Muttergottesmärchen

 

Der fromme Glaube des Volkes und seine dichtende Phantasie, die die Gottesmutter mit ihren schönsten Blüten schmückte, haben auch Märchen erschaffen. Sie sind eine authentische Schöpfung der Volkspoesie. Manche Begebenheiten erinnern an heidnische Zeiten, manche sind vielleicht sogar Nachklänge einer noch graueren, vorgeschichtlichen Vergangenheit. Wir wissen ja, dass die Menschen in allen Ländern ihren heidnischen Traditionen lange treu blieben und sie erst nach und nach in christliche umwandelte. Aber auch im neuen Gewand blieb dann oft noch immer, wenn auch unbewusst, ein heidnischer Kern zurück. Und so kommt es, dass die Gestalt der Mutter Gottes manches Kennzeichen trägt, das ursprünglich zum Beispiel einer gütigen, liebreichen Göttin der slavischen Mythologie angehört haben mochte. Auch fremde Einflüsse, die von außen ins Volk getragen wurden, waren maßgeblich. Daher dürfte beispielsweise das Märchen von der Jungfrau, die Gott vor Eva aus den Blumen des Paradieses schuf, vielleicht auf die alte Legende von Lilith, der ersten Gattin Adams, zurückzuführen sein.

 

Maria ist den Menschen das reinste, edelste und verehrungswürdigste Beispiel der Würde der Frau, der Güte, der Mütterlichkeit und Barmherzigkeit. Darum ist es auch bemerkenswert, dass der naive und spöttische Humor, mit dem Märchen sonst so gerne manche ihrer Gestalten behandeln, vor der Majestät der Gottesmutter ehrfurchtsvoll verstummt. Sie bleibt immer die erhabene, mächtige, selbstverständlich gütige, um das Wohl der Menschen treu besorgte Königin des Himmels. Sehr willkürlich und nach eigenem Ermessen geht das Märchen und auch seine Schwester, die Legende, mit den übrigen Personen und Tatsachen der Geschichte und den Schauplätzen der Begebenheiten um. Als Beispiel sei das Märchen genannt, in dem die Geburt Jesu Christi erzählt wird. Statt in Betlehem spielt es in einem kleinen Dorf in Polen. Auch der Fluchtweg nach Ägypten führt die Heilige Familie durch einen finsteren, dunklen Wald, den wir uns eigentlich nur in Nordeuropa vorstellen können.

 

Auch diese Märchen wollen einen Beitrag zur größeren Liebe zum christlichen Glauben und nicht zuletzt zu Maria, der gebenedeiten und erhabenen Mutter des Herrn, leisten. Gläubige und für poetische Eindrücke empfängliche Menschen werden auf ihre Rechnung kommen, denn sie werden schnell bemerken, dass diesen Märchen eine frische, reine und keusche Poesie innewohnt. Es ist die Poesie der blumigen Wiesen, des rauschenden Waldes und der wogenden Felder.

 

 

I. Von der Erschaffung der Welt und der ersten Frau.

Von der Jungfrau, die Gott aus den Blumen des Paradieses schuf.

 

Es war am Anfang der Schöpfung. Außer Himmel und Wasser war noch nichts erschaffen, und der Geist Gottes schwebte allein im leeren und dunklen Raum über den Gewässern.

Die Erde war noch nicht da, es gab noch keine Sterne und keine lebenden Wesen.

Da erscholl inmitten der grenzenlosen finstern Einsamkeit die gewaltige Stimme des Herrn:

"Satan, tauche hinab in die Tiefen des Meeres und hole mir eine Handvoll Sand!" Da fragte der böse Geist voll Neugier:

"Warum soll ich es tun?"

"Frage nicht", erscholl von neuem die Stimme des Schöpfers, "sondern tue, wie ich dir befohlen".

Da schäumten und zischten die Wasser, wie wenn man eine brennende Fackel hineingeworfen hätte, als Satan, zornig, weil er Gottes Geheimnis nicht durchschauen konnte, sich in die Fluten hinabstürzte.

Aber Gott zum Trotz stieg er noch einmal herauf und fragte von neuem:

"Wozu willst du den Sand?"

"Tu, wie ich dir befohlen!" erwiderte der Herr, strenger als das erste Mal.

Da stürzte sich der böse Geist von neuem einer Lawine gleich in das Meer, aber noch immer führte er Gottes Gebot nicht aus, sondern stieg, von brennender Neugier geplagt, noch einmal an die Oberfläche der Flut herauf und wiederholte die Frage.

Da fühlte Gott in seiner Güte etwas wie Mitleid mit dem Teufel und sprach:

"Siehe, aus dem Sand will ich die Erde machen, dann werde ich den Menschen erschaffen und ihm die Erde zur Wohnung geben. Nun weißt du, wozu ich den Sand gebrauche. Eile dich und hole ihn aus der Tiefe heraus!"

Satans Augen funkelten voll Hinterlist, als er wieder hinabtauchte und während er immer tiefer in die ewige Finsternis hinabsank, kam ihm folgender Gedanke:

"Ich werde dich betrügen, Herr; denn ich will mir auch eine Erde machen. Etwas von dem Sand werde ich hinter meinen Zähnen und in meiner Klaue verbergen. Eine Handvoll werde ich dir geben, das übrige aber für mich behalten."

Und also tat er.

Und als er wieder an der Oberfläche des Meeres emportauchte, da hielt er sein Maul fest geschlossen, denn er fürchtete, der Sand könne ihm herausfallen und seine Absicht verraten. Er war erfüllt von boshafter Freude, weil er glaubte, er habe Gott hintergangen und werde nun seine eigene Welt, seine eigene Erde, seine eignen Menschen haben.

Gott der Herr aber nahm den Sand in seine heiligen Hände, segnete ihn und streute ihn auf die Oberfläche des Wassers aus. Da fingen die Körner und die Schollen des Landes an, sich mit Macht auszudehnen, sich miteinander zu verbinden, und bald entstand im Meer festes Land.

Aber auch im Maul Satans begann der Sand sich zu dehnen und zu wachsen, so dass er ihn beinahe erstickte. Darum musste er, hustend und sich räuspernd, ihn mit aller Gewalt wieder von sich geben. Und wo er auf das Meer und die See hingespien hatte, da entstanden einsame wüste Inseln, auf denen der Böse bis auf den heutigen Tag am liebsten wohnt.

Als so der Himmel und auch die Erde entstanden waren, da erschuf Gott die Engel. Aber diese erhoben sich in ihrem Übermut und dünkten sich Göttern gleich. Zur Strafe stürzte sie der Herr in die Tiefe der Hölle, in die sie unter schrecklichem Zorn- und Wehgeschrei vierzig Tage und vierzig Nächte ununterbrochen hinabfielen.

Erst nach dem Fall der Engel schuf Gott den ersten Menschen im Paradies, Adam. Der war ein gar gewaltiger Riese, von so großer Stärke, dass es ihm ein Geringes war, die höchsten Bäume mit den Wurzeln auszureißen gleich armseligen Grashalmen.

Die größten und wildesten Tiere gingen ihm voll Furcht aus dem Weg; sie wagten nicht, ihm etwas anzutun, denn er war stärker als sie, und seine Haut war unverwundbar.

Aber dem Menschen war nicht wohl, er fühlte sich einsam, selbst im Paradies.

Da beschloss der Herr, ihm eine Gefährtin zu geben. Und er hauchte auf die Blumen des Paradieses, und gleich einer weißen Lilie, gleich dem süßen Duft des Frühlings, herrlich von Ansehen, stand vor ihm die Gestalt der ersten Frau. Sie war erschaffen aus dem, was im Paradies am lieblichsten, reinsten und schönsten zu finden war.

Diese Jungfrau führte Gott Adam zu.

Und da wurde es im Paradies noch heller als sonst, da sie vorüberging, denn die Sterne traten am hellen lichten Tag am Himmel hervor, um sie zu sehen, und es duftete noch stärker als vordem, denn vor Freude atmete die Erde lauter Wohlgerüche.

Und alles, was sich da regte und mit einer Stimme begabt war, von den summenden Mücken über den Wassern bis zu den gefiederten Sängern in den Lüften, alles erhob ein Loblied zur Ehre des Schöpfers und zum Ruhm der Jungfrau.

Nur Adam blieb gleichgültig und verdrossen, denn die Jungfrau kam ihm zu schwach, zu leicht vor für seine Stärke und Größe, und er wusste nicht, was er mit einer solchen Gefährtin anfangen sollte. Er war wie aus einem Felsen gemeißelt, sie aber schien aus den Staubfäden der Blumen geboren zu sein.

Da erkannte Gott, dass für Adams grobe Natur eine solche Frau keine passende Gefährtin sei, und dass er ihrer gar nicht wert war. Daher nahm er die Jungfrau wieder zu sich, und für Adam schuf er eine andere Frau, die für ihn eine schickliche Genossin war, so wie er selbst, ihm ähnlich an Gestalt und Ansehen, Bein von seinem Bein. Aus Adams Rippe wurde Eva geschaffen.

Und da lächelte Adam, als er sie zum ersten Mal erblickte. Er freute sich des Gedankens, dass er von nun an nicht mehr allein und einsam sein werde, dass er ein ihm ähnliches Wesen zur Seite habe, mit dem er das Paradies teilen könne sein Leben lang.

Gott aber erhielt die aus den Blumen geborene Jungfrau in ihrer Schönheit und fleckenlosen Reinheit und teilte ihr später eine andere Aufgabe zu: er bestimmte sie zur Mutter seines Sohnes.

Sie, die Schöne und Reine, sollte im Paradies bleiben bis zu der Zeit, wo das Menschengeschlecht, beladen mit der Sünde Adams, verurteilt zu Mühe, Plage und Sterben, eine Erlösung braucht, und dann sollte von der Jungfrau der Sohn Gottes geboren werden und auf Erden wandeln und mit dem Holz des Kreuzes die fallende Menschheit stützen.

Durch Evas Schuld folgte die Schlange des Bösen dem Menschen aus dem Paradies in die Welt, durch Maria wurde der Schlange Haupt im Staub zertreten.

Aus Adams Rippe wurde die Mutter des Menschengeschlechts erschaffen, aus Blumen des Paradieses entstand die Mutter des Gottmenschen. Und wie ein Blütenduft ging von ihr aus der Geist der Wiedergeburt über die Welt, über die müden Seelen der dem Tod verfallenen Menschheit.

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II. Von der Empörung der bösen Geister und dem Kampf der bösen und guten Engel.

 

Während Adam mit Eva glücklich im Paradies dahinlebte, fanden im Himmel gewaltige Ereignisse statt.

Mit immer größerem Hass blickte der Fürst der Finsternis auf die Werke des Herrn des Lichtes, der Schönheit und der Güte. Besonders aber ergrimmte er beim Anblick der Gefährtin Adams. Lange sann er darüber nach, wie er die erste Frau und mit ihr das ganze Menschengeschlecht, dessen Mutter sie werden sollte, verderben könne.

Da sprach der Herr zu Satan:

„Nicht nur Eva erschuf ich, sondern auch eine zweite Frau, vor der die Erde und der Himmel sich neigen werden, denn sie soll den Gottmenschen gebären, meinen Sohn.“

Auf diese Worte erbebte der Fürst der Finsternis vor Hass und Empörung; in finsterem Stolz erhob er seine Stimme:

„Vor einer schwachen Frau soll ich mich beugen und sie als Gottesgebärerin erkennen? Niemals! Ich bin stärker in meiner nächtlichen Finsternis denn du in deinem Licht, und was du unternimmst, das mache ich zunichte. Ich bin die Kraft, ich bin die Zerstörung.“

Und er berief alle Engel der Linken an seiner Seite und sagte Gott den Kampf an.

Die geflügelten Heerscharen führte auf der einen Seite der Erzengel Michael an, auf der anderen Luzifer.

Da ertönten die Himmel zum ersten Mal von schrecklichem Schlachtgetöse.

Das Licht und die Finsternis rangen miteinander, zwei Gewalten maßen sich im Kampf, zwei Heerführer stürzten sich entgegen mit ihren Schwertern, von deren Funkeln ein lodernder Widerschein auf den ganzen Himmel fiel, und von deren Geklirr die ganze Erde wie vom Donner erschüttert wurde.

Die Entscheidung schwankte lange Zeit.

Als der Erzengel Michael sah, dass er seinen schrecklichen Gegner nicht bezwingen könne, da rief er aus:

„O Herr, hilf, ich kann ihn nicht überwinden!“

Und Gott antwortete ihm:

„Lass den Mut nicht sinken, ich bin bei dir!“

Nun hob der Erzengel mit neuem Mut sein Schwert. Und siehe da, mit einem gewaltigen Streich hieb er Luzifer beide Flügel ab. Der aber stürzte von den himmlischen Höhen hinab in den Abgrund. Und hinter ihm flohen in schrecklicher Verwirrung die Heerscharen der schwarzen Geister hinab in die unermessliche Tiefe.

In den Höhen aber stand triumphierend im Glanz der Morgenröte, der funkelnden Sterne und der aufgehenden Sonne der Herr des Himmels und der Erde. Er hatte die Feinde des Lichtes und der reinen Jungfrau, die zur Mutter des Gottmenschen auserkoren war, überwunden.

Und Himmel und Erde, die Gestirne und die Heerscharen der himmlischen Geister erhoben in harmonischen Akkorden ein lautes Lied der Freude, weil das Licht von nun an stets herrschen sollte über der Finsternis.

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III. Mariä Verkündigung

 

Nun war die Stunde gekommen, da der Herr die Jungfrau aus dem Paradies auf die Erde sandte, damit seine Verheißung, das sündhafte Menschengeschlecht zu erlösen, sich nunmehr erfülle.

Aus dem königlichen Geschlecht Davids erblühte eine Jungfrau, einer Lilie gleich, der ein Engel verkündete, sie werde den Heiland, den Sohn Gottes, zur Welt bringen.

Und die Jungfrau neigte in frommer Demut ihr Haupt und flüsterte:

„Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort!“

Und der Wille des Herrn wurde erfüllt. Sein Name sei gepriesen in Ewigkeit!

Die Jungfrau, die der Herr aus Blumen des Paradieses erschaffen hatte, Maria, die zweite Eva der Menschheit, kam zur Welt, die Sünde ihrer Stammmutter auszulöschen. Sie wurde die Mutter des Erlösers der büßenden Menschheit, auf dass diese von ihren Sünden wiedergeboren werde und den Weg zum verlorenen Paradies wiederfinde.

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IV. Wie die Mutter Gottes bei einem Bauern einkehrte, und wie der Heiland in einem Stall geboren wurde, und welches Wunder sich bei der Krippe zutrug.

 

Die heilige Jungfrau ging einst über Land. Da kam sie auch an die Hütte eines armen Bauern und bat ihn um ein Obdach, denn sie wusste nicht, wo sie die Nacht bleiben solle.

Die wilden Hunde des Dorfes taten ihr nichts zuleide, als sie vorüberging, sondern wedelten vor Freude mit ihren Schweifen. Die unvernünftige Kreatur erkannte sie also wohl, aber der Bauer ahnte nicht, was für ein Gast an seiner Schwelle stand. Er begann sich mit vielen Worten zu entschuldigen, dass er ihr kein Nachtlager geben könne, denn seine Hütte sei eng, und er habe viele Kinder, und Raum sei für niemand mehr da.

„Schöne Frau“, sprach er zuletzt, „geht schließlich in meinen Stall, dort könnt ihr getrost übernachten; in der Hütte kann ich euch beim besten Willen kein Obdach geben.“

In der zweiten Stunde nach Mitternacht weckte den Bauern plötzlich eine große Helligkeit. Er schaute durch das Fenster auf seinen Hof und sah mit Verwunderung einen überaus leuchtenden Stern über seinem Stall stehen, und zahllose Engel mit goldenen Flügeln auf das Strohdach desselben niederschweben. Wie eine Schar Tauben umkreisten die Engel den Stall und sangen dabei gar freudig, dass die Jungfrau Gottes Sohn geboren habe. Und er verstand deutlich die Worte des Lobgesanges: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.“

Da wurde der arme Bauer arg erschrocken und fing an zu klagen:

„Lieber wollte ich mit meinen Kindern auf der Schwelle liegen und dir, o Jungfrau, die ganze Hütte überlassen, hätte ich nur gewusst, wer du bist. Ach, hätte ich es vorher gewusst!“

Im Stall aber zitterte das Neugeborene vor Kälte, und die Mutter nahm ihr Schleiertuch vom Kopf und machte daraus eine Windel für ihr Kind. Sie bedeckte es mit Stroh, damit es nicht friere, und wiegte es in den Schlaf, indem sie sang:

„Schlafe, mein Jesulein, schlaf!“ Sie wies die Hilfeleistungen der Engel zurück und besorgte ihr süßes Kind ganz allein, weil ja nicht einmal ein Engel die Mutter ersetzen kann.

Die Kunde von der Geburt des Herrn verbreitete sich gar schnell; zuerst kam sie zu den Armen und Einfältigen, zu den Hirten auf dem Feld. Sie wurden aus dem Schlaf geweckt, und es ward ihnen geheißen, hinzueilen und den Herrn der Welt zu begrüßen. Er liege auf dem Heu in einer Krippe in großer Armut und bescheiden wie eine Blume des Feldes, obgleich die ganze Welt ihm untertan ist.

Mit dem Gesang der Engel und dem Schlummerlied der Mutter vermischten sich jetzt die Stimmen der Hirten. Sie spielten dem kleinen Kind auf der Sackpfeife ihre schönsten Weisen vor und trieben auch sonst allerlei Kurzweil, damit das göttliche Kind seine Freude daran habe. Einfältigen Herzens brachten sie ihm ihre bescheidenen Gaben dar und baten, sie nicht zu verschmähen. Das Jesuskind in der Krippe sah das alles und lächelte gar dankbar und streckte ihnen seine Händchen entgegen, als ob es sie segnen wolle.

Die heilige Mutter machte sich unterdessen eifrig im Stall zu schaffen, der ganz von himmlischem Glanz und irdischem Lärm erfüllt war. Gütig und freundlich munterte sie die Hirten zur Fröhlichkeit auf. Und es war in der Tat ein so lustiges Gewimmel und eine solche Fröhlichkeit an der Krippe des Jesuskindes, als ob die ewige Glückseligkeit des Himmels schon jetzt auf die Erde herabgekommen sei.

