Die Steinfels-Kapelle zu Landau an der Isar in Niederbayern

 

In jener traurigen Zeit, als die Schweden, nachdem ihr König Gustav Adolph in der Schlacht bei Lützen (6. Mai 1632) gefallen war, auch das katholische Land Bayern mit Gräuel und Elend erfüllten, geschah es oft, dass die Bürger benachbarter Orte einander zu Hilfe kamen, wenn es je möglich war, den eigenen Herd zu verlassen. So zogen denn auch im Jahr 1645 mehrere Bürger von Landau an der Isar den von den Schweden bedrängten Einwohnern von Straubing zu Hilfe. Unter ihnen befand sich ein Bürger von Landau, Sattlermeister und Feldwebel bei der bayerischen Landfahne, namens Christoph Christi. Die Liebe, mit der er den schwer heimgesuchten Bewohnern der Stadt Straubing zu Hilfe zog, sollte nicht unbelohnt bleiben.

 

Die Schweden machten wiederholte Einfälle in die Donaugegenden, bald von Regensburg herunter, bald vom Bayerischen Wald heraus, und die Stadt Straubing hatte beständig zu kämpfen und zu wehren. Bei einem solchen Einfall der Schweden geriet Christi in große Gefahr, gefangen zu werden. Die Feinde waren ihm schon so nahe, dass an eine Rettung fast nicht mehr zu denken war. In dieser höchsten Not wendete er sich, wie es jeder katholische Bayer in jener Zeit tat, an die Patronin seines Vaterlandes, die heilige Jungfrau Maria, und sein Rufen nach Hilfe wurde erhört. Es war ihm, als sähe er seine Beschützerin, die seligste Jungfrau, wie in einem Schild über seinem Haupt schweben, und in selbem Augenblick ließen die verfolgenden Schweden von ihm ab und gaben ihre Beute auf.

 

Christi vergaß seine Helferin und Retterin niemals. Nachdem er zwei Jahre mit den Bewohnern Straubings die Beschwerden und Leiden des Krieges ertragen hatte, und das Ende jenes schrecklichen Dreißigjährigen Krieges herannahte, kehrte er wieder in sein Haus nach Landau zurück. Dort sah er eines Tages bei einem seiner Mitbürger, dem Siebmacher Wanser, ein Muttergottesbild, das ganz genau dem glich, unter dessen Schutz er in jener drohenden Lebensgefahr gerettet worden war. Er wendete nun alles an, um dieses Bild, an das sich für ihn eine so heilige Erinnerung knüpfte, in seinen Besitz zu bekommen. Es war ein Mariahilf-Bild. Er hatte in seinem Garten, der sich an einer Anhöhe hinaufzog, eine Höhle von Sandstein, und in dieser brachte er das erlangte Muttergottesbild an. Lange pflegte er hier ungesehen, still für sich, seine Andacht zu üben. Allein die übrigen Einwohner der Stadt Landau, die die Ursache wussten, warum Christi eine solche Andacht zu diesem Bild trage, und die sich schon seiner Schicksale wegen näher zu ihm hingezogen fühlten, wollten auch an seiner Verehrung der Gottesmutter teilnehmen. Sie drangen in ihn, dass er eine Säule aufrichtete und daran das Bild befestigte. Die Andachtsübungen einzelner wurden bald allgemein, und mancher, der in einem Anliegen in diesen Garten ging und vor dem Bild der Mutter Gottes sein Herz ausschüttete, fand sich erleichtert, gestärkt und getröstet. Der Garten war nun der Garten Mariä geworden, er gehörte nicht mehr dem Christoph Christi, und vom Jahr 1658 an, wo das Bild der seligsten Jungfrau an der Säule angebracht worden, auch nach dem seligen Tod des frommen Sattlermeisters und mutigen Landwehr-Soldaten, blieb dieser Garten die Stätte der Andacht und Verehrung Mariens.

 

Die Gebete vieler waren an dieser Stätte schon erhört, vielen war in geistlicher oder leiblicher Not durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau geholfen worden, auffallende Wunder geschahen an diesem heiligen Ort. Liebe und Dankbarkeit forderten auf, dem Bild der gütigen Jungfrau eine würdigere Stelle zu bereiten, als die Höhle eines Sandsteinberges. Es verbanden sich daher mehrere frommgesinnte Einwohner Landaus zur Gründung eines Kirchleins für das Gnadenbild. Durch Schenkungen der Landleute wurde die Summe, die sie anboten, noch erhöht, so dass im Jahre 1698 der Grund zur Kapelle gelegt werden konnte. Man beschloss, die Kapelle in die Bergwand hineinzubauen und in jene Höhlung des Sandsteins, in der das Bild bisher sich befunden, den Altar einzuhauen. Die Arbeiter waren eben damit beschäftigt, jene Stelle für den Altar aus dem Sandstein herauszuarbeiten, als einem von ihnen, der mit der Schaufel in den Sandstein eindringen wollte, ein kleines Liebfrauenbild von Stein auf die Schaufel sprang. Nicht bloß die Mitarbeiter, sondern auch mehrere andere Personen, die der Arbeit zusahen, nahmen den wunderbaren Fund in Augenschein, und bald verbreitete sich die Kunde davon durch die ganze Stadt. Alles strömte zu der Stelle, und unwillkürlich fiel die Menge auf die Knie. Jubel, Lob und Dank entquoll allen Herzen, dass Gott der Herr die fromme Gesinnung derer, die zur Ehre der seligsten Jungfrau ein Kirchlein erbauen wollten, auf so herrliche Weise belohnt hatte. Die Freude über diesen heiligen Fund sollte indes bald getrübt werden. Die Arbeiter bestanden nämlich zum Teil aus Landauern, zum Teil aus Bewohnern von Irlbach, einer ungefähr drei Stunden von Landau entfernten Hofmark. Der Finder des Bildnisses war einer dieser letzteren, und darum machten die Arbeiter aus Irlbach Ansprüche darauf: und da sie nicht befriedigt wurden, brachte einer aus ihnen das Bild heimlich an sich, trug es nach Irlbach und übergab es seinem Pfarrherrn.

