Hochmut

 

(nach: Leopold Kist, Pfarrer zu Stetten in der Erzdiözese Freiburg, 1863)

 

Wie komm ich euch auf den Leib? Mit Degen oder Blei? Niemand verschanzt und verbarrikadiert sich hinter so vielen und gewaltigen Bollwerken, wie der Hochmütige, es ist ihm kaum beizukommen. Wer wagt es: Rittersmann oder Knapp, mich anzutasten, mich anzugreifen! ruft er jedem entgegen, der sich untersteht, an seinem Thron zu rütteln, an seiner Majestät zu zweifeln oder ihn gar in den Staub herabziehen zu wollen. Wie der Frosch in der Fabel bläht er sich gewaltig auf, um seinen Feinden Respekt einzuflößen und sie zu feiger Flucht zu bringen, oder wie ein welscher Truthahn schlägt er ein Rad ums andere, sträubt die Federn und schüttelt grimmig den geröteten Zapfen, der über dem Schnabel hängt. Wer sollte da nicht ehrerbietig das Haupt entblößen, die Waffen strecken und seine majestätsbeleidigenden Pläne fallen lassen! Blöde Gimpel wohl, nicht aber ein Menschenkenner. Wie also komme ich euch bei? Mit blanker Waffe, nach offener Kriegserklärung gewiss nicht, sondern eine Mine muss ich graben unter eure Verschanzungen und Barrikaden und muss sie fortführen bis unter euren selbstgebauten Thron, und dort muss der eitle Sand, auf den ihr ihn gegründet, hinweggeräumt werden, dann wird er wanken, übereinander fallen und, so Gott will, für immer aus den Fugen und in Trümmer gehen.

 

Gott selbst hat uns den Stolz anerschaffen. Staunt nicht über meine Worte, sie sind ernst gemeint und sollen bewiesen werden.

 

Der königliche Sänger sagt in seinem VIII. Psalm, Vers 6+7: „Du hast ihn (den Menschen) nur wenig unter die Engel erniedrigt, mit Herrlichkeit und Ehre ihn gekrönt und ihn gesetzt über die Werke deiner Hände.“ Ja, der Mensch ist das schönste, edelste und vorzüglichste Geschöpf Gottes auf Erden, er ist die Krone der irdischen Schöpfung! Er allein unter all den Millionen Wesen auf Erden hat eine unsterbliche Seele, geschaffen nach Gottes Ebenbild, fähig, seinen Schöpfer zu erkennen, zu lieben, ihm zu dienen und ihm seinen Glauben, seine Liebe und seine Hingabe in Worten auszudrücken. Er allein, der Mensch, kann den Gedanken des Übersinnlichen, Überirdischen, Ewigen, Himmlischen und Göttlichen fassen. Er allein trägt den Wunsch und die Sehnsucht in seiner Brust, in einem besseren Jenseits, dort über den Sternen, ewig mit Gott zu leben. Und dorthin richtet sich so oft sein Blick, hinweg von der Erde, aufwärts nach seiner ewigen Heimat, nach seinem wahren Vaterland. Er allein kann über die Macht der Sinnlichkeit, über die niederen Triebe seiner gefallenen Natur sich erheben, sie beherrschen, bemeistern und zwingen, aus dem Dienst der Sünde in den Dienst der Tugend zu treten. All die Millionen unvernünftiger Wesen auf Erden, in Luft und Wasser, Feld und Wald, sind um seinetwillen erschaffen, ihn zu erfreuen, ihm zu dienen. Gott selbst nennt sich unseren „Vater“, und uns seine „Kinder“. Wir stammen in gerader Linie vom allmächtigen Gott ab, dem Schöpfer Himmels und der Erde, der auch unser Schöpfer ist. Wir alle sind vom besten Adel, vom ältesten Adel, - wir sind fürstliche Kinder, ja königliche Kinder: Gott selbst, der König Himmels und der Erde, ist unser „Vater“, und wir sind seine „Kinder“. Und das ist kein leeres Wort, o nein, es ist lautere Wahrheit! Sollten und dürften wir nun darauf, auf unsere Herkunft, auf unsere Abstammung, auf unsere Erschaffung, auf unsere Kindschaft, nicht stolz sein? Wird Gott, unser „Vater“, nicht wünschen, dass wir es fühlen, klar erkennen und beherzigen, wer und was wir sind, wie groß und erhaben wir in seinen Augen sind? Ja das will Gott: wir sollen uns dessen freudig bewusstwerden, wir sollen es uns stets vergegenwärtigen und uns von dem Bewusstsein leiten lassen, dass wir den König des Himmels und der Erde zum „Vater“ haben, dass er uns lieb, dass sein liebendes Herz uns eine stets offene Zufluchtsstätte ist, dass er für uns sorgt und uns einst zu sich nehmen will in seinen Himmel. Das ist unser Ruhm und unser Stolz!

 

Aber noch mehr! Himmlische Geister, heilige Engel, sind unsere Begleiter durch dieses Tal der Tränen. Gott selbst hat ihnen befohlen, dass sie uns behüten und bewahren in allen Gefahren des Leibes und der Seele, dass sie uns mahnen und warnen, loben und tadeln, je nachdem wir es verdient haben, dass sie uns stärken und trösten und uns leiten auf dem Weg zum Himmel. Und wir sollten darauf nicht stolz sein!

 

Aber noch mehr! Jesus Christus hat die menschliche Natur angenommen und ist uns in allem gleich geworden, nur die Sünde ausgenommen. Er nennt sich unseren „Bruder“ und uns nennt er seine „Brüder“ und „Freunde“, sein kostbares Blut ist der Kaufpreis unserer unsterblichen Seele, sein heiliges Fleisch und Blut ist unsere geistige Nahrung im allerheiligsten Sakrament des Altars – und wir sollten nicht stolz sein, solch einen „Bruder“ und „Freund“ zu haben, nicht stolz sein, um solch teures Lösegeld erkauft worden zu sein, nicht stolz sein auf das lebendige Brot, das vom Himmel kam, zur Nahrung unserer Seele!

 

Doch noch mehr! Gott gibt dem uns angeborenen Stolz noch weitere Nahrung. Der Heilige Geist hat uns geheiligt, er ist der unsichtbare Spender der göttlichen Gnaden, er wohnt und weht in denjenigen, die ihn in ihr Herz aufnehmen, er leitet und regiert sie auf der Tugend Bahn. Wir sind seine Tempel, und wehe denjenigen, die diesen Tempel entehren und schänden! Ist das kein Grund, keine Ursache für uns, stolz zu sein?

 

Ich könnte noch anführen: geistige Kinder sind wir der lieben Muttergottes. Als unsere Mittlerin und Fürsprecherin steht sie vor Gottes Thron und erlangt uns reichliche Gnaden. Wir dürfen sie verehren, lieben und anrufen und in ihrem Mutterherzen sind wir geborgen vor den Nachstellungen des bösen Feindes.

 

Ich könnte noch anführen, dass wir Glieder der wahren katholischen Kirche sind, die Christus auf einen Felsen gegründet, dass wir Anspruch haben auf ihre Sakramente, ihre Gnaden und Segnungen, dass wir im Stand der Gnade teilhaben an allen Verdiensten und Gebeten der Heiligen, mit denen wir durch die Kirche und ihr Haupt, durch Jesus Christus, in innigster Gemeinschaft stehen. Und das alles sollte nicht Ursache und Grund zu gerechtem Stolz sein? Ja unsere Würde als Menschen und Christen und unsere Bestimmung für eine ewige Seligkeit – das ist unser Stolz. Stolz müssen wir sein auf das, was wir durch Gott, durch Jesus Christus, durch die Kirche und durch die Heiligen sind, was wir sind und gelten in den Augen Gottes. Dieser Stolz ist eine Tugend, dieser Stolz ist Gott durchaus wohlgefällig und dient zu seiner Verherrlichung, denn er selbst ist die Ursache und der Grund dieses Stolzes. Dieser Stolz hebt uns über alles Niedrige, Gemeine und Fleischliche empor, dieser Stolz bewahrt uns vor Sünde und Laster, bewahrt uns vor allem, was unsere erhabene Würde beflecken und uns den Wert, den wir in Gottes Augen haben, rauben könnte, dieser Stolz ist ein mächtiger Antrieb und Sporn, uns dieser, von Gott uns verliehenen, Ehre würdig zu zeigen und nach Tugend und Heiligkeit zu ringen. Wer diesen Stolz nicht hat, wen dieser Stolz nicht beseelt und begeistert, der schätzt gering, ja er verachtet seine Menschen- und Christenwürde, er verachtet Gott „den Vater“, der ihn zu seinem „Kind“ erhoben hat, er verachtet den heiligen Schutzengel, der ihn zum Himmel führen möchte, er verachtet Jesus Christus und sein kostbares Blut, mit dem er uns am Kreuz erkauft hat, er verachtet den Heiligen Geist, der uns geheiligt hat und dessen Tempel wir durch die heilige Taufe und Firmung geworden sind, er verachtet die Kirche Gottes, in deren seligmachenden Schoß er eins aufgenommen wurde, und außer der es kein Heil gibt, er verachtet seine himmlische Mutter Maria, ihre Mutterliebe und ihre Fürbitte. Solch ein Mensch muss also tief gefallen sein, er muss völlig verblendet, verkehrt und der Hölle dienstbar geworden sein. Was ist ein Mensch, der seine Würde vergessen konnte, der seine Würde mit Füßen trat und, so viel an ihm lag, zu vernichten suchte! Wer selbst keinen Anspruch darauf macht: ein Mensch zu sein, der verdient im Grunde genommen auch nicht, als Mensch behandelt zu werden. Und wenn nun solch ein Zerrbild von einem Menschen stolz ist, worauf kann sich sein Stolz nur gründen? Offenbar auf Eitelkeit, Torheit und Sünde.

 

Den Stolz, den Gott selbst dem Menschen ins Herz pflanzte, hat der von Gott abgefallene Mensch in Hochmut verwandelt. Er hat ihm eine falsche Grundlage und eine falsche, verkehrte Richtung gegeben. Der Stolz, der den Menschen zu Gott emporgehoben hat und von der Sünde abziehen und zum Himmel ziehen sollte, ist durch des Menschen Schuld zum Hochmut geworden, der sich über Gott erheben will, - aller Laster Mutter und Wurzel ist und den Menschen hinabreißt ins ewige Verderben. Der hochmütige Mensch ist nicht stolz auf das, was er ist in Gottes Augen, durch Gottes Gnade, durch Gottes Liebe und Erbarmung, nicht stolz auf das, was er ist durch Jesus Christus, durch den Heiligen Geist, durch die Kirche und die lieben Heiligen Gottes, sondern er ist stolz auf das, was er durch sich selbst zu sein glaubt. Er schreibt sich selbst zu, was er von Gott empfing, durch seine Gnade wurde. Er ist stolz auf nichtssagende, vergängliche, kleinliche Dinge. Er ist stolz auf weltliche Ehre, auf weltlichen Ruhm, auf Menschenlob. Er ist stolz auf sein menschliches Wissen, um himmlische, göttliche Weisheit kümmert er sich aber nicht. Er ist stolz auf seine zeitlichen Schätze, auf Geld und Gut. An den himmlischen Schätzen der Tugend und der guten Werke, die reich machen vor Gott, liegt ihm aber nichts. Er ist stolz auf einen windigen Titel und auf ein Bändelein im Knopfloch. Seiner Würde aber als Kind Gottes, als Christ und berufener Erbe des Himmelreichs, schämt er sich und tritt sie mit Füßen. Ist das nicht alles buchstäblich wahr? Du, der du thronst in nebelgrauen Höhen, fühlst du nicht, dass dein selbstgebauter Thron auf Sand sich stützt, dass er zu wanken beginnt, wenn du nach dem Grund und der Ursache deines Stolzes fragst? Stolz darfst, stolz sollst du sein, aber dein Stolz muss auf Gott sich beziehen, muss sich auf deine Würde und dein Ansehen vor Gott gründen, muss dir Achtung vor dir selbst einflößen, muss dich adeln und nicht erniedrigen, muss dich zu einem Weisen und nicht zu einem Toren machen, muss dein Herz mit Dank, und nicht mit Undank, Gott gegenüber erfüllen. Gleichst du in deinem (sündhaften) Stolz nicht einem unvernünftigen Kind, das ein mattglänzendes, aber echtes Goldstück wegwirft, dagegen nach einem blanken, neuen Kupferkreuzer greift? Gleichst du nicht einem Geisteskranken, der aus Goldpapier sich Ordenssterne schnitzt und damit seinen Narrenkittel dekoriert, der auf einem Stecken reitet, wähnend, es sei ein feuriger Andalusier? O, verwechsle doch nicht den Schein mit dem Wesen, die Schale mit dem Kern, die Nebensache mit der Hauptsache, die Täuschung mit der untrüglichen Wahrheit! Gott hat den Trieb, die Sehnsucht und das Verlangen, groß zu werden, etwas zu gelten, Ansehen zu erlangen, geehrt zu werden, in dich gelegt, aber er hat dich auch gelehrt, wie man groß wird, Geltung, Ansehen und Ehre bei ihm erlangt. Die Apostel stritten einst darum, wer der erste unter ihnen sei. Da nahm Jesus ein Kind, stellte es in ihre Mitte und sprach: „Wahrlich sag ich euch, wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet, wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen! Wer sich also demütigt, wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Mt 18,1-4 „Wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener“, sagte Jesus ferner in Mt 20,26, und abermals: „Wer mich vor den Menschen bekennen wird, den will auch ich vor meinem Vater bekennen, der im Himmel ist“ Mt 20,32. Demut und Selbstverleugnung, das Bekenntnis und die Nachfolge Christi, machen groß vor Gott, verschaffen Ehre und Ansehen vor ihm, diesseits und jenseits. Und das ist der zweite Grund und die zweite Ursache des rechten Stolzes: die christliche Demut und Selbstverleugnung, das Bekenntnis und die Nachfolge Christi, und die Hoffnung auf den himmlischen, ewigen Lohn – das ist des Christen Stolz, der aber die Demut nicht ausschließt und aufhebt, der nicht sich selbst Weihrauch streut, der nicht sich das Verdienst und die Ehre zuschreibt, sondern einzig der freien Gnade Gottes. So sagt der heilige Apostel Paulus: „Aber durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin, und seine Gnade ist in mir nicht unwirksam gewesen; denn ich habe mehr als sie alle gearbeitet, doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir“, 1. Kor 15,10. Solcher Stolz verpflichtet den Christen zum innigsten Dank gegen Gott und zu stets erneutem Eifer, im Dienst Gottes auszuharren.

Frag dich nun: welche Art von Stolz besitzt du?

 

Signalement

 

Der Hochmütige trägt gewöhnlich die Nase hoch, und stolziert gravitätisch einher, wie ein mecklenburgisches Pferd vor einer fürstlichen „Equipage“, oder wie ein Gänserich im Februar, allwo diese Gassenmusikanten die Hälse strecken und biegen, als wären echte Schwäne an ihnen verloren gegangen. Gewöhnlich trägt sich diese Sippschaft schon äußerlich auffallend, so dass man es ihnen von weitem ansieht, dass sie „Furore“ machen, die Blicke auf sich ziehen und andere in den Schatten stellen wollen. Fein, nobel, elegant, windbeutelig, schreiend, kokett, herausfordernd, abenteuerlich, theatralisch und affektiert sind gewöhnlich Anzug und Manieren. Der Hochmütige bildet sich etwas ein auf seine Kleider, auf sein Gesicht, seine Figur, seinen Namen, seine irdische Herkunft und Abstammung. Er stellt sich, wie die Pharisäer, zuvorderst hin, sei es in der Kirche oder Gesellschaften. Ja er besucht die Kirche vielleicht bloß aus dem Grund, um sein neues Kleid, seinen Schmuck und Staat sehen und bewundern zu lassen. In Städten kommt es selbst vor, dass solche Modenarren, solche Balsambüchslein und Kleiderstöcke absichtlich zu spät in die Kirche kommen, um dann rauschend im langen Atlaskleid den breiten Kirchgang vorfegen und aller Augen voll Staunen auf sich ziehen zu können. Wie manche Prozession ist von Seite der s.g. Gläubigen nichts anderes, als ein lebendiges Modejournal, eine wandelnde Kunstausstellung und eine lange Kette von Todsünden und Götzendienerei. Wer lieber vor dem Spiegel als am Waschzuber steht, der ist hochmütig. Wer sich darauf etwas einbildet, dass er in einer Stadt geboren wurde, in einer schönen, fruchtbaren Gegend wohnt, wer sich damit rühmt, dass sein Vater oder Großvater Amtmann oder Bürgermeister, Ratsherr oder Landstand war, der ist hochmütig. Wer sich seiner Kleider, seiner Abstammung, seiner Eltern, seiner Heimat, seiner Stellung und seines Amtes schämt, der ist hochmütig. Wer da meint, die Leute tun ihm nicht genug Ehre an, sie verkennen seine Leistungen und Verdienste, der ist hochmütig. Wer da meint, man ziehe ihm andere vor, die bei weitem nicht verstehen, wissen und leisten, was er versteht, weiß und leistet, der ist hochmütig. Wer sich selbst für weise, überaus gescheit, rechtschaffen und untadelhaft hält, der ist hochmütig. Wer sich selbst gerne und oft rühmt und mit seiner Weisheit, Klugheit und Ehrlichkeit prahlt, der ist hochmütig. Wer da ein großes Wohlgefallen daran findet, wenn die Leute ihn loben und preisen und seine Verdienste ausposaunen, der ist hochmütig. Wer da Dinge unternimmt, die weit über seine Kräfte und Fähigkeiten gehen, der ist hochmütig. Wer da andere beneidet um ihre Ehre und ihr Ansehen, um ihr Amt und ihre Stellung, um ihr Geld und Gut, der ist hochmütig. Wer rechthaberisch, eigensinnig, streit- und händelsüchtig ist, der ist hochmütig. Wer anmaßend, über alles absprechend, grob und bei Widerreden leicht beleidigt ist und aus dem „Häusle“ gerät, wenn man sich erdreistet, anderer Ansicht, als er, zu sein, der ist hochmütig. Wer nie gefehlt haben will, seine Fehler stets in Schutz nimmt, bemäntelt und deren Schuld auf andere schiebt, der ist hochmütig. Wer da meint, man sei ihm alle Schonung und Rücksicht schuldig, man dürfe ihn nur mit Glacéhandschuhen anrühren und müsse ihm stets eine besondere „Wurst braten“, der ist hochmütig. Wer streng und schonungslos von den Fehlern des Nächsten redet, hart und lieblos im Urteil über andere ist, der ist hochmütig. Wer da herrschsüchtig, übermütig und gewalttätig gegen andere sich benimmt, der ist hochmütig. Wer da meint, alle Welt müsse nach seiner Pfeife tanzen und unter sein „Kommando“ sich stellen, der ist hochmütig. Wer erlittene Beleidigungen nicht verzeihen und vergessen will, und es nicht über sich gewinnen kann, diejenigen um Verzeihung zu bitten, die er beleidigt hat, der ist hochmütig. Wer anderen die Ehre abschneidet, sie verleumdet, lieblos und hartherzig ist, der ist hochmütig. Wer schadenfroh über das Unglück des Nächsten jubiliert, ihm das Unglück von Herzen gönnt und sich vergnügt die Hände reibt, wenn sein Nächster, besonders sein Feind, bis über die Ohren in einer Klemme steckt und sich nicht mehr raten und helfen kann, der ist hochmütig. Wer sich etwas auf seine Kinder einbildet und vermeint, sie seien die schönsten, talentvollsten, ersten, besten, wohlerzogensten und wohlgeratensten, der ist hochmütig. Wer zu seinen Kindern eine wahre Affenliebe hegt, und vermeint, man dürfe sie in die Schule und Christenlehre ja nicht sauer ansehen, oder tadeln und strafen, der ist hochmütig. Wer sich keiner Obrigkeit, sei es geistliche oder weltliche, unterwerfen will, wer alle ihre Anordnungen tadelt und bemängelt, der ist hochmütig. Wem keine Predigt auf der Kanzel und kein Zuspruch im Beichtstuhl gut genug ist, der ist hochmütig. Wem Wind und Wetter nie nach Wunsch ausfallen, und wer deswegen mit Gott selbst gerne Händel anfinge, der ist hochmütig. Wer da meint, das Weltrad stehe still, wenn er (der Hochmütige) einmal nicht mehr „dirigiert“ und „inspiziert“, er sei wie jener Draht in der Straßburger Uhr, die plötzlich still stand, als der geblendete Künstler ihn zerschnitt, der ist hochmütig. Wer da meint, so er etliche Heller in der Tasche hat, er sei ein Banquier oder mindestens ein Baron, und so er einige Taler in derselben hat, er müsse stets mit der flachen Hand auf die Tasche schlagen, damit die Taler klirren und rasseln, und die Leute meinen, er sei steinreich, der ist hochmütig. Wer da fürchtet, die Sterne am Himmel hingen nicht hoch genug, er könne sein erhabenes Haupt daran stoßen, der ist hochmütig. Und wen der Gedanke nicht ruhig schlafen lässt, Gott könnte eines seiner unzähligen guten Werke und Verdienste übersehen, und es sei daher nötig, ihm, wie der Pharisäer im Evangelium getan, den Kümmel und Anis ins Gedächtnis zurückzurufen, der ist hochmütig. Wer in der Beicht mit seinen Schelmereien und Schlechtigkeiten nicht herausrücken will, und so „zimperlich“ und spröde tut, wie eine „Landpomeranze“, wenn sie zum ersten Mal in der Stadt ins „Kasino“ oder ins „Museum“ kommt, wer beichtet, er habe in Gedanken, Worten und Werken gesündigt, ohne Gattung, Zahl und erschwerende Umstände anzugeben, der ist Hochmütig.

