Unsere Liebe Frau zu Ellwangen

 

Unsere Liebe Frau zu Ellwangen (aus: Leben des P. Philipp Jeningen – um 1850)

 

1.

Ellwangen, ein freundliches Städtchen in Württemberg, war ehedem der Hauptort einer im 8. Jahrhundert gegründeten Benediktinerabtei, deren Abt im Jahr 1349 von Kaiser Carl IV. in den Reichsfürstenstand erhoben worden war.

 

Zur Zeit der sogenannten Reformation wurde dieses Fürstentum von der neuen Irrlehre fast ganz eingeschlossen: benachbarte Reichsstädte, wie Bopfingen, Aalen, Hall, Nördlingen, und einige Herren waren dieser Religion beigetreten. Die Fürsten von Ellwangen hatten Arbeit genug, sie von ihrem Gebiet fern zu halten, und einer von ihnen, Heinrich, Sohn des Kurfürsten Philipp von der Pfalz, ergriff gegen die offenen Anhänger des Luthertums strenge Maßregeln. – Da schickte der berühmte Kardinal Otto, Truchsess von Waldburg, Bischof von Augsburg und Propst von Ellwangen, den ehrwürdigen P. Petrus Canisius aus der Gesellschaft Jesu, der durch Predigten und Unterredungen mit den angesehensten Anhängern der Irrlehre mehr ausrichtete, als er von der Hartnäckigkeit der Einwohner erwartet hatte. Damit begnügte sich aber der eifrige Kirchenfürst nicht: als er in der heiligen Fastenzeit des Jahres 1568 selbst dahin ging, nahm er den P. Canisius wieder mit, und beide wirkten mit vereinten Kräften durch Predigten und Christenlehre an der Bekämpfung aller Irrtümer und an der Wiederbelebung des katholischen Glaubens mit so großem Erfolg, dass man sagen konnte: das Fürstentum sei für die wahre und alleinseligmachende Kirche Jesu Christi gerettet.

 

Es blieb indessen noch vieles zu tun übrig und die Irrlehre wollte sich von der Nachbarschaft immer aufs Neue hereindrängen. Daher wurden vom Fürsten Wolfgang von Hausen seit 1585 einige Male im Jahr Jesuiten von Dillingen berufen, um das Volk im katholischen Glauben zu unterrichten und dann zu erhalten. – Im dreißigjährigen Krieg drangen die Schweden auch hier vor, vertrieben den Fürsten Johann Jakob, aus der Familie der Blarer von Wartensee, von der Herrschaft und suchten das Gebiet zu reformieren. Als ihm nach der Schlacht bei Nördlingen die Rückkehr möglich geworden war, berief er, wie es seit 1611 die Fürsten sich es zur Gewohnheit gemacht hatten, zwei Jesuiten zu bleibendem Aufenthalt an seinen Hof; und diese waren P. Thomas Anreiter und P. Johann Heselin.

 

Diese gottesfürchtigen Männer beschäftigten sich schon längere Zeit mit dem Gedanken – irgendwo eine „Lauretanische Kapelle“ zu errichten. – Als sie nun eines Tages einen Spaziergang machten, kamen sie auf einem dem Schloss naheliegenden Hügel, den man ob der herrlichen Fernsicht, die er bietet, den „schönen Berg“ nannte. Er ist der Vorsprung einer fruchtbaren Ebene, die sich gegen Osten ausdehnt; gegen Süden fällt er ab und wird durch ein kleines Bächlein von dem mit jener Ebene zusammenhängenden Hügel getrennt, auf dem das Schloss steht; gegen Westen und Norden läuft er in das Jart-Tal aus, in dem Ellwangen liegt. Darüber hinaus gewährt er eine freundliche Aussicht bis nach den Bergen Hohenstaufen, Rechberg und Stuifen. – Dort ihre Kapelle zu errichten, beschlossen die ehrwürdigen Väter. Sie zimmerten sofort aus einem Tannenbaum ein schmuckloses Kreuz, stemmten in dessen Mitte eine Nische und stellten ein Muttergottesbildchen hinein. Dieses noch jetzt verehrte Gnadenbild, etwa drei Zoll hoch, ist aus bräunlicher Erde, wie sie am Berg gefunden wird, mit Reliquien von Heiligen untermischt, nach dem wundertätigen Marienbild zu Alten-Oettingen geformt und stellt die gebenedeite Mutter mit dem göttlichen Kind auf dem rechten Arm dar. Man steckte mit vier Pfählen die Länge und Breite der Lauretanischen Kapelle, die erbaut werden sollte, ab, bezeichnete einstweilen mit Tannenzweigen die Mauern und richtete endlich das Kreuz auf. Solches geschah am 14. August 1638, am Vorabend des Festes der glorreichen Himmelfahrt Marias.

