau, die Gott erhob,

Lass dir gefallen,

Wenn ich zu deinem Lob

Lasse erschallen:

„Ave Maria!“

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Die beiden Fenster

 

Es sind zwei kleine Fensterlein

In einem großen Haus,

Da schaut die ganze Welt hinein,

Die ganze Welt heraus.

 

Ein Maler sitzet immer dort,

Kennt seine Kunst genau,

Malt alle Dinge fort und fort

Weiß, schwarz, rot, grün und blau.

 

Dies malt er eckig, jenes rund,

Lang, kurz, wie´s ihm beliebt;

Wer kennet all die Farben und

Die Formen, die er gibt!

 

Ein Zaubrer ist´s, das sag ich kühn!

Was fasst der Erde Schoß,

Das malt er auf ein Fleckchen hin

Wie eine Erbse groß.

 

Auch was der Hausherr denkt und fleht,

Malt er ans Fenster an,

Dass jeder, der vorüber geht,

Es deutlich sehen kann.

 

Und freut der Herr im Hause sich,

Und nimmt der Schmerz ihn ein,

Dann zeigen öfters Perlen sich

An beiden Fensterlein.

 

Ist´s schönes Wetter, gute Zeit,

Da sind sie hell und lieb;

Wenn´s aber fröstelt, stürmt und schneit,

Dann werden sie gar trüb.

 

Und geht des Hauses Herr zur Ruh,

Nicht braucht er dann ein Licht;

Dann schlägt der Tod die Laden zu,

Und ach! das Fenster bricht.

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Gottes Ratschluss

 

In niederer Hütte, siech und krank

Ein armes Kind liegt auf der Bank,

Von kargen Lumpen kaum bedeckt,

In tiefem Elend hingestreckt.

 

Und bei ihm sitzt ein armes Weib

Mit hohlen Blicken und magerem Leib,

Sie weinet ob des Kindes Not,

Wünscht sich und ihm den frühen Tod. –

 

Der Tod, er hört ihr Weinen nicht,

Vorüber an der Hütte dicht

Schleicht er und geht empor zum Schloss,

Dort liegt des Grafenhauses Spross

 

In seidnen Decken wohl verwahrt,

Kein Mittel hat der Arzt gespart,

Auf seinen Wink harrt das Gesind,

Die Gräfin wacht beim kranken Kind.

 

Es wacht an seinem Bett der Graf

Und prüft den Puls und prüft den Schlaf.

Und doch der Tod drängt sich herein

Und löscht der Augen hellen Schein! –

 

O sprich! Warum im Grafenhaus

Blies doch, o Tod, dein Odem aus

Das junge, hoffnungsvolle Licht?

Warum nahmst du das Würmlein nicht,

 

Dem doch in dunkler Zukunft Schoß

Verborgen liegt ein traurig Los?

Doch wie ich wollt´ verzagen schier,

Dacht´ ich im stillen so bei mir,

 

Als spräch´ der Tod: Hätt´ ich getan

Nach deinem unbedachten Plan,

Es wüsst´ der reichen Eltern Herz

Von keinem Leid, von keinem Schmerz,

Und jener Armen wär geraubt

Das einz´ge Glück, an das sie glaubt.

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Ave Maria!

 

Nach einer Sage fromm und alt

Lebt´ einst im tiefen Tannenwald

Ein Klausner, ein gar heil´ger Mann,

Der betend jeden Satz begann:

Ave Maria!

 

Ein Vöglein klein war sein Genoss,

Das lehrte er mit Mühen groß

Zu sprechen lieblich, klar und rein

Den hehren Gruß der Engelein:

Ave Maria!

 

So sang es friedvoll im Hüttchen traut,

Doch als der Frühling durchs Fenster schaut

Und alles schmückt mit Blüten der Mai,

Da flog es hinaus und jubelt frei:

Ave Maria!

 

Und immer weiter fliegt´s in den Wald,

Umsonst der Ruf des Alten erschallt,

Nur aus der Ferne noch zart und fein

Zwitschert das fröhliche Vögelein:

Ave Maria!

 

Da fällt ein Habicht herab aus der Höh´,

Pfeilschnell und packt´s, o Jammer und Weh!

Er will es zerreißen - da ruft es laut

In Todesangst die Worte vertraut:

Ave Maria!

 

Der Würger, erschreckt durch den seltsamen Klang,

Gibt frei die Beute aus seinem Fang;

Das Vöglein schwingt sich zum Himmel hinauf

Und jubelt immer und hört nicht auf:

Ave Maria!

 

Der Klausner sieht es aus der Fern´,

Heiß dankend Marias Hilfe dem Herrn;

Und wieder kehrt auf seine Hand

Das Vöglein und singt ins blütige Land:

Ave Maria!

 

O Mutter, die du ein Vöglein klein

Errettet selbst aus Angst und Pein,

Gedenke unser in Sturm und Not

Und führ uns sicher durch Nacht und Tod:

Ave Maria!

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Zum 8. Dezember

 

Am Himmelszelt ein Sternlein glänzt,

Ein Sternlein mild mit sanftem Schimmer,

Nie bleicht im Morgenlicht der Flimmer,

Der farbenprächtig es umkränzt.

Dies Sternlein, das mit feinem Scheine

Zu jeder Zeit die Welt entzückt,

Der Adamskinder Herz beglückt,

Das bist Maria du, o Reine.

       Du Stern, der alles Weh versüßt,

       Gestirn der Hoffnung, sei gegrüßt.

 

Vielseitig dräu´n im Tränental

Verlust, Verführung und Verderben;

Doch niemals wird die Hoffnung sterben,

Wenn sie sich lenkt zum Himmelssaal,

Zu jenem Thron, wo deinen Händen

So viele Gaben anvertraut;

Wo du, o reinste Gottesbraut,

Uns huldreich bietest deine Spenden.

       Drum sei gegrüßt, Maria hold;

       Dir bringen wir der Liebe Sold.

 

Erwählt aus Millionen Frau´n,

Als reinste Blüte stets erfunden -

So schwebt dein Bild zu allen Stunden

Vor denen, die dich gläubig schau´n.

Preis dir, du fleckenlose Taube,

Du unvergleichliches Juwel,

Dir huldigt freudig jede Seel´,

Die sich entringt dem Erdenstaube.

       Dich schmücken Gnaden ohne Zahl.

       O sei gegrüßt vieltausendmal!

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Einkehr

 

Bei einem Wirte wundermild

Bin häufig ich zu Gaste.

Den Pelikan hat er zum Schild

An einem Kreuzes-Aste.

 

Es kamen in sein gastlich Haus

Nur allzuwenig Gäste.

Gern lüde ich stadtein stadtaus

Die ganze Welt zum Feste.

 

Der Gastwirt stieg vom Kreuzesstamm,

Persönlich mich zu letzen,

Mir Fleisch vom süßen Gotteslamm

Als Stärkung vorzusetzen.

 

Ich fand die Rast zu süßer Ruh

In seiner offnen Seite.

Der Wirt, er deckte selbst mich zu

Mit seiner Liebe Spreite.

 

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit.

Da sprach er: „Lieb um Liebe!“

Mein letzter Hauch sei ihm geweiht!

Ihm alle Herzenstriebe!

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Mariä Himmelfahrt

 

Der ganze Himmel jubelt,

Engel singen vor Freud,

Die Königin des Himmels

Hält dort den Einzug heut.

 

Ihr Herz war hier auf Erden

Des ew`gen Gottes Zelt,

Der gold`ne Tabernakel

Des Herrschers aller Welt.

 

Sie ist die Braut des Höchsten,

Die Gottesblume traut,

Aus deren Kelch Erlösung,

Errettung uns getaut.

 

Kein leiser Hauch der Sünde

Hat jemals sie berührt,

Von Jericho die Rose,

Die nie an Pracht verliert.

 

So zwischen Dornen, Disteln,

Sie hold erblühet war,

Des heil`gen Geistes Tempel,

Sein Heiligtum, Altar;

 

Nicht sollte je verwesen

Ihr Leib, so klar und rein,

Er geht nach kurzem Schlummer

Zu Himmelsfreuden ein.

 

Der Engel reine Hände

Ihn heben aus der Gruft,

Und zarte Lilien sprießen

Dort auf mit süßem Duft.

 

Durch eine lichte Wolke

Dem Erdenblick geraubt,

Setzt Gott ihr selbst die Krone

Auf`s königliche Haupt.

 

Sei uns gegrüßt, du Hehre,

Du uns`re Königin,

So jubeln Engelchöre,

Die Seel`gen sie umknien.

 

Sei tausendmal gegrüßet

Maria, rufen wir,

Die du uns hast geöffnet

Des Paradieses Tür.

 

Als Helferin der Christen

Stehst du vor deinem Sohn

Und führst uns voll Erbarmen

Zu seinen Gnadenthron.

 

Es jubelt ohne Ende

Dir Erd und Himmel zu:

O Königin, Maria,

Gegrüßet seiest du!

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Glöckleins Stimme in der Weihnacht

 

Heilge Stille herrscht hienieden

Auf der weiten Gotteswelt,

Tausend Sterne künden Frieden

Am verklärten Himmelszelt.

 

Nur ein Glöcklein in der Ferne

Schallet laut mit frohem Ton,

Freundlich ruft es: Christ, o lerne,

Wie dich liebet Gottes Sohn.

 

Vom erhabnen Himmelsthrone

Kam er in dies Tränental,

Dir die ewge Freudenkrone

Zu verleihn am Kreuzespfahl.

 

Heut ward er im Stall geboren

Von der Jungfrau himmlisch rein,

Die der Höchste auserkoren

Zur erhabnen Mutter sein.

 

Sieh, er ruht in kalter Krippe,

Büßend deine Sündenschuld,

Er erfleht mit zarter Lippe

Dir des ewgen Vaters Huld.

 

Horch, der Engel heilge Chöre

Singen ihm ein frohes Lied:

Dem Allerheilgen ewig Ehre

Und dem Erdenpilger Fried.

 

Und dem Erdenpilger Frieden,

Den ein edler Will beseelt,

Ihm sei Glück und Heil beschieden,

Das dem sündgen Herzen fehlt!

 

Was die Himmelsgeister künden,

Will das Kindlein dir verleihn.

O so flieh die Bahn der Sünden,

Die dich führt zur ewgen Pein!

 

Weine vor dem Gotteslamme

Über deine Schuld in Schmerz,

Und der Liebe heilge Flamme

Lodre auf in deinem Herz!

 

Opfre ihm, der ewgen Liebe,

In der hehren Himmelsnacht

Freudig deine Herzens Triebe,

Dass dir ewger Friede lacht!

 

Flehe stets zu Jesu Güte,

Wenn Gefahr der Unschuld droht,

Dass dein Herz in Tugendblüte

Herrlich strahle bis zum Tod!

 

Deine Treue wird er lohnen

Mit des Himmels Seligkeit,

Dorten wirst du ewig thronen

Ohne Trauer, ohne Leid.

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Christi Geburt

 

Erblühet ist ein Röslein zart

In kalter Winternacht,

Es ist von selten schöner Art,

Von wundersamer Pracht.

 

Als königliches Brautgeschmeid

Ruhts an der Jungfrau Brust,

Ihr Herz erbebt in Seligkeit,

In heilger Mutterlust.

 

Anbetend sinkt sie in die Knie;

Von ihrem Busen rein

Legt in das harte Kripplein sie

Das kleine Jesulein.

 

Viel Engel schaun ihr staunend zu,

Sie singen leise, lind

Ein Schlummerlied zu süßer Ruh

Dem holden Jesuskind.

 

Und durch die stille Nacht, so hehr,

Klingt laut der Jubelruf:

„Gott in der Höh sei Preis und Ehr,

Der uns erhält, erschuf!“

 

Er lauscht dem Lied aus Engelsmund,

Der Himmel licht erstrahlt,

Und auf dem weiten Erdenrund

Es jubelnd wiederhallt.

 

Ja, Friede nun den Menschen all,

Die guten Willens sind!

Kommt, eilt bei diesem Jubelschall

Zum Kripplein her geschwind!

 

Das „Weihnachtsröslein“ drin erschaut,

Das Heil, das wir ersehnt,

Den Sohn der reinsten Gottesbraut

Im heilgen Sakrament!

 

Wählt euch zu Herzens Schmuck und Zier

Nur Gott, das höchste Gut,

Dess Lieb so groß, dass arm er hier

Im Kripplein vor euch ruht.

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Mein Vaterhaus

 

In einem stillen Dörflein, da steht mein Vaterhaus,

Da ging in früher Jugend ich fröhlich ein und aus.

Kastanien und Linden beschatten es gar treu,

Zwei hohe Trauerweiden stehn seitwärts auch dabei.

Ein wohlgepflegtes Gärtchen, als schönstes es mir galt,

Das war an Sommertagen mein liebster Aufenthalt.

Da konnt an tausend Blumen ich satt mich nimmer sehn,

Lieb Mütterlein mich lehrte sie kennen und verstehn.

Sie lehrte auch mich pflegen ein eignes Beetchen mein,

Ich säte Maienblümchen und Rosen, Nelken fein.

Sie sprach in sanfter Weise dann öfter auch zu mir:

„Dein Herz gleicht diesem Gärtchen, bewahr es sorglich dir!

Auch das geringste Böse, reiß aus, reiß aus geschwind,

Nur Himmelsblümchen dulde in deinem Herzen, Kind!“

Viel schönre Gärten sah ich und Schlösser stolz und groß,

Erinnerung am liebsten weilt in der Heimat Schoß.

Da, wo ich Vater, Mutter im Geiste täglich seh

Voll treuer Liebe sorgen für Kindes Wohl und Weh.

Mir ist kein Ort auf Erden so lieb wies Vaterhaus,

Wie gern an freien Tagen geh ich dort ein und aus!

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Das Kreuz am Wege

 

So mancher müde Wand`rer geht

Die Straß entlang in bittrem Harme;

Des Heilands Bild am Wege steht,

Geheftet an des Kreuzes Arme.

 

Gesegnet sei der fromme Brauch,

Dies Bild dem Wand`rer hinzustellen;

Denn um das Kreuz weht Himmelshauch,

Von ihm strahlt Licht, den Pfad zu heilen.

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In banger Stunde

 

„Horch, Mutter, horch! es heult der Wind

Und die Sonne will nimmer scheinen.

O wär` zurück von der wilden See

Der Vater meiner Kleinen!“

       „Beten will ich, Kind,

       Zur Mutter unseres Herrn:

       O nimm ihn du in Schutz,

       Maria, du Meeresstern!“

 

„Horch, Mutter, horch, es tobt die See;

Hoch bäumen die Wogen und rollen.

Lass mich zum Strande, ob ich erspäh`

Die Heimkehr der Fischerjollen!“

       „Beten will ich indes

       Zur Mutter unseres Herrn:

       O nimm ihn du in Schutz,

       Maria, du Meeresstern!“

 

„Weh, Mutter, weh! Die Leute am Strand

Uns`re Boote verloren geben.

Sie sagen, aus solchem brüllenden Sturm

Rette keiner sein Leben!“

       „Bete, bete, Kind,

       Zur Mutter unseres Herrn:

       O nimm ihn du in Schutz,

       Maria, du Meeresstern!“

 

„Weh, Mutter, weh! Die Nacht bricht herein!

