St. Anna in Kanada

 

Die berühmtesten Wallfahrtsorte in der „Neuen Welt“ befinden sich nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Mexiko und in Französisch-Kanada. Der eine ist der Unserer Lieben Frau von Guadalupe in der Stadt Mexiko, wohin bereits 1532 Wallfahrten kamen. Der andere ist St. Anna de Beaupré in der Nähe von Quebec in Kanada, nicht weit jenseits der Nordgrenze von USA. Dieser Wallfahrtsort ist das amerikanische Lourdes, der beliebteste Wallfahrtsort der Neuen Welt. Millionen Amerikaner haben diesen heiligen Flecken an den Ufern des St. Lorenz-Stromes aufgesucht. Mehrere Hunderttausend überschreiten alljährlich die Grenze, um sich dieses Heiligtum anzusehen und dort zu beten, und ohne Zweifel sind auch viele von denen, die nur hingingen, um es zu sehen, dann doch dort verweilt, um zu beten. Mindestens 80 Prozent der Pilger kommen jetzt im Auto an.

 

Father LeBlanc, der Leiter der Pilgerzüge, ist der Auffassung, dass die schöne neue Straße, die entlang dem St. Lorenz-Strom angelegt worden ist, noch viel mehr Besucher zu diesem Heiligtum bringen wird.

 

St. Anna de Beaupré ist ein Landstädtchen. Es besitzt viele mittelgroße Hotels und Andenkenläden, aus deren Mitte sich die majestätische Basilika emporhebt. Die Basilika ist ein mächtiger Granitbau, 100 m lang, 60 m breit, eindrucksvoll überragt von zwei Türmen, die sich 90 m in die Luft erheben. Hinter der Basilika liegt das große Klostergebäude, ebenfalls aus Granit. Auf der anderen Seite der Straße befinden sich an den Abhängen der Hügel eine Nachahmung des alten Heiligtums, lebensgroße Kreuzwegstationen, die Kapelle der heiligen Treppe und ganz oben auf dem Kamm der Hügel zwei Nonnenklöster.

 

Was tun die Pilger, wenn sie ihre Wagen auf einem der vielen Parkplätze abgestellt haben? In der Regel bleiben sie zunächst stehen und bewundern die herrliche Basilika. Treten sie dann in die Kirche ein, machen sie wiederum vor Staunen und Bewunderung halt, wenn sie den Hochaltar erblicken und, hoch über sich, von einer Allee von Säulen getragen, die strahlenden Deckenmosaiks.

 

Sie schreiten dann durch die weite, lichtdurchflutete Kirche vorwärts und kommen zum Gnadenbild der heiligen Anna, eine mit einem Diadem versehene Figur aus Eiche, die hoch über dem Marmorboden auf einem Monolithschaft von italienischem Onyx steht.

 

Dies ist der Magnet, der jedes Jahr eine halbe Million Besucher (1948) anzieht. Am Sockel dieser Statue, wo viele dankbare Pilger ihre Krücken hinterlassen haben, knien die frommen Besucher nieder. Die Inschrift am Sockel lautet: „Mutter unseres Landes, Heilige Anna, sei Du Säule der Kirche, Hüterin unseres Glaubens, Bewahrerin unserer Sitte; gewähre uns Frieden durch Deine Vermittlung.“

 

Nach diesem ersten Gebet schreitet der Pilger zum Altar der heiligen Anna. Auf beiden Seiten des Altars befindet sich auch hier eine gewaltige Ansammlung von Krücken und Prothesen mit schriftlichen Zeugnissen der früheren Besitzer, die der heiligen Anna für ihre Hilfe und Vermittlung Dank sagen.

 

Viele Pfarrvereine und Bruderschaften auf dem ganzen amerikanischen Kontinent schreiben an Father LeBlanc und bitten ihn, einen Tag für ihre Prozession und eine Stunde für die hl. Messe und hl. Kommunion zu reservieren. Über hundert solche Pilgerzüge kommen im Jahr. In der Regel verlässt ein solcher Pilgerzug den Ort noch am Tag der Ankunft wieder. Gewöhnlich ist die Wallfahrt von den eigenen Priestern begleitet, die auch die religiöse Leitung haben.

 

Die eindrucksvollste Feier ist die Lichterprozession um den Hügel. Diese Prozessionen werden besonders während der Novene des Festes der heiligen Anna gehalten. Während des ganzen Sommers finden ungefähr 25 solche Prozessionen statt. Jede macht den Eindruck, als ob sie irgendwie spontan aus der Frömmigkeit der Leute entstanden sei. An einem Sommerabend sieht man plötzlich Leute von der Basilika zu den Läden eilen. Bald tauchen sie mit angezündeten Kerzen wieder auf und versammeln sich im Hof des Heiligtums. Zwei Stunden lang windet sich nun ein Strom von Menschen, immer vier in einer Reihe, mit Kerzen in der Hand über die terrassenförmigen Hügel.

