Das wilde Wasser

 

Marien-Märchen

 

von

 

Hannelore Gerntholtz

 

 

* * *

 

In deines Tempels hohem Kuppelsaal

knie ich auf breiten rotgedeckten Stufen

und sehe staunend dich zum ersten Mal,

du lichtes Bildnis in dem goldnen Gral,

zu dem die Müden dieser Erde rufen.

 

Du hältst dein Kind in deinem weißen Schoss

mit mütterlicher inniger Gebärde

und gibst es doch von deinem Herzen los

und opferst es in Demut still und groß,

dass es den Menschen zum Erlöser werde.

 

So reich auch mir nun meines Lebens Brot -

hast du dein Antlitz mir nicht zugewendet?

Du zählst die Seufzer doch aus jeder Not

und hebst die Tränen alle auf zu Gott

und hast so vielen deinen Trost gespendet.

 

Ich beuge meine Stirn vor deinem Thron,

du Königin des Himmels und der Erde!

Du trägst auf deinen Armen Gottes Sohn

und mit ihm aller Schmerzen Dornenkron,

gib, dass vor dir mein Herz nun stille werde.

 

* * *

 

Wie viele sind zu deinem Wunderbild gekommen,

Maria voller Gnaden, bitt` für mich!

Die Pilger dieser Welt, die Büßer und die Frommen,

sie haben an der Wallfahrt teilgenommen

und knien neben mir und beten. So wie ich.

 

Ich höre ihre Stimmen wie ein dunkles Klagen,

Maria voller Demut, bitt` für mich!

Und ihre Herzen wie ein banges Flügelschlagen,

denn alle haben eine Last zu tragen,

die bringen sie nun dir. Genau wie ich.

 

Ich sehe ihre Augen, stumpf von vielen Tränen,

Maria voller Liebe, bitt` für mich!

So viele Seufzer! So viel schweres Stöhnen!

So vieler mattgewordner Wünsche Sehnen!

Ich weiß, sie werfen alle Hoffnung nur auf dich!

 

Ich wende mich zu dir und küsse deine Füße,

Maria, Mutter Gottes, höre mich!

Gib allen deines Trostes Wunderkraft und Süße

und in den Mantel des Erbarmens schließe,

was sich dir anvertraut. Wir brauchen dich!

 

* * *

 

Voller Demut neig` ich mich

vor dem Gnadenbild.

Voll Erbarmen zeige dich,

o Maria mild!

 

Bin gegangen viele Stund`

um dich anzuflehn: 

heile meines Herzens Wund`

o Maria schön!

 

Nimm den Dorn aus meiner Brust,

der mir schaffet Pein.

Du, die nie von Schuld gewusst,

o Maria rein!

 

Wend` dein Aug` nicht von mir ab,

o Maria süße!

Wenn ich auch gesündigt hab`

sieh, ich büße - büße . . .

 

* * *

 

Wie still es ist im weiten Raum,

den Dämmrung nun umhüllt.

Allein ein goldner Kerzenflaum

erhellt den weißen Kleidersaum

der Mutter Jesu mild.

 

Aus Silberschalen lässt Jasmin

viel blasse Sterne schnein -

die Rosen funkeln wie Rubin

und schwere süße Düfte ziehn

zum lieben Kindelein.

 

Da hebt ein frommes Singen an

und steigt so rein empor

wie einer Abendglocke Klang,

und voll erwidert der Gesang

der Gläubigen im Chor.

 

Maria aber mit dem Kind

erhebt vom Thron sich sacht

und steigt hernieder, goldumrinnt,

und segnet, die beisammen sind,

für eine gute Nacht.

 

* * *

 

 

Die weiße Kerze

 

Auf dem Altar vor dem Gnadenbild brannte eine weiße Kerze. Ein mattgoldener Kreis fiel auf das große Buch, das aufgeschlagen auf dem Samtpult ruhte, und brach sich vielfach in den Blumenschalen. Sonst war es dunkel in der Kapelle.

 

„Ich brenne . . .“ flüsterte die Kerze.

 

„Ich brenne . . .!“ Es klang wie ein Gebet.

 

„Für die Allerseligste Jungfrau! Für Maria, die gebenedeit ist unter den Frauen!“ sagten die Lilien und neigten ihre Häupter, die durchsichtig waren wie Porzellan.

 

„Die Allerseligste Jungfrau?“ wiederholte die Kerze, „ich kenne sie nicht. Ich kenne nur den Priester mit der blassen Stirn, der mich entzündet hat. Für ihn brenne ich. Für ihn!“

 

Die Lilien erbleichten.

 

„Du lästerst die Gottesmutter!“ sagten sie drohend.

 

„Sie lästert . . .“ flüsterten die jungen Rosen erschrocken und wurden noch röter.

 

„Lästern?“ fragte die Kerze staunend, „was ist lästern? Ich brenne, seht ihr das nicht?“

 

„Du brennst für einen Priester! Das ist Sünde, denn er ist ein Mensch. Nur wer der Jungfrau dient, tut gottgefällig!“ erwiderten die Lilien.

 

„Ich diene, wem ich lebe –“ sagte die Kerze still, „und lebe, wem ich meine Flamme verdanke. Ich frage nicht, ob es ein König ist, ein Bettler oder ein Priester. Was heißt „für Mensch oder für Gott? Ich habe nur eine Flamme!“

 

Die Lilien erhoben sich stolz.

