Unsere Liebe Frau von St. Severin zu Lüttich

 

Das wundertätige Bild der allerseligsten Jungfrau, das in der Kirche St. Martin zu Lüttich verehrt wird, ist bekannt unter dem Namen „Unsere Liebe Frau von St. Severin“, weil es ursprünglich in dieser Kirche aufgestellt war, die aber heutzutage nicht mehr steht. Über dieses Bild wird uns aus alter Zeit Folgendes berichtet:

 

Ein Jude heiratete eine Katholikin. Sie trug eine recht innige Andacht zur Mutter Gottes, die durch die Verbindung mit einem Mann, der nicht ihres Glaubens war, keineswegs geschwächt wurde. Wie sonst besuchte sie die Kirchen und Altäre der seligsten Jungfrau, doch mit einem Mal nahm ihr ein heftiger Gichtanfall den Gebrauch ihrer Glieder und hinderte sie, ihre Andachtsübungen fortzusetzen.

 

Weniger empfindlich für die körperlichen Schmerzen, als vielmehr niedergeschlagen über die Unmöglichkeit, ihren frommen Übungen weiter nachkommen zu können, gab sie laut ihr Missvergnügen zu erkennen und beklagte sich in so rührenden Worten, dass ihr Gemahl alles versuchen zu müssen glaubte, um ihren Kummer zu erleichtern. Da er ein geschickter Bildhauer war, so legte er Hand ans Werk und hatte die Freude, in kurzer Frist seiner Frau eine Statue der seligsten Jungfrau anzubieten, vor der sie ihre Andacht, wie ehedem in der Kirche, verrichten konnte.

 

Da schließlich die Frau den Folgen ihres Übels zu unterliegen drohte, vermachte sie in ihrem Testament der Kirche dieses Bild der Mutter Gottes. Doch man hielt dieses Vermächtnis für allzu geringfügig und stellte das Bild in eine alte Kammer für Gegenstände im Glockenturm.

 

Man hatte schon ganz auf die Erbschaft der Kirche St. Severin vergessen, als am folgenden Samstag, der ein Festtag der seligsten Jungfrau war, eine unsichtbare Hand alle Glocken in Bewegung setzte. Da lief das Volk haufenweise in den Turm, aber das überraschende Schauspiel bot sic hier ihnen dar. Nicht nur die Glocken läuteten ohne menschliche Beihilfe, sondern auch die Statue der seligsten Jungfrau stand in Mitte der Kammer, umgeben von angezündeten Kerzen und geschmückt mit Zweigen so frisch, als ob sie erst kürzlich von den Bäumen wären genommen worden.

 

Es war gerade der 2. Juli 1631. Man begreift ohne Mühe, wie sehr sich von nun an die Gläubigen beeilten, ein Marienbild zu verehren, dessen Ursprung von so merkwürdigen Umständen begleitet war.

 

Heutzutage befindet es sich in der schönen Kirche St. Martin, die durch die Einsetzung des heiligen Fronleichnamsfestes, sowie durch die große Bruderschaft vom allerheiligsten Altarsakrament ausgezeichnet und berühmt ist.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1866)