 

Das ist das Signalement des Hochmütigen. Vergleiche dich nun mit jedem Zug desselben, schau herzhaft in diesen Spiegel, und frage dich, ob du nicht in diesem und jenem, und vielleicht in vielen Punkten dich schuldig findest, ob du nicht derjenige bist, nach dem in diesem Steckbrief gefahndet wird? O, täusche dich doch nicht selbst, betöre und verblende dich doch nicht selbst, streue dir selbst nicht Sand in die Augen, halte dich doch ja nicht für nicht hochmütig! Deiner Seele Seligkeit hängt ja davon ab, dass du es erkennst und bekennst, du seiest hochmütig, denn Jesus Christus selbst hat gesagt: „Ein jeder, der sich selbst erhöht, der wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Lk 14,11 Und im Brief des heiligen Jakobus, 4,6, und im 1. Des heiligen Petrus, 5,5, steht geschrieben: „Gott widersteht den Hochmütigen“. Wahrlich, tief hat der Hochmut sich eingewurzelt in Evas Nachkommen, die begierig ihre Hand ausstreckte nach der verbotenen Frucht, um Gott gleich zu werden! Sind ja selbst so vollkommene Geister, wie die Engel, dem Hochmut zum Opfer gefallen! Der Hochmut ist das eigentliche Wesen der Erbsünde und diese zerrt und zieht und reißt und beißt unaufhörlich unser gefallenes Herz. Wie Rost im Eisen, so hat sich dieses fatale Erbstück tief in unser Herz eingefressen, und wie Efeu in einer alten Mauer, so hat sich diese Schmarotzerpflanze mit hundert wurzeln und Fasern bis auf den Grund unserer Seele eingenistet. Jahre lang haben wir diese Giftpflanze in unserm Inneren genährt, und diese giftige Schlange in unserer Brust getragen und tausendmal den Hochmut befriedigt und sein süßes Gift eingeschlürft. Unter allerlei trügerischen Gestalten birgt sich dieser gefährliche Feind unserer Seele, er erscheint uns als ein Engel des Lichtes und betört und verführt uns. Er flüstert uns ein: der Mensch muss sich selbst achten, er muss seine Ehre schützen, Ehre verloren, alles verloren, wer nichts aus sich selbst macht, der bringt es zu nichts, den übersieht die Welt. Und der Mensch glaubt diesen Einflüsterungen und wirft sich in die Brust und brennt tagtäglich auf dem Altar der Selbstvergötterung ein bengalisches Feuer ab .Des Hochmütigen ganzes Leben ist Gott gegenüber eine freche Verhöhnung seiner höchsten Majestät, sich selbst gegenüber ein wahnwitziger Molochsdienst und dem Nächsten gegenüber ein gehässiger, erbitterter Ehrenkränkungsprozess.

 

Und darum erscheint der Hochmütige in seinen eigenen Augen am allerwenigsten hochmütig. Der Hochmut umgibt ihn von innen und außen, alle seine Sinne stehen im Dienst des Hochmuts, er bringt ihn mit zur Welt, er klebt mit unglaublicher Zähigkeit seinem Wesen an, er wurde gewöhnlich durch verkehrte Erziehung nicht nur nicht unterdrückt und erstickt, sondern großgezogen, gehätschelt und gepflegt. Er wurde jahrelang befriedigt, als „Konterbande“ selbst in die Kirche und in den Beichtstuhl geschmuggelt und wieder aus demselben und sogar zum Tisch des Herrn geschleppt – was Wunder, wenn der Hochmütige vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, im Eisenhammerwerk des Hochmuts, wo alle Leidenschaften toben, das Getöse und Gepolter nicht mehr hört, gar nicht hochmütig zu sein wähnt und sich vor Gott für demütig und wohlgefällig hält! Was braucht er also gegen diese nicht vorhandene Sünde zu kämpfen, sich zu bekehren, da an ihm kein Flecken und kein Tadel ist. Was braucht er erst demütig zu werden, da er nie hochmütig, vielmehr stets demütig war und es noch ist! Du kannst einen Lügner von seiner Lügenhaftigkeit, den Feindseligen von seiner Feindseligkeit, den Unkeuschen von seinem lasterhaften Lebenswandel, den Trunkenbold von seiner Trunksucht überzeugen, aber schwer, unendlich schwer ist es, den Hochmütigen davon zu überzeugen, dass er hochmütig ist. Gegen diese Sünde haben selbst die Heiligen am längsten und am heftigsten zu kämpfen gehabt, und selbst auf dem Totenbett hat sie ihnen noch Versuchungen und Kämpfe bereitet.

 

Vom Taglohn des Teufels

 

Zu den Zeiten des Urchristentums zogen sich viele, die ausschließlich Gott und ihrem Seelenheil leben wollten, aus dem Geräusch der Welt zurück in Einöden und Wüsten und führten dort ein strenges Leben mit Beten und Fasten, unter Arbeit und Übung von Bußwerken. Besonders lebten viele Einsiedler in der Wüste Oberägyptens unter der Leitung des heiligen Pachomius, der sie später zu gemeinschaftlichem Leben in Klöstern vereinigte. Eine gewöhnliche Arbeit der Einsiedler oder Mönche bestand im Flechten von Körben. In der Regel verfertigte ein Mönch einen Korb am Tag. Ein junger Mönch nun arbeitete so rastlos, dass er in einem Tag zwei Körbe fertigte. Diese zwei Körbe stellte er vor die Tür seiner Zelle, damit man seinen Fleiß anerkenne und ihn dafür gebührend lobe. Der heilige Pachomius ging an der Zelle des jungen Mönches vorüber, sah die beiden Körbe und sprach daher in der Versammlung der Mönche, die jeden Abend gehalten wurde: „Dieser Bruder hat von morgens früh bis abends spät weniger als nichts getan. Denn da er mit seiner Arbeit nur sein eigenes Lob suchte, so hat er bloß im Taglohn des Teufels gearbeitet und diesem allein seinen Schweiß geopfert. O meine liebsten Brüder, seid doch von Herzen demütig! Demut ist der Grund aller wahren Frömmigkeit und aller Tugend.“ Darum sagt der heilige Chrysostomus: „Mag jemand auch unzählig viel Gutes stiften und eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht haben, bildet er sich aber etwas darauf ein, so ist er ein elender Bettler.“ Ja der Hochmut arbeitete im Taglohn des Teufels und im Dienst und Sold der Hölle und dennoch nimmt er den Schein der Demut an und hofft auf großen Lohn bei Gott.

 

Der Hochmut im Schafspelz

 

Zum heiligen Abt Serapion trat einst ein Mönch und rief vor allen Anwesenden: „Ich bin der größte aller Sünder! Ich bin nicht würdig mit euch zu Tisch zu sitzen; ich bin der Luft nicht wert, die ich einatme.“ Hierauf setzte er sich in mitten des Saales auf den Boden. Der heilige Abt aber durchschaute die Scheinheiligkeit des hochmütigen Mönches und sprach daher zu ihm: „Aufrichtige Demut ist allerdings sehr schön und lobenswert, geh aber für jetzt nur auf deine Zelle und unterlass in Zukunft diese absonderlichen Dinge!“ Nun zeigte der Mönch seine wahre Gestalt, sein Gesicht verfinsterte sich und nur mit Mühe konnte er seinen Zorn und einen Ausbruch des beleidigten Stolzes unterdrücken, und darum sprach Serapion zu ihm: „Wo ist nun, mein Sohn, deine Demut? So ist denn die Eitelkeit im verderbten Herzen der Menschen so tief eingewurzelt, dass sie sogar in der Demut eitles Lob suchen!“ Stand dieser Mönch nicht im Taglohn des Teufels, und war seine erheuchelte Demut nicht der Schafspelz, der seinen Hochmut verhüllen und ihm den Schein der Demut geben sollte? Und stehen nicht die meisten Menschen in diesem Taglohn des Teufels und spielen Jahr aus Jahr ein Fastnacht, indem sie ihren hässlichen Hochmut mit der schönen Maske der Demut verhüllen? O, es kostet unsägliche Mühe dieses Laster mit Stumpf und Stiel auszurotten, dieses Ungeziefer in der Seele zu vertilgen! Wie Wanzen in einer italienischen Bettstätte, und wie die unsägliche Einquartierung in der Uniform der Rotmäntel und der Kosaken, haftet der Hochmut aufs hartnäckigste an unserem Wesen. Und wenn es auch gelingt, diese Herkulesarbeit glücklich zu vollführen, den Hochmut aus dem Feld zu schlagen, so folgt er uns dennoch stets, wie unser eigener Schatten, auf der Ferse nach und lauert auf eine günstige Gelegenheit, sich wieder in unser Inneres einzuschleichen. Ja, selbst bei unserem Sterbebett wird dieser geisterhafte Schatten stehen, und es zum letzten Mal versuchen, unsere arme Seele in seine Krallen zu fassen und in der Hölle Schlund hinabzuziehen.

 

Der heilige Dominikus offenbarte kurz vor seinem Tod seine Jungfräulichkeit, allein es überfiel ihn sogleich eine Furcht, er möchte aus Ruhmbegierde gesündigt haben. Er sagte daher zu einem seiner geistlichen Brüder: „Bruder, ich habe gesündigt, weil ich öffentlich von meiner Jungfräulichkeit vor den Brüdern geredet habe. Ich hätte davon schweigen sollen.“ Und warum, frage ich, hätte der Heilige, nach seinem eigenen Geständnis, davon schweigen sollen? Weil es genug war, dass Gott es wusste, dass Dominikus nie seine Unschuld verloren hat, und weil dieses Offenbaren der Jungfräulichkeit eine Versuchung des Hochmutes, der Eigenliebe und der Ruhmsucht war. Siehst du, wie selbst so heilige Seelen, wie der heilige Dominikus, bis an ihr Lebensende gegen den Hochmut streiten mussten; wie sie noch in ihrer letzten Stunde, auf dem Totenbett, von diesem gefährlichsten Feind der Seele versucht wurden, wie selbst in einer heiligen Seele noch ein Funken des Hochmuts, wenn auch unter Asche, glimmt! Um wie viel mehr wird das bei uns der Fall sein, die wir ja leider noch lange keine Heilige sind!

 

Probierstein für die Seele

 

Du weißt, dass es einen Stein gibt, an welchem man Gold probiert. Du weißt, dass man auch den Wein probiert und nicht minder die Farbe der Tücher. So gibt es denn auch einen Probierstein für die Seele, um ihren Gehalt und ihre Beschaffenheit kennenzulernen, insbesondere um sich zu überzeugen, ob Hochmut oder Demut in ihr wohne. Ein Heiliger, aber dabei ein sehr kluger, erfahrener Mann, soll es dich lehren, wie man die Seele probiert.

 

Zur Zeit des heiligen Philipp Neri lebte in der Umgebung Roms eine Klosterfrau, die im Ruf der Heiligkeit stand. Der Heilige Vater hätte sich gerne Gewissheit darüber verschafft, ob sie wirklich heilig sei. Er beauftragte daher den heiligen Philipp Neri mit der Untersuchung dieser heiklen Angelegenheit. Was tut nun der Heilige? Bei schlechtem Wetter reitet er auf einem Maultier zu dem Kloster, in dem die angebliche Heilige wohnt, lässt sie rufen und streckt ihr, bei ihrem Erscheinen, seinen beschmutzten Stiefel hin, mit der Aufforderung, ihm den Stiefel auszuziehen. Entrüstet und empört über solch ein Verlangen, fährt die vermeintliche Heilige zurück, überhäuft Philipp Neri mit Vorwürfen, weil er ihr solch ein entwürdigendes Geschäft der Dienstboten zumutet, und zieht sich tief gekränkt in das Kloster zurück. Als nun der Heilige vom Papst über den Erfolg seiner Untersuchung befragt wurde, antwortete er: „Sie ist keine Heilige; sie wirkt keine Wunder, denn es fehlt ihr die Haupteigenschaft (der Heiligkeit): die Demut.“

 

Christus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen, was bei den Juden zum Dienst der Sklaven gehörte. Er, Gott selbst, hat diesen Sklavendienst verrichtet, und seinen Jüngern befohlen, auch einander die Füße zu waschen, d.h. in Demut einander zu dienen, um Christi willen. Wie könnte man ein echter Jünger, Schüler und Nachfolger Jesu Christi sein, ohne ihm in der Demut zu gleichen! Und solche Werke der Verdemütigung, wie das angeführte, vor dem sich die sinnliche Natur des Menschen sträubt, sind der Probierstein unserer Seele, ob wir nämlich schon demütig oder noch hochmütig sind. Probiere deine Seele nur an diesem Probierstein, und er wird ihr wohl zum Stein des Anstoßes sein. Also hinweg mit dem Hochmut, um jeden Preis, koste es, was es wolle! Da es gilt, eine ewige Seligkeit zu gewinnen oder zu verlieren, dürfen wir nicht zaudern, nicht unschlüssig sein, die Hände nicht müssig in den Schoß legen!

 

Franz Borgia hat sich bekehrt, als er den in Verwesung übergegangenen Leichnam der spanischen Königin Isabella, die ein Wunder der Schönheit gewesen war, sah. Also so enden die Güter der Welt!“ rief er tief erschüttert aus. Und Margarita von Laviano bekehrte sich infolge derselben Erweckungsgnade. Als sie den von Würmern zerfressenen Leichnam desjenigen sah, mit dem sie lange Jahre in sündhaftem Umgang gelebt hatte, bebte sie entsetzt zurück und rief: „Dieser Speise der Würmer habe ich meinen Gott, meine Seele und meinen Himmel geopfert!“ Nun weiß ich kein besseres Mittel, dich vom Hochmut zu heilen, als wenn ich dir dieses Laster in seiner ganzen Hässlichkeit und Abscheulichkeit, in seiner Schändlichkeit und Schädlichkeit lebhaft schildere. Dieses grauenhafte Bild wird, so hoffe ich zu Gott, auch dich entsetzen und erbeben machen, und dich losreißen von einem so fluchwürdigen Übel. Ich will daher den Hochmut vor deinen Augen auf den Lasterstein und an den Pranger stellen, dann wirst du erkennen:

 

I. wie sehr dieses Laster Gott missfällig ist,

II. wie es für dich gefährlich und verderblich,

III. wie es die größte Torheit ist.

 

I. Der Hochmut ist Gott im höchsten Grad missfällig

 

Gott hasst zwar jede Sünde, aber am meisten hasst er den Hochmut. Woraus schließen wir das? Keine Sünde ist geradezu so unmittelbar gegen Gott gerichtet, als der Hochmut, und keine verkennt, überschätzt den Menschen und seine Stellung zu Gott so sehr, als der Hochmut, und keine zieht so viel Sünden nach sich, wie der Hochmut, ja, sie ist der Inbegriff aller Sünden.

 

Der Hochmut ist eine Erhebung des Geschöpfes über den Schöpfer, des Dieners über den Herrn, des Ohnmächtigen über den Allmächtigen, des Missetäters über seinen heiligen und gerechten Richter. Der Hochmut ist eine Leugnung der Oberherrlichkeit und Herrschaft Gottes über sein Geschöpf, eine freche Beleidigung seiner Majestät und eine wahnwitzige Herausforderung seiner Strafgerechtigkeit. Der Hochmut ist der verzweifelte Kampf eines Wurmes mit dem König des Himmels und der Erde. Der Hochmütige setzt sich an die Stelle Gottes, er ist sein eigener Gott, er anerkennt über sich keine höhere Macht und Gewalt, keinen höheren Willen, kein höheres Gebot und kein höheres Gesetz. Er verlangt und erzwingt sich, wenn es in seiner Macht liegt, von seinen Mitmenschen göttliche Ehre und Huldigung. Der Hochmütige zerreißt jedes Band zwischen Gott und zwischen sich, er sagt sich freiwillig von Gott und von seiner Gnade los; und darum gerät er ganz und gar in die Gewalt Satans und der Hölle. Für den Hochmütigen gibt es keine Sünde, denn ihm hat niemand etwas zu befehlen, es gibt nur Sünden wider ihn (den Hochmütigen). Der Hochmut macht darum, so lange der Mensch ihn im Herzen behält, jede Bekehrung unmöglich. Sollte nun solch eine Sünde Gott nicht im höchsten Grad missfällig sein?

 

Der Hochmut stürzt Luzifer zur Hölle

 

Viele selige Geister des Himmels erhoben sich gegen Gott, sie versagten ihm die schuldige Ehre, den schuldigen Gehorsam. Sie wollten ihn vom Thron stoßen, sich selbst darauf setzen und sich von Gott anbeten und bedienen lassen.

 

Selbst nach vieltausendjähriger Verdammung hatte der hochmütige Satan dieses Gelüsten nicht aufgegeben, von Gott angebetet zu werden. Auf jenem hohen Berg, auf den Satan Jesus führte, sprach er zu ihm, nachdem er dem Sohn alle Königreiche der Welt gezeigt hatte: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Mt. 4,9 Welch teuflische Frechheit! Aus Liebe hatte Gott diese Engel erschaffen, sie ausgestattet mit hohen, reichen Gaben des Geistes und Herzens, ihnen eine Seligkeit bereitet, die alle unsere Begriffe, unser kühnstes Wünschen und Hoffen weit übersteigt, und doch – wer sollte es glauben – diese Geister empörten sich gegen Gott – aus Hochmut! Hochmut brachte sie zu Fall. Luzifer, der unter ihnen zuerst aus Hochmut Gefallene, brachte auch die anderen – und ihrer waren viele – zum Fall. Und was tat nun Gott? Er stürzte sie auf ewig zur Hölle. Um einer einzigen Sünde willen stürzte er solche Geister auf ewig zur Hölle, und ließ sie nicht einmal an der Erlösung durch Jesus Christus Anteil nehmen. Ihre Sünde war eben eine unendlich große und schwere und eine ewige Sünde, weil ihre Entscheidung gegen Gott eine Entscheidung für die ganze Ewigkeit war. Wie sehr muss also Gott den Hochmut hassen, da dieses Laster so vollkommene Geister aus dem Himmel verbannt und ewig in die Hölle gestürzt hat!

