Vorspiel

 

Der Meister, dem die folgenden Bilder aus der frühesten Kindheit Jesu gelungen sind, ist nach viel Lebenserfahrung aus dem Weltgetümmel in die Mönchskutte geschlüpft. Und wahrhaft, die schöne Beschaulichkeit und fromme Phantasie der Zelle hat hier mit deutscher Einfalt zusammengewirkt und eine rührende, von echtem Weihnachtsduft erfüllte Schilderung vollbracht. Kindlichkeit und Weisheit schufen da zusammen, und wer sich in die Leistung vertieft, wird allen heiligen Zauber seiner einstigen jungen Seele wieder erstehen sehen, wird genau wie damals fühlen, als man ihm zum erstenmal vom Christkind erzählte. Eine wunderbare Reinheit, etwas Unantastbares, wahrhaft himmlisch Keusches, wie es allein solchem Thema entspricht, atmet von Bild zu Bild. Aber auch etwas Märchenseliges hüpft hinein, wie es dem germanischen Gemüt so sehr gefällt. Doch Märchen heißt hier nicht etwas Unwahres, sondern eine poesievolle, legendensüße Ausmalung und Umrahmung der festen Tatsachen. So das Engelgesinde, das hübsche, liebe, das Maria und den kleinen Gott allenthalben umspielt und bedient; so das fromme Zeremoniöse dabei; so der deutsche Tannenwald ringsum, die Tracht und das Gesicht unserer nordischen Lande, ja selbst der alemannische Zug in den heiligen Personen. Es ist einzig schön, wie da Bethlehem und Nazareth auf unsere liebe deutsche Erde herübersiedeln. Manches kehrt in scheinbarer Eintönigkeit wieder; diese Engel, diese Gegenden, diese Stimmungen der Gesichter. Aber es ist die schöne Eintönigkeit unserer Gebete, unserer Liederstrophen, unserer Morgen- und Abendgrüße, wobei der Beter und Sänger doch immer etwas Neues sucht und erlebt. In der Unkindlichkeit unserer Tage, welche Jugend und Frische könnten diese Bilder geben! Im Fieber welche Ruhe, in der Weltlichkeit welche Gottesstille! - Bruder Leser, probier es!

 

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1. Verkündigung

 

Zwischen Himmel und Erde sind viele Briefe hin und her geflogen. Die Schriften des alten Bundes widerhallen davon. Und auch wir Menschen des neuen Bundes, ob wir schon nie einen Engelsittich sehen, leben und wirken in dieser großen Korrespondenz, wo das Wunder zwischen diesseits und jenseits fast wie die tägliche Post verkehrt. Aber nie kam eine gewichtigere Botschaft von drüben als an jenem hellen Morgen, da ins Stübchen Mariens das Ave zum ersten Mal ertönte. Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir! Mit diesem Ave Maria begann das gewaltige Erlösungsdrama der Welt. Wie ein Hornstoß einst die Völkerschlacht, wie ein Säuseln im Waldlaub den Gewittersturm verkündete, so hören wir hier süß und doch so weltengroß das Signal des Kampfes zwischen Gott und Sündenwelt, des heiligen Orkans, der nun erst flüsternd leise, aber dann donnernd und blitzend durch die Welt fährt und ihr aus Leid und Tod und Auferstehen ein neues, schöneres Antlitz, was sage ich, ein neues, tieferes, wärmendes Herz gibt. Was sind die Botschaften in den Fürstensälen, die Berichte in Senat und Kammer, die Meldungen eines Cäsar oder Napoleon an die Menschheit, was sind das für geringe Papierschnitzel gegen jenen Bericht ins stille Gemach der Jungfrau Maria im unbekannten, entlegenen Judendorf? Und groß wie die Sendung war der Empfang: "Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!" Ich bitte den Leser, eine bessere Antwort zu erfinden. Das größte Genie hätte nicht kürzer, würdiger, mächtiger, heiliger antworten können. Im ganzen Plato lese ich nirgends auf eine große Ansprache eine so große Antwort. Ein Mädchen spricht, aber zugleich das gewaltigste und innigste Frauenwesen der Weltgeschichte. Und seitdem läutet das Ave ununterbrochen durch die Erdentale. Es bimmelt von den Türmen, orgelt von den Emporen, betet von unzähligen Lippen und schwingt und singt tagaus tagein in allen Seelen, die Erlösung suchen und Erlösung finden. Das Ave Maria ist der Amselruf eines ewigen religiösen Frühlings geworden. Ave, sei gegrüßt, o sei gegrüßt! - Ave ist das zweitberühmteste Wort der Welt geworden. Vater unser ist das erste. Von ihm eilt das Herz wie vom Vater der Himmel zu ihr, die bei jenem Ave Mutter Jesu und Mutter aller Menschen geworden ist. In die männliche Kraft des Christentums wirft das Ave eine gewisse weibliche Zartheit, in die Orgel des evangelischen: "Du sollst, du musst!" die süßen Harfentöne der innigen, schmiegsamen seelischen Anpassung: "Ich darf, ich will, o wie leicht, o wie gern will ich!" Ave, Ave, ich will! Ich will, wie Gott will. Und so weiß ich jetzt, warum dieses Ave mit seiner frohen Adventstimmung mich morgens früh schon im warmen Bett vom Turm her weckt. Gibt es ein schöneres Morgengebet? Und dann in den staubigen Mittag fällt es wieder so erfrischend. Aber beim Dämmern grüßt es noch einmal: "Gute Nacht, Seele! Gute Nacht, ewiges Heil! Gute Nacht, lieber wachender Gott, seid gegrüßt, ich will, o ich will, immer, wachend und schlafend will ich, was du willst, großer Gott: Deine Ehre, meine Heiligkeit!"

 

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2. Gang zu Elisabeth

 

