Geschichten des Lebens zu Anfang des 20. Jahrhunderts

 

1. Gebt, so wird euch gegeben werden! - Erzählung von Hermann Weber

 

2. Schwer gebüßt - Bild aus dem Leben

 

3. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen

 

4. Geschichte einer Konversion - Von Elisabeth Düker

 

5. Ein trauriges Stücklein für heiratslustige junge Leute

 

6. Die Grafentochter - Aus dem Französischen nacherzählt von Silesia

 

7. Ein Opfer des Alkohols - Von Johann Heinekamp

 

8. Hochmut kommt vor dem Fall!

 

9. Du sollst Vater und Mutter ehren

 

10. Erlebnisse eines deutschen Jesuiten in der portugiesischen Revolution

 

11. Was der kann, das kann ich auch - Von H. Bals

________________________________________________________________________

 

1. Gebt, so wird euch gegeben werden! - Erzählung

von Hermann Weber

 

Die ihn näher kannten, nannten ihn alle den geizigen Mertens. Aber er hatte das beste Geschäft in der kleinen Stadt und war ein reicher Mann, und darum wagte auch niemand, ihm in den Weg zu treten.

 

Kinder hatte das alte Ehepaar nicht. Ein Neffe des Kaufmanns, der vor Jahren als mutterlose Waise in dem Geschäft als Lehrling tätig gewesen war, hatte eines Tages heimlich seine Sachen gepackt und war in die Welt gegangen, da ihm die karge Kost im Haus seines Onkels nicht mehr behagte. Mertens hatte damals weidlich auf den Davongelaufenen geschimpft und ihn dann vergessen. Seitdem hatte auch der junge Mann nichts wieder von sich hören lassen. -

 

Mertens war gerade beschäftigt, sein Schaufenster mit Weihnachtssachen zu dekorieren, als der Postbote einen Brief hereinreichte. Mertens warf einen Blick darauf und ließ dann seine Arbeit ruhen.

 

Der Brief war mit fremdländischen Marken beklebt: das musste schon etwas Besonderes sein, und darum beeilte sich der Alte, ihn aufzuschneiden. 

 

Mertens überflog das kurze Schreiben, das der Umschlag enthielt und schüttelte verwundert den Kopf. Dann rief er seine Frau herbei.

 

"Denke dir nur", sagte er, als seine Gattin neben ihm stand, "da schreibt unser Neffe, unser damaliger Lehrling Adolf, aus Australien, dass er großes Heimweh nach der Heimat habe und zwei Tage vor Weihnachten hier eintreffen würde. Er hätte aber in der Fremde keine Reichtümer gesammelt und seine wenigen Ersparnisse würden gerade hinreichen, ihn hierhergelangen zu lassen. Obendrein bäte er uns, ihm für einige Tage Obdach zu gewähren, bis er hier eine passende Stelle gefunden hätte. - Also, er möchte auf unsere Kosten essen und trinken. Ich denke, die Last wollen wir uns doch nicht aufhalsen, Frau. Was meinst du dazu?"

 

"Nein!" antwortete hartherzig die Frau. "Damals lief er uns davon, weil es ihm hier nicht mehr gut genug war, und jetzt möchte er sich gerne wieder einfinden. - Wenn er allerdings käme mit einer Tasche voll Geld, dann ließe sich schon eher darüber reden."

 

Damit war die Angelegenheit zwischen den Gatten erledigt. -

 

Es war um die zehnte Abendstunde. Der von Hamburg kommende Personenzug war soeben eingelaufen.

 

Unter den wenigen Fremden, die, dicht in ihre Mäntel gehüllt, die Straßen der kleinen Stadt betraten, ragte ein junger Mann mit scharfen, energischen Zügen hervor.

 

Er war schlicht, fast ärmlich gekleidet, trug nur ein kleines Bündel in der Hand und schien jemand erwartet zu haben.

 

Niemand erkannte ihn wieder nach der langen Zeit.

 

Als er das Haus seines Onkels erreicht hatte, zog er klopfenden Herzens die Glocke. Der alte Mertens öffnete die Tür.

 

"Nun, was gibt es? Was wünschen Sie?" fragte er brummig.

 

"Ich bin es ja, Onkel! Kennst du mich nicht mehr?" rief der junge Mann, herzlich die Hand seines Verwandten ergreifend.

 

"Ach so, du bist es", antwortete der Kaufmann gedehnt. "Ich hatte ganz vergessen, dass du heute kommen wolltest. Nimm es uns nicht übel, Adolf, aber du kannst bei uns nicht wohnen. Wir haben selbst nichts übrig, die Geschäfte gehen schlecht, und da wirst du wohl einsehen..."

 

"Das ist ein böses Willkommen in der Heimat!" rief der junge Mann bestürzt.

 

"Ich kann es nicht ändern", antwortete achselzuckend der Alte. "Du musst schon sehen, wo du unterkommst, Adolf!" Und ruhig schloss er die Tür.

 

Adolf Winter stand allein, mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen. Also das war der Empfang von seiten seiner Verwandten.

 

Er stand einen Augenblick überlegend, dann fiel sein Blick auf das efeuumrankte Nebenhäuschen mit seinen freundlichen grünen Fensterläden, und ein Zug der Erinnerung glitt über seine Züge.

 

Wohnte dort nicht der alte Brandt, der Schuhmacher, der ihn früher so oft bedauert hatte, wenn er mit blaugefrorenen Händen hinter dem Ladentisch stand und Mertens Kundschaft bediente? Gewiss, er irrte sich nicht. Der würde ihn nicht zurückweisen, davon war der Heimgekehrte überzeugt.

 

Adolf schritt dann die kurze Strecke zum Nebenhaus hinüber. Nach einigem Pochen öffnete ihm eine alte Frau, die er sogleich als die Gattin seines väterlichen Freundes wiedererkannte.

 

"Guten Abend, Mutter Brandt!" sagte Adolf. "Kennt Ihr mich nicht mehr?"

 

Die Alte betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. "Ich wüsste nicht, Herr", antwortete sie, dann fügte sie bekümmert hinzu: "Seitdem mein Mann krank ist, kommen so viele Leute ins Haus, dass ich ihre Gesichter nicht alle im Kopf behalten kann!"

 

"Wir haben uns lange nicht gesehen, Mutter. Ich bin Adolf Winter, der Neffe vom alten Mertens".

 

"Mein Gott!" rief die Frau, erstaunt die Hände zusammenschlagend. "Adolf, du bist es? Junge, wie bist du groß geworden. Woher kommst du denn?"

 

"Aus Australien, Mutter. Das Heimweh hat mich hergetrieben!"

 

"Nein! - Diese Überraschung! Wie wird mein Mann sich freuen, dich wiederzusehen. - Er darf aber keine Aufregung haben, Adolf. Er ist lange Zeit krank gewesen und jetzt auf dem Weg der Besserung. Wir haben eine böse Zeit durchgemacht, immer Ausgaben und keinen Verdienst, da kannst du dir denken, dass es bei uns recht knapp geworden ist."

 

"Da bin ich vielleicht gerade zur rechten Zeit gekommen!" murmelte Adolf, als er der alten Frau durch verschiedene Räume zum Krankenzimmer folgte. Während des Ganges musterte er erstaunt seine Umgebung. Der frühere Wohlstand der Familie war verschwunden, die wenigen Möbelstücke waren äußerst schlicht und einfach, und in dem Krankenzimmer befand sich außer einem Tisch und zwei Stühlen nur das Bett, in dem der Kranke ruhte.

 

"Vater Brandt", sagte Adolf bewegt, sich zu dem alten Mann niederbeugend. "Wie geht es Euch? Kennt Ihr mich noch?"

 

Der Gefragte schüttelte verneinend den Kopf.

 

"Kennt Ihr denn den kleinen Adolf nicht mehr, der bei Mertens immer mit den aufgesprungenen Händen in die Heringstonne greifen musste?" rief Adolf.

 

"Was? - Und das warst du?" rief der Kranke erstaunt und machte einen Versuch, sich aufzurichten. "Junge, wo hast du denn nur gesteckt die lange Zeit? Wir glaubten dich längst tot oder verschollen in der Fremde!"

 

Adolf drückte ihn sanft in die Kissen zurück. "O, ich habe tüchtig arbeiten gelernt", antwortete er dann heiter, "es hat nicht immer gut gegangen in der weiten Welt!"

 

"Ja, ich glaube es. Du siehst auch gar nicht wohlhabend aus, armer Junge! - Ich habe auch viel Unglück gehabt. Ich war lange Zeit krank und habe dadurch den größten Teil meiner Arbeit verloren. Der alte Mertens hat mir damals eine Summe Geldes vorgeschossen und verlangt sie jetzt zurück, und weil ich nun nicht zahlen kann, hat er gedroht, mein Häuschen verkaufen zu lassen!"

 

"O, so weit ist es schon gekommen?" rief Adolf Winter, scheinbar aufs äußerste bestürzt. "Und ich wollte Euch schon bitten, mir für einige Tage Kost und Obdach zu geben,bis ich eine passende Stelle gefunden hätte."

 

"Bleibe ruhig bei uns, bis zu Stellung gefunden hast", erwiderte gutmütig der Alte. "Wir haben zwar nicht viel, aber ich denke immer: Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten! - wenn ich nur erst wieder arbeiten könnte, damit uns nicht noch das Letzte genommen wird, was wir noch haben!"

 

"Nein, sie werden Euch nichts mehr fortnehmen!" rief jetzt Adolf Winter mit herzlicher Stimme, beide Hände des alten Mannes ergreifend. "Ich glaubt, ich wäre noch der arme Junge, der ich früher war! Nein, ich habe mich emporgearbeitet und nenne ein großes Geschäft in Sydney mein eigen.

 

Ihr aber, Vater Brandt, sollt es nie bereuen, dass Ihr bereit wart, Eure geringe Habe mit mir zu teilen. Morgen schon werde ich alles erledigen, um Eure Zukunft zu sichern. Wir wollen ein frohes Christfest feiern, und das alte Bibelwort mag wahrhaft in Erfüllung gehen: "Gebt, so wird euch gegeben werden!"

________________________________________________________________________

 

2. Schwer gebüßt - Bild aus dem Leben

 

Der Abend dämmerte bereits, als durch eine armselige Vorstadtstraße ein altes Mütterchen mit langsamen Schritten sich mühsam fortschleppte. Offenbar hatte die einfache, ländlich gekleidete Frau einen weiten Weg hinter sich, und auf den ersten Blick konnte man es ihr ansehen, dass sie sich in der großen Stadt nur schwer zurechtfand. Vor jedem Gebäude in der Straße blieb sie stehen und suchte die Hausnummer zu entziffern, was ihr bei den vom Alter geschwächten Augen Schwierigkeiten bereitete.

 

Endlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Vor einer großen, aus rohen Backsteinen aufgeführten Mietskaserne machte sie Halt, und nach einigem Zögern trat sie durch ein weit offenstehendes Tor in einen Hof, wo eine Anzahl Kinder spielten. Eine noch junge, aber ziemlich verwahrlost aussehende Frau war hier mit Waschen beschäftigt. An sie wandte sich die Fremde mit der Frage, ob hier eine Familie Zander wohne.

 

"Zander? Zander?" meinte nachdenklich die rothaarige Wäscherin, "ach, richtig!" antwortete sie dann in unfreundlichem Ton, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. "Die wohnen im Hinterhaus, vier Treppen hoch, die erste Tür links."

 

Die alte Frau dankte, durchschritt dann den Hof und begann mühsam die dunklen Treppen zu erklimmen. War es die Last des Alters allein, was ihr das Treppensteigen so unsäglich schwer und sauer machte, oder lag ein geheimer Kummer zentnerschwer auf ihrem Herzen?

 

Dicke Schweißtropfen standen nämlich auf der Stirn der Greisin, als sie endlich oben angelangt war und unschlüssig wartete, bevor sie an die bezeichnete Tür klopfte. Endlich fasste sie Mut und trat, da auf ihr wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, in das Zimmer. Es war ein kleiner, halbdunkler Raum, der nur durch ein winziges Dachfensterchen erhellt wurde. Dieses Gelass diente anscheinend als Küche, und trotz der Dunkelheit konnte man erkennen, dass hier eine große Unordnung herrschte. Die Besucherin schauerte zusammen, und da hier niemand anwesend war, pochte sie mit zitternder Hand an die Tür des Nebenzimmers.

 

"Herein!" rief eine Frauenstimme. 

 

Kaum war die Alte mit dem Gruß: "Guten Abend, Minna", eingetreten, als eine blasse, junge Frau, die neben einer Wiege saß, aufsprang und mit dem Ruf: "Mutter! Liebe Mutter!" ihr schluchzend in die Arme fiel.

 

"Barmherziger Gott!" stöhnte die Greisin. "So muss ich dich wiederfinden! Minna, du mein einziges Kind!"

 

Lange hielten sich Mutter und Tochter umschlungen, und ihre Tränen flossen gemeinsam. Dann erzählte die junge Frau eine lange Geschichte von der Verirrung eines jugendlichen Herzens, von unsäglichen Leiden und Sorgen: eine Geschichte, so traurig und erschütternd, dass die alte Mutter keine Worte fand, ihr unglückliches Kind zu trösten. sondern mit tränenlosen Augen gen Himmel blickte, die Hände rang und mit bebenden Lippen die Barmherzigkeit Gottes auf die Arme herabrief.

 

Minna war die einzige Tochter eines kleinen Handwerkers auf dem Land. Jung, schön und lebenslustig, hatte sie in der Großstadt, wo sie einen Dienst gesucht, auch bald einen Freier gefunden. Heinrich Zander war ein ansehnlicher Bursche und hatte als Schlosser in einer Fabrik eine einträgliche Stellung. Der Vater hatte gegen den jungen Mann nicht viel einzuwenden; die Mutter aber zog genaue Erkundigungen ein, und da erfuhren die Eltern, dass der Bewerber ganz ohne Religion und Sozialdemokrat sei. Sie suchten nun mit allem Nachdruck ihre Tochter von einer solchen Verbindung abzuraten; allein vergebens.

 

Minna klagte dem Bräutigam ihr Leid, aber der wusste dem unerfahrenen Mädchen mit süßen und einschmeichelnden Worten die Bedenken der Eltern auszureden. Zwar gestand er offen seine Religionslosigkeit ein, aber er gab das Versprechen, die Kinder katholisch erziehen zu lassen und seiner Frau in Ausübung ihrer religiösen Pflichten volle Freiheit zu lassen.

 

Weder das liebevolle Zureden der Eltern, noch die ernsten Ermahnungen des Seelsorgers vermochten das verblendete Mädchen auf andere Gedanken zu bringen. Die Sache hatte auch in dem Dorf großes Aufsehen erregt, und böse Zungen brachten den guten Ruf des jungen Mädchens mit Unrecht ins üble Gerede. Um endlich Ruhe zu bekommen, gaben die Eltern ihre Einwilligung, fest vertrauend auf die Erklärung des Bräutigams und drangen auf baldige Hochzeit.

 

Anfangs ging auch alles gut. Die junge Frau schrieb einen Brief nach dem anderen, dass es ihr sehr gut gehe und sie überglücklich sei. Ihr Mann sei liebevoll und sorgsam, auch bereite er ihr in Ausübung ihrer religiösen Pflichten nicht die geringsten Schwierigkeiten.

 

Doch das Glück war nicht von langer Dauer. Nach einem Jahr kam das erste Kind zur Welt, das gleich nach der Geburt starb, ohne die hl. Taufe erhalten zu haben. Bald darauf erfolgte ein neuer Schicksalsschlag; eine Krankheit hatte den Mann für längere Zeit arbeitsunfähig, und die Fole war, dass Armut, Kummer und Sorgen in den jungen Hausstand Einzug hielten. Die Rosen auf den Wangen der jungen Frau verblühten schnell, und in dem Maß, wie ihre einstige Schönheit dahinwelkte, verschwand auch die Liebe ihres Mannes.

 

Der bisher so fleißige und solide Arbeiter wurde ein leichtsinniger und unzufriedener Mensch. Die sauer verdienten Groschen verjubelte er abends im Wirtshaus, in Gesellschaft gleichgesinnter Kameraden, unbekümmert darum, ob zu Hause Not und Elend herrschte.

 

Kaum war ein weiteres Jahr dieser unglücklichen Ehe vorüber, da kam das zweite Kind zur Welt, aber blind. Während die unglückliche Mutter jammerte und verzweifelnd die Hände rang, fluchte und tobte der Vater und ergab sich mehr wie bisher dem Trunk. Aber all das vermochte das Unglück nicht zu beseitigen, auf dieser Ehe schien kein Segen zu ruhen. Gott übte aber an dem unglücklichen Geschöpf Barmherzigkeit und nahm es zu sich in den Himmel.

 

Das dritte Kind war ein lieblicher Junge, und sein süßes, unschuldiges Lächeln schien die Herzen der beiden Gatten wieder näher zu bringen. Da wurde auch er, eben sechs Monate alt, von einer tückischen Kinderkrankheit befallen und an den Rand des Grabes gebracht. Tag und Nacht saß die betrübte Mutter am Lager ihres Lieblings; der Arzt zuckte bedenklich die Schultern.

 

In dieser traurigen Lage erinnerte sich Minna ihrer guten Mutter; sie schrieb einen jammervollen Brief und flehte, sie möchte doch kommen und ihr beistehen in dieser äußersten Not. Und die Mutter folgte dem Ruf ihres Kindes - welche Mutter eilt nicht zu Hilfe, wenn ein Kind ihrer bedarf? - und fand alles viel schlimmer, als sie befürchtet hatte.

 

Die schwergeprüfte junge Frau lag weinend vor der Mutter auf den Knien und barg ihr Gesicht in deren Schoß. Inzwischen war es völlig dunkel geworden, und die Nacht breitete ihren Schleier über das Häusermeer. In dem ungeheiztem Zimmer machte sich eine empfindliche Kühle bemerkbar, und das kranke Kind in der Wiege fing an zu husten und zu röcheln. Minna erhob sich, fuhr mit der Schürze über die Augen und nahm den Kleinen auf den Arm.

 

"Was fehlt dem Kind?" fragte die Greisin, indem sie beim Schein der Lampe das vom Fieber gerötete Gesicht ihres Enkels mitleidig betrachtete.

 

"Ich glaube, es ist Diphtherie", entgegnete die junge Mutter mit einem schweren Seufzer. "Ich fürchte, der kleine Karl wird uns auch sterben - ach Gott - er ist noch nicht - getauft!"

 

"Noch nicht getauft?" fragte die alte Frau, entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. "Das Kind ist schon sechs Monate alt und noch nicht getauft? Seid ihr denn alle Heiden in dieser unseligen Stadt?"

 

"Mein Mann wollte es nicht zulassen", kam es in wildem Wehe über die Lippen der jungen Mutter, "ich habe deshalb schreckliche Auftritte mit ihm durchgemacht."

 

Einen Augenblick stand die Greisin erschüttert und ratlos da, unschlüssig, was sie beginnen sollte. Dann richtete sie ihren tränenumflorten Blick nach oben, und einer plötzlichen Eingebung folgend, ergriff sie eine auf dem Tisch stehende Wasserflasche, und mit den Worte: "So will ich wenigstens dieser unschuldigen Kindesseele das Himmelstor erschließen", kniete sie vor ihrer Tochter und deren Kind nieder.

 

"Was willst du tun, Mutter?" fragte sie erstaunt.

 

"Ich will dein Kind taufen."

 

"Das kann doch nur ein Geistlicher", meinte Minna, die mit den Gebräuchen der katholischen Kirche zuwenig vertraut war, um zu wissen, dass jeder Christ die Nottaufe erteilen kann.

