Mariä Himmelfahrt

Maria emfängt aus der Hand des heiligen Johannes die Kommunion
Maria emfängt aus der Hand des heiligen Johannes die Kommunion

15. August

 

Vier Hochfeste hat das Kirchenjahr. Weihnachten ist das Hochfest des Vaters, Ostern das des Sohnes, Pfingsten das des Heiligen Geistes, und als viertes Hochfest gilt die Himmelfahrt der lieben Mutter Gottes.

 

Auf Golgatha hatte der Heiland, wie wir wissen, das Liebste, was er auf Erden besaß, seine heiligste Mutter Maria, dem Lieblingsjünger Johannes anvertraut. Johannes nahm Maria zu sich und hat wie ein guter Sohn für sie gesorgt, lieb und treu, viele Jahre lang.

 

Als Johannes nach dem Pfingstfest Jerusalem verließ und nach der Stadt Ephesus in Kleinasien verzog, um dort das Evangelium zu verkünden, ging Maria mit ihm dorthin. Alle Tage hat der Lieblingsjünger in diesen Jahren vor Maria das heilige Opfer gefeiert und die Gottesmutter mit dem heiligen Fronleichnam ihres Sohnes erquickt und gestärkt. Es waren ruhige, friedvolle Jahre, die Maria in Ephesus verlebte, die nur mehr durch ein letztes stilles Leid getrübt wurden, das darin bestand, dass sie sich alle Tage mehr und alle Tage inniger nach der Vereinigung mit ihrem lieben Sohn im Himmel sehnte. Stephanus und Jakobus sah sie heimgehen, andere siechten hin im Alter und gingen in die ewige Freude ein. Nur ihr blieb der heißersehnte Tod fern. Das war Mariens letzter langer Schmerz in ihrem leidvollen Leben.

 

Da endlich fühlte die Hochgebenedeite, dass ihre Tage zur Neige gingen. Mit Macht zog es sie in den letzten Monaten des Lebens nach Jerusalem zurück an die heiligen Stätten, wo ihr göttlicher Sohn lebte, lehrte, litt und starb, und als sie in der Begleitung des heiligen Johannes dort anlangte, schritt sie, in liebender Erinnerung abschiednehmend, auf den altbekannten Wegen in den Tempel, zum Abendmahlssaal, nach Gethsemani und Golgatha. Dann nahte sich auch ihr der Tod, der sie heimführen sollte zu ihrem Sohn.

 

Alle Apostel bis auf Thomas waren beim Hinscheiden der Mutter Gottes zugegen. Im Augenblick des Todes erschien der Heiland inmitten eines unabsehbaren herrlichen Gefolges von jubilierenden Engeln, nahm liebend die Seele seiner heiligsten Mutter in Empfang und führte sie fort in die ewige Herrlichkeit. Mariens jungfräulicher Leib blieb zunächst auf Erden zurück, und alle Kranken und Behinderten, die den heiligen Leib berührten, wurden auf der Stelle geheilt. Schließlich begruben die Apostel, mit trauervoller Freude getröstet, die Überreste der heiligen Jungfrau auf dem Ölberg und verschlossen das Grab, wie es Brauch war, mit einem großen Stein.

 

Drei Tage später traf nach der Legende auch der Apostel Thomas in Jerusalem ein, und weil er eine gewaltige Sehnsucht an den Tag legte, den Leib der geliebten Mutter des Herrn noch einmal zu sehen, gingen die Apostel an die Begräbnisstätte und schoben die Steinplatte vom Grab weg, aber das Grab war leer wie das Heilandsgrab am Ostermorgen. Rosen voll süßen Duftes blühten dort, wo der kostbare Leichnam bestattet worden war. Mariens Leib war der Seele gefolgt, der Heiland, der alle Macht besitzt, hatte seine heiligste Mutter mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen und zur Königin erhoben, die hoch über allen Königinnen steht.

 

Dass dem in Wahrheit so ist, haben wir längst gewusst, und um so freudiger bekennen wir es, seitdem der Marienpapst Pius XII. die Aufnahme Marias in den Himmel am 1. November 1950 feierlich als Glaubenssatz verkündet hat.

 

Vom Jubel des Hinscheidens

 

In den Schriften der Alten hat das heutige Hochfest verschiedene Namen. Das Hinscheiden, die Entschlafung, das Ruhen, die Übertragung in den Himmel, die Himmelaufnahme und endlich Himmelfahrt Mariä. Schon in den allerersten Zeiten des Christentums feierte man das Andenken der seligen Vollendung ihrer irdischen Laufbahn.

