Lieder und Gedichte 3

Stern auf diesem Lebensmeere,

Mutter Gottes, voll der Ehre,

Allzeit Jungfrau, sei gegrüßt!

O du sel`ge Himmelspforte,

Du hast seit des Engels Worte

Eva`s Namen uns versüßt.

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Stella maris

 

Von Josef Tillinger

 

Einsam auf tosenden Meereswellen

Steuert ein Schifflein in finsterer Nacht.

Schifflein, du wirst an den Riffen zerschellen,

Kannst widerstehn nicht des Sturmes Macht!

 

Horch! Ein süß einschmeichelnde Weise

Zittert zum nächtlichen Himmel empor

Und im Wüten der Wogen nur leise

Hörst du der flehenden Schiffer Chor:

 

„Meeresstern, strahlend in glänzendem Scheine,

Du der Verirrten sicherster Hort,

Jungfrau Maria, du Süße, du Reine,

Bringe auch uns in den rettenden Port!“

 

Leise verhallen die süßen Akkorde,

Milde erstrahlt in den Wolken ein Schein,

Weiset den Weg der Verirrten an Borde,

Führt in den sicheren Hafen sie ein.

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O Herr, lass mich nicht schuldig werden

 

Wenn bei der Abendglocke Klängen

Ein heil`ges Ahnen dich durchbebt,

Und sich dein Herz in keuschem Drängen

Zum Geber alles Glücks erhebt;

Dann flehe nicht, wie alles fleht,

Um Glanz und Reichtum hier auf Erden!

Dann sei dein einziges Gebet:

„O Herr, lass mich nicht schuldig werden!“

 

Was hilft dir jedes Glück hienieden,

Was jeder Glanz und jede Pracht:

Wenn deines Herzens inn`rer Frieden

Durch eigne Schuld versinkt in Nacht? –

Was nützt dir alles Geld und Gold

Und Ruhm und Ehr` in allen Stücken:

Wenn dir die eigne Seele grollt,

Die dich allein nur kann beglücken?

 

Drum bete nicht, wie alle beten,

Um Glanz und Reichtum auf der Welt!

O fleh`, wie einst die Weisen flehten,

Dass Gott die Unschuld dir erhält!

Die Schuld begleitet jeden Schritt,

Den selbst auf Rosen du gegangen,

Und trägt den dunkeln Schleier mit,

Ein jedes Hoffen aufzufangen.

 

Die Schuld verbirgt sich in dem Kleide,

Das dir der Stolz zum Schmuck erkor,

Und macht zum Leinen dir die Seide,

Dass allen Schimmer sie verlor.

Die Schuld reißt selbst aus süßem Traum

Dich auf mit ihren spitzen Krallen,

Und stachelt dich durch Zeit und Raum,

Bis du dem Tod anheimgefallen.

 

Doch, wenn der Blume im Gefilde

Du gleich geblieben, keusch und rein,

Dann wird die Unschuld dir zum Schilde

Für jeden Erdenkummer sein;

Dann trotzest du des Lebens Not,

Wie auch die harten Loose fielen;

Dann isst du fromm dein letztes Brot,

Und achtest nicht die Hand voll Schwielen.

 

Dann lächelt selbst im Bettelkleide

Die Welt dich freundlich an und hold;

Dann wird das Leinen dir zur Seide,

Dann wird das Eisen dir zum Gold.

Drum bete nicht, drum bete nicht

Um Glanz und Reichtum hier auf Erden!

O fleh`, wenn alles dir gebricht:

„O Herr, lass mich nicht schuldig werden!“

 

Laurian Moris

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Die sieben Freuden Unserer Lieben Frau vom heiligsten Herzen

 

1. Freude

 

Voll Inbrunst weilt in stiller Zelle

Die reinste Jungfrau im Gebet;

Da strahlt`s herab in Himmelshelle,

Jehovas Bote vor ihr steht.

„Gegrüßt seist du; du sollst empfangen!“

Aus deines Herzens reinstem Blut

Aufsprossen wird der Erd` Verlangen:

Ein Gottesherz, das höchste Gut!

 

Chor:

O der freudenvollen Kunde,

Die der Engel Gottes trägt!

Sprich, Maria! und zur Stunde

Jesu Herz ans deine schlägt!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

2. Freude

 

Und sie, von Seligkeit umwoben,

Denn in ihr wohnt das Gotteskind,

Zu Seraphsglut den Geist erhoben,

Eilt zu Elisabeth geschwind.

Es hüpft durch Jesu Nah`n beglücket

Johannes auf im Mutterschoß;

In Dankesjubel hoch entzücket

Preist ihre Seel` den Herren groß.

 

Chor:

Frau vom Herzen Jesu gieße

Deiner Inbrunst hohe Glut

Auch in uns`re Seel`, dass fließe

In uns freud`ger Opfermut!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

3. Freude

 

Zu Bethlehem im armen Stalle

In einem Kripplein liegt das Kind,

Und mit der Engel Jubelschalle

Vereint Mariens Lieder sind.

Sie küsst sein Herzlein voll Verlangen

Und drückt es an die Mutterbrust;

Liebkost des Kindleins ros`ge Wangen,

Erfüllt von Freud` und Himmelslust.

 

Chor:

Wolle, süße Mutter, reichen

Uns dein holdes Herzenskind;

Sag ihm doch, es zu erweichen,

Dass wir deine Kinder sind!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

4. Freude

 

Vom Morgenland die Weisen kamen,

Geführt vom Sterne wunderbar;

Sie bringen, preisend Gottes Namen,

Dem Kindlein ihre Gaben dar;

Und Joseph fühlet Vaterfreuden,

Maria Mutterseligkeit;

Die Engel selbst das Glück beneiden

Von solcher Liebe Innigkeit.

 

Chor:

Liebe Frau von Jesu Herzen,

Nimm auch unser Opfer hin:

Weihrauch, Gold, der Myrrhe Schmerzen,

Andacht, Liebe, Kindersinn!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

5. Freude

 

Maria sucht in Angst und Zagen

Ihr liebstes Kind drei Tage lang;

Da wird zum Jubel all` ihr Klagen

Ob seiner Stimme süßem Klang.

Sie findet ihn im Tempel lehren,

In dem, was seines Vaters ist;

O freue dich! heim wird er kehren,

Die du des Herzens Mutter bist.

 

Chor:

Ja, mit Jesu gern verborgen

Will ich bei dir, Mutter, sein!

Dieses sei mein einzig Sorgen:

Ihn und dich stets zu erfreu`n.

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

6. Freude

 

Noch weint die Mutter voller Trauer

Um ihren Toten für und für;

Da tönet es, - welch Freudenschauer! –

„Der Friede, Mutter, sei mit dir!“

O freue dich, er ist erstanden!

Er segnet dich, umstrahlt von Licht; -

Ja, Jesus lebt! – ist frei von Banden;

Sein Herz vergaß das deine nicht.

 

Chor:

Alleluja! Mutter singe,

Jesu Herzens Königin! –

Alleluja! jubelnd dringe

Unsers Herzens Lob vor ihn!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

 

7. Freude

 

Maria stärkt der Jünger Glaube, -

Nach Jesu seufzt ihr Liebesschmerz.

Da ruft er: „Komm, du meine Taube,

Auf ewig an des Sohnes Herz!“

Es löst die Glut der Seraphstriebe

Des Lebens Band mit sanfter Hand;

Marias Herz – es brach vor Liebe,

Der Sohn krönt sie im Vaterland.

 

Chor:

Mutter mit der Himmelskrone,

Hehre Himmelskönigin!

O empfiehl mich deinem Sohne,

Denk an mich, dein Kind ich bin!

Sei Frau von dem heiligsten Herzen gegrüßt,

Weil seine und unsere Mutter du bist!

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Klage

 

Die schöne Welt, wo Menschen sind,

Die ganze schöne Welt

Hat dennoch manches Menschenkind,

Dem`s nimmermehr gefällt.

Und alles hier auf Erden,

Es hofft ohn` Unterlass:

Bald soll es besser werden,

Und wünscht sich Dies und Das!

 

Die schöne Welt hat manches Haus

Voll Kummer und voll Schmerz;

Da klagt, da weint sich`s nimmer aus,

Das arme Menschenherz.

Wer kann in Frieden wohnen

Vor seiner Brüder Hass?

In Hütten und auf Thrones

Ist immer Dies und Das!

 

Die schöne Welt hat manchen Ort,

Er kann nicht glücklich sein;

Da plagt es hier, da plagt es dort

Die Menschen groß und klein.

Und hat das Dörfchen Weide

Und frisches grünes Gras,

Und Feld und Wald und Heide,

So hat`s dich Dies und Das!

 

Die schöne Welt hat manches Land,

Und arme Brüder drin,

Da gilt des Menschen Gold und Stand

Vielmehr als edler Sinn.

Wohl mancher möchte klagen,

Und darf nicht sagen, was:

Dann muss der Arme tragen

Geduldig Dies und Das!

 

Die schöne Welt, wo Menschen sind,

Die ganze schöne Welt

Hat dennoch manches Menschenkind,

Dem`s nimmermehr gefällt.

Fühlst du des Mitleids Sehnen,

Wird noch dein Auge nass:

So lindre du die Tränen

Wohl über Dies und Das!

 

 

Chr. Pape

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Das Gebet

 

Das ist ein angenehmes Düften,

Wenn sich aus Lilien in der Nacht

Und monderhellten reinen Lüften

Ein süßes Opfer angefacht!

 

Und hohen Opferchores Singen

Ist`s, wenn des Waldes Zaubernacht

Mit vieler Tausend Stimmen Klingen

Zu neuem Leben ist erwacht!

 

Doch also hell schallt keine Kehle,

Kein Duft so süß zum Himmel dringt,

Als wenn sich aus bedrängter Seele

Zu Gott empor ein Seufzer ringt!

 

Rudolph Reither

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Gebet und Fürbitte

 

Es gleicht dem Eimer das Gebet,

Der in des Brunnens Tiefe geht,

Der, wenn er voll, sich wieder hebt,

Den Durstenden erquickt, belebt.

 

Ohn` Unterlass senk` ihn hinab,

Dass immer frischer Trunk dich lab`;

Und hältst du dein Gefäß recht rein,

Wird jeder Zug dir Labsal sein.

 

Und nimmst du eines Pilgers wahr,

Der nicht erkennt die Quelle klar,

Des Tages Hitze krank erlag,

Nicht selber mehr dort schöpfen mag:

 

O senk den Eimer du für ihn

Und halt ihm deine Fülle hin;

Der Brunn ist ja so weit, so voll,

Dass keiner ganz verschmachten soll.

 

Je mehr du schöpfst, je mehr du trinkst,

Je mehr du deinen Brüdern bringst:

Nur immer höher, höher schwillt

Die Flut, die unerschöpflich quillt!

 

Carl Steiger

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Dann musst du beten!

 

Wenn niemals du errangst zu beten,

Such` an ein Sterbebett zu treten,

Und schau des Lebens letzte Glut,

Wie sie, das letzte Öl verzehrend,

Sich mit der letzten Hoffnung nährend,

Erlöscht in dem erstarrten Blut!

 

Dann wirst du unter Tränen stammeln,

Wirst in ein Wort die Schmerzen sammeln,

Ein großes Wort – und ein Gebet:

„Gott!“ wirst du weinen, wirst du flehen,

Und an dem Totenbette stehen,

Ein Sterbender – der aufersteht.

 

Hermann Neumann

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Behüte des anderen Glück!

 

Sind auch gebrochen deines Lebens Blüten,

Doch kehr` nicht feindlich in dich selbst zurück!

Such` sie vielmehr bei andern zu behüten, -

Du fühltest ja, wie`s tut, verblüht ein Glück!

 

Und siehst du wo ein reines Feuer glühen,

So fach` es an zu heilig schönem Brand!

Und siehst du eine Knospe still erblühen, -

O schütze sie vor unberuf`ner Hand!

 

Kurz, wo du kannst, halt` fern des Lebens Schmerzen!

Und wenn du dann, als treuer Gärtner, siehst,

Wie sich in einem teuren Menschenherzen

Der Lenz des Lebens wundersam erschließt; -

 

Dann wird in deines Herbstes trüben Tagen

Es dir ein Schimmer reinster Freude sein,

Kann sich dein Herz mit stillem Troste sagen:

„An diesem Lenz ist auch ein Anteil mein!“

 

E. F. Scherenberg

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Der freudenreiche Rosenkranz

 

I. Geheimnis: Die Verkündigung Mariä

 

Gott der Vater:

 

Ja, ich will mich mild erbarmen

Dieser Schöpfung meiner Hände,

Meines menschlichen Geschlechtes,

Meines auserwählten Volkes,

Dass es sich zum Guten wende!

 

Gott der Sohn:

 

Vater, Vater, ja, ich komme,

Deinen Willen zu erfüllen;

Denn so steht im Buch geschrieben!

Will als Werkzeug der Erlösung

Dein gerechtes Zürnen stillen!

 

Gott der hl. Geist:

 

Auserwählt aus tausend Anderen

Hab` ich mir die Eine, Reine,

Die in Nazareth verborgen

Harret betend der Verheißung;

Sie ist würdig und sonst Keine!

 

Maria:

 

Tauet Himmel den Gerechten,

Wolken lasst herab ihn regnen!

Nach ihm sehnt sich meine Seele,

Nach ihm dürstet mein Verlangen,

Ihm begehr` ich zu begegnen!

 

Gabriel:

 

Sieh`, da komm` ich wie gerufen! –

Sei gegrüßt, Maria, Reine!

Gott ist mit dir, voller Gnaden

Hell erglänzend vor dem Höchsten

In der Tugend Heil`genscheine!

 

Maria:

 

O, was seh` ich, - einen Engel?

Was hat dieses zu bedeuten,

Dass in diese Einsamkeiten,

Diese Stätte größter Armut

Er möchte` gern heruntergleiten?

 

Gabriel:

 

Fürchte nicht dich, o Maria!

Du allein bist auserkoren,

Du die Wünsche aller Völker

Sollst als Mutter jetzt erfüllen

Durch das Kind, von dir geboren.

 

Maria:

 

Ich, als Mutter? – ich bin Jungfrau!

Will es sein und ewig bleiben!

Wie kann dieses dann geschehen,

Da ich Gott gelobet habe,

Niemals einen Mann zu kennen?

 

Gabriel:

 

Gottes Geist wird dich beschatten,

Du sollst Gottes Mutter werden!

Er will, um die Welt zu retten,

Sich in deinem Schoße bilden

Eine menschliche Gestaltung.

 

Maria:

 

Sieh`, ich bin die Magd des Herrn,

Mir gescheh` nach deinem Worte! –

O, wie schwinden alle Zweifel,

Da du selbst, dem ich gelobte,

Dich mit deiner Braut vermählet!

 

 

II. Geheimnis: Die Heimsuchung

 

Maria:

 

Träum` ich, wach` ich? o der Wonne,

Gott ist in mir Fleisch geworden! –

Diese Freude muss ich teilen,

Muss Elisabet begrüßen;

Ihr ist Ähnliches begegnet.

 

Erster Wanderer:

 

Sahest du die Lichtgestalt,

Ihres Blickes Allgewalt,

Wie geflügelt ihre Schritte,

Blumensprossend ihre Tritte?

 

Zweiter Wanderer:

 

Wie sie Berge überschreitet,

Über alle Hindernisse

Anmutsvoll hinüber gleitet;

Wie beschwingt sind ihre Füße!

 

Dritter Wanderer:

 

Welch` Menschengebilde!

So engelhaft milde,

So strahlenumwoben,

So göttlich erhoben!

 

Vierter Wanderer:

 

Als ob sie voll hoher Lust

Einen Himmel in der Brust,

Einen Gott im Herzen trägt,

Der ihr heil`ge Glut erregt!

 

Maria:

 

Eilen, eilen,

Nicht verweilen!

Zachariä Haus ist nahe!

Wenn Elisabeth mich sahe,

Wird sie mir entgegen eilen!

 

Elisabeth:

 

O du Gesegnete,

O du Begnadigte,

Mutter des Christ!

Du Auserkorene,

Schuldlos Geborene,

Sei mir gegrüßt!

Als du begrüßtest mich,

Siehe, da fühlte ich,

Wie sich das Gnadenpfand

Regte durch Geisteshand!

 

Maria:

 

Magnificat!

O Wundertat!

O Liebesrat!

Denn Großes tat

Mir Gottes Gnad`!

Von nun an preis`

Der Erdenkreis

In holder Weis`

Das Davids-Reis!

 

 

III. Geheimnis: Die Geburt Christi

 

Engelchor:

 

Ihr Hirten erwacht!

In finsterer Nacht

Ist, eh` ihr`s gedacht,

Das Heil euch gebracht!

 

Hirtenchor:

 

Welch` Leuchten, welch` Klingen,

Welch` festliches Singen,

Welch` Loben und Preisen

In himmlischen Weisen!

 

Ein Engel:

 

Nicht Fürchten, nein, Freude,

Ihr Hüter der Weide,

Ist heut` euch beschieden,

Versöhnung und Frieden!

Denn, Christ ist geboren!

Die Welt, die verloren,

Die wird nun errettet;

Ihr findet gebettet

Das Kind in der Krippe.

 

Engelchor:

 

Gloria!

Gott sei geehrt!

