Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.

 

Der heilige Kaiser Heinrich II.

 

Zum göttlichen Heiland kam einst ein junger Mann und sprach zu ihm: "Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?" Der Heiland antworte ihm: "Halte die Gebote!" Der junge Mann darauf: "Das habe ich von meiner Jugend an getan; was fehlt mir noch?" Und der Heiland wieder: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben." Als aber der junge Mann das hörte, ging er traurig davon, denn er besaß viele Güter.

 

Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: "Wahrlich, ich sage euch: Es ist schwer, dass ein Reicher in das Himmelreich eingeht. Ja ich sage es euch noch einmal: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Himmelreich eingeht." (Matthäus 19,16)

 

Als die Jünger das hörten, heißt es, staunten sie sehr und des Staunens und Nachdenkens über diese ernsten Worte ist bis heute noch kein Ende.

 

In der Tat! Will der Heiland mit diesen Worten die Reichen allesamt ausschließen vom Himmel? Hat er, der doch gekommen ist zu suchen und selig zu machen, was verloren war, kein Plätzchen mehr für sie übrig in seinem Reich? 

 

Nein, so ist es nicht gemeint. So kann es nicht gemeint sein. Der Heiland schaut aufs Herz und nicht auf den Rock. Reichtum und hohe Stellung an sich schließt nicht aus von der Seligkeit. Auch der Begüterte und Vornehme dieser Welt hat das Recht auf einen Platz im Reich Gottes. 

 

Auch die Reichen können heilig werden.

 

Auch unter den Heiligen sind Männer und Frauen, die auf Erden einst auf des Lebens Höhen wandelten. Fast von allen Fürstenthronen kommen sie: Ein heiliger König Stephan von Ungar, ein heiliger König Eduard von England, ein heiliger König Ludwig von Frankreich, ein heiliger Markgraf Leopold von Österreich, eine heilige Königin Elisabeth von Portugal, eine heilige Königin Brigitta von Schweden, eine heilige Landgräfin Elisabeth von Thüringen, eine heilige Herzogin Hedwig von Schlesien und viele andere.

 

Auch ein deutscher Kaiser, der des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Krone trug, steht im Kalender, der heilige Heinrich. 

 

Er war ein Fürstenkind, als Sohn des Herzogs Heinrich von Bayern und der burgundischen Prinzessin Gisela im Jahr 973 geboren.

 

Was seine Eltern ihm noch Besseres mitgaben als seine hohe Abkunft, das war eine vorzügliche christliche Erziehung. Einen besseren Lehrmeister aller christlichen Tugend und Wissenschaft hätte Heinrich nicht finden können als den heiligen Bischof Wolfgang von Regensburg, dem die Erziehung des jungen Fürstenkindes anvertraut worden war. Zeitlebens bewahrte Heinrich diesem seinem Lehrer die größte Dankbarkeit, und wenn ihr wieder einmal über dem Neckar drüben in unsere alte Martinskirche hineinkommt, dann seht euch das große Bild an der linken Kirchenwand an, auf dem Kaiser Heinrich am Grab des heiligen Wolfgang, seines einstigen Erziehers, betend dargestellt ist.

 

Nach dem Tod seines Vaters ging im Jahr 995 der bayerische Herzogshut auf ihn über und als im Jahr 1002 Kaiser Otto III. auf einer Romfahrt plötzlich gestorben war, fanden die Fürsten keinen Würdigeren, den sie zum Oberhaupt des Reiches wählen konnten, als den Bayernherzog Heinrich, der als König und Kaiser den Namen Heinrich II. führt.

 

Mit außerordentlicher Berufstreue widmete er sich während der 22 Jahre seiner Regierung den Arbeiten und Sorgen seines hohen Amtes.

 

Mit Entschlossenheit und Tapferkeit führte er das Schwert zur Erhaltung des Reiches gegen alle inneren und äußeren Feinde. Bald stand er im Kampf im Osten an der Oder und Weichsel, wo der Herzog Boleslaus von Polen immer wieder das Reich beunruhigte und brandschatzte; bald kämpfte er im Westen an Maas und Yser gegen den Grafen Balduin von Flandern; bald rief die Südmark des Reiches seinen Schutz an und in denselben Gegenden an der Piave und Brenta schlug schon im Jahr 1004 Heinrich seine Zelte auf, unter denen er damals die heilige Karwoche und das Osterfest im Kriegslager beging. 

