Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter (Lukas 1,48)

 

Die Webseite MARIANISCHES.DE ist überschrieben mit dem Wort Mariens in der Heiligen Schrift: „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter“ (Lk 1,48). Diese erstaunliche Vorhersage der Muttergottes ist wahr geworden durch alle Geschlechter und durch alle Jahrhunderte hindurch. Menschen aller Zeiten in den 2000 christlichen Jahren haben Maria geliebt, geehrt und sie „seliggepriesen“. Von Jahrhundert zu Jahrhundert ist die Liebe ihrer Kinder sogar immer stärker, das Lob immer inniger, das Gebet zu ihr immer tiefer, vertrauender, glühender und freudiger geworden. Es ist, kurz gesagt, uns gläubigen Katholiken ein tiefinniges Bedürfnis, die himmlische Mutter zu ehren.

 

Gilt das aber nur für uns Katholiken? Sind nur wir Kinder der himmlischen Mutter? Ist sie nur für uns Mutter und Schützerin und Vorbild und Herrin und Inbegriff alles Heiligen? Sind es nur wir, die sich die Kirche ohne die Liebe und Wärme der Muttergottes gar nicht denken können?

 

Es gibt gottlob Stimmen von unseren seit der sogenannten Reformation getrennten Schwestern und Brüdern, die nach der Mutter rufen, die darum ringen, dass in die oft so nüchternen und kalten Bethäuser die Wärme und Innigkeit einer Mutter komme.

 

Hören wir zunächst erstaunt auf den reformierten Theologen und Schriftsteller Walter Nigg, der in seinem Buch „Vom beispielhaften Leben“ schreibt: „Wenn die Christenheit auf das Marianische verzichtet, so wird sie zu einer ausschließlichen Männerkirche, in der Intellekt, Wille und Tatkraft den Ausschlag geben. Dann wird es wohl in ihrem Raum noch kälter, genau wie in einer Wohnstube, in der die Seele fehlt, nachdem die Mutter des Hauses gestorben ist. Wenn die Liebe und die Wärme bleiben sollen, dann dürfen wir das weiblich-mütterliche Element nicht preisgeben, das in Marias Ja zur Engelsbotschaft den strahlenden Ausdruck findet. Es ist durchaus notwendig, dass wir eine Kirche bleiben, in der Männer und Frauen sich geborgen fühlen und ehrfürchtig zu dem marianischen Gefäß aufblicken, in dem Gott Wohnung nahm.“

 

Dann ist der am 13. Januar 1945 verstorbene Schriftsteller Max Jungnickel anzuführen, dessen Ruf „Uns fehlt die Mutter, die Mutter!“ geradezu zum Notruf und zum Symbol der Sehnsucht geworden ist. Er schrieb vor Jahren in einer Berliner Zeitung: „Die Abwanderung aus der evangelischen Kirche hat längst begonnen. Die Schar, die um Luther steht, wird kleiner . . . Man sage nicht, dass nur die lauen Elemente davonziehen . . . Nein, aber wie viele gehen, wie viele Wertvolle, die Luther um jeden Preis gehalten hätte . . . die nicht mehr in der evangelischen Kirche warm werden können. Denn die evangelische Kirche ist kalt.

Was müssen wir tun, um die wertvollen Lutheraner zu halten? Wir müssen unsere Kirche warm machen. Und wer macht sie warm? . . . Wir müssen die Mutter Maria zurückholen!

Der Wunsch ist nicht zu kühn. Luther selbst würde das gelten lassen. Hat er nicht, schon frei von der katholischen Kirche, auf der Wartburg eine Auslegung des Magnifikat geschrieben? Ist die „hochgebenedeite zarte Gottesmutter“ nicht wie eine Taube gewesen auf seinem dahinbrausenden Herzensschiff? Wir müssen die Mutter Maria zurückholen. Dann wird unsere Kirche gewisslich warm.

Und dann wollen wir die kleinen armen Marienlieder wieder holen, die so schön sind, als wären sie mit Mondstrahlen niedergeschrieben, oder als hätte sie der Tau ins Land geträufelt. Und den Tag, an dem wir sie wiederholen, wollen wir mit Feldblumen schmücken und mit Zweigen des Waldes . . . Sie steigt mit ihrer Anmut und Keuschheit verklärter in unsere Herzen und in unsere Phantasie. Und dann wollen wir ihre Heimsuchung feiern. Die Mutter ist ja in unsere Kirche gekommen und wir wollen zu ihr beten und zu ihr singen. Und ihre Himmelsreinheit wollen wir mit in den Katechismus flechten. Es kann sein, dass dann die Lauen, die davongegangen sind, wieder umkehren werden mit neuen Augen und verlangendem Herzen.

Uns fehlt die Mutter Maria! Wir müssen sie zurückholen! Wie eine Rose wird sie aufblühen aus den kalten Steinen unserer Kirche. Ja, wir müssen die deutsche (?) Mutter Maria zurückholen. Und der heilige (?) Sebastian Bach soll solange musizieren, wenn sie kommt, bis die Lichter verlöschen und der Mond auf seine Finger scheint. Ich grüße dich, holdselige Mutter!“

 

Wie viele gläubige Protestanten fühlen das gleiche! Sie empfinden die Seelenlosigkeit so mancher nordischen Mariendome, in denen man deutlich empfindet, als sei der schönste Edelstein aus einer Krone herausgebrochen.

 

Und wenn in so mancher evangelischen Kirche noch heute dreimal täglich das Glöckchen – die Marienglocke – zum Angelus geläutet wird, laut alter katholischer Stiftung: wie kommt dies wehmütig und traurig herüber.

 

Die Mutter ist fern. Ihr Name klingt noch an . . . doch ihr Erinnern ist ausgelöscht.

 

Ergreifend klagt der Ire De Vere Aubrey, der 1814 als Protestant in der Grafschaft Limerick auf der grünen Insel geboren wurde, 1850 zum katholischen Glauben übertrat und 1902 in London starb:

 

„Wir armen Kinder, denen fremde Leute

der Mutter Leiche trugen trauernd fort:

so ist´s den Völkern, denen nimmer heute

du Mutter bist und treuer Gnade Hort.“

 

Vielleicht wäre die Geschichte, namentlich die deutsche Geschichte, anders verlaufen, wenn nicht Menschen der Glaubensspaltung die Mutter des Herrn abgelehnt, sie von der Kirche ausgeschlossen hätten! Obwohl das wohl ursprünglich nicht im Sinn jener Menschen lag!

 

Luther selbst hat nicht daran gedacht, die Verehrung der Gottesmutter aus seiner Kirche zu verbannen. Voll Ehrfurcht huldigte er in mehreren seiner Kirchenlieder der reinen Jungfrau-Mutter:

 

„Christum wir sollen loben schon,

der reinen Magd Marien Sohn . . .