 

"In diesem Fall ist das nicht notwendig", klärte die Mutter sie auf. "Das hättest du wissen müssen, wenn du den Katechismus besser gelernt hättest. Wehe dir, du Unglückskind, wenn deine zwei ersten Kinder durch deine Schuld der Anschauung Gottes entbehren müssen!" 

 

In diesem Augenblick wurde die Tür hastig aufgerissen, und ein Mann in Arbeiterkleidung trat taumelnd herein. Es war Heinrich Zander, der kirchenfeindliche Ehemann, der sich der Taufe seines Kindes widersetzt hatte.

 

Beim Anblick der sonderbaren Szene blieb er betroffen stehen. 

 

"Wa-a-a-s ist denn das?" lallte er mit unsicherer Zunge. "Was will das alte Weib hier?"

 

Die Greisin achtete seiner nicht, sondern horchte gespannt auf jeden Atemzug des kranken Kindes. Minna warf ihrem Mann einen vorwurfsvollen Blick zu.

 

"Benimm dich jetzt wenigstens anständig, Heinrich!" sagte sie in ernstem und bittendem Ton. "Unser Karlchen liegt im Sterben - und kennst du meine Mutter nicht mehr?"

 

"Ach, meine liebe Schwiegermutter!" lachte der Trunkenbold höhnisch auf. "Komm, Alte, lass dich umarmen! was verschafft mir denn die Ehre dieses seltenen Besuches?"

 

Sie würdigte den pflichtvergessenen Menschen keiner Antwort. 

 

"Auf diese Freude muss ich doch einen trinken", fuhr der gefühllose Vater fort, auf den der Todeskampf seines Söhnchens nicht den geringsten Eindruck machte. Er zog bei diesen Worten eine gefüllte Schnapsflasche aus der Rocktasche, tat einen mächtigen Schluck daraus und reichte sie seiner Schwiegermutter hin mit der spöttischen Bemerkung: "Prosit, Alte! Auf das freudige Wiedersehen!"

 

"Schämst du dich denn gar nicht?" fuhr seine Frau entrüstet auf und hielt ihm den sterbenden Sohn entgegen. "Angesichts des Todes unseres Kindes solltest du solche rohen Späße doch unterlassen!"

 

"Ihr Weiber seid alle verrückt!" gab der verkommene Mensch mit einem rohen Gelächter zur Antwort und begab sich in die Küche, um nach dem Abendbrot zu suchen.

 

Die letzten Augenblicke des Kindes schienen gekommen. Ein neuer Hustenanfall schüttelte der zarten Körper, die kleine, schwache Brust hob und senkte sich, ein zischelndes Röcheln entfuhr den blau angelaufenen Lippen - dann war alles still - die junge Mutter hielt eine Leiche in ihrem Schoß. 

 

Die schwergeprüfte Frau stieß einen gellenden Schrei aus und bedeckte das marmorbleiche Antlitz ihres Lieblings mit heißen Küssen. Die Greisin suchte den Schmerz ihrer Tochter zu mildern und ergriff deren Hände,

 

"Sei stark, mein armes Kind, und danke Gott für diese Gnade!" sagte sie mit bewegter, tröstender Stimme. "Dein Kind ist nun ein Engel im Himmel, und du hast wenigstens eine Seele, die am Thron Gottes Fürsprache einlegt für dich armes, unglückliches Geschöpf."

 

Inzwischen war der trunkene Ehemann doch zur Erkenntnis dessen gekommen, was sich ereignet hatte. Die edleren, besseren Gefühle, die in seiner Brust schlummerten, schienen wieder zu erwachen. Tieferschüttert warf er sich vor der Leiche seines Kindes nieder und bedeckte es mit Tränen und Küssen. Seine Frau war auf einen Stuhl gesunken, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend - ein Bild des Jammers und der Verzweiflung.

 

So verging die Nacht, eine Nacht voll Leid und Kummer, und endlich brach der Morgen an. Die junge Mutter saß immer noch an der Leiche ihres Kindes, während der Vater, in düsteren Gedanken versunken, schweigend im Zimmer umherwandelte. Statt sich geduldig und ergeben in Gottes heiligen Willen zu fügen, verzehrte die Frau sich in nutzlosen Klagen, und der Mann haderte grollend und ingrimmig mit dem Schicksal. Weder der einen noch dem andern kam es in den Sinn, dass es für beide nun das beste sei, demütig die Hand des Herrn zu küssen, die sie so schwer getroffen, und reumütig zurückzukehren zum Gott ihrer Jugend.

 

Nur in dem Herzen der Greisin war Friede. Dort schien noch die Sonne des Glaubens und sandte ihre belebenden Strahlen durch das Kummergewölk. Sie saß neben der kleinen Leiche und durch ihre zitternden Finger glitten die Perlen des Rosenkranzes. Für diesen Engel brauchte sie jedoch nicht zu beten, aber um so mehr für dessen Mutter, ihre unglückliche, verirrte Tochter. Trotz ihrer Schuld konnte ihre Seele wieder gereinigt werden und neu aufblühen zu frischem, gottgefälligem Leben.

 

Sie betete auch für ihren Schwiegersohn, für den Elenden, der ihr Kind so maßlos unglücklich gemacht und Schmach und Schande auf ihre alten Tage gehäuft.

 

Sodann trieb bittere Reue und Selbstanklage sie an, auch für sich selbst und ihren Mann Verzeihung zu erflehen: denn es wäre niemals so weit gekommen, wenn sie ihre Einwilligung nicht gegeben hätten. Aber es war zu spät, das Geschehene konnte trotz aller Gewissensbisse nicht ungeschehen gemacht werden, aber zur Umkehr war es noch nicht zu spät.

 

"Ohne Gott gibt es kein Glück und Segen auf Erden", wandte sich die alte Frau in ernstem und eindringlichem Ton an das junge Paar. "Ich bitte euch dringend, kehrt zu Gott zurück, er wird euch verzeihen und seinen Segen über euch herabsenden."

 

Der zielbewusste "Genosse" lachte wild auf: "An solches alte Weibergeschwätz glaube ich nicht mehr: nie und nimmer werde ich meinen jetzigen Standpunkt verlassen."

 

Minna warf sich schluchzend in die Arme der alten Frau. "Du hast recht, liebe Mutter! Dieses gottlose Leben ertrage ich nicht länger!"

 

Und nun erst erfuhr die Greisin, dass die Ehe des jungen Paares nicht kirchlich geschlossen, sondern nur eine "Ziviltrauung" stattgefunden hatte. Infolge Krankheit des Vaters konnten die alten Leute an der Hochzeit nicht teilnehmen, und Minna hörte auf das Zureden ihres Bräutigams und verheimlichte den Eltern diesen Umstand.

 

Von der nahen Kirche her klangen die Glocken zum Gottesdienst. "Komm mit mir!" sagte die Mutter zu ihrer Tochter. Mechanisch folgte sie, und die beiden lenkten ihre Schritte zum Gotteshaus. Minna wohnte der hehren Feier der hl. Geheimnisse mit inniger Andacht bei - zum ersten Mal wieder seit den Jahren ihrer Ehe. Nach Beendigung des Gottesdienstes suchte sie einen Priester auf, und gestand im Richterstuhl der Buße ihre Schuld. Wunderbar getröstet kehrte sie in Begleitung ihrer Mutter nach Hause zurück.

 

Dort fanden sie die kleine Leiche allein. Auf dem Tisch lag ein Brief des Mannes, worin er mitteilte, dass er mit einem solchen Unglücksweib nicht länger zusammenleben könne.

 

"Lass ihn laufen!" sagte die Mutter"Eure Ehe war doch keine richtige Ehe vor Gott und dem Gewissen, sondern nur ein wüstes, sündhaftes Zusammenleben. Da dein Mann zu einer kirchlichen Trauung doch nicht zu bewegen ist, muss die Ehe gelöst werden."

 

So geschah es. Zander war und blieb verschollen; die junge, unglückliche Frau, die die Verirrungen ihrer Jugend schwer gebüßt hatte, zog zu ihren alten Eltern und suchte durch ein wahrhaft christliches, bußfertiges Leben ihre schwere Schuld zu sühnen.

________________________________________________________________________

 

3. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen - von P. Geißel

 

Mutter und Tochter sitzen in einem öden, frostigen Dachzimmer und nähen unermüdlich. Der bleichen Kleinen fallen die Augen beinahe zu, aber sie muss nähen, denn die Arbeit muss fertig sein. Darum nur weiter, Stich an Stich, wenn Hunger und Kälte auch plagen.

 

"Mutter, der Dame da unten wurden heute so köstliche Trauben und Äpfel gebracht. Ich habe es gesehen, als ich die Treppe hinunterging."

 

"Ja, mein Kind, die Dame soll sehr schwach und krank sein. Es ist gut, dass sie Pflege hat."

 

"Ach, Mutter, ich glaube aber nicht, dass sie eigentlich viel Gutes verdient, denn ich hörte, wie ihr Mädchen zu einer anderen sagte, die Frau schimpfe immer, ja fluche sogar."

 

"Mädchen müssen nicht über ihre Herrschaft sprechen, Anna, und du musst nicht hinhorchen. Doch höre nur, welch anhaltendes Klingeln! Sollte niemand bei ihr sein?"

 

"Jetzt stöhnt sie wieder so laut, Mutter, jetzt jammert sie auf und schreit."

 

Die Frau legte schnell ihre Näharbeit zusammen und eilte hinunter. 

 

Unten ist die Korridortür nur angelehnt und aus dem mittleren Zimmer schrillt noch immer die Klingel. Die Frau ging darauf zu und trat nach kurzem Anklopfen leise ein.

 

Sie befand sich in einem reich ausgestatteten Schlafgemach. In dem spitzenbesetzten Kissen da vor ihr wand sich eine Frau mit fahlem, vor Schmerz entstelltem Antlitz.

 

"Endlich, Marie", ächzte sie, "endlich! - O - du schändliches Mädchen! - Ach - mich so allein zu lassen! - O - diese rasenden Schmerzen! - Schnell - schnell - eine Einspritzung! - Hörst du nicht? - Schnell."

 

Mit einem jammernden Schrei setzte sie sich aufrecht und erblickte die Fremde.

 

Diese sah jetzt erst deutlich das Angesicht der Kranken, erblasste und wankte fast unwillkürlich zur Tür zurück. Doch gewaltsam nahm sie sich zusammen und ihr Entsetzen verwandelte sich in Mitleid, als sie in die qualdurchwühlten Züge blickte.

 

"Verzeihen Sie mein unbefugtes Eindringen. Ich bewohne oben die Mansarde, hörte das anhaltende Klingeln und bin gern zu jeder Hilfeleistung bereit, da ich sehe, dass Sie allein sind."

 

"Ach so - Sie sind - die Frau von oben. - O - diese Qualen. - Ich - ich halte es - nicht mehr länger aus", stöhnte die Kranke in abgebrochenen Sätzen. "Ich dachte - es wäre die neue Pflegerin - die Marie bestellen wollte. - Ich - ich will sie aber nicht - ich mag keine. - Das dumme Mädchen - kommt auch nicht wieder. - O - o, ich Ärmste!"

 

Sie stieß einen gellenden Jammerlaut aus.

 

"Dort auf dem Tisch - liegt die Spritze. - Helfen - Sie mir. - Ich sterbe vor Schmerz."

 

Schnell und gewandt führte die Fremde die Einspritzung aus. Man merkte, dass sie mit Kranken umzugehen wusste und trotz der ärmlichen Kleidung und ihres von Entbehrung und Kummer entstellten Antlitzes sah doch jeder, dass sie bessere Tage gesehen hatte.

 

Sie schüttelte der Kranken die Kissen auf und glättete sorgsam die Decken. Die Ärmste wurde sichtlich ruhiger, das Jammern ließ nach, und bald war sie sanft eingeschlafen.

 

Da kam das Mädchen atemlos zurück und sah erstaunt die Frau von oben um ihre Herrin beschäftigt.

 

Als diese ihr die Sachlage erklärt und ihr anempfohlen hatte, doch gute Sorge für die arme Kranke zu tragen, schickte sie sich an, wieder hinaufzugehen.

 

"Eine Pflegerin habe sie noch nicht erhalten", meinte das Mädchen, Madame will ja auch keine. Aber ich halte das ewige Hin- und Herhetzen nicht mehr aus. Und dann das schreckliche Jammern und Klagen den ganzen Tag. Sie sollten es nur mal hören, Frau Kramer! Zudem mache ich ihr gar nichts recht und werde immer angefahren. Morgen früh kommt der Doktor, der muss eine Pflegerin besorgen."

 

Frau Kramer stieg die Treppe wieder hinauf in ihr kaltes Zimmerchen, wo Anna vor Erschöpfung eingeschlafen war. 

 

Der Kopf war über die Stuhllehne hinübergesunken, und das magere Gesichtchen sah noch um einen Schein blasser aus. Deutlich sprach es von angestrengter Arbeit und armseligem Hungerlohn. 

 

Die Frau seufzte tief auf und schickte eilig das Kind zu Bett. Dann griff sie mit verstörtem Gesicht nach ihrer Arbeit, die noch vollendet sein musste.

 

Mechanisch rührten sich die fleißigen Hände, doch hinter der bleichen Stirn arbeiteten die Gedanken. Die Kranke da unten hatte den ganzen Jammer ihres vergangenen Lebens aufgerührt. O Gott, warum die erblicken, die so grausam und unbarmherzig ihr alles geraubt hatte!

 

Sie sah sich wieder als junges, fast übermütig heiteres Mädchen von treuester Vaterliebe umgeben, dem sie alles war, da die Mutter schon früh gestorben ist. Jeder hatte sie gern, und die Welt lag vor ihr wie ein sonnenbeglänztes Paradies. 

 

Der Vater durch und durch Geschäftsmann, der Schätze für sein Töchterchen aufzuhäufen suchte, war ein sonst vortrefflicher Mann, aber leider ein gleichgültiger Katholik, der mit seinem Kind nie über religiöse Dinge sprach. Darum dachte die Tochter nur insofern an Gott und Religion, als sie die Güte Gottes bewunderte, der alles für sie so schön gemacht hatte. Da Böses und Gemeines ihr fernblieb und gänzlich unbekannt war, lebte sie froh und sorglos in den Tag hinein. Not und Elend sah sie nicht. Wurde sie um etwas gebeten, gab sie überreichlich und mit freudigem Herzen. Wie hell und lachend lag Kindheit und Jugend in ihrer Erinnerung!

 

Da trat der in ihr Leben, dem ihr junges Herz gehören sollte. Dass er protestantisch war, machte ihr kein Kopfzerbrechen. Er konnte doch auch so seinen Gott verehren und ein vorzüglicher Mensch sein. Dass er ein ganz außerordentlicher Mensch sei, stand felsenfest bei ihr. Ihre Phantasie umgab ihn mit allem, was gut und edel war, und stellte ihm in ihrem Herzen einen Altar auf.

 

Da seine Stellung als Stabsarzt dem Vater genügte und sein gewandtes Auftreten ihm gefiel, gab er seine Zustimmung zur Heirat. 

 

Die arme Näherin im Dachzimmer stöhnte laut auf, dass es fast wie ein Schluchzen klang.

 

Dass er sehr oberflächlich war und aus seiner Religion sich durchaus nichts machte, merkte sie in ihrem Liebesglück nicht. Wie reich stattete der sorgliche Vater dann ihr Heim aus! Und das Glück hielt, was es versprochen hatte. Konnte eine junge Frau seliger und glücklicher sein als sie, der der Gatte jeden Wunsch von den Augen ablas?

 

Und als ihr Gott ein holdes Söhnchen schenkte, mit welchem Stolz sahen der Gatte und ihr Vater auf das Kind.

 

Ach, sie ahnten damals nicht, dass ihr geliebter Vater sein Patenkind zum ersten- und letztenmal sah. Einige Wochen darauf kam die Todesnachricht. Ein Schlagfluss hatte dem allzeit tätigen Leben des fleißigen Geschäftsmannes ein jähes Ziel gesetzt.

 

Das war der erste harte Schlag, der die sorglos Glückliche traf. - Ein beträchtliches Vermögen fiel ihr zu, aber ihren sorgenden Vater hatte sie verloren.

 

Nun war zum erstenmal die dunkle Wolke des Unglücks an ihrem lichten Horizont aufgetaucht und breitete sich schnell weiter und weiter aus, bis es finster um das sonnige Glückskind wurde.

 

Ihr Söhnchen fing an zu kränkeln und alle Pflege war vergeblich. Gott nahm ihn, Gott, den sie vergessen, und der sie mahnen wollte.

 

Ihr Kind tot! Jeden Trost wies sie von sich und wollte nichts von der Außenwelt mehr wissen. Selbst ihrem Gatten, für den sie doch sonst ganz lebte, kam sie gleichgültig entgegen. Sie vernachlässigte ihr Äußeres, und ihre sonnige Heiterkeit hatte einer müden Gleichgültigkeit Platz gemacht. 

 

Wäre ihr Gatte tiefer angelegt gewesen, er hätte Geduld mit ihr gehabt. Aber so wie er war, ohne Religion, ohne eigentlichen Halt und Festigkeit, suchte er außerhalb des Hauses, was er nicht dort fand; Geld war ja in Fülle da.

 

Er besuchte Theater, Festlichkeiten und Bälle und lernte jene kennen, die jetzt da unten krank lag. Damals prangte sie noch in Jugend und Anmut. Mit größtem Leichtsinn kam sie den leisen Huldigungen des Mannes entgegen. Das Feuer der Leidenschaft, das langsam zu glimmen anfing, wusste sie zu schüren.

 

Als der jungen Frau die Gerüchte zu Ohren kamen, war es zu spät.

 

Die Leidenschaft schritt erbarmungslos über alles hinweg. Selbst das Töchterchen, das ihnen Gott noch schenkte, erregte das Interesse des Mannes nicht mehr und konnte ihn nicht mehr zu Hause halten. 

 

Jetzt versuchte sie ein letztes Mittel. Sie brachte es über sich und ging zu jener, die ihr das Glück raubte. Aber die Herzlose lachte sorglos zu ihrem Kummer und weis sie schließlich hinaus.

 

Sie fühlte jetzt noch körperlichen Schmerz, wenn sie jenes Augenblicks gedachte und der schrecklichen Zeit, die nun folgte.

 

Ihr Gatte, auf dessen Treue sie gebaut hatte wie auf einen Felsen, den sie angebetet hatte, er verließ sie und das Kind. Sie konnte es nicht fassen, und doch war und blieb es so. Ihr Mann war Protestant, nach protestantischer Lehre durfte er also nach der Scheidung eine andere heiraten. 

 

Aber ihr Leid war noch nicht erschöpft.

 

Da sie von Geldsachen nichts verstand, übergab sie die Verwaltung ihres Vermögens dem ersten besten Rechtsanwalt. Dieser legte es in einer Bank an.

 

Einige Zeit ging es gut, dann brach das Bankhaus zusammen und sie stand mit ihrer Tochter mittellos da. 

 

Da erfasste sie Verzweiflung, ihr Mut war gebrochen. Ihre Gedanken verwirrten sich, nur der eine kehrte immer zurück, ihr Leben von sich zu werfen. Und es wäre auch so weit gekommen, wenn ihr Gott nicht Hilfe geschickt hätte, Gott, der sie so schwer geprüft hatte, um sie an sich zu ziehen. Ihr Pfarrer hatte von ihrem Elend gehört und suchte sie auf. Er verschaffte ihr Arbeit und lenkte ihr armes, zerrissenes Herz unermüdlich auf die Tröstungen der Religion hin.

