Unsere Liebe Frau von Guadalupe

 

Von Juliette C. Pariseau

Zusammenfassung aus „Francican Herald“,

1434 W. 51st St., Chicago, III., 1947

 

Ich erinnere mich noch deutlich an ein Bild in meinem Lesebuch der 5. Klasse (oder war es die 4.?), das einen dunkelhäutigen Indianer zeigte, der einen Mantel hielt. Auf den Mantel war ein Bild der Muttergottes gemalt. Vom Mantel fielen eine Menge Rosen herab und bedeckten den Boden zu den Füßen des Indianers.

 

Die Geschichte, wie die liebe Gottesmutter den armen Indianer fortschickte, um im Winter Rosen zu pflücken, und wie sie den Bischof veranlasste, ihr zu Ehren eine Kirche zu errichten, blieb mir dauernd in Erinnerung. Als ich daher viele Jahre später eine eise nach Mexiko plante, war ich erfreut festzustellen, dass auch Guadalupe zum Reiseprogramm gehörte. Ich las nun alles, was ich über Guadalupe und sein wundertätiges Heiligtum finden konnte. Dabei merkte ich, wie vorsichtig, um es gelinde auszudrücken, die meisten Schriftsteller sind, wenn es sich um Übernatürliches handelt.

 

Zuerst gab es einmal solche, die absolut „neutral“ bleiben wollten. Zwar beschrieben sie die große Verehrung des mexikanischen Volkes und erzählten die Geschichte der Erscheinung, aber wenn man alles las, hatte man den Eindruck, als wollten sie einem sagen: „Das ist die Legende, so wie sie erzählt wird, aber bitte, fragen Sie nicht darnach, ob sie wahr ist. Schließlich sind diese Leute ja arme, ungebildete Mexikaner.“

 

Dann waren da die „aufgeklärten“ Spötter. Sie gingen von der Voraussetzung aus, dass Wunder natürlich unmöglich sind. Sie führten an, dass die Kirche noch nie eine unfehlbare Erklärung über das sogenannte „Wunder von Guadalupe“ gegeben habe. Mit der Herablassung eines Gelehrten stellten sie sogar großmütig fest, dass Maler und Handwerker nicht in der Lage gewesen seien, zu erklären, welche Art von Farben zu diesem Bild verwendet worden seien und wie ein so raues und ungeeignetes Tuch dazu gewählt werden konnte. Aber „zweifellos“ (welch passendes Wort!) handle es sich um irgendein altes aztekisches Geheimrezept, da die Eingeborenen sich ja sehr gut auf das Mischen von Farbstoffen verstanden. Oder aber man behauptete, dass die Farbe wiederum „zweifellos“, neu aufgetragen worden seien, was ihre dauernde Frische nach vier langen Jahrhunderten erkläre. Einige Schriftsteller mit noch mehr Phantasie erinnerten daran, dass Guadalupe schon ein heidnischer Wallfahrtsort gewesen sei und gaben der Vermutung Ausdruck, dass die ersten Missionare so schlau waren, ihn in ein christliches Heiligtum zu verwandeln! In diesem Stil ging es fort.

 

Cortez hatte Mexiko im Jahr 1519 erobert. Die „zwölf Apostel von Mexiko“, nicht die ersten, aber die berühmtesten der Franziskanermissionare, waren im Jahr 1524 in das Land gekommen. Dies ist das „Jahr, in dem der Glaube kam“, und die Indianer datieren alle Ereignisse von diesem Hauptereignis an. Jeder dieser zwölf Mönche soll nicht weniger als 100.000 Indianer getauft haben. 1531 hatte die Zahl der katholischen Indianer eine Million erreicht. Unter ihnen befand sich Juan Diego, ein 55jähriger Konvertit.

 

An einem Samstag im Dezember jenes Jahres eilte Juan zur Messe in die Franziskanerkirche der Stadt Mexiko. Da erschien ihm auf dem Tepeyac-Hügel die allerheiligste Jungfrau und schickte ihn mit der Botschaft zum Bischof, sie wolle an der Stelle, wo sie sich befinde, eine Kirche erbaut haben. Juan ging zum Bischof, dieser aber schenkte der Erzählung Juans keinen Glauben.

 

Wiederum erschien die Gottesmutter Juan an derselben Stelle und schickte ihn abermals zum Bischof. Da beauftragte der Bischof den Indianer, die Erscheinung um ein Zeichen zu bitten, wenn sie sich ihm wieder zeige. Juan versprach dies zu tun. Am Montag jedoch lag sein Onkel im Sterben. Am Dienstag, den 12. Dezember, bei Tagesanbruch, eilte Juan in die Stadt, um einen Priester zu holen. Da er von der Erscheinung nicht aufgehalten sein wollte, wählte er einen anderen Weg, aber die Muttergottes erschien ihm wieder. Sie beruhigte ihn und erklärte, sein Onkel werde geheilt (was auch eintrat). Wieder sprach sie von ihrer Kirche, und daher bat Juan sie ohne Zögern um ein Zeichen.