 

Das Schönste über dieses wunderbare Geschehen der Himmelfahrt Mariä hat wohl der heilige Bernhard geschrieben: „Die preiswürdige Jungfrau, die heute in den Himmel erhoben worden ist, hat ohne Zweifel dadurch die Freude aller Himmelsbewohner überschwänglich vermehrt. Ist das nicht diejenige, deren Gruß die im Mutterleib Verschlossenen vernahmen und aufhüpften bei dem Schall ihrer Stimme? Wenn die Seele des noch ungeborenen Kindleins verschlossen im Mutterleib begeistert wird durch die Stimme der Grüßenden, wie wird erst der Jubel derjenigen beschaffen gewesen sein, die ihre Stimme hörten, ihr Angesicht schauten und ihre verklärte Gegenwart zu genießen gewürdigt waren! Wer ist im Stande zu begreifen, wie heute die Königin der Welt triumphierend in den Himmel eingezogen ist, und mit welcher Innigkeit der Andacht die ungeheure Menge der himmlischen Legionen ihr entgegen kam? Unter was für Lobgesängen sie zum Thron ihrer Herrlichkeit begleitet worden, wie der Friede Gottes und himmlische Klarheit sich über ihr Angesicht ausgegossen, wie sie ihr göttlicher Sohn empfangen und über alle Geschöpfe erhöht hat, gekrönt mit der Ehre, die nur der Mutter zukam, geziert mit der Herrlichkeit, die nur dem Sohn gebührt? O wahrhaft selige Küsse, die einst die lebende Mutter auf die Lippen des Säuglings drückte, als sie ihn mit Wohlgefallen auf ihrem jungfräulichen Schoß herzte. Seliger sind jedoch die Küsse, welche die Hochbegnadigte von dem zur Rechten seines himmlischen Vaters Sitzenden empfing, da sie hinaufstieg zum Thron der Herrlichkeit.

 

„Wir begleiten dich, Hochgebenedeite, mit unseren sehnlichen Wünschen und folgen dir von weitem bis zu den Füßen deines Sohnes. Deine treue Mutterliebe tue kund der Welt die Gnade, die du vor Gott gefunden. Verleihe daher durch deine heilige Fürbitte den Schuldigen Nachlass, den Kranken Genesung, den Kleinmütigen Beharrlichkeit, den Betrübten Trost, den Gefährdeten Schutz und Befreiung von allem Übel! An dem heutigen hochfeierlichen Freudentag, an dem Maria, deine demütigen Diener deinen Namen mit Lobpreisung anrufen, gewähre ihnen durch dich, du mildreiche Königin, die Gaben seiner Gnade, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

 

Freuen wir uns heute besonders über die große Herrlichkeit Marias! Die Stimme der Kirche und das Beispiel der Heiligen sollten in allen Herzen eine zärtliche Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria erwecken. Bitten wir sie in unseren Anliegen um ihre Fürbitte bei Gott; sie ist ja auch im Himmel noch unsere Mutter! Rufen wir mit dem heiligen Bernhard zu ihr: „Zieh mich zu dir, heilige Mutter. Beseitige alles, was dich hindern könnte, zur Anschauung Gottes zu gelangen. Erlange mir ein glückseliges Hinscheiden aus dieser Welt. Amen.“

 

Matthias Hergert

 

Tod und Himmelfahrt Mariä

 

(Zum 15. August)

 

Die selige Katharina von Emmerich erzählt: Es war große Trauer und Sorge im Haus der allerseligsten Jungfrau. Sie aber ruhte still und wie todesnah in ihrer Zelle. Der Schleier über ihrem Haupt war in Querfalten auf der Stirn geschürzt; mit Männern sprechend, zog sie ihn über das Antlitz nieder. Selbst ihre Hände waren nur, wenn sie allein war, unbedeckt. Sie nahm in der letzten Zeit nichts, als dann und wann etwas Traubensaft. Als sie erkannte, dass ihr Ende nahe, wollte sie nach dem Willen Jesu die anwesenden Jünger und Frauen segnen und von ihnen Abschied nehmen. Ihre Schlafzelle war geöffnet. Sie saß schimmernd weiß, wie durchleuchtet, aufgerichtet auf ihrem Lager. Sie betete und segnete einen jeden mit kreuzweis gelegten Händen, indem sie seine Stirn berührte und redete dann noch zu allen. Zu Johannes sagte sie, wie es mit ihrem Leib sollte gehalten werden, und wie er ihre Kleider an ihre Magd und eine andere arme Frau aus der Gegend verteilen solle.

 

Die Männer begaben sich hierauf wieder in den vorderen Raum des Hauses und bereiteten sich zum Gottesdienst, indes die anwesenden Frauen dem Lager der heiligen Jungfrau nahten, niederknieten und ihren Segen empfingen.

 

Der heilige Petrus brachte bald darauf der Sterbenden das Allerheiligste, von den Aposteln begleitet. Im Betwinkel, neben dem Lager der heiligen Jungfrau, war vor einem Kreuz ein kleiner Altar errichtet worden. Der Tisch desselben war rot und weiß bedeckt und Lichter brannten darauf.

