Lieder und Gedichte 3

 

Stern auf diesem Lebensmeere,

Mutter Gottes, voll der Ehre,

Allzeit Jungfrau, sei gegrüßt!

O du sel`ge Himmelspforte,

Du hast seit des Engels Worte

Eva`s Namen uns versüßt.

 

 

1. „Wunderschön prächtige!“

 

Wunderschön prächtige,

Hohe und mächtige,

Liebreich holdselige, himmlische Frau!

Der ich mich ewiglich,

Weihe herzinniglich,

Leib dir und Seele vom Herzen vertrau;

Gut, Blut und Leben

Will ich dir geben,

Alles, was immer ich hab`, was ich bin,

Geb` ich mit Freuden, Maria, dir hin.

 

Schuldlos Geborene,

Einzig Erkorene,

Du Gottes Tochter und Mutter und Braut!

Die aus der reinen Schar

Reinste, wie keine war,

Selber der Herr sich zum Tempel erbaut;

Du makellose

Lilienrose,

Krone der Erde, der Himmlischen Zier!

Himmel und Erde, sie huldigen dir.

 

Du Treubewährte

Und Hochverklärte!

Bist auf dem Meer uns ein leuchtender Stern;

Du Hocherhobene,

Strahlenumwobene,

Du bist die Nächste am Throne des Herrn!

Dich schuf die Milde

Zum Gnadenbilde;

D`rum auch, was Himmel und Erde umfließt,

Mutter der Gnaden, Maria, dich grüßt!

 

Gottesgebärerin,

Christ Ernährerin,

Mutter an Freuden und Schmerzen so reich!

Welche der Schuldigen

Wär` dir geduldigen

Mutter an Reinheit und Tugend wohl gleich?

Du gottgeweihte,

Hochbenedeite

Mutter und Jungfrau, du schuldlos allein,

Woll` eine Mutter uns Kindern auch sein!

 

Allzeit sanftmütige,

Milde, grundgütige

Mutter des Heilands, voll Gnade und Huld!

Bitt` für uns Sündige;

Jungfrau verkündige

Du uns vom Sohne Verzeihung der Schuld;

Hilf, wenn wir leiden,

Hilf, wenn wir scheiden,

Sühne den furchtbaren Richter uns du,

Führ` deinem göttlichen Sohne uns zu!

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2. Stimme der Sehnsucht

 

Wenn im Traum des Kindes Brust sich hebt,

Wo Blumen und Sterne prangen,

Und aufwärts es mit den Händchen strebt

Aus den Armen der Mutter, die es umfangen:

Verstehst du nimmer, was aus dem Verlangen

Des schuldlos lächelnden Kindes spricht? –

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Orgel rauscht, die Gemeinde kniet

Zum Staube niedergebogen,

Begeistert sich hebt das fromme Gemüt,

Hinauf in die ewigen Räume gezogen:

Was ist`s, was dann aus des Busens Wogen

Von flammender Wange zu dir spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Vesperglocke des Lebens tönt

Und den Sturm im umnachteten Leben

Der nahe Engel des Todes versöhnt,

Dann die Schwingen der Seele empor sich heben:

Wie deutest du dann des Greises Streben,

das aus dem verlöschenden Auge spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Und wie? ihr fraget, warum bis zur Gruft

Die Stimme nimmer geschwiegen?

Sie stärkt ja den ringenden Dulder und ruft

Empor ihn zu ewigen Palmen und Siegen.

Uns soll der vergängliche Staub nicht genügen,

Denn dort ist die Heimat, - auf Erden nicht:

Drum laut stets die Stimme der Sehnsucht spricht!

 

C. von Lengerke

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3. Pilgerlied

 

Milde Königin gedenke,

Wie`s auf Erden unerhört,

Dass zu dir ein Pilger lenke,

Der verlassen wiederkehrt.

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Wer zu dir um Schutz geflohen,

Wer nur deiner nicht vergisst,

Muss bekennen, wie das Drohen

Auch der Hölle nichtig ist.

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Hast du, Mutter! deinen Söhnen

Deine Hilfe je verneint?

Hat man jemals seine Tränen,

Jungfrau! dir umsonst geweint?

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Mutter, Jungfrau der Jungfrauen!

Sieh`, ich laufe hin zu dir;

Sieh`, ich komme voll Vertrauen,

Hilf, o Mutter hilf auch mir!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Sieh` mich armen, großen Sünder

Weinend dir zu Füßen knien;

Soll das ärmste deiner Kinder

Ohn` Erbarmen von dir zieh`n?

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

O Maria! nicht verwehre,

Was ich gläubig bitten kann;

Du, des Wortes Mutter, höre

Meine Worte gnädig an!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Ach, erhöre meine Worte:

Führ` mich einst zu deinem Sohn;

Öffne mir die Himmelspforte,

Dass ich ewig bei dir wohn`!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

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4. Mater Salvatoris (Mutter des Erlösers)

 

O Maria, sei gegrüßet,

Gnadenvolle Gottesbraut! –

Froh erschließet, fromm ergießet

Unser Herz sich jubelnd laut. –

Himmlisch Reine!

Dir alleine

Ward das Heil der Welt vertraut! –

 

Ach, wir waren all` verloren,

Ewiglich und rettungslos;

Da hat dich der Herr erkoren,

Dich, durch deine Demut groß. –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Machtest glücklich unser Los!

 

Sei gesegnet, sei gepriesen;

Denn du trägst das Licht der Welt! –

Lass auch uns dich Mutter grüßen,

Fromm den Engeln zugesellt! –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Hast den Frieden hergestellt! –

 

Bundes-Arche, Himmelspforte,

Davids Turm du, Morgenstern:

Alles du in einem Worte,

O Maria, durch den Herrn!

Himmlisch Reine!

Dich alleine

Wollte Gott zur Mutter gern! –

 

Sei auch uns`re Mutter immer,

Segne uns mit deinem Kind; -

O verlass uns arme nimmer,

Die dir treu ergeben sind! –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Segne uns mit deinem Kind!

 

Gedeon von der Heide (Johann Baptist Berger)

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5. Das Ave-Glöckchen

 

Über die Berge schallt

Lieblich durch Flur und Wald,

Glöcklein, dein Gruß; -

Bringe der Mutter mein

Über der Sterne Schein

Auch meinen Gruß!

 

Ja, sie ist gnadenvoll;

Himmel und Erde soll

Danken dem Herrn! –

Will auch ihr Glöcklein sein,

Ihr mich zum Gruße weih`n

Nahe und fern! –

 

Gott, der Allmächtige,

Ewig dreieinige

Herr ist mit ihr; -

Himmlische Königin

Sei uns`re Mittlerin

So auch mit mir!

 

Wie du gesegnet bist,

Ganz unaussprechlich ist,

Mutter und Kind; -

Selig dein heil`ger Leib,

Sel`ger denn je ein Weib

Du, ohne Sünd! –

 

Lüftchen, so milde, weh`t,

Traget mein still` Gebet

Himmelwärts fort! –

Steh` mir Maria bei,

Lebend und sterbend sei

Schirm mir und Hort! –

 

Glöcklein, so hell und rein,

Läut` mich zum Himmel ein,

Wie jetzt zur Ruh`! –

Und wie ich grüße dich,

Grüße, o Mutter, mich

Dann einst auch du!

 

Gedeon von der Heide (Johann Baptist Berger)

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6. Wallfahrt

 

Freue dich der Lebensreise

In des Staubes Pilgerkleid;

Sing Psalmen, dem zum Preise,

Der dich führt durch Freud` und Leid!

Atme froh den frischen Morgen!

Wenn die Sonn` im Mittag steht,

Halt` im Schatten dich verborgen,

Bis des Abends Kühlung weht!

 

Jede stille Nachtherberge

Stärke deinen Pilgerfuß,

Bis dich einst die Heimat berge

In der Wonne Vollgenuss!

Führt der Weg durch Dornenhecken,

Tröste dich der sanftern Bahn;

Drohen dir des Abgrunds Schrecken:

Mut! der Pfad steigt himmelan.

 

Ist ein steiler Berg erklommen,

Lohnt der Aussicht Herrlichkeit!

Ist der Umblick dir benommen,

Reizt des Tales Farbenkleid!

Blumen säume nicht zu pflücken,

Freundlich lacht ihr bunter Glanz,

Ihre süßen Düft` erquicken:

Sammle sie zum Erntekranz!

 

Doch das Ziel behalt` im Auge!

Meide langen Aufenthalt;

Aus der Lust der Reise sauge

Kraft, die ernst zur Heimat wallt!

Fühlest du zuletzt dich müde –

Sei getrost, das Ziel ist nah!

Schon umweht dich ew`ger Friede:

Wenig Schritt` - und du bist da!

 

Wird dir`s Reisekleid beschwerlich,

Hör` des Vaters Ruf: „Zieh`s aus!

Abgebraucht ist`s und entbehrlich,

Leg` es ab, du bist zu Haus!

Gib den Leib zurück zur Erde,

Seele, Kind der Herrlichkeit,

Frei von Kummer und Beschwerde,

Trink` den Kelch der Seligkeit!“

 

Johann Baptist von Albertini

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7. Gruß an Maria

 

Gegrüßet seist du Maria,

Gegrüßt mit Herz und Munde,

Gegrüßt zu jeder Stunde,

Maria sei gegrüßt!

 

So oft ich nur dich grüße,

O Gnadenreiche, Süße,

Hallt`s nach im Paradiese;

Maria sei gegrüßt!

 

In Lust und Lieb` und Freuden,

In Trübsal, Not und Leiden,

Beim Kommen und beim Scheiden

Maria sei gegrüßt!

 

Beim Ausgang und beim Eingang,

Beim Ende und beim Anfang,

Bei allem nur ein Nachklang:

Maria sei gegrüßt!

 

Und wenn man auch mich tötet,

So lang mein Blick noch redet,

So lang mein Herz noch betet:

Maria sei gegrüßt!

 

Auf meinem Grabstein stehe,

Dass es der Wand`rer sehe,

Und ohne Gruß nicht gehe:

Maria sei gegrüßt!

 

Und weil ich so dich grüße,

O Gnadenreiche, Süße,

D`rum grüß` im Paradiese

Auch mich, Maria du!

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8. Tod und Trennung

 

Tod ist nicht Trennung, denn der Glaube webt

Aus echtem Gold der Treue festes Band,

Das zieht vom Reich, wo frei die Seele lebt,

Sich unsichtbar durch dieses Pilgerland;

Das rauscht um teurer Wesen Grabeshügel,

An welchem schmerzbetaut das Auge weint,

Wie Harfenklang, wie freier Engelsflügel,

Verheißung: dass uns Liebe noch vereint.

 

Tod ist nicht Trennung; was des Herzens Glut,

Was warm und rein umfasst ein frischer Sinn,

Bleibt unverlierbar unser schönes Gut,

Zog es entfesselt auch zum Jenseits hin.