- - - - - - -

Die göttliche Gnad vom Himmel goß

sich in den keuschen Mutterschoß;

ein Mägdlein trug ein heimlich Pfand,

das der Natur war unbekannt.“

 

An allen Marienfesten hielt Luther seine schönsten Marienpredigten. Er verehrte auch die Bilder der Gebenedeiten und schützt sie vor der Zerstörungswut. In seiner „Erklärung des Magnifikat“ (1521 auf der Wartburg) fleht er sie um ihre Fürbitte an: „Die zarte Mutter Gottes wolle mir erwerben den Geist, der solchen Gesang möge nützlich und gründlich auslegen!“ Und kündet dann begeistert ihr Lob: „Maria ist Gottes Mutter worden, in welchem Werk so viele und große Güter ihr gegeben sind, dass sie niemand begreifen mag. Denn da folget alle Ehre, alle Seligkeit, und dass sie im ganzen menschlichen Geschlecht eine einzige Person ist über alle, der niemand gleich ist, dass sie mit dem himmlischen Vater ein Kind und ein solch Kind hat . . . So man sie Gottes Mutter nennt, so kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, wenn er gleich so viele Zungen hätt´, als Land und Gras, Stern am Himmel und Sand im Meere ist!“

 

Und noch lange erhielten sich im lutherischen Volk die Marienfeste, die immer noch der Atem angestammten katholischen Denkens und Fühlens waren.

 

Huldrych Zwingli (1484-1531), der erste Zürcher Reformator, empfahl noch 1522 die Verehrung der Mutter Jesu. Er verwahrte sich in dem Jahr heftig gegen den Vorwurf, in ungeziemender Weise über Maria gesprochen zu haben. Seine Verteidigung ist niedergelegt in einem Kanzelwort, das er selbst folgendermaßen betitelt hat: „Ein predigt von der ewigreinen magd Maria, der muoter jesu Christi, unseres erlösers.“ In diesem Kanzelwort sagt Zwingli unter anderem: „Je mehr die Ehre und Liebe Christi unter den Menschen wächst, desto mehr wächst auch der Wert und die Ehre Mariens. Willst du aber Maria besonders ehren, so folge ihrer Reinheit, ihrer Unschuld und ihrem festen Glauben nach. Und so du ein Ave Maria betest und zunächst die große Tat der Erlösung bedacht hast, so gedenke danach, dass Maria, der Gott so besondere Gnade und Ehre erwiesen, gleichwohl arm gewesen ist . . .“

 

Bekannt ist, dass selbst Jahre nach der Einführung der Reformation in Zürich morgens und abends zum „Englischen Gruß“ geläutet wurde und sogar alle Marienfeste gefeiert wurden.

 

Sicher ist es so, dass die meisten Protestanten sich der Mutter des Herrn kühl und ablehnend entgegen stellten, wenn nicht sogar feindlich.

 

„Man hat unser Volk angeleitet“, so bedauert wehmütig der Anglikaner W. Perceval Ward, „die heilige Jungfrau zu verunehren. Aber es ist für jedes Wesen moralisch unmöglich, den Sohn anzubeten – und dabei ohne Ehrfurcht von der Mutter zu denken und zu reden. Jene Verachtung ist ein unüberwindliches Hindernis der wahren Anbetung Christi!“

 

„Es ist ein Verhältnis beständiger Flucht vor der Mutter Gottes“, klagt der 1954 verstorbene protestantische Theologe und Heimatforscher Ernst Dietlein, „steter Angst davor, ihr auch nur ein Wort des Grußes zu gönnen, welchen ihr doch der ewige Vater durch Engelsmund zusandte, um damit den ersten Riss in den alten Fluch zu reißen, der uns von ihm und seiner Liebe trennte. Jedem andern Menschenkind, wenn es in die ewige Heimat vorausgegangen ist, dürfen wir ein „Ave, pia anima!“ (Gruß dir, fromme Seele!) nachrufen, so oft wir wollen – nur der Mutter Jesu nicht . . . denn das wäre katholisch!“

 

Aber trotzdem: es gibt eine lange Reihe gläubiger Protestanten, die die Mutter um des Sohnes willen ehren und lieben. Ein reformierter Schweizer Pfarrer zum Beispiel, der längst verstorbene Johann Caspar Lavater (1741-1801), der ein überaus guter Seelsorger war, hat einen Hymnus an Maria gedichtet, wie kein mittelalterlicher katholischer Minnesänger es schöner konnte: „Prima virginum praeclara“.

 

Jungfrau, hehr, wie keine Gleiche,

Theuer Gott und seinem Reiche,

Ach, wie wardst du, Gnadenreiche,

Bittres kostend, wundersüß!

 

O der heil´gen, sündenfreien,

Auserwählten Gottgetreuen!

Süß sind Orient´s Spezereien

Nicht, wie sie, die Süßeste.

 

Nicht Anbetung mag sie leiden,

Dienst, der Gott gebührt, nicht leiden;

Selbst Verehrung flieht bescheiden

Die Verehrungswürdigste.

 

Was als gut und hehr wir üben,

Was als liebenswerth wir lieben,

Alles Heil´ge – sieh da drüben

In der Heil´gen Heiligsten!

 

Jungfrau, Mutter Jesu, höre!

Dir sei immer Preis und Ehre;

Und daß stäts dir Liebe währe,

Warst du stäts die Liebendste.

 

Um dich her an Himmelshöhen

Stralenchör´ der Engel stehen,

Und der Fürst der Chorophäen

Grüßet dich als Königin.

 

Die im Schoos den Ew´gen hegte,

Ihn, den Sohn – als Mutter pflegte,

Ihn, den Gott – als Magd der Mägde

Ehrte, Ehrengrößte du!

 

Selbst die Seligen erheben

Liebend nun im Himmelsleben

Dich, der Alles Gott gegeben,

O du Gottergebenste!

 

Wie einst hier im tiefsten Leide,

Bist du nun in höchster Freude,

Und an Namen fehlt´s für beide:

Jungfräuliche Lilie!

 

Leuchtend soll dein liebend Leben,

Rein und keusch und gottergeben,

Mich als Lebensbild umschweben,

Mutter, du vollkommenste!

 

Er setzte der protestantischen Marienbekämpfung das schöne Wort entgegen: „Wenn die Katholiken das Ave Maria beten, so schallen und hallen diese Gebete dem Weltheiland zu Ehren!“

 

Von Justinus Kerner, dem protestantischen deutschen Dichter, Arzt und medizinischen Schriftsteller (1786-1862) berichtet der Marienpsalter: „Kerner hat selbst in einer verfallenen Marienkapelle ein altes Gnadenbild aufgespürt, hat es wiederherstellen lassen, besungen und hat es zeitlebens hoch in Ehren gehalten. Noch heute ist das Muttergottesbild eine Zierde des Kernerhauses in Weinsberg. Solange er lebte, schmückte er die Muttergottesstatue mit frischen Blumen. In seinem Testament bat er, dass diese fromme Sitte beibehalten werden solle.