Dem guten Will`n

Sei Fried` beschert!

 

Hirtenchor:

 

So lass`t uns geh`n

Und staunend seh`n,

Ob wahr die Kunde,

Aus englischem Munde!

 

Maria:

 

Ich halte Gott in meinen Armen,

Ich halt` ihn an mein Herz gedrückt;

O betet an die ew`ge Liebe,

Die huldvoll auf euch niederblickt!

 

Hirtenchor:

 

Wir beten an die ew`ge Liebe,

Die huldvoll auf uns niederblickt!

Gott hat aus innigem Erbarmen

Uns seinen eig`nen Sohn geschickt!

 

Die hl. Drei Könige:

 

Erster:

Ich lege Gold vor deine Krippe

Und preise dich mit reiner Lippe!

 

Zweiter:

Der Weihrauch, Gott, gebühret Dir;

O nimm ihn gnädig an von mir!

 

Dritter:

Die Myrrhe weih` ich deinem Leiden,

Du Kind der Schmerzen und der Freuden!

 

Alle:

 

Kleiner Knabe, großer Gott!

Schönste Blume weiß und rot!

Von Maria neu geboren,

Unter Tausend auserkoren,

Allerliebstes Jesulein,

Lass uns deine Diener sein!

 

 

IV. Geheimnis: Aufopferung Jesu im Tempel

 

Maria:

 

Gott, dein Gesetz ist meine Freude,

Dein süßes Wort ist meine Weide!

Dein Heilsgebot ist meine Sonne,

Dein Tempel meines Herzens Wonne!

So will ich denn das holde Leben,

Den Sohn, den du mir selbst gegeben,

Der deines Herzens Wohlgefallen,

Dir opfern in den heil`gen Hallen!

Doch hab` ich nichts, als nur zwei Tauben,

Und starke Hoffnung, Lieb` und Glauben;

So will ich deinem Priester nahen,

Von ihm die Reinigung empfahen!

 

Simeon:

 

Ihr Augen schließet euch;

Ich habe ihn geschaut,

Heil mir! den Tröster Israels,

Dem ich vertraut!

Der Heiden Licht,

Die Glorie deines Volk`s,

Gereichtest vielen du

Zum Fall und Aufersteh`n!

Mariä-Herz,

Dich wird ein Schwert durchdringen,

Und Schmerz auf Schmerz

Wird dieses Kind dir bringen!

 

Anna:

 

Tag und Nacht harrt` ich im Tempel

Seiner Ankunft; betend, fastend

Sehnt ich ihn zur Erde nieder; -

Preist ihn meines Dankes Lieder!

 

Maria:

 

Mein Kleinod du,

In sel`ger Ruh`

Lagst du an meinem Herzen!

Jetzt wirst geweiht

Zu Kreuz und Leid,

Zu Peinen und zu Schmerzen!

Es reißt dich los

Vom Mutterschoß,

Aus meinen Liebesarmen

Gerechtigkeit! –

Barmherzigkeit!

Hast du denn kein Erbarmen?

Es ist getan!

Nimm`s Opfer an,

O Gott, von meinen Händen!

Erlösungsplan!

Auf Deine Bahn

Will ich den Sohn entsenden!

 

 

V. Geheimnis: Wiederfindung Jesu im Tempel

 

Maria:

 

Stunde auf Stunde verrinnt,

Träne auf Träne;

Aber ihn fanden wir nicht! –

 

Erster Pilger:

 

Wen suchest du,

Betrübtes, frommes Weib?

Was weinest du?

Kann ich dir Helfer sein?

 

Maria:

 

Ich suche ihn! Wer kennt ihn nicht,

Den meine Seele liebet,

- Von und rotem Angesicht! –

D`rum bin ich so betrübet!

 

Zweiter Pilger:

 

Vielleicht bei Josef, in den Reihen

Der Männer, findest du dein Kind;

Sie folgen hinter jenem Hügel;

O wein` dir nicht die Augen blind!

 

Maria:

 

Sagt, wo ist mein Vielgeliebter?

O, ihr Freunde und Gefährten,

Lasst mich nicht vor Sehnsucht sterben!

O, wo ist er hingegangen?

 

Dritter Pilger:

 

Jerusalem ist groß; vielleicht verirrte

Der holde Knabe sich. Doch sei getrost!

Jehova schützt den Sohn,

Den solche Mutter suchet!

 

Maria:

 

Es neigt sich der Tag,

Und schon der zweite!

Der Tau der Nacht

Mischt sich mit meinen Tränen!

 

Vierter Pilger:

 

Bereits der dritte Morgen

Zeigt mir dies schmerzerfüllte,

Holdsel`ge Frauenbild! –

S`ist Josefs Weib;

Dort kommt auch er – und weint.

 

Maria:

 

O, jetzt kommt mir ein Licht

Von oben in die Seele! –

Wie wär`s, wenn ich den Tempel

Zum Ziele mir erwähle? –

O Wonne! da ist er

Inmitten der Lehrer

Als Gott, als Bekehrer! –

Vorbei ist der Schmerz;

 

O komm` an mein Herz!

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Freundschaft

 

Wenn jemand schlecht von seinem Freunde spricht,

Und scheint er noch so ehrlich: glaub ihm nicht!

Spricht alle Welt von deinem Freunde schlecht:

Misstrau der Welt und gib dem Freunde Recht!

Nur wer so glaubhaft seine Freunde liebt,

Ist wert, dass ihm der Himmel Freunde gibt!

Ein Freundesherz ist ein so seltner Schatz,

Die ganze Welt beut nicht dafür Ersatz;

Ein Kleinod ist`s, voll heil`ger Wunderkraft,

Das nur bei festem Glauben Wunder schafft –

Doch jedes Zweifels Hauch trübt seinen Glanz,

Einmal gebrochen wird`s nie wieder ganz.

Drum: wird ein solches Kleinod dir beschert,

O trübe seinen Glanz nicht, halt es wert;

Zerbrich es nicht! Betrachte alle Welt

Als einen Ring nur, der dies Kleinod hält,

Dem dieses Kleinod selbst erst Wert verleiht,

Denn wo es fehlt, da ist die Welt entweiht!

Doch würdest du dem ärmsten Bettler gleich,

Bleibt dir ein Freundesherz, so bist du reich;

Und wer den höchsten Königsthron gewann,

Und keinen Freund hat, ist ein armer Mann!

 

Friedrich Bodenstedt

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Warnung

 

Sinkt die Sonn` am Abend nieder,

Hebt sie sich am Morgen wieder,

So wie heut`;

Wirft der Herbst die Blätter nieder,

Frühling hat sie immer wieder

Uns erneut.

 

Doch legt Zeit den Menschen nieder,

Hat die Erde nimmer wieder

Ihn erfreut. –

Beugt drum keinen Menschen nieder:

Seht ihn morgen wohl nicht wieder,

Wenn`s euch reu`t!

 

Friedrich Wilhelm Gubitz

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 Dem Feinde

 

Wirft dich dein Feind ergrimmt mit einem Steine,

Um eine Herzenswunde dir zu schlagen:

Dann musst du seine Wut geduldig tragen,

Und gegen ihn drum hege selber keine!

 

Heb` auf den Stein, verwahr` ihn wohl im Schreine,

Vielleicht bereut er schon in wenig Tagen,

Fühlt seine Schuld recht tief im Herzen nagen;

Wenn nicht, so bleibe du der Edle, Reine! –

 

Doch will er sich ein Häuschen einst erbauen,

Und sucht nach Steinen rings in Tal und Auen:

Leg` den verwahrten auf den Platz ihm hin;

 

Die Liebesrache wird er tiefer fühlen,

Als hättest du, den ersten Zorn zu kühlen,

Den Stein geschleudert früher gegen ihn!

 

Rudolph Hirsch

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O lieb`, so lang` du lieben kannst!

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst.

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Und sorge, dass dein Herze glüht

Und Liebe hegt und Liebe trägt,

So lang` ihm noch ein andres Herz

In Liebe warm entgegen schlägt.

 

Und wer dir seine Brust erschließt,

O tu` ihm, was du kannst, zu Lieb,

Und mach` ihm jede Stunde froh,

Und mach` ihm keine Stunde trüb.

 

Und hüte deine Zunge wohl,

Bald ist ein böses Wort gesagt:

O Gott! es war nicht bös gemeint, -

Der andre aber geht und klagt.

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst,

Die Sunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Dann kniest du nieder an der Gruft –

Und birgst die Augen trüb und nass

- Sie sehn den andern nimmermehr –

In`s lange, feuchte Kirchhofgras.

 

Und sprichst: „O schau` auf mich herab,

Der hier an deinem Grabe weint;

Vergib, dass ich gekränkt dich hab`,

O Gott, es war nicht bös gemeint!“

 

Er aber sieht und hört dich nicht,

Kommt nicht, dass du ihn froh empfängst;

Der Mund, der oft dich grüßte, spricht

Nie wieder: „Ich vergab dir längst!“

 

Er tat`s, vergab dir lange schon,

Doch manche heiße Träne fiel

Und dich und um dein herbes Wort –

Doch still – er ruht, er ist am Ziel!

 

O lieb`, so lang` du lieben kannst,

O lieb`, so lang` du lieben magst,

Die Stunde kommt, die Stunde kommt,

Wo du an Gräbern stehst und klagst!

 

Ferdinand Freiligrath

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Stabat Mater speciosa

 

An der Kripp` in Mutterwonne

Stand der Jungfrau`n schönste Sonne,

Als das holde Kindlein schlief;

Und durch ihre freudetrunk`ne,

Ganz in Liebesglut versunk`ne

Seele drang der Jubel tief.

O wie ströhmt die Freudenquelle

Durch die unbefleckte Seele

Dieser Jungfrau-Mutter hin!

Welch ein himmlisches Entzücken

Strahlt aus allen ihren Blicken

Auf das Gotteskindlein hin!

Wer vermag wohl ohn` Entzücken

Christi Mutter anzublicken

In so süßem Himmelstrost?

Wer bleibt ohne Wonneträne,

Schaut er an die Freudenszene,

Wie ihr Kindlein sie liebkost?

Ob der Menschheit tiefem Falle

Sieht sie Jesum hier im Stalle,

In des Frostes scharfer Pein;

Aber trotz der Kindheit Wimmern,

In zerfall`nen Stallestrümmern

Dennoch angebetet sein.

Gottes Engel steigen nieder,

Singen frohe Jubellieder

Ob dem Stalle in der Nacht;

Greis und Jungfrau stehen schweigend,

Mit dem Herzen niedersteigend

In des Wunders tiefen Schacht.

Mutter, Quell der heil`gen Liebe,

Senke deiner Inbrunst Triebe

Tief, recht tief, mir in das Herz!

Fülle es mit Liebesgluten

Und lenk alle seine Fluten

Gottgefällig himmelwärts!

Dies ist mir die liebste Gabe:

In mein Herz, o Mutter, grabe

Tiefe Liebeswunden ein,

Und mit deinem Himmelssohne,

Der die Streu gewählt zum Throne,

Lass mich teilen alle Pein!

Deine Freud` ich nur verlange,

Dass ich an dem Kindlein hange

Meine Lebenstage all`.

Lass mich liebend dir zu Füßen

Stets voll Freud` dein Knäblein grüßen

Hier im öden Jammertal!

Mach, dass jeder so sich sehne,

Und dass ganz mein Herz gewöhne

Diese heil`ge Sehnsuchtsqual!

Hohe Jungfrau der Jungfrauen,

Wehr` mich nicht, dein Kind zu schauen;

Lass mich`s drücken fest an mich!

Lass mich`s tragen dieses Kindlein,

Das den Tod besiegt in Windlein,

Da es sterben will für mich!

Lass mit dir mich Wonne tauschen,

In dem Kindlein mich berauschen

Jubelnd in Begeisterung!

Vor der Liebe Glutempfinden

Fühl` ich alle Sinne schwinden

Ob solcher Vereinigung.

Lass das Kindlein mich bewachen,

Seine Gottheit stark mich machen,

Fest mich in der Gnade steh`n!

Und wenn einst der Leib verweset,

Lass die Seele dann erlöset

Deines Sohnes Antlitz seh`n!

 

P. N.

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Ein bekanntes Haus

 

Nichts ist so traurig, als ein Haus zu sehen,

Das wir einst sahn von Freundesnäh` verschönt,

Wenn in das Haus nun fremde Menschen gehen,

Und fremder Stimmen Schall drin wiedertönt!

 

Von außen ist`s dasselbe, ganz so heiter,

So heimisch schaun uns noch die Fenster an; -

Doch geht gesenkten Blicks man trübe weiter,

Weil man den alten Gruß nicht finden kann!

 

Versucht man auch den Wahn noch festzuhalten,

Zu täuschen sich im stillen Sehnsuchtsflug –

So stören fremd unheimliche Gestalten

Nur allzuschnell den tröstenden Betrug:

 

Es ist, - als wollt` das Haus uns peinlich quälen

Mit seines Äußern fröhlich-schmuckem Schein; -

Denn da, wo alte, gute Freunde fehlen,

Sollt` auch das alte Haus in Trauer sein!

 

 

Julie Gräfin von Oldofredi-Hager

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Krippenlied

 

Was ist das doch ein holdes Kind,

Das man hier in der Krippe find`t?

Ach, solch ein süßes Kindelein,

Das muss gewiss vom Himmel sein!

 

Die Frau, die bei der Krippe kniet

Und selig auf das Kindlein sieht,

Das ist Maria fromm und rein;

Ihr mag recht froh im Herzen sein.

 

Der Mann, der zu der Seite steht

Und still hinauf zum Himmel fleht,

Das muss der fromme Josef sein;

Der tut sich auch des Kindleins freu`n.

 

Und was dort in der Ecke liegt

Und nach dem Kindlein schaut vergnügt,

Ein Öchslein und ein Eselein,

Das mögen gute Tierlein sein.

 

Und was den Stall so helle macht,

Und was so lieblich singt und lacht,

Das sind die lichten Engelein,

Die schau`n zu Tür und Fenster ein.

 

Sei hochgelobt, du dunkle Zell!

Durch dich die ganze Welt wird hell;

Klein Kindlein in Mariens Schoß,

Wie bist du so unendlich groß!

 

Luise Hensel

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Christkinds Freuden

 

Wohl magst, Jungfrau, du mit zarten

Küssen deinen Sohn bedecken

Und die treuen Mutterarme

Um das holde Kindlein strecken;

Aber wisse: seiner warten

And`re Küss und and`re Arme,

Die ihm wohl noch süßer schmecken.

 

Süßer noch, als deine reine

Lipp`, ist ihm der Friedenskuss,

Den er einem Sünder bietet,

Und es gibt ihm höh`re Lust,

Wenn man seine Arm` und Beine

An das harte Kreuzholz nietet,

 

Als zu ruh`n an deiner Brust.

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Das Blümlein Vergiss

 

Es blüht ein Blümlein im finstern Hain,

Nicht viele sind, die es brechen;

Ganz einsam will es gesuchet sein,

Und Dornen hat es, die stechen!

Tief wird es mit Tränen eingesät,

Und langsam keimt es und blühet spät,

Doch Ruh` hat, wer es gebrochen.

 

Das Blümlein, wie Reif so weiß und zart,

Im Mondschein wächst es alleine;

Das Sonnenlicht scheint ihm zu stark und hart,

Der Quellen ernähret es keine.

In schaurigen Nächten keimt`s empor,

Die Schwermut schirmt`s mit dem Trauerflor

Und nährt es mit tröpfelnden Tränen.

 

Gemieden wird es von Groß und Klein,

Doch heilt es die blutenden Herzen;

Die lächelnde Jugend verschmähet sein

Und scheut die verschwisterten Schmerzen.

O, wer`s nicht sucht, der die Ruh` verlor,

Und bitteren Schmerz er sich auserkor

Und gehet irr` bis zum Grabe.

 

Entsagen muss er der Freud` und dem Glück,

Der Freundschaft, der Lieb` und der Treue.

Oft senkst du den schwimmenden Blick zurück,

Ob der Jugendtraum sich erneue?

Gesät ist nun die bittere Saat,

Die von der Welt dich entfesselt hat,

Und nie entsprosst sie hienieden.

 

Doch tief im Hain, wo der West verhallt,

Und Tannen schauerlich schwanken,

Da wandelt die ernste Grabgestalt,

Die hohe Stirn voll Gedanken.

Sie hält das Blümlein so totenweiß,

Wie Nordlicht scheint`s und ist kalt wie Eis –

Sie reicht`s: „Vergiss und entbehre!“

 

Friederike Brun, geb. Münter

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Der Himmel der Erinnerung

 

Ob auch trüb dein Leben hingeflossen,

Ob auch oft, so Tag und Nacht

Durchgeängstigt, durchgewacht,

Sich der Tränen Strom ergossen:

Einmal doch in deiner Jahre Lauf

Tut gewiss sich dir der Himmel auf;

Einmal doch mit Geist und Herz im Bunde

Kam dir eine Himmelsstunde!

 

Ob der Kindheit froher Mut sie schenkte,

Ob der Jugend Morgenrot

Sie dem Herzen liebend bot,

Ob sie sich herniedersenkte

In des ernsten Strebens regem Fleiß:

Einmal trat sie in des Lebens Kreis,

Einmal, einmal in des Lebens Tagen

Hat die Hehre dir geschlagen!

