Die Forderung eines Tempels

 

Die Gemeinde von Montagnaga im südlichen Tirol, im Trentino, erhielt erst im Jahr 1700 einen eigenen Seelsorger, der in einem uralten Kirchlein der heiligen Anna den Gottesdienst verrichten musste.

 

Wenige Jahre danach, nämlich im Mai 1726, hatte eine arme Hirtin, namens Domenica, Tochter des Nicolo Targa von Guardia, die in der Nähe des St. Anna-Kirchleins ihre Herde weidete, eine wundersame Erscheinung. Die gebenedeite Jungfrau Maria stellte sich in himmlischer Glorie ihren Augen dar und trug ihr auf: die Madonna von Caravaggio zu besuchen. Darunter verstand man ein Liebfrauenbild des brühmten Malers Polidoro Caldara, genannt Caravaggio, eines Schülers des Raphael Sanzio, das, im Mailändischen verehrt, mit vielen Gnadenerweisungen des Himmels hochherrlich leuchtete. Dahin wollte nun das Mädchen wallfahren. Aber eine zweite Erscheinung der heiligen Jungfrau belehrte sie: dass mit diesem Namen das Liebfrauenbild im St. Anna-Kirchlein zu Montanaga gemeint sei. Sie verfügte sich demnach am 6. Mai nach Montagnaga in die Kirche vor das Bildnis der heiligen Muttergottes daselbst. Priester und Volk hielten eben Gottesdienst in der Kirche. Feierliche Choräle ertönten zum Preis der unbefleckt empfangenen Jungfrau. Und siehe!, unter Gesang und Litanei trat Maria mit dem Jesuskind vor das betende Mädchen und befahl ihm, laut vor allem Volk ihre Erscheinung zu verkünden, was es denn auch mit kindlicher Einfalt sogleich tat.

 

Im folgenden Jahr sah Domenica an derselben Stelle und zu derselben Zeit die Himmelskönigin, aber dieses Mal – in Blut und Tränen schwimmend – über den Undank des Volkes klagend und ernstlich den Bau eines würdigen Tempels fordernd. Das Mädchen vertraute die Erscheinung dem Pfarrer an. Das Gerücht davon fasste Wurzel im Volk, es gingen alsbald kleine und größere Geldspenden von nah und fern ein, und der verlangte Tempel erstand im Jahr 1730. Er ist in Kreuzform gebaut, dreiundsechzig Fuß lang und dreiundfünfzig Fuß breit, in dem schönsten Ebenmaß eines edlen Stils, und besitzt drei Altäre. Der Hochaltar von weißem Marmor enthält ein meisterhaftes Gemälde von Unterberger. Die Seitenaltäre stehen in lieblichen Kapellen einander gegenüber, beide aus Marmor errichtet und mit guten Gemälden versehen, wovon eines das Wunderbild, die Madonna des Caravaggio, ist.

 

Die fromme Domenica baute sich ein kleines Häuslein in der Nähe und widmete sich gänzlich dem Dienst der allerseligsten Jungfrau, die ihr jährlich am 26. Mai und genau um dieselbe Stunde erschien, in der sie ihr zum ersten Mal erschienen war. Sie starb im Jahr 1764, allgemein geehrt, und wurde in der neugebauten Kirche begraben. –

 

Das alljährliche Hauptfest der Tempel-Forderung Marias fällt auf den 26. Mai und trägt den Namen: „Fest der Erscheinung der erhabenen Gottesmutter“. Deutsche und italienische Prediger treten auf, die andächtige Menge der Gläubigen aus allen Ständen zu erbauen. Zahllose Pilger aus Deutschland und Italien erscheinen bei dieser Feier: besonders aber solche, die mit seltsamen Krankheiten behaftet sind und für Besessene gehalten werden. Viele kehren auch wunderbar geheilt in ihre Heimat zurück.

 

Tirol hat keine interessantere Volksversammlung aufzuweisen, als diese. Gewöhnlich heißt die Wallfahrt nur: „Madonna di Piné“, in der Nachbarschaft wohl gar nur „Madonna“. –

 

(Aus: Die Mariensagen in Österreich von J. P. Kaltenbaeck)