Unsere Liebe Frau im Liebfrauental in Krain, Königreich Illyrien

 

Ein frommer Pfarrer bei St. Margareth zu Michelstätten ging gewöhnlich morgens und abends im nächstgelegenen Wäldchen spazieren und pflegte dabei seine Tagzeiten zu beten. Einmal hörte er mitten in seinem eifrigen Gebet einen Schall, der die Worte ganz deutlich ausdrückte: „Hic debet exstrui monasterium Dominicarum!“ „Hier soll ein Dominikanerkloster erbaut werden!“ Verwundert blickte der Pfarrer rings umher, konnte aber niemanden sehen. Endlich entschließt er sich, der Stimme nachzugehen. Da er dann zum dritten Mal die nämlichen Worte hörte, gelangte er zu einem hohlen Fichtenbaum, auf dem er das Bildnis Unserer Lieben Frau mit dem Jesuskindlein erblickte. Der Baum war gerade an jenem Ort, wo jetzt der Hochaltar der Kirche steht.

 

Das Bild am Baum war gar wunderbar, das Haupt der allerreinsten Gottesgebärerin nebst dem Jesuskindlein hatte keine menschliche Hand gemacht, sondern schien aus dem Baum herausgewachsen. Die Glieder aber und das vergoldete Kleid waren durch Kunst aus dem Baum geschnitzt. An der Stirn des von der Natur gebildeten Muttergottesbildes war eine kleine Narbe sichtbar, die ein Gewächs des Baumes gebildet hatte. So oft man diese Narbe mit Farbe hat bedecken wollen, war sie am folgenden Tag wieder weg. Das Jesushäuptlein, so aus dem Baum gewachsen, sah aus, als ob es aus der Brust des Frauenbildes herausgewachsen wäre.

 

Der Pfarrer erstaunte über das Bild, ging nach Hause und berichtete die Begebenheit sogleich dem Patriarchen von Aquileja, Kardinal Albrecht und einigen anderen. Bald war die Sache allgemein bekannt geworden und viele gutherzige Leute kamen und brachten Gaben zur Erbauung und zum Unterhalt des Klosters. Der oben genannte Patriarch nebst dem Herzog Otto von Österreich und dem Abt Albrecht zu Oberburg trugen Großes bei. Ein Bischof aus Bayern trat dem Kloster drei Pfarreien ab, damit die Frauen von ihren Einkünften leben könnten.

 

Als das Kloster gebaut war, waren die ersten, die da eintraten, Agnes, Herzogs Otto von Österreich und Margaretha, des Patriarchen von Aquileja, Schwestern, beide aus dem Orden des heiligen Dominikus. Viele andere vornehme Jungfrauen folgten ihnen und widmeten das ihrige dem Kloster. Das geschah im Jahr 1221.

 

Da wo der Baum stand, wurde die schöne Kirche hingebaut, und das Gnadenbild auf den Altar erhoben. Bald kamen ganze Scharen von Pilgern, besonders an den hohen Festtagen und dem ersten Sonntag jeden Monats, wo das Bild in Prozession herumgetragen wurde. Man bemerkte, dass die schrecklichsten Donnerwetter sich zerteilten, wenn sie mit dem Gnadenbild in Form eines Kreuzes gesegnet wurden. Das Kloster wurde unter Kaiser Joseph II. aufgehoben, der fromme Kaiser Leopold II. aber besetzte es mit adeligen Fräulein, die dort gemeinschaftlich leben und Gott und seiner gebenedeiten Mutter dienen.