Geschichten des Lebens in alter Zeit - 2. Teil

 

1. Heldenhafte Abtötung - Von Franz Wienhold

 

2. Christus vincit, Christus regnat! - Osterskizze aus der Ewigen Stadt

 

3. Eine Ostergnade - Skizze aus dem Leben von Silesia

 

4. Der alte Organist - Osterskizze von Johannes Buse

 

5. Weißer Sonntag - Von A. Weber

 

6. Das blinde Kommunionkind - Von Elsbeth Düker

 

7. Am Tisch des Herrn - Von Stephardt

 

8. Tiefgesunken in der Sünde - Von Er. Krafft

 

9. Letzte Krankheit und Tod von Bernadette Soubirous

 

10. Woher der Schnaps?

 

11. Zur häufigen und täglichen Kommunion - Von Emil Springer SJ

 

12. Unter sicherem Schutz - Von Margarete Cochet

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1. Heldenhafte Abtötung - Von Franz Wienhold

 

Gleich in den ersten christlichen Jahrhunderten ließen sich an den Ufern des Nils zahlreiche Einsiedler nieder. Sie gingen von dem Grundsatz aus, dass es für das Seelenheil des Menschen sicherer sei, mehr zu tun als für jeden vorgeschrieben ist. So entstand das Anachoretentum. Zu den berühmtesten Anachoreten zählen der heilige Paul von Theben und der nur wenig jüngere Antonius. Angezogen durch den Ruhm des letzteren, sammelten sich zahlreiche Verehrer um ihn, so dass zu Phatum in der Thebais ein förmlicher Eremitenverein entstand. Wie strenge Abtötung hier geübt wurde, darüber erzählt uns der Kirchenschriftsteller Johannes Cassianus folgendes Beispiel:

 

Dem Abt Johannes von Scythen wurde ein Körbchen mit Feigen zugeschickt, damit er sich daran erquicke. Er verzichtete aber auf den Genuss der Früchte und sandte zwei seiner Schüler ab, dass sie das Körbchen mit den Früchten einem alten Einsiedler überbrächten, der weit entfernt in der Wüste wohnte. Alsbald machten sich die Schüler auf den Weg. Da überraschte sie plötzlich ein schweres Ungewitter; der Himmel verfinsterte sich, Blitze durchzuckten mit grellem Schein den Himmelsraum, unheimlich dröhnten die Donnerschläge durch die weite, in Todesschlummer daliegende Wüste. Die trockenen Rinnsale der Flüsse, die den Schülern eben noch als Wege gedient hatten, füllten sich in kürzester Zeit mit Wassermassen, die tosend durch das altgewohnte Flussbett rasten. Kaum war das Unwetter vorbei, da hatten sich auch schon die Wassermassen verlaufen. Nach kurzer Zeit waren die Flussläufe wieder wasserleer wie ehedem, aber als Wege waren sie wegen des Schlammes nicht passierbar. Die Schüler suchten sich einen anderen Weg und verirrten sich jetzt völlig in der weiten Wüste. Tagelang irrten sie umher, bis sie erschöpft zusammenbrachen. Da sie nicht zurückkehrten, schickte der Abt Johannes zahlreiche Männer aus, die Vermissten zu suchen. Nach langem Suchen fand man ihre Leiber entseelt im Wüstensand und neben ihnen stand das Körbchen mit den Feigen. Sie waren lieber Hungers gestorben, als dass sie die Früchte angerührt hätten, weil sie das für sündhaft hielten, denn sie hatten ja den Auftrag erhalten, die Früchte dem alten Einsiedler zu überbringen. Das war freilich zu streng gegen sich von den Schülern gehandelt. Aber ein herrliches Vorbild der Abtötung sind sie geworden.

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Nicolò Barabino (Madonna dell'Olivo) Madonna von der Olive

 

2. Christus vincit, Christus regnat! - Osterskizze aus der

Ewigen Stadt von Huldreich Verus

 

 

Die Kutsche des angesehenen Arztes Dr. med. Schmitt rollte vor ein stattliches Haus in der belebten Hochstraße einer rheinischen Großstadt. Der Wagenschlag wurde von innen geöffnet. Es stieg hastig ein hochgewachsener Mann heraus, von ernsten, durchgeistigten Zügen, mit bereits leicht ergrautem Haupthaar: der Doktor und Hausherr.

 

Eiligen Schrittes durchmaß er das kleine, zierliche Vorgärtchen, und als in diesem Augenblick eine Dame unter die breite Haustür trat, belebte ein glückliches Lächeln sein Gesicht.

 

"Ich komme mit guten Nachrichten, liebe Frau!" rief er seiner Gattin zu. "Alles hat sich zu meiner Zufriedenheit abgewickelt." 

 

Ein Leuchten ging bei diesen Worten des Arztes über das feine, aber blässliche Gesicht der Dame.

 

"Also du hast Vertretung für vier Wochen gefunden?" sagte sie frohbewegt, ihre schmale, weiße Hand in die ausgestreckte Rechte des Ankömmlings legend. "Wie mich das freut! nun kannst du dich doch etwas ausspannen von der anstrengenden Berufsarbeit! Kannst dir die so nötige Erholung gönnen!"

 

"Ja, und wir beide können endlich die lange geplante Reise nach Italien antreten", stimmte der Arzt in ihren hoffnungsfrohen Ton ein. 

 

Die beiden traten ins Haus, wo sich im Wohnzimmer das begonnene Gespräch fortspann. 

 

"Es trifft sich ausgezeichnet", plauderte Schmitt, "dass wir Anfang April unsre Reise anzutreten vermögen. Wir treffen dann in Italien den schönsten Teil des Frühlings an; haben also neben den Kunst- und Landschaftsgenüssen auch den Reiz der besten Jahreszeit in Aussicht."

 

"Und zur Osterzeit sind wir in Rom", nickte die frohlächelnde Frau. "Dort werden wir die erhebenden, herzbewegenden Zeremonien der Karwoche und des Osterfestes in der Peterskirche mit eigenen Augen schauen können."

 

"Die für mich besonders auch viel künstlerisch-kirchengeschichtliches Interesse haben dürften. Nun, wir werden beide unser Genügen, unsre Befriedigung dort finden, meine Liebe. Jedes in seiner Art. Und nun wollen wir gleich heute mit unseren Vorbereitungen zur Reise beginnen: ich ordne alles mit meinem Vertreter und mit den Patienten; du richtest unsre Reisebedürfnisse her."

 

"So machen wir es, Julius."

 

Hernach gingen die Ehegatten ihren Tagesbeschäftigungen nach.

 

*        *       *

 

Es war am Karsamstag. Strahlend umblaute ein wolkenloser Himmel die Ewige Stadt; von der Kampagna her umspülte sie eine erquickliche, lenzensfrische Luft.

 

Die Karsamstagsfeierlichkeiten im St. Petersdom hatten die Herzen unsres deutschen Ehepaars mächtig ergriffen. Das "Alleluja!" des zelebrierenden Prälaten, begleitet von brausenden Orgelklängen und von den mächtigen Tönen der wieder gerührten Glocken; vor allem aber die feierliche Verkündigung des offiziellen Beginnens der Osterzeit durch einen Kardinal von einer Loggia des hehren Gottestempels herab hatten die beiden bereits in wirkliche Festtagsstimmung versetzt: leuchtenden Auges traten sie auf den mächtigen Vorplatz von St. Peter. Ein unbeschreibliches Menschengewühl empfing sie. Die verschiedensten internationalen Gestalten und Sprachen schwirrten durcheinander. Die meisten Menschen blieben vor dem mächtigen Obelisk in der Mitte des Platzes stehen, dessen goldglänzende Aufschrift "Christus vincit, Christus regnat" weithin in der Sonne leuchtete; die heute ferner, zur Vorfeier des Auferstehungstages, von liebenden Händen mit prachtvollem Blumen- und Fähnchenschmuck umgeben war.

 

"Eine sinnige Inschrift", sagte der Arzt, der mit seiner Gemahlin ebenfalls vor den Obelisk getreten war.

 

"Übersetze sie mir!" bat die Frau.

 

"Christus siegt, Christus herrscht."

 

Die Dame zuckte ein wenig zusammen. Über ihr strahlendes Gesicht huschte ein flüchtiger Schatten; ja, ein eigenartiger, wehmütig-bittender Klang zitterte in ihrer Stimme, als sie versetzte:

 

"Du hast Recht, Julius. Ein sehr sinniger Spruch. O, möchte er doch tief in jedes Christenherz eindringen! Möchte er sich bewahrheiten, damit - -"

 

Sie schluckte die Endworte des Satzes herunter und sah mit feucht-schimmernden Augen zu ihrem Gemahl empor. Der verstand ihren Blick: wieviel Gedanken und Sorgen hatte sich die gute Frau schon um seinen Glaubenszustand, um sein Seelenbefinden gemacht! Wie oft hatte er sie mit verweinten Augen angetroffen, wenn sie ihm vorher vergebliche Vorstellungen gemacht hatte über seine religiösen Ansichten, die infolge von Überhäufung mit Berufsarbeiten von Jahr zu Jahr laxer und gleichgültiger geworden waren!

 

Ein tiefer Seufzer stieg bei diesen Gedanken aus der Brust des Arztes herauf: zu dem Mitgefühl mit seiner Frau gesellte sich auch eine gewisse Sehnsucht nach dem beglückenden, treuen, grübellosen Glauben seiner Jugend; nach derselben Seelenstimmung, die heute so viele Menschen aus fast aller Herren Länder um ihn herum zeigten und die so mächtige Förderung erhielt hier am Urbrunnen aller kirchlichen Gnaden. Sollte er zum Glauben, zu der Überzeugung seiner Frau zurückkehren?

 

Aber was würde seine Berufsarbeit hierzu sagen? Was seine Berufsgenossen in der Heimat, die fast durchweg dem Glauben gleichgültig oder gar feindlich gegenüberstanden? Die - -

 

"Guardi, signori, guardi!" (Schauen Sie, meine Herrschaften) tönte in dieses schwere Sinnen des Arztes eine freundliche Stimme: eine gutmütig aussehende Bäuerin in der kleidsamen Tracht der Umwohner von Rom stand vor den beiden und bot ihnen einen hübsch ausgezierten Olivenzweig zum Kauf an.

 

"Der Zweig des Friedens zum morgigen Osterfest", erläuterte die Verkäuferin ihr Angebot näher. "Christus ist auferstanden und hat mit seiner Auferstehung der Welt die Erlösung, den Frieden gebracht. Und zum Andenken hieran trägt man morgen in Rom vielfach das Sinnbild des Friedens anstatt der Blumen: Die Landleute zieren ihren Hut mit Olivenzweigen. Die Frauen und Mädchen tragen sie am Gürtel; die Familien stellen sie in Vasen im Wohnzimmer auf. Bitte, meine Herrschaften, kaufen Sie einen Osterfriedenszweig!"

 

Die Frau Doktor hatte bereits den schönsten Olivenstrauß aus dem Körbchen der Bäuerin ausgewählt. Mit Freude und Wohlgefallen betrachtete sie die zierlichen Blättlein, die oberseitig tiefgrün erglänzten und unterseitig weißlich schimmerten. Ihre Rechte strich fast zärtlich über die bunten Papierstreifen, die an einzelne Kleinzweiglein angebunden waren und leise im Wind flatterten.

 

"Quanto?" fragte der Arzt zur Börse greifend.

 

"Poco, signore. Quattro soldini." (Billig, Herr, vier Soldi)

 

Dr. Schmitt reichte der Verkäuferin sechs Soldi und erntete für diese Güte nebst einem graziösen Bückling innige Dankesworte nebst Segenswünschen fürs Fest:

 

"Troppo gentile, signore!" sprudelte die Frau. "Mille grazie, e buona pasqua! Il Signore risorto e la madonna rendano merito!" (Zu gütig, Herr! Tausend Dank! Der auferstandene Heiland und seine heilige Mutter mögen es Ihnen vergelten!)

 

"Welch freundliches, fröhliches Volk!" lobte der Arzt. "Und wie durch und durch religiös! Ihr ganzes Tun oder Lassen ist von lebendigem Glauben an Gott und an die Madonna durchdrungen."

 

"So ist es; und die Leute haben recht", versetzte seine Frau. "Ach, wenn man doch allgemein in der Welt einsehen möchte, welches Glück, welch wahrhaftige Seelenbefriedigung in der Liebe zu Gott und seiner heiligen Mutter liegt!"

 

Wieder seufzte der Arzt; wieder zog ihm jenes unbestimmte Sehnen nach den fried- und glücksvollen Tagen seiner religiösen Jugend durchs Herz. Nur viel stärker diesmal und im Anschluss an die Bemerkungen der zwei Frauen über die Marienverehrung, besonders auch in Bezug auf seine früher so innige Liebe zu Gottesmutter. 

 

Und gerade der letzte Gedanke erfuhr im selben Augenblick eine energische Unterstützung: eine Verkäuferin von Ansichtskarten, die den Ankauf des Friedenszweiges aus der Nähe beobachtet hatte, steuerte eiligst auf das deutsche Ehepaar zu.

 

"Wünschen die Herrschaften vielleicht illustrierte Karten?" machte sie ihr Angebot. "Ich kann besonders mit sinnigen, festgemäßen Madonnenkarten dienen. Sehen Sie hier die "Madonna von der Olive"! Ein sehr schönes, gar sinniges Bild. "Du bist wie eine herrliche Olive auf den Auen", sagt der Meister auf dem Bild. "Maria ist als Gottesmutter die Spenderin des Friedens für die sündige Menschheit. Sie hat der Welt ihr Kind, also das Glück der Erlösung, die Befreiung von Elend und Kampf beschert. Sie ist also sicherlich wie der Friedensbaum auf den Auen; sie ist sicherlich - neben ihrem göttlichen Sohn - ebenfalls ein edles Sinnbild für den Ostertag."

 

Mit steigendem Staunen hatten die beiden dem Redefluss der Kartenhändlerin zugelauscht, der in Rom und in Italien indessen nichts Ungewöhnliches ist. Denn die meisten Italiener, auch der gewöhnliche Mann, zeigen sich äußerst beredt, wenn sie irgendein Ziel im Auge haben. Und kommt zu diesem Ziel noch ein religiöser Beweggrund hinzu, so erhebt sich ihre Wortgewandtheit nicht selten zu gutkleidender Begeisterung, die vornehmlich den Ausländer stutzig macht; ja, oft fortreißt. 

 

"Wie gut und wahr sie spricht!" lobte die Gattin des Arztes. "Und wie wundersam die "Madonna von der Olive" auf der schlichten Karte sich ausnimmt!"

 

Und nicht bloß das Auge der zarten Marienverehrerin war sehnsüchtig nach den feinkolorierten Karten gerichtet; auch ihr Mann blickte mit unverhohlenem Wohlgefallen und voll tiefer Ergriffenheit darauf hin. 

 

Wie traut, wie mild und voller Gottesfrieden schaute das süße Antlitz der Gottesmutter aus dem langen Schleiertuch hervor, das ihr Haupt umhüllt und fast ihre ganze Gestalt umwallt! Welch frieden- und glückausströmendes Antlitz hatte der kleine Heiland, der, von den Mutterhänden umschlungen, süßlächelnd einen Olivenzweig in der Linken hält! Dazu die Olivenzweige zu Häupten und Füßen der Madonna; einige Blumen und Blüten - ein wahrer Friedens- und Ruhehauch ging selbst von diesen schlichten Nachahmungen des herrlichen Gemäldes von Barabino aus! Die Madonna bot ihr göttliches Kind, das den Friedenszweig hochhält, der Welt.

 

"Durch Maria zu Jesus", murmelte der Arzt. "Beide sind die edelsten Sinnbilder des Friedens, der Olive."

 

Und tief Atem holend, bat er die Kartenfrau:

 

"Geben Sie mir zehn von diesen Karten!"

 

"Zehn!" rief sie erfreut. "O, Sie sind gewiss ein großer Verehrer der Madonna mit ihrem göttlichen Kind!"

 

"Gebe das Gott!" schluckte der Doktor nun ebenfalls an den Worten, indem er der Frau außer dem Kaufpreis noch eine Lire Trinkgeld verabreichte.

 

Und zu seiner Gemahlin gewandt, die die Augen voller Glückstränen hatte, sagte er:

 

"Gehen wir, liebe Frau! Christus siegt, Christus herrscht überall! Und vielfach in der Welt wird dieser Sieg des Heilandes durch die liebe Gottesmutter vermittelt, die von der Heiligen Schrift nicht ohne tiefen Sinn "eine herrliche Olive auf den Auen" genannt wird. 

 

Ein leuchtender Osterhimmel sprühte am folgenden Morgen über Rom und über der himmelanstrebenden St. Peterskirche. Kuppel und Fassade schwammen in einem Meer von goldenem Licht. Tausende von festfrohen Menschen wimmelten auf dem prächtigen Petersplatz; und ebenso viele strömten zu den weitgeöffneten Prunktoren und zu dem Innern der ersten Kirche der Welt hin.

 

In einem Seitenschiff des Domes - da, wo sich die Beichtstühle für die hauptsächlichsten Sprachen der Welt aneinanderreihen - knieten vor dem Bekenntnisstuhl mit der Aufschrift "Für Deutsche" Herr und Frau Dr. Schmitt. Der Arzt bereitete sich seit längerer Zeit wieder zum ersten Mal auf seine Osterbeichte vor. Seine Gemahlin aber war nicht bloß hierüber glücklich, sondern empfand es auch als besondere Huld Gottes, dass sie diesmal im St. Petersdom zu den Ostersakramenten gehen konnte.

 

Osterjubel und Festfreude herrschte allenthalben in den mächtigen Hallen des Gottestempels; Osterglück und Herzenswonne leuchtete besonders aus den Augen des deutschen Ehepaares.

 

*       *       *

 

Im Arbeitszimmer Dr. Schmitts hängen über dem Schreibtisch zwei hübsche Bilder: eine "Madonna mit der Olive" und eine Photographie des Obelisk auf dem St. Petersplatz in Rom. Gar oft haften die Blicke der Ehegatten darauf, und jedes Mal flüstert der Arzt, der trotz seiner schweren Berufsarbeit ein vorbildliches Mitglied der katholischen Gemeinde seines Wohnsitzes geworden war, zu seiner Frau: 

 

"Quasi oliva speciosa in campis" und "Christus vincit, Christus regnet!"

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3. Eine Ostergnade - Skizze aus dem Leben von Silesia

 

Zur späten Nachmittagszeit ist es und goldener Sonnenschein umflutet ein junges Mädchen, das, mit einer Näharbeit beschäftigt, im Vorgärtchen des Häusleins, dem Maurer Wellner gehörig, sitzt. Ringsumher hat der Frühling seinen Einzug gehalten. Die Holunderbüsche haben schwellende, grüne Knospen angesetzt und auf den schmalen Beeten zu Füßen des Mädchens blühen Leberblümchen, Schneeglöckchen und rosig gefärbte Primeln. Elisabeth hat heute aber kaum einen Blick für ihre Lieblinge, ihr Sinnen liegt im Bann trauriger Gedanken, die ihr ganzes Sein erfüllen. Jetzt, da sie stetig ihre Näharbeit fördert, hat sie Zeit, über das, was sie bedrückt, nachzudenken und mancher Seufzer entfließt dabei ihrer Brust.

 

Elisabeth war bis vor kurzem in einem guten Dienst gewesen und hatte diesen verlassen müssen, da die alte Verwandte, die ihrem Vater seit der Mutter Tod die Wirtschaft führte, arbeitsunfähig geworden war. Der Vater wünschte, dass die Tochter ihre Stelle fortan ausfülle. Gern war Elisabeth dazu bereit gewesen, nur das hatte sie nicht erwartet, dass das religiöse Leben in ihrem Vaterhaus gänzlich erloschen sei. Es war für Elisabeth eine schmerzliche Entdeckung, als sie gewahren musste, dass ihr Vater, früher ein braver Katholik, in religiöser Beziehung völlig erkaltet war. Er betete nicht mehr, blieb dem Gotteshaus fern und empfing auch, als natürliche Folgerung, nicht mehr die heiligen Sakramente.

 

Auf die Bitten seiner Tochter, jetzt in der Osterzeit seinen Pflichten als katholischer Christ nachzukommen, hatte Wellner nur abweichende, hämische Bemerkungen, die ahnen ließen, dass die schlechte Gesellschaft, in die er geraten war, die Schuld der Wandlung trage, die sich in seinem Innern vollzogen. 

 

Elisabeth erkannte bald, dass viel Reden hier augenblicklich nicht am Platz sei. Deshalb schwieg sie - richtete aber ihr Augenmerk darauf, durch ihr gutes Beispiel zu wirken und, was die Hauptsache war, sie betete ohne Unterlass zu Gott, dass das Herz ihres Vaters sich dem Guten wieder erschließen möge.

 

Blieb es dem Mädchen auch nicht verborgen, dass ihr Vater nicht eben günstig auf ihren häufigen Kirchenbesuch blicke, noch weniger auf die religiösen Übungen, die sie daheim vor ihrem Hausaltärchen vornahm, so ließ sie sich darin aber nicht stören, hoffend, dass dadurch doch ein Samenkörnlein in ihres Vaters Seele fallen und zu seiner Rettung etwas beitragen könnte.

 

Dann und wann auch wagte Elisabeth die Frage, ob der Vater nicht geneigt wäre, seine Osterkommunion zu halten; leider aber, dass sie sich nach wie vor mit abschlägigem Bescheid zufrieden geben musste.

 

Noch nie aber war das in so schroffem Ton geschehen als vor einigen Tagen, da die gute Tochter es wieder einmal versuchte, den Vater an die Erfüllung seiner österlichen Pflicht zu erinnern, mit Hinweis auf die Strafe, die die Kirche im Fall des Todes darauf gesetzt habe. Leider zeigte Wellner sich abwehrender denn je. Er hatte sich in herabwürdigenden, gotteslästerlichen Reden ergangen und der Tochter befohlen, ihn ein für allemal mit ihren religiösen Quälereien in Ruhe zu lassen. Geschähe das nicht, dann könne sie darauf gefasst sein, dass er auch ihr das Kirchengehen verbiete, und nicht mehr zulasse, dass sie so viel Zeit mit Beten und Lesen in frommen Büchern vertrödele.