Maria ging über das Gebirge, um ihrer alten Base Elisabeth vom Wunder zu erzählen, das sie in sich trug. Sie war so in ihr Gottesgeheimnis versunken, dass sie weder Steg noch Weg sah. Aber die Engel hüpften ihr voraus, zogen sie am Ärmel, schoben Stein und Dorn weg, verscheuchten wildes Tier und wilde Menschen und selbst die alte Schlange barg den Kopf im Sand. Die wenigen Bauersleute ringsum fuhren sich über die Stirn, als hätte sie ein goldener Traum gestreift. Da saß auch auf reichem Hof ein mürrisches kinderloses Ehepaar und blickte von gesonderten Fenstern in hartem Geiz über ihre weiten Güter. Seit lange lebten sie entzweit, knauserten jedes in seinen Geldsack und eines hoffte das andere zu überleben. Sie beteten, aber mit Lippen, die wie Geld klirrten, mit Augen wie Geldstücke und um nichts als Geld. Jetzt sahen sie von ferne etwas schimmern, klingen, nahen, etwa Gold? Ach nein, da kam eine Jungfrau wie der heilige Leichtsinn mit einem Haufen kleiner Geschöpfe daher. Schon wollten sie dem Knecht oder dem Hund pfeifen, dass man das Gesindel wegjage. Aber siehe, die Hunde wedeln zur Fremden hinzu, die Knechte knien ab, Palmen und Halme beugen sich und die Wasserbäche musizieren und glänzen wie eitel Silber. Die Jungfrau lächelt traurig zu den Fenstern empor und seufzt: "O ihr Unfruchtbaren!" Und sie faltet die Hände über ihrem gesegneten Leib. Und sogleich, als hätte das Kind im Leib es gehört, scholl es nochmals und ernster wie aus Himmel und Erde und allen Lüften: "O ihr Unfruchtbaren, ihr Unfruchtbaren!" Dann enteilte der Zug und ein großer Schatten fiel übers Land. Die Beiden am Fenster standen wie erstarrt. In diesem Augenblick schlug der Blitz der Gnade ein. Zum erstenmal fühlten die zwei ihren lebendigen Tod, ihr Kaltsein, ihren sonnenlosen Seelenwinter. Dieses traurige Lächeln Mariens und dieses furchtbare Wort: "Unfruchtbar!" weckte sie, wie der Föhn die Gletscher schmilzt. Unfruchtbar! Und ringsum ist Korn und Gras und Vieh in Üppigkeit! Unfruchtbar! Sie wichen von den Fenstern, sahen sich fragend an, die ganze Wehmut eines verdorrten Lebens überkam sie, sie fielen sich um den Hals und jammerten: "Wahrhaft, für wen leben und sterben wir eigentlich? Kein Erbe ist da, keine Liebe, keine Zukunft. Für wen? Für unser metallenes, herzloses Elend und Grab! Und eine ungeheure Leere und Hilflosigkeit umfing sie. Von da an harrten sie Tag und Nacht am Fenster, bis jene herrliche junge Frau wieder vorüberkäme. Und als Maria des Weges zurückging, da knieten sie mit den Knechten und Hunden und einer reuigen Seele vor ihr hin, bogen die Stirnen und beteten: "O du Himmlische, die du den Himmel mit dir trägst, nimm hin, alles ist dein und deines Herren Gut. Nimm, und uns damit!" Da merkte Maria, dass ihr Kind im Leib sein erstes großes Erlöserzeichen getan hatte. Und sie lächelte wie eine Sonne, dass es allen warm wurde, und dankte selig und sang mehr, als sie sprach: "Ein Wunder, ihr Lieben, ist geschehen. Im Winter ging ich gestern hier vorüber und heute kehre ich da im schönsten Frühling zurück. Alles war Eis und jetzt ist alles Blüte. Fruchtbar seid auch ihr zwei fürs ewige Leben geworden." - - - Und es geschah, dass dieses Ehepaar, indem es nun dem Himmel so heiß wie einst der Erde diente, fast hundertjährig wurde und oft dem müden Heiland Milch oder ein Ruhestündlein bot. Ja, die Legende erzählt, von ihren Trauben sei der Abendmahlkelch gefüllt gewesen und hier hätten Petrus und Johannes ihre ersten stillen Messen gefeiert, und im härtesten Winter habe es an den Gräbern dieser zwei "Unfruchtbaren" nie an Immergrün und Blumen gefehlt.

 

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3. Besuch bei Elisabeth

 

Man kann sich das Heim des alten Priesters Zacharias und seiner Ehehälfte Elisabeth nicht gemütlich genug vorstellen. Ich denke mir eine Hügelfalte bei Jerusalem, wo Zacharias noch ab und zu im Tempel amtete. Es wird ein niedriges Landhaus mitten in Oliven- und Ölbäumen gewesen sein, mit einem seligen Blick auf die Dächer der Stadt, vor allem auf die großartigen Tempelgebäude. Friede und Ergebenheit werden in den Kammern des kinderlosen Paares gewaltet haben, fromme Gespräche erschollen, Diener sangen die Psalmen Davids zur Laute, und abends, mitten im Gesinde der Halle sitzend, wurde von der schweren Zeit, dem Niedergang des Vaterlandes, dem Zank unter dem eigenen Volk, dem entsetzlichen Buchstaben- und Formeldienst seufzend gesprochen, aber dann die Heilige Schrift aufgerollt und hoffnungsvoll Spruch um Spruch auf ein nahes Heil gedeutet. Nicht graue Abenddämmerung, frische Morgendämmerung füllte das Haus. Und nun in so hohen Tagen ist Elisabeth noch in Mutterhoffnung gekommen. Einen Heilandkünder und Wegbereiter des Herrn sollte sie der Welt schenken. Das schien so unglaublich, dass der greise Priester zweifelnd den Kopf schüttelte und darob mit Stummheit geschlagen ward. Aber Elisabeth glaubte. Wieder einmal beschämte der Laie den Fachmann, die Schülerin den Lehrer, das schwache das starke Geschlecht. So war nun die Luft geschwängert von Hoffnungen und süßer Zuversicht. Die Seelen zitterten vor heiliger Erwartung. Es tat nicht mehr weh, die Helme der römischen Eroberer herrisch im Sonnenschein durch die heilige Stadt blitzen, die jüdischen Priester sich zanken und die Türen gegeneinander verrammeln zu sehen, der Messias nahte ja, der Weise der Weisen, der Eroberer der Eroberer. Da hörte man eines abends rasche, leichte Schritte den Pfad heraufeilen. Wie von selbst sprangen die Türen auf. Die Schönste der Schönen und die Reinste der Reinen trat ein, die jungfräulich-mütterliche Maria, lächelnd, selig und doch von keuschester Würde umhaucht. Sie hatte das Gebirge überschritten, sie wollte mit ihren priesterlichen Verwandten über das Neue reden, was über sie gekommen und bald über die ganze Welt kommen wird. Und wieder war es nicht der Priester, sondern die schlichte Laienseele der Elisabeth, die wortlos alles auf den ersten Blick begriff: Ja, diese schneeglöckleinhafte Jungfrau, aus deren Augen sozusagen greifbar die Gottheit sah, das war die Mutter des Messias; von ihr kam die Erfüllung hungernder Jahrtausende. Sie fiel dem herrlichen Gast in die Arme, empfing den schönsten Stirnkuss, den es je gab, und rief als die letzte und nächste Heilandssibylle: "Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!" Gab es je eine ergreifendere Frauenumarmung? Da die Greisin aus dem alten Bund, die seinen letzten und hellsten Propheten Johannes stellt; und hier die junge Maria, die den neuen Bund mit dem Heiland selber bringt! Das müde Alter mit seinem letzten, besten Abendstern und die frische Jugend mit ihrer neuen Morgensonne küssen sich, die Erwartung und die Erfüllung, das Hoffen und das Haben. Ach, lieber Leser, mich befällt hier ein düsterer Gedanke: Sind wir nicht meist Elisabeth und auch das nur in guten Augenblicken? Und doch könnten wir immer Maria sein. O, wie oft fallen wir aus dem neuen Bund, sozusagen aus Marias Schoß, in den alten Bund und ach, noch weit hinter Elisabeth zurück, dorthin wo die verknöcherten Schriftgelehrten oder die vergötzten Römer sich an ihrer Torheit langweilen. Bedenke es, Bruder, Schwester, sooft du ins Priesterstüblein des Zacharias blickst, in diesen Kuss der Menschheit, die sucht, die sucht, mit der Menschheit, die gefunden hat. Sei wenigstens nicht weniger als die suchende!

 

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4. Ankunft beim Stall von Bethlehem

 

