Unser Frauen Wunder

 

Im Abendland sprossen aus den von Osten her gekommenen Flugsamen der Legendenmotive die köstlichsten Blüten der Volksdichtung. Sie sind so anmutig, weil das bunte Märchen hineinspielt. Die großartige Wirkung aber war der Legende nur möglich aus der im Mittelalter wirklich gewesenen Einheit von Glaube und Kunst. Und der Glaube an ihre Wunder war der Legende über das Märchen und die Sage hinaus sicher, weil sie die Gestalten unserer Religion umschließt.

 

 Von Gallien kamen die Motive herüber an den Rhein, wo Maria die wärmste Verehrung entgegengebracht wurde, sowie nach Alemannien, Franken und in den deutschen Südosten, der außerhalb des Kampfes zwischen Kaiser und Papst ein beschauliches Asketenleben entwickeln konnte. 

 

Es gibt eine Zeit, wo Erzählen ein Gewerbe war, das seinen Mann ernährte. (Noch heute hören wir aus bäuerlichen Gegenden von geborenen Erzählern, die die Langeweile der Taglöhner und Soldaten an langen Winterabenden bezwingen.) Die Spielleute ergriffen die Legende, gossen sie in ihren knappen, schlagenden Ton, brachten mit den Mitteln ihrer weltlichen Novellistik Spannung hinein. Es ist das 12. Jahrhundert, als die Volkslegende gepflegt wird, auch von fahrenden Klerikern. Die Steigerung und Verinnerlichung des religiösen Empfindens seit dem 11. Jahrhundert vergrößerte ihren Lebensraum.

 

In jener Zeit mögen die ältesten Marienwunder entstanden sein: Von der kleinen Musa, der die Gottesmutter erschien, von dem Mönch, der Glöcknerdienste versah und nächtens zu seiner Buhlin schlich, von der Mutter, die ihr Kind verlor und als Geisel das Marienkind an sich nahm, von dem einfältigen Kaplan, dem Maria sein Amt wiedergab, vom Marienbräutigam, jenem Motiv, das in einzelnen deutschen Landschaften entwickelt wurde, bis zu den pastellfarben hauchzartesten Gebilden der Legendendichtung, und vom Averitter.

 

Dabei kommt es bei aller Innigkeit auf der einen Seite der Legende gar nicht darauf an, Räuber und Diebe, die gehenkt gehören, durch Marias Güte zu retten. Und manchmal erscheinen auch Strafen für Verbrechen; nach unserem Empfinden oft viel zu grausam. Aber solche Übersteigerung ist das Kunstmittel zur Eindringlichkeit.

 

Auch der Teufel ist zur Stelle, der alte Widersacher des Menschen und Gegenspieler Mariä. Er ist arglistig, aber dumm und leicht überzulegen. Genau wie in der weltlichen Sage. Das uralte Motiv, in dem der Mann um Gewinn dem Teufel seine Seele verschreibt. Er hat manchmal deutliche Wodanszüge, den Huf von Wodans Pferd. Bisweilen ähnelt er jenen Fratzen der gotischen Dome. Er vermag jede Gestalt anzunehmen. Aber immer am Ausgang in solchen Legenden tritt Maria auf den Plan und rettet den Sünder, der ihr durch ein zartes Verhältnis ergeben war. Und der Schluss ist, wo in Märchen und Sage Güter und Macht folgen, die ewige Seligkeit.

 

In diesen wenigen, aber in mannigfachen Farben erblühten Zügen der Legende stecken ihre Reize.

 

Reich, aber immerhin beschränkt sind die Schätze, denn die Motive flattern umher und kehren ganz volksdichtungsgemäß immer wieder. So machtvoll war die Marienverehrung geworden, dass gegen Ende des 12. Jahrhunderts in die Marienlegende der ganze landläufige Motivbestand einfach einmündet. Das war die Begleiterscheinung der Zisterziensermystik.

 

Dabei geben einzelne Landschaften wohl auch schon Eigenes dazu, wenngleich das Ausmaß hier noch selten feststellbar ist. Aber es steht fest, dass beispielsweise die anmutige Legende von dem jungen Mann, der selbst um den Preis des Erblindens willen die Muttergottes zu sehen begehrt, und den sie dann mitnimmt, alemannisches Gut ist. 

 

Auch die in ihrer wundersamen Einfalt und schlichten Darstellung rührende altfranzösische Legende vom Gaukler Unserer Lieben Frau gehört hierher.