 

Und büßen wir alle nicht schwer für den Hochmut unserer Stammeltern, indem ihre Sünde samt den schrecklichen Folgen auf jedem von uns lastet? Im Paradiesgarten lebten die ersten Menschen in Freude und Lust, in traulichem, liebendem Umgang mit Gott. Wer hätte denken sollen, dass sie solche Wonne hätten wissentlich verschmerzen können! Und ach – der Hochmut vollbrachte die unselige Tat! Als die Schlange zu Eva sprach: „An dem Tag, an dem ihr davon esst, werden eure Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Götter“, 1. Mose 3,5, da erwachte der Hochmut in Evas Herz. Nicht um den Hunger zu stillen, o nein, sondern um eine Göttin zu werden, streckte sie ihre Hand aus, nahm und aß. O du armselige Göttin Eva, der Gott trotz seiner streng waltenden Gerechtigkeit doch noch aus Barmherzigkeit, nach dem Fall, einen Königsmantel umgeworfen! Und was für einen! Aus ungegerbten Fellen! Ich vermute aber, er sei nicht aus Fuchspelz gefertigt gewesen, sondern verdientermaßen aus dem Fell der Stammeltern jenes Füllens, auf dem der Herr seinen Einzug in Jerusalem hielt. Ja, ja der leidige Hochmut hat auch unsere Stammeltern verführt und zum Fall gebracht, er war die erste Sünde im Himmel und auf Erden und er wird die letzte sein, wenn dereinst die Engel zur Auferstehung des Fleisches posaunen werden. Es war den Engeln nicht genug, Engel und im Himmel zu sein, es war unseren Stammeltern nicht genug, im Paradies und sorgenlos und freudenvoll, und des liebenden Umgangs mit Gott gewürdigt zu sein, nein, sie wollten selbst Gott sein. Satan, der aus Hochmut gefallen und den Himmel verloren hat, wollte aus Neid auch unsere Stammeltern und ihre Nachkommen durch dieselbe Sünde um das Paradies und um den Himmel bringen. Leider gelang ihm das erste vollständig, und das zweite gelingt ihm an Millionen: er bringt sie durch den Hochmut um das Himmelreich. Sie nahmen und aßen – darauf gingen ihnen die Augen auf – aber was sahen sie! Großer Gott! Dass sie nicht nur nicht Götter, sondern durch Satan verführte, des Paradieses beraubte, den gefallenen Engeln ähnliche Wesen waren. Gerade das, was sie Gott ähnlich gemacht hatte, war durch den Hochmut verloren gegangen: die ursprüngliche Heiligkeit und Gerechtigkeit. Das Paradies war verscherzt, und außerhalb trägt die Erde Dornen und Disteln, namenloses Weh erwartet Eva, die „Göttin“, wenn ihre Stunde kam. Schweiß rinnt über Adams, des „Gottes“, Stirn, wenn er in der brennenden Sonne mühselig das Feld bebaut. Ein schrecklicher Todeskampf erwartet sie, „die Götter“, wenn sie dieses Jammertal verlassen, um vor Gottes Gericht zu erscheinen. Schau hier, das ist die Frucht des Hochmutes, und erkenne hieraus, wie sehr Gott diese Sünde hassen muss, weil er sie so schrecklich bestraft hat und noch bestraft an unseren Stammeltern und an allen ihren Nachkommen!

 

Exempel, wie Gott den Hochmut hasst

 

Nabuchodonosor, König von Babylon, zerstörte Jerusalem, samt dem Tempel, und führte die Juden in die babylonische Gefangenschaft. Er eroberte Tyrus und Ägypten und wurde durch seine Siege so stolz und übermütig, dass er sich als Gott verehren ließ. Da erniedrigte ihn aber der wahre Gott; er beraubte ihn der gesunden Vernunft, und Nabuchodonosor irrte in den Wäldern umher, und nährte sich, wie die wilden Tiere, von Gras.

 

Herodes Agrippa wurde so hochmütig und aufgeblasen, dass auch er sich göttliche Ehre erweisen ließ. Aber auch ihn demütigte Gott. Bei lebendigem Leib fraßen die Würmer sein Fleisch, und es ging ein so entsetzlicher Geruch von ihm aus, dass alles ihn verließ, und er in Verzweiflung starb.

 

Der türkische Sultan Bajazet prahlte einst auf der Höhe seines Ruhms, Glücks und Reichtums: „in Rom soll mein Ross vom Altar des Petrus ein Bündel Hafer fressen“; aber der Osmane Timur schlug ihn bald nach dieser gotteslästerlichen Rede bei Angora in Kleinasien, nahm ihn gefangen und führte ihn, wie ein wildes Tier, in einem eisernen Käfig neun Monate mit sich umher, bis er in diesem Elend starb.

 

So schlägt und demütigt Gott den Hochmut, weil er ihn hasst, mehr hasst, als jede andere Sünde. Schon im alten Bund spricht Gott durch den Mund des Propheten Jesaja, 13,11: „Ich will dem Hochmut des Ungläubigen ein Ende machen und den Übermut der Gewaltigen demütigen.“ Und im Buch Jesus Sirach, 10,14.15 spricht er: „Der Anfang der Hoffart des Menschen ist Abfall von Gott, wenn sein Herz von seinem Schöpfer weicht. Und die Hoffart ist der Anfang aller Sünde, wer darin verharrt, wird mit Fluch überhäuft und zuletzt gestürzt.“ Und darum ist Jesus Christus, als er auftrat, sogleich dem Hochmut, als dem Inbegriff aller Sünden, entgegengetreten. Sein ganzes Werk zielt vorzüglich darauf hin, den Hochmut zu vernichten, Demut zu pflanzen und den Menschen in das rechte Verhältnis zu Gott zurückzuführen. „Lernt von mir“, ruft er allen entgegen, „denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen!“ Mt 11,29 und: „Wenn mir jemand nachfolgen will, so verleugne er sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Mt 16,24. Und ausdrücklich knüpft Jesus den Besitz des Himmelreichs an die Tugend der Demut; er sagt: „Selig sind die Armen im Geist (d.h. die Demütigen), denn ihnen ist das Himmelreich.“ Mt 5,3. Mit niemand verfuhr Jesus strenger und schonungsloser, als mit den stolzen, hochmütigen Pharisäern und Schriftgelehrten. Es möchte fast befremden, aus dem Mund Jesu, der sich selbst den guten Hirten nannte, der von sich selbst sagte, dass er gekommen, zu suchen, was verloren war, solche Ausdrücke zu hören, wie er sie den Pharisäern gegenüber gebraucht: „Schlangen- und Natternbrut, Heuchler und Höllenkinder“ nannte er sie, anderer Ausdrücke gar nicht zu gedenken. Von den Pharisäern und Schriftgelehrten bekehrte sich keiner, sage keiner. Nicht einer wurde ein Anhänger, ein Schüler oder Jünger Jesu. Aus allen Klassen und Ständen der Juden bekehrten sich entweder viele, oder doch einzelne, von den Pharisäern und Schriftgelehrten aber nicht ein einziger. Selbst unter den Mitgliedern des hohen Rats hatte Jesus Freunde und Anhänger, nicht aber unter den Schriftgelehrten und Pharisäern. Alle waren gegen Jesus, alle hassten sie ihn mit glühendem, unversöhnlichem, tödlichem Hass, und ruhten nicht, bis sie ihn ans Kreuz gebracht. Woher nun diese Verstocktheit, diese bodenlose Schlechtigkeit, dieser Hass und diese Blutgier der Pharisäer und Schriftgelehrten? Vom Hochmut. Das Christentum ist dem Hochmut geradezu entgegengesetzt, das Christentum hat die Aufgabe, überall und allezeit den Hochmut zu bekämpfen und zu vernichten; wie hätten also die hochmütigen Pharisäer und Schriftgelehrten Schüler und Jünger Jesu, Anhänger seiner Lehre und Bekenner seiner Religion sein können!

 

Jesus war die Demut selbst. Wer kann es fassen: Gott wird Mensch! Wer kann es fassen: der Sohn Gottes nimmt Knechtsgestalt an! Er wird geboren im verachtetsten Winkel auf dieser Welt: in einem Stall! Er unterwirft sich allen menschlichen Bedürfnissen, aller leiblichen, irdischen Abhängigkeit! Er macht den ganzen menschlichen Entwicklungsgang durch und unterwirft seine Gottheit der beschränkten Menschheit, er nimmt vor den Menschen zu an Weisheit, er, der allweise Gott, er lässt sich unterrichten und erziehen, er, dessen Verstand alles umfasst und dessen Forscherblicken nichts verborgen ist! Er leidet Hunger und Durst; er durchwandert mühselig und elend Judäa, Samaria, Galiläa und Peträa; er hat nicht, wohin er sein müdes Haupt zur Ruhe niederlegen könnte; er kann nicht einmal Steuer und Abgabe bezahlen! Er wählt arme Fischer zu seinen Aposteln; er hält es stets mit den Armen und Niedrigen; diesen predigt er zunächst das Evangelium. Seinen Jüngern wäscht er die Füße; er lässt sich von verworfenem Gesindel verspotten, verhöhnen, ins Angesicht spucken, Backenstreiche versetzen, ein Schilfrohr, das Zeichen der Ohnmacht, in die Hand geben! Er lässt sich die Dornenkrone auf das Haupt setzen, ungerecht verurteilen, das Kreuz und alle Sündenschuld der Welt aufbürden! Er lässt sich entkleiden, ans Kreuz schlagen, erhöhen zwischen Himmel und Erde, mit Essig und Galle tränken, und verschmachtet am Holz der Schmach! Das alles ist leicht gesagt – aber beherzige es auch, erwäge es und fühle es mit, was dein Heiland erduldet und erlitten hat. Hat ein Sterblicher, ein Sünder, ein Büßer, ein Heiliger, je so viel erduldet! Er, der Heilige, er, das unschuldige Lamm Gottes, verdemütigt sich so sehr, dass er mehr duldet und leidet als alle Märtyrer und Bekenner, als die ganze sündige Welt! Ist er nicht die Demut selbst! Hat er nicht als unser Muster und Vorbild sich verdemütigt und gelitten, damit auch wir uns verdemütigen und ihm nachfolgen und ähnlich werden in Kreuz und Leiden? Hat er nicht all das erduldet und gelitten als Genugtuung für den Hochmut und um uns zu lehren, wie sehr der Hochmut vor Gott missfällig und strafwürdig sei? Hat er nicht all das erduldet und gelitten, um uns zu lehren, dass, wenn wir trotzdem hochmütig bleiben, seine Erlösung an uns verloren gehe und wir selbst ewig verloren gehen! Welch ein Übel muss darum dieses Laster des Hochmutes sein! Mit Recht finden wir deswegen dieses Laster fast auf jedem Blatt der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes verdammt und verworfen. Überall warnt sie eindringlich davor und sucht es zu vernichten. Der heilige Apostel Petrus schreibt: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.“ 1. Petrus 5,5 Natürlich! Denn der Hochmütige will entweder keine Gnade oder er beansprucht sie als ein Recht, als ein Verdienst, oder er würde sie gegen Gottes Willen anwenden, d.h. sie missbrauchen, wenn Gott sie ihm schenkte. Der Hochmütige ist also, weil ohne Gnade, von Gott verlassen. Die Gottverlassenheit ist aber der schrecklichste Zustand der Seele, sie ist der Tod der Seele. Der heilige Apostel Paulus schreibt im Brief an die Galater 6,3: „Wenn jemand sich etwas zu sein dünkt, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“ Kein Mensch kann und vermag etwas Gutes aus sich selbst, ohne Gnade Gottes, und darum sagt derselbe heilige Apostel: „Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen, als das Vollbringen, wirkt, nach seinem Wohlgefallen.“ Phil 2,13 Und von sich selbst sagt der heilige Paulus: „Ich bin der Geringste unter den Aposteln, nicht wert, den Namen eines Apostels zu tragen, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgte.“ 1. Kor 15,9 Wenn dieser große, heilige Mann also sagt, dieser Apostel der Heiden, der um des Evangeliums, um Christi und um seiner Brüder willen, so vieles getan und gelitten, ja selbst sein Blut freiwillig vergossen hat, um wie viel mehr müssen dann wir so sagen, um wie viel mehr gelten dann diese Worte von uns! Aber wenn wir auch alles getan hätten, so müssten wir bekennen: „Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur getan, was wir schuldig waren, zu tun.“ Lk 17,10

 

Auch unsere heilige Kirche hasst und verdammt den Hochmut. Sie erkennt in ihm die Quelle aller Sünden und Übel und eifert und spornt uns unaufhörlich an, gegen dieses Laster zu kämpfen.

 

Auf der Kanzel und im Beichtstuhl zieht sie gegen den Hochmut mit allen Waffen zu Felde, sie ruft die Gläubigen oft zum Empfang der heiligen Sakramente, um den Geist der Demut in ihnen zu wecken und sie mit Christus, der Demut selbst, zu vereinigen. Sie sammelt die Gläubigen oft um den Altar, auf dem sich Jesus Christus, in der Heiligen Messe, durch die Hände des Priesters, unblutiger Weise seinem himmlischen Vater darbringt, besonders als Sühnopfer für den Hochmut der Menschen. In der Heiligen Messe sollen wir niedersinken in den Staub und uns mit Jesus Christus vor Gott erniedrigen und verdemütigen und ihm uns darbringen und aufopfern und uns selbst, der Eigenliebe, dem Hochmut, dem Stolz und ihren schrecklichen Folgen: der Sünde, absterben, damit wir Gott, in Jesus Christus, leben können.

 

Überall errichtet unsere heilige Kirche Kreuze, damit sie uns entgegenrufen: was hat dieser verschuldet? Siehe, Christus hängt unschuldig am Kreuz, er büßt für deinen Hochmut, er trägt die Dornenkrone für deine Herrschsucht, nackt hängt er am Kreuz für deine Eitelkeit, jede Wunde seines heiligen Leibes ist eine blutige Sühne für deinen Stolz. So oft der Glocke Ton erschallt, ruft die Kirche ihren Kindern zu: betet an! Verdemütigt euch vor Gott! Ahmt nach der „Magd des Herrn!“ Die Kirche hasst und verdammt also auch, wie Gott, den Hochmut, und gewiss mit Recht, denn gibt es eine gefährlichere, verderblichere und strafwürdigere Sünde, als den Hochmut? Was sollte einem Hochmütigen zu tun unmöglich sein? Der Hochmütige schreckt vor keiner Sünde zurück, er opfert seinem Hochmut alles: Gott und seine Mitmenschen. Er stößt gleichsam Gott vom Thron, indem er sich selbst vergöttert, er setzt seinem Bruder den Fuß auf den Nacken, um durch dessen Knechtschaft höher zu steigen. Er zertritt Städte und Länder, er schlägt Völker in Ketten und Bande, er zertrümmert Throne und Altäre, er raubt fremde Kronen und tastet die Güter der Kirche an, er wirft die Diener des Herrn in den Kerker, wenn sie vor ihm die Knie nicht beugen wollen, und über Ruinen und Trümmern, über Leichen und zertretenem Glück, richtet er sich einen Thron und einen Altar auf und duldet neben und über sich keinen anderen Gott. Doch, je höher er emporstieg, desto tiefer ist sein Fall: - „wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden.“ Der Herr lacht und spottet ihrer.

 

Der Hochmut ist also II. höchst verderblich und darum höchst gefährlich

 

Folgendes Sündenregister des Hochmutes wird dich davon aufs Vollkommenste überzeugen, dass der Hochmut höchst verderblich und darum höchst gefährlich ist.

 

1. der Hochmut macht den Empfang der göttlichen Gnade entweder unmöglich oder

2. er vergeudet und missbraucht die empfangene Gnade;

3. er erschwert im höchsten Grad die Bekehrung;

4. neben dem Hochmut kann es gar keine wahre Tugend geben;

5. er raubt dem Menschen alles Verdienst, allen Lohn und selbst den Himmel und

6. zerstört allen Frieden und alles Glück in der menschlichen Gesellschaft.

 

Eine schöne Musterkarte löblicher Eigenschaften! Betrachten wir eine jede etwas näher!

 

1. Der Hochmut macht den Empfang der göttlichen Gnade in den meisten Fällen unmöglich.

 

Der Hochmütige will keine Gnade und braucht keine Gnade. Er dankt höchstens Gott, dass er nicht ist, wie die übrigen Menschen, wie die Ehebrecher und Zöllner; er rechnet Gott täglich all seine Verdienste, guten Werke, Tugenden, löbliche Eigenschaften vor, und wünscht dabei von Herzen, Gott möge sich recht viel darauf einbilden, dass er einen so kostbaren, ja unschätzbaren Edelstein in seiner himmlischen Krone trage. Dem Hochmütigen ist es eine ausgemachte Sache, dass ihm im Himmel (wenn er überhaupt an einen glaubt) ein besonderer Ehrenplatz neben den größten Heiligen vorbehalten sei. Der Hochmütige stirbt in dem unseligen Wahn, vom Mund auf in den Himmel zu fahren und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen zu werden.

 

Grabschrift eines Hochmütigen

 

Ein hochgelehrter Professor in Wittenberg ließ sich noch zu Lebzeiten in der Kirche unter dem Kreuz an die Wand malen und setzte unter das Bild folgende Worte: „Herr Jesu, liebst du mich?“ „Berühmtester, ausgezeichnetster und gelehrtester Herr Professor, gekrönter, hoher Dichter und würdigster Vorsteher der Wittenberger Schule, ich liebe dich!“ Diese letzteren Worte legte er Jesus in den Mund. Ob wohl durch solch fabelhaften Hochmut eine christliche Kirche nicht in einen Götzentempel umgewandelt wird? Ähnliches findet sich in der altehrwürdigen Westminsterabtei in London, die ehedem den Katholiken gehörte, gegenwärtig aber im Dienst der englischen Hochkirche steht. Ja selbst die prachtvolle St. Paulskirche in London ist durch solche Grabdenkmäler berühmter oder reicher Menschen entstellt und entwürdigt. So weit bringt es der Hochmut! Und ihm sollte Gott Gnade verleihen! Nein – den hochmütigen widersteht Gott! Wer keine Gnade will, wer ihrer entbehren zu können glaubt, oder wer sie als ein wohlerworbenes Recht beansprucht und fordert oder wer den Gnadenspender selbst leugnet, oder ihn nur mit allerhöchster Erlaubnis und Genehmigung, gleichsam aus Gnade und Barmherzigkeit existieren lässt, der verdient keine Gnade. Nur wer in vollem Bewusstsein seiner eigenen Schwachheit und Ohnmacht, seiner Armseligkeit und Sündhaftigkeit, seiner Unwürdigkeit und Straffälligkeit, demütig zu Gott um Gnade bittet, inständig und vertrauensvoll bittet, der wird erhört, denn „den Demütigen gibt er Gnade“. Wie könnte auch ein Hochmütiger andächtig beten, wie könnte er ein andächtiges „Vaterunser“ beten! Wie könnte er beten: „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern?“ Er ist ja schuldlos und sündenrein, auch nicht einmal einen Splitter hat er im Auge, nur alle seine Nächsten tragen mächtige Balken im Auge. Es schnürt ihm die Kehle zu, wenn er sich als armen Sünder bekennen und mit dem öffentlichen Sünder an sein sündiges Herz schlagen soll. Es geht ihm, wie jenem hochmütigen Schneiderlein, der auch „Gaisengichter“ bekam, weil er im Beichtstuhl sich als „armen Sünder“ anklagen sollte.