 

Die Erinnerung an diese Stunde lag Elisabeth noch schmerzlich im Gemüt, und sie war es auch, die sie heute, trotz des schönen Frühlingssonnenscheins, in eine traurige Stimmung versetzte. Es blieb doch ein überaus schmerzlicher Gedanke, den lieben Vater an einem jähen Abgrund gehen zu sehen und zu wissen, dass seine Seele jetzt schmachvoll darbe, um einmal dem ewigen Tod zu verfallen. Unablässig betete die treue Tochter in diesen Tagen zu Gott, dass er doch, gegen alle Hoffnung, eine Wandlung im Herzen ihres Vaters vollziehen möge. Auch jetzt, während der Arbeit, reihte sich ein Gebetsseufzer an den anderen, die alle der Rettung der Seele ihres Vaters galten. Als die Sonne sich senkte, vom Kirchturm die Abendglocke erklang, betete Elisabeth noch einmal recht innig zu Maria der Hilfe der Christen, auch ihren Beistand in ihrem Anliegen erbittend.

 

Dann, nachdem die Glocke verklungen war, Elisabeth den Gefühlen ihres frommen Herzens Genüge getan hatte, stand sie auf, verließ das Gärtchen und begab sich ins Haus, alsbald fleißig am Herd zu walten, damit der Vater, wenn er von der Arbeit heimkehrte, den Abendbrotimbiss vorfand.

 

Eine Stunde verstrich und noch war der Vater nicht da. Elisabeth, die den Tisch sauber gedeckt hatte, begann sich zu sorgen und trat eben vor das Haus Ausschau zu halten, als sie den Erwarteten in der Ferne erblickte. Der Tochter kam es vor, als sei sein Gang heute langsamer wie gewöhnlich, und als er näher kam, fiel dem Mädchen ein ernster, nachdenklicher Zug in seinem Antlitz auf. Daheim angelangt, grüßte der Maurer sein Kind freundlicher als es sonst seine Art war. Dann entledigte er sich seiner Arbeitskleidung, säuberte sich vom Staub und setzte sich an den Tisch, seine Abendmahlzeit zu verzehren. Elisabeth, die ihm gegenübersaß, bemerkte zu ihrer Freude, dass sein Blick oftmals liebevoll auf ihr ruhe, um dann zu dem Kruzifix über dem Hausaltärchen hinüber zu schweifen.

 

Inzwischen war das Abendbrot verzehrt. Elisabeth trug ab und setzte sich dann mit ihrer Näharbeit zum Vater, der am Tisch sitzen geblieben war, entgegen seiner Gewohnheit. Für gewöhnlich benutzte er die Zeit nach dem Abendbrot zu irgend einer häuslichen Verrichtung. Heute aber verließ er das Zimmer nicht, sondern blies gedankenvoll dichte Rauchwolken aus seiner Pfeife. Elisabeth, erfreut darüber, den Vater in so gemütlicher Stimmung zu sehen, begann eine harmlose Unterhaltung, auf die der Vater aber nicht einging, so dass bald Schweigen im Stübchen herrschte. Plötzlich aber unterbrach Wellner das Schweigen mit den Worten: "Elisabeth, ich hätte etwas mit dir zu sprechen." Und als das Mädchen gespannt aufblickte, fuhr er fort: "Weißt du, ich habe mir die Sache überlegt. Es wäre doch wohl gut, wenn ich meine Rechnung mit Gott wieder einmal ins Reine brächte und die heiligen Sakramente empfing. Da ist neulich drinnen in der Stadt ein Zimmermann vom Gerüst gefallen und auf der Stelle tot geblieben; viele Jahre hat er von Gott nichts wissen wollen und hat auf keinen Zuspruch gehört. Als ihm jetzt der Pfarrer das kirchliche Begräbnis verweigern musste, war ein allgemeines Gerede und doch konnte er nur seiner Pflicht gehorchen. Weißt du, Elisabeth, diese Sache hat mir jetzt fortwährend in den Gliedern gelegen. Der Zimmermann, ein fleißiger Mensch, hat mir leidgetan; und doch musste ich sagen, der Pfarrer konnte nicht anders handeln; weshalb sagte sich der Zimmermann von der Kirche los? All die Tage habe ich darüber nachdenken müssen, und jetzt bin ich zu der Ansicht gelangt, dass man doch so ganz steuerlos ist und sich gar nichts für die Ewigkeit angesammelt, wenn man ohne Glauben dahinlebt und die Satzungen der Kirche nicht mehr erfüllt. Man weiß halt doch niemals, wann der Tod einen einmal schnell ereilt, und soll man denn so ganz unvorbereitet ins Jenseits hinüber? Es ist eben doch ein eigener Gedanke. Ich bin jetzt überzeugt davon, dass es doch gut ist, für die Ewigkeit vorzusorgen. . . . Und jetzt gehe, zünde die Kerze dort drüben an und bete mir etwas vor. . . ."

 

*       *       *

 

Worte vermögen die Gefühle nicht zu schildern, die das Herz der braven Tochter erfüllten, als ihr Vater am nächsten Sonntag neben ihr an der Kommunionbank kniete und sie gemeinsam das Brot des Lebens empfingen. Nicht zu beschreiben ist der heiße Dank, der dem Herzen Elisabeths entströmte, dass Gott ihr schwaches Gebet erhörte und den Strahl der Ostergnade in ihres Vaters Herz senkte, auf dass er sich seiner Pflichten als katholischer Christ wieder erinnerte und seine Seele rettete für das ewige Leben.

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hl. Cäcilia von Rom 

 

4. Der alte Organist - Osterskizze von Johannes Buse

 

Wiederum ist der Lenz ins Land gezogen, und nun müssen die grauen Nebel den siegreichen Sonnenstrahlen weichen. Mit voller Licht- und Glanzfülle fluten sie dahin über die waldreiche Gegend, über den glitzernden Fluss und über das schmucke Städtchen, das sich terrassenmäßig am Fuss des Höhenzuges erhebt, sie fluten durch die Fenster in die Räume der Armen und die Salons der Reichen: überall wecken sie Hoffnung und neues Leben, denn es ist Frühlingszeit.

 

Selbst der Greis, der täglich im hohen Lehnstuhl an seinem Fenster sitzt und träumend und sinnend in das wechselnde Landschaftsbild hinausblickt, fühlt neues Leben, neue Kraft in seinen alten Gliedern, wie ihn die warmen Strahlen treffen. Weit öffnet er die Fensterflügel, um voll und ganz das Licht in sein Gemach fließen zu lassen, um die linde Frühlingsluft mit vollen Zügen einzuatmen.

 

Wenn er nur noch einmal wie ein junger Bursche umhersteigen könnte in den waldigen Bergen; jetzt, wo die Veilchen sprießen und die Knospen schwellen und die zurückgekehrten Vögel ihre philharmonischen Lenzeskonzerte geben, wäre es ihm eine Lust. Aber er ist alt, er ist zum Greis geworden, zudem fesselt ihn ein chronisches Herzleiden oft ganze Wochen an das Zimmer; dann hat er nichts von der Natur wie die Aussicht aus seinem Fenster.

 

Nun ruht er zurückgelehnt in seinem Lehnstuhl, während die Sonnenstrahlen und die Luft mit seinen weißen Haaren spielen. Die glänzenden blauen Augen schauen hinaus über die Dächer der niedriger gelegenen Häuser, sie schweifen hinauf in die sonnige Bläue und hernieder ins Tal, wo der Fluss seine gewohnte Bahn zieht, sie gleiten von einem Hügel zum andern und bleiben endlich auf dem gotischen Kirchlein ruhen, in dem er so lange Jahre das Amt des Organisten verwaltet hatte. 

 

Und er schließt die Augen, um den Erinnerungen, die sich ihm nun aufdrängen, ganz nachzugeben. So träumt und sinnt er eine ganze Weile.

 

Da klopft es an seine Tür.

 

"Herein!"

 

Der alte Pfarrer, eine ehrwürdige Gestalt, tritt in das Zimmer.

 

"Ah, guten Morgen, Herr Pfarrer!"

 

"Guten Morgen, Herr Waltermann!"

 

Die Hände finden sich zum herzlichen Gruß. Dann rückt der Alte einen Stuhl ans Fenster, und der alte Pfarrherr nimmt ihm gegenüber Platz.

 

Ein edles Greisenpaar.

 

"Heute komme ich mit einem Anliegen, mein lieber Herr Waltermann", beginnt der Pfarrer nach kurzer Unterhaltung.

 

"Da bin ich doch neugierig", lacht der Alte, während seine Augen fragend auf seinem Gegenüber ruhen.

 

"Der Herr Lehrer ist gestern Abend an das Sterbebett seiner Mutter gerufen worden, und nun sind wir ohne Orgelspieler. Heute konnten wir ja die Orgel entbehren, morgen aber, am hohen Osterfest, geht`s doch ohne dem nicht. Da dachte ich denn: da musst du einmal den Vater Waltermann bitten, dass er uns aus der Patsche hilft."

 

"Ich sollte morgen die Orgel spielen?" Ein Freudenschimmer fliegt über des Alten runzliches Gesicht.

 

"Es wäre mir lieb, Herr Waltermann! - Bei der Auferstehungsfeier ist es ja wohl nicht so nötig, die Prozession bewegt sich ja um die Kirche im Freien, aber das Hochamt, das Hochamt!"

 

"Wollte ich schon gern spielen, Herr Pfarrer, wenn . . ."

 

"Wenn? - Heraus damit, Herr Waltermann!"

 

"Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich habe früher immer die deutschen Kirchenlieder gespielt. In den letzten drei Jahren hat der Lehrer gespielt und den Choralgesang eingeführt. Ohne jegliche Übung den Choralgesang zu begleiten, scheint mir gewagt."

 

Ernst sitzt der alte Waltermann, und der Pfarrer lacht.

 

"Wenn`s das ist, mein Lieber, so nehmen wir halt mal wieder die deutschen Kirchenlieder. Das Volk wird sie wohl noch singen können?"

 

"Das bedarf wohl keiner Frage", lacht nun auch Waltermann.

 

"Sie spielen also zum Hochamt?"

 

"Mit größter Freude, Herr Pfarrer."

 

"Na, dann wären wir ja schon geholfen."

 

Noch ein Weilchen unterhält sich der Pfarrer mit dem alten Organisten, dann geht er heim, Waltermann überglücklich zurücklassend.

 

*       *       *

 

Und Waltermann träumt und sinnt wieder. Leicht gerötet sind seine Wangen und freudig leuchten die Augen.

 

So ist es früher gewesen:

 

Wie ein König fühlte er sich, wenn er auf der Orgel saß, die Hände auf den Tasten, die Füße auf den Pedalen; mit seinen Melodien beherrschte er die Menge des Volkes. Meisterhaft verstand er es, seinem Instrument die schönen und erhabenen kirchlichen Melodien zu entlocken, herrliche Fugen wob er leicht und frei zwischen die Gesänge. - Dann aber war er ganz in seinem Element, wenn er Zeit und Gelegenheit hatte, ganz nach seinen Inspirationen zu spielen. Es war dann eine Lust, sein Spiel zu hören. Wie Engelsgesang erklang es dann oft, leise und zart, wie das Gebet eines Kindleins; allmählich schwoll die Tonfülle an, bis sie wie Posaunengeschmetter, wie Donnergetön von den Gewölben und Wänden widerhallte. Das eine Mal war es ein Jubelgesang, der sich emporschwang, der trillernden Lerche gleich, das andere Mal eine bange, klagende, zagende Trauerweise, wie es die Zeit oder das Kirchenfest erheischte. - Und das Volk hatte ihn verstanden. Eng schmiegte sich der Gesang an sein kunstvolles Spiel an.

 

Jahrelang hatte er so gewirkt. - Es war ja nur wenig, was ihm die Kirchengemeinde für seine Kunst zahlte, nun, es verschlug nichts. - Mit einer Jahrespension war er aus der Großstadt hierhergezogen, um hier Ruhe und Erholung nach langer, angestrengter Tätigkeit zu finden. Und da gerade der Organist gestorben war, hatte er die Stelle, mehr aus Liebhaberei, übernommen.

 

Dann aber war es anders geworden. Ein neuer Lehrer war gekommen, ein Anhänger und Förderer des Choralgesangs. Der alte Pfarrer war bald gewonnen, und eines Tages nahm der Lehrer auf der Orgel Platz: Waltermann war beiseite geschoben. Das Volk murrte anfangs über diese Neuerung, doch allmählich fand es sich mit den neuen Verhältnissen ab. 

 

Und Waltermann? - Recht weh hatte es seinem feinfühlenden Herzen getan, als ein anderer seinen Posten, den er gern bis an sein Lebensende verwaltet hätte, übernommen hatte. Hart war es ihm geworden, die so liebgewordene Orgel mit den darin schlummernden Melodien zu missen, so hart, als wäre ihm ein Kind von der Seite gerissen.

 

Nun soll er noch einmal auf der Orgel herrschen, mit seinem Spiel das Volk regieren; gerade wie ehemals. - Überglücklich fühlt er sich bei diesem Gedanken. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen und vor Freude leuchtenden Augen sitzt er in seinem Lehnstuhl.

 

"Nun, Vater, ist es dir auch nicht zu kalt an dem offenen Fenster?" 

 

Überrascht blickt Waltermann von seinem Sinnen und Träumen auf. Er hat das Eintreten seiner Tochter nicht bemerkt.

 

"Zu kalt? - Lisbeth, welche Frage? - Warm ist es, warm draußen und warm in meinem alten Herzen, denn Lisbeth, morgen spiele ich wieder die Orgel."

 

*       *       *

Ostern. -

 

"Christus ist erstanden!" Die Glocken jubeln es hinaus in die Lande, die Vöglein im Sonnenschein zwitschern es mit nimmermüden Kehlen, und die Menschen rufen es sich als Ostergruß mit fröhlichen Gesichtern zu.

 

Einzeln und in Gruppen begeben sich die Leute zur Kirche, um dem Hochamt beizuwohnen; bald ist das alte Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt.

 

Schon eine ganze Weile sitzt der alte Waltermann vor der Orgel; die Freude leuchtet aus seinem Gesicht, wie er die Finger leise prüfend über die Tasten gleiten lässt. Spielt der Wind auch noch nicht in den Kanälen, es sind doch dieselben Tasten, die einst seinen Fingern gefügig waren. - Als hätte er erst gestern seinen Posten niedergelegt, so kommt es ihm vor - so bekannt, so vertraut. -

 

Da tritt der Pfarrer an den mit Blumen und Kerzen geschmückten Altar - das Hochamt beginnt.

 

Waltermann gibt dem Kalkanten mit dem Glöckchen ein Zeichen. Dann fällt die Orgel ein: mächtig, brausend, als wollte sie hinausposaunen: "Christus ist erstanden!" Leise intoniert der Organist dann das alte Osterlied:

 

"Das Grab ist leer, der Held erwacht,

Der Heiland ist erstanden . . . . . . ."

 

Jetzt zieht er die Register, und das Volk - längst hat es gemerkt, dass der alte Waltermann wieder auf der Orgel sitzt - fällt mit vollem und kräftigem Gesang in das Spiel ein.

 

Wie berauscht von Glück und Seligkeit, sitzt der Alte an dem Instrument. Die ganze Wärme seines Herzens legt er in das Spiel. Und wie nun der dreifache Jubelruf "Alleluja" beginnt, da verschwimmt vor seinen Augen die Kirche. 

 

. . . Ein geöffnetes Grab, Krieger liegen wie betäubt am Boden. Eine verklärte Gestalt, leuchtend wie die Sonne, tritt hervor . . .

 

"Alleluja!" braust die Orgel. - "Alleluja", jubelt das Volk.

 

Einen Augenblick stiert der Alte vor sich hin, dann schließen sich die Lider, die Hände gleiten von den Tasten, jäh unterbricht die Orgel das Spiel. Leblos sinkt der alte Waltermann auf seinem Sitz zusammen.

 

Ein Herzschlag hat das freudig bewegte Herz stille stehen heißen.

 

Mag es sein unterbrochenes "Alleluja!" die ganze Ewigkeit hindurch fortsetzen.

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5. Weißer Sonntag - Von A. Weber

 

Eine überaus schöne und angenehme Erinnerung weckt es in dem Herzen eines jeden wahren, katholischen Christen - das Wort "Weißer Sonntag". Alt und jung fühlt sich zurückversetzt in die glücklichen Tage der Jugend, wo Friede und Freude in den jugendlichen Herzen wohnten und Sorge und Leid noch in weiter Ferne lagen; und aus dieser goldenen Zeit leuchtet besonders ein Tag glänzend hervor, der unauslöschlich eingeprägt ist in den Menschenherzen, der Tag der ersten heiligen Kommunion. Nicht mit Worten kann man es schildern, das Glück, das ein jeder empfand, als er zum ersten Mal hintreten durfte vor den Altar, um aus der geweihten Priesterhand das Himmelsbrot zu empfangen.

 

Und nun ist er wieder da, der Weiße Sonntag. Wie alle Hände sich fleißig regen in dem kleinen Städtchen, um diesen für die Jugend so bedeutungsvollen Tag recht feierlich zu begehen. Kirche und Schule sind bereits aufs prächtigste geschmückt und nun geht es nach Hause, um auch dort die letzte Hand anzulegen und alles für den kommenden Tag instand zu setzen. 

 

Auch unsere kleine Marie gehört mit zu den Auserlesenen, die morgen zum ersten Mal dem Tisch des Herrn nahen dürfen, und man kann ihr die Freude und das Glück, das sie empfindet, aus den unschuldigen Augen lesen. Sie war ja immer ein braves, frommes Kind gewesen und keine Klage war je von Seiten des Lehrers oder Pfarrers zu den Ohren ihrer Eltern gelangt. Hastig eilte sie die wenigen Stufen hinauf, die zur Wohnung ihrer Eltern führen und sie traf den Vater, der etwas später von der Arbeit heimgekehrt war, gerade beim Mittagessen vor. Freudig schritt sie auf ihn zu, wünschte ihm eine gesegnete Mahlzeit und sprach von dem kommenden Morgen, und dass ihr der Tag schon viel zu lange dauere, bis er endlich da sei, der Weiße Sonntag. "Gelt, Vater", fügte sie dann schmeichelnd hinzu, "morgen gehst du aber auch einmal mit zur Kirche, weißt doch, es ist der schönste Tag im Leben, und wenn du auch sonst nicht zur Kirche gehst, so tust du es doch morgen mir zuliebe."

 

"Nun ja, wenn du es denn absolut haben willst, meinetwegen."

 

Jubelnd war die Kleine aufgesprungen und zur Mutter geeilt, um ihr die frohe Botschaft zu verkünden, dass der Vater morgen mit zur Kirche geht, während "Sepp", den es schon verdross, so schnell zugesagt zu haben, zur Tür hinausschritt, um noch einige Besorgungen in der Stadt zu machen. Dabei musste er an seiner Stammkneipe vorbei, und er konnte es nicht übers Herz bringen, heute daran vorbeizugehen.

 

"Holla, Sepp", tönten ihm schon beim Eintreten einige Stimmen entgegen, "ist höchste Zeit, der vierte Mann fehlt, komm, lass uns ein Weilchen spielen."

 

"Ach, kommt ihr schon wieder mit den verwünschten Karten, habe schon immer Pech dabei gehabt, und übrigens muss ich heute mein Geld etwas zusammenhalten, denn morgen ist Weißer Sonntag, und da kostet`s noch allerlei."

 

"Pah, Weißer Sonntag, was schert das uns, wir sind doch keine Kinder mehr, und ich denke, über so etwas sind wir längst hinaus", sprach der alte Sänger mit einem spöttischen Seitenblick auf Sepp. Siedend heiß wurde es diesem bei diesen Worten ums Herz, denn er dachte an sein Kind, das er zärtlich liebte, dann griff er schnell, um seine Erregung zu verbergen, nach den Karten und spielte. Aber das Glück war ihm heute nicht günstig. Eine Mark nach der andern ging verloren und Stunde auf Stunde verrann. So, jetzt kamen die letzten 5 Mark, für die er seinem Kind eine Kerze und sonst noch einige Kleinigkeiten hätte kaufen müssen. Sollte er auch diese noch verspielen? Sein ganzes Innere bäumte sich dagegen auf, doch der Spielteufel hatte ihn erfasst, "du wirst doch nicht immer verlieren, einmal musst du auch gewinnen", und er spielt weiter bis tief in die Nacht hinein.

 

Unterdessen saß seine Frau mit ihrem Kind zu Hause und ordnete, was noch zu ordnen war, dabei schaute sie alle Augenblicke erwartungsvoll zum Fenster hinaus, ob sich denn der Vater noch nirgends blicken ließe und die Kerze brächte, die er im benachbarten Laden hatte kaufen sollen. Eine unbeschreibliche Angst beschlich die etwas blasse Frau, als die Uhr bereits die sechste Stunde verkündete und ihr Mann immer noch nicht da war. Sie kannte ihn und wusste, was es zu bedeuten hatte, wenn er nicht rechtzeitig zu Hause war.

 

"Komm, Marie, geh du einmal hinüber nach Sängers und frag, ob dein Vater noch nicht dagewesen wäre und eine Kommunion-Kerze bestellt hätte." Schnell eilte das Kind hinab und trat schüchtern in den Laden, wo Frau Sänger mit ihren Mädchen die Kauflustigen befriedigte, die sich heute in ziemlicher Anzahl eingestellt hatten.

 

"Nun, Marie", fragte die Frau freundlich, "was möchtest du denn heute haben?" "Ach", erwiderte die Kleine errötend, "ich möchte bloß einmal anfragen, ob mein Vater für mich noch keine Kerze bestellt hat."