 

Als ihn einmal Johannes Ronge besuchte, der abgefallene Priester, der eine deutschkatholische Kirche gründen wollte (Gründer des „Bundes Freireligiöser Gemeinden“, Begründer des „Deutschkatholizismus“ und Freimaurer), führte er ihn zu seinem Marienbild und sagte zu ihm: „Lieber Ronge, Sie dürfen mir im Christentum mit Ihrer Lehre einreißen, was Sie wollen. Aber das sage ich Ihnen: die Jungfrau Maria lassen Sie mir stehen!“

 

Aus dem Chor der Stimmen unserer getrennten Brüder und Schwestern, die von der Mutter des Herrn reden, so wäre noch Johann Gottfried Herder zu nennen. Er schreibt:

 

„ . . . Vor allen andern trat Maria, die gebenedeite Jungfrau, die Mutter des Weltheilandes, in ihrer eigenen Idee hervor. Der Gruß des Engels half ihr dazu, der sie die Holdselige, die Gottesgeliebte nannte. Ihre eigene Demut half ihr dazu, in der sie sich die Magd des Herrn nannte. Aus diesen beiden Zügen floss ihr liebliches Wesen zusammen, das sie dem menschlichen Herzen so vertraut macht . . . Dichter haben sie mit der Stimme des Engels in zarten Worten oft gegrüßt, zutrauliche Gebete sie liebreich angeredet. Dann trat die Kunst hinzu, sie auch sichtbar zu machen – sie und das Kind in ihren Armen: die selige Mutter und die heilige Jungfrau. Keuschheit also und mütterliche Liebe, Unschuld des Herzens, und jene Demut, die in der größten Heiligkeit sich selbst nicht kennt, die in tiefer Armut die Seligste ihres Geschlechtes ist – diese neue Form der Menschheit ward vom Himmel gerufen: ein Mariencharakter!“

 

Auch der Freiheitsdichter im Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft Theodor Körner (1791-1813) soll erwähnt werden. Er stand einst versunken vor Raffaels berühmten Madonnenbild, gepackt im Tiefsten, und stammelte:

 

„Lang hab ich vor diesem Bild gestanden.

Mich ergriff´s mit wunderbaren Siegen;

schöne Welten sah ich vor mir liegen,

und ich fühlte frei mich aller Banden . . .“

 

Auch recht innig singt ein anderer protestantische Dichter, Emanuel Geibel (1815-1884):

 

„Ave Maria! Meer und Himmel ruhn,

von allen Türmen hallt der Glocken Ton:

Ave Maria! Lasst vom ird´schen Tun!

Zur Jungfrau betet, zu der Jungfrau Sohn!

Des Himmels Scharen selber knien nun

mit Lilienstäben vor des Vaters Thron.

Und durch die Rosenwolken wehn die Lieder

der sel´gen Geister feierlich hernieder.

 

O heil´ge Andacht, welche jedes Herz

mit leisem Schaudern wunderbar durchdringt!

O sel´ger Glaube, der sich himmelwärts

auf des Gebetes weichem Fittich schwingt!

In milde Tränen löst sich da der Schmerz,

indes der Freude Jubel sanfter klingt –

Ave Maria! Wenn die Glocke tönet,

so lächeln Erd und Himmel mild versöhnet!“

 

Und von Cordula Wöhler (1845-1916), der mecklenburgischen Pastorentochter, wissen wir, wie sie als Kind in einem verstaubten Winkel der ehemals katholischen Kirche Rostocks ein uraltes Marienbild fand, das sie säuberte und aufstellte und mit Blumen schmückte. Sie betete vor ihm und sagte der gütigen Mutter alles, was ihr Herz bewegte. Und als man einmal ihre heimliche Liebe entdeckte und das Bild fortnahm, da hatte das Mädchen schon gelernt, Maria mit dem Wort des Engels zu grüßen! Da fühlte sie sich schon als Marienkind.

 

Und Maria ebnete ihr später auch die Wege, die sie zu jener Kirche führten, wo Maria den Ehrenplatz an der Seite ihres Sohnes einnimmt. „Unumstößlich gewiss ist es mir“, so bekennt Cordula später Alban Stolz, „dass ich nur ihrem Mutterschutz und ihrer Mutterführung es verdanke, Kindesplatz zu finden in der vom Erlöser gestifteten heiligen Kirche. Möchten doch alle meine früheren Glaubensgenossen vorurteilsfrei ihr Herz der Liebe und Verehrung Marias zuwenden!“

 

Mancher hat durch den Engelsgruß des „Ave Maria“ den Weg zurückgefunden, so wie der norwegische lutherische Theologe und Schriftsteller Knud Krogh-Tonning in Kristiania, der 1900 konvertierte, und der als protestantischer Seelsorger täglich das Ave Maria betete, denn, so sagt er selbst, „keine Gewalt in der Welt hat das Recht, den Gebrauch eines Gebetes zu verbieten, das durch das heilige Evangelium uns überliefert ist!“

 

Hierzu gehört auch der spätere Franziskaner und Theaterschriftsteller Pater Dr. Expeditus Schmidt (1868-1939), der nach dem ersten andächtigen Ave Maria, das er als Protestant betete, sein Herz seltsam bewegt fühlte, ja völlig umgeändert.

 

Durch Zufall betrat er, als er arbeitslos durch Hamburgs Straßen irrte, eine katholische Kirche und fühlte sich wie in einer anderen Welt, und doch seltsam heimisch. Alles, was er wahrnahm, ergriff ihn tief: das heilige Opfer, die Predigt, die Kommunion der Gläubigen . . .

 

Erschüttert verließ er das Gotteshaus. Als er bald darauf krank lag in einem katholischen Krankenhaus, hörte er die Schwester den Engelsgruß vorbeten. Wie Heimwehglocken war ihm das . . . und in schlafloser Nacht faltete er zum ersten Mal seine Hände und betete das Ave Maria. „Ich konnte wieder zu Maria beten“, so schreibt er. „Und sie selber führte mich dann zu meinem Gott und Heiland, zur katholischen Kirche, zum Priester- und Ordensstand!“

 

Der berühmte protestantische Geschichtsforscher Friedrich Emanuel von Hurter (1787-1865) wohnte zu St. Blasien zum ersten Mal einem katholischen Gottesdienst bei. Es drängte ihn, der Mutter des Herrn eine Huldigung darzubringen. „ . . . Ich erkannte in ihr jenen Stern, der mit so reichem Licht über dem Wogenmeer der Welt aufgegangen ist und uns voranleuchtet auf dem Weg zum Himmel“, so schreibt er. „Ich habe sie gegrüßt als die Mutter der Barmherzigkeit und in ihr gefunden die Mutter der Gnade, der Milde und Tröstungen. O welches Mitleid erfüllt mich mit jenen, denen diese mütterliche Führung unbekannt, dieser Quell reinen Erbarmens und Trostes noch verschlossen ist!“

 

Auch er kehrte in Rom zur Mutterkirche zurück.

