Beitrag zum Reformationsgedenken 2017

 

Zeitgenössische Aufzeichnungen des Weltpriesters Heinrich von Pflummern

Veröffentlicht von A. Schilling, Kaplan in Biberach, 1875

Freiburger Diözesan-Archiv der Erzdiözese Freiburg, 9. Band

 

Aus Schillings Vorwort:

 

Der Verfasser des nachfolgenden Berichtes, Heinrich von Pflummern, ist der Spross eines alten, ehedem sehr angesehenen und verdienten Patriziergeschlechtes der Reichsstadt Biberach. Sein gleichnamiger Vater war Stadtammann und seine Mutter Ursula von Weinschenk, die ihn den 5. September 1475 daselbst gebar. Von seinen Jugendjahren ist uns nichts bekannt; nach späteren handschriftlichen Berichten entschloss er sich im 22. Lebensjahr zum geistlichen Stand und vier Jahre später, am Fest des hl. Apostels Thomas, den 21. Dezember 1501, feierte er sein erstes hl. Messopfer.

 

Pflummern hatte als Priester nie ein kirchliches Benefizium angenommen, „damit er nicht durch empfangenes Stipendium oder geistlichen Lohn gegen Gott, seinen Erschaffer und Erlöser, dem man ohnehin genug schuldig sei, sich noch eine größere Schuld aufbürde,“ sondern lebte ausschließlich von seinem Patrimonium, von dem er noch einen Teil zu frommen Stiftungen und anderen guten Zwecken verwendete. Während 24 Jahren las er in der Siechenstube des Biberacher Hospitals die hl. Messe „umsonst, allein zur Ehre Gottes und zum Heil der Dürftigen und Kranken“. Zwei Jahre vor Abschaffung der Messe durch den Biberacher Rath musste er diesen Ort, wohin er 1507 einen Altar und 1523 eine Wochenmesse gestiftet hatte, aufgeben „des Bubenvolkes wegen, das darin war und das dem Sakrament viel Unehre antat“.

 

Als die Neuerungen Luthers auch in Biberach Boden gewannen und unter Laien wie Geistlichen zahlreiche Anhänger fanden, da war es der Priester Heinrich von Pflummern, an dem dieselben einen mutigen und, wie es die Zeitverhältnisse mit sich brachten, scharfen, ja oft schroffen Gegner erhielten. Zwar bekämpfte er sie weniger durch Wort oder Schrift, als besonders durch sein Beispiel. Er mied nicht nur sorgfältig Predigt und Gottesdienst des neuen Glaubens und selbst den anderweitigen Verkehr mit dessen Anhängern, sondern er bekundete recht absichtlich und auf eine recht in die Augen fallende Weise seine treue, unbeugsame Anhänglichkeit an den alten Glauben. „Ich weiß“, sagte er, „keinen alten Brauch oder Gebot der Kirche, ich hab ihn helfen handhaben, bis ich aus der Stadt musste“; und wiederum: „Bin von keinem alten, rechten Gottesdienst gewichen, sondern habe ihn helfen handhaben, bis alles aufhören musste.“ Er betete vor Heiligenbildern, besuchte Kirchen und Altäre, kniete in Andacht vor dem hochwürdigsten Gut, machte Wallfahrten und Bittgänge. Als am Markustag niemand mehr in Prozession um den Ösch ging, tat er es allein. „Hab in der Lutherei die Gäng nie abgestellt, wie es auch Wetter war; bin fröhlich durch die Luther gangen, wiewohl ich dick verspottet bin worden.“ Als niemand mehr dem Priester am Altar dienen wollte, diente er selbst denen, „die noch recht Mess hatten“. „An Feiertagen ging ich mit Fleiß in das Amt in meinem Chorhemd, Kappenzipfel usw., wenn die Leut aus ihrer lutherschen Predigt gingen vor unserm Amt, dass man sehe, dass ich die luthersche Predigt fliehe.“ „In der Ablasswoche (Fronleichnamsoktav) stand oder kniete ich allweg am Morgen vor dem Sakrament, betete meine Zeit davor und hatte eine große brennende Kerze dabei. Und wenn der luthersche Prediger auf der Kanzel war und wollte die Predigt anfangen, da löschte ich das Licht aus, tat das Buch zu und ging aus der Predigt. Das tat ich mit Fleiß, dass jedermann sehe, dass ich vorm Sakrament meine Zeit gebetet und die lutherische Predigt fliehe.“ Wenn seine Biberacher Standesgenossen mit dem katholischen Glauben auch die äußeren Zeichen ihres Standes ablegten, das Priestergewand mit Laienkleidern vertauschten, so war ihm dies ein Sporn, an der alten, ehrbaren Sitte noch mehr festzuhalten. „Ich habe mein Paternoster, Chorhemd, Kappenzipfel, langen Rock und was zu einem alten Priester gehört, Barett, Schuhe usw. nie keine Stund lang zu Biberach unterwegen gelassen, wollt ich auch nur über die Gasse gegangen sein. Das mich noch nie hat gereut, auch mit Messe haben, Kirchen gehen, so viel ich des alten Wesens hab finden können. Tue das noch alles, wills mein Leben lang tun, sollten auch alle Menschen lutherisch werden im deutschen Land.“

