Unsere Armen Seelen 1

 

Den Armen Seelen helfen ist das größte Liebeswerk

 

Zwischen den zwei Mitgliedern aus dem Orden des heiligen Dominikus, Bertrand und Benedikt, entstand einst ein frommer Streit über die Frage, welches Liebeswerk größer sei, den Seelen im Fegfeuer zu helfen, oder an der Bekehrung der Sünder zu arbeiten. Bertrand eiferte für die Bekehrung der Sünder. Für sie las er beständig die Heilige Messe und opferte er alle seine Abtötungen und Gebete auf. "Die Sünder," sagte er, "sind der Gnade Gottes beraubt und augenblicklich in Gefahr, ewig verloren zu gehen. Für die Sünder ist der Sohn Gottes auf die Erde gekommen und am Kreuz gestorben. Kann es darum etwas größeres geben, als mit ihm an deren Bekehrung tätig zu sein? Die Seelen des Fegfeuers sind bereits gerettet und des ewigen Heils gewiss." - Benedikt dagegen verteidigte die Sache der Armen Seelen und sagte: "Die Sünder sind selbst schuld an ihrem unglücklichen Zustand, und jeden Augenblick können sie ihn verlassen, wenn sie nur wollen, indes die Seelen im Fegfeuer wie in einem Gefängnis zurückgehalten sind, ohne sich selber befreien zu können. So ist es also besser," folgerte er, "sich dieser Armen Seelen anzunehmen." Bertrand gab sich aber nicht besiegt, obwohl er auf diese Gründe nicht genügend antworten konnte. Doch siehe da, in der folgenden Nacht hatte er ein Gesicht, das ihn von der Wahrheit, die er bestritten hat, überzeugte; denn von da an opferte er alle seine Heiligen Messen, Bußwerke und Gebete für die Armen Seelen auf. (Wir wissen: Man soll das eine tun, aber das andere nicht unterlassen; für die Sünder und für die Seelen des Fegfeuers beten, sind nicht Sachen, die sich gegenseitig ausschließen.)

 

(Aus: Der Monat November, dem Gedächtnis der Seelen im Fegfeuer geweiht, P. St. Dosenbach SJ, 1876 Freiburg im Breisgau)

 

 

Selbst geringe Sünden werden schwer von Gott gestraft

 

Der gottselige Pater Salvator, Kapuziner-Ordenspriester, starb im Jahr 1711 zu Palermo, nach einem Leben voll der guten Werke, nach großen Wundertaten und Weissagungen im Ruf großer Heiligkeit. Zu seiner Leiche entstand ein ungeheurer Zulauf, und man riss sich um die armseligsten Dinge, die ihm gehört hatten, wie um den größten Schatz. Außerordentlich viel wunderbare Heilungen erfolgten auch nach seinem Hinscheiden auf Anrufung seiner Fürbitte. Als aber eine heiligmäßige Klosterfrau dennoch auf Befehl ihres Beichtvaters eifrig für ihn betete, erblickte sie zwar seine Seele in großer Glorie, erhielt aber auch die Offenbarung, dass dieser so heilige Mann erst nach einer Viertelstunde Fegfeuers zu den himmlischen Freuden gelangte.

 

(Aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternenhimmel, 1894, 29. November)

 

 

 

Eine Vision der heiligen Gertrud

 