Tannen, Tannen, liebe ahnungsvolle, fromme Tannen im Umkreis der Abenddämmerung, dahinter noch bleich und nicht recht wach unser guter Mond, ein falber Wiesenplan davor mit einem Pfad, der sich traulich aus der Finsternis des Waldes zur Hütte im Vordergrund schlängelt, - die ganze germanische Landschaft schwer von bangen, süßen Geheimnissen, wie sie der rohe Tag nicht sieht, aber die Nacht nun zugleich mit ihrer Stille und keuschen Sternseligkeit erschließen will. Die Luft ist lautlos, klar und weich. Eine Erwartung geht durch die Natur, so sicher, so unwiderruflich, dass zwei vorwitzige Rehlein sich aus dem Forst wagen, die Ohren spitzen und nach etwas Besonderem lauschen, und dass vor dem Schuppen ein Tännchen sich wie von selbst entzündet hat und mit seinen Lichtern den Zugang zum Stall erhellt. Kein Zweifel, es wird etwas Großes geschehen. Wo sind die Menschen? Schlafen und verschlafen sie diese Gnadenstunde? Oder zweifeln sie und zaudern aus ihren fernen, verriegelten Erdenhäusern in die seltsame Nacht hinaus, ob es geschehe oder Traum bleibe, was das uralte Herz der Menschheit immer, immer prophezeit hat? Oder fürchten sie sich vor der Größe des Kommenden? Oder fühlen sie sich zu unrein, um nahe zu sein, und vergraben schwermütig und hoffnungsvoll zugleich ihre Gesichter in die Bettkissen? Sei dem, wie es wolle, aber heilige Tatsache ist, dass eine kleine Prozession dem Holzschuppen naht. So hat schon Cäsar sich in eine Alphütte flüchten, mancher deutsche Kaiser später in einen Viehstall bergen müssen. Doch hier geschieht mehr. Und hier ist nicht Flucht, sondern Zuflucht. Nein, nicht einmal Zuflucht, sondern vom ewigen Schicksal bestimmtes Heim, Heimat, Wiege des Friedens und Segens für alle Zeiten, für alle Menschen. Was Babylon, Athen und Rom nicht gekonnt, vermag dieser bethlehemitische Stall. Zwar der Esel, gut und dumm, wie diese Tiere sind, merkt nichts von allem, obwohl er der Prozession voraustrabt. Was kann ein Esel merken? Er folgt allein seinem animalischen Trieb nach Heu und Wärme und Ausruhen. Er läuft sozusagen der Gnade blindlings und gedankenlos voraus, wie seine menschlichen Geschwister in der Dummheit und kleintäglichen Voreiligkeit, und wenn es von ihrer Torheit allein abhinge, berührte sie nie ein Zauber der Überwelt. In der irdischen Fütterung fänden sie ihren Himmel. Ach, wie sehr muss man Tier, Erde, Dummheit sein, um so wenig zu sehen und - am Größten und Feurigsten vorbei - so wenig zu erleben! Aber jetzt faltet die Hände und sinket ins Knie! Das würdigste Menschenpaar, das je die Erde getragen, naht stillen, schweren Schrittes. Ein Engelchen mit dem Kerzenstock geht voraus, ganz wie man dem Priester mit dem heiligsten Sakrament Lichter voranträgt. Und wahrhaft, diese von Josef so sorgenwarm gestützte Frau ist eine große Priesterin und trägt das Allerheiligste mit Fleisch und Blut, mit Erdenweh und Himmelsglanz in sich. O, wie sie sich niederbeugt, da der ewigen Seligkeit Last auf ihr ruht! Noch ein, zwei Stündchen und diese schlichte Magd soll der Welt geben, was weder Eroberer noch Dichter, nicht Denker, noch Gewaltpolitiker geben konnten, den Frieden in Person, in zartester Kindleinsgestalt: den Heiland. Wie gut begreift man ihren ungeheuren Ernst, ihr Niederblicken, ihr mühsames Füßeheben, ihre ganze, weltentrückte Gottesversunkenheit. Wer eine solche weltgeschichtliche Tat vor sich hat, lacht nicht, er zittert und ergibt sich. Von Mariens Ergriffenheit mitgerissen, folgen wortlos zwei Engel mit dem Bündel Bettzeug fürs nahe Geburtsnachtkind. Und so schreitet die leise, unbekannte Gesellschaft in die Hütte. Jedes Datum erlöscht. Zu Rom schläft Augustus und in den Teutonischen Wäldern wimmert ein blondes Heidenkind. Geduld, Geduld noch ein Stündchen, und diese Familie im Stall macht für alle eine neue, sonnige Weltgeschichte. 

 

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5. Christi Geburt

 

Ans Christkind

 

Warum bist Du auf diese Welt,

O Kind, so klein gekommen?

Hast nicht als wie ein großer Held

Ein gülden Schwert genommen?

Warum in Windeln und in Stroh

Lässt Du so klein Dich betten?

Ist das denn besser, schöner so

Als Samt und Perlenketten?

 

O, kämest Du wohl hoch zu Ross

Auf Schimmel oder Rappen

In einem sonnenhellen Tross

Von Rittern und von Knappen:

Dann beugten sich wohl tief vor Dir

Die allersteifsten Rücken.

Doch so ein Kind? - Ich zweifle schier,

Ob sie noch gern sich bücken.

 

Als sesselhohes Büblein hab`

Ich mich umsonst beraten;

Nun bin ich schon ein kluger Knab`

Und hab` es, glaub`, erraten.

Denn kämest Du in Glanz daher,

Ein König oder Kaiser,

Ach, das erschreckte uns gar sehr,

Da kommst Du lieber leiser.

 

Da kommst Du lieber klein und schwach

In einem dünnen Windlein

Und kaum beschirmt vom Hüttendach,

Fast wie ein Bettelkindlein,

Dass sich der allerärmste Mann

Dir nahe ohne Zaudern,

Und dass das dümmste Bübchen kann

Mit Dir vom Himmel plaudern.

 

Und darum kommst Du wie ein Kind,

Dass auch die großen Leute,

Die hoch und stolz wie Bäume sind,

Zum Kinde werden heute.

Ja, jeder wecke unschuldvoll

Wie in den ersten Jahren,

Beim neugebornen Heiland soll

Er Neugeburt erfahren. 

 

Und fürchte keiner, dass er klein

Und schwach fürs Leben werde.

Hat nicht das Christkind ganz allein

Besiegt rundum die Erde? -

O Heiland in Mariens Schoß,

Heut` lehre uns erkennen,

Dass nichts so heilig ist und groß,

Als sich Dein Kind zu nennen!

 

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6. Maria mit dem Kind im Schnee

 

Das Weihnachtskind und der Weihnachtsgedanke sind überall die gleichen. Aber die Festlichkeit selbst hat im Süden und Norden ein ganz anderes Gesicht. Dutzendmale sehnte ich mich, bei aller Herzlichkeit und Aufgeräumtheit der südlichen Weihnacht, nach dem Christabend in meinem lieben schneeigen Norden. Gerecht oder vermessen, immer sagte ich mir, dass wir Nordische die bessere, schönere, gemütvollere Art von Weihnachtsfeier kennen. Für uns gehören überschneite Tannen, stille, wintermüde Wiesen, eisblumige Fenster, warme, beschirmende Stuben und Christbäume mit Kerzen und dem Kripplein darunter zur Weihnacht. Wir wollen stille Dunkelheit ums Haus, frommes Warten drinnen, mitternächtiges Glockengeläute, Pilger durch den Schnee zur Kirche und das feierliche Engelamt und die Weihnachtsbescherung bei der Heimkehr. Wir wollen vor allem heimelige, innige Herzensweihnacht. Darum ziehen wir das Fest vom Altar nicht auf die Straße, sondern sogleich sorglich in die Stube, in den gemütlichen Winkel, in den heimlichsten Schlupf der Seele. Und darum atmet unsere Weihnachtsfreude so viel Geborgenheit, Stubensüße und wohliges Versteck im Herzwinkel. Darum ist sie so zart, so poetisch, so innerlich wie die keiner andern Zunge und Rasse. Vor allem wollen wir Schnee. Zu Ostern gehören Schlüsselblumen und Veilchen, zu Pfingsten die Rosen, aber zur Christnacht Schnee, viel Schnee. Denn der Schnee macht die Welt sogleich einsam, jagt das Volk in die Häuser, zwingt ans helle, warme Ofenfeuer. Dieser starre, glashelle und glasstarre Frost vom eisigen Himmel mit den kühlen Sternen hinunter auf die zugedeckte Erde sammelt alles, was warm ist und warm haben will, auf einen Punkt zusammen, genau wie in der Frostigkeit der verlorenen Welt alles Licht und alle Liebe beim Christkind in der Krippe zusammenfloss. Ostern führt das Herz in die aufgehende Welt hinaus; Weihnachten schließt die erstorbene Welt ins Herz ein. Da soll sie wieder Wärme und Leben holen. Je mehr Schnee, desto mehr Leben und Wärme. Maria mit dem Kind in Schnee! Mutter, liebe schöne Mutter mit dem noch viel lieberen und schöneren Kind, komm, o komm in unsere Winterstube! Aber wenn auch hier Schnee läge, Schnee bis tief ins Herz! Wenn der Schnee vom Helfer zum Widersacher, vom lieblichen Schmuck zum toten Hindernis würde? Kindlein, sonniges, von den Himmeln gestiegenes, was dann? Kommst du dennoch? Warum nicht! Ich bin ja das Licht, die Wärme, die Liebe selber. Ich bringe allen Schnee zum Schmelzen. O, so komme rasch! Denn sieh nur, wie sich hier unten bei uns der Schnee der Lieblosigkeit, der Eigensucht, des Geldhungers grausam hoch häuft. Der Schnee des Unglaubens oder doch des dürren, blöden Zweifels macht das schönste Menschliche über weite Strecken gefrieren. Der Schnee der Selbstgerechtigkeit, dieser kälteste Schnee aller kalten Tage, lässt jedes warme Gefühl erstarren. Ein ungeheurer Winter regiert Stube und Stubenseelen. Mutter Maria, bringe dein Frühlingskind, bevor wir ganz bis auf die letzte Seele vereist sind! Maria und Jesus im Schnee, wir frieren, wir schaudern, wir werden steif und hart. Kommet und tötet doch diesen Menschenwinter, wie ihr ihn vor zweitausend Jahren schon so wundervoll gebrochen habt. Mag der ganze Nordhimmel auf uns niederflocken, je mehr, je besser, wenn nur unser Seelenstübchen die göttliche Weihnachtsglut birgt! Maria und Jesus im Schnee!