 

Geschichte von einem hochmütigen Schneiderlein

 

Ein Schneiderlein war in die Fremde gegangen, um seine hohe Kunst aus dem Fundament zu erlernen. In verschiedenen aufgeklärten Boutiquen und durch den ellenritterlichen Zunftstolz war seine Religion unter die Schere gekommen, und im proportionierten Verhältnis zur zunehmenden Windbeutelei immer mehr eingeschrumpft. Als vollendeter Nadelheld zog das Schneiderlein heim in seinen Vaterort Gernsheim am Rhein, ließ sich dort nieder, um in der Heimat für immer seine Beine auf dem Tisch zu kreuzen. Neben seinem leutemachenden Metier (Kleider machen ja bekanntlich Leute!) betrieb er auch das Geschäft der Aufklärung seines, in tiefer Finsternis und Geistestyrannei schmachtenden, Vaterortes. Wie ein Rohrspatz räsonierte er über den Aberglauben und die Verdummung des Volkes und sprach voll Feuer und Begeisterung über Aufklärung und Freiheit. Der Kundschaft zuliebe, und um nicht öffentlich Ärgernis zu geben, besuchte er dann und wann den Gottesdienst, an Ostern jedoch unterließ er es, die heiligen Sakramente zu empfangen. Da begegnete einst der Seelsorger jenes Ortes diesem neuen Heiden-Apostel, redete ihn an, sprach zuerst von diesem und jenem und lenkte endlich den Diskurs auf die österliche Andacht. Er fragte ihn: warum er denn an Ostern nicht gebeichtet und kommuniziert habe? Sich, wo möglich, noch höher aufrichtend, sprach nun das Schneiderlein salbungsvoll: „Zum Abendmahl würde ich schon gehen, aber das Beichten, das ist mir zuwider.“ „Und warum denn, lieber Freund?“ fragte der Seelsorger. „Es widerstrebt meiner Vernunft und empört meine ganze Natur, im Beichtstuhl sagen zu müssen: ich armer, sündiger Mensch – und darum beichte ich nicht.“ „Nun,“ erwiderte hierauf der Geistliche, „wenn es nur das ist, so ist leicht abzuhelfen. Ihr braucht nicht gerade zu sagen: ich armer, sündiger Mensch, ihr könnt auch sagen: ich hochmütiger Schneider, es ist ja das eine so wahr wie das andere und kommt auf dasselbe heraus.“ – Und siehe! Dieses einfache Rezept hatte geholfen. An den nächsten Ostern beichtete das hochmütige Schneiderlein, es war ein „armer Sünder“ aus ihm geworden.

 

2. Der Hochmütige missbraucht die empfangene göttliche Gnade.

 

Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse, er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte, er nährt und kleidet auch den Hochmütigen, er erhält ihm das Leben und die Gesundheit, er schenkt ihm viele kostbare Zeit und lässt ihn im Besitz der Geisteskräfte, manchfacher Talente und Fähigkeiten. Diese Gnade schenkt Gott auch dem Hochmütigen. Aber wie wendet er sie an? Er missbraucht sie dazu, Gott zu beleidigen, er missbraucht sie dazu, seinem Hochmut zu schmeicheln, seinen Hochmut zu befriedigen und zu ersättigen, er verliert und vergeudet sie also. Von Zeit zu Zeit schickt Gott auch dem Hochmütigen eine Erweckungsgnade, er zeigt sich ihm von Zeit zu Zeit seine menschliche Schwäche und Ohnmacht, er entzieht ihm oder vernichtet das, worauf er hochmütig war. Gott demütigt ihn gleichsam mit Gewalt, er sucht ihn heim, er beugt seinen stolzen Nacken. Doch mit welchem Erfolg gewöhnlich? Selbst von Gott gedemütigt, verdemütigt sich doch der Hochmütige nicht, selbst von Gott schwer heimgesucht und niedergebeugt, steigt er doch nicht von seinem selbstgebauten Thron herab. Wie eine stolze Eiche will er lieber geknickt werden, als sich beugen, und lieber verdammt werden, als sich in Demut als Sünder anklagen und die Barmherzigkeit Gottes anrufen.

 

Wohl mag ein Hochmütiger eine ernste, erschütternde Predigt hören, wohl mag er der Heiligen Messe beiwohnen, wohl mag der heilige Karfreitag und der ergreifende Allerseelentag an seinem steinernen Herzen anpochen – es verhallt, verraucht, verzieht sich gewöhnlich alles wieder, wie eine Wetterwolke an einem hohen Felsen, wenn der Wind mit Macht dahersaust. Es ergeht dem Hochmütigen, wie so vielen Kirchenbesuchern an Sonn- und Feiertagen, die da meinen, der Priester habe in der Predigt diese und jene gemeint und getroffen, nur allein sie nicht. Oder es geht ihnen wie einem auswärtigen Pfarrkind in einer Patroziniumspredigt.

 

Ein Stockfisch in einer Patroziniumspredigt

 

Ein Pfarrer hielt auf das Patroziniumsfest eine so ergreifende, rührende Predigt, dass alles in Tränen zerfloss. Ein Bauer aber stand kalt und teilnahmslos in diesem Tränenmeer da. Ein Nachbar fragte ihn, nach beendigtem Gottesdienst, ob ihn die Predigt nicht bis zu Tränen gerührt habe? Hierauf antwortete dieser Stockfisch: „Ei, warum ich? Die Predigt ging mich ja nichts an, dieweil ich nicht in eure Pfarrei gehöre!“

 

So spricht der Hochmütige: „mich geht es nichts an, ich bin nicht gemeint, ich fühle mich nicht getroffen oder angesprochen, ich war damit nicht gemeint.“ Und darum geht die kostbare Gnade an ihm verloren, und darum

 

3. erschwert der Hochmut im höchsten Grad die Bekehrung.

 

Die Grundbedingung wahrer Bekehrung ist die Selbsterkenntnis. Der Hochmütige kann aber, so lange er hochmütig ist und bleibt, unmöglich zur Selbsterkenntnis gelangen. Der Hochmütige will sich selbst gar nicht erkennen. Er fürchtet sich, einen Blick in sein Inneres zu werfen, er betrachtet nur mit Wohlgefallen das Bild, das er selbst von sich entworfen hat und dieses bekränzt er täglich mit Lorbeerzweigen. Der Hochmütige täuscht und belügt sich selbst über seinen Seelenzustand. Wie ein echter Marktschreier preist er mit unerschöpflichen Lobeserhebungen stets seine eigene Ware. Er findet es unbegreiflich, dass sein Name nicht zu seinen Lebzeiten in die Allerheiligen-Litanei aufgenommen wird. Er fühlt sich schwer gekränkt, wenn man ihm Sünden zumutet. Er hat höchstens Schwächen, wie alle Menschen, wie selbst die Heiligen sie hatten. Aus Übereilung, in der Unbedachtsamkeit, mag wohl hie und da eine Kleinigkeit mit unterlaufen sein, so viel gibt er höchstens zu, allein das trübt den Glanz seiner Tugenden und Verdienste so wenig, als das schmutzige Wasser einer Pfütze die Strahlen der Sonne beschmutzt. Seine Verachtung des Mitmenschen, sein Zorn und Gift, sein Fluchen und Schwören, sein Neid und Hass, seine Ruhm- und Ehrsucht, seine Prahlerei und Selbstvergötterung, seine Unmäßigkeit im Essen und Trinken und seine schlechte Kinderzucht, seine Entheiligung des Sonntags und seine Verachtung der Kirche, das sind keine Sünden! In und mit diesen Todsünden geht er in den Beichtstuhl und wieder heraus, in und mit diesen Todsünden geht er zum Tisch des Herrn und isst und trinkt sich das Gericht hinein. Und so geht es fort, Jahr aus Jahr ein, bis auf das Totenbett, und Satan sorgt dafür, dass ihm auch dort die Augen nicht aufgehen. O schreckliches Leben und noch schrecklicheres Sterben des Hochmütigen! Nie hat eine Bußträne sein Auge befeuchtet, nie ist er mit Maria Magdalena, der reuigen Sünderin, Jesus zu Füßen gefallen, nie hat er mit Petrus zum Herrn gesagt: „gehe hinweg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ Nie hat er mit dem Schächer am Kreuz Jesus angefleht: „Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!“ Nie hat er mit dem verlorenen Sohn gesprochen: „Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und an dir, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen!“ Darum hat er aber auch nie das liebe, beseligende Wort vernommen: „Gehe hin im Frieden, deine Sünden sind dir vergeben!“ Nein – seine Sünden bleiben ihm, er findet keine Vergebung, keine Verzeihung. „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünden haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns von aller Ungerechtigkeit reinigt,“ so spricht der heilige Apostel Johannes in seinem 1. Brief, 1,8.

 

4. Neben dem Hochmut kann es auch keine wahre Tugend geben.

 

Der heilige Augustinus sagt: „Wer hoffärtig ist, kann keine wahre Tugend besitzen; denn wie kann er das besitzen, was Gott liebt, und auch zugleich das, was Gott hasst?“ Gott liebt die Tugend und hasst den Hochmut, unmöglich kann daher ein Mensch tugendhaft und hochmütig zugleich sein. Möchte auch ein Mensch noch so viele gute Eigenschaften besitzen, sobald er dabei hochmütig ist, sich auf seine guten Eigenschaften etwas einbildet, so verlieren sie alle ihren Wert.

 

Bei weitem die meisten Menschen haben einen ganz falschen Begriff von der Tugend. Sie halten nämlich diese und jene gute Eigenschaft schon für eine Tugend, und einen Menschen, der etliche gute Eigenschaften besitzt, für einen tugendhaften Menschen. Das ist arge Täuschung! Eine gute Eigenschaft ist an und für sich noch lange keine Tugend, und auch etliche gute Eigenschaften sind noch lange nicht die Tugend. Und ein Mensch mit diesen und jenen guten Eigenschaften ist noch lange kein tugendhafter Mensch. Bei der Tugend kommt es vor allem auf die Absicht des Herzens an, aus der man etwas Gutes getan hat. Ist die Absicht gut, edel, gottgefällig, so ist das Werk auch gut, edel und gottgefällig. Ist aber die Absicht schlecht und verwerflich, so ist der Mensch, trotz seines äußerlich guten Werkes, doch vor Gott missfällig und verwerflich. „Und wenn ich die Sprachen der Menschen und Engel redete, aber die Liebe nicht hätte, so wäre ich wie ein tönendes Erz und wie eine klingende Schelle. Und wenn ich die Gabe der Weissagung hätte und wüsste alle Geheimnisse und besäße alle Wissenschaften und wenn ich alle Glaubenskraft hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Güter zur Speisung der Armen austeilte und wenn ich meinen Leib dem brennendsten Schmerz hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts“, sagt der heilige Apostel Paulus im 1. Brief an die Korinther, 13,1-3. Die Absicht, in der also die guten Werke verrichtet werden müssen, muss eine auf Gott sich beziehende sein. Der höchste und einzige Grund der guten Werke muss Gott selbst, muss die Liebe zu ihm sein, dann sind die guten Werke gottgefällige Werke und für den Menschen tugendhafte Handlungen. Die Tugend besteht im tiefen, unversöhnlichen Hass und im fortwährenden Kampf gegen die Sünde, im Ringen und Streben nach Vollkommenheit und in der flammenden Liebe zu Gott. Wer also die Sünde, als das größte Übel hasst und verabscheut, weil sie Gott, das höchste und liebenswürdigste Gut beleidigt, wer aus allen Kräften und unter gewissenhafter Benützung der Gnade Gottes ringt und strebt nach Vollkommenheit und Heiligkeit, wer alles, was er tut, Gott zu Liebe und zu seiner Ehre und Verherrlichung tut, der ist tugendhaft. Die Tugend ist also etwas Ganzes, Unteilbares, so dass ein Mensch entweder alle Tugenden, oder keine Tugend besitzt. Im Katechismus, da unterscheidet man freilich viele Tugenden und muss vielerlei Tugenden unterscheiden, um das gottselige Leben in seinen verschiedenen Beziehungen auf Gott, auf den Nächsten, auf sich selbst und auf die Güter dieser Welt schildern und in seinen verschiedenen Äußerungen anschaulich machen zu können. Auch bei einem tugendhaften Menschen kann man in diesem Sinne von verschiedenen Tugenden reden. Ein Mensch ist aber nicht tugendhaft, wenn er nicht alle Tugenden besitzt. Es ist jemand z. B. wahrheitsliebend, ehrlich, redlich, barmherzig, aber er trinkt zu viel und hält das VI. Gebot nicht heilig. Ist wohl solch ein Mensch tugendhaft? Keineswegs! Er besitzt einzelne gute Eigenschaften, aber keine Tugend, denn zur Tugend gehört: Der Hass gegen die Sünde, das Streben nach Vollkommenheit in jeder Beziehung und wahre Liebe zu Gott. Wer nun aber die Sünden der Unmäßigkeit und Unkeuschheit nicht hasst, sondern liebt und durch sie Gott beleidigt, der ist kein tugendhafter Mensch. Insbesondere muss die Tugend wahre, echte Demut zur Grundlage haben. Demut führt zur Tugend, Demut macht jedes gute Werk zu einem tugendhaften Werk und drückt ihm den Stempel der Gottgefälligkeit und der Verdienstlichkeit auf. Der demütige Mensch hält sich stets für unvollkommen und sündhaft, und darum ist er nie mit sich zufrieden, sondern arbeitet rastlos an seiner Vervollkommnung, er kämpft und ringt und strebt unermüdlich aufwärts, himmelwärts. Und wenn er etwas Gutes getan hat, so bildet er sich nichts darauf ein, er rühmt sich nicht, er prahlt nicht damit und wünscht nicht dafür von den Menschen gelobt zu werden. Er ist damit zufrieden, dass Gott, der ins Verborgene sieht, seine Taten kennt und ihn einst im Himmel belohnen wird. Der Demütige gleicht dem Veilchen, das, verborgen im Gras und Gestrüpp, mit Wohlgeruch die Lüfte erfüllt, er gleicht jenem Sänger des Waldes, der in unscheinbarem Gewand, in dichtem Gebüsch, seine bezaubernden Lieder ertönen lässt. Der Hochmütige aber gleicht der Brennnessel, die an jedem Weg wuchert und dem Sperling, der auf jedem Dach, auf jedem Baum, an allen Wegen und Stegen, früh und spät, Sommer und Winter, sein einförmiges Geschrei zum Besten gibt.

 

Ein demütiger Heiliger unter der Treppe

 

Der heilige Alexius war in Rom von adeligen Eltern entsprossen, die so reich waren, dass sie dreihundert Dienstleute hatten. Alexius sollte, als einziges Kind, in den Ehestand treten, damit das alte, berühmte und reiche Geschlecht des römischen Senators Euphemianus (so hieß sein Vater) nicht aussterbe, sondern blühe von Geschlecht zu Geschlecht. Alexius aber hatte den Entschluss gefasst, der Welt, ihren Ehren und Würden, ihren Freuden und Vergnügungen, ihren Reichtümern und Palästen zu entsagen und in gänzlicher Selbstverleugnung und Niedrigkeit Gott zu dienen. Auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Eltern hin verehelichte er sich zwar mit einer tugendhaften Jungfrau, namens Sabina. Allein in der Brautnacht zog er seinen Ring vom Finger, gab ihn seiner Braut und sprach: „Nimm diesen Ring als Angebinde und zum Andenken an mich, und Gott sei zwischen mir und dir, solange es ihm gefällt.“ Dann bestieg er ein Schiff, reiste nach Edessa in Griechenland, verschenkte dort sein noch übriges Reisegeld und seine kostbaren Kleider und lebte als Bettler bei der Kirche, die der lieben Muttergottes geweiht war. Nachdem er in Edessa siebzehn Jahre unerkannt als Bettler gelebt hatte, wurde seine Heiligkeit durch göttliche Offenbarung bekannt, und darum verließ er jene Stadt, um der Verehrung der Menschen auszuweichen, und beschloss, nach Tarsus in Cilizien sich zu begeben. Doch der Mensch denkt, und Gott lenkt. Das Schiff wurde durch einen Seesturm an die italienische Küste verschlagen, weswegen Alexius, in diesem Seesturm den Finger Gottes erkennend, nach Rom in das Haus seines Vaters sich begab und, als fremder Bettler, um einen Winkel zu seinem Aufenthalt bat. Man gewährte ihm seine Bitte, da niemand in seinem väterlichen Haus ihn erkannte, und so wählte sich Alexius einen finsteren Winkel unter der Treppe und lebte dort von Almosen, unter harten Entsagungen und Entbehrungen siebzehn Jahre, sage: siebzehn volle Jahre im Haus seines Vaters als Bettler in einem finsteren Winkel! Erst nach seinem Tod offenbarte Gott auf wunderbare Weise seine Heiligkeit und seinen Stand. Das war echte Demut, deren nur ein echter Heiliger fähig ist!

 

Ein falscher Heiliger im Kerker

 

Der gottselige Kapistran hatte einen Freund und Gefährten, namens Justinus. Dieser Justinus war Pater des Franziskanerordens und so eifrig in Gebet, Betrachtung, Fasten und Selbstverleugnung, dass er von Gott außerordentlicher Gnaden gewürdigt, allgemein als ein Muster der Frömmigkeit und Tugend betrachtet und weit und breit für einen Heiligen gehalten wurde. Als Seine Heiligkeit, Papst Eugen IV. von diesem Franziskanermönch so viel Löbliches erzählen hörte, regte sich in ihm das Verlangen, ihn persönlich kennenzulernen. Er ließ ihn daher zu sich kommen, umarmte ihn und bezeigte ihm viele Ehre. Justinus wurde durch diese Ehrenbezeugung aber so aufgeblasen, dass Johannes Kapistran, bei dessen Rückkehr ins Kloster, ihn wehmütig anblickte und zu ihm sprach: „O Bruder Justinus, als ein Engel bist du fortgegangen, als ein Teufel bist du zurückgekehrt.“ Und Kapistran hatte wahr gesprochen. Justinus wurde von Tag zu Tag stolzer, hochmütiger und anmaßender, verlangte die ihm schuldige Ehrfurcht, und geriet in wilden Zorn, wenn man ihn nicht, wie er wähnte, nach Verdienst und Gebühr ehrte und ihm vor seinen Mitbrüdern den Vorzug gab. Einst ergriff er selbst ein Messer und stieß es einem seiner Mitbrüder in die Brust, weil er glaubte, von ihm beleidigt worden zu sein. Nach begangenem Mord entfloh er aus dem Kloster, häufte Verbrechen auf Verbrechen, fiel endlich dem strafenden Arm der Gerechtigkeit anheim und wurde in Neapel in den Kerker geworfen. Dort starb er ungläubig, verstockt und unbußfertig eines schmählichen Todes. So weit bringt es der Hochmut! Hätte dieser Justinus Demut besessen, so wäre er als ein Heiliger gestorben, so aber stürzte ihn der Hochmut schon auf dieser Welt in alle Lastertaten, in Schimpf und Schande, und jenseits vielleicht auf ewig in die Hölle. Wer sollte nicht ein so fluchwürdiges, schreckliches Laster hassen und meiden!

 

5. Der Hochmut raubt dem Menschen allen Lohn und alles Verdienst und selbst den Himmel.

 

Der Heiland hat gesagt: „Deine linke Hand wisse nicht, was die rechte tut.“ Mt 6,3; das heißt: tue das Gute nicht um deinetwillen, zu deinem Lob und deiner Ehre, posaune deine guten Werke nicht aus, tue sie nicht absichtlich vor den Menschen, damit sie sie sehen und dich um dieser guten Werke willen loben und rühmen. Dies tut aber eben der Hochmütige: er tut Gutes wegen sich, zu seiner Ehre und Verherrlichung, zu seinem Ruhm und Lob. Er sucht zeitlichen Lohn bei den Menschen, er macht sich bezahlt in dieser Welt, bei und von den Menschen. Seine sogenannten guten Werke und seine sogenannten Tugenden sind daher trügerischer Schein und Scheinheiligkeit. Seine sogenannten guten Werke sind von Würmern angefressene Früchte, die bald in Fäulnis übergehen, und darum sind sie wertlos vor Gott. „Sie haben ihren Lohn bereits erhalten!“ sagt Jesus, Mt 6,5 und 16, d.h. diejenigen, die absichtlich vor den Leuten Gutes tun, beten, fasten, Almosen geben, um von ihnen gelobt und gepriesen zu werden, haben von Gott keinen Lohn zu hoffen, denn sie haben sich selbst durch Befriedigung ihrer Eigenliebe, ihres Hochmutes und Stolzes schon bezahlt gemacht, sie geizten nach irdischem, vergänglichem Lohn, haben also freiwillig auf den himmlischen, ewigen verzichtet. Es genügte ihnen der Weltlohn, sie haben daher keinen Gotteslohn mehr zu gut! Ist es aber nicht eine unbegreifliche Torheit, das Irdische dem Himmlischen, das Zeitliche dem Ewigen, das Menschliche dem Göttlichen vorzuziehen! Was hast du denn von all der Lobhudelei, Kriecherei, Schmeichelei und Speichelleckerei der Welt? Was soll das dir nützen? Heute ruft diese charakterlose Welt: „Hosianna!“, morgen aber: „Ans Kreuz mit ihm!“ Heute hebt sie dich bis zu den Sternen empor, morgen aber zieht sie dich hohnlachend in den Staub und Kot herab! Und dieses Lob der Welt, und diesen Lohn der Welt, und diesen Dank der Welt willst du dem Lob, dem Lohn und Dank eines gerechten, getreuen und unveränderlichen Gottes vorziehen?