 

Musste er so beinahe während seiner ganzen Regierungszeit die Hand am Schwert halten, so widmete er sich mit nicht geringerem Eifer seiner zweiten Kaiserpflicht, der Verwaltung seines weiten Reiches. Wo es die Unschuld zu schützen und den Schuldigen zu strafen galt, war der Kaiser da. Auf vielen Reichsversammlungen beriet er mit den Fürsten des Landes Wohl. Auf den Synoden der Bischöfe regelte er mit ihnen die kirchlichen Angelegenheiten, wobei er der Reinerhaltung des christlichen Ehebundes, als der Grundlage alles staatlichen Gedeihens, seine besondere Aufmerksamkeit zuwandte.

 

Eine Herzensangelegenheit war dem Kaiser das gute Einvernehmen zwischen den beiden Gewalten, der staatlichen und der kirchlichen, die enge Verbindung von Thron und Altar, aus der er für beide reichsten Segen erwartete.

 

Im Jahr 1014 war er bei Papst Benedikt VIII. in Rom und empfing aus dessen Händen unter feierlichem Zeremoniell während des Hochamtes am 14. Februar Krone und Salbung.

 

Im Jahr 1020 empfing er den Papst bei sich in Deutschland und feierte das Osterfest jenes Jahres mit dem Oberhaupt der Kirche im Dom zu Bamberg.

 

Im Jahr 1021 zog der Kaiser wiederum nach Italien, um dem Papst Waffenhilfe zu leisten im Kampf gegen die Sarazenen und Griechen, die Rom bedrohten.

 

Überhaupt war dem heiligen Kaiser das Wohl der Kirche Gottes immer die erste und letzte Sorge und der Zweck all seiner Bemühungen, weil er fest davon überzeugt war, dass von der vollen Entwicklung und freien Entfaltung der christlichen Religion auch des Reiches Blüte und die Wohlfahrt seiner Völker abhänge.

 

Es war ein Leben reich an Arbeit und Verdienst, das zu Ende ging, als Kaiser Heinrich der Heilige am 14. Juli 1024, erst 52 Jahre alt, im Herrn entschlief. Von der Verehrung des Volkes umgeben steht sein Grabmal im Dom zu Bamberg, wo er an der Seite seiner Gemahlin, der heiligen Kunigunde, ruht, mit der er in geschwisterlich-keuscher und doch herzinniger Ehe verbunden gewesen war. Sein Name aber steht, seitdem Papst Eugen im Jahr 1146 ihn heiliggesprochen, unter den Großen im Himmelreich.

 

So ist das äußere Leben unseres heiligen Kaisers verlaufen. doch ist jetzt immer noch die Frage offen und hat keine Beantwortung gefunden: Wie kommt der Mann vom Kaiserthron zur Ehre des Altars? Wenn es doch so schwer und fast unmöglich sein soll, dass ein Reicher in den Himmel kommt, zu welcher Tür ist dann der heilige Heinrich ins Himmelreich eingegangen?

 

Der Heiland selbst beantwortet unsere Frage an der Spitze seiner Reichspredigt auf dem Berg: "Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich."

 

An dieses Wort, so seltsam es auch klingt, hat der Heilige auf dem Kaiserthron sich gehalten. Nach diesem Wort hat er sein Leben eingerichtet. Auf diesem Weg hat er das Himmelreich und den Heiligenschein erworben.

 

Ja fürwahr, es ist ein seltsames und ungewohntes Wort: "Selig sind die Armen!"

 

Das hatte bisher noch niemand zu sagen gewagt und auch heute noch wollen viele es ihm nicht nachsprechen: "Selig sind die Armen!"

 

Ganz anders lautet der Ruf, der durch die Welt geht: Selig sind die Reichen, denen ihre Mittel allen Genuss und alle Vergnügen erlauben! Und ich habe noch keinen Armen getroffen, der sich ob seiner Armut wollte glücklich preisen lassen. 

 

So meint es auch der Prediger auf dem Berg nicht. Nicht die äußere Armut preist er selig, nicht die Armut an irdischem Besitz. Sonst gäbe es in unserer Zeit gar viele Heilige. Vielmehr fügt der Heiland bedeutungsvoll hinzu: "Selig sind die Armen im Geist."

 

Wer aber ist nach Christi Sinn arm im Geist? Der heilige Thomas von Aquin legt das Wort aus, indem er sagt: "Arm im Geist ist derjenige Mensch, der es ein für alle Mal aufgegeben hat, aus sich selbst etwas sein zu wollen, groß zu tun und sich zu brüsten."

