Die Konversion der Cordula Peregrina (C. Wöhler)

 

Die Vorrede des Buches: „Aus Lebens Liebe, Lust und Leid“

Innsbruck, Druck und Verlag von Fel. Rauch, 1898,

von Cordula Peregrina

 

(Cordula Wöhler, 17.6.1845-6.2.1916) war eine religiöse Dichterin. Von ihr stammt z.B. der Text des bekannten Marienliedes „Segne du, Maria, segne mich, dein Kind“. Ihr Vater war der evangelisch-lutherische Theologe Wilhelm Wöhler und ihre Mutter die Kaufmannstochter Cordula Banck. Ihre Konversion fand am 10.7.1870 statt. 3 Tage später wurde sie gefirmt und empfing sechs Tage später die erste heilige Kommunion. Sie hat verschiedene Werke verfasst, u. a. das weit verbreitete Buch „Was das ewige Licht erzählt. Gedichte über das allerheiligste Altarsakrament“. Zusammen mit ihrem späteren Ehemann Josef Anton Schmid lebte und wirkte sie sehr aktiv in einer katholischen Kirchengemeinde.)

 

„Es sind nun schon Jahre vergangen, in denen ich wieder und wieder – und von den verschiedensten Seiten – aufgefordert worden bin, eine Geschichte meines Übertritts und all der ihn herbeiführenden, ihn begleitenden und ihm entspringenden Umstände zu veröffentlichen, und so oft ich mich weigerte, mit dem Bemerken, dass es meiner ganzen Natur widerstrebe, ein Buch zu schreiben, in welchem meine Person selbstverständlich in den Vordergrund und mit ihrem tiefsten und stärksten Empfinden, ihrem Suchen und Sehnen, Ringen und Kämpfen, Lieben und Leiden an die Öffentlichkeit treten musste, wurde mir stets – von Priestern wie von Laien, entgegen gehalten, dass ich diese Scheu überwinden und zum Opfer bringen müsse, indem ein Konvertitenbild immer zur Ehre Gottes und zum Nutzen gar mancher suchenden Seele diene.

 

Schon der selige Alban Stolz ermunterte mich vor mehr denn einem Vierteljahrhundert zu einer Veröffentlichung meiner Konversionsgeschichte, und etwa ein Jahrzehnt nach ihm schrieb mir (der gleichfalls seit Jahren schon heimgegangene) Dr. Alfred Muth und bat mich um das notwendige Material, damit er nach ihm ein Büchlein schreiben könne, wie die Sängerin des ewigen Lichts ein Kind der katholischen Kirche geworden ist.

 

So hoch ich aber auch diese beiden edlen Männer verehrte, so viel insbesondere ich dem ersteren verdankte, in diesem Punkt ihnen zu willfahren, schien mir unmöglich, und so erhielt denn weder Dr. Alfred Muth das gewünschte Material, noch dachte ich selber dara, es jemals für die Öffentlichkeit zu verwerten.

 

Stöße von Tagebüchern aus den Jahren des heißesten Ringens und bittersten Leidens – und was gab es nicht alles zu bekämpfen und zu überwinden, wie viel Schmerzenstränen und Seelenopfern waren notwendig, um mir Schritt für Schritt den Eintritt in die Porta coeli zu erringen! – lagen und liegen da, - dazu die Briefe von Alban Stolz und anderen katholischen Freunden, die meinen Mut aufrecht hielten und mein Vertrauen auf den Beistand Gottes befestigten, aber all dies – schon bei Lebzeiten – der Öffentlichkeit preis zu geben, nein, dazu konnte ich mich nicht entschließen!

 

Unterdes bin ich alt, der Wunsch aber vieler, Näheres über Zeit und Umstände vor, bei und nach meiner Konversion zu hören, immer aufs Neue wieder laut geworden, und so ist in mir denn ein Gedanke gereift, der solchem Wunsch wohl im Hauptsächlichsten Genüge leistet, und dennoch nicht so sehr meiner innersten Seele widerstrebt, als wenn ich entweder Auszüge aus den Tagebüchern jener Zeiten machen, oder aber – an der ihrer Hand – die Geschichte meiner Konversion jetzt niederschreiben sollte. Ich habe nämlich aus all diesen Tagebüchern – vom 16. Lebensjahr an geführt – einen kleinen Teil der Lieder gesammelt, wie sie damals der Suchenden, sehnenden, seufzenden, aber auch der hoffenden und oftmals im Übermaß himmlischen Trostes selig jubelnden Seele entquollen sind, und habe sie zu einem Ganzen geflochten,

„aus Lebens Liebe, Lust und Leid“,

und lasse sie nun

„als Pilgersang zur Abendzeit“,

beim Hereindämmern meines Lebensabends – an die Öffentlichkeit treten!

 

Mein Pilgersang zerfällt – wie von selbst – in sechs Teile, - jeder wieder von anderer Tonart! Die Lieder des ersten Teils gehören zunächst dem vollen Lebens- und Heimatsglück, der ersten sonnigen Jugend an, wo das Herz alles in vollem Maße besaß, was uns hienieden nur immer erfreuen kann: die liebsten, besten Eltern, traute Schwestern, gute, edle Freunde, das idealste Heim, das intensivste Leben in und mit der Natur, die schönsten Reisen, die interessanteste Lektüre, von früh auf mächtigen Drang zu reger Tätigkeit, wie stillen Hang zu einsamem Sinnen und Träumen, - - Herz, was willst du mehr?!

 

Und doch wollte es noch mehr, dies irdisch so glückliche, reich bevorzugte junge Herz, denn es empfand nur allzu tief die Wahrheit des Wortes, das schon St. Augustinus einst zu Gott empor geseufzt hat: „Unser Herz ist unruhig, bis dass es ruht in Dir!“ Dass es aber nicht in Gott ruhe, das fühlte es in schmerzlicher Klarheit, und so begann denn – mit noch nicht 16 Jahren – das erste ernstliche Suchen und Sehnen nach Gott und der vollen Ruhe in ihm!

 

Jahre vergingen zwar, bis es vollständig klar erkannte, dass es die volle, himmlische Ruhe einzig und allein in der katholischen Kirche finden und fühlen könne; aber mit dieser Erkenntnis war denn auch der Entschluss gefasst, koste es, was es wolle, ein Kind dieser Kirche zu werden!

 

Die letzten 12 Lieder des ersten Teils gehören schon der Zeit des tiefsten Leidens und heißesten Ringens an, da meine so sehr geliebten Eltern, wie all meine Angehörigen, Freunde und Bekannte auf jede nur mögliche Weise – in Güte, wie in Härte und Strenge – meinem Entschluss entgegentraten und ihn um jeden Preis zu verhindern suchten.

 

Die beiden Lieder: „Wieder Licht!“ und „Der beste Trost“, sind fast unmittelbar nach jenem entsetzlichen Tag entstanden, an dem es den geliebten Meinen zuerst bekannt wurde, dass ich katholisch werden wollte, - ein Tag, der mich noch jetzt, nachdem fast 29 Jahre drüber hingegangen, im tiefsten Herzen erbeben macht, so oft ich an ihn zurückdenke, - ein so grenzenloser Jammer herrschte damals in unserem einst so glücklich friedlichen Familienkreis. Es war der mir zeitlebens unvergessliche Palmsonntag, der 21. März 1869. Ihm aber folgten Tage und Monate, in denen ich das Wort des Psalms an mir erfuhr: „Um Deinetwillen trage ich Schmerz, deckt Scham mein Angesicht, - fremd bin ich geworden meinen Brüdern.“ (Psalm 68,8-9)

 

Der zweite und dritte Teil zeigen das geängstigte, hilf- und haltlose Kind unter dem Schutzmantel seiner himmlischen Mutter. O, hätte ich sie nicht gehabt, nicht die Liebe zu ihr, den steten Aufblick und Hilferuf zu ihr in jenen trost- und lichtlosen fünfviertel Jahren, - ich wäre an Lein und Seel´ elend zu Grunde gegangen, und hätte wohl nie und nimmer es erreicht, ein Kind der Kirche zu werden!

 

Noch lange bevor ich daran dachte, katholisch zu werden, begann ich schon, Maria zu lieben, ihr heimlich zu huldigen, ohne jedoch schon den vollen Mut zu haben, sie anzurufen; denn ich wusste ja, dass dies den Protestanten nicht erlaubt war.

 

Aber war es denn auch unerlaubt, sie zu lieben, sie, die Mutter des Gottessohnes, dem ganz zu gehören ich so heiß mich sehnte! In unserer noch aus alter katholischer Zeit stammenden Dorfkirche, war oben auf dem Seitenchor ein recht einsamer, stiller, verstaubter Winkel, von keinem besucht und beachtet, da stand eine alte hölzerne Statue: Maria, den Leichnam ihres göttlichen Sohnes auf dem Schoß. Noch heut´ sehe ich sie vor mir, - die Farben des Gewandes fast bis zur Unkenntlichkeit verloschen, - mehrere Finger an den Händen des Heilandes fehlend, das Ganze total verwahrlost, verstaubt, vergessen, - und doch! – wie seltsam tief durchdrang es mich, als ich dies alte Bild zum ersten Mal erblickte. Wie gebannt stand ich davor und sah es lange, lange an! Dann kam ich wieder und reinigte das Bild, wie den ganzen Winkel, von Spinnengewebe und Staub. Und wieder kam ich und brachte die schönsten Blumen meines Beetes, und legte sie auf das Herz der teuren Heilandsleiche und auf Hand und Haupt der Mutter, die Ihn umschlungen hielt. Und bald verging kein Tag mehr, wo ich nicht zu dem lieben alten Bild kam, stets mit frischen Blumen, - von den ersten des Frühlings an bis zu den letzten des Herbstes.