Wohl wandelt fern, auf ungesehnen Bahnen,

Das Herrliche in anderer Gestalt;

Doch wenn wir hoffnungsreich und gläubig ahnen,

Ist`s oft sein Hauch, der tröstend uns umwallt.

 

Tod ist nicht Trennung; reiches Leben reiht

Sich an die Stunde, die ein Auge schloss,

Und Treue nur ist`s, die das Dasein weiht,

Drum blüht sie schöner in des Himmels Schoß;

Drum kann der Tod Verbundenes nicht trennen,

Ob er auf Augenblick es auch entzieht;

Einst fühlen wir bei`m ewigen Erkennen,

Dass, was uns rein entflammte, fortgeglüht.

 

Henriette Ottenheimer

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9. Lichte Aussicht

 

Es schwindet das Leben im Wechsel der Zeiten!

Wer mag wohl die dämmernde Zukunft uns deuten?

Wann tauscht sich in Klarheit der forschende Blick?

Wer zieht uns den bergenden Vorhang zurück?

Das sterbliche Auge durchschauet ihn nimmer,

Und was es erspäht, ist ein trüglicher Schimmer!

 

Doch stillt sich auch nie hier das innige Sehnen

Und wechseln sie immer die irdischen Szenen,

Höhnt oft die Erwartung mit täuschendem Spiel:

Der Glaube sieht dennoch ein glänzendes Ziel;

Mag schnell auch das flüchtige Leben verrinnen,

Ein schöneres Dasein muss dort ja beginnen!

 

Lass immer verwelken, was lieblich hier blühet,

Lass immer verlodern, was flammend hier glühet,

Ob alles entschwindet, ob alles auch fällt:

Ein glänzender Strahl doch das Dunkel erhellt;

Mag Tod hier die Bande der Liebe zerreißen:

Ein Wiedersehn ward uns ja jenseits verheißen!

 

Auguste Kühn

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10. Maria, sei gegrüßt!

 

Mit des Engels heil`gem Munde,

Der die Botschaft dir gebracht,

Als nicht fern mehr war die Stunde,

Wo das Licht durchbrach die Nacht,

Dessen Glanz, o sel`ge Jungfrau,

Deine Stirne sanft umfließt –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Mit Elisabethens Zunge,

Da du liebreich ihr genaht,

Und die Kunde, noch die junge,

Freude streut auf deinen Pfad;

Als sie sinkt zu deinen Füßen,

Dir den Saum des Kleides küsst –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Mit der Hirten stummem Zagen,

Die dein Kindlein beten an,

Als sie sich zu nähern wagen,

Und es süß liebkosen dann;

Mit den heiligen drei Kön`gen,

Die das Licht so lang vermisst,

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Ja mit Jesu heil`gen Lippen,

Da er dir zu Füßen saß,

Mit dir betet, mit dir lernte,

In den heil`gen Büchern las;

Ja mit Jesu süßem Herzen,

Der dir All und Alles ist –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

O so grüße denn auch heute,

O Maria, grüße mich!

Grüße mich mein ganzes Leben; -

Doch am wärmsten flehe ich:

Grüße mich in letzter Stunde!

Wenn die letzte Träne fließt,

Sei in Gnaden ich gegrüßt!

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11. Aufwärts!

 

Über allen Himmeln schwebende

Jungfrau, licht und rein,

Trost und Freude gebende,

Dir sei mein Herz allein!

 

Mir blühte noch kein Frühling hier;

Zu dir sah ich hinauf;

Da gingen ew`ge Blumen mir

An deinem Himmel auf.

 

Und durch die Blumen schwebtest du

Auf gold`nen Wolken licht,

Den Sohn im Arm, voll Himmelsruh

Dein liebes Angesicht!

 

Was ist seitdem die Erde mir?

Mag geh`n sie ihre Bahn,

Hinauf zieht`s mich zu dir, zu dir;

O führ` mich himmelan!

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12. Das Herz, das ich liebe

 

Ich lieb` ein Herz, das ist gar rein,

So rein, wie klares Gold;

An Wert gleicht ihm kein Edelstein:

Ich bin ihm immer hold.

 

Hätt` Perlen ich wie Sand am Meer

Und Gold wie Wasserflut

Und Erdenfreuden noch so sehr,

Ihm blieb ich zuerst ich gut.

 

Und wär` ich wie der Vogel frei,

Der in den Lüften singt,

Mein Herz, es bliebe ihm nur treu;

Nur ihm mein Loblied singt.

 

Und hätte ich ein Königreich,

Wär` Herrscher ich der Welt,

Möchte` sein selbst einem Seraf gleich:

Mein Herz blieb ihm vermählt.

 

Ja würd` ich mit dem Schiffer zieh`n

Ins weite Meer hinaus,

Für dieses Herz doch würd` ich glüh`n

Trotz Flut und Sturmgebraus.

 

Und ständ` ich, wo der Abendstern

Die ferne Wolke küsst,

Ich sänge, wenn auch noch so fern:

„O Herz, sei mir gegrüßt!“

 

Ja, dieses Herz, wer liebt es nicht

Als Trost in Leid und Schmerz?

Ich lieb` es noch, wenn`s Auge bricht:

Ich lieb` Marias Herz!

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13. Aus dem Tod zum Leben!

 

Baumschulartig entwickelt die Erde das menschliche Leben;

Stirbst du, so rodet dich aus Gottes verpflanzende Hand! –

 

Gott gießt himmlische Glocken; die Formen sind menschliche Körper;

Schlägt er die Formen entzwei, treten die Glocken heraus. –

 

Wenn sich die Raupe verwandelt, entsteht nicht ein anderes Wesen;

Was sie im Innersten barg, ringt aus der Larve sich los.

 

Ungesehenes nur, nicht Ungewesenes flüchtet

Aus der beengenden Gruft frei in die Weite hinaus.

 

Was nach zerbrochener Hüll` in der ewigen Weite du sein wirst,

Hat im verborgenen Keim unter der Hülle gelebt! –

 

Kennst du das Morgenerwachen nach einem gesegneten Tage?

Gestern erblüheten Glücks frührot-tauigen Glanz?

 

Das ist ein Bild des Erwachens zum Glanze des ewigen Morgens,

Der dir des irdischen Tags geistige Blüte bestrahlt! –

 

Wilhelm Beste

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14. SS. Annunciata

 

Du kennst im alten Juda

Das Städtchen Nazareth,

An dessen fernstem Ende

Das Häuschen, das dort steht.

 

Weißt, wer in dessen Stübchen

Die Tage zugebracht

In demutvoller Arbeit

Und im Gebet die Nacht;

 

Weißt, wer vor langen Jahren

An seiner Schwelle stand

Zu mitternächt`ger Stunde,

Im strahlenden Gewand;

 

Weißt, wie der Himmelsbote,

Der lichtbeschwingte, hieß,

Weshalb des Häuschens Herrin

„Gebenedeit“ er pries.

 

Du kennst die hohen Worte,

Die diese zu ihm sprach;

Darum auch von dem allem –

Erzähl` ich nichts dir nach.

 

Von einem Dom erzählen

Möchte` ich dir heut` so gern;

Das treue Bildnis birgt er

Der reinsten Magd des Herrn.

 

Das eine, wahre, echte,

Das ihre Züge trägt.

Wie sie des Himmels Engel

Dem Wandbild eingeprägt.

 

Im grauen Mittelalter,

Da ward der Dom erbaut,

Und hat man damals schöner

Wohl wenige erschaut.

 

Und die, die ihn erbauten,

Sind sieben an der Zahl,

Das waren arme Mönche

Und Heilige zumal. –

 

In Mühe, Fleiß und Sorge

Wuchs still die Kirch` empor,

Die sich der fromme Orden

Zum Heiligtum erkor.

 

Nun war sie fertig worden –

So Halle als Altar;

Da frug man sich: was stelle

Nun wohl das Hauptbild dar?

 

„Mariens Himmelsbildnis“,

Das stand bei allen fest,

Sie, die uns Herrin, Mutter,

Die niemals uns verlässt.

 

Doch nur, in welcher Weise,

Wie sei sie dargestellt,

Dass sie wie uns gefalle

So auch der Außenwelt?“

 

Ein Meister ward gerufen,

In seiner Kunst bewährt;

Dem ward, das Bild zu malen,

Die hohe Gunst gewährt.

 

Der Meister, wohl bereitet,

Geht an die Arbeit schnell

Und malt und schafft gar fleißig,

So lang der Tag nur hell.

 

Des Nachts dann denkt und sinnt er

Der edlen Arbeit nach,

Die seinen frommen Wünschen,

Wie keine noch, entsprach.

 

Schon in den hellen Wolken

Sieht man den höchsten Gott –

Und Gabriel, der erdwärts

Entschwebt auf sein Gebot. –

 

Schon kniet der an der Schwelle,

Demütig grüßend, hier,

Sein sanftes Antlitz lächelt

Gar lieb entgegen dir.

 

Auf breiter Lichtbahn gleitend,

Als Taube weiß und rein,

Zieht Gottes Geist von oben

Zur stillen Jungfrau ein. –

 

Schon wallt des Mantels Falte,

Schon sieht man das Gewand,

Den Fuß am Tafelboden,

Die zarte, schlanke Hand,

 

Das Buch, das sie, soeben

Noch betend, hingelegt

Und das auf seinen Blättern

Prophetenworte trägt. –

 

Man sieht, so hold und edel,

Die herrliche Gestalt,

Der Locken weiche Fülle,

Die d`ran hernieder wallt. –

 

- - Mit einmal hat`s ein Ende.

Das Bild, es steht und steht; -

Man sieht durch Tage, Wochen,

Dass nichts vonstatten geht. –

 

„Sag, Meister! was geschah dir?“

Manch einer zu ihm spricht.

„Der Jungfrau Himmelsantlitz –

Ich wag` daran mich nicht. –

 

So oft ich es auch plante –

Schnell wischt` ich`s wieder fort,

Ich kann und kann`s nicht treffen!

Darauf habt ihr mein Wort!“

 

„Du, der so fleißig betet,

Mit Beicht und höchstem Gut

Zur Arbeit stets sich stärkte,

Dich, dich verlässt der Mut?“

 

„Er hat mich schon verlassen –

Nicht kann ich weiter mehr“,

Spricht zagend leis` der Meister –

Und Blicke, Tränen schwer

 

Aus müdgewachten Augen

Hebt er zum Bild empor:

„Gib Schaffenskraft mir wieder,

Herr, heute wie zuvor!“

 

Schon senkt die Nacht sich nieder,

Der Meister geht zur Ruh,

Verhüllet dicht das Bildnis,

Schließt fest die Kirchtür zu.

 

- - -

 

Im Himmel oben hörte

Die Jungfrau dieses Fleh`n,

Sah hoch die Ideale

Vor seinem Geist ersteh`n;

 

Sie sah ihn schaffen, ringen

Nach dem, was unerreicht,

Gleich einem schönen Traume,

Der Seele stets entweicht.