 

Die allerseligste Jungfrau ruhte still und bleich auf dem Rücken: sie schaute unverwandten Blickes aufwärts, redete mit niemanden, sie war in steter Entzückung und schimmerte von Sehnsucht. Petrus nahte ihr und gab ihr zunächst die heilige letzte Ölung. Er salbte die Gottesmutter aus Büchsen, die der heilige Johannes hielt; und zwar im Angesicht, an Händen und Füßen. Dabei wurde von den Aposteln chorweise gebetet. Dann reichte ihr Petrus das allerheiligste Sakrament. Ohne sich zu stützen, richtete sie sich auf, um es zu empfangen und sank dann wieder zurück, aber wie entzückt und sprach nicht mehr. Mit den heiligen Gefäßen gingen die Apostel indes wieder zum Altar im Vorhaus zurück. Ein paar Frauen waren bei der heiligen Jungfrau geblieben. Später erschienen die Apostel und Jünger wieder am Sterbelager Mariens und beteten stehend.

 

Das Antlitz der allerseligsten Jungfrau aber war blühend und lächelnd, wie in ihrer Jugend. Sie hatte die Augen mit heiliger Freude gegen den Himmel gerichtet.

 

Vom Himmel senkte es sich wie zwei Lichtwolken herab, aus denen dem Auge der Erleuchteten viele Angesichte von Engeln erschienen. Zwischen diesen Wolken ergoss sich eine Lichtbahn zu Maria nieder. Sie streckte ihre Arme mit unendlicher Sehnsucht hinauf. Ihre Seele schied als reine Lichtgestalt aus dem Leib und schwebte auf jener Lichtbahn himmelwärts, indes der entseelte heilige Leib, die Arbe über der Brust kreuzend, aus seiner etwas schwebenden Lage zurücksank und sich die Engelchen in den Wolken, unter der heiligen Seele emporschwebend, schlossen.

 

Die heiligen Frauen gingen wehmütig an die Leichenbereitung. Als alles beendet war, traten die Apostel, Jünger und Anwesenden herein, um das liebe Antlitz noch einmal zu sehen. Unter vielen Tränen knieten sie still um die heilige Jungfrau herum, nahmen dann Abschied, indem sie ihre bedeckten Hände berührten. Der Leib wurde nun verhüllt und der Sargdeckel geschlossen. Es dämmerte schon, als die Beerdigung stattfand. Die heiligen Apostel trugen den Sarg. Sie setzten ihn in einer Grabhöhle nieder. Die Anwesenden gingen noch einzeln hinein, legten Gewürze und Blumen umher, knieten nieder und opferten Tränen und Gebet. Es waren viele. Schmerz und Liebe machte sie verweilen und Nacht war es mittlerweile geworden, als die Apostel den Grabeingang verschlossen. Zerstreut kehrten sie zurück und verweilten noch hie und da betend; einzelne blieben unter Gebet die Nacht über am Grab.

 

Die Heimgekehrten sahen aus der Ferne ein wunderbares Leuchten über dem Grab Mariens. Sie waren davon sehr gerührt, ohne zu wissen, was es eigentlich sei. Es war, als senke sich vom Himmel eine Lichtbahn gegen das Grab, und eine feine Gestalt in ihr, gleich der Seele der heiligen Jungfrau, begleitet von der Gestalt unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Aus dem Grab aber erhob sich nach Kurzem der Leib Mariens, leuchtend, weil mit der leuchtenden Seele vereinigt, und zog mit der Erscheinung Jesu zum Himmel empor. Eine Glorie von drei Kreisen, von Engeln und seligen Geistern umgaben sie. Dann sank der Glanz wieder ein, und der stille Sternenhimmel bedeckte die Gegend.

 

Ob die vor dem Grab betenden Apostel und heiligen Frauen alles dies sahen, ist unbekannt; aber anbetend und staunend schauten sie empor. Einige warfen sich erschüttert mit dem Angesicht zur Erde nieder.

 

Thomas kam einen Tag nach der Beerdigung der Gottesmutter an und war sehr betrübt darüber. Er verlangte, nach dem Grab geführt zu werden. Es geschah. Da es bereits Nacht war, zogen sie mit Leuchten hin. Beim Grabfelsen angelangt, warfen sie sich alle umher auf die Knie nieder. Thomas trat zuerst ein, Johannes folgte, nahte sich dem leichten Korksarg, der in einem steinernen Totenlager ruhte, hob den Deckel und stellte ihn beiseite; nun leuchteten sie in den Sarg und sahen mit tiefer Erschütterung die Grabtücher des heiligen Leibes in der ganzen Form der Enthüllung vor sich liegen. Über der Brust und dem Angesicht waren sie auseinander geschlagen; die Umwindungen der Arme lagen leicht aufgelöst, doch noch in gewickelter Form, wie sie gelegen, aber der verklärte Leib Mariens war nicht mehr auf der Erde. Sie blickten mit aufgehobenen Armen empor, als sei ihnen der heilige Leib erst jetzt entschwunden, und Johannes rief zur Höhle hinaus: „Kommt und staunt! Sie ist nicht mehr hier.“ Da traten sie alle paarweise in die enge Höhle und sahen mit Staunen die leeren Grabtücher vor sich liegen. Hinausgetreten, knieten alle zur Erde; sahen, die Arme gegen den Himmel erhebend, empor; weinten und beteten und priesen den Herrn und seine in Liebe verklärte Mutter, wie treue, gute Kinder mit mancherlei süßen Liebesworten, so wie der Geist sie ihnen auf die Lippen legte.“

 

Maria, sel`ge frohe,

Du mildes Mutterherz!