 

In den nächsten Tagen geschah nichts weiter – als dass die beiden eifrigen Verehrer der Mutter des Herrn ohne Unterlass für das Gedeihen ihres Vorhabens um deren Fürsprache bei Gott flehten. – Und wirklich kamen zu dem so schlichten Bildstock bald die benachbarten Landbewohner, und suchten gleichfalls mit großem Vertrauen Hilfe in allerlei Nöten bei der Fürbitte Mariens. Ihr kindliches Vertrauen wurde vielfach belohnt, und aus Dankbarkeit steckten sie mitunter kleine Geldopfer in den Baum, um den Bau eines Kirchleins zu ermöglichen. – Da der Ruf von den vielen Wohltaten, die sich an den Besuch des Muttergottesbildes knüpften, immer größere Pilgerscharen herbeiführte, so beschlossen die Patres im Frühjahr 1639, obgleich kaum drei Gulden eingegangen waren, den Bau eines hölzernen Bethauses zu beginnen, damit die frommen Besucher wenigstens gegen die Ungunst der Witterung gesichert seien. Am 19. März schenkte der Fürst den nötigen Grund und Boden, und am 24. März war das hölzerne Gebäude bereits fertig. Man beeilte sich nämlich mit so großem Eifer, um das „Fest der Verkündigung Marias“, am 25. März, in dem neuen „Lauretanischen Haus“ feiern zu können. – Von diesem Tag an stellten die umliegenden Gemeinden zahlreiche Bittgänge auf den „Schönen-Berg“ an, und es ereigneten sich viele Wunder, die da immer neue Besucher – auch aus weiterer Entfernung – heranlenkten.

 

Ein so überraschend segensreicher Erfolg ermutigte die Patres, an die Erbauung einer steinernen Kapelle zu denken. Die Zeiten schienen allerdings einem solchen Unternehmen nicht günstig: die Gegend um Ellwangen war wohl seit der Nördlinger Schlacht von den Schweden befreit, aber sie hatte sich von deren Verheerungen, Brandschatzungen, den Durchzügen und Einquartierungen der Kriegsvölker noch nicht erholt. Und dennoch wagten die Patres den Versuch, von Haus zu Haus fromme Beisteuer zu erbetteln; und sie hatten bei der Einsammlung dieses „Marien-Almosens“ so glücklichen Erfolg, dass schon am Fest des heiligen Johannes des Täufers 1639 vom Fürsten der Grundstein zur neuen Kapelle gelegt werden konnte. Da sich während des Baues neue Wunder ereigneten, so wurde so viel geopfert, dass der Bau, selbst in jenen bedrängten Zeiten ununterbrochen fortgesetzt und die neue Kapelle am Fest Mariä Geburt desselben Jahres eingeweiht werden konnte. – Das vielverehrte Gnadenbild wurde nun in ein silbernes Gehäuse eingeschlossen, aber, wie bisher, in der Nische des Tannenbaums oberhalb des Tabernakels aufbewahrt, so dass es von allen gesehen werden konnte. – Weil jedoch der Raum dieses Kirchleins bald wieder zu eng wurde, baute man an den beiden Seiten Nebenkapellen an, die eine zu Ehren St. Joachims und St. Annas, der Eltern Marias, die andere zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers und seiner Eltern Zacharias und Elisabeth; sie wurden am 6. Juni 1652 eingeweiht. Die jährliche Erinnerung daran wurde am Tag der heiligen Anna gefeiert, daher schreibt sich der von Papst Clemens IV. mit einem vollkommenen Ablass begnadete Wallgang, der jetzt noch immer von Ellwangen aus – am St. Annatag auf den „Schönen Berg“ unternommen wird.

 

Die Jesuiten hatten in der Wallfahrtskapelle bereits das vierzigstündige Gebet während der Fastnachtszeit, und die Segensandacht während der dreißig Tage nach dem Fest Mariä Himmelfahrt gehalten. Diese Feierlichkeiten hatten ihre Arbeiten auf dem „Schönen-Berg“ bedeutend vermehrt. – Um ihre dortige Tätigkeit zu sichern, wies der folgende Fürst, Johann Rudolph Freiherr von Rechberg, im Jahr 1658 einen beständigen Wohnsitz in Ellwangen selbst für vier Patres an: Einer von ihnen sollte täglich die Wallfahrt besuchen, die Heilige Messe lesen und Beichte hören. Da jedoch dieser eine Seelsorger nicht genügen konnte, sorgte er schon 1661 dafür, dass noch ein anderer Priester bestellt wurde, um auf dem „heiligen Berg“ wenigstens die Heilige Messe täglich zu lesen. – Je mehr man dem frommen Sinn der Wallfahrer Nahrung bot, in desto größerer Anzahl strömten sie aus immer weiterer Ferne herbei und der Raum der drei Kapellen genügte nicht mehr, sie zu fassen.

