Unzucht

 

(von Leopold Kist, Pfarrer zu Stetten in der Erzdiözese Freiburg, 1863)

 

Also auch das noch! Das hat noch gefehlt! O du heillose Hausapotheke! Still, still! tönt mir es entgegen von allen Seiten. Nur nicht über das VI. Gebet geredet, nicht öffentlich darüber geredet! Und warum denn nicht? antworte ich. Hat Gott nicht auch öffentlich vom Berg Sinai herab davon geredet? Warum soll nicht auch die „Hausapotheke“ öffentlich davon reden? Ist es etwa nicht notwendig? Nicht notwendig! Wollte Gott, es wäre nicht notwendig! Wer aber die Welt kennt, der wird wissen, wie sehr es Not tut, über dieses Thema zu reden, so heikel es auch ist. Und warum, wenn man fragen darf, soll denn über das VI. Gebot nicht geredet werden? Lasst hören! Man könnte dadurch Ärgernis geben, mit dem Laster bekannt machen, das Laster lehren, so entgegnet ihr. Nun, seid außer Sorgen, das die „Hausapotheke“ Ärgernis geben wird, indem sie über dieses Laster redet. Für das Ärgernis nehmen, kann sie freilich nicht gut stehen. Die Böswilligen, die Unkeuschen, die Verführer, die Kinder der Finsternis, werden allerdings Ärgernis nehmen, wie auch Schriftgelehrte und Pharisäer an Jesus Ärgernis nahmen, obgleich er ihnen kein Ärgernis gab. Die „Hausapotheke“ wird so klug und vorsichtig über diesen Punkt reden, dass gewiss nur diejenigen sie verstehen werden, die es angeht, die der Schuh im Punkt VI. drückt. Den andern aber, „den Reinen, ist alles rein“, sagt ein wahres Sprichwort. Freilich wäre es besser, und der „Hausapotheke“ am allerliebsten, über diesen delikaten Gegenstand nicht reden zu müssen. Sie weiß wohl, dass der heilige Apostel Paulus sagt: „Jede Unreinigkeit . . . werde unter euch nicht einmal genannt, wie es Heiligen ziemt“ Eph 5,3. Hat aber Sankt Paulus nicht unzählige Male hiervon selbst geredet, und warum? Weil es notwendig war, weil Unreinigkeit eingerissen und darum zu bekämpfen war, und schweigen Verrat gewesen wäre. In Zeiten, in denen allgemein Zucht und Sitte herrschen, da darf selbstverständlich von Unzucht nicht öffentlich geredet werden, und es wäre ein Verbrechen, von einem nicht vorhandenen Laster reden zu wollen, weil man es durch öffentlich Besprechung lehren würde. Doch in diesen glücklichen Zeiten leben wir leider nicht. In Westphalen hat mir ein alter ehrwürdiger Pfarrer versichert, dass er in der ersten Pfarrei, in der er volle vierzig Jahre als Seelsorger wirkte, nie ein uneheliches Kind getauft wurde, und er habe darum auch nie öffentlich über das Laster der Unkeuschheit gepredigt, was leicht begreiflich und natürlich war. Nachdem er aber das erste uneheliche Kind getauft hatte, habe er den Wanderstab ergriffen und sich eine andere Pfarrei auserwählt. Ein hochverdienter Arzt und Physikus hat mir einst erzählt, dass er während seiner fünfunddreißigjährigen, ausgedehnten Praxis auf dem Schwarzwald, nie einen Patienten an jener schrecklichen, ansteckenden Krankheit behandelt hat, die infolge eines ausschweifenden Lebenswandels entsteht, und dass er, nachdem der erste Fall dieser Art vorkam, seine frühere Stelle verlassen habe, wohl wissend: „das Verderben schreitet schnell“. Ich frage dich, sind solche Fälle bei euch selten? Wie viele uneheliche Kinder werden in deiner Pfarrei alljährlich geboren? Kommen die Brautleute wirklich jungfräulich zusammen? Gibt es nicht Orte, insbesondere Städte, wo die Übertretung des VI. Gebotes handwerksmäßig betrieben wird und ein Nahrungszweig, eine Erwerbsquelle ist, bloß mit dem Unterschied, dass hiervon, merkwürdiger Weise, keine Steuer und Abgabe bezahlt wird. Ist der Fall, der den erwähnten Priester, und jener, der den erwähnten Arzt veranlasste, ihre langjährigen Posten zu verlassen, so selten? Machen sich viele nicht groß und brüsten sie sich nicht mit der Übertretung des VI. Gebotes? Wovon wird mit lachendem Mund in Gesellschaften, im Omnibus, auf der Eisenbahn, im Wirtshaus, auf dem Markt, selbst vor der Kirche, vor dem Gottesdienst, noch bevor es zusammenläutet, geredet? Nicht von Übertretung des VI. Gebotes? Wenn man abends durch die Straßen geht, oder in der Dämmerung an abgelegenen, einsamen Orten vom Weg vorübergeführt wird, was sieht, was hört, was gewahrt man? Nicht Übertretung des VI. Gebotes? Wenn man das Unglück hat, mit Personen von gemeinem, niedrigem Schlag zusammenzukommen, besonders wenn sie zu viel geistiges Getränk genossen haben, übersprudeln sie nicht von Gemeinheiten und Ausgelassenheiten, von Zoten und zweideutigen Reden, von schlüpfrigen Anspielungen und schändlichen