 

So oft er es will bannen

Mit Farben an die Wand,

Entflieht das Ferngeschaute,

Erlahmt die sichere Hand.

 

Da zieht ein mild Erbarmen

In ihre Seele ein.

„Dir soll geholfen werden,

Du frommer Liebling mein!

 

Auch euch, ihr meine Diener,

Die ihr so treu mich liebt!

Nicht länger kann ich`s sehen,

Dass ihr euch so betrübt.“

 

- - Ein bittend Wort zum Vater,

Und sein Gewährungsblick,

Er wird zum frohen Bürger

Für vieler Seelen Glück.

 

Ein Wink von seinem Finger,

Und aus der Engel Chor

Tritt Gabriel, des Himmels

Erhab`ner Fürst, hervor.

 

„Heut! vor zwölfhundert Jahren,

Da sandtest du mich aus

Nach Nazareth zu gehen

In uns`rer Herrin Haus.

 

Du nur und ich alleine –

Wir haben es geseh`n,

Wie damals sie gewesen,

So hold, so tugendschön,

 

So demutvoll erhaben,

So still, und doch so hehr –

Als sie das Wort gesprochen, -

Kurz, aber inhaltschwer.

 

Ich hab` es nicht vergessen,

Wie schön sie damals war,

Von deinem Geist umschattet,

So hoch, so rein – so klar. –

 

Lass mich herniedersteigen

Auch in der heut`gen Nacht

Und rüste mich wie damals

Mit hocherhab`ner Macht;

 

So will ihr Bild ich schaffen –

So echt, so treu und wahr,

Damit die Menschheit wisse,

Wie schön sie ist und war;

 

Denn uns sind tausend Jahre

In dir kurz wie ein Tag.

Und was ich damals schaute –

Und was dazwischen lag,

 

Du weißt es, Herr, für uns ist`s

In dir, ein Augenblick;

Noch heut` schau ich`s wie damals

Mit ungetrübtem Blick.“

 

Gewährend nickt der Höchste,

Der Engel tief sich neigt –

Entfliegt; - ob Florenz`s Fluren

Er leise niedersteigt.

 

Ihm öffnen sich die Pforten

Der Stadt, des Domes Tor

Von selbst und schließen wieder

So fest sich wie zuvor;

 

Er schwebt zu dem Gerüste –

Und hebt den Vorhang ab,

Nimmt Pinsel und Palette –

Nimmt Farb` und Malerstab. –

 

- - Da ruft vom hohen Turme

Der Glocken eh`rner Mund

In mächtigen zwölf Schlägen –

Die mitternächt`ge Stund.

 

Die Stund, - in der, gerade

Sind es zwölfhundert Jahr

Und einige darüber, -

Gott – Mensch geworden war.

 

„Ave Maria!“ Heute,

Wie dort, der Engel spricht –

„Gratia plena!“ Helle

Erstrahlt sein Angesicht –

 

„Dominus tecum!“ „Höchste!

Du Gottes-Mutter! Braut!

Hilf mir dein Bild vollenden –

So, wie ich dich geschaut!“

 

- Und er hat es vollendet,

Noch eh` der Frührotschein

Des Muttergottesfestes

Zum Fenster blinkt herein –

 

Vollendet, wahr und treulich –

Dies Himmelsangesicht –

Doch wie – man kann es ahnen –

Erzählen kann man`s nicht.

 

Am Festtagsmorgen eilet

Der Meister neugestärkt

Zu dem verlass`nen Bilde –

Noch immer nichts er merkt.

 

Doch als den Vorhang hebend

Er betend aufwärts sieht –

Fasst Schwindel seine Sinne,

Fasst Wonne sein Gemüt. –

 

Mit einem Ruf, der jubelnd

Hin durch die Kirche schallt

Und in der Väter Herzen

Gar mächtig wiederhallt,

 

Sinkt er auf`s Antlitz nieder,

Anbetend jene Macht,

Die Großes heut` auf`s Neue

Für uns hervorgebracht.

 

„Gott! nein! nicht Menschenhände –

Die sind das nicht im Stand!

Ein Engelsfinger malte

Dies Antlitz an die Wand!“

 

So ruft mit hellen Tränen

Im Aug` der Meister aus. –

O! Wunder! Wunder! Wunder!

Braust es durch`s Gotteshaus.

 

- - -

 

Sechshundert Jahre flossen

Ins Meer der Ewigkeit,

Seitdem dass dies geschehen. –

Und wie zu jeder Zeit

 

Die Meister sich auch mühten,

Das Bildnis, Zug für Zug,

Getreulich nachzuahmen,

Und wie sich klug genug

 

Der Neuzeit kühn` Erfinden

Sogar daran gewagt,

Nie wollt` es je gelingen,

Dem Fleiß, der unverzagt –

 

Der Kühnheit, die verwegen –

Ja selbst dem frömmsten Sinn,

Die Züge nachzubilden

Der Himmelskönigin.

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15. Marienbild

 

Mariens Bild,

Von Glanz umhüllt,

Wie Morgenrot ins Herz uns strahlt

Und Fried` und Freud` es drinnen malt;

Als Sonne uns am Tag es lacht,

Erhellt als Stern die finst`re Nacht.

Stets glänz` uns mild

Mariens Bild!

 

Mariens Bild

Prangt im Gefild`

Der Blumen all` als Königin,

Ergötzet lieblich Herz und Sinn.

Des Himmels und der Erde Preis

Schmückt dieses edle Blütenreis.

Stets duft` uns mild

Mariens Bild!

 

Mariens Bild,

Von Gnad` erfüllt,

Gleicht einem weiten, tiefen Meer,

Gießt Glück und Segen ringsumher,

Strömt Wonne hin nach jeder Seit`,

Des Himmels Lust und Seligkeit.

Stets lab` uns mild

Mariens Bild!

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16. Frage

 

Wer schlug dir ans Kreuz die segnende Hand,

Dass sie, ach! des Weh`s so Bitt`res empfand?

 

Das Herz, wer zerriss tief dir es und weit,

Asyl mir zu sein in Kummer und Leid?

 

Die Füße, wer hält so eisern sie fest

Am blutigen Stamm, der nimmer sie lässt?

 

Wer wand dir um`s Haupt den dornigen Kranz?

Im Auge, wer trübt den göttlichen Glanz?

 

Mit Galle, wer netzt den lechzenden Mund?

Wer schlug dir den Leib so weh, ach! und wund?

 

Wer ist`s, der gebot, am Kreuze so lang

Sollst hangen für mich, zum Tode so bang? - -

 

Was fragst du noch, Kind, - wer konnte es sein,

Als glühende Lieb` für dich nur allein?

 

Und war es die Lieb`, die Liebe zu mir,

So geb` ich mich hin als Opfer dafür! - -

 

Die Gabe ist arm, das Opfer so klein,

Wer nimmt es mir an, wer segnet es ein?

 

Auf Golgatha dort kein Tempel noch steht,

Der Priester, er fehlt zum Weihegebet. –

 

Maria! ich seh` beim Kreuze dich steh`n.

Im Leide so hehr, in Tränen so schön.

 

In Demut gebeugt bring` ich mich dir dar;

Priester sei du mir, du Opferaltar!

 

Legst mit der Hand, du, so heilig, so rein,

Ihm mich ins Herz, tief ins wunde hinein,

 

So hoff` ich, er nimmt doch mit gnädigem Blick

Dies Opfer; von dir nicht weis`t er`s zurück.

 

Und dann bin ich sein, bin ewig bei euch,

Durch dich stets bei Ihm, so glücklich! so reich!

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17. Gott ist groß

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn im Osten

Der Tag wie eine Feuerros` erblüht;

Wenn, um den Reiz des Lebens neu zu kosten,

Natur und Mensch in junger Kraft erglüht.

Wo lässest du, o Herr! dich güt`ger sehen,

Als in des Morgens großem Auferstehen?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn`s vom Wettern

Am Mittagshorizonte zuckend droht,

Und du mit deines Blitzes Flammenlettern

Auf Wolkentafeln schreibst dein Machtgebot.

Wo warst, o Herr! furchtbarer du zu schauen,

Als im empörten Mittagswettergrauen?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn im Westen

Der Tag sein Auge sanft bewältigt schließt;

Wenn`s in den Wäldern schallt von Liederfesten,

Und süße Wehmut sich auf`s All ergießt.

Wodurch, o Herr! stimmst du das Herz uns milder

Als durch den Zauber deiner Abendbilder?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn das Schweigen

Der Mitternacht auf allen Landen liegt,

Die Sterne funkelnd auf- und niedersteigen,

Und sich der Mond auf Silberwölkchen wiegt?

Wann winkst du, Herr! erhabner uns nach oben,

Als wenn dich stumm die heil`gen Nächte loben?

 

Herr, du bist groß in jeglichem Erscheinen,

In keinem größer, stets der Größte nur;

Du führst im Staunen, Lächeln, Grau`n und Weinen,

In jeder Regung uns auf deine Spur!

Herr, du bist groß! O lass` mich`s laut verkünden,

Und selbst mich groß in deiner Größ`empfinden!

 

Johann Gabriel Seidl

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18. Voll der Gnaden

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Herrlich hat dich Gott geschmückt

Und vor allen hoch beglückt;

Dich des heil`gen Geistes Thron

Baut zum Tempel er dem Sohn.

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Unversehret, keusch und rein

Hüllst du den Erlöser ein;

Bundeslade, Davids Wart`,

Haus aus laut`rem Golde zart!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Spiegel der Gerechtigkeit,

Meer der Weisheit, tief und weit,

Rose heil`ger Liebesglut,

Kelch voll süßer Andachtsflut!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Morgenstern ersehnter Zeit,

Brunnquell froher Seligkeit,

Heilsgefäß, wenn wir sind wund,

Trost in trüber Leidensstund`!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Du der Sünder Zufluchtshort,

Aller Frommen Himmelspfort`,

Den Gerechten voller Lohn

Auf dem höchsten Himmelsthron!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

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19. Marienpreis

 

Nicht im Lärm der lauten Welt

Willst den Deinen du erscheinen;

Nicht der Fürst und nicht der Held

Sind die liebsten dir der Deinen.

 

Die du liebst und gern besuchst,

Müssen, selbst im Krongeschmeide,

Weil du Gott im Arme trägst,

Vor dir steh`n im Demutskleide.

 

Demut war auch dein Gewand,

Und doch war von allen Frauen

Keine in dem Erdenland

Je so groß wie du zu schauen.

 

Demut war auch dein Gewand,

Und doch war`s der Herr der Erde,

Den du trugst ins fremde Land,

Duldend rascher Flucht Beschwerde.

 

Demut war dein einzig Kleid,

Dir das liebste, wert von allen;

Und in ihm bei Freud` und Leid

Hast du Gott allein gefallen.

 

Drum, man dich begrüßen will,

Muss im Kleid der Demut kommen,

Betend, kniend, bittend, still,

Und von tiefer Reu` beklommen.

