Unsere Liebe Frau von der Rose

 

In der Stadt Lucca in Italien steht eine zur Andacht einladende Kirche, die vor Zeiten außerhalb der Mauern der Stadt sich befand, jetzt aber innerhalb sich erhebt. Die Stadtmauer bildete damals die Rückwand einer kleinen Kapelle, auf der man das Bild Unserer Lieben Frau mit dem Jesuskind auf ihrem Arm und mit drei Rosen in ihrer rechten Hand gemalt sah.

 

Ein junger Hirt, der gewöhnlich seine Schafe auf den Stadtgraben in der Nähe dieser Kapelle führte, konnte sich nicht genug wundern, da er merkte, dass kein Schaf es wagte, sich einem Platz zu nähern, der mit überaus schönem, grünen Gras bewachsen war, ja, dass sie vielmehr alle die Flucht ergriffen, sobald sie in die Nähe kamen, wie wenn sie verfolgt wären. Diese seltsame Erscheinung machte ihn neugierig, und er versuchte die Sache näher zu erforschen.

 

Es geschah dies im Monat Januar, in dem man keine Rosen auf den Feldern zu finden pflegt. Wie er sich aber dem Platz nähert, fand er unter Dornen eine Rose, so frisch und rot, wie man sie nur im Frühling hätte pflücken können. Er nahm sie und brachte sie seinem Vater. Der kleine Hirt war bisher stumm gewesen. In dem Augenblick aber, als er seinem Vater die Rose darbot, konnte er sprechen.

 

Der äußerst erstaunte Vater ging zum Bischof von Lucca und erzählte ihm alles, was sich zugetragen hatte. Der Bischof wollte den Jungen selbst sehen und aus seinem Mund die ganze Wahrheit erfahren. Damit noch nicht zufrieden, ließ er sich auf den Platz führen, wo die Rose gepflückt worden war. Und da er ernsthaft nachforschte, was der Grund einer so merkwürdigen Erscheinung sein möchte, fand er, dass dies genau die Stelle war, auf die die Augen des Bildes sich richteten.

 

Bald verbreitete sich überall die Sage von dieser Merkwürdigkeit. Jedermann wollte das wunderbare Bild sehen, und es geschahen dort viele Gebetserhörungen durch die erbetene Fürsprache der heiligen Jungfrau. Mit der Zeit erbaute man die so sehr schöne Kirche, in der noch heute Unsere Liebe Frau von der Rose andächtig verehrt wird.