 

O, wenn alles später dir erbleichet,

Sich der Grabesstille naht,

Keine Ähre aus der Saat

Der Vergeltung Korn dir reichet:

Rufe dir der schönen Stunde Glück

Ins Gedächtnis freudig nur zurück,

Und der Himmel, den sie dir gegeben,

Leuchtet wieder in dein Leben!

 

Denn der ew`ge Herr der vollen Garben

Lässet keinen, der das Feld

Dieses Lebens treu bestellt,

Bei der reichen Ernte darben:

Einen Himmel in die Menschenbrust

Goss er aus in der Erinn`rung Lust,

Und ein Himmel jenseits jener Sterne

Glänzt der Hoffnung aus der Ferne!

 

Theodor Hell

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Beruhigung

 

Ein Abend ist dem Edlen einst beschieden,

Von der Erinn`rung Rosenlicht verschönt;

Im Schatten ruhn nach langem Pfad der Müden,

Vom lauten Ruf des Lebens nicht umtönt;

In ihrer Brust wohnt Seligkeit und Frieden,

Nie welkt der Kranz, der ihre Stirne krönt;

Wer so, wie sie, des Tages Last getragen,

Hört ohne Grau`n die Vesperglocke schlagen.

 

Nur wähne nicht des Abends sich zu freuen,

Wem ungenützt der Strahl des Mittags glüht;

Wie fleißig hier des Guten Samen streuen,

Seh`n hoffnungsvoll, wie ihre Ernte blüht.

Es reift die Frucht des Himmels dem Getreuen,

Der rastlos sich, sie wohl zu pflegen, müht:

Ermatten wird er nie im edlen Streben,

Der Abend kommt, ihm reichen Lohn zu geben.

 

Und wenn sich auch die Knospe spät entfaltet,

Der Treue wankt in seiner Hoffnung nicht;

Wie drohend sich der Himmel rings gestaltet,

Ihm strahlt der Stern der frohen Zuversicht;

Der Herr der Saat, der auch im Sturme waltet,

Durchschauet ihn, und hält, was er verspricht.

Mag dem Verdienst des Glückes Schimmer weichen,

Der Abend naht, um alles auszugleichen.

 

Verstumme denn des Kummers feige Klage!

Mit Heldenmut bewaffne sich das Herz,

Gemessen ist die Spanne seiner Tage,

Gewogen hat die Vorsicht Lust und Schmerz.

Welch stiller Gram an seiner Ruhe nage,

Der Edle blickt vertrauend himmelwärts.

Sucht er am Tag der Mühen Preis vergebens:

Er glänzt ihm mild im Abendrot des Lebens!

 

Christoph Christian Hohlfeld

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Wirbel

 

Mächtig zieht der weite breite

Silberstrom dahin, dahin;

Was vermöcht` ihn aufzuhalten,

Was zu ändern seinen Sinn?

 

Siehe, hier am Felsenvorsprung

Kreist ein Flutgedräng` zurück,

Kreist und weilet, flieht und eilet

In den Zauberkreis zurück.

 

Wirbel wächst und schwillt und sprudelt,

Wirbel sich zum Trichter senkt,

Rauscht und lauscht und sprudelt, spiegelt,

Spielt von neuem umgelenkt;

 

Wächst von oben, wie er unten

Fort sich in den Strom verliert,

Während bleibend unerschöpflich

Neu sich die Gestalt gebiert. –

 

Mensch, von welchem starken Vorsprung,

Welcher Strömung treu und gut

Kommt des Lebens stets gewährte,

Stets verzehrte Wirbelflut?

 

Immer bist du dir derselbe,

Immer doch ein anderer,

Und zerrinnend wie gewinnend

Durch und durch ein – Wanderer!

 

Carl Schimper

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Nimmer genug!

 

Ruhloser Erdensohn, der in den Sternen forscht,

Sich in die Tiefen senkt, wo still die Perle reift,

Im schwankgebundenen Kahn wandernde Wolken teilt,

Nimmer wird dir genug!

 

Willig zu deinem Dienst ward dir des Feuers Kraft,

Kühn aus der Berge Schoß holst du das rote Gold,

Schlingst um den Scheitel dir schimmernder Kronen Reif,

Nimmer wird dir genug!

 

Meere durchschwimmt dein Kiel, Wüsten durchfliegt dein Ross,

Schwindelnder Klippen Rand streifet dein kecker Fuß

Über dem Donner hoch, wo selbst die Gämse bebt,

Nimmer wird dir genug!

 

Kündend von Pol zu Pol trägt dir der leichte Draht

Schnell den Gedanken hin; dir auf dem Eisenpfad

Schleppet das Riesentier brausend die Räderlast,

Nimmer wird dir genug!

 

Ach, und ein schlicht Gewand, das kaum die Glieder deckt,

Ein unbesonnter Raum, wenige Schritte lang,

Und etwas Erde nur, die sich zum Hügel formt,

Sind dir doch einst genug!

  

Feodor Löwe

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Dem lieben Christkind

 

Gegrüßt im gold`nen Sternenscheine

Sei wieder mir, du heil`ge Nacht!

Die Lieb` zu uns ist`s, die alleine

Gott hat zur Welt herabgebracht.

 

Da liegst du in der Krippe drinnen

So arm, du göttlich süßes Kind;

Die Glieder, eingehüllt in Linnen,

Sind kaum geschützt vor Winterwind.

 

Du frierst, indes an deinem Herzen

Die ganze Menschheit sich erwärmt;

An Leib und Seele fühlst du Schmerzen,

Auf dass uns keine Not mehr härmt.

 

Du kamst ja nicht in uns`re Mitte

Vom Glanz der Erde reich geschmückt,

Du wählst dir die zerfall`ne Hütte,

Wo dich nur Not und Mangel drückt.

 

Auch hast du schon in frühen Stunden,

Ja in der ersten Erdennacht,

Viel bitt`re Leiden still empfunden,

Die uns`re Sünden dir gebracht.

 

D`rum diese kleinen Händchen strecken

Sich nach den Sündern flehend aus

Und wollen alle Schuld bedecken

Und ziehen uns ins Vaterhaus.

 

O hätt` ich heute dir zu schenken

Was deiner Gottesliebe wert! –

Doch kann ich nur die Blicke senken,

Weil meiner Seel` des Schmuck`s entbehrt.

 

Lass d`rum bescheiden mich versammeln

Zu deinen Hirten auf dem Feld;

Ich will, wie sie, dir Grüße stammeln,

Weil dir das Niedrige gefällt.

 

Ich will dich liebend an mich drücken

Als meinen holden Weihnachtsgast,

Und fühle sie mit Hochentzücken

Am Herzen, diese süße Last.

 

Ich lege still und selbstvergessen

Mein Herz auf dieses harte Stroh;

Ich gebe dir, was ich besessen,

Und werde wieder gottesfroh.

 

Dann sag ich dir in heil`ger Stille,

Was dir Maria einst gesagt:

„An mir, o Herr, gescheh` dein Wille,

Mein Jesus, ich bin deine Magd!“

 

Und wenn mir deine Hand zum Feste

Auch nur das Kreuz bescheren will,

So weiß ich ja, du gibst das Beste,

Und halte dir in Demut still.

 

So leg` ich heute meine Sorgen

Und all mein tiefgeheimes Leid

In deine Krippe, still verborgen;

Dann sind sie, Herr, von dir geweiht.

 

Ergeben will ich weiter tragen

Mit dir, geliebtes Jesuskind,

Was du mir sendest, ohne Klagen,

Dass wir im Kreuz vereinigt sind.

 

Gar süß die Weihnachtsglocken klingen

Hell schallend durch die Dunkelheit,

Und lichte Engelscharen bringen

Uns Kunde von glücksel`ger Zeit.

 

Es öffnen sich die Himmelspforten,

Die Kirche singt ihr Gloria, -

Das ew`ge Wort ist Fleisch geworden,

Das Kind von Betlehem ist da!

 

Gegrüßt, du seligste der Nächte,

Die den Erlöser uns gebracht;

Ja von Geschlechte zu Geschlechte

Seist du gegrüßt, o heil`ge Nacht!

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Corde natus ex parentis

 

Du aus Vaters Herz entsprossen

Vor der Welt seit Ewigkeit!

Du der Anfang und das Ende,

Quell und Zielpunkt aller Zeit!

Herr der Gegenwart und Zukunft,

Herr du der Vergangenheit!

 

O du seliger Geburtstag,

Als die Jungfrau Mutter war,

Als sie, die vom Geist empfangen,

Unser Heil zur Welt gebar,

Als das Jesuskind sein heilig

Antlitz stellt den Menschen dar!

 

Singet laut, ihr Himmelshöhen;

Singt dem Herrn ihr Engel all`!

Was nur immer Kraft hat, stimme

Mächtig ein zum Jubelhall!

Keine Zunge möge schweigen;

Alles sei ein Lob und Schall!

 

Er, auf den in alten Zeiten

Längst die Seher wiesen hin;

Er, von dem auch der Propheten

Schriften sprechen – er erschien;

Der Verheiß`ne ist gekommen,

Alle Welt lobpreise ihn!

 

Komm, o Jugend! Kommt, o Greise!

Komm du munt`rer Knabenchor!

Mütter ihr und Jungfrau`n kommet!

Komm, der frommen Mägdlein Flor!

Singet wie aus einem Munde

Heil`ges Lied zu Gott empor!

 

Dir, o Christe, nebst dem Vater

Und dem heil`gen Geist, geweiht

Sei der Preis und frohes Loblied

Und der Dank in Ewigkeit!

Ehre, Kraft, Triumph und Stärke,

Herrlichkeit zu jeder Zeit! Amen.

 

Emmeran H.

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Mariä Herbergsuchen

 

Die Mutter Gottes geht umher,

Ihr Aug` ist nass, ihr Herz ist schwer.

Ach, denkt sie, - ob ich nirgends find`

Wohl Herberg für mein liebes Kind?

 

Zu Betlehem weist man mich fort,

Sie achten nicht mein bittend Wort,

Sie haben nirgend einen Platz

Für Gottes Sohn, des Himmels Schatz!

 

So such ich bei den Christen nun

Ein Herz, das auf sich möchte tun,

Und laden voller Liebe ein

Die Mutter und das Kindelein.

 

So geh` ich denn Tag ein, Tag aus,

Jetzt im Advent von Haus zu Haus

Und klopf an jedes Herzens Tür:

Wer lässt mich ein? Wer öffnet mir?

 

Ich klopf nicht laut, ich red` nicht lang,

Still ist mein Fleh`n und still mein Gang;

Ein Herz, das sünd- und weltbetört,

Wohl leicht mein Bitten überhört.

 

Doch wo man liebend ein uns lässt,

Da bring ich mit zum Weihnachtsfest

So helles Licht, so große Freud`,

Wie diese Welt sie niemals beut.

 

Solch Herz wird dann zum Krippelein,

Da bett` ich gern mein Kind hinein,

Und wer dies Kindlein hat und hält,

Hat schon den Himmel auf der Welt.

 

O liebe Mutter, zart und rein,

Kehr doch in unserm Herzen ein;

Wir haben`s liebend dir gericht`

Und bitten dich, verschmäh` es nicht!

 

Und was wir leiden, was wir tun,

Ein Liebesopfer sei es nun,

Das wie ein Lichtlein im Advent

Zur Ehre deines Herzens brennt!

 

Dies Herz, so makellos und rein,

Schließt ja den Herrn des Himmels ein

Und bringt uns in der heil`gen Nacht,

Was diese Welt zum Himmel macht!

 

Cordula Wöhler

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Zum Fest Mariä Erwartung

 

Eine Maiblum` ist entsprungen

Aus der Wurzel Jesse zart,

- Wie Propheten einst gesungen -

Von der allerschönsten Art.

 

Sieh! die Wurzel, die ich meine,

Ist aus König Davids Stamm;

Jesus ist die Blum` alleine,

Reiner Seelen Bräutigam.

 

Doch wie heißt der Wundergarten,

Wo dies Blümlein duftend steht,

Das die Engel freudig warten,

Dem des Edens Hauch entgeht?

 

Sieh! Maria ist`s die süße,

Der mein Loblied nimmer schweigt,

Die im Morgenstrahl ich grüße,

Und wenn sich die Sonne neigt.

 

Zarte Blume! Wurzel Jesse!

Wer doch stillt die Sehnsucht mein,

Dass ich euer nie vergesse,

Und euch trag` im Herzensschrein!

 

Wenig Nutz und wenig Frommen

Gibt mir and`rer Blumen Reiz;

Kaum ist ihre Pracht erglommen,

So verwelken sie bereits.

 

Ihr allein gebt mir im Leiden

Süßen Trost und Herzensruh`.

D`rum soll nichts von euch mich scheiden,

Bis einst deckt das Grab mich zu.

 

Jesu mein, und liebe Fraue;

Euch nur sei mein Herz geschenkt!

Macht, dass ich euch einstens schaue,

In der Freuden Meer versenkt.

 

(Nach P. Procopius OCM 1667)

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An Maria, die unbefleckt Empfangene

 

O Salem`s schönste Tochter, Gottgeweihte,

Sei uns gegrüßt im reinen Mutterschoß!

O Kind, in dem die Menschheit sich erneute,

Schon heut` vor allen Engeln reich und groß:

Wo in der Schöpfung ew`gem Wunderreich

Ist eine Schönheit deiner Schönheit gleich?

 

Die Erde schmückt sich bräutlich hold im Lenze,

Sie windet Rosen in ihr duftend Haar,

Sie lächelt; - doch die schönsten ihrer Kränze,

Sie bieten oft ein welkes Blatt uns dar:

Im reichsten Kranze prangest du allein,

O Jungfrau, ewig schön und ewig rein!

 

Die Morgenröte hellt des Himmels Höhen

Wie Opferglut in immer neuer Pracht,

Und doch, wie oft umgraut in Sturmeswehen

Auf einmal sie der Wolken traur`ge Nacht?

Als Wundermorgen prangest du allein,

Maria, ewig schön und ewig rein!

 

O gieße heut` aus deines Lichtes Glanze

Nur einen Strahl auf deiner Lieben Schar!

O reiche heut` aus deinem Lilienkranze

Der Lilien Eine nur den Deinen dar!

Mach` unser aller Herzen engelrein,

Wie könnten sonst wir deine Kinder sein?

 

(Verkürzt nach P. Schleininger SJ)

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Warum?

 

Warum, wenn milde Weste kosen,

Des Sturmes Drohn im Hintergrund?

Warum an allen Erdenlosen

Die Freude nur mit Schmerz im Bund?

Darum von Ahnung nur ein Schauer,

Von Wonne nur ein Silberblick?

Treu bleibt dem Herzen seine Trauer,

Und treulos flieht sein Glück zurück.

 

 

Errötend tritt ins Frühlingsleben

Der Rose süße Huldgestalt,

Von Träumen, die ihr Engel weben,

Von Liebesmelodien umwallt;

Doch kaum kann sie sich recht besinnen

Mit ihrer Seele, dornumhegt,

Ihr Traum und Seele schon von hinnen

Der Todesengel Fittig trägt.

 

Warum so kurzes Rosenleben?

So lang des Unglücks Seufzerbahn?

Beschwingt sieht man die Luft entschweben,

Der Jammer schleicht den Berg hinan.

Warum der flücht`ge Tag gegattet

Mit einer langen Winternacht?

Warum das Auge gramumschattet,

Das eben Seligkeit gelacht?

 

„Warum?“ – Warum des Undanks Frage?

Sie spricht der höchsten Güte Hohn.

Willst du an deinem Läut`rungstage

Die schlackenlose Freude schon?

Warum? so lass mich lieber fragen,

Willst du nicht, gottdurchglüht und still,

Das Ziel erstrebend, würdig tragen,

Was deines Schöpfers Meinung will?

 

Nimm mit Vertraun, was dir beschieden.

Und ringe mutig im Orkan;

Die schrecklichste Gefahr hienieden

Droht auf des Zweifels Ocean.

Nur in des Glaubens goldnem Kahne

Bist vor Versinken du geschützt,

Nicht in dem töricht-stolzen Wahne,

Der sich auf eigne Weisheit stützt.

 

Du darfst ja nur ein wenig warten,

Bis höhres Wirken dich beglückt,

Wie es, im hochgebauten Garten,

Als höhres Sein die Seele pflückt:

Dort in der Heimat unsrer Träume,

Die vorwärts winket und hinauf,

Blüht dir am heiligsten der Bäume

Auch aller Fragen Lösung auf!

 

Henriette Ottenheimer

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Die unbefleckte Empfängnis

 

Ganz schön bist du, und nicht die kleinste,

Geringste Makel ist an dir!

Du, meine Taube, bist die Reinste,

Des ganzen Weltalls Ruhm und Zier;

Ganz schön bist du! – schön wie die Sonne

Und lieblich wie des Mondes Licht;

Dein Anblick schafft dem Aug` nur Wonne,

Dein Wort so tief zum Herzen spricht!

 

Chor:

Preis und Ehre sei, o hehre,

Unbefleckte Jungfrau dir; -

Dir, der Einen Sündenreinen,

Huldigen voll Ehrfurcht wir!