Sieh auf uns her, du Hohe,

Wir sehen himmelwärts.

 

O zieh uns näher, näher

Durch Freude und durch Harm,

Und heb uns höher, höher

Mit treuem Mutterarm.

 

O nimm uns zum Geschenke,

So unwert wir auch sind,

Maria! und dann lenke

Auch uns zum Himmel hin!

 

* * *

 

Im Urteil Gottes über die Sünde der Stammeltern wird ihnen als schärfste Strafe verkündet: „Staub bist du und wirst zum Staub zurückkehren.“ Es ist einigermaßen verwunderlich, dass mit keinem Wort vom Ausschluss von der ewigen Seligkeit die Rede ist. Das wird verständlich, wenn wir beachten, dass die Heilige Schrift des Menschen Sterbenmüssen stets als Symbol und Ausdruck des seelischen Todes sieht. Sie behandelt eben den Menschen, so wie er geschaffen worden ist, als Sinneswesen, bei dem alles geistige Erfassen zuvor eine sinnliche Wahrnehmung nötig hat. Auf ein Sinneswesen macht aber das erfahrbare und Entsetzen einflößende Verfallen des Leibes zum Staube einen tieferen Eindruck als der unsichtbare Seelentod. „Die Sünde hat dem Tod ihre Herrschaft geltend gemacht“, sagt darum St. Paulus.

 

Aus dem gleichen Grund illustriert uns die Heilige Schrift den Sieg Christi über Sünde und Satan an seinem Triumph über den Tod. In seiner glorreichen Auferstehung hat Christus seinen Sieg eindeutig zur glaubwürdigen Darstellung gebracht. Das Siegeslied des Erlösers lautet darum: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Ostern ist darum das Hochfest. Denn der Sieg über den leiblichen Tod ist Bürge für das wiedererlangte Gottesleben der Gnade und für unsere ewige Seligkeit. Deswegen ist nach der Heiligen Schrift die Erlösung Christi erst wirklich vollendet, wenn er einst in der Auferweckung der Brüder den Tod endgültig aus dem Menschengeschlecht verjagt hat, wenn es nur noch ewiges Leben gibt.

 

Mit solchen Augen müssen wir auch die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel sehen. In ihr steckt mehr als nur der Wunsch des verherrlichten Sohnes, seine geliebte Mutter auch dem Leibe nach bei sich zu haben. Darin steckt mehr als bloß eine außerordentliche Belohnung für jene, die wie kein anderer Mensch dem Herrn in seinem irdischen Werk als seine Magd gedient hat. Darin verbürgt sich mehr als nur eine Auszeichnung für die Jungfrau, die der Sünde und dem Satan keinerlei Tribut bezahlt hat.

 

Mariens leibliche Aufnahme in den Himmel ist der Triumph der Erlösung, ist die herrliche Darstellung dessen, was das Blut Christi uns erworben hat. Da es nicht besonders verwunderlich ist, wenn ein Gottmensch seine eigene Menschennatur in die Höhen des Himmels hinaufführt, so sagt uns Mariens leibliche Verherrlichung, d.h. die Unsterblichkeit eines bloßen staubgeborenen Menschenleibes, mit unübersehbarer Deutlichkeit, dass in Christus unser Verwesliches tatsächlich Unverweslichkeit, unser Sterbliches Unsterblichkeit anziehen wird.

 

Mit Recht ist darum Mariä Himmelfahrt unserer Kirche höchstes Marienfest. Groß ist Maria gewiss auf Erden, aber noch größer die über den Tod obsiegende Himmelskönigin. Darum jubelte der gesamte katholische Erdkreis, als Pius XII. 1950 diesen Tatbestand zur Würde und Sicherheit einer geoffenbarten Glaubenswahrheit erhob. Wir jubelten, weil auch unser tiefstes Sehnen darin seinen stärksten Ausdruck fand: „Sind wir mit ihm verwachsen durch die Ähnlichkeit mit seinem Tod – nämlich in der Taufe -, so werden wir es auch sein durch die Ähnlichkeit mit seiner Auferstehung“ (St. Paulus).

 

Kirchengebet

 

Allmächtiger, ewiger Gott, Du hast die Unbefleckte Jungfrau Maria, die Mutter Deines Sohnes, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen; verleihe uns, dass wir, auf das Himmlische allzeit bedacht, ihrer Glorie teilhaftig zu werden verdienen. Amen.