 

Frau Sänger überlegte eine Weile, dann sagte sie: "Nein, Kind, ist mir nichts von bekannt, wird aber auch die höchste Zeit, ist denn dein Vater noch nicht zu Hause?"

 

"Nein", und eine Träne rollte über die zarten Wangen des Kindes, "er ist schon den ganzen Mittag fort und er hat das ganze Geld bei sich."

 

Arme Berta, dachte die Frau bei sich, dir geht es nicht besser wie mir, auch mein Mann sitzt den ganzen Tag in der Wirtschaft und verprasst den geringen Verdienst, den ich mühsam durch das kleine Geschäft erziele, und dabei blickte sie mitleidsvoll auf die kleine Marie. Weich wurde es ihr ums Herz, denn sie dachte an ihre Kleine, die sie vergangenes Frühjahr hinausgetragen hat auf den Friedhof, und die morgen auch mit zur ersten heiligen Kommunion hätte gehen müssen.

 

Warte, Marie", sprach sie dann, "ich will dir eine Kerze schenken und auch einen Kranz dazu, wie ihn wenige Kinder morgen haben werden", damit ging sie ans Schaufenster und nahm die schönste Kerze heraus, die darin stand, umwunden mit einem prächtigen Veilchenkranz. Sie drückte dem Mädchen die Kerze in die Hand mit den Worten: "So, mein Kind, jetzt hast du auch eine Kerze und brauchst dir weiter keine Sorgen mehr zu machen, aber um das eine bitte ich dich, gedenke morgen in deinem Gebet auch meiner und meines Mannes."

 

Dankbar schaute das Kind seiner Wohltäterin in die Augen, dann drückte es einen heißen Kuss auf ihre Hand und mit einem tausendfachen "Vergelt`s Gott" auf den Lippen eilte es freudestrahlend hinüber zur Mutter.

 

Den dankbaren Blick des kleinen Mädchens konnte Frau Sänger den ganzen Abend nicht vergessen, und als sie allein in ihrem Zimmer saß, musste sie immer wieder an die kleine Marie denken, die sie mit einem so geringen Geschenk so reich beglückt hatte. Ja, wie leicht kann man sich doch die Liebe und das Vertrauen eines Kindes erwerben. Sicher würde die Kleine morgen für sie beten und auch für ihren Mann, der soeben lärmend die Treppe heraufkam.

 

"Ha, haben ihn geleimt, den Sepp, gründlich geleimt", polterte er beim Eintreten heraus, "keinen Groschen hat er mehr, und morgen ist Weißer Sonntag, hat er gesagt, und sein Kind hätte noch keine Kerze."

 

"Was, wen?" fuhr seine Frau erschrocken auf und eine Blutwelle schoss ihr ins Antlitz, "dem Sepp habt ihr das ganze Geld abgenommen?"

 

"Nicht abgenommen, nein, gewonnen haben wir`s, und ich habe es in der Tasche", damit zog er seinen Beutel hervor und warf ihn klirrend auf den Tisch.

 

Ein unsagbar trauriger Blick traf den Halbbetrunkenen, dann griff sie nach dem Sündengeld, um sich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Ein tiefer Seufzer aus ihrer gequälten Brust besagte, dass es wahr sei, was ihr Mann gesagt hatte. Tief gekränkt stieß sie das Geld von sich, womit ihr Mann zugleich den Frieden einer armen Familie geraubt hatte; dann überzählte sie ihre kleine Barschaft, die sie in der Woche erübrigt hatte. Es waren nur wenige Mark; aber sie waren ehrlich verdient, und das war ihr Trost an diesem Abend.

 

*       *       *

 

Golden strahlte am anderen Morgen die Frühlingssonne in das Schlafzimmer des Müller-Sepp und lautes Glockengeläut weckte ihn aus seinem langen Schlaf. - "8 Uhr schon", fuhr er erschrocken empor, "wie konnte ich nur so lange schlafen und warum hat mich meine Frau nicht geweckt?" Schnell sprang er aus dem Bett und während er sich hastig ankleidete, kam ihm auch das gestern Geschehene wieder zum Bewusstsein. Nun ja, spät heimgekehrt, dazu noch betrunken, da war es leicht möglich, dass er das zaghafte Klopfen seines Kindes überhört hatte.

 

Nun aber schleunigst zur Kirche, er wollte doch wenigstens das Versprechen halten, das er seinem Kind gegeben hatte.

 

Dichtgedrängt standen sie da, Mensch an Mensch, Arme und Reiche, und aller Augen waren auf den Altar gerichtet, an dem ein Greis im Silberhaar das heilige Opfer begann. Dann rauschte die Orgel und der Gesang der Gläubigen drang empor zu dem Allmächtigen, der dort im Tabernakel, mitten unter seinen Kindern wohnt.

 

Teilnahmslos lehnte sich Sepp an einen Pfeiler und musterte die Menge, die um ihn her sich angesammelt hatte. - Plötzlich fiel sein Blick auf den alten Sänger, der ihm gestern sein ganzes Geld abgenommen hatte. Gestern hatte er doch den ganzen Mittag geschimpft über Kirchengehen und Weißen Sonntag und heute? War es bloße Neugier, die ihn auch wieder einmal hierhergetrieben hatte, oder was war es sonst? Dann regte sich wieder der Groll gegen jenen Mann, der ihn gestern zum Spiel verleitet und mit schuld an dem Unglück war, das er über seine Familie gebracht hatte. Was mussten Frau und Kind von ihm halten, denen er durch sein Handeln diesen schönen Tag, auf den sie sich so lange gefreut, so sehr verbittert hatte, und woher hatten sie das Geld für die Kerze genommen, die sein Kind doch notwendig haben musste? Dabei schaute er unwillkürlich empor, über die Menge hinweg zu den Mädchen, die in weißen Kleidern dort vor der Kommunionbank knieten, und sein Blick fiel auf seine Marie, die in ihrem schlichten Kleid so fromm und andächtig da kniete, und hinter ihr stand des Nachbars Tochter und hielt das Licht, das seiner Marie gehören musste. Es war die schönste Kerze in der ganzen Kirche und die war gewiss teuer, sehr teuer. Und jetzt fiel es ihm ein, es musste die Kerze sein, die er gestern bei Sängers im Schaufenster gesehen hatte und von allen Vorübergehenden bewundert worden war. Doch wie war sein Kind zu dieser Kerze gekommen? Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sollte vielleicht die Frau seines Feindes, die er als eine mitleidige und gutherzige Frau kannte, seinem Kind die Kerze geschenkt haben? Wieder schaute er hinüber zu der starken Männergestalt, die sich soeben niederkniete, denn das Glöcklein gab das Zeichen zur Wandlung, und neben dem Mann sah er die abgezehrten Züge seiner Frau, die Augen andächtig zum Altar gerichtet. Auch Sepp sank bei diesem Anblick in die Knie und klopfte beim dreimaligen Läuten des Glöckleins an seine Brust und sprach mehr mechanisch als andächtig: "Gott sei mir armen Sünder gnädig."

 

Feierliche Stille herrschte jetzt in den weiten Hallen des Gotteshauses, so dass man deutlich das Beten des Priesters und das Knistern der Kerzen vor der Kommunionbank vernehmen konnte. Leise und schüchtern klang eine zarte Mädchenstimme durch das Heiligtum, die aber nach und nach immer kräftiger und klarer wurde. Es war die kleine Marie, die die Kommuniongebete vorbeten musste.

 

Sepp war bei dem bekannten Klang der Stimme seines Kindes emporgefahren und lauschte aufmerksam den Worten, die andächtig von den Lippen seines Kindes erklangen und von den übrigen Kindern nachgebetet wurden. Wie schön und andächtig doch sein Kind beten konnte, und er, der Vater, ob er wohl auch noch beten konnte? Lange hatte er nicht mehr gebetet, ja er musste sich erst besinnen, wann er wohl das letzte Mal andächtig gebetet hatte. Und er dachte zurück, zurück an seine Kindheit, wo auch er fleißig gebetet und fast täglich seine halberblindete Mutter hierher zur Kirche geführt hatte. Ja, damals konnte er noch beten und hatte sich dabei glücklich gefühlt.

 

Wieder ertönte die wohlklingende Stimme seines Kindes und übermannt von Freude und Rührung sank der alte Müller-Sepp in die Knie und betete leise, aber andächtig nach, was sein Kind vorbetete; und als dann sein Kind mit den übrigen hintrat vor den Altar, um den zu empfangen, nach dem sie sich schon so lange gesehnt hatte, da fühlte auch er ein leises Sehnen in sich nach dieser Himmelsspeise, die alle erquickt, die sie genießen. Ja, auch er wollte sich wieder aussöhnen mit seinem Gott, wollte im Frieden mit sich und seiner Familie leben und ein ganz anderer Mensch werden. Mit diesem festen Entschluss trat er aus der Kirche und traf gerade mit dem alten Sänger zusammen, dem er vorhin noch so sehr gegrollt hatte. Doch jetzt fühlte er nichts mehr von dem Hass gegen diesen Mann, und freundlich grüßend wollte er vorbeigehen.

 

"Halt, lieber Freund", redete der ihn aber an, "so schnell geht das nicht, ich habe mit dir noch ein Wörtchen zu reden oder, um mich besser auszudrücken, ich habe an dir noch etwas gut zu machen. Hier ist das Geld, das ich dir gestern abgenommen habe und das du sauer und ehrlich verdient hast. Nimm es nur, es gehört dir, ich habe falsch gespielt und wollte mich an deiner Verlegenheit weiden, aber heute ist das anders; das Gebet deines Kindes hat mich zu sehr ergriffen, als dass ich länger mit dir in Hass und Feindschaft leben könnte. Komm, reich mir die Hand, und vergib, was ich dir getan habe."

 

Überrascht blickte Sepp den Kaufmann eine Weile schweigend an und wollte es gar nicht glauben, bis er das blinkende Geld in seiner Hand hielt, dann reichte er ihm bewegt die Hand und sprach:

 

"Werner, unauslöschlich wird dieser Weiße Sonntag meinem Gedächtnis eingeprägt sein, er, der meinem Leben eine ganz andere Richtung gegeben hat, und ich hoffe, dass mir Gott die Gnade verleiht, ihn noch recht oft in Friede und Freude feiern zu können."

 

"Auch für mich", entgegnete Werner, "wird er nicht ganz bedeutungslos bleiben, denn ich habe erkannt, dass es doch noch andere, höhere Güter gibt als die, die ich bisher angestrebt habe, und dass nur sie uns wahres Glück und wahren Frieden bieten können."

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6. Das blinde Kommunionkind - Von Elsbeth Düker

 

In der Blindenanstalt, die vor dem Tor der Stadt lag, befand sich auch ein kleines katholisches Mädchen, das den Namen Cäcilia in der Taufe erhalten hatte. Da es zum Weißen Sonntag in der Stadtkirche zur ersten heiligen Kommunion gehen sollte, denn es war bereits zwölf Jahre alt geworden, musste es jede Woche zwei Mal in die Schule gebracht werden, um dem gemeinsamen Kommunionunterricht beizuwohnen. Alle Stadtkinder, die im großen Saal der Bürgerschule versammelt waren, schauten mitleidig auf das kleine, blasse Mädchen, wenn es an der Hand einer Anstaltsdienerin eintrat und später wieder abgeholt wurde. Jedes Kind hätte ihm gern etwas Liebes gesagt, etwas Gutes geschenkt, um einmal den Schein der Freude auf das stille Gesicht zu zaubern. Die Kleine schien unverwandt hinzuhorchen auf die Lehren und Worte des Herrn Pfarrers, der so mild und ernst, wie der göttliche Kinderfreund selbst, zu der jugendlichen Schar sprach, bemüht, ihre Seelen himmelwärts zu lenken. Wie ein verdurstendes Blümchen, das zur rechten Zeit noch durch eine gütige Hand mit Wasser versorgt wird, so ähnlich erging es Cäcilia, die nur spärlichen Religionsunterricht genossen hatte und jetzt in der seligen Vorbereitungszeit auf die erste heilige Kommunion die Flügel ihrer Seele ausbreitete, so weit - als flöge sie nach Haus in das Heimatland der Seele. Cäcilia lernte außerordentlich leicht und wusste jedes Mal eine gute Antwort auf die Frage des Herrn Pfarrers. Nichts Äußeres hielt sie ab, auf den Gegenstand ihres Unterrichtes ihre Aufmerksamkeit zu richten, wie das ja so oft der Fall ist bei den Kindern, denen der liebe Gott zwei sehende Augen mit auf die Welt gegeben hat. Oft stellte der Herr Pfarrer Cäcilia als Muster des Fleißes und der Aufmerksamkeit hin. So rückte der Tag der Erstkommunion heran. Wohl keines der Kinder hatte eine größere Sehnsucht, den göttlichen Heiland bald in dem allerheiligsten Sakrament zu empfangen; es war ja derselbe Herr, der einst so gütig zu einem armen Blinden gewesen war, dass er ihn sehend machte. Das wusste Cäcilia aus der Biblischen Geschichte, die sie schon bei ihrem Mütterchen daheim gelernt hatte. Nun war sie auch schon seit zwei Jahren tot, wie der Vater, den sie gar nicht gekannt hatte.

 

Der Tag der Generalbeichte war vorüber. Wie schlicht und einfach und doch so voll Reuegefühl hatte Cäcilia ihre Fehler vom ganzen früheren Leben gebeichtet. Keine Ängstlichkeit brachte ihre Seele in Aufruhr und ihr stilles Gemüt um den Frieden. Mit keinem der Kinder war sie ja "böse", so dass sie sich nun versöhnen musste, ehe sie zum Tisch des Herrn ging; kein unrechtes Gut musste zurückerstattet werden, denn sie besaß keins. Auch mit der Ausstattung des Körpers hatte Cäcilia nichts zu schaffen und wenig im Sinn, denn sie sah ja nichts von all den irdischen Dingen, die andere Mädchen so gerne abhalten wollen, ihre Gedanken ganz dem göttlichen Gast und der Ausschmückung der Seele, die ihn aufnehmen soll, zuzuwenden. 

 

Der ereignisvollste der Kindheit brach auch für Cäcilia heran. Von den Türmen der Stadtkirche klang der Glockenton so hell und freudig, als gäbe er der Freude Ausdruck, die in so vielen Kinderherzen heute brannte. Cäcilia war die glücklichste in der großen Blindenanstalt; kaum konnte sie erwarten, bis man ihr half, das weiße Kleidchen anzulegen. Vor ihrem Bettchen kniete Cäcilia lange und betete und lud im Geist ihre seligen Eltern ein, sie zum Tisch des Herrn zu begleiten. Endlich rief man sie, um sie zur Kirche zu führen. Alle Anwesenden, die es sahen, wurden tiefgerührt durch den Anblick dieses kleinen, blinden Mädchens, das so andächtig betete, ohne ein Goldschnitt-Gebetbuch zu bedürfen. Wie ein betender Engel verharrte die Kleine, ihre Hände über der Brust gekreuzt, die lichtlosen Augen wie in freudigem Schauen nach oben gerichtet. Wie der geheilte Blindgeborene einst vertrauensvoll sprach: "Herr, ich glaube", so drückte Cäciliens ganzes Wesen und Verhalten diesen Glauben aus. Nun legte sie im andächtigsten Gebet alle kleinen Anliegen ihrem lieben Herrn ans Herz. Nicht flehte Cäcilia, dass sie sehend werden möchte, dass die dunkle Blindheit, die ihr auf beiden Augen geruht hatte, seit dem ersten Tag, fallen möchte, nein, das Kind hielt sich nicht würdig eines solchen Wunders. Es hatte durch Gottes Gnade in seinem jungen Leben schon erkannt, dass "denen, die Gott lieben", alle Dinge zum Besten gereichen müssten. Ob blind oder sehend, alle können wir zur Anschauung Gottes gelangen, wenn wir ihn hier geliebt, das heißt: seinen Willen getan haben. Cäcilia bewahrte die heilige Sammlung am besten, dazu halfen ihr die armen, blinden Augen. Einige blinde Erwachsene der Anstalt, die auch katholisch waren, sonnten sich an der reinen Freude des Kindes und beschlossen, recht bald einmal wieder die heilige Kommunion zu empfangen, damit sie dort Kraft und Freudigkeit sich holten, das Leben mit seiner harten Bürde weiter zu tragen.

 

Am Nachmittag ging Cäcilia allein im weiten Garten der Blindenanstalt umher, denn sie wusste dort jeden Weg und Schritt. Warm schien die österliche Sonne hernieder und lockte die Veilchen aus ihrer Verborgenheit. Ein verstecktes Plätzchen suchte sich Cäcilia, um ein wenig auszuruhen von den Anstrengungen des Tages, denn - sie fühlte sich so matt und angegriffen, während das Glück des Morgens noch nachhallte in ihrem dankbaren Herzen.

 

Als nach einer Stunde Cäcilia noch nicht zurückgekommen war ins Haus, wurde nach ihr im Garten umhergeschickt. Dort schimmerte schon das weiße Kleid durch die Büsche. Wohl saß Cäcilia noch auf der Bank, doch die Botin des Hauses fand eine kleine Leiche. Der Kopf, auf dem der frische Myrtenkranz saß, hing sanft zur Seite: ein Herzschlag hatte dem Leben der kleinen Blinden unversehens ein Ende gemacht. Der liebe Gott hatte sein blindes Lieblingskind zu sich genommen, gerade an dem Tag, wo es ihn in der heiligen Kommunion zum ersten Mal empfangen hatte. Ein armes, mühseliges und freudloses Leben, das Cäcilia so willig auf sich zu nehmen ihrem göttlichen Gast versprochen hatte, war ihr nun erspart; mit dem guten Willen war hier der liebe Gott zufrieden gewesen. Das gab ein lautes Klagen, ein Weinen und Trauern im ganzen Haus, und selbst die Stadt nahm Anteil an dem frühen Hinscheiden der kleinen Blinden.

 

Als wenn sie schliefe, so still und friedlich lag Cäcilia im Sarg mit demselben Kleid und Kranz, den sie vor einigen Stunden trug, als sie ihre Erstkommunion feierte. Die geschmückte Kerze, die ihr damals geleuchtet hatte, brannte heute wieder; ihr Schein fiel auf die geschlossenen Augen, die niemals das Licht der Welt erblickt hatten. Auf der kleinen, treuen Brust lag das Kommunionandenken des Pfarrers, ein Bild mit Namensunterschrift; die kalten Hände umwand ein Rosenkranz - das Gebetbuch der blinden Leute.

 

Jetzt waren Cäciliens Augen nicht mehr blind, denn sie sahen wohl den Himmel und seine Herrlichkeit.

 

Keines der Kommunionkinder fehlte, als die kleine Cäcilia in den Schoß der Erde versenkt wurde, denn jedes hatte die arme Blinde lieb gehabt. Auf dem Kirchhof angelangt, hielt der Herr Pfarrer, den oftmals die Rührung zu überwältigen drohte, eine ergreifende Rede, die ganz besonders auf die Kinder, die Gefährten Cäcilias, einen unauslöschlichen Eindruck machte. "Seid bereit, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt", lautete der Vorspruch der Rede.

 

Und als nach vier Wochen alle Kommunionkinder sich zur gemeinsamen Kommunion in der Kirche einfanden, war wohl keins dabei, das nicht ihrer kleinen Mitkommunikantin im Gebet gedacht hätte; auf ihrem Platz brannte ein Licht zu ihrem Gedächtnis. Mit den besten Vorsätzen traten alle übrigen Kinder die Reise ins Leben an.

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7. Am Tisch des Herrn - Von Stephardt

 

"Anna, komm her zu mir; ich muss dich etwas fragen."

 

Die so von ihrer Mutter Angeredete war ein Mädchen im Alter von ungefähr zwölf Jahren. Blonde Locken umspielten ihr rosiges Gesichtchen, aus dem zwei blaue Augen sorglos und lebensfroh in die Welt blickten.

 

Das Mädchen stand auf und eilte nach dem anstoßenden Zimmer zur Mutter, die dort am Nähtisch saß und mit einer feinen Stickerei beschäftigt war. 

 

"Da bin ich, Mama. Was willst du mich fragen? Ob ich heute schon gelernt habe?"

 

"Das auch. Aber zuvor möchte ich etwas anderes wissen. Hat dir die kleine Berta, die Portierstochter, vorhin ein Sträußchen Blumen gebracht?"

 

Anna wurde rot und blickte verlegen zu Boden. "Blumen?" brachte sie dann stotternd über die Lippen. 

 

"Ja. Blumen. Wo hast du den Strauß hingetan? Hast du ihn drin in deinem Zimmer?"

 

"Nein, Mamma, ich habe ihn nicht im Zimmer."

 

"Nicht? Hast du ihn dann vielleicht draußen auf dem Gang neben das Öllämpchen vor das Muttergottesbild gestellt?"

 

"Nein, das auch nicht, Mama."

 

"Auch nicht? Wo hast du die Blumen denn hingetan?"

 

In die blauen Augen des blonden Mädchens schlich sich eine helle Träne und unterdrücktes Schluchzen hemmte seine Stimme, als es begann: "Ich . . . ich . . . habe . . . die . . . Blumen . . . gar . . . nicht . . . genommen."

 

"Du hast sie nicht genommen? Ei, dann habe ich doch recht gehört, dann habe ich mich nicht getäuscht, als ich meinte, es sei deine Stimme, die draußen zu der armen Berta, die ich mit einem Blumenstrauß aus der Wohnung kommen sah, sagte: "Behalte deine Blumen nur und wirf sie meinetwegen auf den Düngerhaufen, oder mach damit, was du willst; ich mag sie nicht." Sag`, Anna, warst du es, die so sprach?"

 

Die Gefragte schwieg.

 

"Dein Schweigen sagt mir, dass ich recht habe" fuhr die Mutter fort, "dass du diese harten Worte wirklich gesagt hast. O Kind, das macht mich sehr traurig. So sprichst du, ich möchte fast sagen, am Vorabend deiner ersten heiligen Kommunion? Du betest doch täglich, der liebe Heiland möge dich recht demütig machen. Er möge dein Herz nach seinem heiligsten Herzen bilden, das sanftmütig und demütig war, und nun?"