 

Soweit waren die Gedanken der Einsamen gewandert, und Träne auf Träne tropfte langsam auf die Näharbeit und ihre kalten Finger.

 

Ja, dem Allmächtigen Dank! Sie hatte überwunden.

 

Der alte Pfarrer zählte schon längst zu den Toten, der Verdienst war kärglich, und hatte sie mit ihrem Kind unendlich viel durchzumachen, aber ihr Herz hatte Frieden gefunden. Die Verzweiflung und der Jammer waren allmählich gewichen, als sie angefangen hatte zu beten. Da hatte sie erkannt, was es heißt, ein Kind der katholischen Kirche zu sein, und welchen Trost die Kirche durch ihre Gnadenmittel dem Ärmsten und Trostlosesten gewährt. Und unten lag diejenige, die ihr so schnöde ihr Glück zertreten hatte; und doch war sie für dieselbe zu jedem Dienst bereit. 

 

Ihr Hilfe wurde bald verlangt. Da die Kranke durch ihre Ungeduld jede Pflegerin verscheuchte, verlangte sie nach der Frau aus der Mansarde oben.

 

So war Frau Kramer stundenweise bei ihr und umgab die Kranke mit wirklicher Güte und Herzlichkeit, die den bezahlten Pflegerinnen fehlte. Nichts war ihr zuviel, und wenn sie von der Schmerzgequälten beschimpft wurde, vergalt sie es mit Sanftmut und Güte. So suchte sie der Ärmsten die letzten Tage auf alle Weise zu erleichtern und besonders auch ihren Sinn auf Gott hinzulenken.

 

Als die Kranke sie auch nachts bei sich verlangte, opferte sie ihre Nachtruhe, obwohl die Pflege und Arbeit sie fast erschöpften. Denn ihre Näharbeit durfte sie auch nicht ganz vernachlässigen und musste es durch doppelten Fleiß nachholen.

 

In der zweiten Nacht, als Frau Kramer bei der Kranken wachte, war dieselbe leicht entschlummert und lagen die Schatten des Todes schon auf ihren Zügen. Sie war sanfter und ruhiger geworden, denn der Einfluss der Pflegerin war nicht ohne Wirkung geblieben.

 

Auch der übermüdeten Frau Kramer waren die Augen zugefallen. Die Kranke erwachte nach einiger Zeit wieder und sah hinüber zur Pflegerin, um eine kleine Dienstleistung von ihr zu verlangen.

 

Man sagt, in der Nähe des Todes verschärften sich die Sinne; und jetzt fiel es der Kranken auf, mit wem Frau Kramer Ähnlichkeit hatte, wenn auch der Jahre Kummer und Hunger sie verändert hatten. Sollte es möglich sein? Sollte es wirklich die ehemalige Frau ihres unglückseligen, verstorbenen Gatten sein? Ja, ja, sie war es, die Ähnlichkeit war unverkennbar.

 

Jetzt erinnerte sie sich des Schreckens der Pflegerin am ersten Abend. Sie musste sie damals auch erkannt haben. Und doch kam sie zu ihr und opferte ihr die Nachtruhe und pflegte sie mit unendlicher Liebe und Sorgfalt, sie, die ihr das Schrecklichste kaltblütig angetan hatte! Schmerzlich und voll Reue seufzte die Kranke auf!

 

"Welch eine Seelengröße! Nur Gott kann es ihr vergelten, was sie an mir tut!"

 

"Doch mit mir ist es bald zu Ende", dachte sie, "und ich kann es ihr doch noch ein wenig gutmachen, da ich reich bin. O Gott, auch gedarbt scheint sie zu haben, man sieht es ihr an, und ich habe in meinem Egoismus nicht mal daran gedacht. Aber gleich morgen soll ihr geholfen werden."

 

Am folgenden Tag zog sie Erkundigungen über ihre Pflegerin ein und fand ihre Vermutungen bestätigt, auch dass sie mit ihrem Töchterchen sich elend durchschlagen musste.

 

Augenblicklich ließ sie für Frau Kramer aufs beste sorgen. Es nützte nichts, dass sie es ablehnte und sich dagegen verwahrte. Die arme Kranke bat es sich als besondere Gunst vor ihrem Tod aus und als letzte Freude, ihr helfen zu dürfen. Sie wurde nun sichtlich schwächer und verlangte nach geistlichem Beistand.

 

Als sie sich mit Gott, den sie so lange verlassen, versöhnt hatte, lag sie friedlich und ruhig da, denn auch die Schmerzen hatten in den letzten Tagen nachgelassen. Tiefbewegt dankte sie Frau Kramer für alle Güte und Liebe.

 

"Gott allein kann es Ihnen vergelten, was Sie mir getan haben", flüsterte die Kranke, "Gottes Segen über Sie und Ihr Kind!"

 

Noch am selben Tag ließ sie den Notar kommen und sicherte ihrer Pflegerin und dem Töchterchen ein sorgenfreies Leben.

 

In der folgenden Nacht nahte der Todesengel. Ihre schon halbgebrochenen Augen suchten die Pflegerin und die bleichen Lippen flüsterten: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."

 

Dann schlummerte sie sanft in den Armen von Frau Kramer hinüber.

________________________________________________________________________

 

4. Geschichte einer Konversion - Von Elsbeth Düker

 

Am 19. November 1903, am Fest der heiligen Elisabeth, jener großen Fürstin, die zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts wie ein Schutzengel durch das Thüringer Land schritt und die Wartburg bewohnte, ehe noch ein Mensch auf Erden jenes späteren Bewohners derselben gedachte, der die Brandfackel der Spaltung und Irrung in die katholische Mutterkirche warf - also an jenem Festtag legte ein einfaches junges Mädchen in der Kirche zu N. das katholische Glaubensbekenntnis ab, und am Sonntag darauf ging sie während der Frühmesse zur ersten heiligen Kommunion.

 

Die Geschichte dieser Konversion, die mir das Mädchen selbst erzählte, ist folgende:

 

Sophie war gut protestantisch erzogen, gehörte doch ihre Mutter zu den gläubigen Protestanten, während der Vater in Religionssachen toleranter dachte. Nach der Konfirmation hatte Sophie sogar den Gedanken genährt, einst Diakonissin zu werden.

 

Ein unverdorbenes junges Mädchen ist empfänglich für alles Gute und Schöne, und wenn es dann einen Menschen trifft, in dem es dies verkörpert glaubt, so erhebt es ihn unbesonnen leicht zu seinem Ideal. So erging es auch Sophie, nur suchte sie ihr Ideal nicht in der Gegenwart. In dem geschichtlichen Luther, wie er ihr in der Religionsstunde dargestellt und im Konfirmandenunterricht als "Gottesmann" und "Glaubensheld" näher vor die Augen geführt wurde, hatte Sophie den Gegenstand ihrer Verehrung gefunden. Kein Zweifel an der Würdigkeit des Ideals, kein störender Gedanke hatte bis jetzt dieses geistige Bild entweiht, oder den Thron, den es im Herzen des Mädchens innehatte, umgestoßen.

 

Die Jahre vergingen, die Stunde der Gnade rückte heran.

 

Sophie feierte ihren Geburtstag im Kreis ihrer Schwestern und Freundinnen; der Kaffee dampfte in den Tassen und dem Kuchen wurde wacker zugesprochen. Bei solchen Gelegenheiten wird auch der Schwärmobjekte der jungen Mädchen gedacht. Da Sophiens Schwärmerei rein geistiger Natur war, kam sie in der Lieblingsunterhaltung ein wenig zu kurz. Nur eine Freundin flüsterte der anderen eine abfällige Bemerkung über Luther zu, die nicht für Sophiens Ohren berechnet war. Da sie indessen doch teilweise verstanden wurde, so glaubte Sophie es ihrem Ideal schuldig zu sein, wenn sie es laut verteidigte. So fragte sie denn kampfbereit:

 

"Was hast du eben über Luther gesagt? Was meinst du mit der befremdenden Bemerkung?"

 

Die Freundin konnte nach dieser Aufforderung zu reden nicht mehr schweigen und wollte doch nicht gern ihre Worte wiederholen, deshalb sagte sie ausweichend:

 

"Nun, du weißt doch ganz gut selbst, dass Luther nicht solch ein Engel war, als der er uns immer vorgemalt wird. Sein Leben, sein Charakter ist doch gar nicht einwandfrei! Lies doch nur mal etwas von ihm, etwa seine Briefe oder seine Tischreden, dann werden auch dir wohl die Augen aufgehen."

 

Die übrigen Mädchen kicherten und lachten Sophie aus, die empört und erregt ihren angegriffenen Helden verteidigte. Und während der Geburtstagskaffee ausgetrunken wurde und die anderen Mädchen schon längst ein anderes Gesprächsthema behandelten, ahnungslos darüber, was sie angerichtet hatten, kroch der Zweifel leise und lautlos in ein Herz.

 

Der energischen Natur Sophiens, die sich vielleicht durch den gegebenen Fall schnell zu entwickeln begann, entsprach es, dass sie es kaum erwarten konnte, sich geeignete Bücher über Luther, über sein Leben und seine Lehre zu verschaffen. Sophie geriet in einen katholischen Buchladen, wo sie solche ausgelegt fand. Sie kaufte sich verschiedene und mit Heißhunger las Sophie alles und verlangte noch mehr, denn in ihrem Herzen schrie es nach Wahrheit immerfort. Beim Lesen erkannte das Mädchen mit zunehmender Klarheit, dass Luther nicht der heiligmäßige Mensch, nicht der "Gottesmann" gewesen ist, als den sie ihn bis jetzt verehrt hatte. Ja, wenn auch nur die Hälfte von dem glaubhaft war, was Sophie nun über sein wahres Leben und seine Lebensgewohnheiten als geschichtlich feststehende Tatsachen erfuhr, so war er ihrer Verehrung nicht wert. 

 

Was nun? Folgerichtig geisterte und rumorte der Gedanke in Sophies Seele:

 

"Ist Luther nicht der reine, heilige Mann, als der er uns Protestanten in der Schule und Kirche geschildert wird, dann brauche ich ihn auch nicht anzuerkennen als den von Gott Gesandten, der Christi Kirche zu reinigen und zu "reformieren" bestimmt war."

 

Diesen selben Gedanken hatte Sophie ja in einer Schrift, die ihr früherer Religionslehrer verfasst hatte, klar ausgedrückt gefunden in den Worten:

 

"Ist Luther ein in sittlicher Beziehung verwerflicher Mensch, so fällt seine Bedeutung als Reformator in nichts zusammen."

 

Dieser Herr hatte doch jedenfalls die Antwort bereit, die Lösung gefunden auf jene offene Frage! Hin zu ihm also! Wo könnte auch ein Kind in Glaubenssachen bessere Auskunft, in Zweifeln sichere Aufklärung finden als bei seinem Religionslehrer und Seelsorger? Darum sehen wir Sophie unverzüglich dorthin sich wenden, woher sie sich Hilfe versprach. Sie machte also dem Herrn Prediger, zu dessen Pfarrei ihre Familie zählte, einen Besuch.

 

"Nun, mein Kind, was bringst du mir Gutes?" Mit den Worten empfing der Herr seine frühere Schülerin. 

 

"Leider nichts Gutes", war die Antwort, mit der die Unterhaltung eingeleitet wurde. Und Sophies Zweifel, Unruhe und Herzensangst sprachen sich nur zu deutlich aus und gipfelten in der Hauptfrage, die sie fast unvermittelt an den einstigen Lehrer richtete: "Was war Luther für ein Mensch? War er ein Gottesmann oder ein Lebemann? Die Wahrheit hierüber, o, nur die ganze, volle Wahrheit!"

 

Alle Beruhigungen und alle Redensarten, die der Herr anwandte, dienten der Sache nicht; sie bestärkten Sophie darin, das Vollgewicht auf die Lutherfrage zu legen.

 

"Hat Luther selbst solche Worte gesprochen? Hat er wirklich jene Briefe geschrieben und die "Tischreden" gehalten?" forschte das tieferregte Mädchen weiter, als hinge ihr Leben an der Beantwortung dieser Fragen.

 

Und die Antwort kam: "Ja!" Geschichtlich feststehende Tatsachen, überlieferte Aussprüche und Reden Luthers konnte der Herr Prediger nicht leugnen. Und so beschränkte er sich darauf, die "Derbheiten" Luthers der damaligen Zeit und Art zuzuschreiben, die der Verfeinerung und Bildung unseres Jahrhunderts nicht entsprächen.

 

Sophie zeigte dem Herrn statt aller Antwort einige Stellen aus den mitgebrachten Büchern, in denen ein Schmutz angehäuft war, auf den das Mädchen nur errötend und widerstrebend hindeuten musste, wollte sie auf ihre knappen Fragen die rechte, wahrheitsgetreue Antwort erhalten.

 

Verweisend, geärgert und die Beantwortung umgehend, klang die Gegenfrage des Herrn Predigers:

 

"Nach deinem Dafürhalten müsste ja Luther der größte - verzeihe den Ausdruck - Sch - - des Jahrhunderts gewesen sein! Nicht wahr?"

 

"Ja, Herr Pastor, auf Grund dieser geschichtlichen Tatsachen und schriftlichen Beweise, die mir bis jetzt unbekannt gewesen sind", sagte Sophie, indem sie fortfuhr: "Und ich kam zu Ihnen in der Hoffnung, diese Lügen strafen zu hören, leider vergeblich."

 

Der Herr Prediger musste das Opfer peinlicher Verlegenheit gewesen sein, denn Sophie gestand mir selbst, wie schrecklich es ihr war, so vor dem eigenen Lehrer zu stehen, der die Hauptfrage ihr nicht lösen konnte, und damit selbst allen Zweifeln folgerichtig Tür und Tor öffnete. Hätte es dem Herrn Prediger nicht ein Leichtes sein müssen, als theologisch gebildeter Herr, ein einfaches, ungelehrtes Mädchen, seine Schülerin, die mit Glaubenszweifeln kommt (wie sie leicht einem jeden denkenden Menschen kommen können), mit ein paar einschlägigen Worten zu beruhigen?

 

Da der Herr Prediger sich entschuldigte, augenblicklich wenig Zeit zu haben, ging Sophie ein anderes Mal wieder zu ihm, doch ohne irgend einen Schritt weiter gekommen zu sein. Der Herr Prediger warf nun alle möglichen Einwände gegen die Lehren der katholischen Kirche auf, ohne die Lutherfrage, die ja für Sophie der Brennpunkt ihres Seelenkampfes war, erst zu lösen. Nachdem ein langes Hin- und Herreden ein zufriedenstellendes Ergebnis nicht einmal in Aussicht stellte, fragte der Herr Prediger seine einstmalige Schülerin:

 

"Du bist nicht befriedigt von dem, was ich sage?"

 

"Nein, Herr Pastor, das bin ich nicht, und das kann ich ja nicht sein, denn Sie haben mir meine Bedenken nicht beseitigt."

 

"Und du willst katholisch werden?"

 

"Ja, wenn es sich mit Luther so verhält, wie die Geschichte ihn schildert."

 

"Sophie, Sophie, du wirst es bereuen", warnte der Herr Prediger mit Pathos.

 

"Das glaube ich nicht", sagte Sophie ernst.

 

"So warte", fuhr der Herr fort, "warte wenigstens mit diesem Schritt noch zehn Jahre und forsche während der Zeit eifrig in der Bibel."

 

Darüber musste Sophie trotz des Ernstes der Stunde lächeln, und sie ging fort, um nicht mehr wiederzukommen; wozu auch? - Ging sie nicht ganz freiwillig in die "Arme Roms"? - Wo war die Kirche Christi geblieben? Er hat doch nur eine Kirche gestiftet! Luther konnte nicht das Oberhaupt dieser Kirche sein. Wollte man auch seine Ausdrucksweise und rohes Wesen mit der damaligen Zeit und dem Sprachgebrauch entschuldigen - aber Gottes Gebote gelten zu allen Zeiten, auch für einen Gottesmann. Entsprach das sittliche Leben Luthers diesen Geboten nicht, so konnte Gott der Herr ihn nicht als auserwähltes Werkzeug benutzt haben, um in seiner Kirche Reinigung und Reformation vorzunehmen. Und Sophie hatte es erkannt aus seinen eigenen Schriften und den Urteilen seiner Zeitgenossen, dass Luthers Leben kein Beispiel zur Nachahmung sei, und dass er, milde geurteilt, kein "Gottesmann" gewesen war. Was aber dann? Dann ist auch die von Luther gestiftete Religionsgesellschaft nicht die Kirche Gottes, die Heilsanstalt Christi. Welche ist es aber dann? - Wo ist denn die Kirche, deren Stifter heilig war? Treffens erwiderte eine Schwester Sophiens, der sie ihre Gedanken und auch die Unterhaltung mit ihrem Religionslehrer mitteilte:

 

"Dann wäre ja das Richtigste, dass wir alle wieder katholisch würden!" - -

 

"So ist es", sagte Sophie, "und ich will katholisch werden!"

 

Und nun begann für das entschiedene Mädchen die Zeit des Kampfes und der Schwierigkeiten. Vor allem die Mutter, die sich gegen diesen Schritt ihrer ältesten Tochter verzweifelt wehrte, machte ihr das Leben schwer. "Da haben wir`s! Das kommt von deinem vielen Beten", äußerte einmal die Mutter. Und sie hatte damit wohl sehr recht, denn Gottes Gnade wird herabgefleht durch anhaltendes Gebet. 

 

Die Frau ging also zunächst zu dem ihr bekannten Prediger, bei dem ihre Tochter gewesen war, und klagte ihm ihr Leid. Der Herr besuchte die Familie darauf, als Sophie zufällig nicht zu Hause war, und brachte ihr Bücher mit. 

 

Früher schon war Sophie einmal aus Neugierde mit Bekannten in die katholische Kirche gegangen, und sie hatte sich bei nachfolgenden Besuchen immer gewundert, dass stets einige Beter dort anwesend waren, wenn auch kein Gottesdienst stattfand. Es musste eine geheimnisvolle Anziehungskraft, die vom Altar auszugehen schien, den katholischen Kirchen innewohnen. Ja, alles katholische Leben drehte sich, wie Sophie bald sah und fühlte, um einen Mittelpunkt: den "Schatz der Gläubigen" im allerheiligsten Sakrament des Altares. Nun eilte Sophie, sooft sie es möglich machen konnte, in die katholische Kirche; wie öde und inhaltlos kamen ihr die anderen Gotteshäuser vor, denen Jesus im Tabernakel fehlte. Voll Sehnsucht nach ihm besuchte Sophie die katholische Predigt und die heilige Messe, was sie immer mehr fesselte und erbaute, je mehr sie eindrang in die Wahrheiten des katholischen Glaubens. Auch durch Lesen im katholischen Katechismus, der die Lehren dieses Glaubens in Fragen und Antworten enthält, lernte Sophie ihn immer besser kennen. Zwar wusste sie daheim die katholischen Bücher kaum irgendwo sicher zu verbergen, denn ihr neuer Katechismus war plötzlich verschwunden, aber schleunigst durch einen anderen von ihr wieder ersetzt worden. Seitdem verbarg Sophie die katholischen Schriften in ihrem Bett, damit die Mutter sie nicht fände. Nun hatte diese auch noch erklärt, niemals ihre Zustimmung zu dem Übertritt der Tochter geben zu wollen.