 

Darum dachte der Fürst-Propst Johann Christoph Freiherr von Adelmann daran, eine größere Kirche zu erbauen. Dieser fromme Fürst erwies sich von seiner frühesten Kindheit an als einen innigen Verehrer Marias: in den ersten Monaten seines Lebens dem Tode nah, war er von seinen Eltern der heiligen Muttergottes angelobt und durch sie auch erhalten worden, und, während seiner Kindheit noch einige Male von gefährlichen Krankheiten befallen, empfing er durch die Anrufung Marias stets die Gesundheit wieder. Zur fürstlichen Würde erhoben, zeigte er sich seiner großen Wohltäterin wo möglich noch dankbarer. Er feierte auf dem „Schönen-Berg“ seinen Geburtstag, den Tag des Gedenkens an die Rettung aus der Todesgefahr, ebenso beging er daselbst den Jahrestag seines Regierungsantritts; dann kam er jeden Samstag, und selbst bei ungünstiger Witterung, dahin, und ordnete daselbst verschiedene Andachten an. – Indessen wuchs auch, in Folge der in jenen Jahren geschehenen Wunder, der Zudrang der Fremden immer mehr, und sehnlichst wünschte Johann Christoph, recht bald an der mit so unzähligen Gnadenspenden gesegneten Wallfahrtsstätte eine größere und stattliche Kirche aufzuführen. Allein die Nachwehen des dreißigjährigen Krieges waren noch nicht ganz geheilt, und bereits hatte man wieder von Franzosen- und Türkenkriegen zu leiden oder zu fürchten. Es schien daher noch lange bei dem frommen Wunsch des Fürsten zu bleiben. – Da trat der Himmel selbst ins Mittel, und ließ den Fürst-Propst durch einen der getreusten Diener Marias zum Beginn des Baues bestimmen.

 

2.

Dieser Gottesmann und Marien-Diener ist P. Philipp Jeningen aus der Gesellschaft Jesu.

P. Jeningen hatte von seinen Obern den Befehl erhalten, sich nach Ellwangen zu begeben und die Besorgung der Wallfahrt auf den „Schönen-Berg“ zu übernehmen. – Gegen Ende des Mai-Monats 1680 kam er an, und übernahm mit umso größerer Freude den neuen Dienst, je mehr Arbeit er für Gott und Maria voraussah. Von hier ging die Tätigkeit aus, mit der er mehr als 23 Jahre, – so lange lebte er noch, und immer auf diesem Posten – an dem Wallfahrtsort, in der Stadt und auf dem Land, endlich in vier Diözesen zur Ehre Gottes, Marias und zum Heil der Seelen Erstaunliches gewirkt hat. Von Anfang an hatte er den Trost, in dem Fürsten Johann Christoph einen eifrigen Verehrer Unserer Lieben Frau, und einen auf das zeitliche und ewige Wohl seiner Untertanen stets ernstlich bedachten Regenten zu sehen. Die beiden Männer schlossen bald die innigste Freundschaft, und Johann Christoph wählte sich den P. Jeningen zum Gewissensrat und geistlichen Führer.

