Lieder und Gedichte 4

 

Sollt` ich meinem Gott nicht singen?

Sollt` ich Ihm nicht dankbar sein?

Denn ich seh` in allen Dingen

Wie so gut Er`s mit mir meint.

 

Ist doch nichts, als lauter Liebe,

Was Sein treues Herze regt,

Das ohn` Ende hebt und trägt,

Die in Seinem Dienst sich üben!

Alles Ding währt seine Zeit;

Gottes Lieb` in Ewigkeit.

 

 

Inhalt:

 

1. Neujahr

2. Es ist ein Gott!

3. Der heilige Name Jesus!

4. Zur heiligen Familie von Nazareth

5. Der Ruf des Herrn

6. Früher Tod

7. Mariä Lichtmess

8. Trübe Tage

9. Die Tonkunst

10. Am Fronleichnamstag

11. Waldesrauschen

12. Das Muttergottesbild

13. Die sieben Worte Jesu am Kreuz

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1. Neujahr

 

 Ein Jahr ist verronnen im Strome der Zeit,

Und das neue zog im Triumphe schon ein.

Was hält es den Adamskindern bereit,

Die rings ihrer Freude nur Ausdruck verleih`n?

Hier frohes Wünschen, hier Hoffen und Wagen,

Dort sonnige Träume von besseren Tagen!

Und könnte dies alles verwirklicht werden:

Die Welt wäre nicht länger voll Leid und Beschwerden.

 

Doch die nächste Zeit die Enttäuschung schon bringt:

Reich bleibt an Dornen der Lebenspfad,

Drauf mühsam der Sterbliche weiter sich ringt,

Und kärglich nur erntet gestreute Saat.

Nach irdischem Glück der Sinn nur hascht,

An verderblichen Gaben der Weltlust er nascht;

So irret das Herz durch das Treiben hienieden,

Es suchet, es hofft - und nirgends ist Frieden.

 

Und Leid und stete Enttäuschung uns lehrt,

Dass Glück und Frieden im Staube nicht weilt,

Nur Trug ist`s, was diese Welt uns beschert,

das Traumbild der Freude zu bald nur enteilt. -

Was rät uns der Heiland? - "Befleißiget euch,

Mit Eifer zu finden das göttliche Reich,

Und seine Gerechtigkeit anzustreben:

Das übrige wird euch hinzugegeben!"

 

R. Grein

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2. Es ist ein Gott!

 

Du suchest Gott, du Tor, und fandest seine Spur

Noch nicht im großen Wundergarten der Natur?

Kommt er nicht Tag für Tag auf allen deinen Wegen

Mit seiner Weisheit, Macht und Güte dir entgegen?

Sagt nicht der Sonne Pracht, der Sterne heller Schein,

Des Mondes Glanz: Es muss ein Gott und Schöpfer sein?

 

Musst du, wenn Berg und Tal von Sturm und Donner hallen,

Demütig nicht vor Gottes Größe niederfallen,

Und wenn in wilder Wut die Elemente toben,

Schaut dann dein Auge hilfesuchend nicht nach oben?

So kündet dir der Vögel Sang, der Blumen Duft

Und Meer und Land und Feuer, Licht und Luft,

Des Tieres Stärke und des Menschen Majestät:

Es ist ein Gott, der ewig war und nie vergeht!

 

Und schlägt dir nicht der Weltgeschichte weiser Lauf

Das große Buch vom ew`gen Dasein Gottes auf?

Hat Gott nicht einstens Griechenland und Rom berufen,

Dass sie als Herr`n der Welt so Großes, Schönes schufen

Und - konnten sie als Heiden auch es selbst nicht ahnen -

Der Kirche Christi schon die Wege mussten bahnen,

In der sich so unendlich hehr und wunderbar

Stellt Gottes Sein und unsichtbares Walten dar?

 

Drum glaub` an ihn und seiner Allmacht große Werke,

Und preise mit den Engelchören seine Stärke

Mit kindlich-frommem Sinn und gläubigem Vertrauen,

Bis einst ihn selbst du kannst bei seinen Heil`gen schauen,

In Himmelshöh`n genießen seine Herrlichkeit,

Die immer war und ist und bleibt für alle Zeit,

Und bis dein Glaube dir nach dieses Lebens Not

Zur sich`ren Wahrheit wird: Es lebt ein ew`ger Gott!