 

In dieser Zeit geistiger Not, wo sich auch Kränklichkeit - vielleicht infolge der aufreibenden Seelenkämpfe - drückend auf Sophies Gemüt legte, offenbarte sie sich dem katholischen Fräulein aus dem Buchladen, wo sie ihre katholischen Schriften gekauft hatte. Das Fräulein hat der Bedrängten seitdem liebenswürdig  mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Durch sie ermuntert, begab sich Sophie eines Tages zu dem katholischen ersten Geistlichen der Stadt und erklärte, katholisch werden zu wollen. Das Mädchen wurde ruhig und zurückhaltend angehört und mit dem Bescheid entlassen, sich die Sache gründlich zu überlegen, da es nicht leicht sei, katholisch zu werden, wegen der Pflichten, die der Glaube auferlege. Sophie ließ sich nicht zurückschrecken. Bei einem weiteren Besuch in derselben Absicht, legte der Geistliche dem Mädchen nahe, die Einwilligung der Mutter zu ermöglichen und zu erbitten, denn die Kirche liebt den Frieden und will selbst ihr Recht im Geist der Sanftmut und des Friedens erlangen. Der Vater ließ Sophie ihren Weg ungehindert gehen, worüber ihm Vorwürfe gemacht wurden, als der Prediger einst im Haus weilte.

 

"Wenn meine Tochter durchaus katholisch werden will, kann ich es nicht ändern", sagte der Vater. "Was soll ich denn auch daran machen?" 

 

"Sie aus dem Haus jagen, wenn sie bei ihrem Entschluss beharrt", erwiderte der Prediger. 

 

Da Sophie volljährig war, brauchte sie keine Einwilligung zur Ausführung ihres Entschlusses. Dieser stand fest bei ihr, wenn auch der katholische Geistliche sie lange "zappeln" ließ, um ihre Festigkeit zu prüfen. 

 

"Mutter, ich bin nicht glücklich und werde es nie sein können, wenn ich nicht katholisch werden darf", wiederholte Sophie oft; und wenn sie dann alle Beredsamkeit aufgeboten hatte, um den Ihrigen zu schildern, dass sie die Wahrheit erkannt habe, so halfen doch alle Beweise, alle Gründe, alles Reden nichts. Die Gnade, diese Sehkraft der übernatürlichen Augen, war den Ihrigen nicht geschenkt.

 

Eines Tages ging Sophie mit dem trostlosen Bescheid, dass sie die Einwilligung zu dem großen Schritt von der Mutter wohl niemals erhalten werde, wieder ins katholische Pfarrhaus und wurde da froh überrascht durch den Vorschlag: "Nun, dann können wir nächstens mit dem Unterricht beginnen."

 

Beglückt eilte Sophie heim, wo man sie nun gewähren ließ und sich in das Unabänderliche fügte. Sophie hatte die Absicht gehabt, in einer anderen Stadt eine Stelle anzunehmen, um so vielleicht eher und ungehindert zu ihrem Ziel zu gelangen. Doch das Mädchen erkannte bald, dass sein Platz bei der kränklichen Mutter sei, die die Pflege ihrer Ältesten damals selbst vermisst haben würde. So eilte Sophie denn unermüdlich zu den Unterrichtsstunden, die der vielbeschäftigte Herr selbst ihr erteilte. Musste sie auch oft warten und wiederholt fortgehen, weil Besuch kam oder andere Geschäfte vorgingen, so harrte Sophie doch unverdrossen aus, sah sie doch ihr schönes Ziel immer näher heranrücken.

 

Nun hat Sophie es erreicht. Zum Frieden und zum Glück im Schoß der katholischen Kirche hat Sophie sich durchgerungen, nachdem sie das Glaubensbekenntnis abgelegt hatte, die erste Beichte (den Schrecken aller Neukonvertiten) überwunden hat. Mit der ersten heiligen Kommunion ist dann der göttliche Heiland mit all seinem Segen in das unruhige Herz eingekehrt und bietet ungeahnten, überreichen Ersatz für das verlorene Ideal dieses Mädchenherzens, das nun in steter Dankbarkeit lebenslang mit dem Psalmisten jubeln wird:

 

"Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren. Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes, aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen. Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen, preist seinen heiligen Namen!" (Psalm 30,2-5)

________________________________________________________________________

 

5. Ein trauriges Stücklein für heiratslustige junge Leute -

Von Georg Bleibetreu

 

An der Straßenecke der Großstadt G. stand eine dichtgedrängte Volksmenge. Jeder wollte hören und sehen, was es dort gab. Und doch erfuhren die wenigsten etwas von dem traurigen Elend, das sich dort im grellsten Licht widerspiegelte. Eine einfache Frau war bewusstlos zusammengebrochen und liegen geblieben, und nun bemühten sich zwei Polizeibeamte, den Namen der Unglücklichen festzustellen und einen Wagen herbeizuholen, um sie dem Hospital zuzuführen. "Wenn`s mehr nicht zu sehen gibt", sagte ein junger Bursche, "als ein altes Weib, das umgefallen ist, dann lasst uns weitergehen!" Und so zogen die Burschen von dannen. Ein älterer Herr erkundigte sich nach dem Namen der armen Frau, doch keiner konnte ihm Auskunft geben. Neben der Frau lag ein Handkorb, in dem eine zerrissene Jacke, Schuhe und eine Schürze sich befanden. Aber auch diese Dinge gaben den Umstehenden nicht die gewünschte Aufklärung. Offenbar, denn das sah man auf den ersten Blick, gehörte die Frau dem Arbeiterstand an. Nun, die Polizei konnte ja die richtigen Personalien leicht feststellen. Während ich einen Augenblick dort gestanden hatte, trat eine Gruppe junger Mädchen hinzu, um zu sehen, was dort geschehen sei. Als sie hörten, dass eine arme Frau ohnmächtig geworden sei, sagte ein junges, schnippisches Ding: "Nun, wenn weiter kein Unglück geschehen ist, dann geht`s ja noch! Das soll uns heute den Humor nicht rauben! Lasst uns gehen, sonst kommen wir noch zu spät am Treffpunkt an!" Und sie zog die anderen mit sich fort, Beim Weggehen aber sagte die eine von ihnen noch spöttisch: "Wer weiß, was das für eine Person ist? Wird auch gewiss nicht viel dahinter stecken, sonst läge sie hier nicht so verlassen an der Straßenecke!" 

 

Als ich noch einige Minuten an der Stelle stand und den kichernden Mädchen mit ernster Miene nachschaute, kam ein schlichter Fabrikarbeiter des Weges daher. Seinen blauen Arbeitskittel hatte er mit einem schwarzen Röcklein vertauscht und an der Hand trug er einen Esskessel, in dem ihm sein 12jähriger Junge heute Mittag das Essen zur Arbeitsstätte gebracht hatte. Auch er bleibt an der Stelle stehen und da er ziemlich groß von Person war, so konnte er über die vor ihm Stehenden hinwegsehen. "Ja,ja", hörte ich ihn murmeln, "das ist ja die Frau des Steinberg aus der Mückengasse. Arme Frau, arme Kinderchen!" Dann wandte er sich zum Weitergehen. Ich folgte ihm auf dem Fuß.

 

"Sie kennen wohl die Person näher?" fragte ich ihn, als ich neben ihm her schritt.

 

"Schon seit fast 10 Jahren", antwortete er. "Wir wohnten früher in einer Straße des Arbeiterviertels. Ihre Eltern waren brave und fromme Leute. Der Vater war in einer Fabrik beschäftigt, starb aber leider in der Blüte seiner Jahre an der Schwindsucht dahin. Die Mutter suchte sich recht und schlecht mit ihren fünf Kindern durchs Leben zu schlagen. Ein Junge war gerade aus der Schule gekommen und brachte schon einige Groschen am Lohntag nach Hause. Aber es war wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber es ging mit den Jahren besser. Die Tochter Anna, sie ist die unglückliche Frau, die von der Polizei fortgeschafft werden soll, machte der Mutter manche Sorge. Das Mädchen war in einer Wirtschaft in Dienst, und was es erübrigte, das holte die Mutter für sich und die Geschwister nach Hause.

 

Anna Steinberg hatte also ein mitleidiges und gutes Herz gegenüber ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Nur einen Fehler hatte sie an sich und der hat sie zeitlebens unglücklich gemacht. Und dieser Fehler war ihr Leichtsinn und ihre Sorglosigkeit. Sie lebte leicht und freudig in den Tag hinein und man sah sie nie mit einem sauren und mürrischen Gesicht. Sie war heiter und munter, , ja zu heiter und zu lebensfroh. Damit will ich aber durchaus nicht sagen, dass sie auf schlechten Wegen wandelte und dem Laster oder der Sünde ergeben war. Weit davon entfernt! Aber in ihrem jugendlichen Übermut nahm sie das ganze Leben viel zu leicht und zu heiter auf. Sie wollte alles besser wissen, und nahm von niemand mehr eine gute Lehre oder eine Ermahnung an. Selbst ihrer Mutter folgte sie nicht mehr und hatte für ihre guten Worte und Ermahnungen oft nur ein Lachen. Nun, sie glaubte, die Jugend von heute sei eben anders als ehedem, da die Mutter noch in demselben Alter steckte. Zwischen heute und früher sei nämlich ein gewaltiger Unterschied. Wenn man in der Jugend froh und lustig sei, dann dürfe einem das niemand verübeln, denn zum Trübsalblasen und Stubenhocken habe man noch später Zeit in Hülle und Fülle. Wo es daher Lustbarkeiten gab, da fehlte Anna Steinberg selten, und da sie hierzu auch allerlei Sachen gebrauchte, so blieb von ihrem Jahreslohn leider fast nichts mehr übrig, und die Mutter, die dann oft kam, um etwas bei ihr zu holen, musste mit leeren Händen wieder von dannen gehen. So ging es einige Jahre weiter und das Mädchen wechselte inzwischen seine Stellung. Sie bekam zwar mehr Lohn, ob sie sich aber sonst verbessert hatte, mag dahingestellt bleiben, denn für Mütterchen blieb ebensowenig übrig als ehedem.

 

Bald hieß es: Anna Steinberg will heiraten. Die Mutter sprach dagegen, denn sie sei noch jung und unerfahren. Sie möge sich erst noch etwas verdienen, damit sie sich Sachen anschaffen könne, denn zu einem Haushalt gehörten gar vielerlei Dinge. Umsonst, das Mädchen hörte nicht auf die Ermahnungen und Warnungen der Mutter. Auch die Herrschaft ließ es an guten Worten nicht fehlen, denn da Anna sehr fleißig und geschickt in der Arbeit war, so wollten sie das Mädchen ungern missen. Selbst eine Jugendfreundin machte dem Mädchen Vorhaltungen und erinnerte es an die Mutter und die kleinen Geschwister. Darin witterte Anna bösen Neid bei ihrer Freundin, die ihr vielleicht das Glück nicht gönne, dass sie so jung einen Mann bekomme, und damit bekam die alte Freundschaft einen dicken Riss. Indessen halfen alle Mahnungen und Warnungen nichts und Anna Steinberg heiratete. Wen? Man wusste nicht viel von dem jungen Mann zu sagen. Er war erst einige Monate in der Stadt und während dieser Zeit bald bei diesem Bauherrn, bald bei jenem in Arbeit gewesen. Man brauchte durchaus kein Prophet zu sein, um ihm aus dem Gesicht abzusehen, dass er die Arbeit wirklich nicht erfunden hatte, und dass er auch gerne ins Glas guckte. Das einzusehen und zu erkennen war wirklich nicht schwer. Nur Anna Steinberg sah es nicht oder sie wollte es nicht sehen. Da der junge Mann immer fein und nobel auftrat, so genügte ihr das voll und ganz, denn das Sprichwort sagt ja bekanntlich: Gleich und gleich gesellt sich gern" und "Gleiche Brüder, gleiche Kappen". 

 

Die Hochzeit war vorüber. Die heitere Stimmung der jungen Frau war schon nach wenigen Wochen etwas herabgesunken. Das kecke Lachen, der frohe und offene Blick von ehemals waren nicht mehr an der Tagesordnung, sondern wurden immer seltener und seltener. Aber es waren nur die Anfänge der Trübsale, die die junge Frau sollte erdulden müssen. Eines Abends - es war an einem Lohntag - blieb ihr Mann sehr lange aus. Und sie wartete daheim stundenlang auf ihn. Endlich kam er in der Nacht schweren Schrittes heim. Sein finsterer, mürrischer Blick verrieten sofort seinen Zustand, in dem er sich befand. Was sollte die arme Frau anfangen? Sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Und als sie gar nach dem Geld fragte, da wurde sie im barschen Ton angefahren; denn der leichtsinnige Mensch hatte bis auf fünf Mark alles in der losen Gesellschaft verspielt und verjubelt. Nun wurde für die nächste Zeit Schmalhans Küchenmeister bei dem jungen Paar. So schwand denn schnell der Friede in dieser Familie, denn wo Not und Sorge bekanntlich durch die Haustür eindringen, da fliegen Liebe und Frieden zum Fenster hinaus. Man hörte aus der Wohnung oft Schimpf- und Fluchworte, ja manche Nachbarsfrauen wollten sogar schon Hilferufe gehört haben. Kurz, die beiden lebten eben zusammen wie Katze und Hund, nicht aber wie es sich für christliche Eheleute geziemt. So ging es Jahre hindurch, aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.

 

Gestern Abend ist der Mann wieder sinnlos betrunken nach Hause gekommen. Und da ihm die Frau nichts Gebratenes vorsetzen konnte, weil sie selbst nichts hatte, so fing er Händel und Streit mit ihr an. Das eine Wort gab das andere und schließlich vergriff sich der Mann an seiner Frau und prügelte sie jämmerlich durch. Er wollte sie sogar erwürgen. Auf die Hilferufe der Frau kam dann ein Nachbar hinzu, um den Mann zu besänftigen. In seiner Wut aber ließ der Wüterich von seiner Frau ab und stürzte sich auf den Nachbar. Im nächsten Augenblick blitzte ein Messer in der Luft und der Nachbar, der Hilfe bringen wollte, sank von einem tödlichen Stich getroffen zu Boden. Man hat ihn noch gestern Abend zum Krankenhaus gebracht, ob er heute noch lebt, weiß ich nicht. Den Täter aber fesselten zwei Polizeibeamte und brachten ihn ins Gefängnis. Die Frau aber ist vor Schmerz und Kummer drüben an der Straßenecke niedergesunken. Das ist die traurige Geschichte dieser unglücklichen Frau."

 

Ich dankte dem schlichten Arbeiter für seine Mitteilung und dachte, wenn diese Mahnung doch alle leichtsinnigen Mädchen gehört hätten, die so blindlings drauflos heiraten und denken: der erste, der kommt, das ist der beste! Ich schritt durch die belebten Straßen der Stadt. Ein frohes und buntes Menschengewoge umgab mich. Im Dunkeln einer Gasse aber gewahrte ich die fröhlichen Mädchen von soeben. Sie befanden sich in Gesellschaft der halbwüchsigen Burschen und lachten und kicherten, als sei das Leben nichts anderes als Lust und Freude. Ich aber dachte bei mir: Vielleicht geht es manchem jungen Mädchen von dieser Sorte nicht besser als der armen Frau an der Straßenecke! . . . Als ich aber zu dem Platz kam, wo vorhin die Frau lag, bot die Stelle den gewohnten Anblick. Nichts war mehr zu sehen, und die unglückliche Frau befand sich schon im warmen Zimmer des städtischen Krankenhauses.

________________________________________________________________________

 

6. Die Grafentochter - Aus dem Französischen

nacherzählt von Silesia

 

In Amiens in Frankreich erhebt sich ein Gebäude, das, ehe das grausame Ausweisungsgesetz so vielen geistlichen Orden die Heimat raubte, den "Kleinen armen Schwestern" zur Wohnung diente.

 

Diese fromme Genossenschaft stand hier einem Krankenhaus, einem Waisenhaus und einer Kleinkinderbewahranstalt vor. Die guten Nonnen trugen die Bezeichnung "arm" mit vollem Recht. Sie besaßen nichts, nannten nichts ihr eigen und lebten vollständig vom Almosen. Allmorgendlich stand zur bestimmten Stunde ein Wägelchen, mit einem Esel bespannt, vor der Anstaltspforte. Alsbald öffnete sie sich und es erschien eine der Kleinen armen Schwestern mit einem großen, leeren Korb. Der Korb wurde auf das Wägelchen gesetzt; dann stieg die Schwester hinauf, ergriff die Zügel und nun ging es durch die Straßen von Amiens. Nach Verlauf von ein bis zwei Stunden kehrte das Gefährt zurück. Der Korb war gefüllt mit allem zum Leben notwendigen Almosen, die das gläubige und den guten Schwestern sehr zugetane Volk von Amiens gespendet hatte. Dieser Vorgang wiederholte sich täglich. Er war der Weg, auf dem die gottgeweihten Jungfrauen den Lebensunterhalt für sich und ihre Pfleglinge erwarben. Gewiss eine große Verdemütigung vor Gott und den Menschen.

 

Gegenüber der Anstalt der Armen kleinen Schwestern befand sich der prächtige Palast einer Gräfin. Diese besaß eine Tochter, ein ebenso schönes, talentvolles, wie frommes Kind. Beinahe täglich schaute Denise hinab, wenn das kleine Eselfuhrwerk sich in Bewegung setzte, und es bedarf kaum der Erwähnung, dass die Gräfin, die über reiche irdische Güter verfügte, auf Veranlassung ihres guten, frommen Kindes zu den eifrigsten Wohltätern ihrer gottgeweihten Nachbarinnen gehörte.

 

Denise wurde inzwischen älter und als sie ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht hatte, sollte sie in die Welt eingeführt werden. Ein Fest, das der Stadtpräfekt dem hohen Adel gab, war dafür in Aussicht genommen worden.

 

Der betreffende Abend kam heran und in strahlendem Putz, geschmückt mit Juwelen, stand das junge Mädchen in seinem Ankleidezimmer. Noch einen letzten Blick warf es auf sein Spiegelbild; - da geschah etwas Merkwürdiges. In demselben Augenblick erschien vor dem geistigen Auge des Mädchens das so oft geschaute Bild: das mit dem Esel bespannte Wägelchen, auf dem die arme Schwester im dunklen Nonnenhabit war und hinter ihr der Bettelkorb. - Ein größerer Gegensatz mit dem Bild, das der Spiegel zurückwarf, war kaum denkbar, und dennoch war es ein seltsamer Gedanke, der das Herz des jungen Mädchens plötzlich wie mit hellem Licht erfüllte. - "Ich werfe all die Pracht, die mich umgibt, von mir, und werde eine Kleine arme Schwester."

 

An jenem Abend war Denise genötigt, ihrer Mutter in die glänzenden Räume der Präfektur zu folgen; sie hörte all die Schmeichelworte, wie sie einem vornehmen, schönen und reichen Mädchen in Fülle gespendet werden, aber all der Weltglanz war nicht imstande, jenes Licht zu überstrahlen, das in ihrer Seele aufgegangen war, und in dem Wunsch gipfelte, allen Erdenfreuden zu entsagen, um Gott fernerhin als arme Ordensfrau zu dienen.

 

Es war ein jahrelanger Kampf, den die fromme Denise führen musste, ehe es ihr gelang, den Sieg zu erringen. Endlich aber hatte sie das Herz ihrer Mutter bezwungen, und nun verließ Denise Pracht und Wohlleben, um fernerhin dem Herrn als "Kleine arme Schwester" zu dienen.