 

„Auch wir haben nur ein Leben und doch opfern wir es für sie!“

 

Und die Rosen nickten:

„Auch wir haben nur einen Duft, aber ihr allein ist er geweiht!“

 

„Hörst du es?“ mischte sich das Messbuch in das Gespräch. Seine Stimme war dunkel vor Zorn. „Du bist unwert, neben ihnen zu stehen. Du bist unheilig!“

 

„Unheilig?“ flüsterte die Kerze und hob ihr strahlendes Haupt. „Unheilig? Mich verzehrt die Heiligkeit meines Daseins. Ich trage die ewige Flamme. Seid ihr denn blind dafür?“

 

„Du Ruchlose!“ rief das Messbuch. „In weniger als drei Stunden wirst du verlöschen, weil du dich selbst verbrennst. Ewig allein ist das Wort, das ich verkünde. Denn es ist die Wahrheit!“

 

„Die Wahrheit!“ flüsterten die Lilien ehrfurchtsvoll. Die Rosen aber schlugen die Augen nieder. Sie wagten keinen Zusatz.

 

In der Kapelle wurde es still.

 

Die weiße Kerze brannte.

 

Sie dachte an den Priester. Er hatte sie ins Leben gerufen. Er hatte sie leuchten gemacht. War es wirklich Sünde, ihm zu dienen?

 

Sie blickte auf. Ihre goldenen Augen waren verschleiert, aber durch diesen Schleier sah sie, wie die Madonna auf sie herniederlächelte.

 

„Ist es Sünde?“ fragte sie.

 

Da geschah das Wunder, dass Maria aus ihrem Rahmen trat. Sie ließ sich sanft auf die Knie gleiten und schob das Tuch, das sie halb über ihr Kind gezogen hatte, zur Seite. Die Kerze blickte in die Augen des Knaben, und plötzlich begann ihre Flamme zu zittern.

 

„Wie wunderbar –“ dachte sie erschüttert – „ich kann mich in ihnen Spiegeln. Zwiefach! Wie in Schalen von Onyx fängt sich mein Feuer. Nie habe ich gewusst, wie golden es leuchtet. Nie habe ich gewusst, wie schön es ist! – Wer bist du?“ seufzte sie.

 

Die Madonna lächelte wieder.

 

„Es ist mein Sohn. Der Herr der Welt. Willst du ihm deine Flamme schenken?“

 

„O, Mutter Gottes! flüsterte die Kerze, „ich bin es nicht wert, denn sie sagen, ich sei unheilig und habe dich gelästert. Nimm die Reinheit der Lilien und den Duft der Rosen und umkränze mit ihnen dein Kind. Weißt du nicht, dass ich nur einem Priester diene?“

 

Maria wurde ernst.

 

„Warum dienst du einem Priester?“ fragte sie.

 

„Er hat mich zum Leben gebracht!“

 

„Liebst du ihn?“

 

„Ja!“ sagte die Kerze still. „Ja! Lebt man nicht allein, um zu lieben?“

 

Die Madonna schwieg, aber ein wundersames Leuchten brach aus ihren Augen.

 

„Willst du meinem Sohn deine Flamme schenken?“ fragte sie wieder. Und als hätte das Kind begriffen, was sie sagte, beugte es sich plötzlich vor und streckte seine Hände nach dem Licht.

 

Die Kerze neigte sich demütig.

 

Da lächelte die Jungfrau zum dritten Mal, und mit ihrem weißen Finger berührte sie die Flamme, dass sie an ihm hängen blieb wie ein goldener Tropfen. Dann führte sie ihn behutsam einmal um das Haupt des Kindes. –

 

Als der Priester die Kapelle am Morgen betrat, sah er, dass die Kerze, die er der allerseligsten Jungfrau entzündet hatte, erloschen war. Er blickte auf. Da gewahrte er staunend über dem Kopf des Jesusknaben einen Heiligenschein aus mattem Gold.

 

Der Rosenkranz

 

Es wuchsen nur Rosen in dem Garten.

 

Rosen in den Farben der Morgenröte und des gelben Bernsteins. Rosen, die weißer waren als die Flügel der Schwäne und andere, deren Blüten rosig schimmerten wie das Innere einer Muschel. Es waren Rosen aus aller Herren Länder, und die Schmetterlinge, die sie umgaukelten, wurden trunken von ihrem Duft und die Bienen müde, ihren Honig einzusammeln. Die Vögel aber trugen das Lied von ihrer Schönheit um die Welt, und die Winde breiteten ihren Wohlgeruch aus über alle Grenzen. Da kamen sie von weit her, den Rosengarten zu bewundern. Könige erwählten sie für ihre goldenen Schalen, und selbst der junge Kaiser schmückte mit ihnen seine Braut an dem Tag, als er sie zum ersten Mal in die Kirche führte.

 

Es wuchs aber auch ein wilder Rosenstrauch in dem Garten. Er stand ganz allein im Schatten einer Hecke, doch der Regen nässte ihn, und die Sonne küsste seine Zweige wieder trocken.

 

Als es Frühling wurde, trieb er braune Knospen, und nicht lange, da brachen sie auf, und er stand in einem grünen Kleid, durchsichtig und zart, und freute sich seines Lebens.