 

Frz. Clute-Simon

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3. Der heilige Name Jesus!

 

Es jagt die Menschheit in törichtem Wahn,

Ein flüchtiges Trugbild von Frieden und Glück, -

Ein jeder stürmt seine eigene Bahn

Und kehret enttäuscht und mutlos zurück!

Das Heil, es wohnt nicht im wilden Genießen,

Dem Staube kann kein Segen entsprießen,

Wer diesen in Wahrheit zu finden begehret,

Der höre, was der Apostel uns lehret.

 

Der spricht: "In keinem andern ist Heil,

Kein anderer Name gegeben ist;

Und durch keinen wird Segen den Menschen zuteil,

Als durch Jesu Namen, den niemand ermisst."

Erwägen wir, was dieses Wort uns sagt;

Es weist aus des Weltlaufs sündige Nacht

Nach aufwärts, wo in den himmlischen Fernen

Der Name uns strahlet über den Sternen.

 

O folgen wir stets seinem himmlischen Licht!

Wohl strahlt es hienieden auf Prüfung und Leid,

Doch stärkende Labsal uns nimmer gebricht,

Im rastlos wogenden Erdenstreit,

Der Name Jesus, er leuchtet voran

Auf steiler, dorniger Pilgerbahn,

Das sicher ans ewige Ziel wir dringen,

Im Kampf uns die himmlische Palme erringen.

 

R. Grein

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4. Zur heiligen Familie von Nazareth

 

Hinweg von dem argen Getriebe der Welt,

Die der arglosen Seele nur Netze stellt,

Um Frieden zu finden, zu euch jetzt flieh`n,

O Jesus, Maria und Joseph, wir hin.

O würdigt uns, ganz euer eigen zu sein,

Die gläubig in euern Schutz wir uns geben

Und Leben und Denken und Wandel euch weih`n:

O bleibet uns Leuchten fürs Pilgerleben!

 

Denn den irdischen Pfad rings Dunkel umhüllt;

Und das Lebensbild voll Prüfung und Leid

Zu bald nur die Seele mit Bangen erfüllt

Und lässt sie ermatten im guten Streit.

Drum lasset, wenn Unheil uns wild bedroht,

Auf euer gläubiges Wallen uns schauen,

Da finden wir Trost in Betrübnis und Not,

Und es stärket die Seele ein neues Vertrauen.

 

Und windet der Weg auch durch Dunkel sich noch:

Einst tagt uns ein Morgen, der nimmer enteilt;

Da schwindet das irdische Sündenjoch

Und alle Wunden werden geheilt.

O Jesus, Maria und Joseph, wir flehn:

Lasst treulich an eurer Hand uns stets schreiten,

Dass einst die ewige Freude wir sehn

Nach dieses Daseins bewegten Zeiten.

 

R. Grein

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5. Der Ruf des Herrn

 

Wie war das Leben so öde und kalt,

Wozu all das Hasten und Jagen

Nach Gold und Ruhm und Genuss, um bald

Den Todeskeim in sich zu tragen.

 

Wie war der Wille so todesmatt

Nach all den Kämpfen und Wunden,

Nachdem er sich selbst verloren hat,

Wie könnte er wieder gesunden.

 

Wie war die Seele so dumpf und schwer

Von Nacht und Wirrnis umfangen,

Wie war der Himmel so sternenleer,

So trostlos mit Wolken verhangen.

 

Da sah ich die Wahrheit vor mir stehn

In schimmerndem Strahlengewande,

So lichtvoll und geistig, so wunderbar schön

Wie aus himmlischem Heimatlande.

 

Sie sprach: Komm, willst du nicht folgen mir?

Lass mich dein Leben gestalten.

Doch dich selbst und dich ganz verlang ich von dir,

Sonst kannst du mein Glück nicht erhalten!

 

Ein Leuchten ging da durch die Seele mir

Und ein neues Schaffen und Streben -

Vollende, o Herr, die Richtung zu dir,

Die Richtung zum ewigen Leben.