 

Wenige Jahre nur war es der frommen Genossenschaft vergönnt, Denise als der Demütigsten eine in ihrer Mitte zu haben. Zur Zeit einer Epidemie, da die zarte Grafentochter Übermenschliches für ihre leidenden Mitmenschen leistete, versagten die schwachen Kräfte: jubelnd, Gott für die hohe Gnade dankend, die er ihr in ihrem kurzen Leben gewährt hatte, ging sie ein in die Freuden des Himmels, um, geschmückt mit der Krone der Jungfräulichkeit, jenen Scharen eingereiht zu werden, die, Jubellieder singend, dem Lamm folgen.

________________________________________________________________________

 

7. Ein Opfer des Alkohols - Nach einer wahren Begebenheit

von Johann Heinekamp

 

Sechzig Jahre sind es nunmehr, dass in einem kleinen Landstädtchen Westfalens der Familie Horn ein Sohn geboren wurde, der in der heiligen Taufe den Namen Wilhelm erhielt. Der Vater Wilhelms, von Beruf Ziegler, schnürte alljährlich, wenn die ersten Singvögel aus dem warmen Süden in die nordische Heimat zurückkehren, sein Bündel, um auf weitentfernten Ziegeleien den Lebensunterhalt für sich und die Familie zu erwerben. Erst im Spätherbst, oftmals sogar nur wenige Tage vor dem hochheiligen Weihnachtsfest, kehrte er dann in die Heimat zu Frau und Kind zurück. Die Erziehung der Kinder lag somit fast einzig und allein in den Händen der Mutter. Leider war die sonst gute Frau, die selbst etwas lau im Glauben war, sich ihrer hehren und schweren Aufgabe, die Kinder für Gott und das ewige Leben zu erziehen, nicht recht bewusst. So kam es, dass Wilhelm Horn, der von Natur aus etwas wild und ausgelassen war, in den ersten Kinderjahren von Gott und seinem unsichtbaren Walen sehr wenig erfuhr. Der Vater Wilhelms, ein guter Christ, nahm mit tiefem Kummer im Herzen von dieser Tatsache Kenntnis. Wenn er von der Ziegelei alljährlich heimkehrte, suchte er in religiöser Beziehung an den Kindern nachzuholen, was die Mutter versäumt hatte. Er lehrte die Kinder die Hände falten und im Gebet aufblicken zu demjenigen, der über den Sternen thront. Es verging auch wohl kein Tag des Jahres, an dem er nicht die Familie und sich selbst dem Schutz des Allerhöchsten und ganz besonders der Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria empfahl. Musste der Vater dann im Frühjahr wieder von zu Hause fort in die weite Fremde, so legte er beim Abschied seiner Frau in eindringlichen Worten ans Herz, an den Kindern das von ihm begonnene religiöse Erziehungswerk fortzusetzen. Es schien indes, als wäre all sein Bitten umsonst gewesen.

 

Inzwischen war Wilhelm Horn in die Volksschule seines Heimatstädtchens aufgenommen worden und machte daselbst auch recht gute Fortschritte. Nur gegen die Wahrheiten unseres heiligen Glaubens blieb er kalt, trotz des vorzüglichen Unterrichts, den der alte Lehrer gerade in der Religion gab, und trotz der großen Wärme und Begeisterung, die er im Allgemeinen in den Herzen der Kinder zu entflammen wusste. Manchmal gab der Lehrer seinem Missmut in dieser Beziehung Wilhelm gegenüber in eindringlichen Worten Ausdruck. Aber umsonst! Es rückte nach Jahren der Tag heran, an dem Wilhelm Horn mit mehreren anderen Kindern aus der Schule entlassen wurde. Am Nachmittag des Weißen Sonntags gingen die Kommunionkinder, wie allgemein üblich, noch einmal zu ihrem alten Lehrer, um Abschied von ihm zu nehmen. Ist das Scheiden von Kindern gewöhnlich für den Lehrer schmerzlich, so war es erst recht schmerzlich, ja sogar bitter für den Lehrer Wilhelms in Bezug auf ihn. In eindringlichen Worten ermahnte der Greis noch einmal die Kinder, auch in Zukunft gut und brav zu sein, treu ihrem heiligen Glauben zu bleiben und vor allem niemals das Gebet zu vergessen, sei es unter Umständen auch nur ein ganz kurzes Gebet. "Dann", so schloss er, "werden wir uns einstmals, sollten wir auf Erden uns auch nicht mehr wiedersehen, am Thron Gottes bestimmt wiederfinden." Tränen erglänzten bei diesen Worten des guten Lehrers in den Augen der meisten Schüler, und auch Wilhelm Horn dachte wenigstens in diesem Augenblick daran, den Worten des Lehrers gemäß zu handeln. 

 

Am folgenden Tag bereits begegnen wir Wilhelm Horn, wie er mit seinem Vater hinauszog, um auf einer Ziegelei in der Gegend von Wiesbaden sein Brot zu erwerben. Obschon dem Jungen von anderen Ziegelmeistern höherer Lohn geboten war, hatte ihn der Vater doch an denjenigen Meister verdungen, bei dem er selbst in Arbeit stand, um seinem Sohn in den Gefahren, die das Leben vielfach in religiöser Beziehung für Leute in jüngeren Jahren mit sich bringt, ein sicherer Führer zu sein. Der Sommer neigte sich fast seinem Ende zu, als den Vater Wilhelms eine schwere Lungenentzündung aufs Krankenlager warf. Wenige Tage später rief der Todesengel den treuen Mann aus diesem Jammertal in ein besseres Jenseits, nachdem der Sterbende nochmals seinen Sohn Wilhelm ermahnt hatte, ein gutes Kind unserer heiligen Kirche bleiben zu wollen. Wilhelm hatte dem sterbenden Vater das Versprechen gegeben, ohne sich indessen seiner Bedeutung recht klar geworden zu sein. Drei Tage darauf wölbte sich der Grabeshügel in der Fremde über dem Leichnam des wackeren Mannes.

 

Die Ziegler-Kampagne war beendet. Die meisten Ziegler kehrten mit ihren wenigen Habseligkeiten und einem reichlichen Lohn für ihre saure Arbeit in der Tasche in die Heimat zurück. Wilhelm Horn ließ sich von einigen jungen Leuten bereden, auch den Winter über auf einer größeren Ziegelei zu arbeiten, leider indes zum Schaden für sein Seelenheil. Gar bald nahte sich der Verführer in Gestalt mehrerer glaubensloser Arbeitskollegen, die Wilhelm auch den Rest seines Glaubens raubten. Mit der Heilighaltung des Sonntags durch Besuch des Gottesdienstes und Empfang der hl. Sakramente war es schon nach wenigen Monaten bei Wilhelm gänzlich vorbei. Auch die täglichen Gebete wurden ihm allmählich fremd. Das sauer verdiente Geld wanderte größtenteils ins Wirtshaus. Bisweilen erhielten in den ersten Jahren nach dem Tod des Vaters Wilhelms Mutter und Geschwister von ihm noch eine kleine Geldunterstützung, aber allmählich hörte auch diese auf. Was kümmerte es ihn, dass Mutter und Geschwister manchmal Not und Elend durchkosten mussten, war er doch inzwischen volljährig geworden und Herr über sein eigenes Geld. Jahre vergingen, ohne dass man von Wilhelm wieder etwas gehört hätte. Die Arbeit, "des Bürgers Zierde", gefiel ihm nicht mehr recht. Ruhelos wanderte er umher, nirgends längere Zeit sich aufhaltend. Eines Tages finden wir ihn in der Nähe einer Stadt bei einem Bauern, wie er damit beschäftigt ist, Holz zu zerkleinern. Als Lohn für seine Arbeiten erhielt er Kost und täglich zwanzig Pfennige. Jeden Abend müssen aber auch diese wenigen Pfennige noch "nass" gemacht werden, indem er sie für Schnaps ins nahe Wirtshaus trägt. Etwa zwei Wochen später ist in der Stadt Kirmes. Auf dem Marktplatz dreht Wilhelm bei einem Karussellbesitzer den Leierkasten. Noch ist die Kirmes nicht beendet, da ist Wilhelm bereits wieder auf Wanderschaft. So ging es längere Jahre hindurch.

 

Winter war es! Wilhelm Horn war aus der Nähe einer größeren Stadt, woselbst er wieder kurze Zeit bei einem Landmann gearbeitet hatte, eines Abends zurückgekehrt in ein kleines Dörfchen am Fuß des Egge-Gebirges zu einem Bauersmann, bei dem er schon früher wiederholt Beschäftigung gefunden hatte. Wieder hatte er auf der Wanderschaft stark dem Alkohol zugesprochen. Nur von dem Knecht des Landmannes am Abend noch bemerkt, hatte Wilhelm alsbald seine ihm aus dem Vorjahr noch bekannte Schlafstätte aufgesucht. Am anderen Morgen machte der Knecht seiner Herrschaft Mittelung von der Anwesenheit Wilhelms. Als er zum Frühstück nicht bei Tisch erschien, ging die Hausfrau in sein Schlafgemach. Welch ein Anblick bot sich hier! Wilhelm lag im Bett mit weit geöffneten Augen, die unruhig im Zimmer hin und her blickten. Auf die Frage der besorgten Hausfrau, ob er denn nicht aufstehen wolle, erhielt sie keine Antwort. Nur ein unverständliches Lallen kam aus seinem Mund. Zu seinen Häupten lag eine leere Schnapsflasche. Starr vor Schrecken, eilte die Frau in die Wohnstube zurück, um den anscheinend noch betrunkenen Wilhelm eine Tasse warmen Kaffee zu holen. Bei ihrer Rückkehr war sie begleitet von ihrer Schwägerin, einer geübten Krankenschwester aus dem Orden des hl. Franziskus, die gerade zu Besuch im elterlichen Haus weilte. Mit scharfem Kennerblick überschaute sie alsbald die Situation. Ihr war es klar, dass Wilhelm Horn dem Tod nahe war. Sie versuchte mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, erhielt indessen auf ihre Fragen nur abgebrochene Worte als Antwort. Bald brachte sie das Gespräch auf Religion und die Erfüllung seiner religiösen Pflichten, musste aber leider zu ihrem tiefsten Schmerz erfahren, dass Wilhelm Horn sich seit seinem 15. Lebensjahr dem Tisch des Herrn nicht mehr genaht hatte. In ernsten Worten führte die Schwester dem Schwerkranken sein bisheriges Leben vor Augen und schloss ihre Unterredung mit den Worten: "Denken Sie jetzt an Gott, den Richter der Lebenden und Toten dort oben, den Sie so häufig im Leben beleidigt haben, und vor dessen Richterstuhl Sie in kurzer Zeit schon erscheinen müssen. Sie haben nur noch wenige Stunden zu leben. Bereuen Sie von ganzem Herzen Ihr bisheriges Leben und söhnen Sie sich mit Gott aus!" 

 

Darauf betete sie ihm laut die Reuegebete vor und eilte dann, wie sie bemerkte, dass der Kranke inzwischen auch seine Hände zum Gebet gefaltet hatte, selbst zum nahen Pfarrdorf, damit der Sterbende nicht ohne geistlichen Beistand die Reise ins Jenseits mache. Eine Stunde später etwa finden wir schon am Krankenbett den Priester. Leider liegt Wilhelm bereits in den letzten Zügen und ist nicht mehr imstande, ein Sündenbekenntnis ablegen zu können. Wenige Augenblicke später hatte der Alkohol sein Opfer gefordert.

________________________________________________________________________

 

8. Hochmut kommt vor dem Fall!

 

An der kleinen Pastorat am grünen Berghang wurde zweimal hintereinander schüchtern die Schelle gezogen. Erst als daraufhin niemand kam, ertönte sie lauter und eindringlicher. Jetzt wurde es im Holzschuppen hinter dem Haus lebendig. Die gute alte, schon etwas schwerhörige Haushälterin glaubte ein leises Klingeln vernommen zu haben und trippelte nun besorgt näher, um zu sehen, was es gäbe. 

 

Draußen standen zwei junge Dorfmädchen im Alter von 18 bis 19 Jahren, die dem Herrn Pfarrer einen Abschiedsbesuch zu machen wünschten. Der alte Herr war aber schon auf das wiederholte Läuten hin leise heruntergekommen und hatte die letzten Worte gehört. - "Kommt nur herein", rief er ihnen ermutigend zu, wobei er die Tür zum Sprechzimmerchen öffnete und die Besucherinnen mit einer freundlichen Handbewegung einlud, ihm dahin zu folgen.

 

"Ihr wollt also wirklich in eine Dienststelle gehen und in die Stadt ziehen", leitete er das Gespräch ein, als die Mädchen verwirrt nach schicklichen Worten suchten. -

 

"Ja, Herr Pfarrer, unsere Eltern werden Ihnen ja schon gewiss das Nähere darüber, insbesondere auch die Gründe, mitgeteilt haben."

 

"Ich kenne sie, meine Kinder, und obwohl ich es in Hinsicht auf euer Seelenheil lieber sähe, wenn ihr hier bliebet, kann ich mich doch der Richtigkeit derselben nicht verschließen. So ziehet denn in Gottes Namen, und Maria, die allerseligste Jungfrau, sei eure Beschützerin." Hier machte der würdige Herr eine nachdenkliche Pause, dann fuhr er das jüngere der beiden Mädchen fest ansehend - mit gehobener Stimme fort: "Dir, Charlotte, lege ich die Nachahmung der reinsten und lautersten Jungfrau mit besonderer Wärme ans Herz. Wirst du denn auch stark genug sein, den vielen, unbekannten Gefahren zu trotzen, die in der Stadt dir von allen Seiten drohen?"

 

Charlotte senkte errötend den Kopf. - "Ich hoffe es, Herr Pfarrer."

 

"Diese Hoffnung hat schon manchen getäuscht, Kind! Darum höre auf meinen Rat. Siehe, Maria war eine demütige Magd des Allerhöchsten, sie war das demütigste Geschöpf von allen Eingeborenen, und nun präge es dir tief ein, - diese unvergleichliche Demut war die Grundursache von Mariens großer Kraft, von ihrer Erhabenheit und Würde sowohl, als nicht zuletzt auch von der fleckenlosen, von der makellosen und der unversehrten Reinheit der hehren Himmelskönigin. - Willst du dir die zarte Lilienblüte der heiligen Keuschheit rein bewahren, Kind, so bekämpfe den Stolz und damit verbunden die Sinnlichkeit, und die Demut wird dann für dich zu einer festen Rüstung werden, die die Pfeile der Versuchung nicht zu durchdringen vermögen."

 

Charlotte merkte gut, worauf ihr erfahrener Seelenführer anspielte. Schon als Kind hatte er ihr oft einen fast zügellosen Hang zum Großtun verwiesen und sie mit allen Mitteln der Milde und der Strenge auf die bösen Folgen dieses tief bei ihr eingefressenen Übels aufmerksam machen müssen.

 

In diesem Augenblick aber siegte ihre bessere Natur. Und als sie dem alten Mann, der sie nur mit Sorgen ziehen sah, die Hand zum letzten Gruß reichte, geschah es in der besten und festen Absicht, nach dem Vorbild Mariens in Demut zu wandeln.

 

Wird das arglose Mädchen in der Fremde auch standhalten?

 

*       *       *

 

Über dem hastenden Getriebe der nimmermüden Großstadt spielt das erste zarte Wehen des Vorfrühlings. Schneeglöckchen nebst Veilchen läuten den fröhlichen Lenz ein. Es ist Markttag heute. Auf dem weiten steingepflasterten Platz herrscht das bunteste Getriebe. Die beiden jungen Mädchen, die durch die Vermittlung des alten Pfarrers eine vorzügliche Stelle gefunden haben, treffen sich fast jedesmal, wenn Markt ist, wie durch geheime Abmachung bei ein und demselben Gemüsestand und erzählen sich ihre kleinen Geheimnisse. Gewöhnlich begleiten sie sich dann noch eine Strecke weit desselben Weges. So auch heute; mit dem Unterschied allerdings, dass Charlotte ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit sehr einsilbig war. Anna fiel das eigentümliche Benehmen natürlich auf und machte eine dahinzielende Bemerkung; Charlotte schwieg, plötzlich aber setzte sie mit einer unmutigen Gebärde den schweren Marktkorb auf die Erde und fragte in hastig abgerissenen Worten: "Wirst du in diesem Jahr noch immer bei deiner Anstellung bleiben?"

 

"Ei, und warum denn nicht? Ich fühle mich bei meiner Herrschaft ja ganz wohl."

 

"Du bist doch schon drei Jahre da."

 

"Je nun, was soll das?"

 

Charlotte hob schnippisch den Kopf. "Ich meine, wir hätten endlich auch mal eine bessere Stelle verdient."

 

Jetzt war die Reihe des Sichwunderns an Anna: "Wie, Lotte, du beklagst dich über deine Herrschaft? Du bist doch viel besser aufgehoben als ich. Was kommt dir denn auf einmal in den Sinn?"

 

"Was mir einfällt? Das sind meine eigenen Sachen. Kurz und gut, bei der alten Rätin behagt es mir nicht mehr. Da ist man immer wie in einem Käfig. Das bin ich gründlich satt. Bei dem reichen Kaufmann am Ende unserer Straße geht das Mädchen nächsten Montag weg." 

 

"Und dann?" - Anna hob warnend den Finger. - "Lotte, Lotte, Du rennst ins Verderben. Bei Kaufmanns, das ist kein Haus für dich,dort lauert und lockt die Sünde, auch herrscht in seinen Räumen zu viel Müßiggang. Und der ist der Anfang aller Laster. Willst du dich absolut verändern, so suche dir lieber eine Stelle, wo du tüchtig und fleißig arbeiten musst und keine Zeit findest, mit allerlei losen Gesellen die Stunden totzuschlagen. Arbeite, wie Maria und der liebe Heiland gearbeitet haben."

 

Charlotte verzog den Mund zu einem höhnischen Lachen. - "Das sind so Ansichten, Anna." -

 

"Freilich, Lotte, aber solche, die von Grundsätzen geleitet werden, die Religion und Vernunft fordern. In williger und rechtschaffener und gottgewollter Arbeit liegt ein großer Schatz von köstlicher Demut verborgen, die hinwiederum eine unerschöpfliche Fundgrube von Glück, Tugend, Herzensreinheit und stiller Zufriedenheit ist. Lotte, Lotte, liebste Freundin, du bist auf falschem Weg." -

 

"Dummes Zeug, Anna; du beleidigst mich. Muss man denn gleich sittenlos werden, wenn man das Leben ein wenig vom bequemeren Standpunkt aus auffasst!" -

 

"Bei deinem unfertigen Charakter ist diese Besorgnis nur allzu gerechtfertigt", entgegnete Anna ruhig, aber mit scharfer Betonung.

 

Die Worte trafen wie glühende Pfeile Charlottens Seele. Ihre Wangen färbten sich blutrot. Einen Augenblick schienen die guten Vorsätze von früher den Sieg über die Leidenschaft davontragen zu wollen, dann aber legte sich langsam ein eisiger Druck auf ihr Gemüt - und der gute Engel sah betrübt, wie das junge Mädchen sich vom Teufel umgarnen ließ.

 

Feuersglut im Gesicht nahm es hastig den Korb auf und eilte wortlos von dannen.

 

*       *       *

 

Spätherbst war es geworden. In den glänzend erleuchteten Räumen der großen städtischen Festhalle wurde zugunsten des Kreiswaisenhauses ein Wohltätigkeitsbasar abgehalten, bei dem Juliana, die älteste Tochter von Annas Herrschaft, mitwirkte. Als es dunkler wurde, sandte die Frau das Mädchen aus, um die Tochter abzuholen. Beim Stadthaus angekommen, wurde sie gebeten, noch ein wenig zu warten, worauf Anna, um nicht belästigt zu werden, in den Park ging und hier an einem stillen verborgenen Plätzchen den abendlichen Rosenkranz betete.

