Rühling, Frühling überall!

 

Vor meinem Fenster sang der Fink:

"Heraus ins Freie, frisch und flink!

Der Frühling ist ja kommen!"

Ich ging noch in der Mauern Kluft,

da kam schon lind und lau die Luft

entgegen mir geschwommen.

 

Und wie ich schreite durch das Tor,

steigt jubelnd eine Lerch' empor,

als flög' sie in den Himmel.

Lustwandelnd lenk' ich queerfeldein:

Blauveilchen duftet schon am Rain,

am Bach die goldne Primel.

 

Wohin ich seh', die Bäume weiß

und laubig schon der Büsche Reis

und sammetgrün die Halde.

Und wie ich wieder steh' und horch':

Am Weiher klappert laut der Storch,

der Kuckuck ruft im Walde.

 

So lug' und lausch' ich, bis von fern

am Himmel blinkt der Abendstern

und rings die Glocken gehen.

Nun tracht' ich heim: O Nachtigall,

da bringt mir deines Liedes Hall

der Nachtluft sanftes Wehen!

 

Und so ich nochmals rückwärts schau',

erglühen Wald und Strom und Au

im goldnen Abendrote. -

O Finke, dess' gedenk' ich lang,

wie mich herausgelockt dein Sang,

du lieber Frühlingsbote!

 

Friedrich Güll

 


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