Dass die Armen Seelen nicht früher in den Himmel eingehen können, als bis sie von ihren Makeln vollkommen gereinigt sind und entweder durch ihre Peinen oder durch das, was für sie geleistet wird, vollkommene Genugtuung erreicht haben, zeigte Jesus der heiligen Gertrud durch folgende Vision: Die Heilige erblickte die Seele einer sehr tugendhaften Nonne. Sie stand vor dem Herrn in den Schmuck der Liebe gekleidet; aber sie wagte nicht, ihre Augen zu ihm zu erheben, und zeigte durch Gebärden sogar ihr Verlangen, von ihm fern zu sein. Verwundert darüber fragte Gertrud den Herrn: "Gnädigster Gott! Warum nimmst du diese Seele nicht in die Arme deiner unendlichen Liebe auf, und was sind das für sonderbare Gebärden des Misstrauens?" Da streckte der Heiland liebevoll seine Rechte aus, wie wenn er die Seele näher an sich ziehen wollte; sie aber zog sich mit tiefster Demut vor ihm zurück. Noch mehr erstaunt fragte nun Gertrud die Seele, warum sie vor dem himmlischen Bräutigam zurückfliehe, der doch so würdig sei geliebt zu werden, und erhielt zur Antwort: "Weil ich noch nicht vollkommen von den Flecken gereinigt bin, die meine Sünden hinterlassen haben. Und wenn er mir in diesem Zustand den freien Eintritt in den Himmel gewährte, so würde ich ihn nicht annehmen. Denn so glänzend ich auch in deinen Augen erscheine, weiß ich doch, dass ich noch keine passende Braut meines Herrn bin."

 

 

Durch was man gesündigt, wird man bestraft

 

Im Leben des heiligen Hugo, des Abtes von Clugny, berichtet Surius von einem Erzbischof von Toulouse, namens Durand, der spaßhafte und müßige Reden gerne hörte und auch selbst führte. Da dieser Erzbischof früher Mönch im Kloster des heiligen Hugo gewesen war, verwies ihm der Heilige öfters seine Gewohnheit und fügte hinzu: "Wenn du dich nicht besserst, wirst du dafür ein besonderes Fegfeuer zu bestehen haben." Nicht lange danach verschied Durand und erschien dann dem heiligmäßigen Mönch Siguinus mit einem sehr aufgedunsenem Mund, und die Lippen waren garstig zersprungen. Flehentlich bat er ihn, er möchte zum Abt Hugo hingehen und ihn bitten, dass er für ihn bete, weil er für seine Späße und müßigen Worte, die er auch nach seiner Zurechtweisung nicht hatte aufgeben wollen, im Fegfeuer mit den empfindlichsten Peinen gequält würde. Siguinus zeigte die Sache dem Hugo an, der sieben auserwählten Brüdern ein siebentägiges Stillschweigen auferlegte, damit des Mundes Ausschweifung durch des Mundes Gehorsam gereinigt würde. Während die anderen gehorchten, brach einer von ihnen das Stillschweigen, weshalb Durand dem Siguinus wieder erschien und über den Ungehorsam des Bruders klagte, weil er dadurch seine Befreiung verzögert habe. Siguinus ging mit dieser Botschaft zum Abt. Dieser fand die Sache der Wahrheit gemäß, legte einem andern das Stillschweigen von sieben Tagen auf, und nach Ablauf dieser Zeit erschien Durand zum dritten Mal im erzbischöflichen Anzug, mit heilem Mund und dankte dem Abt und den Mönchen für die Wohltat der Befreiung.

 

Vollständiges Lexikon für Prediger und Katecheten, Band IV, Thomas Wiser, Regensburg 1862, S. 262)

 

 

Hundert Jahre Fegfeuer

 

In den Offenbarungen der heiligen Mechthild lesen wir: Als die heilige Äbtissin einst darüber nachdachte, wie unermesslich groß die Güte Gottes sei, sagte der Herr zu ihr: "Komm und betrachte den geringsten von allen Glückseligen, die im Himmel sind, denn in ihm kannst du meine Güte erkennen." Alsdann wurde sie im Geist in den Himmel versetzt, und als sie daselbst aufmerksam umhersah, um zu erfahren, wer derjenige sei, von dem der Herr gesprochen hatte, da kam ihr ein Mann von königlicher Pracht und Würde entgegen. Sein Angesicht war edel, schön und glanzvoll, zudem war er äußerst liebreich. Sie fragte ihn, wer er sei, und wie er zu einer so hohen Herrlichkeit gekommen sei. Darauf antwortete er: "Auf der Erde war ich ein Räuber und Übeltäter. Doch ich habe das Böse mehr aus einer gewissen Unwissenheit und Gewohnheit, die ich von den Eltern erhalten hatte, als aus Bosheit verübt. Deshalb habe ich am Ende durch die Buße Barmherzigkeit erlangt. Ich bin aber hundert Jahre in dem Ort der Qualen gewesen und habe viele Peinen zu meiner Reinigung ausgestanden. Jetzt bin ich durch die unverdiente Güte Gottes hierher in die Ruhe geführt worden."