 

Sie war noch nicht ganz damit fertig, als leichte schlurfende Schritte nahten, die einer armen abgehärmten Frauensperson angehörten, die sich zitternd neben Anna niederließ und in dumpfem Brüten vor sich hinstarrte. Auf einmal aber zuckte sie heftig zusammen und wollte forteilen. Doch schon hatte Anna beim unsicheren Flackern des elektrischen Lichtes die Jugendgenossin in ihr erkannt und rief zögernd: "Lotte." -

 

Weinend blieb das arme Mädchen stehen, und voll geheimen Schauders konnte Anna wahrnehmen, wie Sünde und Schande die einst so blühende Gestalt Charlottens in der kurzen Zeit von zwei Jahren vollständig gebrochen hatten. Und wie musste es erst in der Seele aussehen? - Unwillkürlich dachte sie der warnenden Worte an jenem Frühlingstag, als Lotte sich von ihr losriss, um das Leben in vollen Zügen zu genießen.

 

Sollte sie die Ärmste daran erinnern? 

 

Was hätte es denn nützen können? Nein, hier konnte nur liebendes Mitleid helfen, und von dem hoffnungslosen Jammer der armen Gefallenden gerührt, zog sie Charlotte leise zu sich heran und vernahm nun unter ihren schluchzenden Reuetränen ein schreckliches Geheimnis nach dem andern. 

 

"Ach, Anna, wie ist alles so ganz anders gekommen, als ich es mir dachte." -

 

"Durch Demut und aufrichtige Reue gewinnst du den Himmel wieder, Lotte."

 

"O Gott - O Gott - ja, jetzt muss ich demütig werden, jetzt muss ich es lernen - o, welch harte Buße für meinen vermessenen Stolz. Ach, Anna, wie glücklich bist du gegen mich! Ach - und ich hätte auch so sein können!"

 

"Vergiss nun das Vergangene und vertraue nun wieder ganz dem milden, barmherzigen Gott." -

 

Charlotte brach aufs neue in heiße Tränen aus. "Hätte ich es nur eher getan, Anna! Ich brauchte dann nicht beschämt und krank an Leib und Seele vor dir zu stehen. Hätte ich mich an Maria gehalten, hätte ich mehr gebetet - alles - alles wäre anders. Liebste Freundin, du ahnst es nicht, wie schlecht die Welt ist, wie man mir armen Kind schmeichelte, wie man mich Unerfahrene und Hoffärtige betörte - und mich schändlich betrog. Nun habe ich die Strafe für meinen Stolz. Ausgestoßen bin ich von der Menschheit, im Dunkel des Abends muss ich meine Schande verbergen, und darf mich vor den Eltern nicht mehr sehen lassen - Hochmut kommt vor dem Fall. Erst kommt der Stolz, dann der Leichtsinn und dann - und dann - und dann - das Ende mit dem Verlust des edelsten, jungfräulichen Kleinods. - So geht`s im Leben, und wenn man zu spät zur Einsicht kommt, ist alles verloren, alles vorbei - und der Tod würde eine erlösende Gnade sein." -

 

Die letzten Sätze erstarben in monotoner Verzweiflung.

 

"Mut, Lotte, Mut, noch lebt Gott und seine Barmherzigkeit", flüsterte Anna kreidebleich vor Entsetzen neben ihr. - "Maria Magdalena war auch eine große Sünderin - folge ihr nach in der Buße." -

 

So sprachen sie noch lange miteinander, bis Anna endlich aufstehen musste. Wohl nahm sie sich in der Folgezeit noch recht oft des armen betrogenen Wesens an, und es gelang ihr auch, Lotte einigermaßen wieder aufzurichten und sie zu bewegen, in einem Haus vom "Guten Hirten" für die Fehler ihres Leichtsinns Buße zu tun - ganz aber konnte sie Charlotte indessen doch nicht wieder zur einstigen Fröhlichkeit verhelfen; denn es gibt Fehler im Leben, deren Folgen sich niemals ausmerzen lassen, und die ausgekostet werden müssen bis zum bittersten Ende. -

 

Daher sehe jeder, der da steht, zu, dass er nicht falle. Der Wahn ist kurz, die Reue lang.

________________________________________________________________________

 

9. Du sollst Vater und Mutter ehren

 

Die goldenen Strahlen der Morgensonne fielen durch die Fenster eines stattlichen Hauses an der Hauptstraße einer westdeutschen Stadt. Aber es war kein heiteres Bild, das sie hier beleuchteten. In einem elegant eingerichteten Zimmer des ersten Stockwerkes befanden sich zwei Personen in eifrigem Gespräch beisammen. Es war Kaufmann Paul Helmer und seine Gattin, und die Unterhaltung, die die Eheleute miteinander führten, musste peinlicher Natur sein; denn der junge Mann blickte finster vor sich hin, und die Züge der Frau verrieten einen tiefen Kummer.

 

"Wenn du doch auf meine Worte hören wolltest, Paul", bat sie in ernstem und eindringlichem Ton. "Zwist mit den Eltern hat noch niemals Glück gebracht; als Teilhaber des großen Geschäftes deines Vaters hast du dein gutes, reichliches Einkommen. Bisher hat es uns an nichts gemangelt; kannst du nicht damit zufrieden sein?"

 

"Das verstehst du nicht, Mathilde", gab Helmer unwillig zur Antwort.

 

"Mir blieb nichts anderes übrig, als mein mütterliches Erbteil vom Vater herauszufordern; sollte er aber bei seiner Weigerung verharren, so muss ich die Hilfe des Gerichtes in Anspruch nehmen."

 

"Um Gottes willen!" stieß die junge Frau erschrocken hervor. "Du wolltest den guten Vater vor Gericht fordern? Das ist ja gegen alle Dankbarkeit und Ehrerbietung, die Kinder den Eltern schulden."

 

"Das sind veraltete Ansichten", meinte ihr Mann verächtlich. "Ich kann mein Recht fordern wie jeder andere. Als ich vor zehn Jahren volljährig wurde, habe ich es im väterlichen Geschäft gelassen; aber da ich nun ein eigenes Geschäft zu gründen beabsichtige, muss ich auf Auszahlung bestehen."

 

"O, ich weiß, wer dir diese Anschauungen beigebracht hat", jammerte die junge Frau. "Es ist Georg Hartwig, mit dem du dich vereinigen willst. Man hat mir erzählt, dass er keinen Glauben mehr besitzt und einen sehr lockeren Lebenswandel führt. Ich bitte dich nochmals, Paul, gib deinen Verkehr mit diesem Menschen auf, sonst werden wir alle ins Unglück gestürzt."

 

Laut weinen warf sie sich an die Brust ihres Mannes.

 

"Aber so beruhige dich doch, Mathilde", erwiderte er halb ärgerlich, halb mitleidig, indem er seine Hand auf ihre Schulter legte. "Dass ihr Frauen auch gleich alles von der schwärzesten Seite auffasst" Vielleicht kommt es auch nicht so weit, wie du befürchtest, und wir setzen uns noch gütlich auseinander."

 

Seine Gattin blickte hoffnungsvoll zu ihm auf. "Versprich mir, Paul . . ."

 

"Ich will tun, was ich kann", gab er ausweichend zur Antwort.

 

Mit dieser unbestimmten Versicherung verließ Helmer das Zimmer.

 

Die betrübte Frau begab sich in das Nebengemach, um bei ihren zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf und einem Knaben von drei Jahren Trost und Erheiterung zu suchen.

 

*       *       *

 

Zu derselben Zeit spielte sich im Nachbarhaus ein ganz anderer Vorgang ab. Ein ehrwürdiger Greis mit freundlichen Zügen sitzt dort in einem Sessel nahe dem Ofen. Vor ihm stehen seine blühenden Enkel Joseph und Lieschen, im Alter von elf und neun Jahren, und zeigen dem alten Mann frohlockend die Bildchen, die sie vom Lehrer für ihren Fleiß erhalten haben.

 

Dicht am Fenster hat die Großmutter Platz genommen und überwacht die ersten Strickversuche der siebenjährigen Anna. Oftmals beugt sich die Greisin zu ihrem Liebling herab, während ihre zitternde Hand den lockigen Scheitel der Kleinen streichelt und ihre Lernbegier lobt.

 

"Da ihr so brav und fleißig seid", meint lächelnd der Großvater, "habt ihr wohl eine Belohnung verdient . . ."

 

"O, erzähle uns eine Geschichte, Großväterchen", schmeichelt Lieschen, "keiner kann so schön erzählen, wie du."

 

"Ach, ja!" schloss sich Joseph an, und auch die kleine Anna sprang eilig herbei. 

 

"Nun denn, so merkt auf!"

 

Die Kinder rückten mit den Stühlen näher und der Greis begann zu erzählen. Er beschrieb den Tagesablauf zweier Knaben. Der Tag des einen verlief heiter und glücklich, während der andere nichts als Verdruss und Missgeschick hatte. Und was war deren Ursache? - Der erstere verrichtete stets andächtig sein Morgengebet, was sein Kamerad leichtsinnig unterließ.

 

"Merkt es euch, liebe Kinder", schloss der Großvater seine Erzählung, "wer nicht am Morgen betet, ist arm den ganzen Tag. Deshalb steht nie auf, ohne an Gott zu denken, dann wird er mit seinem Segen euch stets begleiten."

 

Während der letzten Worte trat der Sohn des alten Ehepaares, der Schreinermeister Ehrhardt, ins Zimmer und blickte mit glücklichem Lächeln auf die liebliche Gruppe. Dann erkundigte er sich freundlich nach dem Befinden der Eltern.

 

"Wir fühlen uns wohl und glücklich; wir haben alles, was wir bedürfen", antwortete der Vater, "nicht wahr, Mutter?"

 

Die alte Frau nickte freundlich.

 

"Das Geschäft scheint gut zu gehen", meinte der Greis, "denn du bist in letzter Zeit noch bis in die späte Nacht an der Arbeit."

 

"Ja, Gott sei Dank!" erwiderte sein Sohn mit zufriedenen Blicken, "ich hatte noch keinen Winter so viele Aufträge wie in diesem Jahr. Mit euch, liebe Eltern, ist das Glück bei uns eingezogen."

 

"Sage besser, der Segen Gottes, Franz", erwiderte die Greisin mit bewegter Stimme, "du bist ein guter Sohn und hast deine Pflichten gegen uns getreulich erfüllt."

 

"Wir haben noch keinen Augenblick bereut, dass wir zu ihm gezogen sind", meinte der alte Mann, als Meister Ehrhardt sich entfernt hatte. "Franz und seine gute Frau tun alles, was sie uns an den Augen ablesen können. Möge der Herr ihnen alle Liebe vergelten.

 

*       *       *

 

Einige Wochen später stand der Kaufmann Helmer seinem Vater gegenüber vor den Schranken des Gerichtes. Der alte Mann erklärte, in Jahresfrist das mütterliche Erbe auszahlen zu wollen und bat so lange um Aufschub, da die plötzliche Zahlung einer so großen Summe für sein Geschäft gerade jetzt verderblich sein würde. Doch der Sohn beharrte trotzig auf seinem Standpunkt, und der Richter war gezwungen, ihm die Summe zuzusprechen.

 

Niedergeschlagen hörte der alte Mann den Urteilsspruch. Als aber sein Sohn triumphierend das Haupt erhob, da flammte ein Zornesblick in seinen Augen.

 

"Paul! Paul!" rief er in lautem und ernstem Ton, indem er drohend die Hand erhob. "Du hast nun dein Recht erzwungen, aber das Geld wird dir und deinen Kindern keinen Segen bringen!"

 

Die zitternde Rechte sank herab, und gebeugt ging der alte Kaufmann davon. Alle Anwesenden blickten missbilligend auf den hartherzigen Sohn, der wie ein Gebrandmarkter den Saal verließ. Seine arme Frau aber hatte keine Ahnung von dem Vorgefallenen. Ihre schüchternen Fragen hatte er ausweichend und mürrisch beantwortet, dass sie nicht weiter in ihn drang. Von anderer Seite konnte sie auch nichts in Erfahrung bringen, da ihr leidender Zustand sie an das Haus fesselte.

 

Paul Helmer schlich gedrückt und scheu umher; das Gewissen schien ihm doch Vorwürfe zu machen.

 

"Es ist mir, als schwebe ein Unglück in der Luft", klagte er seinem zukünftigen Kompagnon. "Klangen die Worte meines Vaters nicht wie ein Fluch?"

 

"Ich hätte dich für gescheiter gehalten", erwiderte der Freigeist geringschätzend, "lass uns von etwas anderem sprechen. Wann erhältst du das Geld?"

 

"Ich habe den kürzesten Termin gestellt; binnen acht Tagen."

 

"Gut!" frohlockte sein Freund, "dann können wir bald unser Geschäft eröffnen. Feine ausländische Weine, das zieht in dieser Zeit des Genusses, das Geld wird uns förmlich zufließen." Und er malte dem in dieser Branche unkundigen Kaufmann das neue Unternehmen in den rosigsten Farben, so dass dieser seine trüben Gedanken vergaß.

 

Nach einiger Zeit stattete eine Verwandte von Frau Helmer dieser einen Besuch ab. Bald kam auch das Gespräch auf den Auftritt zwischen Vater und Sohn im Gerichtssaal - die Besucherin war der Meinung, Frau Helmer wisse darum. Diese schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, und jetzt wurde es ihr klar, warum die Eltern ihres Mannes nicht wie früher zum Besuch erschienen.

 

Als die Verwandte sich wieder entfernt hatte, ging sie in größter Aufregung in dem Zimmer auf und ab. Ihr Kopf glühte, eine schwere Beklemmung legte sich auf ihre Brust. Um sich Erleichterung zu verschaffen, öffnete sie ein Fenster und ließ die kühle Abendluft um ihre erhitzten Schläfen streifen. Diese Abkühlung tat ihr wohl, sie konnte wieder freier atmen.

 

Zufällig fielen ihre Blicke auf das Nachbarhaus des Schreinermesters Ehrhardt. Welch ein glückliches Familienleben führten diese einfachen und genügsamen Leute! Dort herrschte Gottesfurcht, Liebe und Frieden; warum konnte es in ihrer eigenen Familie nicht so sein? Die unglückliche Frau brach in bittere Tränen aus.

 

Als Paul Helmer spät abends heimkehrte, fand er seine Frau in heftigstem Fieber. Der herbeigerufene Arzt zuckte bedenklich die Achseln. Aus den abgerissenen Worten, die die Kranke in ihren Fieberphantasien hervorstieß, wurde dem bestürzten Gatten bald klar, was vorgefallen war. Nur wenige Tage waren vergangen, als der Tod an das Lager der jungen Mutter trat. Kurz vorher war sie zu neuem Bewusstsein erwacht, hatte mit rührender Andacht die hl. Sterbesakramente empfangen, und ihre sterbenden Lippen flüsterten dem Gatten zu: "Versöhne dich mit deinem Vater, Paul - tue es meinetwegen - deinetwegen - und um - unserer Kinder willen - -."

 

Dann schlossen sich die treuen, sanften Augen für immer.

 

Verzweiflungsvoll starrte der unglückliche Mann auf die Leiche der geliebten Frau.

 

"Des Vaters Fluch geht schon in Erfüllung", stöhnte er. "Mein guter Engel hat mich verlassen."

 

*       *       *

 

Zwölf Jahre sind seitdem verflossen. Meister Ehrhardt hat sich mit Fleiß und Sparsamkeit so weit emporgearbeitet, dass er das prachtvolle Nachbarhaus des Kaufmanns Helmer erwerben konnte.

 

Im Erdgeschoss befindet sich ein reichhaltiges Lager fertiger Möbel, und dahinter ist eine geräumige Werkstatt, in der der älteste Sohn und eine Anzahl Gesellen fleißig beschäftigt sind. Der Meister selbst ist mit seiner ältesten Tochter im Laden anwesend zur Bedienung der zahlreichen Kundschaft, während seine Frau mit der jüngsten Tochter den großen Haushalt besorgen. Der zweitälteste Sohn Joseph studiert und tritt demnächst ins Seminar, um Priester zu werden.

 

"Ach, wenn wir dies noch erleben könnten!" sagt oft der Großvater zu der Lebensgefährtin, "dann wollten wir in Frieden sterben."

 

"Gott gebe es!" erwiderte die Greisin und lässt die Perlen des Rosenkranzes stillbetend durch die zitternden Finger gleiten. Die beiden Leute sind trotz ihres hohen Alters noch ziemlich rüstig.

 

Kaufmann Helmer wohnt in seinem einstigen Besitztum als Mieter. Der früher so stattliche Mann ist kaum wiederzuerkennen, Schicksalsschläge und leidenschaftliche Trunksucht haben seine Gesundheit untergraben.

 

Erschüttert durch den Tod seiner Frau, war Helmer anfangs willig, den Wunsch der Sterbenden zu erfüllen und sich mit seinem Vater zu versöhnen. Aber er schob sein Vorhaben von Tag zu Tag auf, bis plötzlich ein Herzschlag den durch Kummer gebeugten alten Mann dahinraffte.

 

Seine Prophezeiung ging an dem unbarmherzigen Sohn auf die traurigste Weise in Erfüllung. Einige Zeit nach dem Tod seiner Frau nahm eine Krankheit ihm sein jüngstes Kind, seinen Liebling hinweg. Das neue Unternehmen bewährte sich nicht in dem Maße, wie die beiden jungen Gründer erwartet hatten. Eines Tages war sein Freund und Teilhaber mit dem vorhandenen Geld verschwunden.

 

Helmer besaß nicht die Mittel, das Unternehmen fortzuführen, über sein Vermögen wurde der Konkurs eröffnet, und er war gezwungen, in einem Geschäft Stellung als Buchhalter zu nehmen.

 

So waren trübe Jahre vergangen, doch Helmer hoffte immer auf bessere Zeiten. Seine beiden Kinder, Emma und Robert, wuchsen heran, empfanden aber wenig Liebe zu ihrem Vater. Dieser ließ ihrem jugendlichen Leichtsinn auch die Zügel schießen und meinte, Jugend müsse sich austoben. Als aber seine Tochter mit einem charakterlosen, jungen Burschen ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, trat er ihr entschieden entgegen. Doch Emma entgegnete kalt, sie würde warten bis zu ihrer Volljährigkeit, dann brauche sie auf niemand mehr Rücksichten zu nehmen.

 

Der Vater brauste auf: "Wie kannst du dir diesen unehrerbietigen Ton erlauben, ungeratenes Mädchen!" rief er bebend vor Zorn. 

 

"Das nennst du unehrerbietig?" fragte die Tochter verächtlich. "Es ist aber lange nicht so schlimm, als wenn jemand seinen Vater vor Gericht fordert, um ihm Geld abzupressen!"

 

Helmer erbleichte und wankte aus dem Zimmer. O, wie rächte sich seine Sünde an den eigenen Kindern!

 

Um seinen Schmerz zu betäuben, nahm der unglückliche Mann mehr wie je seine Zuflucht zur Flasche, bis ihn der Prinzipal die Stellung kündigte, da er seinen Posten vernachlässigte. In einer kalten Winternacht brachte man einen auf der Straße gefundenen, völlig erstarrten Mann zur Polizei, in dem man den Kaufmann Helmer erkannte. Er erwachte von seinem Rausch nicht wieder; infolge des übermäßigen Alkoholgenusses hatte ein Herzschlag seinem Leben ein jähes Ende bereitet.

 

"Welch ein tragisches Ende!" rief Frau Ehrhardt erschüttert aus, als sie den Tod ihres Hausgenossen erfuhr. "Und was ist aus den Kindern geworden?" fragte sie ihren ältesten Sohn.