 

Und bald stand ich nicht nur vor dem alten Bild, sondern kniete davor und bedeckte beide mit Küssen, nicht nur den Sohn, sondern auch die Mutter, - Seine Mutter, - ach, wenn sie doch auch die meine werden wollte! Aber noch wagte ich nicht, sie darum zu bitten, - protestantische Gewissensbisse unterdrückten noch immer das wohl jedem Christenherzen angeborne katholische Kindesbedürfnis, Seine – Jesu! – Mutter auch als unsere Mutter zu umfassen und zu verehren.

 

Erst dann sollte das erste schüchterne und doch so lang schon heiß ersehnte Ave über meine Lippen zittern, als – etwa im Dezember 1867 – Alban Stolz mir in einem seiner ersten Briefe auf meine bekümmerte Frage ausdrücklich die Versicherung gegeben, dass ich gewiss kein Unrecht tue, schon als Protestantin Maria anzurufen.

 

Von dort an aber brach sich – gleich einem lange eingedämmten, mit Gewalt zurückgehaltenen Strom – die Verehrung Mariens nur umso mächtiger Bahn in immer neuen heißen Herzensbitten und in Hunderten von schlichten, aber tief empfundenen Liedern.

 

Jahre und Jahre lang hatte ich mein liebes altes Bild, das mir wahrhaft zum Gnadenbild geworden war, ungestört schmücken und verehren können. Niemand kam an dies stille, fast versteckte Plätzchen. Niemand beobachtete mein täglich Tun! Sobald aber alle es wussten, dass ich katholisch werden wollte, wurde jeder Schritt und Tritt aufs sorgfältigste bewacht, und somit auch bald mein Gang zu dem alten Bild, wie dessen Existenz überhaupt, entdeckt.

 

Zunächst wurden alle Blumen, die ich dorthin brachte, täglich wieder fortgenommen, und schließlich – zu meinem unaussprechlichen Schmerz! – das ganze Bild aus der Kirche entfernt, ohne dass ich erfahren durfte, wohin es gekommen, oder dass ich jemals es wiedergesehen hätte! Nach dieser Abschweifung kehren wir wieder zu den Liedern zurück, die im zweiten Abschnitt mein Kindesverhältnis zu Maria überhaupt, im dritten aber die Art und Weise schildern, wie ich schon jahrelang als Protestantin den lieben Monat Mai zu feiern suchte, im Geist mich all den glücklichen Kindern Mariens einend, die auch dem Leib nach ihren Altären sich nahen durften. Ich konnte zwar nur eine ganz kleine Porzellanstatuette – die ich in erster Jugend auf einer Reise gekauft und die heute noch mir ein teures Heiligtum ist, - fast heimlich und voll Zagen mit Blumen schmücken, und nur bei stiller Nacht ein Lichtlein davor brennen lassen und den Rosenkranz beten, aber mein Herz lag ihr ja Tag und Nacht zu Füßen, ihre Medaille der unbefleckten Empfängnis an meinem Herzen; - so war es doch – trotz aller Entbehrung – eine reich gesegnete, wenn auch oft mit Tränen betaute Maifeier.

 

Der vierte Abschnitt zeigt in all seinen Liedern, wie fest mein Herz mit Landschaft und Natur, Garten und Gegend, Wald und Meer, Heimat und Elternhaus verwachsen war, wie namenlos weh ein Losreißen und Scheiden fürs ganze Leben ihm tun musste! Hing ich doch mit so starken und zärtlichen Banden an Eltern, Schwestern und Heimat, dass es meinem jugendlichen Gemüt wie ein Ding der Unmöglichkeit erschienen wäre, einer irdischen Liebe und zeitlichen Versorgung wegen all diese Kleinodien zu verlassen!

 

Nur um Gottes und des wahren Glaubens willen war ein solcher Schritt möglich, - und er wurde gemacht, dieser Schritt, mit Gottes Hilfe und Gnade, wenn auch mit blutendem, fast brechendem Herzen und tausend heißen Tränen!

 

Am Mariä Heimsuchungsfest 1870 – an einem Samstag – sollte der bitterste Abschied genommen werden, den ein liebend Kindesherz nur immer nehmen kann; ich nahm ja nicht den Segen der so heiß geliebten und dennoch – durch ein Vorhaben – bis zum Tod betrübten und gekränkten Eltern mit mir, vielmehr klangen ihre Klagen, ihre Vorwürfe, ihre Beschwörungen, ihre Prophezeiungen bitterer Reue meinerseits und eines unglückseligen Loses für Zeit und Ewigkeit noch in meiner Seele und in meinen Ohren wieder, als ich wie gebrochen über die heimatliche Schwelle schritt. O welch ein bitterschweres Scheiden!!

 

Möge Gott jeder armen Seele, die den gleichen Schritt unter den gleichen Umständen zu machen hat, - um Seinet- und des Glaubens willen – erbarmend beistehen in so todesdunkler Ölbergsstunde! Die eigene Kraft reicht nimmer aus, aber – „ich vermag alles in dem, der mich stärkt!“ (Phil 4,13)

 

Des fünften Abschnitts Lieder zeigen die pilgernde Seele endlich am lang und heiß ersehnten Ziel, - denn „Er führte sie in den Hafen ihres Verlangens!“ (Psalm 106,30)

 

Am 10. Juli 1870 – einem Sonntag Nachmittag nach der Vesper – durfte ich in die Hände des nun längst in Gott ruhenden Weihbischofs von Freiburg i. B., Lothar Kübel, das katholische Glaubensbekenntnis ablegen und empfing zugleich – sub conditione – das Sakrament der heiligen Taufe von seiner Hand, wie drei Tage später das Sakrament der heiligen Firmung; und am 16. Juli durfte ich das erste Mal das Brot der Engel genießen! Das waren die drei gnadenvollsten Tage meines ganzen Lebens, - voll eines Glückes so reich und so rein, dass alles Weh der letzten, bitterschweren Jahre davor verschwinden musste! – Nun war ich nicht mehr ruhelos – wie einst mitten im vollsten Lebensglück, - auch nicht mehr halt- und heimatlos, nein! – „Der Vogel hat sein Haus gefunden und die Schwalbe ihr Nest, - Deine Altäre, Herr der Heerscharen, mein König und mein Gott!“ (Psalm 83,4)

 

Aber seltsam – der Quell der Poesie, der bislang unaufhörlich sprudelte, - jetzt – nach Gewinn des höchsten Glückes, der größten Gnade schien er versiegt zu sein; zwischen den letzten Liedes- und Leidenslauten, noch daheim gesungen, und dem ersten Liebes- und Lobessang als Kind der Kirche liegen volle 4 Monate!

 

Die Eindrücke jener ersten 4 Monate nach meinem Übertritt waren zu tiefer, gewaltiger Art; - dazu auch das äußere Leben so mit einem Ruck aus dem gewohnten Gleis einer 25jährigen Vergangenheit gerissen und in ganz neue, fremde Verhältnisse hinein gepflanzt, - all dies wirkte erschütternd, überwältigend, und die Wogen der Seele gingen zu hoch, als dass sie sogleich Laute und Lieder gefunden hätte, in denen sie – wie früher – Freud und Leid hinaus singen konnte!

 

Überhaupt blieben die acht Monate in Freiburg – so einzig schön und gnadenreich sie auch in vieler, zumal in kirchlicher Hinsicht waren, - vergleichsweise immer nur eine liederarme Zeit, vielleicht auch deshalb, weil ich noch nicht am rechten Platz stand, noch nicht in jener Atmosphäre mich bewegte, die meiner Seele das gewesen wäre, was dem Vogel die Luft, dem Fischlein das Wasser ist!

 

Schon Jahre vor meinem Übertritt war es immer mein Lieblingsgedanke, mein heimlicher Herzenswunsch, sowie ich ein Kind der heiligen Kirche geworden bin, nach Eben (in Tirol) zu gehen (denn dass mir das Elternhaus durch meinen Übertritt ein lebenslang verschlossenes Paradies bleiben würde, wusste ich nur allzu gut!) und dort in dienendem Verhältnis ein Leben zu führen, in dem ich möglichst treu in die Fußstapfen meiner so sehr geliebten heiligen Notburga treten konnte, - deren Bild ich schon so lange in meinem Herzen trug und der zu Ehren ich mein erstes Büchlein geschrieben habe, das schon ein halbes Jahr vor meinem Übertritt bei Felician Rauch in Innsbruck erschienen war.

 

Dieser längst gehegte Lieblings- und Lebensplan ließ mir nun auch in Freiburg keine Ruhe, und Gott fügte es so, dass ich im März 1871 ihn endlich verwirklichen und nach Eben gehen konnte, woselbst mir schon seit Jahren vom damaligen Pfarrcuraten, dem hochwürdigen Herrn Lucas Tolpeit, ein Plätzchen im Widum brieflich angeboten worden war, als Hilfe und Stütze seiner alten, länger schon leidenden Häuserin.

