Unsere Liebe Frau zu Latsch in Südtirol

 

Ein außerordentlich wundertätiges Bildnis der schmerzhaften Mutter Gottes, das durch die vielen und zahlreichen Gnaden, womit alle Bedrängte dort überhäuft werden, weit und breit berühmt geworden ist, befindet sich in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Latsch. Die Auffindung des Bildes wird uns erzählt wie folgt:

 

Um das Jahr 1765 am ersten Sonntag nach Ostern hörten die Bewohner des ansehnlichen Pfarrdorfes Latsch an der Etsch, beim frühen Morgengrauen ein starkes Krachen, das sie aus dem Schlaf weckte. Einige Felsenstücke hatten sich am nahen Sonnenberg losgerissen. Da der Tag anbrach, machten sich mehrere auf, zu sehen, ob niemand an der Straße, die am Fuß des Berges hinläuft, verunglückt wäre.

 

Kaum angelangt bei der Brücke, wo die Straße sich dem Berg nähert, erschreckte sie von neuem ein ungeheures Krachen. Sie erhoben ihre Augen und staunend erblickten sie ein schimmerndes Bildnis, gleich einer von der Sonne durchstrahlten Wolke herniederschweben. Es war das Gnadenbild, das sich in der Nähe der Brücke im Angesicht der Umstehenden niederließ. Von freudigem Erstaunen ergriffen, liefen einige sogleich in das Dorf und verkündeten das Wunder. Alles strömte hinaus, das Wunderbild zu sehen, das die Schmerzensmutter mit ihrem Sohn auf dem Schoß vorstellte.

 

Nachdem sie sich von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, trugen die Bewohner von Latsch in Prozession das Bild in die zunächst gelegene Pfarrkirche „auf dem Bühel“. Am nächsten Tag jedoch wurde schon am Platz, wo sich das Bild niedergelassen hatte, mit der Erbauung einer Kapelle begonnen. Da jedoch diese Kapelle besonders an Festtagen Mariens die zahlreichen Verehrer der seligsten Jungfrau bald nicht mehr fassen konnte, wurde das heilige Bild nach einigen Jahren in die Pfarrkirche von St. Peter und Paul feierlichst übertragen. Von den Gnaden, die die Mutter des Erbarmens ihren frommen Verehrern bei ihrem göttlichen Sohn erwirkte, zeugen gar viele Votivtafeln. In der neuesten Zeit erfuhren die Bewohner von Latsch auffallend den Schutz der Himmelskönigin. Während nämlich im Jahr 1836 die Cholera in der ganzen Umgegend schrecklich hauste, blieb die große Pfarrgemeinde beinahe ganz verschont.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)