 

Ganz schön bist du! – Schon, als gefallen

Im Paradies das Elternpaar, -

Da stellte Gott dich – ihm und allen

Als Frührot der Erlösung dar:

„Sieh`, Feindschaft setz` ich zwischen beiden,

Der Schlange Haupt zertritt der Fuß

Des Weibes!“ – und so bracht` mit Freuden

Schon Adam dir den ersten Gruß.

 

Chor:

Ja voll Sehnen und in Tränen

Rief das erste Elternpaar

Nach der Einen, die erscheinen

Sollte, aller Sünden bar.

 

Ganz schön bist du! – Schon die Propheten,

Sie schauten wie geblendet hin

Auf dich, die in der Menschheit Nöten

Erscheinen sollt` als Trösterin!

„Die Jungfrau, sieh`! – wird schwanger werden.“

- Rief Isaias laut ins Land, -

„Und einen Sohn schenkt sie der Erden,

Emanuel wird er genannt.“

 

Chor:

Alle neigten sich, bezeigten

Dieser Jungfrau Preis und Ruhm;

Alle sahen sehnend nahen

Sie, der Menschheit schönste Blum`.

 

Ganz schön bist du! – Als nun gekommen

Die von dem Herrn bestimmte Stund`,

Ward einem Paar, - aus allen frommen

Das frommste, - Gottes Botschaft kund`.

Joachim und St. Anna – beiden

Erschien ein Engel von dem Herrn,

Verkündend, dass nach langen Leiden

Die Freudenstunde nicht mehr fern.

 

Chor:

Aus dem Herzen floh`n die Schmerzen,

Da St. Anna nun empfing;

An dem Kinde, frei von Sünde,

Göttliche Verheißung hing.

 

Ganz schön bist du, - o Makellose!

Und nichts hienieden ist dir gleich,

Die du als unentweihte Rose

Entspringst dem reinsten Erdenreich`!

O Kind, da heut` du trittst ins Leben,

Bringst Segen du der ganzen Welt!

Nichts Größ`res konnte Gott uns geben

Als dich, die alles Heil enthält.

 

Chor:

Glück und Gnaden – deinen Pfaden

Gehen reichlich sie voraus;

Trost und Segen willst du legen

In ein jedes Herz und Haus!

 

Ganz schön bist du – im Morgenschoße,

Im reinsten – noch verborgen jetzt;

Ist doch durch dich die Tat, die große,

Des Heiles schon ins Werk gesetzt!

Die Mutter des Erlösers – heute

Ihr hehres Dasein sie beginnt,

Und Engel schweben still zur Seite

St. Anna`s makellosem Kind!

 

Chor:

Lilienblüte, Gottes Güte

Hat dir solchen Duft verlieh`n,

Dass alleine du, o Reine,

Kannst den Sohn vom Himmel zieh`n!

 

Ganz schön bist du! – Vor deinem Bilde,

O Unbefleckte, knien wir nun,

Dir, die so reich an Macht wie Milde –

Soll unser Herz zu Füßen ruh`n!

Auch soll das liebste deiner Feste

Uns stets das der Empfängnis sein,

Bis wir dereinst als Himmelsgäste

Es feiern in der Sel`gen Reih`n!

 

Chor:

Makellose Himmelsrose

Sei gegrüßt mit frommem Sinn!

Führ` uns milde ins Gefilde

Ewig sel`ger Freuden hin!

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Advent

 

Advent! du bringst das erste Fest,

Das wonnigste ins Jahr!

O, was sich nimmer fassen lässt,

Es wird nun dennoch wahr!

In früher, stiller Dämmerzeit

Geht auf des Himmels Tor;

Aus einer Jungfrau, hochgeweiht,

Sprosst Gottes Wort hervor.

 

So ist aus Schnee und Eisesschicht

Die Rosensaat erwacht,

Das allersegenvollste Licht

Wohl aus der längsten Nacht.

Maria ist das Morgenrot,

Davor das Dunkel sinkt;

Wir werden schauen unsern Gott,

Die Weihnachtsglocke klingt.

 

Ich grüße dich, du Himmelsstrahl,

Du Feierglockenklang!

Ich grüße dich viel tausendmal

In sel`gem Liebesdrang.

Und du in Windeln eingehüllt,

Du Lamm, sei mir gegrüßt,

Das unser aller Schmerzen stillt

Und uns`re Schulden büßt!

 

O führ` uns an die Krippe hin

Du Königin der Welt,

Und gib uns jenen Kindersinn

Der deinem Sohn gefällt!

Maria! mach` den Geist uns frei,

Die Herzen rein von Sünd`,

Dass jedes eine Ruh`statt sei

Für dein geliebtes Kind!

 

O du, die ihren Morgenstern

Die ganze Menschheit nennt,

Erfleh` uns Liebe zu dem Herrn

Und Treue bis ans End`!

Dann klingt uns noch im Sterben fort

Der Weihnachtsglocke Ton,

Und du, Maria! führst uns dort

Zu Jesus, deinem Sohn.

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Ave Maria!

 

Hernieder vom Turme tönt`s kräftig und laut,

Es klinget so freundlich, so lieblich, so traut:

Ave Maria!

 

Dann still in der Hütte es lispelt ganz leis

Und tönt so innig der Jungfrau zum Preis:

Ave Maria!

 

So grüßet der Unschuld jungfräuliches Herz,

Und bittet der Sünder, still weinend vor Schmerz:

Ave Maria!

 

So betet der Mann noch in blühender Kraft,

Und hauchet der Greis, vor der Tod ihn errafft:

Ave Maria!

 

Im Leide erstrahlet gleich himmlischem Licht,

Wie jubelnd aus freudigem Herzen es bricht:

Ave Maria!

 

Soweit drum die Sonne den Erdplan umkreist,

Erschallet das Wort, das zum Himmel uns weist:

Ave Maria!

 

Ja! Ave Maria! so tönt es fort

Von Stunde zu Stunde, von Ort auch zu Ort!

Es klinge in süßer Harmonie,

Es klinge immer, verhalle nie!

Ave Maria!

 

Ave Maria! so bete ich still,

Wenn ich zur Ruhe mich legen will.

 

Ave Maria! spreche ich laut,

Wenn Morgensonne durch`s Fenster schaut.

 

Ave Maria! ruf` ich geschwind,

Wenn heiß und schwer meine Pflichten sind.

 

Ave Maria! flehe ich gleich,

Wenn ängstliches Zagen mich dann beschleicht.

 

Ave Maria! ist stets mein Gebet,

Wenn gut es mir oder wenn`s übel ergeht.

 

Ave Maria! dies ist mein Trost,

Wenn grause Sturmeswut mich umtost.

 

Ave Maria! mein Dankgebet ist,

Wenn Freude und Wonne mich sanft umfließt.

 

Ave Maria! zu jeder Stund`

Ich schick` es zum Himmel mit Herz und Mund.

 

Ave Maria! sei noch mein Gebet,

Wenn dann einst mit mir es zum Sterben geht.

 

Ave Maria! wills rufen im Tod,

Es wird mir helfen in größter Not.

 

Ave Maria! soll`s tönen auch fort,

Wenn wohnen ich darf bei den Engeln dort.

 

Ave Maria! in Ewigkeit

Will jubeln ich einstens voll Seligkeit.

 

Ave Maria!

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Vergeistigung

 

Halt am Glauben: Alles werde

Wieder, was es war zuvor!

Erdenstoff, vergeh` zur Erde,

Lichtgeist, steig` zum Licht empor!

 

Immer fester wird vereinigt,

Was hier geistig blieb verwandt,

Nur verwandelt, nur gereinigt,

Wenn die Schlacken ausgebrannt.

 

Eitles Forschen hemmt und blendet,

Bist du selbst nicht rein gestimmt;

Wo das Irdische sich endet,

Erst das Himmlische beginnt.

 

Sieh dort siebenfarbig schweben

Bundesbotschaft! Bis zu ihr,

Höher selbst kannst du dich heben,

Sie herab nicht ziehn zu dir.

 

Drum soll auf dein Blick sich richten!

In Beständigkeit bewährt,

Werd` in deines Innern lichten

Taborhöhen rein verklärt!

 

Stille Heilsgesichte zeigen

Frommer Patriarchen Schaar,

Und die Engel Gottes steigen

Auf- und abwärts wunderbar.

 

Eine Himmelspforte werde

Dir des grünen Friedhofs Tor;

Erde, sink herab zur Erde,

Lichtgeist, steig zum Licht empor!

 

Arthur von Nordstern

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Fragen und Antwort

 

Was ist dem Gotteskind das Leben? –

Ein Pfand zum ew`gen Heil gegeben.

 

Was ist dem Gotteskind das Glück? –

Aus ew`gem Schatz ein Kleinodsstück.

 

Was ist dem Gotteskind der Schmerz? –

Ein Vaterruf: „Flücht` an mein Herz!“

 

Was ist dem Gotteskind der Tod? –

In Schiffbruchsnot ein Rettungsboot.

 

Halt` nicht den Tod für bittres Muss:

Er ist ein sel`ger Engelskuss!

 

Friedrich de la Motte Fouque

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Höhe und Tiefe

 

Über uns die goldne Sonne,

Unter uns der Erde Schoß.

In der Höhe – Himmelswonne,

In der Tiefe – stilles Los.

 

Oben – Leben, unten – Schlummer,

Gruß hinab und Gruß hinauf!

Unten bleibt der Erdenkummer,

Nach der Höhe geht der Lauf.

 

Ludwig Würkert

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Maria zu lieben

 

Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn;

In Freuden und Leiden ihr Diener ich bin.

Mein Herz, o Maria, brennt ewig zu dir

In Liebe und Freude, o himmlische Zier!

 

Maria, du milde, du süße Jungfrau,

Nimm auf meine Liebe, so wie ich vertrau!

Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein

Im Leben und Sterben dir einzig allein.

 

Gib, dass ich von Herzen dich liebe und preis`;

Gib, dass ich viel Zeichen der Liebe erweis`;

Gib, dass mich nichts scheide, nicht Unglück noch Leid,

Um treu dir zu dienen in Glück und in Freud`!

 

Ach, hätt` ich der Herzen nur tausendmal mehr!

Dir tausend zu geben, das ist mein Begehr;

So oft mein Herz klopfet, befehl ich es dir,

So oft ich nur atme, verbind ich mich dir.

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O unbefleckt empfang`nes Herz!

 

O unbefleckt empfang`nes Herz, Herz Mariä!

Bliebst makellos in Freud` und Schmerz, Herz Mariä!

 Nimm mein Herz,

Dein soll es sein;

Schließ` in deine Lieb` es ein,

Teil` mit ihm stets Freud`` und Schmerz!

Mächt`ges Herz, güt`ges Herz,

Bitte für mein armes Herz!

 

O der Verirrten sich`res Licht, Herz Mariä!

Der Sünder Zuflucht, Zuversicht, Herz Mariä!

 Nimm mein Herz,

Dein soll es sein;

Schließ` in deine Lieb` es ein,

Teil` mit ihm stets Freud`` und Schmerz!

Mächt`ges Herz, güt`ges Herz,

Bitte für mein armes Herz!

 

O aller Herzen Schmuck und Freud`, Herz Mariä!

O süßer Trost im Herzeleid, Herz Mariä!

 Nimm mein Herz,

Dein soll es sein;

Schließ` in deine Lieb` es ein,

Teil` mit ihm stets Freud`` und Schmerz!

Mächt`ges Herz, güt`ges Herz,

Bitte für mein armes Herz!

 

Gekröntes Herz im Himmelsglanz, Herz Mariä!

Dir winden wir den Rosenkranz, Herz Mariä!

 Nimm mein Herz,

Dein soll es sein;

Schließ` in deine Lieb` es ein,

Teil` mit ihm stets Freud`` und Schmerz!

Mächt`ges Herz, güt`ges Herz,

 

Bitte für mein armes Herz!

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Gegrüßet seist du Königin!

 

Gegrüßet seist du Königin, o Maria!

Der ganzen Welt Beschützerin! Alleluja!

Freut euch ihr Cherubim,

Singet stets ihr Seraphim:

Salve, salve, salve Regina!

 

Du Mutter der Barmherzigkeit, o Maria!

Durch die uns Gnade Gott verleiht. Alleluja!

Freut euch ihr Cherubim,

Singet stets ihr Seraphim:

Salve, salve, salve Regina!

 

Du bist des Lebens Süßigkeit, o Maria!

Und unser Trost in Ewigkeit! Alleluja!

Freut euch ihr Cherubim,

Singet stets ihr Seraphim:

Salve, salve, salve Regina!

 

Du uns`re Hoffnung sei gegrüßt, o Maria!

Die auch den Sünder nicht ausschließt. Alleluja!

Freut euch ihr Cherubim,

Singet stets ihr Seraphim:

Salve, salve, salve Regina!

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„Wunderschön prächtige!“

 

Wunderschön prächtige,

Hohe und mächtige,

Liebreich holdselige, himmlische Frau!

Der ich mich ewiglich,

Weihe herzinniglich,

Leib dir und Seele vom Herzen vertrau;

Gut, Blut und Leben

Will ich dir geben,

Alles, was immer ich hab`, was ich bin,

Geb` ich mit Freuden, Maria, dir hin.

 

Schuldlos Geborene,

Einzig Erkorene,

Du Gottes Tochter und Mutter und Braut!

Die aus der reinen Schar

Reinste, wie keine war,

Selber der Herr sich zum Tempel erbaut;

Du makellose

Lilienrose,

Krone der Erde, der Himmlischen Zier!

Himmel und Erde, sie huldigen dir.

 

Du Treubewährte

Und Hochverklärte!

Bist auf dem Meer uns ein leuchtender Stern;

Du Hocherhobene,

Strahlenumwobene,

Du bist die Nächste am Throne des Herrn!

Dich schuf die Milde

Zum Gnadenbilde;

D`rum auch, was Himmel und Erde umfließt,

Mutter der Gnaden, Maria, dich grüßt!

 

Gottesgebärerin,

Christ Ernährerin,

Mutter an Freuden und Schmerzen so reich!

Welche der Schuldigen

Wär` dir geduldigen

Mutter an Reinheit und Tugend wohl gleich?

Du gottgeweihte,

Hochbenedeite

Mutter und Jungfrau, du schuldlos allein,

Woll` eine Mutter uns Kindern auch sein!

 

Allzeit sanftmütige,

Milde, grundgütige

Mutter des Heilands, voll Gnade und Huld!

Bitt` für uns Sündige;

Jungfrau verkündige

Du uns vom Sohne Verzeihung der Schuld;

Hilf, wenn wir leiden,

Hilf, wenn wir scheiden,

Sühne den furchtbaren Richter uns du,

Führ` deinem göttlichen Sohne uns zu!

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Stimme der Sehnsucht

 

Wenn im Traum des Kindes Brust sich hebt,

Wo Blumen und Sterne prangen,

Und aufwärts es mit den Händchen strebt

Aus den Armen der Mutter, die es umfangen:

Verstehst du nimmer, was aus dem Verlangen

Des schuldlos lächelnden Kindes spricht? –

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Orgel rauscht, die Gemeinde kniet

Zum Staube niedergebogen,

Begeistert sich hebt das fromme Gemüt,

Hinauf in die ewigen Räume gezogen:

Was ist`s, was dann aus des Busens Wogen

Von flammender Wange zu dir spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Wenn die Vesperglocke des Lebens tönt

Und den Sturm im umnachteten Leben

Der nahe Engel des Todes versöhnt,

Dann die Schwingen der Seele empor sich heben:

Wie deutest du dann des Greises Streben,

das aus dem verlöschenden Auge spricht?

Ach! kennst du die Stimme der Sehnsucht nicht?

 

Und wie? ihr fraget, warum bis zur Gruft

Die Stimme nimmer geschwiegen?

Sie stärkt ja den ringenden Dulder und ruft

Empor ihn zu ewigen Palmen und Siegen.

Uns soll der vergängliche Staub nicht genügen,

Denn dort ist die Heimat, - auf Erden nicht:

Drum laut stets die Stimme der Sehnsucht spricht!

 

C. von Lengerke

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Pilgerlied

 

Milde Königin gedenke,

Wie`s auf Erden unerhört,

Dass zu dir ein Pilger lenke,

Der verlassen wiederkehrt.

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Wer zu dir um Schutz geflohen,

Wer nur deiner nicht vergisst,

Muss bekennen, wie das Drohen

Auch der Hölle nichtig ist.

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Hast du, Mutter! deinen Söhnen

Deine Hilfe je verneint?

Hat man jemals seine Tränen,

Jungfrau! dir umsonst geweint?

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Mutter, Jungfrau der Jungfrauen!

Sieh`, ich laufe hin zu dir;

Sieh`, ich komme voll Vertrauen,

Hilf, o Mutter hilf auch mir!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Sieh` mich armen, großen Sünder

Weinend dir zu Füßen knien;

Soll das ärmste deiner Kinder

Ohn` Erbarmen von dir zieh`n?

Nein, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

O Maria! nicht verwehre,

Was ich gläubig bitten kann;

Du, des Wortes Mutter, höre

Meine Worte gnädig an!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

 

Ach, erhöre meine Worte:

Führ` mich einst zu deinem Sohn;

Öffne mir die Himmelspforte,

Dass ich ewig bei dir wohn`!

