Der berühmte Wallfahrtsort Walldürn in Baden

 

Mit berechtigtem Stolz darf das Odenwaldstädtchen Walldürn auf seine Wallfahrten zurückblicken. Im Jahr 2030 kann dieser älteste Wallfahrtsort Badens das Jubiläum des siebenhundertjährigen Bestehens feiern.

 

Walldürn liegt im äußersten Norden Badens, an der Grenze des badischen Odenwaldes, wo einst römische Legionen den Grenzwall hüteten, wo die waldigen Hänge des mainwärts kommenden Marsbachtales sich zur 420 m hohen Ebene hinziehen. Enge Straßen und winklige Gassen, das alte Schloss der ehemaligen Grafen von Dürn aus dem Jahr 1237, das steilgiebelige Rathaus im Herzen der Altstadt, ein Schmuckkästchen gotischer Fachwerkkunst aus dem Jahr 1448, sowie vor allem die berühmte Wallfahrtskirche als Krone des ganzen Ortsbildes geben dem heute 12.000 Einwohner zählenden aufwärtsstrebenden Städtchen sein besonderes Gepräge.

 

In der Zeit der Wallfahrt, die mit dem Dreifaltigkeitssonntag beginnt und mit dem 4. Sonntag nach Pfingsten schließt, wandelt sich Walldürn zu einer bunt bewegten Pilgerstadt. Aus allen Gegenden Deutschlands ziehen die Pilger mit flatternden Fahnen in Prozessionen mit frommen, inbrünstigen Gebeten und Gesängen in alten, schönen Trachten dem Gnadenort entgegen. Seit frühester Zeit kommen schon die Pilgerzüge aus Köln, Mainz, Frankfurt und aus dem Eichsfeld. Heute noch machen die frommen Wallfahrerprozessionen einen großen Teil des Weges zu Fuß, wobei sie überall im rheinisch-fränkischen Gebiet an zahllosen frommen Vorzeichen, wie Bildstöcken, Kapellen, vorbeikommen, die diese „Wall-leuthe“ auf Walldürn vorbereiten sollen. Je mehr die erwähnten Prozessionen sich Walldürn nähern, desto zahlreicher werden auf den Wallfahrtswegen diese Erinnerungen an die Gnadenstätte, insbesondere auf der alten Wallfahrtsstraße, die von Miltenberg über die Höhe unmittelbar nach Walldürn führt. Und der Zustrom zur Wallfahrtskirche stieg immer mehr. So kam es, dass schon im Jahr 1728, dem Einweihungsjahr des zweiten Erweiterungsbaues der Kirche, über 100.000 Kommunionen ausgeteilt worden sind. 1784 sollen sogar 180.000 Pilger den Gnadenort besucht haben.

 

Die Wallfahrt zum Heiligen Blut in Walldürn (Erzbistum Freiburg in Baden) verdankt ihre Entstehung einer wunderbaren Begebenheit. In kurzen Zügen sei ihr Ursprung gekennzeichnet. In der damaligen Kirche zu Walldürn feierte im Jahr 1330 (vor knapp 700 Jahren) ein Priester namens Heinrich Otto das heilige Messopfer. Diesem Priester geschah das Missgeschick, mit einer hastigen Bewegung den Kelch nach der heiligen Wandlung umzustoßen. Da ereignete sich das Wunderbare. Das heilige konsekrierte Blut des Herrn ergoss sich über das Korporale, und sofort bildeten sich auf dem weißen Linnen blutigrot das Bild des Gekreuzigten und um ihn herum, gleichförmig gruppiert, elf weitere dornengekrönte Häupter, ganz ähnlich wie im Schweißtuch der hl. Veronika. Wie der Volksmund zu erzählen weiß, soll der Priester zuvor an der Wirklichkeit des Wandlungsvorganges gezweifelt haben, da habe ihm nun Gott ein sichtbares Zeichen der Wahrheit geben wollen. Ob an dieser volkstümlichen Erzählung etwas Wahres ist, weiß man nicht. Soll aber dieser Zweifel des Priesters Wirklichkeit sein, dann der göttlichen Vorsehung umso mehr Dank, die eines Priesters Zweifel zum Segen vieler Menschen zu wenden wusste. Was tat nun der Priester? Seelisch tief erschüttert über das Geschehene, raffte er nach dem Weggang der Gläubigen aus der Kirche das Korporale zusammen und verbarg es unter dem Altarstein, dem seines Erachtens würdigsten Ort. Dort war es lange Jahre verborgen, ohne dass jemand Kunde von dem geheimnisvollen Vorgang erhalten hatte. Einzig in des Priesters Brust ruhte das wunderbare Geheimnis, er schwieg allen gegenüber. Da kam der Priester zum Sterben, er beichtete, wobei er sich nach manchen Gewissensqualen zum Geständnis durchrang. Die Angaben des Priesters waren richtig. Man suchte sodann nach dem Korporale und fand es wirklich an der bezeichneten Stelle, unter dem Altarstein. Der Priester starb. Die Kunde von dem geschehenen Wunder verbreitete sich sehr schnell. Das gläubige Volk strömte aus der Stadt und Umgebung zusammen, um das Wunder zu sehen und es zu verehren. Durch die Anrufung des kostbaren Blutes fanden viele Erhörung in den verschiedensten Anliegen. Das Wunder, das sich also 1330 ereignete, dann aber längere Zeit verborgen blieb, wurde erst zwischen 1350 und 1360 bekannt.