Liedern? Kann eine anständige Frau ohne Gefahr allein reisen oder nachts über die Straße gehen? An vielen Orten wahrlich nicht! Was ist der Inhalt der meisten Romane und jener schmutzigen Bücher der Leihbibliotheken, die heißhungrig verschlungen werden? Nicht die Übertretung des VI. Gebotes? Mit Recht ist Rück und Eck derselben gewöhnlich in Pergament, d.i. in Sauleder gebunden, zum Sinnbild ihres säuischen Inhaltes. Was verherrlichen die meisten Schauspiele? Die Übertretung des VI. Gebotes in jeder Hinsicht. Was stellen so viele Bilder reizend dar? Versündigungen gegen das VI. Gebot. Wie werden von so vielen Eltern die Kinder erzogen? Werden nicht Schamlosigkeit und Frechheit und Ausgelassenheit geduldet, und ist das nicht eine Verhöhnung des VI. Gebotes, und wird dadurch seiner Übertretung nicht vorgearbeitet? Wie geht es zu auf dem Tanzboden? Wird dort nicht unter Musik und Hurrarufen das VI. Gebot mit Füßen getreten? Wie sind die meisten Moden und Trachten beschaffen? Sind sie nicht ein frecher Angriff auf das VI. Gebot? Wo ich meinen Blick hinrichte, begegnet mir überall Hohn und Spott, Übertretung und Versündigung gegen das VI. Gebot. Alles lehrt und predigt frech und ungescheut, am hellen Tag, in der Dämmerung, am frühen Morgen und um Mitternacht, mit dem Mund und mit der Feder, in Buch und Bild, frech und ungescheut, Verachtung des VI. Gebotes und Frevel dagegen in allen Farben und Formen, und niemand – niemand sollte sich desselben annehmen, niemand es verteidigen, niemand einstehen für seine Heiligkeit und Unverletzlichkeit? Alles predigt gegen dieses Gebot in Stadt und Land, fein und plump, verblümt und unverhüllt, in goldenen Palästen und in armseligen Hütten, in Romanen und auf den Brettern des Theaters, in den Schlupfwinkeln des Lasters und selbst in den Ehrwürdigen Kirchenbüchern (durch die unehelichen Geburten), alte Sünder mit weißen Haaren und halbtrockene Gelbschnäbel mit blauen Säcken unter den Augen, und niemand – niemand – sollte für dieses Gebot einstehen! Nicht wahr, für das Laster auftreten, es entschuldigen, verteidigen, verherrlichen, das ist kein Ärgernis, das heißt nicht Ärgernis geben, aber gegen das Laster auftreten, mit flammendem Schwert es angreifen, bekämpfen und zu besiegen suchen, das ist Ärgernis! O ihr Heuchler! Ihr würdige Nachfolger der Pharisäer! Ihr führt etwas anderes im Schilde, wenn ihr entrüstet ausruft: Still, still, nur nicht vom VI. Gebot und gegen das VI. Gebot geredet! Warum ruft ihr nicht auch auf die andere Seite: Still, still, keine schändlichen Reden, Zoten, Lieder, Bücher, Bilder, Theaterstücke und Moden! Warum werft ihr dort einen Schleier über alle Übertretungen des VI. Gebotes? Warum treibt ihr dort Schönfärberei? Warum seid ihr dort mäuschenstill, blind und taub und durchaus nicht empfindlich, sondern dickhäutig, wie ein Elefantenfell? Ihr wollt eben dem Geist der Unlauterkeit gewonnenes Spiel in die Hand geben, ihr seid selbst im Punkt VI. nicht in Ordnung oder habt wenigstens Freude an der Zuchtlosigkeit oder zieht Profit aus der Übertretung des VI. Gebotes – daher euer Veto, euer still, still! Ihr seid keine raffinierten Spieler, denn man sieht euch ohne Mühe in die Karten, ihr verratet euch selbst durch euer giftiges Auffahren gegen den dritten Sargnagel und sein Rezept. Ich meine, wenn ein Haus brennt, so soll man die Feuerglocke läuten und Alarm schlagen. Ich meine, wenn eine ansteckende Krankheit, eine Seuche herrscht, so soll man deren Umsichgreifen zu verhüten suchen, die Gesunden vor Ansteckung warnen und bewahren und zugleich die Kranken heilen. Wie aber, wenn man schwiege zu einem Laster, das Städte und Dörfer in Brand steckt, zu einem Laster, das ansteckender ist und grässlichere Verheerungen anrichtet, als Nervenfieber, Blattern und orientalische Pest: hieße da schweigen nicht – billigen und gutheißen, wäre schweigen da nicht so gewissenlos, als wenn ein Turmwächter die Feuerglocke nicht zöge, so er die ganze Stadt brennen sähe, als wenn ein Arzt vor einer ansteckenden Krankheit nicht warnte und zu deren Heilung kein Mittel ergriffe? Meine „Hausapotheke“ wäre ja keine Hausapotheke, wenn sie gegen die gefährlichste, schrecklichste und entsetzlichste Krankheit nicht einschritte und keinen Rat und keine Mittel wüsste. Die „Hausapotheke“ hat den Zweck: zu raten, zu helfen, zu heilen – Menschenfurcht und Feigheit muss ihr also vor allem fremd sein, sie darf nicht beschönigen und bemänteln, keine mattherzige Schwäche und Täuschung kennen – sonst ist ihr Zweck verfehlt.