In deinem Schoss lass mich weinen

In der rasenden Angst, dass ich Witwe bin

Und Waisen sind meine Kleinen!“

       „Bete, bete, Kind,

       Zur Mutter unseres Herrn:

       O nimm ihn du in Schutz,

       Maria, du Meeresstern!“

 

„Horch, Mutter, horch! Ich hör durch den Sturm

Nahender Schritte Gewimmel.

Mutter, Mutter, sie bringen ihn!

Nun Gnade mir Gott im Himmel!“

       „Beten will ich, Kind

       Zur Mutter unseres Herrn:

       Dass sie dir Kraft verleih`,

       Maria, der Meeresstern!“

 

„Nein, Mutter, nein – da schüttert ein Schritt –

Den kenn ich heraus unter allen!

Er ist`s! Er lebt! O jauchzendes Glück,

Das mir vom Himmel gefallen!“

       „Ich hab gebetet, Kind,

       Zur Mutter unseres Herrn.

       Sie gibt ihn dir zurück,

       Maria, der Meeresstern!“

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Ernste Gedanken (J.M. Sailer)

 

Eh ich dies heut vollendet habe,

Sinkt diese Hütte vielleicht ein,

Und vielleicht ruht im dunklen Grabe

Nach dreien Tagen mein Gebein.

 

Wie, wenn ich heut noch sterben sollte

Wie wär`, o Seele, dir zumut`?

Bist du, wie Gott dich haben wollte,

In seinen Augen rein und gut?

 

Wirst du vor deinem Gott bestehen,

Vor ihm, der heilig, heilig ist?

Scheust du dich nicht, den anzusehen,

Durch den du wurdest, was du bist?

 

Wie? Heute hörtest du mit Freuden

Die Stimme: Du musst sterben, an?

Gern wolltest du vom Leibe scheiden,

Noch heute gehn die dunkle Bahn?

 

Sei nicht zu schnell, nicht zu gelinde,

Dich täusche keines Schmeichlers Mund!

Wird deine Hoffnung nicht zu Winde,

Erwägst du deiner Taten Grund?

 

Aus welcher Absicht, welchem Triebe

Quillt dein gerühmtes Christentum?

Erfüllt dich Jesu Christi Liebe,

Nicht Lüsternheit nach Menschenruhm?

 

Im Sterben, ach im Sterben sinken

Der falschen Tugend Stützen ein.

Den Wahn-Christ stellt der Herr zur Linken;

Wem Christi Geist fehlt, ist nicht sein.

 

Suchst du in allem Gottes Ehre?

Lebst du nur Christus und nicht dir?

Wie, wenn dir Jesus sichtbar wäre

Und täglich sagte: Folge mir!

 

Ist nichts als Sünde dir verhasster?

Fühlst du zu jedem Siege Kraft?

Bekämpfst du auch die liebsten Laster?

Bist Herr du deiner Leidenschaft?

 

Ach nein! Ich muss mich selbst verdammen,

Ich bin kein Heiliger, kein Christ;

Ich sehe des Gerichtes Flammen

Vor mir, wenn du nicht gnädig bist.

 

Ja, zagen müsst ich und erbeben,

Riefst du vor deinen Thron mich heut.

Ach, Vater lass mich länger leben

Und gib zur Buße mir noch Zeit.

 

Ach, Vater, lass es ernst mir werden,

Zeig täglich mir des Todes Nacht,

Lass mich so heilig sein auf Erden,

Dass mir der Tod nicht bange macht.

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Die verlassene Kapelle

 

Es steht ein lockiges Jesuskind

In einem gläsernen Schrein.

Zur Türe pfeift der eiskalte Wind

Und Flocken wirbeln herein.

 

Wohl neigen die weißen Bäume sich

Wie Wächter treu und still –

Das heilige Kind friert bitterlich

Im Flitterröcklein aus Tüll.

 

Seine wächsernen Wangen sind so blass,

Die Finger verkrampft in Weh.

Der Sturmwind tobt ohne Unterlass

Um die Kapelle im Schnee.

 

Du armes, verstaubtes Jesulein,

So ganz verlassen bist du?

Kommt keiner mehr zum Beten herein

Und macht deine Türe zu?

 

Einst kamen sie scharenweis zu dir

Von nah und ferne heran.

Sie brachten dir tausend Bitten für

Und flehten um Wunder dich an.

 

Nun ist so kalt und nüchtern die Zeit;

Der Hass auf Erden regiert. –

Vergessen steht im silbernen Kleid

Das Jesuskindlein und friert.

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O König meiner Seele

 

Ich ging hinaus zu schauen

Den König, groß und mild,

Der allen, die ihm trauen,

Gerechte Klagen stillt.

 

Er ist zu mir gekommen,

Bevor ich zu ihm kam.

Mir ward die Brust beklommen

Und doch so wundersam.

 

Zu ihm hab ich gesprochen

Von allem, was mich drückt,

Er hat mein Joch zerbrochen

Und huldreich mich beglückt.

 

Er hat mit mir geschlossen

Den engsten Freundschaftsbund,

Er nahm mich zum Genossen

Seit dieser Feierstund.

 

Auf dass er mir erfrische

Den tiefgebeugten Geist,

Hat er an seinem Tische

Mich königlich gespeist.

 

O, er umschlang mich innig!

Wie hat er mich gekost!

Er herzte mich so minnig

Und gab mir Lust und Trost.

 

Mit ihm vereint vergaß ich

Des Lebens Not und Qual,

Durch seine Kraft genas ich

Von Wunden ohne Zahl.

 

Jetzt darf ich zu ihm kommen

Zu jeder, jeder Zeit

Ich werde aufgenommen

Mit größter Herzlichkeit.

 

Damit ich nicht erschrecke

Vor seinem Königsglanz,

Weilt er, wie im Verstecke,

gar klein in der Monstranz.

 

O König meiner Seele,

O Herr der Liebe du,

Zu allen Zeiten zähle

Mich deinen Freunden zu.

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Rätsel

 

Kennst du das Haus, so klein und traut,

Und doch so groß und Weit?

Die ew`ge Weisheit hat`s gebaut,

Gedacht vor aller Zeit.

 

In hellen Flammen steht das Haus,

Sie brennen aber nicht;

Sie strahlen nur viel Wärme aus,

Und Lieb und Trost und Licht.

 

Es steht in einem Dornenhag

Mit Stacheln lang und spitz,

Auf dass der Feind nicht dringen mag

Zu diesem Friedenssitz.

 

Doch jedem, der im Frieden kömmt,

Weit offen steht das Tor,

Daraus in Blut und Wasser strömt

Ein Quell des Heils hervor.

 

Und immer deutet himmelwärts

Und spricht: dort ist dein Ziel!

Ein schmuckes Kreuzlein über`m Herz –

Nun sagt ich schon zu viel!

 

Die ew`ge Weisheit hat`s gebaut

In einer Jungfrau Schoß

Dies Herz, dies Haus, so klein so traut,

Herz Jesu, weit und groß!

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Mariä Heimfahrt

 

Heim, heim fährt Maria,

Selig ihrem Sohne nach!

Fort, fort in den Himmel,

Auf der Bahn, die Jesus brach!

Alle Tränen, alles Sehnen,

Alle Last und alles Leid

Überwunden, abgefunden

Vor dem Tor der Ewigkeit.

 

Heim, heim fährt die Seele,

Die hier in dem Herren starb.

Hoch, hoch in den Himmel,

Den die Gnade ihr erwarb!

Wo beim Sohne vor dem Throne

Uns ein Mutterherz vertritt,

Voll Erbarmen mit uns Armen,

Weil es selbst einst litt und stritt.

 

Heim, heim zieh mein Herze,

Heute schon nach Zions Höhn,

Hoch, hoch in den Himmel,

Wo die lieben Heil`gen gehn!

Lass dein Sinnen und Beginnen

Nur auf Ew`ges sein gewandt,

Bis du droben einst kannst loben

Deinen Gott im Vaterland!

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Maria, Meeresstern

 

Es steht ein Stern am Himmel

In einsam ruhiger Pracht,

Und rings herum sind Wolken,

Und rings herum ist Nacht.

 

Es schwimmt ein Boot am Meere,

Das wiegen die Wellen wild,

Die Fluten donnern und brausen –

Der Schiffer lächelt mild.

 

Er sieht nicht die schwarze Tiefe

Sich öffnen so oft, so oft,

Er blickt nur nach seinem Sterne

Und hofft und hofft und hofft.

 

Wird nicht der Stern versinken

Im schwarzen Wolkentod –

Und werden die Wellen trinken

Nicht endlich Schiffer und Boot?

 

O kommen sie je zusammen,

Meerwandler und Meeresstern –

Der Stern und des Herzens Flammen,

Bleiben sie ewig fern?

 

Ich frag es bang, ich selber

Bin ja ein Schiffer der Nacht,

Weiß nicht, was ohne Antwort

Mich doch so selig macht:

 

Ein Singen und ein Klingen

Her über die Wogen fließt

Auf leisen Engelsschwingen:

„Du Meerstern, sei gegrüßt!“

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Die Unbefleckte

 

Ihr Lilien der Felder,

Ihr Blümlein der Wälder,

Wo ihr in stillem Glanze lacht,

Erbleicht der Fürsten tote Pracht.

 

Doch gibt es eine Rose –

Ich mein die Fleckenlose –

Ihr Herz, von reiner Lieb durchglüht,

Viel tausendmal noch schöner blüht.

 

Maria, Fleckenlose!

Geweihte Wunderrose!

Dein Glanz, den du der Welt verhüllt,

hat leuchtend alle Welt erfüllt.

 

So lange noch hienieden

Zu pilgern uns beschieden,

Erfüll das Herz mit deinem Duft,

Bis wir einst sinken in die Gruft!

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Preisgesang zum Herzen Jesu

 

Seele, nimm rauschende Töne und Flügel,

Zu den Höhen der ewigen Hügel

Schwebe empor!

Singe im Chor

Seliger Sänger himmlische Lieder,

Juble hinauf und juble hernieder:

Preis Dir, Du seelengewinnendes Herz!

 

Leben ausströmendes Herz der Herzen,

Süßeste Labung in bittern Schmerzen,

Sonniger Quell,

Wonnig und hell

Strömet die Gnade in goldenen Fluten,

Strahlet die Liebe in zündenden Gluten:

Preis Dir, Du Flammen aussprühendes Herz!

 

Segen ausspendend und Seelen entzückend,

Welten beherrschend und Völker beglückend,

Heiliger Gral,

Leuchtender Strahl,

Flammendes Herz, Du Wonne der Wonnen,

Göttliches Herz, Du Sonne der Sonnen:

Preis Dir, Du Himmel erschließendes Herz!

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Der Todes-Engel

 

Auf dem Throne saß der hohe

Herrscher in dem Geisterreich,

Salomon, der weitberühmte,

Dem an Weisheit Niemand gleich.

 

Mit ihm sprach der Todes-Engel,

Von dem Herrn herabgesandt,

Dass dem König er verkünde,

Was beschlossen Gottes Hand.

 

Als der finst`re Todes-Engel

Von dem Fürsten Abschied nahm,

Da gewahrte er den Kanzler,

Der zu raten eben kam.

 

Einen Blick des größten Staunens

Warf der Engel, eh` er ging,

Auf den greisen alten Kanzler,

Dass er an zu zittern fing.

 

Was soll mir der Blick bedeuten?

Rief der Alte bang und bleich;

Will der Engel mich entführen

In sein finst`res Todesreich?

 

„Hab` ich treulich dir gedienet,

Weiser, großer Salomon!

Gib das schnellste deiner Rosse,

Hoher Herrscher, mir zum Lohn!

 

Nimmer lässt der Blick mich ruhen;

O mein König, lass mich zieh`n!

Auf dem schnellsten deiner Rosse

Lass dem Engel mich entflieh`n.“

 

„Was du bittest“, sprach der König,

„Sei von Herzen dir verlieh`n;

Doch dem gottverhängten Loose

Wirst du nie, mein Sohn, entflieh`n.“

 

Auf des Morgens schnellstem Rosse

Flog wie Wind der bange Greis

Über Berge, Meer und Länder

Nach der Erde fernstem Kreis.

 

Viele, viele tausend Meilen

War mit ihm das Tier gerannt,

Als es müd` bei einem Steine

Abends in der Wüste stand.

 

Da ergriff ein Schreck den Alten,

Dass das Leben ihm entschwand,

Als er einsam auf dem Steine

Schon den Engel sitzend fand.

 

Sterbend sprach er zu dem Engel:

„Eh` du führest mich zur Ruh`,

Sprich, warum du mir am Morgen

Warf`st den Blick des Staunens zu?“

 

„Wunderbarlich“, rief der Engel,

„Sind, o Herr, die Wege Dein!

Einsam hieß er mich erwarten

Abends dich auf diesem Stein.

 

Heute sah ich noch am Morgen

Staunend dich bei Salomon;

Sieh`, da bist du noch vor Abend

Zur bestimmten Stelle schon.

 

Staunend traut` ich nicht den Augen,

Weil ich`s möglich nie gedacht,

Dass so viele tausend Meilen

Würd` ein schwacher Greis gebracht.“

 

Also sprach der Todes-Engel,

Hielt ihn sterbend in dem Schoß,

Der so fern herbeigeritten

Zu entfliehen seinem Los!

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Dominikaner

 

Wir haben keinen Schild von Eisen,

Nicht Helm und Speer, kein stählern Schwert;

Wir führen and´re Kampfesweisen,

Als Not sie hat die Welt gelehrt.

Uns schmückt der Unschuld weißes Kleid,

Der Sühne Mantel todbereit,

Das Skapulier, der Mutter Schutz,

Der Rosenkranz, dem Feind zum Trutz;

Geschart zur Lehr´, Gebet und Buß´.

Wir folgen treu Dominikus.

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Hab Sonne im Herzen

 

Hab Sonne im Herzen,

Ob`s stürmt oder schneit,

Ob der Himmel voll Wolken,

Die Erde voll Streit...

Hab Sonne im Herzen,

Dann komme, was mag:

Die Sonne macht licht dir

Den dunkelsten Tag!

 

Hab ein Lied auf den Lippen

Mit fröhlichem Klang,

Und macht auch des Alltags

Gedränge dir bang...

Hab ein Lied auf den Lippen,

Dann komme, was mag:

Das hilft dir verwinden

Den einsamsten Tag!

 

Hab ein Wort auch für andre,

In Sorg und in Pein,

Und sag, was dich selber

So fröhlich lässt sein:

Hab ein Lied auf den Lippen,

Verlier nie den Mut!

Hab Sonne im Herzen,

Und – alles wird gut!

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Dem Herzen Jesu singe

 

Dem Herzen Jesu singe,

Des Sanges werd` nicht müd!

Von neuem stets erklinge

Der Liebe hohes Lied!

 

Das Lied vom Menschenherzen

Und seiner eitlen Lieb`,

Und wie in Sünd` und Schmerzen

Es ruhelos stets blieb;

 

Das Lied vom Herzen Gottes,

Der liebend stieg herab,

In Qualen bittern Todes

Sich zur Erlösung gab.