P. Jeningen übernahm mit aller Sorgfalt und Berufsfreudigkeit die Pflege des Marianischen Wallfahrtsdienstes auf dem „Schönen-Berg“. – Er sah jedoch bald ein, dass, was Fürst Johann Christoph und dessen Vorgänger schon gewünscht hatten, nämlich eine größere Kirche ein unabweisbares Bedürfnis sei. Allerdings zeigten die damaligen Zeitumstände alle nur möglichen Hemmnisse – einen solchen Bau zu verwirklichen; und dennoch hoffte er zuversichtlich: Gott werde seinem Wunsch zu Ehren Marias die Gewährung gestatten. Die gebenedeite Himmelskönigin hatte aber schon früher seine Bitten auf eine wundersame Weise erhört. So z.B. war er, noch in Dillingen sich aufhaltend, einmal nach Eckenbrunn gegangen, die Heilige Messe dort zu lesen. Der Küster, der ihm dabei dienen sollte, lag eben an einem Fieber krank zu Bett. Da lässt ihm P. Jeningen sagen: „er solle – im Namen Marias – sogleich aufstehen und die Heilige Messe dienen.“ Der Küster gehorcht und fühlt sich allplötzlich gesund. – Ein anderes Mal, im März 1680, als er ein neues Kleid für das Muttergottesbild in die Kapelle nach Eckenbrunn bringen wollte, drohte ein heftiger Regen dasselbe zu durchnässen: da fleht er zu Maria um gutes Wetter, und sogleich zerteilen sich die Wolken, so dass er, beim freundlichsten Sonnenschein, seiner himmlischen Mutter das Geschenk bringen konnte. – Jetzt hoffte er für den „Schönen-Berg“, so zu sagen, wider menschliche Hoffnung umso fester, je mehr die Ehre Marias und das Heil der Seelen durch den neuen Kirchenbau sollte befördert werden und je mehr die allerseligste Jungfrau – in einer Vision – ihm selbst für dieses Jahr besondere Gnadenerweisungen zugesagt hatte. Am 1. Januar 1681 nämlich war sie ihm in ungemein anmutiger Gestalt erschienen und hatte ihm verheißen: „Ich werde dich in diesem Jahr mit Gnaden segnen!“ Mit himmlischer Freigebigkeit hielt sie ihr Versprechen, und überhäufte mit mütterlichen Zärtlichkeiten aller Art den treuliebenden Sohn. Mit ihnen wuchs P. Jeningens Vertrauen und Hingebung und umso mehr nahm er Bedacht auf die größere Verherrlichung der heiligen Muttergottes, und umso unbeugsamer hoffte er, sie werde seinem Wunsch: „sie in einem prachtvollen Tempel auf dem Schönen-Berg verehrt zu sehen“, noch in diesem Jahr erfüllen.

 

Das waren seine Gedanken und Erwartungen, als er am 14. September 1681 den Fürsten auf dem Schloss besuchte. Sie standen eben an einem Fenster, von dem aus man die ganze Stadt vor sich liegen sieht, als sich ein gewaltiges Unwetter erhob, und ein Blitzstrahl das Haus eines wegen Fluchens übel angesehenen Bürgers, nahe beim Jart-Tor, in Flammen setzte. Da ein starker Wind ging, drohte das Feuer sogleich die nächstgelegenen Häuser zu ergreifen und einen großen Teil der Stadt in Asche zu legen. Der gute Fürst sah die Gefahr und mit tiefstem Schmerz rief er aus: „Wehe meiner Stadt! Wenn Gott nicht hilft, wird sie heute in Flammen aufgehen!“ – P. Jeningen hatte unterdessen inständigst gebetet. Der Erhörung sicher, beruhigte er den Fürst-Propst und hieß ihn guten Mutes sein: „Die gnädige Muttergottes, die er ja so sehr liebe, verlasse ihn nicht. Er solle ihr zu Ehren den Kirchen-Bau auf dem Schönen-Berg geloben, eines weiteren bedürfe es nicht, um die Stadt zu retten!“ P. Jeningens festes Wort belebte Johann Christophs Hoffnung: er warf sich auf die Knie nieder, bat die Gottesmutter auf dem Schönen-Berg um Beistand und Rettung aus der Gefahr, und gelobte: - „wenn das Feuer nicht um sich greife – den schon lang beabsichtigten Bau einer Kirche zu ihres göttlichen Sohnes und zu ihrer Ehre ohne weiteren Verschub zu beginnen.“ Sogleich legte sich der Wind, und das Feuer verzehrte nur das bereits ergriffene Haus. – Der dankbare Fürst eilte noch in derselben Woche, in der Maria sich ihm so gnädig gezeigt hat, drei Mal auf den Schönen-Berg, um zur Danksagung daselbst die Heilige Messe zu zelebrieren, und opferte vier große Kerzen, die – zur Erinnerung an die empfangene Wohltat – in der Lauretanischen Kapelle“ noch gar lange Zeit hindurch aufbewahrt wurden.

 

Indessen begann P. Jeningen mit heiligem Ungestüm den Bau zu betreiben, nachdem man vorher den Beschluss gefasst hatte, die Lauretanische Kapelle in den Tempel selbst aufzunehmen. Den Winter, der bereits sich eingestellt hatte, benützte man, um Holz, Steine und sonstige Bedürfnisse herbeizuschaffen. Marie, die „Hilfe der Christen“, ermangelte nicht, durch einige Wunder die Lust für die Arbeit zu erhöhen. Man machte nämlich bald die Wahrnehmung, dass es ein sicheres Mittel sei, die Gesundheit von Menschen und Vieh zu erhalten, wenn man unentgeltliche Arbeit an dem Kirchenbau gelobte, oder durch Opfer zu demselben beitrug. P. Jeningen förderte das Werk durch seine Worte, aber noch mehr durch sein demütiges und anhaltendes Gebet; unter anderem zeichnete er in seinem Tagebuch auf: dass auf die Anrufung Marias sich alsbald eine Wasserquelle gezeigt hat, nach der man damals gegraben habe.