 

Zur Geschichte des Festes: Mariä Himmelfahrt ist eines der ältesten Marienfeste. Die Liturgie dieses Tages gedenkt zunächst des seligen Hinscheidens der Mutter Maria (wie ja bei allen Heiligen der Todestag als der Geburtstag für den Himmel gefeiert wird). Dann aber gedenkt die Kirche in diesem Festgeheimnis auch der leiblichen Aufnahme Mariens in die Herrlichkeit des Himmels und letztlich feiert sie auch noch die Krönung Mariens im Himmel als Königin aller Heiligen. – Leider haben wir keine genauen geschichtlichen Unterlagen für den Tag, das Jahr und den Ort des Heimganges unserer himmlischen Mutter. Die Überlieferung spricht von 72 Lebensjahren und nennt Jerusalem als Ort des Todes, gelegentlich auch Ephesus.

 

In den ältesten Zeiten wurde dieses Fest am 18. Januar gefeiert. Kaiser Mauritius (+ 602) veranlasste um die Wende des 6. Jahrhunderts die Verlegung auf den 15. August. In der römischen Liturgie ist das Fest seit dem 7. Jahrhundert verzeichnet. Papst Leo IV. zeichnete es 847 mit Vigil und Oktav aus. – Durch die Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950) hat dieser Festtag für die gesamte Christenheit einen neuen Glanz erhalten.

 

(Prof. Dr. Carl Feckes, "So feiert dich die Kirche", Maria im Kranz ihrer Feste, 1957, Steyler Verlagsbuchhandlung)

 

 

Das Fest der Himmelfahrt Mariä im Marianischen Festkalender

 

"Heute hat sich die Jungfrau Maria zum Himmel erhoben. Freut euch, denn sie herrscht nun mit Christus auf ewig." (Kirchliche Antiphon)

 

Die katholische Kirche zeichnet dieses Fest Mariens vor allen andern durch besondere Feierlichkeit aus, wozu ausdrücklich die Kräuterweihe gehört. Die Aufnahme Mariens in den Himmel, nachdem sie dem Tod den Zoll gegeben und in das Grab gelegt war, wird von der Überlieferung in der jedem Christen bekannten Weise gemeldet. So betrachten wir denn heute am Tag ihrer Aufnahme vor allem ihren Hingang.

 

Maria blieb nach der Himmelfahrt Jesu Christi deswegen auf Erden zurück, um zur Verbreitung des heiligen Glaubens mitzuwirken. Deshalb nahmen auch die Jünger Jesu in ihrer Not zu Maria ihre Zuflucht, worauf sie ihre Zweifel löste, sie in den Verfolgungen stärkte und ihnen Mut einflößte, alle ihre Kräfte anzuwenden, um die Ehre Gottes und das Heil der erlösten Seelen zu befördern. Freilich blieb Maria gerne auf Erden, weil sie wusste, dass dies der Wille Gottes für das Wohl der Kirche sei. Aber dennoch war es unmöglich, dass sie nicht einen großen Schmerz empfand, als sie die Gegenwart und den Anblick ihres geliebten Sohnes, der in den Himmel aufgefahren war, entbehren musste. Der Heiland selbst hat gesagt: Wo euer Schatz st, da wird auch euer Herz sein. Weil nun aber Maria kein anderes Gut liebte als Jesus, so mussten, nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren war, alle ihre Wünsche nur den Himmel zum Gegenstand haben. Man erzählt, dass die göttliche Mutter ihr liebendes Herz während dieser bitteren Trennung von ihrem Sohn häufig durch den Besuch der heiligen Orte in Palästina, jener Orte, an denen ihr Sohn sich während seines Lebens aufhielt, tröstete. Aber besonders oft besuchte Maria den Kalvarienberg, auf dem ihr Sohn starb, und das heilige Grab, in das man ihn nach seinem Tod legte. Auf solche Weise suchte die liebevolle Mutter sich die Schmerzen ihrer Verbannung auf Erden zu erleichtern.

 

Cedrenus, Nicephorus und Metaphrastes erzählen, dass Gott der seligsten Jungfrau einige Tage vor ihrem Tod den Erzengel Gabriel schickte, der ihr eines Tages verkündigt hatte, dass sie die auserwählte und gebenedeite Jungfrau ist, die zur Mutter ihres Gottes bestimmt wäre. Nachdem Maria diese selige Nachricht empfangen hatte, benachrichtigte sie den heiligen Johannes davon. Noch einmal besuchte Maria die heiligen Orte von Jerusalem. Hierauf begab sie sich in ihr ärmliches Häuschen, um sich zum Tod vorzubereiten. Während dieser Zeit besuchten die Engel ihre geliebte Königin und empfanden großen Trost bei dem Gedanken, dass sie Maria bald im Himmel gekrönt sehen würden. Mehrere Schriftsteller erzählen, dass, ehe die göttliche Mutter starb, alle Apostel und ein Teil der Jünger des Herrn durch ein Wunder aus den verschiedenen Weltteilen, in denen sie zerstreut waren, in dem Zimmer der göttlichen Mutter vereinigt wurden. 