 

So kämpfte Heinrich von Pflummern sieben Jahre lang; als aber der Rat zu Biberach am Osterdienstag 1531 die Messe abschaffte, da glaubte er es seinem priesterlichen Beruf schuldig zu sein und verließ gleich am darauffolgenden Tag in aller Frühe seine Vaterstadt und begab sich nach dem 4 Stunden von Biberach entfernten, von der Glaubensänderung stets frei gebliebenen Städtlein Waldsee, wo er bis zu seinem Tod zubrachte. Da wohnte er in großer Abgeschiedenheit in der Nähe der Pfarrkirche, die er nie anders, als im Chorrock betrat. Über diesem trug er eine Stola von dunkelgrüner Farbe, wie sie nach der Gewohnheit der damaligen Zeit jene Geistlichen trugen, die ihre nächsten Befreundeten betrauerten. Für ihn sollte sie ein stetes Mahnzeichen sein, dass er im Tal der Tränen lebte und trauern müsse, um einstens die ewigen Freuden genießen zu dürfen. Um niemals müßig zu gehen und zugleich seinen Leib abzumüden, verwendete Pflummern die Zeit, in der er sich nicht mit geistigen Dingen beschäftigte, auf religiöse Bildhauerei, und stellte dann die von seiner Hand gefertigten Bildwerke an öffentlichen Orten zur frommen Erbauung auf. So hatte er auch das Totenbild seines eigenen Leibes in die Decke seines Zimmers eingeschnitten, um durch dasselbe alle Zeit an sein Ende erinnert zu werden.

 

Kein Wunder, wenn die Bewohner Waldsees, sowie die Religiosen des dortigen Augustinerklosters Heinrich in hohen Ehren hielten und wenn der Altar in der Waldseer Pfarrkirche, auf welchem er das hl. Messopfer darzubringen pflegte, und der gleich am Eingang zur rechten Seite stand, noch im 17. Jahrhundert „des Herrn von Pflummern Altar“ genannt wurde.

 

Pflummern lebte nach seinem Wegzug von Biberach noch 30 Jahre. Als 76jähriger Greis feierte er 1551 seine Sekundiz. Im 86. Jahr seines Lebens, am Sonntag Jubilate, den 28. April 1561, gab er zwischen 4 unf 5 Uhr nachmittags seine Seele in die Hände seines Schöpfers zurück. Seine irdische Hülle wurde in der Pfarrkirche zu Waldsee in dem mittleren Gang unter der Orgel beerdigt.

 

In der v. Pflummernschen Kaplaneiwohnung zu Biberach befindet sich noch ein Ölgemälde mit seinem Bild im Chorrock und dunkelgrüner Stola, mit der rechten Hand einen großen Rosenkranz vor der Brust haltend. Zur linken Seite oben stehen folgende Worte: „Henricus de Pflummern, sacerdos, nat. 5. Sept. 1475; 2do primitias celebravit; ob. 28. April. 1561; sepultus in Waldsee; lucens in vita miraculis.“

 

Den handschriftlichen Nachlass Heinrichs von Pflummern anlangend, entstand derselbe nach des Verfassers eigener Angabe in der Fastenzeit des Jahres 1545 zu Waldsee; damit ist wohl nur die letzte Reinschrift gemeint, die Aufzeichnungen selbst wurden ohne Zweifel früher, noch in Biberach gemacht. Darauf weisen einige unvollständige Sätze hin, sowie die durchweg gleiche Schrift, die den Eindruck macht, als wäre sie ohne alle Unterbrechung geschrieben worden.