 

Am 16. Juni 1682 wurde der Grundstein gelegt zu dem Bau, und zwar nach dem Riss des Baumeisters Thum aus Bregenz. Der Bischof Christoph von Freiburg aus Augsburg wohnte der Feierlichkeit an und segnete den ersten Stein, der von dem Fürst-Propst in den Grund gelegt wurde, und zwar an der mittägigen Seite, wo jetzt der Altar des heiligen Antonius steht. Hierauf wurde ein Hochamt gehalten, zu dem eine zahllose Menge Andächtiger sich eingefunden hatte. – Acht Tage später legte der Fürst-Propst auch den ersten Stein zu dem Turm, der sich gegen die Stadt wendet, und viele hohe Personen bedachten mit reichlichen Opfern das hehre Werk zum Preis Gottes und Marias.

 

Der Bau wurde mit allem Eifer fortgeführt. Dazu trug nicht wenig bei, dass bei der Grundsteinlegung mehrere Personen anwesend waren, die eben in jenen Tagen – auf die Anrufung der heiligen Muttergottes auf dem „Schönen-Berg“ – heilsame Hilfe erhalten hatten. – Mit der gleichen Anstrengung setzte man auch im folgenden Jahr, 1683, den Bau fort. Namentlich wurde die Wallfahrt in der dreißigtägigen Andacht nach Mariä Himmelfahrt ungemein stark besucht, weil damals die Türken Wien belagerten und ganz Deutschland in Furcht setzten. Sobald die Nachricht von dem wundervollen Sieg Sobieskys einlief, den man überall durch die angerufene Fürbitte Marias in der Christenheit erflehte, feierte das dankbare Volk eine zehnstündige Andacht auf dem „Schönen-Berg“, und beeiferte sich aufs neue, den Kirchenbau recht bald zum Ziel zu bringen. Die Vollendung des Innern verzögerte sich jedoch, da die Kirche mit viel Stuckatur-Arbeit geziert werden sollte.

 

Während der Ausführung des Kirchenbaues – ließ der Fürst-Propst auch die übrigen Teile des Gnadenberges zur Andacht und Zierde herrichten. Der Wald wurde gänzlich umgehauen und an dem Weg, der von der Stadt zur Kirche führt, setzte man zwei Reihen schöner Lindenbäume zur Verschönerung des Platzes und zur Kühlung der andächtigen Pilger dahin.

 

Im Herbst bereits stand die Kirche unterm Dach. – Doch der gottselige Fürst-Propst Johann Christoph Freiherr von Adelmann erlebte nicht mehr ihren inneren Ausbau. Das hatte ihm P. Philipp Jeningen auch vorhergesagt. – Am Fuß des „Schönen-Berges“ stand nämlich ein Kreuz, vor dem der Pater gar oft betete, wie er denn auch sonst an keinem Kreuz vorüberging, ohne eine Andacht zu verrichten. Als er eines Tages vor diesem Kreuz kniete, und für den Fürst-Propst um Gesundheit und langes Leben flehte, hörte er eine von dem Bild des Gekreuzigten ausklingende Stimme, die da sprach: „Ich werde ihn so lange am Leben erhalten, so lange mich Arme und Füße an diesem hölzernen Kreuz halten werden!“ Nicht lange nachher unterhielt sich Johann Christoph mit P. Jeningen über den Tod, und fragte ihn, wie lange er etwa noch leben werde? Der fromme Pater teilte die ihm gewordene Offenbarung ohne Zögern mit. Das Kreuz blieb zwei Jahre ganz unbeschädigt und der Fürst nicht weniger bei voller Gesundheit. Da erhob sich in einer Nacht ein gewaltiger Sturm, warf das Kreuz zu Boden, und das daran hängende Bild brach Arme und Beine, während die übrigen Teile unversehrt blieben. Als Johann Christoph hiervon Kunde erhielt, erinnerte er sich an P. Jeningens Weissagung und bereitete sich, obgleich er erst kurz vorher – achttägige geistliche Exerzitien gemacht hatte, die drei nächstfolgenden Tage auf das Sterben vor, wurde dann unversehens von einem Schlagfluss getroffen und endete sein frommes Leben mit einem heiligen Tod – am 28. August 1687. Nach seinem oft geäußerten Wunsch wurde er in der Kirche neben dem Baum beigesetzt, in dem das Gnadenbild der heiligen Muttergottes verehrt wird. –

 

