Unsere Liebe Frau zu Dorfen in Bayern

 

In einer der fruchtbarsten Gegenden Oberbayerns, zwischen den gesegneten Hügeln von Erding und Ampfing zieht sich ein freundliches Tal von Osten nach Westen, das Isental genannt. Fast im Mittelpunkt dieser Tallänge befindet sich der freundliche Markt Dorfen (Maria Dorfen), elf Stunden von München entfernt, im Bezirksamt Erding.

 

Die ursprüngliche Ansiedelung bestand in drei Häusern, dem Eigentum dreier, mit großem Besitztum im Isental begüterter Brüder, woher noch das Bild von drei Häusern im blauen Feld im Schild des Markt-Wappens. Nach und nach bauten sich wegen der angenehmen Lage und Fruchtbarkeit der Gegend mehrere Familien an. So entstand allmählich der jetzige gewerbsame Markt Dorfen mit seinen Straßen in Kreuzform und vier, je zwei gegeneinander überstehenden Toren.

 

Unmittelbar außer dem Markt am nördlichen Hügelrand erhebt sich der Rupertsberg, auf dessen Rücken eine große, herrlich ausgestattete Kirche emporprangt, erbaut zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria, und weithin bekannt als ehrwürdiger Gnadenort. Westlich vom Gotteshaus ziert den Rupertsberg ein großes Quadratgebäude, das Priesterhaus, das wie ein ansehnliches Schloss das Tal beherrscht, und dem Auge einen lieblichen Überblick über dasselbe gewährt. Leicht und bequem steigt man den Berg über 148, mehrmals mit Ruheplätzen unterbrochene, rotmarmorne Stufen hinan.

 

Nach alter Sage soll der heilige Rupert bei seinen apostolischen Wanderungen durch Bayern auf diesem Berg gewohnt und gepredigt haben, daher dessen Name Rupertsberg. Rupert soll daselbst die Kapelle erbaut und eingeweiht haben, die heutzutage die heilige Josefskapelle genannt ist. In ihr soll auf Anraten und Geheiß dieses Heiligen, der um das Jahr 718 oder 723 selig im Herrn entschlief, schon zu seiner Lebenszeit, oder bald nachher das wundertätige Marienbild aufgestellt worden sein, das bis jetzt mehr als zwölfhundert Jahre hindurch der Gegenstand der allgemeinen öffentlichen Verehrung ist.

 

Im Jahr 1350 wurde neben der kleinen Kapelle auf dem Rupertsberg eine neue schöne geräumige Kirche, 153 Fuß lang und 54 Fuß breit, mit einem hohen Turm erbaut. Nun wurde das Marienbild auf den Hochaltar dieser großen Kirche übersetzt, wo es noch gegenwärtig seine Stelle einnimmt. Dieses Bildnis erscheint, wenn es von dem ihm beigelegten Schmuck der gold- und silbergestickten Kleider und der Krone entblößt ist, als ein meisterliches Werk alter Bildhauerkunst. Es ist aus einem ganzen Stück Lindenholz geschnitzt, und hält (in sitzender Stellung) in der Höhe fünf Schuh vier Zoll, in der Breite vier und in der Tiefe zwei Schuh. Das Haupt neigt sich ein wenig zur Rechten, und ist umwallt von langen blonden Haaren; die Züge des länglichen Angesichtes zeichnen die heilige Jungfrau als eine Mächtige, aber liebevolle Himmelskönigin. Die Rechte hält das Jesuskind auf dem Schoß, die Linke eine Rose. Das lange Kleid ist von roter Farbe, mit vergoldeter Verbrämung. Die Mitte des Leibes umgibt ein Gürtel, den eine vergoldete Schnalle zusammenhält. Auf dem Herzen sind die Worte eingeschnitten: „Mutter der Gnaden“. Die Verehrung des Marienbildes in der neuen Kirche zog viele Andächtige dahin und bald erblühte der Rupertsberg zu einem sehr besuchten Wallfahrtsort. Schon um das Jahr 1400 wurde er häufig von Fremden besucht.

