Tschenstochau

 

Maria, Schutz und Schirm des polnischen Volkes

 

Zur 300-Jahrfeier des Sieges von Tschenstochau

 

Botschaft des Papstes an Kardinal Wyszinski und den polnischen Episkopat vom 8. Dezember 1955 im „Osservatore Romano“, veröffentlicht am 13. Januar 1956

 

Maria half in größter Not

 

Schon seit jeher hat gerade das polnische Volk zur glorreichen und in ungezählten Notzeiten stets siegreichen Königin, zur hehren Frau, mit der Sternenkrone im Sonnenkleid, aus der uns die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen ist, eine so tiefe Andacht und Verehrung bewiesen, dass sich kaum ihresgleichen findet. Diese Liebe und Hingabe ihrer Kinder hat auch die Mutter Gottes und der Menschen Mutter, die gleich mächtig wie freigebig ist, oft umso auffälliger mit ihrer Hilfe belohnt, je größer die Not und Gefahr waren, die sie bedrängten. Mögen sich hierfür in der Geschichte Polens viele Beispiele finden, bleibt als glänzendster Beweis doch immer das Geschehen, das sich nun vor 300 Jahren (2016 vor 360 Jahren) am heiligen Weihnachtsfest abspielte und für immer unvergesslich in die profane und Kirchengeschichte des Landes einging. Wir hielten es für angebracht, euch, geliebter Sohn und verehrungswürdige Brüder, sowie das ganze polnische Volk durch die Botschaft an diese erhebende Begebenheit zu erinnern, damit euch das Gedenken an diese eigenartige Hilfe des Himmels tröste in den Drangsalen, von welchen euer Vaterland heimgesucht wird, und eure Hoffnung auf einen guten Ausgang stärke, wenn ihr in unerschütterlichem Glauben, den keine Not zu leugnen imstande ist, eure Würde und Standhaftigkeit bewahret.

 

Der Regierung Vladislaus, unter der Friede und Wohlstand lange geblüht hatten, folgten schreckliche Zeiten voller Wirrnisse und Niederlagen. Fremde Völker drangen in Polen ein, unter ihnen religiöse Neuerer mit einem mächtigen Heer und großem Angriffsgeist, und es blieb euch, nachdem Warschau und Krakau ohne besondere Mühe in ihre Hände gefallen waren, als letztes Bollwerk eurer Freiheit nur noch der „Klare Berg“ bei Tschenstochau. Augustinus Kordecki, der Vorsteher des Klosters, ließ aber den Mut nicht sinken, sondern rief im Vertrauen auf Gottes und der Gottesmutter Schutz die Verteidiger zu entschlossenem Widerstand auf. Unerwartet wandte sich euer Geschick zum Besseren und euer Vaterland erlangte die verlorene Freiheit wieder. Daraufhin erkor König Johannes Kasimir die Jungfrau Maria zur Herrin seines gesamten Reiches und erklärte sie feierlich zu Polens Königin.

 

In der Folgezeit entsprach auch Unser Vorgänger (seligen Angedenkens) Pius XI., der euch als ehemaliger Apostolischer Nuntius in eurem Land besonders zugetan war, den Bitten vieler von euch und setzte ein Fest zu Ehren der Gottesmutter als der Königin Polens ein, das am 3. Mai jedes Jahres gefeiert wird.

 

Maria – Polens Hort auch heute

 

Diese Begebenheiten, immerwährenden Gedenkens würdig, beweisen fürwahr wunderbar, wie die Jungfrau Maria dem polnischen Volk in all seinen Nöten und Gefahren ihren Schutz und Schirm angedeihen ließ, besonders dann, wenn in seinem Land der katholische Glaube, der größte Schatz, der euch von den Vorfahren übergeben wurde, und die festen und engen Bande zum Apostolischen Stuhl, eures Volkes Kraft und Zier, in Gefahr schwebten. Diese freundschaftlichen Bande zu Rom als dem Hort der Wahrheit wurden auch lange Jahrhunderte hindurch, obwohl es an gegenteiligen Bestrebungen nicht gefehlt hat, nie gelockert oder gar gelöst; was dem polnischen Volk gewiss zur besonderen Ehre gereicht, aber auch mächtiger Ansporn sein muss, sich der Verkehrtheit des Atheismus mit aller Entschiedenheit zu widersetzen, der zu Unserem großen Schmerz das Volk, dass dem katholischen Glauben so ergeben ist, zu schwächen und zu verderben am Werk ist. Möge das polnische Volk, als Erbe der Tugend und Frömmigkeit seiner Vorfahren, in diesen Stürmen der Heimsuchung weder Mut noch Zuversicht verlieren, sondern Ruhe, Gleichmut und Würde bewahren im Vertrauen auf Gott, dem Höchsten und Ewigen, dessen Wirken keine Grenzen gesetzt sind und der das Mächtige und Stolze mit schwachen Mitteln und Kräften zu besiegen weiß . . .