Der Bauer aber, der dem Heiland in seinem Stall Obdach gewährt hatte – er war der Schmied des Dorfes – wurde für das Nachtquartier, das er Maria gewährt hatte, mit einem großen Wunder belohnt. Er hatte nämlich eine Tochter, ein gar liebes Kind, das aber ein Krüppel war, denn es war ohne Hände geboren worden. Das arme Kind schlich sich nun an die Krippe unter die Engel und Hirten und schaute mit seinen großen blauen Augen auf das Kind. Es stand ganz demütig und bescheiden da und war sehr verwundert über das, was es hier erblickte. Als Maria das krüppelige Töchterchen des Schmiedes bemerkte, sprach sie voller Mitleid zu ihm:

„Reich mir doch mein Kind aus der Krippe!“

Da traten dem Mädchen die Tränen in die Augen, es trat näher, und schluchzend sprach es:

„Wie soll ich Ärmste euch das Kind reichen, da ich doch ohne Hände bin?“

„Tu es nur“, entgegnete gütig die heilige Jungfrau. Und das Kind versuchte es, und, o Wunder, mit einem Mal hatte es Hände und konnte Maria das Jesuskind reichen. Voller Glück streckte es nun seine Ärmchen in die Höhe und bewegte sie freudig, wie ein Birkenbäumchen im Frühling seine Zweige bewegt. Es lachte und weinte vor lauter Seligkeit und sprach: „Nun habe ich Hände, nun kann ich auch mit ihnen beten und arbeiten.“

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V. Die Flucht nach Ägypten. Von dem mitleidigen Farnkraut, der furchtsamen Espe, dem mutigen Haselnussstrauch und dem boshaften Kuckuck.

 

 

Die heilige Familie musste sich vor den Henkern des Königs Herodes verbergen und floh darum nach Ägypten. Durch den finstern, dichten Wald zog sie dahin, und das Jammern der ermordeten unschuldigen Kinder verfolgte sie wie eine Klage gegen den blutdürstigen Tyrannen und wie ein Ruf nach Vergeltung. Das Herz der Jungfrau Maria bebte vor Angst, ihre Wangen wurden bleich wie der Mond, und sie presste ihr Kind an sich, damit nicht einmal die schwarze Nacht ihm in die Augen schauen könne.

Aber das Kind war hungrig, darum weinte es und verlangte nach Speise, und im weiten Wald erscholl sein bitteres Weinen.

Die hohen Bäume neigten sich wie aus Mitleid vor ihm und als ob sie ihm zuflüstern wollten: „Sei ruhig, du heiliges Kind!“

Und das Farnkraut am Boden klammerte sich an das Kleid der Jungfrau Maria und bat mit demütiger Stimme:

„Lass mich doch dein Kind erquicken, heilige Gottesmutter!“

„Wie willst du das fertigbringen?“ fragte Maria.

„O, ich habe ja Wurzeln, durch die ich selbst mein Leben aus dem Erdboden ziehe.“

Maria war gerührt durch diese bescheidene Opferwilligkeit und nahm sie dankbaren Herzens an, konnte sie doch ihr hungriges Kind dadurch ernähren.

Dafür segnete der Heiland die barmherzige Pflanze und nahm den bitteren Geschmack von ihr, den sie vordem hatte. Und wenn sich ein Mensch im Wald verirrt und vor Hunger beinahe umkommt, so kann er in ihr seine Nahrung finden und sich vor dem Hungertod bewahren, bis Gott ihn aus der Einsamkeit errettet.

Mit Tagesgrauen machte sich die heilige Familie wieder auf den Weg, um den Henkern des Königs Herodes zu entgehen.

Der Jungfrau Maria wurde es mit der Zeit recht sauer, ihr Kind in einem fort zu tragen, aber trennen wollte sie sich von ihm nicht eher, als bis sie an einem sichern Ort angekommen wären.

Nur einen kurzen Augenblick wollte sie unter einer Espe ausruhen und sich verbergen, aber der böse Baum wollte ihr kein Obdach geben.

„Ich fürchte mich“, sprach die Espe zitternd vor Angst, „denn der König Herodes wird mich abhauen lassen, wenn ich euch verberge. Ich fürchte mich vor der Rache des Königs Herodes. Geht darum lieber fort!“

Und die Espe schlotterte mit ihren Zweigen, ihre Blätter wurden ganz weiß und starrten in die Höhe, wie die Haare auf dem Haupt eines Menschen, der in großer Angst und Furcht ist. Darum erhob sich die Jungfrau Maria, verließ den ungastlichen Baum und verbarg sich unter einen Haselnussstrauch.

„Hast du keine Furcht vor Herodes?“ fragte sie ihn, ehe sie sich niederließ. Aber der Haselnussstrauch sagte nichts, sondern bedeckte sie ganz mit seinen Zweigen, umhüllte sie mit seinem Mantel von kleinen Blättern und hielt den Atem an.

Der König Herodes hätte erst seine Äste mit dem Schwert abhauen müssen, ehe ihm die heilige Mutter mit ihrem Kind unter dem Haselnussstrauch zu Gesicht gekommen wäre. So gut hatte er sie verborgen.

Der grausame König Herodes ging vorüber und erblickte nichts. Er bemerkte nicht einmal die Espe, die vor lauter Angst zitterte, und die ein so großer Schrecken ergriffen hatte, dass sie auf die Frage nach der Frau und ihrem Kind nicht einmal hätte antworten können.

Im Haselnussstrauch saß aber ein Kuckuck. Der war ein arger Verräter und wollte sich Herodes angenehm machen. Darum fing er an zu rufen: „Kuckuck! Kuckuck!“ So wollte er des Königs Aufmerksamkeit erregen und Maria verraten.

Für diese böse Tat ist der Kuckuck verwünscht; er ist ein Vogel, der kein Nest hat, worin er seine Jungen unterbringen kann. Die Espe, die sich fürchtete, der Jungfrau ein Obdach zu geben, lebt seit dieser Zeit in einer ewigen Angst und zittert und bebt in einem fort mit ihren Blättern, selbst bei der größten Windstille und bei dem schönsten Wetter.

Aber nicht genug damit, sie kam auch noch in die größte Unehre, denn Judas erhängte sich später an ihr. Zur Strafe dafür, dass sie dem Jesuskind keinen Schatten gewähren wollte, musste sie den größten Verräter und Bösewicht auf Erden tragen.

Der Haselnussstrauch aber wurde zur Belohnung ein gesegneter Baum. Der Blitz schlug seitdem niemals in ihn ein, und der Mensch kann während eines heftigen Gewitters unbesorgt unter ihm Obdach suchen, denn er steht seitdem bei der Jungfrau Maria in Huld und Gnade.

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VI. Wie die Heilige Familie durch einen finstern Wald zog. Von der Mariendistel. Das Nachtlager bei dem Räuber und von der Heilung seines Söhnleins. Was später mit diesem geschah. Von den wohlriechenden Kräutern.

 

Im dichten Wald hauste ein arger Räuber, der die Menschen auf den Straßen überfiel und sie ermordete und beraubte. Er lebte zu der Zeit, als die heilige Familie auf dem Weg nach Ägypten war.

Der finstere Wald mit seinen zahlreichen Schlupfwinkeln war unheimlich und schreckenerregend. Zwei Wege führten hindurch, der eine nach rechts, der andere nach links. Der Weg rechts führte dicht an der Behausung des Räubers vorbei, der nach links durch ein fast undurchdringliches Gestrüpp, in dem man sich sehr leicht verirren konnte.

Der hl. Joseph, die Jungfrau Maria und das Jesuskind vertrauten aber auf den Willen Gottes, fassten Mut und schlugen den Weg durch das Gestrüpp ein.

Im Wald wurde es schon ganz finster, und ein feuchter, dichter Nebel erhob sich vom Boden. Dem Jesuskind war es sehr kalt, und es weinte darum bitterlich an der Brust seiner Mutter.

Da setzte sich Maria unter einen Baum, um ihrem Kind Nahrung zu reichen. Dabei fielen ein paar Tropfen der Milch auf eine Distel, die zu ihren Füßen wuchs, und seit dieser Zeit hat die Pflanze die weißen Flecken auf ihren Blättern behalten, und man nennt sie jetzt Mariendistel.

Es wurde immer finsterer und unheimlicher, und man musste daran denken, sich im Wald ein Nachtlager zu suchen.

Der Räuber, der wie gewöhnlich am Weg auf die Reisenden lauerte, hörte mit einem Mal menschliche Stimmen im Gestrüpp und schlich sich gleich einem Raubtier näher heran. Er glaubte jemand ermorden und berauben zu können.

Aber da fühlte er, wie die Keule, die er über der Schulter trug, und die von vergossenem Blut ganz rot war, immer schwerer und schwerer wurde, so dass er sie kaum mehr schleppen konnte.

Plötzlich erblickte er über der Stelle, von wo er die Stimmen vernommen hatte, einen hellen Schein und sah drei leuchtende Monde am Himmel stehen. Es war die Stelle, an der die heilige Familie Rast machte.

Als der Räuber noch näher herangeschlichen war, erblickte er endlich die heilige Jungfrau mit ihrem Kind und den hl. Joseph. Sie waren ganz erschöpft vor Kälte und vom Regen ganz durchnässt.

Der Räuber wollte sie fragen, woher sie kämen und was sie hier zu suchen hätten, aber er konnte vor seltsamer Unruhe kein Wort herausbringen, sondern blieb wie angewurzelt stehen und wagte keinen Schritt näherzutreten.

Er fühlte, dass er der Frau, dem Kind und dem ehrwürdigen Mann kein Leid antun dürfe, weil eine unsichtbare Macht sie beschütze, und die drei leuchtenden Monde sagten ihm, dass das keine gewöhnlichen Menschen seien, die er mit seiner Keule überwinden könne.

Seine gewöhnliche Grausamkeit verließ ihn, obgleich er noch immer finster dreinschaute, als ob er über seine eigene Schwäche unwillig wäre.

„Bei einem solchen Wetter wollt ihr im Wald übernachten?“ fragte er endlich die drei mit rauer, tiefer Stimme. „Kommt mit mir! Dort am Weg steht mein Haus, ihr könnt darin übernachten.“

So ging die heilige Familie in das Haus des Räubers, wo dessen Frau sie erschrocken bewillkommnete und ihnen die Aufnahme nicht verwehrte.

Der Anblick des Jesuskindes an der Brust der heiligen Mutter erfüllte sie sogar mit Mitleid, denn sie war selbst eine Mutter. Sie glaubte, ihr Mann habe die drei Reisenden absichtlich in das Haus gelockt, um sie dann zu ermorden und zu berauben. Darum sprach sie ganz heimlich zu Maria:

„Eilt von hier, ihr lieben Leute, übernachtet nicht in diesem Haus! Ich bin die Frau des Räubers, der euch töten wird, so wie ihm die Gelegenheit günstig erscheint.“

Aber die heilige Jungfrau beruhigte sie und sagte, sie brauche keine Sorge zu haben, denn sie stünden alle in Gottes Hut. Ehe sie sich alle zur Ruhe niederlegten, bereitete Maria dem Jesuskind noch ein Bad in einer Wanne, die am Ofen stand. Und da sie sah, dass die Frau des Räubers dabei wie mit Kummer auf ihr eigenes Kind in der Wiege blickte, so sagte sie ihr, sie möge auch ihr Kind in der Wanne baden.

„Wie kann ich das tun“, antwortete die Frau, „da mein Söhnchen doch auf dem ganzen Körper von einem bösen Aussatz bedeckt ist? Man darf es nicht zugleich mit einem gesunden Kind baden.“ Doch die Mutter Gottes befahl ihr, das kranke Kind zu bringen, und tauchte es mit eigenen Händen neben dem Jesuskind in das Bad. Sowie aber das Wasser den aussätzigen Körper des Kindes berührt hatte, da verschwand der hässliche Aussatz, und das Kind wurde gesund.

Der Räuber und seine Frau erkannten, dass ein Wunder geschehen sei. Mit Gold und Silber wollte sich nun der Räuber für die Heilung seines Sohnes dankbar erweisen, aber bald erkannte er, wie nichtig alle Schätze der Welt seien, und dass man Gott nicht anders danken könne, als dass man sein Herz von Sünden befreie und dem Kind opfere, das auf die Welt gekommen ist, die Menschheit von dem Aussatz der Sünden zu erlösen. Das sah der Räuber ein, und er beschloss, von nun an ein bußfertiges Leben zu führen.

Das Jesuskind aber auf dem Arm der Jungfrau Maria sprach also zu dem Söhnchen des Räubers:

„Wir haben zusammen gebadet, dereinst werden wir zusammen sterben.“

Und so geschah es auch. Denn der Sohn des Räubers folgte nicht dem Beispiel seines Vaters, sondern wurde, als er erwachsen war, ein ebensolcher Bösewicht, wie der Vater vordem gewesen war.

Für seine Missetaten wurde er zu derselben Zeit wie Christus gefangen genommen und auf Golgatha gekreuzigt.

Und als er am Kreuz hing, sprach er beim Anblick des Heilandes die Worte: „Dieser Mann hat nichts Unrechtes getan.“ Worauf ihm Christus antwortete: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Von dem Wasser aber, in dem das Jesuskind und der Sohn des Räubers gemeinsam gebadet wurden, und das einen gar lieblichen Duft ausströmte, erzählt man sich folgendes:

Als die Frau des Räubers es am anderen Tag im Garten ausschüttete, da wuchs an dieser Stelle ein wohlriechendes Kraut, und von dem Kraut bereiteten später die drei Marien die Salbe, womit sie den Körper des Heilandes einbalsamierten, ehe sie ihn in das Grab legten.

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VII. Die Mutter Gottes als Säerin.

 

Der heiligen Familie war es geglückt, aus dem Wald zu entkommen und dabei allen Gefahren unversehrt zu entgehen. So kamen sie zuerst auf ein Feld, das ganz frisch gepflügt war, und auf dem nicht einmal die Wintersaat aufgegangen war.

Wie sollten sie sich hier verbergen, und wohin sollten sie fliehen vor den Henkern, die die Jungfrau und ihr Kind verfolgten?

So schnell sie konnten, gingen sie über den Acker und stolperten da oft über die Furchen, aber sie zauderten keinen Augenblick, sondern eilten immer weiter. Der Atem ging ihnen aus vom schnellen Gehen, aber sie konnten nicht rasten, denn das Verderben war hinter ihnen: der König Herodes mit seinen Knechten.

So kamen sie an einen Grenzrain, und dahinter säte ein Bäuerlein seinen Weizen aus.

„Gott helfe dir, lieber Bauer“, rief die heilige Jungfrau.

„Gott vergelt´s, schöne Frau“, entgegnete der Sämann.

„Heute säst du deinen Weizen und morgen schon sollst du ihn mähen“, sagte wiederum Maria, und er antwortete: „Du sollst gesegnet sein, wenn ich den Weizen schon morgen mähen kann.“

Darauf reichte die Jungfrau Joseph ihr Kind, schürzte ihr Kleid hoch und schritt über das Feld, die geackerten Furchen entlang. Mit der Hand streute sie die Körner aus, und wo sie eine Handvoll Samen hinwarf, da schossen mit einem mal aus dem Erdboden die Ähren in üppiger Fülle empor und begannen zu wogen, und das Feld stand so dicht da wie ein Wald. Sie säte das ganze Feld bis an die Grenze, und dann kam sie zurück.

„Du siehst, du kannst heute noch mähen“, sprach sie darauf lächelnd zum Bauern, nahm ihr Kind wieder auf den Arm, und alle drei gingen auf dem Weg ins Dorf hinein. Der Bauer wusste nicht, wie ihm geschah. Er schaute bald auf das wunderschöne Getreide, bald auf die drei, denen die Erde mehr gehorchte als der Sonne, bald blickte er empor zum Himmel, ob nicht eine Schar Engel herabsteige. Er konnte nicht begreifen, ob es Traum war oder Wirklichkeit.

Endlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, er sank auf die Knie und stammelte vor lauter Rührung immer nur diese Worte: „O, seid gesegnet! O seid gesegnet!“

Nun mähte er sein Getreide noch an demselben Tag, wie es ihm die Jungfrau vorhergesagt hatte. Und als er dabei war, mit dem Rechen seinen Weizen zusammenzuraffen, da kamen mit großem Geschrei vom Wald her die Häscher des Königs.

„Heda, Bauer“, schrien sie ihm drohend zu, „ist hier nicht eine Frau mit einem Kind und einem alten Mann vorübergegangen?“

„Ja“, antwortete der Bauer.

„Wann war das?“ fragten sie weiter.

„Das war zu der Zeit, als ich meinen Weizen aussäte.“

„Das muss schon lange her sein“, sprachen sie, „denn jetzt hast du ihn schon gemäht. Es hat also keinen Sinn mehr, sie weiter zu verfolgen.“

Und mit diesen Worten machten die Häscher des Königs kehrt, denn sie gaben die Hoffnung, die Flüchtlinge einzuholen, nun auf. Die heilige Familie war unterdessen schon weit fort und in Sicherheit. Gott hatte sie aus allen Gefahren errettet. 

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VIII. Von der Kindheit Jesu, und wie er eine lebende Nachtigall, eine Meise und eine Eule aus leblosem Ton verfertigte. Wie Jesus auf dem Feld arbeitete. Von einer bösen Frau und der Getreideähre. 

 

Als Christus geboren wurde, bekam die Welt ein lieblicheres Aussehen denn vordem. Alle Gärten bedeckten sich mit weißen Blüten, alle Wiesen dufteten vor lauter Freude und Fröhlichkeit, die ganze Natur verjüngte sich, und in den Herzen der Menschen erblühte die Hoffnung und die Liebe.

Die Mutter Gottes wanderte mit ihrem Sohn auf Erden viel umher. Sie führte ihn an der Hand auf die prangenden Wiesen und pflückte ihm Blumen, soviel er daran Freude hatte. Sie ging mit ihm aber auch in die Wohnungen der Menschen, schaute in die Hütten des Dorfes hinein und zeigte ihm, was die Menschen treiben, wie sie leben, wie sie arbeiten. Auch in die Kirche zur Frühmette und an den Sonntagen zum Hochamt ging sie mit ihm und lehrte ihn, die Händchen falten und zum Vater im Himmel beten.

Wenn sie zur Kirche kamen, da öffneten sich ihnen zu Ehren die Tore von selbst, die Glocken begannen von selbst zu läuten, und die Lichter auf dem Altar entzündeten sich von selbst. Denn sie erkannten in dem kleinen Kind Gottes Sohn.