 

Maria bat die Jünger, nach ihrem Tod für ihre Beerdigung zu sorgen, segnete sie und befahl dem heiligen Johannes, ihre beiden Kleider zwei Jungfrauen, die sie eine Zeit lang bedient hatten, zu schenken. Hierauf legte Maria sich mit dem größten Anstand auf ihr armes Bett nieder mit dem innigen Wunsch, auf ihm den Tod und mit dem Tod die Entgegenkunft ihres göttlichen Bräutigams zu erwarten, der binnen kurzem zu ihr kommen sollte, um sie mit sich in die ewige Herrlichkeit einzuführen.

 

Nachdem die Liebe Gottes mit ihren seligen und heftigen Flammen schon beinahe alle Lebensgeister verzehrt hatte, verlor endlich dieser himmlische Phönix mitten in so helllodernder Glut sein Leben. Die Engel kamen in Chören herbei, um sich zu rechter Zeit bei dem glänzenden Triumphzug einzufinden, in dem sie Maria in den Himmel geleiten sollten. Der Anblick dieser heiligen Geister gewährte freilich der göttlichen Mutter reichlichen Trost. Aber ihr Trost blieb dennoch unvollkommen, solange sie nicht ihren geliebten Jesus erscheinen sah, der der einzige Grund ihrer Liebe war.

 

Aber siehe, schon erscheint Jesus, um seine Mutter mit sich zu nehmen und in das Reich der Seligen zu führen.

 

Und nun löste sich diese große und heilige Seele, diese schöne Taube des Herrn von den Banden dieses Lebens und eilte in den Himmel, wo sie als eine Königin thront und die ganze Ewigkeit hindurch thronen wird.

 

 Mariä Himmelfahrt

 

Nachdem mit frommem Mut

Die zwölf Apostel gut

Den heiligen Geist empfingen,

Da eilten sie und gingen

In die Lande her und hin,

Dem Wort getreu mit frommem Sinn,

Das ihr Herr sie predigen hieß;

Ihrer keiner das unterließ:

Sie säten, wohin sie kamen,

Rechter Lehre Samen,

Der seither wuchs im Glauben

Und den sich nicht ließ rauben

Das Volk in den Landen weit.

 

Nun war binnen dieser Zeit

Maria rein und gut

Unter Johannis Hut.

Zwei Ämter waren ihm befohlen,

Deren pflegte er unverhohlen:

Marias Hut und die Lehre.

Der beiden pflegte der Hehre,

Denn er trug gar weisen Sinn.

Der edlen Königin

Schuf er zuhause Ehre genug;

Wohl zwölf Jahre trug

Sie noch ihr segenreiches Leben,

Von Freunden treu umgeben.

Er fuhr zu predigen in das Land,

Das Asia ist genannt.

Wohin er kehrte, an jedem Ort

Lehrte er das Gotteswort.

 

Als einst die Jungfrau rein,

Im Gebete ganz allein,

An ihr Kind dachte hin

Und ihr mütterlicher Sinn

Mit Jammer sie zwang,

Dass ihr Herze darnach rang,

Ihr Kind zu schauen noch einmal,

Da kam ein lichter Sonnenstrahl

Hin in die Kammer auf der Au,

Wo sich die liebe Frau

Beschlossen hatte ganz allein.

Ein lichter Engel rein

Sprach so: "Maria, höre mich!

Mich hat dein Kind gesandt an dich,

Jesus, des Himmels Krone,

Der in dem höchsten Throne

Sitzt; er ruft dich alsogleich

In das große Himmelreich

Ohne Klage und ohne Not.

Dich soll nicht fällen bittrer Tod;

Des Himmels Tor ist offen dir,

Da dein mit züchtiger Begier

Die Engel und die Heiligen warten."

Eine Palme aus des Himmels Garten

Gab er ihr da in die Hand

Als Siegeszeichen, eh er schwand.

 

Maria darob nicht erschrak,

Da sie gar oft der Zwiesprach pflag

Mit Engeln, und sie sprach zu ihm:

"Ei, guter Engel Cherubim,

Wenn ich Gnade finde

Vor meinem lieben Kinde,

So wäre mein bittliches Begehr,

Ich wollte, dass mir kämen her

Vor meines Todes Falle

Die lieben Apostel alle,

Dass ich in rechter Nähe

Mit Augen sie sähe

Und vor ihnen meines Leibes Leben

Könnte fröhlich aufgeben."

 

Binnen dieser Zeit geschah,

Dass man Johannes predigen sah

Zu Ephesus im Lande.

Gott unser Herr sandte

Dahin einen Donnerschlag,

Dass alles Volk gar sehr erschrak.

Dabei kam eine Wolke fahl,

Draus fuhr ein lichter Wetterstrahl

Zum Volke, das ihm war so nah.

Johannes ward entrücket da

Und gebracht vor unserer Frauen Tür.

Er klopfte: da lief man herfür

Und ließ Johannen hineingehen.

