Die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau in Andechs oder der heilige Berg

 

Unweit vom östlichen Ufer des Ammersees erhebt sich eintausendneunhundertvierundfünfzig Schuh über der Meeresfläche eine Berghöhe, die das Schloss und die Wallfahrtskirche Andechs beherrscht.

 

Rapoto, Ratbod, Rathold, auch Raßo, vermeintlich ein natürlicher Sohn des Königs Arnulf (der im Jahr 899 starb), wird für den Gründer von Andechs und für den Stammvater der Grafen dieses Namens gehalten. Der Hauptstamm pflanzte sich in dem Haus von Andechs und Dießen fort. Graf Ratho des obigen ersten Andechsers Sohn, erwarb sich als Held in Bayerns Geschichte durch seine Tapferkeit in den Kriegen gegen die Ungarn, unvergänglichen Ruhm. Im Jahr 949 wallfahrtete er mit des Bayern-Herzogs Heinrichs Gemahlin Juditha zum heiligen Grab ins gelobte Land. Er sammelte auf dieser Reise viele heilige Reliquien und baute nach seiner Rückkehr unweit des Ammersees zu Wörth an der Amper eine Kirche und ein Kloster, in dem er den von seiner Wallfahrt nach Hause gebrachten Schatz von Heiligtümern zur Verehrung aufbewahrte. Die Chronikenschreiber nennen unter ihnen ein Stück von dem Schweißtuch Jesu am Ölberg zur Abtrocknung des blutigen Angstschweißes, ein Stück vom Tischtuch Jesu beim heiligen Abendmahl, ein Stück vom Tischtuch Unserer Lieben Frau, ein Stück vom heiligen Kreuz, ein Stück von der Hirnschale der heiligen Magdalena, die Gebeine des Propheten Simeon, und des Jüngers des heiligen Paulus, Timotheus, das Haupt der heiligen Agatha, Stücke von den Gebeinen der Apostel St. Peter und Paul und der übrigen heiligen Apostel, die zu Rom liegen, z.B. Haupt und Arm des heiligen Philipp usw., dann die Hirnschale des heiligen Georgius.

 

Ratho starb im Jahr 954. Als die Ungarn (Hunnen) im darauffolgenden Jahr ihre Einfälle nach Bayern erneuerten, flüchteten die Mönche die Reliquien, die Ratho aus dem Heiligen Land gebracht hatte, nach Andechs. Dort vermehrte sich der Reliquienschatz bedeutend durch Spenden aus anderen erlauchten Händen. Die Chroniken melden, ein Graf Otto von Kastel habe einen Teil des Schleiers, des Gürtels und des Haarbandes der heiligen Jungfrau Maria, dann ihr Bild, das der heilige Lukas gemalt hat usw. übersendet. Agnes, des Grafen Berthold von Andechs, Herzogs zu Meran Tochter, zu den schon vom König Ludwig dem Frommen vorhandenen Zweigen und Dörnern der Dornenkrone Christi noch sieben Zweige. Dann habe die heilige Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, deren Mutter aus dem gräflichen Haus Andechs war, verschiedene Reliquien und dazu auch ihren Brautrock an die Schlosskapelle abgegeben. Vorzüglich berühmt sind endlich aus jener Zeit die (dermal noch in einer Monstranz verschlossenen) drei heiligen Hostien, von denen zwei Papst Gregor der Große, und die dritte Papst Leo IX. konsekriert hat, die ehedem in dem Besitz des Kaisers Heinrich II., des Heiligen, und Heinrich III. zu Bamberg gewesen und von dort nach Andechs gelangt sind.

 

Als die Burg Andechs nebst der dortigen Kapelle, wie oben erwähnt, vom Herzog Ludwig I. im Jahr 1209 zerstört wurde, gelang es den Mönchen vorher noch den heiligen Schatz in eisernen Truhen wohl zu verwahren und zu vergraben. Viele Jahre vergingen, ohne dass die Ruinen des Schlosses Andechs und seiner Kapelle berücksichtigt wurden, da ereignete sich ein Wunder, das beides der Vergessenheit entriss. Es geschah nämlich, dass eine blinde Frau von Widersberg, einem kleinen von Andechs eine Stunde entfernten Dörfchen, im Traum ermahnt wurde: „nach Andechs zu der Ruine der zerstörten Kapelle zu gehen, und dort mit der Wurzel einer Wachholderstaude, die zur linken Seite der Stelle des ehemaligen Altars der Kapelle emporwuchs, ihre Augen zu bestreichen.“ Sie tat es und wurde, wie die Chronisten sagen, von der Stunde an wieder mit dem Augenlicht beglückt.

