Die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau in Altötting in Bayern

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)

 

Nicht weit vom Inn, in einer der fruchtbarsten Gegenden von Niederbayern, liegt der Marktflecken Altötting mit mehr als 200 Häusern und 2000 Einwohnern. Dahin wallen jährlich Tausende von Pilgern, um in der heiligen Kapelle Unserer Lieben Frau zu beten und zu danken.

 

Die Entstehung der heiligen Kapelle zu Altötting – oder wie es früher gewöhnlich vorkommt, Altenötting – auch „das deutsche Loretto“ genannt und die Verehrung des wundertätigen Gnadenbildes darin, fällt schon in die uralte Zeit, ja mit der Gründung und Ausbreitung des Christentums in Bayern zusammen. Wohl lässt sich noch immer nicht ganz genau ermitteln, um welche Zeit der heilige Rupert, ein Franke von Geburt, aus dem Orden des heiligen Benedikt, von Worms nach Bayern gekommen sei. So viel ist gewiss, dass die alte Kapelle zu Altötting schon im 7. Jahrhundert bestanden hat, dass sie vom heiligen Rupert eingeweiht wurde, und dass das Gnadenbild Mariä von ihm herrühre. Seine Ankunft allhier wird von den Geschichtsschreibern auf folgende Weise erzählt:

 

Alsbald nach der Taufe des Herzogs Theodo II. zu Regensburg und der Einweihung der dortigen alten Kapelle habe sich der heilige Rupert in die Gegend des jetzigen Altötting zum Bruder des Herzogs Theodo, namens Utto oder Otto, begeben, der als Herzog von Niederbayern in dieser schönen, offenen Gegend unweit des Inn, da, wo er die Isen und Möhren aufnimmt, diesen Ort zu seinem Hoflager auserwählt hatte. Er taufte hier gleichfalls den Herzog Otto, weihte die alte heilige Kapelle ein und stellte in ihr das Bildnis der göttlichen Mutter, das er mit sich gebracht hatte, zur frommen Verehrung der Gläubigen her.

 

Das heilige Bild der Mutter Gottes, das der heilige Rupert in dieser heiligen Kapelle aufstellte, ist aus Holz gearbeitet, 2 Schuh und 3 Zoll hoch und von einem Maler gefasst. Das Kleid ist rot und mit einem vergoldeten Saum verziert. Der Mantel ist weiß und über der Brust mit einer Spange zusammenhalten. Der Kopf ist mit einem roten nach alter Art geformten und mit einem Rautenkranz umflochtenen Fürstenhut bedeckt. Maria ist stehend dargestellt, auf dem rechten Arm das Jesuskind haltend, und in der linken Hand einen goldenen Szepter, aus dessen Spitze eine Lilie, das Sinnbild der Jungfräulichkeit hervorsprosst. Das göttliche Kind ist gleichfalls mit einem roten Kleidchen angetan und hält in der rechten Hand eine blaue Kugel, das Sinnbild des Erlösers und Herrn der Welt. Die linke Hand erhebt es ein wenig gegen das Angesicht der göttlichen Mutter, gleich als wollte es ihren Verehrern bedeuten, zu ihrer mütterlichen Fürsprache Zuflucht zu nehmen. Die Gesichtszüge des Gnadenbildes kann niemand in der Nähe betrachten, ohne durch den milden, anmutigen und zugleich ernsten, ja wahrhaftig heiligen und himmlischen Sinn, der aus ihnen spricht, gerührt zu werden. Durch das hohe Alter des Gnadenbildes und auch wegen des Rauchs der Wachskerzen und Lampen sind das Gesicht und die Hände der heiligen Jungfrau, sowie des göttlichen Kindes, mehr braun als fleischfarbig, und nur diese noch an dem ganzen Bild sichtbar, da die Häupter mit silbernen und vergoldeten Kronen geziert sind, und Maria sowohl als auch das Jesuskind sehr reiche, mit Gold und Silber verzierte und mit kostbaren Edelsteinen reich besetzte Kleider tragen, von denen einige sehr wertvolle auch in der Schatzkammer aufbewahrt sind, indem es zur Sitte des kaiserlich-österreichischen und kurfürstlich- bayerischen und anderer Höfe, dann des hohen Adels gehörte, die reichen, prächtigen Brautkleider der Mutter Gottes in Altötting zum Geschenk zu machen, die sodann teils zur Bekleidung des Gnadenbildes, teils zu Kirchenparamenten verwendet wurden. Über diesen kostbaren Kleidern hängen sodann noch in Form von Skapulieren zwei lange Streifen mit Diamanten und großen orientalischen Perlen und Kleinodien besetzt, sowie auch große goldene Ketten und Kreuze herab.

 

So steht nun, nach mehr als tausend Jahren, jetzt das heilige Gnadenbild Mariens in dieser uralten heiligen Kapelle auf einem prächtigen, silbernen Altar hinter einer Glastafel in einem gleichfalls silbernen Tabernakel, den der fromme Kurfürst Maximilian I. von Bayern im Jahr 1645 verfertigen ließ. Rings um ihn breitet sich in Form eines Altarblattes ein aus Silber sehr schön und kostbar gefertigter Thronhimmel aus, und stellt die allerheiligste Dreifaltigkeit dar, wie sie die gnadenreiche Königin Maria krönt.

 

Zu beiden Seiten des Tabernakels stehen zwei Engel, ihre Königin mit Inschriften in der rechten Hand lobend und preisend. Zur rechten Seite des Gnadenaltars auf der Epistelseite kniet, aus Silber gegossen, einundvierzig Pfund schwer auf einem silbernen Kissen der junge Erbprinz Maximilian Joseph, später als Kurfürst Maximilian III., der Vielgeliebte, Sohn des Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern, welches Weihegeschenk dieser Fürst nebst vielen anderen reichen Opfergaben, die weiter unten genannt werden sollen, der Gnadenmutter von Altötting wegen einer wunderbaren Gebetserhörung für seinen jungen Erbprinzen in den Jahren 1710 bis 1720 zum Opfer brachte, indem er ihn, so schwer als er war, in Silber von der Mutter Gottes auslöste.