 

 

Pastorales für Priesterfreunde der Armen Seelen

 

Die selige Katharina Emmerich erzählte einst ihrem Beichtvater, wie sie ihr heiliger Schutzengel ins Fegfeuer geführt, und was sie da gesehen habe: "Ich sah den Reinigungsort. Es war mir, als werde ich in einen tiefen Abgrund geführt. Da sah ich einen großen Raum. Es war rührend zu sehen, wie die Armen Seelen darin so still und traurig sind. Sie haben aber doch etwas im Antlitz, als tragen sie noch Freude im Herzen im Andenken an Gottes Barmherzigkeit."

 

An dieses Gesicht knüpfte nun die Selige an ihren Beichtvater noch die innigste Bitte: "Belehren Sie doch die Leute im Beichtstuhl, dass sie eifrig für die Armen Seelen im Fegfeuer beten; denn diese werden aus Dankbarkeit auch für sie beten. Und es ist das Gebet für die Armen Seelen Gott so unendlich wohlgefällig!"

 

Wahrlich gerade im Beichtstuhl hat der Priester die beste Gelegenheit, die Armenseelen-Andacht bei einzelnen Personen wie für ganze Familien auszubreiten. Das Hereinziehen der Armenseelen-Andacht in das Gericht der Gnade hat aber einen doppelten pastoralen Vorteil.

 

Fürs erste wirkt gewiss auf den Sünder erschütternd die christliche Wahrheit und Lehre, dass auch die geringste Sünde im Jenseits so entsetzlich und oft so lange gestraft werde. Der Beichtende fängt nun an, auch ans Jenseits zu denken und das gewiss mit dem heilsamsten Erfolg für sein religiöses Verhalten in der Zukunft. - Während aber die Erinnerung an Tod und Hölle oft abstößt, zieht die Erinnerung an das Fegfeuer, fast möchte man sagen, mit wunderbar zarten Banden an. 

 

Fürs zweite ist Gott gewiss nichts angenehmer, als wenn ein Armer einem noch Ärmeren zu Hilfe zu kommen sucht. Gibst du daher als Beichtvater eine Buße auf, deren Gewinn den Armen Seelen zugewendet werden soll, so hilft der arme Sünder, der selbst der Erbarmung bedarf, den verlassensten und Gott angenehmsten Seelen. Daher lässt aber Gottes Erbarmen in Erfüllung gehen, um was der Christ täglich betet: "Vergib uns unsere Schuld." Dieser Liebesakt, die Buße für die Armen Seelen zu verrichten, ist, wenn im Geist erfasst, ein heldenmütiger, denn derjenige, der diesen Akt übt, überlässt sich in Hinsicht seiner Sündenstrafschuld Gottes Barmherzigkeit und gibt großmütig sein Strafentilgungsverdienst hin für diejenigen, die Gottes Gerechtigkeit im schrecklichen Kerker des Peinigungsortes zurückhält. Aus diesem Grund leuchtet es auch ein, dass das Beichtkind nicht nur dadurch nichts verliert, sondern vielmehr allseitig gewinnt, wenn der Beichtvater ihm auferlegt, die Buße für die Armen Seelen zu verrichten, denn dieser heldenmütige Selbstentäußerungsakt zwingt gleichsam das Herz des Richters gegen denjenigen, der ihn ausübt, nicht weniger großmütig zu sein, und so hat dieses jedenfalls zur Folge, dass dessen Verdienst sehr vermehrt, und dass auch die ihm zugemessene Strafe um ein bedeutendes vermindert wird. 