Ja, o Mutter! weit und breit

Schallt`s durch deiner Kinder Mitte:

Dass Maria eine Bitte,

Eine Bitte nicht gewährt,

Ist unerhört, ist unerhört,

Unerhört in Ewigkeit,

Unerhört in Ewigkeit.

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Mater Salvatoris (Mutter des Erlösers)

 

O Maria, sei gegrüßet,

Gnadenvolle Gottesbraut! –

Froh erschließet, fromm ergießet

Unser Herz sich jubelnd laut. –

Himmlisch Reine!

Dir alleine

Ward das Heil der Welt vertraut! –

 

Ach, wir waren all` verloren,

Ewiglich und rettungslos;

Da hat dich der Herr erkoren,

Dich, durch deine Demut groß. –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Machtest glücklich unser Los!

 

Sei gesegnet, sei gepriesen;

Denn du trägst das Licht der Welt! –

Lass auch uns dich Mutter grüßen,

Fromm den Engeln zugesellt! –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Hast den Frieden hergestellt! –

 

Bundes-Arche, Himmelspforte,

Davids Turm du, Morgenstern:

Alles du in einem Worte,

O Maria, durch den Herrn!

Himmlisch Reine!

Dich alleine

Wollte Gott zur Mutter gern! –

 

Sei auch uns`re Mutter immer,

Segne uns mit deinem Kind; -

O verlass uns arme nimmer,

Die dir treu ergeben sind! –

Himmlisch Reine!

Du alleine

Segne uns mit deinem Kind!

 

Gedeon von der Heide (Johann Baptist Berger)

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Das Ave-Glöckchen

 

Über die Berge schallt

Lieblich durch Flur und Wald,

Glöcklein, dein Gruß; -

Bringe der Mutter mein

Über der Sterne Schein

Auch meinen Gruß!

 

Ja, sie ist gnadenvoll;

Himmel und Erde soll

Danken dem Herrn! –

Will auch ihr Glöcklein sein,

Ihr mich zum Gruße weih`n

Nahe und fern! –

 

Gott, der Allmächtige,

Ewig dreieinige

Herr ist mit ihr; -

Himmlische Königin

Sei uns`re Mittlerin

So auch mit mir!

 

Wie du gesegnet bist,

Ganz unaussprechlich ist,

Mutter und Kind; -

Selig dein heil`ger Leib,

Sel`ger denn je ein Weib

Du, ohne Sünd! –

 

Lüftchen, so milde, weh`t,

Traget mein still` Gebet

Himmelwärts fort! –

Steh` mir Maria bei,

Lebend und sterbend sei

Schirm mir und Hort! –

 

Glöcklein, so hell und rein,

Läut` mich zum Himmel ein,

Wie jetzt zur Ruh`! –

Und wie ich grüße dich,

Grüße, o Mutter, mich

Dann einst auch du!

 

Gedeon von der Heide (Johann Baptist Berger)

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Wallfahrt

 

Freue dich der Lebensreise

In des Staubes Pilgerkleid;

Sing Psalmen, dem zum Preise,

Der dich führt durch Freud` und Leid!

Atme froh den frischen Morgen!

Wenn die Sonn` im Mittag steht,

Halt` im Schatten dich verborgen,

Bis des Abends Kühlung weht!

 

Jede stille Nachtherberge

Stärke deinen Pilgerfuß,

Bis dich einst die Heimat berge

In der Wonne Vollgenuss!

Führt der Weg durch Dornenhecken,

Tröste dich der sanftern Bahn;

Drohen dir des Abgrunds Schrecken:

Mut! der Pfad steigt himmelan.

 

Ist ein steiler Berg erklommen,

Lohnt der Aussicht Herrlichkeit!

Ist der Umblick dir benommen,

Reizt des Tales Farbenkleid!

Blumen säume nicht zu pflücken,

Freundlich lacht ihr bunter Glanz,

Ihre süßen Düft` erquicken:

Sammle sie zum Erntekranz!

 

Doch das Ziel behalt` im Auge!

Meide langen Aufenthalt;

Aus der Lust der Reise sauge

Kraft, die ernst zur Heimat wallt!

Fühlest du zuletzt dich müde –

Sei getrost, das Ziel ist nah!

Schon umweht dich ew`ger Friede:

Wenig Schritt` - und du bist da!

 

Wird dir`s Reisekleid beschwerlich,

Hör` des Vaters Ruf: „Zieh`s aus!

Abgebraucht ist`s und entbehrlich,

Leg` es ab, du bist zu Haus!

Gib den Leib zurück zur Erde,

Seele, Kind der Herrlichkeit,

Frei von Kummer und Beschwerde,

Trink` den Kelch der Seligkeit!“

 

Johann Baptist von Albertini

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Gruß an Maria

 

Gegrüßet seist du Maria,

Gegrüßt mit Herz und Munde,

Gegrüßt zu jeder Stunde,

Maria sei gegrüßt!

 

So oft ich nur dich grüße,

O Gnadenreiche, Süße,

Hallt`s nach im Paradiese;

Maria sei gegrüßt!

 

In Lust und Lieb` und Freuden,

In Trübsal, Not und Leiden,

Beim Kommen und beim Scheiden

Maria sei gegrüßt!

 

Beim Ausgang und beim Eingang,

Beim Ende und beim Anfang,

Bei allem nur ein Nachklang:

Maria sei gegrüßt!

 

Und wenn man auch mich tötet,

So lang mein Blick noch redet,

So lang mein Herz noch betet:

Maria sei gegrüßt!

 

Auf meinem Grabstein stehe,

Dass es der Wand`rer sehe,

Und ohne Gruß nicht gehe:

Maria sei gegrüßt!

 

Und weil ich so dich grüße,

O Gnadenreiche, Süße,

D`rum grüß` im Paradiese

Auch mich, Maria du!

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Tod und Trennung

 

Tod ist nicht Trennung, denn der Glaube webt

Aus echtem Gold der Treue festes Band,

Das zieht vom Reich, wo frei die Seele lebt,

Sich unsichtbar durch dieses Pilgerland;

Das rauscht um teurer Wesen Grabeshügel,

An welchem schmerzbetaut das Auge weint,

Wie Harfenklang, wie freier Engelsflügel,

Verheißung: dass uns Liebe noch vereint.

 

Tod ist nicht Trennung; was des Herzens Glut,

Was warm und rein umfasst ein frischer Sinn,

Bleibt unverlierbar unser schönes Gut,

Zog es entfesselt auch zum Jenseits hin.

Wohl wandelt fern, auf ungesehnen Bahnen,

Das Herrliche in anderer Gestalt;

Doch wenn wir hoffnungsreich und gläubig ahnen,

Ist`s oft sein Hauch, der tröstend uns umwallt.

 

Tod ist nicht Trennung; reiches Leben reiht

Sich an die Stunde, die ein Auge schloss,

Und Treue nur ist`s, die das Dasein weiht,

Drum blüht sie schöner in des Himmels Schoß;

Drum kann der Tod Verbundenes nicht trennen,

Ob er auf Augenblick es auch entzieht;

Einst fühlen wir bei`m ewigen Erkennen,

Dass, was uns rein entflammte, fortgeglüht.

 

Henriette Ottenheimer

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Lichte Aussicht

 

Es schwindet das Leben im Wechsel der Zeiten!

Wer mag wohl die dämmernde Zukunft uns deuten?

Wann tauscht sich in Klarheit der forschende Blick?

Wer zieht uns den bergenden Vorhang zurück?

Das sterbliche Auge durchschauet ihn nimmer,

Und was es erspäht, ist ein trüglicher Schimmer!

 

Doch stillt sich auch nie hier das innige Sehnen

Und wechseln sie immer die irdischen Szenen,

Höhnt oft die Erwartung mit täuschendem Spiel:

Der Glaube sieht dennoch ein glänzendes Ziel;

Mag schnell auch das flüchtige Leben verrinnen,

Ein schöneres Dasein muss dort ja beginnen!

 

Lass immer verwelken, was lieblich hier blühet,

Lass immer verlodern, was flammend hier glühet,

Ob alles entschwindet, ob alles auch fällt:

Ein glänzender Strahl doch das Dunkel erhellt;

Mag Tod hier die Bande der Liebe zerreißen:

Ein Wiedersehn ward uns ja jenseits verheißen!

 

Auguste Kühn

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Maria, sei gegrüßt!

 

Mit des Engels heil`gem Munde,

Der die Botschaft dir gebracht,

Als nicht fern mehr war die Stunde,

Wo das Licht durchbrach die Nacht,

Dessen Glanz, o sel`ge Jungfrau,

Deine Stirne sanft umfließt –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Mit Elisabethens Zunge,

Da du liebreich ihr genaht,

Und die Kunde, noch die junge,

Freude streut auf deinen Pfad;

Als sie sinkt zu deinen Füßen,

Dir den Saum des Kleides küsst –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Mit der Hirten stummem Zagen,

Die dein Kindlein beten an,

Als sie sich zu nähern wagen,

Und es süß liebkosen dann;

Mit den heiligen drei Kön`gen,

Die das Licht so lang vermisst,

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

Ja mit Jesu heil`gen Lippen,

Da er dir zu Füßen saß,

Mit dir betet, mit dir lernte,

In den heil`gen Büchern las;

Ja mit Jesu süßem Herzen,

Der dir All und Alles ist –

Sei, o Mutter, sei gegrüßt!

 

O so grüße denn auch heute,

O Maria, grüße mich!

Grüße mich mein ganzes Leben; -

Doch am wärmsten flehe ich:

Grüße mich in letzter Stunde!

Wenn die letzte Träne fließt,

Sei in Gnaden ich gegrüßt!

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Aufwärts!

 

Über allen Himmeln schwebende

Jungfrau, licht und rein,

Trost und Freude gebende,

Dir sei mein Herz allein!

 

Mir blühte noch kein Frühling hier;

Zu dir sah ich hinauf;

Da gingen ew`ge Blumen mir

An deinem Himmel auf.

 

Und durch die Blumen schwebtest du

Auf gold`nen Wolken licht,

Den Sohn im Arm, voll Himmelsruh

Dein liebes Angesicht!

 

Was ist seitdem die Erde mir?

Mag geh`n sie ihre Bahn,

Hinauf zieht`s mich zu dir, zu dir;

O führ` mich himmelan!

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Das Herz, das ich liebe

 

Ich lieb` ein Herz, das ist gar rein,

So rein, wie klares Gold;

An Wert gleicht ihm kein Edelstein:

Ich bin ihm immer hold.

 

Hätt` Perlen ich wie Sand am Meer

Und Gold wie Wasserflut

Und Erdenfreuden noch so sehr,

Ihm blieb ich zuerst ich gut.

 

Und wär` ich wie der Vogel frei,

Der in den Lüften singt,

Mein Herz, es bliebe ihm nur treu;

Nur ihm mein Loblied singt.

 

Und hätte ich ein Königreich,

Wär` Herrscher ich der Welt,

Möchte` sein selbst einem Seraf gleich:

Mein Herz blieb ihm vermählt.

 

Ja würd` ich mit dem Schiffer zieh`n

Ins weite Meer hinaus,

Für dieses Herz doch würd` ich glüh`n

Trotz Flut und Sturmgebraus.

 

Und ständ` ich, wo der Abendstern

Die ferne Wolke küsst,

Ich sänge, wenn auch noch so fern:

„O Herz, sei mir gegrüßt!“

 

Ja, dieses Herz, wer liebt es nicht

Als Trost in Leid und Schmerz?

Ich lieb` es noch, wenn`s Auge bricht:

Ich lieb` Marias Herz!

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Aus dem Tod zum Leben!

 

Baumschulartig entwickelt die Erde das menschliche Leben;

Stirbst du, so rodet dich aus Gottes verpflanzende Hand! –

 

Gott gießt himmlische Glocken; die Formen sind menschliche Körper;

Schlägt er die Formen entzwei, treten die Glocken heraus. –

 

Wenn sich die Raupe verwandelt, entsteht nicht ein anderes Wesen;

Was sie im Innersten barg, ringt aus der Larve sich los.

 

Ungesehenes nur, nicht Ungewesenes flüchtet

Aus der beengenden Gruft frei in die Weite hinaus.

 

Was nach zerbrochener Hüll` in der ewigen Weite du sein wirst,

Hat im verborgenen Keim unter der Hülle gelebt! –

 

Kennst du das Morgenerwachen nach einem gesegneten Tage?

Gestern erblüheten Glücks frührot-tauigen Glanz?

 

Das ist ein Bild des Erwachens zum Glanze des ewigen Morgens,

Der dir des irdischen Tags geistige Blüte bestrahlt! –

 

Wilhelm Beste

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SS. Annunciata

 

Du kennst im alten Juda

Das Städtchen Nazareth,

An dessen fernstem Ende

Das Häuschen, das dort steht.

 

Weißt, wer in dessen Stübchen

Die Tage zugebracht

In demutvoller Arbeit

Und im Gebet die Nacht;

 

Weißt, wer vor langen Jahren

An seiner Schwelle stand

Zu mitternächt`ger Stunde,

Im strahlenden Gewand;

 

Weißt, wie der Himmelsbote,

Der lichtbeschwingte, hieß,

Weshalb des Häuschens Herrin

„Gebenedeit“ er pries.

 

Du kennst die hohen Worte,

Die diese zu ihm sprach;

Darum auch von dem allem –

Erzähl` ich nichts dir nach.

 

Von einem Dom erzählen

Möchte` ich dir heut` so gern;

Das treue Bildnis birgt er

Der reinsten Magd des Herrn.

 

Das eine, wahre, echte,

Das ihre Züge trägt.

Wie sie des Himmels Engel

Dem Wandbild eingeprägt.

 

Im grauen Mittelalter,

Da ward der Dom erbaut,

Und hat man damals schöner

Wohl wenige erschaut.

 

Und die, die ihn erbauten,

Sind sieben an der Zahl,

Das waren arme Mönche

Und Heilige zumal. –

 

In Mühe, Fleiß und Sorge

Wuchs still die Kirch` empor,

Die sich der fromme Orden

Zum Heiligtum erkor.

 

Nun war sie fertig worden –

So Halle als Altar;

Da frug man sich: was stelle

Nun wohl das Hauptbild dar?

 

„Mariens Himmelsbildnis“,

Das stand bei allen fest,

Sie, die uns Herrin, Mutter,

Die niemals uns verlässt.

 

Doch nur, in welcher Weise,

Wie sei sie dargestellt,

Dass sie wie uns gefalle

So auch der Außenwelt?“

 

Ein Meister ward gerufen,

In seiner Kunst bewährt;

Dem ward, das Bild zu malen,

Die hohe Gunst gewährt.

 

Der Meister, wohl bereitet,

Geht an die Arbeit schnell

Und malt und schafft gar fleißig,

So lang der Tag nur hell.

 

Des Nachts dann denkt und sinnt er

Der edlen Arbeit nach,

Die seinen frommen Wünschen,

Wie keine noch, entsprach.

 

Schon in den hellen Wolken

Sieht man den höchsten Gott –

Und Gabriel, der erdwärts

Entschwebt auf sein Gebot. –

 

Schon kniet der an der Schwelle,

Demütig grüßend, hier,

Sein sanftes Antlitz lächelt

Gar lieb entgegen dir.

 

Auf breiter Lichtbahn gleitend,

Als Taube weiß und rein,

Zieht Gottes Geist von oben

Zur stillen Jungfrau ein. –

 

Schon wallt des Mantels Falte,

Schon sieht man das Gewand,

Den Fuß am Tafelboden,

Die zarte, schlanke Hand,

 

Das Buch, das sie, soeben

Noch betend, hingelegt

Und das auf seinen Blättern

Prophetenworte trägt. –

 

Man sieht, so hold und edel,

Die herrliche Gestalt,

Der Locken weiche Fülle,

Die d`ran hernieder wallt. –

 

- - Mit einmal hat`s ein Ende.

Das Bild, es steht und steht; -

Man sieht durch Tage, Wochen,

Dass nichts vonstatten geht. –

 

„Sag, Meister! was geschah dir?“

Manch einer zu ihm spricht.

„Der Jungfrau Himmelsantlitz –

Ich wag` daran mich nicht. –

 

So oft ich es auch plante –

Schnell wischt` ich`s wieder fort,

Ich kann und kann`s nicht treffen!

Darauf habt ihr mein Wort!“

 

„Du, der so fleißig betet,

Mit Beicht und höchstem Gut

Zur Arbeit stets sich stärkte,

Dich, dich verlässt der Mut?“

 

„Er hat mich schon verlassen –

Nicht kann ich weiter mehr“,

Spricht zagend leis` der Meister –

Und Blicke, Tränen schwer

 

Aus müdgewachten Augen

Hebt er zum Bild empor:

„Gib Schaffenskraft mir wieder,

Herr, heute wie zuvor!“

 

Schon senkt die Nacht sich nieder,

Der Meister geht zur Ruh,

Verhüllet dicht das Bildnis,

Schließt fest die Kirchtür zu.

 

- - -

 

Im Himmel oben hörte

Die Jungfrau dieses Fleh`n,

Sah hoch die Ideale

Vor seinem Geist ersteh`n;

 

Sie sah ihn schaffen, ringen

Nach dem, was unerreicht,

Gleich einem schönen Traume,

Der Seele stets entweicht.

 

So oft er es will bannen

Mit Farben an die Wand,

Entflieht das Ferngeschaute,

Erlahmt die sichere Hand.