 

Dasselbe Glück wurde dem Religionsphilosophen und Lyriker Georg Friedrich Daumer (1800-1875 bekannt wurde er auch als Erzieher von Kaspar Hauser) zuteil, der noch als fast ungläubiger Protestant ein Buch zum Lob und Preis der Gottesmutter verfasste: „Die Glorie der heiligen Jungfrau Maria“. Die Andacht, Begeisterung und Liebe, die aus diesem Buch des gelehrten Professors sprachen, erschienen seinen gleich ungläubigen Zeitgenossen sehr seltsam und unbegreiflich. Er aber wurde durch die Betrachtung der Gottesmutter derart umgewandelt, dass er am Fest Mariä Himmelfahrt 1853 im Mainzer Dom in die katholische Kirche übertrat.

 

„Maria lud mich zu ihrem Fest ein“, so schreibt er. „Welche Ehre! Welches Glück! Und als am Ende der Feierlichkeit die Lauretanische Litanei erklang, da zerfloss ich in Tränen der Rührung und Dankbarkeit. Die himmlische Mutter hatte mich zurückgeführt ins Vaterhaus.“

 

Dr. Hengstenberg, der fromme protestantische Gelehrte, berichtet von einer Sammlung älterer protestantischer Kirchenlieder zu Marienfesten und sagt von ihnen: „Diese Marienlieder zeichnen sich durchweg aus durch besondere Lieblichkeit und Zartheit. Sie sind für uns ein recht beschämendes Zeugnis der freudigen und glaubenswürdigen Hingebung, mit welcher die Kirche der protestantischen Christenheit ehedem die Marientage feierte – uns mahnend an die lange Versäumnis, die fast ganz allgemein als eine Schuld auf uns (heutige Protestanten) lastet; uns mahnend aber auch, diese Schuld an der Ehre des Herrn und am Preis seiner Mutter, die nach dem Wort des Engels „gebenedeit unter den Frauen“, und welche „alle Kindeskinder preisen“ sollen, wieder gutzumachen! Oder glauben wir wirklich, nicht zu den Kindeskindern zu gehören? Und glauben wir wirklich, dem Herrn durch diese Absonderung von denen, die die Jungfrau Maria „seligpreisen“, besser und wohlgefälliger dienen?“

 

Nur mit tiefer Ergriffenheit lesen wir, was der protestantische Erzbischof Erling Eidem (1880-1972) in Schweden – der Nachfolger des 1931 verstorbenen berühmten Nathan Söderblom auf dem erzbischöflichen Stuhl zu Upsala – von Maria schreibt.

 

Er hat im Verlag der Christlichen Studentenbewegung Schwedens in Stockholm ein gar liebes Büchlein erscheinen lassen, das den Titel führt: „Die Mutter des Herrn. Umschreibungen des Magnifikat.“ Darin singt er aus der Fülle des Herzens ein wundersames, feinsinniges Marienlob, das zum Thema hat das Magnifikat. Seine geistvollen, tieffrommen Ausführungen verdienten, allen Katholiken und Protestanten bekannt zu werden. Interessant ist, dass in Schwedens protestantischer Kirche noch alljährlich ein Marienfest gefeiert wird. Denn der Bischof sagt u.a.:

 

„Diese drei aufeinanderfolgenden und miteinander verbundenen Bibelstücke – die einzigartige Frohbotschaft der Verkündigung, die Begegnung der beiden werdenden Mütter und den Jubelgesang des Magnifikat – hat unsere schwedische Christenheit als ständige Predigttexte gewählt für den einen der beiden Marientage, welche bei uns immer noch jährlich feierlich begangen werden: nämlich für das Fest Mariä Verkündigung – ein Tag, der in besonderer Weise dem schönen und erbaulichen Gedenken an die Mutter des Herrn geweiht ist; während dagegen am Mariä Kirchgangstag, gewöhnlich Kyndelmeßtag genannt, die Gestalt der Mutter des Herrn mehr in den Hintergrund tritt.“

 

„Was ist es eigentlich“, so fragt der lutherische Erzbischof weiter, „das mich berechtigt, der Mahnung meines Herzens nachzukommen, da es in aufrichtiger Pietät und frohem Bewundern diese Bethlehemstochter als die Gebenedeite unter den Frauen grüßen will?

 

Sie ist die Mutter des Herrn – die Mutter meines Herrn.

 

Gerade darin liegt der tiefste Grund für meine Verehrung für sie und für meine Dankbarkeit gegen sie.

 

Schon wenn es sich ganz allgemein um das natürliche Leben handelt, liegt ein unvergleichlicher Glanz über dem Mutternamen. Für das echte und wahre menschliche Empfinden umschließt die Benennung „Mutter“, und was damit zusammenhängt und damit bezeichnet wird, etwas Heiliges, Unverletzliches. Schon der Muttername an sich birgt etwas von dem Allerinnersten und Tiefsten, von dem Feinsten und Besten, dem Lieblichsten und Zartesten im Menschenleben. Solltest du wirklich so gering von deiner Mutter denken oder schlecht von ihr reden können? . . . Solltest du absichtlich ihr Bild aus deiner Seele tilgen wollen? Solltest du mit Gleichmut es ertragen können, wenn andere sich verächtlich oder herabsetzend über sie äußern? – Nein! Das könntest du nicht! Deine ganze Natur würde sich dagegen empören . . . Aber andererseits: sag, wär´ das nicht ein gerader Weg zu deinem eigenen Herzen, wenn jemand, den du triffst, gute und warme Worte reden würde über sie, die dir das Leben gegeben und mit ihrer zarten Sorge dich umhegt hat?

 

Und mache nun nicht gleich die Einwendung, mein Freund, dass das, wovon ich eben gesprochen, nur Geltung in dem äußern, dem Bereich der Natur habe, und nicht das geringste mit Gottes Reich und der Welt des Geistes zu tun habe! Das ist, religiös gesehen, nicht wahr! Auch bringt es keinen Segen, niedrig über den Schöpfer und seine allgütige Weisheit zu denken. Dieses Äußere kann und soll für uns Offenbarung eines ewigen Wertes, Widerstrahlung der Herrlichkeit dessen werden, der Ursprung, Wesen und Ziel aller Dinge ist.