 

Da befahl sie ihm, einen nahen Felsen zu erklettern und oben Rosen zu pflücken. Obgleich es weder die Jahreszeit noch der Platz für Rosen war, fand er welche an der Stelle, wohin er geschickt worden war. Als er sie ihr brachte, legte sie sie in seine „Tilma“ (Mantel) und gebot ihm, sie so zum Bischof zu tragen.

 

So trug er sie sorgfältig in seinen langen Mantel eingeschlagen zum Bischof und überreichte diesem voll Freude das Zeichen. Als er den Mantel aufmachte, fielen die Rosen heraus, und er war ganz überrascht zu sehen, wie Bischof Zumarraga und seine Umgebung auf ihre Knie fielen. Als er hinabblickte, sah er auf seinem ärmlichen Mantel das Bild der Gottesmutter, so wie sie ihm erschienen war, aufleuchten. Das war wahrhaftig ein Zeichen! Ihr blumenbesticktes Kleid war rosarot, ihr Mantel bläulich-grün mit goldenen Sternen und Strahlen darauf.

 

Noch heute sind die Farben ganz hell und frisch, und was das Merkwürdige ist: das Gemälde scheint eine Mischung von Ölgemälde, Wasserfarben und Temperamalerei mit reichlichem Gebrauch von Gold zu sein.

 

Juans Mantel bestand aus zwei Stücken grobgesponnenen Tuches aus Pflanzenfasern, wie Sackleinwand. Er wurde durch ein paar armselige Stiche zusammengehalten. Noch sieht man die Naht in der Mitte der Figur, aber neben dem Gesicht vorbeigehend. Dieser arme Mantel aus Sackleinwand mit dem so kostbaren Wundergemälde wurde in der Hauskapelle Bischof Zumarragas aufbewahrt und verehrt, bis das vorläufige Heiligtum fertig war. Dies war ein einfaches Gebäude aus rotem Lehm. Immer und immer wieder wurde es neu erbaut, jedes Mal in größerem Ausmaß, bis schließlich an der Stelle die gegenwärtige Basilika errichtet wurde, die im Jahr 1907 fertiggestellt war.

 

Die erste Kapelle wurde im Mai eingeweiht. Die „Fiestas“ dauerten neun Tage, und viele geistliche und weltliche Würdenträger wohnten den Feiern bei. Die Häuser und Straßen der Hauptstadt waren beleuchtet und herrlich geschmückt. Der nächtliche Himmel war taghell beim Abbrennen der Feuerwerke. Die ganze Stadt Mexiko feierte, und Unsere Liebe Frau von Guadalupe wurde in echt mexikanischer Weise geehrt.

 

In der Folgezeit verbreitete sich die Verehrung des Bildes in allen Ständen. Erzbischöfe und Vizekönige zollten ihm ihre Verehrung. Von ihm ging ein gewaltiger Einfluss auf das sittliche Leben und die Gebräuche des Landes aus, es regte auch das Nationalgefühl an. Hatte nicht die himmlische Herrin erklärt, sie würde das Volk Mexikos schützen? Niemals zuvor hatte man eine solche Andacht und Frömmigkeit in der Neuen Welt gesehen.

 

Das Bild „Unserer Lieben Frau von Guadalupe“ wurde zum Symbol der nationalen Befreiung Mexikos. Die Verehrung nahm noch gewaltig zu, als sich die patriotischen Gefühle beim Triumph der Freiheitsidee mit der religiösen Andacht vermischten. Auch heute hat die Verehrung dieses Heiligtums nicht nachgelassen. Noch ist sie trotz der Verfolgungen der vergangenen Jahre lebendig und tief im mexikanischen Volk.

 

Es gibt viele Nachbildungen dieses Bildes in Mexiko, Mittel- und Südamerika; denn „Nuestra Señora de Guadalupe“, Unsere Liebe Frau von Guadalupe, gilt als die Patronin ganz Lateinamerikas. Ja, ihre Verehrung hat sich inzwischen in der ganzen Welt verbreitet. Auch die Vereinigten Staaten haben jetzt eine Kopie des Wunderbildes. Im Herbst 1939 wurde auch ein Ölgemälde in der Kathedrale von Paris angebracht und eine Figurengruppe, die das Wunder darstellt, in den Vatikanischen Gärten enthüllt.

 

Zwar hat die Kirche nie eine formelle Erklärung über die Echtheit des Wunders abgegeben. Ihre Überlieferung jedoch, sowohl die mündliche wie die schriftliche, hat von Anfang an niemals geschwankt. Schon Bernal Diaz, ein Begleiter von Cortez, erwähnt das Wunder in seinen Schriften.

