Wallfahrt nach Maria Laach

 

(Erschienen in der Zeitschrift „Ave Maria“, Juli 1913, S. 149)

 

Zu den schönsten Touren meiner Rheinreise zählt unstreitig die Fahrt zu der weltberühmten Benediktiner-Abtei Maria Laach, die mit Recht eine Perle des Rheinlandes genannt wird. Schon der Weg dahin durch das reizende Brohltal, den wir von Brohl mittels einer Droschke zurücklegten, war entzückend schön. Es war an einem herrlichen Sommersonntagsmorgen. Der rosige Glanz der aufgehenden Sonne flutete über die prächtig grünen Laubwälder und über der ganzen Gegend spielte ein wundersamer Farbenschmelz. Nah und fern herrschte tiefe, herzerquickende Stille. Nur der Vöglein lieblich klare Weisen klangen aus den grünen Zweigen und durch den goldig klaren Himmelsraum. Nach etwa einer Stunde passierten wir einen prächtigen, nicht allzu großen Laubwald. Bald hörten wir ein herrliches, wundersam harmonisches Glockengeläute aus der Ferne hallen. Nach einer kleinen Viertelstunde hatten wir den Wald hinter uns und unser Blick konnte unbehindert über die paradiesisch schöne Gegend schweifen. Der erste Anblick ist wahrhaft überraschend. Man kann sich kaum eine reizendere Lage denken. Es ist, als hätte Mutter Natur ihre ganze Macht aufgeboten, um dieses Stückchen Land vor allen anderen zu zieren und es zum schönsten der Erde zu machen. Glatt wie ein Spiegel lag der tiefklare, wunderschöne Laacher See vor uns, an dessen Ufern sich als die einzige menschliche Wohnstätte majestätisch die Benediktinerabtei im Südwesten erhebt, das ersehnte Ziel unserer Fahrt. Die schöne Kirche mit ihren sechs stolzen Türmen und die weitläufigen, imposanten Gebäude des Klosters bilden einen wundersamen Gegensatz zu den von dichten Wäldern umgebenen, einsamen Ufern. Einen reizend schönen Hintergrund bilden die freundlich grünen Waldeshöhen im goldenen Sonnenglanz. Von den Klostertürmen schallte noch immer das melodische Glockengeläute, unter dem wir unser Ziel endlich vollständig erreichten. Die Abtei wurde 1093 von Heinrich II. Pfalzgrafen am Rhein zwei Jahre vor seinem Tod erbaut, 1112 von Heinrich V. formell bestätigt und erfreute sich bis zu ihrer Säkularisierung durch Napoleon 1802 eines stillen, ungestörten Wohlstandes. 1863 kauften die Jesuiten das Kloster vom preußischen Fiskus, der es seit 1815 als Staatseigentum verwaltet hatte, und unterhielten hier ein schönes Kolleg, welches die heute noch erscheinenden, höchst segensvollen „Stimmen aus Maria Laach“ herausgab. Nach ihrer Vertreibung im Jahr 1873 fiel das Kloster wieder an den preußischen Staat, von dem es 1892 seine ehemaligen Besitzer, die Benediktiner, wiedererlangten.

 

Nachdem wir uns angemeldet hatten und mit der größten Liebenswürdigkeit aufgenommen worden waren, nahmen wir eine uns gütigst dargebotene Stärkung zu uns, worauf wir in die Kirche eilten, um das Chorgebet, das bereits begonnen hatte, nicht ganz zu versäumen. Der Weg dahin führt durch den reichgeschmückten Kreuzgang, der viele Gräber von Äbten und anderen edlen Herren birgt. Das Innere der Kirche, dieses interessantesten Teils der Abtei, versetzt jeden Besucher durch sein altehrwürdiges Aussehen, wie durch seine weihevolle Pracht in gehobene Stimmung. Die Kirche, 1156 geweiht, 1838 sehr schön wiederhergestellt, ist das bedeutendste Baudenkmal reinromanischen Stiles in Westdeutschland. Die mit Mosaikbildern großartig verzierte Kuppel und die prachtvolle Vorhalle der westlichen Fassade, das Paradies, wie sie genannt wird, stammen aus dem 12. Jahrhundert. Auch insofern verdient die Kirche noch besondere architektonische Beachtung, als sie eines der ersten Beispiele reinromanischen Stiles mit einer Mittelschiffwölbung darstellt. Ihrem Grundriss nach ist sie dreischiffig mit Querschiff und doppelchörig. Besonders beachtenswert sind noch der von Kaiser Wilhelm II. gestiftete, prachtvolle Hochaltar im östlichen Chor, das von einem sechseckigen Tabernakel überdachte Grabmal des Stifters der Abtei, des Pfalzgrafen Heinrich II., im westlichen Chor und die Orgel, die sechzig Register besitzt und als eine der besten und berühmtesten in Westdeutschland gilt. Sehenswert sind auch die kunstvollen Flügelaltäre in den Seitenschiffen.