 

Wie groß war mein Glück, wie heiß mein Dank zu Gott, als ich nun eines Abends zu Anfang März den steilen Stationsweg von Jenbach nach Eben hinaufstieg, und – droben im Kirchlein zu St. Notburgas Füßen niedersinkend – mich endlich am Ziel meiner jahrelangen Sehnsucht sah!

 

Im stillen Pfarrhaus zu Eben begann nun ein Leben, wie es so ganz nach meines Herzens Sinn war, - ein Leben in unausgesetzter demütiger Arbeit als „Mädchen für alles“ in Haus und Küche, Garten und Feld, der alten Häuserin alle Lasten erleichternd und die schwersten, ermüdendsten Arbeiten abnehmend, wie ich es mit jungen, frischen Kräften und energisch festem Willen so gern und freudig tat.

 

Das war eine selige Zeit, - dieser Lebensabschnitt im stillen, einsamen Eben, und schon die wenigen Lieder aus jener Zeit, die ich in dieses Buch aufgenommen habe, zeugen von dem Glück, das mich damals beseelte. Aber dieses Glück – wie ich es mir nicht größer und besser zu denken wusste! – musste wohl in anderer Augen ein sehr zweifelhaftes sein, denn nur zu bald geschah es, dass Gäste, die ins Haus kamen – fremde Geistliche und andere gebildete Personen – und mich in meinem dienenden Verhältnis dort sahen, all ihre Beredsamkeit aufboten, um mir begreiflich zu machen, dass dies nicht die rechte Lebensstellung für mich sei, und dass ich bei meiner Bildung und mancherlei Talenten einen ganz anderen Platz ausfüllen könne und solle, als den einer der Pfarrhäuserin sich unterordnenden Magd, - das Dienen sei absolut nichts für ein gebildetes Fräulein aus guter Familie, und so wie jetzt dürfe es nicht mit mir fortgehen, usw. usw.

 

Diejenigen, die es mir so herzensgut meinten, wussten wohl nicht, wie weh sie mir taten mit diesen Reden, umso mehr, als sie durch dieselben auch den guten alten Herrn Curaten beunruhigten, der nun auch zu glauben begann, meine dienende Stellung in seinem Haus sei eine meiner unwürdige, und ich könnte nichts Besseres tun, als sobald wie möglich eine Stelle als Erzieherin oder Gesellschafterin annehmen!

 

Dies vorausgeschickt, versteht nun der Leser die Reihe von Abwehrliedern, als: Frei! Rührt nicht daran! Talent. Nochmals Talent. Was ich brauche! Ich bin nun einmal so! die jener Zeit entsprossen sind. Ach! ich trug ja keinen heißeren Wunsch im Herzen, als so – in dienendem Stand – zu Füßen meiner lieben heiligen Notburga im stillen, einsam schönen Eben zu leben und zu sterben!

 

Aber: „Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken, und eure Wege nicht meine Wege!“ spricht Gott, - selbst unsern reinsten, besten Absichten gegenüber! Ich wähnte mein Wünschen und Wollen freilich, ganz im Einklang mit seinem heiligsten Willen, und dennoch sollte es ganz anders kommen!

 

Eine nahe Verwandte des hochw. Herrn Curaten wurde plötzlich stellenlos und bat um Obdach und Zuflucht bei ihrem geistlichen Oheim. Diesem braven, hilflosen Mädchen, das ja die nächsten Anrechte hatte auf das Plätzchen, das ich bisher so freudigen Herzens ausgefüllt hatte, musste ich selbstverständlich weichen, und wenn ich auch mit heißen Tränen den lieben Gott beschwor (und sogar eine Heilige Messe in dieser Meinung lesen ließ), er möge mich doch sterben lassen, ehe die Stunde schlage, wo die Apollonia ins Haus komme und ich fort müsse aus meinem Eben, so schlug diese bitterschwere Stunde dennoch, und mit schmerzbebendem Herzen schritt ich dem mir unbekannten Schwaz zu, um dort mir einen anderen Dienst zu suchen. Dieser Tag, wo ich in Schwaz an so manche fremde Tür pochen musste mit der Anfrage, ob man keine Magd brauche, war einer der schwersten Tage meines Lebens!

 

Gott aber half auch da! Ein Dienst war noch selbigen Tages gefunden, bei braven christlichen Leuten, wo ich bald ganz wie eine von der Familie betrachtet wurde und leichtere Arbeit hatte, wie im Pfarrhaus zu Eben, dennoch aber nicht halb so glücklich war; denn mein Dienst brachte fortwährenden Verkehr mit fremden Leuten mit sich, da ich im Laden sehr viel aushelfen musste.

 

Eine – den meisten Lesern wohl recht sonderbar scheinende Bedingung hatte ich gleich beim Eintritt in diesen Dienst gestellt: - ich verpflichtete mich, unentgeltlich, ohne allen Lohn zu dienen, bedingte mir aber dafür aus, jeden Samstag nach Feierabend nach Eben gehen zu dürfen und erst am Sonntagnachmittag wieder eintreffen zu müssen; denn bei meiner Liebe zur heiligen Notburga schien es mir damals ganz unmöglich, die Trennung von Eben auszuhalten, ohne nicht wenigstens alle 8 Tage dort – in dem stillen Heiligtum, wo ihr jungfräulicher heiliger Leib auf dem Altar stand, - gleichsam ein Seelenbad zu nehmen!

 

Wenn ich jetzt – nach 26 Jahren – an diese meine mitternächtlichen, meist sehr dunklen Gänge nach dem gut drei Stunden entfernten Eben – wo der Weg so einsam durch Wiesen und Felder am Wald vorbei, und die letzte Stunde ganz durch Wald führend, - zurückdenke, so frage ich wohl, wie war es möglich, dass auch nicht der leiseste Anflug von Furcht je mein Herz beschlich, wenn ich so mutterseelenallein dahin ging durch die stille, dunkle Nacht! Aber Liebe überwindet ja alles und kennt weder Furcht noch Zagen!

 

Sowie ich das Haus meiner Herrschaft verließ, zog ich den Rosenkranz aus der Tasche und hörte nicht eher auf zu beten, als bis ich vor dem Ebner Kirchlein stand; - so bekamen also die lieben armen Seelen während 3 bis 3 ½ Stunden unausgesetztes Rosenkranzgebet, dafür mussten sie mich aber auch – das hatte ich mit ihnen abgemacht! – auf Schritt und Tritt begleiten und beschützen. Und das haben sie denn auch gar treulich getan! Nie ist mir auf all diesen Gängen irgendein Unfall zugestoßen, - nur zwei oder drei Mal begegnete mir eine Männergestalt, die aber wortlos an mir vorüber ging; - so viel nachtschwärmendes Gesindel wie heutzutage gab es vor einem Vierteljahrhundert überhaupt noch nicht, und ich wenigstens wurde nie und von niemand belästigt und erschreckt!

 

Gewöhnlich langte ich gegen halb 4 Uhr vor der Ebner Kirche an – kurz vor 4 wurde sie geöffnet, - da konnte ich mich denn auf Beicht und Kommunion vorbereiten, die heiligen Sakramente empfangen und der Frühmesse beiwohnen. Nach ihr nahm mich meine Freundin, die älteste kreuzbrave Tochter jenes Hauses, in dem einst die heilige Notburga lebte, zur morgendlichen Brennsuppe mit heim, und nachdem ich dann wieder Predigt und Hochamt beigewohnt hatte, durfte ich mit den lieben, treuherzigen Leuten, bei denen ich als Kind des Hauses galt, das Mittagsmahl teilen, die primitivsten Bauernknödel, die wohl je in den Tiroler Bergen gekocht worden sind, aber gut für den Hunger und gewürzt durch so liebe Gesellschaft! Dann ein herzlich Behüt´ Gott und Vergelt´s Gott, - ein letzter Abschied vom lieben Notburgakirchlein, und Schlag 12 Uhr flog ich schon wieder den Berg hinunter, um gegen 3 in Schwaz wieder hinter dem Ladentisch zu stehen und meiner Pflicht zu obliegen.

 

Diese Ebner Gänge mit all ihren körperlichen Strapazen und ihren geistigen und seelischen Genüssen, wie stehen sie mir noch heut so lebhaft in lichter, lieber Erinnerung! Ein Jahr lang wurden sie treulich inne gehalten, - dann unterblieben sie, - mein Beichtvater fürchtete für meine Gesundheit und mochte auch vielleicht in diesem einsamen, meilenweiten Gehen Gefahren sehen, die ich – bei meinem arglosen, unerfahrenen und von Natur aus sehr unerschrockenen Herzen nicht sah und sehen konnte!