 

"Ach, das ist auch eine traurige Geschichte", sagte er aufseufzend. "Robert war ein tüchtiger Bankbeamter und hatte eine glänzende Zukunft vor sich. Doch genusssüchtig und leichtsinnig, kam er mit seinen Mitteln nicht aus; infolgedessen beging er Unterschlagungen und ist ins Ausland geflohen."

 

"Entsetzlich! Und Emma?"

 

"Die hat bei Verwandten Unterkunft gesucht, da ihr Mann sie verlassen hat."

 

"Hier waltet die Strafe Gottes" nahm jetzt Meister Ehrhardt mit tiefem Ernst das Wort. "Paul Helmer hat das vierte Gebot nicht geachtet, und die Kinder müssen mitleiden unter dem Fluch des Vaters; denn die Sünden der Eltern rächen sich bis ins vierte Geschlecht."

 

Die Familie Ehrhardt erfreut sich heute allgemeiner Achtung. Die Großeltern erlebten noch die Freude, ihren Enkel als Priester am Altar zu sehen. Sie starben beide kurz nacheinander, mit Segensworten für ihren Sohn und dessen Kindern auf den Lippen.

 

Meister Ehrhardt hat das Geschäft seinem ältesten Sohn übertragen und ist mit seiner treuen Gattin zu seinem geistlichen Sohn übergesiedelt. In stiller, friedlicher Zurückgezogenheit verbringt das Ehepaar hier den Abend seines Lebens und genießt in reichem Maße den Segen, den Gott allen denen verheißen hat, die treu das vierte Gebot erfüllen.

________________________________________________________________________

 

10. Erlebnisse eines deutschen Jesuiten

in der portugiesischen Revolution

 

(Der nachfolgende Bericht beruht auf schriftlichen und mündlichen Angaben des hochw. P. Zimmermann SJ, enthält also nur rein tatsächliche Begebenheiten.)

 

Es war am 4. Oktober 1910. In den Straßen von Lissabon herrschte wildes Treiben. Aufruhr und Empörung war seit der Nacht die Losung des gemeinen Pöbels. Thron und Altar galt der Kampf.

 

Schon bald, nach kurzem, aussichtslosen Widerstand der Königstreuen, hatte die Revolution gesiegt. Die Dynastie der Braganza war gestürzt, Kirchen und Ordenshäuser sahen von neuem die schrecklichen Greuel der großen französischen Revolution.

 

Kein Wunder, dass die zügellosen Horden in den Jesuiten des Landes gleich ihre ärgsten Feinde erblickten. War doch kaum jemand so mutig und so unbeirrt, wie gerade sie, eingetreten für Autorität und Religion. Drum war: Kampf und Tod den Jesuiten! die zweite Losung.

 

Nicht anders dachte die neue Regierung, die sich zusammensetzte aus Freimaurern und deren Gesinnungsgenossen. Ihren Hass gegen die Religion zu befriedigen, dünkte ihnen weit wichtiger, als die eben errungene Herrschaft durch weise Verfassungsgesetze zu stützen und zu befestigen. Bereits am 5. Tag der Republik erfolgte das Dekret der Ausweisung der Orden. Die Jesuiten, Portugiesen oder Ausländer, hätten zudem noch am gleichen Tag der Veröffentlichung das Land verlassen müssen. Ihre Güter nahm der Staat für sich in Beschlag.

 

*       *       *

 

Campolide, das größte und schönste Kolleg der portugiesischen Ordensprovinz, ein Gymnasium mit ungefähr 260 Schülern, hatte bereits am 4. Oktober viel von den Aufständischen zu leiden. Die Flucht der Bewohner erschien bald als einziger Weg zur Rettung. So schickte denn der Rektor des Hauses die Seinen in Gruppen von je zwei hinaus ins Ungewisse. Mehrere konnten sich glücklich retten; andere sahen sich jedoch gezwungen, vor dem empörten Pöbel zu weichen; gehetzt und verfolgt kamen sie zum Kolleg zurück.

 

Unterdessen hatte die königstreue Artillerie von Queluz neben dem Kolleg Aufstellung genommen, ungefähr 500-600 Meter ihr gegenüber die Revolutionäre mit ihren Kanonen. Mit ihrem Kugelregen setzte das Zerstörungswerk in Campolide ein. Gleich die erste Granate traf die Kuppel des Treppenhauses; prasselnd kamen Steine und Glasplatten zu Boden. Andere Granaten folgten und platzten unter großem Getöse. Die Kugeln der Mausergewehre prallten meistens wirkungslos an den Wänden ab, manche trafen jedoch die Fenster, so dass die Scheiben klirrend ins Zimmer fielen.

 

Zwei Granatschüsse erreichten die beiden Türme des Kollegs. Waren sie beabsichtigt? Leider schien es so. Dasselbe lässt sich im übrigen von der Verwüstung wohl nicht behaupten. Denn die königstreue Artillerie nebenan war das Ziel der revolutionären Kanonen, und so kam es ganz von selbst, dass manche Kugeln ihren Weg zum Kolleg fanden. Der angerichtete Schaden war beträchtlich, die Gefahr wurde immer größer.

 

"Rette sich, wer kann!" hieß es darum jetzt in Campolide.

 

Auch P. Zimmermann, ein Deutscher aus dem biederen Schwabenland, war noch dort. Einst vor 21 Jahren hatte er, ein junger Mann mit hohen Idealen, sein Vaterland verlassen, um - Gottes Ruf folgend - anderswo eine neue Heimat zu suchen: er wollte den armen Schwarzen aus Sambesi im heißen Afrika ein Bote des Heils werden. Da aber portugiesische Jesuiten jene schwierige Mission verwalteten, ging er kurz entschlossen nach Portugal ins Noviziat der Gesellschaft Jesu. Erst seit kurzem war er in Campolide als Lehrer der portugiesischen Jugend angestellt.

 

Jetzt hieß es also fliehen! Eine Verkleidung sollte ihn unkenntlich machen. Schnell vertauschte er darum das Ordensgewand mit Laienkleidern, darüber zog er einen englischen grauen Regenmantel. Ein weißer, hoher Kragen, schwarze Halsbinde, eine spanische Mütze sollten die Verkleidung vollenden. In die Hand nahm er einen silberbeschlagenen Spazierstock. So wollte er sich ganz frei und ungeniert vor den Leuten zeigen, und im Gefühl ziemlicher Sicherheit hoffte er, nach kurzer Zeit unerkannt einen etwa 20 Minuten entfernten Nebenbahnhof zu erreichen, um sich dann nach Spanien zu retten.

 

Ein kurzes Abendessen vor der Flucht wollte ihm wenig munden. Denn beständig drangen Gewehrkugeln in den Speisesaal; wie die andern, so musste auch er ein schützendes Plätzchen suchen, um nicht gleich erschossen zu werden.

 

Danach begab er sich hinaus; mit ihm ein jüngerer Ordensmitbruder. Ein kurzes Gebet um den Segen des Himmels machte ihnen Mut. 

 

Wie wenig seine Zuversicht auf die Verkleidung berechnet war, sollte ihm bald recht unangenehm zum Bewusstsein kommen. Denn kaum war er wenige Schritte vom Kolleg entfernt, da lief eine Schar Kinder auf ihn zu. Sorglos hatten sie inmitten all der Gefahren auf der Straße gespielt.

 

"Bitte Pater, cinco reisinhos!" d.h. nur 2 Pfenniglein!

 

Das kann ja noch interessant werden, dachte P. Zimmermann. Leider konnte er den Kindern nichts geben, da er keine Scheidemünzen bei sich hatte.

 

Also weiter! Die Straße war beunruhigend leer und still. Aber in allen Häusern drängte sich eine große Menge neugierig an die Fenster, um nur nicht zu übersehen. Jeder Augenblick konnte ja interessante Neuigkeiten bringen.

 

Bald hatte P. Zimmermann das letzte Haus von Lissabon erreicht. Nur ein Tälchen trennte ihn noch von seinem nächsten Ziel, jenem Nebenbahnhof. Wieder wurde er erkannt und um ein Almosen angesprochen; jetzt waren es drei junge Burschen. Der Pater vertröstete sie auf ein anderes Mal, da es ihm an Kleingeld fehle.

 

Auf einer Anhöhe, etwa 50 Meter von der Straße entfernt, stand ein Mann und schaute herunter. "Achtung! Da kommt ein Professor von Campolide; schieß ihn nieder!" wurde ihm von einem der drei Jungen laut zugerufen. 

 

P. Zimmermanns Begleiter blieb infolgedessen ein wenig zurück; er selbst schritt mutig voran. Gleich darauf pfiffen zwei Revolverkugeln an ihm vorbei, die der Mann auf ihn abgefeuert hatte. Beide trafen jedoch nicht. P. Zimmermann beschleunigte nun seine Schritte, um möglichst bald zur Station zu gelangen. Doch so einfach war dies noch nicht.

 

Der Pater musste nämlich hier an einem kleinen Bach entlanggehen, über eine steinerne Brücke schreiten und auf der anderen Seite des Ufers die gleiche Strecke zurückgehen; erst dann konnte er zum Bahnhof eilen. 

 

Da stieg plötzlich einen furchtbare Ahnung in ihm auf: der Mann mit dem Revolver brauchte nur den Abhang herunterzukommen und am Bach zu warten, bis er selbst am andern Ufer dicht an ihm vorüber musste. So nahe konnte er sein Ziel schwerlich verfehlen. 

 

Und in der Tat! Eben war P. Zimmermann auf der Brücke und sah zurück, da stand der Mensch auch schon unten am Bach. Gemächlich lud er gerade von neuem seinen Revolver. Was war nun zu tun? Zurück? Unmöglich; da stand ja sein Feind. Zur Seite ausweichen? Das ging auch nicht, denn hohe Mauern fassten zu beiden Seiten den Weg ein. Es blieb also keine Wahl. Ohne Ausweg musste der Pater auf der anderen Seite des Baches an dem unheimlichen Menschen vorbeigehen, der schussbereit ihn erwartete.

 

P Zimmermann empfahl sich innig seinem Schutzengel und lief beherzt weiter, so schnell als seine Füße ihn nur tragen wollten.

 

Jetzt hieß es also: auf Leben und Tod! Er kam in die Nähe des Burschen, war nur mehr 3-4 Meter durch den Bach von ihm getrennt; der feuerte ab, dann noch einmal. P. Zimmermann stürzte zu Boden; das rechte Bein schmerzte ihn, und er glaubte sich verwundet. Doch, Gott sei Dank, keine Kugel hatte getroffen, er war nur im Lauf über einen Stein gestolpert.

 

Schnell raffte er sich also auf. Ein Olivenbaum bot ihm jetzt zudem ein wenig Deckung. Schleunigst eilte er auf das Bahngelände zu. Wiederum schoss jener Mensch zwei Kugeln auf ihn ab, aber wiederum erreichte keine Ihr Ziel. 

 

Doch wie war das nur möglich? P. Zimmermann glaubte, der Kerl müsse wohl zum ersten Mal mit einem Revolver hantiert haben, denn sonst hätte er unbedingt getroffen werden müssen. Für jetzt war er also noch einmal dem sicheren Tod entgangen. Wann wird diese Szene sich wiederholen? Würde er dann wieder so glücklich der Gefahr entrinnen?

 

Vor ihm waren bereits mehrere Patres und Brüder von Campolide am Bahnhof angelangt, alle natürlich verkleidet. Schweigend ging er an ihnen vorbei. Er kümmerte sich nicht um sie, sie nicht um ihn; es hätte ja allen das Leben kosten können.

 

Bald hielt er seine Fahrkarte in der Hand und wartete auf den Zug. "Flieht, flieht!" ertönte es da plötzlich. Alles wich entsetzt zur Seite; P. Zimmermann stürmte durch eine Hintertür aus dem Bahnhof hinaus. Dort sah er sich noch einmal um, was es denn eigentlich gebe, was seine Mitbrüder anfangen würden. Gerade erdröhnte ein Schuss; getroffen sank ein Mann in die Arme eines andern.

 

An der anderen Seite des Bahnhofs eilte jetzt der Pater den Abhang hinunter, denn die Station lag ja auf einer Anhöhe. Da plötzlich blieb er stehen und schaute um. Niemand beschäftigte sich mit ihm. Also, dachte er sich, wird es am besten sein, langsam weiterzugehen. So konnte es den Anschein gewinnen, als ob er nur einen Spaziergang mache. Gedacht, getan.

 

Unten am Fuß des Hügels war ein Mann, der sich nachlässig an ein Brückengeländer anlehnte. Kaum hatte er den verdächtigen Fremden gesehen, da zeigte er auch schon seinen Revolver. Doch "der wackere Schwabe forcht sich nit, ging seines Weges Schritt vor Schritt" an dem unheimlichen Menschen vorüber, der deshalb auch wirklich einen harmlosen Spaziergänger vor sich zu haben meinte.

 

Aber jetzt war guter Rat teuer. P. Zimmermann kannte Lissabon nicht genauer und wusste daher keinen Bescheid in dieser einsamen Gegend. Alle Wege waren ihm fremd. Er musste sich also vertrauensvoll der Vorsehung überlassen und aufs Geratewohl eine Straße wählen. 

 

Nach einiger Zeit hörte er laute Stimmen hinter einem Haus. Da er selbst von den Leuten noch nicht bemerkt war, zog er es vor, zurückzugehen; er konnte ja nicht wissen, was ihm da bevorstehen würde, durfte aber das Schlimmste für sein Leben befürchten. 

 

Zum zweiten Mal kam er bis nahe an die Station. Dort begegnete ihm ein Mann vom Land, der eine Ziegenherde vor sich her trieb.

 

"Herr, wohin gehen Sie?" fragte er.

 

"Zum Bahnhof", antwortete der Pater.

 

"Gehen Sie um des Himmels willen nicht hin; dort wird viel geschossen."

 

Dem Pater leuchtete dieser Rat ein; er blieb daher bei dem guten Landmann und freundlich unterhielt er sich mit ihm. Dass er Priester sei, verriet er natürlich mit keiner Silbe, sondern sprach, wie wenn es ihm ganz geläufig wäre, mit seinem Begleiter über Milch, Käse, Ziegen, schlechte Zeiten und was sonst dem einfachen Mann nahe lag. Und wie froh konnte er sein, ihn bei sich zu haben! Unbehindert ging er jetzt durch die Menge, die er kurz vorher aus Furcht vermieden hatte. 

 

Schon wurde es dunkel, und so ist es begreiflich, dass es dem einsamen Wanderer um diese Zeit in den Vororten von Lissabon nicht gerade geheuer war. Er entschloss sich daher, zur Stadt zurückzugehen und trennte sich von dem freundlichen Ziegenhirten. 

 

Also wiederum die Anhöhe hinauf, über die der Weg sicher zur Stadt führte. Auf einmal sah er sich zu seinem Entsetzen einer Rotte von 50 Revolutionären gegenüber. Sie versperrten mit Waffen die Straße.

 

"Es lebe die Republik!" schrie einer von ihnen, um die Gesinnung des Fremden zu erforschen. "Ja, ja, es lebe die Republik", antwortete P. Zimmermann in möglichst schlechtem Portugiesisch.

 

Die List gelang. "Es ist ein Spanier; lasst ihn laufen", rief jetzt ein anderer.

 

Bald kam er an eine zweite Gruppe, die ebenfalls bewaffnet war. Diesmal ging er ganz unbefangen auf sie zu, um jeden Verdacht abzulenken. Er redete sie sogar an und erklärte ihnen, er sei ein Fremder, habe die Stadt verlassen wollen, fürchte sich aber, zur Station zu gehen, weil dort viel geschossen würde. Sie möchten daher so freundlich sein, ihm zu sagen, auf welchem weg er am sichersten nach Lissabon kommen könnte. Er stand nämlich gerade an einem Scheideweg.

 

Wie er vorausgesehen hatte, gab ihn einer den gefährlichsten an. Ein anderer meinte dazu: "Du hättest ihn auf die Rotunda schicken sollen", d.h. auf den Hauptkampfplatz in Lissabon.

 

Wohl oder übel musste P. Zimmermann diesen gefährlichen Weg nehmen; denn die Leute vermuteten schon längst in ihm einen Priester. Scharf wurde er von ihnen gemustert. Nur zu gerne hätten sie es gesehen, wenn er einmal seine Mütze abgenommen hätte. Er hütete sich jedoch wohl, ihnen diesen Gefallen zu tun. Mehr als einer seiner Mitbrüder war auf der Flucht an der Tonsur als Geistlicher erkannt und dann ins Gefängnis geschleppt worden. Dem Bruder Koch von Campolide, der glücklich zum Bahnhof gekommen war, riss man gar den Hut vom Kopf und zupfte ihn an den Haaren, um zu sehen, ob die auch wirklich festgewachsen seien. Er konnte ja vielleicht mit fremden Haaren eine Tonsur zugeklebt haben.

 

Noch ein drittes Mal musste P. Zimmermann an einer Bande von Revolutionären vorbei. Freundlich wünschte er ihnen guten Abend und wollte weiter gehen. Doch einige waren damit nicht zufrieden. Ein paar gute Worte schaden nie, also sie mutig angesprochen, dachte er.

 

"Hört", sprach er zu ihnen, "ich bin ein Deutscher und habe daher mit eurer Politik nichts zu schaffen. Ich hoffe, dass ihr einem Fremden den Spaziergang doch nicht verweigern werdet."

 

Das half. "Ja, du bist ein unschuldiges Kind, geh nur deinen Weg weiter", antwortete einer von ihnen. Jetzt sollten für ihn die schrecklichste Stunden seiner Flucht kommen. Die Revolutionäre ließen ihn zwar seinen Weg fortsetzen, aber einer folgte ihm, den geladenen Revolver in der Hand und immer nur zwei Schritte hinter ihm.

 

P. Zimmermann glaubte, der Mensch habe die furchtbare Absicht, ihn auf freiem Feld einfach zu erschießen. Innig empfahl er sich darum noch einmal dem Schutz des Himmels. Gern wollte er Gott das Opfer seines Lebens bringen; denn nur ihm zuliebe war er ja Jesuit und Priester geworden. Jeden Augenblick war er auf den Tod gefasst.

 

Zwanzig bange Minuten schritt er so in Todesangst dahin, bis er am späten Abend die ersten Häuser von Lissabon erreichte. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn. Und doch durfte er in seinem Benehmen keine Aufregung verraten; sonst wäre er ja gleich verloren gewesen.

 

"St!" vernahm er dann plötzlich hinter sich. Sein Begleiter war es gewesen. Er kehrte darauf zurück, nachdem er seinen "Schützling" in die "Obhut" anderer gegeben hatte. Etwa 30 Schritte weiter erfolgte auf jenes "st!" von einem anderen Revolutionär prompt die Antwort: ein hüstelndes "m-m". 

 

"Aha, ein Signal", sagte sich der Flüchtling. In der Tat! Kaum war er einige Schritte vorangegangen, da hörte er dasselbe Zeichen: "st!" - "m-m", dann wieder "st!" - "m-m", und so ging es fort von einem Wachtposten zum andern bis gegen 9 Uhr abends. Selbst in den Straßen der Stadt gab die Postenkette stets getreulich ihr Signal: "st!" - "m-m". 

 

In Lissabon war Pater Zimmermann jetzt also; doch was sollte er beginnen? Er wusste es selbst nicht. Er kam in eine Straße, die von einer großen Menge Republikaner besetzt war. Bereits öfters hatte es ihn gerettet, wenn er frei die Leute anredete. Er wollte es auch jetzt wieder versuchen.