 

Anna konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Laut aufschluchzend bat sie: "Mama, ich habe es nicht bös gemeint. Bitte, bitte, verzeihe mir und zürne mir nicht."

 

"Gewiss will ich dir verzeihen, mein Kind. Aber meine Verzeihung allein genügt doch nicht. Verzeiht dir wohl auch der liebe Gott? Schau, das Kind wollte dir eine Freude machen. Es hatte nichts Schöneres, nichts Besseres als die schlichten Blümchen, die es vielleicht mit vieler Mühe für dich draußen im Feld gesammelt hatte. In den Augen des armen Kindes waren diese Blumen das Schönste, was es dir geben konnte. Du aber wiesest die Gaben mit harten, stolzen und geringschätzenden Worten zurück. Dadurch hast du dem Kind gewiss sehr weh getan. Siehst du das ein?"

 

"Ja, Mama, ich sehe es ein. Es war böse von mir."

 

"Ja, es war böse von dir gehandelt, mein Kind. Mir selbst ging es wie ein Stich durchs Herz, als ich dich so hart reden hörte, als ich vernahm, wie du mit stolzen Worten das dargebotene Geschenk der armen Berta zurückwiesest. Und du willst doch ein Kommunionkind sein! Ist meine Anna wohl würdig, dachte ich mir, zum Tisch des Herrn zu gehen, wo es keinen Unterschied zwischen arm und reich gibt, wo das arme Kind ebenso willkommen ist wie das reiche, wo wir alle dieselbe Speise, den heiligsten Leib des lieben Heilandes empfangen, wo wir alle ganz gleich sind? Meinst du, mein liebes Kind, dass du mit einem stolzen, lieblosen Herzen in der Brust teilnehmen kannst an jenem himmlischen Gastmahl der Liebe, zu dem wir arme Menschen nichts bringen können, was Jesus angenehm ist, als ein Herz voll Demut und voll Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen? Und als die Zeit begann, wo du anfingest, dich auf deine erste heilige Kommunion vorzubereiten, da habe ich dich als sorgende und teilnehmende Mutter, die ihrem Kind das Liebste und Beste wünscht, hingeführt zum Kruzifix, und habe dir gesagt: "Anna, nimm es mit deiner Vorbereitung recht ernst. Nimm dir auch recht fest vor, vor allem deine Lieblingsfehler auszurotten. Zu diesen gehört dein Stolz, das Meinen, du seist viel mehr wie andere Kinder. Du hast mir versprochen, es zu tun und tüchtig an deiner Besserung zu arbeiten, damit der liebe Heiland bei seiner Einkehr in dein Herz die innigste Freude habe. Hältst du nun so dein Wort, das du mir dort unter dem Kruzifix gegeben hast, wo der liebe Heiland vom Kreuz herabzublicken und dich zu segnen schien, weil du ein braves Kind werden wolltest?"

 

"Ja, Mama, das will ich; ich will ein braves Kind werden. Ach, wenn du mir nur ins Herz blicken könntest, um zu sehen, wie weh es mir tut, wieder stolz und unfreundlich gewesen zu sein. Glaube es mir doch, dass es mir wirklich leid tut."

 

"Ich will dir glauben, mein Kind, und ich will hoffen, dass du den festen Vorsatz fasst, es nicht wieder zu tun. Es muss heute wirklich das letzte Mal gewesen sein, dass du anderen gegenüber so unfreundlich und stolz warst. Deine erste heilige Kommunion, auf die du dich vorbereitest, ist der wichtigste Augenblick deines Lebens; denn vom Tisch des Herrn kommst du zurück, entweder im Guten, in der Bescheidenheit, in der Reinheit, in der Frömmigkeit, in den Tugenden überhaupt mehr bestärkt und gefestigt, oder aber im Stolz und in der Verachtung deiner Mitmenschen verhärtet. Denke nur an das letzte Abendmahl des Herrn. Von den zwölf Aposteln, die mit dem göttlichen Heiland zu Tisch saßen und aus seiner Hand ihre erste heilige Kommunion empfingen, wurden elf Apostel nach dem Empfang der heiligen Kommunion besser, reiner und heiliger, während der zwölfte, Judas Iskariot, der mit bösem Herzen am heiligen Mahl teilgenommen hatte, im Bösen verhärtet und ein Verräter seines göttlichen Meisters wurde."

 

"Mama, ich werde gewiss nicht mehr so böse sein. Ich verspreche es dir noch einmal und ich hoffe, dass ich mit der Gnade Gottes mein Versprechen auch halten werde."

 

"Gut denn, mein Herzenskind. Behandle niemand mehr verächtlich, weder die kleine Berta, die ein so gutes Kind ist und gleich dir ein Kommunionkind, noch jemand anderes, auch wenn er dir vielleicht weniger gut zu sein scheint. Schmücke dein Herz mit Milde, Liebe und Frömmigkeit, bereite dich diese Tage hindurch noch recht gut vor auf deine erste heilige Kommunion, damit du das Brot der Engel zum Segen für dein ganzes Leben empfängst."

 

"Ich will es, Mama."

 

"Und wie willst du nun gut machen, was du vorhin getan hast?"

 

"Ich will zu Berta gehen und sie um Verzeihung bitten. Darf ich gehen, Mama, und den Portiersleuten einen Besuch machen, um Berta zu treffen und ihr zu sagen, wie leid es mir tut, dass ich vorhin so böse war mit ihr?"

 

"Ja, Kind, gehe und bitte Berta um Verzeihung. Und sei recht lieb mit dem Mädchen. Ihr geht ja beide zugleich zum Tisch des Herrn. Wie ihr dort vereint seid, so sehe ich euch auch jetzt schon gerne in Liebe und Freundschaft miteinander verbunden. Berta ist zwar ein armes Kind, aber sie ist so gut erzogen und so brav, dass ich nichts dagegen hätte, wenn ihr Freundschaft schließen und viel beisammen sein würdet."

 

Während dieses in der prachtvoll ausgestatteten Herrschaftswohnung gesprochen wurde, fand auch unten im Pförtnerstübchen eine Unterredung zwischen Mutter und Tochter statt. Als Anna die vom Portierstöchterchen dargebotenen Blumen zurückgewiesen hatte, war Berta weinend zu ihrer Mutter geeilt, um ihr unter Tränen zu erzählen, was soeben geschehen war. "Denke, liebe Mutter", berichtete das Mädchen, "Anna hat gesagt, meine Blumen seien gut für den Düngerhaufen, aber für nichts anderes. Dabei hat sie mich angesehen, als hätte ich etwas sehr Böses begangen. Und ich hatte es doch so gut gemeint und ich hatte mir so viel Mühe gegeben, die schönsten Blümchen, die zu finden waren, zu suchen und ihr zu bringen. Es blühen ja noch nicht viele Blumen und so konnte ich auch keine hervorragend schöne finden. Aber wenn ich meine Blümchen zum Altar der lieben Mutter Gottes gestellt hätte, wären sie gewiss nicht zurückgewiesen worden."

 

"Lass es gut sein, Berta, und sei nicht traurig darüber. Wenn später mehr und schönere Blumen blühen, kannst du ja einen neuen Strauß pflücken und ihn der Anna geben."

 

"Nein, ich werde keine Blumen mehr pflücken. Anna hat ein hartes, stolzes Herz; ich werde ihr keine Blumen mehr anbieten. Unsere junge Herrin verachtet mich gewiss."

 

"Das tut sie nicht, Berta. Anna hat auch kein stolzes Herz; sie ist nur vornehm und reich. Du darfst ihr nicht böse sein, weil sie deine Blumen nicht genommen hat. Sie hat jedenfalls aus dem Treibhaus schönere, als du ihr bieten kannst, und so kam es, dass ihr deine nicht mehr so willkommen waren."

 

"Musste sie deswegen aber sagen, meine Blumen sind für den Düngerhaufen gut genug?"

 

"Das hat Anna sicher nur gesagt, ohne ihre Worte zu bedenken. Und wenn sie etwas gesagt hat, was vielleicht nicht ganz richtig war, Herzl, so vergiss nicht, dass sie die Tochter unserer gütigen Herrschaft ist, die dem Vater die Stelle gab, durch die er uns das tägliche Brot verdienen kann."

 

"Ich bin der Anna ja auch nicht böse und ich will ihr gar nicht mehr zürnen. Aber weh hat es mir getan, und wenn ich daran denke, muss ich gleich wieder weinen."

 

"Bete ein Vaterunser, liebes Kind, dann wird es dir nicht mehr so weh tun. Und dann denke auch an deine erste heilige Kommunion, die du in wenigen Tagen empfangen willst. Opfere alles dem lieben Jesus auf, er wird es dir mit reichen Gnaden vergelten."

 

"Ja, Mutter, das will ich tun. Der Herr Pfarrer hat uns ja noch gestern im Religionsunterricht gesagt, wir sollten uns freuen, wenn wir dem lieben Jesus etwas aufopfern könnten. Das kann ich nun und ich will es gerne tun. Überhaupt, wenn ich an die erste heilige Kommunion denke, die Anna und ich wie zwei Schwestern am gleichen Tag empfangen werden, dann kann ich unserer jungen Herrin gar nicht mehr zürnen. Ein Kommunionkind will gewiss nichts Böses tun. Ach nein, Anna hat es gewiss nicht böse gemeint; ich war nur sehr empfindlich, als ihre Worte mir so weh taten. Ich will jetzt ein Vaterunser beten für Anna und für mich, damit wir uns auf unsere erste heilige Kommunion gut vorbereiten. Komm, liebe Mutter, komm bete es mit mir. Wir wollen uns vor dem Marienaltärchen niederknien und zusammen beten."

 

Mutter und Tochter knieten nieder, um zu beten. Sie hatten ihr Vaterunser kaum beendet, als es leise an die Tür klopfte und Anna, von einem Zimmermädchen begleitet, eintrat. Sie ging sofort auf Berta zu, fasste sie bei der Hand und sagte: "Liebe Berta, ich habe dir vor einer Weile recht weh getan. Bitte, sei mir nicht böse und verzeihe mir."

 

Berta wusste nicht, was sie sagen sollte. "O Fräulein", stotterte sie, "Sie haben mir doch nichts Böses getan."

 

"Doch, Berta, es war sehr böse von mir gehandelt, als ich vorhin deine Blumen zurückwies. Das war sehr garstig von mir. Und ich bin doch gleich dir ein Kommunionkind. Bitte, verzeihe mir, damit ich mich auf den Tag der ersten heiligen Kommunion ebenso freuen kann wie du."

 

"Wenn gnädiges Fräulein meinen, mich beleidigt zu haben, so will ich von ganzem Herzen verzeihen." Dabei neigte Berta sich, um dem reichen Mädchen die Hand zu küssen. Doch Anna ließ dies nicht zu, "Was willst du tun?" rief sie. "Höre doch, Berta, was ich dir noch sagen möchte. Schau, wir gehen beide zu gleicher Zeit zur ersten heiligen Kommunion. Dort sind wir ganz gleich, so gleich, als ob wir zwei Schwestern wären. Lass uns darum jetzt schon nicht mehr fremd sein zueinander. Bitte, liebe Berta, sei und bleibe meine beste Freundin."

 

"Aber das gnädige Fräulein ist so reich und ich bin so arm."

 

"Macht das etwas? Wir feiern unseren schönsten Lebenstag zusammen, und wie wir dort beim lieben Jesus vereint sind, so wollen wir es jetzt schon sein und dann für unser ganzes Leben bleiben. Willst du, Berta? Bitte, sage ja."

 

"Wenn ich nicht zu gering bin, gern, von Herzen gern. Ich will immer eine treue, liebe Freundin sein."

 

"Ich dir desgleichen", rief Anna und schlang ihre Arme innig um die neue Freundin. Dann fuhr sie fort: "Zum Andenken an diesen Tag will ich mir die Blumen mitnehmen, die ich vorhin zurückwies. Sie sollen mich immer an das Versprechen erinnern, das ich heute dem lieben Gott, meiner guten Mama und dir gemacht habe."

 

Eine Weile plauderten die beiden Mädchen noch zusammen, dann griff Anna nach den Blumen, die noch auf dem Tisch lagen und verabschiedete sich mit freundlichen Worten, indem sie die neue Freundin noch einlud, sie recht bald einmal zu besuchen. -

 

Eine Woche später - es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen - gingen die Kinder zur ersten heiligen Kommunion. Besonders zwei der Erstkommunionkinder lenkten aller Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren ganz gleich gekleidet, knieten nebeneinander und zeichneten sich vor allen anderen durch ihre Bescheidenheit und Frömmigkeit aus. 

 

"Sind das zwei Schwestern?" fragten einige Leute, denen die beiden Kinder nicht bekannt waren.

 

"Nein, nein", lautete die Antwort, "das sind keine Schwestern. Das eine der Mädchen ist die Tochter des vornehmen und reichen Villenbesitzers Dalmet und das andere ist das Kind des in der Villa angestellten Portiers Lengerl."

 

"Und die Kinder sind gleich gekleidet?"

 

"Das hat Frau Dalmet auf Bitten ihrer Tochter getan, die mit der kleinen Portierstochter innige Freundschaft geschlossen hat und sie wie eine Schwester liebt." -

 

Die beiden Mädchen blieben in herzlicher Freundschaft miteinander verbunden. Sie hatten sich in der Vorbereitung auf ihre erste heilige Kommunion gefunden und am Tisch des Herrn fest miteinander vereinigt. Das Band, das sich dort um ihre Herzen geschlungen hat, wurde nie gelockert, und nur der Tod, der Tod am Tisch des Herrn, sollte es für hienieden trennen. 

 

Seit jenem Frühlingstag waren etwa zehn Jahre verflossen. Es war eine finstere, stürmische Aprilnacht. Der Mond leuchtete nicht, kein Sternlein stand am Himmel; nirgends war ein Licht zu sehen, das die Dunkelheit in etwa durchbrochen und einen Weg durch die Finsternis gezeigt hätte. Da blieb wohl jedermann am liebsten zu Hause im trauten Familienkreis, im warmen Zimmer, wo man die Kälte und den Sturm nicht so fühlte und beim ruhigen Lampenlicht die Finsternis vergaß.

 

Trotz Sturm und Finsternis gingen zwei Frauengestalten einen schmalen Fußweg, der an einem rauschenden Bächlein entlang nach dem Atlantischen Ozean führte. Dem leichten Gang nach mussten die beiden Frauen in der Blüte der Jahre stehen. Die eine der beiden Frauen führte ihre Begleiterin, der der Weg allem Anschein nach noch unbekannt war, mit großer Vorsicht voran, indem sie auf alle Hindernisse aufmerksam machte, die sich entgegenstellen konnten.

 

"Fräulein Anna", hören wir sie flüstern, "halten wir uns ein wenig mehr nach links, damit die alten Weiden, die ihre Äste und Zweige hier weit über den Weg strecken, ihnen nicht zu oft in das Gesicht schlagen. - Heiligste Jungfrau, welches Dunkel und welch ein Sturm dazu!" 

 

"Nur Mut, liebe Berta. Der liebe Gott sieht uns ja und wird uns glücklich ans Ziel gelangen lassen."

 

"Ich habe keine Furcht, Fräulein Anna. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich diesen Weg gehe."

 

"Sind wir sicher auf dem richtigen Weg?"

 

"Ja, wir sind es."

 

"Hoch, Berta!"

 

"Was denn?"

 

"Hast du das Geräusch nicht vernommen?"

 

"Nein, ich habe nichts gehört."

 

"Es kam mir vor, als hätte ich da drüben Stimmen gehört und als hätte ich etwas wie blanken Stahl aufblitzen sehen."

 

"Es wird nichts gewesen sein, als höchstens ein Tier, das in seiner Nachtruhe gestört wurde. Hier haben wir nichts zu fürchten. Wenn uns Gefahr droht, so ist es erst draußen auf dem Meer. Es heißt nämlich, dass die Jakobiner, diese Blutmenschen, die alles Heilige und Ehrwürdige in den Kot getreten haben, mit geschärfter Aufmerksamkeit an der Küste herumfahren, um dort, wenn möglich, Priester und ihrem Glauben treu gebliebene Katholiken gefangen zu nehmen, falls diese sich hinauf aufs Meer begeben sollten, um dort ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, nachdem es ihnen auf dem Festland unmöglich gemacht wurde."

 

"Würden wir es teuer büßen müssen. Gefangenschaft und Tod wären unser Anteil."

 

"Wenn man uns auch entdeckte, Berta, was wäre das Schreckliches? Ich denke jetzt so oft an die Märtyrer der ersten christlichen Jahrhunderte. Die Zeit ist wieder gekommen, wo wir dem lieben Heiland unsere Liebe dadurch bezeigen können, dass wir bereit sind, für ihn unser Leben dahinzugeben. Ach, Berta, es sind schreckliche Zeiten, in denen wir leben! Die Altäre verwüstet, die Kirchen geschlossen, die Priester wie wilde Tiere durch die Wälder gejagt."

 

"Ja, es ist schrecklich. Blut und Verbrechen bezeichnen die Wege, auf denen dieser Robespierre und seine Genossen einhergehen. Doch Gott hat uns die Gnade gegeben, dass wir unserem heiligen Glauben treu geblieben sind, und ich bete alle Tage darum, dass er uns auch für die Zukunft diese Gnade gebe."

 

"Auch ich bete darum und ich hoffe, dass wir nicht vergebens bitten. Und in dieser Nacht dürfen wir wieder zusammen zur heiligen Kommunion gehen. O, wie freue ich mich darauf. Es ist und bleibt doch wahr: Christi Blut gibt Christi Mut. Sooft mir etwas schwer fallen will, denke ich an unsere erste heilige Kommunion, und alles wird mir wieder leicht. Und wie danke ich dem lieben Gott, dass er mich dich damals finden ließ. Erinnerst auch du dich noch daran, wie wir Freundinnen wurden?"

 

"Ja, ich denke gerne an unsere erste heilige Kommunion."

 

"Die Blumen, die du mir damals gegeben hast, habe ich heute noch und gehören zu meinen liebsten Gegenständen, deren Besitz mir lieb und teuer ist."

 

Jeder hat nun diese Mädchen wiedererkannt, die einst kurz vor ihrer ersten heiligen Kommunion Freundschaft miteinander geschlossen und diese treu gehalten hatten bis auf den heutigen Tag, wo wir sie durch die stürmische Nacht wandern sehen, um an verborgenem Ort der heiligen Messe beizuwohnen und die heilige Kommunion zu empfangen. Es war zur Zeit, da gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich die traurige Revolution mit all ihren Schrecken und Gräueln wütete.

 

"Sind wir bald am Ziel?"

 

"Ja, bald."

 

Ein Geräusch wie das Atmen eines ungeheuren Riesen wurde immer deutlicher.

 

"Das ist das Meer", sagte Berta, "nun sind wir gleich am Ziel. Da unten wohnt Albert, der Fischer, in dessen Hütte wir uns heute Nacht versammeln."

 

Wirklich tauchte gleich darauf vor den Augen der beiden Mädchen eine Hütte auf, durch deren eines Fenster ein ganz schmaler gedämpfter Lichtstreifen fiel. Berta näherte sich der Hütte und klopfte fünf Mal immer leiser an die Tür.

 

Von drinnen waren Schritte zu hören und eine weibliche Stimme sagte: "Pax."

 

"Christi", entgegnete Berta.

 

Gleich darauf wurde der Riegel zurückgeschoben, die Tür öffnete sich und die beiden Mädchen konnten eintreten. Es war ein einfaches, niedriges Zimmer, an dessen Wänden Netze und sonstige Fischergeräte hingen. Nicht das geringste ließ erkennen, dass während der französischen Revolution hier ein Versammlungsort der treu gebliebenen Katholiken war. Hinter dem Wohnzimmer war ein zweiter Raum, zu dem man den Eingang kaum sah, da er kunstvoll mit Netzen und Fischergeräten verhangen war. Die Frau des Fischers öffnete die Tür und ließ die Mädchen dort eintreten. In dem Raum waren etwa dreißig Personen versammelt, Männer und Frauen, die auf einfachen Bänken saßen. Manche hatten ein Gebetbuch in der Hand, andere den Rosenkranz, alle beteten und bereiteten sich vor auf den Empfang der heiligen Sakramente. Ein Greis im Silberhaar schien die Ordnung aufrecht zu halten. Er trat auf die beiden Mädchen zu, grüßte freundlich und wies ihnen dann ihren Platz an. "Ist Vater Laurent, der Priester, noch nicht gekommen?" fragte Berta.

 

"Nein", entgegnete der Greis, "er ist noch nicht da. Albert ist ihm entgegengegangen und ich hoffe, sie werden bald hier sein."

 

"Wenn sie sich in dieser dunklen Nacht nur nicht verirren", sagte Anna. 

 

"Das denke ich nicht", erwiderte der Greis. "Albert kennt jeden Fuß Landes, er hat ja sein ganzes Leben hier zugebracht."

 

"Aber Vater Laurent?"

 

"Ist schön öfters hier gewesen und hat als Fischer verkleidet bei hellem Tageslicht die Gegend wiederholt durchsucht, um sich bei Nacht zurechtzufinden. Gottes Engel wird sie schützen und bald in unserer Mitte sein lassen."

 

Eine Weile herrschte wieder vollkommene Stille, so dass man jedes Geräusch von draußen vernehmen konnte.

 

"Ich glaube, jetzt kommen sie", sagte auf einmal ein junger Mann, der dem Eingang am nächsten war.

 

Gleich darauf öffnete sich die Tür und im Eingang stand ein Greis, dem das silberweiße Haar wie ein Heiligenschein um die Stirn lag und in dessen milden Gesichtszügen das Lächeln und die Freude des guten Hirten zu sehen war, der zu seinen Schäflein kommt.