 

Doch wieder zu meinem Dienstleben in Schwaz zurück! Das viele im Laden sein und fremde Leute bedienen müssen war nichts für mein nach Stille und Einsamkeit verlangendes Herz, das fühlte ich bald! Dennoch hielt ich aus, bis sich 5 Monate später ein Plätzchen auftat, das der Himmel eigens für mich gemacht zu haben schien! Ich kam nämlich gegen ein gewisses allwöchentliches Kostgeld in Kost und Quartier zu einem neuverheirateten jungen Paar auf dem alten Freundsberg. Der Mann, ein ehrsamer Schuster, war zugleich Mesner an dem lieben Wallfahrtskirchlein zu den heiligen 14 Nothelfern, und seine junge Frau, - etwas älter als ich, war – gleich ihrem wackeren Gatten – eine so liebe, schlichte, goldene Seele, dass man sich nur wohl und heimisch fühlen konnte bei so biederen Menschen! Sie hatten ein unbenütztes Kämmerlein frei, dessen Chorfenster gerade auf den Altar des Wallfahrtskirchleins niederging; dort fand ich nun ein friedliches, schützendes Obdach, und wenn der Schimmer des ewigen Lichtes in stiller Nacht sogar bis an mein Bett drang, so glaubte ich, schon hier im Himmel zu sein, und gar oft verscheuchte die überwallende Freude ob der steten Gesellschaft meines königlichen Nachbars, des göttlichen liebesgefangenen im Tabernakel, das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf!

 

Tags über fehlte es mir bald nicht an Arbeit der verschiedensten Art! Da ich gänzlich hilf- und mittellos dastand, indem meine Angehörigen hofften, durch Entziehung jeder Unterstützung mich bald in Mangel und Mutlosigkeit zu versetzen, und auf diese Weise mich doch schließlich zur Rückkehr in die Heimat und zur Wiederannahme meines früheren Glaubens zu bewegen, - so musste ich mir durch Kopf- und Handarbeit den täglichen Lebensunterhalt verdienen. Dies gelang mir auch notdürftig durch Unterricht in fremden Sprachen (der aber vor einem Vierteljahrhundert in Schwaz noch sehr wenig gesucht wurde), sowie durch Stricken, Sticken und Nähen gegen Bezahlung. So viel, dass ich allwöchentlich mein Kostgeld entrichten und das Allernotwendigste an einfachster Kleidung beschaffen konnte, verdiente ich, - mehr nicht! Doch hatte ich zum Glück schon gründlich gelernt, bedürfnis- und wunschlos zu sein, und die Nähe des allerheiligsten Sakramentes wog ja auch tausend- und millionenfach alles Glück und alle Güter dieser vergänglichen Erde auf! Da musste ich wohl mit dem Psalmisten jubeln: „Selig der, den du erwählst und annimmst; er wird wohnen in deinen Vorhöfen, wird satt werden von den Gütern deines Hauses!“ (Psalm 64,5)

 

Ja, dort oben in der Tabernakelluft des alten Freundsberges lebte ich ein Leben des reinsten seelischen Glückes – trotz vieler leiblichen Entbehrungen -, und in meinem seligen Herzen klang es wieder: „Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich auf! Er hat mich verborgen in meinem Zelt, mich geschirmt im Verborgenen seines Zeltes, auf einen Felsen mich gehoben, - singen will ich und Lob sagen dem Herrn!“ (Psalm 26,5-10)

 

Droben entstanden auch – im Laufe der Jahre – die 4 Bücher: „Was das ewige Licht erzählt“, „Weihnachten in der Eucharistie“, „Der Weg nach Golgatha“ und „Auf dem Sillberg“. Aber da es in Gottes Ratschluss zu liegen schien, dass ich die ersten Jahre nach meinem Übertritt in der nur denkbarsten Mittellosigkeit durchleben sollte, so fügte er es auch so, dass ich damals durch meine Feder nicht das Mindeste zu verdienen wusste und außer dem ewigen Licht alles als Manuskript liegen blieb. Neben meinen Tagespflichten – Sprachunterricht und Handarbeit – lag ich, wie ich eben sagte, verschiedenen schriftlichen Arbeiten ob und wurde außerdem – aus freier Wahl und zärtlichster Vorliebe – die Pflegerin und Freundin der drei herzlieben Kinderlein, die Gott dem jungen Ehepaar im Lauf der Jahre schenkte, dieser unschuldigen Wesen, die mir so ins Herz wuchsen, dass die eigenen Eltern sie kaum inniger lieben konnten, als ich es tat!

 

So hatte Gott in seiner grenzenlosen Barmherzigkeit droben auf dem Freundsberg mir noch viel mehr geschenkt, als ich in Eben verloren und verlassen hatte, besonders was den Empfang der heiligen Sakramente betrifft, der dort – wie wohl in jedem Landkirchlein – sich nur auf die Sonn- und Feiertage beschränken musste, während im lieben Franziskanerkloster zu Schwaz das Lebensbrot allmorgendlich ausgeteilt wurde und wird an alle, die es hungert und dürstet nach dem lebendigen Gott.

 

Nun lernte ich – im Rückblick auf den grenzenlosen Jammer, mit dem ich damals von Eben schied – das Wort des Heilands verstehen: „Was ich tue, verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach verstehen.“ (Johannes 13,7) Ach, dies eine kurze, aber so tiefe Heilandswort, - wir sollten es täglich, stündlich vor Augen und im Herzen haben; denn jedes Menschenleben bringt ja so unsagbar viele Stunden und Tage mit sich, die wir nur dann in rechter Weise durchringen und durchleiden können, wenn wir in blindem Glauben fest an den Herrn uns halten und stillen Herzens sprechen: Was er jetzt mit mir tut, ach! wohl versteh ich´s nicht; - ich werde es aber hernach verstehen, und wenn es auch erst in der Ewigkeit wäre!

 

Auch jetzt wieder sollte ich fast die gleiche Erfahrung machen, wie einst in Eben!

 

Das einfache, arbeitsvolle Stillleben auf der grünen Höhe des Freundsberges, in Gemeinschaft mit so lieben, treuherzigen Gotteskindern wie jene brave Handwerkersfamilie, - vor allem aber die unmittelbare Nähe des eucharistischen Gottes bei Tag und Nacht, beglückte mich so ganz, befriedigte mich so vollkommen, dass ich mit keinem Menschen auf der ganzen Welt hätte tauschen mögen und nur den einen Wunsch hegte, so und hier einst zu sterben!

 

Der Versuch eines Klosters in der Hauptstadt, mich als weltliche Sprachlehrerin für die Zöglinge zu gewinnen, - die wiederholten Bemühungen eines Herrn, mich als Erzieherin für seine mutterlosen Kinder zu engagieren, - ein äußerlich sehr annehmbarer Heiratsantrag, - nichts konnte mich bewegen, mein stilles Asyl auf Freundsberg zu verlassen, - nein, tausendmal lieber sterben, als scheiden, - das stand fest bei mir!

 

Und dennoch sollte es geschieden sein, und dennoch war mir von Gott ein ganz anderes Los bestimmt, als das mir hier so lieb gewordene Leben, das ich so sicher hier oben zu beschließen hoffte!

 

Wieder ward ich – ganz unerwartet und in der seltsamsten Weise – vor eine gar ernste Lebensentscheidung gestellt, und der letzte, endgültige Lebensabschnitt sollte angetreten werden!!

 

Am 17. August 1876 wurde ich Frau, - Frau eines Mannes, den ich nie gekannt hatte, den ich zum ersten Mal mit Augen sah, als er mein Jawort schon besaß!

 

Die Einzelheiten dieser so ganz unerwarteten, ungesuchten und ungewollten Schicksalswendung gehören nicht hierher; aber das alles, was kam und wie es kam, ausdrücklich so Gottes Wille und zu meinem Segen war, - daran habe ich noch in keiner Stunde meines Lebens gezweifelt und werde es dankbar anerkennen bis zu meinem Tod! „Vom Herrn ist das geschehen; und es ist wunderbar in unsern Augen!“ (Psalm 117,23) konnte auch ich sagen, als ich in dem kleinen, weltentlegenen Kirchlein im einsamen Gebirgsdorf Rietzlern am Altar stand und der Priester unsere Hände zum Bund für Zeit und Ewigkeit in einander legte.

 

Und so stehe ich denn nun am letzten Teil meines Büchleins, wie im letzten Abschnitt meines äußerlich zwar sehr einfach verlaufenen, innerlich aber so bewegten Lebens, - vielleicht bald an seinem Schluss!

 

Mit Gottes Gnade auf friedvollem Pfade zum ew´gen Gestade, - ja, walt es Gott!

 

Das Leben der meisten Konvertiten ist ein weit mannigfaltigeres, interessanteres, an wichtigen Begebenheiten reicheres, als das meine es je gewesen ist! Man denke z.B. nur an die edle, geistvolle Luise Hensel, die eng befreundet war mit den hervorragendsten, hochgestelltesten Persönlichkeiten jener Zeit, - und an so manche andere. Mich hat Gottes Vaterhand stets die einfachsten und verborgensten Wege geführt, - jahrelang Wege der Armut und der Demut – Wege der Arbeit und der Weltzurückgezogenheit immer, auch jetzt noch. Manchen wären diese Wege vielleicht beschwerlich und im besten Fall überaus eintönig erschienen, - ich bin sie mit Lust und Liebe gegangen, mit vollster innerer Befriedigung und heißem Dank zu Gott bis zum heutigen Tag; - das unaussprechlich große Glück, ein Kind der Kirche zu sein, hat mir ja alles, was jemals mir begegnet ist, wie mit himmlischem Sonnenglanz verklärt!