 

Vor dem Gnadenaltar, in der ursprünglichen alten Kapelle, brennen beständig fünf Lampen, unter denen die mittlere kleine sehr kunstvoll gearbeitet, von Silber und vergoldet, und mit Edelsteinen verziert, ein Geschenk des Papstes Pius IX., dieses großen Verehrers der heiligen allzeit unbefleckten Jungfrau, bemerkenswert ist. Diese Lampe wurde am Mariahimmelfahrtsfest 1854 durch den damaligen päpstlichen Nuntius von München, de Luca, überbracht und mit der größten Feierlichkeit allhier aufgehängt. Vor dem Eingang in die innere heilige Kapelle brennt gleichfalls eine Lampe. Im Innern der heiligen Kapelle befinden sich die Herzen mehrerer hoher fürstlicher und königlicher Personen aufbewahrt.

 

Hier befindet sich auch das am 13. Juli des Jahres 1864 beigesetzte Herz des am 10. März verstorbenen höchstseligen Königs Maximilian II. von Bayern in der nächsten Nähe seiner berühmten Ahnen, nämlich zwischen dem Herzen des höchstseligen Kurfürsten Max Joseph III., des „Vielgeliebten“, und dem Herzen des Kurfürsten Karl Theodor. Unter den in der heiligen Kapelle beigesetzten Herzen verdient noch erwähnt zu werden das des berühmten Generals Grafen von Tilly. Sein Leichnam wurde im Jahr 1653 nach Altötting gebracht und in der Gruft der jetzigen Tillykapelle beigesetzt, wo er den Fremden auf Verlangen gezeigt wird.

 

Auf beiden Seiten sind sodann an den Wänden in vier Glasschränken viele kostbare Weihegeschenke und Votiven aufbewahrt, während die übrigen wertvollen Opfer in einer eigenen Schatzkammer zunächst der Pfarrkirche sich befinden, die auch den Wallfahrern auf Verlangen gezeigt wird. Das beständige Dunkel, das in der kleinen heiligen Kapelle herrscht, macht einen eigentümlichen, heiligernsten Eindruck auf den Eintretenden, und es ist ungemein rührend zu sehen, wie die frommen Wallfahrer, besonders die, die zum ersten Mal hierher kommen, beim bloßen Eintritt in diese kleine finstere Kapelle und beim Anblick des milden Gnadenbildes mit ungewöhnlicher heiliger Ehrfurcht ergriffen und bis zu Tränen gerührt werden. Ja es sind schon mehrere außerordentliche Beispiele vorgekommen, dass Sünder, die gerade nicht in frommer Absicht hierherkamen, beim Eintritt in die heilige Kapelle und beim Anblick des Gnadenbildes auf geheimnisvolle Weise mächtig ergriffen und zur Buße und Bekehrung angetrieben wurden.

 

An diese ursprünglich alte Kapelle ist sodann im Jahr 1464 von Sigmund, Grafen zu Schratenbach, Erzbischof von Salzburg, zu dessen Diözese damals Altötting gehörte, zur bequemeren Andacht der Wallfahrer ein Anbau mit einem Türmchen gemacht worden. Der Anbau, 36 Schuh in der Länge und 23 ½ Schuh in der Breite, hat an beiden Seiten sechs etwas größere Fenster und zwei Eingänge. Um die ganze Kapelle herum führt ein bedeckter Gang, dessen Wände, sowie das Innere und Äußere der Kapelle, mit unzähligen Votivtafeln zur Ehre der Mutter Gottes von Altötting behängt sind. Dieser herumlaufende Gang ist sehr wohltätig für die große Menge von Wallfahrern, die hier bei regnerischer Witterung warten können, bis die herausdrängende Volksmenge ihnen den Eintritt in die Gnadenkapelle gestattet. Auch kann man da oft ganze Züge von Wallfahrern auf den Knien, oft auch noch mit schweren Kreuzen beladen, rings um die heilige Kapelle herumrutschen sehen.

 

Aus den ersten Jahren, gleich nach der Entstehung der heiligen Kapelle ist von der Verehrung des wundertätigen Bildes wenig bekannt. Seine erste Berühmtheit erlangte die heilige Kapelle in Ötting gegen Ende des achten und im Anfang des neunten Jahrhunderts unter den bayerischen Herzögen der Agilolfinger und unter den Karolingern. So erzählen bayerische Geschichtsschreiber, „dass im Jahr 803 Karl der Große von Salzburg nach Ötting sich begab und dort längere Zeit mit Vogelfang, Jagd und Fischerei sich belustigt habe. Häufiger noch fand sich sein Urenkel Karlmann, der älteste Sohn des Kaisers Ludwig des Deutschen, daselbst ein. Dieser ließ auch an dem Platz der jetzigen Pfarrkirche, ein Benediktinerstift mit einer großen Stiftskirche zur Ehre der Mutter Gottes Maria und des heiligen Apostels Philippus (erst später kam noch der heilige Jakobus als Stiftspatron hinzu) von Grund aus neu erbauen. Dem Stift schenkte er durch eine am 24. Februar 876 ausgestellte Urkunde die heilige Kapelle, sodann die Abtei Matsee und den Hof zu Buch mit allen ihren Zugehörungen und Einkünften.