 

Die Kirche verhielt sich, wie immer in solchen Dingen, vorerst abwartend, aber trotzdem wurde der Zudrang der Pilger immer größer, und schon nach rund 50 Jahren war Walldürn ein weithin bekannter und vielbesuchter Wallfahrtsort.

 

Die Verehrung des heiligen Blutes von Walldürn wurde schließlich so groß, dass sich etwa 70 Jahre nach der Auffindung Gerhard von Schwarzenberg, Bischof von Würzburg, zu dessen Bistum damals Walldürn gehörte, veranlasst sah, das wunderbare Korporale nach Rom zu Papst Eugen IV. (1431 bis 1447) bringen zu lassen, um es einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Eine Abordnung Walldürner Bürger begleitete das kostbare Tüchlein. Es blieb dann mehrere Jahre in Rom und soll sogar während längerer Zeit in der oberitalienischen Universitätsstadt Bologna nach dem damaligen Stand der Wissenschaft chemisch untersucht worden sein. Nach eingehender Untersuchung bestätigte Papst Eugen IV. am 31. März 1445 das Wunder. In einer mit seinem Siegel versehenen Urkunde gewährte er den Besuchern der Kirche zu Walldürn auf den achten Tag nach Fronleichnam einen Ablass von 3 Jahren und 3 Quadragenen. Die Wallfahrt, die also zunächst auf diesen einen Tag beschränkt war, musste aber um 1600 auf acht Tage, und hundert Jahre später auf drei Wochen ausgedehnt werden. Diese Form hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

 

Von dem ursprünglichen Kirchlein, in dem das Wunder geschah, wissen wir sehr wenig. Bekannt ist nur, dass sich dieses 1445 in schlechtem baulichen Zustand befand. Papst Eugen IV. schrieb daher zum Zweck eines Erweiterungsbaues und der Ausstattung einen Ablass aus. Dieser Bau wurde erst 1626 in Angriff genommen. Im selben Jahr wurde auch der prächtige Heiligblutaltar, der noch heute auf seinem ursprünglichen Platz steht, vollendet. Durch die stetig wachsende Pilgerzahl erwies sich aber diese erweiterte Kirche als zu klein und führte dann 1698 zu neuen Bauplänen. Durch die Armut der damaligen Zeit und den empfindlichen Geldmangel ging der Bau nur langsam vorwärts. Die Hauptquellen, aus denen die Kosten bestritten werden mussten, waren die Opfer der andächtigen „Wall-leuthen und Pilgrimmen“ sowie einige Darlehen. In erster Linie verdankt die Walldürner Wallfahrtskirche dem bauverständigen Kurfürsten von Mainz, Lothar Franz von Schönborn, ihre Entstehung. So entstand das neue Werk in seiner heutigen Größe unter Beibehaltung einzelner Teile der alten Kirche, so z.B. der nördlichen Querschiffmauern mit dem Turmunterbau und dem nördlichen Anbau sowie dem Heiligblutaltar.