 

"Vater Laurent", flüsterte Berta ihrer Begleiterin zu. "Das ist der Priester, der von Todesgefahren rings umgeben hier bei uns blieb, damit wir des Trostes der heiligen Sakramente und des heiligen Messopfers nicht gänzlich beraubt wären. Fünf Mal schon waren die Häscher auf seiner Spur und hätten ihn fast gefangen genommen; aber immer noch gelang es ihm, sich ihren Nachstellungen wie durch ein Wunder zu entziehen."

 

Anna, die zum ersten Mal in dieser Versammlung war, blickte mit Ehrfurcht auf den Priestergreis. Sie las Liebe und Sorge in seinen Zügen, aber keine Furcht. Sein Blick schien allen Kraft, Mut und Begeisterung zu geben. Das war wohl der Blick der ersten Glaubensboten, der zu sagen schien: "Wer sein irdisches Leben für Gott im Bekenntnis des wahren Glaubens hingibt, wird das ewige Leben erlangen." Das Auge des Priesters leuchtete so froh wie in jenen Tagen, da er in festlich geschmückter Kirche, umgeben von Orgelton und Weihrauchwolken das feierliche Gloria anstimmte.

 

Nun empfingen alle das heilige Bußsakrament. Einer nach dem anderen trat hin, um sich nach demütigem Sündenbekenntnis die Lossprechung von seinen im Bußgericht bekannten Fehlern und Schwächen zu holen. Als dann alle gebeichtet hatten, erhob sich der Priester und fragte, ob alle, die von der heutigen Feier Nachricht bekommen hatten, da sind, oder ob man noch warten soll.

 

"Sie sind alle hier", entgegnete der Fischer.

 

"Nun denn, so lasst uns gehen."

 

Eine Seitentür wurde geöffnet und alle Anwesenden traten stillschweigend hinaus in die schweigende Nacht. Von der Fischerhütte aus begab man sich dann in zwei Abteilungen auf verschiedenen Wegen nach einer kleinen Einbuchtung, wo vom Gebüsch ziemlich versteckt eine geräumige Fischerbarke lag. Alle stiegen ein, als letzter der greise Priester, der dann sofort die heiligen Gewänder anlegte, um auf dem Meer das heilige Opfer darzubringen. Die Segel wurden aufgezogen, der Wind schwellte sie und führte die Barke hinaus auf die hohe See. Der Sturm war schwächer geworden, es schien, als wolle er sich ausruhen oder als dürfe er nicht mehr wüten.

 

Es war ein feierliches Schauspiel, als in der Barke nun der kleine Altar aufgerichtet wurde, auf dem bald das Lamm Gottes ruhen sollte, Jesus Christus, unsere Seelenspeise, die Stärke der Schwachen; es erfüllte alle, wie von selbst, mit Andacht, als der Priester jetzt das heilige Opfer begann. 

 

Anna und Berta knieten nebeneinander, wie sie einst am Tag ihrer ersten heiligen Kommunion gekniet hatten, und bereiteten sich auf die Einkehr des himmlischen Gastes vor. Sie erinnerten sich dabei wohl auch an jenen schönen Tag, da sie im geschmückten Gotteshaus gekniet hatten, um Engeln gleich sich zum ersten Mal dem Tisch des Herrn zu nahen. Auch heute gingen sie wieder wie damals zusammen zum Tisch des Herrn. Damals war es im prächtigen Gotteshaus gewesen, jetzt in einer armen Barke, mit der die Wellen ihr Spiel trieben; aber dort wie hier war es derselbe himmlische Gast, der sich selbst ihnen geben wollte, der sie mit seinen Gnadenschätzen erwartete.

 

Die heilige Messe begann, die heilige Wandlung kam, der Augenblick der heiligen Kommunion kam näher. Alle traten hinzu, um den Leib des Herrn, die Speise zum ewigen Leben zu empfangen. Anna und Berta waren die letzten, die sich dem Tisch des Herrn nahten. "Der Leib unseres Herrn Jesu Christi bewahre deine Seele zum ewigen Leben", wiederholte der Priester und reichte den Seite an Seite Knienden die himmlische Seelenspeise. Eben wollten die beiden Mädchen, Friede, Ruhe und Glück im Herzen, sich erheben, um an ihren Platz zurückzukehren, als Albert, der Fischer, plötzlich rief: "Die Lichter aus. Ich höre Geräusche: wir sind entdeckt und werden jedenfalls verfolgt." Schrecken bemächtigte sich aller, die im Fischerboot waren und diese Worte hörten. Nur der Priester blieb ruhig. Er löschte selbst die Lichter aus und wollte dann in der heiligen Handlung fortfahren.

 

Da blitzte es von der Seite herüber, ein Schuss krachte und mit Blitzesschnelle umklammerte Berta, die mit Anna noch in der Nähe des kleinen Altares war, den Arm ihrer Freundin.

 

"Was hast du?" schrie sie erschreckt auf.

 

"Ich bin getroffen", entgegnete Berta leise.

 

"Wohin getroffen?"

 

"In die Brust. Ich sterbe. Gott sei Dank, dass ich noch bei der heiligen Kommunion war, mit dir zugleich am Tisch des Herrn. Es war heute so schön wie damals am Tag - unserer - ersten - heiligen - Kommunion. Auf - Wiedersehen - im - Himmel. - Lebe - - "

 

Die Kugel hatte wirklich die Brust des Mädchens durchbohrt und alle Versuche, das junge Leben zu retten, waren vergeblich. Schon nach wenigen Minuten war Berta eine Leiche.

 

Die Finsternis rettete die Fischerbarke aus den Händen der Verfolger, und als der Morgen im fernen Osten graute, war Albert, der jeden Winkel der Küste genau kannte, an einem sicheren Plätzchen gelandet. Dort am Ufer fand auch die Leiche des Mädchens in einem vom Priester gesegneten Grab ihre vorläufige Ruhestätte.

 

Als dann die Stürme der Revolution vorüber waren und über Frankreich wieder der Friedensengel schwebte, ließ Anna die Gebeine ihrer toten Freundin ausheben und in einem schöneren Grab auf dem katholischen Friedhof ihres Heimatstädtchens beisetzen. Auf das Grab aber kam ein kostbarer Marmorstein, der auf der vorderen Seite den Namen und die Todesursache der Verstorbenen enthielt, auf seiner rückwärtigen Seite aber stand: "In treuer Freundschaft und Erinnerung an zwei Tage gesetzt." Darunter war das Datum des Erstkommuniontages angegeben und das, an dem Berta ihren Tod fand. Zuletzt aber stand in großen goldenen Buchstaben:

"Am Tisch des Herrn."

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8. Tiefgesunken in der Sünde - Einer wahren Begebenheit nacherzählt von Er. Krafft

 

1.

In seiner Malstube zu Rom, wohin er eigens gekommen war, um Modelle, Vorbilder zu suchen für das Gemälde "La cena" (Das letzte Abendmahl Christi), saß der große Meister Leonardo da Vinci - tiefnachdenklich und brütend. Vor ihm stand auf hohem Gestell der Zeichenentwurf für dieses Gemälde; nach Örtlichkeit und Personen völlig geordnet und harrend der näheren Ausführung. Der Skizzierstift in der geschickten Hand des berühmten Künstlers ruhte; ein Seufzer stieg aus seiner Brust empor. Tag und Nacht, Wochen und Monate hatte er Geist und Einbildungssinn zermartert, um eine gänzlich neue, vollwürdige Vorlage für Christi letztes Liebesmahl mit seinen Jüngern zu erfinden und künstlerisch edel darzustellen. Nun war ihm dieser schwerste Wurf in seinem Vorhaben auch gelungen - allein das Werk stockte trotzdem: Leonardo hatte bis jetzt kein Modell, keine sichtbare Vorlage gefunden für die Hauptgestalt seines Gemäldes: für Christus.

 

Richt- und ratlos war er vom Osten zum Westen, vom Norden zum Süden der "Ewigen Stadt" umhergeirrt, überall spähend, überall seinen hohen Zweck verfolgend - vergebens. Nirgends hatte er gefunden, was er suchte. Wohl waren ihm Hunderte von schönen, edelgeformten Gesichtern aufgestoßen; wohl hatten ihm aus manchen Zügen hoher Sinn und große Vortrefflichkeit in die Augen geleuchtet - aber die rechte Vereinigung von äußerer Schönheit und innerer Hoheit, wie er sie für das Antlitz Jesu benötigte, hatte er vergebens gesucht.

 

Hastig sprang der Meister von seinem Stuhl auf. Ein Ruck seines feingeschnittenen Kopfes schleuderte die langen Locken, die ihm über Stirn und Schläfen niedergerollt waren, in den Nacken zurück; seine hohe Gestalt reckte sich energisch empor.

 

"Mut! Nur kein Sinken der Energie!" raffte er sich auf in leisem Selbstgespräch. "Was mir gestern und vorgestern nicht gelang, kann heute wohl gelingen. Also von neuem auf die Suche!"

 

Er warf seinen wallenden Mantel über die Schultern, drückte das Barett auf die wallenden Locken und schickte sich an, sein Atelier zu verlassen. Vorher aber sandte er noch ein glühendes Gebet zu Christus empor um das Gelingen seines Planes. "Mein Herr und Heiland", flüsterten seine Lippen, "lass mich finden, was ich suche, auf dass ich dein Bild würdig und zur Verehrung zwingend herzustellen vermag!" 

 

Er trat ins Freie. Bald wallte ihm der volle Strom des römischen Menschenlebens entgegen. Wieder spähte und forschte er nach rechts und links, auf Straßen und freien Plätzen nach einem Christuskopf - abermals vergeblich.

 

Schon bemächtigte sich des Meisters eine gewisse Ermüdung und Missstimmung; schon dachte er an den Heimweg - als sich vor ihm das Portal einer Kirche öffnete und einer Gruppe junger Leute Austritt verlieh. Einer von diesen jungen Männern sprach gerade, und aus seiner Stimme klang dem aufhorchenden Meister ein solch weicher Wohlklang und zugleich eine solche Tiefe und Innigkeit zu Ohren, dass er der Gruppe fast unwillkürlich auf dem Fuß folgte. Der junge Mann sprach mit Wärme und Begeisterung vom kirchlichen Chorgesang. Aus seinen Worten ging hervor, dass er der erste Chorsänger in der eben verlassenen Kirche war. 

 

"Wohlklang und Innigkeit der Stimme", flüsterte der Meister, "Frömmigkeit und echter Gottessinn! Wahrhaftig, diese inneren Vorzüge können kaum in einem anderen als in schönem Körper wohnen!"

 

Bei gegebener Gelegenheit musterte Leonardo angelegentlich die Züge des Chorsängers - und er hatte sich nicht getäuscht: dieser junge Mann vereinigte so wohlgebildete Gesichtszüge mit einer solchen Milde des ganzen Wesens, dass der Maler sofort mit sich einig wurde - dieser und nur dieser vermöge das Modell zu seinem Christushaupt abzugeben. 

 

Auf einem öffentlichen Platz trennte sich die Gruppe der kirchlichen Chorsänger, um auf verschiedenen Wegen den Wohnungen zuzustreben. Leonardo da Vinci trat dem erkorenen jungen Mann in den Weg.

 

"Einen Augenblick, Signor!" bat er herzlich, während seine Augen von Hoffnung leuchteten.

 

"Womit kann ich Ihnen zu Diensten sein?"

 

Die Stimme des Chorsängers klang auch jetzt wieder so mild, so vertrauenerweckend!

 

"Ich bin der Maler Leonardo da Vinci", versetzte der Meister.

 

Der junge Mann machte eine höfliche Verbeugung: wie die meisten gebildeten Italiener, so kannte auch er den berühmten Meister der Malkunst von seinen Bildern und seinem Ruhm her.

 

"Ich suche für mein "Abendmahl" einen würdigen Christuskopf", fuhr Leonardo fort. "Und in Ihrem Gesicht glaube ich das richtige Modell für das Heilandsantlitz gefunden zu haben. Darf ich Sie bitten, mir Ihre Züge zu jenem hehren Zweck zu entleihen?"

 

"Aber, Meister!"

 

"O, lassen Sie mich keine Fehlbitte tun! Der Zweck meiner Bitte entschuldigt gewiss die Kühnheit meines Vorgehens, so dass Sie mir darob nicht zürnen dürfen."

 

"Ich zürne Ihnen deshalb gewiss nicht."

 

"Und doch zaudern Sie, meinem Wunsch zu willfahren?

 

"Ich halte mich eben - für unwürdig, das Modell zu Ihrem Jesus-Antlitz abzugeben."

 

"Sie lieber, bescheidener Mensch! Gerade aus dieser Antwort ergibt sich auch Ihre Würdigkeit. Ich bitte nochmals um Erfüllung meines Wunsches. Sie tun ein gottgefälliges Werk damit, da Sie mir zur Hauptperson meines Bildes verhelfen und später, nach Vollendung des Gemäldes, Tausende zur Andacht zum Weltheiland anspornen werden."

 

"Ist dem so, dann bin ich freilich bereit, in der gewünschten Weise zur Vollendung Ihres Bildes beizutragen."

 

"Dank, tausend Dank! Und wie darf ich das Modell zu meinem Christuskopf anreden?"

 

"Ich heiße Pietro Bandinelli." - -

 

Schon nach einiger Zeit leuchtete das himmlisch verklärte, durch und durch veredelte Antlitz des Chorsängers Bandinelli von dem Zeichenentwurf Leonardos als Mittelpunkt des geplanten Bildes auf die Besucher der Arbeitsstätte des Meisters hernieder. Und jedermann überbot sich im Lob von dessen Vortrefflichkeit.

 

2.

Einige Zeit ist verflossen. Meister Leonardo da Vinci hatte mit Bienenfleiß, aber auch mit höchstem Bedacht an seinem Gemälde-Entwurf weitergearbeitet. Monat um Monat war er der Vollendung entgegengeeilt: zur Rechten und Linken des Heilandes reihten sich die edel gehaltenen Gestalten der Apostel an, jeder in seiner Eigenart und Charaktereigentümlichkeit - vom zartfühlenden, liebeglühenden jungfräulichen Johannes bis zum energischen, willensgroßen, christusbegeisterten Petrus.

 

Aber ganz vollendet war das Bild noch nicht: es fehlte noch die Figur des Verräters Judas Iskariot, und mit deren Ausführung beschäftigte sich Leonardos Geist soeben ganz intensiv. Aber wie er ehedem nach einem würdigen, der Erhabenheit Jesu entsprechenden Modell-Köpfe für den Heiland gar lange vergeblich gesucht, so machte ihm nunmehr die Auffindung eines solchen für den Verräter-Jünger große Schwierigkeiten. Gewiss - Gaunerköpfe und Missetätergesichter gab es übergenug; aber ein Judas-Kopf war schwer auffindbar.

 

In tiefes Nachdenken hierüber versunken, schritt Meister Leonardo eines Nachmittags wieder durch das Gewirr der Straßen Roms, als er auf dem Postament eines öffentlichen Brunnens eine Bettlergestalt kauern sah, die sogleich sein forschendes Künstlerauge fesselte: die Züge trugen den Stempel ausgeprägter Verkommenheit. Wirr und strähnig fielen die dunklen Haare auf die eingefallenen Schläfen und um die hässlich gerunzelte Stirn nieder. Die Augen starrten unheimlich drein; die wulstigen Lippen schienen Giftdünste auszuhauchen.

 

"Ein Judas-Kopf", entschlüpfte es dem Mund Leonardos, während er auf den Bettler näher zutrat.

 

Aber wer beschreibt sein Staunen, ja seinen Schrecken, als der verkommene Mensch, noch ehe der Maler selber ihn angesprochen hatte, ihm mit hohler, brüchiger Stimme zurief:

 

"Ah! Sieh da, ein alter Bekannter! Suchen Sie wieder einen Modell-Kopf?"

 

"Wie - was? Sie kennen mich?" stotterte Leonardo.

 

"Warum sollte ich Sie nicht kennen, Meister? Sie nahmen ja doch ehedem meinen Kopf zum Modell für Ihr Christusbild!"

 

Der Maler taumelte vor Schrecken ein paar Schritte zurück.

 

"Sie sind also - Pietro - Bandinelli?" kam es silbenweise von seinen Lippen.

 

"Der bin ich", versetzte der Bettler frech und ohne Anflug von Scham oder Reue. "Nicht wahr, ich habe mich verändert seit jener Zeit! Ja, ja, es ist mir auch schlecht ergangen. Ich geriet in eine Spieler- und Trinkergesellschaft, verlor darüber meine Stelle als Solo- und Chorsänger und habe nun meist nicht so viel Geld in der Tasche, dass ich meinen Durst mit Branntwein zu stillen vermag. Aber jetzt wird`s besser werden! Ich werde jetzt wieder etwas verdienen und zwar durch Modellsitzen - nicht wahr, Meister?"

 

In echt gaunerhafter Zudringlichkeit streckte er Meister Leonardo seine schmutzige Rechte entgegen. Allein der schlug nicht ein, sondern ließ sprachlos seine Augen über den Bettler gleiten: sollte er einen Aufschneider vor sich haben? Oder sollte dieser Mensch die Wahrheit sagen? Aber - wirklich! Je länger seine Blicke auf den verkommenen Zügen des Bettlers ruhten, desto mehr wurde es ihm zur grausenden Gewissheit, dass er in Wirklichkeit vor Pietro Bendinelli steht. Einige Anklänge an seine frühere Schönheit und edles Aussehen waren wohl noch ersichtlich - sonst aber hatten Trunk und Spiel alles Edle, alles Ansprechende aus dem Gesicht des Bettlers weggetilgt, um dafür die deutlichen Spuren der Gemeinheit und Niedertracht zurückzulassen.

 

Leonardo schüttelte sich, wie wenn er sich eines schlimmen Zaubers entäußern wolle. Eine Weile legten sich seine schlanken Künstlerhände vor die Augen - er vermochte die grausige Verwandlung vor sich nicht mehr zu sehen. Als aber der Bettler stets zudringlicher auf ihn einredete und nach Verdienst rief, wandte sich der Meister um und sagte mit einem herzerschütternden Seufzer:

 

"Folgen Sie mir! Sie sind das richtige Modell für eine Judasfigur. . . ."

 

*       *       *

 

Im Jahr 1499 war die berühmte "Cena" Leonardo da Vincis fertiggestellt. Nicht bloß die Kunstkenner und Liebhaber der religiösen Malerei labten Herz und Auge an den wundersamen Gestalten des Gemäldes; nein, auch das gewöhnliche Volk staunte sie an und erbaute sich daran. Leonardos Name schwebte auf gar vielen Lippen. Man war allgemein der festen Überzeugung, dass die Menschheit um ein Kunstwerk ersten Ranges reicher geworden war. Am vollendetsten und bedeutsamsten fand man die Gestalten Christi und des Judas Iskariot. Erstere pries man göttergleich, unübertrefflich schön und edel: von göttlicher Hoheit umflossen und doch wieder von solcher Milde und Menschenfreundlichkeit war diese Christusfigur, dass der Beschauer sich von tiefster Ehrfurcht und innigster Liebe durchschauert fühlte.

 

Die Judasfigur aber nannte man den Triumph einer kunstvollen Darstellung von Menschenverworfenheit und Sinnenniedertracht: ein Gesicht von ausgeprägter Verworfenheit, in dem Habgier und Selbstsucht jeden edlen Zug ausgelöscht haben, erfüllte alle mit Grausen. Der tückisch-grausame Zug um den Mund; die zusammengekniffenen Lippen, der lauernde Zug der Augen und vor allem die raubtierartig um die Geldbörse gekrallten Finger ließen vor solcher Verkommenheit fast erzittern. Wahrhaftig - so konnte der wahre Judas ausgesehen haben, der seinen Herrn und Meister, seinen Freund und Wohltäter an die Henkersknechte auslieferte; der sich nicht scheute, durch einen Kuss, den sonst so edlen Liebesbeweis unter den Menschen, diesen grässlichen Verrat auszuüben! 

 

Konnten diese beiden so grundverschiedenen Gesichter - das Christus-Antlitz und die Judaszüge - von ein und derselben Person stammen? Niemand ahnte diese schauerliche Wahrheit; niemand vermutete, dass die Sünde, dass Spiel und Trunk diese Person aus einem Christus-Ebenbild zu einem Judas gemacht hatte.

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9. Letzte Krankheit und Tod von Bernadette Soubirous

 

Ein Bericht über die letzte Krankheit und den Tod von Bernadette Soubirous, der demütigen und heiligmäßigen Seherin von Lourdes (Seliggesprochen wurde Bernadette am 14. Juni 1925 durch Papst Pius XI., heiliggesprochen wurde sie am 8. Dezember 1933 ebenfalls durch Papst Pius XI.):

 

Bernadette Soubirous ist am 16. April 1879, am Mittwoch in der Osterwoche entschlafen; ihre Mission ist beendet und sie selbst war bereit für den Himmel. 

 

Das unschuldige, natürliche Kind, die peinlich gewissenhafte Ordensfrau, die geduldige Kreuzträgerin sollte nun den Lohn in Empfang nehmen, den die selige Jungfrau ihr in der Grotte zugesichert hatte.

 

In bewundernswerter Weise hatte sie deren Auftrag Folge geleistet. Während 8 Jahren hatte sie den Menschenmengen berichtet und mit engelhafter Einfachheit erzählt, was sie in der Grotte gesehen und gehört hatte, weder den neugierigsten Fragen noch auch den oft mit Absicht verwirrenden boshaften Verhören die Antwort verweigernd - sich nie widersprechend und zuletzt selbst die Übelwollenden überzeugend. Nach diesem achtjährigen öffentlichen Apostolat fand sie Ruhe und Frieden in dem geliebten Kloster St. Gildard.

 

Einige Tage nach ihrer feierlichen Gelübdeablegung wurde Bernadette von ihrer letzten Krankheit ergriffen; am 11. Dezember musste sie sich ins Krankenhaus begeben, das sie nicht mehr verlassen sollte. Am 12. und 13. Dezember sollte sie nochmals in feierlicher Weise die wunderbaren Ereignisse bestätigen, deren Zeugin sie in der Grotte gewesen war. Mit einer bei ähnlichen Gelegenheiten nie vorher bewiesenen Freudigkeit beantwortete sie den Vertretern der Bischöfe von Tarbes und Nevers ein langes Fragenverhör. In dem weichen Dialekt der Pyrenäen wiederholte sie die Worte, die sie von den Lippen der Gottesmutter vernommen hatte. Angesichts des Todes und der Ewigkeit bekräftigte sie nun nach 20 Jahren ihre ersten Aussagen, einer Zeit entstammend, da sie noch ein Kind war, und blieb nach wie vor das Echo der unbefleckt Empfangenen.

