Geschichten des Lebens aus alter Zeit         3. Teil

 

1. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern - Erzählt von Johannes Buse

 

2. Maria, Zuflucht der Sünder

 

3. Wähle recht! - Von F. Clute-Simon

 

4. Eine edle Königin

 

5. Madame, mein Sohn ist Präfekt! - Von N. Pontis

 

6. Probatum est! - Ein Traum, der Wirklichkeit ist

 

7. Seht meine Hände - Von Pierre l`Ermite

 

8. Die Zahl "Dreizehn" - Nach einer Tatsache von Paul Lucas

 

9. Der Geist der Stärke - Von Ernst Schultheiß

 

10. Die Söhne des Rosenkreuzers - Nach den Aufzeichnungen eines Seminaristen von R. Pontis

 

11. Das Wunder von Bolsena - Von Stephardt

 

12. Ein treuer Hirte

 

13. Bei dem "Heiligen" in Padua - Von Erhardt Krafft

 

14. Gerettet - Von Ernst Schultheiß

 

15. Die Bitte ans heiligste Herz Jesu - Von Erhardt Krafft

 

16. Ein Apfel (Eine Legende) - Von Stephardt

 

17. Die Geschichte eines Mönches, eines Königs und eines Revolutionärs - Nach Ségur von T. Carbonaro

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1. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern - Erzählung von Johannes Buse

 

1.

Das Abendessen war beendet. Nachdem das Dankgebet gesprochen war, verließen die Knechte das Zimmer, während die Mägde mit dem Abräumen des langen Eichentisches begannen, der von alters her auf dem Erlenhof als gemeinsame Speisetafel gegolten hatte. 

 

Bastian Danner, der Hofherr, saß noch immer auf seinem Vorzugsplatz am oberen Ende des Tisches, just unter dem alten Kreuzbild; gedankenvoll vor sich hinstarrend, trommelte er mit der Rechten auf der weißen Tischplatte, nur ab und zu warf er einen kurzen Blick zu seinem Sohn hinüber, der sich auf der Ofenbank niedergelassen hatte und nun gerade mit dem Stopfen seiner kurzen silberbeschlagenen Pfeife beschäftigt war.

 

"Franz", begann der alte Danner plötzlich, als die Mägde das Geschirr in die Küche getragen hatten und er sich mit seinem Sohn allein sah, "kannst dich noch einmal hier an den Tisch setzen, habe ein Wort mit dir zu sprechen."

 

"Das kann geschehen, Vater", antwortete der Sohn überrascht. Dann fuhr er in gedämpften Ton fort: "Drei Jahres sind es nun, seit die Mutter gestorben ist, und drei Jahre haben wir uns mit fremden Frauleuten geholfen, da denke ich, es wäre an der Zeit, wenn wieder eine Bäuerin auf den Erlenhof käme, die überall nach dem Rechten sähe und die Mägde ordentlich unter Aufsicht nähme."

 

"Recht wäre es schon, Vater", warf Franz ohne aufzusehen dazwischen. 

 

"Na also. Alt genug bist du ja auch, eine Frau heimzuführen, bist ja im Achtundzwanzigsten. Darum sobald wie möglich ein Ende mit der jetzigen Wirtschaft gemacht. - Hast dich doch sicher auch schon umgesehen - oder nicht? - - Ich weiß bestimmt, die Therese vom Waldhof wartet nur auf deine Frage, und der alte Bergschulze sagte mir noch heute morgen: er sähe seine Anna am liebsten als Bäuerin auf dem Erlenhof. - Beide Mädchen sind gute Partien; du brauchst also nur zu wählen."

 

Fragend blickte der alte Danner seinen Sohn an, der sinnend mit niedergeschlagenen Augen dasaß, verlegen mit dem Pflöckchen seiner Pfeife spielend. 

 

"Nun, was meinst du zu der Sache?" kam es nach einem Weilchen ungeduldig aus des Vaters Mund.

 

"Das dem Hof eine ordentliche Bäuerin nottut, weiß ich gerade so gut, als du, Vater", entgegnete der Gefragte endlich, "aber zu der Wahl, wozu du mir rätst, kann ich mich nicht entschließen."

 

"Nicht?" fragte nun der Vater staunend, "was hättest du denn an ihnen auszusetzen?"

 

"Gewiss, Vater, die beiden Mädchen haben Vermögen, sind nach deiner Ansicht eine gute Partie. Aber dennoch möchte ich mich nicht an eine von beiden ketten. Das Geld tut es nicht allein. Im übrigen denke ich, wäre es gar nicht nötig, dass eine reiche Bäuerin auf den Erlenhof kommt. Ich meine, die Hauptsache wäre, wenn sie fromm, fleißig und umsichtig wäre; das meine ich, wäre das beste Heiratsgut."

 

Mit hochrotem Gesicht saß Franz da, wenngleich er es vermied, zu dem strengen Vater aufzublicken.

 

"Das sind ja nette Ansichten, die du da hast", polterte Danner nun rau und laut heraus. "Man sollte bald glauben, du hättest schon eine andere in Aussicht."

 

"Glaube es ruhig, Vater", antwortete Franz fest und bestimmt, "denn ich habe auch schon meine Wahl getroffen. - Ich hätte es dir schon eher gesagt, doch ich scheute vor dem Geständnis; da du nun aber selbst die Angelegenheit zur Sprache gebracht hast, ist es jetzt die rechte Zeit, dir darüber Auskunft zu geben."

 

"Nun, da bin ich wirklich neugierig."

 

"Ich weiß es, Vater", fuhr Franz ruhig fort, "dass die von mir Erwählte nach deiner Ansicht nicht als gute Partie zu betrachten ist, und dennoch ziehe ich sie der Therese vom Waldhof wie auch Bergschulzen Anna vor."

 

"Nun, wen meinst du denn eigentlich?" fragte Danner, aufs äußerste gespannt.

 

"Die Maria Neder."

 

Grimmig ballten sich die Fäuste des Bauern und mit vorgebeugtem Körper blickte er seinem Sohn starr und drohend ins Gesicht. "Die Neder?"

 

"Ja, Vater, die Maria Neder. - An ihrem Charakter wirst du auch nicht das geringste mäkeln können. - Dass sie kein Vermögen besitzt, fällt bei mir . . . ."

 

"Nun ist es genug, Bursche", schrie Danner hochrot vor Zorn, im Aufspringen den Stuhl mit lautem Krachen zu Boden stoßend.

 

Auch Franz war aufgesprungen, doch ruhig und gefasst stand er seinem Vater gegenüber. Nur leise murmelten seine Lippen: "Dachte ich es mir doch."

 

"Dass du mir nicht den Namen nennst. Solange ich lebe, kommt mir so eine Mamsell Habenichts nicht auf den Hof." Dröhnend fiel die geballte Faust des Bauern auf den Tisch. "Das könnte so einer Jungfer recht sein, ins volle Nest auf den Erlenhof zu schlüpfen, auf dem sie früher als Kleinmagd diente. - Herrgott, so etwas! - Das könnte mir passen, so eine Betteldirn als Bäuerin auf dem Erlenhof, dem schönsten Hof in der Runde."

 

"Halt, Vater, nun aber nicht weiter", mahnte Franz mit bebender Stimme, die Rechte wie zur Abwehr erhoben. "Ob du meine Braut als Schwiegertochter anerkennst, darüber kann ich dir keine Vorschriften machen, aber beschimpfen lasse ich sie nicht, denn unantastbar steht sie da. Beschimpfst du sie, so beschimpfst du auch mich, und das lasse ich mir nicht gefallen."

 

"Ist das der Gehorsam, den du mir als Sohn schuldest?"

 

"Ich habe dir nie den Gehorsam verweigert, Vater, aber in diesem Fall muss ich es, denn es handelt sich um das Glück zweier Menschen, das sich nicht mit Geld erkaufen lässt. Mein Gewissen heißt meine Wahl gut, darum . . . ."

 

"Kein Wort mehr oder ich vergesse mich. - Willst du die Dirne heiraten, tu es, zwingen kann ich dich nicht, aber solange ich lebe, betretet ihr mir nicht den Erlenhof."

 

Mit finsterem Gesicht verließ der alte Danner das Zimmer, die Tür dröhnend hinter sich ins Schloss werfend.

 

Aufs äußerste erregt, suchte Franz doch jede empörende Bewegung seiner menschlichen Natur zu unterdrücken. Hätte ihm ein anderer diese Worte ins Gesicht geschleudert, er hätte schnelle Abrechnung mit ihm gehalten, nun aber war es sein Vater, der ihn und seine Braut beschimpft, und welche Ehrfurcht, welchen Gehorsam er ihm schuldete, hatte er nie vergessen. Es war dieses das erste Mal in seinem Leben, dass er dem Vater den Gehorsam versagte, aber sein Gewissen beschuldigte ihn nicht. Der Geiz und die Habsucht des alten Danner waren ja bekannt, deshalb hatte er auch stets gezögert, mit dem Vater über seine Wahl zu sprechen, denn er wusste ja, dass er nur auf Geld und Reichtum sah. Wenn die gute Mutter noch gelebt hätte! Der wäre die Maria Neder schon ohne Geld und Gut recht gewesen, denn schon zu der Zeit, als sie als Magd auf dem Erlenhof diente, hatte sie durch ihr stilles, bescheidenes und frommes Wesen der Mutter Zuneigung voll und ganz errungen. An der Mutter hätte Franz eine gute Fürsprecherin gehabt. Nun aber ruhte sie schon auf dem stillen Friedhof, und so sah der Sohn nur zu klar ein, dass der Streit, der infolge seiner Wahl zwischen dem alten Vater und ihm entfesselt war, nur von ihm allein ausgetragen werden musste.

 

2.

Fast zehn Jahre waren vergangen. Franz Danner hatte die Maria Neder vom Altar heimgeführt, jedoch nicht zum Erlenhof, sondern in ein zu jener Zeit leerstehendes Haus eines Nachbardörfchens. Bescheiden hatten sie sich eingerichtet, über große Geldmittel verfügten ja beide nicht, aber glücklich fühlten sie sich in ihrem am Waldessaum, dicht an der Landstraße gelegenen Heim. Und als der Himmel im Lauf der Zeit den jungen Leuten einige Kinderchen schenkte, da fühlten sich die beiden erst recht glücklich, so glücklich, dass sie gar kein Verlangen nach dem großen Erlenhof trugen. Als fleißiger Tagewerker war Franz bei den Bauern des Dorfes bekannt und beliebt, und wenn sein Verdienst auch nicht zuließ, viele Spargroschen auf die Seite zu legen, so war er doch noch ausgiebig genug, Frau und Kinder vor Not zu schützen.

 

Und doch sollte auch in dieses Heim einmal die finstere Not Einzug halten.

 

Es war ein äußerst rauer und nasser Herbst gewesen. Unermüdlich war Franz seinen Arbeiten nachgegangen, mutig bot er der Nässe und Kälte Trotz, aber endlich musste sein Körper den schädlichen Witterungseinflüssen unterliegen. Eine schmerzhafte Krankheit warf ihn aufs Lager, das er vorerst nicht wieder verlassen sollte. Der Arzt kam häufig und ließ sich bezahlen aus den Spargeldern, die die jungen Leute in den ersten Jahren ihrer Ehe erübrigt hatten. Bald waren die Notpfennige aufgezehrt, allein die Ausgaben waren noch täglich dieselben. Und nun trat die Not grinsend in das kleine Haus, des Mannes Schmerzen vermehrend und den Augen der braven Frau Tränen erpressend. Dann kamen Augenblicke, wo Franz an den Wohlstand seines Vaters dachte, der nun ohne Kinder mit Knechten und Mägden auf dem Erlenhof waltete. Nur ein Bruchteil von dem Vermögen hätte genügt, die Sorge und Not wieder aus ihrem Heim zu verscheuchen.

 

Wieder lag Franz in solchem Sinnen auf seinem Lager, als seine Frau das Krankenzimmer betrat.

 

"Höre einmal, Maria, was ich schon gedacht habe", redete er sie an. 

 

Langsam ließ sie sich auf den Stuhl gleiten. "Nun, Franz?"

 

"Wie lange meine Krankheit noch dauern soll, weiß Gott. Ich würde sie schon ruhiger ertragen, wenn die Sorge um dich und die Kinder nicht dabei wären . . ."

 

"Aber Franz, wozu solche Gedanken" suchte ihn die Frau zu beruhigen.

 

"Unterbrich mich nicht, Maria", fuhr er fort. "Unsere Notpfennige sind aufgezehrt. Not und Armut sind bei uns eingezogen, während mein Vater im Wohlstand lebt. Ob es recht von ihm war, mich von sich zu stoßen, darüber will ich nicht richten, er ist aber streng und hart, vielleicht würde er jetzt seine Hand hilfsbereit öffnen. - Ich kann nicht zu ihm gehen - da dachte ich, wenn du mal . . ."

 

"Nach dem Erlenhof gingest, meinst du? - Ich will es tun, dir zuliebe", antwortete sie fest, indem sie sich erhob. - "Aber es ist ein großes Opfer", raunte sie leise vor sich hin.

 

Heulend fuhr der Wind um die langgestreckten Gebäulichkeiten des Erlenhofes, scharfe Eiskristalle mit sich führend und klirrend an die Fensterscheiben werfend. Mit finsterem Gesicht saß der alte Danner in seinem alten Lehnstuhl am Ofen, gedankenvoll in das unwirtliche Treiben hinausblickend. Nicht spurlos waren die letzten zehn Jahre an ihm vorübergegangen: völlig ergraut waren die Haare seines Hauptes und tiefe Furchen hatten sich in das Gesicht eingegraben, aber der düstere Stolz und Trotz, die aus diesen grauen Augen blickten, waren noch dieselben, wie früher.

 

Da riss ihn ein leises, zaghaftes Klopfen an der Tür aus seinem Sinnen auf.

 

"Herein!" rif er mit fester, voller Stimme.

 

Sichtlich befangen betrat eine Frau das Zimmer, deren gerötete Augenlider von vergossenen Tränen zeugten.

 

Nur einen Blick warf der alte Danner auf die Gestalt, dann sprang er von seinem Sitz auf. "Bist du nicht die Neder?" rau und frostig wie das Wetter klang seine Stimme. 

 

"Früher war ich es, Danner. Seit zehn Jahren bin ich Eures Sohnes Frau." Mit zitternder Stirn hatte die Frau dem Mann Antwort gegeben.

 

"Was willst du auf dem Erlenhof?"

 

"Euch benachrichtigen, Danner, von der schon seit Wochen dauernden Krankheit Eures Sohnes. - Auf seinen Wunsch bin ich hierhergegangen, um - - um -" die Worte erstarben der Frau fast auf den Lippen - "Euch die Hand zur Versöhnung zu reichen."

 

Mit einer stolzen, kalten Gebärde wies der Alte die Nähertretende von sich.

 

"Ich bitte Euch, Danner", flehte die Frau mit aufgehobenen Händen, "lasst allen Groll fahren. Tut es Eures Sohnes halber, dessen Familie infolge seiner Krankheit mit der Not ringt."

 

"Genug!" schnitt Danner mit rauem Wort jede weitere Rede ab. "Für Bettler ist der alte Danner nicht zu sprechen. - Was der Bube gesät hat, mag er nun auch ernten. - Dort ist die Tür!"

 

"Kennt Ihr wirklich kein Erbarmen? . . ."

 

Wieder hob sich die Rechte gebieterisch. "Dort ist die Tür!"

 

"Möge Gott Euch barmherzig sein!"

 

Schnell huschte die Frau aus der Stube wieder hinaus in das winterliche Treiben. Aber sie achtete nicht darauf, denn ihr Herz blutete ob der lieblosen Behandlung seitens des alten Danner, und unaufhörlich rannen ihr die Tränen über die Wangen.

 

Hangend und bangend sah Franz der Heimkehr seiner Frau entgegen. Schon drei Mal hatte er im Gebet die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten lassen, nun endlich war sie heimgekehrt. Niedergeschlagen trat sie nun in das Krankenzimmer.

 

"Nun, Maria?" fragte er, groß zu ihr aufblickend.

 

"Beruhige dich, Franz", antwortete sie, sich über ihn beugend, "einer verlässt uns nicht: Gott im Himmel!"

 

Und die Tränen der Frau einten sich mit denen des Mannes.

 

3.

Es war an einem Abend im März. Dichte Wolkenballen trieb der Wind vor sich her, und nur von Zeit zu Zeit war es dem Mond vergönnt, einen Strahl seines Lichtes auf die düstere Erde zu werfen.

 

In leichtem Trab kam von der Stadt her ein Fuhrwerk die Landstraße entlang. Mit sicherer Hand lenkte der Führer den Wagen durch den düsteren Wald. 

 

Klatschend flog die Peitsche über den Rücken des Pferdes. "Nun, Fuchs, greif aus", brummte der Wagenführer, "dass wir an der Hütte vorbeikommen, wo der Bube mit der Betteldirne haust."

 

Und pfeilgeschwind flog das Tier dahin. Plötzlich aber scheute es; im wilden Galopp riss es den Wagen im Zickzack mit sich fort. Kreidebleich hielt der Führer die Zügel in der Hand, die vorbeisausenden Bäume entgingen seinem Auge, dann ein Krach, ein Schrei - an einem Baum war das Gefährt zerschmettert, wo er nun stöhnend und winselnd lag, in nächster Nähe der Hütte, deren Anblick er meiden wollte. Die Trümmer der Deichsel nachschleppend, rannte das Pferd dem Dorf zu.

 

Hatte auf dem Waldweg auch niemand den Angstschrei des alten Danner vernommen, in dem kleinen Haus hatte man den Ruf gehört - man wusste: es war ein Unglück geschehen. 

 

Franz war von seiner Krankheit wieder so weit hergestellt, dass er sich wieder im Umhergehen bewegen konnte. Lesend hat er am Tisch gesessen, als der Angstschrei des Verunglückten in das Zimmer gedrungen war.

 

"Bastian, mach schnell die Laterne zurecht, es wird jemand unsere Hilfe nötig haben", wendete er sich an seinen Sohn, der, mit Schularbeiten beschäftigt, ihm gegenübersaß.

 

Eilig kam der Knabe dem Befehl des Vaters nach. Im nächsten Augenblick trat der Knabe, die Laterne in der Hand, in die Dunkelheit, gefolgt von den hilfsbereiten Eltern. - Da lagen die Trümmer des Wagens und dort in einer Grube am Rand des Weges erblickten sie im dämmernden Schein der Laterne den Verunglückten auf dem Gesicht liegend. Schnell stiegen die drei zu dem Mann hinab, der ohne Lebenszeichen dalag.

 

Behutsam versucht man dem Körper eine andere Lage zu geben, um in das Gesicht blicken zu können. Bald ist es gelungen, aber mit finsterem Gesicht tritt Franz zurück, als er den Blick in das blutige Antlitz des daliegenden Mannes geworfen hat: er hat seinen Vater erkannt, dessen Sinne nun von einer Ohnmacht gefangen gehalten werden.

 

"Ist er tot?" fragte mit merklicher Angst die Frau.

 

"Nur ohnmächtig!" antwortete Franz.

 

"Wer ist es wohl?"

 

"Du wirst ihn sicher kennen, sieh einmal genau zu!"

 

Wieder beugt sich die Frau über das Gesicht, dann blickt sie fragend zu ihrem Mann auf, der wie sinnend mit abgewandten Augen dasteht: "Dein Vater?"

 

Franz überhört die Frage: er gedachte der Szene, als ihn der Vater vor zehn Jahren vom Hof verwies, weil er gegen seinen Willen die Ehe mit der Maria Neder schloss, und noch ein anderes Bild hielt seinen Sinn gebannt, machte seinen Puls schneller schlagen: jene Begebenheit, wo seine hilfesuchende Frau von dem Verunglückten war vor die Tür in Sturm und Schnee gestoßen worden war. Nun lag er hilflos, vielleicht schwer verletzt, zu seinen Füßen, nun war die Zeit der Rache gekommen. Und der Versucher trat ungesehen zu ihm heran und raunte ihm zu: "Lass ihn liegen, leicht ist es, dass er hier im Verderben stirbt, dann bist du morgen Herr vom Erlenhof!" Nur einen Augenblick lauschte Franz dieser Stimme, denn das ernste und milde Gesicht des alten Pfarrers, der ihn während seiner Krankheit oft besucht hat, trat wieder vor seine Augen, und er glaubte wieder die mahnende Stimme seines Seelenhirten zu vernehmen; "Hass darfst du dem Vater nicht nachtragen; du musst vergeben, denn du verlangst doch auch von Gott: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!" Und Franz gab dieser Stimme Gehör, den Versucher in die Flucht schlagend.

 

"Ob es uns gelingt, ihn in das Haus zu bringen?" meinte er besorgt.

 

"Versuchen wir es, es ist Christenpflicht", antwortete entschlossen die Frau.

 

Eine mühevolle Arbeit war es für die drei, den Verunglückten in das Haus zu schaffen, zumal Franz noch längst nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte war. Doch endlich war ihr Werk gelungen. Lang ausgestreckt lag der alte Danner auf dem Bett seines Sohnes, und mit echt christlicher Liebe begann seine Schwiegertochter das blutige Gesicht abzuwaschen. Dann schlug er die Augen auf, groß und fragend, um sie sofort wieder zu schließen. Es währte nicht lange, da kamen die Knechte vom Erlenhof, um ihren Herrn zu suchen: an eine Überführung nach dem Hof konnte in der Nacht aber nicht gedacht werden. Und auch in den nächsten Tagen nicht. Der sofort herbeigeholte Arzt konstatierte einen Beinbruch, infolgedessen der Alte mehrere Wochen in dem kleinen Waldhaus gefangen gehalten wurde. Die ersten Tage konnte er sich nicht in seine Lage finden, allmählich aber gab er sich in sein Schicksal, ja, er begann die Menschen, die er bisher gehasst und gemieden hatte, zu lieben. Und als er ihnen eines Tages die Hände zur Versöhnung bot, fühlte er sie beide von seinem Sohn und seiner Schwiegertochter fest ergriffen.

 

Endlich konnte der alte Danner auf seinen Hof zurückkehren, aber er kehrte zurück als ein anderer Mensch: seinen Hass und Stolz hatte er zurückgelassen. Aber nicht er allein hielt seinen Einzug auf den schönen Landsitz: mit sich führte er seinen Sohn, seine Enkelkinder und die früher so gehasste Schwiegertochter, die durch ihre Liebe und Sorge um ihn sein Herz erweicht hatte.

 

Und auf dem Erlenhof begann eine neue, glückliche Zeit.

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2. Maria, Zuflucht der Sünder

 

Am Fuß des Apennins in Italien liegt ein weißes Städtchen. In der letzten Hütte unweit eines dichten Waldes wohnte eine Witwe mit ihrer sechzehnjährigen Tochter Beatrice.

 

Sie saß auf der Terrasse unter einem Zitronenbaum - krank und auf Haut und Bein abgemagert. Ihr Gesicht trug die Farbe des Wachses, als wäre sie bereits eine Leiche, nur die schwarzen, feurigen Augen glühten noch vor Liebe zum Leben.

 

Von dem Platz, auf dem die Witwe saß, konnte man das gesegnete, mit Gärten und weißen Häusern förmlich besäte Meeresufer überblicken. Im Hintergrund glänzte das grünliche Meer und die Augen konnten kaum unterscheiden, wo das irdische Meer aufhört und das unermessliche Luftmeer beginnt. Die südliche Sonne brannte, aber vom Meer her wehte eine kühlende, feuchte Luft. Es war eine wahre Lust, so im Schatten zu sitzen, die würzige, erfrischende Seeluft zu atmen und mit den Augen über den tiefblauen Himmel mit den weißen "Lämmern" herumzuirren oder die auf dem Meer so ruhig wie Schwäne dahinfahrenden Schiffe zu verfolgen und dem aus den Gärten und Weinbergen erklingenden Gesang zu lauschen.

