Geschichten des Lebens aus alter Zeit          1. Teil

 

1. Gebt, so wird euch gegeben werden! - Erzählung von Hermann Weber

 

2. Schwer gebüßt - Bild aus dem Leben

 

3. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen

 

4. Geschichte einer Konversion - Von Elisabeth Düker

 

5. Ein trauriges Stücklein für heiratslustige junge Leute

 

6. Die Grafentochter - Aus dem Französischen nacherzählt von Silesia

 

7. Ein Opfer des Alkohols - Von Johann Heinekamp

 

8. Hochmut kommt vor dem Fall!

 

9. Du sollst Vater und Mutter ehren

 

10. Erlebnisse eines deutschen Jesuiten in der portugiesischen Revolution

 

11. Was der kann, das kann ich auch - Von H. Bals

 

12. Sein Ehrenwort - Eine Geschichte aus der französischen Kommune

 

13. Die Eintagsfliege - Fastnachts-Erzählung von Elsbeth Düker

 

14. In elfter Stunde

 

15. Fastnacht eines Apostaten - Von Francois Veuillot

 

16. Der Schein trügt

 

17. Der Evangelist

 

18. Gottes Mühlen malen langsam, aber sicher - Von Johann Heinekamp

 

19. Zu neuem Leben erstanden - Von Elsbeth Düker

 

20. Als es zum Beten läutete

 

21. Mater dolorosa - Von Silesia

 

22. Die alte Pfründnerin - Von Silesia

 

23. Warum der Teichbauer wieder fastete - Von Franz Wienhold

 

24. Eine ergreifende Erstkommunion

 

25. Ein ehrlicher Mann - Von Hermann Weber

 

26. "Einer der Geringsten" - Aus dem Englischen von Pia Rainer

 

27. Zwei Karfreitage - Historische Skizze

 

28. O Herr, gedenke meiner! - Des Wilderers letzte Hoffnung

 

29. Almosengeben macht nicht arm - Von Franz Clute-Simon

 

30. Nur ein Kreuzlein - Wahre Skizzen von Er. Krafft

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1. Gebt, so wird euch gegeben werden! - Erzählung

von Hermann Weber

 

Die ihn näher kannten, nannten ihn alle den geizigen Mertens. Aber er hatte das beste Geschäft in der kleinen Stadt und war ein reicher Mann, und darum wagte auch niemand, ihm in den Weg zu treten.

 

Kinder hatte das alte Ehepaar nicht. Ein Neffe des Kaufmanns, der vor Jahren als mutterlose Waise in dem Geschäft als Lehrling tätig gewesen war, hatte eines Tages heimlich seine Sachen gepackt und war in die Welt gegangen, da ihm die karge Kost im Haus seines Onkels nicht mehr behagte. Mertens hatte damals weidlich auf den Davongelaufenen geschimpft und ihn dann vergessen. Seitdem hatte auch der junge Mann nichts wieder von sich hören lassen. -

 

Mertens war gerade beschäftigt, sein Schaufenster mit Weihnachtssachen zu dekorieren, als der Postbote einen Brief hereinreichte. Mertens warf einen Blick darauf und ließ dann seine Arbeit ruhen.

 

Der Brief war mit fremdländischen Marken beklebt: das musste schon etwas Besonderes sein, und darum beeilte sich der Alte, ihn aufzuschneiden. 

 

Mertens überflog das kurze Schreiben, das der Umschlag enthielt und schüttelte verwundert den Kopf. Dann rief er seine Frau herbei.

 

"Denke dir nur", sagte er, als seine Gattin neben ihm stand, "da schreibt unser Neffe, unser damaliger Lehrling Adolf, aus Australien, dass er großes Heimweh nach der Heimat habe und zwei Tage vor Weihnachten hier eintreffen würde. Er hätte aber in der Fremde keine Reichtümer gesammelt und seine wenigen Ersparnisse würden gerade hinreichen, ihn hierhergelangen zu lassen. Obendrein bäte er uns, ihm für einige Tage Obdach zu gewähren, bis er hier eine passende Stelle gefunden hätte. - Also, er möchte auf unsere Kosten essen und trinken. Ich denke, die Last wollen wir uns doch nicht aufhalsen, Frau. Was meinst du dazu?"

 

"Nein!" antwortete hartherzig die Frau. "Damals lief er uns davon, weil es ihm hier nicht mehr gut genug war, und jetzt möchte er sich gerne wieder einfinden. - Wenn er allerdings käme mit einer Tasche voll Geld, dann ließe sich schon eher darüber reden."

 

Damit war die Angelegenheit zwischen den Gatten erledigt. -

 

Es war um die zehnte Abendstunde. Der von Hamburg kommende Personenzug war soeben eingelaufen.

 

Unter den wenigen Fremden, die, dicht in ihre Mäntel gehüllt, die Straßen der kleinen Stadt betraten, ragte ein junger Mann mit scharfen, energischen Zügen hervor.

 

Er war schlicht, fast ärmlich gekleidet, trug nur ein kleines Bündel in der Hand und schien jemand erwartet zu haben.

 

Niemand erkannte ihn wieder nach der langen Zeit.

 

Als er das Haus seines Onkels erreicht hatte, zog er klopfenden Herzens die Glocke. Der alte Mertens öffnete die Tür.

 

"Nun, was gibt es? Was wünschen Sie?" fragte er brummig.

 

"Ich bin es ja, Onkel! Kennst du mich nicht mehr?" rief der junge Mann, herzlich die Hand seines Verwandten ergreifend.

 

"Ach so, du bist es", antwortete der Kaufmann gedehnt. "Ich hatte ganz vergessen, dass du heute kommen wolltest. Nimm es uns nicht übel, Adolf, aber du kannst bei uns nicht wohnen. Wir haben selbst nichts übrig, die Geschäfte gehen schlecht, und da wirst du wohl einsehen..."

 

"Das ist ein böses Willkommen in der Heimat!" rief der junge Mann bestürzt.

 

"Ich kann es nicht ändern", antwortete achselzuckend der Alte. "Du musst schon sehen, wo du unterkommst, Adolf!" Und ruhig schloss er die Tür.

 

Adolf Winter stand allein, mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen. Also das war der Empfang von Seiten seiner Verwandten.

 

Er stand einen Augenblick überlegend, dann fiel sein Blick auf das efeuumrankte Nebenhäuschen mit seinen freundlichen grünen Fensterläden, und ein Zug der Erinnerung glitt über seine Züge.

 

Wohnte dort nicht der alte Brandt, der Schuhmacher, der ihn früher so oft bedauert hatte, wenn er mit blaugefrorenen Händen hinter dem Ladentisch stand und Mertens Kundschaft bediente? Gewiss, er irrte sich nicht. Der würde ihn nicht zurückweisen, davon war der Heimgekehrte überzeugt.

 

Adolf schritt dann die kurze Strecke zum Nebenhaus hinüber. Nach einigem Pochen öffnete ihm eine alte Frau, die er sogleich als die Gattin seines väterlichen Freundes wiedererkannte.

 

"Guten Abend, Mutter Brandt!" sagte Adolf. "Kennt Ihr mich nicht mehr?"

 

Die Alte betrachtete ihn und schüttelte den Kopf. "Ich wüsste nicht, Herr", antwortete sie, dann fügte sie bekümmert hinzu: "Seitdem mein Mann krank ist, kommen so viele Leute ins Haus, dass ich ihre Gesichter nicht alle im Kopf behalten kann!"

 

"Wir haben uns lange nicht gesehen, Mutter. Ich bin Adolf Winter, der Neffe vom alten Mertens".

 

"Mein Gott!" rief die Frau, erstaunt die Hände zusammenschlagend. "Adolf, du bist es? Junge, wie bist du groß geworden. Woher kommst du denn?"

 

"Aus Australien, Mutter. Das Heimweh hat mich hergetrieben!"

 

"Nein! - Diese Überraschung! Wie wird mein Mann sich freuen, dich wiederzusehen. - Er darf aber keine Aufregung haben, Adolf. Er ist lange Zeit krank gewesen und jetzt auf dem Weg der Besserung. Wir haben eine böse Zeit durchgemacht, immer Ausgaben und keinen Verdienst, da kannst du dir denken, dass es bei uns recht knapp geworden ist."

 

"Da bin ich vielleicht gerade zur rechten Zeit gekommen!" murmelte Adolf, als er der alten Frau durch verschiedene Räume zum Krankenzimmer folgte. Während des Ganges musterte er erstaunt seine Umgebung. Der frühere Wohlstand der Familie war verschwunden, die wenigen Möbelstücke waren äußerst schlicht und einfach, und in dem Krankenzimmer befand sich außer einem Tisch und zwei Stühlen nur das Bett, in dem der Kranke ruhte.

 

"Vater Brandt", sagte Adolf bewegt, sich zu dem alten Mann niederbeugend. "Wie geht es Euch? Kennt Ihr mich noch?"

 

Der Gefragte schüttelte verneinend den Kopf.

 

"Kennt Ihr denn den kleinen Adolf nicht mehr, der bei Mertens immer mit den aufgesprungenen Händen in die Heringstonne greifen musste?" rief Adolf.

 

"Was? - Und das warst du?" rief der Kranke erstaunt und machte einen Versuch, sich aufzurichten. "Junge, wo hast du denn nur gesteckt die lange Zeit? Wir glaubten dich längst tot oder verschollen in der Fremde!"

 

Adolf drückte ihn sanft in die Kissen zurück. "O, ich habe tüchtig arbeiten gelernt", antwortete er dann heiter, "es hat nicht immer gut gegangen in der weiten Welt!"

 

"Ja, ich glaube es. Du siehst auch gar nicht wohlhabend aus, armer Junge! - Ich habe auch viel Unglück gehabt. Ich war lange Zeit krank und habe dadurch den größten Teil meiner Arbeit verloren. Der alte Mertens hat mir damals eine Summe Geldes vorgeschossen und verlangt sie jetzt zurück, und weil ich nun nicht zahlen kann, hat er gedroht, mein Häuschen verkaufen zu lassen!"

 

"O, so weit ist es schon gekommen?" rief Adolf Winter, scheinbar aufs äußerste bestürzt. "Und ich wollte Euch schon bitten, mir für einige Tage Kost und Obdach zu geben, bis ich eine passende Stelle gefunden hätte."

 

"Bleibe ruhig bei uns, bis zu Stellung gefunden hast", erwiderte gutmütig der Alte. "Wir haben zwar nicht viel, aber ich denke immer: Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten! - wenn ich nur erst wieder arbeiten könnte, damit uns nicht noch das Letzte genommen wird, was wir noch haben!"

 

"Nein, sie werden Euch nichts mehr fortnehmen!" rief jetzt Adolf Winter mit herzlicher Stimme, beide Hände des alten Mannes ergreifend. "Ich glaubt, ich wäre noch der arme Junge, der ich früher war! Nein, ich habe mich emporgearbeitet und nenne ein großes Geschäft in Sydney mein eigen.

 

Ihr aber, Vater Brandt, sollt es nie bereuen, dass Ihr bereit wart, Eure geringe Habe mit mir zu teilen. Morgen schon werde ich alles erledigen, um Eure Zukunft zu sichern. Wir wollen ein frohes Christfest feiern, und das alte Bibelwort mag wahrhaft in Erfüllung gehen: "Gebt, so wird euch gegeben werden!"

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2. Schwer gebüßt - Bild aus dem Leben

 

Der Abend dämmerte bereits, als durch eine armselige Vorstadtstraße ein altes Mütterchen mit langsamen Schritten sich mühsam fortschleppte. Offenbar hatte die einfache, ländlich gekleidete Frau einen weiten Weg hinter sich, und auf den ersten Blick konnte man es ihr ansehen, dass sie sich in der großen Stadt nur schwer zurechtfand. Vor jedem Gebäude in der Straße blieb sie stehen und suchte die Hausnummer zu entziffern, was ihr bei den vom Alter geschwächten Augen Schwierigkeiten bereitete.

 

Endlich schien sie gefunden zu haben, was sie suchte. Vor einer großen, aus rohen Backsteinen aufgeführten Mietskaserne machte sie Halt, und nach einigem Zögern trat sie durch ein weit offenstehendes Tor in einen Hof, wo eine Anzahl Kinder spielten. Eine noch junge, aber ziemlich verwahrlost aussehende Frau war hier mit Waschen beschäftigt. An sie wandte sich die Fremde mit der Frage, ob hier eine Familie Zander wohne.

 

"Zander? Zander?" meinte nachdenklich die rothaarige Wäscherin, "ach, richtig!" antwortete sie dann in unfreundlichem Ton, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. "Die wohnen im Hinterhaus, vier Treppen hoch, die erste Tür links."

 

Die alte Frau dankte, durchschritt dann den Hof und begann mühsam die dunklen Treppen zu erklimmen. War es die Last des Alters allein, was ihr das Treppensteigen so unsäglich schwer und sauer machte, oder lag ein geheimer Kummer zentnerschwer auf ihrem Herzen?

 

Dicke Schweißtropfen standen nämlich auf der Stirn der Greisin, als sie endlich oben angelangt war und unschlüssig wartete, bevor sie an die bezeichnete Tür klopfte. Endlich fasste sie Mut und trat, da auf ihr wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, in das Zimmer. Es war ein kleiner, halbdunkler Raum, der nur durch ein winziges Dachfensterchen erhellt wurde. Dieses Gelass diente anscheinend als Küche, und trotz der Dunkelheit konnte man erkennen, dass hier eine große Unordnung herrschte. Die Besucherin schauerte zusammen, und da hier niemand anwesend war, pochte sie mit zitternder Hand an die Tür des Nebenzimmers.

 

"Herein!" rief eine Frauenstimme. 

 

Kaum war die Alte mit dem Gruß: "Guten Abend, Minna", eingetreten, als eine blasse, junge Frau, die neben einer Wiege saß, aufsprang und mit dem Ruf: "Mutter! Liebe Mutter!" ihr schluchzend in die Arme fiel.

 

"Barmherziger Gott!" stöhnte die Greisin. "So muss ich dich wiederfinden! Minna, du mein einziges Kind!"

 

Lange hielten sich Mutter und Tochter umschlungen, und ihre Tränen flossen gemeinsam. Dann erzählte die junge Frau eine lange Geschichte von der Verirrung eines jugendlichen Herzens, von unsäglichen Leiden und Sorgen: eine Geschichte, so traurig und erschütternd, dass die alte Mutter keine Worte fand, ihr unglückliches Kind zu trösten. sondern mit tränenlosen Augen gen Himmel blickte, die Hände rang und mit bebenden Lippen die Barmherzigkeit Gottes auf die Arme herabrief.

 

Minna war die einzige Tochter eines kleinen Handwerkers auf dem Land. Jung, schön und lebenslustig, hatte sie in der Großstadt, wo sie einen Dienst gesucht, auch bald einen Freier gefunden. Heinrich Zander war ein ansehnlicher Bursche und hatte als Schlosser in einer Fabrik eine einträgliche Stellung. Der Vater hatte gegen den jungen Mann nicht viel einzuwenden; die Mutter aber zog genaue Erkundigungen ein, und da erfuhren die Eltern, dass der Bewerber ganz ohne Religion und Sozialdemokrat sei. Sie suchten nun mit allem Nachdruck ihre Tochter von einer solchen Verbindung abzuraten; allein vergebens.

 

Minna klagte dem Bräutigam ihr Leid, aber der wusste dem unerfahrenen Mädchen mit süßen und einschmeichelnden Worten die Bedenken der Eltern auszureden. Zwar gestand er offen seine Religionslosigkeit ein, aber er gab das Versprechen, die Kinder katholisch erziehen zu lassen und seiner Frau in Ausübung ihrer religiösen Pflichten volle Freiheit zu lassen.

 

Weder das liebevolle Zureden der Eltern, noch die ernsten Ermahnungen des Seelsorgers vermochten das verblendete Mädchen auf andere Gedanken zu bringen. Die Sache hatte auch in dem Dorf großes Aufsehen erregt, und böse Zungen brachten den guten Ruf des jungen Mädchens mit Unrecht ins üble Gerede. Um endlich Ruhe zu bekommen, gaben die Eltern ihre Einwilligung, fest vertrauend auf die Erklärung des Bräutigams und drangen auf baldige Hochzeit.

 

Anfangs ging auch alles gut. Die junge Frau schrieb einen Brief nach dem anderen, dass es ihr sehr gut gehe und sie überglücklich sei. Ihr Mann sei liebevoll und sorgsam, auch bereite er ihr in Ausübung ihrer religiösen Pflichten nicht die geringsten Schwierigkeiten.

 

Doch das Glück war nicht von langer Dauer. Nach einem Jahr kam das erste Kind zur Welt, das gleich nach der Geburt starb, ohne die hl. Taufe erhalten zu haben. Bald darauf erfolgte ein neuer Schicksalsschlag; eine Krankheit hatte den Mann für längere Zeit arbeitsunfähig, und die Folge war, dass Armut, Kummer und Sorgen in den jungen Hausstand Einzug hielten. Die Rosen auf den Wangen der jungen Frau verblühten schnell, und in dem Maß, wie ihre einstige Schönheit dahinwelkte, verschwand auch die Liebe ihres Mannes.

 

Der bisher so fleißige und solide Arbeiter wurde ein leichtsinniger und unzufriedener Mensch. Die sauer verdienten Groschen verjubelte er abends im Wirtshaus, in Gesellschaft gleichgesinnter Kameraden, unbekümmert darum, ob zu Hause Not und Elend herrschte.

 

Kaum war ein weiteres Jahr dieser unglücklichen Ehe vorüber, da kam das zweite Kind zur Welt, aber blind. Während die unglückliche Mutter jammerte und verzweifelnd die Hände rang, fluchte und tobte der Vater und ergab sich mehr wie bisher dem Trunk. Aber all das vermochte das Unglück nicht zu beseitigen, auf dieser Ehe schien kein Segen zu ruhen. Gott übte aber an dem unglücklichen Geschöpf Barmherzigkeit und nahm es zu sich in den Himmel.

 

Das dritte Kind war ein lieblicher Junge, und sein süßes, unschuldiges Lächeln schien die Herzen der beiden Gatten wieder näher zu bringen. Da wurde auch er, eben sechs Monate alt, von einer tückischen Kinderkrankheit befallen und an den Rand des Grabes gebracht. Tag und Nacht saß die betrübte Mutter am Lager ihres Lieblings; der Arzt zuckte bedenklich die Schultern.

 

In dieser traurigen Lage erinnerte sich Minna ihrer guten Mutter; sie schrieb einen jammervollen Brief und flehte, sie möchte doch kommen und ihr beistehen in dieser äußersten Not. Und die Mutter folgte dem Ruf ihres Kindes - welche Mutter eilt nicht zu Hilfe, wenn ein Kind ihrer bedarf? - und fand alles viel schlimmer, als sie befürchtet hatte.

 

Die schwergeprüfte junge Frau lag weinend vor der Mutter auf den Knien und barg ihr Gesicht in deren Schoß. Inzwischen war es völlig dunkel geworden, und die Nacht breitete ihren Schleier über das Häusermeer. In dem ungeheiztem Zimmer machte sich eine empfindliche Kühle bemerkbar, und das kranke Kind in der Wiege fing an zu husten und zu röcheln. Minna erhob sich, fuhr mit der Schürze über die Augen und nahm den Kleinen auf den Arm.

 

"Was fehlt dem Kind?" fragte die Greisin, indem sie beim Schein der Lampe das vom Fieber gerötete Gesicht ihres Enkels mitleidig betrachtete.

 

"Ich glaube, es ist Diphtherie", entgegnete die junge Mutter mit einem schweren Seufzer. "Ich fürchte, der kleine Karl wird uns auch sterben - ach Gott - er ist noch nicht - getauft!"

 

"Noch nicht getauft?" fragte die alte Frau, entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. "Das Kind ist schon sechs Monate alt und noch nicht getauft? Seid ihr denn alle Heiden in dieser unseligen Stadt?"

 

"Mein Mann wollte es nicht zulassen", kam es in wildem Wehe über die Lippen der jungen Mutter, "ich habe deshalb schreckliche Auftritte mit ihm durchgemacht."

 

Einen Augenblick stand die Greisin erschüttert und ratlos da, unschlüssig, was sie beginnen sollte. Dann richtete sie ihren tränenumflorten Blick nach oben, und einer plötzlichen Eingebung folgend, ergriff sie eine auf dem Tisch stehende Wasserflasche, und mit den Worte: "So will ich wenigstens dieser unschuldigen Kindesseele das Himmelstor erschließen", kniete sie vor ihrer Tochter und deren Kind nieder.

 

"Was willst du tun, Mutter?" fragte sie erstaunt.

 

"Ich will dein Kind taufen."

 

"Das kann doch nur ein Geistlicher", meinte Minna, die mit den Gebräuchen der katholischen Kirche zu wenig vertraut war, um zu wissen, dass jeder Christ die Nottaufe erteilen kann.

 

"In diesem Fall ist das nicht notwendig", klärte die Mutter sie auf. "Das hättest du wissen müssen, wenn du den Katechismus besser gelernt hättest. Wehe dir, du Unglückskind, wenn deine zwei ersten Kinder durch deine Schuld der Anschauung Gottes entbehren müssen!" 

 

In diesem Augenblick wurde die Tür hastig aufgerissen, und ein Mann in Arbeiterkleidung trat taumelnd herein. Es war Heinrich Zander, der kirchenfeindliche Ehemann, der sich der Taufe seines Kindes widersetzt hatte.

 

Beim Anblick der sonderbaren Szene blieb er betroffen stehen. 

 

"Wa-a-a-s ist denn das?" lallte er mit unsicherer Zunge. "Was will das alte Weib hier?"

 

Die Greisin achtete seiner nicht, sondern horchte gespannt auf jeden Atemzug des kranken Kindes. Minna warf ihrem Mann einen vorwurfsvollen Blick zu.

 

"Benimm dich jetzt wenigstens anständig, Heinrich!" sagte sie in ernstem und bittendem Ton. "Unser Karlchen liegt im Sterben - und kennst du meine Mutter nicht mehr?"

 

"Ach, meine liebe Schwiegermutter!" lachte der Trunkenbold höhnisch auf. "Komm, Alte, lass dich umarmen! was verschafft mir denn die Ehre dieses seltenen Besuches?"

 

Sie würdigte den pflichtvergessenen Menschen keiner Antwort. 

 

"Auf diese Freude muss ich doch einen trinken", fuhr der gefühllose Vater fort, auf den der Todeskampf seines Söhnchens nicht den geringsten Eindruck machte. Er zog bei diesen Worten eine gefüllte Schnapsflasche aus der Rocktasche, tat einen mächtigen Schluck daraus und reichte sie seiner Schwiegermutter hin mit der spöttischen Bemerkung: "Prosit, Alte! Auf das freudige Wiedersehen!"

 

"Schämst du dich denn gar nicht?" fuhr seine Frau entrüstet auf und hielt ihm den sterbenden Sohn entgegen. "Angesichts des Todes unseres Kindes solltest du solche rohen Späße doch unterlassen!"

 

"Ihr Weiber seid alle verrückt!" gab der verkommene Mensch mit einem rohen Gelächter zur Antwort und begab sich in die Küche, um nach dem Abendbrot zu suchen.

 

Die letzten Augenblicke des Kindes schienen gekommen. Ein neuer Hustenanfall schüttelte der zarten Körper, die kleine, schwache Brust hob und senkte sich, ein zischelndes Röcheln entfuhr den blau angelaufenen Lippen - dann war alles still - die junge Mutter hielt eine Leiche in ihrem Schoß. 

 

Die schwergeprüfte Frau stieß einen gellenden Schrei aus und bedeckte das marmorbleiche Antlitz ihres Lieblings mit heißen Küssen. Die Greisin suchte den Schmerz ihrer Tochter zu mildern und ergriff deren Hände,

 

"Sei stark, mein armes Kind, und danke Gott für diese Gnade!" sagte sie mit bewegter, tröstender Stimme. "Dein Kind ist nun ein Engel im Himmel, und du hast wenigstens eine Seele, die am Thron Gottes Fürsprache einlegt für dich armes, unglückliches Geschöpf."

 

Inzwischen war der trunkene Ehemann doch zur Erkenntnis dessen gekommen, was sich ereignet hatte. Die edleren, besseren Gefühle, die in seiner Brust schlummerten, schienen wieder zu erwachen. Tieferschüttert warf er sich vor der Leiche seines Kindes nieder und bedeckte es mit Tränen und Küssen. Seine Frau war auf einen Stuhl gesunken, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend - ein Bild des Jammers und der Verzweiflung.

 

So verging die Nacht, eine Nacht voll Leid und Kummer, und endlich brach der Morgen an. Die junge Mutter saß immer noch an der Leiche ihres Kindes, während der Vater, in düsteren Gedanken versunken, schweigend im Zimmer umherwandelte. Statt sich geduldig und ergeben in Gottes heiligen Willen zu fügen, verzehrte die Frau sich in nutzlosen Klagen, und der Mann haderte grollend und ingrimmig mit dem Schicksal. Weder der einen noch dem andern kam es in den Sinn, dass es für beide nun das beste sei, demütig die Hand des Herrn zu küssen, die sie so schwer getroffen, und reumütig zurückzukehren zum Gott ihrer Jugend.

 

Nur in dem Herzen der Greisin war Friede. Dort schien noch die Sonne des Glaubens und sandte ihre belebenden Strahlen durch das Kummergewölk. Sie saß neben der kleinen Leiche und durch ihre zitternden Finger glitten die Perlen des Rosenkranzes. Für diesen Engel brauchte sie jedoch nicht zu beten, aber um so mehr für dessen Mutter, ihre unglückliche, verirrte Tochter. Trotz ihrer Schuld konnte ihre Seele wieder gereinigt werden und neu aufblühen zu frischem, gottgefälligem Leben.

 

Sie betete auch für ihren Schwiegersohn, für den Elenden, der ihr Kind so maßlos unglücklich gemacht und Schmach und Schande auf ihre alten Tage gehäuft.

 

Sodann trieb bittere Reue und Selbstanklage sie an, auch für sich selbst und ihren Mann Verzeihung zu erflehen: denn es wäre niemals so weit gekommen, wenn sie ihre Einwilligung nicht gegeben hätten. Aber es war zu spät, das Geschehene konnte trotz aller Gewissensbisse nicht ungeschehen gemacht werden, aber zur Umkehr war es noch nicht zu spät.

 

"Ohne Gott gibt es kein Glück und Segen auf Erden", wandte sich die alte Frau in ernstem und eindringlichem Ton an das junge Paar. "Ich bitte euch dringend, kehrt zu Gott zurück, er wird euch verzeihen und seinen Segen über euch herabsenden."

 

Der zielbewusste "Genosse" lachte wild auf: "An solches alte Weibergeschwätz glaube ich nicht mehr: nie und nimmer werde ich meinen jetzigen Standpunkt verlassen."

 

Minna warf sich schluchzend in die Arme der alten Frau. "Du hast recht, liebe Mutter! Dieses gottlose Leben ertrage ich nicht länger!"

 

Und nun erst erfuhr die Greisin, dass die Ehe des jungen Paares nicht kirchlich geschlossen, sondern nur eine "Ziviltrauung" stattgefunden hatte. Infolge Krankheit des Vaters konnten die alten Leute an der Hochzeit nicht teilnehmen, und Minna hörte auf das Zureden ihres Bräutigams und verheimlichte den Eltern diesen Umstand.

 

Von der nahen Kirche her klangen die Glocken zum Gottesdienst. "Komm mit mir!" sagte die Mutter zu ihrer Tochter. Mechanisch folgte sie, und die beiden lenkten ihre Schritte zum Gotteshaus. Minna wohnte der hehren Feier der hl. Geheimnisse mit inniger Andacht bei - zum ersten Mal wieder seit den Jahren ihrer Ehe. Nach Beendigung des Gottesdienstes suchte sie einen Priester auf, und gestand im Richterstuhl der Buße ihre Schuld. Wunderbar getröstet kehrte sie in Begleitung ihrer Mutter nach Hause zurück.

 

Dort fanden sie die kleine Leiche allein. Auf dem Tisch lag ein Brief des Mannes, worin er mitteilte, dass er mit einem solchen Unglücksweib nicht länger zusammenleben könne.

 

"Lass ihn laufen!" sagte die Mutter. "Eure Ehe war doch keine richtige Ehe vor Gott und dem Gewissen, sondern nur ein wüstes, sündhaftes Zusammenleben. Da dein Mann zu einer kirchlichen Trauung doch nicht zu bewegen ist, muss die Ehe gelöst werden."

 

So geschah es. Zander war und blieb verschollen; die junge, unglückliche Frau, die die Verirrungen ihrer Jugend schwer gebüßt hatte, zog zu ihren alten Eltern und suchte durch ein wahrhaft christliches, bußfertiges Leben ihre schwere Schuld zu sühnen.

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3. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen - von P. Geißel

 

Mutter und Tochter sitzen in einem öden, frostigen Dachzimmer und nähen unermüdlich. Der bleichen Kleinen fallen die Augen beinahe zu, aber sie muss nähen, denn die Arbeit muss fertig sein. Darum nur weiter, Stich an Stich, wenn Hunger und Kälte auch plagen.

 

"Mutter, der Dame da unten wurden heute so köstliche Trauben und Äpfel gebracht. Ich habe es gesehen, als ich die Treppe hinunterging."

 

"Ja, mein Kind, die Dame soll sehr schwach und krank sein. Es ist gut, dass sie Pflege hat."

 

"Ach, Mutter, ich glaube aber nicht, dass sie eigentlich viel Gutes verdient, denn ich hörte, wie ihr Mädchen zu einer anderen sagte, die Frau schimpfe immer, ja fluche sogar."

 

"Mädchen müssen nicht über ihre Herrschaft sprechen, Anna, und du musst nicht hinhorchen. Doch höre nur, welch anhaltendes Klingeln! Sollte niemand bei ihr sein?"

 

"Jetzt stöhnt sie wieder so laut, Mutter, jetzt jammert sie auf und schreit."

 

Die Frau legte schnell ihre Näharbeit zusammen und eilte hinunter. 

 

Unten ist die Korridortür nur angelehnt und aus dem mittleren Zimmer schrillt noch immer die Klingel. Die Frau ging darauf zu und trat nach kurzem Anklopfen leise ein.

 

Sie befand sich in einem reich ausgestatteten Schlafgemach. In dem spitzenbesetzten Kissen da vor ihr wand sich eine Frau mit fahlem, vor Schmerz entstelltem Antlitz.

 

"Endlich, Marie", ächzte sie, "endlich! - O - du schändliches Mädchen! - Ach - mich so allein zu lassen! - O - diese rasenden Schmerzen! - Schnell - schnell - eine Einspritzung! - Hörst du nicht? - Schnell."

 

Mit einem jammernden Schrei setzte sie sich aufrecht und erblickte die Fremde.

 

Diese sah jetzt erst deutlich das Angesicht der Kranken, erblasste und wankte fast unwillkürlich zur Tür zurück. Doch gewaltsam nahm sie sich zusammen und ihr Entsetzen verwandelte sich in Mitleid, als sie in die qualdurchwühlten Züge blickte.

 

"Verzeihen Sie mein unbefugtes Eindringen. Ich bewohne oben die Mansarde, hörte das anhaltende Klingeln und bin gern zu jeder Hilfeleistung bereit, da ich sehe, dass Sie allein sind."

 

"Ach so - Sie sind - die Frau von oben. - O - diese Qualen. - Ich - ich halte es - nicht mehr länger aus", stöhnte die Kranke in abgebrochenen Sätzen. "Ich dachte - es wäre die neue Pflegerin - die Marie bestellen wollte. - Ich - ich will sie aber nicht - ich mag keine. - Das dumme Mädchen - kommt auch nicht wieder. - O - o, ich Ärmste!"

 

Sie stieß einen gellenden Jammerlaut aus.

 

"Dort auf dem Tisch - liegt die Spritze. - Helfen - Sie mir. - Ich sterbe vor Schmerz."

 

Schnell und gewandt führte die Fremde die Einspritzung aus. Man merkte, dass sie mit Kranken umzugehen wusste und trotz der ärmlichen Kleidung und ihres von Entbehrung und Kummer entstellten Antlitzes sah doch jeder, dass sie bessere Tage gesehen hatte.

 

Sie schüttelte der Kranken die Kissen auf und glättete sorgsam die Decken. Die Ärmste wurde sichtlich ruhiger, das Jammern ließ nach, und bald war sie sanft eingeschlafen.

 

Da kam das Mädchen atemlos zurück und sah erstaunt die Frau von oben um ihre Herrin beschäftigt.

 

Als diese ihr die Sachlage erklärt und ihr anempfohlen hatte, doch gute Sorge für die arme Kranke zu tragen, schickte sie sich an, wieder hinaufzugehen.

 

"Eine Pflegerin habe sie noch nicht erhalten", meinte das Mädchen, Madame will ja auch keine. Aber ich halte das ewige Hin- und Herhetzen nicht mehr aus. Und dann das schreckliche Jammern und Klagen den ganzen Tag. Sie sollten es nur mal hören, Frau Kramer! Zudem mache ich ihr gar nichts recht und werde immer angefahren. Morgen früh kommt der Doktor, der muss eine Pflegerin besorgen."

 

Frau Kramer stieg die Treppe wieder hinauf in ihr kaltes Zimmerchen, wo Anna vor Erschöpfung eingeschlafen war. 

 

Der Kopf war über die Stuhllehne hinübergesunken, und das magere Gesichtchen sah noch um einen Schein blasser aus. Deutlich sprach es von angestrengter Arbeit und armseligem Hungerlohn. 

 

Die Frau seufzte tief auf und schickte eilig das Kind zu Bett. Dann griff sie mit verstörtem Gesicht nach ihrer Arbeit, die noch vollendet sein musste.

 

Mechanisch rührten sich die fleißigen Hände, doch hinter der bleichen Stirn arbeiteten die Gedanken. Die Kranke da unten hatte den ganzen Jammer ihres vergangenen Lebens aufgerührt. O Gott, warum die erblicken, die so grausam und unbarmherzig ihr alles geraubt hatte!

 

Sie sah sich wieder als junges, fast übermütig heiteres Mädchen von treuester Vaterliebe umgeben, dem sie alles war, da die Mutter schon früh gestorben ist. Jeder hatte sie gern, und die Welt lag vor ihr wie ein sonnenbeglänztes Paradies. 

 

Der Vater durch und durch Geschäftsmann, der Schätze für sein Töchterchen aufzuhäufen suchte, war ein sonst vortrefflicher Mann, aber leider ein gleichgültiger Katholik, der mit seinem Kind nie über religiöse Dinge sprach. Darum dachte die Tochter nur insofern an Gott und Religion, als sie die Güte Gottes bewunderte, der alles für sie so schön gemacht hatte. Da Böses und Gemeines ihr fernblieb und gänzlich unbekannt war, lebte sie froh und sorglos in den Tag hinein. Not und Elend sah sie nicht. Wurde sie um etwas gebeten, gab sie überreichlich und mit freudigem Herzen. Wie hell und lachend lag Kindheit und Jugend in ihrer Erinnerung!

 

Da trat der in ihr Leben, dem ihr junges Herz gehören sollte. Dass er protestantisch war, machte ihr kein Kopfzerbrechen. Er konnte doch auch so seinen Gott verehren und ein vorzüglicher Mensch sein. Dass er ein ganz außerordentlicher Mensch sei, stand felsenfest bei ihr. Ihre Phantasie umgab ihn mit allem, was gut und edel war, und stellte ihm in ihrem Herzen einen Altar auf.

 

Da seine Stellung als Stabsarzt dem Vater genügte und sein gewandtes Auftreten ihm gefiel, gab er seine Zustimmung zur Heirat. 

 

Die arme Näherin im Dachzimmer stöhnte laut auf, dass es fast wie ein Schluchzen klang.

 

Dass er sehr oberflächlich war und aus seiner Religion sich durchaus nichts machte, merkte sie in ihrem Liebesglück nicht. Wie reich stattete der sorgliche Vater dann ihr Heim aus! Und das Glück hielt, was es versprochen hatte. Konnte eine junge Frau seliger und glücklicher sein als sie, der der Gatte jeden Wunsch von den Augen ablas?

 

Und als ihr Gott ein holdes Söhnchen schenkte, mit welchem Stolz sahen der Gatte und ihr Vater auf das Kind.

 

Ach, sie ahnten damals nicht, dass ihr geliebter Vater sein Patenkind zum ersten- und letzten Mal sah. Einige Wochen darauf kam die Todesnachricht. Ein Schlagfluss hatte dem allzeit tätigen Leben des fleißigen Geschäftsmannes ein jähes Ziel gesetzt.

 

Das war der erste harte Schlag, der die sorglos Glückliche traf. - Ein beträchtliches Vermögen fiel ihr zu, aber ihren sorgenden Vater hatte sie verloren.

 

Nun war zum ersten Mal die dunkle Wolke des Unglücks an ihrem lichten Horizont aufgetaucht und breitete sich schnell weiter und weiter aus, bis es finster um das sonnige Glückskind wurde.

 

Ihr Söhnchen fing an zu kränkeln und alle Pflege war vergeblich. Gott nahm ihn, Gott, den sie vergessen, und der sie mahnen wollte.

 

Ihr Kind tot! Jeden Trost wies sie von sich und wollte nichts von der Außenwelt mehr wissen. Selbst ihrem Gatten, für den sie doch sonst ganz lebte, kam sie gleichgültig entgegen. Sie vernachlässigte ihr Äußeres, und ihre sonnige Heiterkeit hatte einer müden Gleichgültigkeit Platz gemacht. 

 

Wäre ihr Gatte tiefer angelegt gewesen, er hätte Geduld mit ihr gehabt. Aber so wie er war, ohne Religion, ohne eigentlichen Halt und Festigkeit, suchte er außerhalb des Hauses, was er nicht dort fand; Geld war ja in Fülle da.

 

Er besuchte Theater, Festlichkeiten und Bälle und lernte jene kennen, die jetzt da unten krank lag. Damals prangte sie noch in Jugend und Anmut. Mit größtem Leichtsinn kam sie den leisen Huldigungen des Mannes entgegen. Das Feuer der Leidenschaft, das langsam zu glimmen anfing, wusste sie zu schüren.

 

Als der jungen Frau die Gerüchte zu Ohren kamen, war es zu spät.

 

Die Leidenschaft schritt erbarmungslos über alles hinweg. Selbst das Töchterchen, das ihnen Gott noch schenkte, erregte das Interesse des Mannes nicht mehr und konnte ihn nicht mehr zu Hause halten. 

 

Jetzt versuchte sie ein letztes Mittel. Sie brachte es über sich und ging zu jener, die ihr das Glück raubte. Aber die Herzlose lachte sorglos zu ihrem Kummer und weis sie schließlich hinaus.

 

Sie fühlte jetzt noch körperlichen Schmerz, wenn sie jenes Augenblicks gedachte und der schrecklichen Zeit, die nun folgte.

 

Ihr Gatte, auf dessen Treue sie gebaut hatte wie auf einen Felsen, den sie angebetet hatte, er verließ sie und das Kind. Sie konnte es nicht fassen, und doch war und blieb es so. Ihr Mann war Protestant, nach protestantischer Lehre durfte er also nach der Scheidung eine andere heiraten. 

 

Aber ihr Leid war noch nicht erschöpft.

 

Da sie von Geldsachen nichts verstand, übergab sie die Verwaltung ihres Vermögens dem ersten besten Rechtsanwalt. Dieser legte es in einer Bank an.

 

Einige Zeit ging es gut, dann brach das Bankhaus zusammen und sie stand mit ihrer Tochter mittellos da. 

 

Da erfasste sie Verzweiflung, ihr Mut war gebrochen. Ihre Gedanken verwirrten sich, nur der eine kehrte immer zurück, ihr Leben von sich zu werfen. Und es wäre auch so weit gekommen, wenn ihr Gott nicht Hilfe geschickt hätte, Gott, der sie so schwer geprüft hatte, um sie an sich zu ziehen. Ihr Pfarrer hatte von ihrem Elend gehört und suchte sie auf. Er verschaffte ihr Arbeit und lenkte ihr armes, zerrissenes Herz unermüdlich auf die Tröstungen der Religion hin.

 

Soweit waren die Gedanken der Einsamen gewandert, und Träne auf Träne tropfte langsam auf die Näharbeit und ihre kalten Finger.

 

Ja, dem Allmächtigen Dank! Sie hatte überwunden.

 

Der alte Pfarrer zählte schon längst zu den Toten, der Verdienst war kärglich, und hatte sie mit ihrem Kind unendlich viel durchzumachen, aber ihr Herz hatte Frieden gefunden. Die Verzweiflung und der Jammer waren allmählich gewichen, als sie angefangen hatte zu beten. Da hatte sie erkannt, was es heißt, ein Kind der katholischen Kirche zu sein, und welchen Trost die Kirche durch ihre Gnadenmittel dem Ärmsten und Trostlosesten gewährt. Und unten lag diejenige, die ihr so schnöde ihr Glück zertreten hatte; und doch war sie für dieselbe zu jedem Dienst bereit. 

 

Ihr Hilfe wurde bald verlangt. Da die Kranke durch ihre Ungeduld jede Pflegerin verscheuchte, verlangte sie nach der Frau aus der Mansarde oben.

 

So war Frau Kramer stundenweise bei ihr und umgab die Kranke mit wirklicher Güte und Herzlichkeit, die den bezahlten Pflegerinnen fehlte. Nichts war ihr zu viel, und wenn sie von der Schmerzgequälten beschimpft wurde, vergalt sie es mit Sanftmut und Güte. So suchte sie der Ärmsten die letzten Tage auf alle Weise zu erleichtern und besonders auch ihren Sinn auf Gott hinzulenken.

 

Als die Kranke sie auch nachts bei sich verlangte, opferte sie ihre Nachtruhe, obwohl die Pflege und Arbeit sie fast erschöpften. Denn ihre Näharbeit durfte sie auch nicht ganz vernachlässigen und musste es durch doppelten Fleiß nachholen.

 

In der zweiten Nacht, als Frau Kramer bei der Kranken wachte, war dieselbe leicht entschlummert und lagen die Schatten des Todes schon auf ihren Zügen. Sie war sanfter und ruhiger geworden, denn der Einfluss der Pflegerin war nicht ohne Wirkung geblieben.

 

Auch der übermüdeten Frau Kramer waren die Augen zugefallen. Die Kranke erwachte nach einiger Zeit wieder und sah hinüber zur Pflegerin, um eine kleine Dienstleistung von ihr zu verlangen.

 

Man sagt, in der Nähe des Todes verschärften sich die Sinne; und jetzt fiel es der Kranken auf, mit wem Frau Kramer Ähnlichkeit hatte, wenn auch der Jahre Kummer und Hunger sie verändert hatten. Sollte es möglich sein? Sollte es wirklich die ehemalige Frau ihres unglückseligen, verstorbenen Gatten sein? Ja, ja, sie war es, die Ähnlichkeit war unverkennbar.

 

Jetzt erinnerte sie sich des Schreckens der Pflegerin am ersten Abend. Sie musste sie damals auch erkannt haben. Und doch kam sie zu ihr und opferte ihr die Nachtruhe und pflegte sie mit unendlicher Liebe und Sorgfalt, sie, die ihr das Schrecklichste kaltblütig angetan hatte! Schmerzlich und voll Reue seufzte die Kranke auf!

 

"Welch eine Seelengröße! Nur Gott kann es ihr vergelten, was sie an mir tut!"

 

"Doch mit mir ist es bald zu Ende", dachte sie, "und ich kann es ihr doch noch ein wenig gutmachen, da ich reich bin. O Gott, auch gedarbt scheint sie zu haben, man sieht es ihr an, und ich habe in meinem Egoismus nicht mal daran gedacht. Aber gleich morgen soll ihr geholfen werden."

 

Am folgenden Tag zog sie Erkundigungen über ihre Pflegerin ein und fand ihre Vermutungen bestätigt, auch dass sie mit ihrem Töchterchen sich elend durchschlagen musste.

 

Augenblicklich ließ sie für Frau Kramer aufs beste sorgen. Es nützte nichts, dass sie es ablehnte und sich dagegen verwahrte. Die arme Kranke bat es sich als besondere Gunst vor ihrem Tod aus und als letzte Freude, ihr helfen zu dürfen. Sie wurde nun sichtlich schwächer und verlangte nach geistlichem Beistand.

 

Als sie sich mit Gott, den sie so lange verlassen, versöhnt hatte, lag sie friedlich und ruhig da, denn auch die Schmerzen hatten in den letzten Tagen nachgelassen. Tiefbewegt dankte sie Frau Kramer für alle Güte und Liebe.

 

"Gott allein kann es Ihnen vergelten, was Sie mir getan haben", flüsterte die Kranke, "Gottes Segen über Sie und Ihr Kind!"

 

Noch am selben Tag ließ sie den Notar kommen und sicherte ihrer Pflegerin und dem Töchterchen ein sorgenfreies Leben.

 

In der folgenden Nacht nahte der Todesengel. Ihre schon halbgebrochenen Augen suchten die Pflegerin und die bleichen Lippen flüsterten: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."

 

Dann schlummerte sie sanft in den Armen von Frau Kramer hinüber.

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4. Geschichte einer Konversion - Von Elsbeth Düker

 

Am 19. November 1903, am Fest der heiligen Elisabeth, jener großen Fürstin, die zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts wie ein Schutzengel durch das Thüringer Land schritt und die Wartburg bewohnte, ehe noch ein Mensch auf Erden jenes späteren Bewohners derselben gedachte, der die Brandfackel der Spaltung und Irrung in die katholische Mutterkirche warf - also an jenem Festtag legte ein einfaches junges Mädchen in der Kirche zu N. das katholische Glaubensbekenntnis ab, und am Sonntag darauf ging sie während der Frühmesse zur ersten heiligen Kommunion.

 

Die Geschichte dieser Konversion, die mir das Mädchen selbst erzählte, ist folgende:

 

Sophie war gut protestantisch erzogen, gehörte doch ihre Mutter zu den gläubigen Protestanten, während der Vater in Religionssachen toleranter dachte. Nach der Konfirmation hatte Sophie sogar den Gedanken genährt, einst Diakonissin zu werden.

 

Ein unverdorbenes junges Mädchen ist empfänglich für alles Gute und Schöne, und wenn es dann einen Menschen trifft, in dem es dies verkörpert glaubt, so erhebt es ihn unbesonnen leicht zu seinem Ideal. So erging es auch Sophie, nur suchte sie ihr Ideal nicht in der Gegenwart. In dem geschichtlichen Luther, wie er ihr in der Religionsstunde dargestellt und im Konfirmandenunterricht als "Gottesmann" und "Glaubensheld" näher vor die Augen geführt wurde, hatte Sophie den Gegenstand ihrer Verehrung gefunden. Kein Zweifel an der Würdigkeit des Ideals, kein störender Gedanke hatte bis jetzt dieses geistige Bild entweiht, oder den Thron, den es im Herzen des Mädchens innehatte, umgestoßen.

 

Die Jahre vergingen, die Stunde der Gnade rückte heran.

 

Sophie feierte ihren Geburtstag im Kreis ihrer Schwestern und Freundinnen; der Kaffee dampfte in den Tassen und dem Kuchen wurde wacker zugesprochen. Bei solchen Gelegenheiten wird auch der Schwärmobjekte der jungen Mädchen gedacht. Da Sophiens Schwärmerei rein geistiger Natur war, kam sie in der Lieblingsunterhaltung ein wenig zu kurz. Nur eine Freundin flüsterte der anderen eine abfällige Bemerkung über Luther zu, die nicht für Sophiens Ohren berechnet war. Da sie indessen doch teilweise verstanden wurde, so glaubte Sophie es ihrem Ideal schuldig zu sein, wenn sie es laut verteidigte. So fragte sie denn kampfbereit:

 

"Was hast du eben über Luther gesagt? Was meinst du mit der befremdenden Bemerkung?"

 

Die Freundin konnte nach dieser Aufforderung zu reden nicht mehr schweigen und wollte doch nicht gern ihre Worte wiederholen, deshalb sagte sie ausweichend:

 

"Nun, du weißt doch ganz gut selbst, dass Luther nicht solch ein Engel war, als der er uns immer vorgemalt wird. Sein Leben, sein Charakter ist doch gar nicht einwandfrei! Lies doch nur mal etwas von ihm, etwa seine Briefe oder seine Tischreden, dann werden auch dir wohl die Augen aufgehen."

 

Die übrigen Mädchen kicherten und lachten Sophie aus, die empört und erregt ihren angegriffenen Helden verteidigte. Und während der Geburtstagskaffee ausgetrunken wurde und die anderen Mädchen schon längst ein anderes Gesprächsthema behandelten, ahnungslos darüber, was sie angerichtet hatten, kroch der Zweifel leise und lautlos in ein Herz.

 

Der energischen Natur Sophiens, die sich vielleicht durch den gegebenen Fall schnell zu entwickeln begann, entsprach es, dass sie es kaum erwarten konnte, sich geeignete Bücher über Luther, über sein Leben und seine Lehre zu verschaffen. Sophie geriet in einen katholischen Buchladen, wo sie solche ausgelegt fand. Sie kaufte sich verschiedene und mit Heißhunger las Sophie alles und verlangte noch mehr, denn in ihrem Herzen schrie es nach Wahrheit immerfort. Beim Lesen erkannte das Mädchen mit zunehmender Klarheit, dass Luther nicht der heiligmäßige Mensch, nicht der "Gottesmann" gewesen ist, als den sie ihn bis jetzt verehrt hatte. Ja, wenn auch nur die Hälfte von dem glaubhaft war, was Sophie nun über sein wahres Leben und seine Lebensgewohnheiten als geschichtlich feststehende Tatsachen erfuhr, so war er ihrer Verehrung nicht wert. 

