Das Heilige Jahr von Santiago de Compostela

 

Moderne Lourdes-Pilger, die in komfortablen Reisebussen in ein oder zwei Tagen über Orléans, Tours, Poitiers, St. Jean d`Angly und Bordeaux an den Fuß der Pyrenäen gebracht werden, machen sich wohl kaum Gedanken darüber, dass sie einem Pilgerweg folgen, der schon Jahrhunderte alt ist. Über dieselben Straßen zogen in früheren Zeiten die Pilger des Mittelalters nach dem Lourdes ihrer Zeit: Santiago de Compostela. Die großen Pilgerkirchen an dieser Straße erinnern noch daran. Hier kamen die Pilger auf ihrer langen Pilgerfahrt nach Spanien nicht nur zum Beten zusammen, sondern diese Kirchen dienten auch dazu, den zahlreichen Pilgern für die Nacht ein Unterkommen zu gewähren. Aus Dankbarkeit für die gute Versorgung, die sie unterwegs empfangen hatten, ließen sie auf dem Rückweg einige der charakteristischen Compostela-Andenken zurück: Muscheln vom Strand von Galizien. So findet man an manchen Orten an diesem Weg noch die typischen Muschel-Verzierungen, die in Spanien so vielfältig vorkommen.

 

Fürsten, Herzöge und Grafen, aber auch Minderbemittelte aus den sich entwickelnden Städten sind einst als Büßer diesen Weg gegangen, um am Grab von St. Jakobus Vergebung ihrer Sünden oder eine andere Gunst zu erlangen. Im 11. Jahrhundert zog selbst der Erzbischof von Mailand als Büßer nach Compostela, weil er sich nicht an die Richtlinien Roms gehalten und deshalb vom päpstlichen Legaten eine Zurechtweisung empfangen hatte. Einige Jahrhunderte später begab sich die hl. Birgitta von Schweden, bevor sie ihren Orden stiftete, mit ihrem Mann, dem Edlen Ulf Gudmarssen, nach Compostela, um am Grab des hl. Jakobus zu beten.

 

Vor allem durch die Verbesserung der Straßenverhältnisse und die Entwicklung des französischen Ritterwesens wurde Compostela als Wallfahrtsort immer bekannter. Als das religiöse Empfinden der französischen Ritter immer feuriger wird, sind sie vor allem für die Äußerlichkeiten des religiösen Lebens empfänglich. Zum Teil durch religiöse Motive angeregt, aber auch von der Aussicht auf Abenteuer getrieben, ziehen sie über die Grenzen Frankreichs, um Rom, die hl. Orte in Jerusalem, vor allem aber um Compostela zu besuchen. Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen, erhielten sie hier mehr als genug, denn Santiago de Compostela, in der Nordwestecke Spaniens gelegen, war stets in Gefahr, in die Hände der Mauren zu fallen, die fast ganz Spanien in ihrer Macht hatten. In der Vergangenheit hatten die Bewohner von Compostela deren Macht schon zu spüren bekommen, als sie im Jahr 997 als Kriegsgefangene der Mohrenfürsten Ahnansor d. Gr. die Glocken ihres Heiligtums auf den Schultern nach Cordoba tragen mussten, wo sie als Leuchter in der Moschee verwendet wurden.

 

San Yago erhörte das Gebet derjenigen, die so treu sein Grab in Compostela besuchten. Galizien blieb den Christen erhalten. Die Ritter drängten die Mauren immer weiter zurück, und nach dem Fall von Cordoba im Jahr 1236 kehrten die Glocken, diesmal von maurischen Kriegsgefangenen getragen, wieder in das spanische Nationalheiligtum zurück.

 

Inzwischen war Compostela als Wallfahrtsort weit und breit bekannt geworden. Die meisten französischen, englischen und skandinavischen Kreuzfahrer besuchten es auf ihrer Fahrt ins Hl. Land oder auf dem Rückweg.

 

Durch Verleihung einer Anzahl Privilegien ermutigten die Päpste die Christen zum Besuch. Das wichtigste dieser Vorrechte ist ohne Zweifel das des Papstes Callixtus II., das später, im Jahr 1179, durch Alexander III. für immer verliehen wurde. Dieses Privileg schenkt Compostela das Recht, in jedem Jahr, in dem das Fest des hl. Jakobus auf einen Sonntag fällt, ein Heiliges Jahr auszurufen, das mit denselben Vorrechten ausgestattet ist wie das Heilige Jahr in Rom.

 

Die Kathedrale von Compostela ist der Reliquienschrein für die sterblichen Überreste des hl. Jakobus, die in einer Krypta unter dem Hauptaltar aufbewahrt werden. Durch einen engen, gewundenen Gang kann man in diese Krypta hinabsteigen. Unter einem romanischen Bogen, der von zwei granitenen Säulen getragen wird, befindet sich der kleine Altar mit den Gebeinen.

 

Einer Legende zufolge hat der Bischof von Iria, Flovia, einst, geführt von einem wunderbaren Stern, unter einer Eiche die Stelle entdeckt, wo der hl. Jakobus begraben lag; daher der Name Compostela (das Feld der Sterne).