 

Undank ist der Welt Lohn

 

Der Kardinal und Großkanzler Wolsey lebte zur Zeit der englischen Könige: Heinrich VII. und Heinrich VIII. Heinrich VIII. erhob ihn zum Erzbischof von York und zum Großkanzler, der höchsten Würde in England. Der Heilige Vater Leo X. aber erwählte ihn zum Kardinal und Legaten, der höchsten Kirchenwürde. Anno 1530 fiel nun Wolsey in Ungnade beim König, und zwar durch die Ränke einer Frau, der Anna Boleyn. Der König entsetzte ihn der Würde als Großkanzler und all seiner einträglichen Pfründen und Ämter, bis auf die Bistümer Winchester und York. Später wurde Wolsey selbst des Hochverrats angeklagt und vor den höchsten Gerichtshof in London gefordert. Auf dem Weg dorthin erkrankte er aber und konnte nur noch in das Kloster zu Leicester gebracht werden. Dort starb der große Staatsmann und Kirchenfürst, verlassen von allen, die ehedem um seine Gunst gebuhlt haben, und unter diesen befanden sich selbst Könige und Kaiser. Sterbend rief er aus: „Hätte ich nur Gott so fleißig gedient, wie ich dem König gedient habe, er würde mich nicht verlassen haben in meinen grauen Haaren. Aber das ist der gerechte Lohn dafür, dass ich bei meiner Mühe und meinem Nachsinnen nicht meine Pflicht gegen Gott, sondern nur meinen Dienst gegen meinen Fürsten im Auge hatte.“ Willst du einst auch diese traurige Erfahrung machen, auch so sterben! So geize nicht um die Gunst der Menschen und um den Ruhm und Dank der Welt, mach dich nicht selbst bezahlt, begnüge dich nicht mit leeren Worten, mit einem nichtssagenden Titel oder mit dem Bettelmannsalmosen dieser Welt, denn bezahlt dich die Welt im Grunde genommen anders oder besser, als mit leeren Worten, mit einem gefärbten Band oder mit etlichen Geldstücken! Wahrlich du verlierst nichts dabei, wenn du auf dieses Bagatell verzichtest: du gewinnst dadurch die Krone der seligen Unsterblichkeit. „Wer überwindet, dem will ich gestatten, sich neben mich auf meinen Thron zu setzen“, so spricht, so verheißt der getreue Gott, Apk 3,21 und weiter: „Selig der Mann, der die Prüfung aushält! Wenn er die Probe besteht, wird er die Krone des Lebens empfangen, die der Herr denen, die ihn lieben, verheißen hat.“ Jak 1,12 Darum sagt der heilige Bernhard: „Lasst uns durch Demut zur Höhe emporsteigen, denn diese ist der Weg dazu, und es gibt keinen anderen Weg, als die Demut. Wer einen anderen Weg geht, der steigt nicht empor, er fällt vielmehr. Die Demut allein ist es, die erhöht und zum Leben führt. Selbst Christus, der, seiner göttlichen Natur nach, nicht wachsen oder höher steigen konnte, weil nichts über Gott ist, erfand durchs Herabsteigen ein Mittel, wachsen zu können. Denn damit wir nicht ewig sterben, kam er, Fleisch anzunehmen, zu leiden und zu sterben. Deswegen hat ihn Gott auch erhöht, denn er ist auferstanden, ist aufgefahren, und sitzt zur Rechten Gottes. Gehe hin und tue desgleichen! Du kannst nicht aufsteigen, wenn du nicht hinabgestiegen bist. So ist es einmal ein ewiges Gesetz: Jeder, der sich erhöht, wird erniedrigt und wer sich erniedrigt, der wird erhöht.“ Und der heilige Augustinus sagt: „O wahrhaft selige Demut, durch die Gott den Menschen, den Sterblichen, das Leben gegeben, den Himmel erneuert, die Welt gereinigt, das Paradies geöffnet und die Seelen der Menschen von der Hölle befreit hat!“ Was der Mensch also durch die Befriedigung seines Hochmutes zu erreichen sucht, kann er nur durch Demut erlangen, und was er durch die Demut erreichen könnte, aber durch den Hochmut erreichen will, geht gerade durch den Hochmut ewig für ihn verloren. Was der Demütige zur Ehre und zur Verherrlichung Gottes tut, das gereicht ja auch zu seiner eigenen Verherrlichung. Wer aber bei dem, was er tut, seine eigene Verherrlichung im Auge hat, der wird nicht nur nicht verherrlicht und erhöht, sondern gedemütigt, erniedrigt und verworfen werden. Durch Demut allein kannst du groß werden vor Gott, groß selbst auf Erden, und groß im Himmel. Denn Gott erhöht die Niedrigen, die Geringen, d.h. die Demütigen, und in seinen Augen und vor seinem Richterstuhl sind die ersten, d.h. die Hochmütigen, die letzten, die letzten aber, d.h. die Demütigen, die ersten.

 

Ewiger Dank ist Gottes Lohn

 

Lohnt die Welt mit Undank, so lohnt Gott seine Diener, das echte Verdienst und die Tugend, mit ewigem Dank! Blick nur hin auf die Heiligen! Wie hat ihnen Gott gelohnt, wie hat Gott sie verherrlicht, oft schon bei ihren Lebzeiten!

 

Der heilige Karl Borromäus entsprosste einer altadeligen, vornehmen Familie, die auf dem lombardischen Schloss Arona ihren Sitz hatte und in Italien reich begütert war. Schon als Junge zeichnete er sich aus durch Talent, Fleiß, Gottseligkeit, Unschuld und Werke der christlichen Nächstenliebe. Von seinem Oheim, dem Papst Pius IV., zum Kardinal und Erzbischof von Mailand erwählt, verwendete er sein ganzes Einkommen zu Speisung der Armen, zu Erbauung von Kirchen, Spitälern und Seminarien; er aß und trank nur Wasser und Brot, geißelte seinen Leib und schlief auf einem Strohsack. Als die Pest in Mailand wütete, und während dieser Schreckenszeit auf einmal 70.000 Personen krank darniederlagen, ging er selbst in die Spitäler und Privathäuser und verpflegte mit eigener Hand Pestkranke, und zwar gerade die ärmsten und verlassensten, trotz der augenscheinlichen Gefahr, von ihnen angesteckt zu werden. Da das in Mailand herrschende Elend grenzenlos war, so verkaufte er all seine Habe und teilte den Erlös unter die Armen aus, so dass er einst selbst nicht einmal einen Bissen und Brot und einen Heller Geld besaß. Bei einer Prozession, die er zu dem Zweck anordnete, damit Gott diese schreckliche Geißel von seinem Volk hinwegnehme, erschien er barfuß und mit einem Strick um den Hals. Von seinen Feinden gehasst und verfolgt, verleumdet und falsch angeklagt, rächte er sich nicht. Nein, er betete vielmehr, wie Jesus Christus, für sie, verzieh ihnen von Herzen und flehte noch um Gnade für sie. Gott verlieh ihm die Gabe Wunder zu wirken. Allein trotz all dieser Wunder, trotz all seiner unzähligen Verdienste und guten Werke, trotz aller Verehrung seiner Zeitgenossen, die seine Tugend und Heiligkeit bewunderten, blieb er demütig, und darum verherrlichte ihn Gott. Er verherrlichte ihn durch die Wunder, die er durch ihn wirkte. Er bewies durch sie, dass Karl Borromäus sein Wohlgefallen, seine Liebe und seine Gnade besitze. Er verherrlichte ihn nach seinem Tod, indem, besonders auf seinem Grab, viele wunderbare Heilungen, auf die Anrufung seiner Fürbitte hin, erfolgten. Er verherrlichte ihn durch die Kirche, die ihn als Heiligen verehrt und anruft. In wie vielen Kirchen prangt nicht sein Bild, befinden sich nicht von seinen Reliquien, d.h. von den Überresten seines heiligen Leibes! Wie viele Kirchen haben ihn nicht erwählt als Patron, und wie viele Christen tragen nicht seinen heiligen Namen und rufen seinen Schutz und seine Fürbitte an! Und bis ans Ende der Zeiten wird dieser Heilige, und werden alle Heiligen, von unserer Kirche und in unseren Kirchen gelobt, gepriesen, verherrlicht und angerufen werden, bis ans Ende der Zeiten wird man sich dankbar ihrer Stiftungen, ihres Wandels und ihrer Werke erinnern und ihren Tugenden nacheifern. Und erst dort oben! In den Wohnungen der himmlischen Seligkeit wird ihres Lohnes kein Ende sein. Haben also die Heiligen nicht den besten Teil erwählt? Gehe hin und tue desgleichen, denn Demut führt zum Ziel, zum ewigen Ziel: in den Himmel, der Hochmut aber in der Hölle ewige Pein.

Der Hochmut macht aber schon dieses Leben zu einer Höllenpein, denn

 

6. er zerstört allen Frieden und raubt alles Glück in der menschlichen Gesellschaft.

 

Der Hochmut zerreißt die Bande der Liebe, der Freundschaft, des Blutes, er löst die Bande der Treue, die die menschliche Gesellschaft umschlingen sollen. Wer stiftet Unfrieden in den Ehen? Wer entzweit die Gatten und stellt diejenigen, die das heilige Band der Eintracht und Liebe umschlingen sollte, als erbitterte Feinde einander gegenüber? Wer verbittert ihnen das Leben und erschwert ihnen das, im Ehestand ohnehin unvermeidliche und schwere, Kreuz? Der Hochmut und diejenigen Sünden, die ihm entstammen. Wer hetzt die Kinder gegen ihre Eltern auf und bereitet ihnen namenlos viel Kummer, Sorgen, Schmerzen und Herzeleid? Der Hochmut und diejenigen Sünden, zu denen er verleitet. Wer trennt Freunde und macht sie zu Todfeinden? Der Hochmut mit seinem giftigen Anhang. Wer sät Zwietracht zwischen Familien, zwischen Volk und Regierenden, zwischen Völkern und Nationen? Der Hochmut mit seiner höllischen Brut. Wer beschwört Revolutionen herauf, vergießt Ströme von Blut, sengt und brennt, und verwandelt diese Erde in ein Jammertal und einen großen Leichenhügel? Der Hochmut mit seiner teuflischen Rotte. O, sieh hin mit Entsetzen und Grauen auf diese Schrecknisse, die dem Hochmut auf der Ferse folgen, und wenn du bisher diese giftige Schlange an deinem Herzen nährtest, o so reiß sie heraus aus deiner Brust und zertritt ihr den giftgeschwollenen Kopf! Warum mussten auch, sagst du vielleicht jetzt, unsere Stammeltern dem Hochmut das Herz öffnen, und uns alle mit hineinziehen in ihr Verderben und Elend! Ich hätte der Schlange nicht geglaubt, mir wäre es wohl genug gewesen im Paradies, ich hätte gewiss nicht in den Apfel gebissen, um Gott gleich zu werden, ich hätte gewiss nicht gesündigt, da die erste Sünde so schreckliche Folgen nach sich zog! Ja, hintennach ist gut prophezeien! Haben denn die ersten Menschen diese schrecklichen Folgen vor Augen gehabt, wie du? Und warum sündigst denn du heute noch fort, obgleich du diese schrecklichen Folgen vor Augen hast? Warum hörst du wenigstens jetzt nicht auf, hochmütig zu sein?

 

Trau, schau: Wem?

Lehrreiche Geschichte von „Ei so beiß!“

 

Eine vornehme Dame ging an einem Feld vorüber, auf dem ein Bauer arbeitete, der fast bei jedem Streich, den er mit der Hacke tat, ausrief: „Ei so beiß!“ Von Neugierde getrieben, was diese Worte bedeuten möchten, fragte die Dame den Bauer: „Warum sagt Ihr denn bei jedem Streich: ei so beiß?“ „Ist es ein Wunder“, antwortete der Bauer, „dass ich in meiner Übelzeit, in Schweiß und Hitz und Durst ungeduldig werde über Evas Biss in den sauren Apfel! Schwernot, so beiß, dass ich jetzt so schwer und sauer schaffen muss!“ „Ja, glaubt Ihr denn“, erwiderte ihm die Dame, „Ihr würdet an Evas Stelle nicht auch in den sauren Apfel gebissen haben?“ „Nein, nein, so dumm wär ich, weiß Gott, nicht gewesen!“ antwortete der Bauer. Nun, wir wollen sehen!“ entgegnete ihm die Dame. „Ihr sollt Eurer Übelzeit enthoben werden. Wenn Ihr damit zufrieden seid, so will ich Euch in mein Haus aufnehmen, und dort soll es Euch wohl ergehen, nichts soll euch mangeln und alle Eure vernünftigen Wünsche sollen befriedigt werden. Eins aber müsst Ihr mir versprechen, dass Ihr in einer Kleinigkeit mir gehorcht.“ „O von Herzen gerne“, sprach der Bauer hochentzückt. „Befehlt nur was Ihr wollt, und stellt mich auf die Probe, wie Ihr wollt, ich werde sie gewiss bestehen!“ Und sogleich verließ der Bauer den Acker, ging mit der vornehmen, reichen Dame in ihr Haus und lebte von nun an bei ihr wie ein Graf „in Floribus“. Aber – die Probe blieb nicht aus. Jeden Tag wurde eine große Schüssel, die mit einem Deckel verschlossen war, auf den Tisch gestellt, mit dem Befehl: nie den Deckel zu lüpfen, denn an dem Tag der den Deckel lüpfen würde, hätte die ganze Herrlichkeit ein End. Zur selben Stunde würde er, wie ein Hase in der Küche, aus seinem warmen Balg gezogen und wieder in seinen leinenen Kittel gesteckt. Zur selben Stunde müsste er das prächtige Haus verlassen und, wie ehedem, in Schweiß und Hitz und Durst das Feld bebauen. Gewiss eine leichte Probe! Gewiss! Und doch - ! Lange schon hatte das Bäuerlein als großer Herr in Hülle und Fülle bei der reichen Dame gelebt, ohne den Deckel von der Schüssel gelüpft zu haben. Freilich kam ihn oft die Neugierde an: was wohl in der Schüssel sein könne? – allein mutig widerstand er stets der Versuchung, indem er sich sein früheres, geplagtes Leben vorstellte und des: „Ei so beiß!“ gedachte. Einst aber war die vornehme Dame verreist und nur das Bäuerlein mit zwei bis drei Personen von der Dienerschaft im Haus. Mit dem flotten Essen wird auch die bedeckte Schüssel aufgetragen, und mit der Schüssel – die Versuchung. „O ich möchte doch für mein Leben gern wissen, was in der Schüssel ist, es muss doch wohl was ganz Besonderes drin sein“, sagt das Bäuerlein zu sich selbst. „Wie wärs, wenn ich den Deckel nur ein wenig lüpfte und nur ein wenig hineinguckte? Es ist ja kein Mensch in der Nähe, es sieht ja niemand!“ Vorsichtig späht er umher, schleicht auf den Zehen, mit verhaltenem Atem, zu der fatalen Schüssel, lüpft vorsichtig den Deckel ein klein wenig, dann etwas mehr – poz Blitz! Eine Maus springt heraus! Vor Schreck stößt das Bäuerlein die Schüssel über den Tisch, und am Boden liegt sie in Scherben. Fast wahnsinnig rennt der arme Tropf im Zimmer hin und her und ruft: „Ei so guck, ei so guck!“ Die Tür öffnet sich, die Dame erscheint und ruft triumphierend: „Ei so guck, so guck! Monsieur! Ei so beiß! – Hier ist das zerrissene Kamisol samt Zugehör und unten bei der Tür steht schon die Hacke,“ so lautet das Urteil auf diesen „Gucksündenfall“, und allsogleich wird es auch vollzogen. Als später nun die Dame an jenem Acker abermals vorüberging, da stand das naseweise Bäuerlein in Schweiß und Hitze und Durst und rief nicht mehr zu jedem Streich: „Ei so beiß!“ sondern: „Ei so guck!“ O zürnt der Eva nicht! Wir alle hätten an ihrer Stelle dieselbe Sünde auch begangen – hüten wir uns wenigstens jetzt vor ihr, damit sie uns, nachdem sie uns ums Paradies gebracht hat, nicht auch noch um den Himmel bringe! Helfen wir nicht, diese schreckliche Sünde zu verewigen, damit sie nicht auch an uns in der Hölle verewigt werde!

 

Ein Hochmutsnarr will durch ein todeswürdiges Verbrechen sich verewigen, was ihm auch gelang

 

Anno 356 vor Christi Geburt verbrannte ein Bürger von Ephesus, namens Herostratus, den prachtvollen Tempel der Diana. Und was bewog ihn zu dieser Freveltat, die ihm das Leben kostete? Der Hochmut. Dieser Hochmutsnarr wollte seinen Namen verewigen; und da ihm kein anderes Mittel einfiel, und keine andere Gelegenheit sich bot, dieses Ziel zu erreichen, so wollte er lieber durch ein Verbrechen sich unsterblich machen, d.h. seinen Namen brandmarken, als ungekannt und ungenannt den Schauplatz der Welt verlassen. Er wusste ganz bestimmt, dass dieses Verbrechen ihm das Leben kosten würde, allein er wollte lieber als Verbrecher sterben, lieber gemartert werden, als spurlos von der Welt verschwinden. Nun – er hat sein Ziel erreicht: als Schandfleck der Menschheit steht er für ewige Zeiten in der Geschichte. Traurige Verblendung, die um solchen Preis sich solch eine irdische Berühmtheit und Unsterblichkeit erkauft!

