Inhalt:

 

1. Zentrum der Christenheit

2. Zunge des hl. Antonius

3. Ziel des Menschen

4. Zu Betlehem geboren

5. Zahl des Antichrist: 666

6. Zeit

7. Zauberglaube (Aberglaube)

8. Heilige Zufluchten

9. Zerstörung der Klöster

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1. Zentrum der Christenheit

       

Was uns nach Rom zieht

 

Zwei Städte sind es, die jedem katholischen Herzen überaus teuer sein müssen: Jerusalem und Rom.

 

Jerusalem, die altehrwürdige Stadt, wo in grauer Vorzeit Melchisedech König war, wo Abraham den Isaak zu opfern bereit stand, wo David seine Residenz aufschlug, wo Salomo und später Zorobabel den herrlichen Tempel erbaute; Jerusalem, die heilige Stadt, welche in der Fülle der Zeiten den Sohn Gottes selber als Kind, als Knabe, als Mann mit seiner gnadenreichen Gegenwart beglückte, wo er litt und starb, wo er vom Grabe erstand und zum Himmel auffuhr; Jerusalem, die Wiege des Christentums, wo der heilige Geist unter Sturmesbrausen auf die Apostel herabkam, wo die ersten Martyrer ihr Blut für den heiligen Glauben vergossen. – Doch Jerusalem hat den Tag seiner Heimsuchung nicht erkannt; die Mehrzahl der Juden blieb verstockt. Darum ward das Reich Gottes ihnen genommen und den Heiden gegeben, die undankbare Stadt aber von den Römern zerstört. Jerusalem hat aufgehört, der lebendige Mittelpunkt der religiösen Einheit zu sein! An seine Stelle ist Rom getreten, die Siebenhügelstadt am Tiberfluss, der ehemalige Sitz der römischen Kaiser. Das Werkzeug aber, dessen sich die göttliche Vorsehung bediente, um diesen Umschwung herbeizuführen, ist der heilige Petrus, dessen Fest am vorletzten Juni zugleich mit dem des hl. Paulus gefeiert wird.

 

1. Petrus kommt nach Rom

 

Petrus war von Christus zum obersten Hirten seiner Herde bestellt worden. Darum sehen wir ihn nach der Himmelfahrt seines Meisters überall an der Spitze stehen und die wichtigsten Aufgaben in eigener Person vollbringen. Petrus war es, der die übrigen Apostel veranlasste, an Stelle des Judas einen andern zu wählen; er hielt am Pfingstfest die erste große Predigt an die zusammengeströmte Menge; er führte im Namen aller das Wort vor dem hohen Rat; er wirkte die größten Wunder, zuerst in Jerusalem, später in Lydda und Joppe; er war es auch, dem Gott selbst in einer Erscheinung den Auftrag gab, die ersten Heiden, darunter den römischen Hauptmann Kornelius, in die Kirche aufzunehmen. – Aber Petrus blieb nicht lange in Palästina. Er musste das Land verlassen, weil Herodes ihn töten wollte; und so kam er, ungefähr im Jahr 42 unserer Zeitrechnung, endlich nach Rom, wie eine uralte Überlieferung bezeugt. Freilich haben immer wieder protestantische Gelehrte die Zuverlässigkeit dieser Nachricht bestritten und den Aufenthalt Petri in Rom für eine bloße Sage erklärt. Aber sie wurden von katholischen Gelehrten und auch von redlich gesinnten protestantischen Forschern so gründlich widerlegt, dass heutzutage in diesem Punkt keine Meinungsverschiedenheit mehr besteht zwischen Katholiken und Andersgläubigen. „Die so vielfach angefochtene Überlieferung vom Kommen des Petrus nach Rom ist festzuhalten,“ so schrieb bereits im Jahr 1889 der Protestant Möller in seiner Kirchengeschichte; und ihm haben seither auch Neander, Guericke, Harnack und andere Gelehrte mit aller Entschiedenheit beigestimmt. Sie mussten es tun; denn die ältesten Kirchenschriftsteller, ein Tertullian, Origenes, Kajus, Zyprian, Irenäus, Klemens von Alexandrien und Klemens von Rom, Papias, Dionys von Korinth und der hl. Märtyrer Ignatius bezeugen alle so einmütig den Aufenthalt des hl. Petrus in Rom, dass ein vernünftiger Zweifel an dieser Tatsache nicht möglich ist.

 

Ja, Petrus kam nach Rom, aber nicht als Privatmann, sondern als oberster Lehrer, Hirt und Priester, als Träger der Schlüsselgewalt, als Grundstein und Felsenfundament, das durch seine eigene unzerstörbare Festigkeit dem ganzen Bau der Kirche Christi Einheit und Dauer verleiht. Und darum gehört die Übersiedelung Petri von Jerusalem nach Rom zu den allerbedeutsamsten Begebenheiten der Welt- und Kirchengeschichte: an dem Tag, da Petrus die Leitung der römischen Christengemeinde übernahm, begann Rom der Mittelpunkt des Reiches Christi zu werden. Von da an sind aller Augen nach Rom gerichtet, um von dort Weisungen und Befehle, aber auch Gnaden und Wohltaten jeder Art in Empfang zu nehmen.

 

2. Petrus stirbt in Rom

 

Die nämlichen Väter und Kirchenschriftsteller, welche den Aufenthalt Petri in Rom bezeugen, berichten auch, dass er ebendort zugleich mit seinem Gefährten Paulus unter Kaiser Nero den Martyrertod erlitten habe. So schreibt z.B. Tertullian, der um das Jahr 200 in Afrika lebte, von der römischen Kirchengemeinde: „O wie glücklich ist diese Kirche, der die Apostel nicht nur die ganze Lehre, sondern auch ihr Blut hinterlassen haben, wo Petrus seinem Meister, Paulus Johannes dem Täufer in der Todesart ähnlich geworden!“ Und der Priester Kajus, der um die nämliche Zeit zu Rom selber lebte, gibt auch die Begräbnisstätte an, indem er erzählt, dass Paulus auf der Straße nach Ostia, Petrus auf dem vatikanischen Hügel begraben liege. An letzterem Ort ließ im vierten Jahrhundert Kaiser Konstantin eine Basilika zu Ehren des hl. Petrus erbauen; und heute wölbt sich die schönste Kirche der Welt, der herrliche Petersdom, über dem Grab des Apostelfürsten. – Ja, zu Rom, da liegen sie begraben die beiden großen Apostel, und mit ihnen so viele andere Blutzeugen der römischen Kirche; und das ist ein weiterer Grund, warum diese Stadt jedem gläubigen Herzen so teuer ist. Millionen und Millionen katholischer Christen sind im Laufe der Jahrhunderte hin gepilgert in die ewige Stadt und haben diese heiligen Gräber besucht, sie befeuchtet mit ihren Tränen, und die innigsten Gebete an denselben verrichtet. Jene aber, denen es nicht vergönnt war, persönlich nach Rom zu wallfahren, haben wenigstens aus der Ferne die Stadt mit Sehnsucht begrüßt und im Geist die Reliquien der Apostel verehrt, wie der große Patriarch von Konstantinopel, der hl. Johannes Chrysostomus, es getan. „Die Stadt Rom“, so schreibt er, „mit den zwei Apostelgräbern kommt mir vor wie ein Riesenleib mit zwei großen, weithin funkelnden Augen. Nicht einmal das Firmament im Glanz der Mittagssonne leuchtet so herrlich wie die Stadt Rom im Strahl dieses doppelten Lichtes! Was für ein Schauspiel wird jene Stadt am Tag des Gerichtes sehen, wenn plötzlich mit Petrus Paulus aus seinem Grab ersteht und empor in die Lüfte schwebt, dem Heiland entgegen!“ So schreibt der Goldmund und gibt noch weiterhin seiner Sehnsucht Ausdruck, an Ort und Stelle die Reliquien der heiligen Apostel verehren zu dürfen.