P. Jeningens feurige Liebe zu dem göttlichen Christkind brachte es auch dahin, dass auf dem „Schönen-Berg“ noch eine kleine Kapelle zu Ehren der Geburt des Gottmenschen erbaut wurde. Als er bemerkte, dass die Gläubigen daran Wohlgefallen hatten und das Gnadenkind in der Krippe mit aller Demut verehrten, jubelte und weinte er vor Freuden und bat Gott: „Er möge – durch Mariens Fürsprache – Ellwangen zu einem kleinen Betlehem, und den „Schönen-Berg“ zu einem großen Berg und zu einer neuen Grundfeste der Frömmigkeit machen!“ – Damit dies geschehe, hielt er die bereits eingeführten Andachten aufrecht: seit dem Jahr 1681 wurde täglich die „Lauretanische Litanei“ gebetet; ebenso war von dem gottseligen Fürst-Propst Johann Christoph von Adelmann zur Abwendung von Kriegs- und anderen Gefahren ein Gebets-Bündnis eingeführt, das er alle Tage des Jahres unter die Mitglieder verteilte, damit an jedem Tag durch verschiedene fromme Übungen die Strafgerechtigkeit Gottes besänftigt, und die Ehre der jungfräulichen Gottesmutter vermehrt würde. Nebstdem wurde täglich für alle Angehörigen dieses „Lauretanischen Bündnisses“, Lebendige und Verstorbene, besonders aber für diejenigen, denen dieser Tag zugeeignet gewesen ist, eine Heilige Messe zelebriert.

 

Besonders war die Wallfahrtskirche an den Freitagen stark besucht. Man hatte nämlich bald bemerkt, dass Maria an diesen Tagen die meisten Gnaden austeilte. Als P. Jeningen den Grund hiervon wissen wollte, antwortete ihm die göttliche Mutter: „Wie einst (bei den Heiden) der falschen Liebesgöttin geweiht gewesen war, so wolle sie, die „Mutter der schönen Liebe“, ihn jetzt für sich in Anspruch nehmen. Ganz besonders wolle sie denjenigen gnädig sein, die von unzüchtigen Versuchungen geplagt seien. Auch alte Sünder wolle sie nicht verlassen, wenn sie das Andenken an das bittere Leiden ihres Sohnes und ihre Ehre auf dem Schönen.-Berg fördern wollten.“

 

Dies alles zu erzielen, blieb P. Jeningen an dieser Andachtsstätte unermüdlich im Predigen und Beichthören und Beten, und hatte die Freude zu sehen: dass schon im ersten Jahr nach der Erbauung der Kirche in ihr mehr als 2000 Heilige Messen gelesen wurden und mehr als 10.000 Gläubige die heilige Kommunion empfingen. Damit begnügte er sich nicht. Er hatte sich in sein Tagebuch geschrieben: „Auf den Schönen-Berg sollen wir unsere ganze Sorge richten. Aller Fleiß soll angewendet werden, dass der Schöne-Berg wirklich ein schöner Berg sei. Ich trage, und werde allzeit mit mir tragen die allerseligste Jungfrau Maria. Verehrt man sie nicht genug, so will ich mich darum bemühen. Verehrt man sie aber, so will ich frohlocken!“ – Zu dem Ende eilte er dann auf die Dörfer und in die Weiler, um allen Liebe und Vertrauen zu Maria einzuflößen. Wer ihm auf dem Weg begegnete, er mochte jung oder alt, wissend oder unwissend sein: in seinem glühenden Eifer und in seiner himmlischen Beredsamkeit wusste er allen etwas Angenehmes und Erhebendes zur Verehrung der „Königin aller Heiligen“ und der „Mutter des guten Rates und des besten Trostes in Not und Tod“ zu sagen. War eine Person, eine Familie oder eine ganze Gemeinde in irgend einer traurigen Lage, so wies er sie immer, und zwar unter dem freundlichsten, herzgewinnenden Lächeln der festesten Zuversicht, auf den „Schönen-Berg“, wo sie bei der göttlichen Gnadenmutter sicher die erflehte Hilfe fänden. - Dies– Hilfe hatte ihm in ihrer Huld Maria selbst zugesagt. –

 

3.

Auf Johann Christoph von Adelmann folgte Christoph Wolramsdorf. Der setzte den Bau fort, aber schon nach zwei Jahren starb auch er.