 

Durch erwähnte schöne Stiftung Karlmanns war den dringenden Bedürfnissen der immer mehr zunehmenden Wallfahrt allhier abgeholfen, indem die berufenen Söhne des heiligen Benedikt alsbald an Zahl bedeutenden Zuwachs erhielten. Altötting hatte schon damals einen hohen Grad von Berühmtheit und Wohlstand, aber auch bedeutenden Umfang erhalten. Allein bald änderte sich die Szene. Die Hunnen, die um das Jahr 892 zum ersten Mal nach Deutschland kamen, kamen im Jahr 910 auch nach Ötting, wo sie den ganzen Ort, den kaiserlichen Palast, die Stiftskirche samt dem Benediktinerkloster und alle übrigen Gebäude und Umgebung dem Raub und Brand preisgaben. Einem höchst wunderbaren Schutz der Mutter Gottes war es zuzuschreiben, dass in diesem schrecklichen allgemeinen Brand und auch in den nachfolgenden mehr als fünfzig Jahre andauernden, verheerenden Streifzügen der Hunnen die heilige Kapelle ganz unversehrt geblieben ist. Im Jahr 1228 ließ der Bayernherzog Ludwig I. die zerstörte Stiftskirche zur Ehre Mariens und der heiligen Apostel Philippus und Jakobus aus dem Schutt wieder aufbauen und errichtete ein Chorherrenstift für zwölf Priester, einen Dechant und einen Probst. Dieses 1231 errichtete Kollegiatstift wirkte einige Jahrhunderte mit großem Segen zur Beförderung der Verehrung Mariens an diesem ihrem Gnadenort, als abermals eine Verheerung über Bayern und auch über die Umgegend von Altötting hereinbrach, weit schrecklicher, als ehedem durch die Hunnen. Die Lehre Luthers brachte mit einem Mal alle Gemüter in Aufregung. An vielen Orten war das Volk bereits dem Abfall nahe.

 

Da war es nun der Herzog Albrecht von Bayern, der Maßregeln zur Unterdrückung der Ketzerei in seinem Herzogtum anwandte. Sein Sohn und Nachfolger Wilhelm V. erkannte als das kräftigste Mittel zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung des alten katholischen Glaubens die weitere Verbreitung der Gesellschaft Jesu, wegen ihrer segensreichen Wirksamkeit, die der Herzog allenthalben beobachtete, darum verlangte er auch im Jahr 1591 von dem damaligen Ordensgeneral Claudius Aquavira einige Väter für den Wallfahrtsort Altötting, da er diesen Platz als vorzüglich wichtig, ja als das Herz seines Landes erkannt hatte, um allda den alten Glauben und besonders die Verehrung Mariens wieder neu zu beleben, die in diesen trüben Zeiten so bedeutend abgenommen hatte, dass bei einer ihrer ersten Missionen in der Nähe von Altötting kaum mehr ein oder der andere Rosenkranz zu finden war. Die segensreiche Wirksamkeit der eifrigen Jesuiten erlitt nur einige Unterbrechung in der sturmbewegten Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Im Jahr 1632, als die schwedische Armee in Bayern verheerend einfiel, und für Altötting und die heilige Kapelle die größte Gefahr drohte, wurde das Gnadenbild samt dem Schatz der heiligen Kapelle in das feste Schloss Burghausen, dann aber auf Veranlassung der Gemahlin Maximilians I. nach Salzburg gebracht. Als sodann nicht lange darauf die Ruhe und Sicherheit wieder hergestellt war, wurde es am 25. November desselben Jahres mit größter Feierlichkeit zur allgemeinen Freude der Bewohner Altöttings in die heilige Kapelle zurückgebracht. Die Ruhe dauerte aber nicht lange. Am 5. Juni 1648 musste die Sicherstellung des Gnadenbildes wiederholt werden. Auch diesmal wurde es samt dem Schatz nach Salzburg gebracht, und in der Kirche der Franziskaner auf dem Hochaltar zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Doch schon den 22. Oktober konnte es nach hergestellter Ruhe wieder nach Altötting zurückgebracht werden.

 

Als nun für Bayern, nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, durch den Westfälischen Frieden wieder ruhige Zeiten kamen, so hatte dies auch für das kirchliche Leben seine wohltätigen Folgen, und besonders zeigte sich dies in den zahlreichen Besuchen der Gnadenkapelle von Altötting aus Nah und Fern, so dass selbst die vermehrte Zahl der ehrwürdigen Jesuitenväter und des Kollegiatstiftes zur Bedienung der ungeheuer großen Wallfahrtszüge nicht ausreichte. Darum wurden im Jahr 1653 die Franziskaner nach Altötting gerufen, die ein eigenes Kloster und eine eigene Kirche erhielten. Die Wallfahrt war im Jahr 1687 so groß, dass 26 Franziskaner nicht genügten. Nicht lange jedoch dauerten wiederum diese friedlichen Zeiten, als im Jahr 1704 unser Vaterland in den Krieg wegen der spanischen Erbfolge verwickelt wurde. Während dieses Krieges wurde am 27. Juli eine dritte Flüchtung des Gnadenbildes samt dem Schatz nach Burghausen zwar angeordnet, musste aber unterbleiben, weil die Einwohner Altöttings sich mit bewaffneter Hand widersetzten. Kanonikus Kobolt, der diesen Vorgang umständlich beschreibt, setzt bei: „Die in der Folge angekommenen Feinde hätten selbst mit den Einwohnern in Ehrfurcht und Verehrung gegen das heilige Bildnis gestritten. Einmal seien achthundert Husaren mit bloßen Säbeln durch die Hofmark geritten, ohne etwas Feindseliges zu begehen. Ihre Anführer haben aber erklärt, dass sie alles unter und über sich gekehrt haben würden, wenn sie nicht das Marianische Gnadenbild in der heiligen Kapelle gegenwärtig gefunden hätten.“

 