 

3. Petrus lebt fort zu Rom in seinen Nachfolgern

 

Petrus starb und wurde begraben. Aber seine Würde, seine oberste Hirtengewalt, sein unfehlbares Lehramt, sein Glaube, sein Geist lebt fort in seinen Nachfolgern, den römischen Päpsten. Wir kennen ihre Namen, von Linus, Cletus, Klemens angefangen bis herauf zu Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Schon in den ersten christlichen Jahrhunderten trug man eifrigst Sorge dafür, ein genaues Verzeichnis aller aufeinanderfolgenden Päpste zu haben, um so eine ununterbrochene Kette bis hinauf zum hl. Petrus nachweisen zu können. Der hl. Martyrer Irenäus, ein Schüler des Johannesjüngers Polykarp, führt sämtliche Päpste, die vor ihm lebten, mit Namen an, indem er zugleich die Notwendigkeit für alle übrigen Bischöfe betont, mit dem Bischof von Rom in Übereinstimmung zu bleiben. Und diese Notwendigkeit wurde tatsächlich allgemein anerkannt. Darum wandte man sich bei auftauchenden Zweifeln und Streitfragen von allen Seiten des Erdkreises nach Rom; Bischöfe, die man abgesetzt oder vertrieben hatte, appellierten an den Papst in Rom oder nahmen persönlich die Zuflucht zu ihm; solche, die in den Verdacht der Irrlehre gekommen waren, suchten sich in Rom zu rechtfertigen; die römischen Päpste verurteilten falsche Lehren, setzten Bischöfe ab, schlossen von der kirchlichen Gemeinschaft aus, versagten oder gewährten ihre Zustimmung den Beschlüssen der Kirchenversammlungen. Von Rom aus zogen die Glaubensboten nach England, Deutschland, zu den Slaven und fernhin in fremde Weltteile. So war es im Altertum; so im Mittelalter, wo sich die päpstliche Gewalt in ihrem vollsten Glanz entfaltete; so ist es auch heute noch. Rom ist gleichsam das Herz der katholischen Kirche. Wie das Herz alle Teile des menschlichen Leibes bis in die Fingerspitzen hinaus mit belebendem Blut speist, so versorgt Rom die ganze Christenheit mit reiner Lehre, heilsamen Vorschriften und mit den nötigen kirchlichen Vollmachten. In Rom verkündet der hl. Vater als Nachfolger Petri einen Glaubenssatz, wie er beispielsweise Pius IX. im Jahre 1854 bezüglich der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis getan: und alsbald geht die Kunde zu den Bischöfen in die fernsten Sprengel und von den Bischöfen dringt sie zu den Priestern und durch diese gelangt sie zum Volk; und alle beugen ihr Haupt der Wahrheit in demütigem Glauben. Oder der Papst gibt eine allgemeine Verordnung, wie es damals geschah, als Leo XIII. vorschrieb, dass nach der hl. Messe dreimal der englische Gruß nebst einigen andern Gebeten verrichtet werde; und siehe, seine Weisung wird überall befolgt, in allen Sprachen der Welt. Und wenn irgendwo ein Priester im Bußsakrament die Lossprechung erteilt, woher hat er die Gewalt dazu? Von seinem Bischof oder Ordensobern. Und dieser? Vom Papst in Rom.

 

Darum muss jedem guten Christen unendlich viel daran gelegen sein, mit diesem Herd des Lebens in innigster Verbindung zu bleiben. Möge darum der heilige Petrus, den die Vorsehung so wunderbar nach Rom geführt, der dort begraben liegt, aber zugleich auch beständig fortlebt in seinen Nachfolgern, allen Christgläubigen bei Gott die große Gnade erflehen, stets zu wachsen in dankbarer Liebe und kindlicher Verehrung für das christliche Jerusalem, die Gottesstadt des Neuen Testamentes, das ewige Rom!

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Tod des hl. Antonius

 

2. Zunge des hl. Antonius

 

Im Juni 2031 feiern wir das 800. Jubiläumsjahr des hl. Antonius. In Padua, wo in der prachtvollen Basilika di S. Antonio sein heiliger Leib ruht, wird in einer kostbaren Monstranz – ein Kunstwerk des 15. Jahrhunderts – die Zunge des Heiligen aufbewahrt. Als man 30 Jahre nach seinem Tod das Grab öffnete, fand man den ganzen Leib verwest, die Zunge dagegen frisch und rot, wie die eines Lebenden. Der hl. Bonaventura, der als Ordensgeneral der Franziskaner dieser Grabesöffnung beiwohnte, küsste diese Zunge voll Ehrerbietung und rief aus: „O glückselige Zunge, die du immer Gott gelobt und andere zu dessen Lob gebracht hast, nun zeigt sich offenbar durch deine Unverweslichkeit, wie angenehm dein Dienst vor Gott war.“

 

Man darf es heute, nach bald 800 Jahren, fast als Wunder betrachten, dass die Zunge in der goldenen Monstranz noch erhalten ist, wenngleich die lebensrote Gestalt einer braunen, eingetrockneten weichen musste.

 

Wenn wir das Leben des hl. Antonius betrachten, erscheint es nicht erstaunlich, dass Gott gerade seine Zunge verherrlichte. Gleich dem hl. Johannes Nepomuk übte er die Tugend des Schweigens in reiner Vollkommenheit, bis Gott seine Zunge löste, um ihn unaufhörlich zu preisen. Von dem schönen und reichbegabten Kind Fernando – der weltliche Name des Heiligen – hörte man nie ein unrechtes Wort. Man sah es vielmehr von frühester Jugend an täglich in der Kirche wie einen Engel gesammelt. Die frommen und vornehmen Eltern – der Vater stammte von Gottfried von Bouillon ab – unterstützten diese guten Anlagen und gewährten gern die Bitte ihres Sohnes, in der Vaterstadt Lissabon bei den Regulierten Chorherrn des hl. Augustinus einzutreten. Hier und später in dem Kloster zu Coimbra legte der junge Fernando den Grund zu den hervorragenden Kenntnissen heiliger Wissenschaft, die so viel zum Glanz seines Lebens beitrugen. Zudem besaß Antonius ein so ausgezeichnetes Gedächtnis, dass er die ganze Heilige Schrift nahezu auswendig kannte.

 

Der Martertod von fünf Jüngern des hl. Franziskus in Marokko begeisterte die Feuerseele des Heiligen so sehr, dass er seinen Obern bat, in das nahe schlichte Klösterlein der Minderen Brüder von Assisi übersiedeln zu dürfen. Hier erhielt er den Namen Antonius. In schweigender Demut verrichtete er die geringsten Arbeiten, während sein Herz vor Sehnsucht nach dem Martyrium brannte. Endlich kam die ersehnte Abreise nach Afrika. Doch der Wille Gottes hatte ihm eine andere Lebensbahn bestimmt. Antonius erkrankte so schwer, dass er Afrika ohne Ausübung der Missionstätigkeit verlassen musste. Ein Sturm trug das Schiff anstatt in das heimatliche Portugal nach Italien. Der Heilige kam nach Assisi.

 

Niemand kümmerte sich hier um den fremden kränklichen Bruder, der voll Bescheidenheit wartete, bis ihn der Guardian eines abgelegenen Klosters bei Forli aus Mitleid mit sich nahm. Der adelige Portugiese, der geistvolle Chorherr, der einst von der Palme des Martyriums geträumt, bat um den letzten Platz in einem armseligen Kloster und spülte dort das Küchengeschirr. Wie den hl. Franziskus in Averno, bereitete Gott den verkannten Bruder in der weltfernen Einsamkeit auf seine große Mission vor.

 

Es mochte ungefähr nach der Priesterweihe des Heiligen gewesen sein, die man den Klerikern damals ziemlich spät erteilte, als Gott in das unbedeutende Leben des Bruders Antonius eingriff. In einer Versammlung mehrerer Ordensleute musste der Heilige auf Befehl seiner Oberen predigen. In der erst schüchternen und zaghaften, dann immer kraftvolleren vom Heiligen Geist getragenen Rede offenbarte sich Antonius´ großes Talent. Alle Zuhörer wurden von dem Klang seiner Stimme, von seinen hohen Kenntnissen und der feinen Auswahl der Gedanken entzückt und ergriffen. Hier hatte Gott gesprochen und das Licht unter dem Scheffel plötzlich auf die Warte erhoben.