 

 

Über die Hilfe, welche die Engel den Verstorbenen erweisen

 

Im Leben der seligen Cäcilia Lampugnana liest man, sie sei drei Tage nach ihrem Tod erschienen und habe bezeugt, dass sie im Fegfeuer von ihrem Schutzengel, den sie sehe, sehr getröstet werde. Auch setzte sie hinzu, dass sie ihn bald bitten wolle, sich zum Vorsteher der Kirche des heiligen Grabes zu begeben, damit er Seelenämter für sie halte, wodurch sie großen Nachlass ihrer Leiden erhalten werde. Ferner liest man von der seligen Cäcilia, einer Dominikanerin, dass sie in ihrem Leben die Gewohnheit gehabt habe, allzeit etwas von ihrem Trank aufzubewahren, um damit den dürstenden Heiland am Kreuz zu tränken. Nachdem sie nun nach ihrem Tod ins Fegfeuer verurteilt worden war, sei sogleich ein Engel mit einer goldenen Schale voll Wasser gekommen, habe die Flammen um sie herum ausgelöscht und sie in den Himmel eingeführt. Endlich liest man auch, dass ein Jüngling, der sich schlafen gelegt hatte, ohne seinen gewöhnlichen Rosenkranz für die armen Seelen gebetet zu haben, von seinem Engel geweckt wurde, indem diese Seelen täglich ein Opfer von ihm verlangten. In der Heiligsprechungsbeschreibung des heiligen Bernardin liest man von einem Toten, der wieder zum Leben auferweckt worden war, dass er den heiligen Franziskus im Himmel von unzähligen Ordenskindern, deren sehr viele er aus dem Fegfeuer erlöst hatte, umgeben gesehen habe. Ferner schreibt Baronius in seinen Jahrbüchern vom Jahr 647, dass der heilige Dionysius, der heilige Mauritius und der heilige Martin den König Dagobert von Frankreich, der zu ihrer Ehre drei Kirchen hatte erbauen lassen, aus dem Fegfeuer befreit haben. Endlich erzählt man, wie Boudon schreibt, nach einer himmlischen Offenbarung, dass, nachdem einst der heilige Johannes die allerseligste Jungfrau gebeten hatte, sich einer Seele, die in den Flammen des Fegfeuers litt und große Andacht zu ihr gehabt hatte, zu erbarmen, der allgütige Gott diese sogleich daraus erlöst habe.

 

(Aus: Joseph Ackermann, Trost der armen Seelen, S. 55, Dülmen i. Westf., Laumann 1931)

 

 

Was der heilige Augustin über den Tod seiner Mutter berichtet

 

Wer kann ohne innige Rührung lesen, was der heilige Augustin im 13. Buch seiner Bekenntnisse über den Tod seiner Mutter, der heiligen Monika, berichtet?

 