 

Heute grüßt den frommen Pilger schon aus weiter Ferne die zweitürmige, prächtige Wallfahrtskirche mit ihrer eigentlichen äußeren Schmucklosigkeit, die in seinem Verhältnis zu der Pracht des Innenraumes steht. Das gewaltige Raumbild mit dem ganzen Prunk kirchlicher barocker Ausstattung, die großen, weitgespannten Gewölbe, der reiche Kranz der Seitenkapellen, die großartige Ausschmückung durch Stukkaturornamente und die stilgerechte Dekorationsmalerei wirken hier zusammen, um die Wallfahrtskirche als Kleinod der Baukunst erscheinen zu lassen.

 

Die Wallfahrtskirche besitzt zehn Altäre. Von ihnen sei nur der Heiligblutaltar erwähnt. Er entstammt noch allein dem älteren ersten Erweiterungsbau von 1626. Nicht weniger als zehn Jahre haben berühmte Meister an diesem wirkungsvollen Hochrenaissancewerk mit seiner überladenen Schönheit gearbeitet. Der Altar ist aus grauem Sandstein gehauen und überreich an plastischem Alabasterschmuck.

 

Das Innere des Blutaltars birgt das kunstvolle Gehäuse des Korporale. Es ist ein dekoratives Prachtstück ersten Ranges, ganz aus Silber hergestellt, teilweise vergoldet, reich mit Edelsteinen besetzt und stammt aus dem Jahr 1684 von den Augsburger Silberhändlern Georg Paul Boxbart und Andreas Gablinger. Seine Höhe beträgt 1,25 m. Zur Wallfahrtszeit wurde es täglich zur allgemeinen Verehrung ausgestellt und wurde auch bei Prozessionen durch die Stadt von zwei Priestern in rotem Levitengewand getragen. Auf dem Korporale selbst, das allerdings durch das hohe Alter grau und vergilbt ist, waren bei guter Beleuchtung vor Jahren noch die Umrisse einiger Häupter sichtbar. Heute ist mit dem bloßen Auge kaum noch etwas zu erkennen. Sonst ist es aber noch in seiner alten Form von 1330 unversehrt erhalten.

 

Die vielen Prozessionen, die im Laufe der Jahrhunderte aus allen Teilen des Landes nach Walldürn wallfahrten, legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, wie hoch das katholische Volk das heilige Blut Christi schätzt und wie innig es die wundervolle Bestätigung des heiligsten Altarsakramentes in dem wunderbaren Korporale verehrt. Selbst hochgestellte Männer und Frauen kamen als Pilger nach Walldürn, so der gefeierte Bischof Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler aus Mainz, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts im Beichtstuhl und auf der Kanzel während der Wallfahrt tätig war.

 

Im Bauernkrieg 1525 wurde Walldürn hart mitgenommen. Noch trauriger waren die Zustände im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), denn nicht weniger als dreimal wurde die Stadt und die Kirche von den Schweden vollständig geplündert. Besonders eifrig forschten die Schweden nach dem wunderbaren Korporale. Dieses wunderbare Tüchlein wurde aber in jener furchtbaren Zeit von besorgten Kapuzinern behütet. Ein alter Pater trug es während dieser Zeit unter seinem Habit auf der Brust. So wurde das Heiligtum aus jenen schrecklichen Kriegsjahren gerettet.

 

Ein großes Erlebnis für die Pilger sind stets die nächtlichen Lichterprozessionen. Sie bleiben unvergessliche Erinnerungen. Betend und singend, begleitet von Musikkapellen, ziehen die Gläubigen mit brennenden Kerzen in den Händen am festlich beleuchteten Rathaus vorbei durch die Straßen der Stadt, alle im gleichen Glauben geeint und viele auch durch das Anliegen und durch dieselbe Herzensbitte: „O heiliges Blut, komm uns und den Armenseelen zugut!“ Machtvolle Kundgebungen echten katholischen Glaubens waren insbesondere bei der Jubiläumswallfahrt 1930 zu erleben.

 

Möge das Heiligtum zu Walldürn allen öffentlichen Bekennern des Herrn im heiligsten Sakrament Linderung in leiblichen Nöten und Stärkung für ihre Seele bringen. Möge der mächtige Auftrieb der Wallfahrt auch weiter fortdauern und das Beispiel, das viele Bischöfe, Äbte und prominente Männer und Frauen aus Politik und Gesellschaft dem katholischen Volk in Walldürn gegeben haben, weiterhin wirken. So werden wir gute Christen und gute Menschen sein, zum Segen unserer Familie, unseres Volkes und Vaterlandes.

 

Walldürn