 

Dieser Vorfall erregte natürlich großes Aufsehen und veranlasste großen Zudrang des Volkes. Als die Kunde hiervon zu den Ohren Herzogs Ludwig des Strengen, des Stifters des Klosters Fürstenfeld, gelangte, beschloss er dort eine neue Kapelle errichten zu lassen, deren Erbauung um das Jahr 1277 erfolgte.

 

Ein Jahrhundert nach der Herstellung der Kapelle wurden durch ein anderes merkwürdiges Ereignis auch die vergrabenen Heiligtümer ihrer dunklen Verborgenheit entzogen. Während nämlich Jakob Dachauer, ein Franziskanermönch in der Kapelle auf dem Berg Andechs die heilige Messe las, lief im Angesicht des andächtigen Volkes ein Mäuschen aus dem Altar mit einem Zettel hervor, den der Priester alsbald öffnete, und darauf mehrere Namen der in dem Kirchlein verborgenen Heiligtümer verzeichnet las. Nun war die Vermutung erregt, dass diese unter dem Altar, unter dem auch das Mäuschen wieder zurückgelaufen war, verborgen sein möchten. Auf erstattete Anzeige begaben sich die bayerischen Herzoge Stephan III., Friedrich und Johann nach Andechs, ließen ungesäumt an jener Stelle nachgraben, und am 25. Juni 1388 war man so glücklich, diesen heiligen Schatz zu finden.

 

Von allen Gegenden strömten nun Pilger zu dem Gnadenberg, der von dieser Zeit den Namen „heiliger Berg“ erhalten hat. Bald wurde die Kirche zu klein, die zahllosen Scharen der Wallfahrten zu fassen, weshalb Herzog Stephan im Jahr 1389 die Heiligtümer nach München bringen und in der Kirche der alten Burg, dem heutigen sogenannten alten Hof aufstellen ließ.

 

Auf Verlangen der bayerischen Herzoge erteilte Papst Bonifazius IX. zur Feier eines großen Gnadenfestes zu München im Jahr 1392 auf die Dauer von fünf Monaten, nämlich von Ostern bis Ende Juli einen vollkommenen Ablass allen denjenigen, die zur Verehrung dieser Reliquien in jener Zeit nach München wallen, daselbst sieben Tage verweilen und die vorgeschriebene Andacht verrichten würden. In unglaublicher Menge strömte das Volk dahin. Andächtige aus allen Gegenden Deutschlands kamen, um des gespendeten Segens teilhaftig zu werden, so zahlreich herbei, dass München nicht Raum genug hatte, die Scharen der Pilger zu fassen – mehr als sechzigtausend in einer Woche – und es ging des Opfers so viel ein, dass täglich ein Metzen (historisches Hohlmaß) Regensburger Pfennige voll wurde. Da in den Tagen um Jakobi der Schluss des Ablasses (Indultum) war und während dieser Ablasszeit in Menge Kaufleute mit ihren Waren ankamen und Markt hielten, so entstand der große Münchner-Sommer-Jahrmarkt, der sich jährlich unter dem Namen Jakobi-Dult wiederholte, und noch jetzt unter dieser Benennung fortbesteht. Beinahe ein halbes Jahrhundert verfloss, ehe die heiligen Kleinodien und Wunder des Altertums wieder an ihre ursprüngliche Stätte zurückgelangten. Herzog Ernst I. hatte im Jahr 1438 auf dem Berg Andechs auf dem Platz, wo die alte Kapelle stand, und wo ehemals die Reliquien vergraben waren, eine neue Kirche (St. Nikolai) aufbauen und neben ihr aus den Ruinen des Schlosses ein Gebäude für einen Probst und sechs Kanoniker mit reichlicher Stiftung errichten lassen. Mit großem Gepränge wurden hierauf die Reliquien nach Andechs wieder zurückgebracht. Herzog Albrecht III., der Fromme, verwandelte die Probstei oder das Kollegiatstift auf dem heiligen Berg in ein Benediktinerkloster. Zu diesem Ende führte er ein geräumiges Gebäude auf, wozu auch Papst Nikolaus IV. dreitausend Gulden spendete und die sämtlichen Klöster des bayerischen Oberlandes Holz und Steine lieferten. Sieben Benediktiner von Tegernsee wurden in das neue Kloster gerufen. Ihr erster Abt war Eberhard Stöcklin. Die feierliche Einweihung geschah am 17. Mai 1455. Herzog Albrecht stattete die mit neuen Ablässen und Privilegien begnadete Kirche mit Kleinodien, Gold und Silber reichlich aus. Er starb im Jahr 1460. Seine Asche ruht nebst der seiner Gemahlin Anna und seiner Söhne, der Herzoge Johannes und Wolfgang in dieser Kirche.