 

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7. Maria mit dem Kind in der Glorie

 

Die Mütter großer Menschen hatten immer viel zu leiden. Denn groß sein heißt auch durch große, harte Prüfungen gehen müssen. Und wer begleitet diese Schritte des Kindes mit so brennenden Augen und mit so pochendem Herzen wie die Mutter? Wo ist dann aber die Glorie dieser Mutter Maria? Etwa, wo sie das fröstelnde Kind vor dem Wind schützt? Etwa, wo die Knäblein Bethlehems um ihres Sohnes willen niedergemetzelt werden und das Wehgeschrei der Mütter unserer fliehenden Jesusmutter noch weithin nachhallt? Etwa in der 30jährigen Verborgenheit? Etwa im Schweiß und Verlachtsein ihres predigenden Sohnes? Etwa unterm Kreuz? Wo ist die Glorie der Mutter mit ihrem Kind? Kleinmütiges Fragen! Hat Maria etwa den Stern der Weisen nicht bemerkt, das Gloria der Engel über den Fluren nicht gehört, die Weisen vom Morgenland nicht zu ihren Füßen gesehen? Hat sie kein Wunder erlebt? Mehr noch, hatte sie überhaupt ein Wunder nötig, um Glorie in und um sich zu tragen? War nicht in jener Sekunde, als der Lilienengel Gabriel ihr die Mutterschaft Jesu verkündigte, der ganze Himmel über sie niedergekommen, zu allem Erdenschmerz das unbesieglichste Überweltsgefühl? Seitdem trug Maria schon die höchste Glorie in sich. Wo könnte Maria sitzen, das ewige Lichtkind im Schoß, in welchem Stockdunkel des Elends, in welchem Schmutz der Armut und Verachtung, in welchem Heimweh der Fremde, wie tief auf den untersten Schemeln der Menschheit könnte sie sitzen und wäre doch die Jungfrau der Jungfrauen, die Mutter der Mütter, die Königin der Königinnen, die glorienhafteste der gloriosen Frauen! Wenn man den Prinzen von Himmel und Erde im Arm trägt, könnte man noch schöner, reicher, glücklicher sein? Diesen Gedanken hat gewiss unsere Kirche erwogen, wenn sie so viele Marienfeste einsetzte und diese Tage mit solchem Glanz feiert, dass die Andersgläubigen, weil sie unsere Feste des Herrn nicht recht kennen, und zumal, weil sie nicht verstehen, dass jeder Marientag noch weit mehr ein Jesustag ist, ich sage, dass die Andersgläubigen uns der Übertreibung, ja Vergötterung Mariens beschuldigen. Arme, unwissende Toren! Gibt es doch keine Marienglorie ohne Jesusglorie, und ist doch die erstere nur immer der goldene Schatten der Jesussonne. - Aber diese Glorie Mariens mit dem Kind wollte die weise Kirche besonders stark zeigen, weil wir Maria und Jesus beim Erdenwandel so oft in Staub und Verkanntheit sehen müssen, weil Krippe und Kreuz so schweres Dunkel werfen und weil wir so schnell bei solchem Düster verzagt werden. Nein, nein, Maria war immer in Glorie mit dem Kind, auch auf der nächtlichen Flucht, auch auf Kalvaria, auch mit dem besudelten Fronleichnam im Schoß. Oft schien es eine nachtverfinsterte, oft eine von Qual versteinerte Glorie, schien so! Aber in Wahrheit war es immer die bewusste, selige, triumphierende Glorie des Lebens über den Tod, der Ewigkeit über die Zeit, der Liebe über alles Schwache und Böse. Und jetzt, in der ewigen Weihnacht des Himmels, wo Liebe stets Liebe gebärt, wo die unlöschbaren Kerzen eines immergrünen Christbaums brennen und immer das Gloria und das Friede, Friede! durch die Unermesslichkeit orgelt, jetzt wo sie so nahe ihrem Herrn und Gott thront, wie nur eine Mutter dem Kind nahe sein darf, und über sein Herz und damit über alle Wunder und Weisheit den Schlüssel führt, o wie strahlt sie in schöner, hilfreicher Herrinnenglorie, immer die Magd und immer die Königin, und immer die Mutterarme für uns Waislein der Erde weit ausgestreckt. Bruder Leser, gib mir die Hand und beschwöre es mit mir, dass wir bei einer solchen Mutter und einem solchen Bruder Jesus in der dunkelsten Lebenszeit nie verzagt sein wollen. Ihre Glorie ist unsere Glorie!

 

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8. Verkündigung an die Hirten

 