 

„Blühe!“ flüsterten die warmen Winde, „blühe, dass wir den Duft deiner Rosen wiegen!“

 

Aber der Rosenstrauch stand und rührte sich nicht.

 

„Blühe!“ riefen die Hummeln und bunten Falter, „blühe, dass wir deinen Honig nippen können!“

 

Da schüttelte der Rosenstrauch seine Zweige, dass die kleine Schar erschrocken auseinanderstob.

 

„Ich kann nicht!“ rief er trotzig.

 

„Soll ich blühen, nur damit ihr naschen könnt?“

 

Da ließen sie von ihm ab und flogen kopfschüttelnd zu den anderen. Er jedoch stand im Schatten seiner Hecke – ein grüner Strauch, wild und schön – aber niemand suchte ihn mehr.

 

Eine Nachtigall flog in den Garten.

 

Es war Abend, und die Sterne standen am Himmel. Trotzdem war es dunkel, denn der Mond war nur eine Sichel. Aber die Nachtigall fand dennoch ihren Weg. Sie setzte sich in die Hecke, zu deren Füßen der Rosenstrauch wuchs, und erhob ihre Stimme.

 

„Hört mich, ihr Rosen des Gartens!“ sang sie, „hört mich, ihr Glücklichen! Ihr seid auserwählt zum Kranz für die Königin aller Frauen. Morgen kommt sie in den Garten, um die edelsten von euch zu suchen. Blüht, ihr Rosen, blüht! Füllt eure Kelche mit Süße!“

 

Aber die Rosen hatten ihre Häupter zur Seite geneigt und schliefen. Sie hörten nicht, was die kleine Nachtigall sang. Nur der grüne Strauch zu ihren Füßen war noch wach und lauschte. Und auf einmal fühlte er Traurigkeit in sein Herz dringen.

 

„Ich bin nur ein wilder Strauch und trage nicht eine einzige Blüte!“ dachte er bekümmert. „Morgen wird die Königin aller Frauen kommen, aber sie wird an mir vorübergehen, denn es sind lauter edle Rosen im Garten, unerreichbar an Pracht und Herrlichkeit.

 

Aber dennoch – wie gerne möchte ich für die Königin blühen. Wer mag sie sein? Sicher ist sie schöner als der Tag und lieblicher als die Mondnacht -.“

 

„Kleine Nachtigall!“ rief er sehnsüchtig, „kleine Nachtigall, willst du mir etwas singen von der Königin aller Frauen? Ich kenne sie nicht und weiß nichts von ihr. Meinst du, auch ich darf für sie blühen?“

 

Die Nachtigall sah auf den Rosenstrauch herab. „Sicher!“ – sagte sie fröhlich, „blühe du nur, ich werde dir von ihr singen!“

 

Und sie sang von Maria, der Jungfrau, die gebenedeit war unter den Frauen, und von Jesus, der süßen Frucht ihres Leibes, den sie vom Heiligen Geist empfangen und zu Elisabeth getragen hatte, die eine Prophetin war. Und sie sang von der Nacht, da sie das Kind zu Betlehem geboren, und von dem Tag, als sie es im Tempel aufgeopfert und schließlich wiedergefunden hatte.

 

Der Rosenstrauch aber lauschte und zitterte vor Seligkeit, dass seine Blätter rauschten, als bewegte sie ein Wind. Er fühlte sein Blut heiß und schmerzhaft bis in die Spitzen seiner Zweige dringen. Es brannte ihn so, dass er leise stöhnte. Doch auf einmal brach es erlösend aus seinen Adern. Rote Tropfen seines Herzblutes hingen sich an alle seine Äste, und als die Nachtigall endlich schwieg, weil die Sterne bereits verblichen und das Morgenrot den Himmel färbte, hatten fünfzig wilde Rosen ihre Kelche am grünen Strauch aufgetan.

 

„Seht!“ schrien die Winde, die mit dem ersten Sonnenstrahl in den Garten gekommen waren. „Der wilde Rosenstrauch blüht!“

 

Da eilten die Falter und Bienen herbei, so hastig, dass sie mit den Köpfen zusammenstießen.

 

„In der Tat!“ höhnten sie, „er hat sich beschwatzen lassen. Da blüht er nun, der Einfältige, für eine Nachtigall, die längst davongeflogen ist.“

 

„Nein!“ sagte der grüne Strauch und schaukelte zärtlich seine jungen Rosen. „Die Nachtigall ist noch da. Aber ich blühe nicht für sie, sondern für die Königin aller Frauen. Sie wird heute in den Garten kommen!“

 

„Die Königin aller Frauen?“ riefen die Winde überrascht und stürmten davon, die Neuigkeit den Rosen zu melden. „Was du nicht sagst!“ brummten die Hummeln misstrauisch und schüttelten ihre dicken Köpfe. „Auf jeden Fall ist sicher, dass dich nicht der Saum ihres Gewandes – geschweige ein Blick ihrer himmlischen Augen streifen wird!“

 

Den Rosenstrauch kümmerten ihre Reden nicht viel. Er war erfüllt von einer großen rauschenden Freude. Jede einzelne seiner Blüten trug die Erinnerung an das wunderbare Geschehen, das Maria widerfahren war, und der Gedanke, sie sehen zu dürfen, machte ihn ganz benommen.