 

Gibt es wirklich Wunderheilungen in St. Anna de Beaupré? Father LeBlanc antwortet: „Jawohl, ohne Zweifel! Wir kehren zwar die Wunderheilungen nicht besonders heraus und veranlassen die Leute nicht, sie zu erwarten. Wir ziehen es vor, die religiösen Werte der Andacht und des Glaubens zu betonen. Aber trotzdem“, fährt er fort, „haben wir unbezweifelbare Beweise für Heilungen, die als Wunder betrachtet werden müssen. Sehr viele der Heilungen, die uns berichtet wurden, sind zwar wahrscheinlich auf Selbstsuggestion zurückzuführen, die durch die Hoffnung und die Erregung bei dieser Pilgerfahrt hervorgerufen wurde. Diese Heilungen sind natürlich, auch wenn sie nicht im wahren Sinn des Wortes Wunderheilungen darstellen, an sich eine sehr glückliche Belohnung für die Verehrung der heiligen Anna. Aber jedes Jahr gibt es mindestens zwei Fälle, die keinen anderen Schluss zulassen, als dass es sich um wirkliche Wunder handelt.“

 

Father LeBlanc weist darauf hin, dass Beaupré kein besonderes medizinisches Büro zum Nachprüfen der Wunder wie Lourdes besitzt. „Wir lassen uns lediglich das Zeugnis des Patienten und seines Hausarztes geben“, erklärt er.

 

Ein Freund von mir, Doktor der Philosophie Leonard Wolf, Leiter der Biologischen Abteilung der Universität Scranton, hatte das Glück, am St. Anna-Fest 1926 in Beaupré Zeuge einer Wunderheilung zu sein. Am Morgen dieses Tages hielt Kardinal Villeneuve, der Erzbischof von Quebec, einen Feldgottesdienst vor 30.000 Menschen aus allen Teilen des amerikanischen Festlandes. In der Menschenmenge befand sich ein Indianer aus dem hohen Norden Französisch-Kanadas, der von Gelenkrheumatismus so zusammengekrümmt war, dass er auf allen Vieren kriechen musste. Nach der Nachmittagsvesper kroch dieser Indianer in die Krypta und bahnte sich durch die drängende Menge seinen Weg bis vor zum Reliquienaltar. Dort küsste er ehrerbietig das Behältnis, in dem die Reliquien ausgestellt sind.

 

Plötzlich schrie jemand auf. Der Indianer hatte sich aufgerichtet und konnte gehen! In diesem Augenblick ergriff ein Taumel der Freude und Neugierde die betenden Pilger. Sie warfen die Stühle um, sprangen auf die Bänke, und tausend wilde und begeisterte Schreie ertönten: „Ein Wunder, ein Wunder!“ In der Tat, der Indianer war kein Krüppel mehr, sondern ging vor dem Altar, zaghaft zwar, aber aufrecht. Später erklärte er meinem Freund, er habe in dem Augenblick, da er die Reliquien küsste, gespürt, wie die heilende Veränderung durch seine Adern strömte.

 

Das Heiligtum verdankt seine Entstehung einem Ereignis, das als Wunder angesehen wird. Im Jahr 1650 befanden sich einige bretonische Seeleute auf dem St. Lorenz-Strom und gerieten in einen solchen Sturm, dass sie um ihr Leben bangten. Die Matrosen waren in der Nähe des großen Heiligtums der heiligen Anna in Auray in ihrer französischen Heimat aufgewachsen und hatten schon von Jugend auf eine fromme Verehrung für die heilige Mutter Marias. In ihrer Seenot flehten sie zur heiligen Anna um Hilfe und gelobten an der Stelle, wo sie sicher landen würden, eine Kapelle zu errichten. Zwei Tage später landeten sie glücklich in Beaupré und errichteten einige Jahre später eine Holzkapelle an der Stelle, wo heute die Basilika steht.

 

Father Thomas Morel, Missionspriester von Beaupré zwischen 1661 und 1678, schrieb einen Bericht über die wunderbaren Heilungen dort. Im Jahr 1662 wurden ein Epileptiker und eine Frau mit verkrüppelten Rückgrat nach einer Novene zu Ehren der heiligen Anna geheilt. Im Jahr 1647 wurde das gelähmte Bein eines Soldaten am fünften Tag einer Novene wieder heil.

 

Am 25. Juni 1680 schrieb Monsignore de Laval, der erste Bischof von Quebec, über Father Morels Bericht: „All dies ist wahr. Wir haben die Tatsachen so sorgfältig untersucht und nachgeprüft, dass sie der ganzen Welt mitgeteilt werden können.“

 

Inzwischen wurde die zweite Kapelle zweimal erweitert. Im Jahr 1876 wurde eine neue Basilika errichtet, die im Jahr 1922 niederbrannte. Ein Notheiligtum, das 1926 errichtet worden war, brannte ebenfalls ab. Die jetzige Basilika wurde im Jahr 1927 begonnen. Die ursprünglich kleine Zahl von Pilgern ist inzwischen zu einem mächtigen jährlichen Strom von einer halben Million (1948) angeschwollen, den weder Krieg noch Feuer noch Hochwasser aufhalten können.

 

von Austin J. App

Zusammenfassung aus „Magnificat“ 1947

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