 

Als Jesus einst auf dem Ölberg sich befand und zu seinen Füßen Jerusalem sah, die Stadt Davids, diese prachtvolle Stadt, diesen Mittelpunkt des auserwählten Volkes Gottes, diesen majestätischen Tempel, da fing er zu weinen a und rief schmerzlich bewegt aus: „Wenn doch auch du es erkennen würdest, und zwar an diesem deinem Tag, was dir zum Frieden dient; nun aber ist es vor deinen Augen verborgen!“ Lk 19,42 Jesus sieht im Geist voraus die Gräuel der Verwüstung, die über Jerusalem kommen mussten, wegen seines Unglaubens, seiner Verblendung, seiner Bosheit und Verstocktheit, und dieses unvermeidliche Strafgericht, das Jesus hereinbrechen sieht, rührt ihn bis zu Tränen. Allein Jesus weint nicht bloß, er hat nicht bloß Mitgefühl und Mitleid, sondern er geht in diese verblendete, verstockte Stadt und sucht sie zu retten. Er predigt in Jerusalem, er wirkt Wunder, er weissagt ihm den Untergang, damit es umkehre auf dem Weg des Verderbens.

 

Wer heut zu Tage mit ruhigem, besonnenem Blick das Leben und Treiben der Welt beobachtet, der wird die trostlose Erfahrung machen, wie glaubensarm, wie gleichgültig in religiösen Dingen, wie genusssüchtig, wie verweichlicht, wie entnervt, wie tief gesunken und verkommen die Menschen sind. Insbesondere wird er die Erfahrung machen, dass ein Übel festen Fuß gefasst, dass es sich allenthalben und tief eingewurzelt und schreckliche Verwüstungen anrichtet: die Unkeuschheit. Mit dem Heiland möchte er da weinen und wehklagen, über das selbstverschuldete Elend des verblendeten, sündhaften Geschlechts. Aber, wem dieses Elend wirklich zu Herzen geht, wer echten, christlichen Mitgefühls und christlicher Teilnahme fähig ist, der wird nicht bloß weinen und wehklagen, sondern er wird auftreten gegen dieses Laster, es schildern in seiner ganzen Hässlichkeit und Abscheulichkeit und in seinen fluchwürdigen Folgen. Er wird diejenigen, die in Gefahr schweben, demselben anheimzufallen, mahnen und warnen, er wird die Verführer entlarven, die Gefallenen aufheben, die Verirrten auf den rechten Weg führen und die Verwundeten heilen, so viel es in seinen Kräften steht. Und wer Gnade und Kraft, Beruf und Fähigkeit von Gott dazu erhalten hat, der versündigt sich schwer, wenn er feige schweigt, mutlos und lässig die Hände in den Schoß legt und ruhig zusieht, wie Tausende rettungslos dem Verderben entgegengehen. Gott, der Herr, hat das ernste Wort zu Ezechiel, dem Propheten, gesprochen: „Du aber Menschensohn, fürchte dich nicht vor ihnen und lass dich nicht schrecken von ihren Worten!“ 2,6 und ferner: „Wenn ich zu dem Gottlosen sage: du wirst des Todes sterben, und du verkündest es ihm nicht und sagst es ihm nicht, dass er von seinem bösen Weg sich bekehre und lebe; so soll derselbe Gottlose in seiner Missetat sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. Wenn du es aber dem Gottlosen verkündest, und er sich nicht bekehrt von seiner Missetat und seinem bösen Weg, so soll derselbe zwar sterben in seiner Missetat, du aber hast gerettet deine Seele.