 

Über das abgehärmte Gesicht der Witwe flog ein trübes Lächeln: "Ach, du schöne Welt, warum muss ich dich so bald verlassen? Und mein Kind!"

 

Sie schaute sich um nach der Tür, wo Beatrice auf der Schwelle saß und Schoten auslöste.

 

"Beatrice, cara anima (liebe Seele), komm, setz dich neben mich."

 

Beatrice stand auf und ging zur Mutter. Die Mutter sah sie mit unaussprechlicher Liebe an - und sie wusste auch warum. Beatrice war schlank und geschmeidig wie ein Reh, dichte, schwarze Haare fielen ihr in mächtigen Strähnen über den Rücken, und ihre sonnverbrannten Wangen blühten ihr wie Pfirsiche. Unterhalb der schön gewölbten Brauen sahen große, dunkelblaue, tiefe Augen unschuldig und zugleich munter hervor. Die Adlernase zeugte von Tatkraft.

 

"Wie geht es dir, Mutter?"

 

"Ganz gut, liebes Kind. Es kommt mir vor, als wenn die ganze Krankheit von mir wäre. Schau nur, wie das Meer schön glänzt. Ach, wo sind die Zeiten, wo uns auf ihm dein Vater selig auf dem Schifflein herumführte und dabei so schöne Lieder sang. Beatrice, geh und hol deine Mandoline und sing mir das "Santa Lucia".

 

Voll Freude, dass sich die Mutter wohler fühlte, brachte die Tochter die Mandoline, setzte sich neben die Mutter, stimmte das Instrument und sang mit weicher, von tiefem Gefühl durchdrungener Stimme das beliebte Nationallied.

 

Der Kranken wurden die Augen nass und die zweite Strophe sang sie mit der Tochter halblaut mit.

 

Als sie zu Ende gesungen hatten, sah die Mutter wie im Traum auf das Meer und seufzte: "Ach, das Lied pflegte dein Vater so gern und so schön zu singen! Kannst du dich noch an seine tiefe, klangvolle Stimme erinnern?"

 

"Gut", nickte Beatrice mit dem Kopf und lächelte in beseligender Erinnerung.

 

"Mir klingt seine Stimme heute noch in den Ohren. So wie er verstand es weit und breit niemand zu singen", sprach die Mutter weiter. "Einmal führte er mich dorthin ins Kloster - damals warst du noch nicht auf der Welt - zu einer Feierlichkeit.

 

Wir blieben dort bis zum Abend. Als wir heim ruderten, standen schon die Sterne am Himmel und der Vollmond stieg - wie ein Rad groß - aus dem Meer hervor. Ach, war das schön! Dein Vater vertiefte sich in das flammende Meer, auch in seinen Augen flammte es auf und er begann zu singen: "Santa Lucia".

 

Und die Kranke sang die Worte der ersten Strophe mit tiefer Stimme: sie ahmte den Gesang des Mannes nach.

 

Dann senkte sie den Kopf und sagte traurig: "Ach, von den Sternen hat er gesungen und jetzt ist er dort, wo die Sterne leuchten, und ich - ich werde ihm bald nachgehen."

 

"Mutter, rede nicht so!" Die Tochter ergriff die Mutter leidenschaftlich bei der Hand, "ich werde dich nicht verlassen!"

 

"Ach, wenn ich könnte, würde ich ewig bei dir bleiben, meine teure Seele, aber der Tod greift mir schon ans Herz. Ich fühle es gut. Es geht aber nicht anders: wir müssen bald voneinander Abschied nehmen, mein Engel."

 

Die Mutter umarmte die Tochter und legte ihren Kopf an ihre kranke Brust.

 

Der Beatrice flossen Tränen über die Wangen.

 

"Verzeihe, cara anima mia, dass ich dir mit meinen Worten weh tue, aber endlich muss ich es dir sagen. Fürchte dich nicht, du wirst nicht verlassen sein, wenn ich deinem Vater selig nachgehe. Gehe dann hin zu der Madonna", die Kranke zeigte zum Wald, "und bitte sie, sie soll deine Mutter sein. Als meine Eltern starben, ging ich auch zu ihr, und glaube es mir, sie beschützte mich getreu bis auf diesen Tag. Und hier das Kreuzlein da", die Mutter zog ein Kreuz aus Messing von ihrem Hals, "das trage nach meinem Tod stets bei dir, es wird deine mächtige Waffe sein gegen jeglichen Feind. Es ist in Loreto geweiht, ich habe es von deiner Großmutter geerbt."

 

Sie drückte das Kreuz innig an ihre Lippen und gab es dann der Tochter. 

 

*       *       *

 

Das Laub begann welk zu werden. Vom Norden her zogen Vögel in Scharen dem wärmeren Süden zu, wo es weder Schnee noch Eis gibt, wo die Palmen immer grünen. Und in der Hütte über dem weißen Städtchen lag im Sarg die Witwe wie eine welke Pflanze. Ihre Seele war noch weiter fortgeflogen als die Zugvögel, sie flog dorthin, wo der ewige Mai blüht, wo as ewige Licht leuchtet.

 

Beatrice schmückte den teuren Leichnam mit den Herbstblumen, Freunde und Bekannte bedeckten ihn mit Heiligenbildchen und dann trug man sie unter Tränen hinaus auf den Friedhof unterhalb des Städtchens und legte ihn ins Grab.

 

Beatrice kniete beim Grab - bleich wie eine Marmorstatue - und sah mit starren Augen auf den Sarg, als könnte sie nicht begreifen, was geschieht. Tränen vergoss sie keine einzige. Als man den Sarg ins Grab hinabgelassen hatte, sank sie ohnmächtig zu Boden. Die Freundinnen trugen sie fort, suchten sie wieder zu beleben, und als sie wieder zu sich kam, entrang sich ihrer Brust ein langer, langer Seufzer und erst dann brach sie in lautes Schluchzen aus. 

 

Die Freundinnen redeten ihr mit schmeichelhaften Worten zu und führten sie wie ein willenloses Kind heim. Vor der Hütte zuckte Beatrice zusammen, als hätte sie ein Gespenst gesehen, und rief: "Nein, dort geh ich nicht hin, dort hab ich jetzt niemand!"

 

"Komm also zu uns", lud sie des Nachbars Tochter ein.

 

"Erst später. Komm jetzt mit mir zur Gnadenkapelle - zu der Madonna."

 

Die Freundinnen gingen mit ihr hinaus in den Wald, wo an einem hoch hinansteigenden Steg eine Kapelle stand; in ihr befand sich eine künstlich aus Marmor ausgehauene Statue.

 

Beatrice ging eilig und furchtlos dahin, und als sie zur Kapelle kam, warf sie sich auf die Knie nieder, umschlang nach Art der leidenschaftlichen Italienerinnen die Füße der Statue und rief aus:

 

"Madonna, du weißt, dass ich jetzt eine verlassene Waise bin, dass ich niemand habe, niemand auf Gottes weiter, weiter Welt! Meine Mutter selig schickt mich zu dir, du sollst jetzt meine Mutter sein. Ich bitte dich um Gottes willen, um deines lieben Sohnes willen, nimm dich meiner an, verlass mich nicht, sonst müsste ich ins Meer springen! Madonna, hier vor meinen Freundinnen verspreche ich dir, dass ich dir eine treue, gute Tochter sein will. Oh, meine Mutter, ich werde täglich zu dir kommen, dir Blumen bringen und alles will ich dir anvertrauen, alles klagen. Gib mir doch ein Zeichen, dass du mich zu deinem Kind annimmst!"

 

Die Sonne schien hell und warf ihre Strahlen auf die Statue in der Kapelle. Das Gesicht der Madonna glänzte und der Beatrice kam es vor, als ob Maria ihr zulächele.

 

"Schaut, wie sie mich angelächelt hat!" rief sie erfreut. "Oh, meine gute, treue Mutter, jetzt bin ich nicht verlassen!"

 

Sie sprang auf und küsste der Statue die Füße. Dann verrichtete sie mit ihren Freundinnen noch ein Dankgebet und dann kehrten sie ins Städtchen zurück. 

 

"Wirst dich jetzt daheim nicht fürchten?" fragte Beatrice des Nachbars Tochter Angela, ihre vertrauteste Freundin. 

 

"Fürchten? Und warum? Schützt mich ja die Madonna selbst. Werde wohl ohne die Mutter mich einsam fühlen, aber fürchten? - Nein!" - Sie schüttelte den Kopf. 

 

"Damit du dich nicht so einsam fühlst, komm ich jeden Abend zu dir und werde bei dir schlafen, ja?"

 

"Gute Angela, ich werde dir dafür dankbar sein", dankte ihr Beatrice. 

 

Das Versprechen, das Beatrice nach dem Leichenbegängnis der Mutter in der Kapelle der Madonna gemacht hatte, erfüllte sie treu und redlich.

 

Es verfloss seitdem kein Tag, wo sie nicht ihre himmlische Beschützerin wenigstens einmal besucht hätte. Auch als der Winter kam mit seinem Nebel, kniete Beatrice täglich in der Kapelle im Wald. Und erst im Frühling, wo ohnehin die Schönheit der Natur jeden Menschen aus der dunklen Stube hinauslockt!

 

Die große südliche Sonne sank majestätisch ins Meer. Das weite Meer glänzte im purpurnen Licht, die Luft war von Licht und Wohlgeruch erfüllt; aus dem Wald erklang der Gesang der Vögel.

 

Vor der Kapelle Stand Beatrice und legte der Madonna einen schönen Kranz aus Frühlingsblumen aufs Haupt.

 

"So, jetzt bist du schön, meine gütige Frau!" sagte Beatrice mit kindlicher Stimme.

 

Dann kniete sie nieder und betete, bis die Dämmerung langsam heraufkam. Zur guten Nacht begann sie der Madonna das in ganz Italien verbreitete Lied zu singen: O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria! (O heiligste, o gütigste, süße Jungfrau Maria!)

 

Im Wald rauschte es und ein hochgewachsener, sonnenverbrannter Mann trat aus dem Dickicht hervor. Auf dem Kopf hatte er einen breitkrämpigen Hut, unter den dichten Brauen glühten stechende Augen und das ganze bärtige Gesicht war von Leidenschaften und Entbehrungen zerrüttet. Die auf der Brust zusammengelegten Hände verhüllte ein kurzer, breiter Mantel.

 

Beatrice zuckte zusammen und sah den fremden Mann verwundert an.

 

Er lächelte bitter und sagte spöttisch: "Du betest? Na, so bete, wenn es dich freut. Einst habe ich auch gebetet."

 

Dann sah er auf das schöne, nur noch von der Abendröte erglänzende Meer und seufzte tief auf.

 

Beatrice sah ihn noch verwunderter an. "Und beten Sie vielleicht jetzt nicht mehr?"

 

Der Mann schüttelte heftig den Kopf, dass die langen Haare flatterten.

 

"Und warum nicht?" wunderte sich das Mädchen. "Hatten Sie denn keine Mutter, die Sie ermahnte, das Beten nicht zu vergessen?"

 

"oh, wohl, wohl!" lachte der Fremde. "Aber wenn du wüsstest, wer ich bin, würdest du dich kaum wundern. Hast du schon einmal von Carlo Benzoni gehört?"

 

Beatrice erschrak jetzt wirklich. "Carlo Benzoni?! Bei der Madonna, sind Sie am Ende selbst . . .?"

 

"Ja, ich bin Carlo Benzoni. Schweig nur und schrei nicht, dass uns niemand hört, sonst brauche ich nur zu pfeifen und meine Kameraden stürzen aus dem Wald hervor. Fürchte mich aber nicht, ich will dir nichts zuleide tun."

 

"Oh, ich fürchte mich nicht", sagte mutig Beatrice.

 

"Wie? Nicht einmal mich fürchtest du?" wunderte sich der Räuberhauptmann. "Was bist du denn?"

 

"Wie Sie sehen, ein armes Mädchen, aber ich habe eine Waffe, die mich selbst gegen den grimmigsten Feind zu schützen vermag."

 

Sie zog das von der Mutter ererbte Kreuz hervor.

 

Der Räuber war durch dieses heldenmütige Vertrauen sichtlich überrascht und gerührt. Er sagte mit freundlicher Stimme: "Auch ich habe einst geglaubt und betete so vertrauensvoll wie du; aber das ist schon lange her! Jetzt sind meine Hände mit Blut befleckt, wie könnte ich sie vor der Madonna falten? Verstehst du es?"

 

"Nein. Zur Madonna darf selbst der größte Sünder seine Zuflucht nehmen - also auch Sie!"

 

"Ich kann nicht!" rief Benzoni entschieden.

 

"Gut, dann will ich für Sie beten und Sie sollen sehen, dass mich die Madonna erhören wird", sagte Beatrice mit voller Überzeugung, kniete nieder, faltete die Hände mit dem Kreuzchen und begann das ewig schöne Gebet des hl. Bernhard zu beten: "Gedenke, o mildreichste Jungfrau Maria, dass es noch nie ist gehört worden, dass jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm und dich um deine Fürbitte anflehte, von dir verlassen worden ist." 

 

Und wie sie so innig, vertrauensvoll aus dem Innersten ihres jungfräulichen Herzens betete, fiel der Räuber wie von übernatürlicher Kraft getrieben auf die Knie und faltete wieder einmal seit langer Zeit seine verruchten Hände.

 

Als Beatrice zu Ende gebetet hatte und sich nach Benzoni umsah, rannen ihm Tränen über die Wangen.

 

"Danke, Madonna", rief das Mädchen aus, "du hast mich erhört!"

 

Der Räuberhauptmann sprang aber plötzlich auf, riss Beatrice das Kreuz aus den Händen und verschwand im Wald. 

 

Beatrice sprang auf: "Mein Kreuz!" rief sie und eilte auf den Wald zu. "Gib mir mein Kreuz zurück! Ist ja nur aus Messing, was nützt es dir? Meine sterbende Mutter hat es mir gegeben. Gib mir mein Kreuz zurück."

 

Aber im Wald blieb alles still. 

 

Sie fürchtete sich, weiter zu gehen und kehrte weinend heim.

 

Am Himmel schimmerten schon die Sterne der Hoffnung und vom Meer her wehte ein heilsames Lüftchen.

 

*       *       *

 

Fünfzehn Jahre nach dieser Begebenheit läutete ein grauhaariger Kapuziner an der Pforte des Frauenklosters, wohin zur Zeit des gemeinsamen Glückes der Vater Beatrice mit deren Mutter zu führen pflegte, und wünschte die Oberin des Klosters zu sprechen. 

 

Die Pförtnerin zeigte ihm die Tür zum Sprechzimmer.

 

Er trat schweigend ein und zog die Kapuze über die Stirn.

 

Nach einer Weile erschien hinter dem Gitter eine hochgewachsene Klosterfrau, grüßte und fragte nach dem Wunsch des ehrwürdigen Mannes.

 

Der Kapuziner trat näher heran und fragte mit erwartungsvoller Stimme: "Kennen Sie mich?"

 

Die Klosterfrau sah ihn scharf an, erkannte ihn aber nicht.

 

Der Kapuziner schob die Kapuze zurück, so dass sein ganzer Kopf sichtbar wurde und fragte neuerdings: "Erkennen Sie mich auch jetzt noch nicht?"

 

"Nein."

 

"Dann kennen Sie wenigstens dieses Kreuz da!" sagte der Kapuziner und nahm ein messingenes Kreuzlein heraus.

 

Die Oberin streckte danach beide Hände aus und rief freudig: "Das ist mein Kreuz, das Kreuz meiner seligen Mutter!"

 

"Ja", verneigte sich der Kapuziner und fügte mit tiefer, bebender Stimme bei: "Carlo Benzoni hat es Ihnen genommen, ehrwürdige Schwester, der unwürdige Klosterbruder Francesco stellt es Ihnen wieder zurück. Ich erfuhr, wo Sie gegenwärtig sind, und kam, um Ihnen zu danken. Gott möge es Ihnen lohnen und beten Sie auch fürderhin für mich armen Sünder."

 

Er legte das Kreuz vor das Gitter, verneigte sich und verließ still das Zimmer.

 

Die Oberin faltete die Hände, sah empor und rief: "Madonna, Zuflucht der Sünder, wie bist du mächtig! Bitte auch für mich."

 

Die durch das niedrige Fenster eindringende Sonne beleuchtete ihr Gesicht wie das einer Heiligen. In diesem Augenblick war Beatrice wirklich glücklich in dem Bewusstsein der vollbrachten guten Tat.

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Die Werkzeuge des Heils

 

3. Wähle recht! - Von F. Clute-Simon

 

König Karl V., der von 1364 bis 1380 als ein weiser, umsichtiger Fürst über Frankreich herrschte, ließ einmal seinen Sohn, den jungen Dauphin Karl, zu sich kommen, um seine Gesinnung und seine Absichten zu erforschen. Vor den Prinzen ließ er zwei Tische stellen; auf den einen legte er Zepter und Krone, auf den anderen ein Schwert und einen eisernen Helm und fragte ihn dann, welchen von den beiden Tischen er nach eigener freier Wahl sich zum Geschenk wünschen würde. Ohne sich lange zu besinnen, griff der Prinz nach Schwert und Helm, während er die goldgeschmückten, mit kostbaren Edelsteinen besetzten Abzeichen der königlichen Würde unbeachtet ließ.

 

Als der Vater, überrascht über die schnelle und nicht erwartete Wahl des Jünglings, ihn nach den Gründen fragte, die ihn bewogen hätten, so zu handeln, deutete der Dauphin von dem Tisch, der Helm und Schwert trug, auf den mit Zepter und Krone und gab dabei die kurze, aber inhaltsreiche Antwort: "Durch diese erwirbt man sich jene!" 

 

Ein gewichtiges, ernstes Wort aus dem Mund des jungen Prinzen, beachtenswert für manche, die nach ihm Purpur und Krone getragen hatten!

 

Aber auch uns als Christen kann dieser Ausspruch als mahnendes Gleichnis dienen bei unserer Wahl zwischen dienendem, willigem Gehorsam und ungebundener Freiheit. Wollen wir die strahlende Krone der ewigen Freiheit und Glückseligkeit gewinnen und als Sieger in die Glorie des Himmels eingehen, so müssen wir auch zuerst nach den oft eisernen, harten Banden des Gehorsams, der Demut und Selbstentäußerung greifen und uns gleich dem königlichen Prinzen gestehen: "Nur durch diese erwerbe ich mir jene!"

 

Doch diese "Weisheit der heiligen Zucht ist wenigen offenbar", wie es in der Hl. Schrift heißt. Die meisten Menschen wählen anders: sie greifen im irdischen Leben schon zur unrechten Zeit nach Herrschaft und Freiheit, ohne sie sich für die Ewigkeit zu erstreiten durch Gehorsam und Entsagung; ihre Wahl trifft jene Freiheit, die in frecher Willkür und Zügellosigkeit besteht und den Kampf führt gegen Gott, gegen göttliches und menschliches Gesetz, deren Losungswort nach dem Psalmisten heißt: "Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!" (Psalm 2,3)

 

Aber in diesem Reich schrankenloser Willkür und Eigenmacht wird es mit der Herrschaft nicht von langer Dauer sein. Ihre Jünger werden nur zu bald in den eigenen Schlingen gefangen, von den selbstgeflochtenen Banden umgarnt und ganz zu dienenden Sklaven und unfreien Knechten erniedrigt.

 

Wer jedoch nach diesem Wort des Prinzen denkt und handelt, dem werden die drückenden, eisernen Banden zu befreienden Banden des Heils, zu Waffen im Kampf, der ihm das Zepter himmlischer Macht und Freiheit, die Krone ewigen Glücks und unvergänglicher Größe erringt. Darum: Wähle recht!

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Louise Marie Thérèse Charlotte Isabelle d'Orléans

 

4. Eine edle Königin

 

Die fromme Königin von Belgien, die im Oktober 1850 starb und deren Wohltätigkeit allgemein bekannt war, machte an einem Winterabend des verhängnisvollen Jahres 1848, das so viele Familien ins Elend stürzte, einen Ausgang. Es war einer ihrer gewohnten Wege, um das Elend aufzusuchen und Not und Armut zu mildern. Sie war von einer ihrer Hofdamen begleitet. Ihr Ziel war ein Stadtviertel von Brüssel, das man so recht als die Wohnung der Armen betrachten konnte. Hier wanderte sie von Haus zu Haus, in jedem Trost und Unterstützung spendend, aus jedem Dank und Segen mitnehmend.

 

In einem dieser Häuser nun traf sie einen jungen Mann mit seiner Frau, beide in düsterer Stimmung. Im Ofen brannte kein Feuer, im Schrank fand sich kein Stückchen Brot. Die Königin, gerührt von so großer Dürftigkeit, fragte nach ihrer Ursache; der Mann aber antwortete nur mit einem schrecklichen Fluch. Die Königin ließ sich jedoch nicht abschrecken; sie bat um nähere Mitteilung, und dies mit solcher Teilnahme, dass der Unglückliche endlich eingestand, dass er ein französischer Revolutionär und aus Frankreich nach Belgien geflüchtet sei, um einer Verurteilung zu entgehen. Auch habe er keine Arbeit und seine Mittel seien zu Ende.

 

"Aber welches Gute erwarten Sie von der Revolution?" fragte die Königin. "Welches Übel wollen Sie in Frankreich ausrotten?"

 

"Ludwig Philipp!" stieß der junge Mann unter einer Flut von Verwünschungen und Flüchen hervor.

 

Diese Worte machten auf die gute Königin, Luise von Orleans, Tochter des vertriebenen Königs Ludwig Philipp, einen schmerzlichen Eindruck. Indes, eingedenk der Worte unseres göttlichen Heilandes, dass man selbst seinen größten Feinden verzeihen müsse, behielt sie ihre Fassung und gab sich nicht zu erkennen.

 

"Der König muss Ihnen viel Böses zugefügt haben, da Sie solch großen Hass gegen ihn hegen", bemerkte sie. "Wohlan denn, ich will Sie dafür reichlich entschädigen!"

 

Und die edle Frau und echte Christin überreichte dem Menschen, der keinen größeren Wunsch hatte, als der Mörder ihres Vaters zu werden, hundert Frank mit dem Versprechen, dass sie in Zukunft für seine Bedürfnisse sorgen werde.

 

Das Erstaunen des Rebellen steigerte sich aber später zur tiefsten Beschämung, als er zufällig erfuhr, wer seine Wohltäterin war. In eiliger Hast begab er sich zu ihr und bat um Verzeihung für die schwere Beleidigung. Sie wurde ihm auch vollständig zuteil; denn diese edle Frau kannte kein Gefühl der Rache, wohl aber hatte sie die Rettung eines Verirrten erreicht, und in diesem Gefühl fand sie sich hinreichend belohnt.

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Der selige Papst Pius IX.

 

5. Madame, mein Sohn ist Präfekt! - Von N. Pontis

 

Im Sommer 1846 stand die päpstliche Postkutsche, die dreimal wöchentlich die Reise von Ancona nach Ferrara machte, angespannt vor dem Gasthof "Zu den Tre Pellegrini" in Ancona. 

 

"Kutscher!" rief mit gebieterischer Stimme eine im Inneren des rotgelben Kastens sitzende majestätische und schon bejahrte Dame, an deren Aussprache man die Piemontesin erkannte. "Kutscher! Ja, wann fahren wir denn ab? Wir haben bereits zehn Minuten Verspätung."

 

"Halten`s zu Gnaden, Madame", erwiderte unterwürfig der Kutscher, "sobald die Dame, die ihren Platz zurückbehalten hat, angekommen sein wird."