 

Nun konnte sie beruhigt sterben. Ein asthmatisches Leiden, das ihr ganzes Leben erschwert, stellte sich mit immer häufigeren Krisen ein, schwächte und beengte sie. Ein großes Geschwür umgab das linke Knie und Knochenfraß zehrte am Mark der Knochen. Die arme Kranke konnte das Bett und den Armstuhl nicht mehr verlassen und bald war der zarte Körper mit Wunden bedeckt.

 

Die Heftigkeit der Schmerzen entriss ihr zuweilen laute Schreie, die sie jedoch schnell zu innigen Gebeten umwandelte. "Dir, mein Gott, opfere ich es auf!" rief sie dann energisch; "dich liebe ich - ich will dein Kreuz und nehme es an."

 

Auch ihre Seele wurde gekreuzigt. Der böse Feind versuchte sie mit jenen schrecklichen Gewissensbeunruhigungen, die großmütigen Seelen, die sich als Opfer für die Sünden der Welt Gott hingegeben haben, eine Ahnung der Höllenpeinen geben. Das Wort: "Buße und Gebet", das sie in der Grotte vernommen hatte, sollte sich auch an ihr bewahrheiten. Als ihr Beichtvater sie mit dem Hinweis auf den Himmel und die Erinnerung an die selige Jungfrau beruhigte, erwiderte sie: "Ja, das sind Gedanken, die Trost bringen."

 

Man ermutigte sie, freiwillig das Opfer ihres Lebens zu bringen. "Es ist kein Opfer", war ihre Antwort, "ein armseliges Leben zu verlassen, in dem sich uns so viele Schwierigkeiten entgegensetzen, wenn man Gott angehören will."

 

Die zunehmende Körperschwäche schien ihrer Seele vermehrte Kraft zu geben. Mit ihren großen Augen, die immer strahlender und glänzender wurden, verrieten, dass noch Leben in ihr wohnte. Ein himmlisches Feuer schien von ihnen auszugehen, wenn sie das Kruzifix und ein Marienbild betrachtete oder aber zum Himmel aufschaute. 

 

Der Klostergeistliche glaubte, dass sie ihren nahen Tod ahne. "Was haben Sie vom heiligen Joseph erbeten", fragte er sie nach dessen Fest. In kräftigem Ton erwiderte sie: "Ich habe um einen guten Tod gebetet."

 

Die Erhörung ihres Gebetes schien nahe zu sein. Am 28. März brachte ihr Beichtvater ihr die heilige Wegzehrung. Soeur Marie-Bernard sprach mit so lauter Stimme, dass alle Anwesenden überrascht waren: "Liebe, würdige Mutter, ich bitte um Verzeihung für alles Leid, dessen Veranlassung ich gewesen bin durch meine Untreue im Ordensleben sowie noch für das schlechte Beispiel, das ich meinen Ordensschwestern gegeben habe."

 

Allein der Tod kam noch nicht, sie zu erlösen. In den kurzen Pausen, da die Schmerzen etwas nachließen, zeigte sich immer wieder ihre kindlich naive Fröhlichkeit; selbst wenn sie von ihrem Tod sprach, fand sie sanfte, liebenswürdige Scherzesworte.

 

Aber nur zu schnell begann die Krankheit ihr Zerstörungswerk aufs neue. Die körperlichen und seelischen Leiden verdoppelten sich während der Karwoche; die mutige Braut des Erlösers sollte an dem großen und zugleich furchtbaren Opfer des Herrn Anteil haben.

 

"Was werden Sie Ostern beginnen?" fragte man sie.

 

"Meine Leiden enden erst mit dem Tod", war ihre Antwort.

 

Der Ostertag begann und war für Soeur Marie-Bernard ein fortgesetztes Gethsemani und Golgatha.

 

Osterdienstag war ein Tag der furchtbarsten Todesangst. In der Nacht von Montag auf Dienstag hörte man sie wiederholt rufen: "Fort von hier, Satan!" Am Morgen bekannte sie ihrem Beichtvater, dass der Teufel versucht habe, sich auf sie zu stürzen; jedoch nachdem sie den Namen "Jesus" angerufen hatte, kehrte der Friede zurück. 

 

Am Dienstag morgen empfing sie nochmals die heilige Wegzehrung und alsbald begann der Kampf aufs neue. Am Abend war Soeur Natalie bei ihr, die zweite Assistentin, zu der sie ein besonderes frommes Zutrauen hatte.

 

"Liebe Schwester, ich fürchte mich, - ich fürchte mich", rief die arme Sterbende, jedoch Soeur Natalie beruhigte sie wiederum. "Ich habe so viele Gnaden erhalten", fuhr sie fort, "und fürchte sie so schlecht angewandt zu haben." Die gute Schwester verwies sie auf die übergroße Barmherzigkeit unseres Erlösers und versprach, dass alle mit ihr beten würden.

 

Mit einem glücklichen, lauten: "Nun bin ich beruhigt", vernahm die Sterbende es und blieb im Frieden bis zum Ende.

 

Am Morgen des 16. April saß sie betend in ihrem Sessel und erwartete den Tod. Um 1 Uhr ließ sie ihren Beichtvater rufen, um nochmals zu beichten.

 

"Sie leiden große Schmerzen", sagte eine der Anwesenden.

 

"Das alles wird mir nützlich sein für den Himmel", war ihre Antwort.

 

"Ich werde die Unbefleckte Mutter bitten, Ihnen Trost zu senden."

 

"Nein", erwiderte die Kranke, "keinen Trost, aber Stärke und Geduld."

 

Da erinnerte sie sich des päpstlichen Segens für die Sterbestunde, den Pius IX. ihr bewilligt: sie nahm das Dokument in die Hand und sprach mit Andacht den Namen "Jesus" zur Gewinnung des Ablasses. 

 

Dann sprach sie innig: "Mein Gott, ich liebe Dich aus meinem ganzen Herzen, - aus meiner ganzen Seele und mit allen meinen Kräften."

 

Man las ihr die Gebete der Sterbenden vor. Mit schwacher, aber deutlicher Stimme wiederholte sie alle Akte. Mit Rührung bemerkte man, dass ihre großen Augen sich von Zeit zu Zeit öffneten, um das Kruzifix an der Wand mit innigster Andacht zu grüßen. Man legte es in ihre schwachen Hände. Die Sterbende ergriff es mit hastiger Bewegung und drückte es so fest an ihr Herz, als ob sie es nie mehr lassen wolle. Man befestigte es in der Weise, dass sie es ohne Anstrengung beständig vor Augen hatte und küssen konnte.

 

Plötzlich breitete sie die Arme in Kreuzesform aus und hörte man sie mit halblauter Stimme sagen: "O, wie ich ihn liebe!"

 

Die Sterbende bat den Priester, sie zu verlassen, da die Schwestern beichten wollten; es blieben nur einige von ihnen bei ihr, die sich im Gebet mit ihr vereinigten. um 2 Uhr 45 kam Soeur Natalie eilig aus der Kapelle, einer Ahnung folgend. Als sie eintrat, streckte die Sterbende ihr flehend die Arme entgegen. "Helfen Sie mir", rief sie; "helfen Sie mir, - beten Sie für mich." Die Gebete der Schwestern beruhigten sie wiederum. Dann bat sie Soeur Natalie um Verzeihung, nahm liebevoll das Kruzifix in die Hand und küsste einzeln jede Wunde des Herrn.

 

Auf ein Zeichen hin, dass sie zu trinken verlange, gab man ihr ein Glas, das sie selbst in die ersterbenden Hände nahm, und trank einige Tropfen.

 

Ehe sie das Glas an die Lippen brachte, machte sie feierlich eines dieser großen Kreuzzeichen, wie sie sie von der Gottesmutter gesehen hatte, das nun die Zeugen ihres Todeskampfes ebenso rührten als sie die bei der Extase Anwesenden entzückt hatten.

 

Nun ging es zu Ende.

 

Bernadette hatte Frieden. Die Schwestern beteten und sie schloss sich mit ersterbender Stimme an. Endlich hörte man sie zweimal den zweiten Teil des "Ave Maria" beten, jenes Gebet, das sie oft und freudig an der Grotte wiederholt hatte. Zum dritten Mal setzte sie an: 

 

"Heilige Maria, Mutter Gottes . . ."

 

Es waren ihre letzten Worte, - sie konnte nicht vollenden. 

 

Die Anwesenden, die sie scheiden sahen, beteten noch: "Jesus, Maria, Joseph, - steht uns bei im Todeskampf."

 

Bernadette neigte das Haupt und stand vor ihrem Richter. Es war 3 Uhr, - die Todesstunde ihres Erlösers; am gleichen Tag, - vor 21 Jahren war es gewesen, - als das der Erde entrückte Kind mit der brennenden Kerze in der Hand in der Grotte vor der Gottesmutter betete, während die Flammen der herabbrennenden Kerze in ihrer Hand die Finger brannte, ohne zu verbrennen oder sichtbare Brandspuren zurückzulassen.

 

So war auch ihr Lebenslicht erloschen, das Leben, das mit neuem Glanz zur Verherrlichung Gottes und seiner heiligen Mutter in der Kirche leuchten sollte, um nun im unvergänglichen Lichtglanz des Paradieses in alle Ewigkeit zu strahlen.

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Die Versuchung Jesu

 

10. Woher der Schnaps?

 

Der Höllenfürst saß einmal in Gedanken versunken auf seinem glühenden Thron, stützte den gehörnten, bärtigen Kopf mit den Händen und seine großen Augen glühten vor wilder Wut.

 

Die übrigen Teufel wichen von ihm von weitem aus; sie fürchteten sein wuchtiges, glühendes Zepter. 

 

Auf einmal schlug der Fürst des dunklen Reiches mit seinem Zepter auf den Boden und die ganze Hölle dröhnte unter dem Schlag, als hätten tausend Donner auf einmal gebrüllt.

 

Die Anführer der höllischen Scharen nahten mit sklavischer Demut und Gleisnerei dem Thron ihres grausamen Fürsten. Niemand von ihnen wagte die Frage, warum der Herr und Gebieter sie gerufen habe.

 

Luzifer brüllte sie wie ein Tier an:

 

"Elende Bösewichte! Ihr dient mir verdammt schlecht! Was treibt ihr und eure untergebenen elenden Meuten auf der verfluchten Erde, dass durch unser Tor seit langer Zeit kein Sterblicher mehr den Einlass begehrte? Ich hungere und dürste nach Menschenseelen. Redet! Was ist die Ursache davon?"

 

Der erste Anführer der höllischen Geister trat vor, verneigte sich und sagte mit verhohlener Wut:

 

"Großmächtiger Fürst, wir tun, was wir können, damit dein Reich gefüllt wird, aber all unser Mühen ist vergeblich. Auf der Erde herrscht Hunger und Pest, die Gasthäuser sind leer, dafür aber die Kirchen" - bei diesem Wort knirschte der alte Teufel mit seinen langen weißen Zähnen - "die Kirchen sind Tag und Nacht voll und, großmächtiger Fürst, du weißt es selbst gut: aus der Kirche Seelen holen ist eine schwere Aufgabe. Beschuldige also uns nicht der Nachlässigkeit und verfolge uns nicht mit deinem Zorn."

 

Der Höllenfürst presste zornig die Zähne aufeinander und brüllte dann: "Sorgt also, dass auf der Erde wieder Fruchtbarkeit und Gesundheit eingekehrt, damit die Leute übermütig werden."

 

"Verzeihe, mächtiger Fürst", warf der alte Teufel ein, "du verlangst von uns unmögliche Dinge. Du weißt, dass es uns beschieden ist, Verderben und Unglück, niemals aber Segen zu bringen."

 

Luzifer zuckte heftig vor Unwillen und versank in Gedanken. Nach einer Weile erhob er den Kopf und fuhr seine Getreuen an: "Also schafft Rat!"

 

"Wir dachten, mächtiger Herr, ohnehin alle darüber nach, wie dieser unserer Not abzuhelfen wäre, wir wissen aber keinen Rat!"

 

"Dumme Teufel!" schrie sie der Fürst an. "So geh ich also selber auf die verfluchte Erde und ihr sollt sehen, wie sich mein Reich wieder füllen wird."

 

Da trat ein kleines, buckeliges Teufelchen vor, grüßte verschmitzt und brachte mit einer Stimme, um die ihn jeder Puter hätte beneiden können, die Worte hervor: "Großmächtiger Fürst, lass alle Sorgen beiseite. Ich werde hier zwar von vielen verachtet, aber schick mich nur auf die Welt und ich verspreche dir, dass in Kürze unser Tor kaum für alle reichen wird, die deinem Thron zuströmen werden. Wenn mir es nicht gelingt, soll mich dein ärgster Zorn treffen."

 

Der Höllenfürst lächelte freundlich und sagte: "Ich weiß schon lange, dass in dir mehr steckt als in allen übrigen aufgeblasenen Teufeln zusammen. Geh nur, mein Freund, und wenn du deine Aufgabe zu meiner Zufriedenheit vollführst, kannst du um eine Stufe höher vor meinem Thron sitzen."

 

Das buckelige Teufelchen verneigte sich und flog auf seinen Fledermausflügeln von dannen.

 

Er flog lange, lange durch den Weltenraum, bis er auf der kleinen, von weißem Licht beleuchteten Erde ankam. Das buckelige Teufelchen ließ sich auf dem Platz einer Stadt nieder.

 

In der Stadt war alles still, nur da und dort schleppte sich eine traurige Gestalt wie ein Schatten zur Kirche, woher die Orgel tönte. 

 

Der Teufel erbebte bei dem Orgelklang und stolperte schnell in eine Seitengasse zu einem großen Haus, wo über dem Tor die Inschrift stand: "Brauerei".

 

Vor dem Tor stand an die Mauer gelehnt ein magerer Mann und schaute traurig vor sich auf das glühende Pflaster. Flugs verwandelte sich der Teufel in einen reisenden Brauburschen und grüßte höflich den mageren Mann: "Bitte, sind Sie der Herr Braumeister?"

 

"Gewesen, gewesen", seufzte der Magere, "denn seit dem die Not und die Krankheit herrscht, hab ich das Bierbrauen aufgegeben und mein Brauhaus steht leer." 

 

"Aber einen Krug Bier haben Sie doch?"

 

"Ah, genug", sagte verdrießlich der Brauer. "Erst unlängst hab ich um einen Spottpreis zwei Fuhren dem herrschaftlichen Verwalter für seine Arbeiter verkauft. Das Volk auf dem Land trinkt alles, aber da in der Stadt will es niemand auch nur verkosten."

 

"Warum denn nicht?" wunderte sich der Teufel. 

 

"Wundern Sie sich nicht", seufzte der Bauer. "Ich trinke es selber nicht; ist ja essigsauer."

 

"So lassen Sie mich wenigstens kosten", bat der Teufel, "ich hab einen furchtbaren Durst."

 

"Mit Vergnügen. Kommen Sie rein und trinken Sie, wie viel Sie wollen. Wenigstens werde ich wieder einmal in meiner Schenkstube einen Gast sehen."

 

"Führen Sie mich lieber gleich ins Braustübel", sagte der vermeintliche Braubursche.

 

"Wie es Ihnen beliebt", sagte der Brauer und führte ihn ins Braustübel.

 

Darauf brachte er einen Krug voll Bier und reichte ihn dem Gast: "Trinken Sie; zum Wohl!"

 

Der Teufel setzte den Krug an die Lippen und tat einen langen, langen Zug. Die Augen glänzten ihm vor Vergnügen wie einem Kater, wenn er nach einem schönen Kanarienvogel schnappt, und als er abgesetzt und den Krug wuchtig auf den Tisch niedergestellt hatte, sagte er: "Ah, das war ein Trunk!"

 

Der Brauer sah ihn ganz erstaunt an: "Aber, Mensch, hat es Ihnen denn wirklich geschmeckt? Es ist ja der reine Essig!"

 

"Herr Brauer", flüsterte der Fremde, heimtückisch blinzelnd, "unter ust gesagt: gerade dieses Bier ist nach meinem Geschmack. Wissen Sie, ich hab im Magen eine Glut wie einen glühenden Stein, und gerade solch ein Bier kühlt mir die Glut am besten."

 

"Schade, dass ich nicht viele solche Gäste habe!" rief der Brauer aus. "Dann wär ich ein fertiger Herr; aber unsere Leute mögen es gar nicht ansehen; es widerstrebt ihnen, sagen sie."

 

"So geben Sie ihm einen anderen Geschmack, dass es ihnen mundet", lachte der Teufel.

 

"Und wie denn das?" - Der Brauer starrte ihn verwundert an. "Das ist ja gar nicht möglich."

 

"Sehr leicht sogar", lachte der sonderbare Braubursche. "Ich bin ein wohlerfahrener Mensch und weiß mehr als hundert Brauer. Ich bedauere Sie, dass es Ihnen so schlecht geht, darum will ich Ihnen zeigen, wie Sie dem Bier einen guten Geschmack beibringen können, damit Sie wieder Gäste in Hülle und Fülle haben."

 

"Mein guter Mensch", freute sich der Brauer, "wenn Sie das zustande bringen, gebe ich Ihnen, was Sie wünschen."

 

"Ich verkaufe meine Kunst nicht", grinste der Teufel stolz, "was ich tue, tue ich aus Herzensgüte. - Wenn Sie wollen, können wir gleich heute Abend mit der Arbeit beginnen."

 

"O, mit Vergnügen!" rief der Brauer ganz glückselig, "aber was soll ich einem so raren Gast zum Abendessen geben?"

 

"Ich habe keinen Appetit", rümpfte der Braubursche die Nase, "außer Sie möchten mir einige Zungen von alten Klatschbasen rösten." 

 

Der Brauer stutzte, starrte seinen Gast noch mehr an und wich um einige Schritte zurück.

 

Der Teufel lachte lustig auf und klopfte ihm auf die Schulter: "Machen Sie sich nichts daraus, war ja nur ein Spaß. Ihr Bier ist mir zu Kopf gestiegen und so weiß ich nicht einmal recht, was ich rede."

 

*       *       *

 

Abends ließ sich der Teufel das ganze sauer gewordene Bier heraufrollen, verschloss sich im Brauhaus und ging an die Arbeit. Die ganze Nacht hörte man schlagen und klopfen, als wenn zehn Kesselflicker drinnen arbeiteten. Aus dem Kamin flogen Funken und der Hund im Hof kroch nicht einmal aus seiner Hütte heraus. Ganz erschreckt zitterte er und winselte die ganze Nacht.

 

Als der Hahn das erste Mal krähte, wurde es im Brauhaus still, der Kamin hörte auf zu rauchen und der Teufel machte die Tür auf. Er trug ein Gläschen mit einer reinen Flüssigkeit geradeaus in des Braumeisters Wohnung. Stürmisch pochte er an die Tür.

 

Der Brauer fuhr erschreckt auf und rief: "Was ist denn?"

 

"Ich, Herr Meister! Machen Sie auf, ich bring Ihnen eine Kostprobe von dem ungesottenen Bier."

 

Der Brauer machte schnell auf und die Stube war augenblicklich angefüllt mit einem ihm unbekannten scharfen, beißenden Geruch.

 

Er nahm das Gläschen in die Hand, roch daran, sah die Flüssigkeit gegens Licht an und fragte erstaunt den Brauburschen: "Das soll mein Bier sein?"

 

"Jawohl, kosten Sie es nur!"

 

"Hat aber weder die Farbe noch den Geruch des Bieres."

 

"Dafür eine viel größere Kraft, als früher", grinste der Teufel.

 

"Verkosten Sie es nur!"

 

Der Brauer tat einen Schluck und sagte: "Brrr, ist das kräftig! In allen Adern spürt man es. Aber etwas widerwärtig kommt es mir vor."

 

"Warum sagen Sie "widerwärtig"? lachte der Fremde. "Sagen Sie lieber "ungewohnt". Trinken Sie noch einmal und dann werden Sie schon auf den Geschmack kommen. Sie werden sich überzeugen, dass Ihnen nach diesem Trunk kein gewöhnliches Bier und kein Wein mehr schmecken wird."

 

Der Brauer trank nochmals und seine Augen begannen zu funkeln. "Meiner Seel!" sagte er wohlgefällig. "Das ist ein vorzüglicher Tropfen. Als wenn man einem Feuer in die Adern geschüttet hätte."

 

"Und gegen die Pest ist es die allerbeste Arznei", sagte der Teufel ernst und bedeutungsvoll. "Wer sich an diese Arznei hält, der braucht keine andere. - Ihr habt jetzt gerade die Pest in der Stadt, sorgen Sie dafür, dass alle Leute diese Arznei genießen."

 

"Aber wie bring ich die Herren Nachbarn hierher?" fragte der Brauer verlegen.

 

"Wie?" lachte der Teufel. "Gehen Sie zum Bürgermeister und lassen Sie austrommeln, dass zu Ihnen ein Arzt kam, der Sie eine Arznei gegen alle möglichen Krankheiten brauen lehrte, und laden Sie alle zu sich ein."

 

"Ich möchte nicht gern zum Bürgermeister gehen. Er ist ein allzu barscher Herr und fährt einen jeden gleich an."

 

"So trinken Sie noch einmal und dann haben Sie Courage genug."

 

Der Brauer folgte, leerte das Glas aus, schlug damit auf den Tisch und schrie: "Recht haben Sie! Wozu sollte ich den Bürgermeister fürchten? Ist ja ein Mensch wie jeder andere. Ich fühle selbst in allen Adern, dass es eine vorzügliche Medizin ist. Sie werden noch der größte Wohltäter unserer Stadt werden."