 

Herz Jesu, singt ihr Armen

Das euch die Botschaft bringt

Vom ewigen Erbarmen,

Das wieder euch umschlingt.

 

Herz Jesu, singt ihr Müden,

Das Ruhe euch und Rast

Und Trost verheißt und Frieden

Für jede Schuld und Last.

 

Ihr Sünder, die in Gnaden

Er ruft zum Freudenmahl,

Ihr Fremdling, geladen

In seinem Hochzeitssaal,

 

Ihr Irrenden, Verlornen,

Ihr Kranken, singt das Heil,

Singt all ihr Neugebornen,

Das Reich, das euer Teil!

 

Und ihn, der es gegeben,

Ihn preiset sonst und jetzt,

Den Heiland, der das Leben

Zum Erbe uns gesetzt.

 

Singt seiner Liebe Gluten,

Die er zur Erd gebracht;

Singt seiner Schmerzen Fluten

In dunkler Leidensnacht;

 

Und seine tiefen Wunden,

Den blut`gen Dornenkranz;

Und wie er überwunden

In Herrlichkeit und Glanz;

 

Und seine heil`ge Flamme,

Die jetzt noch am Altar,

Wie einst am Kreuzesstamme,

Sich bringt zum Opfer dar;

 

Und seine ew`ge Treue,

Die immer bei uns weile,

Und jeden Tag auf`s Neue

Uns rettet und uns heilt:

 

Die Lieb` und das Erbarmen

Des Heilands ewig sind,

Und nimmer fehlt`s an Armen,

Die ihr dürftig sind;

 

Und ewig tönet wieder

Die Erde himmelwärts

Das hohe Lied der Lieder,

Das Lied von Jesu Herz!

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Hl. 3 Könige

 

Der großen Städte größte bist

Du Betlehem allein, es ist

Aus dir entstammt der Himmelsspross,

Der uns des Heiles Chor erschloss.

 

Ein Wunderstern, dess Lichtgestalt

Den Glanz der Sonne überstrahlt,

Verkündiget durch Stadt und Land:

Gott kam in irdischem Gewand.

 

Die Weisen haben ihn erkannt

Und opfern, was das Morgenland

An Gaben beut: das Gold so rein,

Den Weihrauch zart, die Myrrhe fein.

 

Das Gold bedeut des Königs Kron`,

Der Weihrauch seiner Gottheit Thron,

Und seiner Menschheit Kreuz und Leid

Und Grab der Myrrhe Bitterkeit.

 

Dir, Jesus, Ehr` und frommer Dienst,

Der du den Völkern heut erschienst,

Den mit dem Vater und dem Geist

In Ewigkeit die Schöpfung preist.

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Herz Jesu, nur für Dich!

 

Wenn früh der munt`re Hahnenschrei

Mich aus dem Schlafe weckt,

Dann eil` ich rasch und spreche frei:

Herz Jesu, nur für Dich!

 

Und wenn des vollen Tages Last,

Wenn Sorg` und Leid mich schreckt,

Mit Gott nur mutig angefasst:

Herz Jesu, nur für Dich!

 

Ist`s doch zur Hälfte schon vollbracht,

Wenn Mut das Werk beginnt;

Das Ende liegt in Gottes Macht:

Herz Jesu, nur für Dich!

 

Und wenn des Bösen arge List

Mir auch Verderben sinnt,

Mein Losungswort, es war, es ist:

Herz Jesu, nur für Dich!

 

Und dieser Spruch vergelte mir

Der Menschen eitlen Lohn!

O kläng` es doch von Tür zu Tür:

Herz Jesu, nur für Dich!

 

Und wenn das letzte Abendrot

Zur Ruh` mir leuchtet schon,

So blick ich aufwärts, danke Gott:

Herz Jesu, nur für Dich!

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Schutzengel

 

Durch graublau dämmerndes Abendlicht

Wandern die Engel mit stillem Gesicht,

Treten heimlich in jedes Haus,

Breiten die schneeweißen Flügel aus.

 

Neigen sich tief über jedes Kind,

Draußen geht lauschend der Abendwind.

„Kindlein, hast du gebetet zur Nacht?“

Fragen sie heimlich, dass niemand erwacht.

 

Wie es die Hand des Engels berührt,

Hat es im Traum die Mahnung verspürt,

Und es erwacht. Ein Mondenstrahl

Silbern sich in die Kammer stahl.

 

Und es faltet die Hände fromm:

„Der Tag ist vergangen, Schutzengel, komm

Und halte an meinem Lager die Wacht,

Dass kein Feind mir schadet in dunkler Nacht.“

 

Da huscht der feine, hellsilberne Strahl

Durchs nachtdunkle Zimmer so weiß und schmal

Und gleitet ans Bett, sitzt still auf dem Rand,

Ein lieber Gruß aus dem Sternenland.

 

Das Kind schließt die Augen und träumt und lacht;

Schutzengel sitzt still auf dem Bett und wacht,

Die silbernen Flügel gebreitet weit

Bis zur grauen, dämmernden Morgenzeit.

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Die kleine Schwalbe

 

An einem alten Kirchturm,

Vor Sturm und Regen geschützt,

Hängt sonnenwarm ein Nestlein,

Auf dem ein Schwälbchen sitzt.

 

„Nur mutig!“ sagt die Mutter,

„Öffne die Flügel dem Wind,

Breite sie ganz auseinander

Und schwinge dich vorwärts geschwind.“

 

Die kleine Schwalbe zögert:

„Siehst du die Tiefe nicht,

Wie klein und schwach meine Flügel?“

Die Mutter aber spricht:

 

„Als ich mich niederstürzte

Von unserm hohen Dach,

Hat der liebe Gott mich getragen,

Da ich wie du noch so schwach.“

 

Da öffnet die kleine Schwalbe

Die leichten Flügel dem Wind,

Breitet sie weit auseinander

Und schwingt sich vorwärts geschwind.

 

Und fliegt schon – welch ein Wunder!

Und fürchtet sich gar nicht mehr –

Rund um den ganzen Kirchturm

Zum Nestchen wieder her.

 

Und singt dann mit der Mutter

Voll Dank für den ersten Flug

Ihr schönstes Schwalbenliedchen

Dem Herrgott, der sie trug.

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Die segnende Priesterhand

 

Man braucht sie am Morgen des Lebens

Und auch, wenn uns nahet der Tod,

Wir fühlen so warm sie im Glücke,

Noch mehr in den Tagen der Not;

Der Reiche sowohl wie der Arme

Tritt schuldbeladen ins Land,

Dann streckt sich ihm hilfreich entgegen –

Die segnende Priesterhand.

 

Tagtäglich an Gottes Altare,

Wenn kaum noch der Morgen erwacht,

Da zeigt sich dem gläubigen Auge,

Wie groß der Herr sie gemacht:

Da trägt sie voll Ehrfurcht und Liebe

Den Heiland, so vielfach verkannt,

Da strahlet in himmlischer Würde –

Die segnende Priesterhand.

 

Und sind wir gestrauchelt und wandern

Auf Pfaden der Sünde und Scham,

Wer war es, der dann voll Erbarmen

So oft uns die Sünden abnahm?

Und wenn zwei Herzen sich finden,

Zu knüpfen das heilige Band,

Dann einigt und segnet sie wieder –

Die segnende Priesterhand.

 

Wenn krank wir uns winden in Schmerzen

Und Jammer und Elend uns plagt,

Dann ruft man den Priester der Kirche,

Weil menschliche Hilfe versagt:

Er bringt dann der Seele die Zehrung

Zur Reise als sicheres Pfand.

Dann salbt uns mit heiligem Öle –

Die segnende Priesterhand.

 

Gott! Segne mit himmlischem Segen

Des Priesters geheiligte Hand,

Die täglich in heiliger Demut

Das himmlische Manna umspannt!

Und naht einst am Abend des Lebens

Der Tod sich mit eisiger Hand,

Dann gebe uns Mut und Vertrauen –

Die segnende Priesterhand!

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Am Ziel

 

In heil`gen Träumen stehn die Palmen,

Die Hirtenfeuer leuchten schon.

Das ärmste Vöglein ruht im Neste

In einer Pinie stolzer Kron`.

 

"Siehst du den Stall, Gebenedeite,

Moosüberwuchert, wetterwund - ?

Nicht bessres Obdach kann ich bieten,

Maria, dir zur selben Stund`.

 

Ein wenig Stroh - du bist so müde -

Und einer Ampel matten Schein;

Erstaunter Tiere heißer Atem

Wird dir nur karge Wärme sein - -"

 

Da blicket mild die holde Fraue:

"Mein Joseph, klage nicht, sei still!

Ich bin die Magd der ew`gen Liebe,

Und mir geschieht, wie Gott es will . . ."

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Bevor die Kerzlein erlöschen

 

Nun löscht am lieben Weihnachtsbaum

Man bald die Kerzlein aus!

Nun schweigt der frohe Jubel bald -

Und stille wird`s im Haus.

 

Doch uns verlöscht im Herzen nicht

Die Freude, die drin glüht;

Sie spendet goldnes Gnadenlicht

Der Zeit, die uns entflieht.

 

Fasst dann das Leben rauh uns an

Und tritt zu uns das Leid:

Viel leichter trägt, wer mit sich nahm

Den Glanz der Weihnachtszeit.

 

Drum, eh das letzte Licht erlöscht,

Blickt fromm und fest es an,

Dass nie in eurer Seele ganz

Sein Schein verglühen kann.

 

Dass ihr in künftigen Tagen froh

Der heiligen Nacht gedenkt

Und jener Weihe, die sie euch

Tief in das Herz gesenkt.

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Nach der Trauung

 

Still brennen die Kerzen am Hochaltar, kein Lufthauch bewegt ihre Flammen;

An den Stufen im Nachmittagssonnenlicht kniet ein bräutliches Paar zusammen.

 

Noch knien sie still, die Stirnen gesenkt, ineinander geschlossen die Hände,

Darum sich die weiße Stola schlang. Das Wort von der Treu‘ bis zum Ende,

 

Das ernste Wort, das schwere Wort: „Bis dass einst der Tod euch scheidet . . .“

Das ist für sie – sie lächeln still – mit Friede und Glück umkleidet.

 

Durch hohe, bunte Fenster bricht der Sonne rotgoldenes Glühen;

Es nicken die Bäume und flüstern leis; sie stehen im ersten Blühen.

 

Ein Strauß von Rosen, der still und weiß unter Glas und Farnen erblühet.

Liegt auf dem Teppich am Hochaltar, der rot und warm sie durchglühet.

 

Der Mann hebt die Stirne und schaut ins Licht; ein Kreuz grüßt weiß aus der Höhe;

Er lächelt und nickt. „Ich weiß es wohl, du bleibst in unserer Nähe.

 

Komm immer zu mir und mahne mich, heb ich zu hoch meine Stirne;

Vergess‘ ich, was neben und unter mir ist, und greif nach dem höchsten Firne.

 

Doch schone die Blume, die neben mir blüht, gib ihr nur von deinem Lichte.“

Die Frau hebt die Augen und blickt empor, ein Lächeln im schönen Gesichte.

 

„Ich weiß, o Herr“, so betet sie still, „du schickst Freuden und Schmerzen;

Streu Rosen auf seinen Lebensweg; die Leiden gib meinem Herzen.

 

Du weißt es ja, ein Frauenherz kann ein Meer des Leidens ertragen;

Gib ihm die Rosen und mir das Kreuz; niemals, o Herr, will ich klagen.“

 

Durchs niedere, efeuumkränzte Tor gehen sie still ihrem Sommer entgegen.

Ein Leuchten auf ihren Stirnen liegt und Frühling auf allen Wegen!

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Mein Freund

 

Es mögen viele ihre Freunde preisen

Und im Besitz derselben glücklich sein;

Ich habe keine solchen aufzuweisen

Und steh‘ auf weiter Erde ganz allein.

 

Zwar lernt` ich manche edle Seele kennen,

Die treu an mir geübet ihre Pflicht,

Doch was man pfleget einen Freund zu nennen,

Das fand ich durch mein ganzes Leben nicht.

 

Fast habe ich die Hoffnung aufgegeben,

Auf Erden je zu finden solch ein Herz,

Das mit dem meinen einen Schlag, ein Leben,

Ein Denken, Lieben hätte, einen Schmerz;

 

Das mir in jeder noch so schweren Lage

Ein immer off‘ner, sich‘rer Zufluchtsort,

Und das mir bis zum letzten Lebenstage

Stets Trost und Hilfe sei, und Schutz und Hort.

 

Doch will ich mich darob nicht sorglich grämen,

Und weil man ohne Freund nicht wohl kann sein,

Will Jesus ich zu meinem Freund mir nehmen,

Ihm Herz und Liebe weihen ganz allein.

 

So kommt nun alle, die ihr Freunde habet,

Stellt neben den sie, den ich mir erwählt;

Ob sie mit Freundestugend mehr begabet,

Ob nicht am besten euch mein Freund gefällt.

 

Du rühmest dich, wie sehr dein Freund dich liebe,

Wie er sein Ohr stets deinen Bitten leih‘,

Wie er, ob alles wankte, treu dir bliebe,

Wie er so warm um dich bekümmert sei;

 

Du darfst ihm alles, alles anvertrauen,

Er teile redlich mit dir Lust und Schmerz;

Du kannst zu jeder Stunde auf ihn bauen –

O täusche dich nicht allzu sehr, mein Herz!

 

Zisternen sind es, die kein Wasser halten,

Und wenn auch, ist es wenig, lau und trüb;

Verglühte Essen, wo nach dem Erkalten

Nur Rauch und Ruß und Asche hinterblieb;

 

Sind morsche Stützen, die vermodernd wanken,

wenn du dich grambelastet an sie lehnst;

Sind Menschenherzen, die da selber kranken,

Wo du vergebens zu gesunden wähnst.

 

Mein Freund hingegen gleicht der klaren Quelle,

Die ewig frisch, die unversiegbar fließt;

Sein Herz ist eine Sonne, deren Welle

Mit Licht und Wärme Welten übergießt;

 

Es ist ein Gottesherz, dran ich gesunde;

Ist eine Veste mir, ein starker Turm,

Ein Balsam für die tiefste Seelenwunde,

Ein sich‘rer Port in jedem Unglückssturm.

 

Wo schlägt ein Herz so zärtlich wie das seine?

Wo hat je eins so stark, so heiß geliebt?

Noch keins war so bekümmert um das meine,

Noch keins hat Treue je so treu geübt.

 

Er hört zu jeder Stunde auf mein Klagen,

Mehrt mir die Freude, lindert mir den Schmerz;

Ihm darf ich wahrhaft alles, alles sagen,

Er nur allein versteht mein ganzes Herz.

 

Er würdigt wohl mein stillverhalt‘nes Sehnen,

Neigt jeder Frage gerne stets sein Ohr;

Er zürnet nicht ob meiner Schwächen, Tränen,

Kommt meinen Nöten liebreich schon zuvor;

 

Er hat, was ich am Freunde nicht will missen,

Ein Herz, an reichem, edlem Fühlen voll,

Genie, Charakter, Tugend, reiches Wissen,

Kurz, was mein Freund nur immer haben soll.