 

Und wen du besuchen willst,

Muss zur Kammer beten gehen,

Dass du ihm die Sehnsucht stillst

Und versüßest ihm die Wehen.

 

Nicht im Lärm der lauten Welt

Willst besuchen du die Deinen;

Fürst und Bettler, gleich gestellt,

Soll`n im gleichen Kleid erscheinen.

 

Beiden willst du Mutter sein,

Kron` und Purpur sind vergänglich;

Für der Demut Fleh`n allein

Ist dein Mutterherz empfänglich.

 

Darum lehr` die Demut mich,

Lehr` den Fürsten sie und Armen,

Dass bei dir sie brüderlich

Liebe suchen und Erbarmen!

 

Dr. Helle

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20. Gottes Stimme

 

So weit am Himmelszelt

Die goldnen Sterne prangen,

Hältst du, o Herr! die Welt

Mit starkem Arm umfangen;

Du lebst von Ewigkeit

Auf deinem Strahlenthrone,

Und nie verwischt die Zeit

Den Glanz von deiner Krone!

 

Wie Donner durch die Nacht

Ertönt des Meeres Brausen,

Wenn es mit hehrer Macht

Die Stürme wild durchsausen;

Gewalt`ger als das Meer

Im aufgeregten Grimme

Erschallet laut und hehr,

Gott! deine starke Stimme!

 

Der Seele schönster Hort

Ist, Herr! ja deine Lehre,

Laut kündet sie dein Wort,

Dass sie ein jeder höre;

Dass er zu aller Zeit

Sein Handeln darauf baue,

Und deine Herrlichkeit

Dereinst im Himmel schaue!

 

Ernst Vincke

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21. Unsterblichkeit

 

Ich bin; dess freuet sich mein Herz!

Ich bin und werde sein!

Ein Stäubchen ist des Lebens Schmerz,

Gesehn im Sonnenschein;

 

Gesehn in jener Sonne Schein,

Die nimmer untergeht,

Durch die, was war, was ist, wird sein,

Empor ging und besteht!

 

Froh wandl` ich auf des Lebens Bahn

Entgegen ihrem Licht,

Das jeden Nebel, jeden Wahn

Mit goldnem Strahl durchbricht!

 

Es führe mich des Glaubens Hand,

Mir schwebe Hoffnung vor,

Und Liebe heb` an sanftem Band

Mich aus dem Staub empor!

 

Ihr Odem haucht auf Land und Meer,

Sie steu`rt des Mondes Kahn,

Sie leitet der Gestirne Heer,

Sie facht die Sonne an!

 

Doch wärmer haucht und heller facht

Ihr Odem Geister an,

Und führt durch kurze Erdennacht

Sie auf den Ozean,

 

Wo laute Flut des Jubels hallt,

Wo Licht dem Licht entsprüht,

Wo Wonn` an Wonne wogt und wallt,

Und Lieb` an Lieb` erglüht!

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

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22. Wonne der Andacht

 

Seligste der Erdenstunden,

Wenn der Geist zu Gott sich schwingt!

Ganz mit Herrlichkeit umringt

Hat dich meine Seel` empfunden,

Wenn sie, sinnend, fern und nah

Gottes ew`ge Liebe sah!

 

Schmückte sie nicht unsre Fluren?

Schmückte sie den Himmel nicht

Mit dem Sonn`n- und Sternenlicht,

Mit den glänzenden Naturen,

Wo in Gottes Wiederschein

Sich die höhern Geister freun?

 

Stattete nicht zum Genusse

Gottes Huld dies Erdental,

Wie zu einem Liebesmahl

Aus mit einem Überflusse,

Welcher, unversiegbar mild,

Aus des Lebens Urnen quillt?

 

O du Wesen aller Wesen,

Deine Güt` und Herrlichkeit

Füllt das weite Reich der Zeit;

Auch der Mensch ist auserlesen,

Von der niedern Erde schon

Aufzuschaun zu deinem Thron!

 

Seligste der Lebensstunden,

Du entflammest mein Gemüt,

Meine ganze Seele glüht!

Diese Erd` ist mir entschwunden,

Vorgefühl der Himmelslust

Füllt und hebet meine Brust!

 

Elise von der Recke

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23. Der Rosenkranz

 

„Wer tröstet mich bei allen meinen Leiden?

Wer gibt mir Kraft – ausharrende Geduld?

Wer ist mit mir, wenn einst die Freunde scheiden?

Wer spricht für mich, wer tilget meine Schuld?

 

Den innern Feinden bin ich preisgegeben,

Den äußern auch – da mich die Welt umgibt.

Mein armes Herz kann oft sich nicht erheben

Zu dem, den innig meine Seele liebt.

 

Bei dir ist ja des Trostes reiche Spende,

Bei dir, o Jungfrau, uns`re Mittlerin;

Darum barmherzig deine Augen wende

Auf mich, die schwer bedrängte Sünderin.“

 

So klagend kniet` ich vor dem heil`gen Bilde

Der gnadenreichen Mutter unsers Herrn;

Ihr Antlitz war so hold, so engelmilde,

Als spräch es aus: „Mein Kind, ich helf` dir gern!“

 

Da ließ ich reichlich meine Tränen fließen,

Denn Morgenrot drang in des Innern Nacht;

Weit schien mein leidend Herz sich aufzuschließen

Vor ihres güt`gen Mutterblickes Macht.

 

Doch zweifelnd glaubt` die Hilfe ich noch ferne;

Da saß vor mir auf gold`ner Wolken Thron

Die Heil`ge selbst, und es umleuchten Sterne

Der Jungfrau Haupt als königliche Kron`.

 

Und einer von den Sternen aus dem Kranze

Ganz wundersamer Weise lös`t sich los;

Ersinkt herab im roten Feuerglanze

Auf der Gekrönten reinen Mutter-Schoß.

 

O wie durchzückt mich freudiges Erbeben!

Als Rosenkron liegt er am Lilienkleid;

Ein strahlend Kreuz seh` ich darüber schweben,

So höh`re Weihe diesem Kranz verleiht.

 

Die Heil`ge sprach: „Ich höre deine Klagen,

Dein Rufen stieg hinauf zu meinem Thron.

Nicht hilflos, Tochter, lass` ich dich verzagen:

D`rum bring` ich dir des Himmels Rosenkron`.

 

Sie soll dir Trost, sie soll dir Freud` bereiten,

Vertrauend; dankbar nimm sie also hin!

Und wie die Weisen ob des Sterns sich freuten,

So freue stets dich dieser Rosen Sinn!

 

Die größte schließt in sich des Glaubens Weihe

Und hält das Kreuz wie im Triumph empor.

Im Kreuze nur bewährt sich Glaubens Treue,

Es ist der Schlüssel zu des Himmels Tor!

 

Die größern lehren dich dann beten, dulden –

Der Christen-Liebe hohe, erste Pflicht!

Du sprichst: Vergib mir, Vater, meine Schulden,

Auch ich gedenk` des Bruders Sünde nicht.

 

Sie lehren dich den eigenen Willen brechen;

Dein Will` geschehe, Vater, nicht der mein`!

Sie lehren dich in tiefster Demut sprechen:

O lass mich stark in der Versuchung sein!

 

Die kleinen alle sind die schönen Grüße,

Wo meines Sohnes heil`ger Name prangt;

Sie sind des Segens und der Gnaden Flüsse,

Wohl dem, der Hilf` durch sie von mir erlangt.

 

Sie laden mich zu deiner letzten Stunde,

Wenn dir erlöschet deines Lebens Licht;

Gern führe diese Worte oft im Munde:

Verlass, Maria, mich im Tode nicht!

 

Nie kann ich einen Sünder je verlassen,

Der meiner noch im Rosenkranze denkt;

Für ihn zu bitten werd` ich nicht ablassen,

Bis mir mein Sohn das irre Schäflein schenkt.

 

Du sollst mit diesem Kranze oft mich schmücken!

Und dankbar werd` ich dir, o Tochter, sein;

Mit Seelenfrieden will ich dich beglücken,

Mit heil`ger Andacht süßem Freudenwein.

 

Die Dornen ird`scher Leiden zu empfinden,

Mach` ich zur Lust – zur sel`gen Wonne dir.

Und wirst du mir hienieden Rosen winden,

Im Himmel leg` zurück ich Perlen dir!“

 

Sie schweigt; ich greife zitternd nach dem Kranze,

Den sie mir beut mit königlicher Hand;

Doch bald darauf in majestät`schem Glanze

Dem schwachen Aug` der Morgenstern entschwand.

 

Ich rufe nach . . . ich strecke mit Entzücken

Die Arme nach der Wolken gold`nem Saum;

Vermessen such` ich in das Licht zu blicken . . .

Und ich erwach` aus meinem schönen Traum.

 

Es hatte schon der erste Strahl der Sonne

Die Nacht verscheucht und drang zu mir herein.

Gestöret war nun meines Traumes Wonne!

„Warum“, rief ich, „kann er nicht Wahrheit sein?“

 

Doch sieh`, es ist die rechte Hand gebunden

Vom Rosenkranz: O Freude süß und groß!

Ich hatte ihn um selbe mir gewunden,

Eh` ich des Abends meine Augen schloss.

 

Verherrlicht wollt` ihn mir Maria zeigen,

Mit Rosen lindern meiner Dornen Schmerz,

Und ich gelobte: Beten, Dulden, Schweigen!

Und Ruhe, Friede kehrten in mein Herz.

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24. Ergebung

 

Ich wandle, wie mein Vater will,

Er soll den Weg mir zeigen;

Ihr eitlen Wünsche müsst euch still

Vor seinem Willen neigen!

Sein Rat regiere meinen Sinn!

Dem Herrn, durch den ich leb` und bin,

Dem geb` ich mich zu eigen!

 

Ich leide, wie mein Vater will,

Er wandelt Schmerz in Segen:

Trag` ich sein Kreuz nur fromm und still,

Kommt mir sein Trost entgegen!

Bald sind die Tränen ausgeweint,

Dann aber naht mein Himmelsfreund,

Mir Freude zuzuwägen!

 

Ich harre, wie mein Vater will,

Ganz kindlich und bescheiden;

Einst wird in seines Lichtes Füll`

Der trübe Pfad sich kleiden;

Ich werde seine Führung sehn,

Den wunderbaren Weg verstehn,

Voll Staunen und voll Freuden!

 

Ich bau` auf Gott! Mein Heil und Glück

Ich kann`s nicht selber bauen;

Kurz und beschränkt ist Menschenglück,

Auf Gott will ich vertrauen;

Er gebe mir mein Los, mein Teil,

Er führe mich zum wahren Heil

Und einst zum sel`gen schauen!

 

Agnes Franz

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25. Glaube

 

Wem einmal nur ist aufgegangen

Das Licht, das von dem Himmel scheint,

Wer einmal nur den Geist empfangen,

Der ihn mit Jesus Christus eint;

Den zieht ein unnennbares Sehnen,

Den fasst ein wunderbarer Drang,

Bis er mit Jubel und in Tränen

Des Heiles Krone sich errang.