 

Gleichwohl blieb Antonius immer der demütige Bruder. Er stellte fortan seine Zunge im unermüdlichen Eifer in den Dienst Gottes und wurde der erste Prediger der südlichen Länder: Italien, Frankreich, Portugal und Spanien. Die damalige Zeit, locker in ihren Sitten und von Irrlehren durchdrungen, brauchte den Opfergeist und die mitreißende Begeisterung, die eine Antoniusseele beherrschten. Der Heilige schwieg nie, wenn es sich um Gottes Ehre handelte. Den Albigensern, die ihn mit Mord und Gift bedrohten, trat er unerschrocken entgegen, rügte das ärgerniserregende Benehmen eines Erzbischofs und suchte ohne Furcht seine Feinde und die Sünder auf, um sie für ein besseres Leben zu gewinnen.

 

Seine Rede glich dem rollenden Donner, der die Herzen erschütterte; daneben blühte sie in vollendeter Anmut und Schönheit des Ausdruckes, wenn Antonius die Liebe Gottes, die Himmelskönigin oder die Freuden der Seligkeit mit leuchtenden Farben malte. Die Bilder und Gleichnisse schöpfte er aus der Natur und der Heiligen Schrift und brachte damit jene einfache Klarheit in seine Predigt, die den Volksredner auszeichnet.

 

Das schönste Zeugnis prägte der greise Papst Gregor IX., der nach einer Predigt des Heiligen freudigst ausrief: „Wahrhaftig die Arche beider Testamente ist dieser Mann und die Schatzkammer der Heiligen Schriften.“ Wir sehen einen Fingerzeig Gottes darin, dass gerade am Pfingstfest 1232, noch kein Jahr nach seinem Tod, die feierliche Heiligsprechung des Franziskanermönches stattfand. Die feurigen Zungen, die einst die Apostel mit überirdischer Kraft erfüllten, sind ein erhabenes Sinnbild für die gottbegeisterte Zunge des hl. Antonius, der sein junges Leben von 36 Jahren gleich einer lodernden Flamme für Gott und Gottes Dienst verzehrte.

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3. Ziel des Menschen

 

Vom letzten Ziel des Menschen

       

Alles Arbeiten und Dulden, alles Sinnen und Trachten der Heiligen ging auf das eine Ziel hin, sich selbst immer mehr zu heiligen und möglichst viele Menschen zur Erkenntnis, zur Liebe und zum Dienst Gottes anzuregen, um dadurch die ewige Seligkeit zu erringen. Dies ist die große Lebensaufgabe eines jeden Menschen und wenn er sie gut löst, wird er unendlich glücklich sein. Denke fleißig über dein letztes Ziel nach!

 

1. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, trägt das Bild des dreieinigen Gottes an sich. Gott hat ihm Verstand gegeben, um ihn immer besser zu erkennen, ein fühlendes Herz, um ihn zu lieben, einen freien Willen, um das Gute zu erstreben, und zum Lohn seiner treuen Hingabe soll er ewig glücklich sein. Auch der Leib ist zum Dienst Gottes bestimmt. Die Augen sollen sich erfreuen an den Wunderwerken der Schöpfung, die Zunge soll sein Lob verkünden, die Ohren sollen lauschen auf sein Wort, die Hände und Füße sollen in treuer Pflichterfüllung das Wohlgefallen des Allerhöchsten erringen. So gibt sich der ganze Mensch an Gott hin im Glauben, in der Liebe, im Dienst Gottes. Das ist seine Bestimmung. Darum mahnt der göttliche Heiland: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ (Mt 6,23) „Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet?“ (Mt 16,26) Der verdient nicht den Namen Mensch, der seine Gedanken und Empfindungen nicht auf Gott lenkt und ihm den Gehorsam entzieht. Hätte jemand die gründlichsten Kenntnisse von den Kräften der Natur und allen weltlichen Wissenschaften, läge ihm aber nicht an der Erkenntnis Gottes und seiner Bestimmung, so müsste er ein Tor genannt werden. Hätte einer alles in der Welt lieb, nur Gott nicht, so wäre er ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Diente einer noch so treu seinem leiblichen Herrn, vergäße aber darüber den Dienst des allerhöchsten Herrn, so verdiente er Züchtigung. Gibt es aber nicht zahllose Menschen, die von Glaube und Liebe und Dienst Gottes nichts wissen wollen? Sie lieben nur das Vergängliche, dienen nur der Welt und ihrer Lust, den Ehren und Reichtümern, sie denken selten oder nie an Gott, tun ihm nichts zuliebe, entehren fortwährend ihre Menschen- und Christenwürde. Wie kann dich Gott aber als den Seinen anerkennen, wenn du dich gar nicht um ihn kümmerst, sogar feindselig ihm gegenüber trittst? O begreife doch deine hohe, ehrenvolle Bestimmung, Gott zu erkennen, Gott zu lieben, Gott zu dienen!

 

2. Als Lohn bietet dir Gott die ewige Glückseligkeit. Die höchste Glückseligkeit ist aber der Besitz Gottes. Der heilige Augustinus ruft aus: „Du hast uns, o Gott, für dich erschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir.“ Dasselbe drückt der Apostel in den Worten aus: „Gott ist alles in allem.“ (1 Kor 15,28) In der Tat, außer Gott gibt es kein Gut, was den Menschen wahrhaft befriedigen kann, seine Allmacht kann uns das Beste gewähren und seine Güte bietet uns die höchsten Güter an. Ganz anders verhält es sich mit den Erdengütern, sie befriedigen nie vollkommen und lassen meistens einen Ekel und Überdruss zurück. Die kostbarsten Speisen erwecken Unlust, die angenehmste Musik wird auf die Dauer lästig, den sinnlichen Vergnügungen folgt Abspannung. Das höchste Gut dagegen erfüllt das ganze Herz mit allen seinen Wünschen und lässt niemals Unlust zurück. Ihr eitlen Weltkinder, die ihr nach den Gütern, Ehren und Genüssen der Welt hascht und darin euer Glück sucht, habt ihr es gefunden? Seid ihr zufrieden? O nein, euer Herz ist unbefriedigt und leer. Mit Salomo werdet ihr sprechen: „Ich sammle mir Silber und Gold und die Schätze der Könige und Länder. Und alles, was meine Augen verlangten, versagte ich ihnen nicht, und ich verwehrte meinem Herzen nicht, alle Lust zu genießen. Aber ich sah in allem Eitelkeit und Geistesplage, und dass nichts von Dauer sei unter der Sonne.“ (Pred 2,8-11) Fragt die Könige der Erde, ob ihr Glanz sie beglücke, und sie werden euch antworten: Krone und Zepter sind die schwerste Bürde auf Erden. Fragt die Millionäre, ob ihre Schätze sie befriedigen, und sie werden seufzend entgegnen, dass ihnen der Reichtum nur Unruhe und Qual verursache. Fragt die Genusssüchtigen, ob ihnen bei ihrem ausschweifenden Leben wohl zu Mute sei, und sie werden voll Missbehagen ausrufen: Alles ist eitel. So reißt denn euer Herz von der trügerischen Welt los, sucht euer Glück, wo es einzig zu finden ist, in Gott! Erkennt Gott in seiner Liebe und Größe, dient ihm willig und treu, liebt ihn als den Urquell und Inbegriff aller Liebe, so werdet ihr schon auf Erden glücklich und dort oben im Besitz Gottes ewig, ewig selig werden! Amen.

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4. Zu Betlehem geboren

       

Das Lied „Zu Betlehem geboren . . .“ ist zum ersten Mal gedruckt im Kölner „Geistlichen Psalter“ 1638. Der Verfasser ist nicht genannt. Doch wird das Lied Friedrich von Spee zugeschrieben.