"Mein Bruder äußerte den Wunsch, dass sie nicht in der Fremde, sondern in ihrem Vaterland sterben möchte. Darauf sah sie ihn an, mit ihrem Blick ihn strafend, und sagte dann zu uns beiden: Begrabt diesen Leib, wo ihr wollt; macht euch keine Sorgen um ihn. Um das eine bitte ich euch, dass ihr, wo ihr immer sein möget, am Altar des Herrn meiner gedenkt. Angesichts ihres Leichnams wurde das Opfer unserer Erlösung dargebracht, und sie dann unter Gebeten in die Erde versenkt." - Nachdem nun Augustin seinen Schmerz über ihren Verlust ausgedrückt hat, wendet er sich zu Gott: "Jetzt bitte ich dich, absehend von den guten Werken meiner Mutter, wofür ich dir freudig danke, um Vergebung für ihre Sünden. Erhöre mich um dessentwillen, der, die Arznei unserer Wunden, am Kreuz gehangen und jetzt sitzend zu deiner Rechten für uns bittet. Ich weiß, dass sie Barmherzigkeit geübt und von Herzen ihren Schuldigern vergeben hat: vergib nun auch ihre Schulden. Vergib, o Gott, ich bitte dich, vergib und gehe nicht mit ihr ins Gericht. Deine Barmherzigkeit gehe über das Gericht, weil deine Aussprüche wahr sind und du Barmherzigkeit dem Barmherzigen versprochen hast . . . . Doch ich glaube, du hast schon getan, um was ich bitte . . . . ; denn als ihr Tag ihrer Auflösung nahe war, dachte sie nicht daran, dass ihr Leib mit Pracht begraben oder in Spezerei gelegt werden möchte. Auch verlangte sie kein herrliches Denkmal, noch ein Grab in ihrem Vaterland. Nichts von alledem trug sie uns auf, nur das eine verlangte sie, dass ihrer bei deinem Altar gedacht werde, dem sie ohne eines Tages Unterbrechung gedient hatte, weil sie wusste, dass dort das heilige Schlachtopfer ausgeteilt werde, wodurch die Handschrift ausgelöscht ist, die gegen uns war." . . . . Schließlich empfiehlt er allen Lesern seiner Bekenntnisse, am Altar zu gedenken seiner Mutter Monika und seines Vaters Patricius, damit sie durch das Gebet vieler reichlicher das erlangen, was sie zuletzt begehrt haben.

 

(Aus: Der Monat November, dem Gedächtnis der Seelen im Fegfeuer geweiht, P. St. Dosenbach SJ, 1876 Freiburg im Breisgau)

 

 

Unterschätze die Peinen des Fegfeuers nicht

 

Der seige Heinrich Suso fing an, bei seiner zunehmenden Vertraulichkeit mit Gott verhältnismäßig gering von den Peinen des Fegfeuers zu denken. Da warnte ihn der Herr und sagte ihm, dass ihm das sehr missfalle.

 

Der heiligen Katharina von Genua wurden in einem Gesicht die Peinen des Fegfeuers gezeigt. Sie äußerte sich darüber: "Von welcher Bedeutung das Fegfeuer ist, kann keine Zunge aussprechen, kein Verstand begreifen. So viel ich sehe, ist seine Pein fast der Hölle gleich."

 

(Aus: Der Monat November, dem Gedächtnis der Seelen im Fegfeuer geweiht, P. St. Dosenbach SJ, 1876 Freiburg im Breisgau)

 

 

Komme dem Fegfeuer zuvor

 

Man soll in diesem Leben dem Fegfeuer zuvorkommen, indem man mit größter Behutsamkeit jede Sünde meidet und lieber die verhältnismäßig so kurzen und leichten Bußwerke in diesem Leben auf sich nimmt, als den langwierigen und schweren Peinen im Fegfeuer sich aussetzt. - In England war ein Mann namens Drithelm gestorben. Da man schon alle Anstalten zu seiner Bestattung machte, erwachte er wieder zum Leben und sagte offen: "Gott hat mir die Gnade erwiesen, in das Fegfeuer hineinzuschauen und zu fühlen, was die Seelen im Reinigungsort zu erdulden haben, und hat mir dann gestattet, in das Leben zurückzukehren und Buße zu tun." In der Tat führte der von Gott Begnadete von der Zeit an ein wunderbares und über alles strenges Leben. Sogleich verteilte er sein ganzes Vermögen unter seine Kinder und einen großen Teil davon unter die Armen, zog sich in ein Kloster zurück und unterzog sich dort den allerstrengsten Bußwerken. Er hielt Nachtwachen mit Gebet, fastete und übte die strengste Abtötung in jeder Weise. Bisweilen warf er sich über glühende Kohlen und litt auf ihnen die grässlichsten Brandwunden; und als man ihm darüber Vorwürfe machte, gab er zur Antwort: "Ich habe heißere Dinge gesehen." Bisweilen warf er sich bei der strengsten Winterkälte in das mit Eis überdeckte Wasser, und als man ihm zuredete, er möchte das nicht tun, gab er zur Antwort: "Ich habe kältere Dinge gesehen." Bisweilen zerfleischte er seinen Leib, indem er durch Dornenhecken ging, auf spitzen Steinscherben sich legte und mit bloßem Leib auf ihnen schlief: und als man ihn fragte, warum er seinen Körper so entsetzlich martere, gab er zur Antwort: "Ich habe schmerzlichere Dinge gesehen."