Mit anderen gleichaltrigen Kindern erfreute sich das Jesuskind gern an fröhlichen Spielen. Sie formten dann zusammen kleine Vögelchen aus Ton und warfen sie hoch in die Luft. Und siehe da, die tönernen Vögel des Jesuskindes wurden lebendig, flatterten munter umher und sangen ein gar fröhliches Lied. Die von den anderen Kindern geformten Vögel blieben aber lebloser Ton.

So entflogen aus seinen Händchen die Nachtigall, die Meise und auch die Eule, die wohl Flügel wie ein Vogel, aber einen Kopf wie eine Katze hat. Die Eule hatten die Spielgefährten geformt, und Jesus hatte sie auf ihre Bitten belebt. Sie war so komisch, und sie sollten etwas zum Lachen haben.

Als Jesus größer geworden war, hielt ihn seine Mutter zur Arbeit an, damit er im Müßiggang keine Zeit verliere.

Da konnte man Jesus auf dem Feld hinter dem Pflug einhergehen sehen. Es war aber ein goldener Pflug, und vier Pferde waren davor gespannt, und auf dem einen Pferd lag ein Sattel, und darauf saß Jesus sehr oft und pflügte das Feld wie ein gewöhnlicher Bauer.

Um die Mittagszeit brachte dann die Mutter ihrem müden Sohn das Essen hinaus aufs Feld, und wenn er ausruhte, wischte sie ihm den Schweiß von der erhitzten Stirn und sprach mit ihm wie eine sorgsame Hausmutter von diesem und jenem, so z.B. „Was werden wir wohl auf diesen Acker säen?“ und anderes. Nach der Ernte standen aber dreihundert Getreidegarben auf dem Feld, damit es guten Menschen am Brot nicht fehle, da der Herr sich doch selbst für sie im Schweiße seines Angesichts abmühte.

Aber die Menschen sind halt undankbar; sie achteten das Brot gering, da sie übergenug davon hatten. Sie fingen sogar an, sich Besen aus den Ähren zu machen und vergeudeten so Gottes Gaben. Da hörte die Erde auf, für sie fruchtbar zu sein, und das geschah, nachdem sich folgendes zugetragen hatte:

Einst gingen Maria und Jesus an einem glühend heißen Tag die Straße entlang. Sie waren so durstig und hungrig, dass sie es kaum ertragen konnten. Da kamen sie an der Hütte eines Bauern vorbei. Da sprach Jesus zu seinem Mütterchen: „Mutter, gehen wir doch in die Hütte; wir wollen um Brot und Wasser bitten.“ Die Mutter antwortete darauf: „Gut, mein Sohn, wir werden uns dabei überzeugen, ob dort gute und mildherzige Menschen wohnen.“

Sie gingen also in die Hütte und trafen dort eine böse Frau, die laut keifte und auf ihr Kind zornig war, weil es weinte. Sie buk gerade Brot, und in ihrem Zorn riss sie ein frischgebackenes Brot vom Ofen weg und warf es nach dem Kind.

„Hier gibt es kein Brot für Bettelleute. Macht, dass ihr hinauskommt! Ihr steht mir nur im Weg.“

Da wurde die Mutter Gottes ganz traurig über die arge Bosheit der Frau, ihr Sohn aber erzürnte sehr und beschloss, dass von nun an das Getreide nicht mehr so viele Ähren tragen sollte wie bisher. Und von dieser Zeit an schrumpften die Ähren beträchtlich zusammen, und das geschah wegen der Hartherzigkeit einer bösen Frau.

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IX. Von der Bosheit der Menschen und der großen Überschwemmung, die Gott auf die Erde sandte. Die Mutter Gottes als Fürbitterin. Noch etwas von der Getreideähre. 

 

In grauen, uralten Zeiten, als noch ein Geschlecht von Riesen auf der Erde hauste, und es manchmal vorkommen konnte, dass ein Bauer dem andern seine Axt so mir nichts dir nichts von einem Berg zum andern hinüberreichte, da waren natürlich auch alle Bäume und Pflanzen viel größer als jetzt. Auch die Getreidefelder standen dicht und hoch wie ein Wald, und die Ähren waren vom Erdboden bis an die Spitze voll von Körnern.

Aber die Menschen wurden böse und missbrauchten Gottes Güte. Sie sündigten ohne Maß und ohne aufzuhören, und wurden so übermütig, dass es der liebe Gott nicht länger mit ansehen konnte.

Gott schaute auf die Welt und die Menschen und wartete und wartete, bis ihm am Ende die Geduld riss. Er beschloss, das ganze Menschengeschlecht zu vertilgen, das seiner Gnade so wenig wert war.

Im Zorn ergriff er eine Wolke und schleuderte sie auf die Erde, so dass ein großer Regen davon entstand, der fiel immerzu und ohne Unterlass vierzig Tage und vierzig Nächte lang.

Es war aber zur Zeit der Ernte, und auf den Feldern stand das Getreide in großer Fruchtbarkeit. Von den Höhen des Himmels goss es in Strömen herab, die Flüsse traten aus ihren Ufern, die Dämme brachen, und das Wasser ergoss sich überall hin, auf die Wiesen, auf die Felder und ertränkte so das Brot für die Menschen und das Futter für das Vieh. Da fiel ein großer Schrecken auf alles, was da lebte. Das Gewissen der Menschen regte sich, und sie entsetzten sich gewaltig, denn sie erkannten, dass nur ihre Sünden und Missetaten ein solches Unheil auf die Erde gebracht hatten. Gott der Herr aber schaute mit drohendem Angesicht vom Himmel herab und gab acht, ob die Gewässer auch alles weit und breit bedeckten, damit alle Fruchtbarkeit in dem überschwemmten Boden zugrunde gehe, und nicht ein Körnchen zum Säen mehr übrig bleibe. Und die Welt wäre damals wirklich ohne Rettung verloren gewesen und die Menschen dahingestorben wie die Mücken im Regen, aber vom Himmel schaute an Gottes Seite auch die heilige Jungfrau herunter, und ihr Herz wurde von Trauer erfüllt, wie sie sah, dass alles auf Erden zugrunde gehe. Sie begann darum Gott Vater zu bitten, zuerst schüchtern, dann aber immer eindringlicher, er möge der sündigen Menschheit doch die Strafe nachlassen und sich ihres Elends erbarmen.

Nachdem sie so Gott den Herrn gebeten hatte, kam sie zur Erde herab auf die überschwemmten Felder, über die schäumende Wogen dahinbrausten. Und da sah sie, wie die äußersten Spitzen der vollen Getreideähren aus dem Wasser herausschauten, nach allen Seiten schwankend, als ob sie sich mit den Wurzeln vom Erdboden losreißen wollten.

Da ergriff die Mutter Gottes eine solche Ähre, und ihre Augen zu Gott erhebend, sprach sie:

„Nur so viel lass ihnen übrig, o Herr!“

Und Gott, der der Mutter seines Sohnes nichts abschlagen konnte, erhob segnend die Hand, und sogleich schlossen sich die Wolken am Himmel, der Regen hörte auf, der Himmel wurde heiter, und die Wasser begannen zu verlaufen. Und aus dem Wasser hoben sich die zerzausten und gebrochenen Halme des Getreides wieder der Sonne entgegen, aber anstatt der vollen Ähren, die den Halm früher vom Erdboden an umgaben, blieb jetzt nur eine ganz kleine Ähre an der Spitze stehen. Und mit diesem wenigen, was ihm auf Fürsprache der Mutter Gottes übrig geblieben, muss sich der Mensch jetzt ernähren für ewige Zeiten; es muss ihm reichen für sein Brot und seine Saat. Aber zum Andenken, dass er sein Leben und sein Brot Maria zu verdanken habe, sieht man noch in jedem Weizenkorn ein ganz winziges Bild der Jungfrau; es ist gleichsam das Siegel der Gottesmutter. 

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X. Wie Jesus und seine Mutter von einem bösen Bauern verhöhnt wurden und eine andere Geschichte von den Getreideähren.

 

Von den Ähren des Getreides erzählt man sich aber auch folgende Geschichte:

In ganz alten Zeiten, da gab es auf der Welt kein Elend und keine Not. Die Frauen brauchten nicht zu sorgen, was sie ihren Kindern in die hungrigen Mäuler stopfen sollten, obgleich es der kleinen Schreihälse übergenug gab in den Dörfern. Gerade so wie heute. Aber es war, wie gesagt, kein Elend und keine Not auf Erden. Die Menschen lebten im Überfluss ganz wie im Paradies.

In den Wäldern barg sich viel Wild, und auf den Feldern stand das Getreide üppig und schwer. Zur Ernte brauchten die Bauern nicht einmal alles zu mähen, so viel war da. Sie ließen das, was sie selbst nicht brauchen konnten, für die ärmeren Leute stehen.

Wenn einer Lust auf einen Braten hatte, so ging er einfach in den Wald und erlegten sich ein Stück Wild; wollte er einen Kuchen oder ein gutes Brot, so war auf den Feldern Getreide vollauf.

Zu jener Zeit schaute das Getreide aber ganz anders aus wie heutzutage. Die Ähren wuchsen nämlich nicht, wie jetzt, an der Spitze, sondern umgaben die Halme schon vom Boden an.

Doch das Volk der Menschen war dieser Güte des himmlischen Vaters gar nicht wert. Statt fromm und gottesfürchtig zu sein, keinen Streit untereinander zu führen, den Frauen und Mädchen mit Achtung zu begegnen, lebten sie einfach in Saus und Braus. Sie faulenzten und arbeiteten fast gar nicht, weil die Erde alles im Überfluss hervorbrachte, sie waren miteinander im Unfrieden, und sie achteten die Mädchen und die Frauen nicht. Kurz und gut, es war schrecklich.

Da geschah es einmal, dass der Heiland mit der Mutter Gottes zu so einem gottlosen Dorf kam. Sie gingen vom Wald her auf einem Feldweg, und als sie das Dorf erreicht hatten, begaben sie sich zuerst in die Kirche.

Es war ein Sonntag, und der Pfarrer zelebrierte gerade das Hochamt. Aber im Gotteshaus war es ganz leer, nur einige alte Bauern und einige alte Weiblein knieten umher und beteten sehr andächtig. Denn wenn die Leute alt geworden sind, entsagen sie, wie man weiß, gern den Nichtigkeiten dieser Welt. Dann wissen sie, dass der Tod nicht mehr lange auf sich warten lässt, und bereuen ihre Sünden.

Der Heiland und die Mutter Gottes beteten andächtig, und als das Hochamt zu Ende war, traten sie aus der Kirche heraus.

Sie gingen nun über Wiesen und Felder, und überall ringsum sahen sie auf eine große Fruchtbarkeit. Der Roggen, der Weizen, die Gerste standen vortrefflich weit und breit. Aus den Kaminen der Bauernhäuser rauchte es, denn es ging an die Zeit des Mittagessens. Auf den Straßen spielten die Kinder; denen merkte man an, dass sie reichlich zu essen bekamen, denn ihre Wangen sahen aus wie von Milch und Blut. Junge Mädchen und Jungen standen umher und trieben allerhand übermütige Kurzweil. Die Mädchen kicherten und lachten und hörten die losen Reden mit Vergnügen an.

Keiner hielt die beiden heiligen Wanderer auf, um sie zu fragen: „Was seid ihr für Leute? Woher kommt ihr?“ Keiner sagte zu ihnen: „Kommt in die Stube und esst und trinkt und ruht euch aus von dem weiten Weg, denn auf der Landstraße ist es unerträglich heiß.“ Nein, keiner gab auf sie Obacht, sondern alles trieb seinen Übermut und seine Kurzweil wie bisher.

Der Herr und seine heilige Mutter schritten vorüber und grüßten mit dem frommen Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“, aber kaum einer gab ihnen Antwort; die meisten sagten gar nichts.

Als sie eine Strecke weiter gegangen waren, sahen sie einen Bauern, der stand groß und breit vor seinem Haus und rauchte sein Pfeifchen. Man merkte es ihm an, dass es ihm sehr gut ging, denn er sah wohlgenährt aus wie ein fetter Puter und blickte stolz auf die beiden Vorübergehenden.

Da wollte ihn der Heiland grüßen und sagte: „Gelobt -.“ Aber der Bauer ließ ihn gar nicht ausreden, sondern lachte höhnisch und sprach: „Wer soll gelobt sein? Doch nur mein Bauch? Schau nur, wie rund und fett er ist, ihr Hungerleider!“

Der Herr schwieg dazu still und verließ mit seiner Mutter das Dorf.

Auf dem Feld machten sie dann nach einer Weile halt. Hier ergriff der Heiland mit zornigem Antlitz einen Halm unten am Boden und, mit den Fingern nach oben fahrend, streute er seine vielen Körner umher.

„Was tust du, geliebter Sohn?“ fragte da die Mutter Gottes.

„Meine heilige Mutter“, antwortete der Heiland, „ich habe die große Schlechtigkeit der Menschen erkannt. Sie gehen nicht in die Kirche, sie leben in Sünden und Prasserei, und sie schänden meinen Namen. Darum habe ich aus den fruchtbaren Ähren, die hier vom Erdboden an wachsen, die Körner herausgestreift und morgen wird auf allen Feldern weit und breit kein Körnchen mehr zu finden sein, nur reines Stroh. Da die Menschen in ihrem Übermut keine Grenzen kennen, so sollen sie Hungers sterben.“

Bei diesen Worten hielt er die Spitze des Halmes in der Hand, und nur wenige Körner waren mehr in der Ähre. Aber die Mutter Gottes hielt ihn auf und sprach:

„Mein Sohn, du hast dem Schächer und der öffentlichen Sünderin verziehen, verzeihe auch ihnen. Lass noch die kleine Ähre an der Spitze stehen. Strafe die Menschen nicht mit dem Hunger. Sie sind deiner Gnade nicht wert, aber denke an die Kleinen, die du auf Erden so sehr geliebt hast.“

Da nahm der Heiland seine Hand von der Ähre, und sein heiliges Antlitz wurde wieder mild und gütig, sowie er von den Kindern hörte.

Seit dieser Zeit wachsen die Ähren beim Getreide nur an der Spitze; manchmal sind sie recht winzig und manchmal taub. Darum müssen die Menschen jetzt oft Hunger leiden, weil sie, als sie im Überfluss waren, gottlos und übermütig wurden. 

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XI. Von der armen Witwe und ihren beiden Kindern, und wie durch die Mutter Gottes die Erdbeeren erschaffen wurden.

 

Es war in grauen, uralten Zeiten; da wohnten die Menschen noch in niedrigen Lehmhütten ohne Kamine und ohne Fenster. Damals gab es noch keine Städte, und das Geld war ganz unbekannt. Jeder lebte von dem, was er durch harte Arbeit dem Boden abringen konnte. Und wenn einmal ein schlechtes Jahr gewesen war, dann entstand eine große Hungersnot, dass die Leute dahinstarben wie die Fliegen im Herbst.

So war auch einmal um Sankt Johanni herum die Not wieder entsetzlich groß, denn aus Hunger nährten sich die Menschen nur von Gras, Baumrinden und Wurzeln.

Da starb unter vielen anderen ein armer Bauer, der hinterließ eine Witwe mit zwei Kindern, einen Jungen, der zählte vier Jahre, und ein Mädchen, das war drei Jahre alt. Aber die Frau des Bauern, die nun ganz allein dastand, verlor den Mut nicht, sondern gedachte sich mit ihren Kindern schlecht und recht durchzuschlagen. Jeden Morgen ganz in der Frühe ging sie aufs Feld zur Arbeit, und am Abend gab ihr der Bauer, für den sie arbeitete, ein wenig Getreide und ein paar Kartoffeln. Das war herzlich wenig, aber die arme Frau war froh darum, denn so konnte sie ihren Kleinen etwas zu essen geben. An sich und ihren Hunger dachte sie nie. So ist das Mutterherz! Aber zuletzt wurde sie ganz schwach vor lauter Arbeit und Hunger, so dass sie nicht mehr aufs Feld gehen konnte, sondern zu Hause bleiben musste. Sie saß nun da in ihrer Hütte und wusste nicht aus noch ein und trocknete sich die Tränen, denn sie musste in einem fort weinen, wenn sie auf ihre armen Kinder blickte, die sie immer traurig anschauten und sagten: „Mütterchen, gib uns etwas zu essen!“ Und einmal, als sie glaubte, dieses Elend nicht länger ertragen zu können, kam ihr folgender Gedanke: „Ich kann nicht länger mit ansehen“, sagte sie zu sich, „wie meine armen Kinder Hungers sterben müssen, und von nirgends kommt eine Hilfe. Ich will mit ihnen in den Wald gehen, da ist ein tiefer See, dort will ich mich und meine Kinder ertränken. Dann hat aller Hunger ein Ende.“

So tat sie nun auch. Sie rief ihre Kinder, und sie gingen zusammen dem Wald zu. Auf dem Weg dorthin kamen sie auch über eine Wiese, da stand ein großer Storch, der schaute aufmerksam in das hohe Gras. Auf einmal bückte er sich, packte mit seinem Schnabel zu und flog davon. Im Schnabel aber trug er einen fetten Frosch. „O, lieber Storch“, sagte da die arme Frau seufzend zu sich, „du hast es gut, du kannst deinen Kleinen etwas zu essen bringen, aber ich muss mit meinen ins Wasser gehen.“ Und mit großem Schmerz schaute sie ihre Kinder an, die so mager und verhungert aussahen und kaum mit ihr gehen konnten.