 

Wovon handeln die Wunder? Sie tun dar die Liebe und Erbarmung, mit der die Gottesmutter die dargebrachten Dienste erwidert und was ihre Fürbitte vermag.

 

Ein anderer Teil ist der anmutige Kranz um die Marienfeste. Denn nicht der kalte Verstand noch das Dogma war die belebende Kraft der Marienverehrung, sie wuchs aus dem Grund der frommen Volksseele. Und schon lange, bevor die Anrufung und Verehrung Marias in eigentlich selbstständigen Festfeiern liturgisch ausgestaltet war, hatte das dichtende Gemüt die Muttergottestage bunt umrankt. Als die Bettelorden kamen, entstand ein wahrer Wetteifer in der Ausgestaltung und Bereicherung des marianischen Festzyklus, immer neue verehrungswürdige Seiten suchte man hervor. Auch der Rosenkranz ist aus der Mystik und der Marienlegende in einem langsamen Werden aus dem Volk entstanden, aber erst im 14. und 15. Jahrhundert. Rückschauend können wir aus der Legende ersehen, wie allumfassend und andauernd die Verehrung Unserer Lieben Frau im Mittelalter gewesen ist. Denn es sind die Legenden der Abglanz ihres Widerscheins.

 

Maria war in den Lebenskreis des Volkes völlig einbezogen, nicht zuletzt durch ihre Wunder, als Predigtmärlein von den Wandermönchen hinausgetragen. Es werden alle Sorgen des Lebens Maria anvertraut. Es spiegelt sich in der Legende die Welt des kleinen Mannes jener Zeit. Es leidet darunter oft ihr Schönheitswert. Doch dem gefühls- und stimmungsbetonten Gut eignet genug überwindender poetischer Gehalt. Ihren Höhepunkt erreicht die Blütezeit der Marienwunder in dem glaubensfrohen 13. Jahrhundert.

 

Gesammelt wurden die Legenden in lateinischer Sprache schon im 11. Jahrhundert. Ein gutes Dutzend bildete den Grundstock, an den die anderen hinzuwuchsen. Fast keine Klosterbibliothek ist ohne irgend eine solche Handschrift. Die aufschlussreichste ist stark verbreitet, aber immer abgewandelt. Sie liegt in Heiligenkreuz in Niederösterreich (13. Jahrhundert), Göttweig in Niederösterreich (13. Jahrhundert), in Wien, stammend aus dem Kloster Mondsee in Oberösterreich (15. Jahrhundert), in München (13. Jahrhundert), in dem Stift Kremsmünster in Oberösterreich (13. Jahrhundert), in Melk in Niederösterreich (15. Jahrhundert), im Stift Rein in Steiermark (12. Jahrhundert), im Stift St. Peter in Salzburg (14. Jahrhundert), sowie in Leipzig (13. Jahrhundert), Kopenhagen (12. Jahrhundert) und in mehreren sehr wertvollen Stücken in Paris.

 

Obwohl die Schreiber der stillen Klosterzelle meist unbekannt blieben, leuchtet doch ein ganz früher Name auf, der des Mönches Botho aus dem Benediktinerkloster Priefling bei Regensburg im 11. Jahrhundert. Er bringt dreiundvierzig Marienlegenden, die zu einem Teil für die spätere deutsche Gestaltung die Quelle wurden.

 

Die Hauptquelle aber ist die über die ganze abendländische Welt verbreitete "Goldene Legende" des Genuesers Jakobus de Varagine um 1270. In ihr sind außer den Legenden der Heiligen viele Marienwunder zum Ring des Kirchenjahres vereint.

 

Ein herrlicher Augenblick ist es, zu sehen, wie beim Wiedererstarken aller Landessprachen die Marienwunder ergriffen werden und ihre Gestaltung als Denkmal am Anfang jeder abendländischen Nationalliteratur steht.

 

Am reichsten an solchen Schätzen ist der Norden. Er hat vor allen anderen auch ungezählte Marienwunder aus ursprünglich nordischem Wesen hinzugeschaffen.

 

Am ärmsten ist England, woselbst die Inhaltsverzeichnisse der alten kostbaren Handschriften die Marienwunder, die auch dort in der Landessprache zahlreich blühten, noch nennen, aber die Bilderstürmerei alle Blätter herausriss und verbrannte, welche Legenden von Unserer Lieben Frau enthielten.