 

Die Dame murmelte etwas über die Unhöflichkeit der Mitreisenden und machte sich um ihre Toilette zu schaffen. Sie trug eine malvenfarbene seidene Robe, und auf ihrem Kopf türmte sich ein safrangelber Turban auf. An ihrem Hals glänzte eine goldene Kette und am Arm eine goldene Spange. An den Fingern trug sie goldene, mit Saphiren und Smaragden besetzte Ringe. In der Hand hielt sie einen mit Flittergold besternten Fächer, mit dem sie sich aufgeregt fächelte.

 

In diesem Augenblick näherte sich ein Lakai, der einen schweren Handkoffer auf der Schulter trug, der Kutsche. Auf dem Koffer stand folgende Inschrift: Contessina M., Sinigaglia.

 

Endlich schritt eine alte Dame mit gutmütigen Zügen auf die Kutsche zu. Sie hatte eine schwarzseidene Robe an. An ihrer Seite ging der Bischof von Ancona und drei alte Domherren. Einer dieser letzteren hielt ganz demütig den Fußschemel, auf dem die Dame in die Kutsche stieg. Darauf nahmen der Bischof und die Domherren mit einer tiefen Verbeugung Abschied, der Postillion sprang auf seinen Sitz, knallte mit der Peitsche und die rotgelbe Maschine rasselte über das holperige Pflaster Anconas dahin. 

 

"Irgend eine wichtige Betschwester", dachte die aufgeregte Dame, indem sie die Neuangekommene von der Seite her betrachtete.

 

Die Dame im schwarzen Rock zog einen einfachen Rosenkranz aus der Tasche und fing an zu beten. Die andere nahm ihrerseits einen Rosenkranz mit Goldkörnern in die Hand und tat desgleichen. Als das Gebet zu Ende war, sagte die Dame im Malvenkleid:

 

"Sie reisen nach Sinigaglia. Eine arme Stadt, fürwahr! Ich fahre nach Turin, das ist eine Hauptstadt. Dort wohnt viel alter Adel. Die Marchesin von Montevatini, die Gräfin von Portanova und die Baronin von Muskat-Asti sind meine Freundinnen. Ich gehe auf die Bälle des königlichen Hofes und zweimal wöchentlich ins Theater. Das Leben in einer kleinen Stadt wie Sinigaglia muss furchtbar langweilig sein."

 

Die schwarzgekleidete Dame lächelte gütig, antwortete aber nicht. Eben hatte die Kutsche eine kleine Anhöhe erstiegen, von wo aus das Adriatische Meer sichtbar war. Die Dame mit der schwarzseidenen Robe ließ ihre Blicke über die blauen Fluten des Meeres schweifen und begann einen zweiten Rosenkranz zu beten. Die andere erstickte fast vor verhaltenem Ärger.

 

Bei der ersten Haltestelle reichte ein Kapuziner seine Sammelbüchse herein. Die schwarzgekleidete Dame legte bescheiden einige Kupfermünzen hinein, während die Piemontesin ostentativ ein Zweilirestück mit dem Bildnis Karl Alberts hineinfallen ließ.

 

Bei einer anderen Haltestelle stand eine Frau des Volkes mit zwei Kindern, einem zweijährigen Bübchen und einem kleinen Mädchen, das sechs Jahre alt zu sein schien. Sie schickte sich an, in den rollenden Käfig zu steigen.

 

"Was, ihr wollt mitfahren?" rief die Piemontesin. "Es ist ja kein Platz in diesem engen Kasten, man erstickt fast vor Hitze. Ich will durchaus nicht, dass ihr euch neben mich setzt!"

 

Durch diese Worte eingeschüchtert, wandte sich die Frau weg, um bei dem Kutscher Hilfe zu suchen. Kaum hatte die schwarzgekleidete Dame ihre Verlegenheit bemerkt, so rief sie ihr freundlich zu:

 

"Steigt nur ein, liebe Frau. Reicht mir den Kleinen herein, ihr mögt euch neben mich setzen und den Knaben auf den Schoß nehmen. Das Mädchen setzt sich in die Ecke."

 

Nachdem der Kutscher die Pferde gewechselt hatte, wollte die "Schnellpost" weiter. Eine Stunde später stieg die Frau mit ihren Kindern unter großen Dankbezeugungen gegenüber der schwarzgekleideten Dame aus, während die andere einige Tropfen aus ihrem Riechfläschchen in die Kutsche goss.

 

Gegen Mittag hielt die rotgelbe Kutsche ihren Einzug in Sinigaglia. Vor dem Portal eines alten Palastes hielt sie mit einem Ruck unter heftigem Schellengeklingel an. Am Eingangstor des Palastes standen merkwürdigerweise ebenfalls ein Bischof und drei Domherren. Der Bischof öffnete selbst den Kutschenschlag und grüßte ehrerbietig. Ein Domherr hielt den Schemel, als die Dame ausstieg. Die Piemontesin war rot vor Zorn. Sie konnte sich nicht mehr mäßigen, und während ihre Reisegefährtin, auf den Arm des Bischofs gestützt, auf den Palast zuging, rief sie ihr zu:

 

"Wissen Sie auch, Madame, dass mein Sohn Präfekt ist?"

 

"Und mein Sohn, Madame, ist Papst!"

 

Es war die Mutter Pius IX., die von Rom kam, wo sie der Krönung ihres Sohnes in der Laterankirche beigewohnt hatte, und die eben in den Palast der Mastai zurückkehrte.

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6. Probatum est! - Ein Traum, der Wirklichkeit ist

 

Probatum est!

 

In der Tat ein merkwürdiger Titel. Was heißt denn das?

 

Ich war einmal hinaufgepilgert in die Fremde, weit, viele, viele Stunden von hier. Vor mir lag ein hoher Berg. Ich kletterte ihn hinauf und schaute über das weite Land und lauschte den Glockentönen nah und fern. Der Abend dämmerte in goldener Pracht. Über mir winkte der Abendstern freundlich seinen Gruß.

 

Wie ich mich umsehe, entdecke ich zwischen uralten Eichen und Kastanien ein liebtrautes Kapellchen und gehe hinein, um zu beten. Die letzten Lichtstrahlen des scheidenden Tages zittern durch die bunten Scheiben und weben stillen Glanz um ein hübsches Herz-Jesu-Bild hoch oben über dem alten Altar. Holdselig lächelnd deutet der gute Hirt mit der einen Hand zur Erde, während die andere auf sein liebeglühendes Herz zeigt. Unten trägt das Bild in goldenen Lettern eine Inschrift: Probatum est!

 

Es ist schon vorgerückter Abend. Bald wird es Nacht. Das liebe Glockengeläute tönt noch fort in meinen Ohren, es bebt die Seele in heiliger Freude - eine linde Luft, eine liebliche Frische umfängt mich - eine süße, heilige Ahnung erhebt mein Gemüt.

 

Ich schaue auf das Herz-Jesu-Bild und mein Blick haftet an der sonderbaren Inschrift. Ich denke nach: "Probatum est - es ist erwiesen." Und wie ich denke und denke, schwebt ein Englein durch den Raum und drückt mir sacht die Augen zu.

 

Ich schlummere und ein Traum zieht durch meine Seele:

 

Von ferne tönt ein wundersames Klingen. In weißen Kleidern, mit wallenden Fahnen, mit Kreuz und Stab kommt eine unabsehbar lange Prozession gewandert und steigt singend den Berg hinan.

 

Ich stehe auf und verberge mich in einem hochgelegenen Winkel. Jetzt sind die Wallfahrer oben angelangt. Die Tür öffnet sich und die Menge füllt dicht geschart den letzten Platz. Voll Erstaunen schaue ich gar merkwürdige Gestalten. Die einen gehen auf Krücken, die anderen tragen eine große Last. Dieser ist blind und jenem steht der Hunger ins Gesicht geschrieben. Niemanden sah ich ohne Leid. Aber alle richten sie ihre Augen hoffnungsfreudig nach dem Bild des göttlichen Herzens, und der liebe Heiland lächelt gütiger, glückverheißender denn je.

 

Da erhob sich die erste Reihe der Bresthaften und begann zu klagen: "Probatum est - es ist erwiesen. O getreues Herz Jesu, hilf auch uns."

 

Lächelnd winkt Jesus. Sie erhoben sich und zogen sich zurück.

 

Da trat die zweite Reihe vor: "Probatum est - es ist erwiesen. Es ist erwiesen, dass du die Quelle allen Trostes bist. O göttliches Herz-Jesu, hilf auch uns!"

 

Mild winkt des Heilands Hand Gewährung. Sie verlassen ihre Bank und ziehen sich zurück.

 

Langsam tasten sich die Blinden heran: "Probatum est - es ist erwiesen! Es ist erwiesen, dass du das Schlachtopfer für unsere Sünden bist. O göttliches Lamm, o brennender Glutofen der Liebe, hilf uns in unserer geistigen Blindheit."

 

Und unendlich mild im sanften Antlitz steigt der gute Hirt selbst vom Thron, um die Binde fortzunehmen von ihren Augen und die Sünden aus ihren reuigen Herzen.

 

Preisend danken sie erlöst und gehen.

 

Auch die letzten fassen Mut: "Probatum est - es ist erwiesen! Es ist erwiesen, dass wir aus deiner Fülle alle empfangen, gib uns Brot und Arbeit. O Herz Jesu, hilf!"

 

Jesus neigt das Haupt. Erhörte gesellen sich zu den übrigen. 

 

Draußen erschallt noch lange ihr jubelnder Gesang. Lobsingend wallen die Wanderer von hinnen. Leise, leise verhallt er. 

 

Ich erwache und fahre in die Höhe. Aus irgend einem Tal klingen vom Wind hergetragen die ersterbenden Schläge eines verspäteten Glöckleins. Dunkelheit breitet sich aus und aus ihr glänzt und schimmert im matten flackernden Licht der Ewigen Lampe das milde Gottesbild. 

 

Doch was ist das? Ich trete näher und staune. Sinnend lege ich die Hand an die Stirn. Habe ich denn geträumt oder nicht? Sind wirklich Pilgrime hier gewesen?

 

Siehe, da hängen sie an der Wand all die Krücken, die dankbaren Votivtafeln, die Beweise, dass Jesus geholfen hat.

 

Ein heiliges Schauern ergreift mich.

 

"Probatum est - es ist erwiesen!" flüstern meine Lippen und niederkniend küsse ich die Füße des göttlichen Heilandes: "O göttliches und liebevolles Herz Jesu! O du Heil aller, die auf dich hoffen und beseligende Hoffnung aller, die in dir sterben, sei auch mir gnädig und barmherzig, sei auch mir ein sicherer Hafen und schützender Port in den Finsternissen und Trübsalen des Lebens."

 

Und getröstet und gestärkt verlasse auch ich den heiligen Berg.

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7. Seht meine Hände - Von Pierre l`Ermite

 

Es war ein trüber Herbstabend. Der Wind heulte über die Heide. Der Himmel war grau und die dicken Regentropfen zerschlugen sich an den kleinen Fensterscheiben der Strohhütte. Drinnen am Feuerherd saßen die beiden Alten nebeneinander auf der Bank und sahen beim traulichen Geplauder in das Ersterben der Flammen . . . .

 

"Auch uns wird es bald ergehen wie diesem Feuer, Annemarie."

 

"Bei Gott, ja."

 

"Wie viele Jahre sind es schon?"

 

"67 auf Weihnachten."

 

"Und ich 70!"

 

"Wolltest du das Leben nochmals beginnen, wenn es sich dir anbieten würde?"

 

Der Fischer wurde nachdenklich und im erglimmenden Feuer glich sein runzeliges Gesicht einer alten Baumrinde.

 

"Noch einmal das Vergangene durchmachen! Unsere Kinder noch einmal sterben sehen? - Nein, nein, lieber sterben!"

 

"Nur müssen wir noch unsere Vorsichtsmaßregeln treffen."

 

"Welche Maßregeln?"

 

"Wenn wir einst in kühler Erde ruhen, sag an, wer wird dann für uns beten?"

 

Daran hatte der Alte bis jetzt wenig gedacht.

 

Ja, richtig! Wenn einst sechs Fuß Heideerde ihn bedecken und auch seine Frau nicht mehr ist, wer wird dann für sie beten?

 

Und im Geist dieses schweigsamen Bretonen, der doch so sehr gewohnt war an seine öde Heimat und an die einsamen Meereswellen, stieg eine Ahnung auf von diesem tiefen Schweigen, diesem Verlassensein an geheimnisvollem, schrecklichem Ort - und er wurde darüber ganz entsetzt. - Ja, sie hatte recht, seine gute Alte - man muss danach sehen; aber wie?

 

Und Annemarie suchte ihm zu erklären, dass mit einer Summe von dreihundert Franken der Pfarrer ihnen jedes Jahr am Sterbetag eine Messe singen würde für ihre Seelenruhe.

 

"Und wie lange wird das geschehen?"

 

"Auf ewige Zeiten!"

 

Und zur Bekräftigung ihrer Worte streckte die gute Bretonin ihren Arm weit aus, als wolle sie damit bis an die Ewigkeit reichen. 

 

Aber wie es anfangen, um hier in weltverlorener Strohhütte, ohne darben zu müssen?

 

Dreihundert Franken! Man müsste fischen; Strümpfe stricken!

 

Dann rechneten sie weiter mit größeren Faktoren:

 

Auf der Sparkasse standen hundertsiebzehn Franken für Krankheitsfälle. 

 

Sie besaßen eine kleine Wiese, die der Fleischer gemietet hatte und die wohl achtzig Franken wert war.

 

Und dann hatte jener alte Pariser den alten Schrank abgehandelt; das Erbstück, an dem man mit ganzer Seele hing, weil es aus grauer Vorzeit stammte und mit seinen glänzenden Beschlägen und seinem goldgelben Anstrich an die fleißigen Hände der Vorfahren erinnerte. Annemarie hatte darin all ihre Wäsche liegen . . . .

 

Nun, man wollte schon ohne ihn zurechtkommen.

 

Man könnte sich außerdem etwas vom Fett absparen, das Strohdach wollte man dieses Jahr nicht erneuern, und der kleine Nachen müsste ohne Anstrich bleiben.

 

Ja, ja, es würde schon alles gehen.

 

Und wirklich, es ging!

 

Eines Tages setzte Annemarie die weiße Haube auf; Yvo zog den blauen Kittel an, nahm den schwarzen Filzhut mit dem Sammetband, und die beiden Alten schlugen den Pfad zum Pfarrhof ein. Dort legten sie auf das Pult des Pfarrers in eine Reihe fünfzehn Goldstücke, fünfzehn schöne blanke Goldstücke. - Annemarie hatte sie sogar noch mit Sand und Asche gescheuert, um ihnen ein gefälliges Aussehen zu eben.

 

Und feierlich im Namen der Kirche und des Bischofs trug der Pfarrer ihre Stiftung unter zwölf andern ins Pfarrregister ein:

 

Yvo und Annemarie L. C.

Jahresgedächtnis auf ewige Zeiten!

 

Und überglücklich schlugen sie den Rückweg nach dem Strand ein. Der schöne Himmel, das blaue Meer spiegelten sich in ihren Herzen wieder.

 

Nunmehr war ja die Zukunft gesichert!

 

Unter großen Opfern hatten diese armen Leute sich auf dieser Erde ein wenig Unsterblichkeit erkauft. Hienieden wird man sie jetzt nicht mehr vergessen, und droben werden sie auch nicht gelten als ungeliebte Wesen jeden Gebetes bar.

 

Nicht nur wird ihre Pfarrei sie einschließen in das allgemeine Gebet für die Verstorbenen, nein, sie werden auch die Freude haben, dass man an einem bestimmten Tag das hl. Opfer für sie darbringt. Man wird sie erwähnen, ihre Namen verkünden - die Jugend wird es hören und sich sagen: Ach ja, Annemarie und Yvo L. C.! Der bärtige Fischer - mein Vater sprach öfters von ihnen - sie wohnten draußen im Heidehäuschen!

 

Und tot im Grab werden sie so fortleben im Herzen ihrer Mitmenschen.

 

Und wirklich! Drei Jahre lang nach ihrem Tod lud jedesmal am 10. November der Pfarrer die Gemeinde zur Messe ein, um für die zu beten, die so sehr um ein Gebet nach ihrem Tod besorgt waren.

 

Drüben im Jenseits mussten die beiden Alten zufrieden sein: Die Erde war ihnen treu geblieben in ihren Gebeten und in ihrem Andenken. Dieses Jahr aber ist nichts mehr!

 

Die Kirche ist leer; die Glocken sind stumm; die Stiftung ist geraubt von der französischen Regierung.

 

Die fünfzehn Goldstücke, die Frucht so vieler Sorgen und Entbehrungen haben die Freimaurer geraubt, nicht nur im verlorenen Dörfchen der Bretagne, sondern in ganz Frankreich!

 

Ja, ja; Sie haben sich getäuscht, Annemarie, und Sie, guter Vater Yvo! 

 

Ein Blick in die Vergangenheit hat euch gesagt: Wir sind sicher! Und so seid ihr ruhig in den Armen des Todes entschlummert mit dem Gedanken: Man wird es nicht wagen!

 

Und doch, die Zukunft hat es gewagt! Ein Mann hat mit großem oratorischen Pathos in der Kammer ausgerufen: Seht meine Hände; kein Tropfen Blut klebt an ihnen! Und die Umstehenden schauten erstaunt: wirklich, kein Blutstropfen war zu sehen.

 

Aber nähertretend und sie genauer betrachtend hätte man andere, vielleicht noch unheilvollere Spuren darauf sehen können . . . nämlich Tränen, Seelenblut, das jener Mann so ziemlich überall in seinem Vaterland fließen lässt.

 

Tränen der Überlebenden, die zusehen mussten, wie ihre Toten des einzigen ihnen noch bleibenden Schatzes beraubt wurden. 

 

Geheimnisvolle Tränen derer, die im Jenseits leiden und nun nicht mehr getröstet werden.

 

Tränen so vieler Franzosen, die mit ihren Kindern ein gedrücktes, gebrochenes und an Verfolgungen reiches Leben führen müssen, weil sie am Glauben der Väter festhalten wollen.

 

Tränen, selbst der leblosen Geschöpfe, wie der Dichter sagt, Tränen, die epochemachend sind und ein Land den strengen Strafen der göttlichen Gerechtigkeit aussetzen.

 

Wenn Hände durch eine Unterschrift soviel Elend heraufbeschworen haben, dann ist es unklug, selbst in oratorischem Pathos die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dann schweigt man, oder man verbirgt sich.

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8. Die Zahl "Dreizehn" - Nach einer Tatsache von Paul Lucas

 

Auf meiner mehrwöchigen Ferienreise kam ich auch in die Eifel, und da mir diese Gegend bisher unbekannt war, so nahm ich mir vor, hier die letzten Tage meiner Ferien zu beschließen. Ich logierte mich daher in ein mir von meinen Freunden bestens empfohlenes Hotel eines kleinen, aber anmutigen Städtchens ein und brachte schon den ersten Tag recht angenehm in fröhlicher Gesellschaft zu.

 

Am letzten Abend vor meiner Heimreise wollten meine Tischgenossen mir zu Ehren noch ein schönes Abschiedsfest feiern.

 

Da es ein wunderschöner Abend war, wurde einstimmig gewünscht, das Fest draußen auf der reizenden Veranda des Hotels abzuhalten.

 

Die kleine Festlichkeit verlief glänzend, und die Nacht sank langsam hernieder. Es war schon spät, gegen 1 Uhr, doch waren wir - wahrscheinlich durch den feurigen Wein - noch so eifrig in interessante Unterhaltung vertieft, dass wir kaum ans Schlafengehen dachten.

 

Wir sprachen sehr lebhaft über geheimnisvolle sogenannte spiritistische Begebenheiten und auch besonders über den Aberglauben, der, wie die Mehrzahl der ehrenwerten Gäste behauptete, ganz besonders stark unter dem Landvolk vertreten sei . . . Die Städter aber seien gegen solchen Unsinn hoch erhaben . . .

 

Besonders tat sich eine mir mit Frau Rat vorgestellte ältere Dame hervor.

 

Kurz und gut, es wurde lebhaft und lange gestritten. Die einen behaupteten, dass nicht unter der Landbevölkerung, sondern hauptsächlich unter den "gebildeten" und besseren Ständen der Aberglaube am stärksten sich finde; die anderen aber bestritten unter besonderer Anführung der mit sehr guten Sprechwerkzeugen begabten Frau Rat aufs empörteste eine solche Behauptung.

 

Mitten im Stimmengewirr erhob sich plötzlich ein wohlbeleibter, gemütlicher Herr, namens Wineke, der mir schon wegen seiner feierlich-drolligen Scherze und Antworten aufgefallen war, von seinem Platz und sagte mit geheimnisvoller Stimme zu den Anwesenden:

 

"Meine verehrtesten Damen und Herren, ich erlaube mir, Ihnen zu sagen, dass ich für meine Person fest und steif an das Walten einer übersinnlichen Macht glaube, und es ist meiner Ansicht nach der Aberglaube ein "guter Glaube" und vielfach sehr berechtigt. Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, dass wir augenblicklich hier gerade dreizehn Personen sind."

 

Ein Schein des Erschreckens huscht bei dieser Mitteilung über fast alle Gesichter. Doch niemand lässt sich etwas anmerken, sondern alle hören Herrn Wineke weiter aufmerksam zu.

 

"Es dürfte nun einem jeden von Ihnen bekannt sein, dass diese böse Zahl stets Unglück und Verderben bringt. - Auch habe ich gehört, dass derjenige, der von dreizehn Personen zuerst aufsteht, sterben soll . . . Es ist dies keine Faselei oder gar Schwindel, sondern Tatsache. - Noch vor kurzem las ich in einer Zeitung, dass ein junger blühender Mensch das Opfer einer solchen geheimnisvollen Macht geworden sei - - -."

 

Diese zuletzt im Flüsterton gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht.

 

Unruhig, von geheimer Furcht erfasst, rückten alle näher beisammen, und besonders war es Frau Rat, die bei den letzten Worten des Erzählenden um einen Schatten bleicher geworden war und nervös auf ihrem Stuhl hin und her rutschte.

 

Jedoch suchte ein jeder sein geheimes Bangen zu verbergen und das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Dies gelang auch bald, und das soeben Gehörte schien vergessen zu sein.

 

Die ausgelassene Lebhaftigkeit war jedoch vorbei, und es war ein Leichtes, einem jeden anzusehen, dass er sich nicht behaglich fühlte.

 

Der dicke gemütliche Herr schien sich aber nicht zu ängstigen; denn er plauderte fröhlich weiter und sprach sehr lebhaft über seine Erlebnisse in fernen Ländern. Doch ab und zu, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, umspielte ein spöttisch-mitleidiges Lächeln seinen Mund.

 

Inzwischen rückte der Zeiger der Uhr immer weiter; es war schon 2 Uhr nachts, und noch immer wurde nicht aufgebrochen; denn es getraute sich niemand, zuerst aufzustehen!

 

Die Geschichte fing an, mir interessant, den anderen aber höchstwahrscheinlich langweilig und lästig zu werden. Jene nämlich wollten schon früh einen Ausflug machen und sehnten sich deshalb danach, recht bald schlafen zu gehen, und nun saßen sie hier fest und konnten nicht fort - wegen abergläubischer Furcht!

 

Für mich war die Ruhe nicht so nötig, da mein Zug erst gegen 11 Uhr morgens abfuhr. Außerdem war ich sehr gespannt, was wohl geschehen würde, da niemand sich zuerst erheben wollte. 

 

Die Situation wurde immer peinlicher, die Kellner liefen erregt umher, und dem Hotelbesitzer, der seine Gäste um diese Zeit gewöhnlich schon längst zur Ruhe wusste, wurde die Sache nicht weniger ungemütlich.

 

Jetzt konnte auch ich die furchtbare Verlegenheit, in der wir uns befanden, nicht länger ertragen und dachte nach, wie ihr abzuhelfen sei.

 

Wir säßen vielleicht noch immer zusammen, wenn mich nicht plötzlich ein rettender Gedanke, den ich auch sogleich zur Ausführung brachte, durchzuckt hätte.