Einen harten Schlag erlitt die Wallfahrt durch die Aufhebung der Gesellschaft Jesu im Jahr 1773 und durch die im Jahr 1803 vorgenommene Säkularisation aller bayerischen Klöster. Das Franziskanerkloster wurde den Kapuzinern als lebenslänglicher Zentral-Wohnsitz angewiesen. Da jedoch ihre Anzahl durch Absterben immer mehr zusammenschmolz, so trat am 1. Mai 1827 das Institut der weltlichen Wallfahrtspriester ins Leben, die mit den Kapuzinern die Seelsorge der Wallfahrt übernahmen. Auf diese Weise wurde die Wallfahrt viele Jahre versehen, nämlich vom Jahr 1827 bis 1841, als in diesem Jahr der hochwürdigste Bischof Heinreich von Passau den Entschluss fasste, Priester aus der Kongregation des allerheiligsten Erlösers (gestiftet vom heiligen Alphonsus Maria Liguori) zum Dienst der Wallfahrt nach Altötting zu berufen.

 

Von nun an nahm die Wallfahrt einen ungeheuren Aufschwung. Die Zahl der Wallfahrer beträgt alljährlich im Durchschnitt über 150.000 Personen (1863) aus allen Ständen. Es ist rührend zu sehen, wie oft um das heilige Pfingstfest zahllose Scharen von Wallfahrern mit Kreuz und Fahnen singend und betend unter feierlichem Glockengeläute daherziehen, dann noch müde von der Reise und oft triefend von Schweiß und Regen, voll Zerknirschung und Andacht niederfallen vor dem Gnadenbild und in den rührendsten Gebeten und Anempfehlungen ihr Herz vor der Gnadenmutter ausschütten. Es ist ungemein erbaulich zu sehen, wie diese Pilger nach langen Gebeten die heilige Gnadenkapelle verlassen, nicht um eine Herberge zu suchen und ihre müden Glieder zu stärken (denn viele wallen oft aus weiter Ferne nur bei Brot und Wasser nach Altötting), sondern in den Kirchen die Beichtstühle aufzusuchen und daselbst oft stundenlang des Augenblicks zu harren, wo sie ihre Beichten, die häufig Generalbeichten sind, mit großer Zerknirschung und Reue ablegen. Wessen Herz sollte nicht gerührt werden, der diese frommen Wallfahrer sieht, wie sie, nachdem sie ihrer Andacht Genüge geleistet haben, draußen vor der heiligen Kapelle auf dem bloßen Boden kniend, ihre Bündel auf dem Rücken und den Wanderstab in der Hand, voll der heiligsten Gefühle unter Tränen Abschied nehmen von der Gnadenmutter und voll der heiligsten Vorsätze ihrer Heimat wieder zuwandern.

 

Wunder, außerordentliche Gebetserhörungen und wunderbare Bekehrungen

 

Einige von den vielen Gebetserhörungen, die durch die Hilfe der Gnadenmutter von Altötting geschehen sind, sollen hier zur Verherrlichung der hohen Himmelskönigin ihre Stelle finden:

 

Im Jahr 1717 hatte eine Frau ein totes Kind geboren, worüber ihr Mann ganz trostlos wurde, und, nachdem es bereits zwölf Stunden begraben lag, auf den sonderbaren Einfall kam, es wieder auszugraben und zur Mutter Gottes nach Altötting zu tragen. Wirklich tat er es auch und brachte das tote Kind vierundzwanzig Stunden weit im strengsten Winter hierher. Kaum hatte er es auf den Gnadenaltar gelegt und eine Viertelstunde lang mit dem innigsten Vertrauen die mächtige Himmelskönigin angerufen, als er auch zum Erstaunen aller Anwesenden seinen großen Glauben belohnt sah. Auf einmal wurde das Angesicht des Kindleins von einer lieblichen Röte umflossen, und aus der Nase träufelte etwas Blut heraus, zum sicheren Zeichen, dass die Seele soeben in den Leib zurückgekehrt wäre. Als man sich vollends vom Leben des Kindes überzeugt hatte, wurde es sogleich getauft, worauf es alsbald in eine glückseligere Ewigkeit überging, zur übergroßen Freude des Vaters und zur Verwunderung aller Zuschauer, die von neuem Vertrauen zur Gnadenmutter in Altötting erfüllt wurden.

 

Im Herbst des Jahres 1586 war eine Frau aus Rupersbach ob der Enns, Agnes Schmid, mit Grassammeln beschäftigt. Sie hatte dabei das Unglück, von einer Natter, die im Gras verborgen war, in die Hand gebissen zu werden. Die Hand schwoll ungemein auf. Die Geschwulst verbreitete sich bald über den Arm und die Schultern, und der ganze Leib war so angegriffen und zerrüttet, dass niemand mehr ein Mittel dagegen anzuwenden wusste. Einige waren der Meinung, durch Abnahme der gebissenen Hand könne sie noch gerettet werden, andere machten sich auch davon keine Hoffnung mehr, da es bereits zu weit gekommen und das Gift schon in die inneren Teile sich verbreitet zu haben schien. Die Unglückliche, einen baldigen und schmerzhaften Tod vor Augen sehend, wendete sich mit aller Inbrunst an die gnadenreiche Muttergottes in Altötting, und gelobte Wallfahrt und Opfer dahin.