Der höchste Stand zu Füßen der Majestät Gottes, das sind die Engel, die ersten Knechte und Herren des Himmels. Der zweite höchste Stand, das sind die Hirten, die ersten Knechte und Herren der Erde, der älteste Adel der Menschheit. Treu, schlicht, dauerhaft und echt wie die Scholle, die sie bebauen, sind sie wahrhaft das Rückgrat der wandelbaren Menschheit. Darum waren die Engel die nächsten bei der ersten Christnachtfeier. Sie durften um Maria und Josef und das allheilige Kind sein von seinem ersten irdischen Atem an. Und sie haben es nie verlassen. Engel spielen überall ins Jesusleben hinein vom weihnachtlichen Stall bis zum österlichen Grab. Aber dann waren die Bauern die zweiten, die das Wunder erleben durften. Den einfachsten, gesundesten, unverbildetsten Menschen der Welt wollte der menschgewordene Erlöser sich zuerst offenbaren. Sie sind die ersten und stärksten Gläubigen. Wo in aller Welt glaubt man heute noch so warm, innig, fest wie in den Hirten- und Alplergegenden, in den abgelegenen Äckern des Bauernvolkes? Was diese urchige Rasse aufnimmt, behält sie. Man könnte vielleicht denken, das Christwunder hätte sich zuerst dem mächtigsten damaligen Menschen, dem Kaiser Augustus zu Rom, zeigen sollen. Ihm hätte das Weihnachtskind die erste Audienz geben sollen. Da hätte es gleich einen gewaltigen Schirm- und Reichsvogt bekommen. Ach nein, man sieht es ja, wie Herodes die gläubigen Fragen der drei Weisen aufnimmt, und wie Pilatus später mit Jesus umging. Solche Herrschaften glauben entweder auf ihre irdisch-ängstliche Art und sehen im Wunder ein Hindernis ihres Glückes und ihrer Pracht; oder sie glauben gar nicht. Oder im besten Fall, sie wollen das Göttliche für ihr Menschliches missbrauchen. Nein, der liebe heilige Christ durfte nicht zu den Gekrönten gehen. Aber dann wenigstens bei den Weisen des Jahrhunderts, bei den Priestern und Verheißern der Seelen-Erlösung sollte der schöne kleine Gott sich anmelden. - Nun, du siehst ja, ob die Schriftgelehrten auf die Kunde der drei Weisen, die ihnen doch Vorbild sein durften, nach Bethlehem wallten. Nicht einer! Und erkannten sie etwa den Zwölfjährigen, da er ihnen im Tempel die nie gelösten Rätsel der Menschenerneuerung löste? Nicht einer! - Oder begriffen sie ihn, als sie die Wunder und mehr noch die unwiderstehliche Wahrheitspredigt des Messias mit Aug und Ohr vernahmen? Weg gingen sie und verschworen sich gegen ihn. Und Ananias und Kaiphas helfen getrost zur Tötung mit. Nicht mit dem Messer von Stahl wie Herodes, aber mit dem ebenso grausamen Messer des Totschweigens, Verketzerns, Verdammens hätten sie das göttliche Kind womöglich beim ersten Erdschnäufchen vernichtet. - Nein, es blieb nichts anderes, Jesus musste zuerst zu den Bauern gehen. Die töten nicht und vergiften nicht. Die murren etwa und haben raue Hände und Worte, aber haben wir noch Aug und Ohr und Herz zum Glauben. Wie wohl tut mir, dass die Hirten die ersten zum Christkind sein dürfen. Liebes, armes, kleines Herz, also du brauchst keinen Geldsack, keine Salomonsstirn, kein modeschönes Gesicht, du brauchst nicht hohe Titel und Ämter und Paläste, du brauchst nur recht schlicht und einfaltsvoll zu sein, recht unverfälscht und ehrlich, und du bist der Erstgeladene zum welt- und seelenerlösenden Weihnachtskind.

 

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9. Gang der Hirten zum Stall

 

Vor Jahren geschah es, dass der Heilige Vater zu Rom in tiefer Bedrängnis dem Weihnachtsabend entgegensah. Vor den Toren stand der Feind, die Römer waren in Parteien zerrissen, das arme Volk drohte mit Aufruhr. Und Stunde um Stunde in die Nacht hinein kamen neue schwarze Briefe. Frankreich verweigerte jede Hilfe, England machte Ausflüchte, ein wüstes Afterkonzil trat gegen den Papst zusammen und vertrödelte um Geld und Amt die unantastbare Schlüsselgewalt der Apostel. Und die Völker wussten nicht aus oder ein, irrten und schrien wie von Wind und Wetter zerzauste Schafe. Und die letzte Botschaft kam und sagte: achtzig Prälaten hätten den Papst feierlich abgesetzt. An der Wand im schwankenden Licht und Schattenspiel der Kerzen war geschildert, wie die Hirten zum Stall Jesu nicht eilen, geradezu rennen, fliehen. Dieses Fliehen hatte der Papst nie recht verstanden, aber der Malermönch wollte es nicht ändern. Später als sonst brachte der Kammerdiener Gherardo das Abendbrot. Er zitterte beim Servieren und Tränen tropften ihm aufs Brett. Aber der Papst, in seinen Nöten den Silberkopf bis zur Tischplatte gebeugt, merkte es nicht, bis Gherardo beim Einschenken den Becher überlaufen ließ. Dieser Greis trug ebenfalls ein Elend, wovon sein Herz überlief. Da sah er nicht mehr, ob ein nichtig Glas mit überlaufe. Aber der Papst blickte nun aus seiner Weltsorge heraus auf seinen Diener und erkannte hier ein kleines, aber für den Betroffenen doch so großes Privatsörglein. Erzähle, gebot er mild. Heiligkeit, man hat mir das Haus geplündert. Dann bleibe hier! sagte der Papst. Aber mir hat man die Kirchen ausgeraubt und die Heiligtümer geschändet. Heiligkeit, es geschah mehr. Meine zwei Söhne haben es getan. Gherardo, gerade die liebsten Welschen und germanischen Kinder verwüsten meinen Hirtenstall und wollen mich nackt und arm daraus wegjagen. Heiligkeit, noch mehr, stotterte der Alte und musste sich am Stuhl des Papstes festhalten, soeben, an diesem heiligen Abend, wo das Santissimo Bambimo alle Welt beglückt, sind meine Söhne zum Feind vor die Stadt übergangen. - Schluchzend kniete der Alte nieder und rief: Schafe ohne Hirten! Da streichelte der Papst das spärliche Haar des Greises und sagte: Auch meine Kinder sind entflohen, haben einen anderen Stall und Hirten gewählt. Sieh mich, den Hirten ohne Schafe! Beide schwiegen und bangten vor dieser Weihnacht. Da rief der Kanzler herein, der Feind sei an der Porta Flaminia eingedrungen. - Aber von den Fenstern hörte man noch das Dudeln der Sabinerburschen und das Lachen des leichtsinnigen Volkes. Da nahm der Papst in einer schönen großen Eingebung die Kerze und leuchtete zur Wand, wo die Hirten zum Christkind nicht eilen, nein, rennen, fliehen! - Komm, Gherardo, gebot er. Wir armen Hirten wollen es machen wie die da. Und durch einen heimlichen Gang stiegen sie zum Dom nieder, wo hinter schwacher Öllampendämmerung das Jesuskind im Tabernakel wartet. Sie merkten nicht, dass ein ungeheures Volk die Kirche füllte, fliehende Einheimische, verfolgende Fremde. Da sind zwei Hirten ohne Herde, rief der Papst, in den Staub niedergeworfen, mit seiner gewaltigen Völkerhirtenstimme, dass es den Tempel füllte. Hirte der Himmel und Erden, hilf uns! Atemklopfende, herzbeklemmende Stille ward und ein mächtiges Aufhorchen. Da sind zwei Hirten ohne Herde, Königshirte du, weihnächtlicher, allesregierender! rief der Papst wieder und sein heiliger Schmerz toste wie ein Gewitter durch die Hallen. Da fing das Dunkel an lebendig zu werden. Gib dem Hirten seine Herde, donnerte es zum drittenmal unwiderstehlich und doch so demütig und zerbrach alle sieben verschlossenen Himmel. Da brach das Volk zum Altar vor, das halbe Rom umringte seinen Papst, warf sich nieder, schmiegte sich schäfchengleich an sein Knie. Freund und Feind bat um seinen Hirtensegen und wollte wieder Kind sein. Vor einer geeinten Herde las der triumphierende Hirte die Weihnachtsmesse. Und die beiden Söhne knieten neben Gherardo als ein wenig zerraufte, aber wiedergefundene Böcklein. So sagt die Legende. Welcher Papst? welcher Kammerdiener? Wozu die Frage? Schafe ohne Hirten, Hirt ohne Schafe, wie oft erleben wir es. Dann zum Stall Christi nicht geeilt, nein, gerannt, geflohen! Dort müssen sich Hirt und Herde immer finden.