 

Er überlässt wenn Feinde sich erheben,

Mich niemals feig und herzlos ihrer Wut;

Steht, wenn Gefahren dräuend sich erheben,

Selbst für mich ein mit Leben, Gut und Blut.

 

Er hat die Feuerprobe überstanden,

Verließ mich nicht in meiner größten Not;

Er kaufte, als ich schon in Todes Banden,

Mich wieder los durch seinen Kreuzestod.

 

Und ich entsag um seinetwillen gerne

Jedweder Freundschaft, jedem Liebesglück;

Ob Herz um Herz sich auch von mir entferne,

Ich rufe keins derselben mehr zurück.

 

Und wenn auch alle Menschen mich verlassen,

Bleibt er mir treu, so bin ich nicht allein;

Und sollte selbst die ganze Welt mich hassen,

Von ihm geliebt, wird ich glückselig sein.

 

Und hättest wirklich du ein Herz gefunden,

Das treu dir bliebe bis zum letzten Tag,

Das Balsam gießt in alle deine Wunden

Und dich beschützt vor jedem Unglücksschlag;

 

So drohet dir doch eine tiefe Wunde,

Für die sein bester Balsam nichts mehr nützt;

So gibt’s – ach glaub es mir – doch eine Stunde,

Vor der die treuste Freundschaft dich nicht schützt.

 

Es ist die letzte Stunde deines Lebens,

Wo du vom Tod verwundet niedersinkst,

Wo du nach allen Seiten – ach vergebens,

Dem treusten Freunde dann um Hilfe winkst;

 

Er kann dich trösten, kann wohl für dich beten,

Doch muss er bleiben, wo dein Auge bricht;

Denn mit dir hin vor deinen Richter treten,

Das kann er mit dem besten Willen nicht.

 

Doch mir erscheint an meinem Lebensende

Mein Freund, als Arzt und Führer, Licht und Stab,

Es tragen seine starken Freundeshände

Mich über Hölle, Todesnacht und Grab.

 

Selbst, wenn ich vor dem Richterstuhle stehe,

Noch seine Freundschaft süßen Trost mir gibt,

„Weil ich ja den als Richter vor mir sehe,

Den ich auf Erden einzig hab geliebt.“

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Allerseelen

 

Ruh’n in Frieden alle Seelen!

Die gekämpft in Jesu Namen,

Die zu Ihm um Hilfe kamen,

Die in Ihm sind treu erfunden

Und geheilt durch Seine Wunden:

All‘ die Seelen ruh’n in Frieden!

 

Ruh’n in Frieden alle Seelen!

Alle, die hier viel gelitten,

Viel geweint und viel gestritten;

Alle, die aus Sündenketten

Sich durch Jesum ließen retten:

All‘ die Seelen ruh’n in Frieden!

 

Ruh’n in Frieden alle Seelen!

Deren Hungern, deren Dürsten

Lechzte nach dem Lebensfürsten;

Deren Lieben nur ein Üben,

Ihn, den Herrn, zumeist zu lieben:

All‘ die Seelen ruh’n in Frieden!

 

Ruh’n in Frieden alle Seelen!

Du nur, Herr, kennst sie bei Namen,

Weißt die Not, aus der sie kamen.

Nach dem Kreuzesweg hienieden

Lass, von Dir nun ungeschieden,

Alle Seelen ruh’n in Frieden!

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Die Unbefleckte

 

O preiset all die Lilie klar,

So wunderbar wie keine!

Die Sünde hat mit ihrem Hauch

Sie nie befleckt, die reine,

 

Wie herrlich blüht sie und wie schön!

O zartes Laub, umschling mich!

Ihr holder Duft erfüllt die Luft:

O Himmelsduft, durchdring mich!

 

Ihr süßer Duft dringt durch die Luft

Hinauf zu Gottes Throne;

Und Gott vom Thron schickt seinen Sohn,

Dass unter uns er wohne.

 

Wie innig flehten Tausend schon:

O wolle uns bewahren!

Und sie bewahrt die Tausend all

Vor Sünden und Gefahren.

 

Drum will auch ich stets kindlich flehn:

Du Reinste unter allen!

O reinige mein unrein Herz,

Dann wird es Gott gefallen.

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Ein Kind (Klemens Brentano)

 

Wer ist ärmer als ein Kind!

An dem Scheideweg geboren,

Heut` geblendet, morgen blind,

Ohne Führer geht`s verloren;

Wer ist ärmer als ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Welch Geheimnis ist ein Kind!

Gott ist auch ein Kind gewesen;

Weil wir Gottes Kinder sind,

Kam ein Kind, uns zu erlösen;

Welch Geheimnis ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

O wie dankbar ist ein Kind!

Pflege ich die zarte Pflanze,

Schütz` ich sie vor Sturm und Wind,

Wird`s ein Schmuck im Himmelsglanze.

O wie dankbar ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Die im Himmel waren Kind,

Die auch, die der Fluch getroffen.

Ach, so such` ein Kind geschwind,

Lehr` es glauben, lieben, hoffen;

Die im Himmel waren Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Sei nicht bange um das Kind!

Lass` es alles selbst verdienen,

Sei barmherzig, streng und lind,

Sei, wie Gott mit dir, mit ihnen.

Sei nicht bange um das Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wie gelehrig ist ein Kind!

So wie du es lehrest lesen

In dem Buch, in dem wir sind,

So wird einst sein ganzes Wesen.

Wie gelehrig ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Willst du segnen, lehr` ein Kind!

Aus den Körnlein werden Aehren;

Wie dein Körnlein war gesinnt,

Wird das Brot die Welt einst nähren.

Willst du segnen, lehr` ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Ach, wer führt dies schwache Kind!

Höll` und Himmel stehen offen,

dass das Lamm dem Wolf entrinnt,

Hat es mich wohl angetroffen.

Ach, wer führt dies schwache Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

In der Krippe lag ein Kind!

Ochs und Esel es verehren;

Wo ich je ein Kindlein find`

Will ich`s lieben, pflegen, lehren.

In der Krippe lag ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Zu mir Sünder kam dies Kind!

Lehrte mich den Vater kennen;

Drum, wo ich ein Kindlein find`,

Muss ich`s meinen Bruder nennen.

Zu mir Sünder kam dies Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wie so heilig ist ein Kind!

Nach dem Wort von Gottes Sohne

Aller Kinder Engel sind

Zeugen vor des Vaters Throne.

Wie so heilig ist ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Welche Würde hat ein Kind!

Sprach das Wort doch selbst die Worte:

„Die nicht wie die Kinder sind,

Geh`n nicht ein zur Himmelspforte.“

Welche Würde hat ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Werden muss ich wie ein Kind!

Wenn ich will zum Vater kommen;

Kinder, Kinder, kommt geschwind,

Ich wär` gerne mitgenommen.

Ich muss werden wie ein Kind!

Wer dies einmal je empfunden,

Ist den Kindern durch das Jesuskind verbunden!

 

Wer dies sang, war auch ein Kind,

Und ist jetzt ein armer Sünder,

Und er schreibt auf Sturm und Wind:

Wachet über Gottes Kinder!

Wer dies sang, war auch sein Kind.

Herr, lass` dies ihn heiß empfinden,

Sich den Kindern durch das Jesuskind verbinden!

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Die neuen Türme (Reinhold Schneider)

 

Nun sinkt der Väter Werk in Glut und Grauen,

Was der Geschlechter langer Fleiß vollbracht,

Das stürzt in Trümmer schrecklich über nacht,

Und nur in Träumen wird´s der Enkel schauen.

 

Doch können nur die retten, die vertrauen.

Es lebt der Mauern tief geheime Macht

Von heiligem Dienst, der glühend darin wacht,

Und nur die Beter werden Türme bauen.

 

Entweihtes schwindet unerbittlich hin.

Doch wenn der Welt verwirkte Tempel fallen.

So müssen Herzen sich zu Tempeln weihn.

 

Verborgen baut ein glaubensreiner Sinn

Entfernter Zeiten kühn gewölbte Hallen,

Und Priester heiligt Christi Wiederschein.

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Heiliger Josef, Vielgetreuer!

 

Steht ein Bild vor meiner Seele,

Rührt mir stets das Herz aufs Neue:

In der niedern, armen Werkstatt

Josef steht, der Vielgetreue!

 

Heißes Tagwerk, schweres Mühen!

Von der Stirn ihm Tropfen rinnen;

Müde lässt die Hand er sinken,

Einen Augenblick zu sinnen.

 

Einen Augenblick zu schauen,

Um die Seele neu zu laben,

Nach der holden Jungfrau-Mutter

Und dem süßen Himmelsknaben.

 

Ehrfurchtschauernd, tief im Herzen

Hält er still sein Glück geborgen:

Dass des Gottessohnes zarte

Kindheit treu er darf umsorgen!

 

O, er kann´s ja nimmer fassen!

In den Staub er möchte sinken;

Demutsvoll in heißer Liebe

Dieses Kindes Anblick trinken.

 

O, er würde nimmer tauschen

Alles Glück des Erdenrundes

Um ein Kosen seiner Händchen,

Um ein Lächeln seines Mundes! . . .

 

Still, es schlummert! – Leise klingen

Unsichtbarer Englein Lieder - -

Neugestärkt zur harten Arbeit

Josef nimmt den Hobel wieder. –

 

Denk ich deiner großen Treue,

Will sich mir das Auge feuchten:

Josef, deine Vatergüte

Lass auch mir durchs Leben leuchten!

 

Henriette Brey

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Nazareth

 

Hier war er untertan, der große Weltenbauer,

Der Flutenbändiger, der mit der sel´gen Mauer

Den Ozean bezwingt und beugt,

Hier war er untertan, er, dem als Untertanen

Die Sterne huldigen auf wandellosen Bahnen,

Er – vor dem Morgenstern gezeugt.

 

Auf dessen Schultern ruht der Herrschaft ew´ge Würde

Hier trug er, Knechten gleich, des Alltagslebens Bürde,

Hier trug er die verborgne Last,

Nicht jene Last, vor der die dunklen Mächte weichen,

Das hehre Banner nicht, der Menschheit Siegeszeichen,

Nicht hier hat er sein Kreuz umfasst.

 

Er trug, was Tausende vor langer Zeit getragen,

Was Tausende bedrückt in ferner Zukunft Tagen

Der Armut heimlich bitt´re Schmach,

Und sieh, wir wissen nicht, was wohl in jener Stille

An großen Zeichen tat sein königlicher Wille,

Nicht, was er dachte, was er sprach!

 

Wir wissen´s nicht, und doch – aus diesem Dämmerlichte

Stieg frohes Morgenrot und plötzlich schwand der dichte

Der trübe Nebel schwand dahin.

Wie Schuppen fiel es da vom Aug´ der Unterdrückten.

Wo sind die Mächt´gen nun, die Reichen, die Beglückten?

Heil, Armut, neue Königin!

 

O du verborgner Ort in tiefer Talesmulde,

O stilles Nazareth, was dir die Menschheit schulde,

Nicht Mensch noch Engel spricht es aus!

Wohl thronte Gottes Macht auf Sinas glüh´nden Steinen,

Wohl rühmt der Tempelberg die hehre Pracht des Einen –

Hier aber stand des Heilands Haus!

 

Aus „Lieder vom Heiligen Lande“

M. Buol, Brixen, A. Wegers Buchhandlung

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Zwischen Dämmerschein und Nacht

 

Zwischen Dämmerschein und Nacht

Schreiten Geisterschritte sacht.

Gleiten hin an dunklen Wänden,

Flehen mit gefalteten Händen,

Schatten derer, die geschieden –

Herr, lass ruhen sie in Frieden! . . .

Zwischen Dämmerschein und Nacht

Hält mein Herz die Totenwacht!

 

Zwischen Dämmerschein und Nacht

Eingeschlaf´nes Leid erwacht.

Und es schwillt ein stummes Sehnen,

Und es brennen heiße Tränen.

Herr, in deine Hand befehlen

Will ich alle lieben Seelen - -

Zwischen Dämmerschein und Nacht

Hab mein Herz zur Ruh gebracht.

 

Henriette Brey

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Zum Fest des heiligen Nikolaus

 

Sankt Nikolaus, du Kinderfreund!

Beschirme treu die frohe Jugend,

Halt fern von ihr den bösen Feind

Und lieb und wert mach ihr die Tugend,

Sankt Nikolaus, beschirme uns!

 

Sankt Nikolaus, der Unschuld Wall!

Will uns der Feind die Unschuld rauben,

Dann rufen wir mit lautem Schall:

„Sei Schutzwehr uns, stärk uns im Glauben,

Sankt Nikolaus, behüte uns!“

 

Voll Zuversicht der Schiffer spricht:

„Steht mir Sankt Nikolaus zur Seite

Dann bangt mir vor den Wogen nicht!“

O gib dem Schiffer gut Geleite!

Sankt Nikolaus, o steh uns bei!

 

Sankt Nikolaus, der Armen Trost!

Zu dir aufrufen wir, die Armen,

Geplagt vom Leid, vom Sturm umtost,

Sei Helfer uns, o hab Erbarmen,

Sankt Nikolaus, sei Helfer uns!

 

Sankt Nikolaus, du guter Hirt!

Die Schäflein dein, o führ sie alle,

Die guten, und die sich verirrt,

Aus dieser Welt zum Himmelssaale.

Sankt Nikolaus, geleite uns!

 

P. Alfred Simon P.S.M.

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Ein Glöcklein läutet für dich!

 

Ein Glöcklein läutet für dich, liebes Kind.

Was das wohl bedeutet? Ich sag es geschwind:

Der Heiland will kommen ins Elend hier

Zu allen Frommen und auch zu dir.

In reiner Seele kehrt gern er ein.

Von Sünd und Fehle mach drum sie rein!

Versteh das Läuten! Schmück Seele und Saal!

Dann komm mit Freuden zum Opfermahl!

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An Eltern und Erzieher

 

Wer Kinder zum göttlichen Heiland führt,

Der ist einem wirklichen Schutzengel gleich.

Wer Herzen mit himmlischen Tröstungen rührt,

Verdient sich selber das Himmelreich.

Er wird einst hören vor ewigen Toren:

Wer Seelen gerettet, geht selbst nicht verloren.

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Ich glaub an Gott

 

Im Anfang da war Gott allein.

Und wie er war, so wird er sein

Auch jetzt und alle Ewigkeit.

Der Ewige schuf in der Zeit

Die Engel für das Sternenzelt

Und Menschen für die Erdenwelt.

Mein liebes Kind, in seiner Macht

Hat Gott dann auch an dich gedacht.

Er legte dich als himmlisch Pfand

Hier einst in deiner Eltern Hand.

Du Gottesgab und Menschenkind

Sei drum für Gottes Plan nicht blind:

Vom Himmel stammt dein Sein und Glück!

Zum Himmel musst du auch zurück.

 

- - -

 

 

Mein Gott, du Anfang von allem Sein,

Hast alles erschaffen, drum sind wir dein.

Wir danken dir alles auf Erden hier,

Drum sagen wir Gott und Vater zu dir.

Du schufst auch einst eine Seele für mich:

Mein Schöpfer und Herr, ich glaub an Dich!

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Unsichtbare Kräfte

 

Am Sturmwind ist nicht Fuß, nicht Hand,

Nicht Haupt, noch Brust, noch Arm zu sehen;

Und doch, braust er mit Macht durchs Land,

Ist es um manchen Baum geschehen.