 

Am Fenster seines Krankenzimmers stand Friedrich von Spee und sah dem Treiben zu. Er dachte, wie rasch doch die Zeit vergangen war seit dem Tag, da sie ihn todwund von Peine hierher nach Hildesheim gebracht hatten. In Peine hatte er den Auftrag gehabt, Verteidiger des katholischen Glaubens zu sein, und er hatte sich dieser Aufgabe mit ganzer Seele hingegeben. Aber ein Mordanschlag, den ein irregeleiteter junger Mensch auf ihn machte, hatte seiner Tätigkeit ein jähes Ende gesetzt.

 

Spee wandte sich vom Fenster weg und setzte sich an den Tisch. Immer, wenn er an jenen jungen Menschen dachte, erfüllten Trauer und Mitleid sein Herz. Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und hing seinen Gedanken nach. War jener arme Mensch nicht ein Opfer der furchtbaren, verworrenen Zeit geworden? Mit tausend Spannungen war sie geladen, war wild drohend, dämonisch. Ein Krieg, der das deutsche Land verwüstete und von dem man kein Ende sah, Religionsstreitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten und dazu der Wahnsinn der Hexenverfolgungen! Ach, er selbst hatte die Besessenheit der Zeit kennengelernt, als er in Würzburg die armen Opfer des Hexenwahns zum Tode vorbereiten musste. Nicht ganz zwei Jahre war er dort, aber sein Haar war grau geworden vor Gram über die Leiden der unschuldigen Menschen, deren Schmerzen er zu seinen eigenen gemacht hatte. Das Furchtbare war, dass er nicht helfen konnte.

 

Immer noch fiel der Schnee, und von neuem sah Spee dem Tanz der Flocken zu. Nun war bald Weihnachten. Sein Herz aber war noch erfüllt von dunklen Bildern. Ach, dass die Menschen doch in Demut wieder den Weg zur Krippe fänden, um sich in die Liebe Christi zu versenken und von ihm die Liebe zu lernen! Das allein war die Rettung in der dämonischen Zeit. Während er das dachte, schwanden die dunklen Gedanken. Er sah die fallenden Flocken nicht mehr, er sah den Stall von Betlehem und die Krippe, und mit der ganzen Innigkeit seines Gemütes grüßte er das Kind.

 

Am Weihnachtsfest dieses Jahres brachte Pater Spee dem Christkind eine Gabe an die Krippe: Verse, die vor wenigen Tagen entstanden waren und die er „Herzopfer“ überschrieben hatte:. Die Verse lauteten:

 

„Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein,

das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.

In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab,

mein Herz will ich ihm schenken, und alles, was ich hab.

O Kindelein, von Herzen will ich dich lieben sehr,

in Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr.

Dazu dein Gnad mir gebe, bitt ich aus Herzensgrund,

dass ich allein dir lebe, jetzt und zu aller Stund.

Lass nichts von dir mich scheiden,

knüpf zu, knüpf zu das Band.

In Freuden und in Leiden nimm hin mein Herz zum Pfand.

 

Und da er diese Worte aus tiefster, liebender Seele betete, so füllte sein Herz sich mit einer solchen Freude, dass er alle Zeit vergaß. In Schauen versunken, verharrte er an der Krippe, solang, bis ein Mitbruder zu ihm hinging und ihm zuflüsterte, es sei wohl Zeit, dass er jetzt endlich wieder sein Zimmer aufsuche.

 

Nicht lange mehr blieb Spee nach dieser Weihnacht in Hildesheim, er siedelte bald nach Corvey über. Ehe er ging, schenkte er dem Bruder, der ihn gepflegt hatte, eine Abschrift seines „Herzopfers“. Der Bruder wieder schenkte es seinem Vater, als der ihn besuchte. Und dem Vater, der ein Kantor war, gefiel das Gedicht so gut, dass er eine Weise dazu erfand. Bald wurde das Lied weit und breit gesungen, und die Leute liebten es sehr.

 

In Corvey verlebte Spee ein Jahr der Erholung, und viele neue Lieder entstanden hier. Sein nächster Auftrag führte ihn nach Trier.

 

Im Advent des Jahres 1634 sangen sie in Trier ein neues Weihnachtslied. Eine Klosterfrau hatte es aus Westfalen mitgebracht, es hieß: „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein.“ Bald wurde es in allen Häusern geübt, und es war kein Stübchen, in dem es nicht gesungen worden wäre. Manche vermuteten, die Worte seien von Pater Spee, aber sicher wusste es keiner. Woher die Weise kam, wusste auch niemand. Die ganze Stadt klang wider von dem Lied, nur Pater Spee wusste nichts davon. Er hörte es erst in der Christmette, die in der menschenüberfüllten Jesuitenkirche gefeiert wurde. In seine glühende Andacht hinein klang das sanfte Vorspiel der Orgel. Und dann setzte es ein, zart und süß und voll himmlischer Freude, und alle, die in der Kirche waren, sangen:

 

„Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein,

das hab ich auserkoren, sein eigen will ich sein.“

 

Eine Freude, die so groß war, dass er meinte, das Herz müsse ihm zerspringen, ergriff ihn. Konnte ein Menschenherz wirklich so viel Glückseligkeit ertragen? Die Tränen schossen ihm in die Augen, er legte das Gesicht in die Hände. Wo waren alle Leiden, wo der Gram, der sein Haar gebleicht hatte? Wo waren die dunklen Ängste, die düsteren Nöte der Zeit, die alle Herzen bedrückten? Alles war untergegangen in der süßen Schönheit dieses Liedes. O Kind von Betlehem, o Herr und Gott, welche Freude, welche Seligkeit! „Lass nichts von dir mich scheiden, knüpf zu, knüpf zu das Band. In Freuden und in Leiden nimm hin mein Herz zum Pfand.“

 

Pater Spee dachte, die Seligkeit dieser Weihnacht sei nicht mehr zu überbieten auf dieser Welt. Es war die letzte Weihnacht seines Lebens. Im August des folgenden Jahres starb er im Dienst der Nächstenliebe.

 

Sein Lied aber ging nicht unter in Pest, Hungersnot und Krieg. Wenn die Weihnachtszeit kam, dann wurde es gesungen in Waldverstecken und in den Trümmern zerstörter Dörfer und Städte, in Stuben und Kirchen und Klöstern.

 

An der Weihnacht des Jahres 1648, jenes Jahres, das nach einem dreißigjährigen Krieg den Frieden gebracht hatte, sang im Stefansdom zu Wien die Menge der Menschen, die die Christmette feierten: „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein.“ Sie wusste nicht, wer das Lied gedichtet, wusste auch nicht, dass der Kölner Psalter es schon 1638 aufgezeichnet hatte.

Marga Thome

Aus „Kirchenzeitung für das Bistum Köln“

22. Januar 1950

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5. Zahl des Antichrist: 666

 

 

Von P. Redmond Buckley

Zusammenfassung aus „Cross“,

Mount Argus, Dublin, S. W. 7, Irland, 1948

 

Wenige Verse der Bibel haben so verschiedene Auslegungen erfahren wie der in der Geheimen Offenbarung des heiligen Johannes, in dem von der Zahl des „Tieres“, einem geheimnisvollen Namen für den Antichristen, die Rede ist. Es handelt sich um den 18. Und letzten Vers des 13. Kapitels, der folgendermaßen lautet:

 

„Dazu gehört Weisheit. Wer Einsicht hat, berechnet die Zahl des Tieres, es ist die Zahl für einen Menschen, und seine Zahl ist 666.“

 

Es hilft einem nicht viel weiter, wenn die bekannte Douay-Ausgabe der Heiligen Schrift dazu erklärend bemerkt: „Die Zahlenwerte der Buchstaben seines Namens sollen diese Zahl ergeben.“

 

Diese Stelle war von jeher ein besonderer Anreiz für Bibelausleger und Zahlenmystiker. Die Mehrzahl der Kommentatoren betrachtet heute diese Zahl als ein mystisches Symbol, das einen Mann bezeichnet, der gegen Ende der Welt der Hauptagent des Teufels sein wird. Er wird viele vom christlichen Glauben abspenstig machen, aber dann selbst von Christus vernichtet werden. Das „Catholic Encyclopaedic Dictionary“ (Katholisches Konversationswörterbuch) erklärt, dass „die katholische Auslegung der Schrift es nicht zulässt, den Antichristen als bloßes Symbol oder als eine Personifizierung des antichristlichen Geistes zu betrachten, sondern auf der Tatsächlichkeit seiner Person besteht.“ Es heißt dann weiter: „Er wird eine bestimmte menschliche Persönlichkeit sein, die durch größte Gesetzlosigkeit, Selbstvergöttlichung und Hass gegen die christlichen Wahrheiten und durch sein Bemühen, Christus mit Scheinwundern nachzuahmen, charakterisiert sein wird.“ Darüber, wer dieser Mann sein wird, bleiben wir in vollständiges Unwissen gehüllt. Trotzdem sind der Versuche, diesen Mann genauer zu ermitteln, unzählige.