 

In der nächstfolgenden Nacht, als sie große Schmerzen litt und in Ohnmacht sank, kam es ihr vor, eine Frau nähere sich ihr und frage sie: „Wärst du gerne gesund?“ – Die Kranke, in der Meinung, die Frau sei eine ihrer Nachbarinnen, antwortete: „Ach liebe Nachbarin, ich habe niemand, der mir hälfe.“ Da fasste die Frau die Hand der Kranken, hielt sie in der ihrigen und sprach: „Sei guten Mutes, ich will dich gesund machen.“ „O dass ihr mir helfen könntet, liebe Nachbarin“, erwiderte Agnes, „warum seid ihr denn nicht längst zu mir gekommen?“ „Du hast ja meiner nicht eher begehrt“, war die Antwort. Dabei fuhr die Frau mit ihrer Hand sanft über die Hand, den Arm und den Oberleib der Kranken. Aller Schmerz war in dem Augenblick verschwunden, die Kranke kam zu sich, richtete sich auf, sah umher, und da sie niemanden bemerkte, erkannte sie erst, die heilige Jungfrau selbst sei bei ihr gewesen und habe ihr geholfen. Sie war vollkommen gesund, und etliche Tage darauf (am Dienstag nach St. Dionysius) kam sie nach Altötting, ihr Gelübde zu lösen, und erzählte in Gegenwart ihrer Nachbarn die sie begleitet hatten und Zeugnis für die Wahrheit ihrer Aussage ablegten, öffentlich, welche Gnade ihr von Gott durch die heilige Jungfrau geworden.

 

Engelbert Kirchner, Stadtschreiber von Tittmoning, litt im Jahr 1828 die furchtbarsten Steinschmerzen. Er wurde auf Anrufung der Gnadenmutter von Altötting durch eine Operation ganz glücklich davon befreit (der Stein ist in der Schatzkammer).

 

Im Juli 1837 ging in Neuburg Freiin Adelheid von Leoprechting, vierzehn Jahre alt, ihrem von der Jagd heimkehrenden Vater entgegen. Im Augenblick des Begegnens ging jedoch dem Grafen Alois Arko das Gewehr los. Die Kugel drang in den Oberarm des Fräuleins und zerschmetterte Bein und Gelenkknopf, so wie das Schulterblatt. Acht Wochen schwebte die Unglückliche unter nicht zu beschreibenden Schmerzen in steter Lebensgefahr. Auch wechselten während des Wechselfiebers beständig Kinnbacken-, Brust- und allgemeine Krämpfe. Dazu gesellte sich, im hohen Grad auftretend, der Mehlmund und störte die Verdauungsorgane. Ein ungeheures Aufschwellen der Füße verschlimmerte den ohnehin so gefährlichen Zustand noch mehr. Alle Schmerzen Jesus und seiner heiligen Mutter aufopfernd, gelobte die Kranke, wenn sie wieder geheilt und zum Gebrauch ihres Arms gelangen würde, eine Wallfahrt nach Altötting. Auf dieses Gelöbnis hin erfolgte die Heilung so schnell, dass nach acht Wochen die Wunde schon zugeheilt und sie selbst vollkommen hergestellt war. Sechsundsiebzig Knochensplitter waren aus dem Arm herausgezogen worden, dieselben in Silber gefasst, brachte sie selbst hierher und legte sie dankbarst auf Altar der heiligen Mutter Gottes.

 

Im Jahr 1845 brach ganz in der Nähe des Redemptoristenklosters, nur durch ein schmales Gässchen davon getrennt, Feuer aus, wodurch wegen des heftigen Südwindes nicht bloß dieses Kloster, sondern der ganze Markt Altötting unrettbar verloren schien. Da nahm man, als alle menschliche Hilfe vergebens sind, seine Zuflucht zur Gnadenmutter. Es wurde feierlich der Segen mit dem Gnadenbild gegeben, worauf augenblicklich der Wind nach Osten sich drehte und die Feuersbrunst sich leicht dämpfen ließ.

 

Im Jahr 1856 kam ein Vater mit Sohn und Tochter zur Gnadenmutter hierher, um für ein doppeltes Wunder ihren Dank abzustatten und ihr Gelübde zu erfüllen. Schon seit längerer Zeit litt der Sohn am Stein die furchtbarsten Schmerzen, weil er immer zur Operation sich nicht verstehen wollte. Endlich, da er es nicht mehr aushalten konnte, begab er sich zum geschickten Gerichtsarzt, der sie auch augenblicklich vornahm. Doch kaum war sie vorüber, so verfiel der Sohn vor Schwäche in einen todesähnlichen Zustand, so dass der Arzt erklärte, wenn er gewusst hätte, dass dieser Mensch so schwach wäre, hätte er die Operation nie und nimmer übernommen, denn an ein Davonkommen sei gar nicht zu denken. Sechs Stunden lag er ohne jedes Lebenszeichen von zehn Uhr morgens bis vier Uhr abends, als der Vater sich nach Altötting mit einer Votivtafel verlobte. Zum Erstaunen des Arztes und aller Anwesenden machte er alsbald die Augen auf und erwachte wie aus einem tiefen Schlaf. In einigen Tagen war er frisch und gesund. Doch wie die Leute sind, zur Zeit der Not machen sie schnell Gelübde, aber nach erlangter Hilfe gehen sie langsam ans Erfüllen. Beide, Vater und Sohn, verschoben von einer Zeit zur andern ihr Wallfahrt nach Altötting. Da erinnerte sie Maria auf ganz eigene Weise daran. Der Mann hatte auch eine Tochter, die schon längere Zeit an der Gicht litt, zu der sich auf einmal noch die Lungenentzündung gesellte, die in Brust- und Rückenmark-Entzündung überging. Alle menschliche Hilfe schien vergebens. Man dachte an nichts, als an ihren Tod, und volle acht Tage meinte man jeden Augenblick, jetzt müsste sie verscheiden. Da gedachten Vater und Bruder ihres vor langer Zeit gemachten und noch nicht erfüllten Gelübdes und riefen trotz ihres Undankes doch nochmals die Gnadenmutter von Altötting an, wenn sie auch der schon im Sterben Begriffenen die Gesundheit bei Gott erwirken würde, wollten sie, sobald als möglich, alle drei hierher wallfahrten. Und wiederum ließ Maria sich rühren und zeigte, dass es in Ewigkeit nicht erhört werden soll, dass jemand, der mit Vertrauen sie anruft, unerhört bleiben soll. Die Tochter erlangte alsbald die Gesundheit, und alle drei erschienen frisch und gesund am Gnadenort und legten eine gute Beicht ab. Unter Tränen erzählte der Vater diese beiden wunderbaren Gebetserhörungen und ließ zum Gedächtnis und Dank hierfür eine Votivtafel aufhängen.