 

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10. Zug der heiligen Dreikönige

 

Durch alle außerchristlichen Religionen geht ein sonderbarer, selbstsüchtiger, völkischer Zug. Sie wollen das übernationale Heilige nationalisieren. Auch wenn die Asyerier das Judenvolk zu ihren Götzen bekehren wollen, geschieht es nicht aus Weitherzigkeit, sondern aus engster Kirchturmspolitik. Selbst das helle Griechentum hat seine olympischen Sagen für seine kleinen Inseln gebildet. Was sie und die Römer zur Ausbreitung ihres Winkelgöttertums taten, geschah furchtbar seelenlos aus Gründen der Handelsprofitchen oder des Schwertes, nie aus dem lautern innern Drang, das beste Eigene den Fremden zu geben. Nur das Christentum hat von Anfang an nicht bloß an zwei, drei Millionen Juden, sondern sogleich an die ganze Welt gedacht. Das ist unvergleichlich in den paar Zeilen von den Weisen aus dem Morgenland ausgesprochen. Ja, zuerst die Hirten aus nächster Nähe, der liebe, warme eigene Familienstamm! Aber dann auch die fernsten und fremdesten Menschen sollen zur Wiege des Neuen Bundes kommen. Man denke, sogar ein kohlenschwarzer Mohr dabei! Ja, schlichte Bauernsame zuerst, die unmittelbarsten Kinder der Erde! Aber eine bloße Bauernreligion soll das neue Evangelium nicht werden. Auch zu den Gelehrtenhüten, auch zu den Königskronen greift es sogleich. Nichts ist zu gelehrt, nichts zu herrisch, als dass es nicht Bruder Christ werden könnte. Die eigennützigen Söhne Palästinas hätten gewünscht und hatten es stets gehofft, dass sie allein Messiaskinder würden. Aber da dachte der Himmel, der sich barmherzig blau über allen Menschen wölbt, anders, dachte grenzenlos und zündete zur gleichen Stunde, als seine Engel die Hirten zum Stall riefen, jenen wundervollen Stern an, der die drei Fremdlinge des fernsten Asiens zu Jesus, zum Völkerheiland, führte. Der eine der drei war vielleicht ein Chemiker und hatte die Stoffe auf ihr Scheinen und Sein untersucht, um endlich zum Einfachen, zum Urelement zu kommen. Aber immer blieb es ein Zusammengesetztes. Immer noch sah man ein Gefüge und nie den Zusammenfüger. Verzweifelt schlug er die Retorten in Scherben. Da blitzte diesem vorchristlichen Faust ein Überweltsglanz ins Dunkel, ein Stern rief: Weg vom bloßen Stoff zum Geist! Komm, ich zeige dir das Einfachste und Einzige: Gott! Folge mir! Und der zweite war wohl ein Rechner und grübelte mit Zahlen und Figuren, um das Unendliche zu finden. Aber kein Quadrat und kein Kreis führte dahin; keine Algebra stieß ans Unbegrenzte. Alles blieb da doch immer zählbar, messbar, erbärmlich klein. Da verdunkelten sich seine schönen heißen Augen, der Kopf verwirrte sich, ihm ward elend vor Kleinlichkeiten. - Da plötzlich ein allesdurchzuckender, erlösender Funken: Komm, ich zeige dir den Anfang und das Ende des Alls, das Unendliche selbst als Kindlein im Stall, messbar und unermesslich zugleich. Aber der dritte hatte rings alle Fürsten besiegt und alle Herrschaften gebrochen und merkte, dass das alles doch nicht satt macht. Was gab es noch zu erobern? Da oben der Himmel war unerreichbar und unbesieglich. Wütend warf er eine Erdscholle zum Firmament. O Wunder! Ein Gewaltstern reißt den ganzen Himmel auf. Himmelsglut blendet und versengt ihn. Es zwingt und schreit in ihm: Fort, dem Strahl nach! Wer so blitzt, hat höchste Macht. Kann ich sie nicht haben, so will ich vor ihr knien. Und nun wandern die drei Großen durch Wüsten und Wälder. Das Christkind zieht sie. Sie können nicht anders. Sie müssen zur gleichen Krippe, wo Bauer und Esel und Ochs stehen. Sie müssen ihre alten, verblassten Kronen vor Jesus niederlegen, um als neu und unsterblich Gekrönte wieder aufzustehen. Es gibt keine Gelehrsamkeit und keine Macht, die das nicht auch heute noch muss, oder sie zerfällt in das, was sie ist und verdient: in Staub!

 

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11. Anbetung der heiligen Dreikönige

 

Niemand wird das Süße und Schwere vergessen, das er als Kind beim ersten Erzählen von den Weisen aus dem Morgenland empfand: wie sie dem Stern treulich folgten, wohl auf langhalsigen Kamelen, schätzebeladen, durch Tagesglut und nächtliche Schrecken, aber gedeckt durch ihr schwertblitzendes Gefolge, in sehnsüchtigen Gesprächen über das Gotteswunder. Dann zogen sie ins stolze Jerusalem ein und besuchten Herodes. Der musste doch vom König der Könige wissen. Aber der alte, abergläubische Politiker erschrak, denn er meinte einen Kandidaten um sein blödes Herrensesselchen. Die Priester mussten die Bibel aufschlagen und zeigen, wo so ein gekröntes Kind geboren würde. Und die Schriftgelehrten legten den Finger sofort auf jene schönste Stelle, wo haarscharf steht, dass das nahe Bethlehem diesen gefürchteten Rivalen berge. Da schickt Herodes, dummpfiffig, wie eigentlich alle diese Sorte Politiker ist, die hohen Gäste hin. Sie sollen dort nach Lust huldigen und dann über Jerusalem heimkehren und ihm das genaue Was und Wo und Wie erzählen, denn auch er wolle dann hingehen und anbeten. Ob die drei weltmännisch Erprobten und Gotterleuchteten diese plumpe Verschlagenheit nicht sogleich durchschauten? Es scheint nicht. Sie konnten sich in ihrer echten Gescheitheit so gar nicht denken, dass irdisches und himmlisches Königtum Feinde seien. Im Gegenteil, dieses konnte jenes doch nur im Recht und Besitz fördern. Freilich im Recht! Aber Herodes saß tief im Unrecht. Jetzt gibt es eine unerhörte Szene: reiche, berühmte, hochweise Herren knien ins Stroh neben Schaf und Kuh, und huldigen einem Knäblein von wenigen Erdenwochen. Ein Zimmermann Josef steht verblüfft daneben, eine schlichte, stille junge Mutter beugt demütig das Haupt. Goldgeschenke funkeln, Weihrauch wirbelt wie vor der Bundeslade auf, Gebete rauschen, in diesem Augenblick ist der Tempel zu Jerusalem seines Sinnes und Wertes entkleidet, ist entsetzt, entvölkert, entgottet, und das wirklich und wahrhaft Allerheiligste ist in diesen Stall übergegangen. Es klebt von jetzt an nicht mehr an einer Halle, einer Lade, einer Schriftrolle, es haftet organisch am Krausköpflein dieses Ewigkeitkindes. Wo es ist, ist in Zukunft Kirche und Andacht und Erlösung und Seligkeit. Trotz aller höheren Wegleitung kommen uns diese drei Weisen doch selbst fast wie ein Wunder vor. Man denke: sie suchen den Erlöser der Menschheit und im nahen, klugen Jerusalem weiß niemand davon. Dann treten sie in die Weihnachtshütte und statt Glanz und Gloria finden sie Armut, Niedrigkeit und ganz schlichte Leute. Das Kind selbst sieht aus wie andere Kinder, weint, friert, kann nicht einmal stammeln, zappelt und wehrt sich mit den Händen so hilflos wie irgendeines. Und das soll den König der Könige, die Weisheit der Weisheit, die Welterlösung bedeuten! Doch die drei glauben. Zum erstenmal beugt sich der Schein vor dem Sein, das äußere Vorurteil vor der Wahrheit, das Wissen vor dem Glauben. Dass die naiven Hirten glaubten, was groß. Aber dass die Kultur und Gescheitheit, die Bildung und Wissenschaftlichkeit, das Besserwissenwollen der Schule und das Herrentum auch und genau so tief niederknien und glauben, das ist etwas Ungeheures. Und da sollten wir vor der Hostie und ihrem Tabernakelhüttlein zweifeln können, vor unserem Bethlehem zaudern und uns an der Schwelle noch bedenken wollen! Nie, liebe Seele, nie! Im Traum wies Gott den dreien einen andern Weg. Sie zogen selig heim und gründeten, wie die Hirten hier die erste Pfarrei, so in ihrer Ferne die erste Diasporagemeinde.