 

Wer einmal nur hat glauben können,

Dass Gott zu uns hernieder kam,

Dem muss das Herz vor Freude brennen,

Vor Lust vergehen oder Scham:

Dem muss es helle sein auf Erden.

In Christi Glauben hat er Ruh`,

Und alle Mühsal und Beschwerden

Deckt Jesu Liebe freundlich zu.

 

Denn Gott ward Mensch, um uns zu retten,

Ein armer Mensch der ew`ge Gott!

Er nahm von uns der Sünde Ketten,

Und von uns litt er Hohn und Spott;

Wir haben ihn an`s Kreuz geschlagen,

Und er litt für uns Schmach und Not;

Der Gnad` um Gnad` zu uns getragen,

Dem gaben wir den Kreuzestod!

 

Wer kann in diesen Abgrund schauen,

Der Liebe Abgrund, unfassbar,

Und nimmt mit Zittern nicht und Grauen

Die Größe der Verschuldung wahr?

Wer kann in diese Sonne blicken,

Der Liebe Sonn`, so gnadenreich,

Und möchte` vor Scham nicht und Entzücken

Wie weiches Wachs zerschmelzen gleich?

 

Du Meer der Liebe, ausgegossen,

So weit auch Erd` und Himmel reicht,

Du Strahl, der Liebe ausgeflossen,

Der auch den härt`sten Sinn erweicht!

So weit ich schaue, keine Grenzen,

So weit ich fühle, keine Kält`;

In Herrlichkeit seh` ich erglänzen

Die große, weite, ganze Welt.

 

O! wer kann in dein Antlitz sehen,

Auf dem des Himmels Glorie wohnt,

Und möchte` in Liebe nicht vergehen,

Wenn ihm dein sanftes Lächeln lohnt;

Wem hat dein Ruf in`s Herz geklungen,

So recht in`s tiefste Herz hinein,

Und ist nicht alsbald aufgesprungen,

Und hat gerufen: „Ich bin dein!“?

 

Doch, was bin ich? Ich bin ein Schatten,

Der ruhlos hin- und wiederfährt;

Mit deinem Licht möchte ich mich gatten,

Und werde nie von ihm verzehrt;

Ich möchte deine Liebe trinken,

Ich möchte deiner würdig sein –

Doch seh` ich Erdenschimmer blinken,

Fährt mir die Sünde durch`s Gebein!

 

Herr! du mein Leben, du mein Hoffen,

Du meiner Wünsche höchstes Ziel –

Ich lieg` vor dir – mein Herz ist offen –

O, dass hinein dein Lächeln fiel!

O, brenn` mich aus mit deinem Feuer,

O, mach` zu deiner Wohnung mich,

Und ewig bin ich dein Getreuer,

Und ewig, ewig lieb` ich dich!

 

Eduard Vogt

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26. An meine Mutter

 

O Mutter, wenn von deinem Licht

Ein Strahl durch meinen Kerker bricht,

Wie schnell dahin ist aller Schmerz!

Wie jubelt himmelan das Herz!

 

Vom Auge fällt der Freude Tau,

Der Blick sich hebt zur Himmelsau;

Er suchet dich, er findet dich

Und labt an deiner Schöne sich.

 

Maria, süßer Nam` und Laut!

O Mutter, du so lieb und traut!

Ich wünsche nichts, als dein zu sein,

Durch dich zu leben Gott allein.

 

O Sonne, die mein Herz entzückt,

O milder Mond, der mich beglückt,

O heller Stern, o zeig dein Licht,

Zeig mir den holdes Angesicht!

 

Ach, dass ich dich so spät geliebt!

Ach, dass ich dich so oft betrübt!

Nicht wusst` ich es, wie gut du bist,

Wie treu du in der Liebe bist.

 

O Gnadenquelle, labe mich!

O Mutter, zieh` mich ganz an dich,

Und mach` mein Herz von Liebe wund!

Dann bin ich selig und gesund.

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27. Die Makellose

 

Sag` an, mein Lied, wer ist die holde Maid?

Wie Morgenrot kommt sie heraufgestiegen;

In Regenbogenfarben glänzt ihr Kleid,

Und Himmelsanmut liegt auf ihren Zügen.

 

Maria ist`s, die Jungfrau, ewig rein!

Sie macht der Hölle finstern Trug zu nichte;

In ihres Tugendlebens lichtem Schein

Zeigt allen sie den Weg zum ew`gen Lichte.

 

Sag` an, wer ist die hehre, große Frau,

Gleichwie die gold`ne Sonne auserlesen?

Es steht wie sie nichts Ähnliches zur Schau,

Sie ist der ganzen Schöpfung schönstes Wesen.

 

Maria ist`s, die ewig mild und gut!

Die uns des Himmels Schätze liebend spendet

Und jeden stärkt mit frohem, sel`gem Mut,

Wer immer im Gebet an sie sich wendet.

 

Sag` an, wer wohl die liebe Mutter sei?

Wie Mond so schön im hellen Kreis der Sterne,

Die bei den Kindern liebevoll und treu

Im Himmel und auf Erden weilt so gerne.

 

Maria ist`s mit ihrem Jesuskind!

Sie beut es dar auf ihren Mutterarmen,

Und wenn wir liebend ihr ergeben sind,

Erbittet sie uns Hilfe und Erbarmen.

 

Sag` an, wer ist die hohe Königin?

So furchtbar, wie ein Heer zum Kampf gerüstet,

Verfolget sie nach allen Seiten hin

Den Seelenfeind, den es nach Raub gelüstet.

 

Maria ist`s, die uns im Lebensstreit

Erringen hilft die ewige Siegeskrone!

D`rum lasst uns lieben sie in Ewigkeit,

Maria, uns`re Mutter, mit dem Sohne!

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28. O du glorwürdige Jungfrau!

 

O Jungfrau, hoch erhoben,

Die alle Himmel loben!

Du hast genährt an deiner Brust

Den, der dich schuf in Mutterlust.

 

Was Eva uns verloren,

Hast neu du uns geboren,

Da dich der König sich zum Tor,

Daraus er wandeln wollt`, erkor.

 

Licht strahlt von Himmelshallen,

Die Riegel sind gefallen:

Erlöste Völker tretet ein

Und singet Lob der Jungfrau rein.

 

Doch aller Ehren Krone

Sei Jesu, ihrem Sohne,

Dem Vater und dem Geist zumal,

In Ewigkeit mit Freudenschall.

 

Josef Pape

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29. Das Glück des Glaubens

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Steht mir der Pol der Welten fest;

Die Binde ist mir abgebunden,

Die nur im Finstern tappen lässt;

Der Zukunft Schleier sind gehoben,

Und durch der Erde Labyrinth

Ward mir ein Faden, stark gewoben,

Der bis ins Reich des Lichts sich spinnt!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Ist mir das Leid kein böser Gast;

Die Bürden, die mir aufgebunden,

Die trag` ich nun als heil`ge Last!

Des Kreuzes dunkle Hieroglyphe

Entziffert mir nun ihren Sinn;

Ich lese, wie im offnen Briefe,

Dass ich des Vaters Zögling bin!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube mich gefunden,

Verlosch die Handschrift meiner Schuld;

Bei meinen zehntausend Pfunden

Ward mir ein Bürge voller Huld;

Und ach! das Eisfeld starrer Pflichten

Liegt hinter mir mit seinem Zwang;

Mein Lebensbaum mit seinen Pflichten

Erwächst in Lieb` und innerm Drang!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Ist mir das Leben aufgetan;

Ich lieb`s in seinen flücht`gen Stunden,

Ich seh`s in seinem Tode nahn;

Es dingt, begabt mit Seraphsflügeln,

Durch alle Trümmer frisch hervor,

Und schwingt sich heimisch zu den Hügeln

Der ew`gen Gottesstadt empor!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden!

Kenn` ich das Recht der Liebe ganz!

Die Bande, welche sie gewunden,

Sie sind kein flücht`ger Blütenkranz!

Die fromme Liebe stammt von drüben,

Und ihren Anker hat sie dort; -

Ja, ewig schauen, ewig lieben,

Darauf gab ihr der Herr das Wort!

 

Heinrich Möwes

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30. Dank für das Glück des Glaubens

 

Habe Dank, du ew`ge Liebe,

Dass du mich erwählet hast,

Und ich deine sanfte Last

Freudig mich zu tragen übe!

Ach, wie sanft ist doch die Last,

Die du selbst getragen hast!

 

Stolz und Hoffart war mein Trachten,

Und Unglaube war mein Ruhm,

Und die Welt mein Heiligtum,

Und die Lust der Welt mein Schmachten;

Und doch seufzt` ich oft und schwer,

Denn sie ließ das Herz mir leer!

 

Doch du hast es ausgefüllet,

Der du alles ausgefüllt;

Du, o süßes Demutsbild,

Hast die Hoffart mir gestillet;

Du, o süßes Licht der Welt,

Hast die Seele mir erhellt!

 

Herr, was hast du mir geboten,

Der ich nichts dir geben kann!

Wie seh` jetzt die Welt ich an,

Wie die Gräber meiner Toten,

Wie die Leiden dieser Zeit,

Wie das Heil der Ewigkeit?!

 

Wilhelm Meinhold

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31. Sühne

 

Möcht` dir für jedes böse sünd`ge Wort

Vieltausend süße Liebesworte geben

Und sühnen jede, jede böse Tat

Mit meinem Herzblut dir und meinem Leben.

 

Möcht` gern in jedes kalte, eitle Herz

Ein kleines Liebesflämmchen leise senken,

In jedes stolze, weltgelehrte Haupt

Ein demutsvolles, treues Deingedenken.

 

Möcht` jed` Kapellchen, welches leer und arm,

Mit reicher Zier zu deiner Ehre schmücken,

Auf jedes Kreuz, das mir am Wege steht,

In heißem Liebeskuss die Lippe drücken.

 

Möcht` jedes Kirchlein, wo du am Altar

Verlassen stehst und musst ohn` Liebe weilen,

Bevölkern reich mit Herzen treu und rein,

Die Einsamkeit, mein Herr, mit dir zu teilen.

 

Möcht` jedes Blatt, das deinen Namen trägt,

Mit Blumen reich und duftig hell umwinden,

Und jedes, das dir Hohn spricht, ließ ich schnell

Und spurlos aus der ganzen Welt verschwinden.

 

Möcht` jedes Bild, das deine Züge malt,

Mit klarem Gold und Edelstein umfassen

Und jedes Lied, das deinen Namen preist,

Mit Gold auf Purpurseide schreiben lassen.

 

Möcht` dir für all` und jede Schuld der Welt,

Um sie vor deinen Augen, Herr, zu sühnen,

In bitt`rem Weh` und todeshartem Kampf,

In herber Marter lebenslange dienen.