 

Im Sommer des Jahres 1856 kam ein Herr mit Frau und Kind von München hierher, um der Gnadenmutter von Altötting ihren Dank abzustatten für die glückliche Befreiung von der Cholera, sowie ihres Kindes von einem heftigen, gefährlichen Fieber. Sie brachten zugleich eine sehr schöne silberne Votivtafel mit.

 

Nikolaus Gösch, Bürger aus München, kam in den Jahren 1835 und 1845 in die heilige Kapelle, und fand eine wunderbare Errettung aus wahrhaft dämonischer Geistesbedrückung, die unfehlbar zeitliches und ewiges Verderben zur Folge gehabt hätte, durch die Fürbitte Mariä. Er opferte später eine auf Kupfer gemalte, in der heiligen Kapelle aufgehangene Tafel, die Mutter Gottes und eine unten kniende Mannsperson vorstellend.

 

Ein vornehmer Mann kam mit seiner Familie, worunter sich eine siebzehnjährige Tochter befand, im Sommer 1856 hierher, um der Gnadenmutter den innigsten Dank auszusprechen für eine wunderbar geleistete Hilfe, indem dieses Mädchen, das ganz taub war, auf Anrufung Mariens und Verlobung nach Altötting von diesem Übel vollkommen befreit worden ist.

 

Ferner im Jahr 1856 hatte Joseph Forster, Wirtssohn von Kottigswörth in Mittelfranken, mit einem Kameraden bei einem Hochwasser auf der Altmühl ein großes Unglück, indem ihr Fahrzeug umschlug. Noch im Untersinken rief er die Gnadenmutter von Altötting an, verlobte sich hierher und wurde glücklich gerettet. Sein Kamerad ertrank. Voll Freude brachte er eine Votivtafel hierher und erfüllte sein Gelübde.

 

Am 21. Dezember 1857 wurde dem Joseph Obermeier, Bierwirtssohn von Freising, dreizehn Jahre alt, ein großer Stein glücklich herausgeschnitten, nachdem er sich vorher zur seligsten Jungfrau dahier verlobt hat. Er opferte am 22. September 1858 eine sehr schön vergoldete Ampel von Gürtlerarbeit, die im Innern der heiligen Kapelle aufgehangen ist.

 

Katharina Deichstetter, Wirtstochter von Mörmosen, sechzehn Jahre alt, musste drei Jahre das Bett hüten unter den schrecklichsten Anfällen, die sich auf natürliche Weise nicht erklären ließen. Nachdem sie bei vielen Ärzten vergeblich Hilfe gesucht hatte, verlobte sie sich zur Gnadenmutter. Am 13. August 1858 trug man sie in die heilige Kapelle, heraus konnte sie schon gehen, und sie ist nun ganz gesund.

 

Eine junge Ehefrau lag im Jahr 1859 schon fünf Wochen lang am Schleimfieber und zugleich an der Lungensucht schwer krank darnieder. Eines Abends gegen 10 Uhr wurde die Kranke so schwach, dass der anwesende Ortspfarrer nebst Nachbarsleuten glaubte, sie liege in den letzten Zügen, und der Arzt versicherte, die Frau habe keine zwei Stunden mehr zu leben. In diesem Augenblick gab ein Nachbar dem Ehemann, der ganz trostlos neben dem Bett seiner sterbenden jungen Frau stand und alle Hoffnung aufgegeben zu haben schien, den Rat, sich zur Mutter Gottes nach Altötting zu verloben. Vielleicht dass Unsere Liebe Frau doch noch helfe. Diesen Rat befolgte denn auch der Ehemann, indem er sogleich das Gelübde machte, wenn seine Frau wieder gesund werde, eine Wallfahrt nach Altötting zu machen. Kurze Zeit darauf, gegen 12 Uhr um Mitternacht, schlug die Kranke die Augen wieder auf, und fühlte sich um ein Merkliches besser. Von dieser Stunde an machte ihre Wiedergenesung so rasche Fortschritte, dass sie bereits nach vierzehn Tagen wieder vollständig hergestellt war und sofort auch gesund blieb. Der Ortsgeistliche erklärte diese Genesung für wunderbar.

 

Am 11. November 1859 geriet Maria Binnsteiner, das zehnjährige Töchterlein des Thomamüllers von Au, der Pfarrei Vogtareith, Landgerichts Rosenheim, in das gehende Werk des Ölausschlages und wurde mit unzähligen Beinbrüchen so beschädigt, dass man sie für tot hielt. Aber durch Anrufung der allerseligsten Gnadenmutter von Altötting, der Helferin in allen Nöten, wurde das Kind wieder vollkommen hergestellt und machte nach einiger Zeit mit seinem Vater die Wallfahrt nach Altötting zur Danksagung für diese wunderbare Rettung. Eine schöne Votivtafel, worauf das Unglück abgebildet und erzählt ist, enthält zum Schluss die Worte: „Heilige Maria, Dank! tausendfältigen Dank deiner göttlichen Fürbitte!“

 

Der Zimmermannssohn Martin Pappenberger aus München, acht Jahre alt, litt vier Jahre lang am Beinfraß, so dass ihm einige Beinstücklein aus dem linken Ohr herausfielen. Die Mutter machte ein Gelübde nach Altötting, und der Knabe wurde geheilt. Beide kamen hierher, um ihr Gelübde zu lösen, und brachten zwei Beinstückchen, in Silber gefasst, zum Wahrzeichen mit.