 

H. J. Laris

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6. Früher Tod

 

Sie sind dahin, der Jugend schöne Träume,

Bald ist es aus, mein Leben, kurz und karg.

Noch Tage bleiben mir, nur leere Schäume,

- - Dann schließt sich dröhnend über mir der Sarg.

 

Nicht hadern will ich mit des Schicksals Lose,

Nicht klagen über mein verfrüht` Geschick.

Zu Gott, der weise aus der Zeiten Schoße

Die Gaben streut, erheb` ich meinen Blick.

 

Er gab mir Leben, - ihm gehört das meine.

In seine Hände geb` ich`s froh dahin.

Mit ihm versöhnt, der für uns gab das seine,

Ist Sterben Süßigkeit und Tod Gewinn.

 

Ich bin bereit - - des Körpers Kräfte schwinden.

Doch meine Seel`, geläutert, klar und rein,

Wird bald das Glück, den Himmelsfrieden finden,

Wird bald verklärt bei ihrem Gotte sein.

 

Wilhelm Schaefer

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7. Mariä Lichtmess

 

Zum Tempel gehest, o Reinste, du ein?

Willst sündigen Frauen denn gleich du sein,

Wie sie das Opfer entrichten?

Den Sündern ist jene Vorschrift gesetzt;

Doch dich, die vom alten Leid nicht verletzt,

Kann nimmermehr sie verpflichten.

 

Doch solches Erwägen nicht ab dich hält, -

Was dort im Gesetze ist aufgestellt,

Es ward von Jehova gegeben.

Ihm hast du dich ganz im Gehorsam geweiht

Und seinem Dienst für die Pilgerzeit

Gewidmet dein sündloses Leben.

 

Da ficht dich die Meinung der Welt nicht an;

Du schreitest der Pflicht bezeichnete Bahn,

Um ganz nur Gott zu gefallen.

O hilf drum, dass unser Trachten auch sei

Von nichtiger Menschenfurcht gänzlich frei

In diesem irdischen Wallen!

 

Ein Sehnen ziehet nach droben das Herz;

O, weise die Pfade ihm himmelwärts,

Zeig ihm, wo der Frieden zu finden,

Hilf, dass unsern Wandel dem Höchsten wir weih`n;

So zieh`n nach dem Streit wir zur Freude einst ein,

Dort ewig dein Lob zu verkünden.

 

R. Grein

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8. Trübe Tage

 

Nur Stille mich umringet,

Sein Zepter lähmend schwinget

Der Winter im Reich der Natur;

In düsterm Todes-Verzagen

Die laublosen Bäume ragen,

Und eisige Stürme jagen

Vernichtend durch Felder und Flur.

 

Vor ihrem eisigen Toben

Verhüllt die Sonne droben

Wie trauernd das Angesicht, -

Da fällt belebend milde

Kein Strahl auf das öde Gefilde:

Durch schwarze Wolkengebilde

Kaum flüchtiger Glanz sich bricht.

 

Mir ist`s, als müsst in dem Grauen

Ein Bild des Daseins ich schauen;

Dem Freude selten nur lacht,

Nur Leidenswogen da brausen,

Der Drangsal Stürme sausen

Und stürzen die Seele in Grausen

Und banger Verzagtheit Nacht.

 

Es hat das alles indessen

Die Allmacht uns zugemessen

Und uns zum Wohle verhängt.

So ruft sie vom Pilgertale

Durch Schmerz uns zum himmlischen Saale,

Wo mit verklärendem Strahle

Der ewige Lenz uns umfängt.

 

R. Grein

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9. Die Tonkunst

 

Geist, der durch die Saiten waltet,

Und, vom leisesten Entsteh`n

Schwellend zum Accord entfaltet,

Uns die tiefste Welt gestaltet,

Geist, wer schuf dein heil`ges Weh`n?

Was zu Gott mich oft erhoben,

Oft der Leidenschaften Toben

In der wilden Brust gestillt,

Wär`, aus eitlem Hauch gewoben,

Nur des Nichtssein Dämmerbild?

 

Nein, dich hat die ew`ge Liebe

Zu den Sterblichen gesandt,

Dass im rauhen Weltgetriebe

Uns die süße Ahnung bliebe

Von dem schönen Vaterland.

