Wallfahrt zum "Santo Bambino"

 

Das wundertätige Jesuskind von Aracoeli in Rom

gen. „Santo Bambino“

 

Die Kirche „Ara coeli – Altar des Himmels“ steht auf der Höhe des Kapitols, genau an der Stelle, wo einst, zur Zeit des heidnischen Roms, der Tempel des Jupiter mit seinem goldenen Dach in den sengenden Strahlen der Sonne weithin über Stadt und Land gleichwie ein Juwel unter wertvollen Steinen strahlte. Ihren Namen erhielt sie durch folgende Begebenheit:

 

Als der Senat im Sinn hatte, dem Kaiser Augustus den Titel „divus – Göttlicher“ beizulegen, hatte jener im Traum eine Erscheinung, die ihm am Himmel über dem Jupitertempel eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Schoß zeigte; zugleich erhielt er die Andeutung, dass nur diesem Kind, das eben jetzt in fernem Land von einer Jungfrau geboren werde, mit Recht der Name divus beigelegt werden könne. Sobald der Kaiser erwachte, gab er den Befehl, zu Ehren dieses Kindes auf dem Kapitol einen Altar zu erbauen; auch lehnte er den ihm zugedachten abgöttischen Titel in heiliger Scheu ab und war damit zufrieden, wie bisher, nur „Augustus – der Erhabene“ genannt zu werden.

 

Das wundertätige Bild, das in der Kirche „Ara coeli“ aufbewahrt wird, ist aus Olivenholz geschnitzt und hat eine Höhe von 72 cm. Ein Laienbruder aus dem Franziskanerorden soll es im 16. Jahrhundert in Jerusalem mit göttlicher Hilfe angefertigt haben. Als der Bruder nämlich die Schnitzarbeit fertig hatte, merkte er zu seinem Bedauern, dass ihm die geeigneten Farben zur Bemalung fehlten. In dieser Verlegenheit wandte er sich in eifrigem Gebet an Gott und bat ihn unter Tränen um seine Mitwirkung. Als er nun nach langem, innigem Gebet zu seiner Statue zurückkehrte, fand er sie, mit den herrlichsten Farben geschmückt, in wundervoller Schönheit und Erhabenheit wieder. So hatte Gott der Herr auf wunderbare Weise das inständige Flehen seines Dieners erhört. Jedoch nicht lange sollte das Bild im Heiligen Land bleiben. Kraft des Gehorsams wurde nämlich der Ordensbruder bald darauf nach Rom berufen. Von seinem Jesuskind, das in kurzer Zeit weit und breit schon viele Verehrer angezogen hatte, konnte er sich jedoch nicht trennen; er verpackte es also in ein Kistchen und nahm es als ein kostbares Heiligtum mit sich. Bei der Überfahrt nach Italien entstand indes ein so heftiger Sturm, dass das Schlimmste zu befürchten war. In diesem Augenblick befahl der Kapitän, alle Kisten und Kasten ins Meer zu werfen. Zum größten Leidwesen des Bruders wurde auch sein Kistchen schonungslos von den rauen Schiffsleuten über Bord in die hoch aufschäumenden Wogen geworfen. Nur mit Not konnte das Schiff endlich nach langen Irrfahrten im Hafen von Livorno landen. Groß war der Schmerz des Bruders, als er ohne die Statue das Schiff verlassen musste, umso größer aber auch seine Freude, als er sie bald darauf am Meeresstrand wieder fand; die Wellen hatten das Kistchen samt seinem Inhalt an die Küste getrieben. Unterdessen wurde die Statue von den Ordensbrüdern in Rom schon mit heiliger Sehnsucht erwartet; denn die wunderbaren Begebenheiten zu Jerusalem und Livorno waren ihr bereits vorangeeilt. Mit großer Freude nahmen sie darum die wunderbare Statue auf und stellten sie in ihrer Kirche Aracoeli zur Verehrung der Gläubigen auf.

 