 

Er kleidete sich an und ging zum Bürgermeister. Eine halbe Stunde darauf trommelte der Gemeindediener und rief aus, dass der Brauer Schnapp ein Wunderbier ausschenkt, welches als Medizin gegen jegliche Pest zu gebrauchen ist. Das Glas koste nur zwei Groschen.

 

Lange ließ sich kein Gast blicken. Erst gegen neun Uhr kamen ins Brauhaus schüchtern und misstrauisch einige vor Angst bleiche und abgehärmte Nachbarn.

 

Der rätselhafte Braubursch stand unterm Tor, lächelte sorglos und grüßte die Gäste höflich: "Kommen Sie nur, geehrte Herren. Bitte, nur hereinspaziert. Gleich will ich Ihnen mit unserer vortrefflichen Medizin dienen."

 

Die Bürger sahen ihn erstaunt an und der herzhafteste unter ihnen sagte: "Aber, Mensch, wer sind Sie denn? Wir haben Sie ja unser Lebtag nicht gesehen."

 

"Ich bin der neue Braubursch", grinste der Teufel. "Heute Nacht habe ich das Wunderbier gebraut. Bitte, nur hereinzukommen. Wenn Sie es einmal verkostet haben, werden Sie Ihr Lebtag von ihm nimmer lassen. - Herr Braumeister", rief er fröhlich, "die Herren Gäste kommen!"

 

Der Brauer Schnapp kam ihnen ganz rosig aufgelegt und lustig entgegen und führte sie in die Schenkstube. Der buckelige Braubursch holte eine Flasche des neuartigen Bieres und schenkte den Gästen ein.

 

Sie sahen ihn ganz erstaunt an: "Das hat aber einen merkwürdig scharfen Geruch!"

 

"Wie eine jede Medizin", grinste der Braubursch, "aber trinken Sie und gleich verspüren Sie die Folgen."

 

Die Gäste tranken und schüttelten sich wie der Brauer am Morgen: "Brrr, das ist ja reines Gift!" riefen sie wie aus einem Mund.

 

"Jede Medizin ist Gift", bemerkte der Braubursch überzeugend. "Anfangs widerwärtig, wird es nach und nach angenehm und gesund. Verkosten Sie nur nochmals."

 

Die Gäste verkosteten und die Augen begannen ihnen zu funkeln: "Wirklich, jetzt ist es nicht mehr widerlich. Das ist wirklich ein Wunderbier."

 

Und als sie die Gläschen bis zur Hälfte geleert hatten, rief des Brauers nächster Nachbar, der ehrsame Schuster Pfriem, lustig: "Herr Schnapp, seien Sie nicht böse! Ihr früheres Bier war häufig nur ein miserables gefärbtes Wasser, aber dieses neue Bier macht Ihrem Namen alle Ehre!"

 

"Vorzüglich", klatschte der Brauer in die Hände, "wenn es meinem Namen Ehre macht, so soll es auch meinen Namen tragen; taufen wir es auf den Namen "Schnaps".

 

"Prost Schnaps!" erhob der Schuster sein Gläschen.

 

Alle stießen an und vergaßen Pest und alle übrigen Sorgen und waren beim besten Humor.

 

"Schade, dass hier kein Harfenspieler ist", sagte der Schneider Geiß mit schwerer Zunge. "heute ließe es sich singen, Herr Braumeister, noch ein Gläschen und lassen Sie Musikanten kommen."

 

"Entschuldigen Sie, meine Herren!" sagte der schlaue Teufel. "Das würde ich Ihnen nicht empfehlen. Sie kennen ja noch nicht die Kraft dieses Wundergetränks. Ein zweites Gläschen könnte Ihnen schaden. Gehen Sie heim und schlafen Sie ein wenig; Sie werden sehen, wie Sie sich dann wohl fühlen werden. Nachmittags beehren Sie uns wieder und bringen Sie noch mehr Gäste mit, dass einmal das Sterbeglöcklein zu jammern aufhört und dass aus den Gasthäusern wieder lustige Musik erklingt, wie es sich von Rechts wegen gehört."

 

"Aha!" brummte der Schuster. "Es dürfte schon Zeit sein zum Heimgehen. Mir kommt es vor, als hätte ich fünf Krüge Bier getrunken."

 

Die Gesellschaft zahlte je zwei Groschen, dann standen sie auf und torkelten unsicheren Schrittes aus dem Wirtshaus hinaus. 

 

*       *       *

 

Gegen Abend kamen die Gäste vom Vormittag wieder ins Brauhaus zum Schnaps und brachten auch ihre Nachbarn und Bekannten mit. 

 

Der Brauer Schnapp strahlte vor Freude, der buckelige Braubursch hüpfte hin und her wie ein Irrlicht überm Sumpf, die Gäste aber wurden binnen kurzem so lustig, dass sie ungestüm nach Musik begehrten. Der Braubursch selbst holte die Musikanten. Woher er wusste, wo sie wohnten, danach fragte niemand. Kurzum: Die Musikanten kamen, spielten, sangen lustig und mit ihnen sang die ganze angeheiterte Gesellschaft. 

 

Und plötzlich kamen - wie vom Himmel geschneit - einige aufgedonnerte Mädchen herein und es begann ein ausgelassener wilder Tanz. 

 

So dauerte die Hetze bis zehn Uhr, als nach gutem altem Brauch der Nachtwächter eintrat und mit strenger Stimme verkündete, dass Zeit sei, heimzugehen.

 

Die lustige Gesellschaft aber lachte ihn aus, gab ihm ein Gläschen Schnaps, der Nachtwächter leerte es, und die Hetze ging von neuem los und dauerte, solange die Gäste auf den Füßen stehen konnten.

 

Gegen Mitternacht stahl sich der Teufel hinaus ins Brauhaus, wo er von neuem zu brauen begann.

 

Von Tag zu Tag kamen zum Brauer Schnapp mehr Gäste. Selbst aus der Umgegend kamen Leute, um das Wundergebräu zu verkosten. Und der buckelige Braubursch bediente unermüdlich vom frühen Morgen bis Mitternacht, und von Mitternacht zum frühen Morgen braute er das Wundergetränk, so dass der alte Herr Schnapp sich darüber wunderte und einmal zu seiner Frau sagte: "Du, Mutter, den Brauburschen hat uns Gott selbst geschickt; wir werden ja noch reich. Aber das will mir nicht einleuchten, dass der Mensch, seitdem er bei uns ist, noch nie geschlafen hat."

In einigen Tagen aber verwandelte sich des Brauers Freude in Leid. Er kam traurig zu seinem Brauburschen.

 

"Was ist geschehen?" grinste der Teufel.

 

"Ich habe das letzte Fass des sauren Bieres heraufgerollt", seufzte der Brauer. "Aus was werden Sie jetzt den Schnaps brennen?"

 

"Aus was?" lachte der Buckelige. "Aus allem, was Sie nur haben; aus Getreide, aus Kartoffeln, aus faulen Zwetschen - aus allem. Bringen Sie nur, was Sie im Hause haben, und ich braue Ihnen daraus Schnaps - die Hülle und Fülle!"

 

Die Schenkstube des Brauers Schnapp war jetzt voller als früher die Kirchen, und auch gab es darin mehr Gesang als früher in der Kirche, aber einen ganz anderen, einen, über den die Hölle ihre helle Freude hatte. Streitigkeiten, Geschrei, Raufereien, sogar Morde waren sozusagen auf der Tagesordnung.

 

In kurzer Zeit nach Erscheinen des buckeligen Brauburschen erschlug der Schuster Pfriem eines abends, als er nach Hause kam, Frau und Kinder. Der Schneider Geiß ging einmal unsicheren Schrittes heim, auf einmal fiel er, wie vom Blitz getroffen, nieder und stand nicht mehr auf. 

 

Als sich solche Vorfälle mehrten, verschwand an einem dunklen Abend der geheimnisvolle buckelige Braubursch. 

 

Er flog wieder auf seinen Fledermausflügeln durch den unermesslichen Weltraum, bis er an der Höllenpforte ankam.

 

Das Tor war offen und der Teufel erkannte auf der Schwelle einige gute Bekannte aus Schnapps Brauhaus. Er grüßte sie fröhlich und ging zum Thron Luzifers.

 

"Vorzüglich, mein Kleiner!" rief ihm der Höllenfürst von weitem schon zu. "Komm und setz dich nieder und zwar gleich neben mir. Du hast ein Meisterstück ausgeführt; mein Reich wächst. Du, Ahasver", rief er seinem Diener zu, "bring dem Kleinen da meine alte Krone und setze sie ihm auf sein gescheites Köpflein."

 

Der buckelige Teufel ruhte sich an der Seite des Höllenfürsten aus und kehrte dann wieder auf die Erde zurück, um auch in anderen Städten die Leute im Brennen des höllischen Getränks zu unterweisen. 

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11. Zur häufigen und täglichen Kommunion -

Von Emil Springer SJ, Sarajevo

 

Es ist ungemein interessant, die Mitteilungen des südafrikanischen Großmillionärs J. B. Robinson zu lesen, die vor einigen Jahren in einem englischen Blatt zu lesen waren. Es war im Jahr 1867, - erzählt dieser Gewährsmann - als ich auf der Fahrt von meiner Farm, wo ich tausend Stück Rindvieh stehen hatte, nach einer Nachbarstadt zuerst die Geschichte von einem im Fluss Vaal gefundenen großen Diamanten hörte. Es war die Geschichte von dem Diamanten, der später als der Stern von Südafrika berühmt geworden ist. Ein alter Freund von mir, Herr John O`Reilly, hatte bei der Farm Schalks van Niekerk in der Nähe von Hopetown ausgespannt. Als die beiden dann auf der Veranda saßen und ihren Kaffee tranken, bemerkte O`Reilly ein kleines Mädchen, das vor dem Haus mit Steinen spielte. Diese Steine hatten einen eigentümlich leuchtenden Glanz, der O`Reillys Aufmerksamkeit erregte. Van Niekerk sagte aber, es seien nur glänzende Kiesel, die das Kind irgendwo gefunden habe. O`Reilly wünschte indessen ausdrücklich einen der Steine in der Nähe zu sehen. Je länger er ihn betrachtete, desto mehr interessierte ihn der leuchtende Kiesel, so dass er zuletzt van Niekerk fragte, ob er den Stein verkaufen wolle. "Ach Unsinn", erwiderte der Holländer, "er hat ja keinen Wert. Behalten Sie ihn, wenn er Ihnen Spaß macht." Vergeblich drängte ihn O`Reilly, einen Preis anzunehmen. Zuletzt schloss die Unterhaltung damit, dass O`Reilly sagte: "Gut, ich will ihn wenigstens mit nach Colesberg nehmen und sehen, was ich dafür haben kann. Was ich dafür bekomme, davon sollen Sie die Hälfte haben." Als er nach Colesberg ins Gasthaus kam, zeigte er den Stein einem anderen Gast und fragte ihn um seine Meinung. "Er ist nichts wert", sagte der, "es ist nur ein großer Kiesel." "Er schneidet aber jedenfalls Glas", entgegnete O`Reilly, ging ans Fenster und Schnitt eine Scheibe durch. "Das bedeutet gar nichts", bemerkte der andere, "das kann ich auch mit einem Feuersteinkiesel." Zuletzt wurde der Stein als nicht der Beachtung wert zum Fenster hinausgeworfen. O`Reilly konnte aber späterhin doch der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu suchen und wieder in die Tasche zu stecken. Er verkaufte ihn auch schließlich für 500 Pfd. Sterling (10.000 Mark). Darauf ging er zu van Niekerk zurück und zahlte ihm, wie er früher erklärt hatte, die Hälfte dieser Summe aus. Nun fand der Holländer Stoff zum Nachdenken. Auf einmal erinnerte er sich, dass er kurz vorher einen Buschmann gesehen hatte, der an einer Schnur um den Hals als eine Art Amulett einen größeren Stein von demselben matt leuchtenden Glanz, wie der Spielstein seines Kindes getragen hatte. Er sattelte sein Pferd und begab sich auf die Suche nach dem Buschmann und dem Stein. Zuletzt machte er den Mann wirklich ausfindig. Der Buschmann band bedächtig ein schmutziges Säckchen auf, das er um den Hals trug und zog einen mächtigen Diamanten hervor. Nach längerem Handel gab der Eingeborene den Stein für ein Schaf ab. Niekerk fuhr nach Hopetown und verkaufte dort den Stein für 11.200 Pfd. Sterling (224.000 Mark). Das war der berühmte Stern von Südafrika, der später für zirka 300.000 Gulden in den Besitz der Gräfin Dudley überging.

 

Wenn du diese Tatsache liest, wirst du denken: "O, wäre ich doch damals in Südafrika gewesen und hätte ich den Wert dieser Steine erkannt, ich wäre heute ein Millionär!" Wie sonderbar ist es doch, wenn Leute mit den wertvollsten Diamanten umgehen wie mit verächtlichen Kieselsteinen, und wenn sie noch darüber lächeln, sobald jemand einem Diamanten einigen Wert beimisst und sich ihn in die Tasche steckt. Du denkst: "Ich hätte sicher dergleichen nicht getan, ich hätte diese eigentümlichen Steine behutsam verwahrt und wäre jetzt ein steinreicher Mann. Aber leider, ich war damals nicht in Südafrika."

 

Nun, du brauchst das nicht allzu sehr zu bedauern. Wir Katholiken sind auch seit dem Jahr 1906 in ein Gold- und Diamantenland gekommen, wie es damals Südafrika war. Aber die meisten Katholiken benehmen sich doch so, wie damals jene Leute, die die Diamanten wenig schätzten und noch darüber lächelten, wenn jemand sich einen solchen kostbaren Edelstein zulegte. Seit dem Jahr 1906 sind alle Katholiken, die die heiligmachende Gnade und die gute Absicht haben, eingeladen, recht häufig, wenn es nur irgend geht, täglich zu kommunizieren. Wer sich um das herrliche Anerbieten des Heiligen Vaters nicht kümmert, handelt geradeso töricht, ja noch viel törichter als jene Südafrikaner, die Diamanten in großer Anzahl haben konnten, aber sie vernachlässigten. Er handelt noch viel törichter, weil ja schließlich jene nicht so leicht erkennen konnten, ob die Steine auch wirklich so kostbar waren. Den großen Wert einer Kommunion aber kann jeder Katholik, der nur irgendwelchen Gebrauch von seinem Verstand machen will, sehr gut abschätzen. Und dieser Wert ist ja auch ungleich größer als selbst der Wert des Sternes von Südafrika.

 

Glaubst du das?

 

Ich will es dir ganz genau beweisen:

 

Jede Kommunion, die im Stand der heiligmachenden Gnade empfangen wird, vermehrt die heiligmachende Gnade. Jeder Zuwachs nun von dieser heiligmachenden Gnade, die unsere Seele schmückt, ist zehnmal und hundertmal mehr wert als der größte Diamant. Denn die heiligmachende Gnade ist ja eine Anteilnahme an der göttlichen Natur, eine herrliche Gottähnlichkeit, wie uns der Glaube lehrt. Die göttliche Natur, das heißt Gott selbst, ist aber das Wertvollste, das es geben kann. Gott ist ja das allerhöchste Gut, unendlich wertvoller als alle irdischen Güter zusammen. Jede Anteilnahme an der göttlichen Natur ist darum auch unendlich wertvoller als alle irdischen Güter und ist weit über alle diese erhaben. Der geringste Grad dieser Anteilnahme, das heißt der geringste Grad der heiligmachenden Gnade und jede Vermehrung derselben ist wertvoller als alle irdischen Güter, geradeso wie auch ein kleiner Diamant ungleich wertvoller ist als ein großer Haufen von Erde oder Kieselsteinen.

 

Dazu kommt noch etwas. Alle irdischen Güter können wir nur für kurze Zeit besitzen. Wenn wir sie auch nie verlieren würden in diesem Leben, ja immer vergrößerten: der Tod raubt sie uns doch. Die Gnade aber wird uns auf ewig gegeben. Hier auf Erden kann sie uns nicht verloren gehen ohne unseren freien Willen, und nach dem Tod ist überhaupt jeder Verlust ausgeschlossen. Wenn also auch die Gnade nicht, wie sie es wirklich tut, an sich, durch ihre innere Schönheit und ihren inneren Wert, alle irdischen Güter überragte, so überragte sie sie dennoch, weil sie ein ewiges Gut ist. Jetzt denke einmal nach, wieviel die Ewigkeit länger ist als die Zeit! Wenn ich sage, dass sie tausend-, million-, billion-, trillion- und billionmal trillionmal länger ist als die Zeit, so ist damit auch noch gar nichts gesagt. Die Ewigkeit geht unendlichmal über alle Zeit hinaus; sie lässt sich noch viel weniger mit der Zeit ausmessen als ich den Ozean mit einem Teelöffel ausschöpfen kann.

 

Es bleibt also dabei: Der geringste Grad der heiligmachenden Gnade und die geringste Vermehrung derselben ist mehr wert als der größte Diamant, als alle Diamanten, die es gibt, als alle Schätze der Welt. Nun ist aber gerade die heilige Kommunion eingesetzt, um uns die heiligmachende Gnade, die wir besitzen, zu bewahren und sie beständig zu vermehren. Wie die Gnade eine Anteilnahme an der göttlichen Natur ist, so kann sie auch nur durch die Verbindung mit Gott in der Kommunion dauernd erhalten und beständig vermehrt werden. Wer sich fernhält von der heiligen Kommunion, wird das unendlich kostbare Leben der heiligmachenden Gnade sicher verlieren. Wer oft kommuniziert, bewahrt es und vermehrt es beständig, und zwar um so mehr, je öfter er kommuniziert. Das Leben der Gnade ist eben von der Kommunion geradeso abhängig wie unser leibliches Leben von der Nahrung. Die Kommunion ist ja die Nahrung des Gnadenlebens, durch welche es erhalten und vermehrt werden muss.

 

Jetzt bedenke das alles und antworte mir auf die Frage: "Was ist mehr wert, eine einzige heilige Kommunion oder das Vermögen eines Rothschild?" Wenn du nur irgendwie klar denken willst und dir nicht von dem großen Haufen Gold, Silber und Banknoten den Kopf verdrehen lässt, musst du antworten: "Eine einzige heilige Kommunion ist ungleich mehr als jene Millionen!" Ja, wenn wir aufrichtig sein wollen, müssen wir sagen: "Eine einzige heilige Kommunion ist mehr wert als das Vermögen von allen Kapitalisten Deutschlands, als das Vermögen von ganz Deutschland. Und wenn wir uns noch dazu denken allen Reichtum von Frankreich, England, Amerika, wenn wir all die Werte, die in diesen Ländern und auf der ganzen Erde aufgehäuft sind, zusammennehmen und das vergleichen mit der Gnade, die wir durch eine einzige Kommunion erhalten, es ist wie nichts, es verschwindet vollständig gegen den Wert dieser Gnade. Freilich ist es wahr: wenn man einem Menschen die Wahl ließe, entweder die heilige Kommunion zu empfangen oder das Vermögen des Rothschild zu bekommen, er würde höchstwahrscheinlich das letztere wählen. Aber das wäre eine Wahl, die in den Augen Gottes und in den Augen der Engel überaus töricht ist. Sie wäre in der Tat geradeso töricht, als wenn ein Kind die Wahl hätte zwischen einem kostbaren Diamanten und einem Haufen Flittergold und dies letztere wählte. Das Kind würde sich freilich freuen über den Wust von Flittergold, den es da erlangt hat. Jeder Vernünftige aber würde die Wahl als den größten Unverstand beklagen, wozu eben nur ein unvernünftiges Kind und einer, der seinen Verstand verloren hat, fähig ist. 

 

Es ist also vollkommen klar: Eine einzige heilige Kommunion ist mehr wert als jeder Diamant und alle Diamanten der Welt. Ist es darum nicht ebenso wahr, dass alle Katholiken, die dem Anerbieten des Hl. Vaters so wenig Folge leisten, geradeso töricht und noch viel törichter sind als die Südafrikaner, die kostbare Diamanten sorglos liegen ließen und sie sogar zum Fenster hinauswarfen? Der Hl. Vater weiß, was die Kommunion bedeutet und lädt in seiner väterlichen Liebe alle Katholiken so dringend zur häufigen und täglichen Kommunion ein. Aber so viele Katholiken, um nicht zu sagen die meisten, sind so unverständig, dass sie diese herrliche Gelegenheit, sich unermesslichen geistlichen Reichtum und himmlische Schätze zu erwerben, unbenützt vorübergehen zu lassen. Und wenn man sie darauf hinweist, so antworten sie mit allerlei dummen Einwänden und Ausreden.

 

Wie sind doch all diese Einwände und Ausreden gar so haarsträubend unvernünftig!

 

Der eine sagt: "Ach was, das ist ja noch nicht dagewesen und ich bleibe beim alten!" Das klingt geradeso, als wenn einem armen Mann, der kaum sein Brot verdient, viel Geld angeboten würde und antwortete: "Ach was, ich habe ja noch nie viel Geld gehabt und bin immer in schweren Sorgen gewesen. Ich bleibe beim alten, ich will das Geld nicht haben." 

 

Ein anderer sagt: "Die übrigen tun es ja auch nicht. Warum soll gerade ich eine Ausnahme machen?" Das ist geradeso sonderbar, als wenn irgendwo Diamanten lägen und einer sagte: Die anderen greifen nicht zu. Warum soll ich eine Ausnahme machen?" Hier könnte man es noch verstehen, wenn einer nicht den andern die Diamanten aus Edelsinn wegnehmen will. Aber die Kommunion und die Gnade nimmt man nicht den anderen weg. Wenn die anderen töricht sind und den Wert der Kommunion nicht erkennen, musst du darum auch so unverständig sein und sie verschmähen?

 

Ein anderer sagt: "Ach, macht mir so viel Mühe." Dem antworte ich: "Wenn es dir zu viel Mühe macht, in die Kirche zu gehen, um den kostbaren Schatz in Empfang zu nehmen, so bist du geradeso töricht als ein armer Schlucker, für den auf der Bank eine große Summe Geldes bereit läge, das er heute beheben müsste und der sagte: "Das tue ich nicht, es macht mir so viel Mühe."