 

Lerne das Geschaffene als das Sakramentum, als ein heiliges Geheimnis zu betrachten, welches dir heilig sein muss. In des Lebens tiefstem Mysterium – und gerade da hat die Mutter ihren Platz – sollen wir etwas von den geheimnisvollen Wegen des Unfassbaren erblicken, ja seine Nähe ahnen! Das Gebot der Kindespietät im Dekalog des Moses stammt wirklich vom Gott des Lebens. Das Band, welches Eltern und Kinder miteinander verbindet, ist heilig, ist wahrhaftig ein Sakrament.

 

Und deshalb ist es für mich vollkommen klar, dass, wenn wir Jesus von Herzen lieb haben als unsern Herrn und Erlöser, es auch für uns eine ganz selbstverständliche und natürliche Sache sein muss, ihm jene von der Liebe eingegebene Ehre und Ehrfurcht zu erweisen: nämlich groß und hoch zu denken, warm und innig zu fühlen für die Frau, welche er seine Mutter, seine eigene Mutter nannte . . .“

 

Alban Stolz wendet sich einmal an Nichtkatholiken: „Vielleicht spürst du noch ein leises Regen in dir von Ehrfurcht vor dem Gotteskind und seiner heiligen Mutter, das dir angeboren ist von deinen Urahnen, die vor 400 Jahren (Alban Stolz lebte von 1808 bis 1883) so treu und innig die Gottesmutter geehrt und angerufen haben . . . Fass darum ein Herz und fange ab heute an, das Ave Maria zu beten!“

 

So rauscht durch alle Himmel und alle Erdenzonen, durch Kirchenhallen und Wald- und Wiesental, durch alle Jahrhunderte und alle künftigen Zeiten fort das Lob der Königin – wie sie selber es vorherschaute: „Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter!“

 

Aus urgrauen Zeiten (950) klingt das Lied der urdeutschen Nonne Roswitha von Gandersheim zu uns herüber:

 

„Hoffnung der Welt, berühmte Himmelsherrin,

du heilige Mutter, klarer Meerstern!

Du gabst der Welt das Leben wieder,

das einst die erste Frau verloren.

Sei gnädig dieser neuen Dichtung,

die Hrotsvit, deine Magd, dir reicht.

Ich bin ein Weib nur! Voller Eifer

begann bescheiden ich zu dichten

und hoffte etwas beizutragen

zu deinem Ruhm, heil´ge Jungfrau,

indem ich deine hohe Herkunft

und deinen Sohn, den König, preise.

Zwar weiß ich, meine schwachen Kräfte,

sie reichen nicht, um dich zu rühmen,

die kaum gebührend lobt der Erdkreis,

die über alles Lob erhaben,

weil du in deinem Mädchenleibe

den Herrn der Welt dereinst getragen.

Derselbe, der den blöden Esel

hieß einst den Namen Gottes loben,

befahl dir, Jungfrau, durch den Engel,

den Anhauch Gottes zu empfangen

und unbefleckte, auserwählte

Gebärerin des Sohns zu werden.

O löse doch – denn du vermagst es –

die Zunge mir, mein Herz betaue

mit seiner Gnade, daß ich singe

ihm Angenehmes und dich lobe!“

 

Und alljährlich, wenn es wieder mait auf Erden, wenn der Frühling seinen Zauber ausschüttet, blaublau des Himmels Saphirglocke strahlt und junge Sonne ihr Gold rieseln lässt über jungselige, frühlingsgrüne Hänge und Halden, über bräutlichholden Blütenblust – dann huldigt auch die Natur in Schönheit ihrer Königin Maria.

 

Aller Schmelz der Farben, der Duft der Blumen, der Glanz des Tautropfens, die Leuchtkraft der Sonne, die Festlichkeit des blauen Himmelskelches, die seligen Lieder der Jugend, die Gebete der Andacht und Liebe, die Blumensträuße der Kinder – das alles ist eine Symphonie der Schönheit, die sich um die Füße Marias schmiegt, wenn sie – so denken wir uns es gern, und so haben die Künstler aller Zeiten sie gern gemalt – wenn sie unsichtbar durch Wiesen und Wald und Anger schreitet.

 

Als Herrin – als Magd – als Mutter – als Königin!

 

Alle Wege und Stege warten . . . lauschen und harren, wie auf ein süßes Geheimnis. Ja, in allem Duften und Prangen und allem Blühen und aller Schönheit: ist es nicht wirklich, als schritte die hohe Frau durch die Welt, durch die blühenden Lande, und segne Blüten und junges Grün und hoffende Saaten und blumenüberschäumte Wiesen und duftenden Wald?

 

Genauso haben viele Maler inniger Marienbilder mit ihren gottinnigen Künstleraugen Maria erschaut und gemalt.

 

Und so, tausendfältig abgewandelt, in immer neuen Gestaltungen – „ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt“ – schreitet Maria durch die Welt . . . durch die Jahrhunderte und Jahrtausende: seliggepriesen von Natur und Übernatur, von Religion, Kunst und Künstlern und schlichter Menschlichkeit; von allem, was gut und edel im Menschen ist; von ihren Kindern in katholischem und einst auch protestantischem Marienlob!

 

So wandelt sie durch Welt und Raum und Zeit: durch Geschlechter und Epochen und Äonen und Ewigkeiten . . . wie einst in der Gottinbrunst des Magnifikat ihr die künftige Schau wurde:

 

„Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter!“

 

Begeben wir uns nun ein Stück weit nach vorn in unsere Zeit hinein.

 

In einem ungedruckten Manuskript der schweizer Mystikerin, Ärztin und Konvertitin Adrienne von Speyr, findet man ein Fragment, „Ein kleines Licht“ genannt, das einen Eingang bilden sollte zu einem längeren, nicht ausgeführten Buch über Konversion zur katholischen Kirche. Darin erzählt sie von einem Erlebnis, das sie vor ihrer eigenen Konversion hatte:

 