 

"Heda, Herr Wirt", rief ich dem Hotelbesitzer zu, der schon Anstalt zu machen schien, uns an die Luft zu setzen, "trinken Sie zum Abschied, da ich morgen von hier wieder fortreise, ein Gläschen Wein mit!"

 

Der Wirt, in der Hoffnung, dass hiermit die Festlichkeit endlich aus sei, setzte sich zu uns und trank auf mein Wohl ein Glas Wein.

 

Wir waren nun 14 Personen. Dies hatte mit einem Blick Frau Rat erfasst, die sich mit einem Seufzer großer Erleichterung auch sogleich erhob und sagte: "Meine Herrschaften, es ist die allerhöchste Zeit, dass wir ins Bett kommen, wenn wir unseren geplanten Ausflug morgen nicht versäumen wollen."

 

Alle erhoben sich freudig ob dieses guten Ausgangs, und nachdem mir alle, besonders aber Frau Rat, sehr herzlich und dankbar die Hand geschüttelt hatten, verabschiedeten wir uns.

 

Herr Wineke jedoch hielt mich noch einen Moment zurück und sagte lächelnd: "Mein lieber Herr, hier haben Sie die beste Gelegenheit gehabt, zu sehen, wo der Aberglaube am größten ist."

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9. Der Geist der Stärke - Von Ernst Schultheiß

 

Friedrich Schaller war im Büro der Firma Hiller & Co. als Bote beschäftigt. Jahrelang hatte er treu und gewissenhaft seinen Dienst verrichtet. Er war schon im vorgerückten Alter und das gefiel seinem Chef nicht. Unsere moderne Zeit ist gefühllos; sind die Leute verbraucht, so wirft man sie zum alten Eisen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

 

Beim Mittagessen meinte Herr Hiller: "Den Schaller werde ich bald entlassen müssen, der Mann ist alt. Trotzdem läuft er jeden Morgen in aller Frühe mit einem dicken Gebetbuch zur Kirche. Dabei muss der Mensch ja verdummen!"

 

Herr Hiller war nämlich ein richtiger Lebemann und zwar im verwegensten Sinn des Wortes. Dass dieses Leben nur eine Vorschule der Ewigkeit ist, dass er dereinst einmal bei seinem Richter ein strenges Examen zu bestehen hat, daran dachte er gar nicht. Seine Frau kleidete sich nach der neuesten Mode, besuchte und veranstaltete Festlichkeiten und las zwei- und eindeutige Romane. Ihre Dienstboten betrachtete sie als Menschen dritter und vierter Klasse und behandelte sie auch so.

 

Schaller hatte eine Tochter, ein blühendes, sittsames Mädchen, unberührt vom Hauch des Schlechten, die Freude und der Stolz der Eltern. Die größte Sorge der Mutter war, ihrem Kind jede Gefahr für ihre Reinheit und Unschuld aus dem Weg zu räumen. Und doch sollte der Tag kommen, an dem ihr dies nicht mehr möglich war.

 

Frau Hiller sagte nämlich bei der Unterredung mit ihrem Mann: "Den Schaller wirst du wohl noch einige Zeit verschleißen müssen, ich habe vor, seine Tochter in meinen Dienst zu nehmen, und das wird nichts werden, wenn du ihm den Stuhl vor die Tür setzt."

 

Der Sohn der Eheleute Hiller, der mit zu Tisch saß, horchte auf. Schon lange hatte er seine Augen auf das Mädchen gerichtet und allerlei Versuche zur Annäherung unternommen, allerdings vergeblich. Nun fühlte er sich berufen, auch ein gutes Wort für den alten, treuen Schaller - wie er sich ausdrückte - einzulegen.

 

Herr Hiller Senior liebte lange Auseinandersetzungen nicht und entschied, dass unter solchen Umständen die Kündigung noch hinausgeschoben wird. 

 

Am Tag darauf wurde Schaller zu der Frau seines Chefs befohlen. 

 

"Sehen Sie, lieber Mann", sagte sie, "eigentlich sollten Sie Ihre Kündigung am 1. April erhalten, ich habe für Sie gebeten und deshalb bleiben Sie noch auf Ihrem Posten. Dafür darf ich wohl eine kleine Gegenleistung beanspruchen. Überlassen Sie mir Ihre Tochter Anna für ein Jahr. Sie wissen, ich zahle einen guten Lohn."

 

Schaller wurde verlegen. Er wolle die Angelegenheit mit seiner Frau besprechen und baldigst Bescheid geben.

 

Beim Abschied drohte ihm Frau Hiller lächelnd mit dem Finger.

 

"Machen Sie aber, dass ich keinen Korb bekomme, sonst . . ."

 

Schaller konnte nur mit gepresstem Herzen seiner Frau Mitteilung von der Unterredung erstatten. 

Die schlug die Hände zusammen und rief: "Um keinen Preis gebe ich das Mädchen in das Haus. Die Herrschaft will katholisch sein und kümmert sich um die Kirche nicht, der Mann, Frau und Soh haben ihre eigenen Wege. Nein, nein!"

 

"Bedenke doch", sagte der Mann, "ein Jahr noch muss unser Fritz die Maschinenbauschule besuchen. Wovon sollen wir das Schulgeld bestreiten, wenn ich entlassen werde? Wir verderben dem Jungen seine Zukunft."

 

"Nein", entgegnete die Frau, "Anna geht unter keinen Umständen in das Haus."

 

Das Mädchen hatte die Aussprache zwischen den Eltern gehört. Sie kam näher herzu und sprach: "Mutter, ich will die Stelle antreten, was soll sonst aus Vater und Fritz werden? Jeden Tag werde ich zum Hl. Geist um die Gabe der Stärke beten. In der Jungfrauen-Kongregation hat uns der Herr Präses erzählt, wie heldenmütige Frauen und Mädchen trotz aller Bedrängnisse und Versuchungen seitens ihrer verderbten Umgebung Tugend und Reinheit mit dem Beistand Gottes bewahrt haben. Werde ich nicht auch so starkmütig sein können?"

 

Die Augen des Vaters glänzten vor Freude über die Charakterfestigkeit des Kindes. Die Mutter gab nun auch ihre Zustimmung und sprach: "Bedenke, wie groß der Lohn sein wird, den dir Gott gibt, wenn du den guten Kampf kämpfst."

 

Anna kam in den Dienst der Frau Hiller.

 

"Hast du besondere Wünsche, Anna?" fragte sie.

 

"Jawohl."

 

"Und die wären? Gewiss hoher Lohn? Gutes Essen? Viele Geschenke?"

 

"Das alles nicht, nur will ich meine Pflichten als katholische Jungfrau unter allen Umständen erfüllen, sonst gehe ich sofort nach Hause. Die zweite Bedingung ist, dass mir keiner im Haus in irgend einer Weise eine unerlaubte Zumutung stellt, sonst gehe ich auch."

 

"Recht so", sagte Frau Hiller. In Gedanken aber lachte sie über solche läppische Einfalt, die wollte sie schon zahm machen.

 

Es war an einem Samstag im wonnesamen Maimonat, als Frau Hiller Anna rufen ließ und sprach: "Morgen früh musst du mich begleiten, wir fahren mit dem Auto, ich will meine Cousine besuchen. Die hat sich verlobt, reich, sage ich dir. Eine herrliche Tour."

 

"Wann kann ich denn die hl. Messe besuchen?"

 

"Das wirst du einmal wohl ausfallen lassen müssen. Du lieber Himmel, so schlimm wird das wohl nicht sein. Eine solch schöne Gelegenheit, ein reichliches Trinkgeld zu verdienen, wird sich dir so bald nicht wieder bieten."

 

"Ich bleibe hier", entgegnete Anna.

 

"Wenn ich es dir aber befehle."

 

"Denken Sie, bitte, an das mir gegebene Versprechen."

 

Frau Hiller war außer sich vor Zorn, eine solche Starrköpfigkeit war ja geradezu unerhört.

 

Am Sonntagmorgen tänzelte Herr Hiller, der Jüngere, heran, geschniegelt und gebügelt, um Anna den Hof zu machen.

 

"Sie haben wohl Langeweile, Fräulein Anna, gestatten wohl, dass ich Ihnen Gesellschaft leiste. Habe Ihnen auch ein kleines Geschenk mitgebracht." Dabei ließ er einen wertvollen goldenen Ring im Sonnenlicht blitzen und funkeln. Er setzte ganz bestimmt voraus, Anna würde das Geschenk nicht ablehnen. Sie aber besann sich nur einen kurzen Augenblick und sprach: ""Sie glauben wohl, einem armen Mädchen Fallstricke legen zu können, sei eine leichte Sache? Da irren Sie sich. Wenn Sie sich sogleich nicht aus dem Zimmer entfernen und den Ring wieder mitnehmen, so warte ich die Rückkehr Ihrer Mutter nicht ab, sondern begebe mich sofort zu meinen Eltern."

 

Im Gebet war das Mädchen starkmütig geworden und so überwand es siegreich jede sündhafte Einflüsterung.

 

Immer dachte sie an die schönen Worte des Kirchenliedes:

 

"Treib weit von uns des Feind`s Gewalt,

In deinem Frieden uns erhalt`,

Dass wir, geführt von deinem Licht,

In Sünd` und Leid verfallen nicht."

 

Nach und nach bekam Frau Hiller angesichts ihrem Wollen einen hohen Grad von Achtung dem Mädchen gegenüber, und allmählich kam sie auch zu der Überzeugung, dass in den schlammigen Niederungen des Lebens der Geist des Menschen, der Hauch Gottes, sein Glück nicht finden kann, sondern nur in dem Frieden, den der Hl. Geist am Pfingsttag der Welt gebracht hat.

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10. Die Söhne des Rosenkreuzers - Nach den Aufzeichnungen eines Seminaristen von R. Pontis

 

Dem Drama, das ich hier erzähle, habe ich selbst beigewohnt. Die Kenntnis der Familienverhältnisse der darin auftretenden Personen habe ich teils aus den Zeitungen der letzten Jahre geschöpft, teils aus dem Mund des jungen Mannes vernommen, der das unschuldige Opfer des Dramas werden sollte.

 

1.

Herr Alassor war ein reicher, angesehener Fabrikbesitzer aus der Umgegend von Paris. Seit Jahren schon vertrat er das Seinedepartement im Senat, wo er stets mit der radikalen Partei für alle Maßregeln der Regierung gegen die Kirche und die Religion stimmte. Sooft eine Ministerkrise ausbrach, stand sein Name auf der Liste der Ministerkandidaten, doch war es ihm bisher nicht gelungen, in den Besitz eines Portefeuilles zu gelangen. Er tröstete sich aber mit der Hoffnung, dass die Reihe das nächste Mal an ihn kommen werde. Herr Alassor hatte um so mehr Aussicht, dereinst Minister zu werden, als er ein einflussreicher Freimaurer war. Schon lange besaß er den Grad eines Rosenkreuzers, der ihn berechtigte, eine rote Schärpe mit Goldverzierungen zu tragen, und ein rotes Schurzfell mit einem Kelch drauf, der mit einer sich in den Schweif beißenden Schlange umgeben war.

 

In seiner Konversation und in seinen Reden sprach er immer von den unsterblichen Prinzipien der glorreichen Revolution, vom Joch der Dogmen, von der Emanzipation der Geister, von Freiheit, Toleranz und Humanität, von Gerechtigkeit und dem religiösen Aberglauben, der mit seiner fabelhaften Ewigkeit das Volk verdumme. Alle Schlagwörter der Freimaurerei waren ihm gang und gäbe. Dass Herr Alassor sein Leben nach diesen Theorien einrichtete, ist selbstverständlich.

 

"Esst und trinkt und belustigt euch, solange es geht!" war sein Wahlspruch.

 

Herr Alassor war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb ein Jahr nach der Geburt eines Söhnleins, das er nach seinen eigenen Prinzipien erziehen ließ. Den schulpflichtigen Jungen schickte er in eine Anstalt, die im Ruf stand, nur Freidenker zu bilden. Nie wurde den Schülern von Gott und Religion gesprochen.

 

Als Karl zwölf Jahre alt war, nahm Herr Alassor eine zweite Frau. Diese war eine gar fromme Person und hatte den Witwer, der ihr als Freidenker bekannt war, nur unter der Bedingung geheiratet, dass er ihr die größte Freiheit in der Ausübung ihrer Religionspflichten gewähre und dem kleinen Karl, sowie ihren eigenen Kindern, wenn Gott ihnen welche schenken würde, eine christliche Erziehung gebe. Herr Alassor versprach alles, und sie wurden ein Paar.

 

Ein Wortbruch kostet den Freimaurern nicht viel. Das sollte die junge Frau Alassor bald erfahren. Trotz des Versprechens, der Erziehung seines Sohnes Karl eine andere Richtung zu geben, fuhr der Senator fort, ihn in dieselbe Schule zu schicken, die er bisher besucht hatte. Bald warf er ganz die Maske ab und gestand seiner Frau unumwunden ein, er sei ein Mitglied der Loge, und zwar ein Rosenkreuzer, folglich ein geschworener Feind der Religion, deren Vernichtung er nach Kräften anstrebe.

 

Aber die gute Frau war noch lange nicht am Ende ihrer Trübsal. Ein Jahr danach wurde sie Mutter eines Sohnes. Sie freute sich ungemein darüber, denn sie hoffte, der kleine Engel werde das Freundschaftsband, das sich zwischen ihr und ihrem Gemahl etwas gelockert hatte, wiederum befestigen. Ihre Hoffnung war von kurzer Dauer. Als sie einige Tage später von der Taufe des kleinen Ernst sprach, fuhr Herr Alassor auf:

 

"Zum Henker mit deiner Taufe! Er wird nicht getauft, er wird ohne Religion erzogen wie sein Bruder!"

 

Die arme Mutter traute ihren Ohren kaum.

 

"Und dein Versprechen", wandte sie schüchtern ein, "mir dessen Erziehung anzuvertrauen?"

 

"Ach was, das sind Dummheiten! Zu solchen Versprechungen sind wir Freimaurer nicht gebunden. Sogar der Gerichtseid hat keine bindende Kraft für uns. Nur dem Eid, den wir in der Loge ablegen, sind wir Gehorsam schuldig. Darum noch einmal, er wird nicht getauft! Das ist mein letztes Wort."

 

Da Frau Alassor nicht die Kraft in sich fühlte, ihrem Mann zu widerstehen, und andererseits auch wenig Hoffnung hatte, ihn zu besseren Gesinnungen zurückzuführen, traf sie Anstalten, das Kind im geheimen taufen zu lassen. Sie benutzte eine längere Reise ihres Gemahls ins Ausland, um den Jungen in die Pfarrkirche zu tragen, wo die heilige Handlung an ihm vollzogen wurde.

 

Als Herr Alassor von seiner Reise zurückkehrte und von seiner Frau die Taufe des Jungen erfuhr, geriet er außer Rand und Band, und es dauerte mehrere Monate, ehe er wieder ein Wort mit ihr sprach.

 

Der Junge wuchs unter der Aufsicht seiner Mutter heran. Trotz des Verbotes ihres Gemahls lehrte sie ihn die Gebete der Kirche, die er jeden Tag mit inniger Andacht verrichtete. Auch hatte sie sich im stillen vorgenommen, in der Frage der Erziehung nicht nachzugeben, und koste es was es wolle, ihm eine christliche Erziehung angedeihen zu lassen. Die Frage der Schule, in die er geschickt werden sollte, war bereits von den Eheleuten erörtert worden, doch unentschieden geblieben. Der Vater hatte dieselbe Anstalt vorgeschlagen, in der Karl studierte. Doch davon wollte die Mutter nichts wissen.

 

Eine Szene, die allen Streitigkeiten ein Ende machte und einen für beide unerwarteten Ausgang nahm, fand einige Tage danach zwischen den Eheleuten statt. Es war nach Tisch. Der kleine Ernst war in den Garten hinuntergegangen, um zu spielen.

 

"Die Frage der Erziehung", unterbrach Herr Alassor das Schweigen, das nach dem Hinausgehen des Jungen eingetreten war, "muss endlich gelöst werden. Ich habe den Direktor des Lyzeums von der Ankunft des kleinen Ernst benachrichtigt und ihm anempfohlen, ihn nach denselben Prinzipien zu erziehen wie seinen Bruder. Ich ersuche dich daher, seine Wäsche und Kleider für nächste Woche bereit zu halten, damit er die ersten Lektionen nicht versäume."

 

"Und ich will nicht, dass er in eine Staatsschule eintrete, wo er mit Leib und Seele verdorben wird. Entweder geht er in eine katholische Schule, oder er geht in gar keine", erwiderte Frau Alassor mit fester Stimme.

 

"Das schlag` dir nur aus dem Sinn. Ich habe für die Neutralität der Schule im Senat gestimmt und kann ihn unmöglich in eine konfessionelle Schule schicken. Was würden meine Wähler und meine Kollegen dazu sagen?"

 

"Und erst deine Brüder vom Großorient?" unterbrach ihn seine Frau ironisch.

 

"Ich würde an den Schandpfahl genagelt werden. Ich will nicht, dass mein Sohn seine Zeit mit dem Studium dieser Fabeln vergeude, die man Religion nennt, er soll ein freier, unabhängiger Mann werden wie Karl."

 

"Es gibt vielleicht einen Ausweg", wandte Frau Alassor nach einigen Minuten des Schweigens ein. "Wie wäre es, wenn wir ihn hier zu Hause behielten und ihn von einem Lehrer unter meiner Leitung unterrichten ließen?"

 

"Auch daraus wird nichts", widersprach Herr Alassor mit heftigem Ton. "Das würde bald ruchbar werden und mir die nämlichen Unannehmlichkeiten zuziehen. Ich bleibe dabei: der Junge geht ins Lyzeum, du hast dich nur zu fügen oder dein Bündel zu schnüren und in deine Heimat zurückzukehren."

 

"Das wäre mein sehnlichster Wunsch. Wisse aber, eine Mutter geht nicht ohne ihr Kind. Wenn ich abreise, nehme ich den Jungen mit."

 

Herr Alassor dachte einige Augenblicke nach. Sein Gesicht nahm einen freundlicheren Ausdruck an. "Nun meinetwegen", sagte er dann mit ruhiger Stimme, "um all den Szenen ein für allemal ein Ende zu machen, so nimm den Jungen und geh` mit ihm, wohin du willst. Lass ihn nach deinen Ideen erziehen, nur darf niemand erfahren, dass er der Sohn des Senators und Rosenkreuzers Alassor ist."

 

Er stand auf und verließ den Saal.

 

Aus Furcht, sein Entschluss möchte ihn gereuen, packte Frau Alassor noch an demselben Nachmittag ihre notwendigsten Sachen zusammen und fuhr mit dem Jungen zum Bahnhof. Hier löste sie zwei Fahrkarten nach Tours, wo sich ihr väterliches Gut befand, das ihr eine jährliche Rente von 12.000 Franken abwarf und von einem Vertrauensmann verwaltet wurde. Diesem gab sie die notwendigen Unterweisungen, wohin er fürderhin ihre Rente zu schicken habe. Besonders empfahl sie ihm, keinen Menschen, auch ihrem Mann nicht, ihre Adresse zu geben, doch solle er alle Briefe, die ihr hierhergeschickt würden, an ihre neue Adresse weiterbefördern. Sie schrieb noch in aller Eile einen Brief an ihren Gemahl, in dem sie ihm mitteilte, sie ziehe sich aufs Land zurück, um sich ausschließlich mit der Erziehung ihres Sohnes zu beschäftigen, und damit kein Mensch die Wahrheit erführe, nehme sie ihren Mädchennamen wieder an und lasse den Jungen unter dem Namen Augustini studieren.

 

Am selben Abend reiste sie nach der kleinen Stadt Laroche, wo sich eine berühmte, von Ordensleuten geleitete Schulanstalt befand. Hier angekommen, mietete sie eine außerhalb der Stadt gelegene Villa und vertraute den Patres die Erziehung ihres Sohnes an.

 

2.

Karl hatte seine Gymnasialstudien beendet und wollte in die höhere Staatsverwaltung eintreten. Er studierte daher die Rechte, wenn man den Besuch der Theater, der Bälle, der Rennbahn, der Kaffeehäuser und hier und da das Anhören einer Vorlesung auf der Universität studieren nennen kann. Dank seines lebhaften Geistes und auch dank des Einflusses seines Vaters, der seit einigen Monaten Minister war, bestand er sein Examen und wurde Lizentiat der Rechtswissenschaft. Um ihn in die Geheimnisse der hohen Verwaltung einzuweihen, nahm sein Vater ihn zu sich ins Ministerium, wo er als Generalsekretär tätig war. In Abwesenheit seines Vaters empfing er selbst die Bittsteller aller Art, die den Schutz und den Einfluss des mächtigen Ministers für ihre Unternehmungen nachsuchten. Natürlich ließ er sich seine Mühe auf eine ganz diskrete Art vergüten, einerseits um seine Einkünfte zu vermehren und so auf größerem Fuß leben zu können, und andererseits auch, weil es so Brauch in der hohen französischen Verwaltung ist. Man munkelte sogar, er verkaufe das Kreuz der Ehrenlegion, und dieser Handel bringe ihm jedes Jahr mindestens hunderttausend Franken ein. Das ist immerhin möglich, denn nie war die Zahl der eitlen Gecken und Narren, die eine Dekoration nachsuchen, so groß wie in unserer Zeit der Aufklärung und des Fortschritts. Dem Vater war dieser Handel bekannt, doch drückte er die Augen dabei zu. Nur forderte er seinen Sohn auf, recht vorsichtig zu sein.

 

Den Leuten, die nach seiner Frau fragten, erklärte der Minister, sie sei auf Anraten der Ärzte mit ihrem Sohn, der an einer Nervenkrankheit leide, nach Neuseeland gereist. Das Klima dieser Insel sei dem Jungen recht heilsam, und er werde wohl bald wieder hergestellt sein.

 

Nach vierjähriger Tätigkeit fiel das Ministerium, und Vater und Sohn verließen den Staatspalast, wo sie so lange Zeit unumschränkt geherrscht hatten. Einige Monate danach wurde Karl zum Unterpräfekten von Villefort, einer kleinen Garnisonstadt Zentralfrankreichs, ernannt und mit der Austreibung der Kongreganisten betraut, die einige blühende Klöster und Schulen in diesem Bezirk besaßen. Darunter befand sich auch die Schulanstalt, in der sein Bruder eben seinen Studien oblag.

 

Ernst war zu einem frommen, talentvollen und geistreichen jungen Mann herangewachsen und berechtigte zu den kühnsten Hoffnungen. Er war mein bester Freund und hatte kein Geheimnis vor mir. Kürzlich noch sagte er zu mir:

 

"Mein sehnlichster Wunsch wäre es, mein Blut für unseren heiligen Glauben zu vergießen. Auch treibt es mich an, ein Diener des Herrn, und zwar ein Missionar zu werden, und nach China und Afrika auszuwandern."

 

Leider war seine Mutter bald nach ihrer Ankunft nach Laroche von einer heimtückischen Krankheit befallen worden. Sie siechte dahin, und als Ernst sechzehn Jahre alt war, schlummerte sie in ein besseres Jenseits hinüber. Ihr Tod war ein harter Schlag für den jungen Mann, doch fand er in seiner Tante, die schon seit einem Jahr herbeigeeilt war, um ihre Schwester zu pflegen, eine zweite Mutter. Ihr Gemahl, Herr Blaise, ein tüchtiger Rechtsanwalt, wohnte in Tours. Die Patres ihrerseits verdoppelten die Zuneigung, die sie dem hoffnungsvollen jungen Mann schenkten, damit er den so herben Verlust weniger fühlen möge.