 

Eine solche Unsterblichkeit hat auch Ephialtes, der sein Vaterland zur Zeit der Perserkriege verriet, erlangt. Eine solche Unsterblichkeit hat sich Judas, der Verräter des Sohnes Gottes, hat sich Nero, der kaiserliche Bluthund, und hat sich Robespierre, diese grausame Hyäne, erworben! Wer möchte sie darum beneiden! Aber solche gibt es noch viele, wenn auch in verjüngtem Maßstab. Siehe, jeder Hochmütige will lieber für schlecht, für gottlos, für lasterhaft als für dumm gehalten werden! Wie viele rühmen sich öffentlich ihrer Schlechtigkeit ohne Scheu und Scham, bloß um von sich reden zu machen, um den Menschen Respekt vor ihrer Verschlagenheit, List und Durchtriebenheit abzunötigen, bloß um sich berühmt zu machen! Sie wollen lieber alles – Strolche, Tagdiebe und Verbrecher, Zuchthäusler, nur keine Dummköpfe sein. Alle Studenten, die bis an den Hals studiert sind, die ihre Studien gründlich in den Kneipen, auf dem Fechtboden und in der Eroberung von Korsetten und Krinolinen gemacht haben, die ihrer Eltern Geld durchgejagt, im Examen mit Glanz durchgefallen und dann als verstickte Stribenten auf Kanzleien, oder als Zeitungs-Artikelschmiede eine Landplage geworden sind, lassen sich alles Mögliche unter die Nase reiben, nur keine Borniertheit; das bringt sie in Harnisch und kostet ein Duell auf Leben und Tod, und wär es auch bloß im Tintenfass, in dem sie ihren Todfeind durch Schmähartikel zu ersäufen suchen. Wie oft hört man nicht die blödsinnige Äußerung: „Es ist wahr: er ist ein schlechtes Tuch, er ist keinen Schuss Pulver und keine Priese Tabak wert, aber gescheit, durchtrieben, verschlagen, ausstudiert, das ist er! Respekt vor ihm!“ Ist denn die Schlechtigkeit nicht um 100% verwerflicher und strafwürdiger, wenn sie durch reichlich verliehene Gaben Gottes erreicht und ausgeführt wurde! Ist der Teufel deswegen ein Heiliger, weil er durchtrieben und verschlagen ist! Blödsinn und Dummheit mögen der Schlechtigkeit noch einigermaßen zur Entschuldigung und zum Deckmantel dienen, nimmermehr aber eine reiche, geistige Begabung von Gott. Von wem kommt denn Talent und Fähigkeit? Nicht von Gott? Ist es nun nicht eine große Gewissenlosigkeit und Verantwortung, diese Gaben Gottes zur Schlechtigkeit, zur Beleidigung Gottes und zu seinem zeitlichen und ewigen Verderben zu missbrauchen! Wie kann man also die raffinierte Bosheit noch loben oder entschuldigen wollen! Das kann nur der Hochmut, der den Menschen Blödsinnig macht, wie „Figura“ zeigt; der Hochmut, der durch den Missbrauch der Gaben Gottes die eigene Schlechtigkeit entschuldigen und beschönigen will, der bei aller inneren Fäulnis noch um der Gaben Gottes willen, die der Mensch sich doch nicht selbst verlieh, die nicht sein Eigentum, sondern nur anvertrautes Gut sind, gelobt sein will. Das ist, gering taxiert und mild gesagt, Blödsinn in hohem Grad. Und das hab ich nun noch zu beweisen:

 

III. dass der Hochmut Torheit und Blödsinn in hohem Grad ist

 

Hast du schon einen Maskenzug, oder Maskenball auf Fastnacht gesehen? Es ist wirklich erstaunlich, was sich die „Narren“ kosten lassen, wie sie sich unsägliche Mühe geben, recht täuschend ihre Narrenrolle zu spielen. Der eine vermummt und verkleidet sich als Kaiser oder König, der andere als geharnischten Ritter, der dritte als Fabrikant, der vierte als Papageno, der fünfte als Türk, der sechste als Afrikaner, der siebente als Kapuziner, der achte als Polizist, der neunte als Domino, der zehnte als Aurora, der elfte als Hora, die zwölfte als Flora usw., kurz – alles wechselt die Rollen und sucht an Witz, Wahnsinn und Tollheit das schon Dagewesene und das noch Zukünftige zu überbieten und das Unmögliche zu leisten. Das ist ein Geschnatter und Gegagger, ein Gesaus und Gebraus, ein Gesumm und Gebrumm, ein Klirren und Klingeln, ein Pfeifen und Schreien, ein Schnalzen und Walzen, ein Schwelgen und Schwanken, ein Hitzen und Schwitzen, bis alles schachmatt, mit ausgezehrtem Geldbeutel, wüstem Kopf, verdorbenem Magen – mit einem Wort: mit himmelschreiendem Katzenjammer am Aschermittwoch wieder zu sich selbst kommt und sich allen Ernstes verwundert, dass über der totalen Narrheit und geistigen Sonnenfinsternis nicht wirklich der Verstand verlorenging. Ich weiß wohl, dass ich hier tauben Ohren predigen würde, wenn ich gegen den eingebürgerten Karneval auftreten würde, ich lass das deswegen hier gelten. Aber doch so viel möchte ich, und gewiss nicht ohne Grund, dagegen anführen: wenn jeder, der ein so gar verbissener Fastnachtsnarr ist und sich gewissenhafter den Statuten der Narrenzunft unterwirft, als den Geboten Gottes und seiner heiligen Kirche, all seine Streiche und Albernheiten, seine Torheiten und Irrtümer, seine unklugen Reden und Handlungen, seine Verstellung und Heuchelei, sein fein und grob gesponnenes Netzwerk von Lug und Trug im Laufe nur eines Jahres überdächte – wahrlich, er würde eine Extra-Komödie und eine aparte Fastnachtsnarrheit und einen feierlichen Maskenzug und jeden Ball für höchst überflüssig halten! O es ist schon viel zu viel der Narrheit und Mummerei während des ganzen, langen Jahres, ein Extra-Narrheit ist mehr als Luxus! Doch, wie gesagt, man kann nicht gegen den Strom schwimmen, lassen wir also der närrischen Welt die Schellenkappe! Nun sieh, wenn man die Hochmütigen näher betrachtet, so sind es im Grunde genommen Narren, aber leider keine vorübergehenden, zeitweise oder Gelegenheits- oder Fastnachtsnarren, sondern fortwährende oder Jahres-Narren. Der Hochmütige ist in Wahrheit geistes- und gemütskrank, der Hochmütige leidet, wie man zu sagen pflegt, an fixen Ideen, an Einbildungen, an einem Spleen, er hat einen „Sparren“ zu viel, er ist übergeschnappt. Wenn man den Hochmütigen in seiner Geistes- und Gemütskrankheit, in seinem Benehmen, in seinem Tun und Lassen betrachtet, so weiß man nicht, ob man über ihn lachen oder weinen soll. So viel ist aber gewiss, dass er in seinem elenden Zustand sehr zu bemitleiden und zu bedauern ist.

 

Der Hochmütige täuscht sich in Bezug auf seine Person und auf seine Leistungen, er überschätzt alle seine Handlungen, er hat zweierlei Maß und Gewicht für sie, für seine Fehler ein sehr leichtes und kleines, für seine vermeintlichen guten Werke und sogenannten Tugenden aber ein sehr schweres und großes. Er ist halb oder ganz blind, blind für seine Fehler und Sünden, deren er keinen an sich entdeckt. Seine Heldentaten aber, die sieht er, und zwar in vergrößertem Maßstab. Er bildet sich ein, mehr zu sein, als er in Wirklichkeit ist, er schreibt sich selbst zu, was entweder Gott oder seinen Mitmenschen zuzuschreiben ist, er rechnet sich zum Verdienst an, was durchaus nicht sein Verdienst ist. Vom Hochmütigen gilt, was einst ein Bauernmädchen von einem Soldaten sagte, mit dem sie Bekanntschaft hatte. Als man sie fragte, welche Charge ihr Liebster beim Regiment bekleide, antwortete sie stolz: „er ist General oder gar Korporal!“ Ja wohl General oder gar Korporal! In Wirklichkeit war jener Soldat aber erst Gefreiter, der wollene Lizen am Kragen und an den Ärmelaufschlägen trug. Doch der Liebe ist alles möglich: sie sieht wollene Lizen für Generals Epaulette an, und ein Faschinenmesser für einen Marschallstab! Und so der Hochmütige. Er hat solche Affenliebe zu sich selbst, dass er sich für einen General hält, wenn er auch erst Gefreiter ist und es höchstens zum Korporal bringen wird.

 

Der Hochmütige bildet sich z.B. etwas auf seinen Vaterort, auf seine Abstammung, auf seine Vorfahren, auf seinen Namen ein; ist sein drittes Stockwerk nicht in Verwirrung? Wie kannst du dir etwas darauf einbilden, in dieser oder jener Stadt geboren worden zu sein! Ist es denn dein Werk, dass du da oder dort geboren wurdest, hast du dich selbst da oder dort geboren werden lassen, hast du vor deiner Geburt da oder dort Absteigquartier bestellt und gemessenen Befehl erteilt, dass da oder dort dein Stammschloss und deine Wiege stehen müssen, oder für dich Brei zu kochen sei? Ist es nicht Gottes Vorsehung, die dich am zweckmäßigsten da oder dort geboren werden ließ, und hätte er dich nicht ebensowohl in Sibirien oder auf den Sandwichinseln geboren werden lassen können? Wenn deine Vaterstadt vielleicht berühmt ist, so hast du durchaus keine Ursache, dir diesen Ruhm zuzuschreiben, diesen Ruhm von deiner Geburt an zu datieren. Bedenke nur, dass deine Vaterstadt berühmt war schon vor dir und ohne dich, und dass ihre Berühmtheit nur ein armseliger Deckmantel deiner Ruhmlosigkeit ist. Wenn du dir etwas darauf einbildest, aus dieser oder jener Familie zu stammen, diesen oder jenen zum Vater oder zum Großvater zu haben; so bedenke doch, dass, wenn diese Einbildung dein einziger Ruhm ist, deine Familie alle Ursache hat, sich deiner zu schämen. Wenn nur fremde Schultern dich emporheben und nur das Familienwappen deine Blöße und Armseligkeiten verhüllen, und das Amt und die Verdienste deines Vaters deinen hohlen Kopf und dein leeres Herz ausfüllen sollen; dann bist du doch gewiss ein eitler Geck, der sich nur mit fremden Federn zieren will.

 

Wenn du dir etwas auf die üppige, paradiesische, romantische Gegend einbildest, in der du geboren bist und wohnst, oder in der deine Güter liegen, o so bedenke doch, dass nicht du, sondern Gott die Berge und Hügel erschaffen, Quellen aus der Erde Schoß hervorsprudeln, die Rebe blühen und die goldene Ähre zeitigen lässt! Dank ihm mit aufgehobenen Händen, dass er dich in solches Paradies geführt hat, und sorge dafür, dass du in ihm keine giftige Schlange und kein schädliches Unkraut bist, sondern bringe in so üppiger, reicher Gemarkung auch reichliche Früchte hervor, Früchte, die würdig sind, ins ewige Leben gesammelt zu werden.

 

Du bist vielleicht stolz auf dein Besitztum, auf deine Errungenschaft, auf dein Vermögen, auf dein Geld. O bedenke doch, dass das alles von Gott dir anvertraute Güter sind, dass sie durchaus nicht dir zu Eigentum gehören, und du nicht nach Belieben und Gutdünken damit schalten und walten darfst. Bedenke doch, dass Gott dich als Verwalter dieser seiner Güter aufgestellt hat und dass er einst eine schwere Rechenschaft über die Verwaltung und Verwendung derselben von dir fordern wird! Rechtfertige das große Vertrauen, das er in dich gesetzt hat, indem er dich als Verwalter seiner Güter auserkor, damit du gewissenhaft und treu mit ihnen sein Reich auf Erden ausbreitest und förderst. Erfahre und fühle es, wie wunderbar es ist, mit diesen von Gott dir anvertrauten Gütern die Not der Armen zu lindern, die Tränen der Verlassenen zu trocknen und Segen zu verbreiten. Gott wird dich dereinst nicht fragen, wie viele irdische Güter du erworben, sondern wie viele himmlische, ewig dauernde du mit den zeitlichen erkauft und gewonnen hast. Bedenke, dass Gott nicht dein Geld, sondern dein Herz wägen, nicht deine Staatspapiere und Obligationen prüfen und an Zahlungs statt annehmen wird, sondern dass er dich fragen wird, wo sind die Hungrigen, die du gespeist, die Durstigen, die du getränkt, die Nackten, die du bekleidet hast? Bedenke, dass der Reichtum für die meisten Menschen eine große Klippe, eine große Gefahr und Versuchung ist, geizig und habsüchtig, unbarmherzig und grausam, stolz und hochmütig, anmaßend und herrschsüchtig, genusssüchtig und weichlich, ausschweifend und unzüchtig, gottvergessen und gewissenlos zu werden! Sagt nicht der Herr: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich“? Und der heilige Apostel Paulus gibt den Grund hiervon in den Worten an: „Die reich werden wollen, geraten in die Fallstricke des Teufels.“ Bedenke, dass du dein zeitliches Gut vielleicht gar nicht nach dem Willen Gottes, sondern nur nach seiner Zulassung besitzt, d.h. dass du gegen den Willen Gottes, durch Geiz und Habsucht, durch Betrug und schreiendes Unrecht zu Vermögen gekommen bist. An wie manchem Gulden hängt saurer Schweiß, hängen Tränen und Blut deines Nächsten! Wie mancher Taler ist Witwen und Waisen, schwer Bedrängten und Heimgesuchten in ihrer Verlegenheit und Not abgepresst! Das ist ungerechtes Gut und ungerechtes Gut schreit zum Himmel um Rache, und auch nicht ein Heller ungerechten Gutes geht in den Himmel ein! Bedenke, dass du von all deinem Geld und Gut gar nichts, auch nicht einen „Dubel“ mit in die Ewigkeit nehmen kannst, und wie schwer und entsetzlich dir der Abschied und die Trennung von deinem Mammon fallen wird, wenn du dein Herz so sehr an den Geldsack hingest. Wie könntest du also stolz sein auf dein Geld und gut! Es ist freilich wahr: die törichte Welt hat vor nichts mehr Respekt, als vor dem Geld, vor recht viel Geld. Sie wägt und schätzt alles nur nach dem Geld. Da heißt es gleich: „Wie schwer ist er oder sie?“ Und so schwer sie sind, so viel sind sie wert! Vor nichts beugt sich die törichte Welt tiefer in den Staub, als vor blinkendem Gold, vor nichts betet sie lieber an, als vor dem goldenen Kalb, keine lieblichere, süßere, bezaubernde Musik dringt in ihr Ohr, als klingende Münze, und kein erhebenderes Bild erfreut ihr Auge, und keinen seligeren Blick in den Himmel gibt’s für sie als das bunte Papier der Geldscheine. Aber gerade um so löblicher und rühmlicher ist es für einen vernünftigen Menschen, und überdies für einen Christen, hiervon eine Ausnahme zu machen, seine Knie nicht zu beugen vor dem Goldenen Kalb, das Geld nicht für das höchste Gut zu halten und auf Geld und Gut nicht stolz zu sein.

 

Du bist vielleicht stolz auf deine Fähigkeit, auf dein Talent, auf dein Wissen und deine Geschicklichkeit. Gerade durch den Stolz verliert aber all dein Können und Vermögen, dein Wissen und Geschick, seinen Wert. Was ist alle Wissenschaft ohne Demut? Lächerliche Torheit. Was ist alle Wissenschaft ohne Weisheit? Ein zweckloses, verführerisches und gefährliches Spielzeug für eitle Toren. Die Wissenschaft ohne Weisheit, d.h. ohne Demut, macht den Menschen töricht. Was nützen dir also Talent und Fähigkeit, Wissenschaft und Kunst ohne Demut, die allein zur wahren Weisheit führt? Das wirkliche Talent und der echte Gelehrte sind auch wirklich demütig, und nur das mittelmäßige Talent und der hohle Kopf sind aufgeblasen und wollen den Stein der Weisen gefunden haben. Der größte Weise des heidnischen Altertums, namens Sokrates, hat gesagt: „Ich weiß nur so viel, dass ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Ja, mit all unserem vielgerühmten Wissen harmoniert die Demut recht wohl, denn unser Wissen ist Stückwerk, es liegt noch in der Wiege und ist winzig klein, im Vergleich mit dem, was wir nicht wissen, und verschwindet gänzlich der Allwissenheit Gottes gegenüber. Und von wem kommt Talent und Fähigkeit, Verstand und Vernunft, Gedächtnis und Vorstellungskraft? Nicht von Gott? Und hätte Gott dich nicht mit einem Wasserkopf, als Kretin und blödsinnig geboren werden lassen können? Dank ihm daher von ganzem Herzen für deine gesunden fünf Sinne und für deine geistige Begabung. Bilde deine Talente aus, so gut du kannst. Verherrliche mit ihnen ihren Spender und setze darein deinen Stolz, mit ihnen nicht der Hölle und ihrem Dienst anheimzufallen.

 

Du bist vielleicht stolz auf deine Tugend, auf dein Kirchengehen, auf den öfteren Empfang der heiligen Sakramente, auf deine Mildtätigkeit und dabei verachtest du deine Mitmenschen, die weniger beten, weniger die Kirche besuchen, weniger die heiligen Sakramente empfangen, weniger Almosen geben. Siehe, von dir, gerade von dir, hat Christus, der Herr, gesagt: du gleichst einem übertünchten Grab, das innen voll Moder und Leichengeruch ist! Du gehst wahrlich nicht wegen Gott in die Kirche, um ihn zu verherrlichen, sondern du gehst in die Kirche wegen dir, um dich zu verherrlichen, du gehst zum Tisch des Herrn nicht aus Liebe zum Heiland, nicht im Geist der Demut, nicht um in ihm den Inbegriff aller Gnaden, zu empfangen, sondern um deinetwillen, um dich über deinen Nächsten erheben zu können, um unter ihnen als Heiliger zu erscheinen. Von deinen sogenannten guten Werken gilt nicht, was Jesus Christus sagte: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,“ nein – nicht ihm zuliebe hast du es getan, sondern dem bösen Feind, dem Geist des Hochmutes zuliebe. Vor Gott besitzt du gar keine Tugend und gar kein gutes Werk, du bist vor seinen Augen ein Gräuel und ein Abscheu. Jesus hat den größten Sündern verziehen, er hat der Ehebrecherin verziehen, er hat dem Petrus seinen falschen Schwur verziehen, er hat dem Schächer am Kreuz verziehen, er hat dem 38jährigen Kranken seine geheimen Sünden verziehen, und warum hat Jesus diesen großen Sündern verziehen? Weil sie demütig, - und darum wahrhaft reumütig, waren. Jesus aber hat keinem einzigen Hochmütigen verziehen: keinem Schriftgelehrten, Pharisäer, Sadduzäer und Hohenpriester, und warum hat Jesus diesen nicht verziehen? Weil sie hochmütig, und darum selbstgerecht, unbußfertig und verstockt waren. Sie fuhren in ihren Sünden dahin. Willst auch du aus Hochmut in deinen Sünden dahinfahren?!

 

Du bist vielleicht stolz auf denen Leib, auf seine Gestalt, Größe, Stärke und Schönheit. Du bist eitel, gefallsüchtig, putzsüchtig. Was soll ich zu dir sagen, wie soll ich deine Torheit schildern! Schau mutig in den Spiegel und betrachte dort deinen dem Tod geweihten Schädel, den Totenkopf, über den Fleisch und Blut noch einen dünnen Schleier gewoben haben. Nicht wahr, solch ein Totenschädel ist etwas Abschreckendes, etwas Schauerliches, etwas Gespensterhaftes! Und trägst du keinen auf deinen Schultern? Was wird über kurz oder lang aus dir geworden sein? Vielleicht schön übers Jahr sucht man dich vergebens unter den Lebenden. Vielleicht schon übers Jahr wird man am Allerseelentag, wenn man auf den Gräbern wandelt, ein Kreuz finden, das deinen Namen trägt. Jedenfalls tut dir dann kein Glied mehr weh. Dann fällt dein Leib, auf den du so stolz warst, der Verwesung anheim. Ja dieser Leib, den du sooft geziert und trainiert hast, geschmückt und geschminkt, gestriegelt, gewaschen und gebügelt, gesalbt, parfümiert und einbalsamiert, gerupft und gestutzt, gestreckt und gezerrt am Barren und Reck, geätzt und gewogen, gequält und kurz gehalten, mit Lappen von Samt und Seide behangen, dieser Leib fällt den Würmern zur Speise anheim! Dieser Leib wird so hässlich und übelriechend, dass du in Ohnmacht sinken würdest, wenn du einen, seit vier Wochen in Verwesung übergegangenen, Leichnam ansehen und einige Zeit in seiner Nähe verweilen müsstest. Welche Torheit, auf diese Speise der Würmer, auf diese Hand voll Staub, dieses Skelett, diesen Totenschädel, stolz zu sein! Sieh diese kahlen Knochen, die das Gehirn bedeckten. Dort wuchs einst üppiges Haar, und wallte in Locken oder künstlichen Flechten über Nacken und Schultern hinab. Und auf dieses Haar warst du so oft so stolz und hast es nicht bloß reinlich gehalten, wie es sich ziemt, sondern viel Zeit und Geld darauf verwendet. Wie manche Stunde standest du vor dem Spiegel und hast, wie Katzen in der Frühlingssonne, deinem Haarwuchs geschmeichelt, wie viel Vanille-, Rosen- und Pergamotöl hast du an ihm versalbt! Und als sie lichter wurden und grau in grau sich mischten, ach – welch ein Herzeleid! Wo ist jetzt an diesem Totenschädel noch eine Spur all dieser Eitelkeit?!

 

Sieh diese Augenhöhlen, ähnlich den leeren Kreuzstöcken zerfallener Burgen und ab- und ausgebrannter Häuser! Hier saßen ehedem zwei Augen, durch die die Seele sprach. Liebe und Hass, Hoffnung und Furcht, Mitleid und Neid, Zorn und Rache, Freude und Schmerz – kurz alle Leidenschaften und Gefühle, edle und unedle, haben hier herausgeleuchtet, gesprüht und geblitzt, und jetzt – wo ist dieses Augenpaar?!