 

Was nun? Folgerichtig geisterte und rumorte der Gedanke in Sophies Seele:

 

"Ist Luther nicht der reine, heilige Mann, als der er uns Protestanten in der Schule und Kirche geschildert wird, dann brauche ich ihn auch nicht anzuerkennen als den von Gott Gesandten, der Christi Kirche zu reinigen und zu "reformieren" bestimmt war."

 

Diesen selben Gedanken hatte Sophie ja in einer Schrift, die ihr früherer Religionslehrer verfasst hatte, klar ausgedrückt gefunden in den Worten:

 

"Ist Luther ein in sittlicher Beziehung verwerflicher Mensch, so fällt seine Bedeutung als Reformator in nichts zusammen."

 

Dieser Herr hatte doch jedenfalls die Antwort bereit, die Lösung gefunden auf jene offene Frage! Hin zu ihm also! Wo könnte auch ein Kind in Glaubenssachen bessere Auskunft, in Zweifeln sichere Aufklärung finden als bei seinem Religionslehrer und Seelsorger? Darum sehen wir Sophie unverzüglich dorthin sich wenden, woher sie sich Hilfe versprach. Sie machte also dem Herrn Prediger, zu dessen Pfarrei ihre Familie zählte, einen Besuch.

 

"Nun, mein Kind, was bringst du mir Gutes?" Mit den Worten empfing der Herr seine frühere Schülerin. 

 

"Leider nichts Gutes", war die Antwort, mit der die Unterhaltung eingeleitet wurde. Und Sophies Zweifel, Unruhe und Herzensangst sprachen sich nur zu deutlich aus und gipfelten in der Hauptfrage, die sie fast unvermittelt an den einstigen Lehrer richtete: "Was war Luther für ein Mensch? War er ein Gottesmann oder ein Lebemann? Die Wahrheit hierüber, o, nur die ganze, volle Wahrheit!"

 

Alle Beruhigungen und alle Redensarten, die der Herr anwandte, dienten der Sache nicht; sie bestärkten Sophie darin, das Vollgewicht auf die Lutherfrage zu legen.

 

"Hat Luther selbst solche Worte gesprochen? Hat er wirklich jene Briefe geschrieben und die "Tischreden" gehalten?" forschte das tieferregte Mädchen weiter, als hinge ihr Leben an der Beantwortung dieser Fragen.

 

Und die Antwort kam: "Ja!" Geschichtlich feststehende Tatsachen, überlieferte Aussprüche und Reden Luthers konnte der Herr Prediger nicht leugnen. Und so beschränkte er sich darauf, die "Derbheiten" Luthers der damaligen Zeit und Art zuzuschreiben, die der Verfeinerung und Bildung unseres Jahrhunderts nicht entsprächen.

 

Sophie zeigte dem Herrn statt aller Antwort einige Stellen aus den mitgebrachten Büchern, in denen ein Schmutz angehäuft war, auf den das Mädchen nur errötend und widerstrebend hindeuten musste, wollte sie auf ihre knappen Fragen die rechte, wahrheitsgetreue Antwort erhalten.

 

Verweisend, geärgert und die Beantwortung umgehend, klang die Gegenfrage des Herrn Predigers:

 

"Nach deinem Dafürhalten müsste ja Luther der größte - verzeihe den Ausdruck - Sch - - des Jahrhunderts gewesen sein! Nicht wahr?"

 

"Ja, Herr Pastor, auf Grund dieser geschichtlichen Tatsachen und schriftlichen Beweise, die mir bis jetzt unbekannt gewesen sind", sagte Sophie, indem sie fortfuhr: "Und ich kam zu Ihnen in der Hoffnung, diese Lügen strafen zu hören, leider vergeblich."

 

Der Herr Prediger musste das Opfer peinlicher Verlegenheit gewesen sein, denn Sophie gestand mir selbst, wie schrecklich es ihr war, so vor dem eigenen Lehrer zu stehen, der die Hauptfrage ihr nicht lösen konnte, und damit selbst allen Zweifeln folgerichtig Tür und Tor öffnete. Hätte es dem Herrn Prediger nicht ein Leichtes sein müssen, als theologisch gebildeter Herr, ein einfaches, ungelehrtes Mädchen, seine Schülerin, die mit Glaubenszweifeln kommt (wie sie leicht einem jeden denkenden Menschen kommen können), mit ein paar einschlägigen Worten zu beruhigen?

 

Da der Herr Prediger sich entschuldigte, augenblicklich wenig Zeit zu haben, ging Sophie ein anderes Mal wieder zu ihm, doch ohne irgend einen Schritt weiter gekommen zu sein. Der Herr Prediger warf nun alle möglichen Einwände gegen die Lehren der katholischen Kirche auf, ohne die Lutherfrage, die ja für Sophie der Brennpunkt ihres Seelenkampfes war, erst zu lösen. Nachdem ein langes Hin- und Herreden ein zufriedenstellendes Ergebnis nicht einmal in Aussicht stellte, fragte der Herr Prediger seine einstmalige Schülerin:

 

"Du bist nicht befriedigt von dem, was ich sage?"

 

"Nein, Herr Pastor, das bin ich nicht, und das kann ich ja nicht sein, denn Sie haben mir meine Bedenken nicht beseitigt."

 

"Und du willst katholisch werden?"

 

"Ja, wenn es sich mit Luther so verhält, wie die Geschichte ihn schildert."

 

"Sophie, Sophie, du wirst es bereuen", warnte der Herr Prediger mit Pathos.

 

"Das glaube ich nicht", sagte Sophie ernst.

 

"So warte", fuhr der Herr fort, "warte wenigstens mit diesem Schritt noch zehn Jahre und forsche während der Zeit eifrig in der Bibel."

 

Darüber musste Sophie trotz des Ernstes der Stunde lächeln, und sie ging fort, um nicht mehr wiederzukommen; wozu auch? - Ging sie nicht ganz freiwillig in die "Arme Roms"? - Wo war die Kirche Christi geblieben? Er hat doch nur eine Kirche gestiftet! Luther konnte nicht das Oberhaupt dieser Kirche sein. Wollte man auch seine Ausdrucksweise und rohes Wesen mit der damaligen Zeit und dem Sprachgebrauch entschuldigen - aber Gottes Gebote gelten zu allen Zeiten, auch für einen Gottesmann. Entsprach das sittliche Leben Luthers diesen Geboten nicht, so konnte Gott der Herr ihn nicht als auserwähltes Werkzeug benutzt haben, um in seiner Kirche Reinigung und Reformation vorzunehmen. Und Sophie hatte es erkannt aus seinen eigenen Schriften und den Urteilen seiner Zeitgenossen, dass Luthers Leben kein Beispiel zur Nachahmung sei, und dass er, milde geurteilt, kein "Gottesmann" gewesen war. Was aber dann? Dann ist auch die von Luther gestiftete Religionsgesellschaft nicht die Kirche Gottes, die Heilsanstalt Christi. Welche ist es aber dann? - Wo ist denn die Kirche, deren Stifter heilig war? Treffens erwiderte eine Schwester Sophiens, der sie ihre Gedanken und auch die Unterhaltung mit ihrem Religionslehrer mitteilte:

 

"Dann wäre ja das Richtigste, dass wir alle wieder katholisch würden!" - -

 

"So ist es", sagte Sophie, "und ich will katholisch werden!"

 

Und nun begann für das entschiedene Mädchen die Zeit des Kampfes und der Schwierigkeiten. Vor allem die Mutter, die sich gegen diesen Schritt ihrer ältesten Tochter verzweifelt wehrte, machte ihr das Leben schwer. "Da haben wir`s! Das kommt von deinem vielen Beten", äußerte einmal die Mutter. Und sie hatte damit wohl sehr recht, denn Gottes Gnade wird herabgefleht durch anhaltendes Gebet. 

 

Die Frau ging also zunächst zu dem ihr bekannten Prediger, bei dem ihre Tochter gewesen war, und klagte ihm ihr Leid. Der Herr besuchte die Familie darauf, als Sophie zufällig nicht zu Hause war, und brachte ihr Bücher mit. 

 

Früher schon war Sophie einmal aus Neugierde mit Bekannten in die katholische Kirche gegangen, und sie hatte sich bei nachfolgenden Besuchen immer gewundert, dass stets einige Beter dort anwesend waren, wenn auch kein Gottesdienst stattfand. Es musste eine geheimnisvolle Anziehungskraft, die vom Altar auszugehen schien, den katholischen Kirchen innewohnen. Ja, alles katholische Leben drehte sich, wie Sophie bald sah und fühlte, um einen Mittelpunkt: den "Schatz der Gläubigen" im allerheiligsten Sakrament des Altares. Nun eilte Sophie, sooft sie es möglich machen konnte, in die katholische Kirche; wie öde und inhaltlos kamen ihr die anderen Gotteshäuser vor, denen Jesus im Tabernakel fehlte. Voll Sehnsucht nach ihm besuchte Sophie die katholische Predigt und die heilige Messe, was sie immer mehr fesselte und erbaute, je mehr sie eindrang in die Wahrheiten des katholischen Glaubens. Auch durch Lesen im katholischen Katechismus, der die Lehren dieses Glaubens in Fragen und Antworten enthält, lernte Sophie ihn immer besser kennen. Zwar wusste sie daheim die katholischen Bücher kaum irgendwo sicher zu verbergen, denn ihr neuer Katechismus war plötzlich verschwunden, aber schleunigst durch einen anderen von ihr wieder ersetzt worden. Seitdem verbarg Sophie die katholischen Schriften in ihrem Bett, damit die Mutter sie nicht fände. Nun hatte diese auch noch erklärt, niemals ihre Zustimmung zu dem Übertritt der Tochter geben zu wollen.

 

In dieser Zeit geistiger Not, wo sich auch Kränklichkeit - vielleicht infolge der aufreibenden Seelenkämpfe - drückend auf Sophies Gemüt legte, offenbarte sie sich dem katholischen Fräulein aus dem Buchladen, wo sie ihre katholischen Schriften gekauft hatte. Das Fräulein hat der Bedrängten seitdem liebenswürdig  mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Durch sie ermuntert, begab sich Sophie eines Tages zu dem katholischen ersten Geistlichen der Stadt und erklärte, katholisch werden zu wollen. Das Mädchen wurde ruhig und zurückhaltend angehört und mit dem Bescheid entlassen, sich die Sache gründlich zu überlegen, da es nicht leicht sei, katholisch zu werden, wegen der Pflichten, die der Glaube auferlege. Sophie ließ sich nicht zurückschrecken. Bei einem weiteren Besuch in derselben Absicht, legte der Geistliche dem Mädchen nahe, die Einwilligung der Mutter zu ermöglichen und zu erbitten, denn die Kirche liebt den Frieden und will selbst ihr Recht im Geist der Sanftmut und des Friedens erlangen. Der Vater ließ Sophie ihren Weg ungehindert gehen, worüber ihm Vorwürfe gemacht wurden, als der Prediger einst im Haus weilte.

 

"Wenn meine Tochter durchaus katholisch werden will, kann ich es nicht ändern", sagte der Vater. "Was soll ich denn auch daran machen?" 

 

"Sie aus dem Haus jagen, wenn sie bei ihrem Entschluss beharrt", erwiderte der Prediger. 

 

Da Sophie volljährig war, brauchte sie keine Einwilligung zur Ausführung ihres Entschlusses. Dieser stand fest bei ihr, wenn auch der katholische Geistliche sie lange "zappeln" ließ, um ihre Festigkeit zu prüfen. 

 

"Mutter, ich bin nicht glücklich und werde es nie sein können, wenn ich nicht katholisch werden darf", wiederholte Sophie oft; und wenn sie dann alle Beredsamkeit aufgeboten hatte, um den Ihrigen zu schildern, dass sie die Wahrheit erkannt habe, so halfen doch alle Beweise, alle Gründe, alles Reden nichts. Die Gnade, diese Sehkraft der übernatürlichen Augen, war den Ihrigen nicht geschenkt.

 

Eines Tages ging Sophie mit dem trostlosen Bescheid, dass sie die Einwilligung zu dem großen Schritt von der Mutter wohl niemals erhalten werde, wieder ins katholische Pfarrhaus und wurde da froh überrascht durch den Vorschlag: "Nun, dann können wir nächstens mit dem Unterricht beginnen."

 

Beglückt eilte Sophie heim, wo man sie nun gewähren ließ und sich in das Unabänderliche fügte. Sophie hatte die Absicht gehabt, in einer anderen Stadt eine Stelle anzunehmen, um so vielleicht eher und ungehindert zu ihrem Ziel zu gelangen. Doch das Mädchen erkannte bald, dass sein Platz bei der kränklichen Mutter sei, die die Pflege ihrer Ältesten damals selbst vermisst haben würde. So eilte Sophie denn unermüdlich zu den Unterrichtsstunden, die der vielbeschäftigte Herr selbst ihr erteilte. Musste sie auch oft warten und wiederholt fortgehen, weil Besuch kam oder andere Geschäfte vorgingen, so harrte Sophie doch unverdrossen aus, sah sie doch ihr schönes Ziel immer näher heranrücken.

 

Nun hat Sophie es erreicht. Zum Frieden und zum Glück im Schoß der katholischen Kirche hat Sophie sich durchgerungen, nachdem sie das Glaubensbekenntnis abgelegt hatte, die erste Beichte (den Schrecken aller Neukonvertiten) überwunden hat. Mit der ersten heiligen Kommunion ist dann der göttliche Heiland mit all seinem Segen in das unruhige Herz eingekehrt und bietet ungeahnten, überreichen Ersatz für das verlorene Ideal dieses Mädchenherzens, das nun in steter Dankbarkeit lebenslang mit dem Psalmisten jubeln wird:

 

"Ich will dich rühmen, Herr, denn du hast mich aus der Tiefe gezogen und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren. Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien, und du hast mich geheilt. Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes, aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen. Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen, preist seinen heiligen Namen!" (Psalm 30,2-5)

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5. Ein trauriges Stücklein für heiratslustige junge Leute -

Von Georg Bleibetreu

 

An der Straßenecke der Großstadt G. stand eine dichtgedrängte Volksmenge. Jeder wollte hören und sehen, was es dort gab. Und doch erfuhren die wenigsten etwas von dem traurigen Elend, das sich dort im grellsten Licht widerspiegelte. Eine einfache Frau war bewusstlos zusammengebrochen und liegen geblieben, und nun bemühten sich zwei Polizeibeamte, den Namen der Unglücklichen festzustellen und einen Wagen herbeizuholen, um sie dem Hospital zuzuführen. "Wenn`s mehr nicht zu sehen gibt", sagte ein junger Bursche, "als ein altes Weib, das umgefallen ist, dann lasst uns weitergehen!" Und so zogen die Burschen von dannen. Ein älterer Herr erkundigte sich nach dem Namen der armen Frau, doch keiner konnte ihm Auskunft geben. Neben der Frau lag ein Handkorb, in dem eine zerrissene Jacke, Schuhe und eine Schürze sich befanden. Aber auch diese Dinge gaben den Umstehenden nicht die gewünschte Aufklärung. Offenbar, denn das sah man auf den ersten Blick, gehörte die Frau dem Arbeiterstand an. Nun, die Polizei konnte ja die richtigen Personalien leicht feststellen. Während ich einen Augenblick dort gestanden hatte, trat eine Gruppe junger Mädchen hinzu, um zu sehen, was dort geschehen sei. Als sie hörten, dass eine arme Frau ohnmächtig geworden sei, sagte ein junges, schnippisches Ding: "Nun, wenn weiter kein Unglück geschehen ist, dann geht`s ja noch! Das soll uns heute den Humor nicht rauben! Lasst uns gehen, sonst kommen wir noch zu spät am Treffpunkt an!" Und sie zog die anderen mit sich fort, Beim Weggehen aber sagte die eine von ihnen noch spöttisch: "Wer weiß, was das für eine Person ist? Wird auch gewiss nicht viel dahinter stecken, sonst läge sie hier nicht so verlassen an der Straßenecke!" 

 

Als ich noch einige Minuten an der Stelle stand und den kichernden Mädchen mit ernster Miene nachschaute, kam ein schlichter Fabrikarbeiter des Weges daher. Seinen blauen Arbeitskittel hatte er mit einem schwarzen Röcklein vertauscht und an der Hand trug er einen Esskessel, in dem ihm sein 12jähriger Junge heute Mittag das Essen zur Arbeitsstätte gebracht hatte. Auch er bleibt an der Stelle stehen und da er ziemlich groß von Person war, so konnte er über die vor ihm Stehenden hinwegsehen. "Ja, ja", hörte ich ihn murmeln, "das ist ja die Frau des Steinberg aus der Mückengasse. Arme Frau, arme Kinderchen!" Dann wandte er sich zum Weitergehen. Ich folgte ihm auf dem Fuß.

 

"Sie kennen wohl die Person näher?" fragte ich ihn, als ich neben ihm her schritt.

 

"Schon seit fast 10 Jahren", antwortete er. "Wir wohnten früher in einer Straße des Arbeiterviertels. Ihre Eltern waren brave und fromme Leute. Der Vater war in einer Fabrik beschäftigt, starb aber leider in der Blüte seiner Jahre an der Schwindsucht dahin. Die Mutter suchte sich recht und schlecht mit ihren fünf Kindern durchs Leben zu schlagen. Ein Junge war gerade aus der Schule gekommen und brachte schon einige Groschen am Lohntag nach Hause. Aber es war wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber es ging mit den Jahren besser. Die Tochter Anna, sie ist die unglückliche Frau, die von der Polizei fortgeschafft werden soll, machte der Mutter manche Sorge. Das Mädchen war in einer Wirtschaft in Dienst, und was es erübrigte, das holte die Mutter für sich und die Geschwister nach Hause.

 

Anna Steinberg hatte also ein mitleidiges und gutes Herz gegenüber ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Nur einen Fehler hatte sie an sich und der hat sie zeitlebens unglücklich gemacht. Und dieser Fehler war ihr Leichtsinn und ihre Sorglosigkeit. Sie lebte leicht und freudig in den Tag hinein und man sah sie nie mit einem sauren und mürrischen Gesicht. Sie war heiter und munter, , ja zu heiter und zu lebensfroh. Damit will ich aber durchaus nicht sagen, dass sie auf schlechten Wegen wandelte und dem Laster oder der Sünde ergeben war. Weit davon entfernt! Aber in ihrem jugendlichen Übermut nahm sie das ganze Leben viel zu leicht und zu heiter auf. Sie wollte alles besser wissen, und nahm von niemand mehr eine gute Lehre oder eine Ermahnung an. Selbst ihrer Mutter folgte sie nicht mehr und hatte für ihre guten Worte und Ermahnungen oft nur ein Lachen. Nun, sie glaubte, die Jugend von heute sei eben anders als ehedem, da die Mutter noch in demselben Alter steckte. Zwischen heute und früher sei nämlich ein gewaltiger Unterschied. Wenn man in der Jugend froh und lustig sei, dann dürfe einem das niemand verübeln, denn zum Trübsalblasen und Stubenhocken habe man noch später Zeit in Hülle und Fülle. Wo es daher Lustbarkeiten gab, da fehlte Anna Steinberg selten, und da sie hierzu auch allerlei Sachen gebrauchte, so blieb von ihrem Jahreslohn leider fast nichts mehr übrig, und die Mutter, die dann oft kam, um etwas bei ihr zu holen, musste mit leeren Händen wieder von dannen gehen. So ging es einige Jahre weiter und das Mädchen wechselte inzwischen seine Stellung. Sie bekam zwar mehr Lohn, ob sie sich aber sonst verbessert hatte, mag dahingestellt bleiben, denn für Mütterchen blieb ebenso wenig übrig als ehedem.

 

Bald hieß es: Anna Steinberg will heiraten. Die Mutter sprach dagegen, denn sie sei noch jung und unerfahren. Sie möge sich erst noch etwas verdienen, damit sie sich Sachen anschaffen könne, denn zu einem Haushalt gehörten gar vielerlei Dinge. Umsonst, das Mädchen hörte nicht auf die Ermahnungen und Warnungen der Mutter. Auch die Herrschaft ließ es an guten Worten nicht fehlen, denn da Anna sehr fleißig und geschickt in der Arbeit war, so wollten sie das Mädchen ungern missen. Selbst eine Jugendfreundin machte dem Mädchen Vorhaltungen und erinnerte es an die Mutter und die kleinen Geschwister. Darin witterte Anna bösen Neid bei ihrer Freundin, die ihr vielleicht das Glück nicht gönne, dass sie so jung einen Mann bekomme, und damit bekam die alte Freundschaft einen dicken Riss. Indessen halfen alle Mahnungen und Warnungen nichts und Anna Steinberg heiratete. Wen? Man wusste nicht viel von dem jungen Mann zu sagen. Er war erst einige Monate in der Stadt und während dieser Zeit bald bei diesem Bauherrn, bald bei jenem in Arbeit gewesen. Man brauchte durchaus kein Prophet zu sein, um ihm aus dem Gesicht abzusehen, dass er die Arbeit wirklich nicht erfunden hatte, und dass er auch gerne ins Glas guckte. Das einzusehen und zu erkennen war wirklich nicht schwer. Nur Anna Steinberg sah es nicht oder sie wollte es nicht sehen. Da der junge Mann immer fein und nobel auftrat, so genügte ihr das voll und ganz, denn das Sprichwort sagt ja bekanntlich: Gleich und gleich gesellt sich gern" und "Gleiche Brüder, gleiche Kappen". 

 

Die Hochzeit war vorüber. Die heitere Stimmung der jungen Frau war schon nach wenigen Wochen etwas herabgesunken. Das kecke Lachen, der frohe und offene Blick von ehemals waren nicht mehr an der Tagesordnung, sondern wurden immer seltener und seltener. Aber es waren nur die Anfänge der Trübsale, die die junge Frau sollte erdulden müssen. Eines Abends - es war an einem Lohntag - blieb ihr Mann sehr lange aus. Und sie wartete daheim stundenlang auf ihn. Endlich kam er in der Nacht schweren Schrittes heim. Sein finsterer, mürrischer Blick verrieten sofort seinen Zustand, in dem er sich befand. Was sollte die arme Frau anfangen? Sie musste gute Miene zum bösen Spiel machen. Und als sie gar nach dem Geld fragte, da wurde sie im barschen Ton angefahren; denn der leichtsinnige Mensch hatte bis auf fünf Mark alles in der losen Gesellschaft verspielt und verjubelt. Nun wurde für die nächste Zeit Schmalhans Küchenmeister bei dem jungen Paar. So schwand denn schnell der Friede in dieser Familie, denn wo Not und Sorge bekanntlich durch die Haustür eindringen, da fliegen Liebe und Frieden zum Fenster hinaus. Man hörte aus der Wohnung oft Schimpf- und Fluchworte, ja manche Nachbarsfrauen wollten sogar schon Hilferufe gehört haben. Kurz, die beiden lebten eben zusammen wie Katze und Hund, nicht aber wie es sich für christliche Eheleute geziemt. So ging es Jahre hindurch, aber der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.

 

Gestern Abend ist der Mann wieder sinnlos betrunken nach Hause gekommen. Und da ihm die Frau nichts Gebratenes vorsetzen konnte, weil sie selbst nichts hatte, so fing er Händel und Streit mit ihr an. Das eine Wort gab das andere und schließlich vergriff sich der Mann an seiner Frau und prügelte sie jämmerlich durch. Er wollte sie sogar erwürgen. Auf die Hilferufe der Frau kam dann ein Nachbar hinzu, um den Mann zu besänftigen. In seiner Wut aber ließ der Wüterich von seiner Frau ab und stürzte sich auf den Nachbar. Im nächsten Augenblick blitzte ein Messer in der Luft und der Nachbar, der Hilfe bringen wollte, sank von einem tödlichen Stich getroffen zu Boden. Man hat ihn noch gestern Abend zum Krankenhaus gebracht, ob er heute noch lebt, weiß ich nicht. Den Täter aber fesselten zwei Polizeibeamte und brachten ihn ins Gefängnis. Die Frau aber ist vor Schmerz und Kummer drüben an der Straßenecke niedergesunken. Das ist die traurige Geschichte dieser unglücklichen Frau."

 

Ich dankte dem schlichten Arbeiter für seine Mitteilung und dachte, wenn diese Mahnung doch alle leichtsinnigen Mädchen gehört hätten, die so blindlings drauflos heiraten und denken: der erste, der kommt, das ist der beste! Ich schritt durch die belebten Straßen der Stadt. Ein frohes und buntes Menschengewoge umgab mich. Im Dunkeln einer Gasse aber gewahrte ich die fröhlichen Mädchen von soeben. Sie befanden sich in Gesellschaft der halbwüchsigen Burschen und lachten und kicherten, als sei das Leben nichts anderes als Lust und Freude. Ich aber dachte bei mir: Vielleicht geht es manchem jungen Mädchen von dieser Sorte nicht besser als der armen Frau an der Straßenecke! . . . Als ich aber zu dem Platz kam, wo vorhin die Frau lag, bot die Stelle den gewohnten Anblick. Nichts war mehr zu sehen, und die unglückliche Frau befand sich schon im warmen Zimmer des städtischen Krankenhauses.

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6. Die Grafentochter - Aus dem Französischen

nacherzählt von Silesia

 

In Amiens in Frankreich erhebt sich ein Gebäude, das, ehe das grausame Ausweisungsgesetz so vielen geistlichen Orden die Heimat raubte, den "Kleinen armen Schwestern" zur Wohnung diente.

 

Diese fromme Genossenschaft stand hier einem Krankenhaus, einem Waisenhaus und einer Kleinkinderbewahranstalt vor. Die guten Nonnen trugen die Bezeichnung "arm" mit vollem Recht. Sie besaßen nichts, nannten nichts ihr eigen und lebten vollständig vom Almosen. Allmorgendlich stand zur bestimmten Stunde ein Wägelchen, mit einem Esel bespannt, vor der Anstaltspforte. Alsbald öffnete sie sich und es erschien eine der Kleinen armen Schwestern mit einem großen, leeren Korb. Der Korb wurde auf das Wägelchen gesetzt; dann stieg die Schwester hinauf, ergriff die Zügel und nun ging es durch die Straßen von Amiens. Nach Verlauf von ein bis zwei Stunden kehrte das Gefährt zurück. Der Korb war gefüllt mit allem zum Leben notwendigen Almosen, die das gläubige und den guten Schwestern sehr zugetane Volk von Amiens gespendet hatte. Dieser Vorgang wiederholte sich täglich. Er war der Weg, auf dem die gottgeweihten Jungfrauen den Lebensunterhalt für sich und ihre Pfleglinge erwarben. Gewiss eine große Verdemütigung vor Gott und den Menschen.

 

Gegenüber der Anstalt der Armen kleinen Schwestern befand sich der prächtige Palast einer Gräfin. Diese besaß eine Tochter, ein ebenso schönes, talentvolles, wie frommes Kind. Beinahe täglich schaute Denise hinab, wenn das kleine Eselfuhrwerk sich in Bewegung setzte, und es bedarf kaum der Erwähnung, dass die Gräfin, die über reiche irdische Güter verfügte, auf Veranlassung ihres guten, frommen Kindes zu den eifrigsten Wohltätern ihrer gottgeweihten Nachbarinnen gehörte.

 

Denise wurde inzwischen älter und als sie ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht hatte, sollte sie in die Welt eingeführt werden. Ein Fest, das der Stadtpräfekt dem hohen Adel gab, war dafür in Aussicht genommen worden.

 

Der betreffende Abend kam heran und in strahlendem Putz, geschmückt mit Juwelen, stand das junge Mädchen in seinem Ankleidezimmer. Noch einen letzten Blick warf es auf sein Spiegelbild; - da geschah etwas Merkwürdiges. In demselben Augenblick erschien vor dem geistigen Auge des Mädchens das so oft geschaute Bild: das mit dem Esel bespannte Wägelchen, auf dem die arme Schwester im dunklen Nonnenhabit war und hinter ihr der Bettelkorb. - Ein größerer Gegensatz mit dem Bild, das der Spiegel zurückwarf, war kaum denkbar, und dennoch war es ein seltsamer Gedanke, der das Herz des jungen Mädchens plötzlich wie mit hellem Licht erfüllte. - "Ich werfe all die Pracht, die mich umgibt, von mir, und werde eine Kleine arme Schwester."

 

An jenem Abend war Denise genötigt, ihrer Mutter in die glänzenden Räume der Präfektur zu folgen; sie hörte all die Schmeichelworte, wie sie einem vornehmen, schönen und reichen Mädchen in Fülle gespendet werden, aber all der Weltglanz war nicht imstande, jenes Licht zu überstrahlen, das in ihrer Seele aufgegangen war, und in dem Wunsch gipfelte, allen Erdenfreuden zu entsagen, um Gott fernerhin als arme Ordensfrau zu dienen.

 

Es war ein jahrelanger Kampf, den die fromme Denise führen musste, ehe es ihr gelang, den Sieg zu erringen. Endlich aber hatte sie das Herz ihrer Mutter bezwungen, und nun verließ Denise Pracht und Wohlleben, um fernerhin dem Herrn als "Kleine arme Schwester" zu dienen.

 

Wenige Jahre nur war es der frommen Genossenschaft vergönnt, Denise als der Demütigsten eine in ihrer Mitte zu haben. Zur Zeit einer Epidemie, da die zarte Grafentochter Übermenschliches für ihre leidenden Mitmenschen leistete, versagten die schwachen Kräfte: jubelnd, Gott für die hohe Gnade dankend, die er ihr in ihrem kurzen Leben gewährt hatte, ging sie ein in die Freuden des Himmels, um, geschmückt mit der Krone der Jungfräulichkeit, jenen Scharen eingereiht zu werden, die, Jubellieder singend, dem Lamm folgen.

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7. Ein Opfer des Alkohols - Nach einer wahren Begebenheit

von Johann Heinekamp

 

Sechzig Jahre sind es nunmehr, dass in einem kleinen Landstädtchen Westfalens der Familie Horn ein Sohn geboren wurde, der in der heiligen Taufe den Namen Wilhelm erhielt. Der Vater Wilhelms, von Beruf Ziegler, schnürte alljährlich, wenn die ersten Singvögel aus dem warmen Süden in die nordische Heimat zurückkehren, sein Bündel, um auf weitentfernten Ziegeleien den Lebensunterhalt für sich und die Familie zu erwerben. Erst im Spätherbst, oftmals sogar nur wenige Tage vor dem hochheiligen Weihnachtsfest, kehrte er dann in die Heimat zu Frau und Kind zurück. Die Erziehung der Kinder lag somit fast einzig und allein in den Händen der Mutter. Leider war die sonst gute Frau, die selbst etwas lau im Glauben war, sich ihrer hehren und schweren Aufgabe, die Kinder für Gott und das ewige Leben zu erziehen, nicht recht bewusst. So kam es, dass Wilhelm Horn, der von Natur aus etwas wild und ausgelassen war, in den ersten Kinderjahren von Gott und seinem unsichtbaren Walen sehr wenig erfuhr. Der Vater Wilhelms, ein guter Christ, nahm mit tiefem Kummer im Herzen von dieser Tatsache Kenntnis. Wenn er von der Ziegelei alljährlich heimkehrte, suchte er in religiöser Beziehung an den Kindern nachzuholen, was die Mutter versäumt hatte. Er lehrte die Kinder die Hände falten und im Gebet aufblicken zu demjenigen, der über den Sternen thront. Es verging auch wohl kein Tag des Jahres, an dem er nicht die Familie und sich selbst dem Schutz des Allerhöchsten und ganz besonders der Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria empfahl. Musste der Vater dann im Frühjahr wieder von zu Hause fort in die weite Fremde, so legte er beim Abschied seiner Frau in eindringlichen Worten ans Herz, an den Kindern das von ihm begonnene religiöse Erziehungswerk fortzusetzen. Es schien indes, als wäre all sein Bitten umsonst gewesen.

 

Inzwischen war Wilhelm Horn in die Volksschule seines Heimatstädtchens aufgenommen worden und machte daselbst auch recht gute Fortschritte. Nur gegen die Wahrheiten unseres heiligen Glaubens blieb er kalt, trotz des vorzüglichen Unterrichts, den der alte Lehrer gerade in der Religion gab, und trotz der großen Wärme und Begeisterung, die er im Allgemeinen in den Herzen der Kinder zu entflammen wusste. Manchmal gab der Lehrer seinem Missmut in dieser Beziehung Wilhelm gegenüber in eindringlichen Worten Ausdruck. Aber umsonst! Es rückte nach Jahren der Tag heran, an dem Wilhelm Horn mit mehreren anderen Kindern aus der Schule entlassen wurde. Am Nachmittag des Weißen Sonntags gingen die Kommunionkinder, wie allgemein üblich, noch einmal zu ihrem alten Lehrer, um Abschied von ihm zu nehmen. Ist das Scheiden von Kindern gewöhnlich für den Lehrer schmerzlich, so war es erst recht schmerzlich, ja sogar bitter für den Lehrer Wilhelms in Bezug auf ihn. In eindringlichen Worten ermahnte der Greis noch einmal die Kinder, auch in Zukunft gut und brav zu sein, treu ihrem heiligen Glauben zu bleiben und vor allem niemals das Gebet zu vergessen, sei es unter Umständen auch nur ein ganz kurzes Gebet. "Dann", so schloss er, "werden wir uns einstmals, sollten wir auf Erden uns auch nicht mehr wiedersehen, am Thron Gottes bestimmt wiederfinden." Tränen erglänzten bei diesen Worten des guten Lehrers in den Augen der meisten Schüler, und auch Wilhelm Horn dachte wenigstens in diesem Augenblick daran, den Worten des Lehrers gemäß zu handeln. 

 

Am folgenden Tag bereits begegnen wir Wilhelm Horn, wie er mit seinem Vater hinauszog, um auf einer Ziegelei in der Gegend von Wiesbaden sein Brot zu erwerben. Obschon dem Jungen von anderen Ziegelmeistern höherer Lohn geboten war, hatte ihn der Vater doch an denjenigen Meister verdungen, bei dem er selbst in Arbeit stand, um seinem Sohn in den Gefahren, die das Leben vielfach in religiöser Beziehung für Leute in jüngeren Jahren mit sich bringt, ein sicherer Führer zu sein. Der Sommer neigte sich fast seinem Ende zu, als den Vater Wilhelms eine schwere Lungenentzündung aufs Krankenlager warf. Wenige Tage später rief der Todesengel den treuen Mann aus diesem Jammertal in ein besseres Jenseits, nachdem der Sterbende nochmals seinen Sohn Wilhelm ermahnt hatte, ein gutes Kind unserer heiligen Kirche bleiben zu wollen. Wilhelm hatte dem sterbenden Vater das Versprechen gegeben, ohne sich indessen seiner Bedeutung recht klar geworden zu sein. Drei Tage darauf wölbte sich der Grabeshügel in der Fremde über dem Leichnam des wackeren Mannes.

 

Die Ziegler-Kampagne war beendet. Die meisten Ziegler kehrten mit ihren wenigen Habseligkeiten und einem reichlichen Lohn für ihre saure Arbeit in der Tasche in die Heimat zurück. Wilhelm Horn ließ sich von einigen jungen Leuten bereden, auch den Winter über auf einer größeren Ziegelei zu arbeiten, leider indes zum Schaden für sein Seelenheil. Gar bald nahte sich der Verführer in Gestalt mehrerer glaubensloser Arbeitskollegen, die Wilhelm auch den Rest seines Glaubens raubten. Mit der Heilighaltung des Sonntags durch Besuch des Gottesdienstes und Empfang der hl. Sakramente war es schon nach wenigen Monaten bei Wilhelm gänzlich vorbei. Auch die täglichen Gebete wurden ihm allmählich fremd. Das sauer verdiente Geld wanderte größtenteils ins Wirtshaus. Bisweilen erhielten in den ersten Jahren nach dem Tod des Vaters Wilhelms Mutter und Geschwister von ihm noch eine kleine Geldunterstützung, aber allmählich hörte auch diese auf. Was kümmerte es ihn, dass Mutter und Geschwister manchmal Not und Elend durchkosten mussten, war er doch inzwischen volljährig geworden und Herr über sein eigenes Geld. Jahre vergingen, ohne dass man von Wilhelm wieder etwas gehört hätte. Die Arbeit, "des Bürgers Zierde", gefiel ihm nicht mehr recht. Ruhelos wanderte er umher, nirgends längere Zeit sich aufhaltend. Eines Tages finden wir ihn in der Nähe einer Stadt bei einem Bauern, wie er damit beschäftigt ist, Holz zu zerkleinern. Als Lohn für seine Arbeiten erhielt er Kost und täglich zwanzig Pfennige. Jeden Abend müssen aber auch diese wenigen Pfennige noch "nass" gemacht werden, indem er sie für Schnaps ins nahe Wirtshaus trägt. Etwa zwei Wochen später ist in der Stadt Kirmes. Auf dem Marktplatz dreht Wilhelm bei einem Karussellbesitzer den Leierkasten. Noch ist die Kirmes nicht beendet, da ist Wilhelm bereits wieder auf Wanderschaft. So ging es längere Jahre hindurch.

 

Winter war es! Wilhelm Horn war aus der Nähe einer größeren Stadt, woselbst er wieder kurze Zeit bei einem Landmann gearbeitet hatte, eines Abends zurückgekehrt in ein kleines Dörfchen am Fuß des Egge-Gebirges zu einem Bauersmann, bei dem er schon früher wiederholt Beschäftigung gefunden hatte. Wieder hatte er auf der Wanderschaft stark dem Alkohol zugesprochen. Nur von dem Knecht des Landmannes am Abend noch bemerkt, hatte Wilhelm alsbald seine ihm aus dem Vorjahr noch bekannte Schlafstätte aufgesucht. Am anderen Morgen machte der Knecht seiner Herrschaft Mittelung von der Anwesenheit Wilhelms. Als er zum Frühstück nicht bei Tisch erschien, ging die Hausfrau in sein Schlafgemach. Welch ein Anblick bot sich hier! Wilhelm lag im Bett mit weit geöffneten Augen, die unruhig im Zimmer hin und her blickten. Auf die Frage der besorgten Hausfrau, ob er denn nicht aufstehen wolle, erhielt sie keine Antwort. Nur ein unverständliches Lallen kam aus seinem Mund. Zu seinen Häupten lag eine leere Schnapsflasche. Starr vor Schrecken, eilte die Frau in die Wohnstube zurück, um den anscheinend noch betrunkenen Wilhelm eine Tasse warmen Kaffee zu holen. Bei ihrer Rückkehr war sie begleitet von ihrer Schwägerin, einer geübten Krankenschwester aus dem Orden des hl. Franziskus, die gerade zu Besuch im elterlichen Haus weilte. Mit scharfem Kennerblick überschaute sie alsbald die Situation. Ihr war es klar, dass Wilhelm Horn dem Tod nahe war. Sie versuchte mit ihm ein Gespräch anzuknüpfen, erhielt indessen auf ihre Fragen nur abgebrochene Worte als Antwort. Bald brachte sie das Gespräch auf Religion und die Erfüllung seiner religiösen Pflichten, musste aber leider zu ihrem tiefsten Schmerz erfahren, dass Wilhelm Horn sich seit seinem 15. Lebensjahr dem Tisch des Herrn nicht mehr genaht hatte. In ernsten Worten führte die Schwester dem Schwerkranken sein bisheriges Leben vor Augen und schloss ihre Unterredung mit den Worten: "Denken Sie jetzt an Gott, den Richter der Lebenden und Toten dort oben, den Sie so häufig im Leben beleidigt haben, und vor dessen Richterstuhl Sie in kurzer Zeit schon erscheinen müssen. Sie haben nur noch wenige Stunden zu leben. Bereuen Sie von ganzem Herzen Ihr bisheriges Leben und söhnen Sie sich mit Gott aus!" 

 

Darauf betete sie ihm laut die Reuegebete vor und eilte dann, wie sie bemerkte, dass der Kranke inzwischen auch seine Hände zum Gebet gefaltet hatte, selbst zum nahen Pfarrdorf, damit der Sterbende nicht ohne geistlichen Beistand die Reise ins Jenseits mache. Eine Stunde später etwa finden wir schon am Krankenbett den Priester. Leider liegt Wilhelm bereits in den letzten Zügen und ist nicht mehr imstande, ein Sündenbekenntnis ablegen zu können. Wenige Augenblicke später hatte der Alkohol sein Opfer gefordert.

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8. Hochmut kommt vor dem Fall!

 

An der kleinen Pastorat am grünen Berghang wurde zweimal hintereinander schüchtern die Schelle gezogen. Erst als daraufhin niemand kam, ertönte sie lauter und eindringlicher. Jetzt wurde es im Holzschuppen hinter dem Haus lebendig. Die gute alte, schon etwas schwerhörige Haushälterin glaubte ein leises Klingeln vernommen zu haben und trippelte nun besorgt näher, um zu sehen, was es gäbe. 

 

Draußen standen zwei junge Dorfmädchen im Alter von 18 bis 19 Jahren, die dem Herrn Pfarrer einen Abschiedsbesuch zu machen wünschten. Der alte Herr war aber schon auf das wiederholte Läuten hin leise heruntergekommen und hatte die letzten Worte gehört. - "Kommt nur herein", rief er ihnen ermutigend zu, wobei er die Tür zum Sprechzimmerchen öffnete und die Besucherinnen mit einer freundlichen Handbewegung einlud, ihm dahin zu folgen.

 

"Ihr wollt also wirklich in eine Dienststelle gehen und in die Stadt ziehen", leitete er das Gespräch ein, als die Mädchen verwirrt nach schicklichen Worten suchten. -

 

"Ja, Herr Pfarrer, unsere Eltern werden Ihnen ja schon gewiss das Nähere darüber, insbesondere auch die Gründe, mitgeteilt haben."

 

"Ich kenne sie, meine Kinder, und obwohl ich es in Hinsicht auf euer Seelenheil lieber sähe, wenn ihr hier bliebet, kann ich mich doch der Richtigkeit derselben nicht verschließen. So ziehet denn in Gottes Namen, und Maria, die allerseligste Jungfrau, sei eure Beschützerin." Hier machte der würdige Herr eine nachdenkliche Pause, dann fuhr er das jüngere der beiden Mädchen fest ansehend - mit gehobener Stimme fort: "Dir, Charlotte, lege ich die Nachahmung der reinsten und lautersten Jungfrau mit besonderer Wärme ans Herz. Wirst du denn auch stark genug sein, den vielen, unbekannten Gefahren zu trotzen, die in der Stadt dir von allen Seiten drohen?"

 

Charlotte senkte errötend den Kopf. - "Ich hoffe es, Herr Pfarrer."

 

"Diese Hoffnung hat schon manchen getäuscht, Kind! Darum höre auf meinen Rat. Siehe, Maria war eine demütige Magd des Allerhöchsten, sie war das demütigste Geschöpf von allen Eingeborenen, und nun präge es dir tief ein, - diese unvergleichliche Demut war die Grundursache von Mariens großer Kraft, von ihrer Erhabenheit und Würde sowohl, als nicht zuletzt auch von der fleckenlosen, von der makellosen und der unversehrten Reinheit der hehren Himmelskönigin. - Willst du dir die zarte Lilienblüte der heiligen Keuschheit rein bewahren, Kind, so bekämpfe den Stolz und damit verbunden die Sinnlichkeit, und die Demut wird dann für dich zu einer festen Rüstung werden, die die Pfeile der Versuchung nicht zu durchdringen vermögen."

 

Charlotte merkte gut, worauf ihr erfahrener Seelenführer anspielte. Schon als Kind hatte er ihr oft einen fast zügellosen Hang zum Großtun verwiesen und sie mit allen Mitteln der Milde und der Strenge auf die bösen Folgen dieses tief bei ihr eingefressenen Übels aufmerksam machen müssen.

 

In diesem Augenblick aber siegte ihre bessere Natur. Und als sie dem alten Mann, der sie nur mit Sorgen ziehen sah, die Hand zum letzten Gruß reichte, geschah es in der besten und festen Absicht, nach dem Vorbild Mariens in Demut zu wandeln.

 

Wird das arglose Mädchen in der Fremde auch standhalten?

 

*       *       *

 

Über dem hastenden Getriebe der nimmermüden Großstadt spielt das erste zarte Wehen des Vorfrühlings. Schneeglöckchen nebst Veilchen läuten den fröhlichen Lenz ein. Es ist Markttag heute. Auf dem weiten steingepflasterten Platz herrscht das bunteste Getriebe. Die beiden jungen Mädchen, die durch die Vermittlung des alten Pfarrers eine vorzügliche Stelle gefunden haben, treffen sich fast jedes Mal, wenn Markt ist, wie durch geheime Abmachung bei ein und demselben Gemüsestand und erzählen sich ihre kleinen Geheimnisse. Gewöhnlich begleiten sie sich dann noch eine Strecke weit desselben Weges. So auch heute; mit dem Unterschied allerdings, dass Charlotte ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit sehr einsilbig war. Anna fiel das eigentümliche Benehmen natürlich auf und machte eine dahinzielende Bemerkung; Charlotte schwieg, plötzlich aber setzte sie mit einer unmutigen Gebärde den schweren Marktkorb auf die Erde und fragte in hastig abgerissenen Worten: "Wirst du in diesem Jahr noch immer bei deiner Anstellung bleiben?"

 

"Ei, und warum denn nicht? Ich fühle mich bei meiner Herrschaft ja ganz wohl."

 

"Du bist doch schon drei Jahre da."

 

"Je nun, was soll das?"

 

Charlotte hob schnippisch den Kopf. "Ich meine, wir hätten endlich auch mal eine bessere Stelle verdient."

 

Jetzt war die Reihe des Sichwunderns an Anna: "Wie, Lotte, du beklagst dich über deine Herrschaft? Du bist doch viel besser aufgehoben als ich. Was kommt dir denn auf einmal in den Sinn?"

 

"Was mir einfällt? Das sind meine eigenen Sachen. Kurz und gut, bei der alten Rätin behagt es mir nicht mehr. Da ist man immer wie in einem Käfig. Das bin ich gründlich satt. Bei dem reichen Kaufmann am Ende unserer Straße geht das Mädchen nächsten Montag weg." 

 

"Und dann?" - Anna hob warnend den Finger. - "Lotte, Lotte, Du rennst ins Verderben. Bei Kaufmanns, das ist kein Haus für dich, dort lauert und lockt die Sünde, auch herrscht in seinen Räumen zu viel Müßiggang. Und der ist der Anfang aller Laster. Willst du dich absolut verändern, so suche dir lieber eine Stelle, wo du tüchtig und fleißig arbeiten musst und keine Zeit findest, mit allerlei losen Gesellen die Stunden totzuschlagen. Arbeite, wie Maria und der liebe Heiland gearbeitet haben."

 

Charlotte verzog den Mund zu einem höhnischen Lachen. - "Das sind so Ansichten, Anna." -

 

"Freilich, Lotte, aber solche, die von Grundsätzen geleitet werden, die Religion und Vernunft fordern. In williger und rechtschaffener und gottgewollter Arbeit liegt ein großer Schatz von köstlicher Demut verborgen, die hinwiederum eine unerschöpfliche Fundgrube von Glück, Tugend, Herzensreinheit und stiller Zufriedenheit ist. Lotte, Lotte, liebste Freundin, du bist auf falschem Weg." -

 

"Dummes Zeug, Anna; du beleidigst mich. Muss man denn gleich sittenlos werden, wenn man das Leben ein wenig vom bequemeren Standpunkt aus auffasst!" -

 

"Bei deinem unfertigen Charakter ist diese Besorgnis nur allzu gerechtfertigt", entgegnete Anna ruhig, aber mit scharfer Betonung.

 

Die Worte trafen wie glühende Pfeile Charlottens Seele. Ihre Wangen färbten sich blutrot. Einen Augenblick schienen die guten Vorsätze von früher den Sieg über die Leidenschaft davontragen zu wollen, dann aber legte sich langsam ein eisiger Druck auf ihr Gemüt - und der gute Engel sah betrübt, wie das junge Mädchen sich vom Teufel umgarnen ließ.

 

Feuersglut im Gesicht nahm es hastig den Korb auf und eilte wortlos von dannen.

 

*       *       *

 

Spätherbst war es geworden. In den glänzend erleuchteten Räumen der großen städtischen Festhalle wurde zugunsten des Kreiswaisenhauses ein Wohltätigkeitsbasar abgehalten, bei dem Juliana, die älteste Tochter von Annas Herrschaft, mitwirkte. Als es dunkler wurde, sandte die Frau das Mädchen aus, um die Tochter abzuholen. Beim Stadthaus angekommen, wurde sie gebeten, noch ein wenig zu warten, worauf Anna, um nicht belästigt zu werden, in den Park ging und hier an einem stillen verborgenen Plätzchen den abendlichen Rosenkranz betete.