Eine lange Reihe von glaubwürdigen Zeugen geben Kunde von auffallenden Heilungen, die Gott auf vertrauensvolles Gebet durch das Bild gewirkt hat. Noch heute wird es in Rom zu Schwerkranken getragen und mit ihm wird denselben ein eigener Segen gespendet. In einem Pilgerführer heißt es: „Wenn man durch die Straßen von Rom geht, begegnet man oft einer vornehmen Equipage, aus deren Fenster eine Stola heraushängt und bei deren Vorbeifahren die Leute sich ehrfurchtsvoll auf die Knie werfen. Es ist das Christkindlein von Aracoeli , welches zu einem Schwerkranken fährt, um ihn zu segnen und zu trösten, und bevor es zurückkehrt, wartet oft schon ein anderer Wagen an der Treppe der Kirche, um es anderswo hinzuführen. Dieses Vertrauen der Kranken ist oft durch wunderbare Genesung belohnt worden. Um auch Armen diesen Trost zu verschaffen, leihen vornehme Herren geistlichen und weltlichen Standes gern ihre Wagen.“ Ja, nicht selten sollen die Leute auf den Straßen und Gassen beim Anblick des Wagens begeistert ausrufen: „Eviva il Santo Bambino – Es lebe das heilige Kindlein.“ Auch der Reichtum an Perlen, Brillanten und Edelsteinen aller Art, womit Krone und Gewand des Kindes geziert sind, beweisen die allgemeine Verehrung, die ihm jederzeit gezollt wurde. Papst Clemens XIV. ließ die Kapelle, in der das wundertätige Bild aufbewahrt wird, aufs Herrlichste schmücken; Papst Pius IX. besuchte das Bild 1870 noch wenige Tage vor seiner Gefangenschaft im Vatikan, verehrte es und gab mit ihm nach allen Weltgegenden den Segen; Leo XIII. knüpfte am 18. Januar 1894 an ein Gebet zu Ehren des Jesuskindes einen besonderen Ablass, am 2. Februar 1896 erkundigte er sich angelegentlich nach seiner Verehrung.

 

Die allgemeine Verehrung zeigt sich aber wohl am deutlichsten in der Weihnachtszeit, d.h. vom 25. Dezember bis zum 6. Januar; in diesen Tagen dient das Bild nämlich zu einer Krippendarstellung, welche der Grotte von Bethlehem nachgebildet ist. Beim Glanz von tausend Kerzen sieht man in der Mitte derselben das Bild des neugeborenen Kindes; in feierlicher Prozession wird es von den Franziskanern dorthin gebracht. Die geräumige Kirche ist zu dieser Zeit fast immer gedrängt voll, will doch das ganze gläubige Rom dem Santo Bambino einen Besuch abstatten. Das Ansprechendste sind alsdann wohl die Kinderpredigten, welche während der Weihnachtsoktav in dieser Kirche gehalten werden. Diese Kinderpredigten sind nicht Anderes als Deklamationen hübscher Weihnachtsgedichte. Zum Deklamieren haben aber die Italiener ein angeborenes Talent, das in den Schulen fleißig gepflegt wird. Ohne Verlegenheit betreten die kleinen Jungen oder Mädchen, im Alter von 4-10 Jahren, von ihren Eltern geführt, die Tribüne, eine Art Kanzel, die für die jungen Redner gegenüber der Krippe mit dem Santo Bambino aufgestellt ist. Die dunklen, gewaltigen Marmorsäulen der Basilika, welche vielfach alten Tempeln und Palästen entnommen sind, erregen in den Kindern ebenso wenig Bange wie die dicht gedrängte Menschenmenge, die sich um die Rednerbühne schart. Über ihre Köpfe hinweg blicken die Kinder zu dem hell erleuchteten Jesulein drüben, richten ihre Worte der Anbetung an dasselbe, deuten mit ansprechenden Gebärden auf das Kind und seine Umgebung, erzählen deren Bedeutung, preisen des milden Kindleins Güte, bewundern seine Armut, die es mit der göttlichen Majestät vereinte, und knien endlich mit hoch erhobenen Armen anbetend nieder, die Umstehenden auffordernd, ein Gleiches zu tun. Selten jedoch folgen diese der Einladung des kleinen Predigers. Es mag immerhin wahr sein, dass mehr Neugierde als Andacht die Zuhörer anlockt; es mag wahr sein, dass enttäuscht wird, wer Erbauung oder poetische Erhebung dadurch erwartet; aber es lässt sich gleichwohl nicht leugnen, dass es sich hier um eine im Volkscharakter tief wurzelnde Sitte handelt, um eine Sitte, die durch sechshundertjährige Übung ihr Heimatrecht in der Kirche erlangt hat. Überdies bleibt es wahr, dass auch gar manche Zuhörer tief ergriffen und zur Liebe des göttlichen Kindes angeeifert werden; es kommt eben alles auf die Absicht an, mit der man etwas unternimmt: „Der Geist ist es, der lebendig macht.“ Am Nachmittag des Neujahrsfestes wird von der Plattform herab vor der Kirche mit dem Bild des Jesuskindes der Segen gegeben. Zu dieser Feierlichkeit wird gewöhnlich ein Kardinal oder Bischof eingeladen, sonst vollzieht sie der General der Franziskaner. Am Dreikönigsfest wird dann das Bild in Prozession von den Ordensleuten abgeholt und in seine Kapelle al santo Bambino feierlich zurückgetragen.