Als sie in den Wald kamen, umfing sie eine wohltätige Kühle, die Tannen dufteten so angenehm, und die Vöglein sangen gar fröhlich, denn sie litten keinen Hunger. Die Frau setzte sich unter einen Baum, und die Kleinen schmiegten sich an ihre Mutter. Da sagte das kleine Mädchen: „Mütterchen, wird es denn schon Nacht? Mir wird schon schwarz vor den Augen, immer schwärzer. Ich kann dich schon gar nicht sehen, Mütterchen.“ Und ganz schwach und müde legte das kleine Mädchen sein Köpfchen an die Brust der Mutter. „O, mein Heiland“, sagte diese, „mein Kind stirbt vor lauter Hunger.“ Und in der Angst ihres Herzens fing sie an zu beten: „Mein Heiland, habe Erbarmen mit meinen unschuldigen Kleinen! Lass sie nicht so elend sterben! Du lässt ja auch das kleinste Würmlein durch deinen heiligen Willen nicht umkommen.“

Da fühlte sie, wie mit einem Mal ihr Junge sie anstieß und rief: „Schau, Mutter, dort hinten im Wald, da wird es ganz hell, als ob jemand eine Fackel trüge. Schau nur, wie hell es wird, Mütterchen!“

Die Mutter schaute hin, und wirklich, der Junge hatte recht gesehen. Ein helles Licht leuchtete zwischen den Stämmen und kam immer näher und nahm immer mehr zu an Helligkeit. Eine seltsame Angst ergriff die Frau, denn mit einem Mal geschah etwas Wunderbares. Mit einem Schlag wurde es ganz lautlos im Wald, wie bei der Wandlung in der Kirche. Die Vöglein verstummten, und die Bäume hörten auf zu rauschen, und kein Mücklein hörte man summen.

Plötzlich verschwand das geheimnisvolle Licht, und vor ihnen stand wie aus dem Boden gewachsen die hohe Gestalt einer schönen Frau. Sie war mit einem schimmernden Mantel bekleidet und trug eine Sternenkrone auf dem Haupt. Sie hatte ein gütiges, freundliches Gesicht und Augen wie der Himmel.

„In schwerer Not hast du meinen Sohn, den Heiland, angerufen, arme Mutter“, sprach die Erscheinung, „und darum bin ich mit seiner Zustimmung gekommen, dir und deinen Kindern zu helfen. Siehe, ich will jetzt im Wald eine so große Menge süßer Erdbeeren wachsen lassen, dass ihr nicht mehr Hunger zu leiden braucht.“

So sprach sie und ging langsam wieder hinein in den Wald. Und wie sie von dannen ging, säte sie mit der Rechten weit aus. Und langsam verschwand sie darauf.

Schon war die Sonne blutrot untergegangen, unter den Bäumen wurde es nach und nach grau und finster, da erholte sich die Frau von ihrer freudigen Bestürzung und schaute um sich. Und siehe da, unter den Bäumen, überall, wo nur ein Fleckchen Erde zu sehen war, da leuchtete es ganz rot von vielen, vielen Erdbeeren, die man bis dahin noch niemals gesehen hatte. Sie speiste mit ihnen ihre Kleinen, erquickte sich selbst damit und nahm noch eine große Menge mit sich, dass sie sie kaum bis zu ihrer Hütte schleppen konnte.

So wurden die Erdbeeren erschaffen. Die Mutter Gottes hat sie selbst gesät, damit arme Waisen in schweren Zeiten nicht zu verhungern brauchen.

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XII. Von den Schlangen.

 

In alten Zeiten, da krochen die Schlangen noch nicht auf dem Boden im Staub, sondern hatten Füße und konnten laufen wie andere Tiere. Der böse Geist nahm oft ihre Gestalt an, wenn er gegen die Menschen etwas Schlimmes im Schilde führte.

Als die heilige Jungfrau einmal durch den Wald lustwandelte und dabei über ihren Sohn nachdachte, sprang ihr plötzlich vom Baum eine Schlange entgegen und erschreckte sie sehr. Maria erzürnte darüber und rief ihr zu:

„Du abscheuliches Gewürm, weil du mich so erschreckt hast, sollst du von nun an stets auf der Erde kriechen.“

Sogleich fielen der Schlange die Füße ab, und sie kroch von nun an im Staub. Seit dieser Zeit hat sie vor der heiligen Jungfrau einen gewaltigen Respekt, und sie hofft noch immer von ihr ihre Füße zurückzuerhalten.

Jedes Jahr am Fest Mariä Geburt, während der Priester während des Hochamtes auf die Kanzel steigt, um die Predigt zu halten, kriechen darum die Schlangen auf die Bäume hinauf und horchen, ob man ihnen keine frohe Botschaft verkündet. Dann lassen sie sich wieder traurig auf die Erde hinab und suchen ihre Schlupfwinkel in ihren Winterlagern auf. Nur die Schlangen, die im Jahr einen Menschen gebissen haben, müssen so lange herumkriechen, bis sie jemand tötet. Der Schlange aber, die im Paradies Eva verführte und in die Seele der Stammeltern das Gift der Sünde geträufelt hatte, der hat die heilige Jungfrau selbst mit eigener Ferse den Kopf zertreten.

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XIII. Von dem Traum der Mutter Gottes. Was sich auf Golgatha zutrug, als der Heiland am Kreuz starb. Von den Schwalben und den Spatzen. 

 

Gott Vater sandte der heiligen Jungfrau einen Traum, einen schrecklichen, prophetischen Traum, in dem er ihr alle Marter ihres einzigen Sohnes von der Leidensnacht am Ölberg bis zur Kreuzigung auf Golgatha im Voraus kundtat.

Sie sah, wie man ihn verriet und gefangen nahm, wie man ihn mit Stricken fesselte und vor die Richter schleppte, wie man ihn mit Dornen krönte und endlich zum Tod verurteilte. Und dann sah die schmerzensreiche Mutter, was sie selbst alles erdulden sollte.

Sie sah im Traum ihren einzigen Sohn am Kreuz verscheiden, und man öffnete ihm mit einer Lanze die Seite, aus der Blut und Wasser zum Zeichen des irdischen Todes herausfloss. Dann nahm man den heiligen Leichnam vom Kreuz herab, sie berührte ihn mit eigenen Händen und hielt ihn wieder auf ihrem Schoß, wie damals, als Jesus noch ein kleines, liebes Kind war.

Das alles erblickte die Mutter Gottes im Traum und seufzte laut in ihren Ängsten. Da hörte sie über sich eine süße, mitleidige Stimme:

„Mutter, schläfst du?“

Der Traum verschwand, und vor Maria stand ihr Sohn und fragte sie, wovon sie so schwer geträumt habe.

„Von deinen Leiden und von deinem Tod, mein Kind“, antwortete sie.

„Mutter, das haben die Propheten doch schon lange vorausgesagt, und in der Schrift steht es geschrieben, dass alles erfüllt werde zum Zeugnis Gottes und der Wahrheit, du meine geliebte Mutter.“

Und in der Tat erfüllte sich alles, wie es vorausgesagt war. Durch das unschuldige Blut des Lammes Gottes wurden die Sünden der Welt weggewaschen.

Auf Golgatha aber stand unter dem Kreuz die schmerzensreiche Mutter und rang ihre Hände und blickte in die Höhe, wo ihr Sohn zwischen Himmel und Erde hing. Sie sah nichts als sein geneigtes blutendes Haupt mit der Dornenkrone und seine brechenden Augen und seinen bleichen Mund, der flüsternd für seine Henker betete:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Aber das konnte sie nicht sehen, was sich, unsichtbar jedem menschlichen Auge, ferner daselbst zutrug.

Als nämlich der Herr seinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte, da stürmte ein ganzes Heer von Teufeln aus der Hölle empor und umkreiste wie eine geballte Wolke das Kreuz, um sich auf Luzifers Geheiß der göttlichen Seele zu bemächtigen und sie vor ihn zu schleppen wie einen Kriegsgefangenen, den man in die Knechtschaft führt.

Die Teufel umflatterten das Kreuz und lauerten auf den letzten Atemzug Christi. Aber ihre Verwegenheit wurde von Gott mit Blindheit gestraft. Gleich Fledermäusen, die im Sonnenlicht nicht sehen können, fuhren die Abgesandten der Hölle in Verzweiflung und Wut in der Luft umher; sie waren blind geworden und konnten die Seele des Erlösers nicht erblicken.

Sie schlugen mit ihren Köpfen hilflos an die Balken des Kreuzes und stürzten dann, wie Motten von der Flamme versengt, in die Tiefe der Hölle zurück, wo sie heulend Luzifers Thron umdrängten.

„Herr, wir sahen sie nicht, wir können nichts mehr sehen, denn er hat uns mit Blindheit geschlagen.“

Da entfaltete Luzifer, schrecklich in seinem Zorn und seiner Raserei, die Flügel zum Flug nach Golgatha und ließ sich gleich einem Habicht, der auf eine Taube lauert, über dem Kreuz nieder.

Er bebte vor Wut und teuflischem Hass und brannte vor Verlangen, die Seele des Erlösers zu ergreifen.

Jesus aber erhob zum letzten Mal die Augen, seufzte und rief zu Gott:

„Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Da wurde Luzifer, den der erlöschende Blick des Erlösers traf, ebenso von Blindheit geschlagen wie seine Abgesandten. Eine finstere Nach umgab ihn, wie sie nicht einmal die Hölle in ihren tiefsten Tiefen birgt, und eine große, schreckliche Angst ergriff ihn. Er ließ das Kreuz los, und im Finstern tappend konnte er nur noch die Seele des Schächers zur Linken Christi und die Seele Judas, des Verräters, ergreifen und stürzte, rasend in ohnmächtiger Wut und Scham, in den Abgrund der Hölle zurück.

Die Mutter Gottes stand unterdessen am Kreuz mit dem geliebtesten Jünger ihres Sohnes, Johannes, und mit Maria Magdalena, und weinte bitterlich.

Da kam, dicht wie eine Wolke, eine Schar Schwalben geflogen und begann mit den Flügeln zu schlagen und trauervoll zu zwitschern wie etwa Klageweiber bei einem Begräbnis: „Er ist tot, er ist tot, er ist tot!“

Und von der anderen Seite flog ein ungeheurer Schwarm lärmender Spatzen herbei, die schrien den anderen zu wie zum Trotz: „Er lebt, er lebt, er lebt!“

Als die Juden das hörten, nahmen sie eine Lanze und durchbohrten die Seite des Herrn, und, wie Maria geträumt hatte, floss aus der Wunde Blut und Wasser. Das Haupt des gekreuzigten Erlösers aber umflatterten die mitleidigen Schwalben wie in einem Kranz, die bösen Spatzen flogen jedoch erschrocken davon.

Seitdem packt am Tag der heiligen Apostel Simon und Judas der Teufel die Spatzen in hellen Haufen und schüttet sie gleich scheffelweise in die Hölle.

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XIV. Noch etwas von den Schwalben. Von dem Mädchen, das in eine Schwalbe verwandelt wurde.

 

Von den lieben Schwalben kann ich euch aber noch folgendes erzählen:

Um das Fest Mariä Verkündigung, wenn das Eis auf den Seen und Flüssen bricht, und der Schnee anfängt zu schmelzen, steht der junge Frühling von seinem Lager auf und schmückt sein Haupt mit frischen Blumen und lacht gar fröhlich in die Welt. Da sind auch mit einem Mal, so an einem schönen Morgen im April, die Schwalben wieder da und fliegen fröhlich durch die Luft. Sie beginnen unter dem Strohdach der Hütten ihre Nester zu bauen und zwitschern den Menschen vertraulich entgegen: „Willkommen, wir sind wieder da.“

Vor langer, langer Zeit, da fielen die Tartaren oftmals in das Land ein und plünderten Städte und Dörfer. Sie mordeten und raubten und führten die Menschen in die Gefangenschaft. Wo sie kamen, da war Tod, Jammer und Verwüstung.

Einmal kam so eine wilde Tartarenhorde auch in ein stilles Dörflein und nahm dort eine junge, schöne Maid gefangen, um sie später in die Sklaverei zu verkaufen. Das ganze Dörflein wurde verwüstet, auf den Feldern lagen die Leichen der ermordeten Bauern, und der Rauch stieg von den brennenden Hütten qualmend gen Himmel. Das Mädchen aber schleppte die Horde weit mit sich fort.

Fern von den Ihren, fern von der Heimat musste die Ärmste nun leben, und sie weinte bittere Tränen über ihr Unglück. Ganze Nächte lag sie auf den Knien und flehte die Mutter Gottes in inbrünstigen Gebeten um Hilfe und Rettung an. Nur einmal noch wollte sie ihr Dörflein und ihre alten Eltern sehen und dann gerne sterben.

Die Mutter Gottes erbarmte sich ihrer und bat ihren Sohn, dem armen Mädchen zu helfen. Und der Heiland erfüllte die Bitte seiner lieben Mutter und verwandelte die Maid in ein kleines Vögelchen. Das erhob sich zwitschernd in die Lüfte; es war ein gar zierliches Schwälbchen.

Nach der Heimat, nach ihrem Dörfchen flog sie hin und baute sich ein Nest unter dem Strohdach ihrer Eltern. Den ganzen Sommer lebte sie dort, und ihr Vater und ihre Mutter wussten nicht, dass ihr Töchterlein tagtäglich vor ihrem Fenster so fröhlich zwitscherte.

In der Hütte ihrer Eltern aber kehrte nun der Wohlstand ein. Truhen und Kammern füllten sich, ja sogar eine neue Scheuer musste der Vater errichten, so reich war er geworden. Die Schwalbe hatte eben den Segen Gottes mitgebracht.

Die Nachbarn wunderten sich über diese wunderbare Veränderung und baten darum den lieben Gott, er möge ihnen recht viele, viele Schwalben senden, denn sie brächten Glück und Segen ins Haus.

Seitdem ist die Schwalbe bei den Menschen so gern gesehen, und niemand tut ihr ein Leid an.

Das Mädchen aber, das der Heiland auf die Bitte seiner heiligen Mutter in eine Schwalbe verwandelt hatte, musste im Herbst wieder in das Land seiner Gefangenschaft zurückkehren, denn auch dort, wo es so viel hatte dulden und leiden müssen, sollte es sich nützlich machen. Jeden Frühling aber durfte sie nach Hause zurückkehren.

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XV. Von den letzten Lebensjahren der Mutter Gottes. Von ihrem Tod und ihrer Himmelfahrt. 

 

Die Mutter Gottes blieb mit ihrem Schmerz und ihren Tränen allein auf Erden zurück. Sie hatte nur zwei freudige Augenblicke in ihrem Leben gehabt: damals, als ihr einziger Sohn geboren wurde, und dann, als er am dritten Tag nach der Kreuzigung von den Toten auferstanden und ihr erschienen war.

Noch vierzehn Jahre lebte Maria still und einsam im Haus des heiligen Johannes. Ihre irdische Pilgerfahrt verging im Gebet, in der Erinnerung an die Vergangenheit und in der Sehnsucht nach dem himmlischen Vaterland, wo ihr Sohn jetzt weilte.

Aber trotzdem ihr Herz wie von sieben Schwertern durchbohrt worden war, hatte sie doch keinen Groll gegen die Menschen. Sie blieb im Gegenteil ihre Freundin, ihre Beschützerin, ihre Wohltäterin bis an ihr Ende und blieb es auch dann noch in alle Ewigkeit. Obgleich der Himmel sie mit seiner Herrlichkeit erwartete wie eine Königin, so wollte sie aus großem Mitleid doch lieber bei den Menschen bleiben und war, ihren eigenen Schmerz verbergend, ihre liebreiche Helferin und Trösterin. Sie wollte alle Not, alles Elend auf Erden kennen lernen, um später im Himmel der Menschheit eine Mutter sein zu können.

Nachdem sie nun die Zeit ihrer irdischen Pilgerfahrt erfüllt hatte und ihre müde Seele endlich ausruhen wollte, da entschlief Maria im Kreis der Apostel sanft, ohne Schmerz und ohne Klage. Als man ihren Leichnam ins Grab legte, erschauerte die Erde wie vor Wonne, aber der Himmel missgönnte der Erde diesen kostbaren Schatz. Engel fliegen hernieder vom Himmel und trugen Marias zarten Leib zu Gott und seiner Herrlichkeit empor. Und an der Pforte des Himmels stand ihr Sohn und streckte ihr liebevoll seine durchbohrten Hände entgegen, nahm sie behutsam in seine Arme und führte sie Gott dem Vater zu.

Das leere Grab Marias aber wurde von süßem Duft und strahlendem Glanz erfüllt; statt des Körpers lagen lauter Lilien darin.

Das Grab war ganz weiß davon. Lichte Engel knieten betend davor, und alle Kreatur sang lobpreisend:

„Gegrüßet seist du, Jungfrau Maria.“

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XVI. Maria, die Himmelskönigin

 

Nach einem stillen, bescheidenen, armseligen Leben verließ Maria die Erde und weilt nun im ewigen Licht. Hier auf Erden teilte sie das Los der Mühseligen und Beladenen, dort ist sie in herrlicher Majestät eine Königin, der der ganze Himmel voll Ehrfurcht zu Füßen liegt.

Hier fand sie nicht einmal in einer ländlichen Hütte genug Raum, als sie ihr göttliches Kind zur Welt bringen sollte, dort stehen ihr die unermesslichen, sternenhellen Räume des Himmels weit offen.

Im Stall zu Bethlehem hatte sie nichts, womit sie ihr Kind, das auf Heu gebettet lag, bedecken konnte, dort thront sie mit einer Sternenkrone zur Rechten ihres Sohnes, und die zahllosen Scharen der Engel schauen auf sie und warten auf ihren Wink.

Auf Erden spielten ihrem Kind einfache Hirten auf dem Dudelsack ihre ländlichen Weisen vor, dort ertönen die Hymnen der Seraphim und Cherubim, und die Sterne erklingen dazu in ewiger Harmonie. Hier musste Maria sich vor den Häschern des grausamen Königs Herodes verbergen, dort erbleichen die Mächte der Hölle selbst vor einem Strahl vom Schwert der himmlischen Erzengel.

Auf Erden vergoss Maria Tränen der Trauer und des Schmerzes, dort erstrahlt der Himmel vor Freude bei ihrem Lächeln, und von ihren hellen, freundlichen Blicken fällt ein Licht wie vom Regenbogen auf die weiten Räume des Himmels.

Auf Erden ging sie einsam, verlassen und schmerzgebeugt durchs Leben, dort geleiten sie geflügelte Engel, die Lobgesänge zu ihrem Ruhm anstimmen:

„Du bist strahlender als der Himmel, Maria, du bist heller als die Sonne, o Königin, du bist leuchtender als der Mond und die silbernen Sterne, o Jungfrau, voll der Gnade. Du bist schöner als die Morgenröte, und das Licht des Meeres übertriffst du in seinem Glanz, o Jungfrau Maria.

Wie eine Lilie aus dem Garten des Paradieses blühst du in Ewigkeit, und niemals wirst du verblühen, und von deinem Duft ist der Himmel erfüllt und die himmlischen Welten.

Du bist gebenedeit unter den Frauen, denn du warst die Mutter des Heilands auf Erden und bist Königin im Reich des Herrn. 