Jeder Ton, der uns durchdrungen,

Ist aus heil`gem Quell entsprungen

Und aus ew`gen Harmonien,

Und erhellt die Dämmerungen,

Die die Heimat uns entziehen.

 

Harmonie, du Band der Sphären,

Schöpferin des ew`gen Lichts,

Hohe, deren Wink zu ehren,

Tausend Sonnen sich verklären

Aus dem Schoß des dunkeln Nichts,

Heilige, die jedem Fehle,

Dass nur Gleiches sich vermähle,

Die geweihte Kette schließt,

Glorie der reinen Seele,

Harmonie sei mir gegrüßt!

 

Dir gehorcht die schwarze Welle,

Wenn der Sturm die Flügel schwingt,

Dir der Tanz am Wiesenquelle,

Ruh` und Kampf und Nacht und Helle

Folgen, wenn dein Scepter winkt.

Wo der Schöpfung Pulse beben,

Darf kein Misslaut sich erheben;

Auf geheimnisvoller Spur

Schmilzt der Kräfte Widerstreben

In den Einklang der Natur.

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10. Am Fronleichnamstag

 

Schmücket festlich heut` die Hallen,

Denn ein König ziehet ein;

Lasset bunte Fahnen wallen,

Festlich zieh`n die frohen Reih`n,

Kränze schmücken die Altäre;

In der Glocken Feierklang,

Dass sich jedes Aug` verkläre,

Mische sich der Jubelsang!

 

Er, durch Den die Sterne glühen,

Der den Wurm im Staub erschuf,

Vor Dem Cherubime knien,

Horchend Seiner Allmacht Ruf,

Stieg vom Himmel für uns nieder

In der Gnade mildem Strahl,

Brachte uns den Frieden wieder

In dies wüste Erdental.

 

Wo Er wallt, da sprosset Segen,

Jubelt freudig die Natur;

Wo Er tritt, auf allen Wegen

Lässt Er Seiner Liebe Spur;

Ist ein Vater aller Armen,

Tröstet Jeden, der da weint;

Aller will Er Sich erbarmen,

Wie ein liebevoller Freund.

 

Und Er pflanzte eine Blume

Hier auf uns`rer wüsten Au;

In der Liebe Heiligtume

Netzt Er sie mit Himmelstau.

Und die Engel knien schweigend,

Wo die Wunderblume blüht,

Beten, sich zum Staube neigend,

Wo ihr Busen ahnend glüht.

 

Gleich der Lilie in dem Tale,

Dir das Herz mit Sehnsucht füllt,

Wohnet Er im Liebesmahle

Des Altares eingehüllt.

An dem heil`gen Kreuzesstamme

Lodert, glühend immerdar,

Heil`gen Feuers reine Flamme

Auf der Kirche Sühnaltar.

 

Seht, der herrliche Bezwinger

Unsres Feindes ziehet ein;

Er, der hohe Freudenbringer,

Will in unsrer Mitte sein.

Glocken tönen, Lieder schallen,

Blumen streu`n des Siegers Bahn;

Jubelvolle Scharen wallen,

Und die Fahnen geh`n voran.

 

Menschheit, freue dich, erhebe,

Was da fühlet, Jubelton!

Sünder, stehe auf und lebe,

Blicke zu der Gnade Thron!

Und du, Kirche, reich an Gnaden,

Freue dich, du Himmelsbraut!

Alle Wesen sind geladen

Zu dem Quell, der ewig taut.

 

Ed. Michelis

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11. Waldesrauschen

 

Durch des Waldes dunkle Schatten schleicht ein schweigend Todesbangen,

Alles hält mit rauem Arme der Erstarrung Schlaf umfangen,

Ach, das frohe Waldgetümmel ist mit Grabesruh` vertauscht,

Dichtgehäuft das Laub, das welke, unterm Schritt des Wandrers rauscht.

 

Doch, wo blieb es, jenes Rauschen in den grünen Wipfeln droben,

Das dem Lauschenden im Walde froh empor das Herz gehoben?

Zwar der Eiche dürre Zweige sturmgepeitscht hernieder tönen,

Doch es ist erpresstes Ächzen, ist des Sterbens letztes Stöhnen.