 

Sie war noch nicht ganz damit fertig, als leichte schlurfende Schritte nahten, die einer armen abgehärmten Frauensperson angehörten, die sich zitternd neben Anna niederließ und in dumpfem Brüten vor sich hinstarrte. Auf einmal aber zuckte sie heftig zusammen und wollte forteilen. Doch schon hatte Anna beim unsicheren Flackern des elektrischen Lichtes die Jugendgenossin in ihr erkannt und rief zögernd: "Lotte." -

 

Weinend blieb das arme Mädchen stehen, und voll geheimen Schauders konnte Anna wahrnehmen, wie Sünde und Schande die einst so blühende Gestalt Charlottens in der kurzen Zeit von zwei Jahren vollständig gebrochen hatten. Und wie musste es erst in der Seele aussehen? - Unwillkürlich dachte sie der warnenden Worte an jenem Frühlingstag, als Lotte sich von ihr losriss, um das Leben in vollen Zügen zu genießen.

 

Sollte sie die Ärmste daran erinnern? 

 

Was hätte es denn nützen können? Nein, hier konnte nur liebendes Mitleid helfen, und von dem hoffnungslosen Jammer der armen Gefallenden gerührt, zog sie Charlotte leise zu sich heran und vernahm nun unter ihren schluchzenden Reuetränen ein schreckliches Geheimnis nach dem andern. 

 

"Ach, Anna, wie ist alles so ganz anders gekommen, als ich es mir dachte." -

 

"Durch Demut und aufrichtige Reue gewinnst du den Himmel wieder, Lotte."

 

"O Gott - O Gott - ja, jetzt muss ich demütig werden, jetzt muss ich es lernen - o, welch harte Buße für meinen vermessenen Stolz. Ach, Anna, wie glücklich bist du gegen mich! Ach - und ich hätte auch so sein können!"

 

"Vergiss nun das Vergangene und vertraue nun wieder ganz dem milden, barmherzigen Gott." -

 

Charlotte brach aufs neue in heiße Tränen aus. "Hätte ich es nur eher getan, Anna! Ich brauchte dann nicht beschämt und krank an Leib und Seele vor dir zu stehen. Hätte ich mich an Maria gehalten, hätte ich mehr gebetet - alles - alles wäre anders. Liebste Freundin, du ahnst es nicht, wie schlecht die Welt ist, wie man mir armen Kind schmeichelte, wie man mich Unerfahrene und Hoffärtige betörte - und mich schändlich betrog. Nun habe ich die Strafe für meinen Stolz. Ausgestoßen bin ich von der Menschheit, im Dunkel des Abends muss ich meine Schande verbergen, und darf mich vor den Eltern nicht mehr sehen lassen - Hochmut kommt vor dem Fall. Erst kommt der Stolz, dann der Leichtsinn und dann - und dann - und dann - das Ende mit dem Verlust des edelsten, jungfräulichen Kleinods. - So geht`s im Leben, und wenn man zu spät zur Einsicht kommt, ist alles verloren, alles vorbei - und der Tod würde eine erlösende Gnade sein." -

 

Die letzten Sätze erstarben in monotoner Verzweiflung.

 

"Mut, Lotte, Mut, noch lebt Gott und seine Barmherzigkeit", flüsterte Anna kreidebleich vor Entsetzen neben ihr. - "Maria Magdalena war auch eine große Sünderin - folge ihr nach in der Buße." -

 

So sprachen sie noch lange miteinander, bis Anna endlich aufstehen musste. Wohl nahm sie sich in der Folgezeit noch recht oft des armen betrogenen Wesens an, und es gelang ihr auch, Lotte einigermaßen wieder aufzurichten und sie zu bewegen, in einem Haus vom "Guten Hirten" für die Fehler ihres Leichtsinns Buße zu tun - ganz aber konnte sie Charlotte indessen doch nicht wieder zur einstigen Fröhlichkeit verhelfen; denn es gibt Fehler im Leben, deren Folgen sich niemals ausmerzen lassen, und die ausgekostet werden müssen bis zum bittersten Ende. -

 

Daher sehe jeder, der da steht, zu, dass er nicht falle. Der Wahn ist kurz, die Reue lang.

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9. Du sollst Vater und Mutter ehren

 

Die goldenen Strahlen der Morgensonne fielen durch die Fenster eines stattlichen Hauses an der Hauptstraße einer westdeutschen Stadt. Aber es war kein heiteres Bild, das sie hier beleuchteten. In einem elegant eingerichteten Zimmer des ersten Stockwerkes befanden sich zwei Personen in eifrigem Gespräch beisammen. Es war Kaufmann Paul Helmer und seine Gattin, und die Unterhaltung, die die Eheleute miteinander führten, musste peinlicher Natur sein; denn der junge Mann blickte finster vor sich hin, und die Züge der Frau verrieten einen tiefen Kummer.

 

"Wenn du doch auf meine Worte hören wolltest, Paul", bat sie in ernstem und eindringlichem Ton. "Zwist mit den Eltern hat noch niemals Glück gebracht; als Teilhaber des großen Geschäftes deines Vaters hast du dein gutes, reichliches Einkommen. Bisher hat es uns an nichts gemangelt; kannst du nicht damit zufrieden sein?"

 

"Das verstehst du nicht, Mathilde", gab Helmer unwillig zur Antwort.

 

"Mir blieb nichts anderes übrig, als mein mütterliches Erbteil vom Vater herauszufordern; sollte er aber bei seiner Weigerung verharren, so muss ich die Hilfe des Gerichtes in Anspruch nehmen."

 

"Um Gottes willen!" stieß die junge Frau erschrocken hervor. "Du wolltest den guten Vater vor Gericht fordern? Das ist ja gegen alle Dankbarkeit und Ehrerbietung, die Kinder den Eltern schulden."

 

"Das sind veraltete Ansichten", meinte ihr Mann verächtlich. "Ich kann mein Recht fordern wie jeder andere. Als ich vor zehn Jahren volljährig wurde, habe ich es im väterlichen Geschäft gelassen; aber da ich nun ein eigenes Geschäft zu gründen beabsichtige, muss ich auf Auszahlung bestehen."

 

"O, ich weiß, wer dir diese Anschauungen beigebracht hat", jammerte die junge Frau. "Es ist Georg Hartwig, mit dem du dich vereinigen willst. Man hat mir erzählt, dass er keinen Glauben mehr besitzt und einen sehr lockeren Lebenswandel führt. Ich bitte dich nochmals, Paul, gib deinen Verkehr mit diesem Menschen auf, sonst werden wir alle ins Unglück gestürzt."

 

Laut weinen warf sie sich an die Brust ihres Mannes.

 

"Aber so beruhige dich doch, Mathilde", erwiderte er halb ärgerlich, halb mitleidig, indem er seine Hand auf ihre Schulter legte. "Dass ihr Frauen auch gleich alles von der schwärzesten Seite auffasst" Vielleicht kommt es auch nicht so weit, wie du befürchtest, und wir setzen uns noch gütlich auseinander."

 

Seine Gattin blickte hoffnungsvoll zu ihm auf. "Versprich mir, Paul . . ."

 

"Ich will tun, was ich kann", gab er ausweichend zur Antwort.

 

Mit dieser unbestimmten Versicherung verließ Helmer das Zimmer.

 

Die betrübte Frau begab sich in das Nebengemach, um bei ihren zwei Kindern, einem Mädchen von etwa fünf und einem Knaben von drei Jahren Trost und Erheiterung zu suchen.

 

*       *       *

 

Zu derselben Zeit spielte sich im Nachbarhaus ein ganz anderer Vorgang ab. Ein ehrwürdiger Greis mit freundlichen Zügen sitzt dort in einem Sessel nahe dem Ofen. Vor ihm stehen seine blühenden Enkel Joseph und Lieschen, im Alter von elf und neun Jahren, und zeigen dem alten Mann frohlockend die Bildchen, die sie vom Lehrer für ihren Fleiß erhalten haben.

 

Dicht am Fenster hat die Großmutter Platz genommen und überwacht die ersten Strickversuche der siebenjährigen Anna. Oftmals beugt sich die Greisin zu ihrem Liebling herab, während ihre zitternde Hand den lockigen Scheitel der Kleinen streichelt und ihre Lernbegier lobt.

 

"Da ihr so brav und fleißig seid", meint lächelnd der Großvater, "habt ihr wohl eine Belohnung verdient . . ."

 

"O, erzähle uns eine Geschichte, Großväterchen", schmeichelt Lieschen, "keiner kann so schön erzählen, wie du."

 

"Ach, ja!" schloss sich Joseph an, und auch die kleine Anna sprang eilig herbei. 

 

"Nun denn, so merkt auf!"

 

Die Kinder rückten mit den Stühlen näher und der Greis begann zu erzählen. Er beschrieb den Tagesablauf zweier Knaben. Der Tag des einen verlief heiter und glücklich, während der andere nichts als Verdruss und Missgeschick hatte. Und was war deren Ursache? - Der erstere verrichtete stets andächtig sein Morgengebet, was sein Kamerad leichtsinnig unterließ.

 

"Merkt es euch, liebe Kinder", schloss der Großvater seine Erzählung, "wer nicht am Morgen betet, ist arm den ganzen Tag. Deshalb steht nie auf, ohne an Gott zu denken, dann wird er mit seinem Segen euch stets begleiten."

 

Während der letzten Worte trat der Sohn des alten Ehepaares, der Schreinermeister Ehrhardt, ins Zimmer und blickte mit glücklichem Lächeln auf die liebliche Gruppe. Dann erkundigte er sich freundlich nach dem Befinden der Eltern.

 

"Wir fühlen uns wohl und glücklich; wir haben alles, was wir bedürfen", antwortete der Vater, "nicht wahr, Mutter?"

 

Die alte Frau nickte freundlich.

 

"Das Geschäft scheint gut zu gehen", meinte der Greis, "denn du bist in letzter Zeit noch bis in die späte Nacht an der Arbeit."

 

"Ja, Gott sei Dank!" erwiderte sein Sohn mit zufriedenen Blicken, "ich hatte noch keinen Winter so viele Aufträge wie in diesem Jahr. Mit euch, liebe Eltern, ist das Glück bei uns eingezogen."

 

"Sage besser, der Segen Gottes, Franz", erwiderte die Greisin mit bewegter Stimme, "du bist ein guter Sohn und hast deine Pflichten gegen uns getreulich erfüllt."

 

"Wir haben noch keinen Augenblick bereut, dass wir zu ihm gezogen sind", meinte der alte Mann, als Meister Ehrhardt sich entfernt hatte. "Franz und seine gute Frau tun alles, was sie uns an den Augen ablesen können. Möge der Herr ihnen alle Liebe vergelten.

 

*       *       *

 

Einige Wochen später stand der Kaufmann Helmer seinem Vater gegenüber vor den Schranken des Gerichtes. Der alte Mann erklärte, in Jahresfrist das mütterliche Erbe auszahlen zu wollen und bat so lange um Aufschub, da die plötzliche Zahlung einer so großen Summe für sein Geschäft gerade jetzt verderblich sein würde. Doch der Sohn beharrte trotzig auf seinem Standpunkt, und der Richter war gezwungen, ihm die Summe zuzusprechen.

 

Niedergeschlagen hörte der alte Mann den Urteilsspruch. Als aber sein Sohn triumphierend das Haupt erhob, da flammte ein Zornesblick in seinen Augen.

 

"Paul! Paul!" rief er in lautem und ernstem Ton, indem er drohend die Hand erhob. "Du hast nun dein Recht erzwungen, aber das Geld wird dir und deinen Kindern keinen Segen bringen!"

 

Die zitternde Rechte sank herab, und gebeugt ging der alte Kaufmann davon. Alle Anwesenden blickten missbilligend auf den hartherzigen Sohn, der wie ein Gebrandmarkter den Saal verließ. Seine arme Frau aber hatte keine Ahnung von dem Vorgefallenen. Ihre schüchternen Fragen hatte er ausweichend und mürrisch beantwortet, dass sie nicht weiter in ihn drang. Von anderer Seite konnte sie auch nichts in Erfahrung bringen, da ihr leidender Zustand sie an das Haus fesselte.

 

Paul Helmer schlich gedrückt und scheu umher; das Gewissen schien ihm doch Vorwürfe zu machen.

 

"Es ist mir, als schwebe ein Unglück in der Luft", klagte er seinem zukünftigen Kompagnon. "Klangen die Worte meines Vaters nicht wie ein Fluch?"

 

"Ich hätte dich für gescheiter gehalten", erwiderte der Freigeist geringschätzend, "lass uns von etwas anderem sprechen. Wann erhältst du das Geld?"

 

"Ich habe den kürzesten Termin gestellt; binnen acht Tagen."

 

"Gut!" frohlockte sein Freund, "dann können wir bald unser Geschäft eröffnen. Feine ausländische Weine, das zieht in dieser Zeit des Genusses, das Geld wird uns förmlich zufließen." Und er malte dem in dieser Branche unkundigen Kaufmann das neue Unternehmen in den rosigsten Farben, so dass dieser seine trüben Gedanken vergaß.

 

Nach einiger Zeit stattete eine Verwandte von Frau Helmer dieser einen Besuch ab. Bald kam auch das Gespräch auf den Auftritt zwischen Vater und Sohn im Gerichtssaal - die Besucherin war der Meinung, Frau Helmer wisse darum. Diese schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen, und jetzt wurde es ihr klar, warum die Eltern ihres Mannes nicht wie früher zum Besuch erschienen.

 

Als die Verwandte sich wieder entfernt hatte, ging sie in größter Aufregung in dem Zimmer auf und ab. Ihr Kopf glühte, eine schwere Beklemmung legte sich auf ihre Brust. Um sich Erleichterung zu verschaffen, öffnete sie ein Fenster und ließ die kühle Abendluft um ihre erhitzten Schläfen streifen. Diese Abkühlung tat ihr wohl, sie konnte wieder freier atmen.

 

Zufällig fielen ihre Blicke auf das Nachbarhaus des Schreinermesters Ehrhardt. Welch ein glückliches Familienleben führten diese einfachen und genügsamen Leute! Dort herrschte Gottesfurcht, Liebe und Frieden; warum konnte es in ihrer eigenen Familie nicht so sein? Die unglückliche Frau brach in bittere Tränen aus.

 

Als Paul Helmer spät abends heimkehrte, fand er seine Frau in heftigstem Fieber. Der herbeigerufene Arzt zuckte bedenklich die Achseln. Aus den abgerissenen Worten, die die Kranke in ihren Fieberphantasien hervorstieß, wurde dem bestürzten Gatten bald klar, was vorgefallen war. Nur wenige Tage waren vergangen, als der Tod an das Lager der jungen Mutter trat. Kurz vorher war sie zu neuem Bewusstsein erwacht, hatte mit rührender Andacht die hl. Sterbesakramente empfangen, und ihre sterbenden Lippen flüsterten dem Gatten zu: "Versöhne dich mit deinem Vater, Paul - tue es meinetwegen - deinetwegen - und um - unserer Kinder willen - -."

 

Dann schlossen sich die treuen, sanften Augen für immer.

 

Verzweiflungsvoll starrte der unglückliche Mann auf die Leiche der geliebten Frau.

 

"Des Vaters Fluch geht schon in Erfüllung", stöhnte er. "Mein guter Engel hat mich verlassen."

 

*       *       *

 

Zwölf Jahre sind seitdem verflossen. Meister Ehrhardt hat sich mit Fleiß und Sparsamkeit so weit emporgearbeitet, dass er das prachtvolle Nachbarhaus des Kaufmanns Helmer erwerben konnte.

 

Im Erdgeschoss befindet sich ein reichhaltiges Lager fertiger Möbel, und dahinter ist eine geräumige Werkstatt, in der der älteste Sohn und eine Anzahl Gesellen fleißig beschäftigt sind. Der Meister selbst ist mit seiner ältesten Tochter im Laden anwesend zur Bedienung der zahlreichen Kundschaft, während seine Frau mit der jüngsten Tochter den großen Haushalt besorgen. Der zweitälteste Sohn Joseph studiert und tritt demnächst ins Seminar, um Priester zu werden.

 

"Ach, wenn wir dies noch erleben könnten!" sagt oft der Großvater zu der Lebensgefährtin, "dann wollten wir in Frieden sterben."

 

"Gott gebe es!" erwiderte die Greisin und lässt die Perlen des Rosenkranzes stillbetend durch die zitternden Finger gleiten. Die beiden Leute sind trotz ihres hohen Alters noch ziemlich rüstig.

 

Kaufmann Helmer wohnt in seinem einstigen Besitztum als Mieter. Der früher so stattliche Mann ist kaum wiederzuerkennen, Schicksalsschläge und leidenschaftliche Trunksucht haben seine Gesundheit untergraben.

 

Erschüttert durch den Tod seiner Frau, war Helmer anfangs willig, den Wunsch der Sterbenden zu erfüllen und sich mit seinem Vater zu versöhnen. Aber er schob sein Vorhaben von Tag zu Tag auf, bis plötzlich ein Herzschlag den durch Kummer gebeugten alten Mann dahinraffte.

 

Seine Prophezeiung ging an dem unbarmherzigen Sohn auf die traurigste Weise in Erfüllung. Einige Zeit nach dem Tod seiner Frau nahm eine Krankheit ihm sein jüngstes Kind, seinen Liebling hinweg. Das neue Unternehmen bewährte sich nicht in dem Maße, wie die beiden jungen Gründer erwartet hatten. Eines Tages war sein Freund und Teilhaber mit dem vorhandenen Geld verschwunden.

 

Helmer besaß nicht die Mittel, das Unternehmen fortzuführen, über sein Vermögen wurde der Konkurs eröffnet, und er war gezwungen, in einem Geschäft Stellung als Buchhalter zu nehmen.

 

So waren trübe Jahre vergangen, doch Helmer hoffte immer auf bessere Zeiten. Seine beiden Kinder, Emma und Robert, wuchsen heran, empfanden aber wenig Liebe zu ihrem Vater. Dieser ließ ihrem jugendlichen Leichtsinn auch die Zügel schießen und meinte, Jugend müsse sich austoben. Als aber seine Tochter mit einem charakterlosen, jungen Burschen ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, trat er ihr entschieden entgegen. Doch Emma entgegnete kalt, sie würde warten bis zu ihrer Volljährigkeit, dann brauche sie auf niemand mehr Rücksichten zu nehmen.

 

Der Vater brauste auf: "Wie kannst du dir diesen unehrerbietigen Ton erlauben, ungeratenes Mädchen!" rief er bebend vor Zorn. 

 

"Das nennst du unehrerbietig?" fragte die Tochter verächtlich. "Es ist aber lange nicht so schlimm, als wenn jemand seinen Vater vor Gericht fordert, um ihm Geld abzupressen!"

 

Helmer erbleichte und wankte aus dem Zimmer. O, wie rächte sich seine Sünde an den eigenen Kindern!

 

Um seinen Schmerz zu betäuben, nahm der unglückliche Mann mehr wie je seine Zuflucht zur Flasche, bis ihn der Prinzipal die Stellung kündigte, da er seinen Posten vernachlässigte. In einer kalten Winternacht brachte man einen auf der Straße gefundenen, völlig erstarrten Mann zur Polizei, in dem man den Kaufmann Helmer erkannte. Er erwachte von seinem Rausch nicht wieder; infolge des übermäßigen Alkoholgenusses hatte ein Herzschlag seinem Leben ein jähes Ende bereitet.

 

"Welch ein tragisches Ende!" rief Frau Ehrhardt erschüttert aus, als sie den Tod ihres Hausgenossen erfuhr. "Und was ist aus den Kindern geworden?" fragte sie ihren ältesten Sohn.

 

"Ach, das ist auch eine traurige Geschichte", sagte er aufseufzend. "Robert war ein tüchtiger Bankbeamter und hatte eine glänzende Zukunft vor sich. Doch genusssüchtig und leichtsinnig, kam er mit seinen Mitteln nicht aus; infolgedessen beging er Unterschlagungen und ist ins Ausland geflohen."

 

"Entsetzlich! Und Emma?"

 

"Die hat bei Verwandten Unterkunft gesucht, da ihr Mann sie verlassen hat."

 

"Hier waltet die Strafe Gottes" nahm jetzt Meister Ehrhardt mit tiefem Ernst das Wort. "Paul Helmer hat das vierte Gebot nicht geachtet, und die Kinder müssen mitleiden unter dem Fluch des Vaters; denn die Sünden der Eltern rächen sich bis ins vierte Geschlecht."

 

Die Familie Ehrhardt erfreut sich heute allgemeiner Achtung. Die Großeltern erlebten noch die Freude, ihren Enkel als Priester am Altar zu sehen. Sie starben beide kurz nacheinander, mit Segensworten für ihren Sohn und dessen Kindern auf den Lippen.

 

Meister Ehrhardt hat das Geschäft seinem ältesten Sohn übertragen und ist mit seiner treuen Gattin zu seinem geistlichen Sohn übergesiedelt. In stiller, friedlicher Zurückgezogenheit verbringt das Ehepaar hier den Abend seines Lebens und genießt in reichem Maße den Segen, den Gott allen denen verheißen hat, die treu das vierte Gebot erfüllen.

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10. Erlebnisse eines deutschen Jesuiten

in der portugiesischen Revolution

 

(Der nachfolgende Bericht beruht auf schriftlichen und mündlichen Angaben des hochw. P. Zimmermann SJ, enthält also nur rein tatsächliche Begebenheiten.)

 

Es war am 4. Oktober 1910. In den Straßen von Lissabon herrschte wildes Treiben. Aufruhr und Empörung war seit der Nacht die Losung des gemeinen Pöbels. Thron und Altar galt der Kampf.

 

Schon bald, nach kurzem, aussichtslosen Widerstand der Königstreuen, hatte die Revolution gesiegt. Die Dynastie der Braganza war gestürzt, Kirchen und Ordenshäuser sahen von neuem die schrecklichen Gräuel der großen französischen Revolution.

 

Kein Wunder, dass die zügellosen Horden in den Jesuiten des Landes gleich ihre ärgsten Feinde erblickten. War doch kaum jemand so mutig und so unbeirrt, wie gerade sie, eingetreten für Autorität und Religion. Drum war: Kampf und Tod den Jesuiten! die zweite Losung.

 

Nicht anders dachte die neue Regierung, die sich zusammensetzte aus Freimaurern und deren Gesinnungsgenossen. Ihren Hass gegen die Religion zu befriedigen, dünkte ihnen weit wichtiger, als die eben errungene Herrschaft durch weise Verfassungsgesetze zu stützen und zu befestigen. Bereits am 5. Tag der Republik erfolgte das Dekret der Ausweisung der Orden. Die Jesuiten, Portugiesen oder Ausländer, hätten zudem noch am gleichen Tag der Veröffentlichung das Land verlassen müssen. Ihre Güter nahm der Staat für sich in Beschlag.

 

*       *       *

 

Campolide, das größte und schönste Kolleg der portugiesischen Ordensprovinz, ein Gymnasium mit ungefähr 260 Schülern, hatte bereits am 4. Oktober viel von den Aufständischen zu leiden. Die Flucht der Bewohner erschien bald als einziger Weg zur Rettung. So schickte denn der Rektor des Hauses die Seinen in Gruppen von je zwei hinaus ins Ungewisse. Mehrere konnten sich glücklich retten; andere sahen sich jedoch gezwungen, vor dem empörten Pöbel zu weichen; gehetzt und verfolgt kamen sie zum Kolleg zurück.

 

Unterdessen hatte die königstreue Artillerie von Queluz neben dem Kolleg Aufstellung genommen, ungefähr 500-600 Meter ihr gegenüber die Revolutionäre mit ihren Kanonen. Mit ihrem Kugelregen setzte das Zerstörungswerk in Campolide ein. Gleich die erste Granate traf die Kuppel des Treppenhauses; prasselnd kamen Steine und Glasplatten zu Boden. Andere Granaten folgten und platzten unter großem Getöse. Die Kugeln der Mausergewehre prallten meistens wirkungslos an den Wänden ab, manche trafen jedoch die Fenster, so dass die Scheiben klirrend ins Zimmer fielen.

 

Zwei Granatschüsse erreichten die beiden Türme des Kollegs. Waren sie beabsichtigt? Leider schien es so. Dasselbe lässt sich im übrigen von der Verwüstung wohl nicht behaupten. Denn die königstreue Artillerie nebenan war das Ziel der revolutionären Kanonen, und so kam es ganz von selbst, dass manche Kugeln ihren Weg zum Kolleg fanden. Der angerichtete Schaden war beträchtlich, die Gefahr wurde immer größer.

 

"Rette sich, wer kann!" hieß es darum jetzt in Campolide.

 

Auch P. Zimmermann, ein Deutscher aus dem biederen Schwabenland, war noch dort. Einst vor 21 Jahren hatte er, ein junger Mann mit hohen Idealen, sein Vaterland verlassen, um - Gottes Ruf folgend - anderswo eine neue Heimat zu suchen: er wollte den armen Schwarzen aus Sambesi im heißen Afrika ein Bote des Heils werden. Da aber portugiesische Jesuiten jene schwierige Mission verwalteten, ging er kurz entschlossen nach Portugal ins Noviziat der Gesellschaft Jesu. Erst seit kurzem war er in Campolide als Lehrer der portugiesischen Jugend angestellt.

 

Jetzt hieß es also fliehen! Eine Verkleidung sollte ihn unkenntlich machen. Schnell vertauschte er darum das Ordensgewand mit Laienkleidern, darüber zog er einen englischen grauen Regenmantel. Ein weißer, hoher Kragen, schwarze Halsbinde, eine spanische Mütze sollten die Verkleidung vollenden. In die Hand nahm er einen silberbeschlagenen Spazierstock. So wollte er sich ganz frei und ungeniert vor den Leuten zeigen, und im Gefühl ziemlicher Sicherheit hoffte er, nach kurzer Zeit unerkannt einen etwa 20 Minuten entfernten Nebenbahnhof zu erreichen, um sich dann nach Spanien zu retten.

 

Ein kurzes Abendessen vor der Flucht wollte ihm wenig munden. Denn beständig drangen Gewehrkugeln in den Speisesaal; wie die andern, so musste auch er ein schützendes Plätzchen suchen, um nicht gleich erschossen zu werden.

 

Danach begab er sich hinaus; mit ihm ein jüngerer Ordensmitbruder. Ein kurzes Gebet um den Segen des Himmels machte ihnen Mut. 

 

Wie wenig seine Zuversicht auf die Verkleidung berechnet war, sollte ihm bald recht unangenehm zum Bewusstsein kommen. Denn kaum war er wenige Schritte vom Kolleg entfernt, da lief eine Schar Kinder auf ihn zu. Sorglos hatten sie inmitten all der Gefahren auf der Straße gespielt.

 

"Bitte Pater, cinco reisinhos!" d.h. nur 2 Pfenniglein!

 

Das kann ja noch interessant werden, dachte P. Zimmermann. Leider konnte er den Kindern nichts geben, da er keine Scheidemünzen bei sich hatte.

 

Also weiter! Die Straße war beunruhigend leer und still. Aber in allen Häusern drängte sich eine große Menge neugierig an die Fenster, um nur nicht zu übersehen. Jeder Augenblick konnte ja interessante Neuigkeiten bringen.

 

Bald hatte P. Zimmermann das letzte Haus von Lissabon erreicht. Nur ein Tälchen trennte ihn noch von seinem nächsten Ziel, jenem Nebenbahnhof. Wieder wurde er erkannt und um ein Almosen angesprochen; jetzt waren es drei junge Burschen. Der Pater vertröstete sie auf ein anderes Mal, da es ihm an Kleingeld fehle.

 

Auf einer Anhöhe, etwa 50 Meter von der Straße entfernt, stand ein Mann und schaute herunter. "Achtung! Da kommt ein Professor von Campolide; schieß ihn nieder!" wurde ihm von einem der drei Jungen laut zugerufen. 

 

P. Zimmermanns Begleiter blieb infolgedessen ein wenig zurück; er selbst schritt mutig voran. Gleich darauf pfiffen zwei Revolverkugeln an ihm vorbei, die der Mann auf ihn abgefeuert hatte. Beide trafen jedoch nicht. P. Zimmermann beschleunigte nun seine Schritte, um möglichst bald zur Station zu gelangen. Doch so einfach war dies noch nicht.

 

Der Pater musste nämlich hier an einem kleinen Bach entlanggehen, über eine steinerne Brücke schreiten und auf der anderen Seite des Ufers die gleiche Strecke zurückgehen; erst dann konnte er zum Bahnhof eilen. 

 

Da stieg plötzlich einen furchtbare Ahnung in ihm auf: der Mann mit dem Revolver brauchte nur den Abhang herunterzukommen und am Bach zu warten, bis er selbst am andern Ufer dicht an ihm vorüber musste. So nahe konnte er sein Ziel schwerlich verfehlen. 

 

Und in der Tat! Eben war P. Zimmermann auf der Brücke und sah zurück, da stand der Mensch auch schon unten am Bach. Gemächlich lud er gerade von neuem seinen Revolver. Was war nun zu tun? Zurück? Unmöglich; da stand ja sein Feind. Zur Seite ausweichen? Das ging auch nicht, denn hohe Mauern fassten zu beiden Seiten den Weg ein. Es blieb also keine Wahl. Ohne Ausweg musste der Pater auf der anderen Seite des Baches an dem unheimlichen Menschen vorbeigehen, der schussbereit ihn erwartete.

 

P Zimmermann empfahl sich innig seinem Schutzengel und lief beherzt weiter, so schnell als seine Füße ihn nur tragen wollten.

 

Jetzt hieß es also: auf Leben und Tod! Er kam in die Nähe des Burschen, war nur mehr 3-4 Meter durch den Bach von ihm getrennt; der feuerte ab, dann noch einmal. P. Zimmermann stürzte zu Boden; das rechte Bein schmerzte ihn, und er glaubte sich verwundet. Doch, Gott sei Dank, keine Kugel hatte getroffen, er war nur im Lauf über einen Stein gestolpert.

 

Schnell raffte er sich also auf. Ein Olivenbaum bot ihm jetzt zudem ein wenig Deckung. Schleunigst eilte er auf das Bahngelände zu. Wiederum schoss jener Mensch zwei Kugeln auf ihn ab, aber wiederum erreichte keine Ihr Ziel. 

 

Doch wie war das nur möglich? P. Zimmermann glaubte, der Kerl müsse wohl zum ersten Mal mit einem Revolver hantiert haben, denn sonst hätte er unbedingt getroffen werden müssen. Für jetzt war er also noch einmal dem sicheren Tod entgangen. Wann wird diese Szene sich wiederholen? Würde er dann wieder so glücklich der Gefahr entrinnen?

 

Vor ihm waren bereits mehrere Patres und Brüder von Campolide am Bahnhof angelangt, alle natürlich verkleidet. Schweigend ging er an ihnen vorbei. Er kümmerte sich nicht um sie, sie nicht um ihn; es hätte ja allen das Leben kosten können.

 

Bald hielt er seine Fahrkarte in der Hand und wartete auf den Zug. "Flieht, flieht!" ertönte es da plötzlich. Alles wich entsetzt zur Seite; P. Zimmermann stürmte durch eine Hintertür aus dem Bahnhof hinaus. Dort sah er sich noch einmal um, was es denn eigentlich gebe, was seine Mitbrüder anfangen würden. Gerade erdröhnte ein Schuss; getroffen sank ein Mann in die Arme eines andern.

 

An der anderen Seite des Bahnhofs eilte jetzt der Pater den Abhang hinunter, denn die Station lag ja auf einer Anhöhe. Da plötzlich blieb er stehen und schaute um. Niemand beschäftigte sich mit ihm. Also, dachte er sich, wird es am besten sein, langsam weiterzugehen. So konnte es den Anschein gewinnen, als ob er nur einen Spaziergang mache. Gedacht, getan.

 

Unten am Fuß des Hügels war ein Mann, der sich nachlässig an ein Brückengeländer anlehnte. Kaum hatte er den verdächtigen Fremden gesehen, da zeigte er auch schon seinen Revolver. Doch "der wackere Schwabe forcht sich nit, ging seines Weges Schritt vor Schritt" an dem unheimlichen Menschen vorüber, der deshalb auch wirklich einen harmlosen Spaziergänger vor sich zu haben meinte.

 

Aber jetzt war guter Rat teuer. P. Zimmermann kannte Lissabon nicht genauer und wusste daher keinen Bescheid in dieser einsamen Gegend. Alle Wege waren ihm fremd. Er musste sich also vertrauensvoll der Vorsehung überlassen und aufs Geratewohl eine Straße wählen. 

 

Nach einiger Zeit hörte er laute Stimmen hinter einem Haus. Da er selbst von den Leuten noch nicht bemerkt war, zog er es vor, zurückzugehen; er konnte ja nicht wissen, was ihm da bevorstehen würde, durfte aber das Schlimmste für sein Leben befürchten. 

 

Zum zweiten Mal kam er bis nahe an die Station. Dort begegnete ihm ein Mann vom Land, der eine Ziegenherde vor sich her trieb.

 

"Herr, wohin gehen Sie?" fragte er.

 

"Zum Bahnhof", antwortete der Pater.

 

"Gehen Sie um des Himmels willen nicht hin; dort wird viel geschossen."

 

Dem Pater leuchtete dieser Rat ein; er blieb daher bei dem guten Landmann und freundlich unterhielt er sich mit ihm. Dass er Priester sei, verriet er natürlich mit keiner Silbe, sondern sprach, wie wenn es ihm ganz geläufig wäre, mit seinem Begleiter über Milch, Käse, Ziegen, schlechte Zeiten und was sonst dem einfachen Mann nahe lag. Und wie froh konnte er sein, ihn bei sich zu haben! Unbehindert ging er jetzt durch die Menge, die er kurz vorher aus Furcht vermieden hatte. 

 

Schon wurde es dunkel, und so ist es begreiflich, dass es dem einsamen Wanderer um diese Zeit in den Vororten von Lissabon nicht gerade geheuer war. Er entschloss sich daher, zur Stadt zurückzugehen und trennte sich von dem freundlichen Ziegenhirten. 

 

Also wiederum die Anhöhe hinauf, über die der Weg sicher zur Stadt führte. Auf einmal sah er sich zu seinem Entsetzen einer Rotte von 50 Revolutionären gegenüber. Sie versperrten mit Waffen die Straße.

 

"Es lebe die Republik!" schrie einer von ihnen, um die Gesinnung des Fremden zu erforschen. "Ja, ja, es lebe die Republik", antwortete P. Zimmermann in möglichst schlechtem Portugiesisch.

 

Die List gelang. "Es ist ein Spanier; lasst ihn laufen", rief jetzt ein anderer.

 

Bald kam er an eine zweite Gruppe, die ebenfalls bewaffnet war. Diesmal ging er ganz unbefangen auf sie zu, um jeden Verdacht abzulenken. Er redete sie sogar an und erklärte ihnen, er sei ein Fremder, habe die Stadt verlassen wollen, fürchte sich aber, zur Station zu gehen, weil dort viel geschossen würde. Sie möchten daher so freundlich sein, ihm zu sagen, auf welchem weg er am sichersten nach Lissabon kommen könnte. Er stand nämlich gerade an einem Scheideweg.

 

Wie er vorausgesehen hatte, gab ihn einer den gefährlichsten an. Ein anderer meinte dazu: "Du hättest ihn auf die Rotunda schicken sollen", d.h. auf den Hauptkampfplatz in Lissabon.

 

Wohl oder übel musste P. Zimmermann diesen gefährlichen Weg nehmen; denn die Leute vermuteten schon längst in ihm einen Priester. Scharf wurde er von ihnen gemustert. Nur zu gerne hätten sie es gesehen, wenn er einmal seine Mütze abgenommen hätte. Er hütete sich jedoch wohl, ihnen diesen Gefallen zu tun. Mehr als einer seiner Mitbrüder war auf der Flucht an der Tonsur als Geistlicher erkannt und dann ins Gefängnis geschleppt worden. Dem Bruder Koch von Campolide, der glücklich zum Bahnhof gekommen war, riss man gar den Hut vom Kopf und zupfte ihn an den Haaren, um zu sehen, ob die auch wirklich festgewachsen seien. Er konnte ja vielleicht mit fremden Haaren eine Tonsur zugeklebt haben.

 

Noch ein drittes Mal musste P. Zimmermann an einer Bande von Revolutionären vorbei. Freundlich wünschte er ihnen guten Abend und wollte weiter gehen. Doch einige waren damit nicht zufrieden. Ein paar gute Worte schaden nie, also sie mutig angesprochen, dachte er.

 

"Hört", sprach er zu ihnen, "ich bin ein Deutscher und habe daher mit eurer Politik nichts zu schaffen. Ich hoffe, dass ihr einem Fremden den Spaziergang doch nicht verweigern werdet."

 

Das half. "Ja, du bist ein unschuldiges Kind, geh nur deinen Weg weiter", antwortete einer von ihnen. Jetzt sollten für ihn die schrecklichste Stunden seiner Flucht kommen. Die Revolutionäre ließen ihn zwar seinen Weg fortsetzen, aber einer folgte ihm, den geladenen Revolver in der Hand und immer nur zwei Schritte hinter ihm.

 

P. Zimmermann glaubte, der Mensch habe die furchtbare Absicht, ihn auf freiem Feld einfach zu erschießen. Innig empfahl er sich darum noch einmal dem Schutz des Himmels. Gern wollte er Gott das Opfer seines Lebens bringen; denn nur ihm zuliebe war er ja Jesuit und Priester geworden. Jeden Augenblick war er auf den Tod gefasst.

 

Zwanzig bange Minuten schritt er so in Todesangst dahin, bis er am späten Abend die ersten Häuser von Lissabon erreichte. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn. Und doch durfte er in seinem Benehmen keine Aufregung verraten; sonst wäre er ja gleich verloren gewesen.

 

"St!" vernahm er dann plötzlich hinter sich. Sein Begleiter war es gewesen. Er kehrte darauf zurück, nachdem er seinen "Schützling" in die "Obhut" anderer gegeben hatte. Etwa 30 Schritte weiter erfolgte auf jenes "st!" von einem anderen Revolutionär prompt die Antwort: ein hüstelndes "m-m". 

 

"Aha, ein Signal", sagte sich der Flüchtling. In der Tat! Kaum war er einige Schritte vorangegangen, da hörte er dasselbe Zeichen: "st!" - "m-m", dann wieder "st!" - "m-m", und so ging es fort von einem Wachtposten zum andern bis gegen 9 Uhr abends. Selbst in den Straßen der Stadt gab die Postenkette stets getreulich ihr Signal: "st!" - "m-m". 

 

In Lissabon war Pater Zimmermann jetzt also; doch was sollte er beginnen? Er wusste es selbst nicht. Er kam in eine Straße, die von einer großen Menge Republikaner besetzt war. Bereits öfters hatte es ihn gerettet, wenn er frei die Leute anredete. Er wollte es auch jetzt wieder versuchen.

 

Doch ganz unvermutet fühlte er sich an die Schulter gegriffen. Unmittelbar vor seinen Augen sah er einen Revolver, dessen Lauf gar seine Nase berührte.

 

"Wohin?" lautete die strenge Frage.

 

"Das geht Sie gar nichts an. Ich bin ein Deutscher und kein Portugiese."

 

"Doch, ich will es wissen."

 

"Nun gut, wenn es unbedingt sein muss: ich will in die rua de prata Nr. 8." Dort war nämlich eine deutsche Agentur, was P. Zimmermann nur ganz zufällig erfahren hatte.

 

"Hier durch diese Straße dürfen Sie nicht."

 

"Warum nicht? Ich kann doch hingehen, wohin ich Lust habe."

 

"Das geht nicht; in dieser Straße wird es bald zum Kampf kommen. Gehen Sie also zurück, und machen Sie dann, was Sie wollen."

 

P. Zimmermann konnte also nichts Besseres tun, als zurückgehen. Mittlerweile war auf der anderen Seite die Straße auch schon von Revolutionären besetzt worden. Doch der Pater musste hindurch. Höflich und freundlich schob er erst diesen, dann den zur Seite. Kein Mensch schien auf ihn zu achten.

 

Nach einiger Zeit entdeckte er, dass er ganz in die Nähe des Kollegs von Campaloide gelangt war. Sollte er wieder hineingehen? Er entschied sich, es lieber nicht zu tun. Er wusste ja nicht, wer dort jetzt Herr im Hause sei. Eine traurige Nacht für einen Ordensmann! Gehetzt und verfolgt, von allen Seiten mit dem Tod bedroht, wanderte er weiter ohne ein festes Ziel durch die Straßen der fremden Großstadt.

 

Einmal geriet er auf diesem unglücklichen "Spaziergang" mitten in ein Straßengefecht. Heiß und blutig wurde auf beiden Seiten gestritten, Revolutionäre und Königliche. Leise betete er. Und siehe, ungestört und ohne Schaden schritt er langsam durch die kämpfende Menge. 

 

Dann ging er weiter in der Stadt umher. Überall sah er nur ein wild erregtes, betörtes Volk. P. Zimmermann fühlte sich so einsam, verlassen. Wieder fand er eine Straße gesperrt. Er verließ daher die hellerleuchteten Hauptstraßen und wandte sich engen und dunklen Gassen zu. Aber wo befand er sich nur? Niemals war er dort gewesen. Wohin sollte er sich wenden, und wer konnte ihm helfen? Unstet irrte er weiter und durchschritt ein Gässchen nach dem andern.

 

Sein Weg mündete endlich auf einen freien Platz, die praca de Camoes. Dort erhebt sich ein hohes Standbild des Luiz de Camoes, des größten Dichters Portugals. P. Zimmermann hatte es schon mal gesehen und stand jetzt glücklich wieder auf bekanntem Boden. Er fasste den Entschluss, von hier aus die Niederlassung der Jesuiten in der rua do Quelhas aufzusuchen.

 

Jetzt achtete man aber wieder mehr auf ihn. "Das ist ein verkleideter Priester." "Er ist ein verkappter Jesuit" und dergleichen "Schmeicheleien" rief man ihm nach. "Was mag er wohl unter der Mütze haben?" fragte höhnisch ein anderer; er meinte natürlich die Tonsur. Doch P. Zimmermann kümmerte sich um diese Reden nicht und wanderte möglichst unbefangen weiter.

 

Zum Ordenshaus wollte er aber nicht mehr. Denn die Straßen waren leer und einsam, und das schien ihm verdächtig. Doch fand er auch kein Hotel oder Privathaus, in das er sich hätte retten können. In der Schreckensnacht hatten alle Leute Türen und Fenster verschlossen. Die Straßen und freien Plätze mussten ihn Unterkunft für die Nacht bieten.

 

So kam er an den Hafen von Lissabon, wanderte weiter, kam wieder auf einen großen Platz, in dessen Mitte wieder ein Standbild emporragte. Auf der Treppe des Denkmals hatten sich junge Republikaner niedergelassen. "Achtung! da kommt ein gutes Wild", wurde er ihnen von weitem bereits angemeldet.

 

Nur Ruhe konnte ihn jetzt wieder retten. Drum tat er, als wolle er sich nur das Denkmal besehen. Auch schien es ihm gut, ein wenig laut zu denken: "Gar nicht übel; nur schade, dass es so dunkel ist; ich kann aber morgen wiederkommen."

 

Über Erwarten gut gelang die List. "He, dieses Mal hast du dich getäuscht; dies ist kein gutes Wild", rief jetzt einer der Burschen dem ersteren zu.

 

Nach einiger Zeit sah P. Zimmermann plötzlich einen Stern der Hoffnung vor sich: ein hell erleuchtetes Haus. Grande Hotel zentral nannte es sich stolz. Im Wind flatterte schwarz-weiß-rot die deutsche Flagge. Gottlob, dort wird er Landsleute finden.

 

Eilig trat er ein; ein Zimmer war frei für ihn, und jetzt fühlte er sich gerettet, gerettet vom Tod, dem er mehr denn einmal ins Auge schauen musste. Wie wohl wurde ihm nun! Er war ja fürs erste sicher geboren bei Landsleuten aus der geliebten, fernen deutschen Heimat. Ein Dankgebet, so innig und herzlich wie noch niemals in seinem Leben entrang sich seiner Brust. 

 

Gegen 11 Uhr konnte er sich endlich, ermüdet von den Schrecken des Tages, zur Ruhe begeben, und er schlief den Schlaf des Gerechten. Draußen in den Straßen wogte der Kampf und donnerten die Kanonen. 

 

Am anderen Morgen ließ P. Zimmermann einen befreundeten Fabrikherrn zu sich in das  Hotel bitten. Bei ihm wollte er sich erkundigen nach dem Schicksal von Campolide und seiner Mitbrüder. Auch hoffte er, von ihm gute Ratschläge für sich selbst zu erhalten. Natürlich war der wackere Mann zu jedem Dienst bereit und versprach seine volle Beihilfe.

 

Den größten Teil des Tages blieb P. Zimmermann allein in seinem Zimmer. Zum Frühstück und zum Mittagstisch begab er sich ungezwungen in den Salon. Beinahe alle Gäste des Hauses, - 3 Franzosen ausgenommen, - waren seine Landsleute. Er behielt natürlich stets seine Mütze auf dem Kopf, selbst bei Tisch; es sollte ja niemand erfahren, dass er eine Tonsur trage und Priester sei. Tatsächlich schöpfte auch keiner von den Herren Verdacht, so sonderbar es ihnen auch wohl vorkommen mochte, ihn im Hotel mit einer Mütze bedeckt speisen zu sehen.

 

Auf der Straße wogte den ganzen Tag der Pöbel auf und nieder. P. Zimmermann ging auch mal ans Fenster, um das Schauspiel mit anzusehen. Eine offene Kutsche fuhr vorüber. Darin saß Alfonso Costa, der würdige Justizminister der jungen Republik, zu seiner Rechten ein Mann, den P. Zimmermann nicht kannte, und mitten zwischen diesen beiden stand ein Dritter, der beständig seinen Arm ausgestreckt hielt und in der Hand einen geladenen Revolver hatte. Das verblendete Volk umringte diese Kutsche und ließ jauchzend die Freiheit hochleben.

 

Tags darauf, es war am Donnerstag, kam der Fabrikherr mit seinem Sohn wieder in das Hotel. An der Pforte fragte er an, ob der Dr. Zimmermann da sei. Ein Diener gab zur Antwort, man wisse es nicht. Doch sei ein Herr im Hotel, der seinen Namen nicht angegeben habe. Es habe den Anschein, als ob es ein Priester sei. Weiter geschah aber nichts, und der Diener hat wohl keinem seinen Argwohn mitgeteilt. 

 

Der Herr brachte trostlose Nachrichten für den Pater: Campolide, das einst so prächtige Kolleg, biete einen traurigen Anblick; alle Jesuiten, deren man habhaft werden konnte, würden eingesperrt; doch der hochw. P. Provinzial sei entkommen und befinde sich sicher in einer befreundeten Familie. Für P. Zimmermann riet er, die revolutionäre Stadt möglichst bald zu verlassen; dazu treffe es sich gut, dass am Nachmittag endlich wieder ein Zug nach Norden abgehen werde. Sein Sohn sollte vorher zurückkehren und ihn zur Station begleiten. Dann gab er dem Pater anstatt der auffälligen spanischen Mütze seinen weißen Strohhut und ließ ihm eine grüne Halsbinde kaufen: denn Grün war die Farbe der Republik. Darauf verabschiedete sich der edle erblindete Mann mit den besten Segenswünschen.

 

P. Zimmermann war natürlich mit allen Anordnungen völlig einverstanden; alles war ihm recht, wenn er nur bald nach Spanien fliehen konnte. 

 

Etwas vor 5 Uhr kam der junge Mann, ein ehemaliger Schüler unseres Paters, um ihn zur Station zu begleiten. Sie ließen eine Kutsche mit republikanischen Fähnchen vorfahren.

 

"Wie viel nehmen Sie bis zum Zentralbahnhof?" fragte P. Zimmermann den Kutscher.

 

"8 Mark."

 

"Dann fahren Sie nur weiter und verdienen Sie Ihre 8 Mark anderswo", rief darauf einer von den deutschen Gästen, empört über die hohe Forderung; und zu P. Zimmermann gewandt, fuhr er fort: "Gehen Sie nur ruhig zu Fuß; der Weg ist gar nicht weit, und gefährlich ist es auch nicht."

 

Doch der gute Mann wusste ja nicht, dass er einen Priester und sogar einen Jesuiten vor sich hatte. Er ahnte darum nicht im entferntesten, welche Verlegenheit er den beiden bereitete, da er die Kutsche fortschickte.

 

Notgedrungen machten sie sich also zu Fuß auf den Weg. Mit Absicht hielten sie sich an die Hauptstraßen. Dreist schaute der Pater jedermann ins Gesicht und redete sehr laut mit seinem Begleiter über alle möglichen Dinge.

 

"Das ist aber eine ganz ungehörige Geschichte, dass jetzt erst ein Zug abfährt; die Störung ist für den Handel unverantwortlich" usw.

 

Diese List tat ihre volle Wirkung. Alle ließen die beiden unbehindert ihres Weges gehen. Bald kamen sie in die Nähe des Hauptbahnhofes. Tausende von Menschen hatten sich dort auf einem großen Platz angesammelt. Oben auf dem Balkon einer Kaserne stand ein Offizier und redete stolz über die neue Republik und Freiheit.

 

Der junge Mann fürchtete sich vor dem Pöbel und wollte einen Umweg einschlagen. Doch P. Zimmermann hielt fest an seinem Kriegsplan: mitten durch die Menge zu gehen; denn im dichtesten Gedränge würden sie am sichersten sein. Mit den Ellenbogen schaffte er sich Bahn, und sein Begleiter folgte dicht hinter ihm her. Niemand achtete auf sie; alle horchten lautlos auf die Worte des Offiziers.

 

Glücklich kamen die beiden in das obere Stockwerk des Bahnhofes. Dort wurde der Pater wiedererkannt. Ganz deutlich vernahm er, wie ein Mann einem anderen die Worte zuraunte:

 

"Du, da kommt ein Professor von Campolide; ich kenne ihn."