 

Und wenn die Pilgerin von Norden her in stillen Stunden auf den bisher zurückgelegten Lebensweg blickt, dann kann sie wohl kein anderes Wort auf den Lippen und im Herzen haben, als das des Knechtes Abrahams: „Gesegnet hat Gott meine Reise und beglückt meinen Weg!“ (Genesis 24,21+56) und das des Jakob: „Zu gering bin ich aller Gnade und aller Treue, die du an mir erfüllt hast!“ (Genesis 32,10)

 

Ja, bis zum letzten Atemzug und Pulsschlag soll es in meinem Herzen wiederklingen: „Mein Gott bist du, ich will dir danken! Mein Gott bist du, ich will dich erheben! Ich will dir danken, denn du hast mich erhört und bist mir geworden zum Heil!“ (Psalm 117,28)

 

Mögen alle, in deren Hände dies mein schlichtes Büchlein fällt, mit einem freudigen Halleluja den Herrn mir preisen helfen für seine unverdiente Güte und Barmherzigkeit, - mit einem stillen Miserere aber mir seine Gnade und seinen Beistand erflehen für das letzte Lebensstündlein, damit er mir dann ein erbarmender Richter sein und durch die finstern Schatten des Todes mit starker Hand mich führen möge in jenes Land, wo er – der Gott des Lebens und der Liebe – er selbst unser ewiges Licht sein will! (Jesaja 60,20)

 

Schwaz, Tirol,

am Fest des hl. Erzengels Michael 1897

Cordula Peregrina

(C. Wöhler)"

 

Zwei Gedichte von Cordula Peregrina aus dem Buch „Aus Lebens Liebe, Lust und Leid, ein Pilgersang zur Abendzeit“, in denen ihre Erfahrungen der Konversion zum Ausdruck kommen:

 

Die wahre Kirche

 

„Das Los ist mir gefallen auf´s wonniglichste; mir ist ein herrliches Erbe geworden.“

(Psalm 15,6)

 

Mir ist gefallen ein lieblich Los,

Ein herrlich Erbe, wie kein´s so groß,

Ich hab gefunden als höchsten Schatz

In Christi Kirche den Kindesplatz!

 

Nur wer ihr eigen mit Herz und Sinn,

Kann´s recht verstehen, wie reich ich bin;

An allen Gnaden hab jetzt ich Teil,

Im Brot des Lebens das höchste Heil!

 

Und sollt ich haben die ganze Welt

Mit allen Gaben, die reich sie hält,

Doch auch die Lüge vergang´ner Zeit,

Weit lieber trüge ich Bettlerkleid!

 

Ja, lieber leiden die schwerste Pein,

Von allen Freuden geschieden sein,

In Schmach und Schmerzen zum Tode geh´n,

Als nicht von Herzen zur Kirche steh´n!

 

Sie ist die Eine, des Lammes Braut,

Als ewig Reine Ihm angetraut,

Aus Ihm entsprungen, von Ihm gelehrt,

Von Ihm durchdrungen, als Sein bewährt!

 

Sie ist katholisch, ist allgemein

Und apostolisch, an Lehre rein,

Im Leben heilig, an Frucht so reich,

Von Dauer ewig, dem Stifter gleich!

 

Sie dient nur Einem – dem Gottessohn,

Und beugt sich Keinem in Fürstenkron´,

Steht selbst in Banden noch fest und frei,

Wird nie zu Schanden, bleibt stets sich treu!

 

Sie ist der Bronnen für Reich und Arm,

Der Quell der Wonnen in jedem Harm,

Bei rauhen Pfaden der Ruheort,

Zu Gottes Gnaden die off´ne Pfort´!

 

Und quillt in Tränen der Seele schmerz,

Sie stillt das Sehnen und heilt das Herz,

Weiß uns zu laben in aller Not

Mit Himmelsgaben, mit Lebensbrot!

 

In ihr geboren, - welch süßes Los!

Sie je verloren, - o Todesstoß!

Nach irrem Pfade daheim in ihr,

O größte Gnade! – Gott gab sie mir!

 

Nun muss ich singen Ihm immerdar,

Zum Opfer bringen mich ganz und gar,

Ach Lied und Leben zu arm noch sind;

Könnt mehr Ihm geben Sein glücklich Kind!

 

Ich bin katholisch!

 

Katholisch bin ich! aller Welt

Möcht ich mein Glück verkünden,

Möcht´s jubeln hoch zum Himmelszelt,

Tief zu des Meeres Gründen!

Katholisch! o du schönstes Wort

Auf weitem Erdenrunde,

Du höchster Heils- und Gnadenhort,

Wie süß du meinem Munde!

 

Katholisch bin ich! – süßer weit

Klingst doch du meinem Herzen;

Es fühlt des Himmels Seligkeit

Trotz aller Trennungsschmerzen!

Ob Vaterhuld und Mutterhand

Mich auch verlassen haben,

Ach – mehr als jedes Erdenband

Sind meines Gottes Gaben!

 

Katholisch bin ich! – einst voll Schmerz

Bin ich dahin gegangen;

Wie brannte oft dies heiße Herz

In sehnendem Verlangen

Nach einem Glück, wie kein´s so rein

Die Welt ihm konnt´ gewähren,

Nach einem Licht, dess´ milder Schein

Den Tod selbst könnt verklären!

 

Katholisch bin ich! – hab dies Glück

Nun endlich doch gefunden;

Und ließ ich alles auch zurück,

Dies Licht heilt Weh und Wunden;

Und müsst´ ich wandern auch zumal

Im Tal der Todesschatten,

Bei dieses Lichtes Lebensstrahl

Kann nie der Mut ermatten!

 

Katholisch bin ich! – Gott ist mein,

Im Sakrament zugegen,

Er geht in meine Seele ein

Mit allem Seinem Segen;

Bin Fleisch von Seinem Fleische nun,

Und Blut von Seinem Blute,

Darf täglich eng am Herzen ruh´n

Dem allerhöchsten Gute!

 

Katholisch bin ich! – hab fortan

Ein Mutterherz gewonnen,

Dem jede Not ich klagen kann,

Das allen Trostes Bronnen!

Lässt Die mich auch, die einstens mich

Im Mutterschoß getragen,

Mariens Herz wird ewiglich

In treu´ster Lieb mir schlagen!

 

Katholisch bin ich! – ach, das ließ

Mich Schwesternlieb verlieren,

Kein Freundesschwur sich wahr erwies,

Man schloss mir Herz und Türen!

Doch Brüder mir und Schwestern sind

Die Heil´gen nun vor allen,

Im Engelreich ich Freunde find,

Die treu zur Seit mir wallen!

 

Katholisch bin ich! – Erdenglück

Musst wohl ich d´rum entsagen,

Doch was für Gott ich ließ zurück

Sollt reichste Frucht mir tragen.

Der sieben Sakramente Heil,

Nun mein für´s ganze Leben!

Das Beste ist´s, was je zu Teil

Mein Gott mir konnte geben!

 

Katholisch bin ich! – bis zum Tod

Will ich solch´ Glück Ihm danken;

Nun bringt mich dieses Lebens Not

Zum Weichen nicht und Wanken!

Der Kirche Kind steht felsenfest

In allen Lebenslagen,

Gestärkt von Gottes Gnade lässt

Das Schwerste leicht sich tragen!

 

Katholisch bin ich! – schlägt einmal

Mir nun die letzte Stunde,

So scheid´ ich aus dem Tränental

Getrost – mit Gott im Bunde!

Er selbst – als wahres Lebensbrot

Verscheucht des Todes Schrecken,

Und wird – beim ew´gen Morgenrot

Mich wieder auferwecken!

 

Cordula Wöhler

(Cordula Peregrina)

 

Aus der Vorrede zum Buch „Katholisches Haus- und Herzensleben“

von Cordula Peregrina

München 1922, Verlag von J. Pfeiffer

 

„Am 6. Februar 1916 schloss zu Schwaz im oberen Inntal – infolge der unseligen Kriegswirren leider zu wenig beachtet – eine Persönlichkeit ihre Augen, die seit Jahren als Konvertitin und hochbegabte Dichterin in den weitesten Kreisen unseres katholischen Volkes sich des höchsten Ansehens erfreute. Es war Cordula Wöhler oder, wie sie sich mit ihrem Schriftstellerin-Namen nannte, Cordula Peregrina.

 

Sie war ein Kind des deutschen Nordens, am 17. Juni 1845 zu Malchin in Mecklenburg geboren. Ihr Vater, Dr. Wilhelm Wöhler, war protestantischer Theologe der strenggläubigen Richtung, dichterisch und musikalisch veranlagt, dabei ein tüchtiger Redner; ihre Mutter Cordula, geb. Blank, eine Frau von vortrefflichen Eigenschaften. Der Vater war nach damaligen Landesbrauch zuerst Lehrer und erhielt dann seine erste Anstellung als Pfarrer in Ribnitz, kam aber schon wenige Jahre später nach Lichtenhagen bei Rostock. Im Elternhaus verlebte Cordula eine überaus glückliche Jugend. Durch das Wort und gute Beispiel ihrer Eltern geleitet und, wie sie selbst sagt, durch Gottes Gnade geschützt, wuchs sie unschuldig und unverdorben heran. Sie war ein stilles nachdenkliches Kind von vorzüglichen Talenten und reicher Phantasie, mit tiefem Verständnis für die Schönheiten der Natur und Religion, zu innerlichem Ernst geneigt und stets mit Ewigkeitsgedanken beschäftigt. Mit Vorliebe verbrachte sie ihre freie Zeit auf dem stillen Gottesacker und die dort in sinnender Betrachtung durchlebten Stunden rechnet sie selbst zu den seligsten Erinnerungen ihres Jugendlebens.