 

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12. Flucht nach Ägypten

 

Nächtlicher Vagabund zu Josef: "Guter Mann, wohin des Wegs?" Josef zeigt stumm gegen Süden. "In Feindesland? Zu den Räubern? Zu den Heiden?" "Gerade vor solchen fliehen wir." Der Vagabund spöttisch: "Vom heiligen Volk fliehst du doch, von der Bundeslade! Habt ihr etwas verbrochen? Ist euch die Polizei auf den Fersen? - Ich kenne das." Josef lächelt und nickt: "Die Polizei des Herodes! Und das schlafende Kind da ist unser Verbrechen, nein, der Verbrecher selbst." Vagabund unsicherer: "Ein Windelkind! Wie kann es schon so ein Sünder sein? Und wer fürchtet ein Kind?" "O viele, viele fürchten unsern Schatz hier, die Mächtigsten am meisten. Der König zu Jerusalem und der Hohepriester und der ganze Tempel zittert vor dem Säugling da." "Du redest im Fieber; hast wohl den ganzen Tag nicht geruht, noch gegessen. Sag lieber du mir, junge Frau, warum ihr in so schwarzer Nacht der Wüste zureist. Habt ihr denn kein Daheim? Wisst keine Herberge? Seid Vagabunden wie ich?" Maria blickt den Frager mit der ganzen holdseligen Güte ihres Wesens an. Mit einem Arm drückt sie das Kind enger ans Herz, mit dem anderen fährt sie fröhlich im Bogen durch die Luft. Das will sagen: Das ist unser Heim, unsere Herberge, die weite Erde unter dem weiten Himmel! "Und ihr fürchtet euch nicht?" Maria küsst das Kind und spricht: "Mit ihm? Uns fürchten? Wo doch die ganze Welt sich vor diesem Knaben fürchtet!" Der Strolch schüttelt den Kopf, so fremd kommt ihm jedes Wort vor. Und dennoch wird ihm seltsam warm, je näher er ans Kind und seine Mutter auf dem Maultier tritt. Der Mond rollt aus der Ebene herauf. Von ferne rauscht das Meer. "Man sollte meinen, Frau, du trügest den Cäsar der Welt an der Brust," scherzt der Wanderer. "Wenn das wahr wäre, so bäte ich sogleich um Geld. Meine Taschen sind leer. Oder um ein Stück Hof und Acker, denn bisher ist die Straße mein Ein und Alles gewesen und zuletzt wird sogar ein Landstreicher wie ich müde davon." "Du hast gute Augen, Freund. Mein Sohn ist der Cäsar über Himmel und Erde und er wird dir von beidem im Überfluss geben, wenn du nur gut bist." "Ach, ihr Träumer! Wie heißt er denn?" "König der Juden, Heiland, Sohn Gottes!" Den Mann erfasst etwas wie heiliges Grauen. Dann schüttelt er sein Rabenhaar und läuft hohnlachend davon . . .   . . Dreiunddreißig Jahre vergehen. Jener Vagabund schläft als verwetterter römischer Soldat am Grab Christi. Gestern sah er ihn sterben und den Himmel darob finster werden. Da erkannte er in ihm und in der Frau unterm Kreuz jenes Paar auf dem Maultier. Und er dachte an ihre Worte und fühlte dasselbe Grauen wieder. Aber er konnte nicht glauben. Er hatte ja die Leiche, die zerfetzte, entsetzliche, vom Kreuz lösen helfen, eine Leiche, erbärmlicher als jede andere. Da, ein Krachen als berste die Erde, eine Glut, als flamme der ganze Himmel, der Felsblock fliegt weg, der verklärte Christus fährt empor wie ein goldener Sturmwind, empor, empor! Und wie er auf ihn niederblickt und die Arme überweltlich streckt, scheint der Himmel klein, die Menschheit eine Null, der Auffahrende alles, alles. Da hört der ehemalige Vagabund wieder jene leise, nächtliche Frauenstimme: Du hast gute Augen, Freund! Mein Sohn ist der Cäsar über Himmel und Erde und wird dir von beidem im Überfluss geben, wenn du nur gut bist. Er erhebt sich vom geborstenen Grabstein, selbst nun ein vom Tode Erweckter, und wird ein Vagabund des Himmels, das heißt, einer der ersten Jünger Christi, denen die Welt zu klein und nur noch die Straße zu Gott und seiner Ewigkeit gerade genug ist.

 

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13. Ruhe auf der Flucht

 

Die Erzählung des Evangelisten Lukas aus der frühesten Kindheit Jesu ist - ganz abgesehen vom Heilswert - ein so großes Meisterwerk, dass ihr keine ähnliche Literatur auch nur ans Knie gelangt. Keine deutsche Sage, die uns doch so tief im Blut liegt, keine Heldentradition, nichts Klassisches oder Romantisches hat uns je das Herz so berührt, wie diese einfaltvollen, aber erhabenen Seiten vom Stern der Weisen, dem Engelsang, den Hirten, dem Herodes und der nächtlichen Flucht nach Ägypten. Unsere Jugend ward davon voll. Unsere Kunst hat sich daran nicht satt sehen und schaffen können. - Vor allem der lange Weg nach Ägypten ist ein Paradies von malenden und plaudernden Einfällen der Phantasie geworden. Da wurden zahm die Löwen und Schlangen, da quollen Quellen aus dem Sand und belaubten sich verdorrte Gehölze und schirmten das heilige Kleeblatt. Da bekehrten sich wilde Nomaden und gehorchten Wind und Sturm dem kleinen König. Der Gespiele Johannes schöpft dem göttlichen Kameraden Wasser. Es nahen die Pyramiden, die Sphinx, die rätselhaften Totenkammern des alten Pharaonenreiches. Ein hebräisches Kind wird vorübergetragen. Hochmütig schauen sie in ihrem starren Jahrtausendschweigen auf das Windelbüblein nieder, diese Mumien einer alten Welt, sie fühlen in ihrer Versteinerung nicht, dass gerade der winzige Flüchtling hier ihre Rätsel löst, ihr Schweigen entwertet, eine neue Zeit öffnet. Von heute an sind sie Ruinen, auch ihr Hochmut ist für immer Ruine. Der lebende Frühling Jesus Christus und mit ihm das Christentum geht fröhlich darüber hinweg. Der Nil freilich grüßt das Kind. Einst trug er den Führer des Judenvolkes im Binsenkorb. Jetzt baden seine Wellen den Führer aller Völker. Dieser wunderbare Strom darf die zwei größten Kinder der Weltgeschichte mit seinen Wassern segnen. Darum altert er nie. Dann und wann, wenn die heilige Familie auf der Flucht etwa rastete, mochte wohl Josef über das Schicksal seufzen, das so grausam schon die ersten Monate ihres Lieblings verfolgte. Aber dann erzählten sie sich gewiss aus der Geschichte ihrer königlichen Ahnen so manche bittere Flucht und Verfolgung: so etwa Josefs, des herrlichen Jünglings, Sklaverei und Leiden oder Davids Gefahren als junger Mann und wieder als alter Vater. Aber immer ging es in Triumph aus. Und sie erkannten fröhlich, dass alles Große und Erlösende zuerst scheinbar vor dem Kleinen und Knechtischen den kürzeren zieht, den Stand verliert, sozusagen den Finkenstrich nehmen muss. Warum wohl? Um sich vor aller Welt in ihrem soliden Gehalt, in ihrer unverderblichen Gediegenheit zu bewähren. Wenn die Fußtritte des Unrechts es nicht zu Boden werfen, wenn Verfolgung es nicht brechen, wenn Schmähung und Lüge es nicht besudeln, noch verkleinern, wenn Flucht es nicht endgültig entfernen kann, wenn es trotz allem größer, stärker, unbesieglicher wird, dann kann nur der Blinde oder der Übelwollende noch das Kleine diesem Großen vorziehen. Ja, gerade die Flucht ist ein Zeichen der Wahrheit. Hienieden ist die Wahrheit sozusagen immer auf der Flucht. Sie flieht aus dem Markt, der sie totlärmen will, in die Stille, aus der Stille, die sie totschweigen will, ins Weltgewühl; aus den Krippen der Armut auf die Throne der Anerkennung, aus den Zimmermannsbuden auf die Kanzeln, sie flieht ans Kreuz, ins Grab, und flieht aus dem Sarg zum Himmel. Es ist immer Flucht und wirkliche Rast nur in der Ewigkeit. - Maria unterweil hebt das Kind an die Wange, das schicksalsschwere, immer flüchtige. Nirgends wahre, dauerhafte Rast! Aber eine süße, kleine, ganz kurze Pause - darf ich sagen Rast? - soll es doch in aller Unrast für das Kind und seine Wahrheit geben: an Mariens Mutterherz.

