Legende von Unserer Lieben Frau del Pilar

 

„Meine geliebteste Mutter Maria“, sprach Jesus, „du weißt, dass die Apostel mit meiner Gnade zu meinem Ruhm arbeiten müssen, und mir auf dem Weg des Kreuzes und des Todes, den ich erlitten habe, um die Menschen zu erlösen, nachfolgen!“ – Der erste, der mir hierin nachfolgen soll, ist Jakobus der Ältere, mein getreuer Diener, und ich will, dass er den Martertod hier in der Stadt Jerusalem erleide. Es ist darum mein Wille, dass du ihn in Spanien aufsuchst, wo er meinen Namen predigt. Ich will, dass du nach Saragossa gehst und ihm gebietest, nach Jerusalem zurückzukehren, und vor seiner Abreise von Saragossa eine Kirche, zum Preise deines Namens, in der du verehrt und angerufen werden sollst, zu erbauen.“

 

Und die weiseste Mutter ging unter den Händen der Seraphim dahin und begleitet von ihren tausend Engeln und anderen, die ihr der Herr zurückgelassen, nach Saragossa. Unter den Gesängen und der himmlischen Musik dieser Engel kam sie in Saragossa gerade um die Mitternachtsstunde an.

 

Der glückliche Apostel Jakobus befand sich mit seinen Schülern außerhalb der Stadt, dicht an der Mauer, die am Ufer des Ebro steht. Sie bemerkten in der Luft ein sehr starkes Licht, das das der Sonne übertraf. Die Engel setzten den Thron ihrer Königin vor das Angesicht des Apostels, der eben in einem hochbegeisterten Gebet begriffen war.

 

Sie brachten eine kleine Säule (Pilar) von Marmor oder Jaspis herbei, und nachdem sie aus einem anderen davon verschiedenen Stoff ein Bild der Himmelskönigin gestaltet hatten, erhoben sie es mit großer Ehrerbietung.

 

Die erhabene Königin des Weltalls, die, umgeben von Engeln, auf jenem Thron saß, den sie an Licht und Anmut überstrahlte, zeigte sich nun dem heiligen Jakobus, der sich zur Erde niederwarf. Er sah auch das Bild und die Säule (oder Pfeiler) in der Engel Händen.

 

„Mein Sohn Jakobus“, sprach die Königin, „der Allmächtige hat diese Stätte erwählt, damit du sie ihm weihen und auf ihr eine Kirche erbauen sollst, die du ihm – unter meinem Namen – widmen wirst. Ich verspreche den Gläubigen, die sie besuchen werden, große Gnade, Segnungen und meinen mächtigen Schutz; denn dieser Tempel wird mein Haus und mein eigenes Erbe sein! Als Bürgschaft dieses Versprechens soll mein eigenes Bild auf diese Säule gestellt werden, und eben sowohl als der heilige Glaube bis zum Ende der Welt in der Kirche bleiben, die du erbaust! Du wirst sobald als möglich den Bau dieses Hauses Gottes beginnen und dann nach Jerusalem gehen, wo du, wie mein Sohn will, ihm das Opfer deines Lebens darbringen sollst!“

 

Nach diesen Worten befahl die heilige Jungfrau den Engeln, das heilige Bild auf die Säule zu stellen und sie an diesem Ort aufzurichten, wo sie sich heute noch befindet.

 

Der heilige Jakobus sank in die Knie, die Engel feierten die Weihe des ersten Tempels, der in der ganzen Welt dem Namen der glorreichen Königin des Himmels und der Erde erbaut ist.

 

Dies war der hochherrliche Anfang des Heiligtums von Unserer Lieben Frau del Pilar, das man mit Recht „Engels-Kammer“ oder auch „Eigenes Haus Gottes und seiner allerreinsten Mutter“ nennt. Besagtes Heiligtum hat sich durch die Gegenwart des geweihten Bildes und der Säule unversehrt erhalten, ohne dass seit fast 2000 Jahren, trotz aller Falschheit böser Menschen, trotz des Götzendienstes der Römer, trotz der Ketzerei der Arianer, und trotz der barbarischen Wut der Mauren, je im Geringsten daran wäre gerüttelt worden. Nach dieser Erscheinung der allerseligsten Jungfrau Maria rief St. Jakobus seine Jünger, unterwies sie in dem, was sie tun sollten, und begann fleißig zu arbeiten. Da die Engel ihm Beistand leisteten, vollendete er, ehe er von Saragossa schied, die kleine Kapelle, in der sich das heilige Bild und die Säule befinden.

 

Im Laufe der Zeiten haben die Katholiken die prachtvolle Kirche und alles andere aufgeführt, was dieses erhabene Heiligtum schmückt.

 

Diese wunderbare Erscheinung Marias zu Saragossa geschah zu Anfang des Jahres vierzig nach der Geburt ihres Sohnes, unseres Herrn.

 

Frau von Aulnay schreibt in ihrer Reise nach Spanien im Jahr 1769: „Nuestra Senora del Pilar steht zu Saragossa in einer Kapelle auf einer Marmorsäule, wo sie das Jesuskind in den Armen hält. Man behauptet, die heilige Jungfrau Maria sei auf dieser Säule dem heiligen Apostel Jakobus erschienen und man verehrt mit großer Andacht ihr Bildnis. Man kann es nicht gut erkennen, weil es hoch und an einem so dämmervollen Ort steht, dass man es ohne die Kerzen, die es erleuchten, gar nicht gewahr werden könnte. Es sind immer mehr als fünfzig Lampen angezündet; Gold und Edelsteine glänzen auf allen Seiten, und Pilger kommen in Menge. Die Kapelle del Pilar befindet sich in der Mitte der Kathedrale von Saragossa und ist von einem vergoldeten Gitter umgeben und mit Lampen geschmückt. Die durchbrochene Decke lässt eine Kuppel erblicken, auf deren Seitenwänden die Herabkunft der heiligen Jungfrau gemalt ist. Der Fußboden der Kapelle besteht aus den reichsten Marmorarten. Der Altar ist mit Skulpturen und sonstigen Zierraten überdeckt. Das Bild der gebenedeiten Jungfrau ist von kleiner Dimension, aus einem harzigen und beinah schwarzen Holz geschnitten. Sie hält das Jesuskind mit der einen Hand und mit der anderen fasst sie die Falten ihres Gewandes zusammen. Die Verehrung der heiligen Jungfrau und Gottesgebärerin findet täglich statt, aber die kindliche Feier wird am 12. Oktober, am Jahrestag ihrer Erscheinung, hochfestlich begangen. In dieser Zeit zählt man zu Saragossa wohl 50000 Pilger."

 

(Aus: Die geheimnisreiche Stadt Gottes von Maria von Agreda)