 

Schon in den Tagen der Kindheit war es ihre Lieblingsbeschäftigung, an den Sonn- und Festtagen das Gotteshaus mit Blumen und Kränzen zu schmücken. Jedes Mal kniete sie nach vollbrachtem Werk nieder und betete um Gottes Segen. Am 1. April 1860 empfing sie aus den Händen ihres Vaters zum ersten Mal das protestantische Abendmahl. Im festen Glauben an die wirkliche Gegenwart Christi in demselben, hatte sie sich auf diesen Tag gefreut und mit größtem Eifer vorbereitet. Doch merkwürdig! sie fühlte sich nach dem feierlichen Akt enttäuscht, innerlich leer und unbefriedigt.

 

Obwohl in den protestantischen Vorurteilen gegen die katholische Kirche aufgewachsen, fasste sie bei ihrer poetischen Veranlagung schon frühzeitig eine große Verehrung für das katholische Mittelalter, seine Kunst und Literatur. Diese ihre Hochschätzung erhielt neue Nahrung durch die Lektüre der Jugenderzählungen von Christoph v. Schmid, von dem sie nur wusste, dass er katholischer Priester war. Ihre Begeisterung für alles Katholische wuchs noch mächtiger durch mehrere Erzählungen der edlen Konvertitin Ida Gräfin v. Hahn-Hahn (Reichsgräfin Ida v. Hahn-Hahn, eine Landsmännin unserer Cordula, war geboren am 22. Juni 1805 zu Tressow in Mecklenburg; in jüngeren Jahren vollständiger Freigeist, trat sie 1850 unter dem Einfluss des nachmaligen großen Mainzer Bischofs Wilh. Emmanuel v. Ketteler zur katholischen Kirche über. Sie schrieb eine große Anzahl geistvoller Schriften meist erzählenden Inhaltes. Sie starb am 12. Januar 1880 zu Mainz, woselbst sie eine heute noch segensreich wirkende Anstalt der Schwestern vom Guten Hirten – zur Rettung gefährdeter oder gefallener Mädchen – gegründet hatte.), die ihr zeigten, welche Idealgestalten der katholische Glaube durch seine Lehre und Gnadenmittel hervorzubringen vermag. Diese Lektüre machte auf sie einen solchen Eindruck, dass sie ganze Kapitel aus ihr abschrieb und in stillen Stunden immer wieder las und sie zu dem hochherzigen Entschluss begeisterte, auch ganz und gar Christus angehören zu wollen, nur ihn zu suchen und für ihn zu leben.

 

Und in der Tat schien es, als ob der Heiland ihr Opfer angenommen habe. Es war im Jahr 1861, am Guten-Hirtensonntag, als Cordula, 16 Jahre alt, beim Besuch ihrer Großeltern in Ludwigslust zum ersten Mal eine katholische Kirche betrat und dort die inhaltsreiche Predigt des Seelsorgers über das Heilandswort vom einen Hirten und der einen Herde hörte. Diese, sowie das nachfolgende Hochamt machte auf sie den tiefsten Eindruck. Hier begann, wie sie später sagte, der Heiland im Tabernakel an ihr sein Werk.

 

Im Sommer desselben Jahres erkrankte sie. Nach ihrer Genesung erhielt sie von einer befreundeten Pastorsfrau aus Rostock ein Buch zur Unterhaltung – es war das „Vater unser“ von Alban Stolz, dem bekannten Freiburger Hochschullehrer und Volksschriftsteller (Alban Stolz war geboren am 3. Februar 1808 zu Bühl in Baden, seit 1833 Priester, zuerst in der Seelsorge tätig, zuletzt Professor an der Universität zu Freiburg i. Br. Er war wohl der hervorragendste Volksschriftsteller des ganzen Jahrhunderts, ein Mann von großer Frömmigkeit und unbegrenztem Wohltätigkeitssinn. Durch seine packenden Schriften hat er, wie selten ein anderer, auf das geistige Leben des katholischen Volkes einen entscheidenden Einfluss ausgeübt. Er starb am 16. Oktober 1883.). Sie hatte dessen Namen noch nie gehört, war aber von der Lektüre dieses vortrefflichen Werkes ganz begeistert. Sie verschaffte sich noch andere Werke des frommen Gelehrten, die ihr die Kenntnis der katholischen Glaubenslehre mehr und mehr erschlossen, besonders die katholische Lehre vom heiligsten Altarsakrament.

 

Im Jahr 1864 unternahmen die Eltern Cordulas mit ihren Kindern eine Reise nach dem Süden, durch Bayern nach Tirol. Hier sah Cordula zum ersten Mal katholisches Leben. Eine neue Welt tat sich vor ihren Augen auf. Die katholischen Gotteshäuser in ihrem Schmuck und ihrer Kunstschönheit, die herrlichen Geläute, die betenden Christenscharen bei den Gottesdiensten, die Ordensleute, die sie zum ersten Mal schaute, machten auf ihr empfängliches Gemüt den gewaltigsten Eindruck. Ebenso mächtig wirkte auf das Kind des Nordens die Schönheit der Natur, die gewaltige Größe der Alpenwelt mit ihren Bergen, Seen, Wasserfällen – alles das belebt mit den Zeugen innigen Glaubenslebens: den anmutigen Dorfkirchen, lieblichen Bergkapellen, Stationswegen, Bildstöcken, Marterln und dazu den lieben, glaubensfrohen Menschen! Auf der Rückreise sah sie München, Stuttgart, erblickte in Mannheim zum ersten Mal den Rhein, fuhr von Bingen aus mit dem Schiff rheinabwärts, sah dann in Köln den Dom, der ihr als das schönste und größte Bauwerk der Welt vorkam, und besuchte dann noch Marburg mit seiner herrlichen Elisabethenkirche.

 

Die Reise mit allem, was sie geschaut, vertiefte ihr religiöses Leben mehr und mehr. Dazu schöpfte sie stets neue Anregungen aus den Schriften von Alban Stolz. Das folgende Jahr befiel sie eine schmerzliche Krankheit, von der ihr ein Erholungsaufenthalt im Harz wieder zur Genesung verhalf. Aber mehr noch als die körperlichen Leiden quälte sie das Ringen nach Klarheit und Wahrheit, ihr Sehnen und Suchen nach größerer Gottesliebe und Loslösung von der Welt mit ihren Eitelkeiten.

 

In all diesen ihren inneren Kämpfen brachte der Sommer ihr eine freudige Ablenkung. Die Eltern entschlossen sich zu einer zweiten Reise nach dem lieben Tirol. Der Weg führte über Regensburg, München, vorbei am Achensee zunächst nach Eben, dem anmutigen Gebirgsdorf, wo im 13. Jahrhundert die hl. Notburga als Dienstmagd in einem Bauernhaus ihr heiliges Leben geführt hatte. In der prächtigen Pfarrkirche dort ruht ihr heiliger Leib. Der Anblick der heiligen Reliquien, die Schönheit des Gotteshauses und das Idyll des daneben liegenden Pfarrhauses gruben sich tief in ihre Seele ein. Die Reise führte sie dann in die Schweiz, zurück nach München und von da nach Freiburg, wo der Dom, den sie schon aus den Schriften von Alban Stolz etwas kannte, in seiner majestätischen Schönheit einen tiefen Eindruck auf sie machte. Doch auf noch etwas anderes hatte sie hier gehofft: sie hegte die stille Erwartung, ein gütiges Geschick möge sie vielleicht mit Alban Stolz zusammentreffen lassen. Doch zu ihrem größten Schmerz musste sie auf Befragen hören, dass er zur Erholung ins Bad gereist sei. Mit schwerem Herzen reiste sie mit ihren Eltern weiter über Baden-Baden, Heidelberg nach Mainz, wo der altehrwürdige Dom ihr besonderes Interesse erweckte. Als sie dann wieder nach Bingen kam, erlebte Cordula daselbst ein Ereignis, das ihr zeitlebens in Erinnerung blieb. Dort wurde gerade der große Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler aus Mainz zur Spendung der hl. Firmung erwartet. Das großartige Festgepränge, das den Oberhirten begrüßte, seine ehrfurchtgebietende majestätische Erscheinung, seine eindringliche Ansprache an die „lieben Binger“ in der Pfarrkirche, wohin Cordula mit ihren Eltern gefolgt war, die fromme Begeisterung des gläubigen Volkes – riefen unvergessliche Eindrücke in ihr hervor. Auf ihrem Heimweg besuchten sie noch die Großeltern in Ludwigslust, woselbst Cordula mit ihren Schwestern noch einige Zeit verbleiben durfte.