 

So kannst an Gott nicht Fuß, nicht Hand,

Nicht Haupt, noch Brust, noch Arm du sehen,

Doch jeder, der ihm widerstand,

Musst schmachbedeckt zugrunde gehen.

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Die Lichter von Berlin

 

(Hin und zurück)

 

Hin:

 

Der Weg war weit und beschwerlich,

Doch munter war ihr Gang;

Ein Bursch und ein Mädchen vom Lande,

Die schritten die Straße entlang.

Ob schwarz die Nacht und stürmisch,

Ihr Herz schlug keck und kühn,

Denn fernher flammten und blitzten

Die Lichter von Berlin.

 

Wie mancher in euerm Glanze

Sein Glück gefunden hat!

So golden wie euer Schimmer,

Ihr Lichter der großen Stadt!

 

Zurück:

 

Ein Mann mit seiner Frau

Hinunter die Straße wallt;

Sie sind so matt und müde,

Vorzeitig erschöpft und alt.

Enttäuscht, mit gebrochenem Herzen,

Zum Heimatdorf sie ziehn;

Weit hinter ihnen dämmern

Die Lichter von Berlin.

 

Erstickten euch Tränen, die mancher

Um euch vergossen hat,

Schon lange wärt ihr erloschen,

Ihr Lichter der großen Stadt!

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Ein Lied vom hl. Michael

 

Im Himmel tobte einst ein Streit,

Entfacht hat Hochmut ihn und Neid.

Der höchste Engel Luzifer

Wollt dienen Gott, dem Herrn, nicht mehr.

Längst war das Feuer angeschürt,

Gar viele Engel schon verführt,

Erfüllt von Stolz und eitlem Wahn,

Fing mit den andern Streit er an.

Ich bin wie Gott, so rief er laut,

Den guten Engeln vor ihm graut;

Scheu wichen sie vor ihm zurück,

Als jäh sie traf sein böser Blick.

Fest sprachen sie: „Wir bleiben treu.“

Die bösen riefen: „Macht euch frei

Und dient mit uns dem Luzifer,

Er sei von jetzt an unser Herr!“

Der Lärm und Streit ein Ende nahm,

Als Michael zu Hilfe kam,

Zeigt Luzifer den blanken Schild,

Der stürzt hervor, haut um sich wild.

St. Michael sein Schwert ergreift,

Der Himmel dröhnt, die Erde weicht,

Ein greller Blitz durchzuckt die Luft,

Weit tut sich auf die Höllenkluft.

Der Satan stürzt in sie hinein,

Sein ekler Anhang hinten drein.

St. Michael, umstrahlt von Licht,

Tritt hin vor Gottes Angesicht;

Gott hob ihn in den Fürstenstand,

Gab Schild und Schwert in seine Hand.

St. Michael, wir flehn dich an,

Wenn unsre Sterbestund tut nahn,

Der Satan uns mit Angst erfüllt,

Verteidige uns mit Schwert und Schild!

Führ unsre Seele himmelan,

Wo niemand mehr ihr schaden kann!

 

                                      Elise Schmid

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Das Gottesgericht

 

Du hast ihn erschlagen, du hast es getan,

Drob klag ich des Mordes am Vater dich an;

Zur Abendzeit, als er müde vom Feld,

Da hast du dich meuchlings ihm zugesellt,

Zu nächtlicher Stund, als er lag im Schlaf,

Des Streitkolbens Schlag zerschmetternd ihn traf,

Der Bruder bezeugt’s mit heiligem Eid,

Darum sei verflucht in Ewigkeit!

 

So donnert der Richter im hallenden Saal.

Der Mörder wird blass, der Mörder wird fahl:

O dass mir der Himmel die Zunge verdorrt,

Beim gütigen Gott, ich beging nicht den Mord;

Und soll mich treffen der ewige Fluch,

Ich sah, wie der Bruder den Vater erschlug,

Drum klaget den Bruder des Mordes an,

Der im Zorn die blutige Sünde getan!

 

Die Richter erschrecken, der Bruder erblasst:

Du hast mich im ganzen Leben gehasst;

Vom Vater das Erbe, mir ward es bestimmt,

Darob bist du ewiglich mir ergrimmt;

Ich bot dir die bessere Hälfte dafür,

Du aber wiesest mir grollend die Tür

Und fluchtest: ihr habt betrogen mein Recht,

So wardst du der Sünde verwerflicher Knecht!

 

Hoch lauschen die Richter dem grausigen Wort:

So schachert ihr beide um Blut und Mord,

So seid auch beide verfallen dem Beil,

Bis Gott ihn entlarve, den schuldigen Teil;

So sollet ihr ziehn aus dem dunklen Schoß

Des Schicksals der Rache Vergeltungslos;

Wem die höchste Zahl vom Ew’gen beschert,

Der werde nimmer des Lebens versehrt.

 

Bang lauschet des Volkes gewaltige Zahl

Dem grausen Verhängnis im Richtersaal:

Wie die Todeswürfel im Becher leis

Sich mischen im lebenentscheidenden Kreis.

Jetzt fallen sie nieder, der Mörder starrt,

Ob seiner die Schuld, ob die Unschuld harrt?

Da jauchzt er auf, dass erklinget der Saal:

Drei Sechsen, die höchste, die glückliche Zahl!

 

Einen Blick gen Himmel der Bruder warf:

Du willst, dass die Sünde sich freuen darf?

So verhülle dem Rechte das Angesicht,

So blende der Wahrheit das Augenlicht;

Und soll ich das Opfer der Lüge sein –

Beim allmächtigen Gott, meine Hand blieb rein,

Blieb rein von des Vaters teurem Blut;

Das ist meines Sterbens tröstliches Gut!

 

Nun birgt aufs neue der Würfel drei

Des Bechers Mund und er tritt herbei;

Doch das Volk, es murret und lärmt und schreit:

Schon hat Gott beendet den Bruderstreit,

Was soll noch das Losen, wozu die Qual,

Schon ist sie gefallen, die glückliche Zahl,

Da gleiten zum Becher die Würfel heraus

Und es grauset dem Volk und es bebt das Haus:

 

Drei Sechsen liegen auf ebenem Feld,

Doch der dritte Würfel, er ist zerschellt,

Zersprungen die Scheibe des Elfenbeins,

Hoch weist sie die unschulderlösende Eins;

Da braust es im Volk, da donnert es los:

Gerecht ist des Schicksals tiefdunkeler Schoß,

Und neunzehn liegen auf offenem Plan,

Das hat im Himmel Gott selber getan!

 

Und weinend das Volk in die Knie sank

Und betete stumm und betete lang

Und dankte Gott, dass die Unschuld nicht

Ihr Leben ließ auf dem Hochgericht,

Dass die blutige Tat ward sonnenklar

Und des Mörders Heuchelsinn offenbar,

Der aber schrie und klagte sich an:

Herr Gott, o vergib, ja ich habs getan!

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Freudenvolles Wiedersehen!

 

Auf Wiedersehn! O süßes Wort beim Scheiden,

Das uns der Trennung bitt`ren Schmerz versüßt!

Auf Wiedersehn! O Hoffnung voll des Trostes,

Der Balsam in die tiefen Wunden gießt!

 

O Mutter, die du jetzt ein Kind beweinest,

Das, ach! in schönstem Jugendflor erblich,

O sei getrost! – es spielt auf Himmelsauen

Und wartet dort voll Sehnsucht nur auf dich.

 

Wenn einst des Wiedersehens Morgen tagt,

Umarmet es dich mit wonnevollem Blick;

Und was das finstre Grab dir neu gegeben,

Das nimmt der Himmel dir nicht mehr zurück.

 

Ja wiederfinden wirst du, arme Waise,

Die Eltern, die so früh dein Herz verlor;

Ich weiß, du schaust mit tränenfeuchten Augen

In jeder Nacht zum Sternenlicht empor.

 

Geduld mein Kind! du kannst zu ihnen gehen,

Wenn einst für dich die Scheidestunde schlägt;

Vielleicht, dass früher, als du jetzt es ahnest,

Ein Engel dich zu deiner Mutter trägt.

 

O, trockne deine Tränen, fromme Gattin,

Und halte ein mit deiner Wehmutsklag;

Du wirst den treuen Gatten wiedesehen

Am großen, hehren Auferstehungstag.

 

Im Reich der Sel`gen gibt es nicht mehr Trennung,

Weil dort nur ewiges Wonneleben blüht;

Und jene, die die Liebe hier vereinte,

Sie sind auch dort von heil`ger Lieb durchglüht.

 

Ihr alle, die ihr jetzt an Gräbern stehet

Und schmerzdurchglüht um teure Tote weint,

O, tröstet euch, da nach des Grabes Nächten

Des Wiedersehens süßer Tag erscheint!

 

(Aus: "Der Armen-Seelen-Freund", Heft 12, September 1912, Seite 178)

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Vertrau auf Gott!

 

Und ob es währt bis in die Nacht,

Und wieder an den Morgen,

Soll doch dein Herz an Gottes Macht

Verzweifeln nicht und sorgen.

 

Denn Gott der Herr, er kennt ja dich,

Dein Herz und dein Gemüte,

Drum trau auf ihn! Denn sicherlich

Bringt Trost dir Gottes Güte.

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Im stillen Kämmerlein

 

So heiß kann keine Träne sein,

Gott wischt sie ab im Kämmerlein.

Drum eile, armes Menschenkind,

Zu Gott mit deinem Weh geschwind!

 

Will dir die Welt so enge sein,

Sie weitet sich im Kämmerlein!

Da wird sie groß, da wird sie weit,

Da schlägt das Herz der Ewigkeit.

 

Wenn deine Sünden gellend schrein,

Geh, geh nur Kind, ins Kämmerlein!

Da legt Gott auf dein klopfend Herz

Das Kreuz; das nimmt dir allen Schmerz.

 

Quält dich der Tod mit düsterm Schein,

Er lächelt süß im Kämmerlein!

Sieht wie ein Engel aus

Und trägt das müde Kind nach Haus.

 

Drum kann mir nirgends wohler sein,

Als bei dem Herrn im Kämmerlein;

Gebeugtes Knie, erhobne Hand

Ziehn Himmelsluft ins Erdenland!

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Zur Mutter Gottes

 

O Mutter Gottes, wenn ich sterbe

Und einst der Tod mein Auge bricht,

Wenn Todesschweiß bedeckt die Stirne,

O Mutter, dann vergiss mein nicht!

 

Dann komm mit Deiner Mutterliebe,

Führ meine Seel zum Himmel ein,

Bin ich geführt an Deiner Seite,

Wird das Gericht nicht strenge sein.

 

Wenn Rechenschaft mein Seel muss geben,

O Mutter, dann vergiss nicht mein,

Sprich für mich nur ein einzig Wörtlein,

Und dann bin ich auf ewig Dein!

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Zur unbefleckten Empfängnis

 

Erstes Werk aus Gottes Händen,

Aller Kreaturen Zier,

Ehe noch die Himmel standen,

Freut der Schöpfer sich an dir –

Tochter Gottes, makellose,

Du geheimnisvolle Rose!

 

Du geheimnisvolle Rose,

Schön und dornenlos erblüht,

Die aus ew`gem Vaterschoße

Gottes Sohn herniederzieht:

Sei gegrüßt, o Unversehrte,

Freude Himmels und der Erde!

 

Freude Himmels und der Erde,

O, du Trost der ganzen Welt,

Die den Fluch in Segen kehrte,

Die des Friedens Palme hält,

Stern aus Jakob aufgegangen,

Jungfrau, unbefleckt empfangen!

 

Jungfrau, unbefleckt empfangen,

Die des Bösen Macht besiegt,

Heil wirst du dem Volk erlangen,

Das in Sündenbanden liegt,

Komm und brich des Volkes Ketten,

Edle Jungfrau, uns zu retten!

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Karneval

 

Die Welt ist stets im Karneval,

Hält immer großen Maskenball,

Da wird getanzt, gescherzt, gelacht

Bei Tag und Nacht!

 

Und lustig geht`s so Jahr um Jahr,

Doch plötzlich naht die Totenbahr`,

Der Tanz ist aus, die Maske fällt: -

Ade o Welt!

 

Wie trostlos aber ist der Tod,

Wenn man gelebt hat ohne Gott,

Wie schrecklich, wenn der Richter spricht:

„Ich kenn euch nicht!“

 

Nicht Fasching – Aschermittwoch hier,

Den halten ernst auf Erden wir,

Und machen so uns jederzeit

Zum Tod bereit!

 

(Kordula Peregrina, "An der Kirche Hand zum Vaterland")

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Das bessere Land

 

„Ich hörte dich sprechen vom besseren Land,

Ach, Mutter, wo find ich den lachenden Strand,

Der seine Kinder in Liebe vereint,

Wo niemand mehr klagt, kein Tod mehr erscheint.

Ist er dort, wo die Orange blüht

Und durch Myrtengesträuche die Rose glüht?“

„Nicht dort, nicht dort, mein Kind!“

 

„Ist dort wohl das Land, wo die Alp sich erhebt,

Der Adler stolz ob den Firnfeldern schwebt?

Ist`s dort, wo die nickende Korn-Ähre reift?

Der Hirsch durch die nebligen Hochtale streift?

Ist es dort, o Mutter, künd mir an,

Wo man ewig sich freuen und lieben kann?“

„Nicht dort, nicht dort, mein Kind!“

 

„Wo stille ein Waldsee im Schilfdickicht ruht?

Ihr ewiges Lied braust des Weltmeeres Flut?

Wo glutrot des Nordlichtes Purpur erstrahlt?

In Sonnenglut wuchert der tropische Wald?

Oder dort, wo kahl die Tundra steht?

Oder dort, wo des Teifuns Gluthauch weht?“

„Nicht dort, nicht dort, mein Kind!“

 

„Vergebens durchsuche ich Land und Meer,

Ein Paradies, das gibt es nicht mehr!

Und doch treibt ein Ahnen mich stets wieder fort,

Wo anders zu suchen den seligen Ort.

O, so künde, Mutter, mir doch an,

Wo des Friedens Reich ich noch finden kann!“

„In Gott, mein Kind, in Gott!“

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Sieben Fragen

 

Willst du vernehmen, was der Heiland spricht?

Du hörst es im Geräusch der Gasse nicht;

Verschließe dich einsam im Kämmerlein,

Geh in den wilden, weiten Wald hinein;

Der liebe Heiland redet süß und sacht,

Sei still – gib acht!

 

Als in Getsemani mein Kampf begann,

Als Blut und Schweiß mir von der Stirne rann,

Da in der Prüfungsstunde harter Not

Erkor ich dir zu Liebe Schmach und Tod,

Du arme Seele; o, wie lieb ich dich,

Sag, liebst du mich?

 

Von zwölf Erwählten, die mir folgten, schied

Der eine, der aus Habsucht mich verriet;

Und von den Elfen ließ mich in Gefahr,

Verzagt und schwach, der sonst der Stärkste war;

Er büßte schwer, er weint in bitt`rer Reu;

Bist du mir treu?

 

Hast du den Mut, zu streiten, wie ich stritt?

Gelassenheit, zu leiden, wie ich litt?