(Aus: Der ehrwürdige Kirchenlehrer Beda, Buch 5)

 

 

Die Erlösung der armen Seelen erfolgt oft lange nicht

 

Der heilige Ludwig Bertrand versichert, die Seele seines Vaters sei acht Jahre lang im Fegfeuer gewesen, und doch war sein Vater ein Mann Gottes, der sogar mit außerordentlichen Gnaden, wie z.B. mit mehreren Erscheinungen von Heiligen, die mit ihm Umgang hatten, beehrt wurde. Zudem war sein Sohn einer der großen Heiligen der letzten Jahrhunderte, der, als er ihn auf eine Weise leiden sah, die auch selbst die gefühllosesten Herzen rühren würde, nicht vergaß, seine Leiden zu lindern. Er betete nämlich während dieser Jahre für ihn unendlich viele Psalter und Rosenkränze, fastete außerordentlich streng, geißelte sich jeden Tag bis aufs Blut, brachte das heilige Messopfer dar. Und doch konnte dieser Heilige, dem Gott sonst alles, um das er ihn bat, so leicht gewährte, die Erlösung seines Vaters, der ein Mann von hoher Tugend war, erst nach acht Jahren erlangen. Es sagt aber der englische Lehrer Thomas von Aquin, die Seele müsse, um mit ihrem Ursprung im Himmel wieder vereinigt zu werden, eben so rein sein, als sie im Zustand der Unschuld daraus hervorgegangen ist. Das Ebenbild Gottes muss in ihr vollkommen wieder hergestellt sein, und je höher die Herrlichkeit ist, in die sie aufgenommen werden soll, um so vollkommener muss dieses Ebenbild in ihr sein. Denn je nachdem ein Palast prächtiger werden soll, müssen die Steine dazu mehr behauen und geglättet werden, wie auch die Kirche am Kirchweihfest singt: es seien unsere Seelen lebendige Steine, aus denen die himmlische Stadt müsse erbaut werden, und diese müssten dafür durch Leiden geglättet werden.

(Aus: Trost der armen Seelen, Joseph Ackermann, 1846, S. 127)

 

 

Auch kleine Unvollkommenheiten ziehen die Strafe des Fegfeuers herbei

 

Die gottselige Karmeliterin Eleonora, die am 23. November 1620 starb, diente Gott bis zu ihrem Hinscheiden 70 Jahre lang mit solchem Eifer, dass sie für eine vollkommene Dienerin Gottes angesehen wurde. Ihr wurde auch die Gnade zuteil, dass ihr vor ihrem Tod ihre heilige Ordensstifterin Theresia und die heilige Katharina de Christo sichtbar erschienen. Und diese so fromme Ordensfrau musste doch sieben Jahre lang die schmerzliche Pein des Fegfeuers leiden, bis sie endlich durch das viele Gebet und die großen Bußwerke ihrer Mitschwester Franziska, der sie oft erschien, erlöst wurde. Und das hatte sie zu leiden für zwei kleine Unvollkommenheiten, denen sie im Leben ergeben war. Sie hatte zu sehr die Wohlgerüche geliebt und in ihrer Zelle unnötige Dinge, wahrscheinlich etwas zur Labung, aufbewahrt.

 

 

Man muss über den Zustand der Verstorbenen nicht vorwitzig nachforschen

 

Zur Belehrung hierfür dient folgende Begebenheit, die Pater Gottfried Henschenius im Leben des heiligen Dionysius, des Kartäusers, in der Fortsetzung der Bollandisten erzählt.