 

Über Deutschland waltete ein Schicksal. Zwar wurden um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Franken schon deutsche Legenden gesammelt. Man soll die Rolle, die die Übersetzung spielte, nicht überschätzen. Die Zahl der erhaltenen Denkmale, ihre Entstehungsorte und ihre Art und Weise zeigen, dass die Deutschen damals schon eine Muttergottes gewonnen hatten. Aber die alten Stoffe sind bei uns nur dichterisch behandelt worden. Die alten Marienwunder vollends volkstümlich gemacht hat der Legendenkranz des "Großen Passionals", mitteldeutsch gedichtet, bloß in der Straßburger Handschrift erhalten. Seinen Namen verschweigt der Dichter. Er hat in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt, seine Heimat zwischen Nahe und Mosel, vielleicht noch unmittelbarer bei Mainz. Doch erzählt er fließend, Blüten der Sprache sind aus der angeborenen Mundart des Dichters reichlich in die Fassung eingegangen.

 

Wir haben uns bemüht, sie in der Übertragung seiner schönsten Wunder Unserer Lieben Frau, die hier folgen, zu schützen. Was aber an verwandtem Gut aus jener Zeit umherschwirrt, haben wir seinem Kranz eingeflochten. 

 

Inhalt:

 

1. Die allerseligste Jungfrau erscheint der kleinen Musa

 

2. Der buhlerische Glöckner

 

3. Die Theophiluslegende

 

4. Die Mutter und das Marienbild

 

5. Die Muttergottes und ihr Kaplan

 

6. Der Marienbräutigam

 

7. Der Averitter

 

8. Der verarmte Ritter

 

9. Jesuskind und Ave Maria

 

10. Der Teufel als Kämmerling

 

11. Der Dieb am Galgen

 

12. Der Marienritter

 

13. Der Schüler und das Muttergottesbild

 

14. Maria lehrt dem Mönch Grimold eine Weihnachts-Antiphone

 

15. Das Rosenkranzwunder

 

16. Ein junger Mann begehrt die Muttergottes zu schauen

 

17. Der Gaukler Unserer Lieben Frau

 

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1. Die allerseligste Jungfrau erscheint der kleinen Musa

 

Musa war ein kleines Mädchen. Einmal in der Nacht erschien ihr die Jungfrau Maria und führte an der Hand eine lange Reihe kleiner Mädchen, die waren so alt wie Musa und trugen Kleider wie Blüten weiß.

 

Gerne hätte die kleine Musa der lieblichen Schar sich zugesellt, aber sie wagte nicht hinzugehen.

 

Da fragte die allerseligste Jungfrau mit lieblicher Stimme: "Möchtest du wohl auch zu meinem Gefolge gehören?" Das Mädchen antwortete: "Ja." Da sprach die Muttergottes: "Du darfst aber nichts Leichtsinniges und Mädchenhaftes mehr treiben, alles Scherzen und Lachen musst du meiden und immer bedenken, dass du schon in dreißig Tagen in mein Gefolge aufgenommen wirst."

 

Darauf streifte die kleine Musa alles laute Wesen ab und wurde ganz ernst. Ihre Eltern waren verwundert und fragten sie darum. Da erzählte sie, dass die Muttergottes bei ihr gewesen sei und was sie gesagt hatte.

 

Am fünfundzwanzigsten Tag wurde Musa von einem heftigen Fieber befallen. Am dreißigsten Tag, als die Stunde ihres Scheidens nahe war, sah sie die Muttergottes mit der nämlichen Schar. Die schöne Jungfrau winkte ihr. Da trat sie mit niedergeschlagenen Augen und züchtigen Schritten auf den Kreis zu und rief: "Sieh, Herrin, ich komme."

 

Mit diesen Worten verschied die kleine Musa. Ihr Geist entfloh dem jungfräulichen Körper, um bei der allerseligsten Jungfrau zu sein.

 

 

2. Der buhlerische Glöckner

 

Ein Mönch war ein Glöckner und hatte des Nachts die Mette zu läuten. Bisweilen aber entbrannte er in den Flammen sündiger Lust. Wann er dann aufstand, so schlich er zuvor zu seiner Buhlin und tat wie ein dummer Kuckuck.

 

Es stand an seinem Weg ein Marienbild. Und nie vergaß er, so heimlich sein Weg auch war, vor dem Bild einen Augenblick zu verweilen, sich zu neigen und die Muttergottes zu grüßen.