 

Auf einmal öffnete sich das Tor, und ein Kind trat in den Garten. Sein Haar war so hell, dass es im Sonnenschein flimmerte wie von einem goldenen Schein umgeben. Seine ganze Gestalt war Licht, und als es so über den Rasen lief, schien es, als ob sich die Gräser neigten, um seine Füße zu küssen.

 

Nun stand es an einem Rosenstock, der allein inmitten des großen grünen Rasenrundes wuchs, und dessen Blüten wahrhaft königlich aussahen. Sie waren von einer so durchsichtigen Blässe, dass sie an gefrorenes Mondlicht erinnerten. Dem Kinde schienen sie zu gefallen. Es streckte die Hände aus und rief sehnsüchtig:

 

„Gibst du mir deine Rosen?“

 

„Nein!“ sagte der Rosenstock und hob seine Zweige noch höher, als fürchtete er, das Kind könnte sie zu sich herabbiegen.

 

„Was verstehst du von meiner Kostbarkeit? Allein mein Name ist so auserlesen, dass ihn niemand behalten kann. Siehst du das Schild an meinem Stamm? Darauf steht er geschrieben. Aber vermutlich kannst du noch nicht einmal lesen!“

 

Das Kind schüttelte die hellen Haare aus der Stirn, und seine Hände sanken enttäuscht herab. Doch da erblickte es die niedrigen Teerosen, die das Rund umsäumten. Auf ihren Kelchen lag ein Netz von Tauperlen, und im Morgenglanz funkelten sie wie gesponnene Sonnenstrahlen. Sie waren so schön, dass der Knabe einen Entzückungsschrei ausstieß und mit ausgebreiteten Armen auf sie zulief.

 

„Rosen –“ jubelte er, „lauter goldene Rosen!“

 

Doch als er die Hand ausstreckte, um eine zu pflücken, stach ihn ein Dorn so tief, dass von seinem Finger, den er erschrocken aufgehoben hatte, ein Blutstropfen in das Gras fiel und dort leuchtete.

 

„Was bist du so fürwitzig!“ sagten die Rosenbüsche ärgerlich. „Glaubst du, wir hätten darauf gewartet, unsere Blüten in deiner Hand verwelken zu sehen? Die Schönheit unserer Rosen besingen die Dichter und preisen die Herren der ganzen Erde. Aber was verstehst du davon. Geh uns aus der Sonne, wir müssen unsere Knospen entfalten, denn heute noch wird sie die Königin aller Frauen begehren, um einen Kranz daraus zu flechten!“

 

Das Kind stand ganz still, den Finger immer noch erhoben. Aber langsam füllten sich seine Augen mit Tränen. Der wilde Rosenstrauch sah es, und sein Herz zog sich vor Mitleid zusammen.

 

„Komm zu mir –“ rief er, so laut er konnte, und streckte seine Arme weit aus. „Komm, ich schenke dir, was du willst. Kein Dorn soll dich ritzen. Siehe, ich werfe meine Blüten über dich. Sie sind zwar nicht so kostbar und nicht so schön wie die, die du begehrst, aber nimm sie, kleiner Knabe! Du kannst mit ihnen spielen, und wenn du ihrer überdrüssig bist, magst du sie getrost fortwerfen. Es wird dich niemand nach ihnen fragen. Komm nur und weine nicht mehr. Ich bitte dich!“

 

Das Kind hatte sich umgewandt. Langsam schwanden aus seinem lieblichen Gesicht Schmerz und Enttäuschung und ein Staunen breitete sich über seine Züge, dass sie wie von innen durchleuchtet schienen. Ohne seinen Blick von dem Rosenstrauch zu wenden, schritt es vorsichtig auf ihn zu. Seine Lippen öffneten sich zu einem Lächeln, während es seine Hände zu einer Schale formte, um den blühenden Schatz, der ihm versprochen war, in Empfang zu nehmen. Der Rosenstrauch aber schüttete seine Blüten über den Knaben, dass er wie in einem roten Regen stand. Hundert und aber hundert Blütenblätter tanzten um seine aufgehobene Stirn und hüllten seine Gestalt in ein Meer von Wohlgeruch. Sie legten sich auf seine Augen und seine Lippen, verfingen sich in seinen Haaren und bedeckten schließlich seine Füße. Er aber stand wie gebannt und wagte nicht, sich zu rühren. Erst als das letzte der Rosenblätter zur Erde getaumelt war, hob sich seine Brust zu einem Seufzer des Entzückens.

 

In diesem Augenblick trat Maria in den Garten.

 

„Mutter!“ rief der Knabe wie erlöst, und er lief, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, zu der Frau, deren Augen bereits sorgenvoll die blühenden Beete überflogen hatten.

 

„Mutter!“ jauchzte er noch einmal und warf sich in ihre Arme.

 

Maria aber lächelte, beugte sich zu ihm hernieder und lauschte andächtig dem Geplapper, das wie ein silberner Sturzbach von seinen Lippen sprang.

 

Die Rosen, deren Name so auserlesen war, dass er auf kleinen Schildern vermerkt werden musste, waren noch blasser geworden, und den Teerosen, deren Schönheit von Dichtern besungen wurde, gab Ärger und Verlegenheit auf einmal die Farbe von bitterer Galle.