 

P. Zimmermann ging ruhig seines Weges und schien gar keine Notiz davon zu nehmen. Dann schickte er seinen jungen Freund hinunter mit dem Auftrag, ihm eine Fahrkarte erster Klasse nach Santarem zu lösen. Unterdessen spazierte er ganz harmlos unter all den Leuten auf dem Bahnsteig auf und ab. Wieder musste er die bekannten "Schmeicheleien" hören: "Das ist ein verkappter Jesuit!" "Schießt ihn doch einfach nieder!" usw.

 

Dann kam sein Begleiter zurück: "Nach Santarem gibt es gar keine Fahrkarten. Die Linie dorthin ist noch unterbrochen."

 

"Gut, gehen Sie noch einmal hinunter und lösen Sie eine Karte nach Caldes."

 

Der junge Mann eilte zum Schalter zurück. Auf einmal stürzte in wildester Erregung ein Mensch auf den Pater los, blieb unmittelbar vor ihm stehen und schaute ihn frech an.

 

Doch dem war P. Zimmermann noch gewachsen; er hatte ja nicht umsonst gelernt, seine Ruhe zu bewahren. Die Hände auf dem Rücken, fixierte er scharf seinen zudringlichen Gegner. Der geriet in Verlegenheit und schlich ohne ein Wort davon.

 

Eben kam sein früherer Schüler zurück, dieses Mal mit dem gewünschten Billet. P. Zimmermann setzte sich darauf in ein Abteil erster Klasse und wartete ruhig, bis der Zug abfahren sollte.

 

In die zweite Klasse stiegen etwa 50 Deputierte der Republik ein. Ein wildes Geschrei des Beifalls erhob sich unter dem Pöbel, da er sie mit ihren bunten Fahnen erblickte. Oben im Norden sollten diese Helden agitieren und das Volk für die neue Herrschaft begeistern. Zu diesem Zweck war der Zug eigens zusammengesetzt. Er hielt daher auch nur auf den Zwischenstationen, die vorher nach Lissabon gemeldet hatten, dass man bei ihnen auf die Republikaner warte.

 

In Caldes angekommen, ließ sich P. Zimmermann durch den Schaffner ein neues Billet nach Oporto besorgen, wo der Zug um 2 Uhr in der Nacht eintraf. Auf dem ersten Bahnhof, Campanha, war es merkwürdig still; außer den Beamten ließ kein Mensch sich blicken. P. Zimmermann konnte sich dieses gar nicht erklären, doch bald sollte er es erfahren. 

 

Der Zug dampfte weiter, passierte den Tunnel und lief in den Zentralbahnhof von Oporto ein. Eine tausendköpfige Menge harrte im Bahnhofsgebäude auf den neuen Kriegsminister, der eben mit diesem Zug ankommen sollte.

 

Der Zug hielt, alles drängte sich zu dem einen Abteil erster Klasse. P. Zimmermann ließ das Fenster hinunter, um die Tür zu öffnen. 

 

"Es lebe der Kriegsminister! Es lebe der Kriegsminister!" schallte es ihm jubelnd entgegen.

 

Er schwenkte seinen Hut und rief laut: "Es lebe die Republik!" Denn jetzt konnte er es ehrlich sagen, da die Republik bereits proklamiert war. Dann öffnete er die Wagentür und stieg aus.

 

Da sagte ein Mann, verlegen und erstaunt zugleich: "Das ist doch nicht der Kriegsminister."

 

"Allerdings nicht; ich hatte nie die Ehre, Kriegsminister zu sein", erwiderte P. Zimmermann, und damit bahnte er sich schnell einen Weg durch die schreiende Menge. Einer schöpfte Verdacht: "Es ist ein Priester."

 

"Ach, lass diesen Teufel von einem Pfaffen laufen", gab ein anderer zurück.

 

P. Zimmermann ließ sich das nicht zweimal sagen. Unbehelligt gelangte er durch den Bahnhof hindurch in ein nahes Gasthaus. Bald befand er sich in einem armseligen Zimmer und schlief ruhig bis zum Freitag morgen um 7 Uhr.

 

Zum Frühstück erschien er im Salon, seinen weißen Strohhut natürlich auf dem Kopf. Damit war jedoch ein Kellner nicht zufrieden: er ging also, offenbar in böser Absicht, auf den Fremden zu und sagte ihm: "Wollen Sie doch bitte so freundlich sein, Ihren Hut abzusetzen, wegen der Damen, die hier im Salon sind."

 

Etwas unwillig nahm er den Hut ab, war aber vorsichtig genug, sich jetzt mit dem Rücken zur Wand zu drehen, so dass doch niemand die Tonsur sehen konnte.

 

Plötzlich öffnete sich die Tür, und herein sprang ein munterer Knabe. Er trug die Uniform der Jesuitenzöglinge von Sao Fiel. Kaum hatte er den fremden Herrn erblickt, da stutzte er, denn er erkannte den ehemaligen Professor von Sao Fiel. Nach Kinderart lächelte er ihm gleich freundlich zu. P. Zimmermann sah den Kleinen ernst und interesselos an.

 

Dann traten auch die Eltern des Knaben in den Salon und setzten sich an einen runden Tisch, dem Pater gegenüber. Ihr Sohn kam zu ihnen, sah leuchtenden Auges bald den Fremden an, bald die Eltern, und er teilte ihnen leise und stolz seine große Entdeckung mit.

 

Beide waren hocherfreut und lächelten nun auch dem Fremden als einem alten Bekannten zu. Doch P. Zimmermann hielt es für besser, sich nicht zu erkennen zu geben, machte daher ein ernstes Gesicht und tat, als ginge es ihn gar nichts an. Darauf trank er schnell seinen Kaffee aus, bezahlte seine Rechnung und ließ einen Wagen vorfahren. 

 

P. Zimmermann stieg ein. Gegen alle Gewohnheit fragte der Kutscher, ein älterer Mann, vorher nicht, wohin er denn fahren solle. Erst nachdem der Kellner in das Hotel zurückgegangen war, stieg er von seinem Bock herunter und öffnete ein wenig den Wagenschlag. Er hatte nämlich den Pater erkannt, der früher zwei Jahre in Oporto tätig gewesen war. Ganz leise fragte der gute Alte: "Wo soll ich Sie hinfahren?"

 

"Zur Wohnung des Dr. Carvalho."

 

"Gut." Bald hielt der Wagen vor dem richtigen Haus an. Freundlich dankte der Pater seinem braven Kutscher und eilte hinauf.

 

Ein Dienstmädchen erschien: "Wen soll ich anmelden?"

 

P. Zimmermann wollte seinen Namen nicht nennen und sagte ihr daher: "Melden Sie bitte nur, es sei ein Freund da, der dem Herrn Doktor eine Überraschung bereiten wolle."

 

Daraufhin ließ das Mädchen den Fremden in einem Privatzimmer des Arztes warten. Dann kam die Gattin des Arztes, der wegen eines Krankenbesuches abwesend war.

 

"Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?" fragte die Dame.

 

"Kennen Sie mich nicht?"

 

Sie schaute den Pater an und meinte: "Ich wüsste nicht, Sie zu kennen."

 

"Kennen Sie denn vielleicht den P. Zimmermann?"

 

"Doch; der ist mir sehr gut bekannt."

 

"Dann sehen Sie mich noch einmal an."

 

Da erkannte sie ihn wieder. Gleich darauf trat auch der Arzt selbst in das Zimmer und hieß seinen alten Freund überaus herzlich in seinem Haus willkommen. Nun musste der Pater alle seine Erlebnisse erzählen, welche Gefahren er in der Hauptstadt ausgestanden, wie man ihn gehetzt, verfolgt, beschimpft hatte.

 

P. Zimmermann blieb in dem gastlichen Haus bis zum Samstag Nachmittag. Gegen 5 Uhr schickte eine hohe adelige Familie ihren Galawagen, der ihn zur Station Campanha bringen sollte. Er stieg ein mit einem Rechtsanwalt, dem Schwager des Dr. Carvalho.

 

Am Samstag war der Platz vor diesem Bahnhof von einer Menschenmenge besetzt. Darum konnte die Kutsche nur Schritt für Schritt vordringen. Ein Mann schaute ganz unverschämt zum Fenster herein, - grüßte und zog sich zurück. Ein anderer wiederholte genau dasselbe Manöver. Aber niemand behelligte die Insassen. Der Rechtsanwalt konnte das nicht verstehen und fragte deshalb den Pater:

 

"Kennen die Leute Sie?"

 

"Nein, die kennen mich sicher nicht. Der schöne Wagen scheint sie geblendet zu haben, und sie grüßen wohl mehr den Wagen als uns."

 

Nach einiger Zeit saßen beide glücklich im Zug und fuhren bis nach Valenca, der portugiesischen Grenzstation. Gegen 12 Uhr in der Nacht trafen sie dort ein.

 

Valenca steht unmittelbar in Verbindung mit der spanischen Stadt Tuy; nur ein Fluss trennte sie voneinander. Bei dichtem Nebel gingen P. Zimmermann und sein Begleiter um 7 Uhr über die Grenzbrücke geradewegs zur Kathedrale von Tuy. 

 

Dort konnte der Pater seit acht Tagen wieder zum ersten Mal die hl. Messe feiern. Ein heißes Dankgebet stieg aus seiner Seele zum Himmel empor. Er war ja endgültig gerettet, war frei auf spanischem Boden. Dann reiste er mit einem Postwagen bis zum nahen Jesuitenkolleg de la Guardia, wo er mittags um 12 Uhr anlangte.

 

Nun durfte er sich offen wieder als Priester zeigen und brauchte wegen seines Ordenskleides nicht mehr den Tod zu fürchten.

 

Nicht so glücklich wie er waren viele seiner Mitbrüder. Mehr als 120 fielen der Regierung in die Hände. Eine lange, schwere Kerkerzeit harrte der völlig Unschuldigen in elenden Zellen. Da waren sie, alte, ergraute Patres, die nur zum Wohl der Nation gearbeitet, Laienbrüder, junge Studierende, die Novizen, zum Teil erst 16, 17 Jahre alt, von denen einige noch vor kurzem muntere Gymnasiasten gewesen waren. Schon früh sollten sie ihren Opfermut und Glaubensgeist beweisen.

 

So schwer es den Gefangenen in dieser traurigen Zeit gemacht wurde, so war doch ihr Benehmen würdig der Söhne des hl. Ignatius. Kein einziger wurde in seinem Beruf wankend, obwohl die Gefangenschaft bei manchen fast vier Wochen dauerte und die Zukunft dunkel und unsicher vor ihnen lag. 

 

Dazu machte ihnen die Regierung viele Schwierigkeiten. Sie verlangte von allen, die noch nicht 21 Jahre alt waren, die schriftliche Einwilligung der Eltern, um in die Verbannung gehen zu können. Rührend lautete manche Antwort auf die Briefe der Gefangenen, geschrieben von einfachen Bauersleuten. So sandte ein Vater dem Sohn seine Einwilligung mit den schlichten Worten:

 

"Hiermit erhältst du die erbetenen Dokumente . . . Möge alles aus Liebe zu unserem Heiland sein. Überall findet man ja Gott für seine Seele und Erde genug, um seinen Körper zu bedecken. Aus ganzer Seele und aus ganzem Herzen umarmen wir dich."

 

In einem anderen Brief schreibt eine Schwester ihrem Bruder: " . . . Ich bitte dich, fasse Mut; denn es handelt sich um den Willen Gottes. Wenn es notwendig wäre, das Leben für den Heiland hinzugeben, tue es; denn Gott der Herr wird dir die nötige Gnade geben, wie er sie so vielen Märtyrern gegeben hat. Denke daran, dass die Märtyrer unmittelbar in den Himmel kommen. Mut! Mut!"

 

Ein junger Novize erhielt von seinem Vater die schöne Antwort: "Deine Mutter hat bisher viel geweint bei Tag und Nacht wegen alles dessen, was die hl. Kirche leidet. Uns bleibt nichts anderes übrig als Mut, Opfergeist und Gebet. . . . Mein Kind, ich bitte dich bloß, habe Mut! Du und deine Gefährten - und gratulieren dir! Meine Freude wäre es, wenn du dein Leben für die hl. Sache hingäbest. Wir bleiben hier, um beim göttlichen Heiland und im hl. Sakrament für die religiösen Orden zu beten."

 

Alles hatte die Regierung den Jesuiten genommen; nun verweigerte sie ihnen auch noch das Reisegeld in die Verbannung. Gute Freunde und Wohltäter mussten es ihnen schenken. Eine größere Anzahl brachte der Marquis Pombal, ein ausgezeichneter Katholik, der Urenkel des berüchtigten und schlimmsten Feindes der Gesellschaft Jesu, auf seine eigenen Kosten nach Gibraltar.

 

Dann kam eine neue Schwierigkeit: es hieß auf einmal, alle jungen Leute, die sich noch nicht zur Musterung für das Militär gestellt hätten, dürften nicht ins Ausland gehen; und doch waren sie verbannt und für vaterlandslos erklärt. Erst als die Obern bereit waren, jeden einzelnen um 300 Mark loszukaufen, konnten die jungen Männer in die Verbannung reisen.

 

Und was ist aus dem Eigentum der Jesuiten geworden? Campolide ausgeraubt und zum Teil zerstört; Oporto mehrmals überfallen, geplündert, verwüstet; Sao Fiel trotz einer Kavalleriewache vom Pöbel ausgeraubt; in Quelhas, jenem Haus in Lissabon, wurde alles, was der Pöbel fand, vernichtet. Noch rohere Szenen sah Setubal. Alles Brennbare: Bänke, Stationsbilder, die ganze Bibliothek, warf man vor der Kirche auf einen großen Haufen und zündete ihn an. Wahrlich eine Kulturtat allerersten Ranges! Barro, das Noviziat und Studienhaus, Guimaraes, eine apostolische Schule, und fünf andere kleinere Niederlassungen wurden als Staatseigentum erklärt, d.h. in ehrlichem Deutsch - gestohlen.

 

Doch das alles konnte den blinden Hass der glaubenslosen Regierung noch nicht zufriedenstellen. Auch die 4 Heidenmissionen der portugiesischen Jesuiten in Macao, Goa, auf Timor und am Sambesi sollten ihr zum Opfer fallen. Ohne Erbarmen müssen oder mussten bereits die Missionare, die berufenen und von Freund und Feind anerkannten Träger europäischer Bildung und Kultur, das Feld ihrer segensreichen Tätigkeit räumen. Viele junge Christengemeinden verlieren damit ihre Priester und Schützer, Tausende und Abertausende armer Heiden die Boten des wahren Evangeliums. 

 

Unser P. Zimmermann kam endlich nach mancherlei Fahrten durch Spanien, von Gottes Vorsehung und seinem Schutzengel treu bewacht, nach Holland zu seinen deutschen Mitbrüdern, der Vertriebene zu den Verbannten. Doch auch dort bleibt dem Flüchtling kein langer Aufenthalt beschieden: bald wird er Europa ganz verlassen, um in Amerika eine dritte Heimat zu suchen.

 

Das ist hier auf Erden das Los derer, die treu stehen zu Christus und seiner hl. Kirche.

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Schutzpatron der Bauern 

 

11. Was der kann, das kann ich auch - Von H. Bals

 

Der Liesenfranz hatte 50 Morgen unter dem Pflug und dazu einen schönen Obstgarten hinter dem Haus. Sein ehemaliger Schulkamerad, der Heitpeter hatte 50 3/4 Morgen Ackerland und ebenfalls einen Gemüse- und Obstgarten hinter dem Haus. Das Land des Liesenfranz lag eben, das des Heitpeters dagegen war hügelig und bergig. Als es nun zur Zeit der Ernte an Leuten fehlte, da kam der Liesenfranz auf den Gedanken, sich eine Mähmaschine anzuschaffen. Das Ding arbeitete tadellos, und so war dem Franz geholfen. Der Peter betrachtete die Maschine mit neidischen Augen. "Was der kann, kann ich auch!" sagte er, fuhr in die Stadt und bestellte eine Mähmaschine, und zwar noch eine weit bessere als die seines Nachbarn. Auf einige hundert Mark konnte es dabei gewiss nicht ankommen. Als er aber die Maschine auf seinem hügeligen Acker aufstellte und damit zu arbeiten begann, da stellte sich heraus, dass das Ding eigentlich für dieses Land kaum zu gebrauchen war. Aber darauf kam es weniger an. Der Peter hatte jetzt eine Maschine, das wusste man im ganzen Dorf, und er stand also dem Franz nicht im geringsten nach.

 

Der Franz hatte einen Ochsen, der ihm treu und redlich die Feldarbeit verrichtete. Eines Tages war in einem benachbarten Städtchen Jahrmarkt. Der Franz war mit seinem Öchslein dorthin gezogen und brachte am Abend einen hübschen "Braunen" mit nach Hause. Am folgenden Tag erzählte man es im ganzen Dorf, dass der Liesenfranz ein Pferd gekauft habe. Einige sagten, der junge Mann strebt vorwärts; er hat nicht umsonst die landwirtschaftliche schule besucht. Der Peter, der bis dahin auch mit einem Ochsen gearbeitet hatte, wurde vor Neid rot bis hinter die Ohren, als er davon hörte. "Was sich der wohl einbildet", murmelte er vor sich hin, "nichts, nichts ist er mehr als ich, und was der kann, das kann ich auch!" Die Stadt war nicht allzu weit. Eines Morgens dampfte der Peter dorthin ab. Bei einem Händler kehrte er ein. Da sah er prächtige Pferde, viel schönere noch als selbst vor dem Kutschwagen des Herrn Amtmanns eins ging. Da stand eine braune Stute, ein gar prächtiges Tier. Fast so groß, wie der Peter selbst, mit breiter Brust, schön gebogenem Hals und hübschem Sattelrücken. Auf dem Pferdchen ließe sich gewiss stolz reiten am Schützentag, dachte der Peter und fragte nach dem Preis. Der war sehr hoch und der Peter hatte kaum mehr als die Hälfte bei sich. "Das macht nichts", sagte der Händler. "Ihr könnt ja schreiben. Ein kleines Zettelchen genügt mir. Bezahlen könnt Ihr dann, wenn`s Euch beliebt." Der Peter schmunzelte und striegelte den "Braunen". Dann zahlte er das Geld auf den Tisch, unterschrieb einen Wechsel, schwang sich auf sein Pferd und ritt heimwärts. Alles blickte auf den stolzen Reiter und der Joseph und der Wilhelm und die Kathrin und die Dina kamen angelaufen, um das neue Pferd zu besehen und zu bewundern. Der Gaul wurde am folgenden Tag angespannt, aber da zeigte er seine Nücken (Launen, Bosheit, Tücken etc.). Der schien nie einspännig gefahren zu sein. Aber das sollte er noch lernen. Doch wenn`s mal bergauf ging, dann schüttelte der Braune den Kopf und ging nicht vom Fleck. Das Ende vom Lied war, dass der Händler das Pferd zurücknehmen musste. Das tat er auch und besorgte dem Peter wieder ein edles Pferd, nämlich ein "zugfestes". Nur hatte der Peter fast 50 Taler zuzuzahlen, und da er das augenblicklich nicht konnte, so musste er wieder schreiben. Das war schnell geschehen und schon nach wenigen Minuten streute der Händler weißen Sand auf die Stelle, wo in Schriftzügen zu lesen stand: Peter Heit. 

 

Der Franz Liese hatte ein kleines Bauernhäuschen mit niedrigen Fenstern, grünen Läden und weißgetünchten Giebelseiten. Die eine Seite war aber schon im Laufe der Zeit so schlecht geworden, dass sie aus der Lotrichtung gerückt war. Da überlegte der Franz hin und her, wie er den Schaden ausbessern könne. Flickarbeit blieb Flickarbeit, und zudem war dies auch kaum möglich. Er zählte das Geld. Es war dieses Jahr eine gute Ernte gewesen und ein schönes Sümmchen übrig geblieben. Aber reichen tat es noch nicht. Der Franz hatte aber einen guten Freund an der Sparkasse und dieser besorgte ihm das fehlende Geld auf Amortisation, d.h. nach etwa 30 bis 35 Jahren war das Kapital bei mäßigem Zinssatz abgetragen. Nun würde das der Franz vielleicht nicht mehr erleben, aber er dachte, es schadet gewiss auch nicht, wenn meine Erben noch eine Kleinigkeit abzutragen haben. Gekündigt kann das Kapital ja nicht werden und der Zinsfluss nicht nach Belieben in die Höhe geschraubt werden. So wurde also mit dem Neubau begonnen. Der Peter rieb sich die Augen rot, als er die Ziegelsteine, den Kalk und die Balken anfahren sah, und zerbrach sich den Kopf darüber, wozu das Material wohl herbeigeschafft würde. Endlich hatte er es heraus, einen Stall sollte es vielleicht geben, aber nein, dazu war der ausgeschachtete Platz zu ungelegen! Wirklich, ein neues Haus, eine kleine Villa sollte das geben. "Was sich der Franz wohl einbildet", murmelte er. Überall aber horchte er herum, wie der Nachbar es mit dem Neubau wohl angefangen habe. Aber er wurde nicht klüger als er war, denn der Franz hing seine Pläne nicht jedermann auf die Nase. Nun schritt der Bau weiter und schon guckte das Mauerwerk aus dem Boden empor. Der Peter konnte jetzt die Größe des Planes, die einzelnen Räume und die weiteren Anlagen genau überblicken. Er rückte unruhig auf dem Stuhl am Tisch hin und her und konnte die halben Nächte nicht mehr schlafen. Endlich hatte er es gefunden. Er musste dem Händler die Zinsen bringen und der konnte ihm ja Rat geben. Bei der Gelegenheit hörte der Peter auch zum ersten Mal, dass er nicht der beste Rechenmeister sei. Er hatte nämlich eine Kleinigkeit weniger ausgerechnet, als der Gläubiger und musste den Betrag noch einschicken. Nun, dachte der Peter, das kann ja vorkommen, denn irren ist menschlich. Endlich fing der Peter mit dem Neubau an. Der Händler schmunzelte und ließ sich die Größe des Besitztums, den Reinertrag, die eingetragenen Gelder usw. genau angeben. Dann überlegte er und sagte: "Gewiss, Peter, du kannst das Geld von mir bekommen, und wenn es dir recht ist, dann stoßen wir die alten Schulden samt und sonders ab und du hast es dann bloß mit mir zu tun. Mein Geld lasse ich dann an erster Stelle eintragen und du bezahlst mir die Zinsen." Der Peter war ganz erstaunt über die Freundlichkeit und das Entgegenkommen des Mannes. Leichter und bequemer, dünkte ihm, konnte er nicht zu einem Neubau kommen. So wurde nun bald mit dem Hausbau begonnen. Der Peter dachte bei sich, wenn denn einmal gebaut wird, dann kann auch gleich ordentlich gebaut werden, denn auf einige hundert Taler kann es dabei nicht ankommen. Ich will den Leuten doch zeigen, dass ich dasselbe, ja noch mehr kann, als der Liesenfranz. Und er setzte sich eine kleine Villa in den Garten, so dass die Leute staunten und den Kopf schüttelten, wenn sie vorübergingen.

 

Der Liesenfranz hatte zwei Jungen und ein Mädchen und der Heitpeter hatte zwei Mädchen und einen Jungen. Da denkt nun gewiss schon der Leser gleich, das hätte ja einen hübschen gegenseitigen Tausch gegeben. Aber daran dachten am wenigsten der Franz und der Peter. Die Kinder des Liesenfranz waren sehr fleißig und gut begabt, die des Peters verdienten dieses Lob nicht im geringsten. Da kam der Herr Pfarrer eines Tages zu Franz und meinte: "Den einen Jungen könnt Ihr gewiss entbehren; lasst ihn studieren, denn das Zeug dazu hat er im Kopf." Das war für den Franz zwar eine hohe Anerkennung, aber er überlegte doch erst mit dem Herrn Pfarrer hin und her, wie viel das Studium kosten würde, wie viele Jahre es dauerte usw. Da endlich, nach reiflicher Überlegung willigte der Franz ein und schickte den Jungen zur höheren Schule. Als nun die ersten Ferien kamen, da kam das kleine Studentlein mit einer bunten Mütze an. Peters Kinder standen um den Studenten herum und begafften ihn, und daheim erzählten sie alles und der Junge wünschte auch ein solcher Student zu sein. Die Mutter meinte: "Nun, wir brauchen den einen Jungen wohl zu Hause, aber was die Liesen können, das können wir auch wohl durchsetzen, denn die haben noch 3/4 Morgen weniger als wir und auch ein viel kleineres Häuschen. Überdies ist unser Junge auch viel zu schade für die schweren Arbeiten auf dem Feld und in der Scheune. Dafür gibt es ja noch andere Kräfte in Hülle und Fülle."

 

Als Ostern kam, fuhr der Peter mit seinem Büblein zur Stadt und brachte ihn auf das Gymnasium. Da gab es nun viel zu lernen, so dass dem Jungen alles im Kopf durcheinander ging. Er schwitzte nicht gerne bei der Arbeit und so kam es, dass er in der untersten Klasse zwei Jahre, in der zweiten Klasse ebenfalls zwei Jahre hockte und die dritte glücklich mit einem Sprung schaffte. Nun haperte es aber gewaltig in der vierten Klasse, denn da war wieder eine neue Sprache aufgetreten. Aber der Peter zahlte das Kost- und Lehrgeld und die Mutter schickte das nötige Taschengeld. Der Junge war inzwischen herangewachsen und verstand jetzt mehr vom Kartenspielen, Rauchen und Biertrinken als von den Vokabeln. Und als der Sohn des Liesenfranz bereits seine Abgangsprüfung machte, da hockte er noch geduldig in der fünften Klasse. Da hatten die Jungen einen bösen Streich ausgeheckt und die Folge davon war, dass das Studentlein eines Tages heimkehrte und zu Peter sprach: "Das Zeug habe ich satt! Ich mache die Quälerei nicht mehr mit. Lieber will ich pflügen und eggen vom frühen Morgen bis zum späten Abend als lernen."

 

Aber zur Arbeit war der Junge auch verdorben. Bald spielte er den feinen Herrn und ließ andere Leute für sich arbeiten.

 

Da gab es eine Missernte. Der Peter konnte die Zinsen nicht zusammen bekommen. Darauf hatte der Händler schon gewartet. Er zog die Schlinge fester und eines Tages rief es der Amtsdiener laut im Dorf aus, dass dem Peter Heit Haus und Hof verkauft werden sollte. Der Franz aber lebte in guten Verhältnissen und da er einige Taler gespart hatte, so kaufte er sich einen für ihn günstig gelegenen Acker auf der Versteigerung. Das gerade schnitt dem Peter tief durch die Seele, aber diesmal konnte er nicht sagen: "Was der kann, das kann ich auch!"

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12. Sein Ehrenwort - Eine Geschichte aus der französischen Kommune - Von Margarete Cochet

 

Es ist um ihn geschehen! Wenige Tage nur, vielleicht auch nur wenige Stunden, und sein junges Leben wird dem Tod zum Opfer fallen.

 

Viktor Cury weiß es, und dennoch steht er da, scheinbar ruhig und gleichgültig, wie wenn es sich nicht um sein Leben handelte. Könnten wir indes einen Blick in das tiefste Innere seines Herzens werfen, so würden wir sehen, dass in seiner Seele ein heftiger Schmerz brennt. Doch ist es nicht der Gedanke an seinen Tod, an den ihm bevorstehenden furchtbaren Tod durch Erschießen, der ihm denselben verursacht, sondern die Erinnerung an seine gute, sterbenskranke Mutter. O, wenn er doch daheim bei ihr geblieben, wenn er doch dem Ruf seiner Kameraden nicht gefolgt wäre! 

 

Zur Zeit, als der Krieg erklärt worden war, lebte er glücklich mit Vater und Mutter, ehrlichen Pariser Arbeitsleuten, die ihn in die Lehre zu einem Buchbinder gegeben hatten; niemand hatte sich in dem kleinen Haushalt um Politik gekümmert.

 

Es dauerte jedoch nicht lange und der Vater wurde im Krieg erschossen. Die Entbehrungen der Belagerung, das lange ermüdende Warten vor den Schlächter- und Bäckerladen, wenn die karge Spende der Nahrungsmittel in der Strenge des furchtbaren Winters ausgeteilt wurde, hatten auch seine Mutter auf das Krankenlager gestreckt, wo sie langsam hinsiechend den Tod erwartete.

 

Als der Knabe eines Tages mit einigen anderen Burschen in die vom Frost bedeckte Ebene ging, um Kartoffeln auszugraben, zerschmetterte ihm eine feindliche Kugel die Schulter.

 

Teils vom Hunger getrieben, teils auch aus Angst vor den Drohungen seiner Kameraden trat er nun in die Armee der Kommune ein. Wie bei so vielen anderen war es nur die Angst und nur die Angst, die ihn dazu gezwungen und ihn in den Reihen verharren ließ.

 

Die Truppe der Insurgenten, der er angehörte, war jedoch eines Tages durch die Armee von Versailles in die Flucht geschlagen worden; er und einige seiner Kameraden wurden gefangen genommen und in das Gemeindehaus des elften Bezirkes geführt.

 

Erstaunt über das jugendliche Aussehen und die Ruhe des Jungen in dieser Stunde der äußersten Gefahr, hatte der Kommandant den Befehl erteilt, dass das verhängnisvolle Urteil, soweit es diesen betraf, aufgeschoben werden und er in Gefangenschaft verbleiben sollte, bis seine Kameraden in der benachbarten Barrikade von ihrem traurigen Geschick getroffen wären. 

 

Bei der Verkündigung des Urteils zeigten seine großen Augen und sein Gesicht - das blasse Gesicht eines Pariser Kindes - nichts von irgendwelcher Gemütsbewegung. Er hörte den ergreifenden Knall der Gewehrschüsse, die seine Kameraden in die Ewigkeit beförderten, ohne mit einer Wimper zu zucken: sein seltsam ruhiger, starrer Blick schien in das große "Zukünftige" zu schauen, das auch für ihn bald die "Gegenwart" werden sollte.

 

Nein, er fürchtete den Tod nicht; was er in den letzten Monaten gesehen und gelitten, hatte ihm im Gegenteil eine gewisse Angst vor dem Leben eingeflößt. Nur der Gedanke an seine Mutter, diese Mutter, die er so heiß liebte, die immer so unaussprechlich gut mit ihm gewesen war, in dieser Welt zurückzulassen, war ihm schrecklich, aber er tröstete sich in der Hoffnung, dass sie ihm bald in das Jenseits folgen würde. Sie würde nicht mehr lange zu leiden haben, sie war ja schon so schwach gewesen, als er sie vor vier Tagen zum letzten Mal gesehen hat.

 

"Küsse mich noch einmal, mein Kind, mein Liebling, küsse mich noch einmal", hatte sie mit bebender Stimme gesagt, "denn ich fühle, dass ich dich nicht mehr sehen werde."

 

"Ach", dachte der Junge, "wenn sie ihm nur trauen, ihm nur eine, eine einzige Stunde Freiheit schenken wollten, wie würde er zu ihr eilen, sie noch einmal in seine Arme schließen, noch einen letzten Kuss auf ihre blassen Wangen drücken und dann zurückkommen und sich den Händen, die nach seinem Leben verlangten, überliefern! Er würde sein Wort geben und es halten. Warum nicht? . . . Seine Mutter ausgenommen - und sie war ja auch sterbend - hatte er ja niemand zu bedauern. O, seine teure Mutter, könnte er sie nur noch ein einziges Mal sehen, sie trösten, ermuntern und hoffnungsvoll zurücklassen, dann würde er dem Tod ruhig ins Auge blicken können.

 

Er war eben in diesen traurigen Erwägungen versunken, als der Kommandant, von mehreren anderen Offizieren gefolgt, an ihn herantrat.

 

"Nun, mein Junge, wir beiden haben eine Rechnung abzuschließen: du weißt wohl, was dich erwartet."

 

"Ja, Herr Kommandant, ich weiß es und bin bereit."

 

"Wirklich? Du bist ganz bereit? Du fürchtest den Tod nicht?"

 

"Weniger als das Leben. Ich habe so vieles in den letzten sechs Monaten gesehen - so viel Schreckliches! Der Tod erscheint mir besser als ein Leben unter derartigen Umständen."

 

"Und doch, ich wette, du würdest nicht zögern, wenn ich dir die Wahl ließe. Wenn ich dir sagen würde: Setze einen Fuß vor den andern und zeige mir, wie schnell du außer Sicht sein kannst, würdest du bald auf und davon sein, ich wette", sagte der Kommandant mit einem Lächeln.

 

"Stellen Sie mich auf die Probe, Herr Kommandant", rief der Knabe eifrig, "es lohnt sich. Was liegt daran, ob Ihre Soldaten einen Mann mehr oder weniger zu erschießen haben? Nur eine, eine einzige Stunde Freiheit, ich wünsche nicht mehr. Sie werden sehen, ob ich mein Wort halte und Angst vor dem Tod habe."

 

"Jawohl! . . . Du bist wahrlich nicht dumm, hältst mich aber wohl für einen Narren! Einmal frei und der Gefahr entgangen sein und dann zurückkommen, um erschossen zu werden, gerade wie man zu einer verabredeten Zusammenkunft erscheint! Du wirst mich doch nicht im Ernst etwas Ähnliches glauben lassen wollen, mein Junge!"

 

"Bitte, Herr Kommandant, hören Sie mich an. Vielleicht haben Sie auch eine gute Mutter; Sie lieben sie gewiss mehr als alles auf der Welt. Wenn Sie, wie ich, im Begriff währen, zu sterben, würden Ihre letzten Gedanken ohne Zweifel ihr gelten, und Sie würden den Mann segnen, der Ihnen die Gelegenheit verschaffen würde, sie noch einmal zu sehen. Herr Kommandant, tun Sie für mich, was Sie andere bitten würden, für Sie zu tun. Schenken Sie mir eine Stunde Freiheit und ich gebe mein Ehrenwort, dass ich zurückkommen und mich einstellen werde."

 

Während der Junge sprach, war der Offizier auf und ab gegangen, seinen Schnurrbart heftig kauend und sich offenbar bemühend, nicht gerührt zu erscheinen.

 

"Mein Wort?" murmelte er. "Dieser lose Bube spricht von Ehrenwort, wie ein Ritter von der Tafelrunde!" Und sich an den Knaben wendend fügte er hinzu: "An deine ehrliche Absicht will ich glauben, du magst es ernst mit deinem Versprechen meinen, allein wenn der Augenblick kommen wird, es zu halten, wird dir die Kraft dazu fehlen."

 

"Nein, Herr Kommandant, Gott wird mir beistehen und mir die nötige Kraft verleihen, das zu halten, was ich auf Ehre gelobt habe."

 

Es folgte eine Kurze Pause; plötzlich blieb der Kommandant vor dem Gefangenen stehen und fragte im strengen Ton:

 

"Dein Name?"

 

"Viktor Cury."

 

"Dein Alter?"

 

"Am 15. Juli werde ich sechzehn Jahre alt."

 

"Wo wohnt deine Mutter?"

 

"In Belleville."

 

"Was hat dich bewogen, sie zu verlassen und der Kommune zu folgen?"

 

"Hauptsächlich waren es die dreißig Sous, man muss doch essen! Dann drohten die Nachbarn und meine Kameraden, mich zu erschießen, wenn ich es nicht täte. Sie sagten, ich sei groß genug, um eine Flinte zu tragen. Meine Mutter hatte Angst vor ihnen, sie weinte und bat mich, ihnen zu gehorchen."

 

"Du hast also keinen Vater?"

 

"Er wurde getötet."

 

"Wo?"

 

"Bei Bourget, im Kampf für sein Vaterland."

 

Der Kommandant wandte sich zu seinen Offiziersstab, als wolle er sie mit einem Blick um Rat fragen. Alle schienen von Mitleid und Teilnahme erfüllt.

 

"Wohlan, es ist abgemacht" sagte er ernst, nach einem Augenblick des Nachdenkens. "Du kannst gehen und deine Mutter besuchen. Du hast mir dein Ehrenwort gegeben, dass du in einer Stunde zurück sein wirst. C`est bien! Ich werde nun sehen, ob du ein Mann von Charakter bist oder nur einfach ein feiger Bube. Ich gebe dir Zeit bis zum Abend. Wenn du um acht Uhr nicht hier bist, werde ich sagen, dass du ein Prahler bist und das Leben höher schätzt als die Ehre. Allons, vorwärts, Junge, geh schnell!"

 

"Ich danke, Herr Kommandant, um acht Uhr werde ich hier sein."

 

"Bist du dessen sicher?"

 

"Ja, Herr Kommandant."

 

"Nun, wir werden uns davon überzeugen, bis der Augenblick kommt."

 

Der Junge hätte im Übermaß seines Glückes aus Dankbarkeit seine Arme um den Hals des Offiziers geschlungen, aber dieser wehrte ihn sanft ab.

 

"Nicht jetzt, mein Junge", sagte er, mühsam ein Lächeln unterbrechend, "diesen Abend, wenn du zurückkommst, werde ich dich in Gegenwart der zum Abfeuern bereitstehenden Soldaten umarmen. Und nun fort mit dir."

 

Viktor lief wie ein Hase. Die Offiziere lächelten, als sie ihn verschwinden sahen. Zwanzig Minuten später klopfte es an der Tür seiner Mutter und die Nachbarin, die sie Pflegte, öffnete ihm. Sie fuhr zurück, als sie seiner so plötzlich ansichtig wurde und stieß einen Schrei der Verwunderung aus, denn wie alle andern, hatte sie ihn auch tot geglaubt. Er wollte sogleich in das Zimmer seiner Mutter stürzen, aber die Frau hielt ihn zurück.

 

"Gehe leise hinein", flüsterte sie. "Sie ist endlich etwas eingeschlafen. Die Arme ist recht krank gewesen, aber jetzt geht es etwas besser. Der Doktor sagte gestern, dass, wenn sie nur schlafen könnte, sie bald zu Kräften kommen würde. Arme Frau! Wie wird sie glücklich sein dich zu sehen, denn sie hat schon öfters nach dir gefragt. Wenn sie nicht nach dir rief, hat sie den lieben Gott und die allerseligste Jungfrau gebeten, dich vor Gefahren zu schützen und wieder den Frieden im Land herzustellen. Hèlas! man möchte meinen, dass Gott sich von uns abgewendet hat und die Menschen nach ihrem eigenen Willen handeln lassen will. Es ist furchtbar!"

 

Nur mühsam seine Ungeduld beherrschend, hörte Viktor den Worten der aufgeregten Frau zu. Plötzlich war es ihm aber, als höre er seinen Namen von einer schwachen Stimme rufen. Auf den Fußspitzen trat er an das Bett der Kranken. Er hatte sich nicht getäuscht: die Mutter hatte die Augen weit offen.

 

"Viktor, mein Sohn!" rief sie mit ihrer leisen, schwachen Stimme. Ohne ein Wort hervorzubringen, setzte er sich an ihre Seite, und sie schlang innig ihre Arme um ihn. Und der Knabe, der vor kurzem so gleichgültig dem Tod in das Antlitz blickte, fing nun heftig zu schluchzen an. Jetzt, in den Armen seiner Mutter, war er wieder zu einem Kind geworden, schüchtern, verzweifelnd.

 

Die kranke Frau, die beim bloßen Anblick ihres Sohnes bereits kräftiger zu werden schien, suchte ihn vergebens zu trösten.

 

"Warum weinst du so, mein Kind, mein Liebling?" fragte sie, ihn noch inniger an sich drückend. "Du wirst mich nun nie mehr verlassen; wir werden diese verhasste Uniform wegwerfen, ich will sie nie mehr sehen. Ich werde wieder gesund, ich fühle mich schon viel kräftiger, seitdem du bei mir bist; du wirst wieder bald arbeiten gehen, und wenn du erwachsen sein wirst, dir einen Hausstand gründen. Die Vergangenheit wird dann nur mehr ein böser Traum sein, und wir werden sie völlig vergessen, mein Kind."

 

Arme Seele! Wie konnte sie ahnen, dass ihre Schilderung von einer glänzenden, frohen Zukunft den Schmerz ihres Sohnes nur vermehrte?! 

 

Sie schwieg endlich und sagte sich, die beste Art, Tränen zu trocknen, sei, sie ruhig fließen zu lassen; sie küsste ihn, ließ den Kopf wieder auf die Kissen niedersinken und gab sich selbst seligen Zukunftsträumen hin. 

 

Viktors Schluchzen wurde in der Tat immer weniger heftig, und bald vernahm man in dem Zimmer nur mehr den regelmäßigen Atem von Mutter und Kind.

 

Sich seiner Schwäche schämend, zwang sich der Junge zur Selbstbeherrschung. Als er endlich den Kopf erhob, sich wieder stärker dünkend als seine Liebe zum Leben, war die Mutter unter dem Einfluss der Rückwirkung, die die plötzliche Freude in ihr bewirkt hatte, sanft eingeschlummert. Dieser Anblick gab ihm seine Energie zurück. Die gütige Vorsehung, dachte er, hatte ihm eine Szene ersparen wollen, der seine Kraft und sein Mut vielleicht nicht gewachsen wären, und er beschloss, sogleich davonzugehen. Er drückte einen leichten Kuss auf die Stirn der teuren Kranken und betrachtete sie einen Augenblick mit tiefer Trauer. Sie schien zu lächeln, so kam es ihm vor; dann entfernte er sich rasch und eilte so schnell, wie er gekommen war, zu seinem Posten zurück, ohne die Menschen zu sehen, die ihm begegneten, und ohne zu wagen, sich umzudrehen.

 

"Was? . . . So früh?" rief der Kommandant erstaunt. Als gutherziger Mann hatte er im stillen gehofft, der Knabe würde nicht zurückkehren. 

 

"Aber, Herr Kommandant, ich hatte es ja versprochen."

 

"Ohne Zweifel, aber warum hattest du es denn so eilig? Du hättest etwas länger bei deiner Mutter bleiben können, ohne deswegen dein Wort zu brechen."

 

"Arme Mutter!" kam es schmerzlich von den bebenden Lippen des Jungen. "Nach einer Szene der Rührung, die mir all meinen Mut zu rauben drohte - sie weinte vor Glück, ich vor Verzweiflung - schlief sie so glücklich, so friedlich ein, dass ich es nicht mehr wagte, den Augenblick zu erwarten, wo sie aufwachen würde. Sie schlief ein, mich mit ihren Armen umschlungen haltend und mit der Überzeugung, dass ich sie nie mehr verlassen würde; wie hätte ich ihr die Wahrheit sagen können! Wer weiß, ob ich dann noch den Mut gefunden hätte, sie zu verlassen? Und was hätten Sie von mir gedacht, Herr Kommandant, wenn ich nicht zurückgekommen wäre? Deshalb küsste ich sie und schlüpfte wie ein Dieb davon, während sie schlief. Hier bin ich nun. Aber eine Bitte habe ich noch, Herr Kommandant: lassen Sie mich schnell endigen."

 

Der Offizier betrachtete den Knaben mit einem Gefühl von Mitleid und Bewunderung. Seine eigenen Augen waren mit Tränen gefüllt. 

 

"Du bist also ganz ergeben? Der Tod erschreckt dich nicht?" fragte er.

 

Viktor antwortete mit einer stummen Gebärde.

 

Und wenn ich dir verzeihe?"

 

Eine jähe Blutwelle ergoss sich über das Antlitz des Knaben und seine blauen Augen strahlten wie zwei leuchtende Sterne.

 

"Herr Kommandant, dann würden Sie auch meine Mutter retten, und ich würde Sie wie einen zweiten Vater lieben und verehren", stammelte er. "Allons! Du bist ein tapferer Bursch und hast es nicht verdient, so zu leiden wie du es tust. Wohlan, es soll dir verziehen werden. Nun umarme mich zuerst! . . . So, es ist gut! Jetzt gehe und zwar schnell. Kehre zu deiner guten Mutter zurück und liebe sie immer so innig, wie du es heute tust."

 

Bei diesen Worten nahm er den Knaben bei den Schultern und schob ihn sanft vorwärts.

 

"Es wäre wirklich schade um den braven Jungen gewesen", sagte er im Ton der Entschuldigung, sich an seinen Offiziersstab wendend. 

 

Viktor lief nicht - er flog nach Hause. Seine Mutter schlief noch. Er hätte sie am liebsten mit Küssen bedeckt, aber er wagte nicht, sie zu wecken, obgleich ihr Schlaf unruhig zu sein schien. Er setzte sich wieder an ihre Seite.

 

Plötzlich richtete sich die Kranke mit einem Schrei auf.

 

"Erbarmen! Viktor! Mein Kind! O, Barmherzigkeit! . . . Ach, da bist du? . . . Bist du es wirklich? . . . Wirklich?" . . . fragte sie aufwachend und ihre angsterfüllten Augen auf den Jungen heftend. 

 

Ihre mageren, schwachen Hände betasteten ihn, sie drückte ihn fester an sich und bedeckte sein Antlitz mit heißen Küssen; dann brach sie in heftiges Schluchzen aus, und es gelang Viktor nur mit Mühe, die arme Frau zu beruhigen.

 

"Ach, mein Sohn", stöhnte sie, "ich habe geträumt, dass sie dich erschießen sollten!"

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13. Die Eintagsfliege - Fastnachts-Erzählung von Elsbeth Düker

 

Im Klostergarten blühten schon Frühlingsblumen, jauchzten die Finken und zwitscherten die Stare. Das Kloster war ein Fachwerkgebäude mit gelben und braunen langen Wänden, und man sah ihm das Alter von 200 Jahren nicht an. Eben wurden im Speisesaal die Fenster geöffnet; eine noch jugendliche Nonne staubte drinnen ab. Es war eine Vinzenzschwester mit der großen weißen Flügelhaube. Jetzt wischte die Arbeitende emsig an der breiten Fensterbank und betrachtete plötzlich interessiert ein Etwas, das sie mit behutsamen Fingern auf die Handfläche legte: es war eine tote Eintagsfliege.

 

Der Anblick des seltenen Tierchens aber hatte in der jungen Nonne eine jähe Erinnerung geweckt, so dass sie einige unbewachte Augenblicke in Gedanken versunken dastand, bis sie sich ihrer Arbeit erinnerte, die Klappe aufzog, die das große, aber niedrige Speisezimmer mit der Klosterküche in Verbindung brachte und die Teller zum Decken des langen Tisches daraus entgegennahm. Merkwürdig! Was für eine Gedankenverbindung bestand zwischen dem Vorleben der Schwester Heriberta und dem schönen Insekt?

 

Heriberta war die jüngste von vielen Geschwistern gewesen und schließlich allein bei den hochbetagten Eltern geblieben, nachdem die anderen fort und verheiratet waren. Sie schaffte fleißig in dem kleinen Haushalt, der ihrem Tatendrang aber nicht genug Arbeit bot und der Unzufriedenheit Einlass gewährte. Die Eltern hielten das damals 18jährige Mädchen sehr streng und abgeschlossen, kaum durfte es mit der Freundin gehen, und nie ward ihm gestattet, einer harmlosen Lebensfreude sich hinzugeben. Mürrisch und kränklich, ahnten sie nicht, wie das junge Mädchen sich sehnte nach irgend einem ungekannten Glück, das es selbst nicht zu nennen wusste. Nur einmal frei sein, sich austummeln dürfen im Kreis von Altersgenossinnen; mit ihnen sich jung fühlen, ohne die stets bitteren, nörgelnden Bemerkungen von daheim hören zu müssen. Diesem Wunsch nahte auch bald die Versuchung. Elise, das war ihr Taufname, traf auf dem Rückweg von der Kirche eine leichtsinnige Freundin, die allein im Leben stand. Diese war nicht wählerisch in ihrem Umgang und nahm auch alle Vergnügungen mit, die sich ihr boten. Wie verlockend und lebhaft wusste sie davon zu erzählen, und endlich hatte sie es doch so weit gebracht, das ganz unverdorbene, lebenslustige Mädchen vom rechten Weg abzubringen. Dass es nur beim ersten Schritt geblieben war, dankte Elise täglich noch jetzt im Ordensleben ihrem Schutzengel.

 

Es war Faschingszeit, und überall sah man in aufdringlichen farbigen Zetteln Einladungen zu Fastnachtsbällen und Maskeraden an den Häusern angeklebt. Ach, und ein solcher Maskenball musste doch etwas Wunderbares sein! Unerkannt, in feenhaftem Kostüm, bei rauschender Musik einmal zu tanzen nach Herzenslust - das war die Höhe! So dachte das 18jährige Mädchenherz und die Freundin spielte die Versucherin. 

 

"Komm einmal mit", lockte sie; "du ahnst es nicht, wie fein das ist! Ich sorge, dass du gleich einen "Tanzherrn" hast. Wir wählen hier beim nächsten Trödler ein entzückendes Kostüm für dich aus; ich habe nämlich schon mein Gretchenkostüm. Du musst nur vorsichtig sein, dass deine "Alten" nichts merken. Du kommst den Abend zu mir zum Ankleiden und wir gehen gemeinsam in den "Kaisersalon". Wir gehen auch zusammen nach Hause; du bleibst den Rest der Nacht bei mir und bist, ehe deine Eltern aufstehen, schon daheim am Herd."

