Eine nicht auszurottende Muttergottesverehrung: Walsingham

 

Ein englischer Wallfahrtsort: Walsingham - http://www.walsingham.org.uk/

 

Im Jahr 1537 wurde in Walsingham in England der Superior der Augustinerchorherren, die seit Jahrhunderten das Muttergottesheiligtum von Walsingham betreut hatten, vor den Toren der Abtei aufgehängt, weil er sich der Aufhebung der Klöster widersetzte. Im folgenden Jahr wurden der Prior und der Rest der Klostergemeinschaft gezwungen, die Entfernung der berühmten Statue und die völlige Zerstörung des Heiligtums durch die Bevollmächtigten des Königs zu dulden.

 

Die erste uns bekannte Aufzeichnung des Wunderberichtes von Walsingham stammt aus dem Jahr 1465. Kurz nach der Eroberung durch die Normanen im Jahr 1066 lebte in Walsingham eine tugendhafte und edle Frau mit Namen Richeldis de Favreches, die Witwe des dortigen Gutsherrn. Sie träumte, die allerseligste Jungfrau führe sie nach Nazareth und zeige ihr den Ort, wo der Engel Gabriel ihr erschienen war, um ihr die Menschwerdung anzukündigen. Richeldis wurde im Traum aufgefordert, die Stelle auszumessen und eine Kapelle von gleicher Größe in Walsingham zu erbauen.

 

Sie befolgte diese Aufforderung, und bald wurde Walsingham zu einem Wallfahrtsort, dem kein anderer in England, nicht einmal Canterbury mit den kostbaren Reliquien des heiligen Thomas Becket, gleichkam.

 

Personen jeden Standes wallfahrteten nach Walsingham, Könige und Bettler, Heilige und Sünder. Die einen gingen, um die Muttergottes zu verehren, andere wegen eines bestimmten Anliegens, besonders um an den heiligen Quellen von Krankheiten geheilt zu werden, wieder andere zur Sühne für ihre Sünden. Natürlich gab es auch einige, die nicht aus den besten Beweggründen dorthin gingen, aber schließlich kann jedes gute Ding auch missbraucht werden. Daher ordnete die Kirche an, damit nicht die Menschen ihre Arbeit und ihre Familie verließen und zu nichts anderem als Bettlern würden, die vom Almosen der Gläubigen leben, dass jeder, der eine Wallfahrt machen wollte, erst die Zustimmung seines Bischofs einholen sollte. Diejenigen, die diese Erlaubnis erhielten, zogen das besondere Kleid des Pilgers an, mit einer Kapuze und einem breiten Hut. Man versammelte sich in der Pfarrkirche. Dort betete man, die Pilgertaschen und Pilgerstäbe wurden gesegnet, die heilige Messe gefeiert und am Schluss den Pilgern, die sich wieder auf den Weg machten, der Segen erteilt.

 

Die Wallfahrten der Könige und Adeligen wurden gewöhnlich unter Begleitung von Dienern und mit allen Bequemlichkeiten, die die damaligen Zeiten bieten konnten, unternommen. Das gewöhnliche Volk aber ging zu Fuß. Die Straßen waren schlecht, und die Pilgerreisen dauerten lange. In der Regel verbrachte man nicht mehr als eine Nacht an einem Ort. Lag ein Kloster in der Nähe der Straße, so ging man für die Nacht dorthin. Alle Klöster in der Nähe der Straße nach Walsingham, waren für die Übernachtung von Pilgern eingerichtet. Man legte keine große Entfernung am Tag zurück. Wenn man zu einer Kirche oder Kapelle kam, ging man hinein, um ein Gebet zu sprechen und sich im Anschluss daran auszuruhen. Ostengland ist voll mit Ruinen solcher Kapellen an den Landstraßen. Die Straße selbst wurde durch Steinkreuze markiert. Man hat mehr als hundert solcher Kreuze festgestellt.