 

Schon die ersten Kommentatoren zur Apokalypse nahmen die Zahl 666 her und begannen, mit ihr zu jonglieren und Versuche zu machen. Sie probierten es zunächst mit den Zahlenwerten des griechischen Alphabetes, kamen dabei aber nicht weit. Dann versuchten sie es mit etwas besserem Erfolg mit dem hebräischen Alphabet, in dem ebenfalls wie im griechischen Alphabet jeder Buchstabe eine bestimmte Zahl bedeutet. Einige von ihnen lösten triumphierend das Rätsel mit dem Namen des Kaisers Nero, dessen Namensbuchstaben in Hebräisch die Zahl 666 ergeben. Aber die Jahrhunderte vergingen, und man wurde sich, obwohl Nero gewiss viele erforderliche Eigenschaften für diesen Posten hatte, klar, dass sein Name doch nicht die richtige Antwort sein konnte. Dann vermuteten andere, Mohammed sei der Antichrist gewesen, da er im Jahr 666 nach Christus gestorben sein sollte. Sein genaues Todesjahr aber war entweder 630 oder 632, so dass auch diese Antwort nicht zutraf.

 

Schließlich kam die Reformation und Calvin versuchte, dieses Zeichen Papst Bonifaz III. anzuhängen. Allein seine einzige Begründung war seine Voreingenommenheit. Aber noch viele Sektenführer der späteren Jahre probierten immer wieder und mit allen möglichen Kunststückchen nachzuweisen, was sie von vornherein wollten, nämlich dass diese Zahl im Allgemeinen auf das Papsttum passe. Später kam dann Rassen- und politischer Hass dazu, und der nächste Kandidat für den Posten des Antichristen war Napoleon. Man braucht nicht eigens zu betonen, dass diese „Lösung“ zur Zeit der napoleonischen Kriege in England sehr beliebt war. Heutzutage ist dieser Name natürlich wieder verdrängt worden zugunsten moderner Politiker, und alle alten Lösungen wurden zugunsten dieser „neuen Entdeckungen“ aufgegeben.

 

Aber es ist anzunehmen, dass die Lösung durchaus nicht so einfach ist. Wir brauchen nur an eine wenig bekannte Stelle in einer Predigt von Kardinal Newman denken, in der er sich mit köstlichem Humor und sarkastischem Wohlbehagen gegen alle wandte, die behaupteten, Rom sei damit gemeint, und ironisch nachwies, dass die geheimnisvolle Zahl auch die Königin Viktoria bedeuten könne. Die Stelle die uns der englische protestantische Schriftsteller Raxton Hood in seinem Buch „The Vocation oft he Preacher“ (Vom Beruf des Predigers) überlieferte, lautet:

 

„Kann es nach einer solchen Darlegung der Blasphemien, die man sich in England erlaubt, überraschen, wenn jetzt erklärt wird, dass, so erstaunlich das klingt, die Königin Viktoria in der Geheimen Offenbarung mit dieser Zahl bezeichnet wird? Ihr erinnert euch, dass die Zahl 666 heißt. Nun, die Königin bestieg den Thron im Jahr 37, zu welcher Zeit sie 18 Jahre alt war. Vermehren wir nun 37 mit 18, so erhalten wir genau die Zahl 666, das mystische Zeichen des gesetzlosen Herrschers.“

 

Lord Macauly befand sich einst zu Besuch in Indien, als ihn ein vollständig Fremder mit der überraschenden Frage anredete: „Entschuldigen Sie, mein Herr, sind Sie nicht auch der Auffassung, dass Bonaparte das Tier war?“ Macauly antwortete ganz einfach: „Nein, mein Herr, ich kann nicht sagen, dass ich dieser Auffassung bin.“ Der Mann antwortete: „Aber, mein Herr, er war es tatsächlich, ich kann es beweisen. Ich habe die Zahl 666 in seinem Namen gefunden. Wenn er nicht der Antichrist war, wer war es dann?“ Macauly gestand, dass er dies als ein sehr schweres Problem betrachte, und fügte hinzu: „Mein Herr, vielleicht ist das Abgeordnetenhaus das Tier. Denn es besitzt 658 Mitglieder, und wenn man die fünf Schreiber sowie den Ordner, seinen Stellvertreter und den Bibliothekar hinzurechnet, so ergibt das gerade 666!“

 

In einem geistreichen Artikel erklärte vor kurzem M. V. Hay im Einzelnen, wie man zu den verschiedenen Lösungen kam. All diese „Schlüssel“ haben etwas gemeinsam: die findigen Löser kennen im Voraus die Antwort, die sie haben wollen, und wählen entsprechende Zählmethoden. Und siehe da, der Schlüssel passt, das Rätsel ist gelöst!

 

Hass oder Nationalstolz führten als Gegenschlag gegen die Lösung mit Napoleon oft zu neuen Methoden und neuen Lösungen. So schlugen die Franzosen eine Antwort vor, die ihrem Nationalgefühl entsprach. Nur brauchte man zu dieser Lösung die angeblich mystische Zahl 101, obwohl man nicht leicht verstehen kann, warum gerade diese Zahl mystisch sein soll. Aber die Lösung klang gut und zeitigte ein interessantes Ergebnis: Man füge 101 zu den gewöhnlichen Zahlenwerten des Alphabetes, d. h. A = 102, B = 103 und so fort, und als der Übeltäter kommt dann kein anderer als Wilhelm von Oranien seligen und unsterblichen Andenkens heraus. Ihr glaubt es nicht? Nun, probiert es selbst:

 

 O      R      A      N     G      E

116  119   102  115  108  106

 

und die Gesamtsumme ist 666. Fabelhaft, nicht wahr?

 

Vielleicht wird jemand einwenden, dass die Annahme A = 102 doch zu willkürlich sei. Auch gut. Herr Hay bietet uns zuvorkommender Weise eine weitere Lösung, die von einem seiner mathematischen Freunde stammt. Dabei fängt man mit A = 100 an. Wem aber auch diese Zahl noch zu hoch ist, der kann mit A = 10 anfangen usw. Zu unserer Überraschung finden wir dann, dass das Ergebnis noch geheimnisvoller wird, denn nun zeigt sich auf einmal, dass hinter der Zahl 666 nicht nur ein Mann, sondern sogar drei stecken, und, wer möchte es glauben, die drei sind keine anderen als: Winston Churchill, Mr. Eden und Hore-Belisha! Das M steht dabei für Monsieur Eden und verrät den französischen Ursprung dieser „Lösung“.