 

In des Winters eis`gem Wüten Laub und Strauch und Hälmlein beben,

Was dem Auge hier begegnet, redet von entwich`nem Leben,

Doch der Sonne wärm`re Strahlen zu dem Wald schon Botschaft tragen:

"Bald wird alles neu erwachen in des Lenzes schöneren Tagen."

 

Ist`s mit deinem Lebenspfade anders denn, o Christ, bestellt?

Wild bewegt umrauschen Leiden täglich dich in dieser Welt,

Doch es harret süßer Trost schon nach dem Streit und nach dem Wehe;

Blicke gläubig drum zum Himmel, sprich: Was Gott will, das geschehe!

 

R. Grein

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12. Das Muttergottesbild

 

Wie brennt die Sonne, ach! so heiß!

Wie dürst es mich so sehr!

So seufzt und klagt ein armer Greis,

Ihn drückt die Last so schwer.

 

Er klagt und seufzet müd und schwach:

Die Felsen, ach! sind taub,

Im Abgrund aber rast der Bach,

Und bricht sich selbst zu Staub.

 

Vorüber ist die Jugendlust,

Vorüber Spiel und Scherz;

Das Alter stahl die Kraft der Brust,

Und gab mir Not und Schmerz.

 

Wie lachte einst voll Sang und Klang

Der Berg im Morgenstrahl!

Wie sauer wird mir nun der Gang!

Wie traurig schweigt das Tal!

 

Es geht den steilen Berg hinan,

Und oftmal steht er still,

Es zittert, ach! der alte Mann, 

Er kann nicht, wie er will.

 

Sein Fuß ist wund, und wund sein Herz,

Und hoch der Berg und steil;

An seiner Not, an seinem Schmerz

Nimmt keine Seele Teil.

 

Der Vogel ja versteht ihn nicht,

Der in den Zweigen scherzt;

Es lacht der Rose Angesicht,

Sie weiß nicht, was ihn schmerzt.

 

Von seiner Stirne rinnt der Schweiß,

Auf harten, harten Grund,

Der nichts von Lieb` und Mitleid weiß,

Von Herzen krank und wund.

 

So geht er einsam hin und klagt,

Kein Trost, der fern ihm winkt,

Er klagt, bis ihm die Kraft versagt,

Und stumm er niedersinkt.

 

Er blickt umher verzweiflungsvoll,

Das Herz erstarrt in Weh;

In tiefster Seele bittren Groll

Sagt er der Welt Ade!

 

O wär` ich niemals aufgewacht!

O dass ich ewig schlief!

Verflucht du Unglücksnacht,

Die mich in`s Leben rief.

 

Doch wie er so im Zorne wild

Verzweiflung in sich trinkt,

Da sieht er still ein armes Bild,

Das ihm von ferne winkt.

 

Ihm winkt die Mutter süß und mild,

Das Kindlein in dem Arm;

Es spricht zu ihm das Gnadenbild:

Auch ich war nackt und arm.

 

Auch ich schritt an dem Schmerzenstag

Bergan den heißen Gang,

Als meinem Ohr der Hammerschlag

Vom Kreuz herab erklang.

 

Auch mir erstarb der Klagelaut,

Da ich das Kreuz umschlang,

Und mich, die trostberaubte Braut,

Ein schneidend Schwert durchdrang.

 

O komm zu mir und tröste dich,

Mir ruht dein Heil im Arm;

O blick es an, dann endet sich

Dein bittrer Seelenharm.

 

O sieh, mein Kindlein lächelt dir,

Es winkt dir, nackt und bloß,

O komme, Armer! komm zu mir,

Und nimm es auf den Schoß,

 

Und nimm es in die Arme dein,

Und drück` es an dein Herz,

Dann klagst du nimmer so allein,

Mein Kind hört deinen Schmerz.

 

O zögre nicht, o bleib nicht fern,

Vergesse deinen Groll,

O komm zu deinem Gott und Herrn,

Er ruft dir gnadenvoll.

 

Er nahm das schwere Kreuz auf sich,

Er trägt auch deine Last,

O komm, der Heiland heilet dich,

O komm und sei Sein Gast.

 

Er ladet dich zur Seligkeit

Auf Tabor in das Zelt,

Dort lohnt Er dir in Ewigkeit

Für Leiden dieser Welt.