 

Alles war wohl überlegt, und das Programm wurde auch richtig so ausgeführt. Unter Aufsicht der weltgewandten Freundin wählte Elise bei einem Althändler für ihre mühsam erworbenen Sparpfennige das Kostüm, das eine Eintagsfliege darstellen oder versinnbilden sollte. Lichtgrüner Tarlatan mit Silberband und ein anzuschnallendes Flügelpaar aus Silbergaze bildeten Elisens Anzug, den eine Kopfbedeckung in Gestalt einer großen Eintagsfliege, die mit langen Nadeln in die Frisur des blonden Haares gesteckt wurde, vervollständigte. Auch eine Halbmaske fehlte nicht.

 

Wie fremd fühlte sich Elise, als sie abends bei ihrer Freundin, während die Eltern sie auf ihrem Zimmer wähnten, die Vermummung angelegt hatte. Und beim Eintritt in das Gewirr der ausgelassenen Menschenschar, die sich zu Tanz und Scherz im "Kaisersalon", einem öffentlichen Tanzlokal, zusammengefunden hatte, bereute sie schon halb, hierher gekommen zu sein. Die Freundin fand viele Bekannte und auch Elise wurde mit einem maskierten Herrn bekannt gemacht, dessen freies, allzu freundliches Wesen das bescheidene, einfache Wesen sehr abstieß. Gern wäre Elise nach einer Stunde schon fortgegangen, doch ohne ihre Freundin und mitten in der Nacht? - Während die kleine Gesellschaft sich in einer Nische zusammengesetzt hatte, um in den Tanzpausen zu trinken und zu tändeln, wobei die Stimmung immer heiterer und das Benehmen und Geschwätz schon bedenklich frivol geworden war, dachte Elise an ihre Eltern daheim, die sie hinterging - zum ersten Mal. Das Gewissen regte sich und das "Vergnügen" hatte für sie jeden Reiz verloren. Selbst das Treiben und Benehmen der Freundin war ihr unverständlich und abstoßend. Zitternd vor Unruhe bat Elise endlich die Freundin, mit ihr nach Hause zu gehen, aber sie lachte nur höhnisch: "Jetzt vor der Demaskierung? Es ist ja noch nicht 12 Uhr! Nein, meine Liebe; jetzt kommt erst der Hauptspaß. Du bist eine Spielverderberin. Du passt gar nicht hierher, du Eintagsfliege!" murrte sie. Wild geigten die Fideln durch den Saal und schluchzten die Bassgeigen, als klagten sie über manche hier schon gefallene Unschuld. Alles war im tollen Tanz, im wildesten Taumel des Vergnügens. Da riss sich Elise los vom Arm ihres Tänzers und stürzte in die Garderobe. Das Mädchen bat den heiligen Schutzengel um Schutz und Begleitung vor den Gefahren des einsamen Heimwegs innerhalb einer Großstadt und entwich so den lästigen, fremden Männern, die sich als Begleiter aufdrängten.

 

Gerade schlug es vom Kirchturm 12 Uhr, als Elise ungefährdet und ohne von Hausbewohnern gesehen worden zu sein, lautlos in die elterliche Wohnung gelangte. Wie dankte sie Gott auf den Knien dafür, als sie in ihrem Zimmer den phantastischen Anzug abgestreift hatte. Die "Eintagsfliege" war vorbedeutend gewesen; nie würde Elise wieder ein Maskenkostüm tragen. In aller Eile wollte sie es morgen zurücktragen und ihren Eltern nichts von ihrem leichtsinnigen Beginnen mitteilen. Die Eltern wunderten sich nur, wie still und freudig nun die Tochter im Haus schaffte, wie sie nach der häuslichen Arbeit mit Ausbessern für andere sich manches verdiente. Sie ahnten nicht, dass ihr Kind nahe dem Abgrund gewandelt hatte. Mit der leichtsinnigen Freundin war der Verkehr abgebrochen. Auch deren Gretchenkostüm sollte vorbildlich gewesen sein; Elise sah das Mädchen später noch in Not und Schande.

 

Als Elisens Eltern kurz nacheinander, nach schweren Jahren, in denen sie von der Tochter liebevoll gepflegt wurden, zur ewigen Ruhe eingegangen waren, wendete sie sich dem Beruf zu, den ihre ernste, doch liebevolle Natur, als ihr Ziel erkannt hatte. Sie verkaufte alles, was sie besaß, nach den Worten des göttlichen Heilands, um sich den Armen und Kranken zu widmen in direkter Nachfolge des Herrn. Sie hatte es erkannt und erfasst: "Die Freuden der Welt sind in der Ferne groß, aber schrumpfen in der Nähe immer mehr zusammen; die Freuden in Gott sind in der Ferne klein, aber werden in der Nähe unbegreiflich groß und schön." Die irdischen Vergnügungen können den Hunger des Menschen nach Glück nicht befriedigen, weil sie nur von kurzer Dauer sind. Ihr Sinnbild, die Eintagsfliege, hatte Schwester Heriberta noch einmal lebhaft zurückgeführt in die gefährlichste Zeit ihrer Jugend.

 

Nun kniete die Schwester in der Klosterkapelle, wo während der Fastnachtstage eine Sühnefeier mit Stundengebet und Aussetzung des Allerheiligsten gehalten wurde. Da betete vielleicht keine der Schwestern so heiß für die irrende, leichtsinnige Jugend und hierauf, dankbar des eigenen Schicksals gedenkend, mit dem Dankesjubel des Psalmisten: "Dich will ich preisen, o Herr, dass du mich aufgenommen hast."

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14. In elfter Stunde

 

Martha warf einen letzten prüfenden Blick über die niedlichen Kinderbettchen, in denen die beiden Lieblinge ihrer Herrschaft, Fritz und Heinrich, so friedlich schliefen. Dann stellte sie die brennende Kerze auf das Nachttischchen und ging hinaus, die Tür hinter sich behutsam schließend.

 

Endlich alles getan! Jetzt sollte sie Lust und Freude genießen. Warum auch nicht? Machte es die Herrschaft nicht geradeso? Ging nicht auch sie sorglos hinaus, wie auch heute Abend noch, um in hellerleuchteten Sälen beim perlenden Wein unter den heiteren Klängen der Musik sich den Karnevalsfreuden hinzugeben. Martha hingegen hatte noch nie die Lust der nächtlichen Feste empfunden. Und heute wurde sie erwartet! Ihre Freundin Berta hatte sie dringend gebeten, genau um 11 Uhr an der Pforte des Festlokals zu sein. Dort werde sie "in Empfang" genommen werden. Die Freundin hatte dabei so verheißungsvoll mit den Augen geblinzelt, dass Marthas Herz jetzt noch in froher Spannung pochte. 

 

Bald war sie fertig mit ihrer Garderobe, und mit roten Wangen betrachtete sie ihr Bild im Spiegel. Sie drehte und wendete sich, zupfte bald hier, bald dort etwas zurecht, nestelte an den Haaren, lachte ihrem eigenen Bild zu und versuchte, recht artige Verbeugungen zustande zu bringen. Schließlich aber warf sie mit kurzem Entschluss den Mantel über und verließ das Haus.

 

Hu, wie kalt es war. Ein schneidender Wind fegte über die fast menschenleeren Straßen. Martha fror in ihrem dünnen Gewand. Gespensterhaft hoben sich die Silhouetten der Häuser vom dunklen Nachthimmel ab. Nur hie und da brannte noch ein trauliches Lichtlein hinter den zusammengezogenen Gardinen. Unwillkürlich dachte Martha an ihre kleinen Schutzbefohlenen, die sie pflichtwidrig verlassen hatte. Es war doch eigentlich nicht recht, dass sie Haus und Kinder verließ; dass sie die Nacht zum Tage machen wollte, und so ihre Pflichten vernachlässigte. Die Hausfrau vertraute ihr so ganz und gar. Noch kürzlich hatte sie so zu Marthas Mutter gesagt - ach, die Mutter! Wenn die wüsste, wo ihre Tochter jetzt hinging, jetzt, da sie Pflichten zu erfüllen hatte!

 

Das junge Mädchen schauerte zusammen. Es wurde ihm unbehaglich zumute. Ihre Missstimmung steigerte sich, als sie einem Pärchen begegnete, das sie mit ungehörigen Redensarten belästigte. Sollte sie sich in gleiche Gesellschaft begeben?

 

Mechanisch schritt sie weiter und kam n einer Kirche vorüber. Voller Orgelklang drang zu ihr heraus. Was war denn das? Sollte dort Ewige Anbetung sein? Richtig, vereinzelte Andächtige kamen aus den umliegenden Straßen herbei und betraten das Gotteshaus.

 

Martha hatte ein frommes Gemüt. Sie ging gern in die Andacht. Sollte sie nicht auch jetzt eben hineingehen? Sie hatte ja noch reichlich eine halbe Stunde Zeit. Die Freundin erwartete sie also noch nicht, und sie kam ja immer noch früh genug. Die ungemütliche Situation, in der sie sich befand, das heimlich pochende Gewissen und die weiche Stimmung, die durch den Gedanken an ihr frommes und tugendhaftes Mütterchen über sie gekommen war, - das alles förderte die gute Regung in dem Herzen des jungen Mädchens zu raschem Entschluss.

 

Sie trat in den Tempel und verbarg sich hinter einem Pfeiler. Sie wollte in ihrem nur dürftig verdeckten Ballgewand nicht gesehen werden. Aber wie ganz anders war es ihr jetzt zumute, da sie, vor dem Gott im heiligsten Sakrament kniend, aus vollem Herzen stimmte sie mit ein in den Lobgesang: "Gelobt sei Jesus Christus", der den Schluss der Andachtsstunde verkündete.

 

Wahrhaft gestärkt und erquickt verließ sie das Gotteshaus - - von der Turmuhr schlug es mit drohenden Schlägen die elfte Stunde! Ab! jetzt wurde es Zeit; nur ein paar Schritte noch - dann war das Ziel erreicht, dann flog sie der lachenden Freundin in die Arme und tanzte mit ihr um die Wette vor Lust und Freude. Nur schnell dorthin, wo rauschende Ballmusik sie empfing. So lockte es in ihrem Innern . . . .

 

Aber ihr guter Engel stritt in heißem Kampf mit der bösen Begier um das Herz des jungen Mädchens, und er ließ nicht nach, bis er Besitz davon ergriffen hatte, bis Martha anstatt zum Festlokal zu eilen, nach Hause zurückkehrte. Sie ging nicht, nein, sie lief zurück, als fürchte sie, dennoch der Versuchung zu unterliegen. Sie ruhte nicht eher, als bis sie wieder zu Hause angelangt war, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

 

Tief aufatmend stieg sie die Treppe hinan. Gott sei Dank! Es war überstanden! Wie hatte sie sich auch nur so weit vergessen können! Um drei bis vier Stunden in einem staubigen, dunstigen Saal unter ausgelassenen und vom Bier berauschten Menschen umherzuspringen, hatte sie ihre wichtigsten Pflichten vernachlässigen, die Nachtruhe sich rauben wollen. Wie töricht!

 

Sie betrat die Zimmer und - horchte! Was waren das für Stimmen? Sie kamen aus dem Schlafzimmer der Kleinen . . . O Gott, sollte die Herrschaft schon zurückgekommen sein? -

 

Sie horchte von neuem . . . Nein, das waren nur die Kinder! Der kleine Heini lachte - Fritzi hustete in einemfort.

 

Heller Lichtschein drang durch die Türritzen. Ein scharfer Geruch machte sich bemerkbar.

 

Voll Schrecken eilte Martha in das Gemach und - was sie sah, trieb ihr das Blut zum Herzen.

 

Der kleine Fritz saß aufrecht im Bett und schaute seufzend seinem Brüderchen zu, das eine Zeitung an der Kerze angezündet hatte und nun, jauchzend über seine Heldentat, mit dem flammenden Papier im Zimmer umherlief, in seinem kindlichen Unverstand der Gefahr nicht achtend, in der er sich mitsamt seinem Brüderchen befand, denn bereits glimmten die Fransen des gewirkten Teppichs und drohten, das Zimmer in ein Flammenmeer umzuwandeln.

 

Im Nu hatte Martha Flammen und Funken gelöscht, die Kinder wieder an ihren Platz gebracht und die Fenster geöffnet, um frische Luft in das von Qualm gefüllte Zimmer zu lassen. Zwar schrien die Kleinen noch einige Zeitlang nach ihrem "Feuerchen", doch lagen sie bald aufs neue in Schlummers Arm geborgen.

 

Erschöpft von dem ausgestandenen Schrecken sank Martha in die Knie und dankte Gott inbrünstig, dass er sie zur rechten Zeit vom Irrweg auf den rechten Pfad zurückgeführt hatte, um noch ein entsetzliches Unglück zu verhüten, das durch ihre Schuld entstanden wäre und zwei blühende, hoffnungsfrohe Menschenleben vernichtet haben würde. Nie, so gelobte sie, wollte sie wieder ihre Pflichten vernachlässigen und unbotmäßigerweise nächtliche Festlichkeiten aufsuchen.

 

Von der Turmuhr der nahen Kirche erklangen dumpfe Schläge . . . Zwölf Uhr . . . Martha erschauerte. Wenn sie jetzt auf dem Ball weilte, wäre das Unglück schon geschehen . . .

 

Just um die elfte Stunde hatte der Herr im allerheiligsten Altarsakrament sie auf den rechten Weg geführt!

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15. Fastnacht eines Apostaten - Von Francois Veuillot

 

Man sprach von dem ehemaligen Priester Quartimond, dem unglücklichen Apostaten, dessen verräterisches und verwirrendes Buch: "Wie ich den Glauben verlor" so viel Aufsehen erregte und so viel Unheil anrichtete, und der vor einigen Jahren plötzlich auf eine ganz geheimnisvolle Weise aus dem öffentlichen Leben verschwand.

 

"Sie haben ihn sicherlich gekannt?" fragte einer der Gäste den Journalisten Johann Primart, der kürzlich noch ein Freidenker war, aber heute ein eifriger Katholik ist.

 

"Ob ich ihn gekannt habe? Ja, freilich! Es war eben Quartimond, der mich bekehrt hat."

 

Diese Erklärung rief eine allgemeine Verwunderung hervor.

 

"Bekehrt?" meinte eine Dame. "Aber Ihre Rückkehr zum Glauben fand ja nach seinem Abfall statt."

 

"Er hat mich auch nicht zu Gott zurückgeführt, als er noch ein treuer Priester war. Er gab mir vielmehr meinen Glauben wieder, als er gar keinen mehr hatte, oder besser, als er behauptete, ihn verloren zu haben."

 

"Bitte, erzählen Sie uns das!"

 

Nach einigem Zögern begann Johann Primart also:

 

"Ich muss Ihnen aber sagen, dass die Geschichte nicht gerade lustig ist. Sie ist vielmehr schauerlich. Sie machte einen so tiefen Eindruck auf mich, dass ich bisher noch keinem Menschen ein Wort davon gesagt habe. - Nun, ich sehe es Ihnen an, dass Sie vor Begierde brennen, sie zu kennen. Übrigens, warum sollte ich sie auch nicht erzählen?"

 

Der Journalist zuckte die Achseln und schwieg einen Augenblick.

 

"Das Ereignis", fuhr er dann fort, "das meine Bekehrung bewirkte, sollte auch das Verschwinden des unglücklichen Priesters zur Folge haben. Ich war mit Quartimond in den Büros der "Freidenkerzeitung" bekannt geworden. Sie wissen ja, dass ich der Chefredakteur dieses Blattes war. Quartimond brachte mir von Zeit zu Zeit einen Artikel. Seine sonderbaren Manieren, seine tragische Maske, sein schroffes Wesen und besonders seine hinreißenden, feurigen Reden hatten mich zu ihm hingezogen. Es ist Ihnen bekannt, dass er ein ausschweifendes Leben führte. Gewisse Anzeichen, auf die ich als Freidenker gar nicht acht gab, aber deren ich mich, seitdem ich ein Christ geworden war, genau erinnere, gaben mir den Schlüssel zu seinem wilden, unordentlichen Leben. Inmitten seiner Lustbarkeiten wurde der ehemalige Priester manchmal plötzlich von einer tiefen Traurigkeit und einer unsäglichen Bitterkeit ergriffen, die ihm Ekel gegen sein tolles Betragen einflößten. In Wirklichkeit hatte er den Glauben nicht verloren. Das fand ich jedoch erst später heraus. Der Unglückliche glaubte trotz allem an Gott. Der Hochmut und die Leidenschaften, die ihn zum Abfall führten, hatten die letzten Wurzeln des Glaubens, die mit ihren Fasern die Tiefe seiner Seele umfangen hielten, nicht auszureißen vermocht. Seine Wutausbrüche gegen die Religion waren heftig, ja teuflisch.

 

Es war eine Einschläferung seines Gewissens, die er an einem Fastnachtsabend vor vier Jahren in der fröhlichen Gesellschaft suchte, die er in seine Wohnung in der Pronystraße eingeladen hatte.

 

Das Abendessen ging zu Ende, und der Wein tat seine Wirkung. Derbe Späße und lustige Witze wechselten mit übertriebenen Reden ab. In diesem Augenblick erzählte Quartimond, ich weiß nicht mehr auf welche Veranlassung hin, er habe seine letzte Soutane aufbewahrt. 

 

"Ja, ich habe sie aufbewahrt", rief er mit erzwungenem, gellendem Lachen. Ich habe sie als Talisman aufbewahrt. Es ist mein letzter Fetisch. Wenn ich einen besonders heftigen Artikel gegen die Kirche schreiben will und meine Einbildungskraft erschlafft ist, lege ich sie an. Dann ergreift mich eine Art Raserei, und es ist mir, als ob die Soutane an meinen Schultern klebe, und wahrhaft teuflische Gedanken steigen in mir auf. Bin ich fertig, so reiße ich sie mir vom Leib, ich werfe sie zu Boden und stampfe mit den Füßen darauf, - und das ist ein köstlicher Genuss!"

 

Nach diesen Worten stürzte er ein ganzes Glas Champagner die Kehle hinunter.

 

"Da fällt mir was ein", rief ein Gast. "Es ist Fastnacht, man darf sich verkleiden. Lege deine Soutane an. Mit deinem langen Bart wird man dich für einen braven Missionar halten, und unsere Bande wird auf den Boulevard und in den Wirtshäusern Anstoß erregen."

 

Ein großer Teil der Gesellschaft klatschte Beifall. Die andern, das heißt diejenigen, die weniger getrunken hatten, schwiegen verlegen. Quartimond aber zuckte die Schultern.

 

"Es ist Unsinn!" murmelte er.

 

Und weshalb?"

 

Er antwortete nicht. Ich besaß noch so viel Selbstbeherrschung, um zu bemerken, dass er von einer geheimen Angst ergriffen wurde. Offenbar fürchtete er sich vor dieser Soutane, die nach seinem eigenen Geständnis sich an seine Schultern anheftete. 

 

Die Gäste bestanden auf ihrer Forderung.

 

"Du fürchtest wohl, dich daran zu verbrennen?" stöhnte eine Frau.

 

"Ich - - - fürchten?"

 

Er sprang auf und verschwand in einem anstoßenden Gemach.

 

Einige Minuten danach erschien er im Priesterkleid. Er trug es mit einem Anstand, den nur die Gewohnheit geben kann. 

 

"Da ist der Mann!" rief er beim Eintreten. Er grüßte auf eine groteske Art, wobei er ein kurzes, unnatürliches Lachen ausstieß. Ich sah immer deutlicher, dass sich unter dieser Anstrengung, heiter zu erscheinen, ein stechender Schmerz berge. Es ist mir unmöglich, hier in die Einzelheiten der darauffolgenden Szene einzugeben. Sie schien sogar Quartimond anzuwidern.

 

"Genug!" befahl er endlich mit seiner gebietenden Stimme. "Gehen wir hinaus!"

 

*       *       *

 

Es war schon spät in der Nacht. Ein dichter Nebel lag über der Stadt, und der Boden war feucht und glitschig. Die Gaslaternen vermochten kaum das Dunkel zu durchdringen. Unsere Bande folgte dem Boulevard de Courcelles. Wir eilten längs des Parks Montceau dahin. Bisher war die Soutane noch keinem Menschen aufgefallen.

 

Quartimond schritt in dumpfes Schweigen gehüllt inmitten unserer lärmenden Schar. Plötzlich fiel ein kalter, durchdringender Sprühregen. Wir stiegen sogleich in mehrere Droschken, die den Boulevard Malesherbes herauffuhren. In der Ferne sahen wir die hellerleuchtete Fassade eines Wirtshauses. Der Refrain eines Gassenliedes und fröhliches Gelächter tönte daraus an unser Ohr. Einige von der Gesellschaft schlugen vor, dort einzukehren. Im letzten Augenblick weigerte sich Quartimond jedoch einzutreten. Schaudernd wandte er sich ab.

 

"Nein, trinkt bis morgen, wenn ihr Lust dazu habt, ich gehe nach Haus."

 

Schnell drehte er sich um und entfernte sich. Ich ließ meine Zechbrüder in ihrer Kneipe dritter Ordnung und folgte Quartimond. 

 

"Lassen Sie mich allein!" brummte er gereizt.

 

"Nein, ich gehe denselben Weg, ich begleite Sie."

 

Er schritt schweigend fürbass. Nach einigen Minuten blickte er mich fest an und sagte:

 

"Die Elenden! Sie haben es denn doch zu weit getrieben mit ihrem dummen Scherz. Ah! sie flößen mir Ekel ein!"

 

"Warum laden Sie dieselben auch ein?"

 

Quartimond machte eine Gebärde des Überdrusses.

 

"Was wollen Sie?" meinte er. "Man muss das Leben genießen. Es wäre gar zu traurig, wenn man immer nachdenken würde."

 

Er seufzte und verfiel in sei voriges Schweigen.

 

Eben wollten wir den Boulevard de Courcelles überschreiten, als plötzlich aus der gegenüberliegenden Pronystraße zwei blendende Laternen über dem Boden sichtbar wurden und wie die Augen eines Ungeheuers in rasender Schnelligkeit auf uns zuschossen. Zu gleicher Zeit ertönte das langgezogene Töff eines Autos, das einige Masken oder Zecher nach Hause führte, und das Schnurren des Motors übertönte Gelächter und Gesang. Nach der sausenden Schnelligkeit des Gefährts zu urteilen, musste der Führer nicht viel nüchterner sein als seine Herrschaft.

 

Ein Angstschrei drang auf einmal an unser Ohr. Inmitten des Boulevards gewahrten wir zwei Personen: einen Herrn, unter dessen aufstehendem Pelzrock ein Frack und ein weißer Schlips sichtbar waren, und eine junge Dame, unter deren Mantel ein Ballkleid hervorschimmerte. Als die Blendlaternen des Autos plötzlich vor ihnen auftauchten, riss die Frau erschrocken ihren Begleiter rückwärts, und zwar gerade in dem Augenblick, wo dieser vorwärts springen wollte. Die Folge davon war, dass er der Länge nach vor das Auto auf den Boden fiel. Wir liefen hinzu, doch es war zu spät. Das Auto war mit einem Ruck über ihn hinweggegangen und bereits im Dunkel der Nach verschwunden.

 

Zu unseren Füßen lag der Mann im Frack auf seinem Pelzmantel. Die Brust war eingedrückt. Sein Hemd war zerknittert und zerfetzt und ganz mit Blut bedeckt. Neben ihm stand bewegungslos die junge Frau. Sie war niedergeschmettert. Mit verstörten Augen blickte sie auf den vor ihr liegenden blutigen Körper.

 

Wir riefen zu Hilfe. Ein Schutzmann und mehrere Passanten eilten herbei. Wir trugen den schmerzlich stöhnenden Verwundeten in eine nahegelegene Apotheke. Die Frau folgte schluchzend und wie geistesabwesend. Ein Arzt, den man eilig herbeigerufen hatte, legte einen Notverband an und verblieb bei dem Schwerverletzten bis zur Ankunft eines Krankenwagens.

 

Unterdessen bemühten wir uns beide, Quartimond und ich, um die Frau, die noch immer von dem schrecklichen Schlag wie betäubt dreinschaute. Unter ihrem aufstehenden Mantel trug sie ein rosafarbenes, zierliches Schäferkleid à la Louis XV. Auf ihrem gepuderten Gesicht hatten die Tränen sichtbare Furchen gegraben. Sie schien endlich aus ihrer Betäubung zu erwachen. Sie betrachtete Quartimond einen Augenblick, fasste ihn dann am Arm und bat mit flehender Stimme: 

 

"Ach, Herr Abbè! Bereiten sie meinen Mann auf den Tod vor. Hören Sie seine Beichte."

 

"ICH?!" rief Quartimond zurücktretend.

 

Ich schauderte bei diesen Worten und sah meinen Freund an. Er war bleich geworden.

 

"O, tun Sie es!" flehte die Unglückliche.

 

"Aber ich kann und darf nicht!"

 

"Ich habe keine Vollmacht dazu in Paris."

 

"Mein Mann liegt ja im Sterben!"

 

"Nein, ich bin - suspendiert."

 

"Das tut nichts. Sie sind trotzdem ein Priester. O! Verlassen Sie uns nicht! Ich beschwöre Sie darum. Stehen Sie mir bei, lassen Sie ihn nicht so sterbe! Es sind schon zwei Jahre, dass er nicht mehr gebeichtet hat."

 

Die arme Frau hatte ihn am Arm gepackt und hielt ihn fest. Dicke Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Nach einem heftigen inneren Kampf von einigen Sekunden machte er sich mit einer raschen, fast brutalen Bewegung los, und indem er jedes Wort scharf betonte, sprach er:

 

"Diese Soutane ist eine Verkleidung. Ich bin kein Priester."

 

"Ach, du mein Gott!" stöhnte die Frau.

 

Und mit wildrollenden Augen und geballten Fäusten rief sie zähneknirschend aus:

 

"Ach, verfluchter Quartimond! Verfluchter Quartimond!"

 

"Wie! Was sagen Sie da?" stotterte der Apostat, indem er sie am Handgelenk fasste und ihr scharf in die Augen sah.

 

"Ja", erwiderte sie mit herzzerreißender Stimme, "das infame Buch dieses verhassten Apostaten ist schuld an dem Verderben meines Mannes und so vieler anderer! Sonst erfüllte er seine Religionspflichten, aber heute glaubt er an nichts mehr. Und er muss jetzt ohne Beichte sterben, ohne Priester! Es ist schrecklich, ja schrecklich!"

 

In demselben Augenblick schrie der Verwundete laut auf vor Schmerz. Er öffnete die Augen und seufzte:

 

"Genoveva! - Einen Priester!"

 

Ich weiß nicht, was in diesem Moment im Geiste Quartimonds vorging, er selbst hätte es vielleicht nicht sagen können. Ohne Zweifel hielt ihm der Glaube, den er noch im Herzen hatte, die furchtbaren Folgen dieses Todes vor; vielleicht entschleierte der Tod dieses Mannes, wie im Schein eines Blitzes, die Verantwortlichkeit, die auf ihm lastete; vielleicht erwachte auch sein priesterliches Gewissen mit aller Gewalt. Wie dem auch sei, plötzlich trat er vor die Frau hin, und mit fester, entschlossener Stimme sagte er:

 

"Ich habe vorhin gelogen, Madame. Ja, ich bin ein Priester. Ich bin ein abgefallener und abgesetzter Priester, aber im Angesicht des Todes besitze ich noch immer die Macht, die Lossprechung zu erteilen."

 

- - -

 

Atemlos lauschten die Zuhörer auf die Erzählung Primarts. Er hielt einige Sekunden an.

 

"Das Ende ist leicht zu erraten", fuhr er dann fort. "Quartimond hörte die Beichte des Verunglückten, und nachdem er ihm die Lossprechung gegeben hatte, floh er wie toll aus der Apotheke. Ich half den Sterbenden, der bereits zu röcheln begann, in den unterdessen angekommenen Krankenwagen tragen. Am folgenden Morgen wollte ich meinen Freund besuchen. Allein man antwortete mir, er sei verreist. - Einige Zeit danach suchte ich einen anderen Priester auf, um - zu beichten.

 

"Und Sie wissen nicht, was aus ihm geworden ist?"

 

"Nein! - Es sei denn, dass - aber es ist kaum glaublich."

 

"Erzählen Sie nur."

 

"Nun, vergangenen Monat besuchte ich die Kartause von Pignerol. In der Kapelle gewahrte ich einen betenden Mönch, der bei meinem Anblick die Kapuze über den Kopf zog und sich tief zur Erde neigte. Diese Gebärde ist bei den Mönchen zu natürlich, als dass man irgendeine Folgerung daraus ziehen könnte. Aber ich hatte Zeit gehabt, die Züge seines Gesichts zu sehen. In diesem tiefdurchfurchten und abgemagerten Gesicht war mir eine große Ähnlichkeit mit Quartimond aufgefallen. Aber es war ein gealterter, veränderter Quartimond.

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16. Der Schein trügt

 

Etwa eine Viertelstunde von der kleinen Stadt entfernt, hart am Ufer des schönen Rheinstromes, lag inmitten prächtiger Parkanlagen die Villa des mehrfachen Millionärs und Fabrikbesitzers Bergmann. Es war ein kleiner, aber eleganter Bau, mit allem Luxus der Neuzeit ausgestattet. Hier pflegte der reiche Mann mit seiner Familie die Sommermonate zu verbringen.

 

Der Kreis seiner Angehörigen war nicht groß, er umfasste drei Personen. Seine Gattin war eine stille, meistens kränkliche Frau, auf deren blasser Stirn der Schmerz und das Unglück deutliche Spuren hinterlassen hatten. Die Eltern hatten zwei Söhne in der Blüte der Jugend verloren; der eine war bei einer Kahnpartie auf dem Rhein ertrunken, während der älteste, auf den sie ihre schönsten Hoffnungen gesetzt hatten, in einem Duell sein Leben einbüßte.

 

Ein dritter Sohn war ihnen noch geblieben; ein schwächlicher Knabe von vierzehn Jahren, und eine Tochter, die jetzt ungefähr zwanzig Sommer zählen mochte. Im Gegensatz zu ihrem kränklichen Bruder war Hedwig ein Urbild von Gesundheit und Schönheit, dabei lebhaften Geistes und überaus zartsinnig und gutherzig. Kein Wunder deshalb, dass sie der Liebling des Vaters, der Trost und die Stärke der Mutter war, der freundliche Sonnenschein im Haus der armen reichen Eltern.

 

Herr Bergmann war ein harter, strenger Mann. Von armen Eltern abstammend, hatte er in seiner Jugend die bittere Schule der Entbehrung durchgemacht, und war dann durch eigene Tüchtigkeit und eisernen Fleiß Stufe für Stufe emporgestiegen zu seiner jetzigen Höhe. Leider aber suchte er sein Lebensglück nur in den Dingen dieser Welt; Glauben und Religion waren ihm mit der Zeit fremd geworden.

 

Als nun wie ein Blitz aus heiterem Himmel das Unglück über ihn hereinbrach, als er in einem kurzen Zwischenraum von nur drei Monaten zweimal an der Bahre eines geliebten Sohnes stand, da vermochte ihm seine materialistische Lebensanschauung keinen Trost zu spenden. Das Unglück verhärtete sein Herz und hatte sich niemals um das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen gekümmert, so brach er jetzt allen Verkehr ab und verurteilte sich selbst zu einem einsamen, freudenlosen Leben.

 

O, wenn die armen Leute, die öfters an der Villa des reichen Fabrikbesitzers vorbeigingen und sehnsüchtige, ja, neidische Blicke nach all dieser Herrlichkeit warfen, gewusst hätten, wie es im Herzen dieses Mannes aussah - sicher hätte keiner mit ihm tauschen mögen; selbst derjenige nicht, der am meisten mit seinem Schicksal haderte und seinen Brotherrn um das vermeintliche Glück beneidete. 

 

Es war dies der Arbeiter Franz Brune, der am anderen Ende des Städtchens ein kleines, armseliges Häuschen bewohnte. Die bald verfallene Hütte war in allem das Gegenteil von der reichen Villa am Stromufer. Dort herrschte Reichtum und Überfluss und hier fehlte es am Notwendigsten; nur in einem Punkt waren die beiden Hausväter sich gleich. Der arme Arbeiter, sowie auch der reiche Emporkömmling hatten vergessen, was allein dem Menschenherzen Ziel und Richtung geben kann in den Stürmen dieses Erdenlebens.

 

Franz Brune hatte zu Hause eine kranke Frau und sieben unmündige Kinder. Die älteste Tochter diente in der nahen Großstadt und der älteste Sohn war in die Fremde gegangen. Der Vater war durch die eiserne Notwendigkeit, Brot zu schaffen für sich und die Seinen, den ganzen Tag von Hause abwesend. Mit trüben Gedanken ging er morgens an seine Arbeit und kehrte am Abend müde und unbefriedigt zurück. Sein Tagewerk brachte ihm gerade so viel ein, um Brot zu kaufen für die hungernden Kinder und Arznei für seine kranke Frau. Wenn solche traurigen Zustände jahrelang dauern, ohne Aussicht auf Besserung, dann kann von einem glücklichen Familienleben keine Rede sein. Und wer möchte es wagen, einen Stein der Verdammnis auf den Ärmsten zu werfen, wenn sein Herz sich verbittert und mit Groll erfüllt gegen die Reichen und Glücklichen auf dieser Welt?

 

Wenn diese dagegen wüssten, wie es aussieht in den Hütten der Armen, - wenn sie nach Gottes Anordnung von ihrem Überfluss ihren notleidenden Mitmenschen zu Hilfe kämen - dann wäre ein gutes Stück der sozialen Frage gelöst, und sie würde nicht mehr wie ein drohendes Gespenst die heutige Gesellschaft erschrecken! -

 

An die leibhaftige Gegenwart dieses Gespenstes wurde Herr Bergmann in höchst unliebsamer Weise erinnert, als ihm eines Morgens bei seinem Spaziergang im Garten ein Mann in Arbeiterbluse den Weg vertrat und ihn persönlich zu sprechen wünschte.

 

"Was wollen Sie?" fragte der Fabrikant, einen Schritt zurückweichend und den rußgeschwärzten Gesellen mit misstrauischen Blicken betrachtend. 

 

"Gerechtigkeit verlange ich", erwiderte er, dem Fabrikanten fest ins Auge schauend. "Mein Recht will ich haben, mein gutes Recht." 

 

"Ist Ihnen das gekürzt worden?"

 

"Jawohl! Ich bin der Schlosser Franz Brune, habe fast fünfundzwanzig Jahre in Ihren Diensten gestanden, treu und redlich meine Pflicht erfüllt, und nun setzt man mir einfach den Stuhl vor die Tür."

 

"Wenn mein Aufseher Ihnen gekündigt hat, wird er wohl Gründe dafür haben", bemerkte der Fabrikherr kalt. "Sie haben sich wohl etwas zuschulden kommen lassen - wie?"

 

"Ich fühle mich keiner Schuld bewusst; ich habe gearbeitet und mich abgemüht, als wär`s für mein eigenes Interesse. Wenn ich ab und zu auch mal ein wahres Wort gesprochen habe, so war das kein Grund, mich Knall und Fall zu entlassen. Ich könnte Ihnen aber Sachen erzählen, worüber Sie sich sehr wundern würden." -

 

"Ach was!" unterbrach ihn Herr Bergmann, "mit solchem Klatsch lassen Sie mich in Ruhe. Es wurde mir berichtet, dass Sie in der Fabrik aufreizende Reden geführt haben, und trotz mehrfacher Verwarnung davon nicht abließen. Ich billige das Vorgehen meines Aufsehers, denn für solche Aufwiegler habe ich keine Beschäftigung."

 

Der Arbeiter wollte eine Erwiderung geben, aber das Wort wurde ihm abgeschnitten durch das Vorfahren einer eleganten Equipage, der zwei Herren im feinsten Salonanzug entstiegen. Der Fabrikbesitzer drehte dem Arbeiter den Rücken, begrüßte die Angekommenen mit einem freundlichen Händedruck und führte sie in das Haus.

 

Die Besucher waren die Bankiers Reichmann und Sohn aus der nahen Großstadt, und letzterer bewarb sich um Bergmanns Tochter. Die Besitzer des großen Bankhauses galten als sehr reich, und der Fabrikbesitzer war einer Verbindung nicht entgegen, aber der Freier hatte bei Hedwig noch kein Glück gehabt. Sie dachte überhaupt nicht ans Heiraten, sondern ihre Absicht war es, ihr Leben Gott zu weihen. 

 

"Was war das für ein zudringlicher Kerl?" fragte Reichmann Junior seinen zukünftigen Schwiegervater.

 

"Ein Unzufriedener, wie es derer so viele gibt", erwiderte er ausweichend. "Man kann es seinen Arbeitern nicht mehr recht machen, sie sind alle vom sozialdemokratischen Gift angesteckt."

 

"Ich an Ihrer Stelle würde kurzen Prozess machen mit der Sippschaft", meinte der junge Bankier, "ich würde die Fabrik einfach schließen und von meinen Renten leben. Ich würde dem Pack zeigen, wer Herr im Hause ist und wer -"

 

"Ei, ei, das ist ja sehr interessant, zu hören, wie Sie von armen Leuten denken, Herr Reichmann", sagte in bald scherzhaftem Ton, aber doch mit einem ernsten Nachdruck eine junge Dame von auffallender Schönheit, die unbemerkt ins Zimmer getreten war. Es war Hedwig, des Millionärs einzige Tochter, das Goldfischlein, nach dem Moritz Reichmann seine Angeln ausgeworfen hatte. Beim plötzlichen Erscheinen seiner Angebeteten war er sichtlich betroffen und er bereute seine scharfe Äußerung, die bei ihr Missfallen erregt hatte. Jetzt galt es, den begangenen Fehler wieder gut zu machen und durch doppelte Liebenswürdigkeit den verlorenen Boden wiederzugewinnen.

 

*   *   *

 

Den vereinten Bemühungen des aalglatten jungen Mannes und des ihm gewogenen zukünftigen Schwiegervaters gelang es endlich, Hedwig zu einer Verbindung zu bewegen. In der Villa war ein Kreis auserlesener Gäste versammelt, um die Verlobung des jungen Paares zu feiern. Eben hatte der Vater des Bräutigams zu einem Trinkspruch sich erhoben, als ein Diener der Braut einen Brief überreichte mit der Bitte, ihn sofort zu lesen.

 

Sie kam der Aufforderung nach, und kaum hatte sie die wenigen Zeilen überflogen, als sie erblasste und, zitternd am ganzen Körper, den Saal verließ. Gleich darauf meldete ein Diener der Tafelrunde, dass das gnädige Fräulein infolge heftigen Kopfschmerzes eine Weile sich in ihre Gemächer zurückgezogen habe. Die Gesellschaft beruhigte sich bei dieser Meldung, der Becher kreiste weiter.

 

Als aber nach Verlauf von zwei Stunden Hedwig noch nicht wieder zum Vorschein gekommen war, ging die Mutter auf ihr Zimmer, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Wer beschreibt aber ihren Schrecken, als sie von der Gesuchten keine Spur entdeckte. Von den Dienstboten hatte sie niemand gesehen, nur der alte Gärtner bekundete, das gnädige Fräulein habe das Haus schon vor zwei Stunden verlassen.

 

Eine unbeschreibliche Aufregung bemächtigte sich der Gäste, und man brachte das Verschwinden des jungen Mädchens mit dem Brief in Zusammenhang. Der Festjubel war jäh verstummt, und die Verwirrung wurde noch größer, als ein finster dreinschauender Mann in Arbeitsbluse den Herrn des Hauses oder dessen Gemahlin zu sprechen wünschte.

 

"Können Sie mir das nicht auch sagen, was Sie zu melden haben?" fragte der Bräutigam, der zufällig draußen war, und beim Anblick dieses Mannes eine seltsame Unruhe verriet.

 

"Gewiss kann ich Ihnen mehr sagen als Ihnen lieb ist", erwiderte der Arbeiter sehr ernst, "ich glaube übrigens, dass Sie mich kennen, Herr Reichmann."

 

"Ich - Sie - kennen? Was fällt Ihnen ein?"

 

"Vor einiger Zeit war ich hier, um mein Recht zu verlangen; ich bin der Schlosser Franz Brune, und meine Tochter dient in der nahen Großstadt." -

 

"Ich wiederhole Ihnen, dass ich Sie nicht kenne!" rief aufgeregt der junge Bankier, der beim Klang dieses Namens leichenblass wurde. "Wenn Sie sich nicht sofort entfernen, lasse ich Sie hinauswerfen."

 

"Oho!" entgegnete der Mann in der Bluse trotzig, "noch sind Sie nicht Herr im Hause, und es ist auch dafür gesorgt, dass Sie es niemals werden."

 

Das laute Gespräch lockte auch die übrigen Gäste herbei. "Was geht hier vor?" fragte Herr Bergmann, mit einem finsteren Blick auf Brune.

 

"Der unverschämte Mensch wagt es, hier einzudringen und uns in unerhörter Weise zu belästigen", rief sein zukünftiger Schwiegersohn vor Aufregung zitternd. "Der Kerl ist betrunken, lassen Sie ihn an die Luft befördern."

 

"Hinaus!" befahl der Fabrikant mit einer drohenden Handbewegung und rief nach seiner Dienerschaft.

 

Doch der Arbeiter wich um keinen Schritt. "Wenn Sie wüssten, was ich Ihnen zu melden habe, so würden Sie einen anderen Ton anschlagen", bemerkte er ruhig. "Der junge Herr Reichmann ist ein elender Schurke! Er hat meine Tochter Minna mit schändlichen Anträgen verfolgt. Wenn Sie Beweise haben wollen für diese Behauptung, so kommt zu mir in meine armselige Hütte; dort werden Sie auch Ihre Tochter Hedwig finden. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihr die Augen zu öffnen und sie vor dem Unglück einer Verbindung mit diesem Schurken zu bewahren, zum Dank für das Gute, das sie meiner kranken Frau und meinen armen Kindern erwiesen hat."

 

Unbeschreiblich war die Wirkung dieser Worte. Frau Bergmann drohte in Ohnmacht zu sinken, der Fabrikant blickte forschend den Bräutigam seiner Tochter an, der an allen Gliedern zitterte, und aus dem Antlitz des alten Bankiers war jede Farbe gewichen. Das Schuldbewusstsein malte sich so deutlich auf den Zügen von Vater und Sohn, dass Herr Bergmann Verdacht schöpfte und zitternd erklärte: "Ich muss Gewissheit haben, folgen Sie mir", wandte er sich an den jungen Bankier.

 

Mechanisch gehorchte dieser, während sein Vater zurückblieb, um die fassungslose Frau Bergmann zu trösten.

 

Die beiden Männer sprachen auf dem ganzen Weg kein Wort. In der armseligen Behausung fanden sie Hedwig, weinend und händeringend auf einer Holzbank sitzend, ihr zur Seite hatte ein anderes junges Mädchen mit verstörtem Gesichtsausdruck Platz genommen. Der junge Mann wollte sich seiner Braut nähern, sie aber streckte abwehrend die Hände gegen ihn aus und warf sich laut weinend in die Arme ihres Vaters.

 

Jetzt trat Brune vor und sagte: "Dieses Mädchen ist meine Tochter, die meine Anklage gegen Herrn Reichmann bestätigen kann."

 

"Was sagen Sie dazu?" wandte der Fabrikant sich an den Beschuldigten. Als der stumm und verlegen zu Boden schaute, fuhr er in verächtlichem Ton fort: "Aus Ihrem Schweigen ersehe ich, dass die Beschuldigungen auf Wahrheit beruhen; unter diesen Umständen kann natürlich von einer Verbindung zwischen unseren Familien keine Rede sein."

 

"Du Hund, das sollst du mir büßen!" zischelte Reichmann mit heiserer Stimme dem Arbeiter zu und stürmte hinaus. Herr Bergmann ließ sich nun genauen Bericht von den Vorgängen erstatten, und er schauderte zusammen bei dem Gedanken an das Unglück, das über ihn und seine Tochter hereingebrochen wäre.

 

Er reichte Brune die Hand und sagte mit zitternder Stimme: "Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für den großen Dienst, den Sie mir und meiner Familie erwiesen haben. Kommen Sie morgen in meine Wohnung, Sie werden mich erkenntlich finden."

 

Kurze Zeit darauf brachten die Tagesblätter die aufsehenerregende Nachricht, dass das große Bankhaus von Reichmann und Sohn falliert habe; die beiden Inhaber seien mit den vorhandenen Geldmitteln verschwunden. Ferner sollten sie bedeutende Unterschlagungen und Wechselfälschungen getrieben haben, und um sich der Strafe zu entziehen, seien sie wahrscheinlich ins Ausland geflohen.

 

Der Fabrikant Bergmann erkannte jetzt erst die ganze Größe des Unglücks, das über ihm und seiner ganzen Familie geschwebt hatte. Die beiden Gauner hatten es nur auf seine Millionen abgesehen, um ihren zerrütteten Verhältnissen wieder aufzuhelfen.

 

Auf die Tochter des Fabrikbesitzers machten diese Nachrichten einen so tiefen Eindruck, dass sie in eine schwere Krankheit verfiel und lange zwischen Leben und Tod schwebte. Zur völligen Wiederherstellung ihrer erschütterten Gesundheit nahm sie einen längeren Aufenthalt im südlichen Italien; aber ihre frühere Heiterkeit hatte sie verlassen.

 

Dieser Vorfall übte auf den reichen, hartherzigen Fabrikanten eine wohltätige Wirkung aus. Seinen Arbeitern wurde er ein humaner, rechtlich denkender Brotherr, der für die Anliegen seiner Untergebenen fortan ein warmes Herz hatte. Dem Wunsch seiner Tochter, ihr Leben in einem Kloster Gott zu weihen, war er nicht mehr entgegen.

 

Hedwig fand als Barmherzige Schwester in Ausübung christlicher Werke der Nächstenliebe den Frieden, den die Welt nicht geben konnte.

 

Franz Brune aber, der mit seinem Schicksal hadernde Mann, erhielt einen Posten als Aufseher in der Fabrik und zur Linderung seiner Not von Herrn Bergmann ein ansehnliches Geschenk. Der unzufriedene Arbeiter, der auf das Glück seines Brotherrn neidisch gewesen war, gelangte zu der Einsicht, dass der Schein trügt - und dass das vermeintliche Glück der Reichen in der Regel mehr Dornen als Rosen hat.

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17. Der Evangelist

 

Vor Jahrzehnten ging in Wien in der Josephsstadt  die ganze Fastenzeit hindurch täglich, in der übrigen Jahreszeit am Samstag und Sonntag, ein merkwürdiger Mann von Haus zu Haus. Alle kannten ihn und nannten ihn allgemein den "Evangelisten". Warum? Hört, und ihr versteht von selbst.

 

Das Eis auf der Donau war schon "gegangen" und die damit verbundene Gefahr war glücklich vorüber. Vom Süden her weht ein wärmender Wind und die Leute in der Stadt haben oft, obwohl erst März ist, ganze halbe Tage die Fenster offen.

 

Es ist zehn Uhr vormittags. Den Hof eines dreistöckigen Hauses betrat ein hochgewachsener, ältlicher, magerer Mann in grauem, schon abgetragenem Gewand, zog aus der Tasche ein Buch hervor und sah sich nach dem Haus um, das auf allen vier Seiten des Hofes hoch in die Höhe ragte, so dass oben nur ein Quadrat des grauen Himmels zu sehen war. Fast alle Fenster im Haus standen offen.

 

Der Mann nahm den Hut ab, machte das Buch auf, bekreuzigte sich und begann mit tiefer, ernster Stimme zu lesen, dass es von den Wänden des Hauses widerhallte:

 

"Vernehmet andächtig das Evangelium des heiligen Lukas, im 16. Kapitel, 19.-31. Vers, das gelesen wird am Donnerstag nach dem zweiten Sonntag in der Fasten."

 

In allen Fenstern erschienen männliche, weibliche und Kinderköpfe. Der Hausmeister stand in der Durchfahrt, sah ernst auf den "Evangelisten", und als er zu lesen begann, zog er die Mütze vom Kopf und nahm ehrerbietig die Pfeife aus dem Mund.

 

Und der Evangelist las:

 

"In der Zeit sprach der Herr Jesus zu den Pharisäern: Es war ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und hielt alle Tage herrliche Gelage. Es war auch ein Armer, mit Namen Lazarus, der lag vor dessen Tür, voller Geschwüre. Er hätte sich gern von den Brosamen gesättigt, die von des Reichen Tische fielen, doch niemand gab sie ihm. Die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre. Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in den Schoß Abrahams getragen wurde Und es starb auch der Reiche und wurde in die Hölle begraben. Als er nun in den Qualen war und seine Augen erhob . . ."

 

(Im ersten Stockwerk verschwand eine dicke Frau vom Fenster.)

 

". . . sah er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Da rief er und sprach: Vater Abraham! Erbarme dich meiner und sende den Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge abkühle; denn ich leide große Pein in diesen Flammen! Abraham aber sprach zu ihm: Gedenke, Sohn, dass du Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus hingegen Übles; jetzt aber wird er getröstet, du hingegen wirst gepeinigt. Und über dies alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft, dass die, die von hier zu euch hinübergehen wollten, es nicht können, und die, die von dort hierher herüberkommen wollen, auch nicht können. Der Reiche sprach nun weiter: So bitte ich dich, Vater! dass du ihn in das Haus meines Vaters sendest, denn ich habe fünf Brüder, dass er ihnen Zeugnis gebe, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. Abraham sprach zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten, diese sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham! Aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, so werden sie Buße tun. Abraham entgegnete: Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufersteht."