 

Fortwährend strömten unzählige Wallfahrer dorthin. Im Jahr 1471 besuchte sie Kaiser Friedrich III. und im Jahr 1501 Kaiser Maximilian I. Beide beschenkten die Stiftung mit Privilegien und ihrem Beispiel folgten viele andere Fürsten und Herzoge vom In- und Ausland. Die Chroniken geben die Zahl der Wallfahrer vom Jahr 1622 bis 1626 zu sechshunderttausend an.

 

Aber auch traurige Verhängnisse waren dieser heiligen Wallfahrtsstätte beschieden. Gröbliche Frevel verübten im Jahr 1632 die Schweden durch Verstümmelung mancher Bilder. Im Jahr 1669 schlug der Blitz in den Turm der Kirche, die mit dem Kloster ein Raub der Flammen wurde. Nur die heilige Kapelle und ihre Schätze blieben unversehrt.

 

Durch des frommen Kurfürsten Ferdinand Maria Unterstützung und durch freiwillige Beiträge wurde die Kirche wieder aufgebaut. Zur dritten Säkularfeier der Klosterstiftung wurde sie im Jahr 1755 geschmackvoller und reicher, als früher ausgeschmückt.

 

Der Schatz der heiligen Reliquien blieb fortwährend der Anziehungspunkt für die Wallfahrten nach Andechs. Wenn auch, wie die Chronisten sagen, mehrere der vergrabenen Heiligtümer noch unentdeckt unter der Erde verborgen liegen, so war dagegen deren Anzahl durch viele neue Zugaben von Zeit zu Zeit sehr vermehrt worden. Die Beschreibungen des Wallfahrtsortes, die die Verzeichnisse der Reliquien liefern, stellen die Zahl der vorhandenen auf zweihundertachtundachzig. Außer den oben bereits erwähnten werden unter den vielen seltenen auch noch genannt: z.B. sechzig Partikel von merkwürdigen Orten, die Christus berührt hat, Stücke von der Moosrohre, die Christus bei der Krönung und Verspottung in der Hand hielt, von der Krippe des Heilandes, vom Marterkreuz des Apostels Petrus, von den Gebeinen der Unschuldigen Kinder, des Gürtels der heiligen Büßerin Magdalena, vom Schleier der heiligen Jungfrau Mechtildis, ein Haupt von einer heiligen Jungfrau aus der St. Ursula-Gesellschaft, das Siegeskreuz Karls des Großen, eine Rose, geweiht von Papst Nikolaus V. usw. Besondere Verehrung genießen auch zwei Marienbilder, das eine auf dem Hochaltar, das andere auf dem unteren Choraltar.

 

Von den Wundern, die auf Fürbitte der allerseligsten Jungfrau auf dem heiligen Berg stattfanden, will ich nur eins erzählen.

 

Eine junge Frau, namens Maria, vom Mutterleib an stockblind, hatte in ihrem zwanzigsten Lebensjahr eine Erscheinung der allerseligsten Jungfrau, die sich ihr mit dem Kindlein und Zepter, wie auf dem unteren Choraltar zu Andechs gesehen wird, vorstellte, sie ermahnend, auf dem heiligen Berg Hilfe zu suchen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, einen Wegweiser zu finden, ließ ich Johann Winter von Waidhofen bei Kloster Hohenwart herbei, die Blinde nach Andechs zu führen, jedoch unter einer für den Begleiter sehr vorteilhaften, für die Unglückliche sehr schweren Bedingung. An einem Stock geleitete Johann die Jungfrau an den heiligen Ort, wo sich beide auf Anordnung des Beichtvaters auf die Knie warfen. Der Begleiter war ziemlich kalt und gleichgültig, die Blinde aber voll Glauben und Vertrauen. Herzlich grüßt sie in dem Bild die Mutter Gottes und erhält sogleich einigen Schein der Augen, so dass sie wenigstens dunkel das Bild der heiligen Jungfrau erkannte, und zur Verwunderung ihres Führers auf das Zepter deutete. Des anderen Tages, den 5. Juni 1625 begannen ihre Augen unter der Heiligen Messe zu triefen, klärten sich mehr auf und empfingen vollkommene Sehkraft, als das hochheilige Sakrament auf der Zunge der gläubigen Jungfrau gelegt wurde. Die Geheilte ist vor Freude außer sich, der ungläubige Geleitsmann dagegen vergoss Tränen der Reue und Verwunderung. Zur Bekräftigung des Geschehenen ließ der Herr Johann Wilhelm Freiherr von Rohrbach auf Schenkenau und Waidhofen, unter dessen Herrschaft das begnadete Mädchen gehörte, unterm 13. Juni desselben Jahres eine Urkunde mit Siegeln und Unterschrift ausfertigen.