 

Mein Kindlein harrt voll Ungeduld,

O höre, wie Er spricht:

Ich trag die Last, Ich trag die Schuld,

O komm und zögre nicht!

 

So sprach zu ihm das arme Bild,

Gelindert war sein Schmerz,

Er weinte süß, er weinte mild,

Und Trost durchfloss sein Herz.

 

Er schloss es seinem Heiland auf,

Er schloss Ihn drinnen ein,

Er ging mit Ihm bergab bergauf,

Er ging nicht mehr allein.

 

Den Himmel trug er in der Brust,

Und wenn die Kraft erlag:

Dann dachte er in stiller Lust

An den verheiß`nen Tag.

 

Er dachte an die Seligkeit

Auf Tabor in dem Zelt,

Er dachte an die Flüchtigkeit

Der Leiden dieser Welt.

 

Guido Görres

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13. Die sieben Worte Jesu am Kreuz

 

An dem Kreuze blutbeflecket

Hing mein Heiland ausgestrecket

Voll der Liebe und Geduld. -

Da wo Mörder sterben müssen

Sah ich meinen Heiland büßen

Meiner Sünden große Schuld.

 

Hört Ihn für die Frevler flehen,

Welche spottend um Ihn stehen,

Ihn zu quälen nimmer ruh`n: -

Vater! o vergib die Sünden

Diesen Mördern, diesen Blinden,

Die nicht wissen was sie tu`n!

 

Einen Schächer hör` ich schmähen,

Und den anderen reuig flehen:

Herr! gedenke dorten mein!

Mit unendlichem Erbarmen

Spricht der Heiland zu dem Armen:

Heute wirst du bei Mir sein.

 

Seine Mutter sieht Er ringen,

Und das Schwert ihr Herz durchdringen,

Wie`s verkündet Simeon. - 

Doch, der Mutter der Betrübten,

Und dem Jünger, dem Geliebten,

Hilft noch tröstend Gottes Sohn.

 

Denn Er spricht mit Kindesherzen

Zu Marien voll der Schmerzen:

Mutter! sieh` da deinen Sohn! -

Und zum treuen Jünger blickend,

Ihn mit Himmelstrost beglückend:

Sieh` da deine Mutter! Sohn!

 

O, die ihr vorübergehet

Und den Herrn so leiden sehet,

Denkt was Ihn an`s Kreuz gebracht! -

Wer litt je so große Schmerzen?

Wer trug je in seinem Herzen

Solcher Liebe Übermacht?

 

Bald wird Er das Opfer enden

Und den Blick zum Himmel wenden

Bei der Feinde frechem Spott. - 

Hör`, Er rufet im Erblassen:

Warum hast Du Mich verlassen?

O mein Vater! o mein Gott!

 

Hör` Ihn nun "Mich dürstet" klagen.

O, wer könnt` den Trunk versagen

Ihm, der sterbend ihn begehrt!

Doch nur Essig in dem Schwamme

Wird dem holden Gotteslamme

Und mit Galle nur gewährt.

 

Bei der Menschheit Schwäch` und Blöße

Tröstet Ihn des Opfers Größe

Und Er ruft: Es ist vollbracht! - 

Denn, wonach die Lieb` getrachtet,

Er, das Lamm, ist nun geschlachtet,

Und zerstört der Hölle Macht.

 

Er nur konnte so vollenden; -

Wie wird um sich Alles wenden

Zu des höchsten Gottes Ruhm! -

Sieh`, die Welt ersteht vom Falle,

Und die Völker werden alle

Christi Erb` und Eigentum.

 

Darum spricht Er hoch entzücket,

Eh` Er wird der Welt entrücket:

Vater! nimm Du Meinen Geist! -

Ihn empfehl` Ich Deinen Händen. -

Also will Er das vollenden,

Was des Vaters Lieb` Ihm heißt.

 

Wer ist je so groß gestorben?

Wer hat je so viel erworben,

Für der Menschen wahres Heil? -

O, wir wollen Ihn nun lieben,

Ihn durch Sünde nie betrüben,

Dass Sein Reich uns werd` zu Teil.

 

K. Deutschmann

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