 

Was sie alles auf dieser Reise wiedergesehen und erlebt hat, das katholische Glaubensleben, das tägliche Messopfer, die Pracht und der Schmuck der katholischen Gotteshäuser, die Liebe und Verehrung des katholischen Volkes für das allerheiligste Altarsakrament und die Gottesmutter rührten ihr Innerstes wieder aufs tiefste auf. Alles das entsprach so ganz und gar den Wünschen und Forderungen ihres Herzens, dass neue Unruhe und bange Zweifel sie Tag und Nacht quälten. So führte sie denn den schon auf der Reise gefassten Plan aus, der den Wendepunkt in ihrem Leben bedeuten sollte. Sie entschloss sich, an Alban Stolz zu schreiben, ihm alle Seelenvorgänge darzulegen und seinen Rat zu erbitten. Sie wies in ihrem ersten Brief darauf hin, dass sie sich durch Lesung seiner Bücher mit der katholischen Glaubenslehre vertraut gemacht habe, dass sie in ihrer protestantischen Überzeugung tief erschüttert sei, ohne jedoch nur an die Möglichkeit zu denken, jemals katholisch werden zu können. Infolge eines Versehens blieb die Antwort, auf die Cordula mit banger Sehnsucht wartete, einige Wochen aus. Endlich kam sie; sie machte Cordula „zittern vor tiefster Erregung“. Alban Stolz schrieb ihr, dass sie nach seiner Überzeugung und Erfahrung von Gott zur katholischen Religion berufen sei. Er gab ihr dann zunächst einige allgemeine Ratschläge, ermunterte sie zum Gebet, besonders zur täglichen Anrufung der Gottesmutter und bot ihr auch weiterhin seine Dienste an. Der Brief machte auf sie einen mächtigen Eindruck.

 

Nun war der Anfang gemacht. Cordula fühlte sich glücklich, jetzt wenigstens einen Weg gefunden zu haben, der ihr in allen Kämpfen, Zweifeln und Unklarheiten Aufklärung und Belehrung ermöglichte. Und in der Tat trug sie mit einem unbegrenzten Vertrauen und einer rührenden, kindlichen Offenheit ihrem „geistlichen Vater“, wie sie Alban Stolz schon in ihrem ersten Brief nannte, alles und jedes vor, was ihr Herz bewegte. Und in der Erkenntnis, dass er von Gott berufen sei, einer suchenden und ringenden Seele Führer und Wegweiser zu sein, antwortete Alban Stolz auf jeden ihrer Briefe mit einer Güte, einem Wohlwollen und einem so feinen Verständnis für die Empfindungen einer in ihren tiefsten Abgründen bewegten Frauenseele, dass man nicht ohne Rührung und Bewunderung seinen so einfachen und klaren und doch so tiefen und beweiskräftigen Ausführungen nachgeht.

 

Es würde im Rahmen dieser kurzen Skizze zu weit führen, auf den Inhalt des ausgedehnten, hochinteressanten Briefwechsels einzugehen. Wer sich darüber genauer unterrichten will, möge zu dem schon eingangs erwähnten Werk von Mayer, „Fügung und Führung“ greifen.

 

Die Briefe von Alban Stolz bedeuteten für Cordula jedes Mal Offenbarungen des Himmels. Sie las sie immer und immer wieder. In ihnen fand sie unbeschreiblichen Trost und eine mächtige Förderung ihres Innenlebens. Mit kindlicher Treue kam sie den Weisungen, Mahnungen und zeitweisen schonenden Zurechtweisungen ihres geistlichen Vaters nach. Sie betete viel und verrichtete pünktlich ihre Berufsarbeiten im elterlichen Haus. Bei allem fand sie täglich ein besonderes Viertelstündchen für die Gottesmutter, von der sich eine Statue aus der alten katholischen Zeit noch in der protestantischen Dorfkirche vorfand. Schon vor Jahren hatte Cordula sich dieses Bild zum besonderen Heiligtum auserwählt und es regelmäßig mit Blumen geschmückt. Nach und nach war es ihr fast zum Gnadenbild geworden, vor dem sie täglich kniete und betete.

 

Durch das Studium seiner Schriften, die Alban Stolz ihr ab und zu mit seinen Briefen übersandte, wurde es Cordula immer klarer, dass sie katholisch werden müsse, wenn sie Ruhe und Frieden finden wollte. „Ohne Bußsakrament, ohne Messe, ohne katholische Kommunion fortleben müssen, das kann ich nicht“, schreibt sie in ihren Tagebüchern. „Und ich will katholisch werden, aber wann, wo, wie . . . . ich weiß nur eins, dass ich als Katholikin sterben will und muss. Mein Heiland erbarme dich und lass mich nicht verloren gehen.“

 

Ihre katholischen Neigungen waren indes ihren Eltern nicht ganz verborgen geblieben. Oft musste sie deshalb bittere Vorwürfe hören. Das schmerzte sie, doch sie ertrug alles in kindlicher Ehrfurcht mit Schweigen.

 

Auch im folgenden Jahr ging die Familie wieder auf die Reise und, zur größten Freude Cordulas, wieder nach ihrem Tirol. Dorthin sehnte sich ihr Herz, nach katholischem Licht und Leben, nicht nach den Schönheiten der Natur. Über Regensburg, Linz, Salzburg kam sie wieder nach ihrem geliebten Eben zur heiligen Notburga. Auf der Reise benützte sie jede Gelegenheit, die katholischen Kirchen aufzusuchen und vor dem Tabernakel, wohin das Ewige Licht sie rief, zu beten. Schmerzlich empfand sie nur, dass ihre misstrauisch gewordenen Eltern, namentlich die Mutter, sie fast auf Schritt und Tritt verfolgten und die kostbaren Augenblicke ihrer Aussprache mit dem sakramentalen Heiland störten. In Eben brannte ihr Herz danach, die Reliquien der heiligen Notburga offen zu sehen und vor ihnen zu beten. Doch zu ihrem größten Schmerz machten die Eltern durch eine rasche Weiterreise ihre Absicht zunichte. Nach der Heimkehr erklärten ihr die Eltern, erbittert durch ihre Beobachtungen über das katholische Tun und Treiben Cordulas, dass sie nie wieder in ein katholisches Land reisen dürfe, das sei das letzte Mal gewesen. In ihrem Leid über das harte und unnachgiebige Verhalten ihrer Eltern und in den Kämpfen des eigenen Herzens bildeten den einzigen Trost die aufmunternden Briefe von Alban Stolz und anderen katholischen Freunden und Freundinnen, die sie teils auf ihren Reisen, teils durch Vermittlung ihres geistlichen Vaters kennen gelernt hatte.

 

Über ein Jahr war es Cordula gelungen, ihren Briefwechsel mit Alban Stolz vor ihren Eltern geheim zu halten. Da wollte es ein unglücklicher Zufall, dass eine Sendung von ihm früher eintraf, als sie vermutete, und so in die Hände der Eltern fiel. Unbeschreiblich war ihre Aufregung, Entrüstung und Empörung, grenzenlos der Schmerz Cordulas bei den Tränen der fassungslosen Mutter und den Vorwürfen des erzürnten Vaters. Bitterharte Tage begannen nun für sie, die „Verlorene, Abtrünnige, in Lüge und Heuchelei Verstrickte, vom Teufel Besessene, Wahnsinnige, Unzurechnungsfähige“.

 

Der erste Gedanke der Mutter war es, sie in das Haus einer befreundeten Pastorenfamilie als Erzieherin zu geben, um sie womöglich noch zu „retten“. Doch an ihr war nichts mehr zu retten. Das sahen denn die Eltern auch ein und versuchten sie umzustimmen durch Güte, liebevolles Zureden, ernste Vorstellungen über die Schande und das Unglück der Familie usw. Das alles brachte schreckliche Seelenleiden über Cordula, wozu sich noch das Schlimmste für sie gesellte: die Briefe von Alban Stolz an sie wurden von ihren Eltern unterschlagen, und so fand sie denn nirgends mehr Trost. Dazu drohten die Eltern, ihr die früheren Briefe von Alban Stolz abzunehmen; doch sie ersparten ihr schließlich diesen Schmerz, nachdem sie ihnen die Briefe vorgelesen hatte. Cordula konnte alle diese Vorgänge an Alban Stolz berichten, der darüber sehr betrübt war und auf alle mögliche Weise ihre Lage zu erleichtern suchte, so auch durch einen direkten Brief an ihren Vater, den Pastor Wöhler.

 

Allmählich reifte in Cordula die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen könne und sie endlich dem klar erkannten Willen Gottes folgen müsse. An Stelle einer mündlichen Unterredung legte Cordula in einem Schriftstück ihrem Vater klar, wie ihre Liebe zur katholischen Kirche entstanden sei und wie es jetzt mit ihr stehe. Zum Schluss beschwor sie ihn, vor Abschluss des Jahres ihr Seelenfreiheit zu gewähren zum Übertritt in die katholische Kirche. Der Vater nahm Kenntnis von ihrem Schreiben und eröffnete ihr im tiefsten Ernst, dass er sie als ein todkrankes Kind betrachten und behandeln müsse, dass sie auch weiterhin mit ihren Freiburger Freunden Briefe wechseln könne, natürlich müsse er in alles Einsicht nehmen. Mit ihrem Übertritt müsse jedoch noch bis zum Herbst gewartet werden und in diesem Fall seien selbstverständlich die Bande der Familie mit ihr zerrissen. Wie bitter die folgende Zeit für sie wurde, hat sie in ihren Tagebüchern aufgezeichnet. Es würde zu weit führen, auf die Einzelheiten einzugehen. Ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Berlin, wo sie auf Befehl ihrer Eltern kein katholisches Gotteshaus betreten durfte, und eine Reise nach Rügen, woselbst die Eltern bei Verwandten ihre diesjährige Sommerfrische zubrachten, bot ihr einige Ablenkung. Nach der Rückkehr warteten ihrer neue schwere Stürme. Sogar das ihr so teure Bild der schmerzhaften Muttergottes in der Pfarrkirche, vor dem sie in ihren schweren Leidensstunden sich Trost erflehte, wurde ihr weggenommen und versteckt. Dazu wurde sie aus protestantischen Kreisen mit Briefen voller Vorwürfe überschüttet, ihre Eltern erhielten Beileidsschreiben zu dem Unglück und Leid, das ihre Tochter ihnen anzutun gedenke usw. Immer heftiger drangen ihre Verwandten und Freunde auf sie ein, selbst der protestantische Superintendent machte einen Bekehrungsversuch.