 

Ebenso wie die römischen Jubiläums-Basiliken hat auch die Kathedrale von Compostela eine hl. Tür, die mit drei Hammerschlägen, unter dreimaliger Anrufung des Heiligen nur durch den Erzbischof geöffnet und geschlossen werden darf. Die hl. Tür liegt an der Rückseite der Kathedrale unter einer Doppelreihe von Zimmern, welche die Apsis umranden. Im Gegensatz zu der prunkvollen, mit vielen Ornamenten verzierten Vorderfront ist die Rückseite der Kathedrale streng und einfach gehalten.

 

In den Jahren, die zwischen den Jubiläen liegen, ist die hl. Tür mit einem Eisengitter abgeschlossen. Zu beiden Seiten sind in zwei Reihen Reliefs von Propheten und Aposteln angebracht. Über der Tür befinden sich drei Nischen. In der mittleren Nische steht eine Figur des hl. Jakobus, die sich nach vorne beugt, als ob sie die Pilger zum Eintreten einladen wolle. In den beiden Seitennischen stehen die Heiligen Theodor und Athanasius.

 

Auch im vorigen Jahr fiel der 25. Juli, der Festtag des hl. Jakobus, auf einen Sonntag, und damit war dieses Jahr für Compostela ein Heiliges Jahr.

 

Am Silvesterabend 1953 hat der Erzbischof, Kardinal Fernando Quirogay Palacios, umringt von sieben Kanonikern, die das seltene Vorrecht besitzen, das rote Kardinalskleid und die Mitra zu tragen, die heilige Tür geöffnet. Auch dieses Mal wurde die Zeremonie mit großer Feierlichkeit begangen, aber von der großen Pracht der Vergangenheit, die den Vergleich mit den Festlichkeiten der römischen Kathedralen aushielt, ging doch etwas verloren.

 

Die Basilika selbst trug ihren reichsten Schmuck. Die kostbaren Gobelins, die nach Entwürfen von Goya angefertigt wurden und sonst im Kapitelsaal hängen, zierten den Klosterhof neben der Kirche. Vom Gewölbe des Querschiffes der Kathedrale hing die Butafumeiro herab, ein riesiges einen Meter hohes Weihrauchfass, von dem sich die schweren Weihauchwolken durch die Schiffe der Kirche verbreiten.

 

Jeder Pilger, der im Heiligen Jahr Compostela besucht, geht dreimal durch die heilige Tür, um Vergebung seiner Sünden zu erlangen, und kniet betend zu Füßen des kleinen Altares in der Krypta nieder, wo die Gebeine des hl. Jakobus ruhen. Die Pilger besuchen auch den Kreuzgang der Gloria, an dem der Künstler Maestro Mattea 25 Jahre arbeitete. Zwischen den unzähligen Säulen dieses Ganges, die alle einfache romantische Formen zeigen, steht eine Säule, die in wunderlich bizarren Formen den Stammbaum der hl. Maria trägt. Jeder Pilger betet vor dieser Säule fünf Vaterunser und streicht dann, nach einem alten Brauch, mit der Hand über sie, so wie jeder Pilger in Rom den Fuß des bronzenen Petrus-Standbildes küsst.

 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als der englische Seeräuber Francis Drake in Spanien einfiel, verbarg der Erzbischof von Compostela die Reliquien des hl. Jakobus. Unerklärlicherweise blieben sie danach einige Jahrhunderte unauffindbar. Erst 1887 wurden die sterblichen Überreste des Apostels wiedergefunden. Papst Leo XIII. erkannte nach einer genauen Untersuchung die Echtheit der Reliquien an, und seitdem erhielt Compostela, das stets ein nationaler Wallfahrtsort geblieben war, wieder mehr und mehr internationale Bedeutung.

 

Im Heiligen Jahr 1948 wurde Compostela von 700.000 Pilgern besucht. Der Höhepunkt war die internationale Wallfahrt der katholischen Jugend. Der Papst sandte aus diesem Anlass einen päpstlichen Legaten und sprach selbst über das Radio zu den jugendlichen Teilnehmern.

 

Vor allem unter den Nachkommen alter galizischer Familien in Süd-, Mittel- und Nordamerika lebt das Interesse an Compostela unvermindert weiter. Für sie unterhielt eine amerikanische Luftfahrtgesellschaft einen eigenen Flugdienst nach Nordspanien. Die englische Wallfahrt nach Compostela stand unter der persönlichen Leitung von Kardinal Griffin. Wie 1948 wurde auch im Jahr 1954 wieder eine große internationale Jugendwallfahrt veranstaltet. Alle möglichen Maßnahmen wurden getroffen, um den religiösen Charakter dieser Fahrt nicht zu gefährden. Das Besondere lag darin, dass die Jugendlichen wie echte mittelalterliche Pilger zum Grab des hl. Jakobus zogen. Die Hafenstadt Vogi war der Sammelpunkt. Dort erhielt jeder Pilger den traditionellen Pilgerstab und die Kalabasse. Von hier aus zogen sie dann, entlang den prächtigen Buchten der galizischen Küste, nach Compostela. 150 km legten sie dabei zu Fuß zurück. Die spanische Jugend sorgte für Übernachtungslager in Abständen von ungefähr 20 km.

 

Neue Zeiten brechen für Compostela an. Wenn die Pilgerzahl in Zukunft weiterhin ansteigt wie in den vergangenen Jahren, wird Compostela wieder das werden, was es im Mittelalter war, und wird wieder in einem Atemzug genannt werden mit Rom, dem Mittelpunkt der Christenheit.

Aus „Het Rijk“, Bergen op Zoom,

abgedruckt in „Katholiek Vizier“,

Amsterdam 1955