 

Erhebet außerdem, um von aller Wirrnis frei zu werden mit neuer Andachtsglut eure Augen zur Gottesmutter und eurer Königin, die mit ihrem jungfräulichen Fuß den höllischen Feind zertreten und so jedes heiligen Sieges Walterin und Mehrerin ist. Meine geliebten Polen sind ja, wie ihr berühmter Dichter Adam Mickiewicz sie nennt, Streiter Mariens und leben unter ihrem Namen; so wird sie, ihre gütigste Mutter, euch nicht verlassen, wenn sie nur selbst, im Bekenntnis des katholischen Glaubens stark, die Standhaftigkeit und das ruhmreiche Erbe ihrer Vorfahren sich angelegen sein lassen. Unter ihrem Schutz und Schirm wird dann nach der gegenwärtigen Trübsal ihres Vaterlandes das goldene Licht und der Glanz einer glücklichen Zeit wiederkehren.

 

Der polnische Wallfahrtsort Czenstochau

 

(aus „Ave Maria“, 1915, Heft 4, S. 76)

 

„300 Jahre war ich in Jerusalem und 500 Jahre in Konstantinopel des Erdkreises gepriesene Helferin und Lenkerin, 500 Jahre beschützte ich das Schloss Bely und jetzt ehrt mich 500 Jahre (600) Jasjagora als seine Königin.“

(Polnische Inschrift unter der „Schwarzen Madonna“ in Czenstochau)

 

Der polnische Wallfahrtsort Czenstochau ist durch den Weltkrieg, der seine Wogen auch in das stille, leider von russischer Gewaltherrschaft lange Zeit bedrückte Heiligtum schlug, in den Vordergrund des Interesses gerückt.

 

Auf der Höhe des Klarenberges vor Czenstochau, in der letzten Zeit zum Gouvernement Petrikau in Russisch-Polen gehörig, erhebt sich das weltberühmte Kloster der Mönche des heiligen Eremiten Paulus, gewöhnlich das Eremitenkloster oder auch Jasjagora, d.h. Klarenberg genannt, mit dem wundertätigen Bildnis der sogenannten „Schwarzen Madonna“. Die Zahl der jährlichen Pilger zu Gnadenmutter von Czenstochau wird auf 60 – 70.000 geschätzt. Die Mönche wurden 1382 von Wladislaw aus dem Geschlecht der Piasten, Fürst von Oppeln und Herr von Allenstein und Czenstochau, berufen, der an Stelle des hölzernen Kirchleins, das ursprünglich am Klarenberg stand, Kirche und Kloster erbaute. Der fromme Fürst stellte auch in der Klosterkirche das vom ganzen polnischen Volk hochverehrte schwarze Marienbild auf, ein Gemälde byzantinischen Ursprungs. Der Legende nach hat es der Evangelist Lukas gemalt, dann war es im Besitz der heiligen Helena, der Mutter Kostantins, später kam es an den ruthenischen Fürsten Laon nach dem Schloss Bely in Galizien. Wladislaw, in dessen Besitz das Heiligenbild überging, brachte es nach Czenstochau, um es vor den räuberischen Tartaren zu schützen. Als Wladislaw Jagiello König von Polen geworden war, gab er dem Kloster reiche Privilegien, wofür die Mönche täglich für das königliche Haus Gebete versprechen, ferner verschiedene Verpflichtungen übernehmen mussten, die 1414 zum Gesetz erhoben wurden.