Gibst du die Hand den hanf`nen Stricken preis?

Den wunden Leib dem Riemen und dem Reis?

Der Faust des Knechts, dem Speier das Gesicht?

Und klagest nicht?

 

Sie haben mich mit scharfem Dorn gekrönt,

In Purpurlumpen spöttisch mich verhöhnt,

Als Zepter mir ein dürres Rohr gereicht

Und vor dem König lächelnd sich verneigt;

Mich jammerte des Wahns – ich schwieg dazu;

Was tätest du?

 

Mein schweres Kreuz, ich trug es mit Geduld,

Viel schwerer war der Menschheit Sündenschuld;

Ich brach zur Erde nieder; keine Rast!

Mich riss empor des Büttels Wut und Hast;

Da dacht ich dein und aller; denkst du mein?

Ja oder nein?

 

Dann zwischen Erd und Himmel schwebt ich da,

Kein Helfer war, kein Tröster war mir nah,

Der Bleiche nur, der Todesengel kam,

Der mich gelind in seine Arme nahm;

So starb ich, Mensch, für alle wie für dich;

Lebst du für mich?

 

Nun sprich, du arme Seele, ich und du

Wir sind allein, es hört uns niemand zu:

Willst du mir Jünger sein, folgst du mir nach?

Durch Dorn und Distel, Spott und Hohn und Schmach,

Trägst du dein Kreuz wie ich nach Golgotha?

Nein oder Ja?

 

O lausche, lausche, wie der Heiland spricht,

Du hörst es im Geräusch der Gasse nicht;

Verschließe dich einsam in dein Kämmerlein,

Geh in den wilden, weiten Wald hinein;

Der liebe Heiland redet süß und sacht,

Sei still – gib acht!

 

Friedrich Wilhelm Weber

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Herzensmai

 

(An die Maienkönigin, von Friedrich J. Pesendorfer)

 

Du bist die schönste Blüte

Im Blütenmonat Mai,

Wie du, so mein Gemüte

Ein Frühlingsgarten sei.

 

Und alle Blumen drinnen,

Sie sprossen für dich allein,

Und all mein Sinnen und Minnen,

Es ist auf ewig dein!

 

Und alle Knospen springen

Im Herzen und duften nur dir

Und all mein Dichten und Singen

Preist dich, o Frauenzier!

 

Mein Lied soll nie verstummen,

Das bis zum Tod ich dir weih`; -

Das wird mit Liedern und Blumen

Ein ewiger Herzensmai!

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Der barmherzige Samaritan

 

(Gedicht von Friedrich J. Pesendorfer)

 

Von Jerusalem nach Jericho,

So heißt`s im Evangelio,

Ist einst ein Mann hinabgegangen,

Dort haben Räuber ihn gefangen.

Sie raubten alles ihm zur Stund`

Und schlugen ihn mit Stöcken wund;

Dann ließen sie in größter Not

Am Wege liegen ihn halbtot.

Da kam des Weges ein Levit;

Der Ärmste schreit: „O hilf, ich bitt`!

Weil ich sonst durstend hier verschmacht`!“

Der geht vorbei, nimmt sein nicht acht,

Er denkt bei sich: „Was geht mich an

Der mir ganz unbekannte Mann?

Was dich nicht brennt, das blase nicht,

Sonst komme ich noch vors Gericht,

Muss Zeugnis steh`n, wie ich ihn fand,

Und Scherereien allerhand.

Und schließlich auch erwachsen gleich

Viel Kosten und ich bin nicht reich.

Hab` auch Familie nicht minder,

Hab` eine Frau und sieben Kinder,

Für die zu sorgen ist mir Pflicht –

Nein, nein, und weiteres schert mich nicht.“

Ob auch der Ärmste schrecklich litt,

Vorüber schon ist der Levit.

 

Nun kam durchs Tal so rauh und düster

Zum wunden Mann ein Judenpriester.

Der sah ihn an genauer schon:

„Ist der von meiner Nation?

Er scheint doch nicht von unsrer Sippe,

Ich kenn`s genau an Nas` und Lippe.

Ich böt` ihm hilfreich gern die Hand,

Wär` er ein wenig mir verwandt.

Doch wer sich annimmt fremder Leut`,

Der erntet oft nur Undank heut`.

Zwar trüg` ihn leicht mein starkes Ross,

Doch Geh`n mich immer sehr verdross.

Ich hab` gewiss ein fühlend Herz,

Doch wollt` man lindern jeden Schmerz,

Da hätte man wohl viel zu tun

Und könnte Tag und Nacht nicht ruh`n.

Doch will nach Jericho ich reiten

Und dort die Unglücksmär` verbreiten.“

Laut seufzt der Mann, er kann nicht sprechen

Und fast die Augen ihm schon brechen,

Und fort, von seinem Edelmute

So ganz erfüllt, enteilt der Gute.

Die Sonne steigt, in ihren Gluten

Muss sich der Ärmste bald verbluten.

 

Da kommt den heißen Pfad heran

Ein Fremdling, ein Samaritan.

Dies Volk, das hasst die Juden sehr,

Die Juden jene noch viel mehr.

Nun muss wohl jede Hoffnung schwinden,

Im Tode Hilfe noch zu finden.

Doch kaum erblickt der Samaritan

Den Mann, hält er sein Lasttier an.

Flugs steigt er auf die Erde nieder

Und stärkt des Halberschlag`nen Glieder.

Gießt Öl und Wein in seine Wunden

Und hat sie liebreich dann verbunden.

Der frägt nicht: Bist ein Landsmann du?

Gehörst du meinen Feinden zu?

Er frägt ihn nicht nach Rang und Titel,

Nach Stand und Namen, Geld und Mittel,

Er zögert keinen Augenblick,

Zu helfen scheint ihm höchstes Glück.

Für ihn gibt`s jetzt nur ein Gebot:

Dem Bruder hilf in seiner Not! –

Nachdem er in des Felsen Schatten

Zum Leben neuerweckt den Matten,

Hebt treulich er aufs Lasttier ihn

Und führet ihn zur Herberg` hin

Und sorgt beim Wirt, dass ihm nichts fehle –

O wahrhaft edle, große Seele!

 

O lieber Herr, was du erzählt,

Das Gleichnis hast du gut gewählt!

Du bist`s, der jene Tat getan,

Der göttliche Samaritan.

Du bist`s, wenn mich die Sünde schlug,

Der mich an seinem Herzen trug

Zur Herberg` hin, zum Gnadenzelt –

Hohnlachend ging vorbei die Welt.

Du gossest Öl in meine Wunden,

Die Gnade ließ mein Herz gesunden;

Den Wein der Liebe gabst du mir

Im Sakrament, wie dank` ich dir!

O göttlicher Samaritan,

Ich bete deine Liebe an,

Gib mir ein großes Herz voll Liebe,

Die treu an Freund und Feind ich übe!

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Der Heiland geht durchs Ährenfeld

 

Ein feierlich geheimes Rauschen

Seht durch des Saatengoldes Meer;

Und wiederum ein tief Erlauschen

Der Himmelsworte, heilig, hehr,

Die jetzt von Heilands Lippen mild erklingen,

Der Menschheit unfassbares Glück zu bringen.

 

Die Ähren ehrfurchtsvoll erschauernd beben,

Ihr Haupt zur Erd sie senken tief,

Denn er, der König über alles Leben,

Zur höchsten Würde sie berief.

Es will der Heiland unter Brotsgestalten

Ja künftig seiner Gottesliebe walten.

 

Und jenes Rauschen, jenes Flüstern leise,

Es ist der Ähren fromm Gebet,

Ein Preisgesang und eine Jubelweise,

Wie nur der Schöpfer sie versteht.

Das Saatenfeld, es möcht ihn ewig loben –

Und du, o Mensch, vergisst den Heiland droben.

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Engelsschwingen

 

Der Abend sinkt. Des Paradieses Räume

Erglühen hold im letzten Sonnenstrahl;

Den süßen Duft verhauchen Blütenbäume

Und Bächlein sprudeln hell durchs grüne Tal.

Es schläft der erste Mensch und sel`ge Träume

Umgaukeln ihn, des Lebens Widerhall,

Des Schlafes Segen hat ihm Gott beschieden

Und seine Lippe lächelt leis im Frieden.

 

Ob seinem Lager schweben Lichtgestalten,

Die, still versunken, auf ihn niedersehn;

Und ihre Hände Palmenzweige halten,

Sanft fühlt der Schläfer ihrer Schwingen Weh`n,

Die schützend sie ob seinem Haupt entfalten;

Sie, die vor Gottes Thron lobpreisend steh`n:

Sie freuen sich, dass mild dem Erdensohne

Der Schöpfer schenkte Edens süße Wonne.

 

Und doch, so herrlich auch dem Erdensohne

In Vaterliebe die Gestalt er lieh:

„Sich aufwärts schwingen zu des Ew`gen Throne

Aus eig`ner Macht, wie wir, das kann er nie.

Der Freiheit Zeichen, uns`re Himmelswonne,

Das gold`ne Flügelpaar, ihm fehlen sie.

Kommt, lasst uns flehend vor dem Schöpfer knien.

Dass ihm die edle Gabe wird verliehen!“

 

Und wie sie flehend seinen Thron umschweben,

Da glänzt Jehovahs Auge mild und klar:

Ich will dem Erdgebornen Schwingen geben,

Die stark ihn tragen, schützend in Gefahr.

Mit heil`gem Strahl erhellen ihm sein Leben

Und seinen Geist erheben wunderbar.

Kommt her, des Himmels sel`ge Lichtgestalten,

Ihr sollt nun segnend des Erschaff`nen walten.

 

Du, Glaube, mit den starken, gold`nen Schwingen,

Du lenke seine Seele himmelwärts!

Du, holde Hoffnung, dir wird es gelingen

Ihm Trösterin zu sein in jedem Schmerz.

Doch du, o Liebe, magst den Preis erringen,

Du füllst mit Seligkeit des Menschen Herz;

Und du ersetzest ihm als gold`ne Sonne

Im Erdenland des Paradieses Wonne.

 

Und nun entlass ich euch! Seid stets Gefährten

Dem Menschen, der zu hohem Glück bestimmt.

Des Lebens Siegerkrone soll ihm werden,

Wenn er euch treu zu seinen Führern nimmt.

Nicht achten soll er Mühen und Beschwerden

Bis er sein höchstes Lebensziel erklimmt.

Und Großes wird und Hohes ihm gelingen,

Leih`n Glaube, Hoffnung, Liebe, ihm die Schwingen.

 

Antonie Tippner

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Allerseelen

 

Von Leopold Gheri

 

In der Nacht von Allerseelen

Ist`s den Toten freigestellt,

Zu verlassen ihre Gräber

Und zu wandeln durch die Welt.

Willst du Wunderbares schauen,

Geh zum Friedhof still hinein,

Doch dein Aug sei fromm und gläubig,

Sonst wird dir`s verborgen sein.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Väter wach,

Und sie wandeln sorgendüster

Hin durch ihrer Söhne Dach.

Nachzuschau`n, ob Glück und Segen

Noch im Haus der Lieben wohnt,

Ob noch Fleiß und Sorg der Kinder

Ihres Lebens Mühen lohnt.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Fasst sie namenlose Pein,

Und in ihre Leichentücher

Hüllen sie sich weinend ein.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Mütter wach,

Und sie wandeln sorgendüster

Hin zu ihrer Töchter Dach,

Nachzuschau`n, ob Fleiß und Friede

Noch das traute Haus bestellt,

Ob der Töchter reine Sitte

Von der Mutter Wert erzählt.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Bricht der armen Mütter Herz

Und sie nehmen in die Gräber

Mit hinab den tiefsten Schmerz.

 

In der Nacht von Allerseelen

Sind die toten Kindlein wach,

Und sie fliegen, leicht beflügelt,

Hin zu der Geschwister Dach.

Und sie legen ihre Händchen

Auf die Schlummernden zum Gruß,

Drücken auf die zarten Lippen

Ihren reinen Engelskuss.

Doch wenn Böses sie gesehen,

Dann im Grabe, still und klein,

Jene süßen, bleichen Kinder

Schlafen weinend wieder ein.

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Von Christi Geburt und Wanderung

 

(Gedicht aus dem 15. Jahrhundert, erschienen in „Ave Maria“, Heft 12, 1913)

 

Da Jesus Christ geboren ward,

Da war es kalt;

Da ward er in ein Krippelein,

Gelegt alsbald.

Ein Esel stand da und ein Rind,

Die atmeten über das heil`ge Kind,

Gar unverborgen. –

Wer ein reines Herz hat,

Der darf nicht sorgen.

 

Josef nahm sein Eselein,

Wohl bei dem Zaum,

Was fand er an dem Wege steh`n?

Einen Dattelbaum.

„Ach Eselein, du musst stille steh`n,

Wir wollen die Datteln pflücken geh`n;

Wir sind so müde.“

Da neigt sich der Dattelbaum

Durch Gottes Güte.

 

Maria las die Datteln

In ihren Schoß –

Josef war ein alter Mann –

Das ihn verdross:

„Maria, nun lass die Datteln steh`n,

Wir haben noch dreißig Meilen zu geh`n,

Es wird so spate. –

Wir bitten das werte Kindelein

Um seine Gnade.“

 

Da zogen sie fürbass hin,

Wohl in eine Stadt;

Josef da wohl treulich um

Eine Herberg` bat.

Der Wirt, der lebt in Saus und Braus,

Er trieb die Gäste wiederum aus

Wohl ins Elende.

Maria spann das reine Garn

Mit ihren Händen.

 

Sie gingen fürbass in ein Dorf

So gar veracht;

Josef da um Herberge bat

Wohl für die Nacht:

„Wirtin, liebste Wirtin mein,

Behaltet mir das Kindelein,

Und die Frau so treue.“

Sie sprach: „Ich will es gerne tun;

Wollt ihr eine Streue?“

 

Wohl hin, wohl hin gen Mitternacht,

Da war es kalt;

Der Wirt zu seiner Fraue da

Anhub alsbald:

„Fraue, liebste Fraue mein,

Steh auf und mach ein Feuerlein,

Um Gottes Willen;

Das Kindlein heut kein Ruh gewann,

Es möchte erfrieren.“

 

Die Frau stund auf gar bald,

Wie man sie hieß;

Wie bald sie in die Küche lief,

Ein Feuerchen anblies.

„O Fräulein, liebstes Fräulein!

Nun trag herein dein Kindelein,

Zum Feuerchen allhiere:

Das Kindlein heut kein Ruh gewann,

Es möchte erfriere.“

 

Maria hatte ein Pfännelein,

Und das war klein;

Da kocht sie dem Kind ein Müßelein:

War lauter und rein.

Als es verzehrt sein Müßelein,

Maria sang ihrem Kindelein

So zart und leise:

So bist du mir ein Spiegel klar,

Ein Augenweide.

 

Maria konnte spinnen,

Des freut sie sich;

Josef konnte zimmern,

Des nährten sie sich;

Jesus, der konnte haspeln Garn,

Der reiche Wirt, der ward bald arm

Der arme wurde reich.

Nun helfe uns Gott vom Himmel

Wohl in sein Reich.

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Meiner Königin

 

Einen Kranz will ich dir winden,

Meiner Seele Königin,

Und ein Lied will ich erfinden,

Dass ich ganz dein eigen bin.