An jedem Heiligtum erhielten die Pilger in jenen Zeiten des Glaubens Andenken aus Zinn oder Blei. Ein Pilger, der viele Heiligtümer besucht hatte, kam mit einer Mütze oder einem Rock nach Hause, der ganz mit solchen Abzeichen bedeckt war. Das bekannteste Abzeichen war das des Wallfahrtsortes des heiligen Jakobus von Compostela in Spanien. Es war eine Muschelschale, die allmählich zum allgemeinen Pilgerabzeichen wurde. Die Pilger, die vom heiligen Land zurückkamen, trugen ein Abzeichen, das eine Palme darstellte, weshalb der Name „Palmträger“ im Englischen die allgemeine Bedeutung „Wallfahrer“, „Pilger“ bekam. In Walsingham stellte das Abzeichen die Muttergottes mit dem Kind oder die Verkündigung dar, da die Wallfahrtskapelle diesem Geheimnis geweiht war.

Die Pilger, die sich im Mittelalter Walsingham näherten, sahen in der Ferne die vergoldeten Zinnen zweier Türme, die zum Himmel aufragten: der eine war der große Turm über dem Eingang, der andere erhob sich über dem Mittelpunkt der Kirche. Die Kirche selbst war ein Prachtwerk der gotischen Kunst. Sie maß 75 m vom Haupteingang bis zur Ostmauer das Hauptschiff war 9 m und die beiden Seitenschiffe 5 m breit. In den Türmchen am Ende der Ostmauer befanden sich Treppen, die zu den Lichtgaden des Mittelschiffes führten. Kostbare Wandbehänge, aus Damast und mit Stickereien versehen, hingen an den großen Festen von den Gängen herab.

 

Die Pilger kamen auch an der „Slipper Chapel“, einer Kapelle, die der heiligen Katharina von Alexandria, der Patronin der Pilger, geweiht war, vorbei. Sie ist eine der schönsten kleinen Kirchen Englands und eines der sehr wenigen Gebäude aus dem Mittelalter, die noch erhalten sind. Sie ist sehr klein, 8 ½ zu 3 ½ m, und ist nach Südosten ausgerichtet, so dass die Sonne am 25. November, dem Fest der heiligen Katharina, hinter dem Altar aufgehen kann.

 

Nördlich von der Klosterkirche stand die Kapelle Unserer Lieben Frau, die so breit war wie das Hauptschiff der Kirche und mehr als die Hälfte der Länge des Chores hatte. Am Ostende dieser Kapelle befand sich eine Steinerhebung, auf der das Schmuckstück Walsinghams und Englands stand, eine winzige Kapelle aus Holz von 7 m Länge und 3 ½ m Breite. Dies war das „Heilige Haus“, das die Gutsherrin Richeldis hatte erbauen lassen. Die Kapelle hatte an jedem Ende eine Tür, so dass die Pilger in einer nicht endenden Prozession hindurchziehen konnten. Nur wenig Tageslicht drang durch die Fensterchen, aber die Dunkelheit wurde durch das Licht der vielen Kerzen erhellt. Die Luft erfüllte der süße Duft des Weihrauchs und der frischen Lorbeerblätter, die auf den Fußboden gestreut waren.

 

In der Mitte der Längswand der Kapelle erhob sich ein Altar, auf dem inmitten brennender Opferkerzen die Statue der Gottesmutter stand. Dieses Bildnis war nicht wegen Größe, Material oder Kunstwert berühmt, sondern wegen der Gnaden, die denen verliehen wurden, die vor ihm knieten. Die Gottesmutter war mit ihrem göttlichen Sohn auf dem Schoß dargestellt. Mariens Fuß aber ruhte auf einem Edelstein, der wie eine Kröte aussah (das Symbol der Sünden). Von dieser Kröte sagte Erasmus: „Zu den Füßen der Jungfrau befindet sich ein Edelstein, dem bis jetzt noch kein Name in Lateinisch oder Griechisch gegeben worden ist. Die Franzosen aber nennen ihn „crapaudine“, d.h. Krötenstein. Und was das Wunder noch größer macht, ist, dass der Stein sehr klein ist; die Gestalt der Kröte ragt nicht heraus, sondern glitzert, als ob sie im Edelstein selbst eingeschlossen wäre. Schmutz, Bosheit, Stolz, Geiz und all die anderen menschlichen Eigenschaften sind von ihr unterdrückt, unter ihrem Fuß zertreten und vertilgt.“

 

Die Wände der Kapelle waren ganz mit kostbaren Gegenständen und Schmuck bedeckt, so dass Erasmus schrieb: „Wenn man hineinschaut, könnte man meinen, es sei die himmlische Wohnung der Heiligen, so glitzert es überall von Edelsteinen, Gold und Silber.“ Auf dem Altar waren einige der kostbarsten Gegenstände angebracht. Könige, Königinnen und Adelige wetteiferten miteinander in den Gaben, die sie dem heiligen Haus von Walsingham brachten.

