Maria die Erquickende

 

Hieronymus von Montfleurs, General des Ordens der Kapuziner, war ein durch seine Tugenden ausgezeichneter Ordensmann, der bei Gott in Gnaden stand und eine innige Verehrung zur heiligen Jungfrau Maria hegte.

 

Eines Sommertages, da er mit seinen Gefährten das Kloster von Perugia verlassen hatte, um sich nach jenem von Assisi zu begeben, glutete die Hitze so drückend, dass seine Begleiter vor Durst zu sterben wähnten, indem sie ihn nicht stillen konnten, weil diese Gegend ohne Wasser war. Inzwischen besprach der General mit seinen Mönchen die Vollkommenheiten der heiligen Gottesgebärerin, und suchte sie hierdurch der Qual, die sie verzehrte, vergessen zu machen.

 

Bald darauf kamen sie zu einer kleinen Strohhütte, aus der sie eine majestätische Frau heraustreten sahen, die in einem Gefäß in Wein getauchtes Brot trug, das sie dem Oberen der Wanderer anbot. Zwei Begleiterinnen folgten dieser vornehmen Frau, und trugen gleichfalls jede ein Gefäß mit Brot und Wein; sie boten es den Söhnen des heiligen Franziskus an, während die erhabene Frau also zu ihnen redete: „Stärkt euch ein wenig, ihr lieben Väter und nehmt Speise und Trank zu euch, denn ich weiß, dass ihr von Anstrengung ganz erschöpft und vom Durst ganz verzehrt seid!“ – Der General von dieser Erscheinung ganz überrascht, erwog in seinen Gedanken: wer die Frau wohl sein könne? Er sah sie aufmerksam an, denn er glaubte, etwas Übernatürliches und Himmlisches an ihr zu finden. Auch täuschte er sich nicht, denn als sie der barmherzigen und wohltätigen Frau gedankt und sich dann wieder auf den Weg gemacht hatten, wendete sich Hieronymus noch einmal um, und sah, wie allplötzlich die Frau und ihre Begleiterinnen und selbst das Haus verschwanden, auf dessen Stelle auch nicht die geringste Spur einer Wohnung mehr sichtbar blieb. Alle waren von Erstaunen und Bewunderung ergriffen, und diese Verwunderung verwandelte sich alsogleich in die wärmsten Dankgebete.

 

Dem Hieronymus von Montfleurs aber wurde in seinem Gebet durch Offenbarung kund getan: dass die Frau, die zu ihm und den Seinigen so huldvoll und mildtätig gewesen ist, niemand Geringeres als die heilige Muttergottes selbst war, die sie dafür belohnen wollte, was sie auf ihrem Weg über die Erhabenheit und Vorrechte geredet hatten. –

 

(Aus: Annalen der Kapuziner von Zacharias Boverius)