 

Der Ruf der Wundertätigkeit verbreitete sich immer mehr, und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde Mariadorfen unter die blühendsten Wallfahrten in Oberbayern gezählt. Laut eines alten Saalbuches waren acht oder neun Priester zu Dorfen anwesend, um die Dienste bei der Wallfahrtskirche zu versehen. Unter solchen Umständen nahm die Vergrößerung des Marktes zu und mehrte sich der Wohlstand seiner Bewohner. Als vorzüglicher Beförderer der Wallfahrt zu Dorfen wird der dortige Pfarrer Joseph Sailer gepriesen. Sogleich bei dem Antritt seines Pfarramtes im Jahr 1705, verwendete er dreitausend Gulden seines eigenen Vermögens zur Ausstattung des Gotteshauses auf dem Rupertsberg.

 

Vom päpstlichen Stuhl wurde im Jahr 1711 ein vollkommener Ablass für alle erwirkt, die den Gnadenort mit Ablegung reumütiger Beicht und Empfang der heiligen Kommunion besuchten.

 

Sailers Predigten flossen über von Andacht und Vertrauen zu Maria, und er besaß die Macht, jene Liebe, die er zur Gottesmutter hegte, auch anderen einzupflanzen. So wirkte Sailer mehr als dreißig Jahre für das Gedeihen der Wallfahrt, bis er im zweiundachtzigsten Jahr seines Alters, am 16. Januar 1737 sein tätiges Leben endete. Der Ruf der in Menge gepriesenen Wunder von der hilfreichen göttlichen Mutter zu Dorfen verbreitete sich allenthalben. Auf Sailers Bericht wurde im Jahr 1707 vom Fürstbischof zu Freising eine Kommission zur Untersuchung und Prüfung der aufgezeichneten vorzüglichsten Wundertaten niedergesetzt. Hundertdreißig Beteiligte wurden eidlich über die ihnen erzeigte Wunderhilfe abgehört, verschiedene medizinische und polizeiliche Zeugnisse abgenommen, und die zehn ältesten Personen in und um Dorfen ebenfalls beeidigt, über den früheren Ruf und Bestand der Wallfahrt vernommen; die älteren und neueren Dokumente geprüft, und hierauf nach Erwägung aller Umstände durch bischöflichen Ausspruch das Marienbild erwiesen als gnadenreich und wundertätig erklärt und hierauf am Fest der heiligen Dreieinigkeit, den 19. Juni, unter dem Jubel einer ungemeinen Volksmenge von der Priesterschaft in feierlicher Prozession im Markt herumgetragen. Nun wurde der Zulauf der Andächtigen zu dem Gnadenbild zu Maria Dorfen von Jahr zu Jahr immer größer. Eines der glänzendsten Feste feierte die Wallfahrtskirche im Jahr 1757 vom 2. Oktober an acht Tage hindurch. Es war die Jubelfeier der von einem Jahrhundert in derselben errichteten Rosenkranz-Bruderschaft, die mit außerordentlicher Pracht begangen wurde. Mehr als Zwanzigtausend empfingen die heilige Kommunion: - während der Oktav wurden wenigstens vierhundertsechzig heilige Messen in der Marienkirche gelesen. In dieser Kirche, deren auf breite und vorspringende Mauern gestützte Gewölbe ohne Säulen sind, fesselt die majestätische Zierde des Hochaltars, auf dem das Gnadenbild thront, am meisten die Aufmerksamkeit des Besuchers. In der Mitte des Altars ruht auf einem feuervergoldeten, mit silbernen Laubwerken geziertem Thron das Gnadenbild der wundertätigen Maria. Der Thron selbst schwebt auf einem silbernen, drei Fuß hohen Gewölke. Zwei große schwebende Engel mit ausgespannten vergoldeten Flügeln halten den Thron. Etwas weiter unten befinden sich zwei kleinere fliegende Engel von Silber, die ein Füllhorn mit zwei Leuchtern tragen, die zur Erleuchtung des Bildes dienen. Hinter dem Thron aufwärts schimmert ein feuervergoldeter Strahlenschein mit glühender Sonne in der Mitte, und um den Lichtkranz herum blinken wie die Sterne in Form eines Kranzes, aus Silber gearbeitet, die fünfzehn Geheimnisse des heiligen Rosenkranzes auf künstlich gefertigten Schilden. Das erhabene Gotteshaus auf dem Rupertsberg steht jetzt in erneuerter Pracht da.