 

Da zieht ein mild Erbarmen

In ihre Seele ein.

„Dir soll geholfen werden,

Du frommer Liebling mein!

 

Auch euch, ihr meine Diener,

Die ihr so treu mich liebt!

Nicht länger kann ich`s sehen,

Dass ihr euch so betrübt.“

 

- - Ein bittend Wort zum Vater,

Und sein Gewährungsblick,

Er wird zum frohen Bürger

Für vieler Seelen Glück.

 

Ein Wink von seinem Finger,

Und aus der Engel Chor

Tritt Gabriel, des Himmels

Erhab`ner Fürst, hervor.

 

„Heut! vor zwölfhundert Jahren,

Da sandtest du mich aus

Nach Nazareth zu gehen

In uns`rer Herrin Haus.

 

Du nur und ich alleine –

Wir haben es geseh`n,

Wie damals sie gewesen,

So hold, so tugendschön,

 

So demutvoll erhaben,

So still, und doch so hehr –

Als sie das Wort gesprochen, -

Kurz, aber inhaltschwer.

 

Ich hab` es nicht vergessen,

Wie schön sie damals war,

Von deinem Geist umschattet,

So hoch, so rein – so klar. –

 

Lass mich herniedersteigen

Auch in der heut`gen Nacht

Und rüste mich wie damals

Mit hocherhab`ner Macht;

 

So will ihr Bild ich schaffen –

So echt, so treu und wahr,

Damit die Menschheit wisse,

Wie schön sie ist und war;

 

Denn uns sind tausend Jahre

In dir kurz wie ein Tag.

Und was ich damals schaute –

Und was dazwischen lag,

 

Du weißt es, Herr, für uns ist`s

In dir, ein Augenblick;

Noch heut` schau ich`s wie damals

Mit ungetrübtem Blick.“

 

Gewährend nickt der Höchste,

Der Engel tief sich neigt –

Entfliegt; - ob Florenz`s Fluren

Er leise niedersteigt.

 

Ihm öffnen sich die Pforten

Der Stadt, des Domes Tor

Von selbst und schließen wieder

So fest sich wie zuvor;

 

Er schwebt zu dem Gerüste –

Und hebt den Vorhang ab,

Nimmt Pinsel und Palette –

Nimmt Farb` und Malerstab. –

 

- - Da ruft vom hohen Turme

Der Glocken eh`rner Mund

In mächtigen zwölf Schlägen –

Die mitternächt`ge Stund.

 

Die Stund, - in der, gerade

Sind es zwölfhundert Jahr

Und einige darüber, -

Gott – Mensch geworden war.

 

„Ave Maria!“ Heute,

Wie dort, der Engel spricht –

„Gratia plena!“ Helle

Erstrahlt sein Angesicht –

 

„Dominus tecum!“ „Höchste!

Du Gottes-Mutter! Braut!

Hilf mir dein Bild vollenden –

So, wie ich dich geschaut!“

 

- Und er hat es vollendet,

Noch eh` der Frührotschein

Des Muttergottesfestes

Zum Fenster blinkt herein –

 

Vollendet, wahr und treulich –

Dies Himmelsangesicht –

Doch wie – man kann es ahnen –

Erzählen kann man`s nicht.

 

Am Festtagsmorgen eilet

Der Meister neugestärkt

Zu dem verlass`nen Bilde –

Noch immer nichts er merkt.

 

Doch als den Vorhang hebend

Er betend aufwärts sieht –

Fasst Schwindel seine Sinne,

Fasst Wonne sein Gemüt. –

 

Mit einem Ruf, der jubelnd

Hin durch die Kirche schallt

Und in der Väter Herzen

Gar mächtig wiederhallt,

 

Sinkt er auf`s Antlitz nieder,

Anbetend jene Macht,

Die Großes heut` auf`s Neue

Für uns hervorgebracht.

 

„Gott! nein! nicht Menschenhände –

Die sind das nicht im Stand!

Ein Engelsfinger malte

Dies Antlitz an die Wand!“

 

So ruft mit hellen Tränen

Im Aug` der Meister aus. –

O! Wunder! Wunder! Wunder!

Braust es durch`s Gotteshaus.

 

- - -

 

Sechshundert Jahre flossen

Ins Meer der Ewigkeit,

Seitdem dass dies geschehen. –

Und wie zu jeder Zeit

 

Die Meister sich auch mühten,

Das Bildnis, Zug für Zug,

Getreulich nachzuahmen,

Und wie sich klug genug

 

Der Neuzeit kühn` Erfinden

Sogar daran gewagt,

Nie wollt` es je gelingen,

Dem Fleiß, der unverzagt –

 

Der Kühnheit, die verwegen –

Ja selbst dem frömmsten Sinn,

Die Züge nachzubilden

Der Himmelskönigin.

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Marienbild

 

Mariens Bild,

Von Glanz umhüllt,

Wie Morgenrot ins Herz uns strahlt

Und Fried` und Freud` es drinnen malt;

Als Sonne uns am Tag es lacht,

Erhellt als Stern die finst`re Nacht.

Stets glänz` uns mild

Mariens Bild!

 

Mariens Bild

Prangt im Gefild`

Der Blumen all` als Königin,

Ergötzet lieblich Herz und Sinn.

Des Himmels und der Erde Preis

Schmückt dieses edle Blütenreis.

Stets duft` uns mild

Mariens Bild!

 

Mariens Bild,

Von Gnad` erfüllt,

Gleicht einem weiten, tiefen Meer,

Gießt Glück und Segen ringsumher,

Strömt Wonne hin nach jeder Seit`,

Des Himmels Lust und Seligkeit.

Stets lab` uns mild

Mariens Bild!

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Frage

 

Wer schlug dir ans Kreuz die segnende Hand,

Dass sie, ach! des Weh`s so Bitt`res empfand?

 

Das Herz, wer zerriss tief dir es und weit,

Asyl mir zu sein in Kummer und Leid?

 

Die Füße, wer hält so eisern sie fest

Am blutigen Stamm, der nimmer sie lässt?

 

Wer wand dir um`s Haupt den dornigen Kranz?

Im Auge, wer trübt den göttlichen Glanz?

 

Mit Galle, wer netzt den lechzenden Mund?

Wer schlug dir den Leib so weh, ach! und wund?

 

Wer ist`s, der gebot, am Kreuze so lang

Sollst hangen für mich, zum Tode so bang? - -

 

Was fragst du noch, Kind, - wer konnte es sein,

Als glühende Lieb` für dich nur allein?

 

Und war es die Lieb`, die Liebe zu mir,

So geb` ich mich hin als Opfer dafür! - -

 

Die Gabe ist arm, das Opfer so klein,

Wer nimmt es mir an, wer segnet es ein?

 

Auf Golgatha dort kein Tempel noch steht,

Der Priester, er fehlt zum Weihegebet. –

 

Maria! ich seh` beim Kreuze dich steh`n.

Im Leide so hehr, in Tränen so schön.

 

In Demut gebeugt bring` ich mich dir dar;

Priester sei du mir, du Opferaltar!

 

Legst mit der Hand, du, so heilig, so rein,

Ihm mich ins Herz, tief ins wunde hinein,

 

So hoff` ich, er nimmt doch mit gnädigem Blick

Dies Opfer; von dir nicht weis`t er`s zurück.

 

Und dann bin ich sein, bin ewig bei euch,

Durch dich stets bei Ihm, so glücklich! so reich!

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Gott ist groß

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn im Osten

Der Tag wie eine Feuerros` erblüht;

Wenn, um den Reiz des Lebens neu zu kosten,

Natur und Mensch in junger Kraft erglüht.

Wo lässest du, o Herr! dich güt`ger sehen,

Als in des Morgens großem Auferstehen?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn`s vom Wettern

Am Mittagshorizonte zuckend droht,

Und du mit deines Blitzes Flammenlettern

Auf Wolkentafeln schreibst dein Machtgebot.

Wo warst, o Herr! furchtbarer du zu schauen,

Als im empörten Mittagswettergrauen?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn im Westen

Der Tag sein Auge sanft bewältigt schließt;

Wenn`s in den Wäldern schallt von Liederfesten,

Und süße Wehmut sich auf`s All ergießt.

Wodurch, o Herr! stimmst du das Herz uns milder

Als durch den Zauber deiner Abendbilder?

 

„Herr, du bist groß!“ – so ruf` ich, wenn das Schweigen

Der Mitternacht auf allen Landen liegt,

Die Sterne funkelnd auf- und niedersteigen,

Und sich der Mond auf Silberwölkchen wiegt?

Wann winkst du, Herr! erhabner uns nach oben,

Als wenn dich stumm die heil`gen Nächte loben?

 

Herr, du bist groß in jeglichem Erscheinen,

In keinem größer, stets der Größte nur;

Du führst im Staunen, Lächeln, Grau`n und Weinen,

In jeder Regung uns auf deine Spur!

Herr, du bist groß! O lass` mich`s laut verkünden,

Und selbst mich groß in deiner Größ`empfinden!

 

Johann Gabriel Seidl

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Voll der Gnaden

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Herrlich hat dich Gott geschmückt

Und vor allen hoch beglückt;

Dich des heil`gen Geistes Thron

Baut zum Tempel er dem Sohn.

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Unversehret, keusch und rein

Hüllst du den Erlöser ein;

Bundeslade, Davids Wart`,

Haus aus laut`rem Golde zart!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Spiegel der Gerechtigkeit,

Meer der Weisheit, tief und weit,

Rose heil`ger Liebesglut,

Kelch voll süßer Andachtsflut!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Morgenstern ersehnter Zeit,

Brunnquell froher Seligkeit,

Heilsgefäß, wenn wir sind wund,

Trost in trüber Leidensstund`!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

 

Herz Mariens, sei gegrüßt,

Das du voll der Gnaden bist!

Du der Sünder Zufluchtshort,

Aller Frommen Himmelspfort`,

Den Gerechten voller Lohn

Auf dem höchsten Himmelsthron!

Herz Mariens lieberfüllt

Sei uns Hilf`, ein mächt`ger Schild!

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Marienpreis

 

Nicht im Lärm der lauten Welt

Willst den Deinen du erscheinen;

Nicht der Fürst und nicht der Held

Sind die liebsten dir der Deinen.

 

Die du liebst und gern besuchst,

Müssen, selbst im Krongeschmeide,

Weil du Gott im Arme trägst,

Vor dir steh`n im Demutskleide.

 

Demut war auch dein Gewand,

Und doch war von allen Frauen

Keine in dem Erdenland

Je so groß wie du zu schauen.

 

Demut war auch dein Gewand,

Und doch war`s der Herr der Erde,

Den du trugst ins fremde Land,

Duldend rascher Flucht Beschwerde.

 

Demut war dein einzig Kleid,

Dir das liebste, wert von allen;

Und in ihm bei Freud` und Leid

Hast du Gott allein gefallen.

 

Drum, man dich begrüßen will,

Muss im Kleid der Demut kommen,

Betend, kniend, bittend, still,

Und von tiefer Reu` beklommen.

 

Und wen du besuchen willst,

Muss zur Kammer beten gehen,

Dass du ihm die Sehnsucht stillst

Und versüßest ihm die Wehen.

 

Nicht im Lärm der lauten Welt

Willst besuchen du die Deinen;

Fürst und Bettler, gleich gestellt,

Soll`n im gleichen Kleid erscheinen.

 

Beiden willst du Mutter sein,

Kron` und Purpur sind vergänglich;

Für der Demut Fleh`n allein

Ist dein Mutterherz empfänglich.

 

Darum lehr` die Demut mich,

Lehr` den Fürsten sie und Armen,

Dass bei dir sie brüderlich

Liebe suchen und Erbarmen!

 

Dr. Helle

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Gottes Stimme

 

So weit am Himmelszelt

Die goldnen Sterne prangen,

Hältst du, o Herr! die Welt

Mit starkem Arm umfangen;

Du lebst von Ewigkeit

Auf deinem Strahlenthrone,

Und nie verwischt die Zeit

Den Glanz von deiner Krone!

 

Wie Donner durch die Nacht

Ertönt des Meeres Brausen,

Wenn es mit hehrer Macht

Die Stürme wild durchsausen;

Gewalt`ger als das Meer

Im aufgeregten Grimme

Erschallet laut und hehr,

Gott! deine starke Stimme!

 

Der Seele schönster Hort

Ist, Herr! ja deine Lehre,

Laut kündet sie dein Wort,

Dass sie ein jeder höre;

Dass er zu aller Zeit

Sein Handeln darauf baue,

Und deine Herrlichkeit

Dereinst im Himmel schaue!

 

Ernst Vincke

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Unsterblichkeit

 

Ich bin; dess freuet sich mein Herz!

Ich bin und werde sein!

Ein Stäubchen ist des Lebens Schmerz,

Gesehn im Sonnenschein;

 

Gesehn in jener Sonne Schein,

Die nimmer untergeht,

Durch die, was war, was ist, wird sein,

Empor ging und besteht!

 

Froh wandl` ich auf des Lebens Bahn

Entgegen ihrem Licht,

Das jeden Nebel, jeden Wahn

Mit goldnem Strahl durchbricht!

 

Es führe mich des Glaubens Hand,

Mir schwebe Hoffnung vor,

Und Liebe heb` an sanftem Band

Mich aus dem Staub empor!

 

Ihr Odem haucht auf Land und Meer,

Sie steu`rt des Mondes Kahn,

Sie leitet der Gestirne Heer,

Sie facht die Sonne an!

 

Doch wärmer haucht und heller facht

Ihr Odem Geister an,

Und führt durch kurze Erdennacht

Sie auf den Ozean,

 

Wo laute Flut des Jubels hallt,

Wo Licht dem Licht entsprüht,

Wo Wonn` an Wonne wogt und wallt,

Und Lieb` an Lieb` erglüht!

 

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

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Wonne der Andacht

 

Seligste der Erdenstunden,

Wenn der Geist zu Gott sich schwingt!

Ganz mit Herrlichkeit umringt

Hat dich meine Seel` empfunden,

Wenn sie, sinnend, fern und nah

Gottes ew`ge Liebe sah!

 

Schmückte sie nicht unsre Fluren?

Schmückte sie den Himmel nicht

Mit dem Sonn`n- und Sternenlicht,

Mit den glänzenden Naturen,

Wo in Gottes Wiederschein

Sich die höhern Geister freun?

 

Stattete nicht zum Genusse

Gottes Huld dies Erdental,

Wie zu einem Liebesmahl

Aus mit einem Überflusse,

Welcher, unversiegbar mild,

Aus des Lebens Urnen quillt?

 

O du Wesen aller Wesen,

Deine Güt` und Herrlichkeit

Füllt das weite Reich der Zeit;

Auch der Mensch ist auserlesen,

Von der niedern Erde schon

Aufzuschaun zu deinem Thron!

 

Seligste der Lebensstunden,

Du entflammest mein Gemüt,

Meine ganze Seele glüht!

Diese Erd` ist mir entschwunden,

Vorgefühl der Himmelslust

Füllt und hebet meine Brust!

 

Elise von der Recke

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Der Rosenkranz

 

„Wer tröstet mich bei allen meinen Leiden?

Wer gibt mir Kraft – ausharrende Geduld?

Wer ist mit mir, wenn einst die Freunde scheiden?

Wer spricht für mich, wer tilget meine Schuld?

 

Den innern Feinden bin ich preisgegeben,

Den äußern auch – da mich die Welt umgibt.

Mein armes Herz kann oft sich nicht erheben

Zu dem, den innig meine Seele liebt.

 

Bei dir ist ja des Trostes reiche Spende,

Bei dir, o Jungfrau, uns`re Mittlerin;

Darum barmherzig deine Augen wende

Auf mich, die schwer bedrängte Sünderin.“

 

So klagend kniet` ich vor dem heil`gen Bilde

Der gnadenreichen Mutter unsers Herrn;

Ihr Antlitz war so hold, so engelmilde,

Als spräch es aus: „Mein Kind, ich helf` dir gern!“

 

Da ließ ich reichlich meine Tränen fließen,

Denn Morgenrot drang in des Innern Nacht;

Weit schien mein leidend Herz sich aufzuschließen

Vor ihres güt`gen Mutterblickes Macht.

 

Doch zweifelnd glaubt` die Hilfe ich noch ferne;

Da saß vor mir auf gold`ner Wolken Thron

Die Heil`ge selbst, und es umleuchten Sterne

Der Jungfrau Haupt als königliche Kron`.

 

Und einer von den Sternen aus dem Kranze

Ganz wundersamer Weise lös`t sich los;

Ersinkt herab im roten Feuerglanze

Auf der Gekrönten reinen Mutter-Schoß.

 

O wie durchzückt mich freudiges Erbeben!

Als Rosenkron liegt er am Lilienkleid;

Ein strahlend Kreuz seh` ich darüber schweben,

So höh`re Weihe diesem Kranz verleiht.

 

Die Heil`ge sprach: „Ich höre deine Klagen,

Dein Rufen stieg hinauf zu meinem Thron.

Nicht hilflos, Tochter, lass` ich dich verzagen:

D`rum bring` ich dir des Himmels Rosenkron`.

 

Sie soll dir Trost, sie soll dir Freud` bereiten,

Vertrauend; dankbar nimm sie also hin!