 

Wir danken Herrn Hay für die großartige Lösung, wollen aber mit einer ernsteren und feierlicheren Note schließen. Seien wir doch nicht so albern, leichtgläubig oder abergläubisch, lassen wir uns nicht durch trügerische Auslegungen irreführen, wie verblüffend sie auch aussehen mögen! In dem katholischen Konversationslexikon heißt es in diesem Zusammenhang: „Die jüdische und die christliche Literatur hat so teilweise durch Erraten, teilweise durch Schlüsse das in der Schrift enthaltene Bild zu erweitern versucht, zuweilen mit einleuchtendem Schein, zuweilen mit Übertreibungen, wobei natürlich die Juden an einen großen Feind Israels vor dem Anbruch des messianischen Königtums dachten.“

 

Die ganze Frage ist uns nicht zur Lösung aufgegeben, denn die vorangestellte Warnung des heiligen Johannes ist deutlich genug: „Wer Einsicht hat, berechnet die Zahl des Tieres.“

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6. Zeit

       

Die Zeit ist unserem Leben der strengste und gewissenhafteste Lehrmeister. Die Zeit ist eine Schule, die alle Menschen ohne Ausnahme in ihre Bänke zwingt. Wer von der Zeit nicht lernen will, wird von ihr mit harter Rute gezüchtigt. Wie ein Strom fließt die Zeit dahin, und wehe dem, der sie nicht zu seinem Heil benützt! Für ihn ist sie unwiederbringlich dahin, keine Klage und keine Träne bringt sie mehr zurück. Nichts verrinnt so schnell wie die Zeit, keine Sekunde bleibt sie stehen und kaum ehe der Mensch recht gelebt hat, ist er auch schon wieder dahin. Die Zeit ist die größte Zerstörerin, kein Sein und Leben bleibt von ihrem knöchernen Finger verschont. Während man sie eine Zerstörerin nennt, heilt sie auch tausend und abertausend Wunden und stillt Millionen von Tränen. Die Zeit reißt unbarmherzig liebende Herzen auseinander und bringt sie wieder zusammen. Die Zeit gehört nicht uns; sie ist ein geliehenes Gut, mit dem wir wirken müssen und die von Gottes Gerechtigkeit einst von uns zurückfordert wird. Für jeden Tag, jede Stunde muss Rechenschaft gegeben werden; denn das Kostbarste, das wir besitzen, ist die Zeit, die nicht vergeudet werden darf. Wenn unsere Zeit einmal abgelaufen ist, hat unser Wirken für immer ein Ende. Die Zeit hat in eines jeden Menschen Herzen mit hartem Griffel die Worte geschrieben: „Nütze deine Zeit, denke an die Ewigkeit!“

P. Wülmar

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7. Zauberglaube (Aberglaube)

       

1. Wahnglaube an Diamanten.

 

Selbst in die hohe Politik wirft der Aberglaube seine düsteren Schatten. Nach einer abergläubischen Legende ist die Zugehörigkeit Indiens zu Großbritannien davon abhängig, dass der berühmte Koh-i-Nor-Diamant nicht an männliche, sondern nur an weibliche Mitglieder des Königshauses vererbt wird. Deshalb bestimmte seinerzeit Königin Viktoria, dass dieses englische Kronjuwel nicht ihrem Nachfolger auf dem Thron, König Eduard, sondern dessen Frau gegeben werde. Bei der Krönungsfeier des jetzigen englischen Königspaares (1951) funkelte er über dem Stirnreif der Königinkrone. Diese Tatsache zeigt, wie selbst die aufgeklärte Bildung des 20. Jahrhunderts und höchste Machtstellung dieser Nachtseite des Menschenwesens ihren Tribut zollen.

 

2. Ein merkwürdiger Glücksträger.

 

Vor Jahren wurde eine berühmte Schauspielerin (Isidora Duncan) durch ihren eigenen Schal, der sich in einem Rad ihres Autos verfangen hatte, erwürgt. Diesen Schal kaufte eine Dame für 40.000 Francs – damals eine Riesensumme -, und wenn sie seitdem in Monte Carlo spielte, hing er jedes Mal um ihre Schultern. „Weil so etwas Glück bringt.“

 

3. Die „böse“ Dreizehn.

 

In einer rheinischen Stadt war wegen einer bedeutenden Festlichkeit ein wahrer Menschenstrom zusammengekommen. Alle Hotels, Gasthöfe und Pensionen waren besetzt. Ein Herr lief wegen eines Zimmers von einem Haus zum andern. Immer dieselbe Antwort: „Nichts mehr frei!“ Auch im städtischen Zimmernachweis erhielt er denselben Bescheid. „Aber vielleicht versuchen Sie es einmal im Parkhotel.“ Das Hotel gehörte zu den führenden Häusern in Aufmachung und Preis. Also hin. „Ist noch ein Zimmer frei? Ich nehme auch Nummer 13.“ Der goldbetresste Portier starrte den Fragenden groß an. „Die Zimmernummer 13 führen wir nicht. Tag für Tag würde das Zimmer leer stehen.“

 

4. Die böse Dreizehn als Glückszahl.

 

Wie töricht der Aberglaube von der Unglückszahl 13 ist, zeigt z.B. ganz auffallend der von seltenem Glück begünstigte Tondichter Richard Wagner, durch dessen Leben sich wie ein roter Faden die 13 zieht. Schon sein Name enthält 13 Buchstaben. Sein Geburtsjahr ist das Jahr 1813, dessen Quersumme auch 13 ergibt. Am 13. Dezember 1841 vollendete er den „Fliegenden Holländer“. Die erste Aufführung des „Tannhäuser“ war am 13. März 1861, die des „Ring der Nibelungen“ am 13. August 1876. Den „Parzival“ stellte er am 13. Mai 1882 fertig. An die Veröffentlichung seiner Werke begab er sich am 13. Mai 1871. Seinen kongenialen Freund Liszt lernte er am 13. September 1841 kennen. Auf seiner Flucht von Dresden traf er am 13. Mai 1849 in der Schweiz ein, wo ihn Liszt sieben Jahre später, am 13. Oktober 1856, besuchte. Nach 13 Jahren endete die Verbannung in der Schweiz. Seinen „Lohengrin“ hörte er 13 Jahre nach dessen Entstehung. Die Zahl seiner Bühnenwerke beträgt 13. So ist sein Leben tatsächlich immer wieder von der 13 begleitet, und wirklich nicht zu seinen Ungunsten, es sei denn, man rechnete seine 13jährige Ehe mit Cosima oder seinen Tod am 13. Februar 1883 hierher.

 

5. Der Unfug des „Gesundbetens“.

 

Ein Fall von „Gesundbeten“, der den Tod eines Kindes verschuldete, kam am 22. Juli 1937 in Stuttgart zur Verhandlung. Die Angeklagten gehörten zur Sekte der „Gesundbeter“. In ihrem religiösen Fanatismus hatten sie, übrigens ohne gewinnsüchtige Absichten, einen Landwirt bewogen, sein eineinhalbjähriges schwerkrankes Kind nicht mehr ärztlich behandeln zu lassen. Die Angeklagten versicherten, sie würden das Kind allein durch die Kraft ihres Gebetes retten, unter der Bedingung freilich, dass fürderhin auf ärztliche Hilfe Verzicht geleistet werde, denn die Menschen hätten keinen Arzt, sondern nur Gott, der ihnen helfen könne, und einen Arzt konsultieren, hieße deshalb Gott versuchen. Das Kind litt an einem krebsartigen Markschwamm der Augennetzhaut. Nachdem das linke Auge hatte entfernt werden müssen, wurde das gleichfalls schon angegriffene rechte Auge mit gutem Erfolg einer Röntgenbestrahlung unterzogen. Die Behandlung wurde nun auf Betreiben des Angeklagten Sax, der bei den Eltern des Kindes in hohem Ansehen stand und ihr volles Vertrauen genoss, durch die Gesundbetung ersetzt, die in Gemeinschaft mit den Eltern täglich stundenlang betrieben wurde. Erst als sich der tolle Wahn des Angeklagten Sax, dass die immer mehr aus der Augenhöhle heraustretende Geschwulst eines Tages abfallen und ein neues, gesundes Auge dahinter erscheinen werde, als eitler Wunderglaube erwies, kam das Kind in ärztliche Behandlung zurück, leider zu spät. Nach 18 Monaten schweren Leidens starb der Junge.

 

6. Nochmals das „Gesundbeten“:

 

Von einem anderen Prozess berichtete die Tagespresse Anfang 1924: Die Leiterin der „Gemeinde der Christlichen Wissenschaft“ in Lübeck stand vor einem Lübecker Gericht unter der Anklage, den Tod eines 14jährigen Kindes verursacht zu haben. Dem Jungen waren Splitter von einem Zaun in den Unterleib gedrungen. Die Frau erklärte, dass sie den Jungen gesundbeten werde. Die Eltern riefen daher erst 12 Stunden nach dem Unfall einen Arzt, der aber den Jungen nicht mehr retten konnte, während er bei sofortiger Operation zu retten gewesen wäre.