„ . . . Wenn ich durch die Stadt zu meiner Arbeit gehe, komme ich an einer Kirche vorbei, die immer offen steht. Es fällt mir auf, dass immer wieder einzelne Leute darin verschwinden und andere herauskommen. Leute, die sich äußerlich in nichts von mir unterscheiden, betreten ein Haus, das Gott gehört, haben dort etwas zu tun, fühlen sich dort zu Hause, auch zu Zeiten, da kein Gottesdienst stattfindet. Sie haben also nicht nur ein Bedürfnis – ich hätte ein solches vielleicht auch –, sondern stillen es auch. In ihrem Alltagsleben räumen sie Gott und seinem Haus einen Platz ein. Einmal nehme ich mich zusammen und betrete an einem Samstagnachmittag diese Kirche. Nicht ohne Misstrauen und Hemmungen, denn ich weiß, dass die Katholiken beim Betreten der Kirche Dinge tun, die mir fremd sind. Und ich möchte weder auffallen noch jemanden belästigen. Ich weiß wohl, der Gott der Katholiken ist auch der Protestanten, aber ich möchte in diesem Haus die Regeln, die hier gelten, nicht brechen. Mit mir ist jemand anderer eingetreten, bekreuzt sich, macht eine Kniebeuge und wählt sich einen Platz vor einem Bild. Ich kann das nicht einfach nachahmen. So bete ich ein Vaterunser, das ich von meiner Konfirmation her noch kann. Ich sehe, dass andere länger verweilen. Die Frau, die mit mir eintrat – ich tat recht daran, ein paar Bänke hinter ihr Platz zu nehmen –, blickt betend zu dem Bild auf. Es ist eine Pietà: Maria, die ihren toten Sohn auf den Knien hält. Ich erinnere mich, dass man sie die Mutter Gottes nennt, und auf einmal kommt mir der Gedanke: Ja, das könnte wirklich ein wahres Bild sein. Maria war ja dabei, als ihr Sohn starb, und sie kann wirklich den Leichnam auf ihrem Schoß gehalten haben. Die Trauer auf ihrem Antlitz entspricht dem, was man erwartet, wenn man einer Mutter ihren gemarterten toten Sohn übergibt. Ich bin plötzlich gerührt von dieser Menschlichkeit: dass die Katholiken diesen Augenblick, den es wirklich gegeben hat, und an den ich nie gedacht habe, im Bild festgehalten haben. Ich muss an unsere protestantischen Kirchen denken, wo man überhaupt kein Bild zu sehen bekommt, so dass der Kirchenraum einen durch nichts anspricht. Während das Wort des Pfarrers nicht ertönt, bleibt die Kirche irgendwie leer. Es tut mir wohl, zu sehen, dass man mich hier auch durch die Augen und nicht nur durch den Geist an Christus denken lässt, und mir nicht nur sein Leiden, sondern auch das Mitleiden eines Menschen, der ihm nahesteht, vor Augen führt. Dieses Mitleiden ist ja eine Form des Leidens, die ich als Mensch kenne.

 

Es kommen mehr Leute herein, die ich nicht kenne (so wenig wie die vor mir betende Frau), und sie beten an verschiedenen Orten. Ich weiß nicht, was sie beten, fühle aber, dass sie irgendwie zusammen beten und dass ich in ihre Gebetsgemeinschaft eingeschlossen bin. Eine Gemeinschaft, die sich wie zufällig an einem gewöhnlichen Arbeitstag gebildet hat.

 

Vorn brennt ein kleines Licht. Ich weiß: die Katholiken nennen es das ewige Licht. Auch das macht mir Eindruck, dass dieses Licht sie an die Ewigkeit erinnert. Hier in der Zeit brennt es immerfort, man sorgt dafür, dass es nicht ausgeht. Bis jetzt habe ich mir die Ewigkeit immer als etwas vorgestellt, das nach dem Tod anfängt, und sehr wenig damit anzufangen gewusst. Ich hatte das Gefühl, von der Zeit zur Ewigkeit sei ein sehr weiter Weg. Ich fühle mich jung und kraftvoll, das Leben steht vor mir: die Ewigkeit ist etwas, das viel später einmal aktuell sein wird. Dieses Licht aber legt mir den Gedanken an eine Gegenwart der Ewigkeit nahe. In dieser Kirche spricht etwas von dieser Gegenwart. Das Licht flackert ein wenig, es ist ein lebendiges Licht, ich sehe, wie Ewigkeit und Leben in ihm vereinigt sind. Aber dann revoltiert etwas in mir: Nein, so geht das doch nicht: Hier ein Bild der schmerzhaften Mutter, dort ein Sinnbild der Ewigkeit: wie passt das innerlich zusammen? Sind diese Symbole nicht lauter Äußerlichkeiten? Etwas in mir möchte protestieren, ich weiß nur nicht genau, gegen was. Das Bild ist künstlerisch nicht wertvoll, aber sprechend ist es und fordert eine Aufmerksamkeit heraus: die Absicht des Künstlers ist wesentlicher als der Wert seiner Arbeit, und gegen seine Absicht ist nichts einzuwenden. Andererseits kann ich dem Licht nicht vorwerfen, mich zu Unrecht an die Ewigkeit und ihre stete stille Gegenwart in der Zeit zu erinnern. Offenbar bringen die Leute beides zusammen . . .

 

Beim Hinausgehen sehe ich, wie zwei Kinder ihre Finger in ein Weihwasserbecken tauchen und das Kreuzzeichen machen. Das ärgert mich ein wenig: es scheint unhygienisch, und was soll es bedeuten? Ich möchte mit jemandem darüber reden und ihm meinen Ärger ausdrücken. Und doch, wenn ich ehrlich wäre, müsste ich auch sagen, dass ich etwas daran schön finde. Die Kinder halten mir die Tür, dann fangen sie gleich wieder zu spielen an. Ich sehe, für sie war der Besuch in der Kirche etwas ganz Natürliches, ganz anders als bei uns die begrenzte Stunde am Sonntagvormittag. Nachher ist der Raum die ganze Woche über geschlossen und steht leer da. Wenn die Kirche Gottes Haus ist, dann ist es doch etwas seltsam, dass ihm die meiste Zeit über niemand Gesellschaft leistet.

 

Ich kehre zu meiner alltäglichen Arbeit zurück, aber habe etwas erhalten, was nicht nur in meinen Gedanken nachklingt, sondern mir auch meinen Mitmenschen gegenüber eine etwas veränderte Haltung gibt. Es wäre mir lieb, wenn ich meiner Familie oder auch meinen Kollegen am Arbeitsplatz etwas von meinem Erlebnis vermitteln könnte. Ich frage mich auch, ob es klug sei, selber soviel bei diesen Eindrücken zu verweilen: man müsste sie entweder verdrängen oder sie weiter in sich entfalten lassen . . .“

 

Und diese, später katholisch gewordene Adrienne von Speyr, kann über Maria schließlich Wunderbares und Wunderschönes schreiben. Zum Beispiel in ihrem Buch „Maria in der Erlösung“:

 

„In Maria liegt die Idee des vollkommenen Menschen, die Gott bei der Schöpfung des ersten Menschen vorschwebte, so dass Maria eigentlich nicht die zweite, sondern die erste Eva ist, die nicht gefallene, die sieht, wie die zweite fällt.“

 