“ 3,18+19 Dieses Wort des Herrn trage die „Hausapotheke“ an ihrer Stirn und trete damit entschieden jedem Einwurf entgegen, der wider die öffentliche Besprechung der Unkeuschheit erhoben werden könnte und erhoben werden wird. Nehmen wir hier sogleich den zweiten Einwurf aufs Korn! Man sagt: es heißt leeres Stroh dreschen, über die Unkeuschheit öffentlich zu reden, davor zu warnen, ihre Sündhaftigkeit zu beweisen und auf ihre Folgen hinzuweisen. Wer einmal in diesem Punkt sich verirrt, der lässt sich doch nichts mehr wehren, der ist unbelehrbar und unzugänglich. Man hält die Übertretung des VI. Gebotes nun einmal für keine Sünde mehr und lacht höchstens über einen so strengen Moral- und Bußprediger, der die aufgeklärten Kinder des neunzehnten Jahrhunderts in die Finsternis der früheren Jahrhunderte zurückführen und in den Bock spannen will. Nun, fürs Erste: Das Lachen soll bei der Schilderung des dritten Sargnagels auch dem leichtfertigsten Possenreißer vergehen. Fürs Zweite glaub ich doch nicht, dass ein ernstes, eindringliches Wort über die Unkeuschheit ganz und gar im Wind verhallen und auf unfruchtbares Erdreich fallen wird. Für so schlecht halte ich die Welt nicht, dass nicht noch solche zu finden wären, die der Wahrheit Aug und Ohr öffneten, die es nicht mit Dank anerkennen, wenn mit Würde und nötigem Takt vor diesem Laster gewarnt würde. Und fürs Dritte entgegne ich: „Es bleibt immer was hängen“, sagt ein wahres Wort. Ist dieses Wort beim Bösen wahr, so wird es beim Guten nicht falsch sein. Und darum verzage ich nicht und gehe getrost an meine schwierige Aufgabe. Doch halt! Es ballt sich noch eine Faust drohend gegen den dritten Sargnagel und zeigt ihm, als ein wütender Feind, die Zähne. Wer bist du grimmige Gestalt? Ich kenne dich zwar nicht persönlich, aber dein Fell verrät dich! Du bist ein Wolf, der schon viele Schafe zerrissen hat, und der nun fürchtet, es dürfte das Handwerk ihm gelegt, die Beute aus dem Rachen gerissen und das Fell gegerbt werden. Dass gerade du am Unsinnigsten tobst gegen den dritten Sargnagel und gegen ihn so sehr in den Harnisch gerätst, weil man dir damit die böse Tat aufdecken wird, wundert mich nicht im Geringsten. Du scheinst bisher gute Geschäfte im Punkt VI. gemacht zu haben, sonst kämst du wegen des dritten Sargnagels nicht so außer dir, wie ein Wirt, dem der Schild eingezogen wird. Du siehst eben dein Geschäft bedroht und wehrst dich um dein Brot und um deinen Augapfel. Aber auch du schreckst mich nicht, den geraden Weg zu gehen und deiner Leidenschaft den Krieg zu erklären. Keck hebe ich den hingeworfenen Fehdehandschuh auf und weiche vor der geballten Faust auch nicht einen Zoll zurück.