 

Der Ruf des wundertätigen Marienbildes verbreitete sich schnell über Europa. Aber auch die Schätze, die frommer Glaube dort niedergelegt hat, reizten die Geldgier der Ruchlosen. So überfiel 1430 ein russischer Fürst Czenstochau. Die Schätze hatten glücklicherweise die Mönche rechtzeitig gerettet. Die Räuber nahmen das Gnadenbild, warfen es auf die Erde, beschmutzten es und einer der Banditen zerschlug mit seinem Schwert das Antlitz der Mutter Gottes auf der rechten Wange. Aus Furcht vor dem Unwillen des Volkes sprengten sie das Gerücht aus, die Hussiten wären die Tempelräuber gewesen. Doch wurden die Übeltäter von den eigenen Verwandten angezeigt und der irdischen Gerechtigkeit überliefert. Eine Volkssage berichtet über den Überfall, die Hussiten hätten das Bild auf einen Karren gelegt, um es nach Schlesien zu bringen. Doch plötzlich blieb der Karren stehen und war nicht mehr weiter zu bringen, trotz der vielen Pferde, die man anspannte. Jetzt wollte man das Gnadenbild vom Karren herunternehmen, allein es war an ihm wie festgewachsen. Erschrocken ließen die Hussiten alles im Stich. Als die geflüchteten Mönche zurückkehrten, waren Karren und Bild versunken. Die heilige Barbara aber zeigte dem Prior die Stelle, wo das Bild zu heben sei, das nun in feierlicher Prozession zurückgetragen wurde. An der Stelle, wo es versunken war, sprudelte eine Quelle hervor, die heute als wundertätig gilt. Über dieser Quelle ist eine hübsche Kapelle mit Kuppeldach errichtet, primitive Wandgemälde stellen die Rettungsgeschichte, die Ermordung der Mönche, den Raub des Bildes, seine Beschmutzung und schließlich seine Auffindung dar. Auf dem Altar thront die Schwarze Madonna mit der Widmung, die wir in unserem Motto mitgeteilt haben. Neben dem Brunnen wurde 1642 vom Provinzial Andreas Goldonowski die mit einem runden Turm geschmückte Barbara-Kirche erbaut.

 

Ein inniger Marienverehrer war König Kasimir IV., der oftmals die schwarze Mutter Gottes auf dem Klarenberg besuchte, so 1447 mit seiner Mutter, der Königin Sophia, 1472 mit seiner Gemahlin Elisabeth von Österreich und seinen Söhnen und Töchtern. Nach dem Tod des Kronprinzen Kasimir ließ er einen kostbaren Altar aus Ebenholz mit silbernen Figuren aufstellen, der sich in der Schatzkammer befindet. Große Privilegien erteilte König Sigismund I. Czenstochau durfte sich einen eigenen Magistrat wählen und wurde den Städten Krakau, Lemberg, Posen usw. gleichgestellt. Reiche Gnadenschätze verliehen die Päpste dem Wallfahrtsort, besonders Pius II., Alexander VI., Leo X., Klemens VII., Gregor XIII. und Paul V.

 

Zu den größten Wohltätern des Klarenberges gehörte der fromme König Sigismund III. aus dem Haus Wasa. Das Kloster wurde ausgebaut, mit Mauern, Wällen und Gräben umgeben. Ebenso günstig war König Wladislaw II. der Wallfahrt gesinnt. Er besuchte sie am 6. April 1613 und schenkte ein mit Diamanten geschmücktes Messgewand. Der Bau des Klosters wurde unter ihm vollendet. An einem Steinleiden schwer erkrankt, schrieb er seine Genesung der Mutter Gottes zu und sandte neuerdings Geschenke nach Czenstochau.

 

Johann Kasimir besuchte den Klarenberg zweimal. Acht erbeutete Kosakenfahnen ließ er zum Dank für den Sieg über die Kosaken in der Klosterkirche aufhängen. Sein Kanzler, Graf Ossolinski, erbaute einen neuen Prachtaltar aus Ebenholz, der 100.000 Gulden kostete, wozu der Prior noch 43.000 Gulden aus der Schatzkammer legte. Bei der Einweihung am Fest Mariä Geburt 1650 waren 400.000 Menschen zugegen. Die beiden großen silbernen Säulen dieses Altares wurden 1812 zur Deckung der Kriegskosten nach Warschau gebracht.

 

Als die Schweden 1655 in Polen einrückten, verteidigten sich die 68 Mönche, die das Brevier mit dem Schwert vertauschten, mit 50 Edelleuten und 160 Soldaten 38 Tage lang gegen 10.000 Schweden, die abziehen mussten. Dem tapferen Anführer, dem Prior Kordecki, wurde 1859 im Garten des Klosters ein Denkmal gesetzt, das in einer bronzenen Statue den ruhmvollen Helden darstellt. Noch dreimal verteidigte sich das Kloster gegen schwedische Überfälle.