 

Doch nein, noch mehr! Noch eh` dein Aug` erreicht

Der Anblick einer noch so kleinen Sünde,

Sie tilgen selbst durch tausendfachen Tod

Und schließen so der Hölle Feuerschlünde.

 

Dass nichts, ach nichts, dein süßes, süßes Herz,

Mein teurer Herr! dein Auge nichts betrübe,

Dass diese arme, sündenkranke Welt

Dir wär` ein Hochaltar der reinsten Liebe.

 

Möcht`, ach ich weiß nicht was, und wie ich möcht`,

Dir all` mein heißes Herzenslieben zeigen;

Und wie ich büßen möcht` und lieb dir tun,

Anbetend tief im Staub mich vor dir neigen.

 

Möcht`, dass nur ich allein auf dieser Welt

All deinen Zorn und deine Strafen trage,

Dass alle andern frei, von Sünden rein,

Erscheinen einst vor dir am Rechnungstage.

 

Möcht` alles, alles tun, mein Herr, mein Hort,

Um deine süße Seele zu erfreuen,

Und diese Welt, die ach, so arg und bös,

Für dich in ew`ger Liebe zu erneuen!

 

So möcht` ich, süßer Heiland, Gott und Herr,

Um deine Lieb` in Buß und Sühne werben;

Und lebt` bisher ich, Jesus, nicht für dich,

So lass als Sühnungsopfer dir mich sterben,

 

Damit dereinst dein süßer Liebesblick

Sich hin zu mir im Tode huldreich wende,

Du, mich erkennend, milde zu mir sprichst:

„Dein Opfer, sieh`, ich nahm`s in meine Hände.“

 

Dies möcht` ich; doch wer gibt dazu mir Kraft?

Du Mutter meines Herrn und auch die meine,

Du Turm von Elfenbein, du Davidsturm

Mit tausend Schilden, du, bei der wohnt Kraft alleine.

 

O gib, erfleh` sie mir; den Opfertod,

Den süßen, du mir huldreich doch erbitte;

Und lenk` in deiner Kraft entgegen ihm

Des sühnbereiten Kindes schwache Schritte.

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32. Thabor und Golgatha

 

Golgatha! dein nächt`ger Schatten

Ist mir lieb – bei weitem lieber

Als des Thabors helles Leuchten,

Das mein krankes Auge blendet.

 

Golgatha! dein tiefes Schweigen

Tut mir wohl – bei weitem wohler

Denn des Thabors Donnerstimmen,

Die das sünd`ge Herz zermalmen.

 

Golgatha! dein blutig Linnen

Däucht mich schön – bei weitem schöner

Als des Thabors reine Kleider,

Deren Weiß mich schamrot machet.

 

Golgatha! dein Erdenbeben

Tröstet mich bei weitem eher

Denn des Thabors Himmelsruhe,

Die zu Staub mich niederdrücket.

 

Golgatha! du Kreuz geschmückte

Schädelstätte, bist mir lieber

Als des Thabors lichte Wolken,

Wo das Weh kein Plätzchen findet.

 

Golgatha! an deinem Fuße

Möcht` ich gern und vieles leiden,

Möcht` mein Herzblut hinverströmen,

Lieber als auf Thabor jubeln.

 

Lieb zwar bist mir, Herr! auf Thabor,

Aber lieb, bei weitem lieber

Bist du meiner kranken Seele,

Wundenvoll am Kreuze hangend.

 

Lieb zwar bist mir licht umflossen,

Aber viel und viel noch lieber

Todt, auf deiner Mutter Schoße;

Bist es ja – um meinetwillen.

 

Nimmer kann ich`s je erzählen,

Warum lieb – bei weitem lieber

Golgatha mir ist als Thabor;

 

Weinend nur kann ich es fühlen.

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33. Hilferuf

 

Blick` vom Himmelsthron, dem reinen,

O Maria, nur einmal,

Süße Mutter, auf die Deinen,

Nur ein einzig, einzig Mal!

 

Reget sich dann von Erbarmen

Nicht dein Herz bei diesem Blick,

O, so wende von uns Armen

Immerhin den Blick zurück.

 

Sieh, wie Undank uns entweihte,

Wie mit Gottes Herz die Schuld,

Mit dem milden uns entzweite,

Wir verwirkten seine Huld.

 

Willst du, dass er mild erscheine.

O, so sprich ein einzig Wort!

Du, Maria, kannst alleine

Öffnen uns des Heiles Port.

 

Dass er sich mit uns versöhne,

Süße, teure Mutter, sprich,

Sprich, wir seien deine Söhne;

Sieh, und schnell erbarmt er sich.

 

Sind wir ob der Schuld auch nimmer

Deine Söhne wert zu sein,

Wird dein Mutterherz doch immer

Voll von milder Liebe sein.

 

Breite, süße Mutter, deinen

Mantel aus, uns zu umfah`n,

Lass uns furchtlos dort uns einen,

Sieh uns Kinder liebreich an!

 

Teure, süße Mutter höre

Ruft zu dir die Andacht laut,

Rette, wer dich liebt, erhöre,

 

Wer sich kindlich dir vertraut.

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34. Sankt Mariens Ritter

 

Jung stritt ich einst um Accons Schloss,

Und wenn ich froh bestieg mein Ross,

Mit Inbrunst blickt` ich dann empor,

Und aus den Lippen quoll hervor:

Ave Maria!

 

Ich stritt in Manneskraft und alt,

Wo breiten Stroms die Weichsel wallt;

Und zog ich aus, kam aus der Schlacht,

Dann hab ich still gefleht, gedacht:

Ave Maria!

 

Nun traf mich hier der Todespfeil,

Mein Lebensblut entfließt in Eil;

Dein Ritter end` ich meinen Lauf,

Du Gnadenreiche hilf hinauf!

Ave Maria!

 

Es hüllt sich in den Mantel ein

Und mit der Abendröte Schein

Entflieht die Seele. Friedlich hallt

Sanft Abendläuten durch den Wald:

Ave Maria!

 

Und wo des Ritters Grab gemacht,

Wächst eine Lilie über Nacht,

In deren Kelchen weiß und hold

Geschrieben steht mit lichtem Gold:

Ave Maria!

 

 

Ludwig Giesebrecht

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35. Die Erlösung

 

Was wär` ich ohne dich gewesen?

Was würd` ich ohne dich nicht sein?

Zu Furcht und Ängsten auserlesen,

Ständ` ich in dieser Welt allein.

Nichts wüsst` ich sicher, was ich liebte,

Die Zukunft wär` ein dunkler Schlund,

Und wenn mein Herz sich tief betrübte,

Wem tät ich meine Sorge kund?

 

Einsam verzehrt von Lieb` und Sehnen,

Erschien mir nächtlich jeder Tag;

Ich folgte nur mit heißen Tränen

Dem wilden Lauf des Lebens nach.

Ich fände Unruh` im Getümmel,

Und hoffnungslosen Gram zu Haus;

Wer hielte ohne Freund im Himmel,

Wer hielte da auf Erden aus?

 

Hat Christus sich mir kund gegeben,

Und bin ich seiner erst gewiss,

Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben

Die bodenlose Finsternis!

Mit ihm bin ich erst Mensch geworden,

Das Schicksal wird verklärt durch ihn,

Und Indien muss selbst im Norden

Um den Geliebten fröhlich blühn.

 

Das Leben ward zur Liebesstunde,

Die ganze Welt spricht Lieb` und Lust,

Ein heilend Kraut wächst jeder Wunde

Und frei und voll klopft jede Brust.

Für alle seine tausend Gaben

Bleib` ich sein demutsvolles Kind:

Gewiss, ihn unter uns zu haben,

Wenn Zwei auch nur versammelt sind.

 

O! geht hinaus auf allen Wegen,

Und holt die Irrenden herein,

Streckt jedem eine Hand entgegen

Und ladet froh sie zu uns ein.

Der Himmel ist bei uns auf Erden,

Im Glauben schauen wir ihn an;

Die eines Glaubens mit uns werden,

Auch denen ist er aufgetan.

 

Ein alter, schwerer Wahn von Sünde

War fest an unser Herz gebannt;

Wir irrten in der Nacht wie Blinde,

Von Reu` und Lust zugleich entbrannt.

Ein jedes Werk schien uns Verbrechen,

Der Mensch ein Gottesfeind zu sein,

Und schien der Himmel uns zu sprechen,

So sprach er nur von Tod und Pein.

 

Das Herz, des Lebens reiche Quelle,

Ein böses Wesen wohnte drin;

Und ward`s in unserm Geiste helle,

So war nur Unruh` der Gewinn.

Ein eisern Band hielt an der Erde

Die bebenden Gefang`nen fest;

Furcht vor des Todes Richterschwerte

Verschlang der Hoffnung Überrest.

 

Da kam ein Heiland, ein Befreier,

Ein Menschensohn, voll Lieb` und Macht,

Und hat ein allbelebend Feuer

In unserm Innern angefacht.

Nun sahn wir erst den Himmel offen,

Als unser altes Vaterland;

Wir konnten glauben nun und hoffen,

Und fühlen uns mit Gott verwandt.

 

Seitdem verschwand bei uns die Sünde,

Und fröhlich wurde jeder Schritt;

Man gab zum schönsten Angebinde

Den Kindern diesen Glauben mit;

Durch ihn geheiligt zog das Leben

Vorüber wie ein heil`ger Traum,

Und, ew`ger Lieb` und Lust ergeben,

Bemerkte man den Abschied kaum.

 

Noch steht in wunderbarem Glanze

Der heilige Geliebte hier,

Gerührt von seinem Dornenkranze

Und seiner Treue weinen wir.

Ein jeder Mensch ist uns willkommen,

Der seine Hand mit uns ergreift,

Und, in sein Herz mit aufgenommen,

Zur Frucht des Paradieses reift!

 

Novalis

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36. Vertrauen

 

Wenn mittags hoch die Sonne steht

Und hell und rein der Himmel blaut,

Ein Rauschen durch den Laubwald geht,

Ein Flüstern, leis` und wieder laut;

 

Waldblümlein hört`s – versteht es wohl,

Nickt mit dem Köpfchen still vertraut;

Es weiß, was all dies sagen soll,

D`rum unverwandt es aufwärts schaut.

 

Der Wald verkündet Gottes Lob,

Mariens Preis zu dieser Stund`,

Die er zu seiner Braut erhob,

Als sie`s vernahm aus Engelsmund.

 

Das Blümchen, tief im Waldesgrund,

Nicht jubeln kann`s wie Vögelein,

Nicht beten kann`s wie Kindesmund,

Nicht singen süße Melodei`n;

 

Doch seinen stillen, klaren Blick,

Mit welchem es den Himmel grüßt,

Und seiner Unschuld trautes Glück,

Der Herr des Weltalls nicht vergisst.

 

Er liebt ja jede Kreatur,

Die seine Macht ins Leben rief;

O Mensch, bedenke dieses nur,

Wenn Kummer dir ans Herze griff!