 

Ein anderer sagt: "Es muss ja nicht gerade die Kommunion sein. Ich tue ja sonst meine christliche Schuldigkeit, bete früh und abends, gehe an Sonn- und Feiertagen zur Messe, arbeite in guter Meinung und bringe so ein, was ich durch die Kommunion bekäme." Dass ist, mein lieber Freund, der du so sprichst, ein Arbeiter, der täglich fünf Mark verdient und sich gehörig dafür schinden muss. Ein Reicher bietet ihm einen kostbaren Diamanten an. Er aber sagt: "Ach was, das brauche ich nicht. Das bringe ich durch meinen Lohn ein." Dieser törichte Arbeiter bist du. Du armes Menschenkind willst durch deine geistliche Arbeit das allergrößte Geschenk einbringen, das dir der unendlich reiche Gott in seiner Güte nur geben kann? Wie du dich schmählich verrechnest!

 

Ein anderer sagt: "Das ist ja nur für Klosterleute!" Der Hl. Vater hat aber gesagt: "Es ist für Klosterleute, aber auch für alle Katholiken, die im Stand der Gnade sind und die rechte Absicht haben." Wenn der Hl. Vater eingeladen hätte, Diamanten zu empfangen, die in der Kirche verteilt würden und dabei nur Klosterleute erwähnt hätte, da würdest du wohl sagen: "Aber warum sollen wir Weltleute denn das nicht auch haben? Wir gehören auch geradeso zur Kirche wie Ordensleute. Ja, die brauchen es viel weniger als wir!" Ebenso solltest du hier sagen: "Mögen die Klosterleute schließlich nur jede Woche einmal zur Kommunion gehen. Wir Weltleute aber, die wir so vielen Gefahren ausgesetzt sind, den allerkostbarsten Schatz zu verlieren, müssen öfter gehen." Warum redest du nicht so? Weil du eben ein törichtes Weltkind bist, das über eitlem Tand die himmlischen Schätze geringschätzt.

 

Noch ein anderer sagt: "Ich finde mit dem besten Willen keine Zeit." Ja, das ist das alte Lied. Der seinen Meierhof besehen, seine fünf Joch Ochsen prüfen, bei seiner Frau bleiben wollte, hatte auch keine Zeit. Wenn ich dir sagte: "Von nun an werden täglich in der Kirche Tausendmarkscheine verteilt. Ich rate dir aber, ja nicht zu gehen. Du hast ja keine Zeit", da würdest du wahrscheinlich entrüstet ausrufen: "Keine Zeit? Um Himmels willen, ich habe ja Zeit im Überfluss, weiß nicht, was ich damit anfangen soll!" Für irdische und weltliche Angelegenheiten findet man schon Zeit, aber für den lieben Gott und um sich Schätze zu sammeln, die weder Rost noch Motten verzehren, findet man keine. Man ist eben ein törichtes Menschenkind, das über einem Haufen Flittergold den kostbarsten Diamanten verschmäht.

 

Überlege dir alles, was da gesagt worden ist, genau und ziehe daraus die Konsequenzen. Es ist dir die günstigste Gelegenheit geboten, reich zu werden, überreich. Sie dauert aber nur für eine Zeit, nämlich nur für dieses Leben. Nachher kommt die Ewigkeit. Was du in diesem Leben an Gnade erworben hast, besitzt du dann für immer, aber du kannst deinen geistlichen Reichtum auch nicht um einen Heller weiter vermehren. Wer damals in Südafrika gewesen wäre und die Diamanten, die er dort liegen sah, nicht gesammelt hätte, würde sein Leben nicht mehr froh. Jetzt bist du noch da im Land des Goldes und der Diamanten. Sammle, sammle eifrig, ehe du für immer davon scheiden musst. Alle, die der Einladung Pius X. gefolgt sind, und es sind ihrer sehr, sehr viele, werden als geistliche Millionäre in den Himmel einziehen, man möchte fast sagen, beneidet mit heiligem Neid von denen, die vorher gelebt haben, bevor dieser Papst nach dem Herzen Gottes die geistlichen Schatzkammern so weit geöffnet hat. Welcher Verlust für dich, wenn du nur Hunderte hast, da du auch wie so viele andere Millionen haben könntest. Die günstigste Gelegenheit zum herrlichsten Reichtum, den es gibt, hast du dann unbenützt vorübergehen lassen. Und die kommt nicht wieder. Ja, es könnte dir noch schlimmer ergehen. Die meisten Katholiken, die verloren gehen, trift dieses unsagbare Unglück deshalb, weil sie nicht oft genug die heilige Kommunion empfangen haben. Der göttliche Heiland hat ja gesagt: "Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst, habt ihr das Leben nicht in euch." Es gilt hier auch das andere Wort des Herrn: "Jedem, der hat, wird gegeben werden, und er wird in Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er zu haben scheint, genommen werden." Auch du hast vielleicht zu wählen zwischen diesen beiden: überschwänglichem Reichtum oder unermesslichem Elend.

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12. Unter sicherem Schutz - Von Margarete Cochet

 

An einem kalten, nebligen Winterabend eilte ein kleiner Junge durch eine der belebtesten Straßen von Paris. Er mochte wohl erst sieben bis acht Jahre zählen, doch nur allzu deutlich hatten bereits Not und Elend ihren unverkennbaren Stempel seinem zarten, lieblichen Gesichtchen aufgedrückt. Der zerrissene Anzug, der die kleinen schmächtigen Glieder kaum notdürftig bekleidete, vervollständigte den traurigen Anblick, den das Kind bot. Der Junge musste es wohl sehr eilig haben, denn ohne sich aufzuhalten, ohne auf die Vorübergehenden einen Blick zu werfen, eilte er hastig seinem Ziel, dem Ende der Straße zu. 

 

Ach, er hatte auch wirklich keine Zeit zu verlieren. Schon seit einigen Tagen trug er sich mit der Absicht herum, einen Brief zu schreiben, aber allein konnte er es nicht zustande bringen, denn er hatte das Schreiben noch nicht erlernt. Für ihn hatte es bisher nur eine Schule gegeben, und das war die des Leidens gewesen. Der Brief jedoch musste um jeden Preis geschrieben werden, und darum begab sich das Kind, so schnell es seine kleinen Füßchen nur tragen konnten, zu einem jener Schreiber, die um geringen Lohn den Schreibunkundigen ihre Dienste zur Verfügung stellen und ihnen die nötigen Schriften besorgen.

 

Der Mann, zu dessen Wohnung der Kleine seine Schritte lenkte, hieß Lambert und war seinerzeit Soldat gewesen. Da er im Krieg keine allzu schweren Wunden davongetragen hatte, war ihm die Aufnahme in das Invalidenheim verweigert worden. Seinen jetzigen Beruf hatte er mehr aus Langeweile, als des Verdienstes halber gewählt. Das einsame Leben, das er als völlig alleinstehender Mann führte, behagte ihm nicht, ja es verursachte ihm manch bange, traurige Stunde, und er hatte deshalb gesucht, seine Zeit durch Schreiberdienste auszufüllen. Wenn er auch in dieser Hinsicht vielleicht seinen Zweck erreichte, so vermochte seine Beschäftigung doch nicht sein Herz auszufüllen. Das menschliche Herz bedarf eben auch eines Arbeitsfeldes, wo es die ihm von Gott so mannigfaltig verliehenen edlen Eigenschaften verwenden kann; dann erst findet es Freude und Befriedigung. Das war indes bei Lambert nicht der Fall. Sein vereinsamtes, nur gleichsam auf sich selbst angewiesenes Herz empfand eine unsagbare Leere, die vielleicht doppelt so fühlbar war, weil dem alten Soldaten mit den Jahren die Quelle wahren Trostes, die in der Erfüllung unserer religiösen Pflichten liegt, völlig fremd geworden war.

 

Auch in diesem Augenblick, da unsere Erzählung beginnt, saß er finster grübelnd vor seinem Schreibtisch und in seinen Zügen spiegelte sich seine düstere Gemütsstimmung nur allzu deutlich wieder.

 

Plötzlich wurde die Tür leise geöffnet und zwei ängstliche Kinderaugen blickten furchtsam in das strenge, bärtige Antlitz des alten Mannes.

 

Lambert hatte den Eintretenden bemerkt.

 

"Nun, komm nur herein, Kleiner", wandte er sich ermutigend an das Kind, "und sage mir, was du willst. Vor allem aber mache schön die Tür zu."

 

Zitternd gehorchte das Büblein und trat einige Schritte näher, nachdem es artig seine Mütze abgenommen hatte. Doch da es noch immer schweigend dastand, wiederholte Lambert seine Frage.

 

"Also, was willst du?" klang es etwas ungeduldig von seinen Lippen. "Ich soll dir wohl einen Brief schreiben, nicht wahr? Das kostet aber 50 Centimes, mein Junge, hast du so viel auch mitgebracht?"

 

Ach, wenn der kleine Joseph im Besitz von 50 Centimes gewesen wäre, stünde er wohl nicht vor dem Mann, der ihm so viel Angst einflößte!

 

Er stammelte irgendwelche unverständlichen Worte und wandte sich wieder zum Gehen.

 

Aber der Blick der großen, traurigen Augen des Jungen hatten sich einen Weg bis in die Seele des alten Mannes gebahnt und dort mit einem Mal eine längst, längst verklungene Saite berührt: die des Mitleids mit fremder Not.

 

"Bist du eines Soldaten Kind?" fragte er in freundlicherem Ton.

 

"Nein, ich bin meiner Mutter kleiner Sohn", antwortete Joseph etwas beherzter.

 

"Hast du nicht 50 Centimes mitgebracht?"

 

"Nein, denn Mütterchen hat keinen einzigen Centime mehr."

 

"Ach so! Nun fange ich an zu begreifen. Da willst du wohl an jemand einen Brief schreiben, um etwas zu bekommen?"

 

"Ja!" flüsterte das Kind, sichtlich erfreut, dass der Schreiber so seine Absicht erraten hatte.

 

"Ein Bogen Papier wird mich nicht ärmer machen", dachte Lambert, und die Feder zur Hand nehmend, schrieb er das Datum.

 

"Wie lautet die Adresse?" fragte er alsdann, sich an den Jungen wendend.

 

"An Frau - - - ? Nun, sprich schnell, wie heißt die betreffende Dame?"

 

"Welche Dame meinen Sie?" fragte der Kleine erstaunt.

 

"Na, welche andere sollte ich denn meinen, du kleiner Tölpel, als die, an die du zu schreiben wünschst?! Man wendet sich ja doch meistens nur an Frauen, wenn man ein Almosen erhalten will", brummte der alte Invalide leise vor sich hin.

 

Der Junge schien diese letzten Worte auch in der Tat nicht verstanden zu haben, denn er sagte nur:

 

"Es ist keine Dame."

 

"Gut, also ein Herr; wie lautet sein Name?"

 

"Es ist auch kein Herr."

 

"Junge, zum Teufel, so erkläre dich doch einmal deutlich", donnerte der alte Soldat. "An wen willst du denn schreiben? Meinst wohl, ich werde bis morgen hier zu deinen Diensten stehen?"

 

Eine jähe Blutwelle ergoss sich über das zarte Gesichtchen des Kindes. Dieser Mann da vor ihm flößte ihm gar so große Angst ein; am liebsten wäre er davongelaufen und zu seinem Mütterchen zurückgekehrt. Ach, aber gerade ihretwegen durfte er es nicht tun, der Brief musste geschrieben werden, sollte irgendwelche Rettung kommen. Seinen ganzen Mut daher zusammennehmend, stammelte er endlich:

 

"Ich möchte an den hl. Joseph schreiben, Herr Lambert."

 

Der ehemalige Soldat sprang von seinem Stuhl auf, warf die Feder auf den Tisch und maß den Jungen von Kopf bis Fuß mit drohendem Blick.

 

"Junge, mir deucht, du willst mich zum Narren halten", polterte der Mann, nur mühsam seinen Zorn bezwingend. "Du kannst deinem Schöpfer danken, dass du noch so klein bist, sonst würde ich dir mittels einer gehörigen Tracht Prügel meine Meinung zu verstehen geben, so aber sage ich dir nur: kehr um! und marsch hinaus!"

 

Wieder ging ein heftiges Zittern durch den kleinen Körper des Kindes, indes es sich abermals zum Gehen wandte. Aber noch hatte der Junge die Tür nicht erreicht, als ein Schluchzen und ein mühsam unterdrückter Schmerzenslaut, dem man deutlich das Wort "Mütterchen" entnehmen konnte, zu Ohren des Invaliden drang. Er wusste selbst nicht recht, was er tat, aber mit einem Mal stand er an der Seite des Kindes und hatte sein eiskaltes Händchen ergriffen.

 

"Komm, Kind, fürchte dich nicht", sagte er in einem Ton, dem man nichts mehr von der früheren Strenge anmerkte. "Du hast es gewiss vorhin nicht böse gemeint und darum will ich dir verzeihen. Doch nun erzähle mir alles ganz genau. Wie heißt su?"

 

"Joseph."

 

"Hast du keinen anderen Namen?"

 

"Nein; mein Mütterchen nennt mich nur immer so."

 

"Wo ist dein Vater?"

 

"Im Himmel, schon lange, lange Zeit; draußen blühten noch die Blumen, als die schwarzen Männer ihn wegtrugen. Und seitdem ist es so ganz, ganz anders bei uns geworden", setzte das Kind hinzu, und wieder glänzten Tränen in seinen großen, blauen Augen.

 

Lambert begann zu begreifen, und seine Stimme klang noch weicher, als er jetzt fragte:

 

"Und warum willst du denn gerade an den hl. Joseph schreiben, mein kleiner Mann?"

 

"Weil er so gut zum Jesuskindlein war und jetzt gewiss auch mir helfen wird, denn er heißt ja wie ich und ist mein Schutzpatron. Mütterchen sagt mir immer, wenn ich Kummer habe, so soll ich mich nur stets mit Vertrauen an ihn wenden. Sie sagt, das Jesuskindlein würde ihm jetzt im Himmel alle seine Bitten erfüllen, und wer sich unter seinen Schutz stelle, dem helfe er ganz bestimmt in jeder Not."

 

"Und um was willst du denn den hl. Joseph bitten?"

 

"Vor allem, dass er mein Mütterchen endlich aufweckt, die seit gestern abend fortwährend schläft. Ich habe es selbst schon einige Male versucht, aber sie rührt sich trotzdem nicht. Dann möchte ich ihn auch um etwas Brot für mein Mütterchen und mich bitten. Ich bin so hungrig und sie wird es gewiss auch sein, wenn sie aufwacht. Bevor sie einschlief, gab sie mir das letzte Stückchen, sie selbst hatte schon zwei Tage nichts gegessen, weil sie nicht hungrig war, sagte sie."

 

Was wohl dem alten Krieger plötzlich fehlte, dass er sich so hastig mit der Hand über die Augen fuhr? . . .

 

Ach, er hatte über sein trauriges, einsames Leben gemurrt, hatte sich beklagt, nichts von Freude und Glück zu wissen, und was hatte erst dieses arme kleine Wesen zu erdulden gehabt? Was war erst sein Leben gewesen? Es hatte von Hunger gesprochen. Hunger? - den wenigstens hatte er, Lambert, trotzdem mehr denn ein halbes Jahrhundert auf seinen Schultern lastete, niemals gekannt. Und hier war dem Hunger, allem Anschein nach, ein Menschenleben zum Opfer gefallen, denn . . .

 

"Was hast du getan, um dein Mütterchen aufzuwecken?" fragte der Soldat, den Jungen mit mitleidsvollem Blick betrachtend.

 

"Ich habe sie wie immer bei der Hand gefasst, sie umarmt und gerufen, aber es hat nichts geholfen."

 

"Hast du ihren Atem gefühlt?"

 

"Ich weiß es nicht. Muss man denn immer atmen?"

 

Lambert konnte bei dieser kindlichen Frage ein schwaches Lächeln nicht unterdrücken, aber es erhellte nur vorübergehend seine Züge. Ihm war das Leben nie so bitterernst und traurig erschienen, wie in diesem Augenblick.

 

"War die Hand deiner Mutter warm, als du sie in die deine nahmst?" fragte er weiter, das blonde Köpfchen des Kindes streichelnd. 

 

"Ach nein, sie war sehr kalt, aber wir hatten es immer kalt, denn Mütterchen besaß kein Geld, um Holz zu kaufen."

 

Mehr brauchte Lambert nicht zu fragen. Er hatte genug gehört, um zu wissen, dass Josephs Mutter in einen Schlaf versunken war, aus dem es auf dieser Welt kein Erwachen mehr gibt. Josephchen war also eine Waise geworden! Was sollte jetzt aus dem armen, alleinstehenden Kind werden? . . . Alleinstehenden? . . . O, wer wusste es besser als er, wieviel Trauer und Bitterkeit in diesem einzigen Wort enthalten ist?!

 

Lambert lehnte sich in seinen Sessel zurück und sein Blick schien in die Ferne zu schweifen. Ja, er hatte das Kind an seiner Seite anscheinend völlig vergessen, um sich mit irgendwelchen Gedanken zu beschäftigen. Diese mochten wohl plötzlich eine freudigere Wendung genommen haben, denn sein Blick bekam auf einmal gleichsam einen verklärten Ausdruck, als er ihn nach längerer Pause dem Jungen wieder zuwandte. Im nächsten Augenblick rückte er näher an seinen Schreibtisch heran und zeichnete einige Zeilen auf einen Papierbogen. 

 

"So", sagte er nach einigen Minuten mit bewegter Stimme, "der Brief an den heiligen Joseph ist geschrieben und gewiss wirst du auch bald die Antwort erhalten. Und nun komm, du sollst zuerst deinen Hunger stillen und dann wirst du mich zu deinem guten Mütterchen führen."

 

*       *       *

 

Der ehemalige Soldat hatte sich nicht getäuscht. Josephs Mutter weilte nicht mehr unter den Lebenden, sie war, wie er es richtig geahnt hatte, in der Tat der Not und dem Elend zum Opfer gefallen.

 

Nachdem Lambert sich vom Tod der armen Frau überzeugt hatte, fiel ihm die schwere Aufgabe zu, dem Kind seinen herben Verlust begreiflich zu machen. Doch mit Gottes Hilfe sollte dieser neue Schmerz, der ihn traf, soviel als möglich gelindert werden. Ja, mit Gottes und des hl. Josephs Hilfe, denn ohne Zweifel war es letzterer gewesen, der ihm, Lambert, den Gedanken, den er auszuführen im Begriff stand, eingegeben hatte. Auf diese Weise wollte er das Vertrauen seines kleinen Schutzbefohlenen lohnen.

 

Der Schreiber nahm den Jungen, der unruhig in das blasse, hübsche Antlitz seiner regungslos daliegenden Mutter blickte, in seine Arme und sagte mit einer Stimme, aus der das zärtlichste Mitleid klang:

 

"Dein liebes Mütterchen ist jetzt auch im Himmel und wird erst dort aufwachen und auf dich warten, bis du ebenfalls hinkommst, mein lieber, kleiner Junge. Dafür wird aber nun der hl. Joseph doppelt für dich sorgen und hat mich bereits dazu bestimmt, dir dein Mütterchen zu ersetzen. Du wirst fortan bei mir wohnen und mich nicht mehr verlassen. Ist es gut so, Josephchen?"

 

Bei der Nachricht, dass seine Mutter erst im Himmel aufwachen, und er sie, wie den Vater, nicht mehr sehen sollte, war das Kind in heftiges Schluchzen ausgebrochen; doch bei den letzten Worten Lamberts hielt es plötzlich im Weinen inne, sah seinen Freund halb erstaunt, halb ängstlich an und fragte:

 

"Hat der hl. Joseph denn schon geantwortet?"

 

"Ja, mein Kind; er hat mir zu verstehen gegeben, dass deine Mutter im Himmel so viel glücklicher ist, da sie dort nie an Kälte und Hunger leiden wird. Ich aber soll von nun an für dich sorgen, dich vor allem Bösen bewahren, mit einem Wort dir ein zweiter Vater sein", entgegnete der alte Krieger ernst.

 

"Dann bin ich zufrieden", meinte das Kind mit rührender Ergebung, "denn Mütterchen sagte ja immer, ich soll mich niemals fürchten, der hl. Joseph würde stets alles gutmachen und mich nicht verlassen. Und ich will auch gern dein kleiner Sohn sein", schloss das Knäblein und presste seine feuchten Wangen an die Brust seines Pflegevaters. 

 

Und in der Tat, der hl. Joseph hat alles gut gemacht; doch nicht allein für den Waisenjungen, sondern auch für den Mann, der sich vor kurzem noch so einsam und verlassen fühlte.

 

Joseph hatte in Lambert einen zärtlichen Vater gefunden, der mit rührender Liebe an dem ihm auf so seltsame Weise anvertrauten Kind hing. Diesem aber verdankte der ehemalige Soldat die sonnigsten und freudigsten Tage seines Lebens, Nun hatte sein Herz etwas gefunden, was es voll und ganz ausfüllte: das Glück in der Ausübung der herrlichsten Aufgabe, die dem menschlichen Herzen von Gott gestellt wird: die Hingabe seiner selbst zum Wohl des Nächsten. Kein Wunder, dass in dem Herzen des alten Soldaten nun der Drang erwachte, auch seinem obersten Kriegsherrn die erforderliche Huldigung darzubringen.

 

Es war daher kein seltener Anblick mehr, Lambert in Begleitung seines kleinen Schutzbefohlenen, dem er auch diese Quelle wahren Glücks verdankte, dem hl. Messopfer beiwohnen zu sehen. Täglich aber sah man sie, besonders im Monat März, vor dem Altar des hl. Joseph knien, ein inbrünstiges Dankgebet zu dem sprechend, den wir mit so viel Recht als unseren liebevollen Fürsprecher und mächtigen Schutzpatron anrufen.

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