Als sich da sollten sehen

Die beiden jungfräulichen Herzen,

Das war in Freuden und in Schmerzen.

Maria sprach: "Mir naht der Tod.

Nun höre ein Teil meiner Not,

Was ich habe von denen vernommen,

Die beiweilen zu mir kommen!

Die Juden haben also gesagt:

Sobald der Tag tagt,

Dass Jesu Mutter soll sterben,

So wollen wir verderben

Den Leichnam, der ihn trug,

Ihn schänden lästerlich genug

Und werfen in ein Feuer;

Da soll ihm Hilfe werden teuer.

Drum lass es dir gefallen,

Dass du ihr böses Schallen

Stillest nach deiner Macht.

Die Palme, die mir der Engel gebracht,

Lass vor der Bahre tragen,

Um sie mit Schrecken zu schlagen!"

 

Johannis Augen wurden nass;

Vor Marias Bett er saß

Und sprach: "O kämen nach meinem Begehr

Nur alle die Apostel her,

So wollten wir ohne Gefährden

Dich bestatten zu der Erden!"

 

Nun waren binnen dieser Zeit

Die Apostelgar weit

Zerteilet in den Landen,

Da sie von Sündenbanden

Das blinde Volk erlösten,

Es mit Gnade zu trösten,

Dass mannige Seele gerettet ward.

Wo ein jeder auf seiner Fahrt

Predigend hin die Schritte lenkte,

Ein Nebel sich da niedersenkte

Auf ihn, der ihn entzückte

Und von den Leuten entrückte.

Nach unseres Herren weisem Sinn

Kamen sie bis vor die Türe hin

Des Hauses, da Maria lag;

Darob gar mancher erschrak.

 

Auch Paulus war daher gekommen.

Als so die lieben Frommen

Standen vor Mariens Tür,

So kommt Johannes herfür.

Wie froh ward er da,

Als er sie allesamt ersah!

Er sagte ihnen die Märe,

Wie der Frau geschehen wäre.

 

Die Apostel treu und gut

Verhehlten drum ihren trüben Mut

Und gingen vor Maria hin.

Ihr heilig demütiger Sinn

Neigte sie zur Erde

Mit inniger Geberde

Im Angesicht des Todes da.

Als Maria Paulum sah,

Empfing sie ihn mit Grüßen.

Er fiel ihr zu Füßen

Und sprach: "Gegrüßet sei mir hie,

Da ich mit Fleisches Augen nie

Dein liebes Kind gesehen habe;

Dein Anblick mich zum Troste labe!"

 

Als Maria die gute

Mit jenem hohen Mute,

Den sie zu jeder Tat gewann,

Der rechten Zeit sich besann,

Da legte sie an ihr Sterbekleid

Und lag mit großer Innigkeit

Allda in einem Bette;

Ein Licht entbrannte man zur Stätte.

Auch waren da zwanzig Jungfrauen gut.

Maria stund in deren Hut;

Die dienten ihr mit Fleiße

Auf löbliche Weise.

Die Apostel lobten Gott

Nach ihres Willens Gebot

Im Chor, der bis zum Himmel klang.

Petrus, der gute, sang

Also mit ihnen lieblich und fein:

"Freue dich, freue dich, Königin rein,

Du Fraue, da dich Gottes Rat

Sonderlich geminnet hat,

Die du in der Keuschheit Leben

Der Welt ein Licht hast gegeben!

Wohl dir, dass dein je ward gedacht!"

 

Dies währte bis hin in die Nacht,

Dass die Apostel rein

Und das Volk allgemein

Ob der Frauen wachte,

Als das Haus erkrachte

Von einem großen Donnerhall,

Der ertönte ob ihnen all

Mit einem starken Sause.

Da ward auch in dem Hause

Ein süßer Duft; da kam gefahren

Mit lichten, engelischen Scharen

Jesus, der Jungfrau Sohn. Es sangen

Die Engel mit fröhlichem Prangen,

Da von dem Leib Marias Seele kam,

Die Jesus Christus selber nahm

Auf seinem Arm; und er entschwang

Sich aufwärts in der Engel Sang.

Die empfingen sie mit hohem Lied:

"Wer ist es, die aus der Wüste zieht,

Auf ihres Liebsten Brust geneigt?

Das ist die Braut, der Gott erzeigt

Vor den Töchtern allen

Inniges Wohlgefallen."

Die rief auch Adam und Eva:

"O liebe Tochter Maria!

Wohl uns, du herzeliebes Kind,

Dass mit dir unterlegen sind

Der Schlange Listen, Sünd` und Not;

Die sind durch deine Keuschheit tot!

Komm, gebenedeite Frucht;

Denn uns ist von so schöner Zucht

Gar wenig hergekommen!"

So ward die Seele genommen

Und ob der Engel Chöre gebracht,

Wie Gott es hatte wohl bedacht.

 

Indes bedeckten die Jungfrauen

Den Leichnam, blütenklar zu schauen,

Mit seidenen Tüchern, legten ihn

Dann auf eine Bahre hin

Mit inniglicher Traurigkeit.