 

Doch als sich Maria nun erhob und den Knaben bei der Hand nahm, senkten selbst die stolzesten unter ihnen ihre Häupter. Sie wagten nicht, in ihre klaren Augen zu blicken. Sie hörten nur an dem leisen Rauschen ihres Kleides, dass sie vorüberging, ohne sich nach einer von ihnen zu bücken.

 

Vor dem wilden Rosenstrauch machte Maria Halt.

 

„Da siehst du es –“ klang die helle Stimme des Kindes wieder über den Garten.

 

„Alle seine schönen roten Blätter hat er über mich geworfen. Nun hat er keine Blüte mehr für dich. Wirst du ihn trösten?“

 

„Ja!“ sagte Maria und legte sanft ihre Hand auf den Scheitel des Kindes.

 

„Siehst du die kleinen Samenkapseln an jedem Zweig? Das ist, was von den Rosen übrigblieb. Aber gleichen sie nicht Perlen? Ich werde sie auf eine silberne Schnur reihen, das gibt einen schönen Kranz. Einen Kranz, der nie verwelkt. Was sagst du dazu?“

 

Der Knabe klatschte in die Hände.

 

„O –“ schrie er entzückt, „nun haben wir einen Rosenkranz, der nie verwelkt. Aber wie kann man es machen, dass die ganze Welt weiß, wie es dazu kam?“

 

„Die ganze Welt?“ lächelte Maria.

 

„Dann sage es der Nachtigall! Siehst du, da sitzt sie in der Hecke. Schicke sie nur fort, sie wird dir schon gehorchen!“

 

Der Knabe hob sich auf die Zehen.

 

„Nachtigall – liebe Nachtigall!“ sagte er zärtlich. Mit einem Jubelton schwang sich der Vogel in die Luft.

 

Da beugte sich Maria zu dem Kind und küsste es auf die Stirn.

 

„Ich glaube, sie hat dich schon verstanden!“ sagte sie leise.

Das wilde Wasser

 

Auf dem wilden Wasser ritt der Nöck zu Tal. Seine Glieder waren Kraft. Seine Stirn Willkür. Seine Augen Kühnheit.

 

„Hooo -“ schrie er und wirbelte Gischt in weißem Bogen um sich – „siehst du dies?“ Und er riss eine hundertjährige Tanne aus ihrem Bett, dass der Stamm donnernd auf den Steinen zerschellte.

 

„Siehst du dies?“ und er schleuderte einen Felsen ans Ufer, wo ein Rudel Rehe erschrocken auseinanderstob. Ein Reh wurde getroffen. Fiepend verhielt ein Kitz am Waldrand und äugte ratlos zur Mutter, die unter dem großen Stein lag. Regungslos. Und der ein dünnes rotes Rinnsal aus dem Maul sickerte. Der Nöck aber ritt weiter auf brausenden Wassern, und sein Lachen dröhnte wider von den Wänden, die das Bett des Baches umschlossen.

 

So kam er ins Tal, wo die Mühle stand.

 

„Nun gib acht!“ jauchzte er, nahm das Mühlrad in beide Hände und zerbrach es wie ein Rohr. Splitternd krachten die Balken an die Hauswand. Das wilde Wasser aber schoss darüber hin und nahm mit sich, was es fassen konnte. Mann und Frau, Kind und Magd und alles Leben aus den Ställen.

 

„Wer ist der Herr?“ brüllte der Nöck.

 

„Du!“ jubelte das Wasser und hob den Nöck auf seinen Händen empor.

 

„Du – du!“ und es umgab sein stolzes Haupt mit einem Regenbogen aus Schaum und Perlen.

 

Der Nöck trollte sich. Zufrieden mit seinem Werk. Das wilde Wasser träumte und sang:

 

„Er ist der Starke! Er ist die Kraft, die Tannen stürzt und mit Felsen spielt. Er ist der Mächtige, Herr über Leben und Tod. Ihm diene ich. Ihm allein.“

 

Langsam hob sich der Morgen über der Verwüstung. Im Osten blutete der Himmel. Da erschien an den überfluteten Ufern plötzlich eine Frau. Das wilde Wasser sang noch immer.

 

Seine kleinen Wellen gurgelten und glucksten, so wie Kinder tun vor dem Schlafen. Aber das Wasser war wach, und seine Augen verfolgten das Tun der Frau. Sie hatte das Kleid aufgehoben und ging mit bloßen Füßen an den Ufern entlang. Und in das aufgehobene Kleid sammelte sie kleine Dinge, die das wilde Wasser nicht zu erkennen vermochte. Es mussten sehr kleine Dinge sein. Doch die Frau sammelte sie wie Kostbarkeiten, und ihre zarten Füße schritten achtlos über scharfe Kiesel und Muscheln, aber es war nicht zu sehen, dass sie sich auch nur die Haut daran ritzte.

 

„Was tust du da?“ fragte das wilde Wasser schließlich böse.

 

Die Frau blickte zu ihm nieder.

 

„Ich habe Erbarmen!“ sagte sie leise.

 

„Erbarmen?“ schrie das Wasser verächtlich – “wer kennt Erbarmen?“

 

„Die Liebe!“ sagte die Frau.

