Wenn du noch eine Mutter hast

 

Wenn du noch eine Mutter hast,

so danke Gott und sei zufrieden;

nicht allen auf dem Erdenrund

ist dieses hohe Glück beschieden.

Wenn du noch eine Mutter hast,

so sollst du sie mit Liebe pflegen,

dass sie dereinst ihr müdes Haupt

in Frieden kann zur Ruhe legen.

 

Sie hat vom ersten Tage an

für dich gelebt mit bangen Sorgen;

sie brachte abends dich zur Ruh'

und weckte küssend dich am Morgen.

Und warst du krank, sie pflegte dich,

den sie mit tiefem Schmerz geboren;

und gaben alle dich schon auf -

die Mutter gab dich nicht verloren.

 

Sie lehrte dich den frommen Spruch,

sie lehrte dich zuerst das Reden;

sie faltete die Hände dein

und lehrte dich zum Vater beten.

Sie lenkte deinen Kindersinn,

sie wachte über deine Jugend;

der Mutter dankst du es wohl auch,

wenn du nicht wichst vom Pfad der Tugend.

 

Und hast du keine Mutter mehr

und kannst du sie nicht mehr beglücken,

so kannst du doch ihr frühes Grab

mit deinen Blumenkränzen schmücken.

Ein Muttergrab, ein heilig Grab,

für dich die ewig heil'ge Stelle!

O, wende dich an diesen Ort,

wenn dich umtost des Lebens Welle!

 

Albert Träger

 


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