 

"Das sind die Worte des heutigen heiligen Evangeliums. Gelobt sei Jesus Christus!" fügte der "Evangelist" ernst hinzu und schloss das Buch.

 

Von den Fenstern warfen ihm die Leute in Papier gewickeltes Geld herab. Der "Evangelist" las es auf und dankte höflich nach allen Seiten.

 

"Mama, gib mir auch etwas für den Evangelisten", bat im ersten Stockwerk ein heranwachsendes Mädchen die dicke Frau, ihre Mutter.

 

"Nichts geb` ich ihm!" rief die Frau ärgerlich. "Solche Sachen sollten überhaupt nicht geduldet werden. Er liest uns da öffentlich vor, dass wir reichen Leute einmal in der Hölle begraben werden. Ein Skandal ist das! Was werden sich die Gesellen und der übrige Pöbel im Haus denken? Sie lachen uns aus. Beneiden uns ohnedies um jedes bessere Stück. - Wenn mir der Papa nach Hause kommt, muss er es heute noch bei der Polizei anzeigen, dass sie dem berühmten "Evangelisten" das Handwerk legt. Der Kerl sagt ja einem die größten Grobheiten ins Gesicht!"

 

Der "Evangelist" dankte nach allen Seiten hin und ging.

 

"Da haben Sie auch einen Kreuzer", sagte der Hausmeister, "und kommen Sie ein andermal wieder. Ich hab` solche Andachten gern. Man bekommt so selten das Wort Gottes zu hören."

 

"Vergelt`s Gott!" dankte der "Evangelist".

 

"Heut` war das Evangelium besonders schön. Haben Sie die dicke Frau im ersten Stock gesehen, wie sie zornig vom Fenster wegging, als sie hörte, dass der reiche Prasser in der Hölle begraben worden ist?"

 

"Ich hab` nicht Zeit, mich während des Lesens umzusehen."

 

"Nun wohl. Ich hab` sie gut beobachtet. Aber sie wird dem doch nicht entgehen, wenn sie auch vom Fenster läuft. Selbst füttert sie sich mit den auserlesensten Sachen, und dem armen Menschen vergönnt sie nicht einmal den Brocken, der von ihrem Tisch herabfällt. Das steht im heutigen Evangelium ausgezeichnet! Mein Lebtag hab` ich von ihr abends fürs Aufsperren nicht mehr bekommen als einen Sechser. Nun behüt` Gott!" rief er dem "Evangelisten" nach, der soeben das Haus verließ.

 

Unten zur ebenen Erde arbeiteten einige Schuster.

 

"Wenn ich wüsst`, dass es wahr ist, was der da gelesen hat, möchte ich auch die verfluchte Armut geduldiger ertragen", sagte ein junger Geselle.

 

"Warum sollte es nicht wahr sein?" erwiderte darauf der Ältere. "Es steht ja im Evangelium."

 

"Ach was, Evangelium! Der reiche Prasser hat recht gehabt. Wenn jemand von den Toten auferstehen würde und würde mir sagen, wie es dort im Jenseits ausschaut, dann möcht` ich`s auch glauben, aber so! anderswo wenigstens hab` ich ganz andere Sachen gelesen."

 

"Ruhig!" fuhr ihn der Meister an. "Was sind das für Reden? Sind Sie denn kein Christ? Wollen Sie vielleicht dem, was der nächstbeste Zeitungsschreiber oder verdorbene Student zusammenkritzelt, mehr glauben, als dem heiligen Evangelium? Dass ich solche Reden in meiner Werkstatt nicht mehr höre!"

 

Im dritten Stock arbeiteten einige Näherinnen - junge und ältere Mädchen. Auch sie sprachen über das heutige Evangelium und endlich sagte eine belustigt: "Wir sind alle arm, wir kommen alle in den Himmel. Das ist gut!"

 

"Liebes Fräulein Mali", sagte eine ältere Näherin, sie ernst ansehend, "die Armut selbst führt nicht in den Himmel! Wer hineinkommen will, muss auch fleißig in die Kirche gehen und nicht nur spazieren."

 

Und so wurde über das Evangelium im ganzen Haus gesprochen. Verdiente also nicht jener Mann wirklich den Titel eines "Evangelisten"?

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18. Gottes Mühlen malen langsam, aber sicher - Nach einer wahren Begebenheit von Johann Heinekamp

 

Im alten Nethegau, am Fuße des Osning, liegt ein kleines, anmutiges Dörfchen. Es ist von meinem Kranz hübscher Buchenwälder umsäumt. Die Bewohner jenes Dörfchens sind schlichte, einfache Landleute, treu ihrem heiligen katholischen Glauben. An Sonn- und Feiertagen, mag das Wetter gut oder schlecht sein, lenken alt und jung ihre Schritte zu dem etwa eine Stunde entfernten Pfarrdorf. Wie könnte es auch anders sein! Wird doch den Kindern schon von frühester Jugend an tiefe Frömmigkeit seitens der Eltern ins Herz gepflanzt.

 

Eine lange Reihe von Jahren ist nunmehr verflossen, dass in jenem kleinen Gebirgsdörfchen eine ehrbare, sittsame Familie, namens Hahn, wohnte. Der Vater war ein kleiner Landwirt. Fünf Kinder, vier Knaben und ein Mädchen, bildeten die Freude und den Stolz der Familie. Die Kinder waren sämtlich wohlgeraten, hatte doch namentlich die Mutter sie von den ersten Tagen ihrer Kindheit an gelehrt, aufzublicken zu dem, der über den Sternen thront. Der älteste der Söhne, namens Dietrich, fand wenig Freude an der Beschäftigung des Vaters. Am liebsten weilte er bei der Viehherde des Dorfes. Wenn irgend möglich, ging er mit dem Dorfhirten hinaus und half ihm das Vieh weiden. Dabei beobachtete er, obgleich noch ein Knabe, mit scharfen Augen das Verhalten der Tiere und wusste schon bald über das Wohlbefinden oder Nichtwohlsein der Tiere recht gut Bescheid. Vom Vater und einem alten in der Tierheilkunde etwas erfahrenen Onkel hatte er das Erkennen mancher Tierkrankheiten erlernt und wusste sogar, welche Heilkräuter aus der Natur den erkrankten Tieren Linderung oder gar Heilung brachten. Im Alter von etwa 16 Jahren kam Dietrich Hahn mit Einwilligung des Vaters als Kutscher zu einem tüchtigen Tierarzt einer größeren Stadt. Als solcher musste er seinen Herrn oftmals hinausfahren aufs Land, wenn Viehbesitzer die Hilfe des Tierarztes in Anspruch zu nehmen gezwungen waren. Hier hatte er Gelegenheiten, von seinem Herrn zu lernen und sich manche wertvollen Kenntnisse in der Tierheilkunde anzueignen. Jahre vergingen, ohne dass Dietrich Hahn seine Stelle als Kutscher und später als Gehilfe des Tierarztes aufgegeben hätte. Nahezu 25 Jahre stand er bei seinem Herrn bereits in Diensten, als der in Folge einer Vergiftung, die er sich bei einem schwer erkrankten Tier zugezogen hatte, aus dieser Zeitlichkeit abgerufen wurde. Da sich Dietrich Hahn nicht sogleich eine neue Stelle, die ihm zusagte, wieder bot, kehrte er ins elterliche Haus zurück, woselbst sein Bruder bereits seit einigen Jahren die Bewirtschaftung des väterlichen Vermögens übernommen hatte. Nach Möglichkeit unterstützte er nun seinen Bruder bei der Arbeit; in der freien Zeit aber stellte er, falls er drum angegangen wurde, gern seine Kräfte und sein Wissen in den Dienst der Tierheilkunde. -

 

Es war ein feuchtkalter Novemberabend in einem Jahr des 19. Jahrhunderts. In der Stube des Dorfes saßen um den Tisch einer kleinen Kornbranntweinbrennerei beim trüben Lampenschein verschiedene Bewohner des Ortes, ein jeglicher vor sich auf dem Tisch ein Gläschen Schnaps. Mächtige Rauchwolken stiegen aus den kurzen Pfeifen der Gäste zur niedrigen Zimmerdecke empor. Aus den Reden der Anwesenden hätte der unbefangene Beobachter schon den Schluss ziehen können, dass das Feuerwasser bereits seinen verderblichen Einfluss auf die Gäste ausübte. Eben zeigte die Uhr die neunte Stunde, als die Stubentür sich öffnete und in der Türöffnung Dietrich Hahn erschien. Ein Bauersmann in der Nähe hatte gegen Abend noch Hahn zu einer kranken Kuh holen lassen. Nunmehr war Hahn auf dem Rückweg nach Hause begriffen und war, da sein Weg an der Brennerei vorbeiführte und er in der Stube noch Licht bemerkt hatte, eingekehrt, um durch einen kleinen Trunk seine ermüdeten Glieder zu erfrischen. Alsbald war er von den versammelten Gästen umringt und genötigt, bei ihnen am Tisch Platz zu nehmen. Es währte gar nicht lange, als bei einer Unterredung über Tierheilkunde die durch den Alkoholgenuss erhitzten Gemüter aneinander gerieten. Bald schon flogen Schimpfnamen wie "dummer Junge", "Viehdoktor", "einfältiger Mensch", usw. hin- und herüber. Um dem Zwiespalt ein Ende zu machen, verließ Dietrich Hahn bald das Gastzimmer und begab sich auf den Weg nach Hause.

 

Dichte Finsternis lagerte auf der Natur, und nur mit Mühe ist es Hahn möglich, den rechten Weg nicht zu verfehlen. Schon hat er die Hälfte des Weges zurückgelegt und will sich eben anschicken, ein schmales seichtes Wässerlein, das unmittelbar an einem Eichenwäldchen vorbeifließt, zu überschreiten, als er plötzlich angegriffen wurde. Wuchtige Hiebe fielen auf den am Boden liegenden Hahn hernieder. Ein bereits seit längeren Jahren verstorbener ehrenwerter Mann, durch den das Geschehen bekannt wurde, erzählte, dass er an dem fraglichen Abend noch gegen zehn Uhr vor der Tür seines Hauses gewesen sei und da in der Ferne ein lautes Stöhnen sowie die Worte gehört habe: "O, lasst mich doch noch einmal am Leben!" Als Dietrich Hahn am folgenden Nachmittag noch nicht wieder in seiner Wohnung angelangt war, fing man an, um sein langes Ausbleiben besorgt zu sein. Man erkundigte sich im Nachbardorf, erfuhr dort aber, dass Hahn bereits am Abend vorher sich auf den Heimweg begeben habe. Die ganze Umgebung wurde abgesucht und am Tag darauf fand man die Leiche des Vermissten. Sie lag unter einem kleinen Erlengebüsch in der Nähe des verbrecherischen Überfalls. Der ganze Körper, besonders Kopf und Rücken, wies dicke blutige Striemen auf, lauter Zeugen, dass Hahn eines gewaltsamen Todes gestorben war. Wenige Tage später wölbte sich der Grabeshügel über dem Leichnam desjenigen, der auf so tragische Weise dem Leben entrissen war. Trotz eifriger Nachforschungen der Polizei wollte sich das Dunkel, das über dem Tod Hahns schwebte, nicht lichten. Eingeweihte bezichtigten heimlich drei Männer aus dem Nachbardorf Hahns als dessen Mörder. Doch hütete sich jedermann wohl, seine Meinung über die mutmaßlichen Mörder öffentlich auszusprechen, einmal, weil die nötigen Beweise fehlten, dann aber auch, weil man die Rache der Betreffenden fürchtete. -

 

Zehn Jahre etwa waren seit dem Tod Hahns verstrichen. Es ist Sommerzeit. Vom Himmelsgewölbe lacht die Sonne freundlich auf die Mutter Erde und ihre Bewohner herab. In einem großen Steinbruch im Osning finden wir eine Anzahl Menschen beschäftigt. Unter den Arbeitenden ist auch einer namens Jakob G. Plötzlich lösten sich von der oberen Wand des Steinbruchs einige Steine von beträchtlicher Stärke und rollen in die Tiefe hinab. Während es den übrigen Arbeitern mit knapper Not gelang, sich durch einen Seitensprung zu retten, wurde Jakob G. so unglücklich von einem der Steine an den Kopf getroffen, dass er zu Boden stürzte. Eine klaffende, tiefe Wunde, aus der unaufhörlich das Blut hervortrat, zeigte sich am Kopf des Getroffenen. Fast kein Lebenszeichen war an dem Verunglückten wahrzunehmen. Fortwährend wusch man ihn mit kaltem Wasser. Nach einiger Zeit gab er schwache Lebenszeichen von sich. Nachdem man, so gut es ging, ihm einen Notverband angelegt hatte, schickte man sich an, den Verunglückten ins nahe Dorf zu transportieren. Inzwischen war seine Besinnung zurückgekehrt. Als Jakob G. merkte, was seine Arbeitskollegen beabsichtigten, fing er langsam zu reden an: "Es ist mit mir vorbei. Macht euch keine Arbeit mehr mit mir. Ich - sterbe. Ich musste so enden; denn - ich - bin - einer - der Mörder - - - Dietrich Hahns. - Gott ist - gerecht!" Mit diesen Worten hauchte der Unglückliche seinen Geist aus. Furcht und Zittern ergriffen bei dieser Selbstanklage Jakobs G. die Anwesenden. Alle knieten an der Leiche nieder, um ein andächtiges Gebet für den so plötzlich aus dem Leben Gerissenen zu verrichten, damit der gerechte und allgütige Gott seiner Seele ein barmherziger Richter sein möge. So hatte einer der Mörder Dietrich Hahns seine Teilnahme an dem Verbrechen mit dem Tod gesühnt.

 

Wiederum war es Sommer. Längst schon waren die sterblichen Überreste Hahns in dunkler Gruft vermodert und der Grabeshügel über dem Toten eingefallen, da traf aus dem Süden der Monarchie nachstehende Kunde in dem Gebirgsdörfchen am Fuß des Osning ein: "Auf der doppelgleisigen Bahnstrecke der . . . Eisenbahn trug sich heute Vormittag ein tödlicher Unfall zu. In einer Kurve der fraglichen Eisenbahn bemerkte der Lokomotivführer eines Personenzugs zwischen den Stationen X und Y auf dem Bahnkörper einen Mann.  Der Beamte zog wiederholt die Dampfpfeife, indes der Mann ruhig seinen Weg fortsetzte. Trotzdem der Führer Gegendampf gab, konnte er wegen des starken Gefälles den Zug nicht zum Stehen bringen und so nicht verhindern, dass der Mann überfahren wurde. Auf der Station angekommen, machte der Beamte sofort von dem Vorfall dem Stationsvorsteher Mitteilung. Alsbald wurden Leute ausgesandt, den Bahnkörper abzusuchen. Bald schon fand man den Verunglückten. Durch einen Stoß der Lokomotive in den Rücken war der Mann aus dem Gleisgeschleudert und mit dem Kopf auf eine Eisenbahnschiene des Nebengleises gefallen. Ein Bein war ihm von dem dahinbrausenden Zug unterhalb des Knies abgetrennt worden. Die ärztliche Untersuchung des Leichnams ergab, dass der Tod durch den Stoß und das Aufschlagen des Kopfes auf die Eisenbahnschiene sofort eingetreten war."

 

Wer war der Verunglückte? Es war Kaspar N., gebürtig aus dem erwähnten Dörfchen am Fuß des Osning, einer der Mörder Dietrich Hahns.

 

Zurückgezogen von den Menschen, lebte seit mehreren Jahren in einem einsamen Gebirgsdörfchen, in das sich selten ein Fremder verirrt, hart an der Grenze des Reiches, bei entfernten Verwandten ein Mann, namens Xaver G. Die Leute seiner Heimat wollten wissen, dass Xaver G. Grund habe, sich fern von der Heimat aufzuhalten, sich überhaupt von den Menschen zurückzuziehen; glaubte man doch allgemein, dass dieser Mann um die Ermordung Hahns wissen müsste, wenn er nicht gar Teilnehmer an ihr gewesen sei. Sein Haar war bereits "gebleicht von der Fülle der Jahre". Als der sonst ziemlich schweigsame Man von dem Tod Kaspars N. Kenntnis erhielt, war er noch viel schweigsamer geworden. Ängstlich hatte er seit dieser Zeit die Gesellschaft der Menschen gemieden. Sein scheuer, unsteter Blick verriet, dass irgendeine Last auf seiner Seele ruhe. Seit jener Zeit hatte er sich auch dem Trunk ergeben. Eines Tages war der Alte plötzlich verschwunden. Auf dem Tisch seines Zimmers fand man am folgenden Tag einen Brief nachstehenden Inhalts: "Ich gehe freiwillig in den Tod. Das Leben ist mir eine Qual, da ich nirgends mehr Ruhe finde. Den Tod habe ich verdient; denn ich habe an der Ermordung Dietrich Hahns teilgenommen." Kurze Zeit später fand man in einem Fluss die Leiche des Vermissten. Er hatte seinem Leben durch Ertränken ein Ende gemacht. So hatte die Mörder Dietrich Hahns, den einen früh, die andern spät, die gerechte Strafe für ihr Verbrechen durch den eigenen schrecklichen Tod ereilt. "Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher."

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19. Zu neuem Leben erstanden - Von Elsbeth Düker

 

Auch das heilige Köln machte schon Frühjahrstoilette; Bäume und Sträucher hatten wieder ihr zartgrünes Kleid gewählt. Auf den vornehmsten Straßen, den verschiedenen "Ringen" promenierten frühlingsfrohe Menschen und atmeten mit Behagen die frische Luft ein.

 

Der herrliche Tag, der lachende Sonnenschein lugte durch die Fensterscheiben eines stattlichen Hauses am Neumarkt, vor denen ein kleiner Junge stand und sehnsüchtig hinunterschaute auf den weiten Platz, wo jauchzende Kinder spielten. Der arme kleine Georg! Er war so einsam, seitdem er vor kurzem sein liebes Mütterchen durch den Tod verloren hatte. Der Vater war entweder in Geschäften tätig oder er hing seinen melancholischen Gedanken nach; er sehnte sich nach seiner heißgeliebten Frau, die nun für immer von ihm gegangen war. In seinem Schmerz hatte er bis jetzt so wenig sich um seinen kleinen Buben gekümmert. Er dachte in selbstsüchtigem Harm nicht daran, dass auch sein Söhnchen die weiche Hand und das treue Herz der Heimgegangenen misste - o so sehr!

 

Der Vater sah jetzt sein einsames Bübchen am Fenster stehen und rief es zu sich her. Dann nahm er es auf seine Knie und er fühlte zum ersten Mal, dass er das Vermächtnis seiner seligen Frau bis jetzt vernachlässigt habe. 

 

"Vater, ist Mama immer noch tot?" fragte jetzt zutraulich geworden der Kleine, und er wusste nicht, welche Sehnsucht die einfache Frage ausdrückte. Die schmerzende Wunde im Herzen des Mannes war leise berührt, das verrieten die großen Tropfen, die allmählich in seiner Augen aufgestiegen waren.

 

"Willst du mit mir ausgehen, Georg?" fragte der Vater, in dem er seine Frage unbeantwortet ließ und ihn wie sich selbst auf andere Gedanken zu bringen suchte.

 

"O ja, Vater, wie mit Mama", rief das Kind, das immer an seine Mutter zu denken schien.

 

Bald erschienen beide auf dem freien Platz, gingen die Richmondstraße entlang und spazierten durch die engen Geschäftsstraßen der Altstadt. Der Kleine hüpfte dem Vater voran, lebhaft und kindlich plaudernd, als habe er noch keinen Schmerz empfunden. Plötzlich bog der Junge, wie selbstverständlich, in ein Seitengässchen, ohne sich nach dem Vater umzusehen. Der Vater folgte ihm erstaunt und neugierig, wohin ihn der Kleine führen wolle. Jetzt schlüpfte er in eine schmale Tür, die in den Vorhof einer ziemlich versteckten Kirche führte. "Maria in der Kupfergasse" war die Lieblingskirche von Georgs seliger Mutter gewesen, und stets hatte die Fromme Frau dort Einkehr gehalten, wenn ihr Weg sie in die Stadt geführt hatte. 

 

"Georg, mein Junge, wohin führst du mich denn?" fragte der Vater.

 

"In die Kapelle zur Mutter Gottes, wohin die Mama mich immer mitgenommen hat", sagte der Kleine.

 

"Aber, was tatet ihr denn dort zusammen?" fragte der Mann, um seine Rührung zu bezwingen. 

 

"O, wir beteten für dich, immerzu, immerzu", antwortete der Kleine, während er schon sein Käppchen abnahm und den Vater an der Hand hineinzog in den andachtswarmen Raum.

 

Der kleine Georg schien in diesem Heiligtum zu Hause zu sein. Dreist ging er dem Vater voran, nahm Weihwasser und kniete dann nieder, wobei er kein Arg darin hatte, dass er dem Hochaltar den Rücken kehrte. Er klopfte so lange an seine kleine Brust, bis es ihm genug schien. Dann schlich er zum Gnadenbild der Mutter Gottes, das, in einem eigenen kleinen Kapellchen hinter einem Gitter, das auch den Altar einschloss, zu sehen war. Schweigend folgte ihm sein Vater; ihm war so eigen zumute, und wieder glaubte er die Stimme seines Kindes zu hören: "Wir beten für dich immerzu, immerzu." Sie traten nun in die Kapelle, wo stets einzelne Beter tagsüber zu finden sind, die besondere Anliegen an die liebe Gottesmutter haben.

 

Mit tränenreichen Blicken sah der Vater seinen kleinen Buben vor dem alten Gnadenbild der Mutter Gottes knien. Hier also hatten die beiden, seine selige Frau und sein Söhnchen, oft für ihn gebetet und er ahnte es nicht; vielleicht betete sie jetzt am Thron Gottes wieder für ihn, indes ihr kleiner Engel sie auf Erden unterstützte. Er hatte ihr viel Kummer gemacht durch sein wenig religiöses Leben. Zwar war er kein Trinker oder grober Sünder gewesen - aber der liebe Gott war bei ihm doch immer erst in zweiter Linie gekommen. Er war kein eifriger Katholik gewesen - leichte Ware, die ein Windstoß verweht hätte. Seine gute Frau war das Gegenteil: mit zielbewusstem Streben suchte sie zuerst "was droben ist".

 

In tiefer Betrachtung stand der geprüfte Mann an der Gnadenstätte der Mutter Gottes. Die Frucht des Gebetes seiner seligen Frau war heute gereift in dem Vorsatz seiner Besserung. In der Seele des lauen und gleichgültigen Mannes war die Gesinnung des verlorenen Sohnes erwacht, die sich in dem Gedanken zeigte: "Die österliche Zeit ist da, ich werde zu den heiligen Sakramenten gehen."

 

Tiefgerührt, das Herz mit stillem Frieden erfüllt, verließ der Vater mit seinem kleinen Sohn die Gnadenkapelle "Maria in der Kupfergasse". Der Junge ahnte nicht, dass sein kindliches Gebet für den Vater erhört war.

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20. Als es zum Beten läutete

 

Am Ende der großen Wiese, wo der flinke Hellbach nach der letzten Krümmung in gradlinigem Lauf seine stärkste Strömung entwickelt, klappert Tag für Tag in ununterbrochenem Wechsel das alte Mühlenrad und hält nur langsam still, wenn es zum Andenken an die gnadenreiche Verkündigung des heiligen Engels im trauten Stübchen zu Nazareth vom Turm zum Englischen Gruß läutet. Es müsste wirklich merkwürdig zugehen, wenn der treue Müllerhannes, der, wie die graue, strohgedeckte Mühle, selbst ein Erbstück aus guter alter Zeit, je darauf vergäße. 

 

Zwar dem jungen Müller, der nach dem frühen Tod seines Vaters auf dem Erbe wirtschaftet, ist das Beten nicht sonderlich angenehm und sähe es schon lieber, wenn statt des "zeitraubenden Geplärres" ein Sack Mehl mehr den langen Kollergang hinabglitte.

 

Aber der wackere Hannes lässt in diesem Punkt nicht mit sich spaßen: "Bete und arbeite, so heißt`s im heiligen Buch Gottes", erwiderte er fest, "sollt` euch schämen, Müller, dem Herrgott und seiner Lieben Mutter, die uns allen ein glückselig Sterbestündlein erbitten möge, das wenige Gebet nicht zu gönnen. Es ruht ein Segen darauf, Herr! Ja, früher beim Vater und Großvater selig wurde es besser in Ehren gehalten und gab`s damals auch nicht soviel Misswachs und Überschwemmung als heute. Ja ja - das ist so meine Meinung, und der alte Hannes weiß schon, was er denkt."

 

Wäre der alte Hannes fünfzig Jahre jünger gewesen, würde er sich vielleicht über die spöttischen Antworten seines Brotherrn, die stets darauf zu folgen pflegten, geärgert haben, so aber hat er nur ein mitleidiges Lächeln dafür, geht bedächtigen Schrittes nach dem Mahlgang und pfeift dabei den alten Reim

 

Mühlenräder müssen geh`n

Und sich in der Runde dreh`n.

 

Glühendheiß geht der lange Sommertag zur Rüste. Die milde Luft duftet nach Jasmin; im flirrenden Sonnenglanz tanzen bunte Libellen, tollen die kleinen Mücken und spiegeln sich in der kristallhellen Flut. Kein Windhauch trübt die stillen Wasser. In poetischer Ruhe liegt die alte Mühle im kühlen Schatten der hohen Ulmen.

 

Tack, tack - tack, tack - ! In gleichförmigem Tonfall singt das Mühlenrad sein altes Lied.

 

Sonst ist`s still. Doch nicht lange. Die hintere Gartentür öffnet sich und einen Jubelruf ausstoßend, kommt das kleine dreijährige Söhnchen des Müllers heraus, läuft mit seinen Kurzen Beinchen auf die Wiese und hascht nach den Schmetterlingen und den blauen Blumen, die am Bachrand blühen! Wird die liebe Mama eine Freude haben, wenn er einen großen Strauß davon nach Hause bringt!

 

Bubi, Bubi, gib acht! Der Wassermann lauert im nassen Grund. Umsonst! Schon ist er behende auf den querliegenden Stamm einer Weide geklettert, um ans andere Ufer zu gelangen - da ein Rutschen, ein knackendes Brechen und klatschend schlagen die Wogen über dem armen Knaben zusammen. - -

 

Im selben Augenblick kommt der Müller und will nach dem Knaben sehen. Spähend irren seine Augen über den Wiesenplan, da taucht ein blondes Köpfchen aus dem stark angeschwollenen Bach empor. Ein Angstschrei, so furchtbar, wie nur eine Vaterbrust ihn je ausstieß, entringt sich seiner Brust.

 

Die nächste Sekunde sieht den Müller im Wasser, um sein einziges Kind zu retten; allein er kann es nicht mehr fassen, und die rasch fließende Strömung treibt es mit großer Geschwindigkeit dem Mühlenrad zu. "Herrgott - wenn wenigstens das Wehr nicht geöffnet wäre." Aber schon ist der Kleine hindurch - noch ein Moment und das wuchtig schlagende Rad muss den Knaben zerschmettern. Dem verzweifelnden Vater stockt der Atem, er streckt die Arme weit von sich und schließt die Augen, um das Entsetzliche nicht zu sehen.

 

Inzwischen hat es angefangen, zum "Engel des Herrn" zu läuten. Der alte Hannes, der in der Mühle die Aufsicht führt, und von dem Vorgefallenden nicht die geringste Ahnung hat, stellt das Rad ab, um seiner schönen alten Gewohnheit getreu in Ruhe und Andacht den "Englischen Gruß" zu beten. Das gewaltige Rad beschreibt noch eine halbe Umdrehung und steht dann still - just in dem Augenblick, als das Knäblein vor die Schaufeln getrieben wird, welche ihm nun anstatt zum Verderben zum rettenden Stützpunkt werden. 

 

Seit diesem schrecklichen Abend ist der freigeistelnde Müller ein anderer geworden, und der "Englische Gruß" sowie die übrigen Gebete und frommen Übungen sind, wie bei den Vorfahren, in der alten Bachmühle wieder hoch zu Ehren gekommen.

 

"Bittet und ihr werdet empfangen", spricht der Herr der Heerscharen, "und wer getreu ist, dem werde ich den Lohn geben."

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21. Mater dolorosa - Von Silesia

 

In meiner Kindheit sah ich die stille, blasse Frau eines höheren Beamten vor dem Altar der Schmerzensmutter knien, und mein Kindersinn konnte es nicht begreifen, was sie wohl wieder und immer wieder der mater dolorosa anzuvertrauen habe. Glaubte sie sich unbeobachtet, dann rang sie im bitterem Schmerz die Hände, und nicht zu zählen mögen die Tränen sein, die sie an jener heiligen Stätte vergoss. So viel begriff mein kindlicher Verstand, dass es ein großes schweres Leid sein müsse, das das Herz dieser Frau bedrücke.

 

Jahre waren vergangen, viele Jahre, als ich wieder einmal in jenem trauten Gotteshaus kniete, um dem Gang der heiligen Messe zu folgen. Da tönte das Kommunionglöckchen durch den weiten Raum. Meine Blicke hoben sich, und ich sah jene blasse, stille Frau, die ich einstens so häufig vor dem Altar der schmerzhaften Mutter betend gesehen, dem Ruf des Glöckleins Folge leisten; doch sie ging nicht allein zur Kommunionbank. An ihrer Seite schritt ein hochgewachsener Herr, der offenbar ihr Gatte war. Beide, Mann und Frau, empfingen mit großer Andacht das Brot des Lebens; dann wandten sie sich dem Altar der Schmerzhaften Mutter zu. Mein Blick suchte das Antlitz der Frau; das Alter hatte seine Linien hineingezeichnet; es war noch blasser, noch verhärmter wie ehedem. Heute aber war eine selige Freude über die Züge ausgegossen und die Tränen, die ihren Augen entströmten, waren Freudentränen. Der Mann neben ihr betete inbrünstig, es waren wohl Gebete des Dankes, die aus beider Herzen zur mater dolorosa emporstiegen. Dann wandten sie sich um und leise verklangen ihre Schritte im Kirchenraum.

 

Lieber Leser, deine Teilnahme ist vielleicht erwacht. Du möchtest erfahren, welcher Art das Leid war, das das Herz jener Frau so lange bedrückte und das Gott allem Anschein nach von ihr genommen hat?

 

Ich erfuhr darüber Folgendes. Bald nachdem die Frau dem Mann in bevorzugter Lebensstellung die Hand zum ehelichen Bund gereicht hatte, musste sie zu ihrem namenlosen Kummer erfahren, dass ihr Gatte einer traurigen Neigung verfallen, nämlich ein heimlicher Gewohnheitstrinker sei. Diese traurige Erkenntnis, das große, unendliche Weh, das darüber ihr Herz erfüllte, ließ sie Zuflucht suchen bei der Mutter der Schmerzen. Nicht nachlassend im Gebet und heißem Flehen, wurde ihr die Kraft, in Geduld und Liebe auf ihren Gatten einzuwirken, dass es mit ihm nicht gänzlich bergab ging. Dem felsenfesten Vertrauen zur mater dolorosa dankte sie es, dass es ihr gelang, die zehn Kinder, die Gott ihr gegeben hat, brav und gut zu erziehen. Und nun, nachdem sie fünfundzwanzig Jahre lang unablässig gebetet, geweint, gerungen, ihre Schmerzen immer wieder mit denen der Schmerzensmutter vereinigt hatte, war es ihr beschieden, das Herz ihres Gatten vom Strahl der Gnade erleuchtet zu sehen. Endlich hatte er für alle Zeit der bösen Leidenschaft entsagt, den Weg zum Verderben verlassen. 

 

Ein schönes Beispiel beharrlichen Gebetes und ein Beweis dafür, dass das Herz der Mutter des Erlösers, das selbst in ein Meer der Schmerzen versenkt war, sich in Liebe allen jenen zuneigt, deren Seele erfüllt ist vom bitteren Wehe der schweren Nöte dieses Lebens.

 

Die Mutter der Schmerzen heilt unseren Schmerz,

Die Mutter der Freuden winkt himmelwärts,

Und zeigt nach der irdischen Dornenkron`

Uns droben den süßen, seligen Lohn!

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22. Die alte Pfründnerin - Von Silesia

 

Es ist in der vierten Nachmittagsstunde und in der "großen Stube" des St. Georgspitals der alten Seestadt kreist die Kaffeekanne. Zwölf bis vierzehn Mütterchen, deren Alter gut sieben Jahrhunderte repräsentieren, sitzen um einen langen Tisch und laben sich an dem braunen Trank aus der Levante. Die Zünglein stehen dabei nicht still. Es sind längst vergangene, schon oft gehörte Geschichten, die sich die alten Frauen erzählen. Von was sollen sie sich auch unterhalten? Die Zukunft macht ihnen keine Sorge, die Gegenwart ist ihnen größtenteils unverständlich - da bleibt nur die Vergangenheit, in die sie sich versenken. Oftmals werden die Erzählungen von schweren Seufzern unterbrochen; - ach, sie alle haben gelitten und gestritten im Leben, und manches Mutterherz schlägt hier, dem einstens arg zugesetzt wurde. Andere empfinden es schwer, im Spital zu sein. Manche bittere Äußerung über Kinder und Kindeskinder hat die braune Kaffeekanne schon angehört.

 

Während die alten Frauen auch heute ein kleines Wortgefecht führen, sitzt Mutter Jagemann, wie gewöhnlich, still unten am Tisch und strickt. Sie macht eine Ausnahme von den Pründnerinnen, die gute und alte Frau, im Äußern wie im Innern. Auf ihrem freundlichen Antlitz liegt tiefer Seelenfriede. Die sanften, brauen Augen blicken still. Ein Ausdruck liegt in ihnen, der von Sehnsucht spricht und Erwartung. Über das feine blasse Antlitz breitete sich ein Hauch von Wehmut, aber eine ergebungsvolle, , eine in Gott gegründete. Auch ihr Anzug sticht vorteilhaft von dem ein wenig nachlässigen der andern ab. Es scheint beinahe, als habe Mutter Jagemann sich für jemand geschmückt, so sauber und nett sieht sie aus in dem blaugeblümten Kattunkleid, das den Schnitt zeigt, wie man die Frauenkleider vor fünfzig Jahren getragen. Tadellos ist das bunte seidene Brusttuch gefaltet, und die zweite Schürze aus blauem Tibet reiht sich in weichen Falten um die Taille des Mütterchens. Den schneeweißen Scheitel deckt ein Tüllhäubchen mit kornblumenblauer, unter dem Kinn geknüpfter Schleife. 

 

Mutter Jagemann hat sich mit keinem Wort an der Unterhaltung beteiligt. Langsam und vorsichtig gleiten die Nadeln durch ihre Finger. - Es ist ein Männerstrumpf, an dem sie strickt. Zwölf Paar solch dauerhafter Gefüge liegen droben in ihrem Stübchen, wohlverwahrt in der buntbemalten Truhe, die alle Sachen, ihrem Jüngsten gehörig, enthält.

 

Ja, ja, sie muss stricken. Wenn ihr Klaus erst heimkommt, wird er abgerissen sein, sehr abgerissen. Mutter Jagemann kennt das, dann soll er sein Zeug aber auch in Ordnung finden. Wenn er erst heimkommt. Ganz leise seufzt Mutter Jagemann. Dann aber blickt sie wieder hoffnungsvoll. Ja, sie lächelt sogar ein wenig, als Mutter Gattinger, die lauteste der Gesellschaft, zum so und so vielten Male erzählt, welch schweres Herzeleid ihr Ältester ihr zugefügt hat, dass sie froh sei, ihn im Grabe geborgen zu wissen. Herzeleid? O nein, das hatte ihr weder ihr Mann, noch ihre drei Jungen zugefügt, und wenn der Klaus, ihr Jüngster heimgekehrt ist, dann soll es ein Leben geben. O, sie weiß es, auf Händen wird er seine alte Mutter tragen. - Dann verlässt sie auch das Spital wieder. Drunten am Haff wird sie mit ihm wohnen in dem Häuschen, darein sie als Braut zog, allwo sie als junge Frau lebte, ihre drei Buben großzog, und von wo aus sie gleich ihrem Vater hinausgingen auf das weite, weite Meer. Das Häuschen am Haff, es hat ihr Glückgeschaut, aber auch ihren Schmerz. Leicht war es nicht, den Mann hinzugeben und die beiden stattlichen Söhne. Draußen die Wellen haben sie verschlungen. O, sie weiß es noch so genau, als ihr Gatte, der Lotse, sich in jener furchtbaren Sturmnacht hinauswagt, um einem Schiff, das in den Hafen einlaufen wollte, den sicheren Weg zu zeigen. Sie hat den braven Mann niemals wiedergesehen; Boot und Lotse wurden eine Beute der Wasserwogen. Und dann der Johann und der Peter. Wackere Jungen. Es war eine schwere Stunde, als der Kapitän von der Austria damals bei ihr eintrat und ihr meldete, dass ihre Söhne draußen im Stillen Ozean ihr Leben gelassen haben, als das Schiff nahe dem Untergang war und sie durch das stärkste Sturmesbrausen mit Heldenmut die Passagiere ans Land retteten. - Eine Sturzwelle verschlang die blühenden Leben.

 

Damals war Mutter Jagemann nahe daran, zusammenzubrechen. Doch sie war eine tapfere, brave Seemannsfrau, eine heroische Mutter: ihr Gatte, ihre Söhne waren Helden und Opfer ihrer Pflichttreue geworden, durfte sie da weinen und klagen? "Der Herr hat`s gegeben, der Herr hat`s genommen", betete sie damals, senkte ergebungsvoll ihr Haupt und trug ihr Schicksal, wie es sich für wahre Christen ziemt. Mutter Jagemann war ja auch noch nicht gänzlich vereinsamt, noch besaß sie ihren Jüngsten, ihren Klaus, das Kind ihres Herzens.

 

"Mutting, red` was du willst, ich muss hinaus auf die See", hatte der siebzehnjährige, blondlockige Bursche erklärt, als die Mutter ihn fragte, ob er nicht im Land bleiben und ein Handwerk lernen wolle.

 

"Bist eben ein Seemannskind", sagte sich in ihr Schicksal ergebend die Mutter und ließ auch ihren Jüngsten hinaus aufs Meer, das ihr Glück verschlungen hatte. Auf einem Kauffahrteischiff, das nach Westindien ging, machte er seine erste Reise.

 

"Mutting, behüt` dich Gott", hatte er vom hohen Mast aus noch grüßend gerufen, "in ein paar Jahren sehen wir uns wieder, und dann gibt`s ein frohes, herrliches Leben."

 

Vierzig Jahre sind seit dem Herbstmorgen vergangen, da die "Möve" in See ging, aber bis zum heutigen Tag kehrte sie nicht wieder. "Verschollen", stand in den Schiffsregistern über das stattliche Schiff und seine Besatzung eingezeichnet. "Sie kehrt zurück!" klang es in Mutter Jagemanns Seele wieder. "Auf Wiedersehen!" hatte ihr Klaus gerufen, und er war treu und verlässlich, ihr Jüngster.

 

Seit langen, langen Jahren wartet Mutter Jagemann auf ihren Klaus.

 

Als sie noch jung war, ging sie Tag für Tag zur bestimmten Stunde, wenn die Schiffsglocke läutete, hinab zum Hafen, hoffend, dass die "Möve" käme.

 

Jedes Mal ging ein weher Zug über ihr Antlitz, wenn ihre Hoffnung getäuscht wurde; doch nur einen Augenblick, dann tröstete sie sich auf "morgen".

 

Lange Jahre hatte Mutter Jagemann es so getrieben. Immer noch wohnte sie in dem Häuschen am Haff. Als sie alt und gebrechlich geworden war, machte der Vorstand der Kauffahrteigesellschaft, der für sie sorgte, den Vorschlag, ihr das Häuschen abzumieten und sie dafür ins St. Georgspital einzukaufen. Mutter Jagemann war zufrieden.

 

"Es ist ja gleich, wo ich auf meinen Klaus warte, und wenn er wiederkommt, dann erhalte ich mein Häuschen zurück, nicht wahr, Herr Vorstand?" bat Mutter Jagemann in der stillen Weise, die ihr in den Jahren des Harrens zu eigen geworden war.

 

Man stand der guten Alten alles zu, und so zog sie in das Spital. 

 

Nahezu zehn Jahre lebte sie nun hier. Still, einsam, betend, stickend - wartend.

 

Immer noch plauderten die Frauen beim Kreisen der Kaffeekanne in der großen Stube des St. Georgspitals und Mutter Jagemann saß still neben ihnen, stickend, tief in Gedanken verloren.

 

"Mutter Jagemann, es geht auf vier Uhr!" schrie Mutter Gattingers Stimme dazwischen, und wirklich rasselte die alte, große Kastenuhr ihre vier Schläge herunter.

 

"Dank euch, Mutter Gattinger", sagte stillfreundlich Mutter Jagemann und rollte ihr Strickzeug zusammen. Dann ging sie hinaus, langsam zwar, aber doch mit einer gewissen Hast, wie sie freudige Erwartung erzeugt.

 

"Ein bisschen hintersinnig", meinte Mutter Gattinger und zeigte auf die Stirn.

 

"Aber gut, gut", begütigten die andern und steckten die wackeligen Köpfe zusammen, und lächelten und flüsterten über die törichte Mutter Jagemann, die nach vierzig Jahren noch noch auf ihren Klaus warte, da das Schiff gewiss schon lange auf dem Meeresboden liege und er mit ihm.

 

Mutter Jagemann aber schritt inzwischen durch den Spitalgarten mit den alten, herrlichen Bäumen hinauf zu der Terrasse, die einen Ausblick hinab ins Haff gewährte. Ob die Schiffsglocke heut` ertönen wird?

 

Lange steht Mutter Jagemann und blickt hinaus in die Ferne. Dort drüben wogt das unermessliche Meer. Ob ihr Klaus heut` wohl kommen wird? Es ist ihr so eigen, so hoffnungsfreudig zumute, als müsste heute, gerade heute, ihre Erwartung sich erfüllen. 

 

Drüben in den Ulmen ruft eine Nachtigall. Syringenduft umfächelt das liebe, alte Gesicht, das gespannt hinausblickt ins Weite. Vom Haff her, in dessen Wellen sich die Sonnenstrahlen brechen, weht eine frische Brise: Frühling ist`s, goldener Frühling.

 

"Klaus, mein Klausing, kommst du nicht?" flüstert die Alte und hält schützend die Hand vor die Augen.

 

Dort, dort drüben erscheint ein Schiff. Frohe Erwartung hemmt Mutter Jagemann den Atem. Wird die Schiffsglocke ertönen? Gespannt lauscht Mutter Jagemann. Doch kein Glockenzeichen ertönt.

 

Langsam, ohne sich dem Hafen zu nähern, gleitet das Schiff am fernen Horizont vorüber. Wieder ist die Erwartung der guten Mutter zunichte geworden; ihr Klaus ist nicht gekommen. 

 

Müde und erschöpft sinkt sie auf der Moosbank am Rande der Böschung nieder. Doch nicht lange hält die Enttäuschung an.

 

"Morgen ist wieder ein Tag", flüstert sie und zieht den Rosenkranz hervor, "ich will für meines Jungen glückliche Heimkehr beten."

 

Drüben wogt das unermessliche Meer. Zu Häupten der treuen Mutter singt die Nachtigall. Akazienblätter fallen leise auf den weißen Scheitel und der Abendwind fächelt kosend die welke Wange. Sie merkt von alledem nichts, die gute Alte. Sie betet um die Rückkehr ihres Sohnes.

 

Wer vermag es zu ergründen in seinen Tiefen, das treue, hoffnungsvolle, opferfreudige, vertrauende, in seiner Liebe ewig jungbleibende Mutterherz?

 

Droben aber, in lichten Himmelshöhen harrt die Seele eines braven, rechtschaffenen Sohnes der seiner treuen Mutter. Nicht lange wird es währen, dann sind sie vereint; es wird dann ein Wiedersehen gefeiert, dem keine Trennung mehr folgt.

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23. Warum der Teichbauer wieder fastete - Von Franz Wienhold

 

Hart am Rand eines kleinen Sees lag ein stolzes Bauerngehöft. Fruchtbare Ackerbreiten und saftige Wiesen verkündeten den Wohlstand ihres Besitzers. Als der Teichbauer vor einigen Jahren den schönen Hof angetreten hatte, galt er allgemein als ein guter Katholik. Seine Eltern hatten ihn streng und fromm erzogen; obwohl sie mit irdischen Gütern reich gesegnet waren, lebten sie einfach und bescheiden: Üppigkeit und Schwelgerei waren ihnen im Grund des Herzens verhasst. Oft nannte der Vater die Stelle der Heiligen Schrift: "Schon viele sind durch Unmäßigkeit gestorben, wer sich aber beherrscht, verlängert sein Leben." (Jesus Sirach 37,31) und "Es ist gut zu beten und zu fasten" (Tobit 12,8)

 

Wer mit dem Landleben vertraut ist, weiß, dass dem Landmann die Lebensmittel reichlicher zu Gebote stehen als dem Städter; besonders zur Zeit des Einschlachtens gibt es in den Bauernhäusern überaus reichliche Fleischvorräte. Die Versuchung tritt dann leicht an manchen heran, besonders im Genuss von Fleisch das rechte Maß zu überschreiten.

 

Dieser Teufel hatte es auch auf den jungen Teichbauer abgesehen. "Ja", sprach er eines Tages, "alle Gebote der Kirche lass ich mir gefallen, aber das Fasten- und Abstinenzgebot ist doch zu streng. Wie kann man nur verlangen, vierzig Tage lang zu fasten. Und je länger er über die Zweckmäßigkeit des Fastens nachdachte, kam er zu der Ansicht, dass das Fasten eine zu große Last für den Menschen bedeute, auch nicht mehr recht zeitgemäß sei. In der benachbarten Stadt freundete er sich um diese Zeit zum Unglück noch mit einigen leichtfertigen Menschen an, die ihn in seinen falschen Ansichten noch bestärkten. Schließlich kam es so weit, dass der Teichbauer nicht mehr fastete, obwohl er kräftig und gesund war und in der Fastenzeit auch keine schweren Arbeiten zu verrichten hatte. Seine fromme Frau suchte ihn umsonst auf andere Wege zu bringen. Sie wies darauf hin, wie immer wieder in der Heiligen Schrift das Fasten vom Menschen verlangt werde als ein Fortschritt im Tugendleben, weil das Fasten den Körper unter die Botmäßigkeit des Geistes bringt, vor der Sünde bewahrt, gegen Versuchungen stärkt und ein wichtiges Mittel ist, die Sündenstrafen abzubüßen. Allein der Teichbauer blieb taub gegen diese heilsamen Ermahnungen. "Vierzig Tage lang fasten und dazu vor allen Dingen nur einmal am Tag Fleisch essen dürfen, das ist zu viel verlangt", sagte er.

 

Eines Tages kam er auf den Gedanken, mal eine Reise nach Berlin zu machen. Gedacht, getan. Nachdem er verschiedene Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt in Augenschein genommen und gebührend bewundert hatte, war er hungrig geworden, und er suchte sich deshalb ein Gasthaus aus. In kurzer Zeit entdeckte er ein einfach, aber reinlich aussehendes Gasthaus. "Das sagt mir schon zu", murmelte er in seinen Bart, "besser wie die Bierpaläste, wo man sich als Bauersmann zu beengt fühlt." Er trat ein und forderte ein ordentliches Mittagessen mit einem tüchtigen Stück Braten. Wie erstaunte er aber, als man ihm bedeutete, Fleisch werde hier überhaupt nicht verabreicht, es gebe nur Pflanzenkost. Das Gasthaus sei nämlich eins für Vegetarier, d.h. für Leute, die das ganze Jahr hindurch keine Fleischspeisen genießen, weil sie den Genuss von Fleisch für ungesund halten. Neugierig ließ sich der Teichbauer ein Essen geben und fand zu seinem Erstaunen, dass es ganz schmackhaft war. Neben ihm saß ein Herr mit roten Wangen, der gar nicht aussah, als ob er infolge schlechter Nahrung an der Auszehrung litt; mit gutem Appetit nahm auch er eben sein Mahl ein. Der Teichbauer konnte es nicht unterdrücken, ihn zu fragen, ob er das ganze Jahr hindurch sein Mahl in diesem Gasthaus einnehme. "Jawohl", war die Antwort, "es sind hier sehr viele, die aus Gesundheitsrücksichten das ganze Jahr lang keinen Bissen Fleisch zu sich nehmen und sich doch dabei ganz wohl fühlen."

 

Nachdenklich saß der Teichbauer da. Er dachte daran, dass er so oft gesagt hatte, Fasten und Abstinenz sei nicht mehr zeitgemäß, und nun musste er sehen, wie in Berlin viele aus rein irdischen Beweggründen das ganze Jahr Abstinenz üben.

 

"Diese Leute legen sich freiwillig eine hundertmal schwerere Last auf, wie es die katholische Kirche ihren Kindern gegenüber tut, jene tun es der Gesundheit des Leibes halber, die Kirche aber verlangt das kleine Opfer mit Rücksicht auf das Seelenheil ihrer Kinder", dachte der Teichbauer reumütig.

 

Als er wieder nach Hause kam, fand er das Fasten ganz in Ordnung. Seiner darüber erstaunten Frau erzählte er dann zur Erklärung die Geschichte vom vegetarischen Gasthaus in Berlin.