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XVII. Von dem Himmelspalast. Von den Heiligen und Engeln. Von der heiligen Dreieinigkeit und von den Ehren der heiligen Jungfrau.

 

Die Seele des Menschen muss einen gar weiten Weg zurücklegen, ehe sie an die Grenze des Himmels kommt. Hat sie das Fegfeuer verlassen, so betritt sie zuerst die Straße nach dem Paradies, auf der sie schließlich bis zu einem der sieben Tore gelangt, die in das Innere des Himmelspalastes führen.

Aus den kostbarsten Kleinodien hat Gott der Herr den Himmelspalast der Welt gebaut. Seine Ziegel bestehen aus lauter Rubinen und Brillanten, und als Mörtel verbinden sie die glänzendsten Perlen. Seine Größe ist ungeheuer. Tausende von Meilen ist er lang, Tausende breit. Seine Wände strahlen ein so glänzendes Licht aus, dass die Sonne, der Mond und die Sterne daneben ganz erbleichen.

Dem Menschen ist es nicht vergönnt, dieses Licht zu sehen, denn sein Auge müsste von seinem Glanz erblinden. Darum hat Gott auch einen Vorhang aus Wolken davorgehängt.

Von den sieben Toren, die in den Himmel führen, ist das wichtigste das Tor Abrahams. Bei ihm sitzt St. Peter zusammen mit dem hl. Paulus als Torhüter.

Inmitten des Palastes erheben sich sieben Stufen übereinander, auf denen die Würdenträger des Himmels sitzen.

Auf der ersten von unten sieht man die frommen Prälaten und Mönche, die schon auf Erden von der Kirche selig gesprochen wurden. Auf der zweiten höheren sitzen die Begründer der geistlichen Orden, auf der dritten Päpste und Bischöfe mit goldenen Tiaren und Infuln, auf der vierten die Einsiedler, die die Nichtigkeit der Welt schon auf Erden erkannten und ein Leben freiwilliger Armut führten. Auf der fünften Stufe stehen Reihen von seligen Jungfrauen und Jünglingen in weißen Gewändern und hinter ihnen Scharen von Märtyrern, die ihr Leben für ihren Glauben dahingegeben haben. Die siebente Stufe hat Gott hauptsächlich den Aposteln Christi eingeräumt, und hier sitzt auch St. Peter mit seinen goldenen Schlüsseln, der das Pförtneramt des Himmels verwaltet.

Mit Schriften in der Hand stehen am Fuß des Thrones die vier Evangelisten, ganz so, wie man sie in den Kirchen beim Hochaltar stehen sieht.

Die Häupter der Heiligen sind von einer Glorie umgeben, wie die goldene Sonne von glänzenden Strahlen umgeben ist, und von diesen Glorien ergießen sich unaufhörlich Kaskaden von Strahlen über alle Stufen und hüllen sie in ein Meer von Licht.

An der Spitze dieser Pyramide von Heiligen des Herrn ist es ganz voll von weißen Engeln, und diese tragen, wie aus Alabaster gemeißelte Säulen, auf ihren Flügeln den prächtigen Thron Gottes, auf dem der Monarch der Welt, der Herr und Schöpfer des Himmels und der Erde, Gott Vater, mit einem Zepter in der Hand, in der ganzen Gewalt seiner Majestät thront.

Ihm zur Seite sitzt sein Sohn mit den blutigen Zeichen seiner Leiden bedeckt, an ein Kreuz gelehnt und mit einem Lamm auf dem Schoß. Er blickt mit einem Antlitz voll von Liebe und Trauer in die Tiefe, wo in dem unendlichen Raum die kleine Erde schwebt.

Wie ein Lieblingskind schmiegt sich an Gott Vater die heilige Jungfrau, die Gottesmutter Maria. Und wie ein Vater seine geliebte Tochter, so hält er sie mit väterlicher Zärtlichkeit fest, damit der ganze Himmel es sehe, dass sie seine größte Gunst besitze und seinem Herzen am nächsten stehe. Die heilige Jungfrau, die Königin des Himmels, hat ihre Hände wie zum Gebet gefaltet, schlägt dabei die Augen nieder.

Zu Häupten der heiligen Familie schwebt eine weiße Taube, der Heilige Geist, von solcher Helligkeit umleuchtet, dass nicht einmal die Engel diesen Glanz auf die Dauer ertragen können.

Die Chöre der Seraphine und Cherubine stimmen jubelnde Gesänge zum Ruhm Gottes an, und die himmlischen Sphären erklingen dazu wie Orgeln und Glocken aus Silber.

Und ihr Hymnus ertönt in alle Ewigkeit:

„Heilig, heilig, heilig!“

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XVIII. Von dem Fegfeuer und den büßenden Seelen. Von dem Besuch der Mutter Gottes im Fegfeuer, und wie sie eine Seele daraus befreit.

 

Sobald die menschliche Seele ihre irdischen Fesseln abgestreift und mit dem letzten Seufzer den Körper verlassen hat, muss sie zuerst ihrem Schutzengel von allen ihren Taten Rechenschaft ablegen. Dann geht sie auf engen dornigen Pfaden zwischen steilen Felsen und Abgründen vorbei an den Ort ihrer Bestimmung.

Selten wird einer Seele das Glück zuteil, geraden Weges von der Erde zum Paradies eingehen zu dürfen, ohne vorher eine Zeit der Buße verbracht zu haben. Sie muss zuerst den Staub der Erde von sich abschütteln und sich wie das Gold im Glutofen des Fegefeuers von ihren Fehlern reinigen, ehe sie ihre volle Seligkeit erlangen kann.

In einem Tal, das von himmelhohen steilen Felsen umschlossen ist, liegt ein unermessliches großes, wüstes Feld, zu dem man durch drei steinerne Tore hineingelangen kann.

Gleich wie die von ewiger Sonnenglut ausgedörrte Wüste, so liegt das schreckliche, trostlose Tal der Reinigung in trauriger, öder Verlassenheit da. Soweit das Auge reicht, sieht man nichts als Sand, und es ist, als ob dort alles in bleiernem Schlaf ruhe und sich nicht einmal zu atmen getraue. Hier müssen die Seelen so lange verweilen, bis die Zeit ihrer Marter und Pein vorüber ist.

Die glühende Hitze, die trostlose Dürre und der unerträgliche Widerschein von den erhitzten Felsen machen den Aufenthalt entsetzlich. Ohne aufzuhören, ohne Erbarmen sendet die Sonne ihre glühenden Strahlen in das Tal hinab und bringt alles zum Sieden.

Aber obgleich alles hier brennt, so kann doch nichts in Flammen aufgehen, nichts wird zu Kohle und Asche, nichts zerschmilzt oder geht in Dampf auf.

In solch einer ewigen Glut leben die Seelen, die zum Fegfeuer verurteilt sind.

Aber einmal im Jahr werden sie auf einen Tag von ihrer Marter befreit. Am Allerseelentag dürfen sie die Erde wiedersehen; sie dürfen ihre ehemaligen Wohnungen und ihre Gräber besuchen und um Mitternacht in den Kirchen einen geheimnisvollen Gottesdienst abhalten. Doch beim Morgengrauen müssen sie wieder zurückkehren, um ihre Läuterung bis zum Ende durchzuführen, wie es durch Gottes Urteil bestimmt ist.

Zwischen dem Fegfeuer und dem Paradies fließt ein Strom, der die Grenze bildet. Seine Wellen sind flüssige Glut, und aus seinen schwarzen trüben Wassern schlagen züngelnde Flammen an beide Ufer. Inmitten dieser Flammen schwimmen, gleich knisternden Holzscheiten, die Seelen der Verdammten.

Über den Strom führt eine schwankende Brücke, die so schmal ist, dass kaum eines Fußes Breite darauf Raum hat. An beiden Seiten der Brücke stehen als Wächter Höllengeister mit spitzen Gabeln, die jede Seele, die es wagt, die Brücke zu betreten, um ans Tor des Paradieses zu kommen, unfehlbar in die Tiefe stürzen.

Die Seelen fallen dann in den feurigen Strom zurück, der sich wie ein ungeheurer Wurm aus ewigem Feuer dahinwindet, und seine Wogen wälzen sich lautlos und sind desto schrecklicher in ihrer stummen Furchtbarkeit.

Man hört nichts als die verzweifelten Schreie der Verdammten und ihre schmerzvollen, tiefen Seufzer an den Ufern dieses flammenden Stromes.

Jeden Mittwoch und jeden Samstag kommt die heilige Jungfrau in Begleitung von vielen Heiligen und mit einer Leibwache von Engeln von den Höhen des Himmels herab und nähert sich dieser Brücke.

Sie geht dann über den brennenden Fluss und hinter ihr, in Licht und Strahlen glänzend gekleidet, schreiten die Heiligen in langer Reihe. Am anderen Ufer, bei einem der steinernen Tore begrüßt eine Legion Engel mit Tafeln in der Hand, auf denen die Dauer der Buße einer jeden Seele verzeichnet ist, mit Demut die hohen Gäste und begleitet sie zum Eingang des Fegfeuers.

Wenn die heilige Jungfrau sich diesem nähert, dann ist es, als ob ein kühles Lüftchen an einem unerträglich heißen Tag der Dürre über die ausgetrocknete Erde zu wehen anfinge, und als ob eine Wolke auf den von der Sonnenglut verbrannten Sand ihren Schatten werfe.

Es wird kühler in der schrecklichen Wüste des Fegfeuers, die büßenden Seelen fühlen eine Erleichterung in ihrer Marter und begrüßen mit demütigem Flüstern die heilige Jungfrau mit den Worten: „Du Tau des Himmels, sei gesegnet!“

Und dieses Flüstern klingt wie das Rauschen der von der Sonnenhitze verdorrten Zweige im Wald, wenn ein Windhauch sie aus der Erstarrung weckt.

Auf die Bitten der Heiligen und Schutzengel befreit dann die heilige Jungfrau eine Seele von den Leiden des Fegfeuers. Diese Seele führt sie dann selbst zu dem steinernen Tor hinaus.

Und hinter ihr schreiten wieder die Heiligen in langer Reihe, Litaneien betend, und so kommen sie an den brennenden Fluss. Die bösen Geister, die für gewöhnlich die Brücke bewachen, machen ihnen zitternd Platz, und die heiligste Jungfrau führt die erlöste Seele über die Brücke an das andere Ufer zu den Gärten des Paradieses.

Die Flügel des steinernen Tores aber fallen dröhnend zu, und die Sonne brütet wieder wie vorher auf der trostlosen Einöde, wo die Seelen der zum Fegfeuer Verdammten die Stunde ihrer Erlösung erwarten. 

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XIX. Von dem Paradies und seinen Freuden. Von den Seelen unschuldiger Kinder. Von dem Verkehr der Heiligen und Engel mit den Seelen im Paradies.

 

Im Garten des Paradieses atmet alles eine solche Freude und ein solches Glück, wie sie die Erde niemals kennen kann. Hier herrscht ein ewiger Frühling und ein ewiger Sommer zugleich, und alles grünt und blüht hier in einem fort und trägt Früchte ohne Aufhören. Stille, silberne Bächlein ziehen murmelnd dahin, und plätschernde Quellen spenden ihr kristallklares Wasser, das ewige Jugend und Frische verleiht.

Wie Räucherpfannen mit köstlichen Wohlgerüchen wiegen sich die Blumen an goldenen Stängeln, und buntfarbige Schmetterlinge fliegen umher, deren Flügel so schön sind, als ob sie mit den kostbarsten Steinen geziert wären. Glänzende Felsen aus Bernstein und leuchtende Blumen aus Korallen stehen auf smaragdenen Wiesen.

Niemals verblüht hier etwas, und nichts hüllt sich hier jemals in ein herbstliches Kleid.

Wo man hinblickt, stehen Blumen, Blumen und wieder Blumen.

Wenn ein Lüftchen durch die Bäume und Sträucher streicht oder durch das Gras der Wiesen gleitet, dann ist es, als ob die tönende Saite einer Harfe harmonisch klinge.

Auch sieht man kleine knospende Blumen in großen Mengen stehen; die Blümchen, die nur im Paradies erblühen, sind die unschuldigen Seelen verstorbener Kinder.

Sie sind zwar klein, und ihre winzigen Köpfchen heben sie den Heiligen und weißen Engeln entgegen, die auf den Pfaden des Paradieses lustwandeln und sie mit Zärtlichkeit anblicken. Dann bewegen die Blümlein fröhlich ihre kleinen Blätter und zittern wie Schmetterlinge, die sich von der Erde zum Flug erheben.

So oft ein Lüftchen des Himmels über sie fährt, neigen sie fromm ihre kleinen Häupter, und ihre Stimmen erklingen wie silberne Glöcklein:

„Gegrüßet seist du, Maria.“

Vom Paradies aus führen viele Wege und Pfade zu den Pforten des Himmels. Auf ihnen schreiten die Prozessionen der Heiligen des Herrn mit solcher Pracht und Herrlichkeit einher, dass das Auge eines Menschen erblinden müsste, wenn es auf diesen Glanz und diese Pracht zu schauen versuchte.

Auf Gottes Befehl halten die Heiligen und Engel mit den Seelen des Paradieses liebreichen Verkehr; sie lustwandeln mit ihnen und führen mit ihnen fromme Gespräche, und nach der Prozession setzen sie sich mit ihnen an prachtvoll hergerichtete Tafeln.

Vom Paradies aus kann man den Himmelspalast deutlich sehen und auch alle, die dort ein- und ausgehen. Durch die Fenster und offenen Tore strahlt der helle Schein des himmlischen Lichtes, und man hört den Klang der himmlischen Harmonien, der Hymnen und Gesänge und der Posaune der Erzengel, die Gott und den Heiligen zum Ruhm ertönen.

Wenn die Mutter Gottes mit ihrem Gefolge hinabsteigt und mit der erlösten Seele darauf wieder zurückkommt, dann duftet das ganze Paradies während dreier Tage so herrlich nach Lilien, und eine solche Seligkeit, Freude und Ruhe kommt über die Seligen, dass sie alle Zeitrechnung verlieren und ihnen die Jahrhunderte wie Augenblicke vorkommen! Und die Ewigkeit fließt dann dahin wie ein ruhiges Gewässer von unergründlicher Tiefe, von dem man meint, dass es still stehe.

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XX. Von der Sonne, dem Mond und den Sternen. Von der Missetat Kains. Von der Sonne als Malerin. Vom hl. Georg und der Milchstraße. 

 

Als Widerschein des göttlichen Lichtes glänzen am Himmel Milliarden von Sternen, die wie Perlen und Brillanten auf dem Firmament ausgestreut sind. Wie sich am Morgen das Licht der Sonne in den Tautropfen widerspiegelt, so spiegelt sich bei Nacht in ihnen der Glanz des Himmels wider. Mitten unter die Sterne aber hat die heilige Jungfrau die lichte Sonne und den silbernen Mond an das Himmelsgewölbe gehängt. Auf die Gestirne fällt nun ein Schein des himmlischen Glanzes und das Licht aus den Augen der Mutter Gottes durch eine kleine Pforte, die die Heiligen immer offen lassen.

Wenn Gott Vater diese Pforte schließen wollte, dann müsste die Sonne erlöschen wie eine ausgeblasene Kerzen, und eine große dichte Finsternis fiele auf die Erde. Aber so erhält die Sonne durch die Gnade der heiligen Jungfrau ihr Licht vom Glanz des Himmels und von den Strahlen ihrer Augen und hat ihr Dasein, wie alle anderen Dinge, die Gott geschaffen hat. Sie wandelt hoch oben über die Erde, über das Gestade des Meeres dahin und erleuchtet alles. Überall hin trägt sie den Glanz von den Augen der Mutter Gottes und segnet damit die ganze Erde und erfreut aller Menschen Herz. Sie sinkt in die tiefsten Tiefen des Meeres, aber ihr Feuer erlischt nicht, sondern sie lodert wie jener Busch des Moses, aus dem der Herr gesprochen hat und kann nie und nimmer verbrennen. Licht und Wärme gießt sie aus über die Erde und lässt jedes Körnchen wachsen, das der Wind oder die Hand des Menschen eingesät hat. Sie schmückt die Erde mit Farben, wie sie kein Maler schöner erfinden kann.

Denn wenn die Sonne nicht wäre, so hätte die Erde ein schmutziges braunes Aussehen, wie von vergossenem Blut, so wie damals, als Kain Abel erschlug und den ersten Mord vollbrachte.

Damals war die Erde nämlich rein, weiß und durchsichtig wie Kristall. Als nun Kain mit blutigen Händen den Leichnam Abels begrub, da konnte er in der durchsichtigen Erde den Toten überall sehen, und es war ihm unmöglich, ihn zu verbergen. Darum verfluchte er die Erde, weil sie sein Verbrechen so offenbar machte, und durch diesen Fluch wurde die Erde schwarz.

So wäre sie auch geblieben bis auf unsere Zeit, wenn nicht Gott in seiner Güte der Sonne befohlen hätte, alle Wiesen, Felder, Berge und Wälder mit fröhlichen Farben zu überkleiden.

Die Heiligen lustwandeln gerne in den weiten Räumen des Himmels. So suchen sie oft die Sonne auf und kommen dann auf ihrer Rückkehr auch zum Mond, wo seit undenklichen Zeiten der hl. Georg wohnt. Wie dieser berühmte Ritter dorthin gekommen ist, das trug sich folgendermaßen zu.

Einst lebte auf Erden ein großer Zauberer, der war ein grimmiger Feind des heiligen Glaubens und wollte von Gott nichts wissen. Er hatte ein einziges Kind, eine junge Tochter, die eine sehr fromme und züchtige Jungfrau war. Sie betete im Geheimen zur Mutter Gottes und empfahl ihr in heißem Flehen ihre Seele. Als der grausame Vater das bemerkte, wollte er aus Hass sein eigenes Kind töten. Er führte einen abscheulichen Drachen herbei und lieferte ihm seine Tochter aus. Aber da mischte sich Gott in die Sache ein, und der hl. Georg, ein weitberühmter Ritter, tötete das grimmige Tier auf der Stelle, indem er ihm den Hals mit seiner Lanze durchbohrte. So entging das Mädchen dem schmählichen Tod. Die heilige Jungfrau aber, die diese tapfere Tat des Ritters Georg gesehen hatte, ließ ihn zu sich kommen und sprach:

„Dafür, dass du das Leben dieses unschuldigen Mädchens so wacker beschützt hast, sollst du von nun an mein Ritter sein. Du sollst stets in meiner Nähe bleiben, und ich will dir meinen Mond als Wohnung geben.“

Seitdem haust der tapfere Ritter der Jungfrau Maria auf der Sichel des Mondes. Er sitzt dort in seiner silbernen Rüstung und schaut auf den Himmel und auf die Erde und spielt auf seiner Laute die schönsten Lieder zur Ehre Gottes.