 

Eine Taglöhners-Frau aus München, deren siebenjährige Tochter vier Jahre lang an zwei Krücken gehen musste, verlobte sich zur hiesigen Gnadenmutter. Hierauf wurde ihr die gewünschte Hilfe zu Teil, und sie kam deshalb hierher, um ihr Dankgelöbnis zu halten und hinterlegte die beiden Krücken.

 

Eine ledige Bauerstochter aus Oberstraß, Pfarrei Pleißkirchen, lag mehr als neun Jahre an allen Gliedern lahm darnieder. Jede ärztliche Hilfe blieb erfolglos. Endlich nahm sie voll Vertrauen ihre Zuflucht zur Gnadenmutter von Altötting und ließ sich hierher fahren, und in die Gnadenkapelle hineintragen, wo sie den späteren Heiligen Messen beiwohnte und ihr Gebet zu Maria richtete. Schon während der Heiligen Messe stand sie wirklich auf und ging gesund und gerade davon. Dieses Wunder geschah um das Fest Maria Heimsuchung 1860, und seitdem geht sie vollkommen gesund ihrer Arbeit nach. Ende Oktober hat sie zur Danksagung für ihre wunderbare Heilung ein schweres Kreuz, einen Weg von drei Stunden hierher, bis an die heilige Kapelle getragen.

 

Ein junger Mann von neunzehn Jahren hatte eine Steinkrankheit. Lange behandelten ihn die Ärzte, getrauten sich aber immer nicht, die Operation vorzunehmen. Endlich am Fest Mariä-Geburt 1861 machten sie sich an das höchst bedenkliche Werk und schnitten ihm einen Stein heraus, der so groß wie eine Kreuzersemmel und über ein Viertelpfund schwer war. Die Doktoren sagten, dass diese Operation gelungen sei, sei ein Wunder, das vielleicht seit vielen hundert Jahren niemals vorgekommen war, auch behaupten sie, der junge Mann habe diesen Stein schon im Mutterleib gehabt. Dieses Wunder wird erklärlich, wenn man vernimmt, was der junge Mann, nach seiner und seines Vaters Erzählung, vorher getan hat, um von Maria einen glücklichen Ausgang der Operation zu erbitten. Längere Zeit hindurch rief er nämlich die Mutter Gottes von Altötting an und betete täglich sieben Vater unser und Ave Maria zu Ehren der sieben Schmerzen Mariä. Sohn und Vater dankten herzlich Unserer Lieben Frau für diese große Hilfeleistung.

 

Ein junger Mensch, durch den Verlust seines ganzen Vermögens in Folge eines unglücklichen Prozesses in Verzweiflung geraten, fasste den unseligen Gedanken, in den Innstrom bei Neuötting sich zu stürzen. Voll Verzweiflung auf der Straße von Burghausen nach Neuötting fortrennend, hatte er jedoch noch einen schrecklichen Kampf mit seinem Gewissen zu bestehen, bald folterte ihn der Gedanke an die Hölle, in die er sich zu stürzen im Begriff stand, bald vernahm er die Einflüsterung: es gibt keine Hölle, und wenn es eine gibt, so wird dich Gott nicht hineinstürzen, denn du springst ja nicht aus Bosheit, sondern aus Not ins Wasser. Dann kam ihm wieder der Gedanke, er wolle vorher noch einmal in die Kapelle von Altötting gehen. Er lenkte nach Altötting ab, aber alsbald trieb es ihn wieder dem Fluss zu. Schon war er vor Neuötting angekommen und nahe am Innstrom, fest entschlossen, sein unheilvolles Vorhaben auszuführen. In diesem furchtbaren Kampf siegte jedoch endlich der Gedanke, vorher nochmal in die heilige Kapelle zu gehen und dann erst ins Wasser zu springen, denn dann, meinte er, würde er nicht verdammt. Kaum in die heilige Kapelle eingetreten, war es ihm schon ganz anders, der schreckliche Sturm und die Unruhe des Herzens legten sich allmählich. Er fing an zu beten und betete: (er wusste selbst nicht, wie ihm die Zeit verging) anderthalb Stunden. Hier kam ihm der Gedanke: suche einen Priester auf. Er tat es und sah sich gerettet. Er sah jetzt, dass er, wie er sich selbst ausdrückte, kaum eine halbe Stunde noch von der Hölle entfernt war, er erkannte aber auch den Gnadenschutz Mariens von Altötting, den er sein Lebtag mit innigstem Dankgefühl zu rühmen und zu preisen gelobte. Diese wunderbare Errettung vom leiblichen und Seelentod geschah im Winter 1856.

 

Im Anfang des Jahres 1857 kam bei Schnee und Kälte achtzig Stunden weit aus Oberfranken ganz zu Fuß ein Mann hierher, um der Gnadenmutter von Altötting für drei wunderbare Gebetserhörungen in großen Familienkreuzen seinen innigsten Dank zu sagen. Doch das größte Wunder, nämlich ein Wunder der Gnade, wirkte Maria an ihm selbst zum Lohn seines Vertrauens und seiner weiten Wallfahrt. Er legte nämlich eine gute Lebensbeicht ab, wodurch seine Seele vom ewigen Verderben gerettet wurde.