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24. Eine ergreifende Erstkommunion

 

Der Weiler Graverolles war ein Inselchen in der Seine, von etwa vierzig Seelen bewohnt. Er besaß eine Notkirche, worin der Vikar von Rigny die heilige Messe las. Der kleine Peter Ibureau diente ihm. Er war elf Jahre alt und sollte im Mai 1910 zur ersten heiligen Kommunion gehen.

 

Als er am Morgen des 28. Januar 1910 auf dem Schulweg nach Rigny die Brücke überschritt, bemerkte er, dass die Seine seit dem Vorabend noch gestiegen war. Als er nach vier Uhr heimging, sah er, dass die Wiesen überschwemmt waren und das Wasser fast bis an die Brücke reichte. Er bekam Angst und beschleunigte den Schritt. Zuhause angekommen, fand er keine lebende Seele; die anderen Wohnungen waren gleichfalls leer. Alle Dörfler waren geflohen. Als er an der kleinen Notkirche vorüber kam, sah er die Lampe des Heiligtums; das Lichtlein flackerte. Das heilige Sakrament war da und der Kaplan, der sicher nicht wusste, dass das Wasser so hoch gestiegen war, sollte erst am anderen Morgen kommen. Aber am anderen Morgen würde die Kapelle sicher unter Wasser stehen. Peter beschloss, das Ziborium zu holen und nach Rigny zu tragen.

 

Ach! der Tabernakelschlüssel war bei dem Küster. Er lief in dessen Haus und suchte lange in der Dunkelheit. Draußen heulte der Wind mit Wut; das Wasser rauschte unheildrohend.

 

Endlich hat er den Schlüssel gefunden. Das Wasser steigt ihm bis an die Knie. Glücklicherweise überragt die Kapelle die Straße um einige Stufen. Er betritt sie; aber die Flut steigt zusehends, das Wasser dringt hinter ihm ein. Er eilt zum Tabernakel, öffnet ihn und ergreift das Ziborium. Als er wieder hinausgehen will, steigt ihm das Wasser bis an den Gürtel. Vergeblich müht er sich ab, vorwärts zu gehen. Das Wasser steigt höher und er fühlt, dass er den Boden unter den Füßen verliert. Nur mit großer Anstrengung gelingt es ihm, wieder in das Kirchlein zu kommen. Er ist eingeschlossen, er ist gefangen mit seinem Gott. Er stellt das Ziborium auf den Altar und kniet an der Kommunionbank nieder. Eine entsetzliche Angst schnürt ihm das Herz zusammen. Wenn die Flut weitersteigt, so wird er da umkommen, mutterseelenallein. Ganz allein? Nein, er hat Jesus bei sich. Doch er kann ihn nicht empfangen und er wird sterben, ohne die erste heilige Kommunion empfangen zu haben. Große Tränen perlen in seinen Augen.

 

Er betet . . . bald wird er kalt . . . seine Kleider sind durchnässt . . . er zittert . . . "Lieber Gott, lieber Gott! verlasse mich nicht." Eine Stunde vergeht in dieser Todesangst. Das Wasser steigt beständig. 

 

Er betet . . . aber das Wasser steigt immer noch. "Lieber Gott, verzeihe mir, wenn ich mich zu dir flüchte." Und er erklettert den Altar. O, wie langsam die Zeit vorüber streicht.

 

Er betet; aber das Wasser schwillt anhaltend. Es verursacht in dem Kirchlein einen dumpfen Lärm und die Lampe des Heiligtums wirft auf die Oberfläche einen schwachen Lichtstrahl, der es dem Kind ermöglicht, die Gefahr zu erkennen.

 

Er betet . . . und siehe da, die Woge erreicht den Altar. Peter nimmt das goldene Ziborium in die Arme und ersteigt die Altarwand und dann über dem Tabernakel eine kleine Plattform, worauf die Monstranz gestellt wurde. Er drückt seinen Gott an seine Brust. Und es kommt ihm ein Gedanke. Wenn das Wasser weitersteigt, so kann er nicht höher klettern. Darf er sich aber vor dem Tod selbst die Kommunion reichen? Diese Frage stellt er sich und wagt sie nicht zu beantworten.

 

Die Kälte, die ihn befallen hatte, hat zugenommen. Er zittert immer mehr. Er fühlt, dass er jetzt krank ist, dass das Fieber ihn ergriffen hat. Er setzt sich auf der kleinen Stelle, die das Wasser respektiert hat, nieder und lehnt sich an die Mauer. Und immer betet er und drückt das Ziborium ans Herz. Und dann fühlt er, dass seine Kräfte schwinden, dass ein bleierner Schlaf ihn umfängt und sein Kopf sinkt auf die Brust nieder.

 

Das Wasser steigt nicht mehr; es schlägt an den Tabernakel und singt sein grausiges Lied um dieses schlafende Kind, eine lebendige Monstranz seines Gottes.

 

Als der Morgen anbrach, kam langsam eine Barke heran, worin ein Priester mit zwei Männern saß. Die Kapellentür war offen geblieben, aber das Wasser war nicht bis zu der Torwölbung gestiegen. Es blieb noch eine Durchfahrt. Die Männer duckten sich nieder und konnten so mit dem Nachen in das Innere gelangen. Sie bemerkten den oberen Teil des Tabernakels, der aus dem Wasser hervorragte, und ganz oben ein Knäblein, bleich, das Haupt regungslos auf die Brust gesenkt.

 

"Peter!" rief der Kaplan. Keine Antwort. Sanft erfasste er das Kind und sieht nun, dass es das Ziborium in den Händen hält. Er legt Peter in den Nachen nieder. Da öffnet der Knabe die Augen. Der Kaplan erweckt mit dem Jungen Reue und Leid und gibt ihm die Absolution. 

 

"Peter", fragt der Kaplan, "willst du etwas Wasser und Wein, um dich zu beleben?" Mit einer schwachen Handbewegung weist das Kind auf das Ziborium. Den Kaplan ergreift eine tiefe Rührung. "Ja, du hast deinen Gott ehrlich verdient." Und er nimmt eine heilige Hostie und legt sie auf Peters Lippe. Dieser lächelt sanft und betet.

 

"Lasst uns schnell nach Rigny zurückrudern", sagt der Kaplan. Die Barke verließ die Kapelle und drang langsam vorwärts. Die Sonne hatte sich strahlen erhoben und beleuchtete das schreckliche Unglück. Peter rief aus: "Lieber Gott, verzeihe."

 

"Ach, mein Kind", sprach der Priester, "Gott hat dir alle Fehler verziehen, die du begangen haben kannst."

 

Ein leichtes Zittern, ein Seufzer, und die Seele des kleinen Peter stieg gen Himmel empor.

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25. Ein ehrlicher Mann - Von Hermann Weber

 

Der Tag ging zur Neige. Vom Turm der St. Katharinenkirche schlug es acht Uhr, und ein grauhaariger alter Mann, der mit einem Geschäftskarren voll Pakete die Königstraße heraufkam und augenscheinlich dem Postgebäude zustrebte, hemmte seine Schritte und zählte lauschend die Schläge.

 

"So spät schon?" murmelte er dann überrascht. "Da muss ich mich aber beeilen, wenn ich noch rechtzeitig fertig werden will!" Und hastig rechts und links sehend, schob er das kleine Gefährt weiter, unablässig bedacht, den Droschken- und Lastfuhrwerken, die rücksichtslos ihren Weg suchten, auszuweichen. Mit erleichtertem Aufatmen erreichte er endlich das Postgebäude.

 

Hier angekommen, fuhr sich der Alte mit einem Tuch über die Stirn, dann lud er rasch seine Pakete ab und trug sie in den Schalterraum. Der diensttuende Beamte grüßte ihn freundlich.

 

"So spät noch, Heitmann?" sagte er, auf die vielen Pakete deutend. "Es herrscht wohl jetzt eine flotte Zeit im Geschäft des Herrn Meißner?"

 

Heitmann, der Bote, nickte zustimmend. "Gott sei Dank, ja!" gab er dann zurück. "Wir haben aber auch eine böse Winterzeit überstanden, das kann ich Ihnen versichern! . . . Dass unser Herr bei dem schlechten Geschäftsgang immer den Kopf oben behalten und niemand von dem Personal entlassen hat, ist wirklich zu bewundern!"

 

"Sie haben recht! Nicht jeder hat ein solch warmes Herz für seine Leute wie der Herr Meißner", bestätigte der Beamte, die Pakete abwiegend und Zettel darauf klebend. "Er verdient es wirklich, dass es ihm jetzt um so besser geht!"

 

In diesem Augenblick drängte sich eine Frau heran, die noch in letzter Minute eine Kiste zur Beförderung aufgeben wollte und beendete die Unterhaltung. 

 

Heitmann nickte dem Beamten noch einen Abschiedsgruß zu und entfernte sich.

 

Nachdem er dann mit seinem Karren drei oder vier Straßen durchfahren hatte, hielt er vor einem zweistöckigen Gebäude, öffnete ein eisernes Einfahrtstor und schob das Gefährt auf einen mit leeren Kisten angefüllten Hofraum, der jetzt still und dunkel lag.

 

Das Personal hatte die Arbeitsräume verlassen, doch strahlte aus einem der hofwärts gelegenen Erdgeschossfenster noch ein gedämpftes Licht.

 

Heitmann schaute hinüber und murmelte: "Der Herr ist noch am Arbeiten; da muss ich noch einmal hineingehen", und klopfte an die Tür, die in den Schreibraum des Kaufmanns Meißner führte.

 

Der kleine, gebeugte Kaufmann schloss gerade sein Hauptbuch, als der Bote eintrat. "Sind Sie noch rechtzeitig fertig geworden?" rief er ihm entgegen.

 

Heitmann nickte bejahend. "Alles erledigt, Herr Meißner; die Pakete werden noch mit den Nachtzügen befördert", antwortete er dann.

 

"Das freut mich!" sagte der Kaufmann zufriedengestellt, dann fügte er vertraulich hinzu: "Ich weiß ja, dass Sie fast unermüdlich sind, Heitmann, aber bürdet Ihnen die jetzige rege Geschäftstätigkeit auch nicht zu viel Arbeit auf? Soll ich vielleicht einen jungen Burschen anstellen, der Ihnen zur Hand geht?"

 

"Ach nein, Herr Meißner, ich schaffe es noch!" wehrte aber der Alte ab. "obgleich ich bald die Sechzig auf dem Rücken habe, bin ich doch noch stark und rüstig in den Gliedern und bedarf fremder Hilfe noch nicht."

 

"Und wie lange arbeiten wir schon zusammen, Heitmann?"

 

"Vierunddreißig Jahre, Herr Meißner."

 

"Eine lange Zeit!" murmelte der Kaufmann. Dann fuhr ein ernster Schatten über seine Züge und fragend setzte er hinzu: "Sie klagten mir einst, dass Ihr Sohn die Hoffnungen, die Sie auf ihn gesetzt hätten, nicht erfüllt habe, Heitmann - hat der Bursche denn so wenig Ähnlichkeit mit seinem arbeitsamen Vater?"

 

"Herr Meißner, es ist wirklich ein Unglück!" klang es kummervoll zurück. "Ich habe an dem Ungeratenen getan, was ich konnte, doch weder gute Worte noch körperliche Züchtigungen haben ihn zu einem ordentlichen Menschen machen können. . . . Vergebens habe ich versucht, ihn an geregelte Arbeit zu gewöhnen. Schon seit Jahren streift er im Land umher, arbeitet hier und dort einige Tage und sucht dann die alten Gefährten von der Landstraße wieder auf. . . . Ober heute noch ehrlich und rechtschaffen ist - Gott mag es wissen!"

 

"Haben Sie denn gar keine Verbindung mehr mit ihm?"

 

"Doch, zuweilen sucht er uns auf, aber dann sind seine Taschen leer und seine Kleider zerrissen. Meine Frau glaubt noch immer, dass der Junge sich bessern wird; ich aber fühle immer deutlicher, dass er nur aus Eigennutz zu seinen Eltern kommt!"

 

"Das ist wirklich ein Unglück!" bestätigte der Kaufmann, seinem langjährigen Vertrauten herzhaft die Hand drückend. "Aber trösten Sie sich, Heitmann: Ihre Schuld wird es nicht sein, dass der junge Mensch aus der Art geschlagen ist. . . . Auch an Bäumen, die durch und durch gesund sind, wachsen zuweilen schlechte Triebe!"

 

Mit bekümmerten Herzen hatte Heitmann sich von seinem Prinzipal getrennt. Er warf noch einen Blick über den stillen Hof und schritt dann hinaus, das eiserne Einfahrtstor hinter sich verschließend und den Schlüssel, wie immer, zu sich steckend.

 

Das soeben beendete Gespräch hatte traurige Gedanken in dem unglücklichen Vater wachgerufen, trotzdem er sich keiner Schuld bewusst war. 

 

Er hatte alles getan, was in seinen Kräften stand; mit Hand und Mund hatte er seinem Kind den rechten Weg gewiesen und hatte ihn gelehrt, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen - doch die sündigen Keime, die in dem Knaben schlummerten, hatten immer wieder die Oberhand behalten und alle Mühen und Sorgen der Eltern zuschanden gemacht.

 

Der alte Mann seufzte noch, als er schon bei seiner Wohnung angelangt war und die steilen Treppen emporstieg.

 

Vor seiner Tür angekommen, hemmte er einen Augenblick seine Schritte. Er vernahm eine fremde Stimme in dem Raum, der als Küche und Wohnzimmer diente, und vermutete einen späten Besuch.

 

Wie erstaunte er aber, als er eintrat und denjenigen vor sich sah, mit dem seine Gedanken sich bisher beschäftigt hatten - als er seinen Sohn am Küchentisch sitzen sah und dicht bei ihm die Mutter, die einen glücklichen Ausdruck auf den stillen Gesichtszügen trug. 

 

Heitmann war im ersten Augenblick so erstaunt, dass ihm fast die Sprache versagte. Sein Sohn, ein schmächtiger, junger Mensch mit unordentlichen Kleidern und scharfblickenden, halbgeschlossenen Augen, trat auf ihn zu und streckte ihm die Rechte entgegen.

 

Der alte Mann erfasste sie zögernd und sagte augenscheinlich nicht sehr erfreut: "Nun, hast du dich einmal wieder eingefunden, Georg?" 

 

"Ja, Vater, und ich möchte ganz hier bleiben und eine beständige Arbeit annehmen; der Mutter ist es schon recht", antwortete der Bursche. 

 

"Du wolltest dein Wanderleben aufgeben und ein anderer Mensch werden?" rief der alte Geschäftsbote erstaunt.

 

"Ja, Vater. Ich habe auch mit der Mutter schon darüber gesprochen", entgegnete der Heimgekehrte mit einem forschenden Blick.

 

"Dann sollst du uns herzlich willkommen sein!" rief Heitmann in freudiger Erregung, seine sonstige Vorsicht arglos beiseite setzend. "Morgen werde ich dir neue Kleidung kaufen und auch bald eine Stellung für dich ausfindig machen. - Herr Meißner wird mir gerne eine kleine Summe vorstrecken, denn das Geschäft geht jetzt recht gut und er hat genügend Geld zur Verfügung. Heute morgen sah ich noch, wie wohlgefüllt jetzt der Kassenschrank ist."

 

Ein seltsamer Ruck ging bei diesen unbedachten Worten durch den Körper des arbeitsscheuen jungen Burschen; seine Augen flammten in wilder Habgier und seine Hände ballten sich, doch gleich unterdrückte er gewaltsam seine Bewegung und wandte sich ab.

 

Die glücklichen Eltern hatten dieses seltsame Benehmen nicht bemerkt, denn sie waren viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. 

 

Man setzte sich zum Abendessen nieder. Die beiden Alten schmiedeten unausgesetzt frohe Pläne für die Zukunft, der junge Mann beteiligte sich nur gelegentlich an der Unterhaltung und horchte nur dann auf, wenn die Rede auf den Kaufmann Meißner kam. 

 

Kurz vor Mitternacht ging die Familie zur Ruhe. Frau Heitmann bereitete in dem kleinen Fremdenzimmer ihr Lager, und Vater und Sohn suchten das hinter der Küche gelegene Schlafzimmer auf. Den Schlüssel zu dem Einfahrtstor des Meißnerschen Hauses hing der alte Bote an einen Nagel über seinem Bett.

 

Als Georg nach der Bedeutung des Schlüssels fragte, erklärte ihm der ermüdete Vater, dass er ihn jeden Morgen benutze, um das Hoftor seines Prinzipals aufzuschließen; früher habe er den Schlüssel immer in der Tasche getragen, seitdem er ihn aber infolge Kleidungswechsels einige Male vergessen habe, hänge er ihn regelmäßig an diese Stelle, damit er ihm morgens sofort vor Augen habe. - -

 

In tiefer Ruhe mochten zwei Stunden vergangen sei, als der alte Heitmann plötzlich erwachte.

 

Ihm hatte geträumt, dass eine riesenhafte Gestalt mit großen, gierigen Händen sich über sein Bett gebeugt habe, und nun lag er eine ganze Weile unter den Einwirkungen des schreckhaften Bildes. Dann tastete er nach der Streichholzschachtel auf seinem Nachttisch, entflammte eines der Hölzchen und sah zu seinem Erstaunen, dass es noch sehr früh war, dass die dritte Morgenstunde soeben erst begonnen hatte.

 

Erleichtert aufatmend ließ Heitmann sich wieder zurücksinken. Die Ereignisse des vergangenen Tages zogen noch einmal an seiner Seele vorüber und eine stille Zufriedenheit über den Entschluss seines Sohnes, sein Wanderleben aufzugeben, erfüllte ihn.

 

Dann horchte der alte Mann zum Lager des Wiedergefundenen hinüber, um vielleicht die tiefen Atemzüge des Schlafenden zu vernehmen, doch kein Laut unterbrach die tiefe Stille. Er horchte angestrengter hinüber, und als er auch jetzt noch nicht das geringste Geräusch vernahm, das ihm die Anwesenheit seines Sohnes verkündet hätte, erfasste den lauschenden Mann eine seltsame Unruhe.

 

Er erhob sich, um Gewissheit zu erlangen und entzündete das kleine Nachtlicht.

 

Mit vorsichtigen Händen betastete Heitmann das Ruhelager seines Sohnes - es war leer und kalt und augenscheinlich nur kurze Zeit benutzt, und leer zeigte sich auch der Schemel, auf dem der Verschwundene bim Schlafengehen seine Kleidung geordnet. - -

 

Was war nun geschehen? . . . In fassungslosem Erstaunen griff der alte Bote sich an die Stirn und versuchte vergebens, eine Erklärung des Rätsels zu finden.

 

Da fielen seine Blicke auf die Stelle der Wand, wohin er noch vor einigen Stunden den Torschlüssel gehangen hatte, und wie ein Schlag ging es ihm plötzlich durch seine Glieder und seine Augen weiteten sich - der Schlüssel war verschwunden!

 

Jetzt brauchte Heitmann keine Erklärung mehr.

 

In atemloser Hast warf er sich in seine Kleider, dann weckte er seine Frau und teilte ihr stammelnd mit, was geschehen war, und eilte zum Haus hinaus. -

 

Als der alte Mann bei der Wohnung seines Arbeitgebers anlangte, fand er das Hoftor unverschlossen: der ungeratene Sohn hatte also doch den Weg, den er als Kind an des Vaters Hand oft gegangen war, nicht vergessen!

 

Keuchend und zitternd tastete der Bote über den finsteren Hof, und die schmerzhaften Gefühle, die in diesem Augenblick sein Inneres durchwogten, hätte niemand beschreiben können. Mit bebender Hand stieß er die angelehnte Tür des Schreibraumes auf, wobei ein Schlüsselbund geräuschvoll niederfiel.

 

Ein knirschender Fluch schallte ihm entgegen als er eintrat, und der Mann, der mit einem kurzen Brecheisen und mit anderen Diebswerkzeugen an dem Geldschrank gearbeitet hatte und eine mattleuchtende Laterne neben sich auf den Boden gestellt hatte, wandte sich hastig um. Als er nun aber auf die todbleichen Züge seines Vaters blickte, fuhr es wie Entsetzen durch seine Glieder und das Brecheisen entfiel seiner Hand.

 

Mit schnellem Griff hatte der Alte die Eisenstange erfasst; dann trat er auf den Zurückweichenden zu und seine Gestalt schien zu wachsen in gerechter Entrüstung.

 

"Also so hältst du dein Versprechen?" stieß er rau hervor. "Betrügst zuerst mit glatten Worten deine Eltern und benutzt dann die Gelegenheit, ihr Vertrauen auf das schmählichste zu missbrauchen? . . . Aber warte, Bursche: dieser Einbruch soll vorläufig deine letzte Schurkentat gewesen sein!"

 

Er wollte nach einem in der Wand angebrachten Druckknopf greifen, der eine Lärmglocke in Tätigkeit setzte, als der junge Verbrecher mit hässlichem Lachen auf ihn zutrat und vertraulich flüsterte:

 

"Sei doch kein Narr, Vater! Willst du denn bei deiner Ehrlichkeit zeitlebens ein armer Mann bleiben? . . . In zehn Minuten habe ich den Schrank geöffnet und als wohlhabende Leute können wir nach Hause zurückkehren. Niemand wird es erfahren, wer den Streich ausgeführt hat. Lass mich also meine Arbeit vollenden; die Beute wollen wir dann redlich teilen."

 

"Zurück, Versucher!" schrie aber schmerzgeschüttelt der alte Mann und drückte mit aller Kraft auf den Knopf der Alarmglocke. "Glaubst du denn, mich zu deinem Genossen machen zu können? Nimmermehr werde ich meine Hand nach fremdem Gut ausstrecken - Gott möge mich bewahren vor solchem Beginnen!"

 

Ein zorniger Ausruf beantwortete seine unerschrockene Erklärung, dann stürzte der junge Dieb auf seinen Vater zu und wollte ihn zur Seite stoßen, um den Ausgang zu erreichen, aber mit zäher Kraft umklammerte Heitmann den geschmeidigen Körper seines Sohnes und riss ihn zur Erde nieder, wobei die Brechstange seiner Hand entfiel.

 

Plötzlich fühlte der alte Bote die nervigen Hände des Burschen an seiner Kehle; wie feurige Funken schwirrte es vor seinen Augen, seine Kraft erlahmte und die Besinnung wollte ihm schwinden unter den würgenden Griffen.

 

Da erklangen draußen laute Rufe und schnelle Schritte. Von zwei Hausbewohnern gefolgt, stürzte der Kaufmann Meißner in den Raum und stand einen Moment fassungslos, als er die ringenden Gestalten erblickte.

 

"Hilfe!" keuchte Heitmann, dem Ersticken nahe, und dieses Wort gab den erstaunten Männern die Geistesgegenwart wieder. Rasch hatten sie den alten Boten von seinem Widersacher befreit und diesem selbst die Hände auf dem Rücken gebunden. Dann übergab man ihn einem rasch herbeigeholten Schutzmann.

 

Mt tiefem Schmerz hatte der unglückliche Vater alles mit angesehen.

 

Jetzt trat der Kaufmann auf ihn zu und rief, wie von dunkler Ahnung erfasst: "Um Gottes willen, Heitmann, was ist hier geschehen? Wer ist der Einbrecher, und wie kommen Sie hierher zu dieser Stunde?"

 

"Lassen Sie mich gehen, Herr Meißner. Morgen will ich Ihnen alles sagen!" antwortete der gebrochene alte Mann, unfähig, jetzt eine Erklärung abzugeben und wankte hinaus.

 

Draußen rang er in stummer Qual die Hände und schritt dann gesenkten Hauptes seiner Heimstätte zu. Er fühlte, dass er seinen Sohn verloren hatte, aber er wusste auch, dass er recht getan hatte, den jungen Verbrecher der strafenden Gerechtigkeit zu übergeben.

 

In Gottes Hand allein lag es, die fernere Zukunft des Ungeratenen zu bestimmen.

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 Maria von Guadalupe

 

26. "Einer der Geringsten" - Aus dem Englischen von Pia Rainer

 

Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Geschichte, die ich erzählen will, zutrug. Ich war damals siebzig Jahre alt und Pater Paul, der Held der Geschichte, achtzig.

 

Fünfzig Jahre lang, Sommer und Winter, hatte er die Heilige Messe in der kleinen Kirche Unserer Lieben Frau von Guadalupe, die er so sehr liebte, gelesen. Und dort war es auch, wo er zu seinem ewigen Lohn einging. Er war bereit, der gute Hirt, obwohl sein Ende grausam und schrecklich war, so war es doch gottlob ein schmerzloses gewesen.

 

Es war zu einer Zeit, wo die feindselige Stimmung gegen die schwarze Rasse im Wachsen begriffen war, wo die Menschen sich kein Bedenken daraus machten, einen Schwarzen, den sie einer schlechten Tat verdächtig glaubten, zu lynchen oder zu hängen. Es kümmerte sie wenig, ob der Schwarze vielleicht unschuldig war; seine Haut war schwarz, das genügte. Ihr werdet vielleicht sagen, es ist jetzt nicht viel anders. Das mag ja sein - die Herzen der Menschen ändern sich nicht, und solange nicht Gesetze geschaffen werden, die den weißen Mann in Schranken halten, wird immer dieselbe Willkür und Grausamkeit herrschen, und der Unschuldige wird mit dem Schuldigen leiden müssen. 

 

Es war an einem Sonntag, nach der letzten Messe, und Pater Paul befand sich noch in der Kirche; er ging um den Altar herum, da und dort etwas ordnend, und händigte mir dann die Bücher ein, denn ich war damals sein Mesner, schon seit mehreren Jahren, seit ich zunehmenden Alters wegen keine Feldarbeit mehr verrichten konnte.

 

Eben war ich in die kleine Sakristei eingetreten, um Kelch und Patene nebst den anderen heiligen Geräten einzuschließen - da hörte ich, wie die Kirchentür hastig geöffnet wurde und gleich darauf das Geräusch schwerer, auf dem harten Fußboden eilig daherkommender Tritte. Ich ließ den Schlüssel des Wandschrankes in meine Tasche gleiten und stieß die nächst dem Altar gelegene Tür auf. Auch Pater Paul hatte sich umgewandt, und als er so dastand, fiel gerade ein Lichtstrahl durch das Altarfenster auf sein schönes, weißes Haar. Der Eingetretene war ein Schwarzer, groß ud hager, soviel ich sehen konnte, obgleich er eben auf den Altarstufen niedergesunken war. Sein Atem ging keuchend, wie wenn er weit und schnell gelaufen wäre, und augenscheinlich befand er sich in tödlichster Angst.

 

"Erbarmen, Massa", rief er, "die Bluthunde sind hinter mir her! Rettet mich, Massa, rettet mich!" 

 

Der greise Priester stieg die Altarstufen herab und trat zu dem armen, verängstigten Burschen, der ganz in sich zusammengesunken auf dem Boden kauerte.

 

"Mein Sohn", redete er ihn mit seiner sanften, wohltönenden Stimme an, die wir alle so sehr an ihm liebten, "sage mir schnell, um was es sich handelt, und ich will sehen, wie ich dir helfen kann."

 

In hastigen, abgebrochenen Worten, von kurzem, stoßweisem Schluchzen unterbrochen, berichtete der Mann den Hergang. Man hatte ihn eines Verbrechens beschuldigt, an dem, wie er mit leidenschaftlicher Heftigkeit versicherte, er völlig unschuldig war. Da man aber seinen Beteuerungen nicht glaubte, und seine Ankläger hart und unbarmherzig darauf beharrten, war er entflohen. Drei Tage lang hatte er sich in den Wäldern verborgen gehalten, fast ohne Nahrung lebend, bis er merkte, dass die Schweißhunde ihm auf der Fährte waren. Die letzten drei Meilen war er, ohne nur einmal still zu stehen, gelaufen, gehetzt und verfolgt von den Hunden und einer Rotte Männer, die ihn lynchen wollten. 

 

Das sanfte, blaue Auge des Paters flammte auf. Ja, er war immer ein Feind jeglicher Ungerechtigkeit und Willkür gewesen. Oft habe ich ihn gesehen, wie er allein durch den Einfluss seiner Stimme und Erscheinung die wildesten Menschenmassen besänftigte - ob Indianer, Mexikaner oder Weiße, das war gleich für ihn, und wir alle erkannten gern seine Macht über uns an. 

 

Trotz seines hohen Alters konnte Pater Paul doch schnell handeln. Rasch öffnete er die zu einer engen Wendeltreppe führende Tür, und sich zu dem Schwarzen wendend, der vor Furcht halb von Sinnen war, sagte er:

 

"Gehe hinauf in den Glockenturm und bleibe dort, bis du gerufen wirst."

 

Als der Mann auf der Treppe verschwunden war, machte er die Tür wieder zu und schloss sie ab.

 

"Santos", sagte er darauf zu mir, "der Mann ist halb verhungert, geh` und bitte die alte Thomassie um etwas zu essen und trage es ihm hinauf. Du kannst durch die Kleine Tür in meinem Arbeitszimmer gehen."

 

Noch einen letzten Blick warf ich auf Pater Paul. Das schöne Haar war zwar vom Alter lichter geworden, die blauen Augen durch die Jahre getrübt, die hohe Gestalt gebeugt - aber in seiner Brust schlug noch dasselbe warme, treue Herz, das mit uns die ganzen Jahre hindurch in Freud und Leid gefühlt hatte. Warum bin ich nicht bei ihm geblieben, um ihn zu schützen und zu verteidigen mit meinem Arm, der trotz seiner siebzig Jahre noch stark und kräftig war?

 

Als er allein war, fuhr Pater Paul ruhig in seiner Beschäftigung fort, und was nun folgte, erfuhr ich erst später durch einen der Männer, einen Mexikaner, der nicht so roh wie die anderen war und schon bitter seine Übereilung bereut hatte, sich der rasenden Menge angeschlossen zu haben. Kaum drei Minuten mochten nach dem Verschwinden des Schwarzen verflossen sein, als ein lärmender, tobender Pöbelhaufen bei der Kirchentür anlangte. Einige der Männer hielten die Hunde zurück, während ungefähr ein Dutzend der Rädelsführer die Kirche betrat.

 

Der größte Teil von ihnen waren Weiße, mit all dem Hass und der Verachtung des weißen Kolonisten gegen die Schwarzen. Der vorderste Mann wandte sich nun an den Priester, der langsam die Stufen vom Altar bis zum Gitter heruntergeschritten kam. 

 

"Vater", sagte der Mann, der, obwohl Protestant, doch eine gewisse Achtung vor dem Alter und Amt des Priesters zu haben schien, "wir glauben, dass sich ein Neger hierher geflüchtet hat. Haben Sie etwas von ihm gesehen?"

 

"Ja", erwiderte der Geistliche, "das habe ich."

 

"Dann müssen Sie ihn uns ausliefern, Vater", fuhr der Mann fort. "Wir haben ihn schon zehn Meilen weit verfolgt und sind entschlossen, ihn der Strafe zu überliefern, die er verdient."

 

"Mein Sohn", fragte der Priester, "habt ihr ihn nach Recht und Gesetz verhört und ist seine Schuld erwiesen?"

 

Bei diesen Worten ging ein Gemurmel durch die Menge. 

 

"Einen schwarzen Teufel gerichtlich verhören?"

 

"Lasst ihn aushungern."

 

"Lyncht ihn."

 

Unterdessen hatte jemand die äußeren und inneren Türen der Kirche geöffnet, so dass die Draußenstehenden alles hören konnten, was im Innern der Kirche vorging. Die Menge fing sichtlich schon an, ungeduldig zu werden, wie ihre drohende Haltung zeigte. Auch der Priester bemerkte es, aber er wich und wankte nicht.

 

"Leute", sagte er, und in seiner Stimme lag ein Ton gebietender Autorität, "dieser Mann, gehetzt und verfolgt, ohne Recht und Gerechtigkeit euren Händen überliefert, kam hierher und fand Zuflucht im Haus Gottes. Er wandte sich an mich und beteuerte eindringlich seine Unschuld an dem Verbrechen. Ich habe ihn in Sicherheit gebracht, und da soll er bleiben, bis ich ihn dem Sheriff übergebe, um ihn gerichtlich zu verhören."

 

Die Kirche füllte sich jetzt immer mehr, und die Männer drängten drohend vorwärts. Etwas hatte sie bis dahin zurückgehalten. Aber plötzlich entstand draußen eine Bewegung; man hörte Lärmen und Schreien.

 

"Nieder mit ihm!"

 

"Schießt den schwarzen Teufel tot!"

 

"Reißt ihn in Stücke!"

 

Von Neugier getrieben, hatte der Schwarze aus dem Glockenturm gesehen und war sofort von einigen aus der Menge bemerkt und erkannt worden. Die Männer in der Kirche zögerten noch einen Augenblick, dann aber riss sie die Erregung mit fort und eine Minute später stürmten sie in die Sakristei und auf den gedeckten Gang, der zum Pfarrhaus führte. Bald jedoch inne geworden, dass sie sich auf falscher Fährte befanden, drängte die Masse wieder in die Kirche zurück. In diesen wenigen Augenblicken war der Geistliche vor die zu dem Turm führende Tür getreten und deckte sie mit seinem Rücken. So fanden ihn die zurückkehrenden, nun erst völlig rasend gemachten Männer.

 

Warum wollte er nicht nachgeben?

 

Er musste doch einsehen, dass Widerstand nutzlos war und die Männer auf jeden Fall Sieger bleiben würden. Doch da war weder Furcht und Sorge um das eigene Ich, noch ein Gedanke an Nachgeben in dem ruhigen, unerschrockenen Blick zu lesen, den Pater Paul jetzt auf die rohe Menge richtete, die ihn zu umdrängen begann.

 

"Vater", begann der erste Sprecher wieder, "wenn Sie nicht da wegtreten und uns auf den Turm lassen, müssen wir Sie mit Gewalt entfernen."

 

"Sehen Sie her, Vater", sagte ein anderer, der nicht so erregt zu sein schien wie die übrigen, "wozu wollen Sie denn diesen schwarzen Lump retten? Ein Neger mehr oder weniger in der Welt, darauf kommt es doch nicht an!" 

 

Der Priester richtete sich jetzt zu seiner vollen Höhe auf und sein Auge flammte, als er mit erhobener Stimme rief:

 

"Schämt euch, Männer! Wie sagt denn der Gekreuzigte? Was ihr einem der geringsten unter meinen Brüdern tut, das habt ihr mir getan." 

 

Beschämt wichen die Männer einen Augenblick zurück. Einige von ihnen waren schon seit Jahren nicht mehr in eine Kirche gekommen, aber sie alle verstanden wohl die Textworte und ihren Sinn.

 

"Ihr sagt mir", fuhr der Priester fort, "der Mann wäre schuldig. Sah jemand ihn das Verbrechen begehen? Und wenn ein Verbrechen geschah, seid ihr denn dessen gewiss, dass es gerade dieser Mann war, der es verübte?"

 

"Nein, Vater", erwiderte der Anführer, "aber er wurde in der Nähe des Ortes gesehen, und da glauben wir bestimmt, dass er der Täter war. Kein anderer Schwarzer war im Umkreis zu finden, obwohl wir die Gegend meilenweit durchstreiften."

 

"Und weil ihr keinen anderen finden konntet, habt ihr diesen Mann ergriffen", sagte der Priester. "Ihr wollt ihm das Leben rauben, das Gott ihm gab? Ihr wollt ihn in die Ewigkeit stürzen, ohne ihm auch nur einen Augenblick zu vergönnen zur Vorbereitung, wenn es euch möglich wäre? Und das alles, ohne die Gewissheit seiner Schuld zu haben?"

 

Schon schien es, als wenn die Männer, dessen müde geworden, von ihrem Vorhaben ablassen wollten. Bei solch einer Krise kommt alles darauf an, Zeit zu gewinnen, und so roh auch die meisten von ihnen waren, so hatten die Worte des Priesters doch ihren Eindruck nicht verfehlt.

 

Jetzt bedurfte es nur eines Anstoßes nach der einen oder der anderen Seite, um die Sache zur Entscheidung zu bringen. Aber leider gewann auch hier, wie meist in solchen Fällen, das Böse die Oberhand. Es war der Vater des Mädchens, das geraubt und misshandelt worden war, der nicht weichen wollte. Er war der Schmied des Ortes, ein kräftiger, breitschultriger Mann von jähzorniger Gemütsart, wie alle sagten - gefürchtet und gemieden von allen, die einem Streit aus dem Weg gehen wollten.

 

Bis dahin hatte er ganz hinten in der Menge gestanden, aber jetzt bahnte er sich, rechts und links um sich stoßend, seinen Weg nach vorn. 

 

"Seid ihr denn zu Memmen geworden, Männer?" rief er, und dann, sich zu dem Priester wendend, schrie er diesem mit Donnerstimme zu: 

 

"Geh weg, alter Mann! Es ist nun genug des Zauderns! Öffnet die Tür oder ich schlage euch nieder!"

 

"Niemals!" erwiderte Pater Paul.

 

Die Männer schwankten hin und her. Währenddessen suchte der Schmied zu dem Priester zu gelangen; doch die Menge stand jetzt so dicht zusammengedrängt, dass es unmöglich war, durchzudringen. Da erhob der Mann mit einem schrecklichen Fluch seine rechte Hand hoch in die Luft, und gerade in dem Augenblick, als ich gehört hatte, dass der Pater die Gewalt über die Leute verloren hatte und in die Kirche stürzte, ließ der Schmied den schweren, eisernen Hammer auf das Haupt des Priesters niederfallen.

 

Es war nur ein Augenblick des Schmerzes, wie mir der Arzt später sagte, der Todeskampf einer Minute und alles war vorüber. Der Schlag hatte gerade die rechte Schläfe getroffen und der Körper fiel schwer wie ein Stein zu Boden.

 

Ich sah sofort, als ich neben ihm niederkniete, dass er tot war.

 

Das machte dem Lynchen ein Ende. Die Männer zerstreuten sich alle bis auf den Schmied, den ich in Gewahrsam nahm und dem Sheriff übergab, der mit seinen Leuten eine Minute später in der Kirche eintraf, nachdem der Priester verschieden war. Der Schmied wurde verhört und büßte die Schuld mit seinem Leben. Das war vor zwanzig Jahren, aber seit dem ist nie mehr ein Lynchen vorgekommen.

 

Die sterblichen Überreste des edlen Priesters bestatteten wir an der Seite seiner Mutter auf der kleinen Begräbnisstätte oben auf dem Hügel.

 

Was war das für ein Begräbnis! Meilenweit aus der Runde eilten seine Pfarrkinder herbei, um ihrem geliebten Hirten das Grabgeleit zu geben, und der Erzbischof war aus der entfernten Stadt gekommen, um den Trauergottesdienst zu halten. Nach der Beerdigung sprach er zu uns von der kleinen Anhöhe aus, damit es alle hören konnten. 

 

"Dieser Mann ist nicht umsonst gestorben", sagte er. "Manchem wird es als ein armseliger Tausch erscheinen, das Leben eines guten, edlen Priesters hinzugeben für das Leben eines fremden, armen Schwarzen. Aber das ist die Lehre unseres Meisters. Keiner war zu arm oder zu niedrig für ihn, der in den Menschen die allgemeine Brüderlichkeit in der alles umfassenden Vaterschaft Gottes anerkannte, und was Christus glaubte und lehrte, das suchte auch Pater Paul von ganzem Herzen zu befolgen. Brüder und Schwestern, lasst uns Dank sagen für solch ein Beispiel und Gott bitten, dass er ihm die ewige Ruhe schenken möge!"

 

Das ist alles; aber, wie wir ihn vermissen, das kann ich nicht sagen!

 

Und was wurde aus dem Schwarzen? werdet ihr fragen. Ich ließ ihn, nachdem es dunkel geworden war, aus dem Turm heraus und gab ihm Geld, damit er das Land verlassen konnte.

 

Es war mir einigermaßen ein Trost, dass später der richtige Verbrecher ergriffen wurde und seine Schuld auch eingestand. So war der liebe Pater doch nicht umsonst für die arme Seele gestorben, um die er den Mantel seiner barmherzigen Liebe geschlungen hatte.

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27. Zwei Karfreitage - Historische Skizze

 

1.

Es war am Karfreitag des Jahres 1764. Ein früher Abend ist über Paris hereingebrochen. Frostig, fast erschauernd jagt der Wind die dunklen Wolkengebilde am Himmel hin und her; kein Strahl des Mondes, kein Sternenblitz wird sichtbar. Fast scheint es, als ob die Natur sich in Trauerflor hülle - im Andenken an den Tod des Heilands, der vor 1731 Jahren zur Erlösung der Menschheit am Kreuzesholz gestorben war.

 

In jenem Prachtpalast, den das altehrwürdige Geschlecht Talleyrand in einem der vornehmsten Viertel der Weltstadt bewohnte, spielt sich soeben eine ergreifende Familien-Szene ab: Die fromme Madame Talleyrand, die in ihrem Haus streng auf treue Erfüllung der göttlichen Gebote und der kirchlichen Vorschriften hielt, saß mit ihren noch unerwachsenen Kindern im traulich erleuchteten, wohlerwärmten Wohnzimmer, um ihnen Unterweisungen oder Aneiferungen religiöser Art zu geben. Sie plauderte - entsprechend der Bedeutung des Karfreitags - den Kleinen vom leidenden Heiland vor: wie er in unbegreiflicher Menschenliebe vom Himmel herabgestiegen ist, schlichte Menschengestalt angenommen und einen schmählichen Tod am Kreuz erlitten hat. 

 

Die kleinsten Sprösslinge der edlen Familie hörten der Mutter zwar aufmerksam zu, konnten aber offenbar noch nicht tiefer in den Sinn ihrer Worte eindringen. Nicht so der Erstgeborene, der zehnjährige Charles Maurice. Der Knabe war körperlich sehr zart gebaut. Ein frühes Jugendleiden hatte ihn halb gelähmt; hatte ihn im Wachstum gehemmt, sein Körperchen schmächtig, sein Gesichtchen blass gemacht. Aber ein feuriger, ja, stürmischer Geist, eine hochstrebende Seele belebte den kränkelnden Körper.

 

Karl Moritz war in Bildung und Wissen, im Verstehen und Begreifen weit über seine Jahre hinaus. Er galt deshalb - sowie auch wegen seines Leidens - als besonderer Liebling der Mutter.

 

Wie immer, so hatte der Knabe auch eben mit vollem Interesse, mit ganzer Seele den religiösen Erläuterungen der Mutter zugehört. Blitzend waren seine tiefgründigen, dunklen Augen auf deren Mund gerichtet gewesen. Ja, vor innerer Bewegung zitterte er fast, als er sich jetzt an die Mutter schmiegte und fragte:

 

"So furchtbar hat der liebe Heiland für uns gelitten, teure Mama?"

 

"Ja, mein Kind. So furchtbar, dass es der Menschengeist kaum auszudenken vermag."

 

"Und alles aus erbarmender Liebe zu uns Menschen?"

 

"Aus unverdienter Liebe. Zur Tilgung der menschlichen Sündenschulden gegenüber seinem himmlischen Vater."

 

"Der gute, gute Heiland! Welch ein liebetiefes Herz muss er haben!"

 

"Ja, der gute, gute Heiland! Schau her, Charles Maurice! So sehr liebte uns sein göttliches Herz, dass er sich für uns während seines Leidens solchergestalt behandeln ließ!"

 

Sie zog ein kleines Medaillon vom Hals, auf dem in lieblicher Porzellanmalerei das ebenso schöne wie unendlich schmerzvolle Haupt des Ecce homo von einem italienischen Maler zu sehen war.

 

Mit bebenden Händchen umklammerte der Knabe das winzige Bildnis. Seine Blicke verschlangen fast Jesu Züge, die eine körperliche und seelische Qual versinnbildeten: so tief, so maßlos tief, dass es jedes fühlende Herz erschüttern musste. 

 

"Welch ein Schmerz! Welch ein Leiden!" seufzte Maurice. "Und nicht wahr, Mütterchen, heute, am Karfreitag, feiern wir den Gedenktag an jene höchsten Leiden Christi?"

 

"So ist es, mein Kind."

 

Der Knabe wurde immer bewegter, erschütterter, hingerissener. Schwere Seufzer hoben und senkten die kleine Brust. Die mageren Lippen zuckten vor Mitgefühl, und aus den Augen tropften ihm zwei heiße Tränen. Rasch drückte er noch einen heißen Kuss auf den Ecce homo, um dann das Bild der Mutter zurückzureichen. . . . .

 

2.

Die Jahre flohen rasch dahin. Die fromme Hausherrin aus dem Palais Talleyrand zu Paris war längst in die Erbgruft hinausgetragen und der stillen Erde übergeben worden.

 

Ihr Erstgeborener aber hatte nicht den Hoffnungen entsprochen, die von der tiefreligiösen Frau in ihn gesetzt worden waren. Wenigstens nicht in kirchlich-katholischer Richtung.

 

Zwar war Charles Maurice trotz seiner Erstgeburt Priester, ja, Bischof geworden! Allein die große Revolution, die über sein Vaterland kam und dessen edelste Söhne vernichtete, hatte ihm völlig die Sinne verwirrt: sie hatte ihn in die Arme der schlimmsten Kirchenfeinde getrieben; ihn zum revolutionären Bischof, zum abtrünnigen Priester, zum exkommunizierten Katholiken gemacht. Er hatte seiner Kirche maßlosen Schaden zugefügt, ungeheures Ärgernis der ganzen katholischen Welt gegeben, unübersehbare Schuld auf sich geladen.

 

Als Talleyrand alt geworden und von der Schaubühne seines ebenso bewegten, wie berühmten und glanzvollen Lebens abgetreten war, erachtete es seine strenggläubige, fromme Umgebung für geboten, im Sinne einer religiösen Umkehr auf ihn einzuwirken: man wollte nicht bloß die Seele des sonst so liebenswürdigen Mannes retten, sondern auch der Kirche und dem katholischen Glauben die Genugtuung verschaffen, dass der Diplomat und Politiker, der die Weltbühne fünfzig Jahre hindurch mit unerhörtem Glanz eingenommen und als Vertreter Frankreichs fast allen Großstaaten seinen Willen aufgezwungen hatte, an seinem Lebensabend in den Schoß der schmählich verlassenen Mutter zurückkehre. Umsonst! In ebenso liebenswürdiger und dankbarer, wie entschiedener Weise lehnte der weltgroße Greis jedes Eingehen auf die religiösen Pläne seiner Verwandten und Freunde ab.

 

"Ich weiß", pflegte er zu sagen, dass gute, getreue Seelen viel für mich beten; ihr Bestes tun, mich wieder kirchlich zu machen. Ich bin ihnen von ganzer Seele dankbar dafür. Aber leider dürften jene liebevollen Bemühungen bei mir fruchtlos bleiben."

 

Da warf eine bedenkliche Krankheit den hochbetagten Diplomaten - er war 84 Jahre alt geworden - aufs Schmerzenslager.

 

Man verdoppelte, verdreifachte die Gebete, die liebende religiöse Fürsorge um ihn. Kirche und Laientum bestürmten geradezu den Himmel um die Bekehrung des Leidenden.

 

Schon früher hatte man den redegewaltigen, berühmten Abbé Dupanloup als Hausfreund Talleyrands herzugezogen. Man hatte von der hohen Gelehrsamkeit, von der gewaltigen Überzeugungskraft in Geist und Rede des Seelsorgers große Einwirkung auf den greisen Diplomaten erhofft. Doch erwies sich auch diese Hoffnung als trügerisch: Talleyrand gewann den eifrigen, damals gerade Generalvikar des Erzbischofs von Paris gewordenen Priester lieb; er plauderte viel und gerne mit ihm über Vergangenheit und Gegenwart, im übrigen aber ließ er sich mit ihm auf religiöses Gebiet nicht ein.

 

Doch man verlor trotz alledem den Mut nicht; man verharrte in heißem Gebet. Man unterließ nichts, um zu dem gewünschten Ziel zu gelangen. Besonders in der Karwoche des betreffenden Jahres - man schrieb 1838 - arbeitete man mit höchsten Kräften.

 

Und wirklich - es zeigte sich endlich, endlich ein hoffnungsvoller Lichtstrahl. Am Nachmittag des "Grünen Donnerstag" trat Abbé Dupanloup mit strahlenden Augen, fast zitternd vor Erregung, aus den Krankengemach Talleyrands. Er fragte hastig nach einem Medaillon der seligen Mutter Talleyrands, das auf Porzellan den Ecce homo in Malerei trage. Der Kranke habe ihm hierüber eine Episode aus seinem Jugendleben erzählt; und hierauf baue er einen Plan, von dem sehr Gutes zu erhoffen sei.

 

Man versprach dem Abbé jenes Bildnis für den folgenden Tag: eine Dame aus der Verwandtschaft besitze und trage es als Erbstück von der Madame Talleyrand.

 

*       *       *

 

Der nächste Tag - es war am Karfreitag - brachte dem Kranken Diplomaten schon ziemlich früh den Besuch des Abbé Dupanloup.

 

Man begann, wie alle Tage, eine rege geistreiche Unterhaltung. Der Kranke zeigte sich heute besonders frisch, eindrucksfähig, ja bewegt. Mitten in den Gesprächen sah der Pariser Generalvikar plötzlich zum Himmel empor; er holte einen tiefen, tiefen Seufzer aus der Brust herauf und bemerkte:

 

"Ich habe Ihnen auch etwas mitgebracht, Herr von Talleyrand."

 

"So, so? Wie gütig von Ihnen! Was ist es denn?"