(Aus: Homiletisches Handbuch, Anton Koch, 1951, Band 12, Seite 21)

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8. Heilige Zufluchten

 

Aus: "Tiere unterm Regenbogen", von Aloysius Roche, Berlin 1954:

 

Wenn es in alten Zeiten einem Verbrecher gelang, auf der Flucht vor der Polizei eine Kirche zu erreichen, konnte er nicht mehr festgenommen werden. Dieser Brauch erstreckte sich aber nicht auf alle Übeltaten, wenn auch auf recht viele. Manchmal war der Flüchtende sogar schon sicher, wenn er sich innerhalb einer Meile Entfernung von einer bestimmten Kirche befand. An anderen Orten konnte er nicht mehr gefasst werden, wenn er nur die Hand auf die Türklinke gelegt hatte. Dieser Brauch begann in England unter König Ethelbert von Kent im Jahre 600 und hörte in der Reformationszeit gänzlich auf.

 

Es gibt hier und da noch andere Zufluchten, meistens nannte man sie später „Reservate“, das sind dann größere Bezirke Land, so in Amerika oder Australien, die den Eingeborenen übergeben wurden, deren Vorfahren früher das ganze Land besaßen.

 

Uns aber interessieren die Zufluchten für die Tiere. Es gibt mehrere solcher Wildparks, zum Beispiel ein ganz berühmter auf der Insel Capri, der Vögel jeder Art beherbergt. Und Vögel haben es im allgemeinen schwer in Italien, um es gelinde auszudrücken. Dann gibt es an der Mündung der Rhone noch einen Ort, den sie die „Flamingo-Stadt“ nennen, offenbar weil man diese großen Vögel dort ungehindert brüten und ihre Jungen aufziehen lässt.

 

Und wenn wir einem Tier, das uns anvertraut ist, oder das uns über den Weg läuft, Rücksicht und Freundlichkeit zeigen, dann schaffen wir selbst eine gute Zuflucht für dieses Geschöpf.

 

Die ersten Zufluchten dieser Art, von denen wir wissen, waren bei den Wüsten-Einsiedlern, die ein so seltsames und doch irgendwie anziehendes Leben führten. Sie schlossen Freundschaft auch mit den wildesten Tieren, und wenn eins von ihnen in die Klemme geriet, konnte es immer darauf zählen, geschützt zu werden und Beistand zu finden – in der einen oder anderen der ungezählten Einsiedeleien, die über Ägypten hin und auch in anderen Ländern verstreut waren.

 

Soweit wir wissen, lag aber die erste Zuflucht für Tiere, die man Wildpark nennen kann, in Irland, und das war schon im sechsten und siebenten Jahrhundert. An der Westküste des Landes gab es eine wilde Gegend, an drei Seiten von einem Fluss eingeschlossen und an der vierten Seite vom Meer begrenzt. Dieses wunderschöne Fleckchen Erde war mit der mächtigen Persönlichkeit des heiligen Brendan verbunden. Er hieß auch der „Seefahrer“, und seine Reiseberichte lesen sich wie richtige Märchen. Man glaubt, er sei der älteste Heilige, der im Kalender vorkommt (womit natürlich der älteste christliche Heilige gemeint ist, denn Adam steht ja auch im Kalender, und der soll ja fast tausend Jahre alt geworden sein!).

 

Aus Ehrfurcht vor dem heiligen Brendan war also dieses Gebiet den Tieren geweiht; mochten sie wild oder zahm, jung oder alt sein, das machte keinen Unterschied. Seevögel wie die wilde Gans, die Eiderente, die Graugans und alle diese konnten vom Westen hereinkommen, während jeder Wolf, Fuchs, Hase, Eichhorn oder Kaninchen nur über den Fluss zu kommen brauchte, um sicher zu sein wie im festen Haus.

 

Vogelfänger und Jäger wussten, dass sie diesen Ort in Ruhe zu lassen hatten, und sie hatten auch kaum eine andere Wahl, denn es scheint, dass weder Pferd noch Hund sich dazu bewegen ließen, das Wasser zu durchschreiten, das die Grenze dieses Schutzgebietes bildete. Dies war ein wohlverdienter Ehrenerweis für einen Mann, der nach allen Berichten eine so wundervolle Art hatte, mit Tieren umzugehen. Wenn er den Ozean durchschiffte, erhoben sich die Ungeheuer der Meerestiefen bis an die Oberfläche – und das nicht etwa zur Zeit seiner Mahlzeit, sondern zur Stunde des Gebetes! – und folgten in dichten Scharen seinem Schiff. Einmal sangen die Vögel, die er auf einer Insel traf, mit ihm zusammen Gottes Lob.

 

Jahre später hören wir von einem Vogel-Wildpark unten in Sardinien. Sie war dicht bevölkert, und meilenweit hörte man das Gezwitscher von dorther, und das erwies sich einst als ein rechtes Glück, als die ganze Gegend von einer furchtbaren Hungersnot heimgesucht wurde. Brunnen und Flüsse trockneten aus, große Risse erschienen in der Erde, das Gras vergilbte. Das Zwitschern wurde lauter und lauter, schließlich so durchdringend, dass es die Ohren des Heiligen erreichte, der damals der Bischof der Insel war. Er lauschte und lauschte, und es kam ihm vor, als ob in dieser Symphonie ein Unterton von Schrecken mitklänge. Schon ging er hin, nachzuschauen, und zwar in seinen bischöflichen Gewändern, mit Hirtenstab und allem, was dazugehört. Als er den Platz erreichte, fand er die Vögelchen ganz bekümmert, sie hatten seit wer-weiß-wie-lange kein Wasser gehabt. Mit einem Schlag des Hirtenstabes rief er einen Quell hervor, der nur so strömte und rauschte, über das Land hinflutete und einen See bildete.

 

Das waren die Vögel, - nun kommen noch die Bienen dran. St. Aldemar war ein Benediktinermönch, der zur Zeit der normannischen Eroberung lebte.  Eine ganze Zeit brachte er auch in Monte Cassino zu, der großen Abtei, die im letzten Krieg zerstört wurde. Dann zog er in die Abruzzen. Hier wurde er dadurch bekannt, dass er sich zum Schirmherrn über jegliche Art von kriechendem, krabbelndem oder fliegendem Getier machte, mochte es groß oder klein, schwach oder stark sein.

 

Eines Tages kam er nach langer Abwesenheit in seine Wohnung zurück. In einer Ecke stand eine große Lade, die er verschlossen hatte, als er fortging. In der Nacht, schon im Bett, hörte er einen sonderbaren Ton, der gerade aus dieser Ecke kam, es war ein Ton, wie ihn etwa ein ganz winziges Flugzeug von sich geben würde. Er stand auf und holte den Schlüssel, öffnete die Lade und war ganz verblüfft, einen fertig ausgebauten Bienenstand darin zu finden, mit Waben voller Honig. Während seiner Abwesenheit war ein Bienenschwarm durch das Fenster hereingelangt, hatte festgestellt, dass der Schlüssel nicht in der Lade steckte, war sogleich aufmarschiert und in Prozession durch das Schlüsselloch gezogen. Es lag nicht in Aldemars Art, sich in etwas einzumischen, was er als einen Akt der Vorsehung betrachtete, - er packte seine Sachen und zog in ein anderes Quartier. Er erlaubte auch keinem im Haus, den Schwarm etwa zu stören, solange er dort wohnen wollte.