Aber gehen wir ruhig ihren Gedanken folgend noch einen Schritt weiter und schauen, wie Adrienne von Speyr, gemäß der Tradition, Maria mit der Kirche verknüpft:

 

„Die Kirche, die uns ihr beflecktes Antlitz zeigt, an dem wir so viel auszusetzen haben, ist zugleich unsere Mutter im Himmel, von höchster Reinheit, von absoluter Sicherheit und Unfehlbarkeit. Und sie ist wiederum nicht einmal dies, einmal jenes, sondern beides zugleich. Nicht nur Maria, auch Eva lebt in der Kirche fort, wir alle, die wir nicht heilig sind, gehören zu ihr. Und doch ist sie auch Maria: in allem, was die Mutter des Herrn erlebt und erleidet, was sie sieht und aufnimmt und ablehnt, ist sie Kirche und kirchliches Gebet. Ihre Person und ihr Auftrag, alles, was der Sohn mit ihr vorhat und was er ihr zeigt, gehört der Kirche und ist Kirche; aber sie führt es mit verhülltem Antlitz auf Erden aus. Unter diesem verhüllten Antlitz haben alle Sünder Gelegenheit, sich mit ihr zusammenzutun, sie aber auch mit ihrem Sündersein zu verwechseln. Sie können sie dann nicht so erkennen, wie sie in Wahrheit ist, sonst würden sie aufhören, Dunkles zu tun; aber sie können sie trotzdem in ihrer Verhüllung erkennen. Und sie selber wird vor ihnen ihren Schleier heben und ihr Gesicht herzeigen und ihnen zu viel von ihrer Reinheit zustrahlen, dass plötzlich dort, wo die Kirche sich enthüllt, Paradies entsteht, und der Sünder den rückläufigen Weg von der verbannten Eva zu Maria, die das Paradies nie verlassen hat, gehen kann.“

 

Was für ein Weg, was für eine Konversion, was für ein Sprung von der zufälligen Betrachtung der Pietá in der ihr fremden katholischen Kirche am Rande ihres Weges durch die Stadt, bis hin zur mystischen Schau der miterlösenden Bedeutung der Mutter Gottes.

 

Abschließend soll noch einmal der Gedanke an die Konversion von Protestanten zur katholischen Kirche beleuchtet werden. In der „Tagespost“, die damals noch „Deutsche Tagespost“ hieß, ist am 21. Januar 1992 ein Artikel von Max Rößler erschienen mit dem Titel: „Herr, es liegt ein Traum von dir in meiner Seele – Das eindrucksvolle Bekenntnis derjenigen, die zur katholischen Kirche heimgekehrt sind“. Darin heißt es:

 

„Dass Würzburg eine prächtige, an Sehenswürdigkeiten überraschend reiche Stadt ist – keiner hat es inniger und überzeugender bekundet als der Dichter Max Dauthendey. Nicht weil er hier geboren wurde und Kindheit und Jugend verbracht hat, sondern weil er die Sehnsucht des Heimwehs und das Glück der Heimkehr immer wieder neu erfahren hat. Erst der aus fernen Ländern Heimkehrende konnte „die weise Heiterkeit Griechenlands und die zierliche, erdkräftige Schönheit Japans“ in dieser Stadt erkennen und lobpreisen. Wie ja auch in der herrlichsten Geschichte der Welt, im Gleichnis vom Verlorenen Sohn, der Heimkehrende das Vaterhaus in einem ungleich innigeren Licht erkannte als der Daheim-Gebliebene, der zunächst in grauer Verdrossenheit abseits stand und erst vom Vater aufgefordert wurde, an der Festfreude teilzunehmen.

 

Eben dies Froh-Festliche, die frische und erfrischende Unmittelbarkeit des Glücks-Erlebnisses, wie es dem beschenkt, ja begnadet sich fühlenden Heimkehrer eigen ist – es ist nahezu abhandengekommen in einer Kirche, wo Konversionen allzu selten geworden, wo indes Kritik und Vorwurf sich zu Klagen und Anklagen steigern. Gibt es aber heute nur wenige solcher begeisterter Bekenntnisse zur Kirche, so dürfen umso weniger die Zeugnisse jüngster Vergangenheit vergessen werden, die in geradezu beschämender Weise bewusst machen, wie sehr der Zeitgeist mit seiner herabwürdigenden Kritiksucht auch kirchliche Kreise anstecken und den Sinn für Proportionen verwirren kann.

 

Allgemeingültig ist doch die Erfahrung, dass nur die Liebe richtig erkennen kann. Ist dem aber so, wie können Kirchentreue sich von Kirchengegnern oder gar Kirchenfeinden ihren Blick auf diese Kirche trüben oder gar verfälschen lassen? Natürlich haben auch die Konvertiten – ja sie mit besonderer Empfindlichkeit – die Makel und Runzeln an der Mutter Kirche bemerkt. Aber nie hätte ihr Wirklichkeitssinn ihnen deswegen die Verehrungs- und Liebenswürdigkeit der Mutter fragwürdig macht. Oder könnte jemand vermuten, ein so gründlicher Kenner der Geschichte wie Werner Bergengruen hätte nicht die dunklen Seiten der Kirchengeschichte gekannt? Könnte jemand denken, Gertrud von le Fort hätte den Eintritt ins Kirchenportal unterlassen können, weil eben zu dieser Zeit ein sie beratender Priester seinen Dienst aufgab?

 

Nein, ihr Kirchenbild war zu groß, als dass sie durch unvermeidliche Enttäuschungen wankend geworden wären. Gerade ihre Sensibilität kannte das mit dem „sentire cum ecclesia“ immer verbundene Leiden an der Kirche genau, doch nie hätten sie einem George Bernanos widersprochen, wenn er sich zu dem Satz bekannte: „Es ist nichts, an der Kirche zu leiden, man muss durch sie gelitten haben.“ Hilfreich, ja erbauend – um dies entschwindende Wort zurückzuholen – ist also die Antwort, die Werner Bergengruen und Gertrud von le Fort auf die Frage geben, warum des Gläubigen Verhältnis zu seiner Kirche vor allem bestimmt sein muss von Dankbarkeit.