 

Doch ganz unvermutet fühlte er sich an die Schulter gegriffen. Unmittelbar vor seinen Augen sah er einen Revolver, dessen Lauf gar seine Nase berührte.

 

"Wohin?" lautete die strenge Frage.

 

"Das geht Sie gar nichts an. Ich bin ein Deutscher und kein Portugiese."

 

"Doch, ich will es wissen."

 

"Nun gut, wenn es unbedingt sein muss: ich will in die rua de prata Nr. 8." Dort war nämlich eine deutsche Agentur, was P. Zimmermann nur ganz zufällig erfahren hatte.

 

"Hier durch diese Straße dürfen Sie nicht."

 

"Warum nicht? Ich kann doch hingehen, wohin ich Lust habe."

 

"Das geht nicht; in dieser Straße wird es bald zum Kampf kommen. Gehen Sie also zurück, und machen Sie dann, was Sie wollen."

 

P. Zimmermann konnte also nichts Besseres tun, als zurückgehen. Mittlerweile war auf der anderen Seite die Straße auch schon von Revolutionären besetzt worden. Doch der Pater musste hindurch. Höflich und freundlich schob er erst diesen, dann den zur Seite. Kein Mensch schien auf ihn zu achten.

 

Nach einiger Zeit entdeckte er, dass er ganz in die Nähe des Kollegs von Campaloide gelangt war. Sollte er wieder hineingehen? Er entschied sich, es lieber nicht zu tun. Er wusste ja nicht, wer dort jetzt Herr im Hause sei. Eine traurige Nacht für einen Ordensmann! Gehetzt und verfolgt, von allen Seiten mit dem Tod bedroht, wanderte er weiter ohne ein festes Ziel durch die Straßen der fremden Großstadt.

 

Einmal geriet er auf diesem unglücklichen "Spaziergang" mitten in ein Straßengefecht. Heiß und blutig wurde auf beiden Seiten gestritten, Revolutionäre und Königliche. Leise betete er. Und siehe, ungestört und ohne Schaden schritt er langsam durch die kämpfende Menge. 

 

Dann ging er weiter in der Stadt umher. Überall sah er nur ein wild erregtes, betörtes Volk. P. Zimmermann fühlte sich so einsam, verlassen. Wieder fand er eine Straße gesperrt. Er verließ daher die hellerleuchteten Hauptstraßen und wandte sich engen und dunklen Gassen zu. Aber wo befand er sich nur? Niemals war er dort gewesen. Wohin sollte er sich wenden, und wer konnte ihm helfen? Unstet irrte er weiter und durchschritt ein Gässchen nach dem andern.

 

Sein Weg mündete endlich auf einen freien Platz, die praca de Camoes. Dort erhebt sich ein hohes Standbild des Luiz de Camoes, des größten Dichters Portugals. P. Zimmermann hatte es schon mal gesehen und stand jetzt glücklich wieder auf bekanntem Boden. Er fasste den Entschluss, von hier aus die Niederlassung der Jesuiten in der rua do Quelhas aufzusuchen.

 

Jetzt achtete man aber wieder mehr auf ihn. "Das ist ein verkleideter Priester." "Er ist ein verkappter Jesuit" und dergleichen "Schmeicheleien" rief man ihm nach. "Was mag er wohl unter der Mütze haben?" fragte höhnisch ein anderer; er meinte natürlich die Tonsur. Doch P. Zimmermann kümmerte sich um diese Reden nicht und wanderte möglichst unbefangen weiter.

 

Zum Ordenshaus wollte er aber nicht mehr. Denn die Straßen waren leer und einsam, und das schien ihm verdächtig. Doch fand er auch kein Hotel oder Privathaus, in das er sich hätte retten können. In der Schreckensnacht hatten alle Leute Türen und Fenster verschlossen. Die Straßen und freien Plätze mussten ihn Unterkunft für die Nacht bieten.

 

So kam er an den Hafen von Lissabon, wanderte weiter, kam wieder auf einen großen Platz, in dessen Mitte wieder ein Standbild emporragte. Auf der Treppe des Denkmals hatten sich junge Republikaner niedergelassen. "Achtung! da kommt ein gutes Wild", wurde er ihnen von weitem bereits angemeldet.

 

Nur Ruhe konnte ihn jetzt wieder retten. Drum tat er, als wolle er sich nur das Denkmal besehen. Auch schien es ihm gut, ein wenig laut zu denken: "Gar nicht übel; nur schade, dass es so dunkel ist; ich kann aber morgen wiederkommen."

 

Über Erwarten gut gelang die List. "He, dieses Mal hast du dich getäuscht; dies ist kein gutes Wild", rief jetzt einer der Burschen dem ersteren zu.

 

Nach einiger Zeit sah P. Zimmermann plötzlich einen Stern der Hoffnung vor sich: ein hell erleuchtetes Haus. Grande Hotel zentral nannte es sich stolz. Im Wind flatterte schwarz-weiß-rot die deutsche Flagge. Gottlob, dort wird er Landsleute finden.

 

Eilig trat er ein; ein Zimmer war frei für ihn, und jetzt fühlte er sich gerettet, gerettet vom Tod, dem er mehr denn einmal ins Auge schauen musste. Wie wohl wurde ihm nun! Er war ja fürs erste sicher geboren bei Landsleuten aus der geliebten, fernen deutschen Heimat. Ein Dankgebet, so innig und herzlich wie noch niemals in seinem Leben entrang sich seiner Brust. 

 

Gegen 11 Uhr konnte er sich endlich, ermüdet von den Schrecken des Tages, zur Ruhe begeben, und er schlief den Schlaf des Gerechten. Draußen in den Straßen wogte der Kampf und donnerten die Kanonen. 

 

Am anderen Morgen ließ P. Zimmermann einen befreundeten Fabrikherrn zu sich in das  Hotel bitten. Bei ihm wollte er sich erkundigen nach dem Schicksal von Campolide und seiner Mitbrüder. Auch hoffte er, von ihm gute Ratschläge für sich selbst zu erhalten. Natürlich war der wackere Mann zu jedem Dienst bereit und versprach seine volle Beihilfe.

 

Den größten Teil des Tages blieb P. Zimmermann allein in seinem Zimmer. Zum Frühstück und zum Mittagstisch begab er sich ungezwungen in den Salon. Beinahe alle Gäste des Hauses, - 3 Franzosen ausgenommen, - waren seine Landsleute. Er behielt natürlich stets seine Mütze auf dem Kopf, selbst bei Tisch; es sollte ja niemand erfahren, dass er eine Tonsur trage und Priester sei. Tatsächlich schöpfte auch keiner von den Herren Verdacht, so sonderbar es ihnen auch wohl vorkommen mochte, ihn im Hotel mit einer Mütze bedeckt speisen zu sehen.

 

Auf der Straße wogte den ganzen Tag der Pöbel auf und nieder. P. Zimmermann ging auch mal ans Fenster, um das Schauspiel mit anzusehen. Eine offene Kutsche fuhr vorüber. Darin saß Alfonso Costa, der würdige Justizminister der jungen Republik, zu seiner Rechten ein Mann, den P. Zimmermann nicht kannte, und mitten zwischen diesen beiden stand ein Dritter, der beständig seinen Arm ausgestreckt hielt und in der Hand einen geladenen Revolver hatte. Das verblendete Volk umringte diese Kutsche und ließ jauchzend die Freiheit hochleben.

 

Tags darauf, es war am Donnerstag, kam der Fabrikherr mit seinem Sohn wieder in das Hotel. An der Pforte fragte er an, ob der Dr. Zimmermann da sei. Ein Diener gab zur Antwort, man wisse es nicht. Doch sei ein Herr im Hotel, der seinen Namen nicht angegeben habe. Es habe den Anschein, als ob es ein Priester sei. Weiter geschah aber nichts, und der Diener hat wohl keinem seinen Argwohn mitgeteilt. 

 

Der Herr brachte

________________________________________________________________________

Schutzpatron der Bauern 

 

11. Was der kann, das kann ich auch - Von H. Bals

 

Der Liesenfranz hatte 50 Morgen unter dem Pflug und dazu einen schönen Obstgarten hinter dem Haus. Sein ehemaliger Schulkamerad, der Heitpeter hatte 50 3/4 Morgen Ackerland und ebenfalls einen Gemüse- und Obstgarten hinter dem Haus. Das Land des Liesenfranz lag eben, das des Heitpeters dagegen war hügelig und bergig. Als es nun zur Zeit der Ernte an Leuten fehlte, da kam der Liesenfranz auf den Gedanken, sich eine Mähmaschine anzuschaffen. Das Ding arbeitete tadellos, und so war dem Franz geholfen. Der Peter betrachtete die Maschine mit neidischen Augen. "Was der kann, kann ich auch!" sagte er, fuhr in die Stadt und bestellte eine Mähmaschine, und zwar noch eine weit bessere als die seines Nachbarn. Auf einige hundert Mark konnte es dabei gewiss nicht ankommen. Als er aber die Maschine auf seinem hügeligen Acker aufstellte und damit zu arbeiten begann, da stellte sich heraus, dass das Ding eigentlich für dieses Land kaum zu gebrauchen war. Aber darauf kam es weniger an. Der Peter hatte jetzt eine Maschine, das wusste man im ganzen Dorf, und er stand also dem Franz nicht im geringsten nach.

 

Der Franz hatte einen Ochsen, der ihm treu und redlich die Feldarbeit verrichtete. Eines Tages war in einem benachbarten Städtchen Jahrmarkt. Der Franz war mit seinem Öchslein dorthin gezogen und brachte am Abend einen hübschen "Braunen" mit nach Hause. Am folgenden Tag erzählte man es im ganzen Dorf, dass der Liesenfranz ein Pferd gekauft habe. Einige sagten, der junge Mann strebt vorwärts; er hat nicht umsonst die landwirtschaftliche schule besucht. Der Peter, der bis dahin auch mit einem Ochsen gearbeitet hatte, wurde vor Neid rot bis hinter die Ohren, als er davon hörte. "Was sich der wohl einbildet", murmelte er vor sich hin, "nichts, nichts ist er mehr als ich, und was der kann, das kann ich auch!" Die Stadt war nicht allzuweit. Eines Morgens dampfte der Peter dorthin ab. Bei einem Händler kehrte er ein. Da sah er prächtige Pferde, viel schönere noch als selbst vor dem Kutschwagen des Herrn Amtmanns eins ging. Da stand eine braune Stute, ein gar prächtiges Tier. Fast so groß, wie der Peter selbst, mit breiter Brust, schön gebogenem Hals und hübschem Sattelrücken. Auf dem Pferdchen ließe sich gewiss stolz reiten am Schützentag, dachte der Peter und fragte nach dem Preis. Der war sehr hoch und der Peter hatte kaum mehr als die Hälfte bei sich. "Das macht nichts", sagte der Händler. "Ihr könnt ja schreiben. Ein kleines Zettelchen genügt mir. Bezahlen könnt Ihr dann, wenn`s Euch beliebt." Der Peter schmunzelte und striegelte den "Braunen". Dann zahlte er das Geld auf den Tisch, unterschrieb einen Wechsel, schwang sich auf sein Pferd und ritt heimwärts. Alles blickte auf den stolzen Reiter und der Joseph und der Wilhelm und die Kathrin und die Dina kamen angelaufen, um das neue Pferd zu besehen und zu bewundern. Der Gaul wurde am folgenden Tag angespannt, aber da zeigte er seine Nücken (Launen, Bosheit, Tücken etc.). Der schien nie einspännig gefahren zu sein. Aber das sollte er noch lernen. Doch wenn`s mal bergauf ging, dann schüttelte der Braune den Kopf und ging nicht vom Fleck. Das Ende vom Lied war, dass der Händler das Pferd zurücknehmen musste. Das tat er auch und besorgte dem Peter wieder ein edles Pferd, nämlich ein "zugfestes". Nur hatte der Peter fast 50 Taler zuzuzahlen, und da er das augenblicklich nicht konnte, so musste er wieder schreiben. Das war schnell geschehen und schon nach wenigen Minuten streute der Händler weißen Sand auf die Stelle, wo in Schriftzügen zu lesen stand: Peter Heit. 

 

Der Franz Liese hatte ein kleines Bauernhäuschen mit niedrigen Fenstern, grünen Läden und weißgetünchten Giebelseiten. Die eine Seite war aber schon im Laufe der Zeit so schlecht geworden, dass sie aus der Lotrichtung gerückt war. Da überlegte der Franz hin und her, wie er den Schaden ausbessern könne. Flickarbeit blieb Flickarbeit, und zudem war dies auch kaum möglich. Er zählte das Geld. Es war dieses Jahr eine gute Ernte gewesen und ein schönes Sümmchen übrig geblieben. Aber reichen tat es noch nicht. Der Franz hatte aber einen guten Freund an der Sparkasse und dieser besorgte ihm das fehlende Geld auf Amortisation, d.h. nach etwa 30 bis 35 Jahren war das Kapital bei mäßigem Zinssatz abgetragen. Nun würde das der Franz vielleicht nicht mehr erleben, aber er dachte, es schadet gewiss auch nicht, wenn meine Erben noch eine Kleinigkeit abzutragen haben. Gekündigt kann das Kapital ja nicht werden und der Zinsfluss nicht nach Belieben in die Höhe geschraubt werden. So wurde also mit dem Neubau begonnen. Der Peter rieb sich die Augen rot, als er die Ziegelsteine, den Kalk und die Balken anfahren sah, und zerbrach sich den Kopf darüber, wozu das Material wohl herbeigeschafft würde. Endlich hatte er es heraus, einen Stall sollte es vielleicht geben, aber nein, dazu war der ausgeschachtete Platz zu ungelegen! Wirklich, ein neues Haus, eine kleine Villa sollte das geben. "Was sich der Franz wohl einbildet", murmelte er. Überall aber horchte er herum, wie der Nachbar es mit dem Neubau wohl angefangen habe. Aber er wurde nicht klüger als er war, denn der Franz hing seine Pläne nicht jedermann auf die Nase. Nun schritt der Bau weiter und schon guckte das Mauerwerk aus dem Boden empor. Der Peter konnte jetzt die Größe des Planes, die einzelnen Räume und die weiteren Anlagen genau überblicken. Er rückte unruhig auf dem Stuhl am Tisch hin und her und konnte die halben Nächte nicht mehr schlafen. Endlich hatte er es gefunden. Er musste dem Händler die Zinsen bringen und der konnte ihm ja Rat geben. Bei der Gelegenheit hörte der Peter auch zum ersten Mal, dass er nicht der beste Rechenmeister sei. Er hatte nämlich eine Kleinigkeit weniger ausgerechnet, als der Gläubiger und musste den Betrag noch einschicken. Nun, dachte der Peter, das kann ja vorkommen, denn irren ist menschlich. Endlich fing der Peter mit dem Neubau an. Der Händler schmunzelte und ließ sich die Größe des Besitztums, den Reinertrag, die eingetragenen Gelder usw. genau angeben. Dann überlegte er und sagte: "Gewiss, Peter, du kannst das Geld von mir bekommen, und wenn es dir recht ist, dann stoßen wir die alten Schulden samt und sonders ab und du hast es dann bloß mit mir zu tun. Mein Geld lasse ich dann an erster Stelle eintragen und du bezahlst mir die Zinsen." Der Peter war ganz erstaunt über die Freundlichkeit und das Entgegenkommen des Mannes. Leichter und bequemer, dünkte ihm, konnte er nicht zu einem Neubau kommen. So wurde nun bald mit dem Hausbau begonnen. Der Peter dachte bei sich, wenn denn einmal gebaut wird, dann kann auch gleich ordentlich gebaut werden, denn auf einige hundert Taler kann es dabei nicht ankommen. Ich will den Leuten doch zeigen, dass ich dasselbe, ja noch mehr kann, als der Liesenfranz. Und er setzte sich eine kleine Villa in den Garten, so dass die Leute staunten und den Kopf schüttelten, wenn sie vorübergingen.

 

Der Liesenfranz hatte zwei Jungen und ein Mädchen und der Heitpeter hatte zwei Mädchen und einen Jungen. Da denkt nun gewiss schon der Leser gleich, das hätte ja einen hübschen gegenseitigen Tausch gegeben. Aber daran dachten am wenigsten der Franz und der Peter. Die Kinder des Liesenfranz waren sehr fleißig und gut begabt, die des Peters verdienten dieses Lob nicht im geringsten. Da kam der Herr Pfarrer eines Tages zu Franz und meinte: "Den einen Jungen könnt Ihr gewiss entbehren; lasst ihn studieren, denn das Zeug dazu hat er im Kopf." Das war für den Franz zwar eine hohe Anerkennung, aber er überlegte doch erst mit dem Herrn Pfarrer hin und her, wie viel das Studium kosten würde, wie viele Jahre es dauerte usw. Da endlich, nach reiflicher Überlegung willigte der Franz ein und schickte den Jungen zur höheren Schule. Als nun die ersten Ferien kamen, da kam das kleine Studentlein mit einer bunten Mütze an. Peters Kinder standen um den Studenten herum und begafften ihn, und daheim erzählten sie alles und der Junge wünschte auch ein solcher Student zu sein. Die Mutter meinte: "Nun, wir brauchen den einen Jungen wohl zu Hause, aber was die Liesen können, das können wir auch wohl durchsetzen, denn die haben noch 3/4 Morgen weniger als wir und auch ein viel kleineres Häuschen. Überdies ist unser Junge auch viel zu schade für die schweren Arbeiten auf dem Feld und in der Scheune. Dafür gibt es ja noch andere Kräfte in Hülle und Fülle."

 

Als Ostern kam, fuhr der Peter mit seinem Büblein zur Stadt und brachte ihn auf das Gymnasium. Da gab es nun viel zu lernen, so dass dem Jungen alles im Kopf durcheinander ging. Er schwitzte nicht gerne bei der Arbeit und so kam es, dass er in der untersten Klasse zwei Jahre, in der zweiten Klasse ebenfalls zwei Jahre hockte und die dritte glücklich mit einem Sprung schaffte. Nun haperte es aber gewaltig in der vierten Klasse, denn da war wieder eine neue Sprache aufgetreten. Aber der Peter zahlte das Kost- und Lehrgeld und die Mutter schickte das nötige Taschengeld. Der Junge war inzwischen herangewachsen und verstand jetzt mehr vom Kartenspielen, Rauchen und Biertrinken als von den Vokabeln. Und als der Sohn des Liesenfranz bereits seine Abgangsprüfung machte, da hockte er noch geduldig in der fünften Klasse. Da hatten die Jungen einen bösen Streich ausgeheckt und die Folge davon war, dass das Studentlein eines Tages heimkehrte und zu Peter sprach: "Das Zeug habe ich satt! Ich mache die Quälerei nicht mehr mit. Lieber will ich pflügen und eggen vom frühen Morgen bis zum späten Abend als lernen."

 

Aber zur Arbeit war der Junge auch verdorben. Bald spielte er den feinen Herrn und ließ andere Leute für sich arbeiten.

 

Da gab es eine Missernte. Der Peter konnte die Zinsen nicht zusammen bekommen. Darauf hatte der Händler schon gewartet. Er zog die Schlinge fester und eines Tages rief es der Amtsdiener laut im Dorf aus, dass dem Peter Heit Haus und Hof verkauft werden sollte. Der Franz aber lebte in guten Verhältnissen und da er einige Taler gespart hatte, so kaufte er sich einen für ihn günstig gelegenen Acker auf der Versteigerung. Das gerade schnitt dem Peter tief durch die Seele, aber diesmal konnte er nicht sagen: "Was der kann, das kann ich auch!"

________________________________________________________________________