 

Vielleicht die erstaunlichste Zufluchtsstätte, - besonders wenn man die Zeitepoche bedenkt – war die im siebenten Jahrhundert bei Reims, deren Held der heilige Basol ist. Als er das Leben eines Wildschweins gerettet hatte, indem er den hetzenden Hunden Einhalt gebot, bekam er vom dortigen Oberherrn eine Schenkung über ein Stück Land, ganz nah dem Ort, wo sich die Sache zugetragen hatte. Dieses Land wurde nun die Zuflucht der Tiere. Die Wahrheit dieser Geschichte kann dadurch nachgewiesen werden, dass noch Hunderte von Jahren nach diesem Ereignis alles Wild, das in den Wäldern von Reims gejagt wurde, von den Jägern geschont werden musste, wenn es dem Wild gelang, die Einfriedung zu erreichen, in der St. Basols Kreuz stand. Es gab darüber sogar ein amtliches Dokument!

Wenige Einsiedeleien können schöner gewesen sein, als die, in der St. Emilian im siebenten Jahrhundert lebte. Sie muss wohl in der Nähe von Tours gelegen haben, in der Gegend der Loire, denn Gregor, der hochgefeierte Bischof dieser Stadt, beschreibt sie ganz genau. Sie war von einem Garten umgeben, durch den ein klarer Bach floss. Und Karnickelchen, Eichhörnchen und alle Vogelarten lebten darin.

 

Eines Tages geschah es, während Emilian nachdenklich in seiner Klause saß, dass eine lärmende Jagdgesellschaft in den stillen Garten einfiel. Sie wurde angeführt von einem Mann, der ein so erfahrener Jäger war, dass er „Wolfskind“ genannt wurde. Auf dieser Jagd nun hatte „Wolfskind“ den stärksten Keiler erspäht, den er je gesehen hatte. Er beschloss, ihn zu stellen und zu erlegen, und sollte die Jagd auch den ganzen Tag dauern.

 

Die Jagd erwies sich als recht schwierig, denn der Keiler war genau so stark, wie Wolfskind es war, und auch genau so fest entschlossen, sich nicht umbringen zu lassen! Außerdem hatte er noch etwas im Sinn, im rasenden Lauf dachte er an eine gewisse Einsiedelei, die allen Tieren im Wald wohlbekannt war. „Wenn ich’s nur aushalte“, sagte er zu sich selber, wie er so dahinrannte, „bis ich den Fleck erreiche, - dann bin ich sicher!“ Als er schon nahe dran war aufzugeben, sah er den Garten und den Fluss vor sich und die Karnickelchen und Eichhörnchen und Vögel, die sich da so köstlich vergnügten. Er machte noch eine gewaltige Anstrengung – und er war da! Der Einsiedler hatte der Jagd zugesehen und machte ihm – eben rechtzeitig – das Tor auf. Die Hunde kamen in wilder Hatz angefegt; als sie aber die Einsiedelei erreichten, standen sie stockstill, fast als wären sie gelähmt, und weigerten sich, auch nur einen Zoll weiter zu gehen.

 

Wolfskind war ein fairer Jäger, denn sobald er sah, was da geschah, ließ er den Keiler laufen. Er pfiff die Hunde zurück und machte sich auf seinen langen Heimweg, - das Letzte, was er vom Keiler sah, war, dass er aus Emilians Hand fraß.

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9. Zerstörung der Klöster

 

Heinrich VIII. konnte allein in England 168 große und 376 kleinere Klöster aufheben, während auch in Irland gegen 700 Klöster seiner Raubgier zum Opfer fielen. So zählte man in Deutschland gegen 1000 Klöster, die nur während des Bauernaufstandes vom Jahr 1525 zerstört wurden, und kaum geringer dürfte die Anzahl der Klöster sein, die die Hugenotten in Frankreich zerstörten. Und das war erst der Anfang der nachfolgenden sogenannten Säkularisation der Klöster. Und unter diesen Instituten sind so viele, die schon seit Jahrhunderten bestanden und deren Name in der ganzen christlichen Welt mit Achtung genannt wurde.

 

Was aber mit großen Klöstern gemeint ist und wir uns nur auf das Abendland beschränken, finden wir in dem Kloster von St. Finnian zu Clonard in Irland einmal 3000 Mönche. Bangor bei Carrickfergus, gegründet um das Jahr 555, zählte noch vor dem Tod des heiligen Comgal, der es gegründet hat, 4000 Mönche. Aus diesem Kloster, das von den Dänen zerstört und vom heiligen Malachias wieder hergestellt wurde, gingen der heilige Columban und der heilige Gallus hervor. Und es war, wie der heilige Bernhard sagt, "ein wahrhaft heiliger Ort und fruchtbar an Heiligen." Im Kloster Bangor in Wales befanden sich acht Abteilungen, jede zu 300 Mönchen. In der Abtei von St. Sylvester in Nonantola zählte man im Jahr 900 mehr als 1000 und in der Abtei von Jumièges bald nach ihrer Gründung unter dem heiligen Aicard 900 Mönche. Unter Rabanus Maurus zählte die Abtei Fulda 370 und das Kloster Clugny unter Peter dem Ehrwürdigen ebenfalls nahe an 400 Mönche. Von dem ehrwürdigen Abt Hugo von Clugny schreibt Orderich Vitalis im 12. Jahrhundert, er habe "während der 64 Jahre seiner Amtsführung mehr als 10.000 Mönche in die Zahl der Streiter Christi aufgenommen." Derselbe Autor erzählt, am Tag seiner eigenen Ordination zu Rouen hätten beinahe 700 Mönche verschiedene heilige Weihen empfangen. Jordan von Sachsen, der zweite General der Dominikaner, gab den Habit mehr als 1000 Kandidaten, die er allein dem Orden gewonnen hat. Im 13. Jahrhundert finden wir im Dominikanerkloster zu Mailand 140 Brüder und 100 im dortigen Franziskanerkloster. Und zur selben Zeit lebten dort 60 Eremiten vom heiligen Augustin und 30 Karmeliten. Der heilige Franz von Assisi sammelte im Jahr 1209 die ersten Jünger um sich und zehn Jahre später sah er sich auf dem ersten Generalkapitel von mehr als 5000 Brüdern umgeben. Der heilige Dominikus starb am 6. August 1221 und in diesem Jahr wurde das zweite Generalkapitel seines Ordensgehalten, auf welchem bereits 8 Provinzen mit 60 Klöstern vertreten waren. Der heilige Franziskus aber starb am 4. Oktober 1226 und nach weniger als 40 Jahren (1264) zählte sein Orden 33 Provinzen mit 8000 Klöstern und wenigstens 200.000 Gliedern. Rechnen wir dazu die vielen anderen Orden und Kongregationen, die im Laufe des Mittelalters entstanden, wie die Orden der Augustiner, der Zisterzienser, Prämonstratenser, Karthäuser, Karmeliten, Serviten usw., ferner die ungeheure Anzahl der Frauenklöster dieser verschiedenen Orden, so können wir schließen auf die Menge von Klöstern, die bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts den Boden Europas bedeckten. So zählte z.B. der Orden der Zisterzienser 50 Jahre nach seiner Gründung bereits 500 Abteien und 100 Jahre später mehr als 1800, von denen die meisten vor dem Jahr 1200 gestiftet worden waren. So soll der Orden des heiligen Norbert zur Zeit seiner höchsten Blüte 1000 Abteien, 300 Propsteien, viele Prioreien und 500 Frauenklöster gezählt haben. Selbst der so strenge Karthäuserorden, gestiftet im Jahr 1084, zählte um das Jahr 1300 bereits 211 Mönchs- und Nonnenklöster. Merkwürdig ist auch die große Anzahl von Häusern und Klöstern, die der Orden der Humilaten zur Zeit seiner Blüte, besonders in der Lombardei besaß. Mailand zählte in der Stadt und ihrem Gebiet 130 Männer- und 70 Frauenklöster. Das kleine Monza hatte 16, Lodi 11 und das unbedeutende Seprio sogar 45 Humilatenhäuser. 

 

Aus diesen Tatsachen ergibt sich, welch ein bedeutender Teil der Bevölkerung im Mittelalter die religiösen Orden bildeten und wie man ohne Beachtung der Klöster jene Zeit vor Heinrich VIII., Martin Luther, Johannes Calvin usw. nie wird recht beurteilen können. 

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