Bei Vollmond in einer ruhigen, hellen Nacht kann man ihn deutlich sehen, und wenn die Menschen schon im tiefen Schlaf liegen, hören die Engel dem himmlischen Lautenspieler zu.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Stern, der leuchtet so wie sein Leben. Wenn des Menschen Leben auf Erden erlischt, dann erlischt auch der Stern dort oben und sinkt in die Tiefe wie ein weggehauchter Funke, dann bleibt nur ein dunkler Fleck an der Stelle, wo er vorher geglänzt hat. Darum sprechen fromme Menschen, wenn sie einen Stern vom Himmelsgewölbe fallen sehen, gern ein andächtiges „Gegrüßet seist du, Maria“ für die Seele, die sich zum Himmel emporschwingt, um vor Gottes Richterstuhl zu treten.

Auch jeder der Heiligen besitzt einen Stern, aber diese Sterne können niemals erlöschen und leuchten am hellsten und klarsten, ebenso wie die Sterne derjenigen Menschen, die Gott ihr ganzes Leben treu und eifrig gedient haben. Diese Sterne stoßen die Engel des Himmels niemals vom Himmel herunter.

Für die heilige Mutter Gottes aber, für die Königin des Himmels, winden sich die strahlendsten Gestirne am Himmel zum Kranz. Der Abendstern mit seinem silbernen Schein, der Morgenstern, der stärker leuchtet als Gold, und der helle Polarstern schmücken die Krone der Mutter Gottes mit ihrer Pracht.

An jedem Sonntagmorgen, wenn es zur Frühmette läutet und die Morgenröte den Himmel erhellt, lustwandelt die heilige Jungfrau mit dem Jesuskind am Himmel, wo sie ihr Söhnlein an der Hand führt wie einst, da sie noch auf Erden waren. In der Nacht aber, wenn die Milchstraße in ihrem Glanz funkelt, da kann jeder, der dieser Gnade würdig ist, Maria erblicken, wie sie einsam und in heiliges Sinnen versunken mit ihrem Kind auf dem Arm einhergeht und die träumende Erde segnet.

Und es herrscht dann eine solche Ruhe in den himmlischen Höhen, als ob die Engel selbst ihren Atem anhielten, um sie in ihren Träumen nicht zu stören, und die ganze Welt vor Entzücken stumm geworden wäre. 

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XXI. Die Mutter Gottes als Spinnerin. Von der Spinne. Wie die Mutter Gottes die Menschen spinnen und weben lehrte.

 

Wenn der kühle Herbst anfängt, das Land zu färben und die verwelkten Blätter von den Bäumen zu fallen beginnen, dann schreitet die Mutter Gottes in ihrem Strahlengewand durch die himmlischen Höhen. Und der Glanz, der von ihr ausgeht, scheint die Wiesen und Wälder mit einem goldigen Schimmer zu überziehen.

Die heilige Jungfrau setzt sich dann nieder zur Arbeit und nimmt eine Spindel zur Hand. Das tut sie aber aus folgender Ursache.

Kurz bevor nämlich der weiße, kalte Winter auf die Erde kommt, drängen sich die armen kleinen Seelchen der Kinder, die ohne die heilige Taufe diese Welt verlassen haben, zitternd vor Kälte am Eingang zum Garten des Paradieses, schauen sehnsüchtig hinein und möchten sich gerne hineinstehlen, wenn sie nur könnten. Aber ihnen ist der Eingang ins Paradies verschlossen, weil sie mit der Erbsünde befleckt sind.

Für diese Seelchen spinnt Maria, die Gütige, ein dünnes, feines Garn, und daraus weben dann die Engel weiche Röckchen und hängen sie, geradeso wie man auf der Wiese die weiße Leinwand ausbreitet, am Himmel auf, damit die Seelen der armen Kinder wenigstens nicht zu frieren brauchen. So sitzt also die gute Mutter Gottes an den Herbsttagen am Spinnrocken, und die kleinen Seelchen bekommen dann für den Winter ein warmes Kleid.

Bei ihrer eifrigen Arbeit blickt Maria manchmal auf die Erde hinab und sieht dann, wie gleichgültig und unbarmherzig die Menschen gegenüber der Not ihres Nächsten sind. Das schmerzt sie sehr, darum reißt sie eine Handvoll Fäden von ihrem Gespinst und wirft es nach unten. Der Wind trägt dann die weißen Fäden durch die Lüfte und treibt sie hierhin und dorthin, gleich als ob sie die Menschen mahnen wollten, sich aller armen Waisen zu erbarmen.

Aber der dünne Faden, den die Mutter Gottes selbst in Händen gehabt hat, und der gleichsam den Himmel mit der Erde verbindet, bedeutet auch einen Talisman des Glücks für den Menschen. An wen sich auch nur ein winziges Fädchen des feinen Gespinstes anklammert, der steht bei der heiligen Jungfrau in hoher Gnade und pflegt an einem solchen Tag im Geist fröhlicher und glücklicher sein als sonst. Die weißen Fäden, die vom Himmel herabfliegen, bringen mitten im Herbst dem Gemüt des Menschen eine Erinnerung an vergangene sonnige Frühlingstage.

Die abscheuliche Spinne allein freut sich nicht beim Anblick der weißen Marienfäden, sondern sie schaut sie mit Neid und Missgunst an. Als sie nämlich einmal in ihrem Hochmut sich rühmte, sie könne viel dünnere Fäden spinnen als die Mutter Gottes, da wurde sie von Gott wegen dieser Überhebung gestraft. Sie muss seitdem ihre Wohnung in schmutzigen Winkeln und Löchern aufschlagen, und ihr Netz ist ein so elendes Gespinst, dass es der Wind mit dem leisesten Hauch zerreißen kann.

Maria denkt bei der Arbeit stets an die Menschenkinder auf Erden. Wenn sie so bei Beginn des Herbstes lange Fäden von ihrer Spindel herablässt, will sie damit auch die Frauen erinnern, dass bald die Stunden fleißiger Arbeit am Spinnrocken beginnen, denn die langen Winterabende kommen heran, und sobald der erste Schnee die Felder bedeckt, brennt in den Hütten auf dem Herd ein lustiges Feuer. Und wenn die harzigen Scheite des Holzes im Feuer knistern und die Funken sprühen, dann sitzen die Mädchen im Kreis herum und erzählen bei der Arbeit Geschichten und singen fröhliche Lieder. Sie erzählen die alten bekannten Sagen von der verzauberten Königstochter, von den drei Brüdern, die in den Kampf auszogen, und viele andere. Wenn ihnen aber mit der Zeit der Stoff ausgeht, dann nimmt eine von ihnen das Wort und spricht: „Nun will ich euch eine schöne, wahre Geschichte von der heiligen Jungfrau erzählen, wie sie die Menschen gelehrt hat, die Leinwand zu bereiten. Passt also auf!

Vor langer Zeit stand in einem Dorf, ganz nahe am Wald, eine Hütte und bei der Hütte war ein Garten und ein Feld. Im Garten wuchsen Obstbäume und viel Gemüse, und auf dem Feld stand fruchtbares Getreide. In der Hütte wohnte ein Bauer mit seiner Frau und einer Tochter. Da sie alle drei fleißig waren und sich tüchtig rührten, so segnete Gott ihre Arbeit, und sie hatten immer reichlich zum Leben.

Aber da wurde der Bauer schwer krank und musste sich legen. Er konnte nicht mehr aufs Feld hinausgehen und pflügen, und dieses lag brach und öde da. So kam es, dass die Not und die Sorge in das Haus des Bauern traten. Das Elend war groß, aber die Tochter ließ den Mut nicht sinken. Sie betete Tag und Nacht zu Gott und der heiligen Mutter, sie mögen ihre Eltern im Alter doch nicht verlassen und ihnen das tägliche Brot geben.

Einmal war das Mädchen am Bett ihres kranken Vaters, wo sie die Nacht über wachte, eingeschlafen. Da sah sie im Traum die heilige Jungfrau plötzlich in die Stube treten, und diese sprach: „Gräme dich nicht länger; denn siehe, ich bringe dir Trost und Hilfe. Betrachte diese Blume mit blauer Blüte, die ich hier in der Hand halte. Morgen früh wirst du davon eine große Menge auf eurem Feld finden. Pflücke von diesen Blumen soviel du nur kannst, und du wirst sehen, dass sie dir nützen werden.“ Das Mädchen war sehr erstaunt, aber sie wagte vor lauter Demut die Mutter Gottes nicht zu fragen, welchen Nutzen ihr die kleine Blume mit blauer Blüte am langen Stängel wohl bringen könne.

Früh am anderen Morgen lief sie sogleich aufs Feld, und sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie die Unmenge der Blumen erblickte, von denen sie eine im Traum in der Hand der Mutter Gottes gesehen hatte. Die Blumen aber neigten ihre Häupter und schienen ihr zu sagen: „Pflücke uns, wie es dir die heilige Jungfrau befohlen hat.“

Aber das Mädchen wusste nicht, was es mit den vielen Blumen beginnen sollte. Ganz ratlos sprach sie: „Mein Gott, wer kann mir da nur helfen? Ich weiß ja nicht, was ich tun soll, damit die Blumen mir nützen können.“ Und betrübt und nachdenklich ging sie den ganzen Tag umher, fand aber keinen Rat.

In der Nacht war sie in ihrer Kammer auf der Bank eingeschlafen und da sah sie bald im Traum, bald im Wachen einen kleinen Engel die Tür öffnen und leise eintreten. Und hinter ihm kam ein zweiter und dritter und ein vierter, und schließlich eine so große Anzahl, dass die ganze Stube voll von ihnen war. Die Engel brachten merkwürdige Geräte herbei, wie sie das Mädchen vorher niemals gesehen hatte, kleine Räder und Stühle, Haspeln, Fäden und Spindeln und dergleichen und begannen diese Geräte zusammenzufügen und aufzustellen.

Als sie damit fertig waren, öffnete sich wieder die Tür, und herein trat die heilige Jungfrau selber und sprach: „Gelobt sei Jesus Christus“. Worauf die Engel zur Antwort gaben: „In Ewigkeit, Amen.“

Nun befahl Maria der Tochter des Bauern, die voll Staunen dabeistand, recht Obacht zu geben und sprach: „Schaue nur gut zu, damit du lernst, wie jetzt aus diesen Fäden ein langes Garn und daraus die Leinwand entsteht.“ Darauf verknüpfte sie die Fäden, ließ das Weberschifflein laufen und webte eine Unmenge der schönsten Leinwand.

Auf diese Weise lernte also das Mädchen von der Mutter Gottes, wie man die Pflanze mit der blauen Blüte, die Flachs genannt wird, zubereitet, wie man dann aus ihr das Garn gewinnen und daraus schöne Leinwand weben kann.

Die ganze Nacht blieb Maria in der Hütte, und erst, als die Hähne zu krähen begannen, verschwand sie mit allen Engeln, die sie begleitet hatten.

Das Mädchen aber hatte alles, was ihr die Mutter Gottes gezeigt hatte, wohl begriffen und nähte aus der ersten Leinwand, die sie webte, ihren Eltern schöne Hemden.

Seit dieser Zeit brauchten sie durch die Güte Marias keine Not mehr zu leiden. 

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XXII. Von der Lerche, der Sängerin der Mutter Gottes. 

 

Als Adam, der Vater des Menschengeschlechtes, nach seiner Vertreibung aus dem Paradies die harte Erde bebauen musste und in schwerer Arbeit sich abmühte, da war er überaus traurig und niedergeschlagen; denn er musste immer daran denken, dass er seiner Sünde wegen das Paradies verloren hatte.

Die Schollen der Erde waren wie Felsen hart, und er konnte sie kaum zerschlagen, die Sonne verbrannte ihn mit ihren unbarmherzigen Strahlen, und er fühlte sich gar allein und verlassen auf der Welt. Selbst die Tiere mieden ihn in scheuer Angst. Er hatte das Paradies verloren und trug jetzt die Hölle in seiner Seele. Eines Tages trat nun Gott der Herr zu Adam, der gerade im Schweiß seines Angesichts seinen Acker pflügte, und sah ihm bei seiner Arbeit zu. Adam war so vertieft und schaute mit traurigen Augen den harten Boden an wie einen stummen, unerbittlichen Feind, dass er in seinen Gedanken Gott den Herrn gar nicht bemerkte.

Gott aber fragte ihn: „Wie geht es dir, Adam?“ Der erwachte aus seinem Sinnen und antwortete: „Schlecht, o Herr, denn ich trage schwer an deiner Strafe. Ich bin so allein bei meiner Arbeit, ich habe niemand, der mich aufmuntert, ich bin allein und verlassen.“ Und er seufzte dabei so traurig, dass Gott von Mitleid ergriffen wurde.

Der Herr nahm nun eine Erdscholle in die Hand und warf sie in die Luft. Die Erdscholle aber verwandelte sich in ein graues Vögelchen, das fröhlich mit den Flügeln schlug, sich in die Lüfte hinaufschwang und gar anmutig zu Häupten Adams zu singen begann.

Seitdem begrüßte die Lerche Adam an jedem Morgen, wenn er an seine harte Arbeit ging, und erinnerte ihn durch ihr fröhliches Lied an die Liebe und Erbarmung Gottes. So war Adam nicht mehr traurig, weil er jemand hatte, der ihn bei der Arbeit aufmunterte.

Zu der Zeit, als Jesus auf Erden wandelte, die Menschen lehrte und Wunder wirkte, da flog die Lerche jeden Tag nach Nazareth zur Hütte der Mutter Gottes und meldete ihr, wie es ihrem göttlichen Sohn ergehe, und was er treibe, auf dass das Herz der Mutter Gottes beruhigt sei.

Wenn Maria einsam in ihrer Kammer saß und in Gedanken an die kommenden Leiden ihres geliebten Kindes still vor sich hin weinte, da suchte die Lerche sie im Garten durch ihr fröhliches Singen zu trösten. Und wenn der Heiland sich gen Abend auf den Heimweg begab, da eilte ihm die Lerche voraus und meldete der Mutter die Ankunft des Sohnes. „Heilige Jungfrau“, so rief sie, „weine nicht, denn dein Sohn ist nahe.“

Als Christus auf Golgatha am Kreuz hing, und die Erde vor Entsetzen bebte, dass Gottes Sohn sterben solle, da kam ein kleines Vögelchen geflogen und versuchte mit eifriger Mühe und aller Kraft, die Dornen aus der blutenden Stirn des Heilandes zu ziehen. Es flatterte aufgeregt um das Kreuz und sang ein gar trauriges Lied von dem gütigen Heiland, der sein Leben für die Menschheit dahingibt. Das mitleidige kleine Vögelchen war aber die Lerche.

Die heilige Jungfrau vergaß diese treue Liebe der Lerche zu ihrem Sohn nicht, denn sie nahm das kleine Vögelchen mit sich in den Himmel. Und am Fuß ihres Thrones, unter ihrem glänzenden Sternenmantel ist auch ein warmes Plätzchen für die kleine Lerche bereitet, und man nennt sie seitdem die Sängerin der Mutter Gottes.

Maria hegt ihre Sängerin in treuer Fürsorge, und wer ihrem Schützling ein Leid antut oder gar sein Nest zerstört, den trifft eine harte Strafe, denn er muss erblinden.

Zu Füßen der heiligen Jungfrau sitzt nun das graue Vögelchen und singt jeden Abend und Morgen beim Aveläuten fröhlich und dankbar: „Gegrüßet seist du, Maria!“

Und die Mutter Gottes hört mit Freude und Wohlbehagen ihrer Sängerin zu.

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XXIII. Vom hl. Nikolaus und den Wölfen. Wie die Mutter Gottes die Dörfer behütet. 

 

Nicht nur die Menschen, sondern auch sonst alles, was da auf der Erde lebt, steht unter dem Schutz der Mutter Gottes. Sie kümmert sich in ihrer Güte um jedes Wesen, um die Mücke in der Luft, um das Fischlein im Wasser, um das Vöglein und seine kleinen Jungen, selbst um den Käfer, der aus der Erde hervorkriecht, wenn der Frühling erwacht. Sie ist die über alles gütige Mutter der Welt.

Das Vieh bewahrt sie vor Schaden, und selbst die gefräßigen Wölfe hält sie in den Winternächten mit ihrer schirmenden Hand von den Hütten der Menschen zurück.

Sonst hält der hl. Nikolaus die Wölfe in strenger Zucht und Ordnung, besonders dann, wenn der Schnee fällt und ein kalter Winter ins Land kommt. Jeder von ihnen muss sich nämlich auf das Geheiß des Heiligen ein besonderes Quartier aufsuchen, fern von den Menschen und auch nicht zu nahe seinen Genossen. Und es ist ihnen streng verboten, sich in Haufen den menschlichen Wohnungen zu nähern.

Aber am Fest Mariä Reinigung, da gibt die Mutter Gottes ganz besonders Acht auf die Wölfe. Da kommen sie nämlich aus den Wäldern hervor, rotten sich wie Räuber auf den Feldern zusammen und gehen auf Raub aus. Besonders wenn der Hunger sie quält, sind sie zu fürchten, denn dann möchten sie sich untereinander zerfleischen.

Die heilige Jungfrau stellt sich ihnen aber mit einer brennenden geweihten Kerze in der Hand mitten im ärgsten Schneesturm entgegen und schützt so das stille Dörflein. Dann weichen die wilden Tiere beim Anblick des Lichtes scheu und in Furcht zurück. Ihre grünen Augen funkeln vor Wut, aber sie trotten mit gesenkten Köpfen durch den Schnee in ihr Lager zurück.

Wenn in einer solchen Nacht die schlafenden Menschen in ihren Hütten durch das Geheul der hungrigen Wölfe aufgeschreckt werden, dann beten sie still und voll Vertrauen: „Nimm uns in deine Obhut, Maria!“ Und sie können ruhig schlafen; denn über das stille schneebedeckte Dörflein hält dann die heilige Jungfrau getreulich Wacht.