 

Der neue Fürst-Propst, Pfalzgraf Ludwig Anton, Hochmeister des Deutsch-Ordens, ein ganz besonderer Verehrer Marias, unterzog sich nun der gänzlichen Vollendung des Kirchenbaus auf dem „Schönen-Berg“. – Am Tag vor dem Fest der Verkündigung Mariä warf er sich vor dem Gnadenbild auf die Knie, flehte sie inbrünstig an, setzte dieses Anflehen auch schriftlich auf, unterschrieb es mit seinem eigenen Blut, schloss es in einer goldenen Kapsel, die ein Herz darstellte, ein und opferte es der heiligen Jungfrau. – Noch wird diese Kapsel in einem Kästlein neben dem Gnadenbild hinter dem Altar aufbewahrt.

Der Inhalt ist eine Anrufung der Mutter des Herrn, und am Schluss steht mit Blut geschrieben:

 

„O Maria! Ich unterschreibe mit eigenem Blut, was ich so oft mit dem Mund versprochen habe: dass ich nämlich mich und was immer mein ist, dir aufs Vollkommenste schenke – meine Seele, meinen Leib, Willen, Freiheit und alle meine Kräfte, meinen Orden, meine Propstei, alle meine Landschaften, mit einem Wort mich und all das Meinige! Ja, von diesem Augenblick an ist alles nicht mehr mein, sondern dein! Wenn es nun dein ist, so bewirke, dass ich tue und dass alles getan werde zu deiner und deines Sohnes Ehre und Glorie! Dies wäre sonst mein Wille, weil ich aber jetzt keinen Willen mehr habe, so soll es sein dein Wille und deines größten, armseligen Sünders, der seinen Namen mit Blut unterschrieben hat. Diesem hilf, diesen beschütze und bewahre, weil er dein ist!

Ludwig Anton.“

 

Dieser Fürst-Propst besuchte jeden Samstag die Wallfahrt auf dem „Schönen-Berg“ und vermachte ihr einen namhaften Teil seiner jährlichen Einkünfte. Er war der Vollender des Baues. –

 

Die Kirche hatte nun folgende Einrichtung: Die Loretto-Kapelle, die vierunddreißig Jahre ganz frei gestanden hatte, wurde mit vier Hauptmauern umfangen und nimmt samt ihren beiden Nebenkapellen den äußersten Raum gegen Morgen in der Kirche ein. Vor ihr gegen Abend erhebt sich der Hochaltar mit dem 46 Fuß langen und 58 Fuß breiten Chor. Die Länge der übrigen Kirche oder des Langhauses beträgt 220, die Breite 73, die Höhe 64 Fuß. An die ganze Länge des Chors reihen sich auf beiden Seiten die Sakristeien, deren eine für den Priester, die andere für den Fürst-Propst bestimmt waren. – In der fürstlichen Sakristei ist zu sehen ein aus Alabaster höchst künstlich gearbeitetes Bildnis Unserer Lieben Frau, das dem falzgrafen Ludwig Anton in Spanien verehrt wurde, da er seine Schwester als die Braut des Königs von Spanien dahin begleitete. – Die fünf Altäre waren sehr zweckmäßig gestellt und kunstvoll verziert, die zwei anderen warteten noch auf die reiche Ausstattung. – Der Hochaltar, der die ganze Höhe und Breite des Chors einnimmt, hat sein Gemälde als eine Verehrung von der deutschen Kaiserin Maria Theresia erhalten. Es stellt die Geburt Christi vor und ist ein von allen Kunstkennern bewundertes Bild, das in Wien um den Preis von tausend Talern verfertigt wurde. – Die Seitenaltäre, die verschiedenen Heiligen geweiht sind, wurden von mehreren Stiftern bedacht. Diese sind: Fürst-Propst Ludwig Anton, der die zwei Vordersten errichtete und mit den Bildnissen des heiligen Franziskus Xaverius und des heiligen Antonius von Padua, - Georg Jach, Ellwangescher Kanzler, mit dem Bild des heiligen Georg, - und Graf von Fürstenberg, Domherr, mit dem Bild des heiligen Joseph. – Hinter dem Chor der großen Kirche, oberhalb der Loretto-Kapelle, befindet sich ein weiterer Altar, gestiftet von Terstendorf, Dekan der Propstei Ellwangen, mit dem Bild des heiligen Ignatius von Loyola, Stifter der Gesellschaft Jesu. Er war ein Kriegsmann, und legte das Schwert nieder, um Geistlicher zu werden und seinen Orden zu gründen. Das Bild stellt nun den Augenblick, wo er auf dem Berg Montserrat in Spanien Gott und Maria seine Waffen als Büßer opferte, vor. Er fand einen Nachfolger in Ellwangen, denn an diesem Altar hängen Federhut, Halsring und Schwert eines Edelmannes, der der lutherischen Irrlehre abgeschworen hatte, seine Stelle als Hauptmann in dem hannöverschen Heer niedergelegt und Geistlicher geworden war.