 

Da trat eines Nachts der Teufel ins Spiel. 

 

Neben dem Kloster floss ein tiefes Wasser. Und als der Mönch hinging, seine Begier zu stillen, betrat er den Steg, glitt aus, fiel ins Wasser und ertrank.

 

Alsbald war der Teufel zur Stelle, ihn zu holen. Auch die Engel kamen, und sie stritten um seine Seele.

 

Schon gaben die himmlischen Mächte den Kampf auf, weil der Teufel darauf bestand, dass der Mönch in Sünden gestorben und das Eigentum der Hölle sei.

 

Und die Engel wichen.

 

Da erschien Maria, weil sie den Freund in Nöten sah. Sie schalt die bösen Geister, dass sie den Mann zu berühren wagten, der stets so innig vor ihrem Bild gebetet habe. Und sie sprach weiter: "Damit ihr nicht glaubt, ich tue ein Unrecht, so wollen wir Gott fragen und seinem Richterspruch uns beugen."

 

Alsbald erschien der höchste Richter und Gott sprach: "Die Seele fahre in den Leib zurück! Lässt der Mönch ab von seiner Sünde, so soll er Freude empfangen, beharrt er aber, so soll er in den ewigen Tod und spüren die Höllenglut."

 

Alsbald war die Zeit der Mette verstrichen, und niemand hatte die Glocke gerührt. Also standen die Brüder auf und suchten nach dem Glöckner und fanden ihn ertrunken im Bach liegen.

 

Da klagten sie um seinen Tod.

 

Indes aber kam er zu sich auf Gottes Geheiß. Es fragten ihn die Brüder, und er erzählte alles, was er gesehen, wie die reine Königin ihm zu Hilfe gekommen und seine Seele gerettet sei.

 

Da lobten die Mönche Gott. Der Bruder ließ ab von seinen Sünden, bis er im Alter eines seligen Todes starb und einging zu seiner himmlischen Herrin. 

 

 

3. Die Theophiluslegende

 

Es war ein Jüngling von klarem Geist und gutem Herzen, Theophilus, Neffe eines Bischofs, der in Sizilien regierte. Der Bischof ernannte ihn zu seinem Stellvertreter. Doch als der Bischof gestorben war und die Priester und die Gläubigen übereinkamen, Theophilus zu seinem Nachfolger zu erheben, weigerte er sich aus Demut, die ehrenvolle Stelle anzunehmen und überließ sie einem anderen. Anfänglich freute sich Theophilus seiner Muße, die ihm Zeit ließ, Christus um so besser zu dienen. Bald aber fiel er in Trauer und Neid. Verzweifelt über sein Unglück wandte er sich an den Teufel. Es war in einer finsteren Nacht, als er erschien, und Theophilus unterzeichnete einen Vertrag, wodurch er Christus und Maria absagte und bekannte, den bösen Geistern bis in alle Ewigkeit zu gehören, wenn der Teufel ihm den verlorenen Posten wiederschaffe. Tatsächlich berief bereits am nächsten Morgen der Bischof alles Volk in die Kirche, gestand sein Unrecht und gab Theophilus das Amt zurück. Der Teufel hatte sein Wort gehalten. Theophilum aber peinigten fortan Gewissensqualen. Er fasste neues Vertrauen zu Maria, der mächtigen Herrin des Himmels, die stets milde über allen reuigen Sündern gewesen war; sie allein vermöge ihm die Arznei der Verzeihung zu bringen. Vierzig Tage lang ging er zur Marienkirche, fastete, betete, weinte. In der folgenden Nacht erschien ihm die Muttergottes. Sie war sehr mild und tröstete ihn. "O liebe Gottesgebärerin", flehte er, "die du alle Gläubigen mit sanfter Güte erquickst, wie kann ich den hehren Namen des Himmelsherrn mit meinen befleckten Lippen aussprechen?" Maria versprach für ihn zu beten und verschwand. Nach drei Tagen erschien sie ihm abermals. Theophilus flehte, Maria solle die Urkunde vom Teufel zurückverlangen. Und als abermals drei Tage verflossen waren, fand er sie zurück. Er eilte zur Kirche und bekannte vor dem erstaunten Volk seine Schuld. Kurze Zeit danach aber verschied er. Seine Seele wurde vertrauend auf die Hilfe der heiligen Herrin in die himmlische Wohnstatt aufgenommen.

 

 

4. Die Mutter und das Marienbild

 

Ein Mann war gestorben