 

„Die Liebe –“ spottete das Wasser, „die Liebe ist Kampf, Sieg oder Tod.“

 

„Die Liebe ist Leben. Ewiges Leben!“ sagte die Frau. „Du aber zerstörst es sinnlos. Du weißt nicht, was du tust!“

 

Das wilde Wasser grollte:

„Ich diene nur dem Mächtigen. Ihm, der Kraft hat über Leben und Tod.“

 

Die Frau sah es aufmerksam an.

 

„Ist das ganz gewiss?“

 

„Ja! Keinem sonst!“

 

„So diene ihm!“ und sie wies auf ein Kind, das abseits an niederen Büschen kauerte und kleine bunte Steine in seiner Hand sammelte. Das wilde Wasser lachte schrill und schleuderte sprühende Wogen.

 

„Willst du mich verhöhnen?“ zischte es.

 

„Kann dieses Kind Bäume und Felsen bewegen mit seiner Hand, die kaum groß genug ist, Kieselsteine zu fassen?“

 

„Es bewegt die Welt!“ sagte die Frau leise. „Soll es ihm da unmöglich sein, an so kleine Dinge zu rühren?“

 

„So beweise es!“ sagte das Wasser voll eisigem Spott. „Wenn du recht behältst, will ich ihm dienen in Ewigkeit!“

 

Die Frau nahm das Kind bei der Hand und führte es hinauf, wo das offene Wurzelbett der Tanne wie ein Krater gähnte.

 

„Hier ist geschlagen worden!“ sagte sie leise, „willst du die Wunde schließen?“

 

„Wo ist der Baum?“ fragte der Knabe mitleidig.

 

„Zerschellt.“

 

„So will ich ihn suchen!“

 

Und das Kind begann, im Bett des Baches herumzusteigen und die zerborstenen Teile des Stammes zu sammeln wie Bausteine.

 

Als er alle geborgen hatte, stand die Sonne schon hoch. Doch ihm war nicht die geringste Müdigkeit anzumerken. Das wilde Wasser verfolgte misstrauisch jede seiner Bewegungen. Doch als der Knabe nun mit leichter Hand Teil um Teil zusammenfügte wie ein Bilderspiel und auch nirgends eine Lücke blieb, füllte sich das Wasser mit Staunen.

 

Da aber strich das Kind schon mit beiden Händen über die Länge des liegenden Stammes, und im selben Augenblick erhob er sich, wie von unsichtbaren Tauen gezogen, und stand wieder in seinem alten Bett, grün und unversehrt. Und keine Krume des Erdreichs verriet, dass ihm je Gewalt angetan worden war.

 

Das wilde Wasser erbebte bis in seinen Grund. Das Kind aber lächelte. „Lebe!“ sagte es warm und erhob die Hand zur Tanne empor wie zum Gruß.

 

Die Frau aber nahm das Kind und führte es weiter. Wenige Augenblicke später kniete es neben dem erschlagenen Reh.

 

Der Felsen deckte es zur Hälfte. Nur die Vorderläufe und der Kopf waren sichtbar, und eine rote Spur im Erdreich, die noch nicht versickert war.

 

Der Knabe schob den Felsen beiseite, als bewegte er einen Zweig. „Lebe!“ flüsterte er dem Reh ins Ohr. „Lebe!“

 

Im gleichen Augenblick erhob sich das Tier wie aus dem Schlaf. Demütig leckte es die kindliche Hand, die es so sanft berührt hatte, dann sprang es davon. In der Ferne hörte man Laute wie helle Flötentöne. Das Kitz hatte seine Mutter wiedergefunden.

 

Das wilde Wasser wurde so still, als sei es gefroren. „Was für ein Kind –“ dachte es und eine große Angst stieg auf in seiner Seele. „Was für ein Kind –“

 

Da sah es, dass die Frau sich zu ihm gewandt hatte.

 

„Willst du noch mehr Beweise?“ fragte sie.

 

„Nein –“ schrie das wilde Wasser, „nein – genug! Lass es genug sein – bitte!“

 

Staunend sah das Kind es mit seinen großen unerforschlichen Augen an. Das Wasser aber ertrug seinen Anblick nicht. Aufgewühlt bis auf den Grund hüllte es sich in Gischt und Wogen, aber es machte nur, dass ein Sprühregen aufstieg, den die Sonne durchbrach, so dass das Kind ihm nun wie in einer goldenen Wolke erschien.

 

Doch auf einmal wurde es dunkel vor seinen Augen.

 

„Was machst du für einen Lärm?“ grollte eine Stimme über das brausende Wasser. „Du hast mich aus meinem Schlaf geweckt. Gebe ich dir nicht die Zeiten, da du zu reden oder zu schweigen hast? Was stehst du auf gegen das Gebot deines Herrn?“

 

Das wilde Wasser blickte sich verstört um. Von der Frau oder dem Kind war keine Spur mehr zu erblicken. Gewaltig wie eh stand vor ihm der Nöck. Seine Glieder waren Kraft, seine Stirn Willkür, seine Augen Kühnheit.

