Maria, Mutter der Barmherzigkeit

 

Samstag vor dem vierten Sonntag im Juli

 

Die Heilige Schrift ist voll der Bewunderung für die Barmherzigkeit Gottes mit dem Elend der Menschenwelt. Am ergreifendsten sind die Gleichnisse Jesu, in denen wir so einzigartig das Erbarmen seines göttlichen Herzens greifen können: in dem vom barmherzigen Samaritan, vom verlorenen Sohn, vom suchenden Hirten. Man darf geradezu sagen: Gott habe es zugelassen, dass der Mensch sündige, damit er an ihm ein Betätigungsfeld für seine Barmherzigkeit fände. Wo hätte auch Gott eine der schönsten göttlichen Eigenschaften sich auswirken lassen können, wenn es nicht die Menschen gäbe mit ihrem vielfachen Elend? Nie zeigt sich uns Gott göttlicher und liebenswürdiger als in seinem unbegreiflichen Erbarmen.

 

Wer wäre aber enger und länger mit der erbarmenden Liebe Gottes verknüpft gewesen als seine Mutter, die der Welt den Erbarmer in Menschengestalt geschenkt hat? Wird sie daher nicht unaufhörlich von seinem erbarmenden Herzen gelernt haben? Sonst wäre sie ja nicht die edelste aller Frauen und Mütter gewesen, deren Herz der Allerschaffer eigens zum Sicherbarmen erschaffen hat. So sehen wir Maria eingreifen, wenn sie um Elend und Not weiß. Beflügelte das nicht ihren Gang zu Elisabeth? Drängte dies ihr nicht jene Bitte auf die Lippen, die sie auf der Hochzeit zu Kana sprach? Trieb sie das nicht unter das Kreuz ihres sterbenden Sohnes?

 

Als die Christen lernten, auf die menschlichen Herzenstöne Jesu und Mariä zu lauschen, begriffen sie Maria als die Mutter der Barmherzigkeit und feierten sie als deren Königin. Ja, so sehr erfasste man die herrliche Harmonie zwischen christlicher Barmherzigkeit und Mariens adliger Fraulichkeit, dass man manchmal sich in der Begeisterung vergriff, als ob bei Maria mehr Barmherzigkeit zu finden sei als bei Gott oder beim Herrn.

 

Das kann natürlich nicht sein, denn Gottes Erbarmen ist von unendlicher Tiefe, und Christi Erbarmen entströmt seinem göttlichen Erlöserherzen. Maria aber ist Gottes und Christi Barmherzigkeit schönstes Abbild und beste Vermittlerin. Maria scheint sogar eigens dazu erdacht zu sein und dafür eigens begnadet zu sein, dass sie Gottes Erbarmen in rein menschlicher Gestalt darstelle, dass sie es vermittle unter jener Form, die den Menschen am leichtesten an Barmherzigkeit glauben lässt: der Gestalt der Mütterlichkeit. So wird Maria zur besonderen Offenbarung göttlicher Barmherzigkeit. In diesem Sinn kann man sagen: Gott will in und durch Maria barmherziger sein als ohne sie.

 

Aber nicht nur das, sondern auch eine von Gott bestellte Sachwalterin der sündigen Menschen sollte Maria sein. Wie es immer das Herz der Frauen und Mütter dazu gedrängt hat, die Wucht verdienter Strafen zu mildern, so soll Mariens mütterliches Flehen Gottes verletzte Gerechtigkeit hinwenden zu seiner Barmherzigkeit.

 

Ohne diese Beziehungen klar auseinanderfalten zu können, hat das Herz des katholischen Volkes dies früh und tief begriffen. Man ist fast versucht zu sagen: Nichts hat das Volk am einzigartigen Bild der Gottesmutter feiner erspürt, als dass sie Mutter sei einer Barmherzigkeit, die nie versagt. Unerschütterlich ist und darf sein der Gläubigen Vertrauen zur Königin der Barmherzigkeit.

 

Kirchengebet

 

Gott, Deine Barmherzigkeit ist unbegrenzt. Verleihe uns auf die Fürbitte der heiligsten Mutter Deines eingeborenen Sohnes, dass wir auf Erden reichlich diese Barmherzigkeit und im Himmel die Seligkeit zu erlangen verdienen. Amen.

 

Zur Geschichte des Festes: In verschiedenen Diözesen finden wir die Verehrung Mariens unter dem Titel „Mutter der Barmherzigkeit“.

 

Das Fest „Maria, Mutter der Barmherzigkeit“ wurde zuerst in der Kathedrale von Macerata gefeiert, wo Maria in einem Bild unter diesem Titel verehrt wurde. 1721 erlebte dieses Bild die feierliche Krönung. Am 22. April 1832 erhielt das Fest seine römische Gutheißung, und am 13. April 1906 wurden ihm ein eigenes Messformular und eigene kirchliche Tagzeiten geschenkt.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)