 

Auf das herrlich klingende Chorgebet folgte der sonntägliche Gottesdienst. Der Zelebrant und die ihn umgebenden Leviten und dienenden Kleriker vollführten die bei den Benediktinern an schönen, sinnvollen Zeremonien besonders reiche heilige Handlung mit einer Andacht und feierlichen Würde, die auf jeden Beiwohnenden wunderbaren Eindruck macht. Besonders eindrucksvoll wirkt das Orgelspiel während der heiligen Wandlung. In den herrlichen Glockenklang beben die sanften Orgeltöne durch die feierlich stillen Hallen, als wären es die lieblichen Stimmen der Engel, die den niedersteigenden eucharistischen Gott unsichtbar umschweben. Nach dem Hochamt besichtigen wir unter Führung eines Paters das Kloster. Der alte Bau bildet ein mächtiges Viereck und hat sein mittelalterliches Gepräge getreu bewahrt, während die Zubauten aus späteren Zeiten einen moderneren Stil aufweisen. Das ganze Gebäude umfasst zahlreiche Gastzimmer, eine großartig angelegte Bibliothek, eine Gemälde- und Naturaliensammlung, die Wohnung des Abtes, der Priester, Brüder, Kleriker und Novizen, zahlreiche Exerzitienräume, ein großes Refektorium, einen prachtvoll ausgestatteten Kapitelsaal usw. Besonders sehenswert ist der Arkadenhof, ein quadratischer grüner Gartenraum, dessen Arkaden mit den herrlichsten Blumen überreich geschmückt, wunderschön anzusehen sind. Auch der prächtige, wohlgepflegte Klostergarten mit seiner hübschen Kapelle ist bemerkenswert. Nach eingehender Besichtigung aller beachtenswürdigen Räumlichkeiten ging es zur Mittagstafel. Vor dem Refektorium wurden wir dem hochwürdigsten Abt vorgestellt, der uns mit herzgewinnender Freundlichkeit begrüßte. Wie es mit Gästen bei ihnen gewöhnlich geschieht, wurden auch wir an die Ehrenplätze in der Mitte des Saales geführt, während die Mitglieder der Klostergemeinde die übrigen Sitze einnahmen. Eine wunderschöne Sitte! Ganz wie sie in alten Zeiten geherrscht hatte. Nach Tisch geht es unter Abbetung des Miserere prozessionsweise in die Kirche zum Chorgebet. Darauf machten wir bis zur Vesper einen Spaziergang zum Laacher See und betrachteten noch einmal die ganze Gegend in ihrer reichen Schönheit, in ihrem tiefen, ungestörten Gottesfrieden. Nach dem Nachmittagsgottesdienst wollten wir unsere Reise fortsetzen. Es waren selige Stunden gewesen, die wir in den gottgeweihten, gastlichen Hallen verlebt haben und fast mit schwerem Herzen schieden wir. Wie schön muss es sein, an diesem herrlichen, weltverborgenen Ort Gott dienen zu dürfen, bis sich die goldenen Pforten des ewigen Vaterhauses erschließen! Doch nicht alle hat der Herr erwählt.

 

So leb denn wohl, du einzigschönes, unvergessliches Maria Laach in deiner grünen, herrlichen Waldeinsamkeit!

 

Lieblich bist du, schöne Perle,

In des Rheinlands stolzen Gauen;

Lieblich ist`s in dir zu weilen

An dem See, dem herrlich blauen;

Friede wohnt in deinen Hallen.

O, du schönster Ort vor allen,

Lebe wohl, ich scheide schwer,

Dein vergess ich nimmermehr!

 

http://www.maria-laach.de/