 

Im Jahr 1682 wurde in großartiger Weise das 300jährige Wallfahrtsjubiläum des Klarenberges gefeiert. Am 7. September wurden die Häupter der heiligen Märtyrer Honorata und Candidus auf einem von sechs weißen Rossen gezogenen Triumphwagen in die Klosterkirche gebracht. Dort zelebrierte der Weihbischof von Krakau vor 140.000 Pilgern das Pontifikalamt. Der große Brand vom 17. Juli 1690 zerstörte einen Großteil der Wallfahrt. Das Gnadenbild war in das Refektorium des Klosters gerettet worden. Das Heiligtum wurde durch Spenden aus aller Welt in den nächsten fünf Jahren wiederhergestellt.

 

Wie Prior Kordecki, ebenso tapfer war Prior Krasuski, der 1702 Czenstochau gegen die Schweden unter General Güldenstern verteidigte. 1704 mussten sie wieder abziehen, im nächsten Jahr erschienen sie wieder vor der Stadt und steckten sie in Brand. August II. suchte die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, nach Möglichkeit zu heilen.

 

Eine große Festlichkeit war die feierliche Krönung des Gnadenbildes am Fest Mariä Geburt 1717. König August II. hatte eine prachtvolle Goldkrone mit Diamanten, Papst Klemens XI. zwei kostbare Kronen gesandt. Bei der feierlichen Prozession mit dem Gnadenbild nahmen 150.000 Pilger teil. Unter König August III. wurden neue Bastionen in Czenstochau errichtet. Der letzte König Stanislaw Poniatovski hat die Wallfahrt nie betreten. Da der König der Mutter Gottes nicht mehr huldigte, kamen auch trübe Zeiten über das Land: 1772 der Überfall durch die Russen nach hartnäckiger Verteidigung, 1793 die Eroberung durch die Preußen, die aber die heiligen Orte mit Schonung behandelten. Der protestantische König Friedrich Wilhelm II. soll am 28. Oktober längere Zeit im Gebet vor dem Gnadenbild verweilt haben. Nachdem das Herzogtum Warschau, das Napoleon I. errichtet hatte, auf dem Wiener Kongress dem russischen Reich einverleibt wurde, befahl der russische Kaiser Alexander I., der auch zweimal das Kloster besuchte, die Abtragung der Wälle und die Schleifung der Festungswerke.

 

Die Schätze, die die Schatzkammer des Klosters birgt, wurden von der russischen Regierung auf 50 Millionen Rubel geschätzt, aber noch reicher sind die Gnaden, die Maria hier gespendet hat und noch täglich spendet. Eine große Anzahl Erzählungen von wunderbaren Gebetserhörungen ranken sich wie ein lieblicher Blumenkranz um das altehrwürdige, heilige, „schwarze Bild“ von Czenstochau. Im Jahr 1392 verlor der königliche Hofmaler Jakob Wanschyk in Wilna das Augenlicht und wurde durch die Mutter Gottes von Czenstochau wieder sehend. Aus Dankbarkeit gelobte er, ein ähnliches Marienbild zu malen und in der Kirche zu Sokal aufzustellen. Aber trotz aller Mühe konnte er das Bild nicht vollenden, selbst als er in Czenstochau neuerdings sich eine Zeichnung angefertigt hatte. In Demut kehrte er zum dritten Mal zur Wallfahrt und bat Maria vertrauensvoll um ihre Hilfe. Als er nach Hause kam – o wie wunderbar – da stand in seinem Atelier das Bild schon fertig da. – Ein großes Wunder berichtet die Geschichte des Gnadenortes aus dem Jahr 1540, die Auferweckung von drei Toten vor dem Gnadenbild. – Thekla von Borewska, die 17jährige Tochter des königlichen Truchsess in Krakau, wurde, an Händen und Füßen gelähmt, vor dem Gnadenbild am 29. Mai 1806 geheilt, als die Priester eben sangen: monstra te esse matrem (zeige dich als Mutter). In diesem Augenblick erhob die Kranke die ausgerenkte und verdorrte rechte Hand zur Helferin der Christenheit, sie war geheilt.

 

Möge die Mutter Gottes von Czenstochau, die jetzt so viel umtobt war von den Gräueln des Krieges, der Welt einen lang andauernden Frieden bei ihrem göttlichen Sohn erbitten.