 

Herr Alassor wurde von Herrn Blaise von dem Tod seiner Frau und von ihren testamentarischen Bestimmungen, gemäß derer ihr Sohn seine Studien zu Laroche unter der Vormundschaft seines Onkels vollenden sollte, in Kenntnis gesetzt. Der Senator, der seit der Trennung von seiner Frau sich gar nicht mehr um sie, noch um seinen Sohn bekümmert hatte, gab seine Einwilligung, und das um so lieber, als die Senatswahlen vor der Tür standen und ein Bekanntwerden seiner Familienverhältnisse womöglich seine politische Stellung hätte gefährden können. Er hielt es sogar nicht der Mühe wert, den Unterpräfekten, seinen ältesten Sohn, von dem Hinscheiden seiner Stiefmutter in Kenntnis zu setzen, denn nie hatte sich dieser herzlose und selbstsüchtige Mensch nach ihr und seinem Bruder, die er als Eindringlinge in das väterliche Haus betrachtet hatte, erkundigt.

 

Ernst bereitete sich eben auf sein Maturitätsexamen vor, als die Patres den Befehl erhielten, ihre Schüler zu entlassen und dem Liquidator die Schlüssel ihrer Anstalt einzuhändigen. Die Patres, die die rechtmäßigen Eigentümer der Schule waren, beschlossen, nur der Gewalt zu weichen. Sie setzten die Eingänge in Verteidigungszustand, um den Obrigkeiten solange als möglich den Eintritt zu wehren. Dazu gingen ihnen die Einwohner der Stadt, die ihnen herzlich zugetan waren, bereitwillig zur Hand. Die Patres, denen die meisten ihre Erziehung verdankten, hatten sich die Zuneigung und Achtung aller erworben. Außerdem war ihre Schulanstalt eine Quelle des Reichtums für die Stadt, deren Lokalhandel ihr jährlich an die 100.000 Franken eintrug.

 

Die jungen Männer der Stadt hatten eine Garde gebildet, die Tag und Nacht Wache hielt, damit die Schule nicht unversehens überrumpelt werde. Als sie endlich durch ihre Kundschafter der nahegelegenen Stadt Villefort die Mobilmachung mehrerer Kompagnien Infanterie und einer Schwadron Husaren für den folgenden Morgen erfuhren, verbarrikadierten sie alle Straßen, die zur Schule führten. Gegen 6 Uhr morgens verkündeten die ausgestellten Vorposten die Ankunft der Sturmkolonne. Sogleich wurden die Glocken geläutet, und die männliche Bevölkerung verschanzte sich hinter die Barrikaden oder schlossen sich in die Schule selbst ein, um dort den Truppen den Eingang streitig zu machen.

 

Unterdessen hatte die Sturmkolonne ihren Einzug in die Stadt gehalten. An ihrer Spitze marschierten der Unterpräfekt Alassor, der Staatsanwalt und der Polizeikommissar. Neben ihnen ritt der Kommandant.

 

"Da haben Sie Arbeit", wandte sich der Unterpräfekt lachend zu dem Offizier, als sie auf die erste Barrikade stießen. "Lassen Sie sie stürmen!"

 

Der Kommandant ritt an die Barrikaden heran, und nachdem er sie in Augenschein genommen hatte, befahl er den Soldaten, sie einfach wegzuräumen, denn sie bestand aus Pflastersteinen, die man mehrere Meter hoch aufeinander gehäuft hatte.

 

Von den zwei anderen zur Schule führenden Straßen war die eine mit Wagen, Karren, Pflügen, Eggen und sonstigem Ackergerät, das man mit dickem Eisendraht zusammengebunden hatte, und die andere mit Balken und Baumstämmen gesperrt. Gegen 9 Uhr waren sämtliche Barrikaden aus dem Weg geräumt, und unter dem Schutz der Truppen traten die Obrigkeiten an das verrammelte Tor. Im Namen des Gesetzes verlangte der Unterpräfekt Eintritt in die Schule und freiwillige Übergabe der Gebäulichkeiten.

 

"Im Namen des Eigentumsrechtes verweigere ich die Übergabe einer Schule, die mir von meinen Vorgesetzten anvertraut worden ist", antwortete der P. Rektor, den man herbeigeholt hatte.

 

"Dann werden wir Gewalt brauchen, doch muss ich Ihnen erklären, dass Sie sich einer gerichtlichen Verfolgung aussetzen, wenn Sie meiner Aufforderung nicht Folge leisten."

 

"Tun Sie, was Ihres Amtes ist", erwiderte der P. Rektor, indem er sich zurückzog.

 

Zu gleicher Zeit erscholl der vieltausendstimmige Ruf:

 

"Nieder mit den Einbrechern" Nieder mit den Dieben!"

 

Der Unterpräfekt war bleich geworden. Er hatte keinen solchen Empfang erwartet. Er forderte sogleich den Kommandanten auf, den Truppen den Befehl zu geben, das Tor einzuschlagen. Dieses bestand aus dicken Eichenbohlen und war mit schweren Eisenstangen beschlagen. Es dauerte volle 2 Stunden, ehe es den Soldaten gelang, einen Flügel davon zu zertrümmern. Als er krachend zu Boden fiel, befanden sich die Truppen vor einer Barrikade, die sie Stück für Stück abreißen mussten, ehe es ihnen gelang, den Eingang in den Hof freizumachen.

 

Auf Befehl des Rektors durfte kein Schüler an der Verteidigung teilnehmen. Alle waren in den Park geführt worden, wo sie unter der Aufsicht ihrer Lehrer ihren gewöhnlichen Studien oblagen. Zu diesem Zweck hatte man die Schulbänke in den Alleen des Parks aufgestellt.

 

Ich stand an einem geöffneten Fenster des ersten Stocks, wo ich alle Phasen der Belagerung gesehen habe. Als Seminarist durfte ich nicht an der Verteidigung teilnehmen. Meine Eltern wohnten in der Stadt. Ich hatte bei den Patres studiert und war herbeigeeilt, um ihnen meine Sympathie in den gegenwärtigen schmerzlichen Zeiten zu bezeugen.

 

Gegen elf Uhr kam Augustini mit Erlaubnis seines Lehrers in den Saal, in dem ich mich befand, um ein Buch zu holen. Er kannte seinen Bruder nicht, den Unterpräfekten, und wusste nicht einmal, dass er es war, der die Expedition gegen die Schule befehligte. Ich winkte ihn zu mir ans Fenster, um einige Worte mit ihm auszutauschen.

 

In diesem Augenblick trat der Unterpräfekt, der sich seit einiger Zeit im Hof befand, einige Schritte vor, um mit den Verteidigern zu unterhandeln. Weit entfernt, auf seine Worte zu hören, gingen diese vielmehr wie auf Kommando allesamt miteinander gegen ihn vor. In der Meinung, man wolle ihn umringen und gefangen nehmen, oder ihn hinterlistig anfallen, riss er seinen Revolver aus der Tasche und schoss ihn auf die Reihen der Vorgehenden ab. Keiner von ihnen wurde getroffen. Doch mit den Worten: "O Gott!" brach der junge Augustini neben mir zusammen. Ein Seufzer noch, und er war eine Leiche. Die Kugel war ihm mitten durch das Herz gegangen.

 

Hatte der Unterpräfekt, wie er später aussagte, in die Luft schießen wollen, um seine Angreifer abzuschrecken, oder hatte er in der Eile einfach nur schlecht gezielt? Niemand weiß es.

 

Ich hob den Unglücklichen auf und trug ihn auf ein Bett des nahen Schlafsaales. Schnell eilte ich dann hinunter, um den P. Rektor von dem Geschehenen zu unterrichten.

 

Die Soldaten hatten unterdessen Ordre erhalten, zu stürmen. Dreimal stürzten sie sich auf die Reihen der braven Männer, dreimal wurden sie zurückgeworfen. Beim vierten Anlauf erst gelang es ihnen, die Treppe zu nehmen und in die Schule einzudringen. Durch den Tod des jungen Augustini, der sich blitzschnell in der Anstalt verbreitet hatte, wütend gemacht, schlossen sich die Verteidiger gruppenweise in den verschiedenen Sälen ein, wo sie fortfuhren, den Angreifern zu widerstehen. Erst gegen fünf Uhr abends waren die Truppen Meister der Schule. Die Patres, die Schüler und die Verteidiger hatten das Gebäude verlassen und sich in die Stadt zurückgezogen. Letztere zählten 35 Verwundete, außerdem waren ihrer an die 20 gefangen genommen worden. 

 

Im Hof lagerten die Soldaten. Sie freuten sich ihres Sieges und sangen die Marseillaise.

 

In der Kapelle der Schule auf einem Ruhebett lag die Leiche des unglücklichen Augustini. Er schien zu schlafen. In seinen gefalteten Händen hielt er ein Kruzifix. Auf seinem bleichen Antlitz lag Ruhe und Frieden ausgebreitet. Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen, und zwar schneller als er gedacht hatte. Er brauchte nicht nach China auszuwandern, um für seinen Glauben getötet zu werden. Er fiel in seinem eigenen Vaterland, ein Opfer der Katholikenverfolgung, das Werk der internationalen Freimaurerei. Ringsumher knieten die Patres und einige Mitschüler. Sie beteten nicht für den Märtyrer, wie der P. Rektor sich ausdrückte, - er bedurfte keines Gebetes - sondern für den Mörder und ihre Verfolger.

 

Die Erstürmung der Schule von Laroche und der Brudermord riefen im ganzen Land eine ungeheuere Aufregung hervor. Der Unterpräfekt wurde in der Folge seines Amtes entsetzt und als Gouverneur in eine entfernte Kolonie Afrikas geschickt. Bevor er Paris verließ, hatte er eine Unterredung mit seinem Vater. Was zwischen beiden Männern gesagt wurde, ist nicht bekannt. Nur eine Zeitung behauptete, sie hätten sich gegenseitig die bittersten Vorwürfe gemacht. Der Vater stellte seine Kandidatur als Senator nicht mehr auf. Er verkaufte seine Fabrik und sein Haus in Paris und ging auf Reisen.

 

*       *       *

 

Vor einem Monat befand ich mich in einer Gesellschaft, wo von dem ehemaligen Senator und Minister die Rede war.

 

"Er ist gänzlich verschwunden", meinte eine Dame, "kein Mensch weiß, was aus ihm geworden ist."

 

"Mit Verlaub", erwiderte ein Herr, "vergangenen Winter war ich in Rom. Dort traf ich zweimal mit Herrn Alassor, dem Rosenkreuzer, zusammen. Das erste Mal sah ich ihn im Kolosseum in tiefes Nachdenken versunken auf einem Stein sitzen. Ich machte eine Bewegung, um mich ihm zu nähern und mit ihm zu sprechen, doch wandte er das Haupt nach einer anderen Seite. Eine Woche danach bemerkte ich ihn in der Peterskirche neben einem französischen Beichtstuhl knien und beten."

 

"Das Blut der Märtyrer", schloss tiefsinnig ein Priester, "ist und bleibt immer eine große Gnadenquelle der Bekehrung für die sündige Menschheit."

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Raffael: Messe von Bolsena

 

11. Das Wunder von Bolsena - Von Stephardt

 

Im mittleren Italien, nicht weit von Orvieto entfernt, liegt ein Städtchen mit Namen Bolsena. Dieses Städtchen wäre wohl kaum über die Grenzen der apenninischen Halbinsel hinaus bekannt geworden, wäre nicht in seinen Mauern ein Wunder geschehen, dessen Ruf sich bald in die entlegensten Länder verbreitete, wodurch der Name des Städtchens unvergesslich wurde.

 

Es war im Jahr 1263, als ein Priester aus Deutschland sich anschickte, eine Wallfahrt nach Rom zu machen. Er wollte die in der damaligen Zeit noch sehr schwierige Reise unternehmen, um am Grab der heiligen Apostelfürsten Erlösung aus seiner Seelennot zu finden, um dort zu beten und den lieben Gott zu bitten, er möge ihn auf die Fürbitte der heiligen Apostel Petrus und Paulus von den furchtbaren Zweifeln befreien, die seine Seele seit längerer Zeit schon so sehr ängstigten und in fast ständige Unruhe versetzten. Es kam ihm nämlich bei der Darbringung des heiligen Opfers der Gedanke, ob es auch wirklich möglich sei, dass Jesus Christus nach der heiligen Wandlung in seiner Wesenheit unter den Gestalten von Brot und Wein wirklich zugegen sei, oder ob dies nur eine fromme Mutmaßung enthalte ohne jede Wirklichkeit. Der Priester kämpfte mutig gegen diese Versuchung. Oft und oft wiederholte er sich das Wort des Herrn: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", ja er sagte es sich fast stündlich, dass Jesu Wort: "Dies ist mein Leib! Dies ist mein Blut!" ihm doch genügen könnte; allein die schwarzen Zweifel wollten nicht aus seiner Seele weichen, sie peinigten ihn mit einer Heftigkeit, dass er sich nicht zu helfen wusste und Gefahr lief, sein Herz durch Einwilligung und Zustimmung mit einer schweren Sünde zu beflecken. In dieser seiner großen Seelennot entschloss er sich zu einer Wallfahrt nach Rom, um dort, wo es fast kein Fleckchen Erde gibt, das nicht getränkt wäre mit dem Blut jener, die für das Bekenntnis des heiligen Glaubens ihr Leben hingaben, neue Glaubenskraft zu schöpfen.

 

Der priesterliche Pilger gelangte glücklich nach Mittelitalien, wo er in der Nähe von Orvieto in dem oben genannten Städtchen Bolsena übernachtete. Am anderen Morgen brachte er in der Kirche des Städtchens das heilige Messopfer dar. Dabei erfassten ihn an diesem Tag mehr denn je die Zweifel an die Gegenwart Jesu im allerheiligsten Altarsakrament. Immer und immer wieder kam ihm die Frage in den Sinn, ob Jesus wirklich und wahrhaft, mit Gottheit und Menschheit, mit Fleisch und Blut, Leib und Seele zugegen sei, oder ob dies alles doch nur als eine fromme Meinung zu gelten habe, der die Wirklichkeit nicht ganz entspricht. Dann sagte sich der Priester wohl: "Ich glaube an Gottes Wort. Wie konnte Jesus sagen: Dies ist mein Leib! wenn es nicht sein Leib wäre? Ein Lügen und Trügen musste doch ausgeschlossen sein, da Jesus Gott ist und als Gott nichts Falsches sagen kann. Gab es in der hebräischen Sprache nicht so viele Ausdrücke, die besagen, dies bedeute nur den Leib Christi? Nach den heiligen Evangelien aber wählt Jesus keines dieser Worte, die von bloßem Bedeuten sprechen, sondern er gebraucht das eine Wort, das besagt, dass es wirklich so ist." So suchte der Priester die Versuchung zu überwinden und sich zu trösten. Doch wieder und wieder kam es, wie wohl Thomas einst gesprochen, als seine Mitapostel ihm erzählten, sie hätten den Herrn gesehen, der von den Toten auferstanden sei. "Schauen möchte ich, schauen nur ein einziges Mal einen Tropfen seines heiligen Blutes. Wenn es mir schon nicht vergönnt ist, meinen Finger zu legen in seine Seitenwunde und an seinen Händen und Füßen das Mal der Nägel zu sehen, so möchte ich doch schauen einen Tropfen seines heiligsten Blutes, um zu wissen, dass ich nicht vergebens geglaubt habe, dass nach der heiligen Wandlung auf dem Altar nicht mehr Brot und Wein, sondern Christi Fleisch und Blut ist."

 

Die heilige Wandlung kam und ging vorüber. Der Priester betete mit ausgebreiteten Händen das Pater noster und nahm dann die heilige Hostie, um sie vor dem Pax Domini sit semper vobiscum über dem Kelch zu brechen. Selbst in diesem Augenblick nahten die dunklen Zweifel seiner Seele, die sofort in heißem Flehen zum lieben Heiland um Hilfe rief.

 

Da, was war das? Aus dem Antlitz des Geistlichen wich jeder Blutstropfen und seine Hände zitterten; denn er sah, wie die Brotsgestalten sich plötzlich veränderten und zu wahrem, wirklichem Fleisch wurden. Aus ihm aber floss helles Blut, das tropfenweise in den Kelch und auf das Korporale fiel. Die Verwirrung des Priesters, sein Schrecken und sein Staunen waren, wie sich leicht denken lässt, groß, ja grenzenlos. In seiner Angst und Verwirrung ließ er die heilige Hostie den zitternden Händen entfallen und legte dann das Korporale zusammen, um die heilige Hostie zugleich mit den frischen Blutstropfen zu verbergen. Allein das Wunder hatte noch kein Ende. Unter den Augen des erschrockenen Priesters wurde es noch größer. Wohin ein Tropfen des heiligen Blutes gefallen war, zeigte sich das Antlitz des leidenden Heilands, mit Blut überronnen, mit der Dornenkrone umkränzt.

 

Der Priester stand still und seine Augen blickten in heiligem Schrecken auf das Wunder. Er vermochte es nicht über sich zu bringen, die heilige Messe fortzusetzen und zu vollenden, Zitternd nahm er Kelch und Korporale, um beides in die Sakristei zu bringen. Auf dem Weg dorthin fielen, der Überlieferung gemäß, noch einige Blutstropfen zur Erde und benetzten fünf Marmorsteine des Fußbodens. Nachdem er Priester in der Sakristei alles an einen sicheren und geziemenden Ort gebracht hatte, machte er sich sogleich auf den Weg nach Orvieto, wo damals zufällig der Heilige Vater, Papst Urban IV., weilte. In Orvieto bat der Priester um eine Audienz beim Papst, und als sie ihm sofort gewährt wurde, warf er sich dem Stellvertreter Christi demütig zu Füßen, erzählte das staunenerregende Wunder, bekannte seine großen Zweifel und bat, von tiefster Reue bewegt, um Verzeihung und Lossprechung.

 

Der Papst tröstete den Priester wie ein liebevoller Vater der mit dem Sohn, der gefehlt hat, liebevoll und ernst zugleich spricht. Dann trug er dem Bischof von Orvieto auf, sich sofort nach Bolsena zu begeben, die Sache dort genau und gewissenhaft zu untersuchen, und, falls sich alles wirklich so verhalte, wie erzählt worden war, das Korporale mit den wunderbaren Blutstropfen nach Orvieto zu bringen. Der Bischof kam diesem Auftrag sofort nach. Er ging nach Bolsena und fand dort alles so, wie der Priester es berichtet hatte. Voll Staunen und Demut nahm er das Korporale, ausgezeichnet mit dem wunderbaren Bildnis des Christusantlitzes, um es dem Wunsch des Papstes gemäß nach der Bischofsstadt zu bringen. Alle Einwohner von Bolsena schlossen sich dem Oberhirten an und begleiteten die kostbare Reliquie in feierlicher Prozession nach Orvieto. Als man dort erfuhr, was sich zugetragen hatte, zog eine große Prozession, vom Papst selbst geführt, hinaus vor die Tore der Stadt, um das Wunderzeichen würdig zu empfangen. Der Heilige Vater empfing kniend vom Bischof das Korporale und trug es dann unter Weinen, Beten und Singen einer unabsehbaren Menschenschar in die Domkirche zu Orvieto. Dort musste es sofort ausgestellt werden, um der Andacht der Gläubigen zu genügen. Dann wurde es in einen kostbaren silbernen Reliquienschrein gefasst und zur immerwährenden Verehrung ausgestellt. Noch heute ist das heilige Zeichen zu sehen. Wer in den Dom von Orvieto kommt, kann das wunderbare Korporale schauen, auf dem noch jetzt nach so vielen Jahren die Spuren des Wunders bemerkbar sind. 

 

Die wunderbare Begebenheit bei der heiligen Messe zu Bolsena bewog Papst Urban IV., seine letzten Bedenken gegen die allgemeine Einführung des heiligen Fronleichnamsfestes und wie es bereits in der Diözese Lüttich (Belgien) gefeiert wurde, aufzugeben und mit Eifer an die Einführung des hochheiligen Festes zu denken. So hat das Wunder von Bolsena viel dazu beigetragen, dass heute das heilige Fronleichnamsfest auf dem ganzen katholischen Erdkreis gefeiert wird. Die Nachricht von dem Wunder wurde uns in Schriften und Gemälden überliefert. Die berühmteste Darstellung befindet sich zu Rom in den Stanzen des Vatikans. Der Fürst der Malerei Raphael Sanzio war es, der das herrliche Gemälde in den Jahren 1512-1514 geschaffen.

 

Möge unser Glaube an die wirkliche Gegenwart Jesu im allerheiligsten Sakrament nie wanken. Des Herrn Wort: "Dies ist mein Leib! Dies ist mein Blut!" gibt uns die sicherste Bürgschaft dafür, dass es wirklich so ist, dass kein Zweifel sein darf; denn Jesus Christus, Gottes Sohn, die ewige Wahrheit selbst, kann nicht irren und nicht irreführen. Und wenn das irdische Auge es auch nicht sieht: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!"

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12. Ein treuer Hirte

 

Vor einigen Jahren kam an eine Pfarre unweit Paris ein neuer Pfarrer. Er war ein hochgewachsener Mann mit militärischem Benehmen, feurigem Blick und schwarzen Haaren. Er diente einst im Heer "Don Carlos" in Spanien, wurde zu wiederholten Malen verwundet, musste das kampflustige Heer verlassen, auch die teure Heimat und gesellte sich dem friedfertigen Heer bei, das da für eine schönere, ewige Heimat kämpft: für den Himmel. Mit seiner ganzen Seele und mit allen übriggebliebenen Kräften seines leidenden Körpers widmete er sich seinem neuen Beruf.

 

In der ersten Zeit ging er wohl traurig umher, sah oft sehnsüchtig nach der Richtung, in der das von Gott gesegnete, durch die Menschen aber zerrüttete Spanien liegt, - seine schöne Heimat, oder er saß mit geneigtem Haupt da, als wolle er lauschen, ob er nicht den Donner der Kanonen seines Königs Don Karlos vernehmen wird. Dann bedeckte er oft mit den weißen Händen das bleiche Gesicht, seiner Brust entrang sich ein tiefer Seufzer.

 

Wenn er aber am Sonntag die Kanzel bestieg, da verschwand aller Schmerz, alle Trauer, er stand da gerade wie ein Soldat, hob den Kopf empor und schleuderte um sich mit dem Blitz des Geistes der Wahrheit. Dann glänzten seine Augen, die Haare flogen vor Begeisterung wie schwarze Wolken um die schneeweiße Stirn - und das versammelte Volk stand wie bezaubert da: jedes Auge hing mit kindlicher Ergebenheit an seinem Mund.

 

Die Zuhörer, wenn sie die Kirche verließen, plauderten nicht, kritisierten nicht - sie glaubten, und wenn sie den Pfarrer sahen, verneigten sie ehrfurchtsvoll den Kopf.

 

In kurzer Zeit war er den Kindern ein Vater, den Erwachsenen ein Beispiel, den Unglücklichen Trost, den Schwachen Stütze, den Armen Wohltäter, den Kranken Engel und allen Freund.

 

Die Flamme greift um sich nach allen Seiten und entzündet alles, was nicht Felsen oder harter Boden ist. So entflammte auch der Pfarrer, der in der Liebe zu Gott und dem Nächsten aufging, seine ganze Pfarre mit derselben Glut, und der Erfolg erfreute und beseligte ihn so, dass er sein schönes Spanien vergaß.

 

Er war zufrieden, ja glücklich - nur eines betrübte ihn.

 

In der Nähe des Pfarrhauses stand mitten in einem großen Park ein Landgut. Hier wohnte ein ältlicher, lediger Abenteurer, der sich lange Jahre in der Welt herumgetrieben hatte, bis er sich zuletzt hier niederließ, um in Stille seine alten Tage zu verbringen. Seine verwitwete Schwester führte ihm die Wirtschaft.