Die Kirche hatte 22 hohe Fenster und ebenso viele kleine Oval-Öffnungen, die die besonders kunstreichen, mit schönen Gemälden verzierten Gipswände beleuchteten.

Es konnte nicht fehlen, dass dieses Prachtgebäude – als berühmter „Marianischer Wallfahrtsort“ – großen Zulauf hatte, und nicht nur aus der Nähe, sondern selbst aus Franken, Bayern, Böhmen, Pfalz, Tirol, dem Ober- und Niederrhein.

 

Indessen brach schon im Jahr 1709 ein gar schreckliches Unglück über den „Schönen-Berg“ ein. Am 22. April zog ein schweres Gewitter heran, und der einzige Blitz, der dem Gewölk entfuhr, schlug in die Kirche. Keine Hilfe war möglich, als der Dachstuhl in Flammen stand. Ein einstürzendes Türmlein schlug ihn durch, wodurch das Feuer in die Kirche selbst brach, um dort alles zu verzehren, was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte. Doch rettete man alles kostbare Kirchengerät; das Gnadenbild, die Gemälde von zwei Altären und auch die Loretto-Kapelle blieben verschont, sowie der Altar des heiligen Ignatius und die beiden Altäre neben der Kapelle. In nur zwei Stunden war der Prachtbau vernichtet.

 

Der Fürst-Propst Franz Ludwig begann rasch mit dem Neubau, und noch in demselben Sommer wurde das Dach aufgesetzt, wozu von allen Seiten reiche Beisteuern flossen. Bald entstand das Gebäude wieder herrlich und Marias würdiglich aus dem Schutt, und treffliche Schildereien der Malerkunst gaben ihm eine noch freundlichere Gestalt.

Am 18. März 1729 geschah die Einweihung durch den Weihbischof von Augsburg, und es wurden gleichzeitig zehn Altäre eingeweiht: der Hochaltar zu Ehren der Geburt Christi und der Himmelfahrt Mariä. Das Altarblatt hierzu, das an Kunst dem Geschenk der Kaiserin Maria Theresia nicht nachsteht, stiftete Churpfalz. – Gegenwärtig befinden sich vierzehn Altäre in der Kirche, jeder zur Feier des hochheiligen Messopfers dienend.

Auf Bitten des Fürst-Propstes Franz Ludwig wurde – nebst vielen anderen auf gewisse Tage verliehenen vollkommenen Ablässen, Freiheiten und Privilegien der Altäre – vom Papst Benedikt XIII. ein gleicher vollkommener Ablass denjenigen erteilt, der einmal im Jahr diese Kirche besuchen, um dort ihre Andacht zu verrichten.

 

Dieser Fürst-Propst verschrieb der Kirche ein Brillanten-Kreuz im Wert von 12.000 Gulden, und schenkte einen reich mit Edelsteinen gezierten Ring, den er selbst getragen hatte, dem wundertätigen Muttergottesbild. – Auch errichtete er Stationen den „Schönen-Berg“ hinauf und erbat sich dann hierfür vom Papst verschiedene Ablässe für die frommen Besucher derselben.

 

Sein Nachfolger war Franz Georg von Schönborn. Der besuchte fast täglich die Wallfahrtskirche und verehrte mit andächtigen Küssen das Gnadenbild.

Die Stationen, die auf den „Schönen-Berg“ führen, bestehen aus fünfzehn Kapellen und geben dem Berg eine anmutige, hehre Gestalt. Zwischen ihnen ist zu sehen eine künstliche Grotte (Wasserhaus) mit Heiligenbildern verziert, und eine Kapelle des heiligen Joseph auf demselben Platz, wo früher die allererste „Loretto-Kapelle“ gestanden hatte, die man in dem sogenannten „Schleifhäuslein“ noch aufbewahrt. –

 

Viele Stürme sind über unser deutsches Vaterland verheerend und zerstörend dahin gebraust und haben vieles, gar vieles verändert. Auch Ellwangen verlor seinen Fürst-Propst und ist eine königlich württembergische Kreisstadt geworden. Aber die Wallfahrtskirche der heiligen Muttergottes blickt noch immer als eine Zufluchtsstätte friedlich und zierlich von dem „Schönen-Berge“ auf Ellwangen herab, und zahlreiche Pilger wallen jahraus und jahrein zu ihr hinan, um sich bei der gnadenreichen Himmelskönigin Trost und Segen für die Wanderschaft in die Ewigkeit zu erflehen.

 

Gar rührend ist auch der Anblick der stillen Beter, die sich durch ihre Andachtsübungen bei den Stationen den vollkommenen Ablass verdienen! –