 

Viele Wunder, die durch Anrufung des wunderbaren heiligsten Sakramentes in den drei Hostien geschahen, machten den heiligen Berg weit und breit berühmt. Bis zum Jahr 1803 dauerten die Pilgerzüge dahin ununterbrochen fort. Zu ihrer geistlichen Pflege mussten die Religiosen im Kloster auf dreißig vermehrt werden. Da erfolgte im Jahr 1803 die vom Unglauben damaliger Zeit geforderte Aufhebung des Klosters. Die kostbaren Reliquiengefäße, Monstranzen, Kelche, Kreuze wurden eingeschmolzen, doch die heiligen Reliquien wurden dem damaligen Abt wieder größtenteils mit den bezeichneten Aufschriften zurückgestellt.

 

Nun nahmen die Wallfahrten auf den heiligen Berg allmählich ab, denn die Benediktiner-Mönche mussten fort und die Gebäude gingen in Privathände über. Nur die schöne Klosterkirche blieb nach wie vor ihrem gottesdienstlichen Zweck gewidmet. Da geschah im Jahr 1843 ein neues Wunder, und lenkte das Auge der Gläubigen wieder auf den heiligen Berg.

 

Engelbert Keßler, ein bejahrter Mann aus Mittelberg im Voralberg, stach sich im Januar 1843 unvorsichtig mit einer Heugabel in den Fuß, dessen Wunde sich entzündete. Viele Wochen versuchte ein geschickter Arzt seine Kunst, doch das Übel trotzte und verursachte dem Kranken fast unausstehliche Schmerzen. Zuletzt musste der Arzt erklären, der Beinfraß sei im Anzug und nur das Abnehmen des Fußes könne davor bewahren, jedoch vermöge der Leidende ob seiner Schwäche nicht eine derartige Operation auszuhalten. Zudem sei davon kein weiterer Gewinn zu hoffen, da der Kranke nebenbei die Lungensucht im hohen Grad habe. Zwei andere Ärzte, die zur Beratung gerufen wurden, bestätigten das ärztliche Urteil. In dieser traurigen Lage versprach jemand mit festem Vertrauen einen Wallfahrtsgang zu den drei heiligen Hostien und dem marianischen Gnadenbild in Andechs, um des Mannes Genesung zu erhalten. Von da an wich ohne weitere Anwendung von Arzneien oder anderen Mitteln das Übel am Fuß und an der Lunge in einigen Tagen ganz augenscheinlich und minderte sich von Woche zu Woche, so dass der Mann jetzt in einem Alter von sechsundfünfzig Jahren ohne besondere Beschwernis über Berg und Tal gehen konnte. Zwei seiner Schwestern kamen, um Gott zu danken, nach Andechs und brachten den hier mitgeteilten schriftlichen Bericht, datiert vom 9. April 1845 aus Rätzeln und unterzeichnet von J. M. Keßler (wahrscheinlich eines Verwandten des Geheilten) mit.

 

Das Gerücht von diesem Wunder verbreitete sich bald in der Umgegend. Andächtige Pilger wallten nun zahlreich zum heiligen Berg, und fanden und finden dort noch immer väterliche Pflege für das Heil ihrer Seelen an den frommen Benediktiner-Vätern, die der für die Verherrlichung der Religion begeisterte König Ludwig I. nach Andechs berufen hat. Der heilige Berg ist wieder ein Gegenstand hoher Verehrung geworden, und noch immer, wie in den Tagen der Vorzeit ziehen fromme Waller in Menge dahin, so z.B. jährlich am Christi Himmelfahrtstag in feierlicher Prozession eine große Schar Andächtiger aus der Hauptstadt München.

 

(Aus: Marianischer Festkalender, Regensburg 1865)

 

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