 

"Als nämlich diesem Heiligen der Tod seines Vaters angekündigt wurde, empfand er das größte Herzeleid darüber, weil er ihm wegen der von ihm sowohl in Bezug auf die Sitten, als auch auf die Wissenschaften erhaltenen vortrefflichen Erziehung mit vorzüglicher Liebe und Dankbarkeit zugetan war. Zugleich war er aber sehr begierig, etwas über dessen Zustand in der anderen Welt zu erfahren. Er nahm sich daher vor, darüber ein Zeichen von Gott zu begehren. Als er sich einmal nach der Vesper in seiner Zelle mit besonderem Eifer und Vertrauen zu diesem Zweck im Gebet zu Gott wandte, hörte er eine helle Stimme vom Himmel, die ihm zurief: "Was nützt es, dass du dich durch diesen eitlen Vorwitz so sehr quälen lässt? Wie viel besser würdest du tun, wenn du dein Gebet nicht dafür verwenden würdest, um zu wissen, wie es mit der Seele deines Vaters stehe, sondern vielmehr, um sie aus dem Feuer zu erlösen, in dem Fall, dass sie sich darin befände? Auf diese Weise wird dein Gebet ihr eine erfreuliche Hilfe, und dir ein großes Verdienst verschaffen." Dadurch sehr betroffen, richtete er sein Gebet nun mit doppeltem Eifer einzig auf die Befreiung seines Vaters, und schon in der nächsten Nacht sah er ihn in erschreckenden Qualen, aus denen er zu ihm jämmerlich um Hilfe rief. Nun hielt der Heilige so lange in seinen eifrigen Gebeten und Bußübungen für ihn an, bis er die tröstliche Nachricht von seiner Erlösung erhielt."

 

Der Geschichtsschreiber fügt hinzu, dass er hierauf zu einem außerordentlichen Eifer entzündet worden sei, den Verstorbenen zu helfen, und dass er auch seine untergebenen Geistlichen dazu ermuntert habe. 

 

(Aus: Trost der armen Seelen, Joseph Ackermann, 1846, S. 110)

 

 

Wie schmerzlich die Fegfeuerqualen sind

 

Der heilige Antonius erzählt: Ein Sterbender, der entsetzlich zu leiden hatte, bat Gott um Befreiung von seinen übergroßen Schmerzen. Da erschien ihm ein Engel und sprach: "Gott hat dein Gebet gehört und mich zu dir gesandt. Er stellt es dir frei, einen einzigen Tag im Fegfeuer oder noch ein Jahr auf Erden zu leiden." Der Sterbende zögerte nicht und sprach: "Ich wähle den einen Tag Fegfeuer; denn da sehe ich doch wenigstens ein baldiges Ende meiner Schmerzen." Bald darauf starb er und seine Seele kam ins Fegfeuer. Da litt er nun so sehr, dass er bald wehklagend ausrief: "Wie bin ich getäuscht! Einen Tag nur sollte ich im Fegfeuer bleiben, und nun bin ich gewiss schon zwanzig Jahre in diesen unaussprechlichen Qualen." Da erschien ihm wieder jener Engel und sprach: "Arme Seele, du irrst dich; das Übermaß deiner Schmerzen täuscht dich über ihre Dauer. Nur kurze Zeit ist es, seitdem du gestorben bist; noch ist dein Leib nicht zur Erde bestattet."

 

(Aus: Der Monat November, dem Gedächtnis der Seelen im Fegfeuer geweiht, P. St. Dosenbach SJ, Seite 76, 1876 Freiburg im Breisgau)

 

 

Nichts Unreines kann in den Himmel eingehen

 

Der heilige Gregor der Große bezeugt, dass der heilige Bischof Germanus die Seele des Kardinals Paschasius, obwohl dieser große Wunderzeichen im Leben gewirkt hatte, wegen eines Eigensinns im Fegfeuer gesehen habe.

 

Der heilige Vincentius bezeugt, dass eine Seele wegen einer einzigen lässlichen Sünde ein ganzes Jahr lang die schwersten Peinen im Fegfeuer zu erdulden hatte.