 

"Sie sprachen gestern mit inniger Herzlichkeit von einem Medaillon Ihrer seligen Mutter, das auf Ihr jugendliches Herz dereinst einen großen Eindruck machte. Ist es nicht so? Und erfolgte dieser Eindruck nicht an einem Karfreitag?"

 

"Gewiss ist es so, lieber Herr Generalvikar."

 

"Heute ist Karfreitag. Da habe ich mir gedacht, es würde Ihnen eine kleine Freude machen, jenes Medaillon wiederzusehen. Hier ist es!"

 

Er reichte das schlichte Andenken an Talleyrands Mutter, , nachdem er es aus der Brusttasche gezogen, dem Diplomaten hin.

 

Über diesen aber kam beim Anblick des Medaillons eine unwillkürliche, große Bewegung: mit zitternder Hand riss er es fest an sich. Seine Augen wurden groß und größer, während sie sich auf das Leidensbildnis Christi hefteten. Sein Atem ging hastig; er schluckte an verhaltenen Tränen.

 

Fast ganze fünf Minuten währte es, bis sich der Blick des Greises von dem Bild zu wenden vermochte. Die umflorten Augen schauten auf den Generalvikar; die Lippen stießen hervor:

 

Dank, vielen Dank, lieber Abbé, für ihre große Aufmerksamkeit!"

 

Und dann unter hervorstürzenden Tränen den Ecce homo an die Lippen pressend:

 

"O meine Mutter! O - mein - leidender - Heiland!"

 

Immer höher wogten die Empfindungen des Greises; immer reichlicher flossen die Tränen. Taktvoll und selber bis ins Innerste der Seele erschüttert, zog sich Dupanloup zurück. Nur unter Schluchzen vermochte er den gespannt aufhorchenden Angehörigen des Kranken draußen im Vorzimmer zu sagen: 

 

"Die Gnade Gottes hat das Herz unseres teuren Patienten berührt. Beten wir! Beten wir!"

 

Und die Gnade Gottes, die sich zur Aufrüttelung der schlummernden religiösen Gefühle Talleyrands, dessen frommer Mutter und des Leidensbildnisses Christi bedient hatte, wirkte weiter, vollendete ihren Sieg am Sterbetag Christi.

 

Charles Maurice von Talleyrand- Perigord kehrte reuig in den Schoß der katholischen Kirche zurück. Er beichtete, kommunizierte, war völlig gottergeben und kirchentreu. Er verfasste ein Schriftstück für Papst Gregor XVI., in dem er alle seine Irrtümer widerrief und aufs tiefste beklagte; in dem er voller Zerknirschung um Verzeihung bat.

 

Am 17. Mai 1838 schied er so wohl vorbereitet, so gottinnig aus dem Leben, dass ein Augenzeuge seines Todes schreiben konnte:

 

"Gott möge allen Menschen in ihrer Todesstunde die Gesinnungen geben, die ich an dem großen Herrn von Talleyrand wahrgenommen, und die nie mehr aus meinem Gedächtnis schwinden werden."

 

Das Ecce homo-Medaillon umschlangen nebst einem Sterbekreuz die im Tod erstarrten Hände des Bekehrten Diplomaten.

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28. O Herr, gedenke meiner! - Des Wilderers letzte Hoffnung

 

Noch einmal versuchte der Winter mit verzweifelter Gewalt die Herrschaft über den nahenden Frühling zu gewinnen. Die Nacht ist angebrochen. In tollen Wirbeln führen die Wolken ein rühriges Spiel. Kein Lichtstrahl fällt durch sie erlösend auf die Erde. Zerflackert, zerrissen, als Geisterschemen jagen sie durcheinander, und von neuem singt der rasende Sturm auf seiner Riesenorgel gewaltige Melodien. Schauerlich stöhnt sein Hauch durch die Klüfte, mit Posaunenstößen fährt er über die Heide und pfeift hoch oben in den Felsen. Sausend greifen seine nervigen Arme in die wetterharten Tannen und schütteln sie bis in die letzte Wurzel.

 

"Hilfe!" Unheimlich verklingt der klagende Ruf in der dichten Finsternis. "Hilfe", tönt es wieder, "zu Hilfe, zu Hilfe!" Umsonst! Nichts regt sich. Hohnlachend gibt der Sturm die Antwort, der Mond verbirgt sein Antlitz, und die Vöglein im warmen Nest ducken sich tiefer. 

 

"O Gott, o Gott - soll ich denn elend verderben?" Mühsam erhebt sich eine Gestalt im nassen Gras und starrt mit vor Angst verzerrten Mienen in das rasende Gewoge.

 

"Sterben?" hui, wie das Wort ihn packt, und er möchte doch leben! Leben, wie die andern, glücklich sein, wie die andern, zufrieden, gesund - ja, wird es ihm noch gelingen, eh` der Schnee ihn eindeckt, der jetzt zu fallen beginnt, und die Kälte ihn tötet? Plötzlich hält er elektrisiert den Atem an. Regte sich dort nicht etwas? Klang da nicht ein Laut, ein Ton durch die Wälder wie eine Stimme, die rief? - Oder, war es nur Spott und Hohn einer grausamen Natur?

 

Wieder eine Täuschung. Heftiger nur rüttelte der Sturm im schwankenden Geäst und der Schnee fiel. Wie lange noch, wie lange noch würde des Verunglückten einsame Kraft ausreichen?

 

"So kommt doch, ihr barmherzigen Helfer, so kommt doch, ehe ihr meine erstarrte Leiche findet", jammerte der Ärmste, mit der Menschheit hadernd, "du hast mich ausgestoßen, und nun willst du mich erbarmungslos töten? Kommt denn niemand? - ach, eilt doch!"

 

Die Antwort erteilte der schweigende Wald.

 

Eisiger Frost durchbebt den armen Menschen ins Herz hinein. Der furchtbare Kampf in den Gliedern lässt nach - ermattet sinkt er zurück. Ist es am Ende schade um ihn? Wer wird dem Wilderer, dem Vagabunden und Landstreicher eine Träne nachweinen? Besser weg von der Erde als noch länger im Elend schmachten.

 

Und dann würde er Ruhe haben, im Grabe - - 

 

Himmel! sollte es denn wirklich sein? War das die Stunde, von Ewigkeit ihm bestimmt? Glühender Schweiß tropfte von seiner heißen Stirn. Aber dennoch überlief ihn Frösteln. Es war ihm, als öffne sich zu seinen Füßen ein gähnender Spalt, ein Schlund, dessen Tiefe nicht zu ermessen war, aus dem eine eisige Kälte emporstieg. Und mit einem Mal empfand er die schwarzen Schauer der Todesangst. 

 

Sterben zu müssen! Wie ihn dieser Gedanke ergriff. Wenn doch nur Rettung käme! Noch ein ganzes Menschenalter könnte er leben -. Aber - aber - sie würden ihn wohl zu spät finden; morgen vielleicht wird der eine oder der andere nach ihm schauen, aber dann wäre er ein toter Mann.

 

Kaum vierzig Jahre alt! "Hilfe, Hilfe!" schrie er mehrmals in den Sturm, als müsse dieser Schmerzensruf alles versöhnen, was er getan hatte. 

 

Vergebens! Du musst sterben, hierhin verirrt sich niemand, wie du weißt. Der Weg ist mehr oben am Fichtenhang. - "Nein, nein, aber ich will nicht sterben." Vernichtet stützt er sich auf das gebrochene Bein, von Todesvisionen umgaukelt. Eine dumpfe Starre hält seinen Geist in Banden, und der Schnee webt am Leichentuch - der kalte Schweiß perlt ihm von der Stirn, er muss nach Atem ringen. Es saust und braust in seinen Ohren. Er fühlt, wie eine todesfeuchte Hand über sein Antlitz streicht und ein ungeheurer Schmerz zieht durch seine Seele. Indessen, alle Kraft ist noch nicht erloschen. Von den Menschen verlassen, an ihrer Hilfe verzweifelnd, wendet sein Blick sich anderem zu. Er sucht das Firmament, an dem hier und da zwischen sturmgepeitschten Wolken ein lichtes Sternlein blinkt. Da reißt ihn ein Gedanke empor mit verzweifelter Kraft: 

 

"Allmächtiger, so hilf denn du! - -"

 

Von der Erde erwartet er keine Hilfe mehr. Er denkt an die Seele, die ihm flüstert von Gottes Liebe und einem herrlichen Lohn in der anderen Welt. Keuchend hält er zurück, und wie durch Zauberhand verscheucht, verliert der leibliche Tod seine Schrecken. Dafür entsteht in seiner Seele ein unnennbares Verlangen nach den ewigen Gütern, nach der ewigen Ruhe und der ewigen Seligkeit. Ein liebliches Bild entrollt sich ihm; ein Kindlein auf Engelsflügeln zur Erde schwebend, das ein goldenes Stirnband trägt, auf dem die Worte leuchten: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er schon gestorben ist." Und das holde, süße Kindlein streckt die kleinen Ärmchen liebend nach seiner Seele aus und lächelt ihn so glücklich an. Das Gefühl wandelt ihn an, als müsse er sich dem göttlichen Kind voll Demut in die Arme werfen, als müsse er in den Liebesgluten untertauchen, die dem Herzen Jesu entströmen. Liebe, Reue und Scham erfassten ihn.

 

Und auf einmal wieder die Pein: "Bin ich armer Sünder des reinen Lammes würdig? Ach, meine Schuld, meine große Schuld -." Doch die Stimme im Innern flüsterte: "Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden." Allein die vielen, vielen Sünden - -?

 

Und wieder tröstete die Stimme: "Und wären ihrer noch so viele, wie der Sand am Meer, sie sollen vergehen wie der Schnee vor der Sonne."

 

Der Unglückliche atmete tief auf: "Dismas, Dismas!"

 

Woher kommt er plötzlich zu diesem Namen? Was will der, was bedeutet der? War es ein tolles Gaukelspiel der Phantasie?

 

Nicht doch! In Flammengluten sieht er das größte Liebesdrama der Weltgeschichte, das blutige Kreuz auf Golgatha, und daran das Lamm Gottes mit den freundlich-milden Zügen des Welterlösers. Da wurde es licht in seiner Seele. Denn der eine, der da mit ihm gekreuzigt wurde, den Kopf neigend, flüsterte: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst", das war jener, an den er verworren dachte.

 

Ein Schauer durchrieselte ihn. Von jenem sagt man, er sei ein Räuber, gar ein Mörder gewesen - so schlimm war er nicht - und erhielt Verzeihung.

 

"Erhielt - Verzeihung - Vergebung - durfte ruhig sterben -"

 

Liegt nicht darin schon ein Himmel voll Seligkeit und Wonne? O unerhörtes Glück, o wunderbare Gnade! Langsam fließen die Silben über seine Lippen: "Dann will ich bei Christus mein Heil suchen, denn die Welt verstößt mich - und dort oben werde ich ihr Richter sein."

 

Versöhnendes Gefühl der Rache, die in Christus alles vergisst. Linder Balsam beträufelt seine Seele, in der Brust schweigt die Verbitterung, er fühlt sich so leicht und wohl, als berührte der trauten Mutter Hand segnend seine Stirn, und der Tod schreckt ihn nicht mehr. Reuetränen im Auge, Vergebung im Blick, kriecht er einige Schritte voran. Wenn er schon sterben muss, weiß er eine bessere Stelle dafür. Da vorne am Rand der finsteren Schlucht steht ein eisernes Kreuz - dahin schleppt er sich. 

 

"Herr Jesus, erbarme dich meiner armen Seele - aus Liebe zu dir bereue ich alle meine Sünden." Schluchzend in hoffender Brunst umklammern seine Hände den kalten Stamm, im Herzen aber breitet sich ein köstlicher Friede aus. Und der sagt ihm: "Heute noch wirst du bei mir im Paradies sein!"

 

Die Schmerzen sind vergessen - eine furchtbare und unwiderstehliche Müdigkeit drückt ihn zu Boden. Er kennt das - -! Lächelnd hebt er noch etwas den bleischweren Kopf. In diesem Augenblick tritt der Mond durch die Wolken. Hell schimmert sein Licht auf die seltsame Gruppe: auf den Heiland so lind und mild und auf den armen verlassenen Mann, der aus Reueschmerz kaum sein Haupt zu erheben wagte. 

 

Vertrauensvoll finden sich ihre Blicke.

 

Schlaftrunken öffnet sich der Mund zum letzten Seufzer: "Mein - Jesus - Barmherzigkeit. - Gedenke meiner in deinem Reich -." Silbenweise verstummen die blassen Lippen. Der Verunglückte fühlte noch, wie ein sanfter Tau plötzlich die Schmerzen kühlte, wie ein dunkler Mantel sich um die Sinne legte, und dann fühlte er sich fortgetragen, schnell und immer schneller, nach oben, nach dem ewigen Himmel, von wo jubelndes Hosianna ertönte und Christus, an den er geglaubt und auf den er gehofft hat, ihm nicht Richter wurde, sondern Seligmacher!

 

In langen Schwaden wehte der Schnee durch die Schlucht.

 

Als der hochheilige Karfreitag über den letzten Winterschnee blitzte, fanden Kirchgänger am Fuß des Kreuzes eine einsame erstarrte Leiche.

 

"Der Wilderer", sprach einer und dachte an nichts Weiteres.

 

"Warum trieb er kein ehrliches Handwerk?" meinte ein anderer. 

 

"Verdorben und gestorben."

 

Dass aber auch den ärmsten Verlassenen die Gnade des Himmels leuchtet - daran dachten sie nicht. 

 

Und doch lag der Gedanke so nah. - Es war ja Karfreitag.

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Das Scherflein der Witwe

 

29. Almosengeben macht nicht arm - Von Franz Clute-Simon

 

Es ist eine wenig erfreuliche Tatsache, dass es manche Katholiken gibt, die stets unwillig sind und sich bitter beklagen, wenn während des Gottesdienstes oder bei anderen Gelegenheiten ein kleines Scherflein von ihnen erbeten wird zu irgendwelchen kirchlichen oder anderen guten Zwecken. Sie können nicht müde werden, über die "ewige Bettelei" der Geistlichen zu schimpfen oder über den "immer hungrigen Magen der Kirche" zu spotten. Und doch kann die Kirche ohne Kollekten und Sammlungen nicht auskommen, um alle die an sie herantretenden Forderungen und Bedürfnisse zu erfüllen und zu befriedigen. Leider ist es so, und die Kirche wäre sicherlich die letzte, die eine Änderung hierin bedauern würde. Manches schmucke Gotteshaus, sei es die einfache Dorfkirche oder der stolze Dom, würde ohne das erfolgreiche Anklopfen an den Opfersinn der Gläubigen weniger zur Ehre des Allerhöchsten emporragen.

 

Wir wollen gerne zugeben, dass manches Mal und mancherorts hohe Anforderungen an die Mildtätigkeit der Katholiken gestellt werden; aber arm ist von den kleinen Gaben für solche guten Zwecke gewiss noch keiner geworden. Wenn schon der alte Spruch "Almosengeben macht nicht arm" im Allgemeinen sich bewahrheitet, so behält er seine Gültigkeit erst recht, wenn es sich um kirchliche Almosen handelt, um ein Scherflein zur Ehre Gottes, zur Erbauung oder Ausschmückung seiner Tempel. Wer da gerne gibt, wie es seine Verhältnisse zulassen, der leiht, um mit den Worten aus Salomos Buch der Sprichwörter zu reden, dem Herrn auf Wucher, und er wird es ihm wieder vergelten (Sprichwörter 19,17). 

 

Recht oft könnten in dieser Beziehung von den unvermögenden armen Leuten, für die jeder Pfennig geradezu ein Vermögen ist, die Bessergestellten und mit irdischem Besitz Gesegneten beschämt werden und von ihnen lernen, wie man sich mit Geld und Gut Schätze sammeln soll für den Himmel. 

 

Das lehrt eine kleine Episode aus dem Leben, die vor einer Reihe von Jahren ein bekannter Redner aus dem Jesuitenorden (P. Fr. Zenker) gelegentlich der Versammlung eines Kirchenbauvereins erzählte, und die ich hier, soweit sie mir erinnerlich ist, wiedergebe:

 

Als der Münchener Liebfrauendom gebaut wurde, ging einmal das Geld aus, so dass die Arbeiten eingestellt werden mussten. Deshalb erging ein Aufruf an die Bewohner Münchens, ihr Scherflein der Lieben Frau zu spenden, dass der Bau weitergeführt und vollendet werden könne.

 

Unweit des Bauplatzes wohnte eine sehr arme Näherin, die, wenn sie den ganzen Tag hindurch fleißig arbeitete, geradeso viel verdiente, wie sie zur Erwerbung des nötigen Lebensunterhaltes gebrauchte. Sie saß ganz traurig in ihrem Kämmerlein, blickte von der Arbeit hinweg auf ihre Habseligkeiten, von denen sie nichts entbehren konnte, und sagte: "Liebe Gottesmutter, ich habe gar nichts, was ich entbehren und verkaufen könnte, um den Erlös zum Bau deines Domes zu spenden. Ach, ich bin zu arm!" 

 

Während sie so in Gedanken versunken dasaß, fing auf einmal der kleine Vogel, der in einem Käfig über ihrem Arbeitstisch sich befand, seine lieblichsten Weisen zu singen an. Da wurde die arme Näherin wieder froh und dachte bei sich: "Ach, dieser Zeisig ist doch eigentlich die einzige Freude, die ich auf der Welt habe!" und gleich darauf kam ihr der Gedanke: "Ich will ihn samt dem Käfig verkaufen und den Erlös der allerseligsten Jungfrau schenken."

 

Kurz darauf pochte es an die Tür. Eine vornehme Ratsfrau trat herein, um sich nach einer Arbeit zu erkundigen, die sie bei der Näherin bestellt hatte. Während die beiden nun miteinander sprachen, fing der Vogel wieder an, lustig sein Liedchen zu pfeifen. Ganz erstaunt rief die Dame: "O einen so schön singenden kleinen Vogel möchte ich auch gerne haben!" Sofort bot die andere ihr das Tierchen und seinen Käfig an. Bald wurden sie handelseinig; die Frau zahlte einen Goldgulden und entfernte sich frohen Herzens über den guten Kauf.

 

Noch viel froher aber eilte am Abend die Näherin zum Propst und übergab ihm freudestrahlend den Gulden als Betrag zum Weiterbau des Liebfrauendomes. -

 

Von dieser armen Näherin und allen, die wie sie von dem wenigen, was sie besitzen oder verdienen, noch bereitwillig abgeben zur Ehre Gottes, gelten die Worte, die der göttliche Heiland sprach, als er das geringe und doch so wertvolle, große Opfer der armen Witwe im Tempel bemerkte:

 

"Wahrlich, ich sage euch, sie hat mehr als alle anderen gegeben; denn die anderen haben von ihrem Überfluss gegeben, sie aber hat ihren ganzen Lebensunterhalt hingelegt!" -

 

Almosengeben macht nicht arm; dass Gott es im Gegenteil reichlich belohnt und wiedervergilt, um so mehr, wenn es zu seiner besonderen Ehre, zu kirchlichen Zwecken geschieht, das zeigt auch die folgende lehrreiche Legende, die eine alte französische Chronik uns übermittelt:

 

Vor vielen Jahrhunderten herrschte in dem damals mächtigen Normannenland ein reicher König, der dem lieben Gott eine prachtvolle Kathedrale erbauen ließ. Auf seinen ausdrücklichen Befehl war es jedermann verboten, etwas zu den Kosten beizutragen; öffentlich ließ er bekannt machen, dass es niemand gestattet sei, auch nur einen einzigen Pfennig als Beisteuer zum Bau dieses Gotteshauses zu geben, denn er wollte alles aus seinen eigenen Mitteln bestreiten.

 

Als nach mehreren Jahren mühevoller Arbeit der herrliche Tempel in seiner glänzenden Pracht vollendet dastand, ließ der König am Hauptportal eine große marmorne Tafel anbringen, auf der in goldenen Buchstaben sein Name als der des Erbauers eingegraben war; auch stand darauf ausdrücklich vermerkt, dass nicht ein einziger Heller von anderen zum Bau beigesteuert worden sei, dass der Herrscher vielmehr allein aus seinem unermesslichen Vermögen dem Herrn diesen Prachtbau habe errichten lassen. 

 

In der folgenden Nacht jedoch verschwand des Königs Name von der Tafel, und an seiner Stelle war der einer ganz armen Frau zu lesen, so dass die Inschrift nun bedeutete, diese Frau sei die alleinige Erbauerin des herrlichen Gebäudes.

 

Das verdross den König gar sehr und alsobald gab er den Befehl, unverzüglich den fremden Namen zu entfernen und seinen wieder an die Stelle zu setzen.

 

Doch was geschah? Am nächsten Morgen fand man abermals den Namen der armen Frau auf der Marmortafel. Zum dritten Mal wurde auf Geheiß des jetzt aufs höchste erzürnten Königs dessen Name eingemeißelt, aber wieder verschwand er, um dem der armen Frau zu weichen.

 

Endlich merkte nun der König, dass hier Gottes Finger wunderbar gewaltet hat. Er befahl, die arme fremde Frau aufzusuchen und zu ihm zu führen. Voll Angst und Schrecken erschien sie vor ihm, und der Fürst redete sie also an:

 

""Frau, es haben sich wunderbare Dinge zugetragen. Bekenne mir die volle Wahrheit, und es wird dir kein Leid geschehen! Hast du trotz dieses Verbotes doch etwas gegeben?"

 

Ganz verwirrt fiel die Frau dem König zu Füßen und gestand ihm unter Tränen:

 

"Verzeihung, mein Herr und König! Bei deiner Gnade will ich alles bekennen. Ich bin eine Witwe und sehr arm; mein tägliches Brot suche ich mir durch Spinnen zu verdienen, damit ich nicht vor Hunger sterbe. Als ich nun einmal einen Schilling erübrigt hatte, kam mir das innige Verlangen, ihn zur Ehre Gottes beim Kirchenbau zu opfern. Aber ich fürchtete, o König, deinen Befehl und deine strenge Strafe. Darum kaufte ich für meinen Schilling ein Bündel Heu und warf es den Ochsen vor, die die Steine zum Bau zogen, und sie fraßen es. So hoffte ich, meinem Wunsch zu genügen, ohne dein Gebot zu übertreten."

 

Als der König die Worte der armen Witwe gehört hatte, wurde er sehr gerührt und erkannte, dass der liebe Gott ihr gutes Herz angesehen und ihre geringe Gabe wohlgefälliger aufgenommen hat als alle Reichtümer, die er an den kostbaren Tempel verschwendet hatte. Er beschenkte die Witwe reichlich und nahm die auf so wunderbare Weise vom Herrn empfangene Lehre demütig zu Herzen.

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30. Nur ein Kreuzlein - Wahre Skizzen von Er. Krafft

 

"Teure Mutter! Dringe nicht weiter in mich! Wehre nicht meiner Begeisterung für die große Bewegung, die jetzt in Frankreich ausgebrochen ist! Mein Herz zieht mich zu ihr hin. Mein jugendlicher Sinn ist entflammt davon."

 

Es war zur Zeit der grässlichsten Ausschreitungen der ersten französischen Revolution, als der junge Student Gaultier von Chlaubry diese überschwängliche Bitte an seine verwitwete Mutter richtete, die in Paris am Fenster ihrer behaglich eingerichteten Wohnung saß. Die blassen, vergrämten Züge der alternden Frau zuckten schmerzlich, als sie den Sohn, der mit vor Begeisterung glühenden Augen und hochrotem Gesicht vor ihr stand, so sprechen hörte. - "Ich kenne dich kaum wieder in letzter Zeit", versetzte sie seufzend. "Sonst allzeit so gut, so mitfühlend mit jedem Bedrängten oder Leidtragenden, billigst du jetzt gar die grausamen Hinrichtungen der Opfer der Revolution. Ja, du jubelst jenen entsetzlichen Blutmenschen zu, die Mann und Frau, Greis und Kind unschuldig dem Mordbeil überliefern."

 

"Unschuldig, sagst du, Mutter?" Der Student straffte unwillkürlich seine Gestalt. "O nein, nein! Unschuldige Opfer sind diese Verurteilten der Revolution nicht. Nur verstockte Aristokraten, Feinde des Volkes und Frankreichs fallen unter dem Henkerbeil. O Mutter, Mutter! Sieh es doch endlich ein! Für unser teures Vaterland ist jetzt das goldene Morgenrot wahrer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Stände angebrochen: ob reich, ob arm; ob hoch oder nieder - - -"

 

Lautes Aufschluchzen der Witwe unterbrach den Redestrom des jungen Mannes. Mit beiden Händen und abgewandten Gesicht die Worte des Sohnes gleichsam abwehrend, schluchzte die Frau hervor:

 

"Genug der Überspanntheiten und Trugworte, die heutzutage fast in der Luft schweben und auch deinen sonst so rechtlichen Sinn betört haben! Welch widerliches Lügengewebe der brutalen Machthaber der jetzigen Zeit! Oder sind etwa die unmündigen Kinder, die schwachen Jungfrauen und Frauen, die man frech und mitleidslos zum Tod schleppt, ebenfalls Rebellen gegen die Freiheit, gegen das Wohl des Volkes? Ist jeder, der am Glauben seiner Väter festhält, der seine katholische Überzeugung nicht von sich stößt, ein Feind Frankreichs? Torheit, Verblendung spricht so! Oder Hass und Raubgier, wie beispielsweise bei den Führern dieser unglückseligen Empörung!"

 

Die Züge des Studenten waren nachdenklich geworden: die Worte der Mutter waren nicht ganz wirkungslos von ihm abgeprallt.

 

"Kehre also zurück von deiner Verirrung!" suchte die Matrone ihren errungenen Vorteil auszunützen. "Sieh dir die Vorgänge der Revolution mit klarem Auge, mit unbeeinflusstem Verstand an! Dann wirst du - - -"

 

"Hoch die Revolution! Hoch die Freiheit! Nieder mit den Aristokraten und Volksfeinden!" schallte es in diesem Augenblick markerschütternd in die Worte der Witwe. Dabei grollte dumpfes Getöse und verworrenes Geschrei wie heranrollender Donner von der Straße zu den Ohren von Mutter und Sohn herauf.

 

"Allmächtiger Gott! Ein neues Opfer!" stöhnte die Witwe, vom Sitz entsetzt auffahrend. Ihre Tränen flossen reichlicher; mit beiden Händen verschloss sie sich die Ohren. Sie machte Miene, ins Nebenzimmer zu fliehen. Allein ein Blick auf den Sohn bannte sie an die Stelle.

 

Ihn hatte der Ruf der Revolution wie mit elektrischem Schlag durchzuckt: alle Nachdenklichkeit von eben war verflogen. Auf seinem Gesicht glühte das Rot höchster Erregung; seine Augen sprühten.

 

"Die Freiheit ruft!" tönte es fast jubelnd aus seiner Kehle. "Die echte Menschlichkeit! Die Loslösung von allen vernunftunwürdigen Fesseln! Auf, auf! Ich eile, sie zu begrüßen; sie willkommen zu heißen!"

 

Und ohne auf die laut aufjammernde Mutter zu hören, stürmte der junge Mann hinaus - dem heranwogenden Revolutionszug entgegen . . .

 

*       *       *

 

Zerlumpte Gestalten, von fast jedem Alter und von beiden Geschlechtern, führten den Zug an oder umringten ihn. Die jüngeren schwangen rote, zerfetzte Fähnchen; die älteren kreischten das Revolutionslied herunter. Oder sie ergingen sich in wüsten Flüchen auf die "Aristokratie" und auf das Opfer, das man eben zum Richtplatz schleppte.

 

Und dieses arme Opfer! Unserem jungen Mann drohte der Herzschlag zu stocken, als er sich durch die Menschenmassen gedrängt hatte und einen raschen Blick auf den Todeskarren warf.

 

Ein junges, zartes Mädchen, das kaum dem Kindeskleid entwachsen war, kauerte auf dem rauen Sitzplatz. Ihr wunderliebliches Gesichtchen, auf dem vornehme Abstammung und der Hauch unentweihter Tugend Zug um Zug geschrieben stand, war fast lilienhaft bleich; die schlanken Hände umklammerten ein Sterbekreuz, worauf die Augen mit Innigkeit unverwandt ruhten. Das wüste Verhalten der Volksmenge schien sie kaum zu berühren. Nur ab und zu, wenn ein besonders roher Ruf, eine allzu grausame Drohung an ihr Ohr drang, rieselte eine kurze Bewegung durch ihren zarten Körper.

 

Des jungen Mannes hafteten voller Staunen an dieser edlen, herzrührenden Erscheinung. Dabei fielen ihm siedendheiß die Worte auf die Seele, die soeben seine Mutter gesprochen hatte.

 

"Sind auch unschuldige Kinder, schwache Jungfrauen und Frauen Rebellen gegen die Republik oder Feinde Frankreichs?" rief es in seinem Innern. Und "nein, nein!" gab ihm seine Empfindung sofort die Antwort. "Dieses reine Wesen da oben auf dem Justizkarren kann derartiges nicht einmal gedacht, geschweige denn vollbracht haben!"

 

Tiefempfundenes Mitleid für das "arme Opfer der Revolution" - so nannte v. Chlaubry nunmehr das Mädchen im stillen selber - stieg in des jungen Mannes Seele auf. Und je mehr sich sein Sinn und seine Gedanken hiermit beschäftigten, desto widerwärtiger und abstoßender kam ihm der Volkshaufen und sein Gebaren vor. Fast mechanisch machte er dessen Gang mit; aber unwillkürlich drängte es ihn auch näher an den Karren heran.

 

Gerade war er in die unmittelbare Nähe des Gefährtes gelangt, als eine wildaussehende Frau neben ihm höhnisch ausrief:

 

"Schaut! Schaut die Heuchelei auf dem Wagen! Die Betschwester! Hält das Kreuz unentwegt in ihren Händen! Sieht wie gebannt darauf hin!"

 

"Schaut, schaut!" kreischten sofort hundert Stimmen der Frau nach. "Entreißt der frömmelnden Aristokratin das Kreuz! Was soll diese Dummheit hier, auf dem Weg zum Richtplatz?"

 

"Recht so! Fort mit dem Kreuz! Aus unseren Augen damit!" brüllte es vielstimmig durcheinander.

 

Das Mädchen, das bei den übrigen Ausbrüchen der Volkswut fast teilnahmslos geblieben war, zuckte jetzt heftig zusammen: in hastiger Bewegung fuhren ihre Hände mit dem Zeichen der Erlösung zu den bleichen Lippen empor. Innig drückte sie einen Kuss darauf. Dies entfachte den Zorn der entmenschten Horde zu halber Raserei.

 

"Welche Komödie!" brauste es um den Wagen. "Welche Verstellung! Es ist hohe Zeit, dass man der Närrin den Plunder aus den Händen reißt!"

 

"Oder darauf wirft!" lachte höhnisch die wilde Frau auf. Und rasch langte sie einen morschen Apfel aus der Tasche hervor, um mit ihm nach dem Kreuzlein in den Händen der Verurteilten zu werfen.

 

Allein noch ehe der Wurf sein Ziel erreichte, hatte das Mädchen blitzschnell das Köpfchen zum Schutz des Kreuzes niedergeneigt. Klatschend prallte der Apfel auf ihre zarte Wange, deutliche Spuren darauf zurücklassend. Ein Zug des Glücks huschte trotzdem über das Gesicht des misshandelten Wesens: wie ein Kleinod presste sie das Zeichen der Erlösung, das sie mit dem eigenen Antlitz hatte decken und vor Entehrung schützen gekonnt, an ihre Brust. 

 

"Eine kleine Heldin!" riss es bei diesem Anblick unseren jungen Studenten zu unwillkürlichem Ausruf fort. "Eine wirkliche Märtyrin ihres Glaubens, ihrer Überzeugung!"

 

"Wie? Was?"

 

Zehn, zwanzig Frauen und Männer aus der nächsten Umgebung des jungen Mannes stießen diese beiden Worte des Staunens und Unmutes jählings aus. Blitzende Augen drohten ihn zu durchbohren.

 

"Ja, ja, eine wirkliche Heldin!" ließ sich der Student nicht im Geringsten beirren. Und dann sprudelte er in jugendlichem Feuereifer, der ohne Zagen und Bedenklichkeit sich offen Bahn zu brechen pflegt, mutig weiter hervor:

 

"Und ihr, Bürger und Bürgerinnen, wollt die Freiheit und Brüderlichkeit auf eure Fahnen schreiben? Wo ihr nicht einmal einem unglücklichen, dem Tod geweihten Kind die Freiheit des letzten Lebenstrostes gönnt - die Hoffnung auf den Beistand des Gekreuzigten in schlimmster Todesnot? Das ist nicht Freiheit, die ihr da verfechtet, sondern maßlose Tyrannei! Nicht Brüderlichkeit, sondern herzloseste Grausamkeit!"

 

Mit leuchtenden Augen, zitternd vor gerechter Entrüstung, maß der junge Mann seine Umgebung. Und als von dort sein Blick zu dem Mädchen auf dem Todeskarren weiterschweifte, bemerkte er, wie die arme Verurteilte, die seine Worte gehört haben musste, in leiser, fast unmerklicher Bewegung ihr todblasses Gesichtchen dankend zu ihm hinneigte; wie sie ihr Kreuzlein in den zitternden Händen segnend ein wenig nach ihm emporhob. Ein Gefühl innigster Befriedigung durchrieselte den wackeren Verteidiger echter Menschlichkeit; allein kaum für ein paar Sekunden. Denn seine Unerschrockenheit hatte bei den Umstehenden einen Groll wachgerufen, der ihm höchst verderblich werden konnte.

 

"Ein Verteidiger der Aristokratin!" tobte sein nächster Nachbar. "Offenbar selber ein Aristokrat und Feind der Republik! Aber er soll es büßen! Soll - - -"

"Ein Irrtum, Bürger!" unterbrach ihn von Chlaubry. "Ich bin wohl ein ebenso begeisterter Anhänger der neuen Staatsform, wie ihr alle. Aber ich bemühe mich, ein wirklicher Freund der Freiheit und Brüderlichkeit zu sein, kein erheuchelter!"

 

"Hört ihr`s?" fauchte die Frau, die soeben den Apfel nach dem Kreuz geschleudert hatte. "Er bleibt verstockt; verharrt in seiner aristokratenfreundlichen Meinung. Kein Zweifel: er ist unser Feind, ein Widersacher der Revolution. Auf, Bürger und Bürgerinnen! Ergreift ihn! Liefert ihn dem Revolutionstribunal aus!"

 

"Auf, auf! Ergreift ihn!" wirrte und schwirrte es durcheinander. 

 

Fäuste ballten sich gegen den nunmehr erbleichenden jungen Mann. Sehnige Arme streckten sich nach ihm aus. Flüche und grässliche Verwünschungen flogen an sein Ohr: übertönten die Abwehrworte, die er hervorstotterte. Unzweifelhaft wäre er ergriffen und eingekerkert oder von der rasenden Menge gar zerrissen worden, wenn ihm in diesem Augenblick nicht ein günstiger Zufall zu Hilfe gekommen wäre: der Zug bog in eine Seitenstraße ein und riss dort die aufgeregte Menschengruppe auseinander. Der junge Mann aber benützte diese Gelegenheit, um sich rasch in einen anderen Menschenknäuel hineinzuschieben und so den hasssprühenden Augen der Gegner zu entgehen. Bald befand er sich in Sicherheit. Allein in seinem Innern tobte ein fürchterlicher Sturm gegen diese widerliche Unduldsamkeit und unmenschliche Grausamkeit, wie er sie soeben zweimal erlebt hatte.

 

"Wie recht hat doch meine Mutter!" tadelte er sich selbst. "Wie töricht und verblendet war ich, diesen Lug und Trug der Revolutionäre für echte Freiheitsliebe, für edles Menschentum zu halten!"

 

Und er sollte in diesen Gefühlen noch verstärkt werden; sie sollten sich zu förmlichen Ekel auswachsen. Als man auf dem Richtplatz angekommen war, machte sich bei dem Mädchen für ein paar Augenblicke die Schwäche der kindlichen und auch menschlichen Natur geltend: wie sie das scharfe Beil der Guillotine im Strahl der Sonne blitzen sah, erbebte ihr schmächtiger Körper merklich. Sie suchte deshalb Stärke bei dem Kreuzlein, auf dem ihre Augen jetzt fast starr hafteten. Allein selbst diesen Trost missgönnten ihr die Vertreter der "Brüderlichkeit". Der Henker entriss dem todesängstlich zu ihm aufschauenden Kind mit rauem Griff das Zeichen der Erlösung und schleuderte es - unter ausbrechendem Beifallsgeheul der Menge - neben das Gerüst der Guillotine. Es fiel direkt vor unserem jungen Freund auf den Boden.

 

Zehn, zwanzig Füße erhoben sich, um das Kreuzlein zu zertreten und in den Boden zu stampfen. Allein Chaubry kam ihnen zuvor: blitzschnell bückte er sich und ließ das Kleinod des Mädchens im rechten Rockärmel verschwinden. Mit derselben Schnelligkeit schob er sich dann durch die Menschenmasse hindurch, um ihr zu entrinnen. Die Luft um ihn her drohte ihn zu ersticken, seinen Herzschlag stocken zu lassen. Noch einmal schaute er sich, am Rand der Volksmenge angelangt, nach dem zarten Mädchen um, das eben mit rückwärts gebundenen Händen und himmelan geschlagenen Augen zum Schafott schritt. Dann stürmte er geradezu heimwärts. Und in währendem Lauf kam es bruchweise von seinen Lippen:

 

"Eine wirkliche - Heldin des Kreuzes! Sie hatte sich schon wieder gefasst! Sie schritt in der Hoffnung - auf ein glückliches Jenseits -, in das ihre Augen schon schauten, - zum Tod!"

 

Wie eine Lichtgestalt schwebte die kleine Märtyrin vor seinen Augen. Ja, als in diesem Augenblick ein besonders rasendes Geschrei vom Richtplatz her an sein Ohr schallte, das ihm das Fallen des unschuldigen Hauptes unter dem Mordbeil anzeigte, langte er das gerettete Kreuzlein  aus dem Rockärmel hervor und drückte es mit Innigkeit an die Lippen.

 

Zu Hause angelangt, fand er die Mutter vor einem Kruzifix auf den Knien liegend, im Gebet begriffen. Er stürzte neben sie nieder und betete mit. Als aber Mutter und Sohn sich von den Knien erhoben; als er seine Erlebnisse schilderte und das Kreuzlein des Mädchens zeigte, da hatte die Witwe die beglückende Empfindung, dass ihr Sohn ein anderer geworden war. 

 

Mehrere Jahre sind verflossen. Bei dem jungen v. Chlaubry hatten die Erlebnisse bei der Hinrichtung des Mädchens eine dauernde und gründliche Sinnesänderung herbeigeführt. Der Freiheits- und Humanitätsrausch, wie ihn die Revolutionshelden gepredigt und womit sie ihm Verstand und Sinne verdunkelt hatten, war völlig verflogen. Ja, er hatte eine namhafte Vertiefung der religiösen Ansichten bei dem jungen Mann zuwege gebracht; hatte ihn inniger und näher an die echte, die wahre Verteidigerin von Freiheit und Menschenliebe herangedrängt: an die katholische Kirche.

 

Die kleine Märtyrin, die Heldin des Kreuzes, lebte in seiner Erinnerung als wahre Lichtgestalt fort: ihr Kreuzlein trug er wie einen Talisman auf allen Wegen und Pfaden bei sich. Auf Anregung der frommen Mutter betete er jeden Tag, mit jenem Erinnerungszeichen in den Händen und zum Dank gegenüber dem Gekreuzigten für seine Sinnesumwandlung, die Andacht zu den fünf Wunden Jesu.

 

Wir finden unseren jungen Freund, der mittlerweile Arzt geworden war, eines Tages als Feldchirurg in der spanischen Hauptstadt Madrid wieder. Hierhin hatte ihn der Machtbefehl Napoleons, der sich nach Beendigung der gräulichsten Zeiten der Revolution an die Spitze Frankreichs emporgeschwungen hatte, mit dem französischen Eroberungsheer abgesandt. Der übermütige, machthungrige Korse versuchte sich nämlich schon damals in seinen Welteroberungsplänen und hatte deshalb zuerst die schöne pyrenäische Halbinsel mit seinen Truppen überschwemmt. Es sollten vorab die Spanier, die nicht bloß als königstreue Untertanen den französischen Emporkömmling hassten, sondern auch als kernkatholisches Volk den ungläubigen Bestrebungen des Machthabers feindlich gegenüberstanden, unterjocht und gedemütigt werden.

 

Gräuel häufte der Tyrann in diesem Land auf Gräuel. Vornehmlich hausten die Franzosen in der Landeshauptstadt, die ihnen ebenfalls in die Hände gefallen war, in schonungslosester Weise: so grausam und Blutgierig, dass sich die Madrider Bevölkerung ganz unvermutet - ohne Mitwirkung der Behörden - zu einer blutigen Verschwörung gegen ihre Peiniger erhob. 

 

Drei Tage und Nächte rasten die Empörten, in den edelsten Empfindungen tiefverletzten Madrider gegen die fremden Eindringlinge. Sie richteten ein furchtbares Blutbad unter ihnen an: jeder Franzose, der ihnen in die Hände fiel, wurde erbarmungslos niedergehauen.

 

Unser junger Feldarzt hatte sich am ersten Tag jener Verschwörung, nichts ahnend von der tiefen Empörung des Madrider Volkes, frühmorgens in ein Gotteshaus zur Anhörung der hl. Messe begeben. Nach Schluss der heiligen Handlung nahm er gewohnheitsgemäß sein Kreuzlein aus der Brusttasche, um die Andacht zu den fünf Wunden zu beten. Er verrichtete dieses Gebet mit solcher Frömmigkeit und Sammlung, dass er kaum bemerkt hatte, wie die übrigen Messebesucher sich nach und nach insgesamt entfernten. Erst als der Küster ihn höflich darauf aufmerksam machte, das Gotteshaus werde jetzt für kurze Zeit geschlossen, sah der Feldarzt, dass er der einzige Andächtige in der Kirche war. Rasch steckte er deshalb das Kreuzlein in sein Versteck zurück und eilte davon.

 

Allein wer beschreibt seinen Schrecken, als er in den Straßen von Madrid bereits auf wütende Spanier stieß, die gegen seine Landsleute schreckliche Gräueltaten verübten! Ganze Volkshaufen umringten kleine Gruppen französischer Soldaten. Sie überwältigten sie mit leichter Mühe und hieben sie nieder. Dabei stießen die gekränkten Madrider furchtbare Verwünschungen und Schmähungen aus, unter denen sich Ausdrücke wie "Völkerschinder", "Raubmörder" und "Gottesleugner" besonders deutlich herausgehoben. (In Spanien hielt man damals, wegen der grässlichen Katholikenverfolgung seitens der französischen Revolution, alle Franzosen kurzerhand für kirchenfeindlich und gottesleugnerisch.)

 

Der junge Arzt haftete vor Entsetzen zuerst an der Stelle. Sein Haar sträubte sich. Der Herzschlag drohte ihm still zu stehen beim Anblick des entsetzlichen Gemetzels, das man unter seinen Kameraden anrichtete. Aber nur einige Sekunden dauerte diese Schreckenslähmung bei ihm an - dann siegte sein Pflichtgefühl. 

 

"Auf meinen Posten, auf meinen Posten!" ermutigte er sich selber. "Ein rechter Soldat muss vornehmlich in Zeiten der Gefahr auf seinem Posten sein!"

 

Er raffte sich gewaltsam auf. Er schlang seinen weiten Mantel fester um Körper und Uniform - vielleicht dass er dann unerkannt bleibe - und versuchte, durch eine Nebengasse zuvörderst zu seiner Wohnung zu gelangen. 

 

Zu spät! Man hatte ihn bereits wahrgenommen und als Franzosen erkannt. In wenigen Minuten sah er sich von einer schreienden, tobenden, mordsüchtigen Volksrotte umtobt, die ihm Mantel, Degen und Rock vom Leib riss, ihn schmählich misshandelte und nach seinem Blut förmlich lechzte.

 

"Ein Offizier der großen Armee!" höhnte man. "Dazu ein Arzt und Gelehrter! Also sicher ein Glaubensspötter und Gottesverächter! Nieder mit ihm! Zur Hölle mit den Ungläubigen!"

 

Messer zückten sich nach dem Arzt. Kolben bedrohten seinen Kopf, von dem man die Bedeckung herabgerissen hatte. Mit furchtbaren Stößen und Schlägen wurde der Arme hin und her gezerrt. Er wehrte sich nach Kräften - allein die Gefahr seiner Ermordung stieg von Sekunde zu Sekunde höher. Da - im schlimmsten Augenblick seines Lebens - schoss ihm jäh eine Idee durch den Kopf, die er auch mit Gedankenschnelle in die Tat umsetzte: er riss mit der Rechten, die zufällig frei war, sein Kreuzlein aus der Tasche, hielt es empor und rief:

 

"Seht! Seht, wie sehr ihr irrt! Ich bin weder ein Glaubensverräter noch ein Gottesleugner! Ich bin ein gläubiger Katholik!"

 

Blitzartig war die Wirkung dieser Worte auf die rasenden Spanier: die gezückten Dolche senkten sich, wie auch die drohend geschwungenen Keulen erdwärts. Das peinigende Hin- und Herzerren des Offiziers wurde eingestellt.

 

"Er trägt ein Kreuzlein bei sich", wurde es in der Menge laut. "Er ist also ein besonderer Verehrer des Gekreuzigten."

 

"Also kein Ungläubiger!" atmete der Arzt in neuer Lebenshoffnung auf. "Denn so einer kann nie ein Kreuzverehrer sein."

 

Schon machten die Leute Miene, von dem Bedrohten ganz abzulassen, als einer der Schlimmsten unter ihnen die verlöschende Flamme des Hasses von neuem schürte:

 

"Glaubt ihm nicht!" schrie er überlaut. "Er ist ein Feigling und sagt, um sein Leben zu retten, die Unwahrheit! Ein französischer Feldarzt und ein Verehrer des Kreuzes - ha, ha, ha!"

 

"Ha, ha, ha!" ließen sich auch andere von dem Schreier anstecken. Und die Stimmung unter der leichtbeweglichen Menschenrotte schlug schon wieder zu Ungunsten des bedrohten Franzosen um.

 

"Und schließlich", ließ sich der Aufstachler von neuem vernehmen, "bleibt er doch immer Offizier und Arzt unserer Bedrücker; selbst wenn seine Angaben über den Glauben auf Wahrheit beruhen sollten. Also nieder mit Ihm! Nieder mit dem Offizier der Völkerknechter und Spanierschinder!"

 

"Nieder mit ihm!" durchbrauste es abermals den Volkshaufen.

 

Die Dolche schwirrten zum zweiten Mal in der Luft; die Keulen bedrohten wiederum den Kopf des Arztes - da drängte sich mit Gewalt und höchster Anstrengung der Küster aus dem nahen Gotteshaus, der vor einigen Minuten den Feldarzt auf den baldigen Schluss der Kirche aufmerksam gemacht hatte, durch die tobenden Menschen hindurch. Er hatte sich gerade in dem Augenblick Bahn gebrochen bis zu dem äußerst bedrohten Mann, als ein tödlicher Kolbenschlag auf ihn niedersausen sollte. Der wackere Mann fiel geschickt dem Kolbenschläger in den Arm und schrie aus Leibeskräften:

 

"Was tut ihr, Landsleute? Dieser Feldarzt ist kein Gottesleugner oder Lügner, wie ihr vermutet! Nein, nein! Er sagte euch die Wahrheit, als er sich soeben als gläubigen Christen bezeichnete! Ich sah ihn vor wenigen Minuten in unserem Gotteshaus mit hoher Andacht der hl. Messe beiwohnen. Und - mit seinem Kreuz in der Hand - dann so eifrig beten, dass er gar nicht bemerkte, wie sich bereits alle übrigen Gläubigen aus der Kirche entfernt hatten. Er glaubt und denkt also ganz wie wir. Und dass er Offizier in dem Heer Napoleons, unseres Bedrückers, ist, dafür ist er wohl selber kaum verantwortlich! Er musste eben dem Machtwort seines Feldherrn folgen!"

 

Diese aufklärenden Wahrheiten wirkten völlig ernüchternd auf die Menge: keiner streckte mehr in mordgieriger Absicht die Hände nach dem Feldarzt aus - seine Rettung war nunmehr eine vollendete Tatsache. Ja, man sah mit einer gewissen Hochschätzung und Ehrerbietung dem Mann nach, der sich jetzt entfernte; und der selbst in schlimmster Kriegsgefahr seiner Christenpflicht und seiner Kreuzesverehrung in solch erhebender Weise genügt hatte.

 

*       *       *

 

Jahre sind verflossen. In der Pariser Kirche zum Heiligen Kreuz bemerken die Besucher unter einem großen Kruzifixbild ein künstlerisch umrahmtes, in Gold eingelassenes Kreuzlein neben dem Degen und den Epauletten eines Stabsoffiziers. Darunter liest man folgende Widmung: "Dem gekreuzigten Heiland, der mich durch ein Kreuzlein zweimal gerettet hat: einmal von törichter Seelen- und Sinnesverblendung; dann vor entsetzlichem Tod unter den Keulen wuterhitzter Menschen.

Gaultier v. Chlaubry,

ehemals Feldarzt im Heer Napoleons I., dann Zivilarzt."

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