Unsere Liebe Frau zu Gran (ungarisch: Esztergom) im Schloss

 

(Esztergom ist die älteste Stadt Ungarns und liegt in Nordungarn, an der Donau. Früher war sie die Hauptstadt Ungarns und liegt an der Grenze zur Slowakei.)

 

Der Ursprung des auf Holz gemalten Bildes, da in heutiger Zeit in der Schlosskapelle zu Gran verehrt wird, ist nach authentischen Berichten folgender:

 

Nachdem der türkische Feind, der nach der Niederlage bei Mohács (eine ungarische Stadt am rechten Donauufer, in der Nähe der Grenze zu Kroatien und zu Serbien) den größten Teil des Landes im Besitz hatte, aus ganz Ungarn mit siegreichen Waffen vertrieben war, befahl Kaiser Karl VI., dass das Graner Schloss vom Schutt gereinigt und wieder in guten Stand hergestellt werde. Zu dieser Zeit nun fanden die Arbeiter unter den Ruinen der durch Diony`s Szechy erbauten, glänzenden Kirche im Jahr 1732 eine ganz unbeschädigte Holztafel und ganz verwundert bemerkten sie darauf das unversehrte Bild der heiligen Jungfrau, die auf ihrem Arm das Jesuskind hielt. Unverweilt wurde dies dem damaligen Schlosskommandanten, dem kaiserlichen königlichen Major Baron Georg Schurknecht, angezeigt, der als ein gottesfürchtiger Christ und Verehrer der heiligen Maria das heilige Bild sogleich in die durch den Erzbischof Thomas Bakacs erbaute und unter die Obsorge des Graner Domkapitels gestellte Marmorkapelle zur allgemeinen Verehrung aussetzen ließ. Er stiftete sodann eine heilige Messe, die allwöchentlich zweimal durch Mitglieder des Franziskanerordens gelesen werden sollte, und wurde nach seinem Tod in der unter der Kapelle befindlichen Gruft begraben.

 

Diese Kapelle wurde sowohl von den wilden Panduren, die die Domkirche samt dem Turm zerstörten, als auch von den ungläubigen Türken unversehrt gelassen, die sie aber in eine Moschee verwandelten, nur beseitigten sie die kupferne vergoldete Wölbung.

 

Das Graner Domkapitel hat sowohl auf die vom Bakacs erbaute Kapelle, als auch auf das heilige Bild sein besonderes Augenmerk gerichtet. Ein eigener Benefiziat war verpflichtet, jeden Tag vor dem heiligen Bild Messe zu lesen, was bis heute noch im Gebrauch ist.

 

Der im Jahr 1823 verstorbene Fürstprimas Alexander Rudnay hatte die Absicht, die ganze Bergseite, worauf seit 1705 die Kapelle stand, zu zerstören und mit der niedrigeren Lage der Kirche in gleiche Linie zu bringen. Deshalb musste die Kapelle der Lieben Frau abgetragen werden. Dies geschah auch mit solcher Meisterhaftigkeit, dass sie nunmehr an der Evangelienseite der neuen Kirche genau aus denselben Marmorstücken besteht, sowie sie ursprünglich neben der alten Kirche stand.

 

Vor dem Beginn der Abtragung nun, hatte der Fürstprimas Alexander am zweiten Pfingstfeiertag im Jahr 1823 das heilige Bild vom Altar herabgenommen und den zwei Domherren Kratochvilla und Szilly übergeben. Das heilige Bild wurde sodann unter andächtigen Gesängen und Bittgebeten aus dem Schloss in den Marktflecken Szent-Tamas übertragen, und der Fürstprimas ließ es auf den darin befindlichen Altar des heiligen Stephan setzen, wo es von den Gläubigen ein Jahr hindurch eifrig verehrt wurde, bis nach der musterhaft vollendeten Schlosskapelle wieder auf Pfingstmontag im Jahr 1824 das heilige Bild, nachdem der Altar eingeweiht war, von dem erwähnten Erzbischof Alexander Rudnay, einem innigen Verehrer der heiligen Jungfrau von Jugend auf, mit eigener Hand auf den Altar gestellt wurde.

 

An diesem Tag strömte nicht bloß von Gran, sondern auch aus der ganzen Umgegend eine zahllose Menge von Gläubigen zusammen. Nach einer kurzen Predigt wurde das Bild von den Gläubigen unter Freuden- und Dankgesängen aus der Kirche von Szent-Tamas in die neue Schloss-Kapelle begleitet, wo auch gegenwärtig viele von Gott durch die Fürbitte der heiligen Jungfrau himmlische Segnungen erlangen. Und auch jetzt noch zeigt sich Maria ihren Verehrern dort gnädig.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)