 

„Rede!“ donnerte er, „was stehst du auf gegen deinen Herrn?“

 

„Was redest du?“

 

„Ein Kind hat mich gewonnen, indem es dich überwand. Ich habe ihm meinen Dienst versprochen. In Ewigkeit!“

 

Der Nöck stemmte seine Arme in die Seite und lachte wild und zornig. „Ein Kind? Entwurzelte es mit seiner Hand Wälder? Schlug es die gesamte Kreatur mit der Faust? Zermalmte es Städte und begrub sie in deiner Tiefe?“

 

„Nein –“ rief das Wasser gequält, nichts von alledem. Es ist sanftmütig wie eine Taube. Aber ihm gehorchen die Gewalten, und wenn es die Hand ausstreckt, fügt sich das Geborstene zusammen, und Tote erwachen zu neuem Leben.“

 

Der Nöck senkte die Stirn. Plötzlich sah er alt aus und unsäglich müde.

 

„Du willst ihm also dienen?“

 

„Ich muss ihm dienen!“ schrie das Wasser auf – „ich muss! Ich habe es versprochen. Kann man sich ihm widersetzen?“

 

Da richtete sich der Nöck auf.

 

„Ja –“ sagte er dumpf. „Ich bin sein Feind. In Ewigkeit. Lebewohl.“

 

Das Wasser blickte ihm nach, wie er davonging, ohne sich umzuwenden.

 

„Ich habe ihn geliebt –“ dachte es ohne Trost. „Ihn allein. Er war mein König. Und nun hat ihn ein Kind entthront.“

 

„Du bist traurig?“ fragte die sanfte Stimme der Frau neben ihm – „komm mit, ich will dir etwas zeigen!“

 

Das wilde Wasser folgte ihr widerwillig und in seinen Schmerz verschlossen. Aber es folgte ihr. Sie kamen in ein Tal, in dem die Dürre gewesen war. Braun und versengt lagen die Felder, die Gräser knisterten vor Trockenheit und alle Bäume und Sträucher ließen ihre Zweige hängen, welk und ohne Kraft.

 

„Siehst du, dass sie auf dich warten?“ sagte die Frau.

 

Da legte das Wasser seine Hand auf die verdorrte Flur – zögernd, aber gehorsam – und die Pflanzen standen auf unter seiner Berührung, den Wiesen kehrte die Farbe zurück, und die Blätter an den Bäumen begannen zu rauschen.

 

„Folge mir weiter!“ sagte die Frau.

 

Und sie führte das wilde Wasser durch ein Dickicht, abseits von seinem breiten Bett. Es entsann sich, dass hier vor vielen Jahrzehnten sein eigentlicher Lauf gewesen war. Es hatte ihn eines Tages mutwillig geändert. Nun sah es, dass sich Morast gebildet hatte und übelriechende Tümpel. Es war eine Brutstätte für Myriaden von Stechmücken und Fliegen, und die Tiere litten unter ihnen Qualen, wenn sie durstig das wenige Wasser suchten.

 

„Siehst du, dass du ihnen helfen kannst?“ sagte die Frau.

 

Da brauste das Wasser zornig über die schmutzigen Lachen, und ein Hauch von Bergluft und Schnee ging plötzlich durch die Niederung. Im Nu war die Schwüle vertrieben, und die Tiere tranken gierig die herbe Würze des frischen Wassers.

 

„Folge mir noch weiter!“ bat die Frau.

 

Und sie führte es seinen alten verlassenen Lauf entlang, bis sie zu einer großen Stadt kamen. Seit das wilde Wasser sich ein neues Bett gewühlt hatte, standen alle Gräben leer, und die Brunnen waren versiegt. Die Menschen fingen für ihren täglichen Gebrauch den Regen des Himmels auf ihren Dächern. Nichts war in dieser Stadt so kostbar geworden wie das Wasser. Als es nun plötzlich brodelnd in das alte ausgehöhlte Bett schoss, fielen die Menschen auf die Knie und die Glocken läuteten von allen Türmen. „Siehst du, dass du sie erlöst hast von ihrer Fron?“ sagte die Frau. „Siehst du nun, dass es auch für dich mehr gibt, als zu schrecken und zu zerstören? Wozu, glaubst du, gehört mehr Stärke?“

 

„Ich bin unfrei!“ sagte das wilde Wasser störrisch. „Es steht mir nicht zu, zu entscheiden, sondern nur zu gehorchen!“

 

„Wer ist frei?“ sagte die Frau sanft, „und doch müssen wir uns eines Tages alle entscheiden. Und eines anderen Tages haben wir alle Rechenschaft abzulegen über das, wofür wir uns entschieden haben.“

 

„So gib mir Zeit!“ sagte das Wasser dumpf.

 

Und die Frau gab ihm Zeit, und das Wasser übersah seinen Lauf: den seiner brausenden Freude, an dessen Ufer es Zerstörung getragen hatte, und den anderen, den es widerwillig gegangen war, aber an dessen Rändern Ranunkeln blühten. – Es dachte an den Nöck, den es auf seinen Händen getragen hatte, weil es ihn liebte, und an das Kind, das es hasste, weil es ihn überwunden hatte. Doch es wusste, dass die Zeit seiner unbekümmerten Wildheit für immer vorüber war. Man hatte es sehend gemacht und damit sein Leben verwandelt. Aber sein Herz war nicht verwandelt worden.

 

Da erschien die Frau wieder neben ihm. Sie sagte nichts. Sie sah das wilde Wasser an. Ihr Gesicht war unbewegt, aber ihre Augen schienen ihm bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Da stöhnte das Wasser auf.