 

Heute sind das Heiligtum und alle seine frommen Schätze, das Kloster und das Franziskanerhaus, wo die Pilger verpflegt wurden, verschwunden. Nichts blieb, um Zeugnis zu geben von jenem Ruhm Englands, den Walsingham bildete. Aber trotz drei Jahrhunderte langer Vergessenheit ist es Walsingham beschieden, seinen Platz im katholischen Leben Englands wieder einzunehmen.

 

Als der verstorbene Pater Philipp Fletcher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bruderschaft Unserer Lieben Frau von Ransom wieder begründet hatte, plante er zusammen mit dem Pfarrgeistlichen von King`s Lynn, George Wrigglesworth, die Erneuerung der Verehrung Unserer Lieben Frau von Walsingham. Die Ruinen des Heiligtums gehörten zur Pfarrei King`s Lynn. Da es zu jener Zeit nicht möglich war, in Walsingham eine Kirche zu errichten, errichtete man in der Kirche von King`s Lynn einen neuen Gnadenaltar und ein neues Heiliges Haus.

 

Mit Zustimmung Papst Leos XIII. wurde eine neue Holzstatue nach einem Bild in der Kirche Santa Maria in Cosmedin in Rom, der Titelkirche Kardinal Pooles, der der letzte katholische Erzbischof von Canterbury gewesen war, in Oberammergau geschnitzt. Im Februar 1897 wurde diese Statue vom Papst geweiht und nach King`s Lynn gebracht, wo sie am 19. August des gleichen Jahres feierlich aufgestellt wurde. Alle geistlichen Privilegien, die früher Walsingham als Wallfahrtsort verliehen waren, wurden jetzt King`s Lynn gegeben, und seit jener Zeit nimmt jährlich eine große Wallfahrt ihren Weg zu diesem Heiligtum.

Inzwischen kam die Slipper Chapel in Walsingham auf unerwartete Weise wieder in katholische Hände. Obwohl sie in zwei Hütten verwandelt worden war, stand sie noch, als Frl. Charlotte Boyd, eine Konvertitin, sie erwarb. Im Jahr 1904 ließ sie die Kapelle auf ihre eigenen Kosten gründlich instand setzen und baute daneben ein kleines Wohnhaus für einen Priester. Die Kapelle ist heute der Mittelpunkt der Verehrung Unserer Lieben Frau von Walsingham geworden. Der große Pilgerzug der amerikanischen Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg war ein denkwürdiges Ereignis. Im September dieses Jahres (1947) fuhr ich von London mit einem mit einem englisch-polnischen Pilgerzug dorthin, in dem sich neben vielen englischen Katholiken Hunderte von Polen befanden. Von Cambridge aus nahm unsere stattliche Karawane von Omnibussen mit Hunderten von Pilgern, meist Männern und Frauen in polnischen Trachten, den alten Pilgerweg nach Walsingham über New Market. Am späten Nachmittag kamen wir in Walsingham an und zogen in feierlicher Sakramentsprozession zur Slipper Chapel. Dort wurde unter einem Baldachin in der um die Kapelle liegenden Flur der Segen erteilt, während die vielen Stimmen das altherkömmliche polnische Kirchenlied zu Unserer Lieben Frau von Tschenstochau sangen.

So mag es kommen, dass die so weit zurückliegende Zerstörung von Walsingham schließlich zum Anlass und Mittelpunkt einer noch tieferen und ausgedehnteren Muttergottesverehrung wird, als je zuvor in England eine bestanden hat.

 

Von Robert Wilberforce

Zusammenfassung aus „Epistle“

St. Paul`s Guild, 4. E. 73rd St., New York City, 21,

Sommer 1947