 

Diese Entwendung und das fernere Schicksal des Bildes wird in folgender Weise nach der mündlichen Überlieferung erzählt, da – außer zwölf Gemälden in der Kapelle, die in Bild und Reim die Entstehungsgeschichte des Kirchleins bis zu seiner Vollendung darstellen – fast gar keine Urkunden vorhanden sind. Indem nämlich durch die schreckliche Feuersbrunst vom Jahr 1743, die Landau bis auf drei Häuser einäscherte, der größte Teil der pfarramtlichen Akten zu Grunde ging.

 

Der Arbeiter, der das Bildnis entführte, übernachtete, so lange er in Landau beschäftigt war, in einem Haus in der Nähe der Isarbrücke. An jenem Tag nun, - es war ein Samstag – da er das Bild bei sich hatte, bemerkten die Hausleute in seiner Kammer durch die Ritzen der Bretterwand und der Tür einen ungewöhnlichen Schein. Am Sonntag in aller Frühe ging der Arbeiter in seine Heimat nach Irlbach, gab das Bild seinem Pfarrherrn, und der setzte es in der Kirche bei. In der Nacht vom Sonntag auf den Montag sahen die Bewohner von Irlbach durch die Fenster ihrer Kirche ein so helles Licht dringen, dass alle, die auf einer Seite wohnten der Meinung waren, auf der anderen Seite müsse es brennen, und dieses Licht sei der Glanz des durchscheinenden Feuers. Als man sich aber überzeugt hatte, dass es nirgends brenne, und das Licht in der Kirche dennoch glänzte, da erkannte man, dass dieser wunderbare Lichtglanz dem Bild Mariens entströme, und man sah zugleich ein, dass man den Landauern Unrecht tun würde, wenn man ihr teures Gnadenbild länger zurückbehielte. Die Einwohner von Landau wurden in Kenntnis gesetzt, und sie zögerten nicht, das Bild augenblicklich in Empfang zu nehmen. In feierlicher Prozession wurde es nach Landau zurückgebracht.

 

Diese beiden Ereignisse, die wunderbare Entdeckung des Bildes und die feierliche Übertragung von Irlbach, erhöhten noch mehr den frommen Eifer und beförderten die Vollendung des Kapellenbaus in Landau (im Jahr 1699 war sie vollendet). Das kleine Bildnis von Stein wurde in eine eigens dafür verfertigte Monstranz gebracht und in eine Nische des Tabernakels gestellt, das gemalte Bild, das Christoph Christi von seinem Nachbarn erhalten hatte, bekam seinen Platz oberhalb des Tabernakels. Die feierliche Einweihung des Kirchleins samt den drei darin angebrachten Altären fand erst am 24. Oktober 1716 statt durch den Fürstbischof von Passau Joseph Dominikus Graf von Lamberg. Außer der jährlichen Kirchweih- und Patrociniumsfeier (auf die Feste Mariä-Opferung und Mariä-Heimsuchung verlegt) wird auch das Fest Mariä-Himmelfahrt in dieser Kapelle feierlich begangen. Seit 1850 ist ein einfaches Beneficium für diese Kirche gestiftet, und so wird denn täglich durch den Beneficiaten, dessen Wohnung sich neben der Kapelle befindet, an dem Altar der seligsten Jungfrau das heilige Messopfer dargebracht.

 

Zur Zeit als die Kapelle erbaut wurde, strömte der Hauptarm der Isar, an dem Landau liegt, in ihrer Nähe vorüber. In der Folge aber nahm dieser reißende Fluss, der öfter sein Flussbett ändert, - gewöhnlich nach Hochwasser – einen mehr geraden Lauf und fließt jetzt in weiter Entfernung von dem Kirchlein vorüber, was der fromme Sinn der Achtung selbst des unvernünftigen Elementes gegen die der heiligen Mutter Gottes geweihte Stätte zuschrieb, wie das letzte der oben angeführten zwölf Gemälde andeutet.

 

(Aus: „Marianischer Festkalender“, Regensburg 1866)

 

 

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