 

Und kannst du fast nicht beten mehr,

Nicht loben ihn, den Vater dein,

So blick` hinauf zum Sternenheer,

Und rufe: Herr, vergiss nicht mein!

 

Er, der des Hauptes Haare zählt,

Hört jeden Ruf aus wunder Brust;

Wo keinen Trost mehr gibt die Welt,

Da wandelt Gott uns Leid in Lust.

 

Und wenn der Herr zu zürnen scheint,

Maria liebreich an uns denkt. –

Mit dir, o Kind, die Mutter weint

Und deinen Schritt zum Himmel lenkt!

 

Darum dem zarten Blümchen gleich,

O harre aus in Freud` und Leid!

Du hast ein Mutterherz so reich,

Und einen Gott – in Ewigkeit!

 

J.B.

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37. Unvergleichlich

 

Maria würdig schildern

Ich möchte es so gern!

Versuch`s in manchen Bildern:

Durch Perle, Rose, Stern

Und Frühling.

 

Die Perl` wird aufgewogen,

Durch Gold und Diamant;

Der Lenz ist bald verflogen;

Der Rose Duft entschwand

Beim Welken;

 

Die Sterne, sie verbleichen.

Gestehen muss ich mir,

Der Wesen keine gleichen

Entfernt nur Edens Zier

Maria.

 

Bruno

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38. Mariengruß

 

Grüßt Maria mit dem Kinde

Frühlingshauch, ihr sanften Winde,

Wettersturm und Donnerrollen,

Wasserrauschen, Meeresgrollen;

Vöglein all` und alle Tiere,

Euer Lob die Holde ziere!

Bäume, Büsche, Halm und Blume

Rauschet sanft zu ihrem Ruhme,

Alle Welt, der Sterne Heere,

Singet hoch zu ihrer Ehre!

„Alles preise laut Maria!“

 

Singt Marien laut zum Preise

Fromme Kinder, heil`ge Greise,

Knaben, Mädchen, Männer, Frauen,

Alle Menschen aller Gauen;

Aus dem tiefsten Herzensgrunde

Singet ihr zu jeder Stunde!

Nützt die Zunge, regt die Hände,

Spielet alle Instrumente;

Lasst die Orgel voll ertönen,

Glocken schallen, Pöller dröhnen!

„Alles preise laut Maria!“

 

Bringt Maria laute Ehre

Jubelvolle Engelchöre,

Singt und spielt stets frohe Weisen.

Sie zu feiern, sie zu preisen,

Mischet in die süßen Klänge,

Heil`ge! eu`re Lobgesänge!

Durch die eig`nen, neuen Lieder

Ehret sie ihr keuschen Glieder.

In des Himmels weiten Hallen

Stetsfort soll ihr Lob erschallen!

„Alles preise laut Maria!“

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39. „Wie schön bist du, meine Freundin!“

 

Ich sehe dich in tausend Bildern

Maria! lieblich ausgedrückt;

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.

 

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mir ewig im Gemüte steht.

 

 

Novalis

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40. Mariens Mutterschaft

 

Gottesmutter sollst du sein,

Hehre Jungfrau, keusch und rein!

Hör`! des heil`gen Geistes Kraft

Wirket deine Mutterschaft.

 

Gottesmutter sollst du sein,

Hüllen in dem Schoße ein

Ihn, den fasset nicht das All,

Der umspannt den Weltenball.

 

Gottesmutter sollst du sein,

Schaffen ihn, den Schöpfer dein,

Uns Erlösung von der Sünd`

Bringen durch dein göttlich Kind.

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41. Die Gottesmutter

 

Wer ist wohl jene Blume,

So reich an Reiz und Duft,

Erblüht im Heiligtume,

Genährt von Himmelsluft?

 

Wer ist der Stern, so helle,

An Glanz noch nie erreicht,

Dem, leuchtend meiner Seele,

An Schönheit keiner gleicht?

 

Wer ist der süße Balsam,

Der heilet jedes Leid,

Der jedem Schmerz das Gift nahm

Für Zeit und Ewigkeit?

 

Wer ist die hohe Fraue,

Mich schützend bis zum Tod,

Die, wenn ich ihr vertraue,

Mir lindert Angst und Not?

 

Wer ist im Himmel droben

Die große Königin,

Vor der, so hoch erhoben,

Selbst Engelscharen knien?

 

Maria ist`s die Reine,

Die, unbefleckt geboren,

Von allen Frau`n alleine

Zur Mutter ward erkoren.

 

O Mutter meines Gottes,

Ich grüß` im Staube dich! –

Jetzt und im Kampf des Todes

Maria, bitt` für mich!

 

J.B.

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42. Betlehem und Golgatha

 

Er ist in Bethlehem geboren,

Der uns das Leben hat gebracht;

Und Golgatha hat er erkoren,

Durchs Kreuz zu brechen Todes Macht.

Ich fuhr vom abendlichen Strande

Hinaus, hindurch die Morgenlande;

Und Größeres ich nirgend sah,

Als Bethlehem und Golgatha!

 

Wie sind die sieben Wunderwerke

Der alten Welt dahingerafft,

Wie ist der Trotz der ird`schen Stärke

Erlegen vor der Himmelskraft!

Ich sah sie, wo ich mochte wallen,

In ihre Trümmer hingefallen,

Und stehn in stiller Gloria

Nur Bethlehem und Golgatha!

 

Weg ihr ägypt`schen Pyramiden,

In denen nur die Finsternis

Des Grabes, nicht des Todes Frieden

Zu bauen sich der Mensch befliss!

Ihr Sfinx` in kolossalen Größen,

Ihr konntet nicht der Erde lösen

Des Lebens Rätsel, wie`s geschah

Durch Bethlehem und Golgatha!

 

Erdparadies am Rokna-Bade,

Flur aller Rosen von Schiras!

Und am gewürzten Meergestade

Du Palmengarten India`s!

Ich seh` auf euren lichten Fluren

Noch gehn den Tod mit dunklen Spuren:

Blickt auf! Euch kommt das Leben da

Von Bethlehem und Golgatha!

 

Du Kaaba, schwarzer Stein der Wüste,

An den der Fuß der halben Welt

Sich jetzt noch stößt: steh` nur und brüste

Dich, matt von deinem Mond erhellt!

Der Mond wird vor der Sonn` erbleichen,

Und dich zerschmettern wird das Zeichen

Des Helden, dem Viktoria

Ruft Bethlehem und Golgatha!

 

O, der du in der Hirten Krippe

Ein Kind geboren wolltest sein,

Und, leidend Pein am Kreuzgerippe,

Von uns genommen hast die Pein:

Die Krippe dünkt dem Stolze niedrig,

Es ist das Kreuz dem Hochmut widrig;

Du aber bist der Demut nah

In Bethlehem und Golgatha!

 

Die Kön`ge kamen, anzubeten

Den Hirtenstern, das Opferlamm,

Und Völker haben angetreten

Die Pilgerfahrt zum Kreuzesstamm;

Es ging in Kampfes Ungewitter

Die Welt, doch nicht das Kreuz, in Splitter:

Als Ost und West sich kämpfen sah

Um Bethlehem und Golgatha!

 

O, lasst uns nicht mit Lanzenknechten,

Lasst mit dem Geist und ziehn in`s Feld

Lasst uns das heil`ge Land erfechten,

Wie Christus sich erfocht die Welt!

Lichtstrahlen lasst nach allen Seiten

Hinaus, als wie Apostel, schreiten,

Bis alle Welt ihr Licht empfah`

Aus Bethlehem und Golgatha!

 

Mit Pilgerstab und Muschelhute

Nach Osten zog ich weit hinaus;

Die Botschaft bring ich euch, die gute,

Von meiner Pilgerfahrt nach Haus:

O, zieht nicht aus mit Hut und Stabe

Nach Gottes Wieg` und Gottes Grabe!

Kehrt ein in euch und findet da

Sein Bethlehem und Golgatha!

 

O Herz, was hilft es, dass du kniest

An seiner Wieg` im fremden Land?

Was hilft es, dass du staunend siehest

Das Grab, aus dem er längst erstand?

Dass er in dir geboren werde,

Und dass du sterbest dieser Erde,

Und lebest Ihm, nur dieses ja

Ist Bethlehem und Golgatha!

 

 

Friedrich Rückert

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43. Mariä Schutz

 

Bei Ried, in Oberösterreichs Gauen,

Steht, frommen Betern wohl bekannt,

Ein freundlich Mutter-Gottes-Kirchlein;

Mariä Schutz wird`s zubenannt.

 

Manch Jahr verrann im Zeitenstrome,

Seit sich das liebe Kirchlein dort

Erhob; die Sage nennt als Gründer

Den Grafen Hunth vom Schlosse Ort.

 

Das war ein Biedermann, wie wen`ge,

In Wort und Tat ein echter Christ,

Getreu, ob auch die Hölle zürnte,

Dem höchsten Herrn zu jeder Frist.

 

Aus weiter Fern` einst heimwärtskehrend,

Allein mit seinem treuen Pferd,

Tritt plötzlich ihm ein schwarzer Ritter

Keck in den Weg mit Schild und Schwert.

 

„Was soll auf deiner Brust das Bildnis?

Solch` eitel Ding trägt nur der Tor,

Schnell d`rum entfern`s! – Du wagst zu zögern?

Wohlan, so tritt zum Kampfe vor!“

 

„Ha, welch ein sonderbar Begehren!

Bist du der Böse, der so spricht?

Das Bild? – auf meiner Brust soll`s ruhen,

Bis sterbend einst mein Auge bricht!

 

Das Mutter-Gottes-Bild entfernen?“

Ruft laut der Graf, „nein, nimmermehr!

Es gilt, ich steh` bereit im Kampfe,

Dies Bild hier sei mir Schild und Wehr!“

 

Sprach`s und entblößt das gold`ne Bildchen

Und hält es seinem Gegner hin

Und ruft: „O komm zu Hilf`, Maria,

Du meines Lebens Schützerin!“

 

Und sieh`, wie hilft die holde Jungfrau!

Es wächst und wächst das kleine Bild,

Und wächst so lange, bis es worden

Gen Feindeswut ein mächt`ger Schild.

 

Und auf des Schildes blanker Fläche

Erglänzt im gold`nen Sonnenschein,

Gemalt von Gottes heil`gen Engeln,

Der Jungfrau Name hell und rein.

 

Geblendet von den Flammenzeichen

Entflieht voll Wut der böse Geist,

Indes der fromme Graf mit Andacht

Mariens Namen lobt und preist.

 

Bald hob sich, wo die mächt`ge Jungfrau

Den Bösen siegreich überwand,

Zu frommem Dank ein lieblich Kirchlein,

Mariä Schutz noch heut` genannt.

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44. Die Lilien

 

I.

 

Auf Lilien von reinstem Golde stellten

In ihres Tempels feierlicher Stille

Die Priester Aarons nach Jehovas Wille

Die Lampen, die das Heiligtum erhellten.