 

Wer stolz und eingebildet ist, bei wem das "Ich" das Hauptwort ist, nach dem sich alles richten muss, der ist nicht arm im Geist.

 

Wer gern zu seinem eigenen Lob redet und reden hört, der ist nicht arm im Geist. 

 

Wer sich aus seinen Erdengütern einen babylonischen Turm baut, von dem aus er Gott selber Trotz bieten kann, der ist nicht arm im Geist.

 

Wer, auch wenn er nichts besitzt, doch wenigstens mit seinen Wünschen und Ansprüchen oben hinaus will, der ist nicht arm im Geist.

 

Arm im Geist ist nur der, er mag viel oder wenig im Geldschrank haben, der sein Herz nicht an Geld und Gut hängt und im Reichtum nicht seine Seligkeit findet.

 

Arm im Geist ist der, der von seinem Überfluss gern und opferfreudig auch dem Dürftigen mitteilt.

 

Arm im Geist ist der, der bei allen Talenten und Vorzügen demütig bleibt und weiß, dass er nichts aus sich selber hat, seine Sünden ausgenommen.

 

Arm im Geist ist der, der in allem und für alles Gott die Ehre gibt und mit dem Apostel spricht: "Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin" (1. Korinther 15,10); "nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre" (Psalm 115,1).

 

Diese Armut im Geist ist es, die der Heiland seligpreist. Diese Gesinnung war des heiligen Kaisers Heinrich Grundtugend und Himmelsweg.

 

Reich an irdischen Gütern blieb er arm im Geist. Glänzend im Schmuck des Hermelins und der Kaiserkrone blieb er demütig wie ein Kind.

 

Arm im Geist stieg er von der Höhe des Thrones hernieder, legte seine Krone ab und kniete im Staub vor dem höchsten König, von dem alle irdischen Herrscher ihre Kronen zu Lehen haben. "Nihil sine pecibus aggredi solitus" rühmt das Brevier von ihm, "er war gewohnt, nichts zu unternehmen ohne Gebet". Von Kind auf liebte und übte er das Gebet, täglich sah man ihn beim heiligen Opfer, oftmals kniete er an der Kommunionbank. 

 

Arm im Geist besaß und benützte er die irdischen Güter so, als besäße er sie nicht (1. Korinther 7,30). Reichlich flossen die Mittel, über die er zu verfügen hatte, aus seiner Hand zu Werken der Gottesliebe und Nächstenliebe jeglicher Art. "Religiosae munificentiae vestigia passim reliquit", fährt die Kirche zu seinem Lob fort, "allenthalben hinterließ er die Spuren seiner Freigebigkeit". Hunderte von Kirchen hat er erbaut oder wiederhergestellt. Zahllose Klöster hat er errichtet zur Verbreitung christlicher Kultur. Dom und Bistum Bamberg besonders verehren ihn als ihren Stifter.

 

Arm im Geist wandte er sein Herz ab von all dem Prunk, der ihn umgab, und wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er sich aus der Welt geflüchtet, wie seine Lebensbeschreibung berichtet: er habe einmal allen Ernstes begehrt, im Kloster Verdun als Mönch aufgenommen zu werden und er hätte gern die letzte Zelle im Kloster eingetauscht gegen den ersten Thron der Welt.

 

So hat die Armut im Geist seine hohe Stellung in rechten Einklang gebracht zu den Geboten Christi und die Hindernisse weggehoben, die sich für den Reichen auftürmen vor dem Eingang ins Himmelreich.

 

So kommt beim Lebensbild unseres Heiligen der äußere Rahmen und der innere Gehalt in die schönste Harmonie. Ebenso kurz als treffend fasst die Kirche in ihrem Breviergebet beides zusammen: "sanctitate quam sceptro clarior er war strahlend in der Kaiserkrone, strahlender im Heiligenschein." 

 

Nicht darauf also kommt es beim Heiligwerden an, ob einer reich oder arm auf Erden ist.

 

Es gibt Reiche, die in den Himmel kommen, weil sie arm im Geist geblieben sind. Einen Nikodemus hat der Herr nicht abgewiesen von seiner Tür, weil er ein besseres Kleid anhatte und an der Schwelle eines Zachäus ist er nicht vorübergegangen, obwohl der Mann "reich war" (Lukas 16,2).

 

Es gibt Arme,