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XXIV. Von den Seelen und ihren Wanderungen nach dem Tod. Wie die Mutter Gottes ihnen zu Hilfe kommt. 

 

 

Im Garten des Paradieses liegen weite Felder und Wiesen, auf denen man so bequem und behaglich einhergehen kann wie auf einem Teppich. Nicht weit davon steht ein Wald von lauter Lilien. Auf den schattigen Wegen dieses Lilienwaldes lustwandelt die heilige Jungfrau täglich, und die Lilien neigen dann vor ihr ihre weißen Häupter und hauchen ihr süße Düfte entgegen.

Auf den blumigen Wiesen des Paradieses weiden schneeweiße Lämmer; das sind die unschuldigen Seelen guter Menschen, die die Mutter Gottes jetzt behütet. Wenn sie liebevoll auf sie blickt und ihre Hand segnend über sie ausstreckt, dann wird die Farbe ihrer weißen Vliese wie vor Stolz noch heller und leuchtender.

Aber in dieser Herde nimmt die Mutter Gottes, wie gesagt, nur ganz auserwählte Seelen auf.

Wenn eine solche Seele nun zum ersten Mal den Weg der Ewigkeit betritt und nicht weiß, wohin sie sich wenden soll, und ganz bescheiden und erschreckt dasteht, weil sie vor sich die Tore des Himmels noch geschlossen, in der Tiefe aber die Hölle weit geöffnet sieht, da ruft sie unter Tränen aus: „Wo soll ich Ärmste mich hinwenden? Wo ist der Weg, der mich zum rechten Ziel führt?“

Da steht dann plötzlich die Mutter Gottes vor ihr, führt sie den Weg der Ewigkeit und spricht zu ihr gütig und liebreich: „Weine nicht, liebe Seele, und fürchte dich nicht vor der Hölle; denn ich geleite dich zum Paradies, wo du als weißes Lämmchen auf blumiger Wiese in Ewigkeit weiden sollst.“

Aber nicht allen Seelen kommt die heilige Jungfrau also zur Hilfe. Viele sind ganz ratlos und irren hierher und dorthin und wissen nicht aus noch ein.

Manchmal gehen sie auf den Friedhof und sagen: „Lieber Friedhof, nimm uns auf in deine Gräber, wo wir in Ruhe den Tag des Gerichtes erwarten können.“ Und der Friedhof antwortet: „Ich kann euch nicht aufnehmen, denn ihr seid gestorben ohne die heilige Beichte.“

Dann gehen die Seelen an die Kirche und rufen: „Kirche, öffne dein Tor und lass uns ein! Wir wollen in dir wohnen und am Altar knien bis ans Ende der Zeiten.“ Aber die Kirche gibt ihnen zur Antwort: „Ich kann euch nicht einlassen, ich kann es nicht.“

Und dann gehen die Seelen zum Wald und bitten: „Lieber Wald, nimm uns auf in deinen Schatten und lass uns in deinem Dickicht uns verbergen. Siehe, wir haben im Leben nur Mühe und Plagen gehabt, und jetzt sehen wir uns nach Frieden und Ruhe.“ Und der Wald rauscht zur Antwort: „Ich kann nicht.“

Die müden Seelen wandern weiter und kommen endlich zum Feuer, das sie bitten: „O Feuer, erbarme dich unser, ergreife uns mit deinen Flammen und wärme uns, denn wir haben im Leben viel Kälte leiden müssen.“ Aber auch das Feuer sagt Nein und zischt zur Antwort: „Ich kann nicht, ich kann nicht.“

Nun gehen die verzagten Seelen weiter und kommen zum Wasser. „O Wasser“, so sagen sie, „nimm uns auf in deine kristallenen Fluten, denn wir sind erschöpft und dürsten, denn das Leben hat uns so ausgedörrt.“ Aber das Wasser flüstert als Antwort: „Ich kann nicht, ich kann nicht.“

Nun sind die Seelen ganz trostlos und irren in ihrer Verzweiflung schließlich bis an die Pforte der Hölle, wo sie, die Hände ringend, ausrufen: „O Hölle, wenn uns denn alles zurückstößt, so nimm du uns auf! Gott will von uns nichts wissen, der Friedhof verweigert uns die Ruhe, die Kirche gibt uns keinen Schutz, der Wald, das Feuer, das Wasser keine Zuflucht. Darum nimm du uns auf, o Hölle, für alle Zeiten.“

Und die Pforten der Hölle springen auf mit gewaltigem Getöse, und ein mächtiges Feuer schlägt ihnen prasselnd entgegen, und aus den Flammen schallt eine schreckliche Stimme: „Kommt nur herein!“

Aber da ergreift die irrenden Seelen eine fürchterliche, entsetzliche Angst. Sie zittern und beben beim Anblick des Höllenpfuhls, sie erkennen, welch ein schreckliches Los sie dort erwartet, und vor Angst und Verzweiflung beginnen sie zu rufen: „Heilige Jungfrau, rette du uns, du unsere Mutter, du unsere Fürsprecherin!“

Und Maria kommt ihnen wirklich zu Hilfe. In ihrem lichten Mantel und mit der Sternenkrone auf dem Haupt schwebt sie aus den Höhen des Himmels herab, macht das Zeichen des Kreuzes über sie, und ehe das Feuer der Hölle sie noch ergreifen kann, bedeckt sie sie behutsam mit ihrem Mantel. Dann führt sie die armen verzweifelten Seelen wie eine gute, getreue Hirtin den rechten Weg zum Himmel empor.

Aber nicht immer kann sich die heilige Jungfrau so gütig und hilfreich erweisen. Denn manche Seelen sind beim Verlassen dieser Welt zwar noch mit großer Schuld bedeckt, empfehlen sich aber ihrer gütigen Fürsorge. Diese Seelen reinigt sie selbst von ihren irdischen Makeln, indem sie sie auf dornigen steinigen Pfaden durch viele Beschwernisse und Prüfungen hindurchführt. Und dann bittet sie ihren Sohn recht inständig, er möge den armen Seelen, die weinend vor der Himmelspforte stehen, Einlass gewähren. Und der Heiland erfüllt die Bitte seiner Mutter.

Maria gibt in ihrer Güte stets Obacht, wo sie helfen könne. Wenn sie den Klagelaut einer Seele vernimmt, die sich nicht aus eigenen Kräften zum Himmel emporschwingen kann und in ihrer Angst weinend zusammenbrechen will, dann schickt sie ihr einen Engel entgegen, der sie schützt wie eine zarte Blume und sie auf seinen Armen zum Thron der Gottesmutter emporträgt.

Sie selbst hat ja so viele Tränen auf Erden vergossen und so viele bittere Schmerzen erduldet, dass sie als gütige, liebreiche Mutter den Menschen immer zuruft: „Keine Träne soll auf Erden umsonst vergossen sein.“

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XXV. Von der Hölle, von Luzifer und den Teufeln. Von Judas und einem Ritter und dessen Verehrung für die Mutter Gottes.

 

Im Feuerpfuhl der Hölle herrscht ein unaufhörliches schreckliches Getöse. Heiße Schwefelwolken ballen sich zusammen gleich ungeheuren Drachen, und mächtige Flammen züngeln zischend empor wie riesige Schlangen. In großen Kesseln siedet das Pech und erfüllt die Luft mit solch einem beißenden Gestank, dass sogar die Teufel von einem ewigen Husten und Würgen geplagt werden.

Der ganze Raum ist erfüllt von Heulen, Stöhnen, Schreien und Jammern, und das Zähneknirschen hört hier gar nie auf. Besonders schrecklich aber ist das Rasseln der Kette anzuhören, mit der Luzifer an eine Säule mitten in der Hölle gekettet ist, und an der er in seiner Wut fortgesetzt zerrt und rüttelt.

Es ist das dieselbe Kette, die der Fürst der bösen Geister nach Erschaffung der Welt jahrhundertelang selbst geschmiedet hat, um später den Erlöser der Menschheit damit zu fesseln. Und nun muss er seine eigne Kette tragen. Der Heiland selbst hatte sie ihm nämlich, als er nach seiner Grablegung in die Hölle hinabgestiegen war, durch den Erzengel Michael anlegen lassen.

Die Teufel sind von ruchlosem Hass und großer Bosheit gegen ihren Herrn und Meister Luzifer erfüllt, weil sie durch ihn den Himmel verloren haben und im Kampf mit Gott unterlegen sind. Und durch seine Schuld müssen sie jetzt bis zum Tag des jüngsten Gerichts die schrecklichsten Marter und Qualen im Höllenfeuer erdulden.

Aber die glühende Kette, an die Luzifer gefesselt ist, brennt von Jahr zu Jahr mehr durch und wird schließlich einmal auseinanderreißen. Dann wird der befreite Fürst der Hölle seine Scharen um sich versammeln und von neuem gen Himmel stürmen. Dieser schreckliche Kampf wird aber am Tag des Gerichts, am Ende der Welt stattfinden.

Wenn dann die Horde der Teufel gegen die Himmelspforte losstürmt, dann wird Gott in schrecklicher Majestät ihnen entgegentreten, und ein einziger unwilliger Blick seiner Augen wird die höllischen Geister in Verwirrung setzen und sie in den unergründlichen Abgrund der Hölle zurückschleudern. Und keine Spur wird von ihnen zurückbleiben.

Aber ehe diese schreckliche Niederlage über sie kommen wird, erbebt die Hölle noch immer von ihrem Geheul und Geschrei.

Die Seelen, die für ihre Sünden zur ewigen Qual im Höllenpfuhl verurteilt sind, winden sich dort in entsetzlichen Martern ohne Linderung, ohne Ende, und das Feuer, das sie brennt, wird immer heißer, immer schrecklicher, immer unerträglicher. Jede schwere Sünde, jedes Verbrechen, jede Beleidigung Gottes findet hier ihre entsprechende Sühne. Wie aus dem Korn des Getreides sich die Ähre entwickelt, so geht aus dem Samen der Sünde, die der Mensch in sein Leben gesät hat, nach dem Tod die Frucht der Strafe auf.

Aber die schrecklichste Beigabe der Qual der Verdammten, einem Dorn in einer blutenden Wunde vergleichbar, ist die schreckliche Hoffnungslosigkeit und das Bewusstsein, dass ihre Pein nie ein Ende nehmen, dass ihre Strafe niemals aufhören wird, dass sie in Ewigkeit dauern soll.

Dicht bei der Pforte der Hölle hängt an einem Haken der abscheuliche Verräter Judas. In der Hand hält er noch immer den Beutel mit den Silberlingen. Seine blutunterlaufenen Augen sind herausgequollen und starren voll Entsetzen in die Hölle, und er zittert vor Angst wie Espenlaub in ewiger Furcht vor dem Tod. Ein Teufel zieht die Schlinge, in der er hängt, immer wieder zusammen, und so kann der Verräter niemals sterben und stirbt doch jeden Augenblick.

Im Grunde der Hölle sieht man schwarze, düstere Wälder stehen, in denen Bäume wachsen wie riesige Ungeheuer, und in schmutzigen Sümpfen, die Leichendüfte aushauchen, wälzen sich hundertköpfige scheußliche Schlangen und Drachen. Riesengroße Vögel von schrecklichem Aussehen fliegen über diese Sümpfe dahin und erheben dabei ein entsetzliches, durchdringendes Geschrei. Von dem Wind, den sie bei ihrem Flug verursachen, fallen selbst die Bäume im Wald zu Boden.

Durch diese Sümpfe und Moraste führt nun der Weg der Sünde. Er ist sehr breit und bequem, und man geht darauf so weich wie auf Samt. Dadurch wird der, der ihn betritt, verführt, immer weiter zu gehen, und die Seele wird in den Hinterhalt der Hölle gelockt.

Aber auch hier, an diesem Ort der Verdammnis, an dieser Stätte der Sünde und des Verbrechens, hier im finsteren Reich des Fürsten Luzifer, wo nie ein Sonnenstrahl hinfällt, wo nur Angst, Grauen und Verzweiflung wohnt, selbst hier ist die Verehrung für die heilige Jungfrau nicht erloschen.

An der Schwelle der Hölle sitzt nämlich ein Ritter, der einst ein lustiges Leben in Saus und Braus geführt und dafür dem Teufel seine Seele verkauft hatte. Er sitzt nun da vor der Hölle und schlägt an seine sündige Brust und senkt das Haupt in Reue und Demut, und die Tränen rinnen ihm über das durchfurchte Antlitz in den Bart. Er faltet jeden Augenblick die Hände, und seufzend vor Kummer und Verzweiflung, singt mit zuckendem Mund die Tagzeiten zur allerseligsten Jungfrau Maria.

Der Teufel hatte ihn, obgleich er die Verschreibung seiner Seele in Händen hatte, bei seinem Flug zur Hölle unterwegs fallen lassen müssen und ihn dicht an der Schwelle zurückgelassen, weil er laut ein frommes Lied zu singen begann und seine unwürdige Seele der Mutter Gottes empfahl. 

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XXVI. Vom Ende der Welt und dem letzten Gericht.

 

Wenn die glühende Kette, an die Luzifer geschmiedet ist, einmal durchbrennt und der Fürst der Finsternis sich von der Säule, an die er gefesselt ist, losreißen kann, dann wehe der Welt, dann ist der Tag des Gerichts angebrochen.

Auf der Erde werden schreckliche Zeichen erscheinen, und die Menschen mit angstverzerrten Gesichtern einhergehen, ihre Arbeit im Stich lassen, auf die Felder hinauslaufen und entsetzt zum finsteren Himmel emporstarren. Im Schoß der Erde wird man ein donnerartiges Getöse hören, und eine große fürchterliche Angst vor einem unfassbaren schrecklichen Ereignis wird alles, was da lebt, ergreifen.

Eine schwere Betäubung wird sich auf die Seelen der Menschen legen, und sie werden die Teilnahme an allem, was ihnen das Leben schön und angenehm machte, was sie gewünscht und gehofft haben, verlieren. Alles das fällt von ihnen ab wie ein vertrocknetes Blatt von einer verdorrten Blume, und nur eins wird bleiben – die Angst.

Und um die Stunde der Dämmerung wird man an diesem Tag in allen Häusern auf Erden ein leises Klopfen vernehmen, und eine geheimnisvolle Stimme wird fragen: „Schlaft ihr?“ Und wenn die Menschen halb im Schlaf zur Antwort geben: „Ja, wir schlafen“, dann wird die Stimme erwidern: „So schlafet den ewigen Schlaf!“ Wenn aber die Antwort lautet: „Wir wachen“, so wird die Stimme sagen: „So sollt ihr denn ewig leben“.

In jedem Haus der Welt wird sich diese Stimme, die die Menschen zur Wachsamkeit auffordert, vernehmen lassen. Es ist aber die Stimme der heiligen Jungfrau, die auf die Erde herabkommt, um die Menschen auf das Ende der Welt und das letzte Gericht vorzubereiten.

Darauf wird die Erde sich spalten und ein schreckliches Ungetüm, einen Sohn Luzifers, den Antichrist, von sich geben; der wird auf einem Feuerwagen umherfahren und zu den Menschen also sprechen:

„Kommt zu mir alle, denn ich will euch ein neues Leben schenken, einen neuen Glauben, eine neue Lehre und neue Gebote. Fallet ab von Gott, denn Gott ist nicht mehr. Ich bin euer Gott, euer Herr und Erlöser, und mir sollt ihr folgen.“

Und wer sich von ihm durch seine stolzen Worte verführen lässt, zu dem wird er hintreten und ihm auf die Stirn ein schwarzes Kreuz zeichnen zur Bekräftigung, dass er der Hölle mit Leib und Seele untertan sein will.

Aber da wird der Himmel sich auftun, und ein Engel des Herrn steigt herab, der dem Teufel seine Beute entreißt. Er wird dem verführten Menschen mit heiligem Öl das schwarze Kreuz von der Stirn wischen. Darüber gerät der Fürst der Finsternis in Wut und sendet eine Legion böser Geister auf die Erde.

Die Erde öffnet sich, und das Feuer der Hölle schlägt daraus empor. Die Berge wanken in ihren Grundfesten, wilde Stürme brausen durch die Luft, und das Meer tritt schäumend aus seinen Ufern. Alles, was auf Erden lebt, wird nun von einem schrecklichen Wahnsinn ergriffen und zerfleischt sich gegenseitig. Die Flüsse färben sich blutrot, denn alles Blut, das je vergossen wurde und in den Boden eindrang, tritt wieder zutage und ergießt sich in Strömen ins Meer.

Und Luzifer sagt Gott zum zweiten Mal den Kampf an.

Über dem schrecklichen Chaos, das die ganze Welt jetzt verschlingen will, stürmen in den Lüften, zwei geballten Wetterwolken gleich, das Heer der Engel und das Heer der bösen Geister aufeinander. Ein schrecklicher, gewaltiger Kampf entbrennt. Die Teufel fliegen heulend in den Lüften und wollen den Himmel erobern. Aber da stößt ihr Anführer plötzlich einen so gewaltigen Schrei aus, dass die schwarzen Scharen der Höllengeister vor Furch und Entsetzen erzittern, denn am Himmel erscheint mit einem Mal ein großes, strahlendes Kreuz.

Die Teufel lassen ihren Herrn und Meister im Stich, ein großer Schrei der Angst geht von ihnen aus. „Gnade, Herr, Gnade!“ tönt es von ihren Lippen. Aber die Zeit der Gnade ist vorbei.

Gott der Herr tritt aus dem Palast des Himmels hervor, und der Erzengel Michael lässt seine Posaune nach den vier Richtungen der Welt ertönen und entbietet die Lebendigen und die Toten ins Tal Josaphat zum letzten Gericht.

Tief unten aber geht die Erde vollends in Flammen auf.

Wenn sie verbrannt sein wird, wird sie wieder so durchsichtig und weiß erscheinen wie damals nach Erschaffung der Welt, ehe Kain seinen Bruder Abel erschlug.

Und auf einen zweiten Posaunenschall stehen die Toten aus ihren Gräbern auf und eilen in gedrängten Scharen, wie ein Strom, der immer mehr anschwillt, in das weite Tal Josaphat, das nahe bei dem Ort des Fegfeuers gelegen ist. Alt und jung, jedes Geschlecht, alle Völker der Erde leisten dem Ruf Folge.

Nun erscheint Christus im Kreis der Erzengel und nimmt auf seinem Richterstuhl Platz. Der hl. Michael lässt zum dritten Mal die Posaune ertönen als Zeichen, dass der Tag des Gerichts beginnt.