 

„Qué importa“ (was tut es?), wie die Mexikaner sagen, ob der Glaube an die Erscheinung ein Glaubenssatz ist oder nicht, ob der Mantel aus pflanzlichen Faserstoffen oder einer wilden Palme oder aus grobem Wolltuch besteht? Ob ein Engel oder ein Azteke den Pinsel hielt und die Farben mischte? Was wichtig ist, ist die Tatsache, dass Maria im Himmel sich bereit zeigt, ihre Gnadengaben allen zu geben, die nach Guadalupe gehen und in ihrem Herzen sprechen: „Nuestra Señora de Guadalupe, Unsere Liebe Frau von Guadalupe, bitte für uns!“

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Mexiko

 

An Reichtümern sind sie ärmer geworden. Aber die Eroberer haben dem mexikanischen Volk die Religion gebracht . . . Jedenfalls werden die Mexikaner noch zur Muttergottes von Guadalupe beten, wenn die Öltanks längst vom Rost zerfressen sind. Wahrhaftig, hier wurde der Anfang gemacht, die Erde für den Himmel zu erobern.

Peter Baum

 

 

Dreihunderttausend huldigen der Königin der Arbeit

 

Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgebern haben vor kurzem in der berühmten Basilika in der Stadt Mexiko das Bild Unserer Lieben Frau von Guadalupe mit einer goldenen Krone geschmückt und sie zur Königin der Arbeit ausgerufen. 300 000 Menschen nahmen an der Feier teil. Ob wir hoffen dürfen, dass die ganze katholische Welt diesem Beispiel Mexikos folgen wird?

 

Der Apostolische Delegat, Erzbischof Piani, leitete die Feier und weihte die Krone. Alle Kirchen unter dem Titel „Unsere Liebe Frau von Guadalupe“ feierten mit. Auch in anderen Ländern Lateinamerikas und nicht zuletzt in der Kirche Unserer Lieben Frau von Guadalupe in Rom (erbaut von vertriebenen mexikanischen Nonnen) wurden solche Feierlichkeiten gehalten.

 

Was beabsichtigen diese Männer der Arbeit mit ihrer Huldigung? Sie alle, Arbeiter und Unternehmer, wollten ihre Probleme ihr zu Füßen legen, um deren Fürsprache sie baten. Dieser Absicht gaben sie feierlich Ausdruck durch die Krönung.

 

Dieses war die erste Weihe an Maria unter dem Titel „Königin der Arbeit“. Und zweifellos kommt ihr dieser Titel zu. Sie war ja die angetraute Frau Josefs, eines Zimmermanns, und die Mutter Jesu, des Zimmermanns. Sie kennt die Probleme des häuslichen Lebens aus eigener Erfahrung. Und beide, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sind ihre geistlichen Kinder.

 

Es hat auch seinen Sinn, dass es gerade das Gnadenbild von Guadalupe ist, vor dem die Zeremonie stattfand. War es doch seit Anfang das Gnadenbild der Armen. Im Jahr 1531 erschien die allerseligste Jungfrau mehrere Male einem armen Indianer namens Juan Diego. Sie bat ihn, den Bischof zu ersuchen, auf der betreffenden Stelle eine Kapelle zu errichten. Sie sagte auch dem Indianer, er solle, als ein Zeichen vom Himmel, Rosen pflücken gehen in einer Jahreszeit, in der keine Rosen blühten. Aber er fand sie, wo sie nach ihrer Angabe sein sollten. Er brachte sie in seinem Mantel zum Bischof. Nicht genug damit, sah auch der Bischof zu seinem Erstaunen auf dem Mantel des Indianers ein prächtiges Bild der seligsten Jungfrau. Das Bild existiert noch, und viele Tausende sehen es jedes Jahr hoch oben auf dem Hauptaltar der herrlichen Basilika.

 

Ich selbst habe es oft gesehen. Ich habe auch mit einer feingebildeten Benediktinerin darüber gesprochen. Sie ist eine von denen, die ungefähr vor drei Jahren das Bild genau prüfen durften, als das Glasgehäuse, in dem es aufbewahrt wird, geöffnet wurde. Sie bestätigt, was Fachleute berichtet haben, nämlich dass das Tuch (des Mantels) schlechtester Qualität ist, und dass es unmöglich ist, zu erklären, wie die Farben daran haften bleiben. Die Schwester sagte mir, es sähe aus, als ob die Farben von selbst blieben, wo sie sind, und nicht von dem Tuch getragen würden.

 

Das Tuch, wie jeder weiß, der sich mit der Frage beschäftigt hat, sollte seit Menschenaltern schon zerfallen sein. Millionen von Indianern aus allen Ländern des ehemaligen spanischen Kolonialreiches traten damals in zehn Jahren infolge des Wunders von Guadalupe zur Kirche über. Das sind sieben- oder achtmal mehr als die Missionare seit 1492 bekehrt hatten.

 

Msgr. M. Smith in „The Register“,

deutsch von N. Schladweiler S.A.C.

in Deutschland erschienen in "Rosenkranz", Mai 1956