 

Dieser Abenteurer - man nannte ihn allgemein "Kapitän" - verursachte dem Pfarrer manche bittere Stunde. Er war zwar maßvoll, gutmütig - aber bis jetzt hat ihn noch niemand in der Kirche gesehen, noch weniger im Beichtstuhl. Ja, früher spottete er sogar manchmal öffentlich über solche Dinge. Freilich von der Zeit an, wo der neue Pfarrer hierhergekommen war, vermied der Kapitän solche Reden aus Schonung und Verehrung zu dem Geistlichen, den er aus ganzem Herzen hochschätzte; aber seine Ansichten vom Glauben änderte er nicht, obwohl der Pfarrer öfter das Gespräch mit ihm gern auf dieses Thema gelenkt hätte, - er blieb verstockt und kalt wie ein Stein. Ja, er war der Felsen und der harte Boden, die der eifrige Pfarrer nicht zu entflammen vermochte. Das schmerzte den Pfarrer, die sonst so aufrichtige, gute Seele tat ihm leid.

 

Sonst war der Pfarrer, wie gesagt, ganz glücklich und arbeitete wie ein sorgsamer Gärtner, der jedes einzelne Blümchen hegt und pflegt. Aber es dauerte nicht lange. Der Wille war zwar gut, aber der Körper war schwach und krank. 

 

Die alten Wunden aus seiner Militärzeit verzehrten seine Kräfte. Als der zweite Frühling herankam und alles grünte, auflebte und aufblühte, verwelkte der Pfarrer und rüstete sich zum Tod.

 

Eines Tages ließ er sich den Schreiner rufen. Der Schreiner kam und küsste ihm die Hand: "Was befehlen Hochwürden?"

 

Der Pfarrer saß krank in seinem Lehnstuhl. Es war traurig, ihn anzusehen. Die schwarzen, dichten Locken umrahmten seine hohe Stirn, die großen, hellen Augen glänzten unter den buschigen Brauen hervor - aber das Gesicht war abgezehrt und bleich wie bei einem Toten. Er reichte dem Tischler die magere, weiße Hand, lächelte still und freundlich und sagte: "Lieber Meister, haben Sie Vorrat an Särgen?"

 

"Wohl. Was wünschen Sie?"

 

Mit Mühe richtete sich der Pfarrer auf, stellte sich mit dem Rücken an die Wand, hob die Hand über den Kopf und bezeichnete mit dem Finger einen Punkt in der Wand. "Hier machen Sie ein Zeichen, lieber Meister, und messen Sie die Höhe!"

 

Der Tischler blieb erschrocken stehen: "Herr Pfarrer, wollen Sie gar - -?"

 

"Messen Sie die Höhe!"

 

Der Tischler nahm den Maßstab heraus und maß. "Ein Meter und 87 Zentimeter."

 

"Gut, machen Sie mir einen so langen Sarg. Dürfte aber noch länger sein - vielleicht zwei Meter."

 

"Aber, Herr Pfarrer - -."

 

"Nun, ist schon gut! Sehen Sie denn nicht, dass ich schon reif bin, freilich vor der Zeit, aber reif doch! Ich muss sorgen um die letzte Ruhestätte."

 

Dem Schreiner traten Tränen in die Augen. Weinend ging er heim. 

 

Dann schrieb der Pfarrer an den Bischof und bat um einen Hilfspriester. Der Priester kam. Der Pfarrer stellte ihn den Pfarrkindern vor und nahm von ihnen vom Altar aus Abschied. Alles weinte, alles war traurig, unsäglich traurig.

 

Und als alles blühte, lag der Pfarrer im Bett und der Hilfspriester ging mit dem Allerheiligsten aus der Kirche zum Pfarrhof. Vor ihm her klingelte der Mesner. Der Pfarrhof war von Leuten wie belagert. Alles kniete und weinte.

 

Nur der Pfarrer lag ruhig da und betete. Als er die Sterbesakramente empfangen hatte, sah er mit langem Blick den Sarg an, den er sich samt dem Bahrtuch ins Zimmer hatte bringen lassen, und flüsterte: "Nunc dimittis servum tuum, Domine - Nun entlässt du, Herr, deinen Diener im Frieden!"

 

Doch der Herr entließ ihn noch nicht: seine Stunde war noch nicht da. 

 

Es wurde Abend, Sterne tauchten auf, das Abendglöcklein ertönte.

 

Der Pfarrer lag immer noch ruhig da und betete beständig.

 

Es kam Mitternacht. Vor dem Haus rasselte ein Wagen; man zog an der Hausglocke. Die Magd öffnete. In das Zimmer trat die Schwester des Kapitäns, ganz verweint, und sank bei dem Bett des Pfarrers auf die Knie.

 

Der Pfarrer reichte ihr die Hand und fragte: "Warum weinen Sie?"

 

"Ach, Hochwürden! Mein Bruder wurde plötzlich krank, sterbenskrank, und niemand in der Welt kann ihn überreden, dass er sich versehen lässt - außer Sie - und Sie, mein Gott! Sie sind selbst - -."

 

Der Pfarrer seufzte und faltete die Hände. Nach einer Weile sagte er: "Ist doch der Hilfspriester da!"

 

Die Schwester des Kapitäns schüttelte den Kopf: "Den kennt er nicht und lässt sich von ihm auch nichts sagen - am Ende würde er ihn noch wegjagen."

 

Der Pfarrer warf einen Blick auf das Kreuz an der Wand und flüsterte: "Lieber Heiland, nur noch diese Nacht!" Dann wandte er sich nach der Magd und sagte ihr: "Holen Sie den Hilfspriester!"

 

Der Hilfspriester kam.

 

"Bitte gehen Sie in die Kirche", sagte der Pfarrer, "und bringen Sie das Allerheiligste hierher, wir werden zusammen zum Versehen fahren. Bringen Sie meine Kleider her!" sagte er dann zu der Magd. 

 

Der Hilfspriester und die Magd waren starr vor Entsetzen.

 

"Tut, wie ich gesagt habe!" befahl der Pfarrer fast streng. "Mich ruft die Pflicht."

 

Beide gehorchten. Der Pfarrer schien neue Kraft geschöpft zu haben. Der schwache, sterbende Körper gehorchte dem Geist.

 

Man setzte ihn in den Wagen und der Hilfspriester setzte sich mit dem Allerheiligsten zu ihm.

 

Die Mainacht war lieblich und warm. Hoch am Himmel glänzte das Gestirn "der Wagen". Der Pfarrer sah zu ihm empor und flüsterte: "Noch sinkt er nicht, noch kann ich es vollbringen. Salve Regina." 

 

Sie gelangten zu dem Landgut. Man setzte den Pfarrer herab und führte ihn zu dem Kranken. Vor ihm ging der Hilfspriester mit dem Allerheiligsten. 

 

Als der Kranke das Glöcklein vernahm, zuckte er zusammen, und als er den jungen Priester eintreten sah, fragte er barsch: "Was wollen Sie bei mir? Wer hat Sie gerufen?"

 

Aber die Tür ging noch mehr auf und, von zwei Männern gestützt, trat der totkranke Seelenhirt herein.

 

Der Kapitän erschrak und sah den Pfarrer verwundert an. Er trat an das Bett und reichte ihm die Hand.

 

"Was führt Sie zu mir, Herr Pfarrer?" fragte fast beschämt der Kapitän.

 

"Mein Freund, ich habe gehört, dass Sie daran sind, die Welt zu verlassen", sagte aufrichtig der Pfarrer. "Auch ich bin am sterben. Möchten Sie als guter Freund nicht mit mir den gleichen Weg gehen, den Weg der Buße?"

 

Der Kapitän sank in die Kissen, dann winkte er den Anwesenden, sich zu entfernen. Lange blieben die beiden allein und als endlich die übrigen auf ein gegebenes Zeichen eintraten, sahen sie den Kapitän in Tränen aufgelöst, des Pfarrers Gesicht aber leuchtend.

 

Der Hilfspriester erteilte dem Kranken die hl. Wegzehrung und die letzte Ölung und dann nahm der Pfarrer den Kranken bei der Hand; beide sahen einander lange in die Augen, bis der Kapitän, von dem Heldenmut des sterbenden Pfarrers überwältigt, tat, was er noch nie getan hatte - er küsste dem Pfarrer die Hand, der Pfarrer küsste ihn auf die Stirn und sagte: "Auf Wiedersehen!"

 

Man brachte den Pfarrer zum Wagen. Ganz ermattet sank er auf den Sitz und sah empor zum Himmel. 

 

Die Morgenkühle trat ein, die Lerchen erhoben sich trillernd und jubelnd zum Himmel und die Morgenröte des neuen Tages erschien am Horizont.

 

Sie fuhren beim Pfarrhaus vor. Man brachte den heldenmütigen Priester zu Bett.

 

Der Pfarrer sah nach dem Sarg hin und flüsterte: "Öffnet das Fenster, zündet die Kerze an und Sie, Herr Konfrater, beten Sie die Gebete der Sterbenden!"

 

Der junge Priester fing an zu beten und der Pfarrer betete mit gefalteten Händen still ihm nach.

 

Die Morgenluft wehte ins Zimmer und trug den Duft der Blumen und den Gesang der Vögel herein.

 

Plötzlich erstrahlte die Kirchenkuppel im ersten Sonnenstrahl, ein Strahl der Seligkeit flog über das Antlitz des ehrwürdigen Seelenhirten, der junge Priester fiel auf die Knie nieder und betete: "Proficiscere anima christiana - fahre hin, christliche Seele -!"

 

Der Küster zog die Glocke, die Leute in der ganzen Pfarre machten das Kreuz und der Maienmorgen lächelte so selig wie des toten Pfarrers Gesicht. - Der Kapitän genas, er pflegte noch lange das Grab des Pfarrers zu besuchen.

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13. Bei dem "Heiligen" in Padua - Von Erhardt Krafft

 

1. 

"Il Santo!" Beim Klang dieser beiden Wörtchen erhellt sich das Auge der meisten Italiener; ihr Gesicht strahlt, ihr Mund fließt fast über vom frohen Lobpreis des großen Gottesmannes von Padua. 

 

Selbst Irrgläubige und solche, die längst jedes positive Religionsbekenntnis von sich losgestreift haben, nennen den Namen des "Santo" mit hoher Wertschätzung, ja mit einer gewissen Ehrerbietung.

 

Und was ist es, das aus dem heiligen Antonius den "Santo" kurzerhand macht; das ihm den Vorzug vor so vielen und großen italienischen Heiligen in ganz Italien verleiht, das ihm die Liebe von Freund und Feind, von hoch und niedrig sichert?

 

Außer dem engelhaften Wesen des großen Gottesmannes reißt besonders seine betätigte menschliche Liebenswürdigkeit, seine stete Hilfsbereitschaft in allen Lebensnöten, seine große historische und soziale Wirksamkeit die Herzen an sich. Und die vielen wundersamen Geschehnisse, die noch heutigentags an seiner Ruhestätte zu Padua in aller Munde sind, halten diese Begeisterung stets wach.

 

Was Wunder, wenn auch unser Herz und Gemüt in erregte, erwartungsreiche süßtraute Stimmung geriet, als wir am hohen Fest Christi Himmelfahrt aus Venedig aufbrachen, um der Stadt des "Heiligen" zuzustreben. 

 

Dazu kam ein echt italienischer Frühlingstag und das wundersame Landschaftsbild, das wir durcheilten.

 

Über der "Königin" des Adriatischen Meeres (Venedig) wölbte sich in metallischer Tiefbläue das Ätherrund. Die herrliche Dogenstadt war in eine unendliche Flut goldensten Sonnenscheines getaucht, so dass sie mit ihren schneeweißen Marmorpalästen neben den zahlreichen Kirchenkuppeln wie ein duftiges Märchen aus den blauen Meeresfluten emporstieg.

 

Erd und Himmel schienen sich hier an Schmuck und Schönheit überbieten zu wollen. Auch die Landschaft, die sich an das venezianische Seegebiet anschließt, zeigt sich dieser Herrlichkeit vollwürdig: die reiche Fruchtbarkeit der oberitalienischen Tiefebene lockte hier ebenso sehr das Auge wie die stets wechselnde Schönheit eines südlichen Erdstriches. 

 

Schon viele Meilen von Padua sah man sich stark in den Bannkreis des "Heiligen" hingezogen: zu Tausenden zogen an dem schönen Festtag seine Verehrer in Richtung Padua. Aus den Städten und vom Land, Einheimische und Fremde schwirrten durcheinander - ein Gemisch von Sprachen und Trachten, das seinesgleichen sucht.

 

Auf den letzten Stationen vor der Antonius-Stadt wurde das Menschengewoge fast beängstigend. Und als endlich die Bahnschaffner das längst ersehnte "Padova" ausriefen, fluteten wahre Menschenströme aus den Bahnhofshallen der Stadt zu. 

 

"Al Santo, al santuario, alla basilica!" schwirrten die Ausrufe oder Fragen durch die Menschenmassen, die sich zu Fuß, zu Wagen oder per Trambahn auf der breiten Straße durch Padua nach dem Heiligtum hinwandten. 

 

In der Stadt selber herrschte, wie in allen mittelgroßen italienischen Städten, selbst an Christi Himmelfahrt großes Handelsgetriebe, echtes Weltgetümmel. Dieses verlor sich erst in der Nähe des Heiligtums. Auf dem weiten Vorplatz der Basilika wehte eine würdige, ehrfurchtsvolle Stimmung; man verspürte schon den Geist des großen Heiligen. 

 

"Ecco, il santuario del Santo! La basilica!" flüsterten sich die Menschen zu. ("Sieh` da, das Heiligtum des Heiligen! Die Basilika!") 

 

Welch imposanter Bau! Welch würdige Ruhestätte des heiligen Antonius!

 

Großartig, fast erdrückend für uns kleine Menschen wölbt sich der prachtvolle Kuppelbau in die Lüfte, die ganze Umgebung, ja die Stadt selber in Schatten stellend.

 

Und nun erst das Innere der Basilika!

 

Wie mächtig wölbten sich die Hallen, die Seitenbauten, vornehmlich aber die Mittelkuppel zum Himmel empor!

 

Welch wundervolle Wandgemälde; welch farbenschöne Fenster und kunstreiche Marmorfiguren oder -denkmäler hüben und drüben!

 

Alles weist hier mit tausend Zungen zum Himmel und auf die Pfade hin, die dereinst "der Heilige" auf seinem Erdenweg zum Jenseits gegangen ist. 

 

An den Wänden erblickt man eine fast unzählige Reihe von Beichtstühlen - ein Beweis, dass sich hier, im Bannkreis des Heiligen, viele Seelen Jahr um Jahr im Bad des Bußsakramentes reinwaschen; wie auch die große Anzahl von Nebenaltären darauf hindeutet, dass es gar manchen Priester drängt, in diesem Heiligtum das Messopfer zu feiern.

 

Zur Grabstätte selber, die sich vom Eingangsportal der mächtigen Basilika links in einer Seitennische befindet, bedurfte es keines Wegweisers: wie von einem gewaltigen Magnet angezogen, strömte alles darauf zu - ein günstiger Zufall trug mich gerade in dessen Nähe. 

 

Tiefergreifend, völlig überwältigend ist die Ruhestätte des "Heiligen".

 

In weitausragender Rundung, deren obere Teile mit köstlichen Malereien ausgeziert sind, während sich weiter unten links an den Wänden wundervolle Marmor-Reliefbilder aus dem Leben oder der Wirksamkeit des "Heiligen" hinziehen, steht der Altar mit den Gebeinen des hehren Gottesmannes.

 

Alles ist Kunst hier, vollendete Kunst, erlesene Pracht, vollwürdig des kostbaren Schatzes, der im Innern des Altares ruht.

 

Auf mehreren Marmorstufen steigt man zu dem prachtstrotzenden Altar empor, dessen Geräte beinahe durchgängig von reinem Gold gefertigt sind; rechts und links stehen kunstvoll geschnitzte Kommunionbänke, vor denen unzählige Gläubige das Jahr hindurch den Leib des Herrn empfangen.

 

Und nun das Leben um das Heiligtum her, die seelenerschütternden Szenen, die sich hier abspielen!

 

Ein Priester las gerade die heilige Messe an der Gnadenstätte - und noch nie habe ich an einem Altar das hochheilige Messopfer mit solcher Begeisterung feiern sehen: aus dem Strahl der Augen, aus jedem Wort, aus jeder Bewegung des Geistlichen brach dessen hohe Liebe und Ehrfurcht für den großen Heiligen sieghaft hervor.

 

Auch die Gläubigen boten einen Anblick, den man niemals vergessen wird.

 

Bauern und Städter, fein und schlicht, Mann und Frau, Greis und Knabe lagen hier auf den Knien. Und fast jedem strömten seine Ehrfurchtsgefühle für den "Heiligen" in einer anderen Weise aus: da lagen italienische Bauersfrauen mit der Stirn auf den Steinfliesen, während andere die Arme sehnsüchtig nach dem Gnadenaltar ausstreckten. 

 

Mit über die Brust gekreuzten Armen, die Augen wie gebannt zum Altar gerichtet, knieten elegant gekleidete Männer auf bloßem Boden; Greise und Kinder rangen die gefalteten Hände empor.

 

Schluchzen und unterdrücktes Weinen, halblautes Gebetsflüstern und tiefes Seufzen ertönte aus jeder Menschengruppe.

 

Wie viele Bitten mögen dem großen Heiligen zur Vermittlung beim allmächtigen Gott hier vorgebracht worden sein!

 

Wie viele Nöte des Geistes, der Seele, des Körpers werden ihm an dieser Stätte geklagt!

 

So überwältigend ist der Anblick der gläubigen Menge vor dem Heiligtum, dass er jeden auf die Knie niederzieht, jeden zur Mitverehrung des hohen Gottesmannes zwingt.

 

Nach Schluss des Messopfers endlich beginnt eine Szene, die auch die härtesten Herzen höher schlagen lässt, die in jedes fühlenden Menschen Auge heiße Tränen lockt. 

 

Auf der Rückseite des Altars liegt die eine Längsseite des kunstreich ziselierten Sarges des "Heiligen" offen; und hierher ergießt sich nun der ganze Menschenstrom zur speziellen Verehrung der Reliquien. 

 

Man lehnt in tiefster Innigkeit eine Sekunde lang die Stirn an den Sarg; man küsst ihn, streicht mit der Rechten liebend darüber hin. 

 

Besonders innige Verehrer des "Heiligen" wollen von der Berührung nicht schnell genug ablassen und werden deshalb von den Nachfolgenden mit sanfter Gewalt vorwärts geschoben.

 

Und erst die Stoßseufzer, die hier mit halblautem, oft genug aber auch im Seelenüberschwang mit lautem Rufen ausgestoßen werden.

 

"Hilf, Heiliger! Hilf mir armen Sünder!" hörte ich einen jungen schwarzäugigen Italiener seufzen, nachdem seine Lippen innig den Sarg berührt hatten. 

 

"Mein Knäblein, mein krankes Knäblein - lass es gesunden durch deine Fürbitte!" flehte eine junge Mutter, während sie ein schneeweißes Kinderkleidchen an das Heiligtum presste. 

 

"Gib meinem leichtlebigen Sohn von der Kraft deines Gottesglaubens!" lispelte eine greise Mutter, während ihre Stirn an dem Sarkophag ruhte.

 

In dieser Weise eilten Hunderte an dem Heiligtum vorüber: jeder vielleicht mit anderen Gedanken, mit verschiedenen Anliegen - alle aber übereinstimmend in ihrer großen Verehrung für den "Heiligen" und im Vertrauen auf seine mächtige Mittlerschaft bei Gott.

 

Es war ein unbeschreiblich rührendes Bild; eine Szene, die den Menschen im Innersten aufwühlte, ihm unauslöschliche Eindrücke ins Herz senkte.

 

Noch ganz überwältigt von den Vorkommnissen an dem Sarg ließ ich mich, nachdem ich dem Heiligen" ebenfalls meine Huldigung und Verehrung gezollt hatte, auf einer Bank vor dem Gnadenaltar nieder.

 

2.

Der beim heiligen Antonius in Padua wiedergefundene Sohn.

 

Als ich am Grab des heiligen Antonius betete, vernahm ich plötzlich dicht neben mir lautes Schluchzen und gar innige Bittworte an den heiligen Antonius.

 

An meiner rechten Seite hatte sich ein greises, ärmlich gekleidetes Mütterchen auf den Boden geworfen. Sie stieß beständig, unterbrochen von hervorstürzenden Tränen, halblaut hervor:

 

"O großer Heiliger, lass - mich ihn - doch - wiederfinden, meinen - Sohn! Du hilfst ja - besonders - gern uns Menschen - ein verlorenes - Gut - wiederzuerlangen -. O, mein - höchstes, mein einziges Gut - ist verloren: mein - Antonio - Sohn - Antonio! O - hilf, Heiliger! Führe - mir - Antonio - wieder in die - Arme!"

 

Und sie küsste den Boden, die unglückliche Mutter. Sie rang die Arme zu dem Heiligtum empor; sie flehte immer eindringlicher, inniger, schluchzender.

 

Ich fühlte Mitleid mit der Greisin und beschloss, ihr dieses Gefühl zu beweisen und sie - womöglich - in ihrem herben Leid zu trösten. 

 

Deshalb wartete ich, bis sie sich von den Knien erhob, um ihr aus dem Heiligtum zu folgen. 

 

Auf dem Vorplatz der Basilika wischte sie sich die Tränen von den gefurchten Wangen und setzte sich auf einen Stein.

 

Ich trat auf sie zu - mit freundlichem Gruß:

 

"Guten Tag, Mütterchen! Sie weinten vor dem Heiligtum so heftig und trugen dem "Heiligen" recht inständige Bitten vor. Kann ich Sie vielleicht trösten oder etwas für Sie tun?"

 

Sie schaute mit tränenverschleierten Augen erstaunt zu mir empor und neigte dankend ein wenig ihr Haupt.

 

"Sie sind sehr gütig", versetzte sie mit der Höflichkeit, die auch dem gewöhnlichen Italiener eigen ist. "Ich danke Ihnen sehr. Aber tun können Sie nichts für mich. Überhaupt vermag kein Mensch mir beizuspringen in meiner Bedrängnis. Und deshalb habe ich mein ganzes Hoffen auf den Heiligen gesetzt."

 

"Auf den Heiligen, Mütterchen?"

 

"Ja, Herr. Der kann und wird auch wohl helfen. Ich vertraue fest auf ihn."

 

Ich nickte ihr beistimmend zu, weshalb sie fortfuhr - eifrig, hastig: 

 

"Ich bin Witwe und habe nur ein Kind, einen sonst braven und sehr ergebenen Sohn von 18 Jahren. Er ist die Sonne meines armen Daseins, mein einziges Glück, meine einzige Lebensfreude."

 

"So, so", bewies ich ihr meine Aufmerksamkeit, mein lebhaftes Interesse. 

 

"Bis vor kurzem", erzählte die Greisin weiter, "hielt Antonio auch zu seinem Mütterchen, als er mit einem Mal eine Art Hinausweh bekam."

 

"Hinausweh?"

 

"Ja, einen unwiderstehlichen Drang, die Welt zu sehen. Ich bat, ich beschwor ihn, von solchen Gedanken abzulassen, mich nicht zu verlassen. Und er schien auch meinem Drängen nachzugeben, bis er plötzlich eines Morgens verschwunden war. In einem zurückgelassenen Schreiben bat er um Verzeihung ob seines Ungehorsams: er habe dem inneren Sehnen nach Veränderung in der Lebensweise nicht länger widerstehen können. Er werde aber stets meiner Gedenken und auch fern von mir allzeit ein guter Sohn bleiben."

 

Sie schwieg. Neue Tränen entflossen ihren halberloschenen Augen. 

 

Schließlich setzte sie mit einem herzerschütternden Seufzer ihren Bericht fort:

 

"Seit dieser Zeit lebe ich ganz freudlos dahin, voller Gram und Sorge um mein Kind. Nichts vermag mich zu trösten; nichts kann mich aufrichten."