Und wie die Weisen ob des Sterns sich freuten,

So freue stets dich dieser Rosen Sinn!

 

Die größte schließt in sich des Glaubens Weihe

Und hält das Kreuz wie im Triumph empor.

Im Kreuze nur bewährt sich Glaubens Treue,

Es ist der Schlüssel zu des Himmels Tor!

 

Die größern lehren dich dann beten, dulden –

Der Christen-Liebe hohe, erste Pflicht!

Du sprichst: Vergib mir, Vater, meine Schulden,

Auch ich gedenk` des Bruders Sünde nicht.

 

Sie lehren dich den eigenen Willen brechen;

Dein Will` geschehe, Vater, nicht der mein`!

Sie lehren dich in tiefster Demut sprechen:

O lass mich stark in der Versuchung sein!

 

Die kleinen alle sind die schönen Grüße,

Wo meines Sohnes heil`ger Name prangt;

Sie sind des Segens und der Gnaden Flüsse,

Wohl dem, der Hilf` durch sie von mir erlangt.

 

Sie laden mich zu deiner letzten Stunde,

Wenn dir erlöschet deines Lebens Licht;

Gern führe diese Worte oft im Munde:

Verlass, Maria, mich im Tode nicht!

 

Nie kann ich einen Sünder je verlassen,

Der meiner noch im Rosenkranze denkt;

Für ihn zu bitten werd` ich nicht ablassen,

Bis mir mein Sohn das irre Schäflein schenkt.

 

Du sollst mit diesem Kranze oft mich schmücken!

Und dankbar werd` ich dir, o Tochter, sein;

Mit Seelenfrieden will ich dich beglücken,

Mit heil`ger Andacht süßem Freudenwein.

 

Die Dornen ird`scher Leiden zu empfinden,

Mach` ich zur Lust – zur sel`gen Wonne dir.

Und wirst du mir hienieden Rosen winden,

Im Himmel leg` zurück ich Perlen dir!“

 

Sie schweigt; ich greife zitternd nach dem Kranze,

Den sie mir beut mit königlicher Hand;

Doch bald darauf in majestät`schem Glanze

Dem schwachen Aug` der Morgenstern entschwand.

 

Ich rufe nach . . . ich strecke mit Entzücken

Die Arme nach der Wolken gold`nem Saum;

Vermessen such` ich in das Licht zu blicken . . .

Und ich erwach` aus meinem schönen Traum.

 

Es hatte schon der erste Strahl der Sonne

Die Nacht verscheucht und drang zu mir herein.

Gestöret war nun meines Traumes Wonne!

„Warum“, rief ich, „kann er nicht Wahrheit sein?“

 

Doch sieh`, es ist die rechte Hand gebunden

Vom Rosenkranz: O Freude süß und groß!

Ich hatte ihn um selbe mir gewunden,

Eh` ich des Abends meine Augen schloss.

 

Verherrlicht wollt` ihn mir Maria zeigen,

Mit Rosen lindern meiner Dornen Schmerz,

Und ich gelobte: Beten, Dulden, Schweigen!

Und Ruhe, Friede kehrten in mein Herz.

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Ergebung

 

Ich wandle, wie mein Vater will,

Er soll den Weg mir zeigen;

Ihr eitlen Wünsche müsst euch still

Vor seinem Willen neigen!

Sein Rat regiere meinen Sinn!

Dem Herrn, durch den ich leb` und bin,

Dem geb` ich mich zu eigen!

 

Ich leide, wie mein Vater will,

Er wandelt Schmerz in Segen:

Trag` ich sein Kreuz nur fromm und still,

Kommt mir sein Trost entgegen!

Bald sind die Tränen ausgeweint,

Dann aber naht mein Himmelsfreund,

Mir Freude zuzuwägen!

 

Ich harre, wie mein Vater will,

Ganz kindlich und bescheiden;

Einst wird in seines Lichtes Füll`

Der trübe Pfad sich kleiden;

Ich werde seine Führung sehn,

Den wunderbaren Weg verstehn,

Voll Staunen und voll Freuden!

 

Ich bau` auf Gott! Mein Heil und Glück

Ich kann`s nicht selber bauen;

Kurz und beschränkt ist Menschenglück,

Auf Gott will ich vertrauen;

Er gebe mir mein Los, mein Teil,

Er führe mich zum wahren Heil

Und einst zum sel`gen schauen!

 

Agnes Franz

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Glaube

 

Wem einmal nur ist aufgegangen

Das Licht, das von dem Himmel scheint,

Wer einmal nur den Geist empfangen,

Der ihn mit Jesus Christus eint;

Den zieht ein unnennbares Sehnen,

Den fasst ein wunderbarer Drang,

Bis er mit Jubel und in Tränen

Des Heiles Krone sich errang.

 

Wer einmal nur hat glauben können,

Dass Gott zu uns hernieder kam,

Dem muss das Herz vor Freude brennen,

Vor Lust vergehen oder Scham:

Dem muss es helle sein auf Erden.

In Christi Glauben hat er Ruh`,

Und alle Mühsal und Beschwerden

Deckt Jesu Liebe freundlich zu.

 

Denn Gott ward Mensch, um uns zu retten,

Ein armer Mensch der ew`ge Gott!

Er nahm von uns der Sünde Ketten,

Und von uns litt er Hohn und Spott;

Wir haben ihn an`s Kreuz geschlagen,

Und er litt für uns Schmach und Not;

Der Gnad` um Gnad` zu uns getragen,

Dem gaben wir den Kreuzestod!

 

Wer kann in diesen Abgrund schauen,

Der Liebe Abgrund, unfassbar,

Und nimmt mit Zittern nicht und Grauen

Die Größe der Verschuldung wahr?

Wer kann in diese Sonne blicken,

Der Liebe Sonn`, so gnadenreich,

Und möchte` vor Scham nicht und Entzücken

Wie weiches Wachs zerschmelzen gleich?

 

Du Meer der Liebe, ausgegossen,

So weit auch Erd` und Himmel reicht,

Du Strahl, der Liebe ausgeflossen,

Der auch den härt`sten Sinn erweicht!

So weit ich schaue, keine Grenzen,

So weit ich fühle, keine Kält`;

In Herrlichkeit seh` ich erglänzen

Die große, weite, ganze Welt.

 

O! wer kann in dein Antlitz sehen,

Auf dem des Himmels Glorie wohnt,

Und möchte` in Liebe nicht vergehen,

Wenn ihm dein sanftes Lächeln lohnt;

Wem hat dein Ruf in`s Herz geklungen,

So recht in`s tiefste Herz hinein,

Und ist nicht alsbald aufgesprungen,

Und hat gerufen: „Ich bin dein!“?

 

Doch, was bin ich? Ich bin ein Schatten,

Der ruhlos hin- und wiederfährt;

Mit deinem Licht möchte ich mich gatten,

Und werde nie von ihm verzehrt;

Ich möchte deine Liebe trinken,

Ich möchte deiner würdig sein –

Doch seh` ich Erdenschimmer blinken,

Fährt mir die Sünde durch`s Gebein!

 

Herr! du mein Leben, du mein Hoffen,

Du meiner Wünsche höchstes Ziel –

Ich lieg` vor dir – mein Herz ist offen –

O, dass hinein dein Lächeln fiel!

O, brenn` mich aus mit deinem Feuer,

O, mach` zu deiner Wohnung mich,

Und ewig bin ich dein Getreuer,

Und ewig, ewig lieb` ich dich!

 

Eduard Vogt

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An meine Mutter

 

O Mutter, wenn von deinem Licht

Ein Strahl durch meinen Kerker bricht,

Wie schnell dahin ist aller Schmerz!

Wie jubelt himmelan das Herz!

 

Vom Auge fällt der Freude Tau,

Der Blick sich hebt zur Himmelsau;

Er suchet dich, er findet dich

Und labt an deiner Schöne sich.

 

Maria, süßer Nam` und Laut!

O Mutter, du so lieb und traut!

Ich wünsche nichts, als dein zu sein,

Durch dich zu leben Gott allein.

 

O Sonne, die mein Herz entzückt,

O milder Mond, der mich beglückt,

O heller Stern, o zeig dein Licht,

Zeig mir den holdes Angesicht!

 

Ach, dass ich dich so spät geliebt!

Ach, dass ich dich so oft betrübt!

Nicht wusst` ich es, wie gut du bist,

Wie treu du in der Liebe bist.

 

O Gnadenquelle, labe mich!

O Mutter, zieh` mich ganz an dich,

Und mach` mein Herz von Liebe wund!

Dann bin ich selig und gesund.

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Die Makellose

 

Sag` an, mein Lied, wer ist die holde Maid?

Wie Morgenrot kommt sie heraufgestiegen;

In Regenbogenfarben glänzt ihr Kleid,

Und Himmelsanmut liegt auf ihren Zügen.

 

Maria ist`s, die Jungfrau, ewig rein!

Sie macht der Hölle finstern Trug zu nichte;

In ihres Tugendlebens lichtem Schein

Zeigt allen sie den Weg zum ew`gen Lichte.

 

Sag` an, wer ist die hehre, große Frau,

Gleichwie die gold`ne Sonne auserlesen?

Es steht wie sie nichts Ähnliches zur Schau,

Sie ist der ganzen Schöpfung schönstes Wesen.

 

Maria ist`s, die ewig mild und gut!

Die uns des Himmels Schätze liebend spendet

Und jeden stärkt mit frohem, sel`gem Mut,

Wer immer im Gebet an sie sich wendet.

 

Sag` an, wer wohl die liebe Mutter sei?

Wie Mond so schön im hellen Kreis der Sterne,

Die bei den Kindern liebevoll und treu

Im Himmel und auf Erden weilt so gerne.

 

Maria ist`s mit ihrem Jesuskind!

Sie beut es dar auf ihren Mutterarmen,

Und wenn wir liebend ihr ergeben sind,

Erbittet sie uns Hilfe und Erbarmen.

 

Sag` an, wer ist die hohe Königin?

So furchtbar, wie ein Heer zum Kampf gerüstet,

Verfolget sie nach allen Seiten hin

Den Seelenfeind, den es nach Raub gelüstet.

 

Maria ist`s, die uns im Lebensstreit

Erringen hilft die ewige Siegeskrone!

D`rum lasst uns lieben sie in Ewigkeit,

Maria, uns`re Mutter, mit dem Sohne!

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O du glorwürdige Jungfrau!

 

O Jungfrau, hoch erhoben,

Die alle Himmel loben!

Du hast genährt an deiner Brust

Den, der dich schuf in Mutterlust.

 

Was Eva uns verloren,

Hast neu du uns geboren,

Da dich der König sich zum Tor,

Daraus er wandeln wollt`, erkor.

 

Licht strahlt von Himmelshallen,

Die Riegel sind gefallen:

Erlöste Völker tretet ein

Und singet Lob der Jungfrau rein.

 

Doch aller Ehren Krone

Sei Jesu, ihrem Sohne,

Dem Vater und dem Geist zumal,

In Ewigkeit mit Freudenschall.

 

Josef Pape

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Das Glück des Glaubens

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Steht mir der Pol der Welten fest;

Die Binde ist mir abgebunden,

Die nur im Finstern tappen lässt;

Der Zukunft Schleier sind gehoben,

Und durch der Erde Labyrinth

Ward mir ein Faden, stark gewoben,

Der bis ins Reich des Lichts sich spinnt!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Ist mir das Leid kein böser Gast;

Die Bürden, die mir aufgebunden,

Die trag` ich nun als heil`ge Last!

Des Kreuzes dunkle Hieroglyphe

Entziffert mir nun ihren Sinn;

Ich lese, wie im offnen Briefe,

Dass ich des Vaters Zögling bin!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube mich gefunden,

Verlosch die Handschrift meiner Schuld;

Bei meinen zehntausend Pfunden

Ward mir ein Bürge voller Huld;

Und ach! das Eisfeld starrer Pflichten

Liegt hinter mir mit seinem Zwang;

Mein Lebensbaum mit seinen Pflichten

Erwächst in Lieb` und innerm Drang!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden,

Ist mir das Leben aufgetan;

Ich lieb`s in seinen flücht`gen Stunden,

Ich seh`s in seinem Tode nahn;

Es dingt, begabt mit Seraphsflügeln,

Durch alle Trümmer frisch hervor,

Und schwingt sich heimisch zu den Hügeln

Der ew`gen Gottesstadt empor!

 

Ich glaube! – Halleluja!

Seit du, o Glaube, mich gefunden!

Kenn` ich das Recht der Liebe ganz!

Die Bande, welche sie gewunden,

Sie sind kein flücht`ger Blütenkranz!

Die fromme Liebe stammt von drüben,

Und ihren Anker hat sie dort; -

Ja, ewig schauen, ewig lieben,

Darauf gab ihr der Herr das Wort!

 

Heinrich Möwes

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Dank für das Glück des Glaubens

 

Habe Dank, du ew`ge Liebe,

Dass du mich erwählet hast,

Und ich deine sanfte Last

Freudig mich zu tragen übe!

Ach, wie sanft ist doch die Last,

Die du selbst getragen hast!

 

Stolz und Hoffart war mein Trachten,

Und Unglaube war mein Ruhm,

Und die Welt mein Heiligtum,

Und die Lust der Welt mein Schmachten;

Und doch seufzt` ich oft und schwer,

Denn sie ließ das Herz mir leer!

 

Doch du hast es ausgefüllet,

Der du alles ausgefüllt;

Du, o süßes Demutsbild,

Hast die Hoffart mir gestillet;

Du, o süßes Licht der Welt,

Hast die Seele mir erhellt!

 

Herr, was hast du mir geboten,

Der ich nichts dir geben kann!

Wie seh` jetzt die Welt ich an,

Wie die Gräber meiner Toten,

Wie die Leiden dieser Zeit,

Wie das Heil der Ewigkeit?!

 

Wilhelm Meinhold

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Sühne

 

Möcht` dir für jedes böse sünd`ge Wort

Vieltausend süße Liebesworte geben

Und sühnen jede, jede böse Tat

Mit meinem Herzblut dir und meinem Leben.

 

Möcht` gern in jedes kalte, eitle Herz

Ein kleines Liebesflämmchen leise senken,

In jedes stolze, weltgelehrte Haupt

Ein demutsvolles, treues Deingedenken.

 

Möcht` jed` Kapellchen, welches leer und arm,

Mit reicher Zier zu deiner Ehre schmücken,

Auf jedes Kreuz, das mir am Wege steht,

In heißem Liebeskuss die Lippe drücken.

 

Möcht` jedes Kirchlein, wo du am Altar

Verlassen stehst und musst ohn` Liebe weilen,

Bevölkern reich mit Herzen treu und rein,

Die Einsamkeit, mein Herr, mit dir zu teilen.

 

Möcht` jedes Blatt, das deinen Namen trägt,

Mit Blumen reich und duftig hell umwinden,

Und jedes, das dir Hohn spricht, ließ ich schnell

Und spurlos aus der ganzen Welt verschwinden.

 

Möcht` jedes Bild, das deine Züge malt,

Mit klarem Gold und Edelstein umfassen

Und jedes Lied, das deinen Namen preist,

Mit Gold auf Purpurseide schreiben lassen.

 

Möcht` dir für all` und jede Schuld der Welt,

Um sie vor deinen Augen, Herr, zu sühnen,

In bitt`rem Weh` und todeshartem Kampf,

In herber Marter lebenslange dienen.

 

Doch nein, noch mehr! Noch eh` dein Aug` erreicht

Der Anblick einer noch so kleinen Sünde,

Sie tilgen selbst durch tausendfachen Tod

Und schließen so der Hölle Feuerschlünde.

 

Dass nichts, ach nichts, dein süßes, süßes Herz,

Mein teurer Herr! dein Auge nichts betrübe,

Dass diese arme, sündenkranke Welt

Dir wär` ein Hochaltar der reinsten Liebe.

 

Möcht`, ach ich weiß nicht was, und wie ich möcht`,

Dir all` mein heißes Herzenslieben zeigen;

Und wie ich büßen möcht` und lieb dir tun,

Anbetend tief im Staub mich vor dir neigen.

 

Möcht`, dass nur ich allein auf dieser Welt

All deinen Zorn und deine Strafen trage,

Dass alle andern frei, von Sünden rein,

Erscheinen einst vor dir am Rechnungstage.

 

Möcht` alles, alles tun, mein Herr, mein Hort,

Um deine süße Seele zu erfreuen,

Und diese Welt, die ach, so arg und bös,

Für dich in ew`ger Liebe zu erneuen!

 

So möcht` ich, süßer Heiland, Gott und Herr,

Um deine Lieb` in Buß und Sühne werben;

Und lebt` bisher ich, Jesus, nicht für dich,

So lass als Sühnungsopfer dir mich sterben,

 

Damit dereinst dein süßer Liebesblick

Sich hin zu mir im Tode huldreich wende,

Du, mich erkennend, milde zu mir sprichst:

„Dein Opfer, sieh`, ich nahm`s in meine Hände.“

 

Dies möcht` ich; doch wer gibt dazu mir Kraft?

Du Mutter meines Herrn und auch die meine,

Du Turm von Elfenbein, du Davidsturm

Mit tausend Schilden, du, bei der wohnt Kraft alleine.