 

„Sage ihm, dass es mich anrührt!“ schrie es verzweifelt, „da es Macht hat über die Welt, soll es nicht auch Macht haben über mein Herz?“

 

„Es hat alle Macht!“ sagte die Frau still.

 

„Habe nur Geduld!“

 

Das wilde Wasser wählte nicht wieder das Bett seiner Willkür, sondern nahm den Lauf, wie er ihm von Anfang an bestimmt worden war. Und die Felder wurden fruchtbar, die Tiere kamen zu ihm ohne Not, und die Menschen brauchten sich nicht mehr vor ihm zu fürchten oder den Regen der Wolken in Gefäßen zu fangen. Und das Wasser wurde langsam still. Nur sein Herz war noch immer nicht still.

 

In den Nächten, wenn der Sturm die schwarzen Wolken am Mond vorübertrieb und die Bäume unter seiner Faust ächzten, träumte es weiter von dem Nöck, der von ihm gegangen war, ohne sich nur einmal umzublicken. Aber jedesmal, wenn der Morgen graute und hinter den Nebeln die Sonne aufstieg, schien ihm, als stünde das Kind so wie damals in der goldenen Wolke und streckte die Hand aus. Wenn es dann jedoch die Hand zu erfassen suchte, war sie verschwunden, und das Gold zerfloss über ihm in Tageshelligkeit.

 

Das wilde Wasser war sehr einsam geworden. Auch die fremde Frau, die es mit ihrer sanften Stimme bezwungen hatte, war nicht wiedergekommen. Langsam gab es das Wasser auf, seine Ufer nach ihr abzuspähen. Aber eines Tages stand dort ein Mann.

 

Er stand an der gleichen Stelle, wo dem Wasser vor langer Zeit das Kind erschienen war, als es mit Steinen spielte. Und irgendwie erinnerte der Mann an das Kind. Vielleicht waren es die Augen, die groß und unerforschlich in seine Tiefe blickten. Aber als das Wasser diese Augen voll in sich aufgenommen hatte, erbebte es vor dem Leid, das auf ihrem Grund gezeichnet worden war. Es erbebte so, dass seine Oberfläche geschüttelt wurde, wie von unterirdischen Sprudeln zerrissen. Ihm war, als erblickte es das Leid der Welt. Alles Leid, dem es begegnet war, seit seine Wasser zu fließen angefangen hatten, und es war zusammengefasst in diesen Augen.

 

Und dann sah es, dass der Mann blutete.

 

„Was – was ist dir geschehen?“ stammelte das Wasser.

 

„Ich bin geschlagen worden!“ sagte der Mann ruhig.

 

„Warum?“

 

Der Mann hob den Blick in eine unbestimmte Ferne. „Aus Willkür. Sie wussten nicht, was sie taten.“

 

Ein Entsetzen lähmte das Wasser, dass es nun still lag wie unter einer Eisdecke.

 

„Auch ich habe einmal willkürlich geschlagen!“ dachte es, und es starrte auf das Blut, das von des Mannes Stirn tropfte, das an einer Seite sein Gewand durchweicht hatte und über seine Füße rieselte, unaufhörlich wie ein Tränenstrom. Und plötzlich überkam es ein unsinniges Verlangen, diese armen blutenden Füße zu küssen. Ihre Wunden abzuwaschen und mit seinen kühlenden Wassern zu bedecken. Langsam erhob es sich und ließ behutsam eine Welle nach der anderen über das Ufer gleiten, wo des Mannes Füße standen. Und so lange tat es das, bis seine Wasser nicht mehr von Blut gerötet wurden, sondern durchsichtig blieben, wie sie gekommen waren.

 

Doch als das wilde Wasser nun seine Augen zu dem Verwundeten aufhob, sah es, dass er verschwunden war. Aber an seiner Stelle stand die Frau, und das Licht des Himmels umgab ihre Schultern.

 

„Weißt du, dass es dein Herr war, den du getröstet hast?“ fragte sie ernst.

 

Das Wasser wurde grau vor Schrecken.

 

„Nein -“ ächzte es – „nein, nein! Ich wäre nicht wert gewesen, seinen Schweiß abzuwaschen – bitte, sage, dass es nicht sein Blut war . . .“

 

„Es war sein Blut.“

 

Da schrie das Wasser gellend auf und wand sich zu ihren Füßen wie ein geschlagenes Tier. „Strafe mich -“ stöhnte es, „verfluche mich – mache mich zur Schande vor all meinen Feinden!“

 

„Nein!“ sagte die Frau, „lange genug warst du verflucht. Nun sollst du gesegnet sein, denn er kam blutend zu dir und du hast ihm Barmherzigkeit gezeigt. Du hast seine Wunden abgewaschen und bist rein geworden. Und durch die Kraft seines Blutes wird nunmehr alles rein werden, was von dir abgewaschen wird. So diene ihm also. In Ewigkeit!“

 

„Ich diene!“ sagte das Wasser und beugte sich zum ersten Mal in Demut. Als es den Blick wieder hob, war die Frau fort. Aber in der Ferne sah es einen Strom von Menschen sich seinem Bett nähern. Kranke, Gebrechliche und solche, die von der Sünde gezeichnet waren. Da fühlte es, dass sich sein ganzes Herz für diese Geschlagenen mit Liebe füllte.