 

"Ich fühle Ihnen dies wohl nach", versetzte ich teilnahmsvoll. "Forschen Sie denn nicht nach dem Sohn?"

 

"O doch, mein Herr. Viel und eifrig. Durch die Behörden und durch befreundete Personen."

 

"Und Sie erfuhren nichts von Antonio? Er blieb verschollen?"

 

"Völlig verschollen. Alle Mühe erwies sich als vergeblich. Unser Vaterland ist groß und die Spur von Antonio ist wie vom Winde verweht."

 

"Wie unangenehm, wie betrübend für Sie, Mütterchen!"

 

"Ja, ja, mein Herr! Und jetzt verstehen Sie auch, warum ich mein alleiniges Vertrauen auf den "Heiligen" geworfen habe! Er ist ja doch so mächtig am Thron Gottes und hat schon gar manchem seiner Verehrer geholfen - warum sollte er gerade mir, einer verlassenen, trostlosen Mutter, den heißersehnten Sohn nicht wieder zuführen können?"

 

"Sie haben recht, Mütterchen, ganz recht."

 

Die Greisin wurde nun immer beredter:

 

"Ja", versicherte sie, "unser "Heiliger" wird helfen - sicher, ganz sicher. Wenn er bis jetzt noch nicht geholfen hat, so liegt das, wie mir unser Pfarrer sagte, lediglich an mir: ich war der Hilfe des "Heiligen" noch nicht ganz würdig. Ich muss mich so lange vervollkommnen, so lange unablässig und vertrauensvoll flehen, bis ich jene Würdigkeit erlangt habe."

 

In meinen Augen stieg es heiß empor: welche Innigkeit des Vertrauens zum heiligen Antonius; welche Ergebenheit in Gottes und des "Heiligen" Willen!

 

"Für heute", plauderte die Greisin unentwegt weiter, "hatte ich nun besonderes Vertrauen auf die Hilfe unseres "Heiligen" gesetzt."

 

"Warum gerade für heute?"

 

"Je nun - heute ist doch unseres Herrn und Heilands Himmelfahrt! An diesem Fest aber pflegte ich seit Jahren mit Antonio zusammen zum Heiligtum hierher zu wallfahrten. Und da mein Sohn stets mit großer Liebe an dieser Wallfahrt hing, so schmeichelte ich mir mit der Hoffnung, der "Heilige" werde jenen Umstand benutzen, mir Antonio an seinem Gnadenort wiederzugeben."

 

"Ein ganz guter Gedanke, lobte ich - als plötzlich etwas ganz Unerwartetes geschah: die Greisin schnellte von ihrem Stein auf, beschattete sich mit der Rechten die Augen und spähte scharf nach der Straße aus, die zu der Basilika hinaufführt.

 

Da ein jauchzender Schrei - und sie lief mit ungeahnter Schnelligkeit auf einen jungen, ärmlich und staubig aussehenden Menschen zu, der mit einem Wanderstab daherkam und eben in den ummauerten Vorplatz der Basilika einbog.

 

"Antonio, Antonio!"

 

"Mutter, Mütterchen!"

 

Mit diesen Jubelrufen fielen sich die Greisin und der Wanderer in die Arme. In den nächsten Augenblicken vernahm ich nichts als das Freudenschluchzen der beiden glücklichen Menschen.

 

Als der erste Sturm des Wiedersehensglücks vorüber war, hörte ich den Sohn der Mutter versichern, dass es ihn schon lange gereut, sie verlassen zu haben und dem unbestimmten Drang nach der Fremde gefolgt zu sein. Allein er habe sich gescheut, nach Hause zurückzukehren und deshalb beschlossen, den Wallfahrtstag zum "Heiligen" abzuwarten und hier der Mutter Verzeihung zu erbitten.

 

"Und nicht wahr, Mütterchen", schloss Antonio innig seine Worte, "du gewährst mir diese Verzeihung um der Liebe zu unsrem "Heiligen" willen? Nie, nie will ich auch wieder die Torheit begehen, ob eines ungewissen, nebelhaften Glückes in der Fremde das sichere, geruhsame Leben an der Seite der geliebten Mutter zu verscherzen."

 

Die Greisin antwortete zuerst gar nichts. Aber sie küsste den wiedergefundenen Sohn mehrmals auf Stirn und Wange, um ihn schließlich mit sich fort zur Basilika zu ziehen.

 

"Auf, auf, Antonio!" schluchzte sie im Überschwang ihrer Freude hervor. "Auf zum Heiligen, zur Basilika, um für die Erhörung meiner Bitte zu danken!"

 

Und als sie, Hand in Hand mit dem Sohn, an mir vorbeikam, nickte sie mir lebhaft zu und versicherte:

 

"Sehen Sie, mein Herr, wie recht ich hatte mit der Behauptung, der "Heilige" helfe wohl immer! Auch mir hat er nun offensichtlich geholfen, nachdem er mich dieser Hilfe würdig befunden hat: er hat mich Antonio wiederfinden lassen."

 

"Und zwar auf ganz natürlichem, auf dem einfachsten Weg", stimmte ich ihr bei.

 

"So ist es", versetzte die Greisin. "Gelobt sei unser großer "Heiliger"!"

 

Als Mutter und Sohn unter dem großen Portal der Basilika verschwunden waren, trat ich den Rückweg zum Bahnhof an.

 

Ich hatte das Bewusstsein, selten in meinem Leben so viel Anregung, Erbauung und Begeisterung für Gott und seinen großen Heiligen von Padua empfangen zu haben als an diesem Himmelfahrtstag an der Ruhestätte des "Heiligen".

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14. Gerettet - Von Ernst Schultheiß

 

Es mögen nun schon zehn Jahre verflossen sein, als an einem Sommerabend mehrere Bewohner eines sauerländischen Gebirgsdorfes beim Glas Bier saßen.

 

Plötzlich trat die Frau des Wirtes in das Zimmer, säuberte den Tisch und sprach: "Es kommt ein Fremder, der wahrscheinlich bei uns einkehren will, und hier sieht es nicht sehr einladend aus. Bei der vielen Arbeit im Garten und Feld kann man nicht alles blitzeblank halten."

 

Einer der Gäste sagte: "Es wird wahrscheinlich ein Beamter von der Regierung sein, um hier eine Vermessung vorzunehmen."

 

"Glaube es kaum", fiel der Aufseher vom Hammerwerk ein, "eher ist es ein Tourist, der hier in den Bergen umherkraxelt, dem lieben Gott die Zeit stiehlt und obendrein seine Schuhsohlen abläuft."

 

Der Fremde trat ein. Seinen Hut hatte er mit dunkelrotem Heidekraut besteckt. Auf dem Rücken hing ein vollgestopfter Rucksack und in der Hand trug er einen knorrigen Gebirgsstock.

 

"Guten Abend, Herrschaften! Wirt, einen Schoppen Bier, aber ein wenig plötzlich."

 

Der Schreiner Franz puffte seinen Nachbarn in die Seite und bemerkte: "Spricht der aber komisch, als wenn er sich die Zunge zerbrechen wollte."

 

"Der ist ein Berliner, die haben ihre eigene Aussprache und bilden sich ein, recht helle zu sein."

 

"Leute", begann der Fremde, "habt ihr hier aber eine schöne Gegend. Die herrlichen Waldungen, die gewaltigen Bergkuppen, die langgezogenen Wiesentäler und die prachtvolle Aussicht."

 

"Davon können wir aber nicht backen", entgegnete der Berghöfer, "wir haben hier zu viele Steine, ein rechtschaffener Lehmboden wäre uns schon lieber als der Wald."

 

"Das ihr den Wald nicht schätzt, habe ich vorhin schon entdeckt. Birken und Lärchen sind abgehauen und zu beiden Seiten des Weges in die Erde gesteckt."

 

"Ist wegen der Fronleichnamsprozession", sagte der Wirt etwas schüchtern.

 

"Aber deswegen den Wald verschandeln kann ich nicht begreifen", fiel der Fremde ein.

 

Der Förster Schneidersmann tat einen mächtigen Zug aus seinem hölzernen Pfeifenkopf, donnerte mit der Faust auf den Tisch und ließ sich vernehmen: "Der Jungwald steht so dicht, dass er aufgeräumt werden muss, und warum sollte man nicht einige Stämmchen zur Ehre Gottes verwenden?"

 

"Ach, so steht die Sache", entgegnete der Fremde. "Übrigens, Herr Gastrat, ich möchte hier einige Tage verweilen, das lässt sich doch einrichten?"

 

"Dann muss ich erst mit meiner Frau sprechen", erwiderte der Wirt und entfernte sich.

 

Die Frau hatte natürlich schon hinter der Tür gelauscht. Sie machte Einwendungen. Nach ihrer Ansicht hatte der Fremde eine eigene Auffassung von der Religion, auch trat er ihr zu schnodderig auf.

 

"Ist einerlei, wenn er nur gut bezahlt", entschied der Wirt. 

 

Der Fremde konnte bleiben. Die Gäste hatten sich nach und nach verzogen. Nur der Steinbrecher Kupka blieb noch im Gastzimmer zurück. Der war von auswärts, die Leute munkelten, dass er schon im Zuchthaus gesessen habe und gingen ihm wegen seines scheuen und verschlagenen Benehmens aus dem Weg.

 

"Na, Herr Nachbar", sagte der Berliner, "rücken Sie etwas näher, trinken Sie noch einen Schoppen mit."

 

Das hörte Kupka gern. Beide ließen sich in ein Gespräch ein.

 

Der Fremde hatte bald herausgefunden, dass der "Nachbar" nicht viel auf Gott und Religion gab.

 

"Hier sind die Leute wohl überfromm?"

 

"Das kann der Herr morgen selbst sehen", entgegnete Kupka, "dann ist Prozession."

 

"Wollen uns mal augenscheinlich überzeugen. Wirt, zahlen!"

 

Der Fremde zog seine Börse, in der die Goldstücke klirrten.

 

Der Steinbrecher horchte auf, in seinen Augen lag ein unheimlicher, gieriger Blick.

 

Am anderen Morgen donnerten in aller Frühe die Böller. Frohe Menschen eilten in Festesstimmung zur Kirche. Hell klangen die Glocken in die Maienluft. Dem Wirtshaus gegenüber war ein Altar errichtet. Ein altes Mütterchen kam und zündete die dicken Wachskerzen an. 

 

Die Prozession wurde von den Schulkindern eröffnet und sie beteten die Litanei. Dann folgten die Jungfrauen und Frauen. Weißgekleidete Mädchen streuten Blumen und Rosenblätter auf den Weg. Vier ältere Männer trugen gesenkten Hauptes den Baldachin, unter dem der Priester das Allerheiligste trug. Weihrauchwölkchen durchzogen die würzige Luft. Alle fielen auf die Knie. Die Silberglöcklein ertönten, Böller krachten. Der Priester gab den Segen mit dem Sanktissimum. Ein unvergesslicher Augenblick voller Andacht und Würde.

 

Weiter bewegte sich die Prozession durch wogende Felder und blumige Wiesen. 

 

"Schön ist der Aufzug, dass muss man zugeben", sagte der Fremde, der hinter der Gardine seines Zimmers stand, "aber in unsere aufgeklärte Zeit passt das nicht mehr."

 

Da bemerkte er, wie Kupka in das Wirtshaus trat. "Der ist also noch nicht angesteckt", dachte der Berliner, "den Mann kann man gebrauchen." Er begab sich in das Gastzimmer.

 

"Wollen wir nicht einen Gang durch die freie Natur machen, Herr Nachbar?"

 

Kupka war einverstanden. Unterwegs wurde er von dem Berliner belehrt, dass es keinen Gott gäbe. Alles sei von selbst entstanden. Was man sonst den Leuten sage, wäre eitel Flunkerei. Kupka horchte auf und kalkulierte, warum man dann dem Reichen sein Geld nicht nehmen solle? Wenn er es nicht gutwillig hergeben will, nun dann . . .

 

Der Spaziergang dehnte sich immer weiter aus. Man gelangte in eine finstere Schlucht, wohin sich selten eines Menschen Fuß verirrte. Der Steinbrecher hatte nur einen Gedanken: die Geldbörse des Fremden. Sein Puls hämmerte, das Gehirn fieberte.

 

Gegen Mittag schritt der Förster Schneidersmann, der sich an der Prozession beteiligt hatte, seinem hoch im Wald gelegenen Forsthaus zu, Als er in der Nähe der Schlucht vorbeikam, raste sein Hund durch das Gebüsch und fing laut an zu bellen. Da stimmt etwas nicht, denkt der Waidmann und begab sich rasch in die Schlucht.

 

Ein furchtbarer Anblick. Der riesenstarke Steinbrecher hatte den Fremden überwältigt und ausgeraubt. Er konnte keinen Laut von sich geben, denn im Mund steckte ein dicker Knebel.

 

Der Förster richtete ihn auf und holte in seiner Flasche einen Trunk kühlen Wassers.

 

"Sehen Sie", sprach er später zu dem Fremden, "was würde wohl aus Ihnen geworden sein, wenn ich nicht des Weges gekommen wäre? Und das wäre ich nicht, wenn keine Prozession, über die Sie gelacht und gehöhnt haben, stattgefunden hätte."

 

Der Fremde schwieg. Er verblieb noch einige Zeit und bevor er abreiste - er musste so lange warten, bis ihm aus der Heimat Geld geschickt war - übergab er dem Wirt einen größeren Betrag zur Ausstattung für die Fronleichnamsprozession des nächsten Jahres.

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15. Die Bitte ans heiligste Herz Jesu - Von Erhardt Krafft

 

1.

Mitten auf der staubigen Landstraße, die zu dem berühmten Herz-Jesu-Heiligtum Paray-le-Monial in Frankreich führt, eilt ein Handwerksgeselle dahin. Sein Antlitz ist blass, vergrämt; die schadhafte Fußbekleidung ist mit hohem Staub bedeckt, die Kleidung armselig - offenbar ist der junge Mann arm, sehr arm. Glühend brennen die Sonnenstrahlen auf ihn nieder, so dass ihm dicke Schweißtropfen auf die Stirn treten. Jetzt ist er in Paray-le-Monial angelangt. Er kann bald die Stufen besteigen, die zu dem vielbesuchten Heiligtum hinaufführen. Hastig segnet er sich beim Eintritt mit Weihbronnen, überfliegt mit den Augen den großen Prachtraum des Gotteshauses und stürzt dann geradezu dem Gnadenaltar zu, da er niemand anders in der Kirche wahrnimmt. Vor dem Altar sinkt er auf die Knie nieder; er streift das bestaubte Ränzlein vom Rücken, um es neben sich zu legen, und hebt dann Arme und Blicke zu dem wundersam schönen Marmorbild des göttlichen Heilandes empor, das in reichgeschmückter Umgebung steht und mit der Linken aufs Herz weist, gleich als ob es alle Menschenkinder auf dessen unendliche Güte und Barmherzigkeit hinweisen will. Und der Wanderbursche versteht diesen Hinweis; aus seinem Herzen quillt Seufzer auf Seufzer zu dem Gnadenbild empor. Sein Mund ringt heftig nach Worten, bringt aber immer nur wieder die Laute "Mutter, Mutter" hervor.

 

Da regt es sich plötzlich hinter einem der schlanken Strebefeiler des Kirchenschiffes: eine tiefverschleierte, schwarzgekleidete Dame, die dort ihre Andacht verrichtete und von dem Wandergesellen beim Eintritt  in das Gotteshaus nicht bemerkt worden war, erhebt sich aus ihrer knienden Stellung, um auf den trostlosen Beter zuzugehen. Ihr Antlitz, das ebenfalls Spuren des Grames zeigt, drückt inniges Mitgefühl aus. Leise tupft sie dem Wanderburschen auf die Schulter - wie aus schweren Träumen fährt er empor und wendet ihr sein tränenüberflutetes Gesicht zu.

 

"Kommen Sie mit mir vor die Kirche!" flüstert ihm die Dame wohlwollend zu.

 

Er folgt ihrer Aufforderung, wenn auch mit einigem Staunen. 

 

"Sie leiden sehr? Es brennt Ihnen ein Schmerz heftig auf der Seele?" beginnt im Vorhof des Heiligtums die Dame zu dem jungen Mann.

 

"Ja, meine Dame. Ich bin bodenlos unglücklich. Ich stehe am Rand der Verzweiflung." Ein Schluchzer unterbrach die Fortsetzung seiner Antwort; er schlug die Hände vors Gesicht und weinte abermals bitterlich.

 

"Aber beruhigen Sie sich doch!" bat die Dame. "Und wollen Sie mir nicht den Grund Ihrer Tränen mitteilen? Sie haben so rührend-innig das Herz Jesu um Hilfe gebeten - da benutzt unser göttlicher Heiland vielleicht mich als Werkzeug seiner Hilfeleistung."

 

Der Bursche nahm die Hände vom Gesicht - seine Züge waren offen, ehrlich und gutmütig, wenn auch rau. "Ach, gute Dame", versetzte er, "wie dankbar bin ich Ihnen für Ihr Mitgefühl! So viele Leute habe ich schon um Hilfe in meiner Not angesprochen. Alle, alle wandten sich kalt, mitleidlos von mir ab: wer sollte auch einem armen, landfahrenden Handwerksgesellen Vertrauen oder gar Interesse entgegenbringen? Desto wohler finde ich mich berührt von Ihrer mir freiwillig gespendeten Güte. Ich will Ihnen deshalb meine ganze Notlage klarlegen."

 

"Bitte, bitte, junger Mann! Haben Sie nur Vertrauen zu mir! Ich werde es rechtfertigen."

 

"Ich bin der Sohn einer armen, ganz armen Witwe aus Nordfrankreich. Ich begab mich zur Ausbildung in meinem Handwerk - ich bin Kunstschlosser - im Frühjahr auf die Wanderschaft in den Süden unseres Vaterlandes. Meine liebe Mutter war völlig einverstanden hiermit. Sie erfreute sich ja bei meiner Abreise noch großer Rüstigkeit, so dass an eine Notlage ihrerseits nicht zu denken war. Froh meiner stets fortschreitenden Ausbildung, im allgemeinen eines hinreichenden Auskommens mich erfreuend, trafen mich ganz ungeahnterweise hier in der Nähe von Paray-le-Monial zwei starke Schicksalsschläge: ich blieb lange Zeit ohne die eifrig gesuchte, ernährende Beschäftigung und erhielt zugleich die Schreckensnachricht, dass mein Mütterchen plötzlich gefährlich erkrankt sei und in ihren Todesnöten beständig nach mir jammere.

 

Ich war wie betäubt von diesem Doppelunglück. Ich versuchte alles, um die weite Reise nach dem Norden zu ermöglichen und ans Krankenlager meiner geliebten Mutter zu gelangen. Alles vergeblich! Niemand will sich meiner Not erbarmen. Und die Reise zu Fuß anzutreten, hat keinen Sinn. So befinde ich mich in der furchtbaren Lage, dem Ruf meiner vielleicht schon mit dem Tod ringenden Mutter nicht folgen zu können. Dies bricht mir aber fast das Herz ab, und so wandte ich mich zu der letzten Zufluchtsstätte um Hilfe: zum gnadenreichen Herzen Jesu in Paray-le-Monial." Ein tiefer, weher Seufzer hob bei diesen Schlussworten des Wanderburschen Brust. Wie ein Kind zur Mutter sah er dabei hilfeheischend zu der Dame auf.

 

Und diese Hilfe wurde ihm auch zuteil - besser, als er es zu hoffen gewagt hatte. "Ihre Geschichte rührt mich", entgegnete die Dame mit leise bebender Stimme. "Und Ihren Schmerz um die leidende, nach Ihnen in vergeblicher Sehnsucht sich verzehrende Mutter kann ich sehr wohl begreifen: auch ich verlor ja dieser Wochen mein Mütterchen, mein Teuerstes auf der Welt, durch den Tod, so dass ich in große Trauer versetzt worden bin. Zum zweiten aber ergriff mich gar sehr Ihr großes Vertrauen auf das hochheilige Herz Jesu, das an dieser Gnadenstätte ja besonders huldreich sich zeigt; das auch Ihr Gebet erhört hat. Bitte, wie viel Franken benötigen Sie zu Ihrer Heimreise?"

 

Ein halbunterdrückter Freudenruf entschlüpfte der beklemmten Brust des jungen Mannes: "Sie wollen die große Güte haben", presste er mit Mühe hervor, "mir den Fahrpreis nach der Heimat vorzustrecken?"

 

"Nicht vorzustrecken, sondern zu schenken, junger Mann. Für die Ausführung eines solch edlen Vorhabens darf man schon eine kleine Summe Geldes opfern."

 

"O, Sie edle, edle Dame! Mein ganzes Leben will ich Ihnen dankbar sein!"

 

Im Überschwang des Glücksgefühls ergriff der Wanderbursche die fein behandschuhte Rechte der Wohltäterin, um sie an seine Lippen zu führen.

 

Doch sie wehrte freundlich lächelnd diesen glühenden Dank ab und zog ihre Börse.

 

"Also, was kostet ein Billett im Schnellzug von hier zu Ihrem Mütterchen?" bat sie zum andernmal.

 

Der junge Mann nannte die Summe. Und ohne Zögern entnahm die Dame ihrer Börse einen Fünfzigfranken-Schein, um ihn mit gebefroher Miene dem Bedürftigen hinzureichen.

 

"So", plauderte sie dabei, "der Überschuss, der Ihnen nach Entrichtung der Fahrtaxe von diesen fünfzig Franken verbleibt, wird Ihnen gute Dienste tun für Ihre Verpflegung auf der Reise."

 

Des jungen Mannes Lippen bewegten sich vergeblich, um Dankesworte hervorzustammeln: seine hohe Erregung ließen Worte nicht zu. Mit beiden Händen ergriff er deshalb von neuem nach der Rechten der Menschenfreundin und hielt sie eine Sekunde zitternd umspannt. Dann aber eilte er, immer noch wortlos, wieder dem Heiligtum zu.

 

Die Dame aber kehrte ebenfalls zu ihrem stillen Andachtsplätzchen hinter dem Strebepfeiler des Kirchenschiffes zurück, ohne auch jetzt wieder von dem jungen Mann bemerkt zu werden.

 

2.

Gerade in dem Augenblick, wo die Dame dem Handwerksgesellen die Geldgabe in die Hand drückte, war der Mesner des Gnadenortes am Fenster seines gegenüberliegenden Diensthauses erschienen. Er erschrak: das bestaubte, sehr heruntergekommene Aussehen des jungen Menschen, die hohe Eleganz der Dame und deren ausnehmend große Gabe - der Mesner sah ganz deutlich die Fünfzigfranken-Note in ihrer Hand - ließ ihm sofort einen Verdacht durch die Seele ziehen: hier musste eine besonders aufdringliche und freche Bettelei, wenn nicht gar eine Belästigung oder Bedrohung durch einen Strolch vorliegen!

 

Nun war aber - wie auf großem Anschlagblatt im Vorraum der Kirche deutlich zu lesen war - wegen des zahlreichen Gesindels in jener Gegend jedes Betteln polizeilich streng verboten. Und so glaubte der Mesner, seine Pflicht zu tun, wenn er den eben wahrgenommenen Vorfall der Behörde melde; wenn er durch die Verhaftung des vermeintlichen Bettelburschen ein für anderes Vagabundenvolk abschreckendes Beispiel statuieren lasse.

 

Derart sah sich unser armer Wanderbursche beim Verlassen des Heiligtums zu seinem höchsten Schrecken von einem "Agenten der öffentlichen Sicherheit" empfangen und wegen "unbefugter Bettelei an dem Gnadenort" verhaftet. Vergeblich beteuerte der junge Mann seine völlige Unschuld; vergeblich erzählte er dem Beamten wahrheitsgetreu seine Not und deren Abwendung durch die gütige Dame. Der Polizist lachte ihm ins Gesicht, als er mit beißendem Spott sagte: "Genug der Worte! Übergenug! Oder meinen Sie etwa, dass ich einem Landstreicher Glauben schenke, wenn er mir irgend eine erfundene rührselige Geschichte erzählt? Wenn er behauptet, eine Dame habe ihm schon daraufhin fünfzig Franken geschenkt? Lächerlich! Bodenlos lächerlich!"