 

Merkwürdige Gnadenerweisungen

 

Elisabeth Thaler aus der Pfarrei Hofkirchen litt acht Jahre an heftigen Kopf- und Zahnschmerzen. Nach vergeblicher Anwendung aller Mittel nahm sie ihre Zuflucht zu Unserer Lieben Frau zu Dorfen, versprach ein gewisses Gebet, eine heilige Messe und Opfergabe und gesundete in kurzer Zeit.

 

Afra Heretzer aus der Pfarrei Stein in Böhmen fiel in einen siedenden Waschkessel, wobei sie an einem Auge die Sehkraft einbüßte. Sie verlobte sich zu Unserer Lieben Frau von Dorfen mit einer heiligen Messe und wurde zur selben Stunde gesund.

 

Peter Wild zu Daising, unweit Altötting, verlobte seinen siebzehnjährigen Sohn Joseph, der schon zwei Jahre stumm war, anher zu Unserer Lieben Frau und erhielt Hilfe.

 

Dem Joseph Gerauer aus Hartkirchen blieb beim Essen ein Stücklein Bein im Halse stecken. Nachdem alle angewendeten Mittel fruchtlos waren, wandte er sich nach zwölf Tagen in der augenscheinlichsten Lebensgefahr an Unsere Liebe Frau von Dorfen, versprach eine heilige Messe und einen Wallfahrtsgang und alsbald gab er das Bein von sich.

 

Herr Joseph Stadler, Schreiber beim Marktschreiber zu Dorfen war in einer langwierigen Krankheit dem Tod nahe. Auf Anrufen der Gnadenmutter genas er.

 

Johann Summer aus Breitenberg im Bistum Passau, schnitt sich mit einem Messer am Arm zwei Nerven entzwei. Auf eine Verlobung zu Unserer Lieben Frau mit einer Wallfahrt verloren sich die Schmerzen und heilte den Arm.

 

Anastasia Steiger, Bierbrauerin von Neumarkt flehte in großen Kindsnöten inbrünstig zur lieben Mutter in Dorfen und gebar glücklich, obwohl man ihr und dem Kind bereits das Leben abgesprochen hatte.

 

Joseph Baumgartner von Salzburg wandte sich, als er auf dem Wolfgang-See von einem heftigen Sturmwind aus dem Schiff gestürzt wurde, in Gedanken um Hilfe zur Lieben Frau von Dorfen und wurde gerettet.

 

Anton Lanzinger von Hofkirchen wurde am Steigbügel hängend vom Pferd fortgeschleift. In der augenscheinlichen Todesgefahr rief er Maria zu Dorfen an, gelobte eine heilige Messe und ein gewisses Gebet nebst Opfer und wurde glücklich gerettet.

 

Ein Beamter aus der Umgegend Dorfens war wichtiger Anklagen wegen in Gefahr seine Stelle zu verlieren. Seine Gattin nahm ihre Zuflucht zu Maria in Dorfen, und die unheilvolle Sache schlug zu seinem größten Glück aus.

 

Am 28. November 1791 schreckte die Einwohner von Obergriesbach, einem Dorf nächst Aichach, Feuerlärm aus ihrem tiefen Schlaf. Bei der Lage der Häuser und ihren Strohdächern, drohte der heftige Sturmwind das Feuer über das ganze Dorf zu verbreiten. Da wandten sich die bedrängten Einwohner zur Gnadenmutter nach Dorfen. Da legte sich der Wind und kein Haus wurde mehr von der Flamme ergriffen, wie uns durch schriftliche Zeugnisse von Pfarrer und Amtsvorstand des Ortes bestätigt wird. 

 

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