Muttergottesmärchen

 

Der fromme Glaube des Volkes und seine dichtende Phantasie, die die Gottesmutter mit ihren schönsten Blüten schmückte, haben auch Märchen erschaffen. Sie sind eine authentische Schöpfung der Volkspoesie. Manche Begebenheiten erinnern an heidnische Zeiten, manche sind vielleicht sogar Nachklänge einer noch graueren, vorgeschichtlichen Vergangenheit. Wir wissen ja, dass die Menschen in allen Ländern ihren heidnischen Traditionen lange treu blieben und sie erst nach und nach in christliche umwandelte. Aber auch im neuen Gewand blieb dann oft noch immer, wenn auch unbewusst, ein heidnischer Kern zurück. Und so kommt es, dass die Gestalt der Mutter Gottes manches Kennzeichen trägt, das ursprünglich zum Beispiel einer gütigen, liebreichen Göttin der slavischen Mythologie angehört haben mochte. Auch fremde Einflüsse, die von außen ins Volk getragen wurden, waren maßgeblich. Daher dürfte beispielsweise das Märchen von der Jungfrau, die Gott vor Eva aus den Blumen des Paradieses schuf, vielleicht auf die alte Legende von Lilith, der ersten Gattin Adams, zurückzuführen sein.

 

Maria ist den Menschen das reinste, edelste und verehrungswürdigste Beispiel der Würde der Frau, der Güte, der Mütterlichkeit und Barmherzigkeit. Darum ist es auch bemerkenswert, dass der naive und spöttische Humor, mit dem Märchen sonst so gerne manche ihrer Gestalten behandeln, vor der Majestät der Gottesmutter ehrfurchtsvoll verstummt. Sie bleibt immer die erhabene, mächtige, selbstverständlich gütige, um das Wohl der Menschen treu besorgte Königin des Himmels. Sehr willkürlich und nach eigenem Ermessen geht das Märchen und auch seine Schwester, die Legende, mit den übrigen Personen und Tatsachen der Geschichte und den Schauplätzen der Begebenheiten um. Als Beispiel sei das Märchen genannt, in dem die Geburt Jesu Christi erzählt wird. Statt in Betlehem spielt es in einem kleinen Dorf in Polen. Auch der Fluchtweg nach Ägypten führt die Heilige Familie durch einen finsteren, dunklen Wald, den wir uns eigentlich nur in Nordeuropa vorstellen können.

 

Auch diese Märchen wollen einen Beitrag zur größeren Liebe zum christlichen Glauben und nicht zuletzt zu Maria, der gebenedeiten und erhabenen Mutter des Herrn, leisten. Gläubige und für poetische Eindrücke empfängliche Menschen werden auf ihre Rechnung kommen, denn sie werden schnell bemerken, dass diesen Märchen eine frische, reine und keusche Poesie innewohnt. Es ist die Poesie der blumigen Wiesen, des rauschenden Waldes und der wogenden Felder.