 

Wenn demnächst – im September dieses Jahres (1992) – des hundertsten Geburtstages von Werner Bergengruen zu gedenken ist, dann wird ein großartiges dichterisches Werk und ein edler, ritterlicher Mann zu rühmen sein. Dem Katholiken wird zudem aber das immer entschiedene, vorbehaltlose Bekenntnis Bergengruens zur Kirche teuer sein. Dass der Heimweg zur katholischen Kirche schon in seinem persönlichen Wesen angelegt war, hat er mehrfach beschrieben: „Ich denke da an das Wort des Kirchenvaters Tertullian von der anima naturaliter christiana, von der menschlichen Seele, die ihrer Natur nach eine Christin ist, und ich möchte mich selber als eine anima naturaliter catholica bezeichnen.“

 

Dennoch ließ er sich die Konversion nicht leicht werden: „Ich habe den Entschluss zur Konversion mit fünfzehn Jahren gefasst, also zu einer Zeit, wo noch niemand von einer allgemeinen, solchen Entschlüssen günstigen Zeitströmung sprechen konnte, aber ihn erst als Dreiundvierzigjähriger verwirklicht. In der ganzen Zeit stand ich der Kirche so nahe, wie ein Nichteingegliederter ihr überhaupt stehen kann, und habe mich sehr intensiv mit dem Katholizismus beschäftigt. Aber nachdem ich auch äußerlich ein Glied der Kirche geworden war, habe ich erst gesehen, wie wenig ich bis dahin von der katholischen Wirklichkeit gewusst hatte. Wie also darf ich mich wundern, dass es kaum einen Protestanten gibt, der einen Begriff von ihr hat?“

 

„Fragt man mich, warum ich katholisch geworden bin, so antworte ich zunächst, weil ich von Natur ein katholischer Mensch bin. Verlangt man aber speziellere Auskunft, so will ich sagen: Aus Liebe zur Kirche, aus Liebe zu den Sakramenten, aus Liebe zu den Heiligen, aus Liebe zur großen Form, aus Liebe zur Logik und aus Liebe zur analogia entis.“ Was der Fünfzehnjährige so erklärt hat, hob er vier Jahre vor seinem Tod hervor: „Das wird kein Ungläubiger, kein Sektierer, kein Protestant glauben, und doch will ich es beschwören, dass ich nirgends eine solche Trinitas von Weisheit, Liebe und Großmut gefunden habe wie in der Kirche. Ja, diese Eigenschaften machen recht ihr Wesen aus, und noch auf ihre schwächsten, gabenlosesten und gar unwürdigen Diener strahlt etwas von ihnen über, und es strahlt von ihnen weiter. Und so möchte ich in unblasphemischer Anlehnung an ein biblisches Wort mir die Kühnheit nehmen, zu sagen: Lasset sie uns lieben, denn sie hat uns zuerst geliebt.“

 

Eine Erklärung wie „Ich könnte mir mich selbst als Nichtkatholik überhaupt nicht vorstellen. Meine Konversion ist kein Bruch gewesen und nichts Gewaltsames, sondern etwas vollkommen Organisches und Natürliches“ widerstreitet nicht einer grundsätzlich ökumenischen Gesinnung, wie nach seiner Konversion ein evangelischer Geistlicher es Bergengruen bestätigt hat: „Es ist mir als wären Sie innerhalb des gleichen Hauses in ein anderes Zimmer gegangen, in dem Sie mir jederzeit erreichbar bleiben.“

 

Zu den Daheim-Gebliebenen gehört Ida Friederike Görres. In einem klösterlichen Internat erzogen, musste sie sich – wie ihr überkritischer „Brief über die Kirche“ (1946) beweist – erst genügend von der Kirche distanzieren, um etwas von dem Glück des Entdeckens teilen zu können, das sie an einer Konvertitin wie Gertrud von le Fort beinahe mit Neid wahrnahm. Weshalb sie denn auch bedauernd feststellen musste: „Leider sind wir keine Konvertiten!“ Längst ehe das biblische Bild von dem aus dem Nest gefallenen Vögelchen Gertrud von le Fort zur Deutung ihrer unbestimmten Sehnsucht helfen konnte, war ihr eine zielgerichtete Ahnung spürbar: „Herr, es liegt ein Traum von dir in meiner Seele.“ So lautet die erste Zeile ihrer „Hymnen an die Kirche“. Zwischen den Wassern der Verzweiflung und den Bergen der Hoffnung findet die Seele keine Ruhe: „Ihre stillste ist noch wie ein einziger Schrei.“

 

Aber eine Stimme sucht sie – die Stimme der Kirche. Von ihr hatte jemand im Familienkreis die Bemerkung gemacht, nur die katholische Kirche stünde in der allgemeinen Verwirrung und Verstörung unerschüttert wie ehedem. Die Dichterin, von calvinistischer Familientradition bestimmt, wurde nachdenklich, beschäftigte sich mit Theorie und Praxis dieser römisch-katholischen Kirche und erkannte in ihr mit wachsender Betroffenheit die Erfüllung ihrer tiefsten Herzenssehnsucht. Mit einem Erstaunen, in dem Schrecken und Beseligung sich einten, vernahm sie in der Kirche den Ruf Christi. Er war es, der sie suchte in der Gestalt seiner Kirche.

 

So wurde diese Christus-Kirche fortan das Programm ihres Lebens und das Thema ihres Werkes. In nimmermüder Dankbarkeit reifte eine unanfechtbare, der Treue antwortende Treue:

 

„Du allein suchtest meine Seele!

Wer will das Recht deiner Treue schmälern?

Meine Seele war wie ein Kind,

das man im Verborgenen aussetzt.

Sie war eine Waise an allen Tischen des Lebens.

Die Klugen dieser Welt haben sie verraten.

Wenn sie dürstete, gaben sie ihr Vergängnis.

Und wenn sie sich änstete, sprachen sie: Du bist ja gar nicht.

Du aber hast für sie gebetet, das hat sie errettet.

Du hast sie wie ein Kleinod beweint,

darum jauchzt sie deinen Namen.“

 

Als hätte ein Gnadenstab den Fels ihres Sprachgenies berührt, entstürzten ihm nun katarakthaft die Hymnen an eine Kirche, die bekennen kann:

 

„Ich war die Sehnsucht aller Zeiten

ich war das Licht aller Zeiten

ich bin die Fülle der Zeiten.

Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.

Ich bin die Straße aller Straßen:

Auf mir ziehn die Jahrtausende zu Gott.“

 

Vor solcher Erhabenheit wird unbegreiflich, wie sich jemand von der Kirche abwenden kann: „Keiner, der dich fahren lässt, hat dich erfahren.“ So sind sie denn Ahnungslose, die da leichtfertig über die Kirche urteilen. Nichtwisser sind sie, die sie schmähen, Blinde sind sie, die ihre wahre Größe nicht sehen, denn nur die Liebe zur Kirche lässt sie erkennen: „Die Kirche ist ein Mysterium, das man nur fasst, indem man sich hingibt.“ Was könnte zur Untreue verführen vor einem Kirchenbild, dessen danteske Dimensionen Zeit und Ewigkeit vereinen: „Du bist das einzige Zeichen des Ewigen über dieser Erde; alles, was du nicht verwandelst, wandelt der Tod!““

Max Rößler

Deutsche Tagespost, 21. Januar 1992

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