Das wilde Wasser

 

Marien-Märchen

 

von

 

Hannelore Gerntholtz

 

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Die weiße Kerze

 

Der Rosenkranz

 

Das wilde Wasser

 

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In deines Tempels hohem Kuppelsaal

knie ich auf breiten rotgedeckten Stufen

und sehe staunend dich zum ersten Mal,

du lichtes Bildnis in dem goldnen Gral,

zu dem die Müden dieser Erde rufen.

 

Du hältst dein Kind in deinem weißen Schoss

mit mütterlicher inniger Gebärde

und gibst es doch von deinem Herzen los

und opferst es in Demut still und groß,

dass es den Menschen zum Erlöser werde.

 

So reich auch mir nun meines Lebens Brot -

hast du dein Antlitz mir nicht zugewendet?

Du zählst die Seufzer doch aus jeder Not

und hebst die Tränen alle auf zu Gott

und hast so vielen deinen Trost gespendet.

 

Ich beuge meine Stirn vor deinem Thron,

du Königin des Himmels und der Erde!

Du trägst auf deinen Armen Gottes Sohn

und mit ihm aller Schmerzen Dornenkron,

gib, dass vor dir mein Herz nun stille werde.

 

* * *

 

Wie viele sind zu deinem Wunderbild gekommen,

Maria voller Gnaden, bitt` für mich!

Die Pilger dieser Welt, die Büßer und die Frommen,

sie haben an der Wallfahrt teilgenommen

und knien neben mir und beten. So wie ich.

 

Ich höre ihre Stimmen wie ein dunkles Klagen,

Maria voller Demut, bitt` für mich!

Und ihre Herzen wie ein banges Flügelschlagen,

denn alle haben eine Last zu tragen,

die bringen sie nun dir. Genau wie ich.

 

Ich sehe ihre Augen, stumpf von vielen Tränen,

Maria voller Liebe, bitt` für mich!

So viele Seufzer! So viel schweres Stöhnen!

So vieler mattgewordner Wünsche Sehnen!

Ich weiß, sie werfen alle Hoffnung nur auf dich!

 

Ich wende mich zu dir und küsse deine Füße,

Maria, Mutter Gottes, höre mich!

Gib allen deines Trostes Wunderkraft und Süße

und in den Mantel des Erbarmens schließe,

was sich dir anvertraut. Wir brauchen dich!

 

* * *

 

Voller Demut neig` ich mich

vor dem Gnadenbild.

Voll Erbarmen zeige dich,

o Maria mild!

 

Bin gegangen viele Stund`

um dich anzuflehn: 

heile meines Herzens Wund`

o Maria schön!

 

Nimm den Dorn aus meiner Brust,

der mir schaffet Pein.

Du, die nie von Schuld gewusst,

o Maria rein!

 

Wend` dein Aug` nicht von mir ab,

o Maria süße!

Wenn ich auch gesündigt hab`

sieh, ich büße - büße . . .

 

* * *

 

Wie still es ist im weiten Raum,

den Dämmrung nun umhüllt.

Allein ein goldner Kerzenflaum

erhellt den weißen Kleidersaum

der Mutter Jesu mild.

 

Aus Silberschalen lässt Jasmin

viel blasse Sterne schnein -

die Rosen funkeln wie Rubin

und schwere süße Düfte ziehn

zum lieben Kindelein.

 

Da hebt ein frommes Singen an

und steigt so rein empor

wie einer Abendglocke Klang,

und voll erwidert der Gesang

der Gläubigen im Chor.

 

Maria aber mit dem Kind

erhebt vom Thron sich sacht

und steigt hernieder, goldumrinnt,

und segnet, die beisammen sind,

für eine gute Nacht.

 

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