Vergnügungssucht

 

 

(von Leopold Kist, Pfarrer zu Stetten in der Erzdiözese Freiburg, 1863)

 

 

 

Hast du den Schirm schon zugemacht und unter den Arm genommen? Wahrscheinlich hast du geglaubt, wir seien endlich mit dem Schluss des vierten Sargnagels aus dem Nassen hinaus und ins Trockene gekommen. Du irrst, guter Freund! Bewahre der Himmel! Wir sind noch immer, bald hier bald da, ja wir kommen jetzt erst recht vom Regen in die Traufe. Spann also den Schirm wieder auf und ziehe hohe, wasserdichte Stiefel an, es geht noch immer nass und stinkig zu. Was aber zum weiblichen Geschlecht gehört, bitte ich, wenigstens Halbstiefelchen, getränkt mit Fischtran, Schmalz, Unschlitt und etwas Wachs, anzuziehen. Denn es geht im zehnten Rezept durch dick und dünn, durch Morast und Sumpf. Ich will es wohl versuchen, euch, so gut es geht, einen Weg zu bahnen, damit ihr nicht bis an die Knöchel oder gar bis an die Knie einsinkt, aber – gutstehen kann ich für nichts. O, ich will Gott noch recht inständig dafür danken, wenn es mir nicht geht, wie jenen Hühnern, die junge Enten zu hüten haben. Sie mahnen und warnen die Stiefkinder vor jedem Bächlein und Gräblein, aber je mehr sie mahnen und warnen und kluxen, desto hastiger und gieriger rennen sie dem Wasser zu und lassen die ängstliche Mutter, am Rand des Baches lamentierend, auf- und abrennen, locken und kluxen.

 

Muss ich nicht auch fürchten, wenn ich euch auf den Tanzboden führe, es fahre euch die Tobsucht in die Glieder, und ihr ließet euch mit fortreißen durch dick und dünn, sei es Schottisch oder Doppelschottisch, Galopp oder Walzer, Polka oder Mazurka. Das wäre freilich schlimm, und doch fürchte ich es halb und halb, denn wenn manche nur das Wort hören: Tanzen, oder wenn sie eine Klarinette im Dreiviertel- oder Zweivierteltakt ihre grellen Melodien jodeln hören, so nimmt ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an, ihr Auge leuchtet, ihre Zunge schnalzt, ein elektrischer Strom fährt durch ihre Glieder, alles lebt und webt an ihnen, und, wie ein Wirbelwind, sausen sie dahin. Wenn man sich aber erdreistet, nur halbwegs die Vergnügungen, das Tanzen anzugreifen, dieses oder jenes Bedenken dagegen vorzubringen, es anstößig und gefährlich zu nennen, da verfinstert sich ihr Gesicht, man hat ihnen ins Auge gegriffen, sie sind tief gekränkt, beleidigt, entrüstet, und ihr irdischer Himmel ist bedroht, wankt und will Knall und Fall einstürzen. So wehrt sich allenfalls ein bissiger Hund um ein Schinkenbein.

 

Ja ich glaube mit meiner ganzen „Hausapotheke“, mit Pülverlein, Mixturen, Pillen, Latwergen, Pflästerlein, Hausmitteln und Sympathie wenig oder am Ende aller Enden nichts bei euch auszurichten, wenn ich gegen die Vergnügungssucht und das Tanzen zu Felde ziehe. Es wäre fast das Beste, ich würde euch dieses Rezept erst dann verschreiben, wenn ihr schachmatt die Flügel hängen ließet, Zipperlein und Gicht in den Beinen hättet und griesgrämig hinter dem Ofen säßet, dann würdet ihr wohl sagen: Die „Hausapotheke“ hat doch recht!

 

Denjenigen möchte ich also predigen, die sich noch kein Leid gebracht, damit sie vorher denken – denken, bevor sie sich unglücklich gemacht haben – denken, damit sie sich nicht unglücklich machen.