 

O gib, erfleh` sie mir; den Opfertod,

Den süßen, du mir huldreich doch erbitte;

Und lenk` in deiner Kraft entgegen ihm

Des sühnbereiten Kindes schwache Schritte.

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Thabor und Golgatha

 

Golgatha! dein nächt`ger Schatten

Ist mir lieb – bei weitem lieber

Als des Thabors helles Leuchten,

Das mein krankes Auge blendet.

 

Golgatha! dein tiefes Schweigen

Tut mir wohl – bei weitem wohler

Denn des Thabors Donnerstimmen,

Die das sünd`ge Herz zermalmen.

 

Golgatha! dein blutig Linnen

Däucht mich schön – bei weitem schöner

Als des Thabors reine Kleider,

Deren Weiß mich schamrot machet.

 

Golgatha! dein Erdenbeben

Tröstet mich bei weitem eher

Denn des Thabors Himmelsruhe,

Die zu Staub mich niederdrücket.

 

Golgatha! du Kreuz geschmückte

Schädelstätte, bist mir lieber

Als des Thabors lichte Wolken,

Wo das Weh kein Plätzchen findet.

 

Golgatha! an deinem Fuße

Möcht` ich gern und vieles leiden,

Möcht` mein Herzblut hinverströmen,

Lieber als auf Thabor jubeln.

 

Lieb zwar bist mir, Herr! auf Thabor,

Aber lieb, bei weitem lieber

Bist du meiner kranken Seele,

Wundenvoll am Kreuze hangend.

 

Lieb zwar bist mir licht umflossen,

Aber viel und viel noch lieber

Todt, auf deiner Mutter Schoße;

Bist es ja – um meinetwillen.

 

Nimmer kann ich`s je erzählen,

Warum lieb – bei weitem lieber

Golgatha mir ist als Thabor;

 

Weinend nur kann ich es fühlen.

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Hilferuf

 

Blick` vom Himmelsthron, dem reinen,

O Maria, nur einmal,

Süße Mutter, auf die Deinen,

Nur ein einzig, einzig Mal!

 

Reget sich dann von Erbarmen

Nicht dein Herz bei diesem Blick,

O, so wende von uns Armen

Immerhin den Blick zurück.

 

Sieh, wie Undank uns entweihte,

Wie mit Gottes Herz die Schuld,

Mit dem milden uns entzweite,

Wir verwirkten seine Huld.

 

Willst du, dass er mild erscheine.

O, so sprich ein einzig Wort!

Du, Maria, kannst alleine

Öffnen uns des Heiles Port.

 

Dass er sich mit uns versöhne,

Süße, teure Mutter, sprich,

Sprich, wir seien deine Söhne;

Sieh, und schnell erbarmt er sich.

 

Sind wir ob der Schuld auch nimmer

Deine Söhne wert zu sein,

Wird dein Mutterherz doch immer

Voll von milder Liebe sein.

 

Breite, süße Mutter, deinen

Mantel aus, uns zu umfah`n,

Lass uns furchtlos dort uns einen,

Sieh uns Kinder liebreich an!

 

Teure, süße Mutter höre

Ruft zu dir die Andacht laut,

Rette, wer dich liebt, erhöre,

 

Wer sich kindlich dir vertraut.

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Sanct Mariens Ritter

 

Jung stritt ich einst um Accons Schloss,

Und wenn ich froh bestieg mein Ross,

Mit Inbrunst blickt` ich dann empor,

Und aus den Lippen quoll hervor:

Ave Maria!

 

Ich stritt in Manneskraft und alt,

Wo breiten Stroms die Weichsel wallt;

Und zog ich aus, kam aus der Schlacht,

Dann hab ich still gefleht, gedacht:

Ave Maria!

 

Nun traf mich hier der Todespfeil,

Mein Lebensblut entfließt in Eil;

Dein Ritter end` ich meinen Lauf,

Du Gnadenreiche hilf hinauf!

Ave Maria!

 

Es hüllt sich in den Mantel ein

Und mit der Abendröte Schein

Entflieht die Seele. Friedlich hallt

Sanft Abendläuten durch den Wald:

Ave Maria!

 

Und wo des Ritters Grab gemacht,

Wächst eine Lilie über Nacht,

In deren Kelchen weiß und hold

Geschrieben steht mit lichtem Gold:

Ave Maria!

 

 

Ludwig Giesebrecht

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Die Erlösung

 

Was wär` ich ohne dich gewesen?

Was würd` ich ohne dich nicht sein?

Zu Furcht und Ängsten auserlesen,

Ständ` ich in dieser Welt allein.

Nichts wüsst` ich sicher, was ich liebte,

Die Zukunft wär` ein dunkler Schlund,

Und wenn mein Herz sich tief betrübte,

Wem tät ich meine Sorge kund?

 

Einsam verzehrt von Lieb` und Sehnen,

Erschien mir nächtlich jeder Tag;

Ich folgte nur mit heißen Tränen

Dem wilden Lauf des Lebens nach.

Ich fände Unruh` im Getümmel,

Und hoffnungslosen Gram zu Haus;

Wer hielte ohne Freund im Himmel,

Wer hielte da auf Erden aus?

 

Hat Christus sich mir kund gegeben,

Und bin ich seiner erst gewiss,

Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben

Die bodenlose Finsternis!

Mit ihm bin ich erst Mensch geworden,

Das Schicksal wird verklärt durch ihn,

Und Indien muss selbst im Norden

Um den Geliebten fröhlich blühn.

 

Das Leben ward zur Liebesstunde,

Die ganze Welt spricht Lieb` und Lust,

Ein heilend Kraut wächst jeder Wunde

Und frei und voll klopft jede Brust.

Für alle seine tausend Gaben

Bleib` ich sein demutsvolles Kind:

Gewiss, ihn unter uns zu haben,

Wenn Zwei auch nur versammelt sind.

 

O! geht hinaus auf allen Wegen,

Und holt die Irrenden herein,

Streckt jedem eine Hand entgegen

Und ladet froh sie zu uns ein.

Der Himmel ist bei uns auf Erden,

Im Glauben schauen wir ihn an;

Die eines Glaubens mit uns werden,

Auch denen ist er aufgetan.

 

Ein alter, schwerer Wahn von Sünde

War fest an unser Herz gebannt;

Wir irrten in der Nacht wie Blinde,

Von Reu` und Lust zugleich entbrannt.

Ein jedes Werk schien uns Verbrechen,

Der Mensch ein Gottesfeind zu sein,

Und schien der Himmel uns zu sprechen,

So sprach er nur von Tod und Pein.

 

Das Herz, des Lebens reiche Quelle,

Ein böses Wesen wohnte drin;

Und ward`s in unserm Geiste helle,

So war nur Unruh` der Gewinn.

Ein eisern Band hielt an der Erde

Die bebenden Gefang`nen fest;

Furcht vor des Todes Richterschwerte

Verschlang der Hoffnung Überrest.

 

Da kam ein Heiland, ein Befreier,

Ein Menschensohn, voll Lieb` und Macht,

Und hat ein allbelebend Feuer

In unserm Innern angefacht.

Nun sahn wir erst den Himmel offen,

Als unser altes Vaterland;

Wir konnten glauben nun und hoffen,

Und fühlen uns mit Gott verwandt.

 

Seitdem verschwand bei uns die Sünde,

Und fröhlich wurde jeder Schritt;

Man gab zum schönsten Angebinde

Den Kindern diesen Glauben mit;

Durch ihn geheiligt zog das Leben

Vorüber wie ein heil`ger Traum,

Und, ew`ger Lieb` und Lust ergeben,

Bemerkte man den Abschied kaum.

 

Noch steht in wunderbarem Glanze

Der heilige Geliebte hier,

Gerührt von seinem Dornenkranze

Und seiner Treue weinen wir.

Ein jeder Mensch ist uns willkommen,

Der seine Hand mit uns ergreift,

Und, in sein Herz mit aufgenommen,

Zur Frucht des Paradieses reift!

 

Novalis

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Vertrauen

 

Wenn mittags hoch die Sonne steht

Und hell und rein der Himmel blaut,

Ein Rauschen durch den Laubwald geht,

Ein Flüstern, leis` und wieder laut;

 

Waldblümlein hört`s – versteht es wohl,

Nickt mit dem Köpfchen still vertraut;

Es weiß, was all dies sagen soll,

D`rum unverwandt es aufwärts schaut.

 

Der Wald verkündet Gottes Lob,

Mariens Preis zu dieser Stund`,

Die er zu seiner Braut erhob,

Als sie`s vernahm aus Engelsmund.

 

Das Blümchen, tief im Waldesgrund,

Nicht jubeln kann`s wie Vögelein,

Nicht beten kann`s wie Kindesmund,

Nicht singen süße Melodei`n;

 

Doch seinen stillen, klaren Blick,

Mit welchem es den Himmel grüßt,

Und seiner Unschuld trautes Glück,

Der Herr des Weltalls nicht vergisst.

 

Er liebt ja jede Kreatur,

Die seine Macht ins Leben rief;

O Mensch, bedenke dieses nur,

Wenn Kummer dir ans Herze griff!

 

Und kannst du fast nicht beten mehr,

Nicht loben ihn, den Vater dein,

So blick` hinauf zum Sternenheer,

Und rufe: Herr, vergiss nicht mein!

 

Er, der des Hauptes Haare zählt,

Hört jeden Ruf aus wunder Brust;

Wo keinen Trost mehr gibt die Welt,

Da wandelt Gott uns Leid in Lust.

 

Und wenn der Herr zu zürnen scheint,

Maria liebreich an uns denkt. –

Mit dir, o Kind, die Mutter weint

Und deinen Schritt zum Himmel lenkt!

 

Darum dem zarten Blümchen gleich,

O harre aus in Freud` und Leid!

Du hast ein Mutterherz so reich,

Und einen Gott – in Ewigkeit!

 

J.B.

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Unvergleichlich

 

Maria würdig schildern

Ich möchte es so gern!

Versuch`s in manchen Bildern:

Durch Perle, Rose, Stern

Und Frühling.

 

Die Perl` wird aufgewogen,

Durch Gold und Diamant;

Der Lenz ist bald verflogen;

Der Rose Duft entschwand

Beim Welken;

 

Die Sterne, sie verbleichen.

Gestehen muss ich mir,

Der Wesen keine gleichen

Entfernt nur Edens Zier

Maria.

 

Bruno

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Mariengruß

 

Grüßt Maria mit dem Kinde

Frühlingshauch, ihr sanften Winde,

Wettersturm und Donnerrollen,

Wasserrauschen, Meeresgrollen;

Vöglein all` und alle Tiere,

Euer Lob die Holde ziere!

Bäume, Büsche, Halm und Blume

Rauschet sanft zu ihrem Ruhme,

Alle Welt, der Sterne Heere,

Singet hoch zu ihrer Ehre!

„Alles preise laut Maria!“

 

Singt Marien laut zum Preise

Fromme Kinder, heil`ge Greise,

Knaben, Mädchen, Männer, Frauen,

Alle Menschen aller Gauen;

Aus dem tiefsten Herzensgrunde

Singet ihr zu jeder Stunde!

Nützt die Zunge, regt die Hände,

Spielet alle Instrumente;

Lasst die Orgel voll ertönen,

Glocken schallen, Pöller dröhnen!

„Alles preise laut Maria!“

 

Bringt Maria laute Ehre

Jubelvolle Engelchöre,

Singt und spielt stets frohe Weisen.

Sie zu feiern, sie zu preisen,

Mischet in die süßen Klänge,

Heil`ge! eu`re Lobgesänge!

Durch die eig`nen, neuen Lieder

Ehret sie ihr keuschen Glieder.

In des Himmels weiten Hallen

Stetsfort soll ihr Lob erschallen!

„Alles preise laut Maria!“

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„Wie schön bist du, meine Freundin!“

 

Ich sehe dich in tausend Bildern

Maria! lieblich ausgedrückt;

Doch keins von allen kann dich schildern,

Wie meine Seele dich erblickt.

 

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

Seitdem mir wie ein Traum verweht

Und ein unnennbar süßer Himmel

Mir ewig im Gemüte steht.

 

 

Novalis

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Mariens Mutterschaft

 

Gottesmutter sollst du sein,

Hehre Jungfrau, keusch und rein!

Hör`! des heil`gen Geistes Kraft

Wirket deine Mutterschaft.

 

Gottesmutter sollst du sein,

Hüllen in dem Schoße ein

Ihn, den fasset nicht das All,

Der umspannt den Weltenball.

 

Gottesmutter sollst du sein,

Schaffen ihn, den Schöpfer dein,

Uns Erlösung von der Sünd`

Bringen durch dein göttlich Kind.

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Die Gottesmutter

 

Wer ist wohl jene Blume,

So reich an Reiz und Duft,

Erblüht im Heiligtume,

Genährt von Himmelsluft?

 

Wer ist der Stern, so helle,

An Glanz noch nie erreicht,

Dem, leuchtend meiner Seele,

An Schönheit keiner gleicht?

 

Wer ist der süße Balsam,

Der heilet jedes Leid,

Der jedem Schmerz das Gift nahm

Für Zeit und Ewigkeit?

 

Wer ist die hohe Fraue,

Mich schützend bis zum Tod,

Die, wenn ich ihr vertraue,

Mir lindert Angst und Not?

 

Wer ist im Himmel droben

Die große Königin,

Vor der, so hoch erhoben,

Selbst Engelscharen knien?

 

Maria ist`s die Reine,

Die, unbefleckt geboren,

Von allen Frau`n alleine

Zur Mutter ward erkoren.

 

O Mutter meines Gottes,

Ich grüß` im Staube dich! –

Jetzt und im Kampf des Todes

Maria, bitt` für mich!

 

J.B.

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Betlehem und Golgatha

 

Er ist in Bethlehem geboren,

Der uns das Leben hat gebracht;

Und Golgatha hat er erkoren,

Durchs Kreuz zu brechen Todes Macht.

Ich fuhr vom abendlichen Strande

Hinaus, hindurch die Morgenlande;

Und Größeres ich nirgend sah,

Als Bethlehem und Golgatha!

 

Wie sind die sieben Wunderwerke

Der alten Welt dahingerafft,

Wie ist der Trotz der ird`schen Stärke

Erlegen vor der Himmelskraft!

Ich sah sie, wo ich mochte wallen,

In ihre Trümmer hingefallen,

Und stehn in stiller Gloria

Nur Bethlehem und Golgatha!

 

Weg ihr ägypt`schen Pyramiden,

In denen nur die Finsternis

Des Grabes, nicht des Todes Frieden

Zu bauen sich der Mensch befliss!

Ihr Sfinx` in kolossalen Größen,

Ihr konntet nicht der Erde lösen

Des Lebens Rätsel, wie`s geschah

Durch Bethlehem und Golgatha!

 

Erdparadies am Rokna-Bade,

Flur aller Rosen von Schiras!

Und am gewürzten Meergestade

Du Palmengarten India`s!

Ich seh` auf euren lichten Fluren

Noch gehn den Tod mit dunklen Spuren:

Blickt auf! Euch kommt das Leben da

Von Bethlehem und Golgatha!

 

Du Kaaba, schwarzer Stein der Wüste,

An den der Fuß der halben Welt

Sich jetzt noch stößt: steh` nur und brüste

Dich, matt von deinem Mond erhellt!

Der Mond wird vor der Sonn` erbleichen,

Und dich zerschmettern wird das Zeichen

Des Helden, dem Viktoria

Ruft Bethlehem und Golgatha!

 

O, der du in der Hirten Krippe

Ein Kind geboren wolltest sein,

Und, leidend Pein am Kreuzgerippe,

Von uns genommen hast die Pein:

Die Krippe dünkt dem Stolze niedrig,

Es ist das Kreuz dem Hochmut widrig;

Du aber bist der Demut nah

In Bethlehem und Golgatha!

 

Die Kön`ge kamen, anzubeten

Den Hirtenstern, das Opferlamm,

Und Völker haben angetreten

Die Pilgerfahrt zum Kreuzesstamm;

Es ging in Kampfes Ungewitter

Die Welt, doch nicht das Kreuz, in Splitter:

Als Ost und West sich kämpfen sah

Um Bethlehem und Golgatha!

 

O, lasst uns nicht mit Lanzenknechten,

Lasst mit dem Geist und ziehn in`s Feld

Lasst uns das heil`ge Land erfechten,

Wie Christus sich erfocht die Welt!

Lichtstrahlen lasst nach allen Seiten

Hinaus, als wie Apostel, schreiten,

Bis alle Welt ihr Licht empfah`

Aus Bethlehem und Golgatha!

 

Mit Pilgerstab und Muschelhute

Nach Osten zog ich weit hinaus;

Die Botschaft bring ich euch, die gute,

Von meiner Pilgerfahrt nach Haus:

O, zieht nicht aus mit Hut und Stabe

Nach Gottes Wieg` und Gottes Grabe!

Kehrt ein in euch und findet da

Sein Bethlehem und Golgatha!

 

O Herz, was hilft es, dass du kniest

An seiner Wieg` im fremden Land?

Was hilft es, dass du staunend siehest

Das Grab, aus dem er längst erstand?

Dass er in dir geboren werde,

Und dass du sterbest dieser Erde,

Und lebest Ihm, nur dieses ja

Ist Bethlehem und Golgatha!

 

 

Friedrich Rückert

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