 

Das Jahr 1869 ging zu Ende. In den Weihnachtstagen besonders empfand sie es so recht, dass sie in ihrer Familie nur noch eine „ausgerissene Pflanze, ein abgelöstes Blatt“ sei, nur noch geduldet, aber nicht mehr geliebt. So fing sie denn ernstlich an, ihren Plänen feste Gestalt zu geben. Zunächst gedachte sie im April etwa nach Eben zu gehen, dort den ganzen Mai zu bleiben, um nach all den schweren Seelenleiden die notwendige Sammlung zu finden, und dann im Juni in Freiburg den wichtigsten Schritt ihres Lebens auszuführen. Ihren Absichten stellten sich indes immer wieder neue Schwierigkeiten entgegen, sodass wenigstens mit dem Ebener Aufenthalt nichts wurde.

 

Doch der Juni, in dem sie ihre gesetzliche Volljährigkeit erlangte, sollte auf jeden Fall die Entscheidung bringen. Ihr letzter Versuch, die Zustimmung der Eltern zu ihrem Übertritt zu gewinnen, schlug zwar nicht ganz fehl, doch wollten sie von Freiburg und Alban Stolz, den sie als den Anstifter des ganzen Unglücks betrachteten, nichts wissen. Im besten Fall wollten sie sich mit ihrem Übertritt abfinden, wenn er heimlich vollzogen würde auf der Insel Rügen, wo sich in dem protestantischen Dörfchen Bergen eine kleine katholische Kapelle befand. Doch Cordula fühlte es als eine Unmöglichkeit, den wichtigsten Schritt ihres Lebens in ganz fremden Verhältnissen zu vollziehen. Sie verharrte bei ihrem Entschluss, nach Freiburg zu gehen.

 

Am 2. Juli reiste sie ab. Der Abschied von ihren Schwestern war kalt, von ihrer Mutter herzzerbrechend. Der Vater gab, äußerlich zwar gefasst, aber innerlich tief erschüttert, ihr das Geleit bis Rostock.

 

Cordula sollte ihre nordische Heimat nicht wiedersehen.

 

In Freiburg angekommen, fand Cordula bei einer, ihr durch Alban Stolz bekannt gewordenen lieben Freundin, einer Frau Anna Ball, herzliche Aufnahme. Mit der besuchte sie sogleich am folgenden Morgen die Kapelle, in der Alban Stolz die Heilige Messe zu lesen pflegte. Dort sah sie ihn zum ersten Mal und zwar am Altar. Was mag da in ihrem Herzen vorgegangen sein! Am gleichen Vormittag besuchte sie ihn noch, desgleichen die folgenden Tage. Hoch beglückt und zufrieden kehrte sie jedes Mal in ihr Heim zurück.

 

Sonntag, 10. Juli, wurde sie in die katholische Kirche aufgenommen. In die Hände des Weihbischofs Lothar von Kübel legte sie das Glaubensbekenntnis ab, empfing nochmals bedingungsweise die heilige Taufe, wurde, nachdem sie bei Alban Stolz ihre Generalbeichte abgelegt hatte, gefirmt und empfing am 16. Juli die erste heilige Kommunion. Es waren dies, wie sie später sagt, „die drei gnadenvollsten Tage ihres Lebens, voll eines Glückes, so reich und rein, dass alles Wehe der letzten bitterschweren Jahre davor verschwinden musste“.

 

Acht Monate verblieb Cordula in Freiburg. Ihre Seele konnte sich kaum satt trinken an all den Gnaden und religiösen Anregungen, die ihr das tägliche Messopfer, die heiligen Kommunionen, dann die Gespräche mit Alban Stolz und ihren Freiburger Bekannten vermittelten.

 

Im Winter 1871 befiel sie eine schwere Blatternkrankheit, die sie nur mit Mühe überstand. Dann hielt sie es nicht mehr – es zog sie mit Gewalt nach ihrem lieben Tirol, nach Eben. Dort verwirklichte sie ihren Lieblingsgedanken: sie nahm Dienst im dortigen Pfarrhaus, um der heiligen Notburga nahe zu sein. Dann lebte sie einige Zeit auf dem Freundsberg bei Schwaz, wo sie ein Leben der Einsamkeit, der Arbeit und Entsagung führte. Hier entstand eine Anzahl ihrer besten dichterischen Arbeiten, darunter das bekannte: „Was das ewige Licht erzählt.“

 

Viel beschäftigte sie sich schon in den Jahren ihres Ringens mit Klostergedanken. Doch stets klarer erkannte sie, dass sie zum Ordensstand nicht berufen sei. Und so fand sie sich denn schließlich, alleinstehend und ohne Heim, 30 Jahre alt, mit einem Mann von tief religiöser Gesinnung namens Joseph Schmid zusammen, dem sie 1875 die Hand zum Lebensbund reichte. Sie lebten beide, von tiefster Ehrfurcht gegenüber der hl. Jungfräulichkeit durchdrungen, nach dem Vorbild von Maria und Joseph in heiliger Lebensgemeinschaft bis zu ihrem Tod in Schwaz in Tirol. Zwei arme Waisen hatten sie an Kindesstatt zu sich genommen.

 

Mit ihren Eltern konnte sie den brieflichen Verkehr schon alsbald nach ihrem Übertritt wieder aufnehmen. Zwar vermochten diese den Schritt ihrer Tochter nie ganz zu verschmerzen, doch schließlich trug die Elternliebe den Sieg davon. Öfters hatte sie sogar das Glück, ihre Eltern später bei Gelegenheit eines mehrmonatlichen Aufenthaltes in Berchtesgaden wiederzusehen.

 

In ihren späteren Lebensjahren war Cordula viel von Krankheiten heimgesucht. Sie litt mit wahrhaft christlicher Geduld und Ergebung und starb eines gottseligen Todes am 6. Februar 1916. – Ihr Gemahl überlebte sie nur um wenige Wochen.

 

Wie schon die ganze Geschichte ihres Lebens und religiösen Ringens die edle Persönlichkeit Cordulas unserm Herzen nahebringt, dann verdient sie noch mehr als gottbegnadete Dichterin das Interesse und die Hochschätzung des katholischen Volkes. Es darf ohne Übertreibung gesagt werden, dass sie zu den befähigtsten Vertreterinnen der religiösen Dichtkunst der letzten Jahrzehnte gehört. Hohe dichterische Erfindungsgabe, eine seltene Gewandtheit in der Sprache, große Sicherheit und Beweglichkeit in der Form geben ihren Dichtungen ein besonderes Gepräge. Viele ihrer Gedichte klingen wie Musik, mag sie nun die Schönheit der Natur, die Tiefe der katholischen Glaubensgeheimnisse oder die Stimmung des eigenen Herzens zum Ausdruck bringen. Frühzeitig schon versuchte sie sich in der Dichtkunst, aber nach ihrem eigenen Geständnis hat „der tiefste Quell wahrer Poesie ihr sich erst erschlossen im Schoß der katholischen Kirche als dem glücklichen, zur wahren Mutter heimgekehrten Kind.“. Alles, was sie beobachtete in der Natur, ihr begegnete im täglichen Verkehr, im Familienleben, selbst die einfachsten und schlichtesten Verrichtungen des Alltagslebens, alles schaute sie im Licht des Glaubens, in seinem Verhältnis zu Gott, besonders durchwärmt und überstrahlt von der Gnadensonne des allerheiligsten Sakramentes und verklärt vom geheimnisvollen Schimmer des Ewigen Lichtes. Namentlich, wenn sie zur Leier griff, um die Geheimnisse der heiligen Eucharistie zu besingen, wie in dem bekannten: „Was das Ewige Licht erzählt“, fand sie Weisen, die zum Besten gehören, was die katholische Literatur der Neuzeit aufzuweisen hat. Wohl nicht mit Unrecht hat man sie darum „die Sängerin des heiligsten Altarsakramentes“ genannt. Die gleiche Begeisterung riss sie mit, wenn sie das Lob der Gottesmutter zu singen gedachte.

 

Von allen Liedern das erste

Und wärmste mir entquillt,

Wenn es das Lob zu singen

Der hehrsten Jungfrau gilt.

 

Zahlreich sind ihre Werke in Poesie und Prosa größeren und kleineren Umfangs, die fast alle mehrere Auflagen erlebten. In ihren Schriften religiös-erbauenden Inhalts bekundet sie eine gründliche Kenntnis der katholischen Glaubenslehren und versteht es meisterhaft, sie auf das praktische christliche Leben anzuwenden.

 

Dass bei ihrem überreichen dichterischen Schaffen auch manches die Feder verließ, das nicht bleibenden Wert beanspruchen kann, braucht nicht Wunder zu nehmen. Dafür aber bietet sie im Übrigen so viel des Großen und Erhabenen, dass ihr für immer ein Ehrenplatz in der katholischen Literatur der Neuzeit gebührt.