 

Wenn ich sinnend an dich denke,

Schau ich meiner Mutter Bild,

Und den Blick ich freudig senke,

Königin, o lieb und mild.

 

Denn du bist wie Maienregen,

Schimmernd auf der Himmelsau,

Denn du bist uns Gottes Segen,

Denn du bist des Himmels Tau.

 

Frag ich dich, du Wundersüße:

Was ist dir der schönste Kranz,

Dem der reichste Duft entsprieße,

Der erstrahlt im hellsten Glanz?

 

Frag ich dich, du Wundervolle:

Was ist dir der liebste Sang,

Dem das reinste Lied entquolle,

Dem du lauschest gern und lang?

 

„Liebste Lieder, liebste Blüten

Sind mir die vom Rosenkranz,

O, den Garten mögt ihr hüten,

Gärtnerin bin ich dort ganz!“

 

Hugo Maria Knecht

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Der Verräter

 

Sieh hin durchs Fenster den leuchtenden Saal.

Welch Aufruhr von Schatten mit einem Mal! –

Horch! Flüchtiges Stimmengewirr ertönt;

Im schweren Fall eine Türe dröhnt.

Das stille Haus ist plötzlich erwacht.

`s ist Nacht.

 

Die Treppe erbebt unter stürmischem Schritt.

Die Gänge, die Wölbungen hallen mit. –

In fiebernder Hast ist erreicht das Tor.

Ein düsterer Mann tritt eilend hervor;

Er ist verhüllt in seltsamer Tracht.

`s ist Nacht.

 

Wild wogt ein Kampf in seiner Brust.

Es treibt ihn voran des Silbers Lust.

Die Liebe des Meisters glüht noch fort,

Es zittert noch nach sein Abschiedswort.

Da hält es den Eilenden an mit Macht.

`s ist Nacht.

 

Er steht. Einen wirrerschrockenen Blick

Wirft er zum leuchtenden Fenster zurück.

Da taucht ein schwarzer Schatten empor,

Naht schmeichlerisch drohend sich seinem Ohr.

Und der Mann ballt grimmig die Faust und lacht.

`s ist Nacht.

 

Vergessen im Nu ist der leuchtende Saal,

Die trauliche Runde beim Liebesmahl.

Kein Kampf mehr tobt in dem grausigen Mann.

Sein Geist liegt starr in bezwingendem Bann.

Blind stürmt er voran und ohne Bedacht.

`s ist Nacht.

 

Im Feuerschein wogt eine Rotte wild.

Der Lärm verstummt. Da ertönt es mild:

„O Judas, du gibst als Liebeslohn

Den Verräterkuss dem Menschensohn?“ –

Stumm funkelt darüber der Sterne Pracht.

`s ist Nacht.

 

Zur einsamen Palme huscht ein Mann,

Reißt ab sich den Gürtel, erhängt sich dran,

Stößt zuckend den letzten Fluch hervor.

Der schwarze Schatten taucht wieder empor.

Was er geflüstert, nun ist es vollbracht.

`s ist Nacht.

 

Chr. V. Chiusole

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Marienverehrung in "Des Knaben Wunderhorn"

 

(Von Georg Plohvich, „Ave Maria“, 1914, Heft 5, S. 115)

 

In der Sammlung alter Volkslieder, „Des Knaben Wunderhorn“ genannt, finden sich neben schönen Liedern von Leben und Liebe auch Lobeshymnen auf die Jungfrau Maria. Diese Perlen echter Volkskunst gehören zu den erhebendsten Marienliedern. Meist legendenhafte Züge aus dem Leben Mariens sind in rührender Naivität in jener schweren, treffenden Wucht der Volkssprache dargestellt, die, erst schwer verständlich, dem aufmerksamen Leser eine Fülle zarter Seelenoffenbarungen aufzeigt.

Im Folgenden gebe ich alle Mariengedichte, die ich aus dem „Wunderhorn“ herausgesucht habe, in ihren schönsten Stellen wieder.

Kindlich-erhebend wirkt der „Liebesscherz mit dem neugeborenen Kind Maria“:

 

Wann wünschen wir können, Maria rein,

So möcht` ich jetzt wohl ein Baumeister sein,

Ich wünschte mir Salomons Schätze,

Dukaten und Taler viel Metzen,

Bloß deinen Geburtsort zu ehren,

Mein` Andacht und Trost zu vermehren.

 

Ich wollte dir bauen ein Kirchlein,

Das sollte mit Gold gepflastert sein,

Von Edelstein alle Gewölbe,

Der Altar, das wäre ich selber,

Mein Herze, das müsse der Altardom sein,

Darauf müsstest du wohnen, mein Kindelein.

 

Die Geburt Mariä begrüßt das Gedicht:

 

Gleich wie die lieb` Waldvögelein

Mit ihren Stimmen groß und klein

Früh morgens lieblich singen - - -

 

Also, ihr Menschen, kommt herbei

Lasst hören eure Melodei,

Das Kindelein zu grüßen.

Heut fröhlich sein Geburtstag fällt,

Sankt Anna bringt es auf die Welt,

Es lasset euch genießen.

 

Zum Fest Mariä Empfängnis findet der Dichter folgende, tiefsinnige Worte als „Antwort Mariä auf den Gruß der Engel“:

 

Zwei Nachtigallen ich singen hör,

Ein Englein kommt vom Himmel

Nach Nazareth, nicht ungefähr,

Ins jungfräuliche Zimmer;

O, wie so lieblich singt er an

Das Jungfräulein Marie.

Kein menschlich Zung beschreiben kann

Die süße Harmonie.

 

Voll Freude über die Botschaft des Engels, eilt Maria übers Gebirge zu Elisabeth. Sie eilt; warum, darüber gibt sie Auskunft im Gesicht „Maria auf der Reise“:

 

Warum so einsam und so geschwind,

Will ich dir herzlich gern aufzeigen . . .

 

Jungfrauen will`s gebühren gar nicht,

Viel untern Leuten umzuziehen.

Eben darum viel Böses geschieht,

Weil sie die Leut` bei Zeit nicht fliehen.

 

Durch das Gebirg über Berg und Tal

Tut sich mein Geist in Gott erschwingen,

Als wie ein himmlisch Nachtigall

Ich das Magnifikat tu singen,

Wer gern allein ist und betet gern,

Der tut sein Zeit gar schön zubringen . . .

 

Maria ist Mutter Gottes geworden. – „Von Jesse kommt ein Wurzel zart.“ – Zuflucht der Betrübten, Fürsprecherin bei ihrem Sohn. So wendet sich in „Abschied von Maria“ Gräfin Elsbeth voll Vertrauen zu ihr:

 

O Maria, welches Leid,

Letzte Blumen bring ich heut,

Dass ich reise, schmerzet mich,

Ob ich wiedersehe dich?

 

O, Maria, jetzt ist Zeit,

Dass ich wieder von dir scheid;

Fort ich muss, auf lange fort,

Ach, ade, du Gnadenort!

 

Schau, Maria, Mutter mein,

Lass mich dir befohlen sein;

Ach, es muss geschieden sein

Von dir und deinem Kindelein.

 

Meine Zunge ist mir schwer,

Meine Augen voller Zähr,

Nicht mehr hell ist meine Stimm,

Gute Nacht, ich Urlaub nimm . . .

 

O, Maria, noch die Bitt`:

Mich im Tod verlasse nit;

Sei gegrüßet tausendmal,

Ach, ade, viel tausendmal!

 

„Das Gnadenbild Maria-Hilf bei Passau“ wird besungen:

 

Es wohnt ein schönes Jungfräulein

Bekleidet mit Samt und Seiden,

Ob Passau in ein Kirchel klein,

Auf einer grünen Heiden,

Dort auf dem Kapuzinerberg . . .

 

Auf ihrem Haupt trägt sie ein Kron

Von Gold und Edelsteinen,

Von Silber ist gemacht ihr Thron,

Auf dem sie tut erscheinen,

Jesus, der wahre Gottessohn,

In ihren Armen wohnet; . . .

 

Ihr Ursprung ist sehr adelig,

Von königlichem Stamme,

Ich darf sie nennen öffentlich,

Maria heißt ihr Namen . . .

 

Vor ihr die Engel neigen sich,

Weil sie Gott selber ehret, - -

Die Kaiser beugen ihre Knie,

Die König sie schön grüßen,

Fürsten und Herren rühmen sie

Und fallen ihr zu Füßen . . .

 

Mit vielen zarten Blümelein

Ist sie gar fein umstecket, . . .

 

Oft Musikklang und Orgelspiel

Tut man da bei ihr hören,

Ämter und Litaneien viel

Haltet man ihr zu Ehren . . . usw.

 

Gleicherweise ist „Maria, die Gnadenmutter zu Freiberg“ gepriesen:

 

Wunderschön prächtige,

Große und mächtige,

Liebreich holdselige himmlische Frau . . .

 

Die Sonn begleitet dich,

Es unterwerfet sich

Zu deinen Füßen der silberne Mond,

Kein Unvollkommenheit

Mindert dein Herrlichkeit . . .

 

Ein schönes, idyllisches Bild bietet „Eine heilige Familie“. Groß und gewaltig ist der Lobgesang auf Maria von Balde.

 

Ach, wie lang hab ich schon begehrt,

Maria dich zu loben!

Nicht zwar als wie du wirst verehrt

Im hohen Himmel oben;

Dies wär umsonst! Mein arme Kunst

Würd an der Harfe hangen,

Und dieses Lied, so sehr sie glüht,

Im tiefem Ton anfangen.

 

Die Unbefleckte lobpreist Balde also:

 

Zwölf Stern um ihr glorwürdig Haupt

Als Krone ringsum schweben,

Und jauchzen: Uns ist es erlaubt,

Allein sie zu umgeben!

 

Der Sang endet:

 

Wenn mir geschwächt sind alle Sinn,

Und die Umstehenden sagen:

Jetzt scheidet er, jetzt geht er hin,

Der Puls hört auf zu schlagen!

Dein schöne Hand, dein milde Hand,

O, Mutter meines Lebens,

Gleit über mich, erquicke mich,

Denn sonst ist all`s vergebens.

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Regina salve!

 

Königin, lass dich begrüßen

Von dem Volk, das vor dir kniet,

Grüßen mit dem milden, süßen

Wonnegruß, der nie verglüht,

Der selbst durch die Wolken dringt,

Der durch alle Himmel klingt:

Regina salve!

 

Deinen Gnadenblick lass scheinen

Jedem Herzen, das dir naht!

Du verstießest ja noch keinen,

Der zu dir gewandt sich hat!

Neig dich, Herrin, hilfbereit,

Zeig dich uns in Herrlichkeit!

Regina salve!

 

Schenk in unsren schweren Tagen,

Mutter der Barmherzigkeit,

Die des Kreuzes Schlachten schlagen,

Kraft und Siegessicherheit!

Zeig dich deiner Streiter Schar

Als ein Schlachtheer wunderbar!

Regina salve!

 

Unsrem lieben Vaterlande

Fried verleih und Glück und Ruhm!

Gib Gedeihen jedem Stande,

Hüt uns als dein Eigentum!

Schirm mit treuer Mutterhand

Fürst und Volk und Vaterland!

Regina salve!

 

Mag die Welt sich neu gestalten,

Nie wird Not im Reiche sein,

Hüllst in deines Mantels Falten

Du, o Königin, uns ein!

Liebe, holde Himmelsfrau,

Liebreich auf uns niederschau!

Regina salve!

 

Wenn wir einst von hinnen scheiden,

Mutter, dann verlass uns nicht!

Wollst in Herrlichkeit uns kleiden,

Zeigen dich von Angesicht!

Liebe Mutter, ewig dann

Hallt es durch den Himmelsplan:

Regina salve!

 

Lenz von Steyer

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Salve Regina!

 

(Zum Fest der Himmelfahrt Mariä)

 

Von Hermann Steinhausen

 

Hoch in Lüften Harfenklingen,

Tausendfacher Jubelschall!

Freude wogt auf Engelschwingen

Durch das ganze Weltenall.

Alleluja! Überwunden

Ist der Erde Kampf und Leid.

Sel`ge Chöre heut bekunden

Der Verklärten Herrlichkeit.

O Maria, dir zu Füßen,

Sinkt die Schar der Christen hin,

Um dich liebend zu begrüßen,

Sei gegrüßt, o Königin!

 

Bei dem ew`gen Hochzeitsmahle

Heller noch als Mond und Stern

Thronst du nun im Königssaale

Tochter, Mutter, Braut des Herrn.

Himmelswonne, unermessen,

Strahlt aus deinem Angesicht;

Doch der Kinder kann vergessen

Dein erbarmend Herze nicht.

O Maria, deine Treue

Zeigt dich uns als Mittlerin;

Dankesblüten ich dir streue,

Sei gegrüßt, o Königin!

 

Jungfrau, Mutter, hehr und mächtig,

Aller Ehr und Liebe wert,

Deine Schönheit wunderprächtig,

Unser Weh in Lust verkehrt.

Siegerin im Lichtgewande,

Ruhmgekrönt vor Gottes Thron,

Führ aus der Verbannung Lande

Uns hinauf zu deinem Sohn.

O Maria, blick hernieder,

Sieh dein Bild in unserm Sinn;

Dir ertönen unsre Lieder,

Sei gegrüßt, o Königin!

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Hilferuf an Maria!

 

Liebe Mutter! Liebe Mutter!

Höre doch mein kindlich Fleh`n.

Hilflos und verlassen,

Trostlos ohne Maßen,

Sollst du mir zur Seite steh`n.

 

Liebe Mutter! Liebe Mutter!

Sieh nur meine große Not.

Soll ich nicht verderben,

Ohne Zagen sterben,

Schenke mir das täglich Brot.

 

Liebe Mutter! Liebe Mutter!

Die du deine Kinder liebst,

Fühle doch Erbarmen,

Mitleid mit mir Armen,

Dass du mir bald Rettung gibst.

 

Liebe Mutter! Liebe Mutter!

Schick mir eine bessre Zeit.

Nicht mehr kann ich tragen

Meinen Kummer, meine Plagen,

Nimm von mir das schwere Leid.

 

Liebe Mutter! Liebe Mutter!

Dankbar will ich dafür sein.

Alles, was ich habe,

Treue bis zum Grabe,

Alles, alles sei nur dein.

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Letzter Strahl

 

Von M. Ellis

 

Hoch über den Berg – der Weg so weit –

So stürmisch die Nacht – Novemberzeit –

Die Zeit, da die Blätter im Winde verweh`n;

Zeit, da die Menschen von hinnen geh`n . . .

So finster die Nacht – der Weg so weit . . .

Eile dich, Priester! Gott geb` dir`s Geleit!

Du trägst Ihn ja bei dir –, das höchste Gut

An deinem Herzen geborgen ruht . . .