Und da wird eine große Stille sein, und kein Laut ist auf der Welt sonst zu hören.

Christus aber erhebt die Hand, und mit einer Stimme, die schallt wie alle Glocken der Erde, lässt er sich also vernehmen:

„Friede sei mit euch allen, die ihr gerecht und gottesfürchtig gelebt habt. Friede sei mit euch, die ihr bei mir ausgeharrt und mich nicht verleugnet habt. Dafür sollt ihr in Ewigkeit bei mir bleiben. Tretet ein, ihr Gerechten, in das himmlische Haus, das euch erwartet.“

Darauf lässt der Herr die Gerechten zu seiner Rechten Platz nehmen. Dann spricht er mit zürnender Stimme, die wie ein Donner durch die Räume des Himmels schallt, zu den anderen: „Ihr aber weichet von mir auf Ewigkeit, weil ihr an mich nicht geglaubt und mich verleugnet habt. Ich kenne euch nicht, und für euch ist kein Platz im Himmel bereitet. Darum soll die Hölle euch aufnehmen.“

Und auf der linken Seite des Herrn herrscht blindes Entsetzen, und die Verdammten winden sich schweigend in Angst und Verzweiflung.

In göttlicher Majestät, von himmlischem Glanz umflossen, steht Christus da, ergreift das Kreuz und segnet damit die Welt.

Der schreckliche Tag des Gerichts ist vorüber.

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XXVII. Das Märchen von der stummen Königstochter und ihren zwölf Brüdern, die in Adler verwandelt wurden.

 

In einem alten Schloss, das hoch oben auf einem Felsen über einem unergründlich tiefen Abhang gelegen war, wohnte ein König mit seinen zwölf Söhnen. Diese waren wegen ihrer Tapferkeit berühmt in allen Ländern, und niemand wagte es, sie zu Feinden zu haben. Außer den zwölf Söhnen hatte der König auch noch eine Tochter. Wie ein Blümlein auf felsigen Boden, wie ein kleines Sternlein am Himmel und wie ein Vöglein, das zwitschernd die Lüfte durchfliegt, so bescheiden und anmutig war die Tochter des alten Königs.

Der Ruf von ihrer Schönheit drang über die Grenzen des Landes weit hinaus, und von allen Seiten kamen die Gesandten der benachbarten Könige, Ritter und Herren vor das Schloss gefahren und baten im Namen ihres Gebieters um die Hand der Prinzessin. Aber sie mussten immer ohne Hoffnung von dannen ziehen, denn die Antwort des Königs lautete jedes Mal: „Wer meine zwölf tapferen Söhne im Zweikampf besiegt, der soll als Belohnung meine Tochter zur Frau bekommen.“

In vergoldeter Rüstung und mit stolz wehenden Federbüschen auf ihren silbernen Helmen führten die zwölf Prinzen die Brautwerber durch die Tore des Schlosses bis zum äußersten Burghof und warfen ihnen dort mit stolzer Gebärde den Handschuh als Aufforderung zum Zweikampf hin. Aber keiner der Gesandten wagte es, ihn im Namen seines Herrn aufzuheben und die stolze Herausforderung anzunehmen.

Da erdröhnte der Schlosshof von dem höhnischen Gelächter der zwölf Prinzen, wenn die Zugbrücke dann herab fiel, und die mutlosen Freier eiligst davonfuhren.

So gingen Tage, Monde und Jahre dahin, doch es fand sich keiner, der den Mut gefunden hätte, mit den tapferen Prinzen um ihre schöne Schwester zu kämpfen.

Und in dem alten Schloss weinte sich die schöne Königstochter schier die Augen aus, aber die Brüder lachten nur darüber und sprachen: „Schwester, deine Schönheit scheint sehr niedrig im Preis zu stehen, oder es gibt überhaupt keine tapferen Ritter mehr auf der Welt.“

Da errötete die Königstochter vor Scham und Unmut und entgegnete kein Wort auf ihre höhnende Rede, sondern bat Gott in ihrem Herzen: „Lieber Gott, erbarme dich meines traurigen Schicksals! Soll ich wie eine Rose zwischen diesen hohen Mauern verblühen, und soll ich immer in der Gesellschaft meiner Brüder leben, deren Stolz und Hochmut noch tiefer verwunden kann als ihre Schwerter?“

Gott hörte die traurige Klage der armen Prinzessin und erbarmte sich ihres Loses. Er verwandelte ihre Brüder in zwölf Adler, die sich mit mächtigen Flügelschlägen hoch in die Luft erhoben und der glühenden Sonne, die eben in das Meer versinken wollte, entgegeneilten.

Als die Königstochter ihre Brüder so im Licht der untergehenden Sonne dahinfliegen sah, und sie aussahen, als ob sie in einem Netz von Sonnenstrahlen gefangen wären, da breitete sie vor Schmerz und Überraschung die Arme weit aus und rief ihnen nach: "Brüder, wartet auf mich! O Sonne, nimm sie mir nicht fort, nimm sie mir nicht alle fort, denn dann bleibe ich ja ganz allein.“

Sie lief aus dem Schloss hinaus, den Adlern nach und sah, wie sie immer höher und höher flogen, bis sie hoch oben in den Wolken ihren Blicken entschwanden.

Nach einer Weile bemerkte die Prinzessin, dass sie sich in ihrem Lauf sehr weit vom Schloss entfernt und in eine Wildnis verirrt hatte. Ganz ratlos stand sie da.

Plötzlich sah sie im Gestrüpp zwei glühende Augen auf sich gerichtet, und ein ungeheurer Wolf sprang zähnefletschend auf sie zu. „Was suchst du hier bei Nacht in meiner Wildnis?“ klang drohend die Stimme des Wolfes. „Ich suche meine Brüder“, entgegnete die Prinzessin mir so rührender Stimme, dass selbst das Herz des Wolfes davon ergriffen wurde.

„Setze dich auf meinen Rücken“, sprach er, „und ich werde dich aus der Wildnis heraustragen. So kommst du eher an den Saum dieses finsteren Waldes, denn dort wirst du die Sonne wiedersehen, die dir von deinen Brüdern vielleicht Nachricht geben kann.

Die Königstochter setzte sich zitternd vor Angst auf den Rücken des Wolfes, und der flog wie ein Pfeil durch das Gestrüpp dahin und erleuchtete den finsteren Weg mit seinen glühenden Augen. Aber schließlich wurde er so müde, dass er nicht weiter konnte.

Da kam aus dem Dickicht ein alter Bär daher getrabt, der näherte sich mit freundlichem Gebrumme der Prinzessin und sprach: „Ich werde dich weiter tragen, Prinzesslein.“ Und er beugte seinen zottigen Rücken vor dem Königskind und trug es weiter, bis sie zu einem Waldkirchlein kamen.

Hier machten sie halt, und die Prinzessin ging ganz leise hinein, kniete nieder und bat den lieben Gott recht herzlich und inständig, er möge ihr in ihrer Not beistehen. Gott hatte Mitleid mit der armen Königstochter und befahl darum dem Bären, der ganz ermattet vor dem Kirchlein auf dem Boden hockte und auf sie wartete, er solle sie zuerst aus dem Wald hinaustragen und dann zur Mutter Gottes bringen, die werde sich der Sache schon annehmen und auf ihre Bitte den zwölf Brüdern die menschliche Gestalt wiedergeben.

Die heilige Jungfrau saß zu dieser Zeit gerade vor der Himmelspforte und war damit beschäftigt, die zwölf Adler eigenhändig zu füttern, als der gute Bär mit der Prinzessin auf dem Rücken daherkam.

Bei seinem Anblick flogen die Adler erschreckt in die Höhe, bildeten in der Luft drei Kreise und verschwanden in den Wolken.

„Ich will deine Bitte erfüllen“, sprach die Mutter Gottes, „und dir deine Brüder, über die du dich so bitter beklagt hast, wiedergeben, aber zuerst musst du eine Prüfung auf dich nehmen und drei Jahre lang stumm sein.“

Also sprach die Mutter Gottes, und die Königstochter gelobte ihr Gehorsam, worauf sie auf die Erde zurückkehrte.

Durch finstere Wälder und wilde Einöden führte sie ihr Weg. Sie wollte wieder nach Hause zurück, wo ihr Vater auf seiner hohen Burg allein und verlassen um seine verlorenen Kinder trauerte. Aber sie war noch sehr weit von der Heimat entfernt, und noch viele, viele Tage musste sie wandern, ehe sie dorthin gelangen konnte.

Wie sie so unter den Bäumen dahinging, da hörte sie plötzlich Hörnerklang und Hundegebell, und eine Meute wilder Rüden umringte sie und wollte sie zerfleischen wie ein Reh.

Im Wald jagte gerade der junge König des Landes in Begleitung seiner Ritter und Knappen. Als er das wütende Gebell seiner Hunde vernahm, kam er schnell herbeigeeilt und erblickte statt des gestellten Wildes die Gestalt einer schönen Jungfrau, die zitternd vor Angst wie ein Vögelchen auf einem Baum zusammengekauert saß und sich unter dessen Zweigen zu verbergen suchte.

Er wollte zuerst seinen Augen nicht trauen, und das Herz klopfte ihm gar gewaltig in der Brust, so schön und lieblich war die Prinzessin anzuschauen. Und er hob seine Augen zu ihr empor und sprach:

„Bist du eine Fee dieses Waldes, die sich verirrt hat? Steige herab, du holde Jungfrau, ich will dir mein Herz schenken und dich zu meiner Gemahlin machen.“

Ehe die Sonne an diesem Tag ihren höchsten Stand erreicht hatte, kehrte der König mit allem Gefolge nach seinem Schloss zurück und führte die Königstochter mit sich.

Er bereitete alles zur Hochzeit vor, aber am Hof entstand eine große Missgunst gegen seine zukünftige Gemahlin, weil man nicht haben wollte, dass er eine Stumme zur Frau nehme. Die Königstochter gab nämlich, wie die Jungfrau Maria ihr geboten hatte, keinen Laut von sich.

Besonders die Mutter des jungen Königs war von argem Hass erfüllt gegen sie und wollte ihre Einwilligung zur Vermählung nicht geben. Um diese zu vereiteln, gebrauchte sie ein Zaubermittel und steckte heimlich in die Zöpfe der Prinzessin eine Nadel mit einem verzauberten Rubin, der die Macht hatte, seinen Träger in einen tiefen todesähnlichen Schlaf zu versenken.

Und so geschah es, dass man statt einer Hochzeit eine Leichenfeier veranstaltete.

Man legte den todesstarren Körper der armen Prinzessin mit kostbaren Gewändern in einen goldenen Sarg, den man mit herrlich duftenden Blumen ausgelegt hatte, dann schmückte man sie mit dem Brautschleier und trug sie hinaus in den grünen Wald, und zwar an jenen Ort, wo der junge König sie zum ersten Mal erblickt hatte. Dort befestigte man den Sarg mit silbernen Ketten an die Zweige eines Ahornbaumes, auf dem sie damals vor den Hunden Schutz gesucht hatte.

Eine lange Zeit ging dahin. Der Sommer war vergangen, und der Herbst kam ins Land. Da erscholl im Wald wieder fröhlicher Hörnerklang und lautes Hundegebell. Mit seinen Rittern und Knappen zog der junge König auf die Jagd, und als sie am Abend bei Fackelschein mit der gewonnenen Beute zum Schloss zurückkehren wollten, da kamen sie an jenem Ahornbaum vorbei, an dessen Zweigen der goldene Sarg mit der schlafenden Königstochter aufgehängt war.

Der junge König blieb in großer Betrübnis vor dem Sarg stehen, weil er daran dachte, wie schön die Prinzessin gewesen war, die so früh hatte sterben müssen. Er ließ den Deckel vom Sarg abnehmen, denn er wollte die Tote noch einmal sehen. Beim Schein der Fackeln erblickte er sie, die noch so schön war wie in ihrem Leben und nur zu schlafen schien, und rief aus: „O du herzloser Tod, wie konntest du mir diese Lilie mit so grausamer Hand aus dem Garten des Lebens pflücken?“

In seinem Schmerz wollte er der Toten einen Kuss auf die weiße Stirn drücken und hob darum ihr Haupt mit der Hand behutsam empor. Dabei löste sich das geflochtene Haar der Prinzessin, und die verzauberte Nadel mit dem Rubin fiel heraus. Sofort wich der todesähnliche Schlaf von ihr, sie erwachte und blickte erstaunt um sich. Da ergriff der junge König voll Freude ihre Hand und rief aus: „Mein Kuss hat dir das Leben zurückgegeben und nun sollst du bei mir bleiben, solange du lebst.“

Bei Fackelschein trug man darauf die Prinzessin, die in dem goldenen Sarg dalag wie ein Kind in seiner Wiege, unter fröhlichem Hörner- und Liederklang durch den rauschenden Wald in das königliche Schloss zurück.

Eine große Freude herrschte nun am Hof des Königs und im ganzen Land, als die Nachricht sich verbreitete, dass die Prinzessin vom Tod erwacht sei und sich mit dem König vermählen werde. Nur dessen böse Mutter dachte Tag und Nacht daran, wie sie die verhasste Schwiegermutter verderben könne.

Die Hochzeit wurde mit unerhörter Pracht gefeiert, und es ging ein Jahr und ein zweites und dann noch ein drittes in lauter Glück und Freude vorüber. Der König liebte seine Gattin über alle Maßen, trotzdem sie stumm war und keinen Laut von sich gab. Jedes Jahr erlebte er eine überaus große Freude, aber auch einen gewaltigen Schmerz. Schon drei Söhnlein hatte ihnen der Himmel geschenkt, doch jedes welkte nach kurzer Zeit wie ein verdorrtes Blümlein dahin und starb.  Die alte Mutter des Königs vergiftete nämlich aus Hass gegen ihre Schwiegertochter die kleinen Enkelkinder und raunte voll teuflischer Bosheit ihrem Sohn ins Ohr: „Weißt du, wer schuld ist am Tod deiner Kinder? Ich habe es aus gewissen Zeichen erkannt, dass deine Gattin eine arge Hexe ist, die den unschuldigen Kindern das Blut aussaugt. Auf ihrem Mund sind oft blutige Tropfen zu bemerken. Wenn du des Morgens vom Schlaf erwachst, so schau sie an, und du wirst Blut an ihrem Mund bemerken.“

Der König wurde von großem Entsetzen erfasst, als er diese schreckliche Kunde vernahm. Er wollte seine Mutter nicht einer Lüge zeihen, darum rief er die Richter seines Landes zusammen, um die Anklage zu untersuchen. Die Königin stand stumm vor ihren Richtern, und sie sagte kein Wort zu ihrer Verteidigung, denn sie blieb des Versprechens, das sie der Mutter Gottes gegeben hatte, eingedenk und wollte ihre Brüder erlösen. Sie sagte also kein Wort, obgleich ihr vor Verzweiflung das Herz brechen wollte und sie in ihrer Angst am liebsten laut aufgeschrien hätte. Sie wurde von den Richtern als Mörderin ihrer Kinder schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt und sollte sogleich auf den Richtplatz geführt werden, wo der Henker sie bereits erwartete.

Stumm ging sie unter ihren Wächtern dahin und biss sich die Lippen blutig, um nur ja keinen Laut von sich zu geben und ihren Schwur nicht zu brechen. Bei ihrem Anblick wurde das Volk ergrimmt und schrie: „Seht, sie hat das Blut ihrer Kinder, denen sie das Leben ausgesaugt hat, noch auf ihren Lippen.“ Und viele Verwünschungen fielen auf das arme Opferlamm, das von seinem Gatten so grausam verstoßen und von dessen böser Mutter so arglistig verleumdet worden war. Als sie an der der Stelle des Richtplatzes angekommen waren, da nahm der Henker sein großes Beil unter seinem Mantel hervor und fuhr damit durch die Luft, dass es funkelte und blitzte. Schon wollte er das Haupt der armen Königin treffen, da erbebte mit einem Mal die Erde von einem Donnerschlag, der ganze Platz wurde von einem hellen, überirdischen Licht erfüllt, und in der Höhe schwebte die leuchtende Gestalt der Jungfrau Maria in einem langen, glänzenden Mantel mit einer Sternenkrone auf dem Haupt.

Ein Kindlein trug sie auf dem Arm, und zwei klammerten sich mit ihren Händchen an die Falten ihres Mantels. Ernsten Blickes schaute die heilige Jungfrau umher, und das Volk ergriff ein großes Staunen und eine große Angst. Man sah es, die Mutter Gottes war selbst von den Höhen des Himmels herabgekommen, um für die verfolgte Unschuld zu zeugen. „Soll denn immer“, so sprach sie, „der Gerechte auf Erden durch die Blindheit der Menschen leiden müssen? Lasst ab von ihr, denn sie konnte sich nur darum nicht verteidigen, weil sie ein Gelübde, während dreier Jahre zu schweigen, erfüllen musste. So will ich für sie zeugen, und ich sage euch, sie ist unschuldig. Hier bringe ich dir deine drei Kindlein wieder, und deinen Brüdern will ich die menschliche Gestalt wiedergeben.“ Da sank die arme Königstochter zu den Füßen der heiligen Jungfrau nieder, und vor Glück und Seligkeit weinend, konnte sie nur das eine Wort sagen: „O sei gebenedeit, du gütige Jungfrau Maria!“

Aus den Wolken aber kamen mit einem Mal zwölf riesige Adler dahergeflogen: die verwandelten zwölf Brüder. Sie umringten ihre Schwester, und auf einen Wink der heiligen Jungfrau nahmen sie wieder menschliche Gestalt an. Sie standen da in ihren goldenen, schimmernden Rüstungen und beugten das Knie vor der Gottesmutter und gelobten ihr Verehrung und Treue immerdar.

Das Volk war außer sich vor Freude über das wunderbare Ereignis und die glückliche Rettung der Königin und sang zu Ehren Marias fromme Lieder. Der König drückte seine Gemahlin voll Liebe und Mitleid an seine Brust und herzte und küsste seine so wunderbar wiedergeschenkten Kinder. Nur die Mutter des Königs war die einzige, die an diesem Tag keinen Grund zur Freude hatte. Weil sie in ihrer Bosheit die Frau ihres Sohnes so teuflisch verderben wollte, wurde sie hart gestraft und war von diesem Tag an taub, stumm und blind und führte ein jämmerliches Dasein bis an ihr Ende.

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