Als die Bahre war bereit,

Und darum Lichter entbrannt,

Die alle trugen in der Hand,

Die ihre Freunde waren,

Da brachte man zur Bahren

Die sternlichte Palme her.

Johannes bat man nunmehr,

Dass er, der jungfräuliche Mann,

Mit der Palme ging voran.

 

Petrus und Paulus darauf kam

Zur Bahre; jeder nahm

Sie an ihrem Ende

In seine Hände.

Die Apostel auch zugleich

Halfen ihnen trauerreich

In der Prozession.

In lustvollem Ton

Hörte man der Engel Sang,

Der in der Luft weit erklang.

So ward sie getragen aus der Stadt.

Gar viel des Volkes hinzutrat

Und wunderte sich sehr,

Wenn man mit solcher Ehr`

Brächte hin zu dem Grab.

Ihrer einer lief da hinab

Und erfuhr die Märe,

Wie und was da wäre.

 

Da hub das Volk überall

Unter ihnen zornlichen Schall.

Die Fürsten und die Judenpfaffen

Begannen bald zu schaffen,

Dass jeglicher herauskäme

Und Schild und Schwert nähme.

Ein Pfaffenfürst lief da voran.

Er führte die Rotte an

Und wollte mit Unehren

Die Bahre umkehren.

Die Hände er an die Bahre schlug,

Was ihm Gott doch nicht vertrug.

Ihm klebten Hände und Arme

An der Bahre, dass der Arme

Herrn Petrus schrie um Hilfe an,

Denn er erkannte den heiligen Mann.

 

Da sprach Petrus: "Willst du gestehn,

Dass alles Heil der Welt geschehn

Durch Marias Sohn,

So hoff` ich, dass zum Lohn

Für dein treu Gemüte

Gott erzeige seine Güte."

Da sprach der Jude: "Ich glaube, ja!"

Vom Banne ledig war er da,

Doch lahm noch und schwach.

Petrus zum zweiten Male sprach:

"So küsse nun die Bahre,

Dass Heil Dir widerfahre!

Dann nimm die Palme unentwegt,

Die Johannes trägt,

Und frage das blinde Volk, das tolle,

Ob es dem Glauben folgen wolle;

So werden Sie sehend werden

Und frei von allen Gefährden!"

Das tat er; denn mit Blindheit geschlagen

Waren, die es wollten wagen,

Ihm zu folgen: sie sahen nun wieder

Und sanken vor der Bahre nieder.

 

Die Fürsten der Christenheit

Brachten nun den Leib der Maid

Zu Josaphat in das Tal.

In der Luft war großer Schall

Von den Engeln Gottes

Nach dem Willen seines Gebotes.

Der Leichnam ward allda begraben.

Nun wollten sie dort Wache haben.

Am dritten Tag ein lichter Schein

Schien den Aposteln allgemein

Ob dem Grab der Frauen.

Sie begannen Wunder zu schauen.

Es schwebten auch viel Engel rein

In jenes Lichtes hellem Schein

Herum und darob;

Die sangen dazu hohes Lob. 

Da kam Christus herab

Und hub aus dem Grab

Den reinen Leichnam, dass nach dem Leide

Leib und Seele beide

Vereinigt sollten sein

In der lichten Wolken Schein

Ob aller Heiligen Heiligkeit,

Da ihr Gestühle war bereit.

 

Die Apostel küssten der Jungfrau Grab

Und gingen fröhlich wieder hinab.

Nun war Sankt Thomas, wie wir lesen,

Nicht an dem Tag dabeigewesen.

Er bat, dass sie mit ihm hinab

Wieder wollten gehn zum Grab,

Dass er möge schauen

Den Leichnam der Jungfrauen.

Als die Apostel hintraten

Und das Grab auftaten,

Da war darin nichts als das Kleid;

Der Leichnam war im Himmel weit.

Die Erde war dafür zu schwach;

Daher sie das Recht der Natur zerbrach.

Sie war nicht würdig der Ehre,

Dass ihr untertan wäre

Ein also großes Heiligtum.

Der Himmel und des Himmels Ruhm

Hatte nur die Kraft dazu.

Doch Thomas zweifelte. Im Nu

Erschien Maria selber wieder

Und reichte ihm ihren Gürtel nieder,

Dass er ein Zeugnis des Wunders hätte.

Der Gürtel wird an heiliger Stätte

Noch zu Pistoia aufbeahrt.

 

Die Gottesmutter rein und zart,

Als Engelskönigin

Und Himmelsherrscherin

Sitzet sie nun oben,

Die wir genug zu loben

Mit aller Macht nicht mächtig sind,

Und fleht für uns bei ihrem Kind.

 

(Aus: "Goldene Legende der Heiligen

von Joachim und Anna bis auf Constantin den Großen"

neu erzählt, geordnet und gedichtet von

Richard von Kralik

München 1902)

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