Unsere Liebe Frau zu Hall im Inntal des Landes Tirol

 

In der St. Nikolaus-Pfarrkirche in Hall ist eine Kapelle, in der das Gnadenbild der göttlichen Mutter hoch verehrt wird. Über die Entstehung dieser Wallfahrt weiß man Folgendes:

 

Ein Bauernsohn aus dem Pustertal, namens Florian Waldauf, verließ, um der Strafe zu entgehen, die er sich wegen eines begangenen Fehltritts von seinem Vater erwarten musste, eigenmächtig und heimlich das väterliche Haus, und fand in Wien durch die Fürsorge eines Offiziers die nötige Erziehung und Ausbildung. Später unter die Soldaten eingereiht legte er im Kampf gegen die Türken solche Beweise von Tapferkeit ab, dass er auf dem Schlachtfeld zum Ritter Waldauf von Waldenstein geschlagen und vom Kaiser Maximilian zu seinem ersten Hofrat ernannt wurde.

 

Ritter Waldauf bestieg am 6. Januar 1489, nachdem er den Kaiser Maximilian aus der Gefangenschaft in Flandern befreit und die aufrührerischen Städte wieder unter seine Botmäßigkeit gebracht hatte, mit seinem Kaiser in Amsterdam ein Schiff, das beide nach Wien bringen sollte. Das Schiff eilte auf Harlem zu, als plötzlich ein so dichter Nebel über dem Meer sich ausbreitete, dass man rings um sich her nichts mehr sehen konnte. Das Wasser überzog sich bei grimmiger Kälte mit Eis und drang von mehreren Seiten in das Schiff ein. In dieser Lebensgefahr ermunterte Ritter Waldauf seine Gefährten zum Vertrauen auf Gott und gelobte, wenn Gott Hilfe sende und ihnen allen das Leben erhalte, eine Kapelle zur Ehre Gottes und der gebenedeiten Gottesmutter aufrichten zu wollen. Da zerschmolz das Eis und das Schiff landete glücklich am Gestade von Harlem.

 

Der wackere Ritter kam dem, was er Gott und seiner jungfräulichen Mutter angelobt hatte, getreulich nach. Er baute in der St. Nikolaus-Pfarrkirche zu Hall eine eigene Kapelle zu Ehren der allerseligsten Jungfrau – im Jahr 1495 – und stellte für die gottesdienstlichen Verrichtungen einen Prediger und zwei Kapläne auf. Durch Empfehlung des Kaisers und des Papstes gelang es ihm, für die neugebaute Kapelle viele heilige Reliquien zu bekommen. Einen Teil dieser kostbar gefassten Reliquien ließ der Ritter in feierlicher Prozession von seinem Schloss Rettenberg aus in die neue Kapelle übertragen. Dabei wurde auch die Kapelle eingeweiht und das Gnadenbild aufgestellt am 19. März 1500. Der edle Ritter Waldauf von Waldenstein starb im Jahr 1510 und wurde in der von ihm erbauten Kapelle begraben.

 

Viele, die in ihren Nöten an die heilige Mutter Gottes von Hall sich wendeten, erhielten oft wunderbare Hilfe. So auch eine Frau aus einem Dorf unweit Hall, die ein Kind zur Welt geboren hatte, das ohne Leben war, was man aber der in großer Schwäche liegende Mutter verheimlichte. Erst den anderen Tag, als sie nach dem Kind verlangte, entdeckte man ihr, dass selbes ohne Leben zur Welt gekommen war. Groß war die Betrübnis der Frau, dass ihre Leibesfrucht nicht der Gnade der heiligen Taufe teilhaftig geworden war. In der Nacht kam es ihr vor, als trete eine Frau von ehrwürdigem und freundlichem Ansehen zu ihr und verheiße ihr Trost und Hilfe, wenn sie sich durch ein Gelöbnis an die heilige Mutter Gottes von Hall wendete. Sie tat es vertrauensvoll, dann rief sie die Anwesenden ans Bett und verlangte das Kind zu sehen. Sie versuchten sie zu beruhigen und sagten ihr, dass das Kind bereits begraben worden sei. Die Mutter aber wiederholte immer und immer ihre Bitte. Da gingen denn die Angehörigen hin, gruben das Kind wieder aus und brachten es der Mutter. Sie begehrte Licht, betrachtet das Kind genau und sieh! es änderte sich die Farbe, bewegt beide Ärmchen und man hörte es zwei bis dreimal seufzen. Freudig brachte man es nun am Morgen in die Kirche, um den Priester für selbes um die heilige Taufe zu bitten. Er aber trug Bedenken und wollte nicht glauben, dass das Kind lebe. Aber bald überzeugte er sich von der Wahrheit, und zögerte nun nicht weiter, die heilige Handlung vorzunehmen. Nachmittag hörte das Kind auf zu leben, und die durch das Bad der Wiedergeburt gereinigte Seele ging ein in den Himmel, um dort in der Gemeinschaft der heiligen Engel ewig Gottes Erbarmung und die Güte der heiligen Jungfrau zu preisen.

 

Im Jahr 1851 wurde die dreihundertfünfzigjährige Jubelfeier des Gnadenortes begangen.

 

(Quelle: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)