Wer rief dich? – Ein armes, krankes Kind,

Ein Knösplein, geknickt vom Novemberwind,

Ein junges Mägdlein, kaum sechzehn Jahr`,

Das vor Monden noch frisch und rosig war; -

Nun sucht es der Tod, der grimme Gesell! –

Eile dich, Priester, der Tod reitet schnell! –

Und der Bote Gottes beschleunigt den Schritt;

Legionen Engel ziehen mit;

Der Mesner mit Licht und Glöcklein voran –

O heilige Wand`rung auf nächtlicher Bahn! –

Dieweil träumt im Hüttchen am Waldessaum

Das sterbende Kind seinen letzten Traum;

Schon wuchsen der jungen Seele Flügel,

Schon nahm sie den Anflug zum ewigen Hügel;

Doch ehe sie vollends empor sich will heben,

Möcht` sie noch einmal zurück ins Leben, -

Ins warme, goldene – zu einem Tag,

Da noch die Erde in Blüten lag;

Zu einem Maitag, rosig und zart,

Zum Feste Christi Himmelfahrt! –

Im Frühlicht war es – die Glocken riefen

Bis hin in der Täler verborgenste Tiefen;

Sie riefen die Bräute von nah und fern

Zum ersten Male zum Tische des Herrn! –

Da sieht sich das Kind an der Eltern Seite

Im Myrtenkranz und dem weißen Kleide;

Die Lerchen jauchzen, die Sonne lacht

Und die Bräute geh`n durch die Maienpracht

Mit pochendem Herzen, beflügeltem Schritt,

Und jede bringt ihren Engel mit. –

Und mählich verstummt der Glocken Rufen;

Die Glücklichen knien an des Altars Stufen;

Das Opfer beginnt, die Lieder tönen;

Himmel und Erde feiern Versöhnen; -

Und die Kinderherzen öffnen sich weit,

Dass einzieh` des Königs Herrlichkeit . . .

Die Sterbende lächelt – schon weltenfern . . .

Sie war ja die erste am Tische des Herrn! . . .

Hoch über den Berg – der Weg war weit –

Doch gab ja Gott selber das Geleit –,

Schon geht es bergab, ins Dorf hinein;

Hinter niederm Fenster ein blasser Schein;

Schon läutet das Glöcklein die Stufen herauf . . .

Die Kranke lauscht: - die Türe geht auf –

Laternenschein huscht über die Schwelle –

Der Bote Gottes, nun ist er zur Stelle!

Getrost, o Seele! dein Heiland ist hier!

Einst kamst du zu Ihm, nun kommt Er zu dir!

Nun klag` Ihm, was je dir Leid`s geschah!

Nein, juble und singe Ihm „Gloria!“ –

Und die junge Seele öffnet sich weit,

Dass einzieh` des Königs Herrlichkeit!

-

Siehst du sie wandeln unter den Palmen?

Hörst du sie singen die ewigen Psalmen?

Siehst du die himmlischen Banner weh`n?

Triumph! denn`s „Sterben“ heißt „Aufersteh`n“!

-

Die Stürme schweigen. Es will schon tagen.

Ein Herz hat aufgehört zu schlagen.

Der Priester wirft einen letzten Blick

Auf das Marmorantlitz und kehrt dann zurück

Hoch über den Berg – der Weg so weit

Und das Herz so schwer – Novemberzeit . . .

 

Das Heldenmädchen Rosa Zenoch

 

Ihr Mütter und Frauen und Jungfräulein!

Ich seh` euch sitzen beim Lampenschein.

Die Nadeln klirren, ihr strickt behende

Den braven Soldaten als Liebesspende

Fein warme Binden, Socken und Stauchen,

Dass sie im Krieg nicht frieren brauchen.

Die Kleinen selbst mit den süßen Mäulchen

Hantieren mit Nadeln und Strickwollknäulchen.

Nur hurtig! Und während die Nadeln klingen,

Will ich von Rosa Zenoch euch singen.

 

An Österreichs Grenze wogt die Schlacht,

Um Rawaruska, schon Tag und Nacht,

Mit Russlands teufelswilden Horden,

Es ist ein gräuliches Menschenmorden.

Bei Kugelregen, Granatengeheule

Hält tapfer sich Österreichs Heeressäule.

Und im Feuer vorn, wo die Schützen steh`n,

Da sieht man Mädchenkleider weh`n.

Ein Kind, zwölf Jahre knapp - ; vom Kopf

Hängt ihm zerzaust der schwarze Zopf.

Das ist die Rosa, das Bauernkind,

Wie ein Engel schön und schnell wie der Wind,

Trägt Wasser den lechzenden Kriegern herbei

Trotz Pulverdampf und tödlichem Blei.

„Kind, bleibe zurück, um Gottes willen!“

Es eilt schon wieder, den Becher zu füllen,

Reih` ab und auf – und immer wieder.

„Kind, hüte deine zarten Glieder!“

Da – ein Schrapnell! – die Kugeln fliegen –

Getroffen bleibt Klein-Rosa liegen.

Wie rinnt das Blut so rot und warm!

Ein Schütze trägt auf starkem Arm

Die Heldin aus der Schar der Streiter

Und donnernd tobt die Feldschlacht weiter.

 

In Wien, auf blütenweißem Bett,

Liegt Rosa Zenoch im Lazarett,

Mit Blumen, Edelgestein und Gold

Hat Kaiser Franz Josef ihr Ehre gezollt.

Doch über Gold und Edelgestein

Wird Rosas Name gepriesen sein.

In Österreich und im deutschen Land,

Vom Rheines- bis zum Donaustrand,

Wo hochgesinnte Herzen brennen,

Wird man dich, kleine Heldin, nennen!

 

(Wigbert Reith in der „Kölner Volkszeitung, 1914)

 

Das Muttergotteslied

 

Es tönen täglich tausend Lieder

Empor zum lichten Himmelszelt.

Auf Berg und Höhen klingt es wieder,

In Tälern, Fluren, Wald und Feld.

In allen Sprachen, allen Zungen,

In allen Ländern, weit und breit,

Da wird, was herrlich ist, besungen

In Sehnsucht, Lieb und Lust und Leid;

Jedoch das schönste aller Lieder,

Wie keines sonst das Herz durchglüht,

Das ist fürwahr das Lied der Lieder,

Das ist das Muttergotteslied.

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Ein Schlachtlied

 

Im „Zwingergärtlein“ des geistlichen Dichters Ottokar Kernstock

findet sich folgendes Schlachtlied vor:

 

Sankt Michael, der vor Gottes Thron

Hält mit den Engeln Wache,

Du bist der Deutschen Schutzpatron;

Entscheide unsre Sache!

Tu um dein Schwert, zäum auf dein Ross

Und zeuch voran dem Heere!

Es gilt die deutsche Ehre.

Sankt Michael, salva nos!

 

Du zwangst den stolzen Satanas

Mit Ketten einst und Banden,

Mach auch der Feinde Stolz und Hass,

Du starker Held, zu Schanden!

Uns schreckt kein Speer und kein Geschoss,

Nur vor dem bösen Zagen,

Die falsche Treue tragen –

Sankt Michael, salva nos!

 

Du führst die Seelen himmelan,

Die zum Allvater wallen.

O, sei auch unser Reis`gespann,

Wenn wir am Blachfeld fallen.

Eins, Herre, bitten wir dich bloß:

Führ uns nicht eh von hinnen,

Eh wir den Sieg gewinnen!

Sankt Michael, salva nos!

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Verschieb es nicht!

 

Siehst du ein Menschenleid am Weg,

So weiche nicht zur Seite aus,

Die Menschenliebe ist der Steg,

Der sicher führt ins Vaterhaus.

 

Heut schickt dir Gott ein armes Kind

Das bettelnd seine Hände reckt,

Gehst du vorbei, ach, morgen sind

Vielleicht sie starr, vom Tod gestreckt.

 

Umsonst, dass dann in deiner Brust

Der stille Vorwurf pochen mag. –

Drum mahnt`s dich, dass du Gutes tust,

Verschieb`s nicht auf den nächsten Tag.

 

Franz Bonn

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Karfreitag

 

Schweigsam, leis den Kiesel tretend,

Wund im Herzen Psalmen betend,

Zieht ein Trauerzug dahin.

Auf den Schultern ein`ger Treuer

Ruht ein Leichnam, lieb und teuer;

Wenige begleiten ihn.

 

Gartenprangen, Frühlingslüfte,

Palmenhauch und Rosendüfte

Hüllen ein die heil`ge Schar.

Ihre Sinne sind verschlossen;

Denn ein Leid ist ausgegossen,

Wie noch keins auf Erden war.

 

Bei dem Felsen angekommen,

Wird behut herabgenommen

Die so teure tote Last.

Wehdurchwühlt und liebeglühend

Legen sie, sich zitternd mühend,

Ihren Herrn zur Grabesrast.

 

In der kalten Felsenstille

Kniet bei der entseelten Hülle,

Die ihm einst das Leben gab.

Noch ein Kuss – ein Blick – ein Beben –

Abschied von dem toten Leben –

Und verschlossen ist das Grab.

 

Einsam an der Felsenmauer

Sitzt die Mutter, stumm vor Trauer

Und das Antlitz gramgebleicht.

Alle, die vorübergehet,

Stehet stille doch und sehet,

Ob ein Schmerz dem ihren gleicht.

 

Drüben sieht man goldig bluten

In den letzten Sonnengluten

Stolz der Tempelzinnen Kreis.

Dunkelnd schweigt die Hügelkette.

Auf die Königin der Städte

Senkt die Sabbatruh sich leis.

 

Still geworden ist`s schon lange.

Nur im Garten tönt noch bange

Eines Mutterherzens Schlag.

Und die Blümlein ringsum lauschen –

Und die Palmenfächer rauschen:

„Heute ist Erlösungstag!“

 

(Chr. Chiusole)

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Zum Herzen Jesu

 

(Julie von Massow)

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Bitten!

Du hast dafür so viele Pein

Und gar den bittern Tod erlitten.

Dass du in Liebe und im Leide

Nun würdest meine größte Freude;

Drum leg ich in dein Jesusherz,

Was heut gebeten hat mein Herz.

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Sünden,

Auf dass ich könne ruhig sein

Und Gnade und Vergebung finden!

Denn als dein Blut vom Kreuz geflossen,

Das du so mildiglich vergossen,

Und als du riefst: „Es ist vollbracht!“

Da hast du auch an mich gedacht!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Sorgen,

Und kann dein fröhlich Kind nun sein,

Weil ich in dir so wohl geborgen!

Dir sei`s alleinig übergeben

Für dieses und für jenes Leben.

O Jesusherz, o sorge du,

So bleibt das Menschenherz in Ruh!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Lieben!

Sind doch die Meinen alle dein,

Sind dir ins Jesusherz geschrieben!

Und kann ich ihnen nicht mehr dienen,

So bist du ja dazu erschienen.

Drum gib du jedem, was ihm frommt,

Dass er zu deinem Herzen kommt!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Leiden!

Dass du hier lehrest stille sein,

Bis du sie wandelst dort in Freuden!

Denn was ich in den Erdentagen

Zu meines Gottes Ehr getragen,

Das wandelt er zu seiner Zeit

In Himmelglanz und Herrlichkeit!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Freuden,

Dass mich kein Glück, kein Sonnenschein

Von deiner Liebe dürfe scheiden,

Dass niemals mich das Eitle blende

Und meinen Blick vom Kreuze wende;

Das soll mein höchstes Bitten sein,

Dir auch in Freuden treu zu sein!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Pflichten!

Dass du mir helfest treu zu sein

Und sie zu Gottes Ehr verrichten!

Verheißt er doch die Himmelskrone

Dem, der Ihm dient in seinem Sohne.

So lenk du selber, was ich tu,

Bis ich von aller Arbeit ruh!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein

Nimm alles, was mein Herz beweget:

Mein Bitten, Lieben, Sorgen, Freun

Sei alles dir ins Herz geleget.

Drauf lass mich friedlich, fröhlich enden

Und ruhn in deinen Jesushänden,

Bis dass der ewge Morgen tagt

Und mich vollkommen selig macht!

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Gott ist die Liebe

 

(P. Gustav Sysel)

 

Gott ist die Liebe! Will ich heute singen

Und hören mag`s die ganze, weite Welt!

 

Gott ist die Liebe! So soll es erklingen

Aus meinem Munde bis ans Sternenzelt!

 

Gott ist die Liebe! Willst du wohl mich fragen,

Warum so hell erschallt mein heil`ges Lied?

 

Gott ist die Liebe! Lerne hier ertragen,

Auf dass dein Auge einst die Wahrheit sieht!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du einst auch rufen,

Wenn du hienieden überwunden hast!

 

Gott ist die Liebe! An des Thrones Stufen

Bei Gott, dem Vater, wirkt die ew`ge Rast!

 

Gott ist die Liebe! Darbst du hier auf Erden,

Ist um so reicher einst dein Himmelslohn!

 

Gott ist die Liebe! Nur die Dulder werden

So jubeln einst an ihres Schöpfers Thron!

 

Gott ist die Liebe! Und das Erdenleben

Ist nur die Schule für die Ewigkeit!

 

Gott ist die Liebe! Um so mehr erheben

Wirst du dich einst, je größer hier dein Leid!

 

Gott ist die Liebe! Mit getroster Seele

Lass allen andern still ihr Erdenglück!

 

Gott ist die Liebe! Und dein Herz verhehle

Sich`s niemals, wie der Kummer es auch drück!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du einst vergehen,

Wird dir dies Wort in seiner Fülle klar!

 

Gott ist die Liebe! Ja, vom Himmel sehen

Wirst du zur Welt einst, selig wunderbar!

 

Gott ist die Liebe! Wirst in Engelweisen

Du singen einst aus ganzer, voller Brust!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du ewig preisen

Den Vater dann in süßer Himmelslust!

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Ave Maria!

 

Die Dämmerung schon auf Erden webet,

Mit leisem Flug der Tag entschwebet.

Im Tal die Abendglocken klingen,

Der Wind trägt`s fort auf sanften Schwingen:

Ave Maria!

 

Es geht ein Wanderer auf der Heide,

Da tönt das Glöcklein aus der Weite.

Er bleibet stille stehn und lauschet;

Ein froh Gebet die Seel durchrauschet:

Ave Maria!

 

Ein Vöglein wacht nah in den Zweigen.

Wenn alles singt, möchte`s auch nicht schweigen,

Und aus der Kehle dringt ihm leise

Die alte, längst vertraute Weise:

Ave Maria!

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Mutter mein, ich liebe Dich!

 

Wenn ich in meiner Kindheit Morgen

Bei dir, Maria, hab gekniet,

Noch frei von allen Erdensorgen,

Dir sang ein einfach frommes Lied. –

O Mutter, gehe mir voran

Auf meiner ganzen Lebensbahn!

O Gottesmutter, denk an mich.

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich.

 

Und wenn des Schicksals Stürme toben,

Mein Lebensschifflein wild umweh`n,

So richt` ich meinen Blick nach oben,

Sie hilft, lässt mich nicht untergeh`n.

Vertrau ihr all den Seelenschmerz,

Schau, Mutter, an mein leidend Herz.

O, Gottesmutter, denk an mich –

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich!

 

Und kommt dann einst die letzte Stunde,

Senkt sich herab die Todesnacht

Und zittert von dem bleichen Munde

Der letzte Hauch: Es ist vollbracht!

Dann komm zu mir, du Hoffnungsstern -,

Und führe mich zu Gott dem Herrn!

O Gottesmutter, denk an mich,

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich!

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