 

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14. Nazareth

 

Es klingt so süß wie das Spiel einer Windharfe: das Idyll von Nazareth. Der Zimmermann Josef hobelt und schnitzelt, Maria spinnt und in den Spänen spielt das heranwachsende Knäblein. Es spielt zuerst mit nichtigem totem Zeug, dann mit Blumen und Lämmern auf dem Rasen, dann mit Kameraden, ganz wie andere Kinder, und niemand merkt, dass dies alles nur äußerliche gütige Anpassung ans kleine Welt- und Lebensgetriebe ist, dass dieses Kind aber in Wahrheit schon längst mit Himmel und Erde, mit Gott und Menschheit, mit Tod und Ewigkeit aufs sicherste und königlichste spielt. Nur Maria und Josef sahen es dieser jungen wunderbaren Knabenstirn an, was da im Tun ist. Und dann und wann fällt ein Wort von dieser Jesuslippe, so groß, so leuchtend, so neu und überzeitlich wie ein vom Himmel fallender Stern, so dass man aufhorcht, erschreckt, schaudert und in Seligkeit die Säume dieses Kinderröckleins küssen möchte. Dann schauen sich die emsigen und alles innig beobachtenden Eltern über ihre Arbeit weg bedeutsam an und neigen das Haupt und fragen: wann wird dieses große Spiel große Wirklichkeit? In diese Zeit fällt der fromme Spaziergang nach dem österlichen Jerusalem und die drei Tage Tempelweisheit den Tempelweisen. Das war wie ein schöner Blitz, der von ferne zückt und von weitem ein Gewitter verkündet. Danach war wieder lange Nazarethstille. Nichts beschämt mich immer so und müsste die prahlerische Welt so beschämen, nicht einmal Jesu Predigt und Liebestaten, wie dieses dreißigjährige Schweigen des größten und lautesten Helden der Geschichte, ein Schweigen, das keiner der vier Evangelisten nachgehend auch nur mit einer Silbe zu brechen wagt. Und doch reifte da der Knabe zum Jüngling und jungen Mann heran. Eine Zeit blühte also poesievoll, saftig und leidenschaftlich wie keine andere, und die Neugier wüsste so gerne das Biographische davon. Sie, die jeden Schnitzel ihrer Götzen sammelt und die Tagebücher ihrer verhätschelten Heroen auswendig lernt, sie möchte womöglich auch das Tagebuch und Taschenbuch Gottes auf Erden literarisch durchschnüffeln. Dabei verpasst sie freilich die wichtigste Notiz aus jenen Tagen: Vorbereitung! Dreißig Jahre Vorbereitung ist nicht zuviel, um die Jahrtausende hinter und vor sich gut zu machen und die verblödete und entseelte Zeit wieder an die Ewigkeit zu gewöhnen. Dreißig Jahre Schweigen ist nicht zu lange, um dann so zu reden, dass jedes Wort feststeht und bleibt. Und hier, Bruder Mensch, schäme dich mit mir über unsere Maulseligkeit. Wir reden zu früh und schweigen zu spät. Wir pfuschen erst darauf los und wollen dann hintennach vorbereiten, wenn wir Ruinen sind. Das Heilige und Heiligende einer schweigsamen Vorbereitung kennen wir nicht mehr. Die Alten haben den Achilles wenigstens in die Spinnstube und den Kyros ins Hirtenbubenfell gesteckt. Aber die Heutigen wollen gleich als reife Genies vom Baum fallen, wollen nicht erst stilles Laub und Blüte, sondern gleich laute Frucht sein. Gehe nach Nazareth, unreifer und frühwelker Mensch, und lerne da, dass selbst der Größte, ehe er den Kreuz- und Glorienbaum übers Weltall streckte, erst ein still und langsam wachsendes Blümlein zu Nazareth war. Ehe er die große Erlösungsfrucht reichte, zuerst "uns hat ein Blümlein bracht". Liebe Seele, du wirst keinen Sommer, noch Herbst feiern, ohne einen langen, stillen Frühling, und ich meine dabei nicht bloß den üppigen Mai, ich meine vor allem den Februar, März und April, diese farblosen, bescheidenen und so gar nicht besungenen Zeiten der geistlichen Vorbereitung. Kein Jerusalem ohne Nazareth, kein Pfingstwunder der Völker dort ohne die stille Familienstube hier!

 

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Ausklang

 

Weihnachtsbilder, Weihnachtsworte, immer noch haben sie der eitlen Frau Welt wohlgetan und werden ihr, je älter und unweihnachtlicher sie wird, um so mehr wohltun. Sie denkt zurück an jene Zeit, wo sie noch so ganz Kind, so ganz Seele, so ganz christkindgläubig und christkindfroh war. Heimweh befällt sie. Ja jetzt, wo sie so oft anderen Göttern bis zum Ekel dient, würde sie gerne zur seligen Gottheit der Weihnacht zurückkehren, um dort wie die Hirten und Weisen wieder zu gesunden und jung zu werden. Es gibt auch keine Jugend, noch Gesundheit als dort, wo die Welt sie vor zweitausend Jahren holte. Wenn die Menschen trotzdem wieder krank wurden, oft kränker als die, denen nie der Stern von Bethlehem leuchtete, so geschah es nicht wegen dem Gang und Gehorsam zu Jesus, sondern gerade wegen dem steten Wiederdavonlaufen von Jesus, wegen der Halbheit und Verweltlichung unseres Weihnachtsgedankens. Ganz gab sich das Christkind, ganz will es uns. Ach, werden wir wieder ganz und geistlich. Der Hirtenjunge bläst auf einem der Bilder so innig seine Flöte. Er lockt und musiziert so unermüdlich, so sicher, so christkindgewiss. Er ruft uns durch dieses ganze Bilderbuch, durch jeden unserer Tage, durch Haus und Arbeit beharrlich: "Kommt zur Weihnachtsfeier, ihr Feierlosen, ihr Unfesttäglichen, ihr staubigen Werktagsmenschen selbst im Sonntagskleid! Kommt und erlebt wieder einmal, was größer ist als alle Weltfreude, die Freude, ganz und gar fürs Ewige und Unsterbliche geboren zu sein!" Wandere, o wandere dieses Bilderbuch und komme einmal zurück und sage, dass es Tausenden und Zehntausenden, "hat ein Blümlein bracht", ein Himmelsblümlein, das nie verwelkt.

 

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