 

Aufging das Licht der Himmel und der Welten,

Als eingetreten war der Zeiten Fülle,

In eines Kindleins zarter Hülle;

Wo sind die Lilien nun, die auserwählten?

 

Wir kennen dich, du Lilie von Gold,

Maria rein, Maria süß und hold,

Du Lilienleuchter einer ew`gen Sonne!

 

Und Josef, dich, du keusche Lilienseele!

Wohl wert, dass sich Maria dir vermähle

Und Jesus selbst auf deinem Arme throne.

 

II.

 

Ein armes, krankes Blümlein dieser Erde,

Das bebet vor des grimmen Winters Frost,

Blickt sehnend himmelan und weint um Trost

Und fleht zu euch mit zitternder Gebärde.

 

Ihr labt mit Tau wohl eine Lilienherde,

Die auch aus kargem Erdboden sprosst:

Darf nicht auch ich der Hoffnung sein getrost,

Dass ich durch euch zur lichten Lilie werde?

 

Der Gnade Quell in euern Kelchen ruht,

Schafft drin ein Meer von süßer Himmelsflut

Und lässt`s in Strömen auf die Erde sinken.

 

So will ich flehend, ehe ich verwelke,

Mein Haupt hinneigen unter eure Kelche

Und durstig aus den Lilienbechern trinken.

 

P. N.

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45. Kleiner Vers des hl. Felix von Cantalicio (+ 18.5.1587):

 

Jesus, meiner Liebe Schmerz!

Säume nicht, und nimm mein Herz;

Gib`s nicht mehr - zu meinem Glück -

Jetzt und ewig mir zurück! 

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46. Mutter mein, ich liebe Dich!

 

Wenn ich in meiner Kindheit Morgen

Bei dir, Maria, hab gekniet,

Noch frei von allen Erdensorgen,

Dir sang ein einfach frommes Lied. –

O Mutter, gehe mir voran

Auf meiner ganzen Lebensbahn!

O Gottesmutter, denk an mich.

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich.

 

Und wenn des Schicksals Stürme toben,

Mein Lebensschifflein wild umweh`n,

So richt` ich meinen Blick nach oben,

Sie hilft, lässt mich nicht untergeh`n.

Vertrau ihr all den Seelenschmerz,

Schau, Mutter, an mein leidend Herz.

O, Gottesmutter, denk an mich –

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich!

 

Und kommt dann einst die letzte Stunde,

Senkt sich herab die Todesnacht

Und zittert von dem bleichen Munde

Der letzte Hauch: Es ist vollbracht!

Dann komm zu mir, du Hoffnungsstern -,

Und führe mich zu Gott dem Herrn!

O Gottesmutter, denk an mich,

Sieh, Mutter mein, ich liebe dich!

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47. Stille

 

Wenn ein Weiser zu dir spricht,

Hasche du nach Worten nicht:

Stille!

 

Tönen Lied und Harfenklang,

Wogt des Chores Festgesang:

Stille!

 

Trägt man aus dem Nachbarhaus

Trauernd einen Sarg hinaus:

Stille!

 

Wenn der Sturm durch Wälder tobt,

Donner laut die Gottheit lobt:

Stille!

 

Wenn, weil dich die Welt verkennt,

Zorn im tiefen Herzen brennt:

Stille!

 

Wenn der Tag sich dämmernd neigt,

Abendstern zum Gruß sich zeigt:

Stille!

 

Kniest du hin vor Gottes Thron,

O, von selbst dann bist du schon –

Stille!

 

J. C. Nänny

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48. Hilferuf der Armen Seelen

 

Ihr Freunde, vergesst uns nicht!

Ihr, die zum Mahle der Gnaden

Alltäglich noch seid geladen!

Ihr, wandelnd im Himmelslicht!

O Freunde, vergesst uns nicht!

 

Im dunklen Feuergemach,

In den grausigen Flammenblitzen,

In des Kerkers Weh und Ach

Wir seufzend und trauernd sitzen.

Weh uns im Feuergemach!

 

Wie schrecklich die Wunde klafft!

Wie Hunger und Durst uns verzehret!

Ob niemand uns Hilfe schafft?

Ob keiner, keiner uns höret?

Wie schrecklich die Wunde klafft!

 

O, achtet der Ärmsten Ruf,

Ihr, die wir auf Erden geliebet

Und jenen, der uns erschuf

So schmählich für euch betrübet!

O achtet der Ärmsten Ruf!

 

Ja, schenket uns Röslein weiß

Und rote und gold´ne Rosen,

Dass wir um solchen Preis

Die himmlischen Güter erlosen.

Blutfarben, golden und weiß.

 

Und lasset ein Tröpflein Blut

Aus dem Kelche uns niederfließen,

Das löschet die feurige Glut,

Das lässt uns die Rosen ersprießen.

O göttlich Versöhnungsblut!

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49. Ave Maria!

 

Die Dämmerung schon auf Erden webet,

Mit leisem Flug der Tag entschwebet.

Im Tal die Abendglocken klingen,

Der Wind trägt`s fort auf sanften Schwingen:

Ave Maria!

 

Es geht ein Wanderer auf der Heide,

Da tönt das Glöcklein aus der Weite.

Er bleibet stille stehn und lauschet;

Ein froh Gebet die Seel durchrauschet:

Ave Maria!

 

Ein Vöglein wacht nah in den Zweigen.

Wenn alles singt, möchte`s auch nicht schweigen,

Und aus der Kehle dringt ihm leise

Die alte, längst vertraute Weise:

Ave Maria!

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50. Gott ist die Liebe

 

(P. Gustav Sysel)

 

Gott ist die Liebe! Will ich heute singen

Und hören mag`s die ganze, weite Welt!

 

Gott ist die Liebe! So soll es erklingen

Aus meinem Munde bis ans Sternenzelt!

 

Gott ist die Liebe! Willst du wohl mich fragen,

Warum so hell erschallt mein heil`ges Lied?

 

Gott ist die Liebe! Lerne hier ertragen,

Auf dass dein Auge einst die Wahrheit sieht!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du einst auch rufen,

Wenn du hienieden überwunden hast!

 

Gott ist die Liebe! An des Thrones Stufen

Bei Gott, dem Vater, wirkt die ew`ge Rast!

 

Gott ist die Liebe! Darbst du hier auf Erden,

Ist um so reicher einst dein Himmelslohn!

 

Gott ist die Liebe! Nur die Dulder werden

So jubeln einst an ihres Schöpfers Thron!

 

Gott ist die Liebe! Und das Erdenleben

Ist nur die Schule für die Ewigkeit!

 

Gott ist die Liebe! Um so mehr erheben

Wirst du dich einst, je größer hier dein Leid!

 

Gott ist die Liebe! Mit getroster Seele

Lass allen andern still ihr Erdenglück!

 

Gott ist die Liebe! Und dein Herz verhehle

Sich`s niemals, wie der Kummer es auch drück!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du einst vergehen,

Wird dir dies Wort in seiner Fülle klar!

 

Gott ist die Liebe! Ja, vom Himmel sehen

Wirst du zur Welt einst, selig wunderbar!

 

Gott ist die Liebe! Wirst in Engelweisen

Du singen einst aus ganzer, voller Brust!

 

Gott ist die Liebe! Wirst du ewig preisen

Den Vater dann in süßer Himmelslust!

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51. Zum Herzen Jesu

 

(Julie von Massow)

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Bitten!

Du hast dafür so viele Pein

Und gar den bittern Tod erlitten.

Dass du in Liebe und im Leide

Nun würdest meine größte Freude;

Drum leg ich in dein Jesusherz,

Was heut gebeten hat mein Herz.

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Sünden,

Auf dass ich könne ruhig sein

Und Gnade und Vergebung finden!

Denn als dein Blut vom Kreuz geflossen,

Das du so mildiglich vergossen,

Und als du riefst: „Es ist vollbracht!“

Da hast du auch an mich gedacht!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Sorgen,

Und kann dein fröhlich Kind nun sein,

Weil ich in dir so wohl geborgen!

Dir sei`s alleinig übergeben

Für dieses und für jenes Leben.

O Jesusherz, o sorge du,

So bleibt das Menschenherz in Ruh!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Lieben!

Sind doch die Meinen alle dein,

Sind dir ins Jesusherz geschrieben!

Und kann ich ihnen nicht mehr dienen,

So bist du ja dazu erschienen.

Drum gib du jedem, was ihm frommt,

Dass er zu deinem Herzen kommt!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Leiden!

Dass du hier lehrest stille sein,

Bis du sie wandelst dort in Freuden!

Denn was ich in den Erdentagen

Zu meines Gottes Ehr getragen,

Das wandelt er zu seiner Zeit

In Himmelglanz und Herrlichkeit!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Freuden,

Dass mich kein Glück, kein Sonnenschein

Von deiner Liebe dürfe scheiden,

Dass niemals mich das Eitle blende

Und meinen Blick vom Kreuze wende;

Das soll mein höchstes Bitten sein,

Dir auch in Freuden treu zu sein!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein,

Da leg ich alle meine Pflichten!

Dass du mir helfest treu zu sein

Und sie zu Gottes Ehr verrichten!

Verheißt er doch die Himmelskrone

Dem, der Ihm dient in seinem Sohne.

So lenk du selber, was ich tu,

Bis ich von aller Arbeit ruh!

 

Mein Jesus, in dein Herz hinein

Nimm alles, was mein Herz beweget:

Mein Bitten, Lieben, Sorgen, Freun

Sei alles dir ins Herz geleget.

Drauf lass mich friedlich, fröhlich enden

Und ruhn in deinen Jesushänden,

Bis dass der ewge Morgen tagt

Und mich vollkommen selig macht!

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52. Eine Mutter

 

Wenn dich schwere Leiden drücken,

Armes, kummervolles Herz;

Wenn du schaust mit trüben Blicken

Um dich her, dann himmelwärts;

 

Weißt nicht, wo sollst Ruhe finden

In dem wüsten Sturm der Zeit;

Wo Verzeihung du von Sünden

Finden kannst und Trost im Leid;

 

Wenn dir`s Herz schon will verzagen

Und Versuchung dich bedrängt,

Kreuz um Kreuz mit tausend Plagen

Dich in harte Fesseln zwängt:

 

Komm dann, armes Herz! ich weise

Hin den Weg zur Mutter dir;

Sag` dir auf dem Weg ganz leise:

„Niemand ging verzagt von ihr.“

 

Sie weiß alles, was dich drücket,

Darfst ihr mit Vertrauen nah`n;

Von der Lieb` zu ihr entzücket

Wirst du fühlen, was sie kann.

 

Bald nimmt sie dich in die Arme,

Drückt dich an ihr Mutterherz,

Spricht zu ihrem Sohn: „Erbarme

Dich dies`s Kind`s in seinem Schmerz!“

 

Soll die Mutter ich dir nennen?

Glaub`, es wird nicht nötig sein:

Welcher Christ wird sie nicht kennen?

Maria ist`s, die Jungfrau rein!

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