 

Eine alte Person hatte von ihrem sechzehnten Lebensjahr bis in die sechziger Jahre ein sehr lasterhaftes und gottloses Leben geführt und diese ganze Zeit hindurch niemals gut gebeichtet, sondern alles in der Beicht verschwiegen. Gleichwohl behielt sie die Gewohnheit bei, täglich einige Gebete zur Ehre der Mutter Gottes zu sprechen. Zu Anfang der Fastenzeit im Jahr 1857 vernimmt sie nun fortwährend in sich die Stimme: „Geh nach Altötting und beichte! Geh nach Altötting und beichte!“ Sie konnte zuletzt diesem Drang nicht mehr widerstehen, machte sich schleunigst auf den Weg und legte hier, nachdem sie in der Gnadenkapelle gebetet, mit der größten Zerknirschung und unter fortwährenden Tränen eine gute Lebensbeicht ab, worauf sie mit ganz erleichtertem Herzen und unter Tränen der Freude und des Dankes gegenüber der Mutter der Barmherzigkeit wieder ihre Heimreise antrat.

 

Maria, die Königin der Könige

 

12. Januar: An diesem Tag des Jahres 1519 ist gottselig verschieden der römische König Maximilian, der erste dieses Namens, ein besonderer Liebhaber Unserer Lieben Frau. Denn unter anderem ist zu erwähnen, dass er dem Marienbild zu Hall in Österreich verehrt hat: einen ganz goldenen Kelch samt Patene, ein Bild von Silber, zwei Schuh lang mit einer Krone, Kreuz, Schwert und zwei silberne Schlüssel, einen Rosenstock mit etlichen Ästen und Blumen von lauterem Gold zwei Schuh hoch. Auch hat er selbst die Hilfe Mariens sehr oft erfahren.

 

Auch mehrere Herrscher von Bayern, die den gleichen Namen Maximilian trugen, waren große Verehrer Mariens. Besonders bemerkenswert sind folgende Tatsachen und Begebenheiten:

 

Der große Kurfürst Maximilian I. trug eine vorzügliche Andacht und zärtliche Liebe zu unserer Lieben Frau in Altötting. Neben anderen wertvollen Gaben ließ er im Jahr 1645 den prächtigen silbernen Tabernakel, in dem das wundertätige Bildnis noch gegenwärtig aufbewahrt wird, verfertigen. Nach seinem Tod im Jahre 1651 wurde sein Herz, in ein ganz silbernes Herz eingefasst, nach Ötting gebracht und unter großer Feierlichkeit in der heiligen Kapelle beigesetzt, „solcher maßen (sagt der Bericht hierüber) dass, wo vor diesem Maximiliani Schatz noch im Leben, anitzo dessen Herz nach dem Tode sein ewig Ruhestatt erhalten“.

 

In dem silbernen Tabernakel, den Maximilian für das Gnadenbild hatte verfertigen lassen, fand man später unter den Füßen Mariä ein zweifach versiegeltes Papier. Es war eine vom seligen Churfürsten mit eigener Hand und mit seinem Blut geschriebene Aufopferung. Sie lautete:

 

„Ich widme mich dir, o Jungfrau Maria, und opfere mich dir zu deinem Leibeigenen; ich bezeuge es mit diesem meinem Blut und meiner Handschrift, Maximilian, der Größte unter den Sündern.“

 

Maximilian Philipp, Maximilians I. zweiter Sohn, war im Jahr 1653 mit seinem Bruder, dem Kurfürsten Ferdinand Maria, dessen Gemahlin und seiner Durchlauchtigsten Mutter, und mit dieser wiederholt in den Jahren 1660 und 1664 dahin gekommen. Auch für sich allein wallfahrtete Maximilian Philipps Gemahlin, Mauritia Febronia de la Tour, Tochter des Herzogs von Bouillon, oftmals zu Unserer Lieben Frau in Altötting. Im Jahr 1669 opferte sie einen ganzen Ornat von Silberzeug, 1679 zwei für die Bilder Mariä und des göttlichen Kindes eigenhändig mit Gold erhaben gestickte und mit vielen tausend Perlen besetzte Röckchen, 1690 gemeinschaftlich mit ihrem Gemahl ein goldenes, geschmolzenes Doppelherz mit sechzehn großen geschnittenen und zehn kleineren Diamanten. Im Jahr 1694 kam diese Fürstin zweimal und im Jahr 1705 (das folgende war ihr Todesjahr) fast ohne alle Begleitung zu Fuß dahin.

 

Von der langen Regierung des Kurfürsten Maximilian Emanuel gingen nur jene Jahre ohne Wallfahrt durch ihn nach Ötting vorüber, die er in Kriegen oder sonst im Ausland verlebte. In den Jahren 1680 und 1682 verrichtete er sie zu Fuß, und im Jahr 1690 zweimal. Öfters kam er von seinen Gemahlinnen und den Prinzen und Prinzessinnen aus beiden Ehen begleitet. Seine Geschenke zeichnen sich durch Wert und Geschmack aus, unter ihnen das Bildnis des knienden, geharnischten Kurfürsten von Silber, Krone uns Zepter von Gold mit vielen Diamanten geziert. Zum dankbaren Denkmal der in seinen ungarischen Feldzügen von ihm (als „blauer König“ der Schrecken der Osmanen) erfochtenen Siege opferte er im Jahr 1691 vier goldene, eine Elle hohe Altarleuchter, deren jeder in drei emaillierten Feldern einige gewonnene Schlachten und eroberte Festungen, dann seine und der kurfürstlichen Familienglieder Bildnisse darstellt. Ihr Wert ist auf achtzehntausend Gulden angegeben. Beide Kurfürstinnen kamen auch mehrmals ohne ihren Gemahl, und bereicherten den Schatz mit kostbaren Geschenken.

 

Von Theresia Kunigunde ist angemerkt, dass sie, sobald sie auf der Fahrt dahin (22. September 1710) Altötting erblickte, aus dem Wagen sprang und zu Fuß sich nach der heiligen Kapelle begab. Ihr damaliger Aufenthalt dauerte sieben ununterbrochener Andacht gewidmete Tage.