 

"Aber hier sind meine Papiere", warf der Wandergeselle ein. "Sie werden alles in Ordnung bei mir finden! Sie - - - - -"

 

"Schweigen Sie mit Ihrem törichten Gerede!" fiel ihm der Beamte rau ins Wort. "Folgen Sie mir auf die Sicherheitswache! Das Weitere wird sich dort finden."

 

In des jungen Mannes Augen schossen von neuem die hellen Tränen: so nahe an der Erfüllung seines brennendsten Herzenswunsches, zur kranken Mutter heimfahren zu können, - und nun auf ganz unschuldige Weise zur Polizei geschleppt! Um dort vielleicht längere Zeit zurückgehalten zu werden, so dass er sein Mütterchen gar nicht mehr am Leben treffen würde! O, wenn doch nur die Wohltäterin noch da wäre! Die würde seine Unschuld sicherlich bezeugen! Aber sie war wohl weggegangen - und wohin, wusste niemand.

 

Gerade in dem Augenblick, als der "Agent" den Wanderburschen mit barschem Handgriff am Arm packte und ihn mit sich fortzerren wollte, tat sich das Portal des Gotteshauses auf und ließ die Dame herausschreiten.

 

Nachdem die Dame die Angaben des Wanderburschen als volle Wahrheit bestätigt und hinzugefügt hatte, dass sie ihm die Fünfzigfranken-Note aus eigenem Antrieb wegen seiner rührenden Sohnesliebe und seiner Frömmigkeit zum heiligsten Herzen Jesu geschenkt hatte, ließ sich der Beamte zur Besichtigung von seinen Papieren herab. Da sie den jungen Menschen als sehr braven, strebsamen und ehrlichen Handwerker schilderten, gab ihn der "Agent" frei und entschuldigte sich wegen seines Fehlgriffs. 

 

Der Wanderbursche aber ließ sein Herz nochmals in Dank gegenüber der gütigen Dame ausströmen und eilte, nach einem letzten heißen Dankesblick auf das Herz-Jesu-Heiligtum, in raschen Schritten dem Bahnhof zu, um bald darauf seiner Heimat und seinem kranken Mütterchen entgegenzueilen.

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16. Ein Apfel (Eine Legende) - Von Stephardt

 

Ungefähr vierzig Jahre nach der glorreichen Himmelfahrt des lieben Heilandes klopfte eines schönen Tages ein Mann an die Himmelspforte und bat um Einlass. Der heilige Petrus öffnete als Himmelspförtner ein Fenster, um zu sehen, wer da sei. Er war nicht wenig überrascht und unangenehm berührt, als er einen Juden draußen erblickte.

 

"Was willst du?" fragte er.

 

"Bitte, lass mich in den Himmel hinein."

 

"In den Himmel? Was, du, ein Jude, willst in den Himmel hinein? Da sage mir vor allem einmal, ob du die heilige Taufe empfangen hast oder nicht."

 

"Heilige Taufe? Was ist das?"

 

"Es ist das heilige und notwendigste Sakrament, durch dessen Empfang man ein Kind Gottes wird, sich der Gnaden der Erlösung durch Jesus Christus teilhaftig macht und sich das Erbrecht auf das Himmelreich erwirbt. Hast du dieses heilige Sakrament empfangen?"

 

"Ich weiß nicht, was ein heiliges Sakrament ist, und so werde ich es wohl nicht empfangen haben. Von meinen Kinderjahren an bin ich durch die Welt gereist, habe gehandelt und gearbeitet, habe aber nie etwas gehört und erfahren von dem, wonach du mich jetzt fragst. Und so wird es wohl geschehen sein, dass ich die Taufe nicht empfing. Aber ich bin bereit, alles zu tun, was du von mir verlangst, alles, was notwendig ist, um in den Himmel zu kommen. Bitte, öffne das Tor und lass mich gelangen an den Ort, nach dem ich mich schon lange gesehnt habe."

 

"Das wäre nett", entgegnete St. Petrus, der Himmelspförtner. "Nein, nein, das gibt es nicht; die Sache geht nicht so leicht, wie du dir denkst. Das wäre mir eine schöne Geschichte, auf Erden ein lustiges Leben führen und dann mir nichts dir nichts in den Himmel hineinspazieren. Nein, das gibt es nicht. Ohne Taufe kein Himmel, und damit fertig."

 

"Aber ich habe immer ein ehrbares Leben geführt", wagte der Jude noch einzuwenden, "ich habe den Handel betrieben, ohne die Menschen zu betrügen, ich habe den Armen geholfen, ich habe . . ."

 

" . . . das eine Notwendige vergessen", unterbrach St. Petrus den Sprechenden, "das eine Notwendige, den Empfang der heiligen Taufe, der uns das Himmelstor öffnet, der uns den Schlüssel dazu gibt."

 

"Aber ich habe doch nie etwas davon gehört."

 

"Es war gewiss mehr als einmal Gelegenheit dazu", rief St. Petrus; "aber das Judenvolk ist ein hartes Geschlecht, es will nichts vom Wahren Glauben wissen."

 

"Ist der mosaische Glaube nicht der wahre Glaube? Ist nicht wahr, oder gilt nicht mehr, was Mose uns gelehrt hat?"

 

"Der mosaische Glaube war nur ein Vorbild, das gelten sollte, bis das eigentliche Bild selbst kam. Jetzt gilt nicht mehr der mosaische Glaube, sondern der christliche Glaube, zu dem man sich durch Empfang der hl. Taufe bekennt."

 

"Aber das habe ich gar nicht gewusst", rief der Jude, "niemand hat es mir gesagt."

 

St. Petrus machte ein Zeichen, als wollte er sagen, dass er der Geschichte nicht recht traue und schloss sein Guckfenster. Der Jude blieb draußen stehen und wurde nicht eingelassen.

 

Nun lag neben der Himmelspforte ein großer Stein am Weg. Er schien dahin gelegt zu sein, um denen, die aus dem Pilgertal zum Himmel kamen, ein Ruheplätzchen zu bieten. Der alte Jude ließ sich traurig auf ihm nieder und stützte das greise Haupt in die Hand, um nachzudenken, was nun zu tun sei. Nach einer Weile weckte ihn lieblicher Gesang aus seinem Sinnen. Es waren die Engel, die vor Gottes ewigen Thron das nie verklingende "Heilig, heilig, heilig" sangen. Der Jude schaute auf. Jetzt bemerkte er auch die blühenden Bäume, die ihre Zweige über die Mauern des Paradieses streckten und alles mit lieblichem Duft erfüllten. Das Lied der Engel aber klang fort, so schön und lieblich, so aus dem Herzen kommend und zu Herzen gehend, dass der Jude noch nie solch herrlichen Gesang gehört hatte. Er hätte ihn gerne aus größerer Nähe angehört, und er war tieftraurig, dass ihm dies nicht vergönnt war, dass er nur von fern zuhören konnte.

 

Da kam ein Mann des Weges. Er war voll göttlicher Majestät und blickte bei seinem Näherkommen den Juden voll Liebe und Mitleid an. Der Jude wusste nicht, wie ihm bei diesem Blick geschah. Er erhob sich unwillkürlich von seinem Sitz und blickte dem Kommenden voll Ehrfurcht entgegen. Dabei kam es ihm plötzlich vor, als habe er dieses Antlitz voll Liebe und Majestät schon einmal gesehen; aber es musste schon lange her sein, lange, gewiss schon mehr als sechzig Jahre.

 

Doch ehe der Jude Zeit fand, genauer nachzudenken, war der unbekannte Mann schon herangekommen. Liebliches Lächeln ruhte auf seinen Lippen und in seinen Wundermilden Augen, als der Mund sich öffnete und den einsamen Mann fragte: "Benjamin, bist du es?"

 

"Ja, Herr, ich bin Benjamin. Aber woher weißt du, dass ich so heiße? Wie kennst du meinen Namen?"

 

"Ich weiß alles und ich kenne alle Menschen, groß und klein, jung und alt, alle sind sie mir gar gut bekennt."

 

"Du weiß alles und kennst alle Menschen? Wie ist das möglich?" Der Jude schaute groß auf und dabei erinnerte er sich plötzlich, wo er dieses Antlitz schon gesehen hatte: In Nazareth musste es gewesen sein, dem kleinen Städtchen des Judenlandes, im Haus der frommen Mirjam. "Bist du nicht das Kind von Nazareth, mit dem ich vor vielen Jahren spielen durfte? Hieß deine Mutter nicht Maria, und war dein Vater nicht Joseph, der fromme Zimmermann?"

 

"Ja, Benjamin, ich bin dieses Kind."

 

"Aber du bist jung und schön, während ich alt und schwach geworden bin; du stehst in der Blüte der Jahre, während ich ein Greis bin. Wie kommt das? Es ist lange her, dass ich Nazareth verließ."

 

"Ja, es ist lange her; aber ich erinnere mich noch sehr gut, wie du im Alter von zwölf Jahren aus Nazareth fortgingst."

 

"Zwölf Jahre? Ja, so alt war ich damals. Ich begleitete meinen Vater einige Jahre lang auf Reisen, und als er starb, trat ich an seine Stelle. Die Erbschaft verlangte meine Anwesenheit in Ägypten. Ich blieb dann für immer dort und habe seitdem eigentlich nichts aus Nazareth und sehr wenig aus Palästina gehört."

 

"In Nazareth und Palästina, mein lieber Benjamin, hat sich gar vieles zugetragen. Auch ich hatte meine Schicksale, und vieles von dem, was in unserem Heimatstädtchen und im Land geschah, betraf meine Person. Aber ich habe dich nie vergessen, Benjamin . . . . Weißt du noch, wie du mir eines Tages einen dicken, rotwangigen Apfel schenktest? Du hattest ihn von deiner Base bekommen und wolltest ihn gerade essen, als ich des Weges kam und dir meinen Hunger und meinen Durst klagte."

 

"Du hast wirklich ein gutes Gedächtnis. Ich habe deinen Hunger und Durst und meinen Apfel längst vergessen; ich erinnere mich wirklich nicht mehr, dass ich dir jemals diese kleine Gabe zuteil werden ließ."

 

"Ich aber erinnere mich noch sehr gut", entgegnete der Mann mit den blauen Augen und dem seelenvollen Blick, "ich vergesse nichts. Mehr als zwanzig Jahre später in einer feierlichen, schmerzlichen Stunde meines Lebens hatte ich wieder Durst, bitteren, sehr bitteren Durst. Aber du, mein lieber Benjamin, warst nicht mehr da, dass du mir einen Apfel hättest geben können. Und als ich laut über meinen Durst klagte, verspottete man mich und gab mir Galle und Essig gemischt zu trinken. Es war ein bitterer Trank . . ."

 

"O", rief der alte Jude sichtlich bewegt dazwischen, "hat man dich so leiden lassen? Das hätte ich sehen müssen! So wahr ich Benjamin heiße, das hätte ich nicht ruhig zugelassen. Das müssen steinerne Herzen sein, die einen Leidenden noch verhöhnen und verspotten. Aber sage, woher hattest du denn den Durst?"

 

"Vom Blutverlust, Benjamin, von der Glut des Leidens. Du musst wissen, dass ich am Kreuz gestorben bin."

 

"Am Kreuz gestorben? Am Holz der Schmach? Wie ist das möglich?"

 

"Benjamin, ich bin für andere gestorben, ich habe die Schuld anderer auf mich genommen."

 

Bei diesen Worten wurde das Antlitz des schönen Mannes immer lieblicher, und je länger Benjamin, der Jude, es betrachtete, desto seliger wurde ihm ums Herz. Dabei lag plötzlich sein ganzes Leben mit allem seinem Tun und Lassen vor seinen Augen. Wie in einem getreuen Spiegel sah er seine Liebe zum Verdienst, sein unordentliches Verlangen nach Reichtum, und sein einziges Streben, mehr und mehr zu besitzen. Auch den Apfel, den er einst dem Kind von Nazareth geschenkt hatte, sah er vor sich und erkannte dabei, dass er am besten getan haben würde, wenn er alles verlassen hätte, um dem Jugendfreund durchs Leben zu folgen. Da war es ihm, als lege man alles auf eine Waage und als habe das, was er getan, gar kein Gewicht. Nur der Apfel war schwer. In Gedanken darüber fing Benjamin an, bitter zu weinen. "Wie schade, wie schade", sagte er dabei, "dass ich dich aus den Augen verlor, dass ich so früh von dir getrennt wurde."

 

"Warum denn, Benjamin?"

 

"Warum? Ich wäre dir immer gefolgt, ich wäre mit dir gegangen, ich hätte auf dein Wort gehört, ich hätte dir gedient und hätte versucht, jedes Übel von dir fernzuhalten. Dann wäre ich sicher den richtigen Weg gegangen. O, wenn ich es jetzt noch könnte."

 

"Möchtest du das wirklich? Willst du in die Welt zurückgehen und dich reich, geehrt und geachtet sehen, wie der kühnste Traum es kaum zu erreichen glaubte? Oder willst du mir in Armut, Elend und Not folgen? Überlege es wohl, Benjamin."

 

Der Jude wandte sein Auge nicht ab von dem Antlitz des Sprechenden. Dieses Antlitz voll hehrer Majestät schien immer schöner zu werden, zugleich aber schien es sich immer mehr zu entfernen und wie in einem Nebelmeer zu verschwinden. Dafür aber ließ sich der helle Klang von Gold und Silber hören, der immer näher kam, immer lieblicher und verlockender klang. Es war, als hätten tausend Gold- und Silberstücke Sprache bekommen, und als riefen sie alle mit lauter Stimme: "Im Reichtum ist Ehre, im Reichtum ist Macht. Uns folge, uns schließe dich an. Was willst du in Not und Elend gehen? Hier winkt dir Reichtum, Ehre und Macht."

 

Da raffte der Jude sich auf. Sein Jugendfreund, das selige Glück, das er bei seinem Anblick empfand, schienen ihn zu verlassen. Was waren im Vergleich zu diesem aller Freuden der Welt, alles Gold und Silber? Wie Nebel im hellen Sonnenschein, wie der Schnee, wenn der Frühling kommt, schwanden sie dahin. Da streckte er plötzlich seine Arme aus und rief: "O, bleibe bei mir, o, bleibe bei mir; verlass mich nicht und führe mich, wohin immer du willst. Ich folge dir auf allen deinen Wegen, ich verzichte auf Gold und Silber, ich werde dich verteidigen, ich werde deinen Durst stillen, ich werde gerne mit dir sterben. Aber lass mich immer dein Antlitz schauen, und blicke auch du mich an. Ich kann nicht mehr leben ohne dich. O verzeihe mir, verzeihe mir tausendmal, wenn ich je etwas getan habe, was dich betrüben musste."

 

Da näherte der Jugendfreund sich wieder. Er reichte mit holdseligem Lächeln dem Juden die Hand, die er mit unendlicher Freude ergriff und sagte: "Benjamin, ich bin Jesus Christus, Gottes Sohn, der als Erlöser der Welt für die Sünden der Menschen starb. Nun habe ich Besitz genommen vom Reich meiner Herrlichkeit. Komm mit mir!" Die Pforten des Paradieses taten sich plötzlich von selbst auf und Jesus führte den Juden in das Himmelreich.

 

Sankt Petrus blickte groß auf, und als die beiden wirklich die Schwelle des Himmels überschritten, wagte er kleinlaut zu sagen: "Aber, Herr, er ist ja ein Jude, er hat . . ."

 

Doch der Herr entgegnete mild: "Lass es gut sein Petrus. Er hat seine Sünden mit Tränen der Reue abgewaschen, er ist getauft durch das Verlangen, mir zu folgen. Und weißt du nicht, Petrus, dass ich versprochen habe, jeden Trunk Wasser zu vergelten? Benjamin gab mir als Kind einst einen Apfel; ich will es ihm mit dem Himmelreich belohnen."

 

Und Jesus, der Vergelter alles Guten, zog mit den Juden, der ihm einst einen Apfel geschenkt hatte, in den Himmel ein.

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17. Die Geschichte eines Mönches, eines Königs und eines Revolutionärs - Nach Ségur von T. Carbonaro

 

Diese Erzählung ist bis auf die kleinsten Einzelheiten wahr. Ich habe das Material dazu in einem leider vergriffenen Werk gefunden, woraus die erhabene Gestalt des Franziskanerpaters Ludwig von Casoria hervorleuchtet, der im Jahr 1885 im Ruf der Heiligkeit gestorben ist.

 

Der König Ferdinand I. von Neapel, ein gerechter, fester, sehr frommer und darum von den Revolutionären bestgehasster Mann, war dem Pater Ludwig sehr gewogen. Als der König erfuhr, dass der heiligmäßige Mann nach Afrika reist, um dort junge Männer zu gewinnen, die er zum Priesterstand und zur Bekehrung der Afrikaner bestimmen kann, bot er ihm eine große Geldsumme an. Der demütige Pater schlug sie aus und reiste mit dem Versprechen ab, gleich am Tag seiner Rückkehr den König zu besuchen.

 

Auf dem Kai von Alexandrien in Ägypten war er einem erbitterten Revolutionär begegnet, Danieli genannt, der zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurteilt worden war. Der König hatte sie jedoch in lebenslängliche Verbannung umgewandelt.

 

Danieli erkannte den Pater, und durch Hass und Unglück verblendet, schlug er ihm brutal ins Gesicht und rief: "Bringe das von mir deinem Herrn und Freund Bomba!"

 

Pater Ludwig entfernte sich langsam, ohne eine Miene zu verziehen, als wenn er nichts gefühlt und nichts gesehen hätte. Mit der Gnade Gottes sammelte er viele junge Afrikaner, und als er acht Monate später nach Neapel zurückkam, begab er sich geradewegs mit den jungen Männern in den Palast, wo König Ferdinand ihn mit der ganzen königlichen Familie erwartete.

 

Der Monarch kam ihm einen Schritt entgegen und wollte ihn umarmen; der Pater jedoch, der seit acht Monaten darüber nachgedacht hatte, wie er sich an Danieli rächen kann, fiel ihm zu Füßen.

 

"Majestät, vor allem sei mir gestattet, Sie um eine Gnade zu bitten - die größte vielleicht, um die ich einen Menschen auf Erden bitten kann!"

 

"Was brauchst du? Sprich!" sagte der König. "Du weißt, wie sehr ich dich liebe! Habe ich dir je etwas abgeschlagen?"

 

"Majestät, mein Gesuch überschreitet alles Maß, und ich werde meine Bitte nur dann zu äußern wagen, wenn Sie mir sagen: Was immer für eine Gnade du verlangst, sie sei dir im voraus gewährt."

 

Der König umarmte den Pater und sprach: "Rede ohne Furcht! Wenn man deine Aufregung sieht, so sollte man wirklich meinen, dass du die Hälfte meines Reiches verlangst!"

 

"Mehr als das, Majestät!" sagte endlich der Pater, von der Erregung überwältigt. "Um was ich Sie bitte, das ist nichts Geringeres als die Begnadigung Danielis, der seit mehreren Jahren in Ägypten in der Verbannung lebt."

 

"Wer? Danieli?" unterbrach ihn der König, dessen Augenbrauen sich finster zusammenzogen. "Diesen Menschen, der zu den Galeeren verurteilt war und dessen Strafe ich in lebenslängliche Verbannung verwandelt habe, und der zum Dank dafür nicht aufhört, Verschwörungen gegen mich anzuzetteln?"

 

"Ja, der ist es!" antwortete der wieder ruhig gewordene Pater.

 

""Was hat er denn für dich tun können, Mann Gottes, dass du vergisst, was du deinem König, deinem Freund, schuldig bist, um ihm auf Umwegen die Gnade zu entreißen, die du von seiner Gerechtigkeit nicht hättest erlangen können?"

 

"Majestät, so gering und elend ich auch sein mag, ich möchte Sie veranlassen, die schönste Tugend, die Verzeihung der Beleidigung, zu üben!"

 

"Schon gut, schon gut!" rief Ferdinand, indem er seinen Zorn wie eine Versuchung abschüttelte. "Ich nehme mein Wort nicht zurück, obschon du mich hinterlistigerweise überrumpelt hast. Nur will ich, dass du mir sagst, was dich bewogen hat, dich einer so schlechten Sache mit so viel Wärme anzunehmen!"

 

Diesmal erreichte die Verlegenheit des heiligen Mannes ihren Höhepunkt. Wie hätte er sagen können, dass er von Danieli eine Ohrfeige und den schrecklichen Auftrag erhalten hat, sie dem König zu übermitteln. Das widerstand seiner Demut, seiner Ehrfurcht vor der königlichen Majestät.

 

"Unmöglich!" murmelte er endlich. "Möge es Ihnen genügen, zu erfahren, dass Danieli mir einen großen, sehr großen Dienst geleistet hat, und dass meine Dankbarkeit gegenüber ihm derjenigen gleichkommt, die ich bis zu meinem letzten Seufzer für Ihre Majestät hegen werde."

 

Ferdinand, der irgendeinen geheimen Tugendakt dahinter vermutete, drang nicht weiter in ihn, sondern sagte lächelnd: "Ich muss also auch dich begnadigen, aufrührerischer Untertan, der du dich weigerst, deinem König zu gehorchen! Sprechen wir nicht mehr davon und schieben wir die Mahlzeit der afrikanischen jungen Männer, die auf uns warten, nicht länger auf."

 

Der König hielt Wort. Am anderen Tag gab er Befehl, Danieli amtlich bekannt zu geben, dass ihm, auf die persönliche Vermittlung des Pater Ludwig hin, vollständige Begnadigung gewährt sei. Auch befahl er dem Polizeipräfekten, ihm den Begnadigten gleich nach seiner Rückkehr aus dem Exil zuzuführen. Er wollte von Danieli erfahren, was der Ordensmann ihm verheimlicht hatte. Danieli, zuerst verwirrt, zeigte sich seiner beiden Wohltäter würdig, und indem er sich vor dem König niederwarf, gestand er alles. 

 

Weniger von der Schmach ergriffen, die ihm selbst widerfahren war, als von der Seelengröße des Pater Ludwig, hob der König den reuigen Verbrecher auf und sprach zu ihm: "Alles ist vergessen! Der Mann Gottes hat mir meine Christenpflicht vorgeschrieben. Da wir beide beleidigt worden sind, so müssen wir auch beide verzeihen. Er hat dir dein Vaterland wiedergeschenkt; ich gebe dir aus meiner Privatkassette eine Leibrente."

 

So endete die Geschichte, worin der König, der Mönch und der bekehrte Verbrecher sich alle gleich groß zeigen: der Mönch durch Heiligkeit, der König durch Güte, der Sünder durch Reue.

 

Der Epilog ist ebenso rührend wie die Geschichte. Nachdem Danieli den Palast verlassen hatte, suchte er den Pater Ludwig auf, und als er in der Stadt mit ihm zusammentraf, warf er sich ihm zu Füßen, die er mit Küssen und Tränen bedeckte. Der heilige Mann hob ihn auf, richtete die sanftesten Worte an ihn und hielt ihn lange ans Herz gedrückt. Ja, ich kann sagen, dass er ihn da festhielt: denn Danieli beschloss, die Welt zu verlassen. Er trat als einfacher Laienbruder in das Kloster von Palma, dessen Oberer Pater Ludwig war. Er lebte da in Tränen süßer Buße unter den Augen seines vielgeliebten Vaters; nach Ablauf seiner Zeit starb er daselbst als Auserwählter.

 

(Ludwig wurde am 18.4.1993 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen und am 23.11.2014 von Papst Franziskus heiliggesprochen.)

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