 

Siehe diese Backenknochen! Hier waren einst die Wangen angeheftet, purpurrot, voll Frische und Leben in der Jugend, eingefallen und von Runzeln durchfurcht im Alter, von Tränen befeuchtet im Leiden. Was ist nun aus ihnen geworden?!

 

Siehe diese Kieferknochen und diese Gaumenhöhle! Ehedem waren sie gekrönt mit blendend weißen Zähnen, schön bekleidet mit schwellenden Lippen, ausgerüstet mit der beredten Zunge; jetzt gewahrst du einzelne gelbe Zähne oder noch etliche „Stumpen“ und viele Lücken. Verschwunden sind die reizenden, verführerischen Lippen, zur stummen Erde ist zurückgekehrt die beredte Zunge. Wie viele Sünden sind hier aus- und eingegangen; wer will sie zählen! Wie viel Genusssucht und Naschhaftigkeit, wie viel Unmäßigkeit und Völlerei, wie viele Übertretungen des Fastengebotes, wie viel Sinnlichkeit und Weichlichkeit; wie viele Lügen, Verleumdungen und Ehrabschneidungen, wie viele Kränkungen und Beleidigungen des Nächsten, wie viele Ausbrüche des Zornes und wilde Fluchworte, wie viele Verwünschungen und falsche Beteuerungen, wie viele Heuchelei und Verstellung, wie viel Ärgernis und Verführung, wie viel Unüberlegtheit und bübisches Wesen, wie viele schmutzige, unkeusche Reden und Zoten, wie viel Gedankenlosigkeit im Gebet und trügerische Vorsätze, wie viele Versprechungen und heilige Gelöbnisse – siehe hier: das Sprachrohr Gottes und des Teufels, die Pforte zum Himmel und zur Hölle! Jetzt ist diese Höhle stumm und starr, bis Gott am Jüngsten Tag den Leib auferwecken wird zum Gericht, in Folge dessen er entweder ewig verdammt oder ewig selig werden wird; was mag dann die Seele wünschen, die mit dem auferstandenen Leib, mit diesem Totenschädel wiedervereinigt werden wird? Mit der Zunge ewig Gott zu preisen, oder mit den Verdammten im unauslöschlichen Feuer zu heulen? Das bedenke, damit dein Wunsch nicht zu Wasser werde, sondern einst in Erfüllung gehe!

 

Du bist stolz auf deinen Leib – lieber Freund, bist du besser, Gott wohlgefälliger, mehr wert bei schönem als bei hässlichem Leib? Und meinst du, der böse Feind mache viel Federlesens mit deiner Schönheit, er werde dich vielleicht wegen deiner Leibesbeschaffenheit verschonen und manierlicher traktieren! O wie viel zarte Haut, wie viel blondes Haar, wie viele blaue Augen, wie viele schmucke Gesichtlein, wie viel niedliche Füßlein, mögen in der Hölle sein! Der Herr sagt aber im Evangelium, dass es besser sei, man komme mit einem Auge, mit einem Arm und Bein in den Himmel, als mit zwei Augen, Armen und Beinen in die Hölle. Und im Gleichnis vom Hochzeitsmahl sagt er ausdrücklich: dass zum königlichen Hochzeitsmahl viele von den Straßen und Zäunen zusammengelesen worden seien. Nun da mag denn manch Blinder, Lahmer, Buckliger und Triefäugiger dabei gewesen sein.

 

Du bist eitel auf Puz und Tand, Perlen und Gold, Federn und Stroh – schämst du dich nicht! O wie einfältig, läppisch und lächerlich ist deine Putzsucht und Ziererei! Von all dem Hokus Pokus, den du an und um dich hängst, ist ja nichts dein Eigentum. Die Korallen, die du um den Hals trägst, gehören einem Tier im Meer, die Perlen, die dein Haar schmücken, gehören einer Seemuschel, die Federn auf deinem Hut gehören einem Vogel der Sandwüste, die Seide deines Kleides gehört einem Wurm, das Gold gehört dem Mineralreich und der Strohbusch auf deinem feinen Panamahütchen, das wie eine Barbierschüssel an deinem Hinterhaupt klebt, gehört dem Pflanzenreich an. Also Tiere, Pflanzen und Mineralien müssen ihren Tribut liefern, damit du eitel sein kannst! Wie armselig muss es in deinem Innern aussehen, wie wenig Wert magst du haben und wie wenig Lobenswertes mag an dir sein, dass dir der Vogel Strauß seine Federn, die Muschel ihre Perlen, das Feld sein Stroh leihen müssen, damit etwas Lobenswertes an dir ist, und du zur Geltung gelangen kannst! Und wenn man dich dann lobt, weil du ein wahres Naturalien-Kabinett auf deinem Leib trägst, so beziehst du dieses Lob auf dich und bist so einfältig, dass du nicht einsiehst, dass von Rechtswegen dem Vogel Strauß, der Perlenmuschel und dem Getreidefeld gebühre.

 

Der Hochmut ist aber auch dem Menschen verhasst, allen Menschen, ja selbst den Hochmütigen, verhasst. Das Letztere klingt sonderbar und doch ist es pure Wahrheit. Ja dem Hochmütigen ist am allermeisten der Hochmut verhasst, nicht aber sein eigener Hochmut, sondern der seines Mitmenschen.

 

Heilige Menschen hassen den Hochmut, weil sie wissen, wie sehr dieses Laster Gott missfällig und den Menschen verderblich ist. Sie hassen den Hochmut, weil sie insbesondere erkennen, dass dieses schreckliche Laster das hauptsächlichste Hindernis der Bekehrung ist. Sie wünschen aber nichts sehnlicher, als dass der Sünder sich bekehre, Gott verherrliche und ewig selig werde.

 

Gewöhnliche Alltagsmenschen, die weder Heilige, noch große Sünder sind, die auch in den Himmel kommen wollen, aber nach ihrer Manier auf dem goldenen Mittelweg dorthin zu kommen hoffen, die, einer Fischotter ähnlich, welche, obgleich kein Fisch, doch als Fastenspeis betrachtet wird, schwer einzurangieren und zu sortieren sind; auch sie hassen den Hochmut, weil man eben mit dem Hochmütigen unmöglich auskommen und im Frieden leben kann. Unter Hochmütigen muss man auftreten und sich benehmen wie Rekruten, wenn sie in die Kaserne kommen. Ängstlich sehen sie sich stets um nach Unteroffizier, Feldwebel und Lieutenant. Sie laufen vorsichtig an den Wänden hin und treten so subtil auf, als liefen sie auf Eiern. So muss man sich benehmen unter Hochmütigen. Man muss sich stets fürchten, bei ihnen anzustoßen, sie zu kränken, zu beleidigen, zu erzürnen; man muss stets auf sie Rücksicht nehmen, sie zart behandeln, wie ein rohes Ei; man muss von Zeit zu Zeit das Rauchfass schwingen und sie beräuchern, um sie in guter Laune zu erhalten und Blitz und Donner abzuhalten. Man darf ihnen nie widersprechen, nie ihre salbungsvollen Worte unterbrechen und muss sie hinnehmen und glauben wie Bibeltext und Orakelspruch. Man darf nie ihren Titel, wenn sie überhaupt das unaussprechliche Glück hatten, solch ein Stück Himmel, bei lebendigem Leib, an sich gerissen zu haben, vergessen, also „Herr Rat, Herr Direktor, Herr Inspektor usw.“, sonst fällt man in Ungnade und kommt lebenslänglich ins schwarze Buch. Man muss sich alles von ihnen gefallen lassen; denn, nota bene! man wird von ihnen wegen jedem Pfifferling getadelt, „gerüffelt“, blamiert und geschulmeistert, und dann soll man ihnen erst noch für die gnädige Strafe die gestrenge Hand küssen! Wer mit einem Hochmütigen unter einem Dach leben und ein Geschäft treiben muss, sollte notwendig täglich den Wettersegen beten: „Vor Blitz, Hagel und Ungewitter bewahre uns, o Herr!“ denn da blitzt und hagelt es ums Handumdrehen, da gibt es alle Fingerlang Zorn- und Wutanfälle und Ausbrüche, man ist, wie in den Bergwerken, nie sicher vor schlagenden Wettern. Wer möchte unter einer solchen Wetterwolke wohnen, neben einem solchen sprühenden Feuerherd arbeiten, mit einem solchen „Stachelschwein“ einen Freundschaftsbund schließen! Sie stacheln und verwunden, sie verbittern das Leben und verpesten die Luft.

 

Das Kreuz predigt Demut

 

Der heilige Augustinus sagt: „Wie könnte der Hochmut anders geheilt werden, als durch die Demut des Sohnes Gottes?“ Aus diesen Worten geht hervor, dass nur ein Christ, ein gläubiger Christ, demütig werden kann. Der Ungläubige, der vom Christentum Abgefallene, kann nicht demütig werden, hat gar keine Ursache und keinen Grund demütig zu sein, im Gegenteil: er ist mit Recht hochmütig und stolz, Demut wäre für ihn eine Schwachheit und Torheit. Der Ungläubige anerkennt über sich kein höheres Wesen, und glaubt an kein anderes, jenseitiges Leben. Er glaubt an keine Gerechtigkeit über der Welt, an keinen Himmel und keine Hölle. Sein eigener Wille ist sein einziges Gesetz und die Richtschnur seines Handelns. Es kann also für ihn auch keinen höheren Willen, keine unantastbaren und heiligen Gebote, keine Übertretung derselben und keine Sünde geben. Der Unglaube ist daher der vollendete Hochmut, ist Selbstvergötterung und Selbstanbetung.

 

Der gläubige Christ aber kann demütig werden und hat alle Ursache demütig zu werden. Ihm stehen auch alle Mittel zu Gebote, dieses Ziel zu erreichen. Schon der Name „Christ“ enthält eine Aufforderung zur Demut, und die Worte „hochmütiger Christ“ sind Widersprüche und Gegensätze wie finstere Helle, trockenes Wasser und lebendiger Tod. Du bist Christ! Dieses Wort ist ein mahnender Ruf zur Demut. Jedes Gebet, das der Christ verrichtet, ist ein neuer Sporn zur Demut. Jede Kniebeuge beim Aussprechen des Namens „Jesus“ und vor dem Hochwürdigen Gut ist eine Aufforderung zur Demut. Jede Gnade, die er empfängt, jeder Fehler, den er begeht, und jede Sünde, in die er fällt, jeder Gedanke an Tod, Gericht, Ewigkeit, Fegfeuer, Himmel und Hölle, ist eine Aufforderung zur Demut. Jedes Sakrament, das er empfängt, jedes Kruzifixbild in der Kirche, zu Hause an der Wand und am Weg, ist eine Aufforderung zur Demut. Am Kreuz hängt Gottes Sohn, der König Himmels und der Erde, der Schöpfer des Weltalls, der Schrecken der Hölle. Am Kreuz hängt er nackt, zerschlagen, eine einzige Wunde, verschmachtend. Wer hat sich je so tief erniedrigt? So sehr konnte sich kein Mensch, so sehr konnte sich nur Gott erniedrigen, eben weil er Gott war. Denn wenn auch ein Mensch alles erduldet und aller Erniedrigung, wie Jesus Christus, sich unterworfen hätte, so wäre seine Erniedrigung nicht so tief gewesen, wie diejenige Christi, weil Christus nicht bloß Mensch, sondern zugleich wahrer Gott ist. Das Kreuz Christi bildet aber nur den Höhepunkt und das blutige Ende der Selbstverleugnung, der Selbsterniedrigung und Selbstverdemütigung, der Leiden und Schmerzen Jesu, das Kreuz war gleichsam der Inbegriff alles dessen, was Jesus Christus sein ganzes Leben hindurch unschuldig und demütig gelitten hat. Armseliges Stroh war sein erstes Ruhebett, das Kreuz ist sein letztes. Ägypten war sein erster Verbannungsort, das Kreuz sein letzter. Unzählige Male hat er Hunger und Durst gelitten, am Kreuz leidet er in rasendem Schmerz und bittersten Durst zum letzten Mal. Oft hat er Schweiß vergossen in seinem Leben, zuletzt vergießt er am Kreuz den letzten Blutstropfen. Oft wurde sein liebendes Herz gekränkt und gequält, zuletzt wurde es am Kreuz durchstochen mit einer Lanze. Oft haben ihn seine Feinde gehasst und verfolgt und ihm nach dem Leben gestrebt, zuletzt triumphierten sie über ihn am Kreuz. Unzählige Male haben seine Hände gesegnet und wunderbar geheilt, zuletzt werden sie angeheftet mit grausamen Nägeln ans Kreuz. Er hat alle Wunden geheilt, zuletzt verblutet er an unzähligen Wunden am Kreuz. Er hat die Sünde gehasst mit unversöhnlichem Hass. Zuletzt lastet alle Sündenschuld der ganzen Welt auf ihm am Kreuz. Wer könnte den Heiland am Kreuz sehen und dabei hochmütig bleiben, wer sieht Gottes Sohn unschuldig und blutig sterben am Kreuz, und sinkt nicht nieder am Fuß des Kreuzes und stirbt dem Hochmut, als dem Inbegriff aller Sünde, ab, um Christus, und in ihm, der Demut zu leben! O, wenn der Anblick des Kreuzes dich nicht rührt, dein Herz nicht bricht, dann ist es härter als die Felsen am Kalvarienberg, die beim Tod Jesu am Kreuz barsten, dann ist es in Hochmut und Sünde erstarrter, als jene Totengerippe, die beim Tod Jesu am Kreuz aus dem Grab hervorgingen! Wenn Christi Kreuz deinen Hochmut nicht besiegt, dann, Kind des Verderbens, dann ist für dich keine Hoffnung mehr, dann sind die Würfel über dein ewiges Los gefallen – sie verkünden dir die ewige Verdammung.

 

Der Kirchhof predigt Demut

 

Begleite mich im Geist auf die Gräber, lass uns wandeln über den Särgen, dort lass uns schauen unser wahres Bild, dort lass uns erkennen, wer wir sind, was wir sind, woher wir kamen, wohin wir gehen. Hier unter unseren Füßen schlafen sie, die Leiber derjenigen, die einst, wie du, sich aufgebläht, gerannt und gejagt nach Ehre vor der Welt, gebuhlt um die Gunst der Menschen. Hier unter unseren Füßen modern die Gebeine derjenigen, die einst, wie du, mit dem Tand und Flitter der wahnwitzigen Mode sich geziert und geschmückt, die in kostbaren Kleidern, in Gold und Silber, in Perlen und Edelsteinen geprangt, die ihr Fleisch üppig genährt, die geprahlt mit ihres Leibes Schönheit, Stärke, Größe und Kraft. Hier unter unseren Füßen zerfallen in Staub und Asche die sterblichen Überreste derjenigen, die im Leben nicht im Frieden nebeneinander leben konnten, die einander verachtet, gehasst, verfolgt, beneidet, geschadet, gequält und gemartert: der Tod hat sie nebeneinander gebettet – jetzt herrscht Todesstille: all das Zanken, Geifern, Schelten, Toben und Rasen ist verstummt! Hier, unter unseren Füßen werden von den Würmern verzehrt die Totengerippe derjenigen, die unersättlich Geld und Gut zusammengerafft und gescharrt, um durch Reichtum sich emporzuschwingen und zur Herrschaft zu gelangen. Hier unter unseren Füßen verwesen die Leiber derjenigen, die, von Hochmut verblendet, frühzeitig in ihren Kindern den Hochmut, den Stolz, die Eigenliebe und die Herrschsucht weckten und großzogen, und denen dann zu spät die Augen aufgegangen sind, als ihre eigenen Kinder sie verachtet, verspottet, unterdrückt, kalt und herzlos, stolz und übermütig von sich stoßen. Siehe, hier in diesen Gräbern sanken sie ohnmächtig zusammen, die sich niemand unterwerfen wollten, die frech und trotzig gegen weltliche und geistliche Obrigkeit sich auflehnten, jede Schranke durchbrochen und zügellos jedem Gesetz Hohn sprachen! Siehe, hier in diesen Gräbern fallen sie der Vergessenheit anheim, die ihre Namen unsterblich machen, die sich ein bleibendes Denkmal setzen und im Andenken der Menschen nie untergehen wollten! Ach, was ist jetzt aus ihnen geworden, wer kennt noch ihren Namen, wer erzählt noch ihre Taten! Zur irdischen Unsterblichkeit in der Weltgeschichte, gehören entweder wirkliche Großtaten und außergewöhnliche Verdienste und überdies gewöhnlich noch eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft, nebst Glück, fabelhaftem Glück, oder eine beispiellose Schlechtigkeit, Grausamkeit und himmelschreiende Verbrechen. Nur wenigen ist es, wie dem Malchus beschieden, wegen eines abgehauenen Ohrs, oder wie einem Diogenes, wegen seiner Herberge im Fass, wie einer Xantippe, wegen einem bösen Mundstück, weltberühmt oder unsterblich zu werden; die wenigsten werden über den engen Kreis ihrer Heimat und ihres Vaterortes bekannt, und kaum haben sie die Augen zugetan, so kräht auch kein Hahn mehr nach ihnen, was in den meisten Fällen auch sehr wünschenswert ist; denn der Hahnenschrei verkündet in der Regel veränderliches, schlechtes Wetter.

 

Doch siehe, hier steht ein Grabstein, also doch eine Art von irdischer Unsterblichkeit, ein schwacher Versuch, seinen Namen der Vergessenheit zu entreißen. Lass uns seine Schrift entziffern! Der Zahn der Zeit hat schon arg an ihr genagt, Wind und Wetter haben die Goldschrift abgewaschen und hinweggefegt, und Flechten überspinnen den ganzen Stein. Nur schwer können wir die Worte zusammenbuchstabieren: „Hier ruhet N. N., gewesener Stadtzwölfer, gestorben den 12. Jenner 1764. R. I. P.“ Die drei lateinischen Buchstaben am Schluss heißen: „Er ruhe in Frieden.“ Also N. N. der „Stadtzwölfer“. Das Geschlecht N. N. ist längst ausgestorben, obgleich erst hundert Jahre seit dem Tod dieses Stadtzwölfers zerronnen sind. Nur den ältesten Personen gedenkt man es noch, dass vor vielen Jahren der letzte des Namens N. N. gestorben ist. Und „Stadtzwölfer“ – was ist das für ein Name, für ein Amt oder Stand? Ja dies ist auch schon lange her, dass in den ehemaligen freien Reichsstädten der hochlöbliche Stadtmagistrat gewöhnlich aus zwölf Personen bestand, weswegen man eine jede Magistratsperson „Zwölfer“ nannte. Sieh also, das ist unsere Unsterblichkeit, so nimmt alles Irdische ein Ende, es zerfällt in Staub, Würmer und Motten, Sturm und Wetter zerstören alle irdische Größe und Herrlichkeit – ist das wohl Grund und Ursache zu Hochmut und Stolz! Wahrlich, der Kirchhof und die Gräber, die machen dir einen gewaltigen Strich durch deine Rechnung, die verrücken dir arg das Konzept, die ziehen unbarmherzig den Schleier von deiner Armseligkeit und Blöße, die blasen dein kindisches Kartenhaus irdischer Größe schonungslos über den Haufen und untergraben deinen Hochmut und deinen Stolz. Und du – wie lange vermeinst du noch unter den Lebenden zu wandeln, auf wie lange hast du deine Rechnung gestellt? Hast du vielleicht einen neuen Kontrakt mit dem Tod abgeschlossen? Ach, was ist das längste Leben! Ein kurzer Traum! Tausend Jahre sind vor Gott wie der vergangene, gestrige Tag, wie etliche Stunden der Nacht. Bald, vielleicht sehr bald, jedenfalls eher, als du vermutest, wird man von dir sagen: „er ist nicht mehr“. Dann wirst auch du vermodern und verwesen, und eine Beute der Würmer werden, und in kurzer Zeit wird niemand mehr deiner gedenken. Und nichts, gar nichts wirst du mit hinübernehmen, als deine arme, unsterbliche Seele und deine Werke, die guten und die bösen. Ich frage dich nun, worauf willst du hochmütig und stolz sein? Du, eine Blume, die heute blüht und morgen welkt; du, eine Eintagsfliege, die am Morgen geboren wird, und am Abend stirbt; du, eine Seifenblase, die einen Augenblick im Sonnenschein sich wiegt und dann zerplatzt; du, eine Hand voll Staub, den der Wind verweht; du, ein Wurm, der im Staub kriecht; du, der nackt und bloß ins Leben trat und in einem Totenhemd die Welt verlässt; du, so voller Fehler, Mängel, Gebrechen und Leidenschaften; du, ein armer Sünder, der schon tausendmal die Hölle verdient hat; du, ein elender Bettler, der täglich nur vom Almosen der göttlichen Barmherzigkeit zehrt – ich frage dich: worauf bist du hochmütig und stolz? Antworte!

 

Abschreckende Beispiele predigen Demut

 

Keine Sünde, kein Laster und keine Leidenschaft rast, tobt und mordet so schonungslos und grauenhaft unter den Menschen, wie der Hochmut, keine hat die Erde so sehr mit Blut befleckt und verwüstet, wie der Hochmut. Von Kain an, der aus Hochmut seinen frommen Bruder Abel erschlug, bis heute, mordet und würgt und sengt und brennt dieses höllische Laster, der Hochmut, auf Erden. Ich will zum Beweis dessen Tatsachen, die sowohl längst hinter uns liegen, als auch solche neueren Datums anführen.

 

Im letzten italienischen Krieg (diese Zeilen wurden 1863 verfasst) kamen etwa hunderttausend Menschen ums Leben, mindestens noch einmal so viele wurden zu Krüppeln geschossen und gehauen, und vielleicht viermal hunderttausend kamen an den Bettelstab. Wer hat nun diese hunderttausend Menschen getötet und die meisten von ihnen im Stand der Ungnade, in Todsünden, ohne Empfang der heiligen Sakramente, in die Ewigkeit geschickt? Der Hochmut, die Herrschsucht. Wer hat so viele Tränen vergossen, so viele Wunden geschlagen, so viele Menschen für ihren Lebtag unglücklich gemacht und an den Bettelstab gebracht? Der Hochmut, die Herrschsucht. Das allein sind die rechten Namen hierfür. All die Worte: „Schmerzensschrei, Nationalität, Befreiung unterjochter Völker“ sind hier, bei diesem Exempel, eitel Lug und Trug, sind ein heuchlerischer Vorwand zur Beschönigung grenzenlosen Hochmutes und blutdürstiger Herrschsucht.

 

Wer zählt die armen Schlachtopfer, die zur Aufrechterhaltung des europäischen Gleichgewichts in der Krim hingewürgt worden? Und was ist dieses europäische Gleichgewicht? Der vollendetste Neid und die Eifersucht der Großen, von denen einer dem andern jeden Brocken vom Mund hinwegschnappen möchte. Worin besteht dieses europäische Gleichgewicht? Darin, dass einer dem andern misstrauisch die Seelen, Soldaten, Quadratmeilen, Heller und Pfennig nachrechnet und hinterwärts zu schaden sucht, dass bald dieser, bald jener neutral bleibt, bald sich in fremde Händel einmischt, bald ruhig und schadenfroh zusieht, wenn einer oder der andere zum Besten und Frommen dieses abenteuerlichen Gleichgewichts eine schwere Tracht Prügel erhält. Dazu ist das Blut und Mark der Völker gut genug, dass es der Großmannssucht, dem Neid, der Eifersucht, und einem Hirngespinst, das der Hochmut ausgeheckt, eben diesem europäischen Gleichgewicht, zum Opfer gebracht wird. Wie viel Ströme Blut sollen noch fließen, wegen bemalten Grenzstöcken, beleidigten Flaggen und unfreundlichen Neujahrsgrüßen? O, würde sich jeder Staat einzig um das Wohl und Weh seiner Untertanen und um ihr zeitliches und ewiges Wohl bekümmern, dann bräuchten wir weder gezogene noch ungezogene Kanonen, dann hätten wir keine so drückende Militär- und Schuldenlast, und Religion und Sitte, Künste und Wissenschaften, Handel und Gewerbe blühten!

 

In der letzten Menschenschlächterei zwischen Maroniten und Drusen, sind ungefähr 25.000 Christen ums Leben gekommen: Männer, Frauen und Kinder. Wer hat dieses Blut vergossen? Der Hochmut, der religiöse Fanatismus, d.h. der Religionshass.

 

Hochmut kommt vor dem Fall

 

Zu Ende des 18. Jahrhunderts trat ein Mann auf, der schnell eine schwindelnde Höhe des Ruhmes und der Macht erklommen hatte. Völker und Fürsten erzitterten vor ihm, beugten sich vor ihm, legten ihre Kronen zu seinen Füßen, oder ließen sich als untertänige Trabanten durch seine Hand auf Throne heben. Zwei Päpste schleppte er in die Gefangenschaft, weil er keinen Schein von Selbstständigkeit und Gewalt neben sich dulden und ertragen konnte. Unzählige Kriege führte er, zu denen er die Ursache vom Zaun brach, denn nicht zu einem einzigen von ihnen war gerechter Anlass gegeben. Unzählige Schlachten schlug er, Ströme von Blut vergoss er, Milliarden verschlangen seine Heere, Jammer und Elend bezeichneten den Weg, den er durch die Länder genommen hatte. Und wo starb er? Auf einer Felseninsel des atlantischen Ozeans als Verbannter. Ist es nötig, euch seinen Namen zu nennen?

 

Einer seiner Generäle, namens Berthier, der die römische Republik proklamiert und den Heiligen Vater, Papst Pius VI., der in Valence in der Verbannung starb, aufs unverschämteste und übermütigste behandelt hatte, stürzte sich in Bamberg aus einem Fenster des 3. Stockwerkes auf die Ludwigstraße, als eben (es war am 1. Juli 1815) die Russen durch diese Stadt nach Frankreich zogen.

 

Als Herzog Heinrich der Löwe vom deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa seines Herzogtums für verlustig erklärt und aus Deutschland verbannt wurde, fuhr er durch die Stadt Bardewik. Im Übermut und aus Schadenfreude verlachten die Bewohner dieser Stadt Heinrich, ihren Herzog. Anno 1189 nahm er aber hierfür schwere Rache. Er eroberte diese Stadt, ließ alle Männer in ihr umbringen und machte sie dem Erdboden gleich.

 

Geßler, der Landvogt von Uri, war ein hochfahrender, gewalttätiger und trotziger Mann, der die Bewohner des Gaues Uri mit unerhörter Gewalttat bedrückte. Er ging in seinem Stolz und Übermut so weit, einen herzoglichen Hut auf einer hohen Stange auszustellen und zu befehlen, dass alle Vorübergehenden vor ihm ihr Haupt entblößten. Wilhelm Tell, ein Ehrenmann und wackerer Schütze, weigerte sich dieser Niederträchtigkeit, wurde ergriffen und genötigt, einen Apfel von seines Kindes Haupt zu schießen. Er vollführte glücklich dieses Wagestück, wurde aber trotzdem über den Vierwaldstädtersee geschleppt, weil er dem Geßler erklärt hatte: er hätte mit dem zweiten Pfeil in seinem Köcher, das Herz des Landvogts durchbohrt, wenn er den Apfel auf dem Haupt seines Kindes nicht getroffen haben würde. Unversehens entsprang Tell aus dem Schiff, auf dem Geßler selbst ihn jenseits des Sees in sichern Gewahr verbringen wollte, und erschoss dann in einem Hohlweg bei Küssnacht diesen hochmütigen und tyrannischen Landvogt, anno 1307 im Spätjahr.

 

Die stolze Kaiserin Irene wurde von ihrem Sohn Constantin genötigt, ihm die Zügel der Regierung zu überlassen und sich ins Privatleben zurückzuziehen. Dann sann sie auf Rache, schmiedete Ränke und zettelte eine Verschwörung gegen das Leben ihres eigenen Sohnes an. Nachdem er ermordet worden war, bestieg sie wieder den Thron und regierte allein und uneingeschränkt. Allein bald verschworen sich ihre Feinde auch gegen sie, stießen sie vom Thron und jagten sie ins Elend. Arm und verlassen starb sie in der Verbannung.

 

Ein eingefleischter Freiheitsschwindler, Hochmutsnarr und verbissener Religionsspötter, der Herausgeber einer wühlerischen Zeitung in Breslau war, ritt anno 1862, an einem Sonntag, nach einem benachbarten Ort. Sein Weg führte ihn über eine Brücke, vor der ein Kreuz steht. Beim Anblick des Kreuzes stieß nun dieser hochmütige Gottesleugner folgende Gotteslästerung aus: „Wie kann man im neunzehnten Jahrhundert noch derartige Überbleibsel von mittelalterlicher Dummheit und katholischem Blödsinn an öffentlichen Wegen dulden – das ist mir unbegreiflich!“ Kaum hatte er diese schrecklichen Worte gesprochen, bäumte sich sein Pferd und schleuderte ihn mit solcher Gewalt aus dem Sattel in das Brückengeländer, dass seine Kinnlade zersprengt wurde; und dann versetzte es ihm noch einen Hufschlag auf die Brust, der seinem elenden Leben plötzlich ein Ende machte.

 

Wie ein anderer Hochmutsnarr von einem Gottesleugner bis an die Ohren im Kot steckt und sich, den eigenen Herrgott, nicht herausziehen kann,

 

oder

 

Ein selbstgemachter Menschen-Gott

Ist einer alten Frauen Spott.

 

Der englische Gelehrte und Gottesleugner David Hume, der es für eine Schande hielt, an einen Gott zu glauben, zu einem Gott zu beten, von einem Gott abhängig zu sein, und dessen Eitelkeit und Hochmut es vielmehr zusagte und schmeichelte, selber den Herrgott zu spielen, dieser David Hume wohnte in der großen Stadt Edinburg, die durch ein sumpfiges Wasser in zwei Teile, in die Alt- und Neustadt, getrennt wird. Eine schöne Brücke führt von einem Stadtteil zum andern. Eines Tages wollte nun David Hume von der Neustadt in die Altstadt hinüber. Da er aber, obgleich sein eigener Herrgott, nicht hinüberfliegen konnte, und doch, wegen pressanten Geschäften, den weiten Weg zur Brücke nicht zurücklegen wollte, so wagte er sich auf einen, aus schwachen Brettern bestehenden Notsteg, um auf ihm schleunigst auf die andere Seite zu kommen.

 

O David Hum`!

Ein guter Krumm

Ist ja nichts um;

Der Steg ist nicht so dumm,

Er bringet deine Gottheit um.

 

Kaum ist unser David über etliche Bretter geeilt – krach – da liegt der Herrgott im Kot und Schlamm und zappelt und schlegelt und schreit, dass es zum Erbarmen ist. Eine alte Frau, die sich in der Nähe befindet, eilt herbei, um den Unglücklichen herauszuziehen. Schon reicht sie ihm die Hand, da sieht sie aber, dass es der Gottesleugner Hume ist. Entsetzt fährt sie zurück und ruft: „Ihr seid ja Hume, der Gottesleugner, zieht euch selbst heraus!“ In Todesangst schreit Hume: „So wahr ein Gott im Himmel lebt, ich bin kein Gottesleugner!“ „Nun,“ antwortete die Frau, „wir wollen sehen. Betet einmal den „Glauben!“ Todesschweiß auf der Stirn, dem völligen Untersinken nahe, betet unser David fein, sauber den ganzen „Glauben,“ und nachdem er damit geendet, zog ihn die alte Frau aus dem Kot. Was glaubst du, wenn man alle Hochmutspinsel, die im frechen Übermut Gott leugnen, in den Kot steckte und ihnen die Wahl ließe, entweder den „Glauben“ zu beten und einen Gott zu bekennen oder unterzugehen, wie viele würden wohl das Letztere wählen? Wahrscheinlich kein einziger.

 

Als er einst mit einer vornehmen Dame, die durch den Gottesleugner Voltaire zum Abfall vom Glauben gebracht worden war, zum Sterben kam, und sie auf dem Totenbett andere Gedanken bekam, und es, wie man zu sagen pflegt, fast nicht ersterben konnte, ließ sie den Gottesleugner kommen und offenbarte ihm ihre Seelenqual, ihre Gewissensbisse, ihre Glaubenszweifel und ihre Todesangst. Und was, glaubst du wohl, hat dieser Apostel des Unglaubens seiner sterbenden Schülerin geantwortet? Er sagte: „Madam, wählen Sie das Zuverlässigere! Für den Fall, dass es doch einen Herrgott gäbe, und die Seele unsterblich wäre; lassen Sie einen Priester kommen!“ Und das tat sie und ist dann mit Gott versöhnt und ruhig gestorben. Und das hat Voltaire auf seinem Totenbett auch noch tun wollen, aber er hat diese Gnade nicht mehr erlangt, seine sogenannten guten Freunde haben ihn daran gehindert.

 

Der Hochmut bringt aus einer Goldgrube an den Bettelstab

 

In einer wohlhabenden Stadt des Rheintales lebte eine vornehme, reiche Familie in den glücklichsten Verhältnissen. Ein einträgliches Geschäft, das man nicht umsonst „Goldgrube“ nennt, vergrößerte von Jahr zu Jahr das Vermögen, alles ging nach Wunsch und Verlangen, und man glaubte allgemein: wenn jene Familie Kieselsteine in den Garten gesät hätte, so wären Kronentaler aufgegangen. Solch unerhörtes Glück konnte sie aber nicht ertragen. Hochmut, Übermut, Verschwendung, Genusssucht und Gottlosigkeit rissen ein. Herr und Knecht, Madam und Magd in jenem Haus besuchten den Gottesdienst höchstens an den Hauptfesten des Jahres, und da bloß deswegen, um eine neue Pariser Mode zur Schau zu tragen. Man verachtete den Nächsten, hoch und nieder, reich und arm als – Bettelpack. Man lebte in Saus und Braus, schwelgte, prasste, und die Gesellschaften, Bälle, Unterhaltungen, Ausflüge, Vergnügungs- und Badereisen wollen kein Ende nehmen. Kein Familienglied bekümmerte sich um das Geschäft und die Führung des Hauswesens, das überließ man, um guten Lohn, dem Gesinde und Geschäftsführern, die aber mehr für sich, als für ihre Herrschaft bedacht waren. Von Kindererziehung war natürlich keine Rede. Die drei ungezogenen, gottlosen Söhne mussten studieren, und ihr Studieren kostete schweres Geld. Keiner brachte es zum Ziel. Hungrige Speichellecker und lobhudelnde Schmarotzer, schlaue Duzbrüder und honigsüße Kaffeeseelen plünderten täglich Tisch und Tasche, Speicher und Keller. „Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang“, und „das Verderben schreitet schnell“, sagt einer unserer großen Dichter. Und sein Wort ist wahr. Der Wahn war kurz, die Reu war lang, und das Verderben schritt sehr schnell. Zuerst munkelte man von Geschäftsstockung, von Zahlungseinstellung und von Kreditlosigkeit. Dann hörte man von ungeduldigen, zudringlichen Gläubigern, die bezahlt sein wollten, von Möbeln, die unter der Hand verkauft, und von Kostbarkeiten, die versetzt wurden. Endlich brach Gant aus, alles kam unter die Schelle und wurde versteigert. Dahin war aller Glanz, aller Prunk, alle Herrlichkeit – der Bettelstab war allein übriggeblieben! Als ich anno 1846 durch das Rheintal wanderte, sah ich einen Mann am Weg, ganz bestaubt, schweißtriefend, in drückender Sonnenglut, Steine klopfen. Ich sah es dem Mann am Gesicht an, dass er ehedem etwas Besseres müsse getrieben haben. Absichtlich blieb ich deswegen bei ihm stehen und stellte eine gleichgültige Frage an ihn. Wie staunte ich, als ich in diesem Steinklopfer jenen einst so reichen, hochmütigen und genusssüchtigen Mann erkannte! Und als ich ihn fragte: „Seid Ihr wirklich jener ehedem so reiche, angesehene Mann?“ gab er mir, mich erkennend, zur Antwort: „Ja, der bin ich wirklich, so tief hat der Hochmut mich erniedrigt“, und eine Träne rann über die bestaubte, tief durchfurchte Wange. Armer Mann, wie bitter mag für dich das Steinklopfen sein an der Landstraße, wenn die an dir vorüber gehen, die dich ehedem in deinem Glück und Übermut gesehen, jetzt aber deiner spotten. Wenn prächtige Wagen an deinem Steinhaufen vorüberfahren und an das Andenken an bessere Tage in dir wach rufen, in denen auch du, in weichen Kissen dich wiegend, in fürstlicher Equipage, Vergnügungsreisen unternahmst. Damals hast du Gold regnen lassen, jetzt aber überschütten dich diese Equipagen mit Staubwolken, durch die dein Schweiß und deine Tränen rinnen. Als ich mich der Stadt näherte, bei der ich diesen Steinklopfer getroffen hatte, begegnete mir eine tiefgebeugte, in Lumpen gehüllte, verwitterte, weibliche Gestalt, die in einem schmutzigen Tuch das Essen trug. Und diese Gestalt war die Frau jenes Steinklopfers. Ehedem eine majestätische Figur, die Königin in jeder Gesellschaft, angebetet von hundert Verehrern, gehüllt in Samt und Seide, Edelsteine in den Haaren, reichgefasste Diamanten an den Fingern, und jetzt – wie vom Galgen gefallen. Siehe, das ist die Folge, das der Fluch des Hochmutes. Wer möchte von ihm getroffen werden?!

 

Darum mit Feuer und Schwert gegen dieses höllische Laster! Glaube aber ja nicht, da du jetzt, so Gott will, in Feuereifer geraten, man könne es mit einem Ruck aus den Angeln heben, mit einem guten Vorsatz aus dem Herzen reißen, oder, wie ein schadhaftes, unbrauchbares Geschirr durch einen Wurf an der nächsten, besten Wand, zertrümmern – sachte, guter Freund! Jerusalem ist nicht in einem Tag zerstört worden, und die Vögel verlieren in der „Mauser“ nicht auf einmal die alten Federn. Langsam hat der Hochmut sich in dein Herz geschlichen und eingenistet, langsam hat er Gewalt über dich erlangt, langsam nur, aber mit unerschütterlicher Festigkeit, kann er darum vernichtet werden. Und wo der Hochmut weicht, musst die Demut Schritt für Schritt nachfolgen, sonst kehrt der Hochmut wieder, wie der ausgefahrene, unreine Geist im Evangelium. Wie aber das vollbringen? Das lehrt dich das folgende

 

Rezept:

 

1. Lege vor allem eine würdige Beicht ab, und kommuniziere mit dem sehnlichen Verlangen nach christlicher Demut und mit der Bitte an Jesus Christus um diese Tugend.

 

2. Verrichte dein Morgen- und Nachtgebet längere Zeit auf dem Boden kniend.

 

3. Rede wenig und schweige bei erlittenen Beleidigungen.

 

4. Entferne die Reizmittel des Hochmutes, hänge für einige Zeit den Spiegel verkehrt an die Wand, tue Schmucksachen aus den Augen, ziehe ein minder schönes, minder akkurat sich anschmiegendes Kleid an, hänge deine Krinoline (Reifrock) in den Schornstein, wenn sie dort Platz hat, bleib hier und da von der Gesellschaft weg.

 

5. Schaue oft in dein Inneres, und erwäge die Menge und Schwere deiner Sünden.

 

6. Gehe zuweilen alleine auf den Kirchhof und versenke dich im Geist in des Grabes Tiefe.

 

7. Versetze dich im Geist öfters auf das Totenbett und vor den Richterstuhl Gottes.

 

8. Wirf hier und da einen Blick in der Hölle Schlund, in den Gott die hochmütigen Engel warf, und schaue öfters empor zu des Himmels Höhen, wo diejenigen thronen, die demütig von Herzen waren, und frage dich dann: wohin willst du?

 

9. Betrachte oft und mit Aufmerksamkeit deinen Heiland am Kreuz und am Fuß des Kreuzes die „Mutter der Schmerzen“, die sich selbst „Magd des Herrn“ nannte.

 

Nimm schließlich von obiger Mixtur sechs Wochen lang täglich einen Fingerhut oder bloß eine Messerspitze voll und dir ist geholfen für Zeit und Ewigkeit.